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D I ETER HENRICH (HE IDELBERG)

HEGELS LOGIK DER REFLEXION


NEUE FASSUNG

Inhalt
I. Thema und Methode der Logik 204
1. Der Grundsatz von Hegels System . 204
a) Die Substanz ist Subjekt . . . 206
b) Das Subjekt ist Substanz . . . 212
2. Methode und Darstellung der Logik 219
II. Argumentanalytischer Kommentar zur Logik der Reflexion . 229
1. Umwege zum Wesensbegriff . . . . . 229
a) Das Wesen als Nachfolger des Seins . 230
b) Das Wesentliche . . . .
. . . . 235
c) Der paradoxe Gedanke ,Schein' . . . 237
2. Die Identifikation von Schein und Wesen . 242
a) Bedeutungsverschiebung zum Wesen . 242
b) Die Bestimmtheit des Scheins im Wesen . 252
c) Negationstheoretische Zwischenbetrachtung 261
3. Setzen und Voraussetzen . 273
a) Die Reflexion als Setzen . .
. 273
b) Die Reflexion als Voraussetzen . 277
c) Die Verdoppelung der Reflexion . 281
4. Äußere und bestimmende Reflexion . 289
a) Die Reflexion selbst als Anderes . 289
b) Die Reflexion als äußerliche 296
c) Die Reflexion als bestimmte 300
5. Resultate und Konsequenzen . 304
III. Methode und Aufbau der Logik . 309
204 DIETER HENRICH

I. THEMA UND METHODE DER LOGIK

1. Der Grundsatz von Hegels System

uDie Substanz ist zugleich als Subjekt zu denken". Dieser Grundsatz


Hegels faßt sein philosophisches Programm vollständig und profiliert
es gegen seine wichtigsten Alternativen. In verschiedenen Formulierungen
und wechselnden Interpretationen, die aber alle dieselbe Intention und
Grundbedeutung haben 1, hat Hegel diesen Satz als die am meisten kom­
primierte abstrakte Auslegung anderer Formeln gebraucht, die auf ein­
gängigere Weise das Eigentümliche seines Systems benennen, - so etwa
der Formel, die sagt, daß das Absolute als Geist zu denken sei.
1 Vgl. Phän 22. 528. 560. u. v. a. Enz § 164. Log II 216. Rph 16. Log I. 396. XVII. 139,
u. v. a
Zur Zitierweise der folgenden Untersuchungen sei im voraus dies bemerkt : Die
Werke Hegels werden in den Einzelausgaben des Meiner-Verlages mit Seitenzahlen,
die Enzyklopädie nach Paragraphen zitiert und dabei jeweils mit leicht erkennbaren
Gruppen von drei Buchstaben bezeichnet. Enz heißt somit Enzyklopädie, Rph Rechts­
philosophie, Nbg Nürnberger Schriften usw. Wenn keine vollständige Ausgabe des
Meinerverlags vorliegt, wird nach der Jubiläumsausgabe Glockners mit römischer
Bandzahl zitiert, außer in den seltenen Fällen, in denen auf die neue große Hegel­
ausgabe der Gesammelten Werke verwiesen werden kann. Sie wird als GW mit
arabischer Bandzahl zitiert.
Der im Hauptteil interpretierte Text wird aber nach einem anderen Prinzip zitiert,
damit es möglich ist, die Belege in allen Hegelausgaben leicht aufzufinden.
Der Kommentar deckt das gesamte erste Kapitel des ersten Abschnitts im zweiten
Buch der WissensChaft der Logik. Dies Kapitel hat den Titel Der SChein und drei
Unterabschnitte : A Das Wesentliche und das Unwesentliche, B Der Schein und C
Die Reflexion; der Unterabschnitt C ist noch einmal in drei Abschnitte aufgeteilt.
Innerhalb des Unterabschnitts B und innerhalb des letzten der drei Abschnitte des
Unterabschnitts C hat Hege! weitere Unterteilungen mit arabischen Ziffern vor­
genommen.
Beim Zitieren wird nun jeweils von dem großen römischen Buchstaben ausge­
gangen. Darauf wird mit jeweils einer Zahl die nächstfolgende Untergliederung iden­
tifiziert, die Hegel selbst vorgenommen hat, darauf die nächstfolgende - je nach
der besonderen Situation in den Abschnitten, die ja von Hegel verschieden weit­
gehend durchgegliedert sind. Sind diese Gliederungen erschöpft, folgt eine weitere
Zahl. Sie gibt an, der wievielte Textabsatz seit der letzten Abschnittsbezeichnung zi­
tiert wird. Folgt eine weitere Zahl, so gibt sie die Zeilen des Zitats in der Logik­
Ausgabe des Meinerverlags an. B 2, 3, 1 heißt zum Beispiel, daß im Unterabschnitt B
hinter Hegels arabischer 2 der dritte Absatz und von ihm die erste Zeile zitiert wird.
C III, 1, 2, 1 würde heißen, d alaus C. Die Reflexion, 3. Bestimmende Reflexion
hinter Hegels arabischer 1 der &weite Absatz und aus ihm die erste Zeile zitiert
wird. Um die Obersicht zu erleichtern, wurden in C die arabischen Ziffern der drei
weiteren Abschnitte : Die s etzende Reflexion, Die äußere Reflexion und Bestimmende
Reflexion durch römische Ziffern ersetzt. Andernfalls hätten vier arabische Ziffern
hintereinander gesetzt werden müssen.
Hegels Logik der Reflexion 205

Der Satz, der die Einheit von Substanz und Subjekt behauptet, klingt
nicht paradox. Bis zu einem gewissen Grade ist, was er behaupten will,
aufgrund von einigem philosophiegeschichtlichen Wissen und ohne nä­
here Kenntnis von Begründungen zu verstehen, die für Hegels System
charakteristisch sind. In solcher Lesart sagt er dann einfach etwa das­
selbe, was auf andere Weise auch damit gesagt wird, daß ,Geist' der für
eine Definition des letzten Prinzips alles Wirklichen angemessene Ge­
danke ist: Die Substanz muß deshalb als Subjekt gedacht werden, weil
das allem zugrundeliegende Eine eine Tätigkeit ist, die wesentlich Erken­
nen und vor allem Erkennen von sich ist. Dies Eine ist nicht nur erkenn­
bar und Grund von Erkenntnis, sondern jenes Eine Wirkliche, das durch
sein erkennendes Selbstverhältnis konstituiert ist. In diesem Sinne ist es
Subjekt - aber nicht nur Subjekt, sondern die Wirklichkeit insgesamt
als Subjekt und insofern auch Substanz.
In dieser Interpretation hat aber sowohl ,Substanz', die als ,letztes
Wirkliches' gefaßt ist, als auch ,Subjekt', das ,Wissen von sich' bedeu­
tet, einen gegenüber den Definitionen dieser Begriffe, die Hegel mit
Hilfe der von ihm selbst entwickelten Begriffssprache geben kann, stark
reduzierten Sinn. Sie verständigt über ,Substanz' und ,Subjekt' nur ver­
mittels der Bedeutungen dieser Termini, welche dem philosophisch Ge­
bildeten ohnedies bekannt sind, und läßt Hegels Geistlehre und die
These von der Einheit von Substanz und Subjekt nur vage und unartikuliert
aus diesen Bedeutungen hervorgehen. Auf die formalen Prinzipien, die
Hegels System eine Struktur geben, läßt sie sich nicht ein. Und sie muß
sogar wichtige Bedeutungszüge unberücksichtigt lassen, die den Begrif­
fen ,Substanz' und ,Subjekt' schon in einigen Traditionen zukamen, an
denen Hegel sich orientiert hat.
Will man Hegels Grundsatz in dem Sinne verstehen, in dem er kon­
zipiert wurde, so muß man ihn spezifischer und entwickelter auffassen;
und man muß eine Kontinuität zwischen den metaphysischen und den
erkenntnistheoretischen Implikationen, die er offenkundig enthält, und
den formalontologischen Begriffen herstellen, die in Hegels Wissen­
schaft der Logik entfaltet werden. Aus ihnen gewinnen am Ende alle
Thesen Hegels ihren Sinn und ihre überzeugungskraft. Im folgenden
soll sich erweisen, daß auch die These von der Unabtrennbarkeit von
Subjekt und Substanz eine solche logische Grundbedeutung hat. Um
ihretwillen wird in dieser Einleitung zur Analyse eines Kapitels der
Logik auf Hegels Grundsatz eingegangen. Zeigt sich nämlich, daß sich
die vielen Bedeutungselemente der Begriffe ,Substanz' und ,Subjekt' und
die These von ihrer Unabtrennbarkeit zuletzt um einen solchen forma-
206 DIETER HENRICH

len Sachverhalt wie um ihren theoretischen Kern orgarus1eren, so ist


damit auch gesichert, daß dieser formale Sachverhalt als Grundpro­
blem von Hegels System insgesamt zu gelten hat. Analysen, die sich
auf ihn konzentrieren, gehen somit auf eine Verständigung über die
Grundoperationen von Hegels spekulativem Denken aus.
Es sollen nun zunächst nacheinander die verschiedenen Bedeutungs­
elemente von ,Subjekt' so eingeführt werden, daß sich eines an das an­
dere anschließen läßt. Dabei wird sich eine Folgeordnung ergeben, an
deren Ende es möglich wird, mit Aussicht auf Erfolg die Frage zu stel­
len, wie sich die Bedeutung von ,Substanz' in den bereits reich bestimm­
ten Subjektbegriff einführen läßt. Daß dies geschehen kann, ist selbst­
redend entscheidend dafür, daß die Einheit von ,Substanz' und ,Subjekt'
in der formalen Verfassung eines einzigen Gedankens behauptet wer­
den kann. Denn der Grundsatz, die Substanz müsse zugleich als Sub­
jekt gefaßt werden, behauptet nicht, daß ,Substanz' einfach nur durch
,Subjekt' zu ersetzen sei, sondern daß bei ihrer Anwendung auf ein letz­
tes Prinzip die Anwendung eines jeden der beiden Begriffe die Anwen­
dung des anderen postuliert, und zwar nicht nur deshalb, weil beide
Begriffe durch dieses Prinzip gleichermaßen erfüllt sind, sondern weil
in diesem Fall und in jedem Fall von prinzipieller Bedeutung keines von
ihnen ohne das andere auf letztlich konsistente Weise verwendet werden
kann. Und er behauptet des weiteren insofern sogar die Identität der bei­
den Gedanken, so daß also genau dieselben Bedingungen, welche es
möglich und nötig machen, etwas als ,Substanz' zu beschreiben, es am
Ende auch als ,Subjekt' zu beschreiben erlauben. Diesseits ihrer Ein­
heit können ,Substanz' und ,Subjekt' nur unzureichend entfaltete Ge­
danken und in provisorischer Verwendung sein. In dieser Einheit sind
sie aber nur noch -zwei formale Aspekte eines und desselben Gedan­
kens.

a. Die Substanz ist Subjekt

1. ,Subjekt' ist nicht nur durch wissenden Selbstbezug, sondern -


gemäß KANTischer Tradition - als ein Tun, als eine Aktivität zu fassen,
in der und durch die sich wissender Selbstbezug herstellt. Ein Subjekt
hat nicht die Wahl, sich solchen Tuns zu enthalten oder in es einzu­
treten. Ist seine Natur, Subjekt und Aktivität zu sein, durch das zu erläu­
tern, was auch ,Ich' oder ,Selbstbewußtsein' heißen kann, so geht es
gänzlich auf in seiner selbstreferentiellen Tätigkeit. Es ist nichts ohne sie
und in seiner Definition als diese Tätigkeit aufzufassen, so daß neben
Hcgels Logik der Reflexion 207

dem Tun, welches das Subjekt ist, kein weiteres Subjekt zurückbleibt,
das nur ,besteht' oder ,zugrundeliegt' und das die Tätigkeit ausübt oder
initiiert.
Wenn nun dieses Tun, welches das Subjekt ist, nicht instantan zu
seinem Ziel und seiner Selbsterfassung kommt, so muß sich der wis­
sende Selbstbezug in einer Sequenz von Phasen oder Stufen herstellen.
Ein Tun, das die Phasen durchläuft, wird man als eine Bewegung 2 auf­
fassen dürfen. Nach HegE:} ist die selbstbezügliche Aktivität des Subjek­
tes nur über eine solche Sequenz zu vollenden. Und so sagt sein Satz,
daß die Substanz zugleich Subjekt sei, daß die singuläre Wirklichkeit
über allem Bewußtsein nichts anderes ist als der, Prozeß ihrer Selbstreali­
sierung.
In welchem Sinne auch ein solcher Prozeß, der jede Substanz außerhalb
seiner von seiner Begriffsbestimmung ausschließt, noch einen Begriff
von ,Substanz' erfüllen kann, bleibt auszumachen. In jedem Falle muß
seine Substantialität, wenn sie überhaupt gedacht werden kann, so ge­
dacht werden, daß sie sich ,zugleich als Subjekt' und somit im strikten
Sinne als Prozeß fassen läßt. Die Substanz darf also nicht als etwas ver­
standen werden, das einen Prozeß nur einleitet oder bedingt. So wäre sie
nicht als Bewegung, sondern nur in irgendeiner Beziehung auf sie be­
stimmt. Daraus ergeben sich wichtige Folgerungen für die Natur des
Prozesses : Er kann nicht Entfaltung sein oder Differenzierung von Ur­
sprünglichem. Denn Prozesse solcher Art haben Voraussetzungen in
einem von ihnen unabhängigen Bestand, der zu entwickeln und zu ver­
vielfältigen ist. Ist solcher Bestand einmal angenommen, so muß man auch
zugeben, daß er, und nicht der Prozeß, primär in die Begriffsbestim­
mung eines Absoluten eingeht, das dann aber gar nicht als Subjekt be­
stimmbar sein würde. Wenn aber die Substanz Subjekt und wenn somit
das Absolute Geist ist, so folgt: Was immer besteht, ist Moment oder
Produkt eines Prozesses, der ebenso aus sich selbst verständlich und von
nichts in ihm Vorausgesetzten herzuleiten ist wie die tätige Selbstbezie­
hung der sich wissenden und in diesem Sichwissen einzig überhaupt wirk­
lichen Ichheit.
Eine Selbsterkenntnis, die zugleich als Selbstverwirklichung gedacht ist,
erreicht den von Hegels Grundsatz angezeigten Sinn also offenkundig
insofern, als sie seine auch von subtilen Theorien über Weltgründe und
Ursprungsprinzipien abgesetzte metaphysische Lehre auszusprechen er­
laubt. Sie macht aber von den in Hegels Begriff ,Subjekt' gedachten

1 Phän 20. 546/7. 561.


208 DrEiER HENRICH

Bedeutungsmomenten noch keinen vollständigen Gebrauch. Zu Selbst­


erkenntnis und Selbstverwirklichung ist zunächst ein weiteres Moment
hinzuzufügen, mit dessen Hilfe es sich auch allererst als notwendig ein­
sehen läßt, daß der Prozeß der Selbstverwirklichung nur über eine Folge
von Stufen ablaufen kann.

2. Als Selbsterkenntnis hat nämlich das Subjekt zumindest die Eigen­


schaft aufzuweisen, welche aller Erkenntnis als solcher zukommt: Es muß
Differenzen etablieren - muß unterscheiden. 3 Auch die Substanz ist in
Beziehung zu einer Mannigfaltigkeit von Akzidenzien definiert, die an
ihr zu unterscheiden sind. Sie ist des weiteren dasjenige, kraft dessen
diese Akzidenzien bestehen, und schließlich auch Macht gegen sie, indem
sie auftreten und sich entfalten können, ohne daß das einige Wesen der
Substanz davon tangiert werden könnte. Von der Substanz läßt sich aber
nicht sagen, daß sie selbst es ist, welche die Differenz der Akzidenzien
bestimmt. Deren Unterschied gegeneinander entwickelt sich nicht aus der
Substanz als solcher. Er entwid<elt sich aus dem eigenen Verhältnis der
Akzidenzien, wenngleich an der Substanz und innerhalb ihrer Einheit.
Das Subjekt jedoch als Subjekt der Erkenntnis bezieht sich kraft seiner
Aktivität, die Bestimmung und Unterscheidung ist, auf die Unterschiede
als solche. Und in seiner denkenden Selbstbeziehung stellt es auch die­
j enige Differenz fest, die zwischen ihm selbst und allem Denkbaren
besteht. So, wie es sich zu allem Unterscheidbaren verhält, so verhält es
sich auch zu sich als dem Unterscheidenden. Die Substanz hingegen wird
nur als das gedacht, das sich durchhält in dem Unterscheidungsge­
schehen, das an ihr als Wechsel- oder Entwicklungsprozeß ihrer akziden­
tellen Bestimmungen verläuft. Ist nun die Substanz zugleich als Subjekt
aufzufassen, so muß das, was gegen alles Akzidentelle gestellt und Macht
über es ist, diese Macht doch dadurch ausüben, daß es den bestimmten
Unterschied seiner Akzidenzien als solchen herstellt. In diesem Sinne ist
dann die Substanz kraft ihrer Subjektivität ,Formtätigkeit'. Die Substanz,
rein als solche gedacht, ist der Formtätigkeit an ihr enthoben. Insofern
sie dann aber zugleich Subjekt ist, entfaltet sich ihre Form aus ihrer eige­
nen Aktivität.
Auch ist, insofern sie selbstbezügliches Subjekt ist, in ihre Formtätig­
keit ihr Verhältnis zu sich selbst einbegriffen. Die Substanz ist somit als
erkennende Selbstverwirklichung vor allem Selbsterkenntnis und somit
erkennende Bestimmung ihrer selbst. Der Prozeß der Entfaltung ihrer
Bestimmungen und das, wodurch sich über Stufen ihr Selbstverhältnis

3 Phän 484.
Hegels Logik der Reflexion 209

realisiert, werden somit zu einem und demselben Bestimmen und Unter­


scheiden. Die Substanz kann sich als Subjekt nicht durch ihre allem Wech­
sel enthobene Identität dem Bestimmungsgeschehen an ihr gegenüber­
stellen. Ihr eigener Begriff ist nur in Einem mit dem vollständigen Begriff
ihres Bestimmens zu gewinnen.
3 · Ist aber das Bestimmen des Subjektes in Einem die Unterscheidung
der Akzidenzien voneinander und die Unterscheidung der Substanz als
Subjekt von ihnen, so läßt sich leicht verstehen, daß in den Sinn von
,Bestimmen' ein weiteres Bedeutungselement eingeht, das für Hegels
Systembegriff charakteristisch ist. Denn das Subjekt als solches ist nicht
nur wie irgendetwas von irgendeinem Anderen unterschieden, das nicht
dasselbe ist wie es. Es ist allem, das nur unterschieden wird, als das,
was aktivisch unterscheidet, zugleich auch gegenüber und in diesem Sinne
entgegengesetzt. Ist also die Relation zwischen dem, was unterschieden
wird, von der zwischen Unterschiedenem und Unterscheidendem nicht
grundsätzlich verschieden, so ist sie durch Nicht-Selbigkeit unangemes­
sen gefaßt; sie muß vielmehr auch als die Relation von Gegensätzlichkeit
beschrieben werden. Daraus folgt, daß man die Formtätigkeit der Sub­
stanz, insofern die Substanz Subjekt ist, nunmehr als die Entfaltung von
Gegensätzen 4 zu denken hat. Alle Gegensätze der Formtätigkeit bleiben
jedoch in den einen Prozeß einbegriffen, in dem die Substanz als Sub­
jekt sich selbst begreift. Und so müssen sie, insofern sie in dieser Einheit
allererst ihre Verständlichkeit gewinnen, zugleich auch als Gegensätze,
die nicht letzte Daten sind, begriffen werden. Insofern die Substanz
Subjekt ist, sind sie in der Einheit dieses Einen ,aufgehoben'.
Auf diese Weise wird verstehbar, wieso für Hegel die Formtätigkeit
des Subjektes ,Negativität' ist. Sie ist es nicht etwa nur in dem Sinn,
auf den die Phänomenologie des Geistes ihre Methode begründet, welche
den der Selbstauffassung des Subjektes jeweils entgegenstehenden Ge­
genstand in einen korrigierten und weiter entwickelten Begriff von die­
sem Subjekt reintegriert. ,Subjektivität' hat auch den rein logischen Sinn
einer Gedankenabfolge, in der die Einheit eines Begriffes in gegensätz­
liche Bestimmungen zu entfalten ist, bis diese Bestimmungen schließlich
einen neuen Einheitssinn zu fassen verlangen und zu denken erlauben, in
dem sie mit veränderter Bedeutung und auf neue Weise zusammen­
genommen Einen Gedanken konstituieren. Alle logische Entwicklung im
eigentümlich hegelischen Sinn ist somit Folge dessen, daß die Substanz
zugleich Subjekt ist.

' Log II. 345 als indirekter Beleg.


210 DIETER HENRICH

Von einer logischen Form, die als solche auch die Eigenschaften von
Subjektivität zeigt, kann allerdings erst dort die Rede sein, wo die Ein­
heit der in der Formtätigkeit entwickelten Gegensätze als solche gesichert
ist. In ihr erweist sich dann die Differenz des Gegensätzlichen durchweg
und jederzeit als durch den Einheitssinn von ,Subjektivität' ermöglicht;
der Gedanke der Differenten ist von dem Gedanken ihrer Einheit nicht
abgeschieden. Es ist offenkundig, daß Hegel sich in dieser Auffassung
von ,Subjekt' nicht mehr an KANTS Definition des Subjekts aus dem akti­
ven Selbstverhältnis, sondern an FICHTES Theorie von diesem Selbstver­
hältnis als einer sich durch Gegensätze entwickelnden Selbstbestimmung
orientiert.
4· In diesem Zusammenhang findet auch Hegels These eine Erklärung,
daß die Substanz nur als Subjekt ,Dasein' oder ,Wirklichkeit' gewinnt. 5
Nur als Subjekt entfaltet die Substanz ihre Bestimmungen und setzt sich
auch selbst als Substanz in Bestimmtheitsverhältnisse zu ihnen. Wäre
sie nicht auch Subjekt, so wäre die Substanz zwar immer noch als die
Einheit und der Grund der Wirklichkeit ihrer Akzidenzien zu denken. Sie
wäre aber zugleich auch als die bloße Selbigkeit des Grundes gegen die
Formtätigkeit und gegen die Negativität ihrer Bestimmungen festzuhal­
ten. Sie wäre damit zwar immer noch anderes als die bloße Indifferenz,
das gleichgültige Eine und Bleibende ohne allen Charakter, das ursprüng­
liche Ding ohne alle Eigenschaft. Die Bestimmungen blieben ihre Akzi­
denzien und deren Verhältnis und Wechsel ihre Form. Dennoch würde
diese Form zu ihr als Substanz so in Beziehung gedacht sein, daß sie die
Substanz selbst und als solche nicht in den Wechsel der Formtätigkeit
einbegreift. Die Substanz als Substanz würde als aller Formtätigkeit, die
doch in ihrem Begriff notwendig mitzudenken ist, zugleich auch entrückt
aufgefaßt. Was aber Dasein hat oder wirklich ist, das muß auch in be­
stimmte Verhältnisse eingetreten und selbst ein in sich Bestimmtes und
Entfaltetes sein. Solange sie nicht zugleich als Subjekt gefaßt wird, ist
zwar die Substanz unter Einschluß ihrer Akzidenzien ein Begriff von dem,
was ,Wirklichkeit' heißt. Rein nur als Substanz und im Unterschied zu
ihren Akzidenzien fehlen ihr selbst aber Dasein und Wirklichkeit.
5· Daraus, daß die Substanz als Subjekt in dem, was für ihre Sub­
stanzialität als solche konstitutiv ist, der Unterscheidung und Bestim­
mung zugänglich sein muß, gewinnt Hegel eine Möglichkeit, auch die
Bedeutung des Wortes ,Subjekt', durch welche die Subjektstelle in der

$ Phän 348. 526. 546.


Hegels Logik der Reflexion 211

Urteilsform des kategorischen Satzes bezeichnet wird, in die Defi­


nition des Subjektes als definiens einzubringen, welches zugleich Sub­
stanz ist. 6 Die Substanz ist als Subjekt das Subjekt des Satzes, das durch
seine Prädikate bestimmt wird. Sie erfüllt die formalen Bedingun­
gen, welche die Beziehung der Subjektstelle im kategorischen Urteil zu
der durch viele Prädikate besetzbaren Prädikatstelle beherrschen. Hegel
thematisiert diese Beziehung von Beginn an unter dem Gesichtspunkt der
Einheit (der Substanz als Subjekt) und ihrer Selbstdifferenzierung (in den
Prädikaten). So faßt er also die Satzform unter der Anleitung einer Orien­
tierung am subjektivitätstheoretischen Subj ektbegriff. Wegen dieser Orien­
tierung kommen die grundlegenden Gebrauchsweisen des Subjekt-Prädi­
katsatzes nicht in seinen Blick. Es ist vielmehr die Form der Definition,
die von ihm ohne weiteres in den (falschen) Anschein gebracht wird,
diese grundlegende Form zu sein. In der Definition wird nämlich die
Bedeutung eines Terminus an der Subjektstelle des Satzes durch eine
Anzahl von Prädizierungen festgelegt. Und im Blick auf sie kann dann
gesagt werden, daß der Subjektterm Eines meine, das sich durch die
Mannigfaltigkeit seiner Prädikate bestimmt/ während umgekehrt der
Rechtsgrund für die Verwendung der Prädikate in Beziehung auf diesen
einen Subjektterm in nichts anderem als dem besteht, was mit dem Term
möglicherweise zu denken ist. 7 In den Prädikaten entfaltet sich die Be­
deutung des Subjektes ; und es bleibt nichts im Subjekt, das sich als das
bloß Innere, das Unbestimmte oder das An-sich-sein der Determinierung
durch seine Prädikate entziehen könnte. Das Subjekt ist zwar insofern
Grund, als in Beziehung auf es die Prädikate gesetzt werden. Seine Be­
deutung geht aber auch vollständig in seinen Prädikaten aut sofern
diese einen einheitlichen Bedeutungszusammenhang ausmachen. Insofern
steht der Subjektterm für nichts, was nicht auch durch seine Prädikate
in Gedanken gefaßt ist. Und von seinen Prädikaten ist das Subjekt der
Definition nur insofern zu unterscheiden, als sich in ihm deren Zusam-

1 Phi:in 22. 23. 479. 529. Enz § 164. 404. Wichtig zu bemerken ist, daß dieser

Zusammenhang schon in der Jenenser Logik als der grundlegende für die Verstän­
digung über das Verhältnis der Substanz zum Subjekt erscheint : GW 7. 80. 140.
Bei dieser Gelegenheit sei angemerkt, daß die einzige Arbeit, welche Hegels Vor­
stellungen über das Verhältnis von Substanz zu Subjekt im Detail aufzuklären ver­
spri<ht, de facto nur eine (sehr lehrreiche) Untersuchung von Hegels Substanzbegriff
bietet : Andrew 1. Beck: Substance, Subject and Dialectics. In : Tulane Studies in Philo­
sophy IX, New Orleans I The Hagne 1960. 109 ff.
7 In der elementaren Verwendungsform des Subjekt-Prädikatsatzes wird an der

Subjektstelle mittels eines singulären Terminus auf ein Einzelnes Bezug genommen,
'
das nur durch Prädikate charakterisiert werden kann, ohne durch sie konstituiert zu
werden.
212 DrETER HENRICH

menhang herstellt, der von den einzelnen Prädikaten je für sich nicht
gestiftet werden kann. In diesem Sinne kann gesagt werden, daß das
Subjekt als Bedeutungseinheit seiner Prädikate in jedem dieser Prä­
dikate auch ,in sich reflektiert' ist.
So zeigt sich, daß die logische Form der Subjektstelle im kategorischen
Urteil, unter Hegels Gesichtspunkten aufgefaßt, wirklich dazu geeignet
ist, über den Einheitssinn von Substanzialität hinauszuführen und die
Subjekteinheit doch so zu beschreiben, daß sie auf einen Begriff von der
Substanz angewendet werden kann, die zugleich Subjekt ist. Aus dieser
Art und Weise, den Schritt von der bloßen Substanz zur Substanz als
Subjekt zu begründen, ergeben sich aber auch prinzipielle Konsequenzen
für den Aufbau der Formalontologie in der Wissenschaft der Logik ganz
im allgemeinen. Der Fortgang von der bloßen Substanz hin zur Sub­
stanz, die als Subjekt gedacht ist, stellt sich nämlich auch dar als ein
Fortgang vom ontologischen Begriff der Substanz zu einem Begriff von
dem, was ein Urteilssubjekt eigentlich ist, - damit aber auch zu einem
Gedanken vom Urteil, der in die ihm zunächst fremde Rolle überführt
:wurde, als Grundbegriff der Ontologie und sogar der Ontologie des Gei­
stes zu fungieren. Was immer nach dem Modell des Urteilssubjektes ge­
dacht wird, das ist damit gedacht als eines, aus dem seine Charaktere
wohl bestimmt hervorgehen - und zwar so, daß diese Bestimmungen
nicht nur ihm zugeordnet werden, sondern daß sich die Einheit seiner
als Subjekt in diesen Bestimmungen allererst realisiert. Das Subjekt ist
insofern das "sich in sich selbst Unterscheidende" (Log I. 396). Indem
also die Substanz als Urteilssubjekt gedacht wird, gewinnt auch die
Rede davon, daß sie als Subjekt Negativität sei, eine neue Bedeutung.
Sie ergibt sich daraus, daß die Satzform zur Orientierung über formalon­
tologische Sachver�alte eingesetzt worden ist. Auch das, was ,Negativi­
tät' heißt, kann nun mit Rücksicht auf die Satzform negativer Sätze
untersucht werden.

b. Das Subjekt ist Substanz

Nachdem der ,Subjekt'-Begriff eine so weite und differenzierte Be­


deutung angenommen hat, stellt sich die Frage, ob und auf welche Weise
sich der ,Substanz'-Begriff überhaupt neben ihm in der Definition des­
sen, was ,Geist' heißt, behaupten kann. Wenn Hegel sagt, die Substanz
müsse ,zugleich' als Subjekt bestimmt werden, so heißt das gewiß zu­
nächst, daß der Substanzbegriff durch Subjektivität auf entscheidende
Weise weiterbestimmt wird. Es heißt aber auch, daß sich das, was ,Sub-
Hegels Logik der Reflexion 213

stanz' heißt, nicht im Begriff des Subjekts verliert. Die Substantialität


bleibt ein für den entfalteten Begriff des Geistes konstitutives Moment,
das nicht in irgendeinem beliebigen Aspekt von Subjektivität aufgeht.
Es muß von der gesamten primären Bedeutung von ,Subjekt' auf signifi­
kante Weise zu unterscheiden sein.
Nun fällt es zwar wieder nicht schwer, einen solchen Unterschied an­
zugeben, solange man sich an die Interpretation von Hegels Grundsatz
hält, welche mit den Mitteln der Methode der Phänomenologie des Gei­
stes gegeben werden kann. In ihr ist ,Substanz' der Gegenstand des Be­
wußtseins, ohne den das ,Subjekt', das diesen Inhalt zuerst zur Bestimmt­
heit bringt und dann in seinen eigenen Begriff aufnimmt, sowohl ohne
Konkretion als auch ohne Wirklichkeit wäre. Es hat sich jedoch gezeigt,
daß diese rein phänomenologische Fassung des Verhältnisses von Sub­
stanz und Subjekt auch innerhalb des Werkes, das den Titel ,Phänomeno­
logie' führt, von dem reicheren Begriff des Subjektes abhängig gehal­
ten ist, demzufolge ,Subjektivität' Selbstbestimmung und Wirklichkeit
einschließt. Dieser logische Subjektbegriff soll auch noch die episterni­
sche Differenz von Wissendem und Gewußtern aus dem formalen Ver­
hältnis zwischen Selbstbestimmung und Bestimmung im Gegensatz zu
begreifen erlauben. So ist er ganz anders zu fassen als der Subjektbe­
griff, den Hegel auch den ,einseitigen' nennt - den der nur Jormellen'
Subjektivität, die Wirklichkeit erst dadurch gewinnt, daß sie sich ,rea­
lisiert' und identisch setzt mit der Substanz (XVII, 1.39). Es ist offen­
sichtlich, daß solche einseitige Subjektivität den Begriff von Geist kon­
stituieren kann. Das einseitige Subjekt hat notwendig eine Substanz zum
Korrelat, und beide können nur in dieser Beziehung gefaßt werden. Der
Gedanke von dieser Beziehung ist aber vorerst der von einer bloß funktio­
nalen und relationalen Einheit. Noch ist nicht ersichtlich, wie Substanz und
Subjekt ein einziges formales Objekt ausmachen können. In einer solchen
Form müßte das Subjekt seine Einseitigkeit ablegen, die gerade daraus
entsteht, daß es der Substanz, auf die es sich wesentlich bezieht, nur
gegenübergesetzt ist. Auf die Frage, in welchem Sinne das Subjekt
zugleich als Substanz wohlbestimmt zu denken ist, kann also im Blick
auf die nur korrelative und darum einseitige Subjektivität keine Antwort
gegeben werden. Sie muß aus dem formalontologischen Subjektbegriff
gewonnen werden, der im Vorausgehenden entwickelt worden ist.
Man wird nun nicht erwarten, daß sich der Substanzbegriff zu dem
entwickelten logischen Begriff vom Subjekt ebenso als ein gleichgewich­
tiges Korrelat verhält wie der phänomenologische Methodenbegriff
,Substanz' zu dem Begriff der noch formellen Subjektivität. Der Begriff
214 DIETER HENRICH

des logischen Subjektes folgt dem der Substanz nach und ersetzt ihn als
Grundbegriff vom ,Einen', das das ,Ganze' ist. Ohnehin kann die be­
griffliche Fassung dessen, was die Definition von ,Geist' ergibt, nicht durch
bloße Kombination von Elementen zustandekommen. Das epistemische
Verhältnis von Subjekt zur Substanz als Objekt ist auch in diesem Sinne
keine äußerliche Kombination, sondern ein eigentümlicher Einheitsbegriff,
durch den Substanz und Subjekt allerdings in eine Korrelation gebracht
werden. Wenn die Einheit von ,Substanz' und Subjekt im phänomeno­
logischen Methodenbegriff also durch dieses Verhältnis garantiert ist,
so muß in der Formet welche die logische Einheit von Substanz und
Subjekt zum Programm macht, eine andere Einheit als jene epistemi­
sche im Blick stehen - und somit vermutlich auch eine andere als die
einer Korrelation gleichgewichtiger Elemente. Sie muß aber ebenso Sub­
stanz und Subjekt in Einheit zu denken erlauben, wie es das epistemische
Verhältnis in seiner Weise getan hatte. So müßte es sich also erweisen,
daß Substantialität eine Bestimmung ist, die bei der Beschreibung des
logischen Subjektbegriffes notwendigerweise Verwendung zu finden
hat, so daß durch sie die Einheit der Bedeutung von Subjektivität erwei­
tert wird - aber nicht durch Hinzufügung eines neuen Momentes, son­
dern durch ein Formelement, ohne das der Subjektbegriff nicht als der
Begriff des ,Ganzen' und ,Wahren' fungieren könnte und das, obgleich
es Subjektivität als solche charakterisiert, doch nicht aus dem eigenen
Bedeutungspotential der Definition von ,Subjekt' zu gewinnen wäre.
In einem bestimmten Sinne kann man sagen, daß sich die Substanz
in ihren Akzidenzien manifestiert. Denn zum Begriff der Substanz ge­
hört ihre Formtätigkeit. Was eine Substanz ist, bestimmt sich durch
den Einheitszusammenhang und die Regel im Wechsel ihrer Akzidenzien.
Dennoch geht die - Substanz als Substanz nicht in deren Formbestim­
mung ein. Sie ist ihr gegenüber gedacht als das, kraft dessen diese Be­
stimmung Bestand hat. Ihre Manifestation ist insofern ein Prozeß, für
den die Substantialität als solche zugleich verschlossen bleibt.
Daraus folgt unter anderem, daß sich die Substanz selbst aus prin­
zipiellen Gründen niemals in ihren Akzidenzien erfassen kann. Ihre Re­
lation zu den Akzidenzien ist nicht die der Selbstreferenz - somit auch
nicht der Selbsterkenntnis. Wissende Selbstbeziehung könnte sie nur dann
werden, wenn sie sich als Substanz in den Prozeß der Wechselbestim­
mung einbeziehen lassen würde. Das ist unmöglich, solange sie als die
identische Einheit der Substanz gegenüber der negativen Wechselbezie­
hung ihrer Akzidenzien gedacht wird. Der Gedanke vom Verhältnis der
einen und seihen Substanz zur Vielfalt und zum Wechsel der Akziden-
Hegels Logik der Reflexion 215

zien läßt sich noch formaler als eine Version des Gedankens der Bezie­
hung zwischen Einheit und Differenz fassen. Er ist derjenige Gedanke
von dieser Beziehung, in dem die Einheit gegenüber der Differenz inso­
fern festgehalten wird, als die Einheit als solche unter der Bedingung
steht, daß sie in den Prozeß, durch den die Differenten als solche be­
stimmt werden, nicht einzutreten vermag. Im Gedanken von der Sub­
stanz ist also unbeschadet dessen, daß sie in wesentlicher Beziehung zu
den Akzidenzien zu denken ist, das Prinzip der Identität dominant. Die
Substanz qua Substanz muß unter der Kategorie der Identität gedacht
werden. Im Unterschied dazu ist für das, was ,Subjekt' heißt, die Nega­
tivität die dominante Kategorie. Das Subjekt ist· die Aktivität des Sich­
Unterscheidens.
Damit sind die begrifflichen Mittel gewonnen, mit deren Hilfe sich
das Problem, in welchem Sinne die Substanz zugleich als Subjekt zu
denken ist, ganz formal und zugleich auf die prinzipiellste Weise formu­
lieren läßt. Diese Formulierung lautet nun so : In welcher Weise sind
Identität und Negativität, Ununterschiedenheit und Selbstunterscheidung
nur Ein Gedanke und die formale Grundlage jedes möglichen Gedankens
vom Ganzen, welches das ,Wahre' ist?
Nun läßt sich auch zeigen, was in den Begriff des Subjektes dadurch
eingebracht wird, daß ,Subjekt' als ein Gedanke gefaßt wird, der zugleich
auch die Bedeutung von ,Substanz' erfüllt. Das Subjekt wird dann als
Substanz gedacht sein, wenn das, was die Substanz als Substanz charak­
terisiert, nämlich ihre Selbigkeit gegenüber aller Formtätigkeit und Be­
stimmung, in den Gedanken eingebracht wird, der das faßt, was für
,Subjekt' eigentümlich ist, nämlich Unterscheiden, Bestimmen und Form­
tätigkeit zu sein. Die These von der Einheit von Substanz und Subjekt
bringt also nicht nur zwei Begriffe, die voneinander zu unterscheiden sind,
in einen Gedanken zusammen. Es zeigt sich vielmehr, daß mit dieser
These zugleich auch ein methodologisches Postulat aufgestellt ist: Ge­
gensätzliches muß als Konstitutionsbedingung Eines Gedankens gefaßt
werden. Dennoch ist es nicht mehr schwer zu sehen, wie dieses Postulat
erfüllt werden kann: Das Subjekt ist dann zugleich als Substanz aufge­
faßt, wenn es sich als Eines in allem seinem Unterscheiden und Be­
stimmen durchzuhalten vermag, das auch ein Sich-von-sich-selbst-Un­
terscheiden ist. Weil das Subjekt nicht nur überhaupt Unterscheiden,
sondern Selbstbestimmen und darin Selbstunterscheidung ist, kann und
muß durch den besonderen Gedanken, daß es zugleich Substanz ist, seine
Einheit mit sich ausdrücklich festgehalten werden.
216 DIETER HENRICH

Die Selbigkeit des Subjektes ist in einem solchen Zusammenhang et�


was anderes als die Eigenschaft jenes Subjektes, das derselbe Täter
in allen seinen unterschiedlichen Akten ist. Denn im logischen Sinne ist
das Subjekt nichts außerhalb des Prozesses des Bestimmens. So muß
das Subjekt im wörtlichsten Sinne von Durchhalten durch alle seine Be­
stimmungen hindurch dasselbe sein. Daraus folgt, daß sich alle diese Be­
stimmungen in einem einzigen (dem ,selben') Bestimmungsprozeß erge­
ben müssen. Und es folgt weiter, daß dieser Prozeß zum Gedanken einer
vollständigen Selbstbestimmung führen müßte, in den sich alle vor­
ausgehenden Bestimmungen integrieren.
Daß das Subjekt zugleich Substanz ist, besagt also in einer anderen
Formulierung, daß es auch durch alle von ihm gesetzten Differenzen die
Gleichheit mit sich nicht verliert. Im Gang durch die Entwicklung dieser
Differenzen stellt es sie allererst vollständig her. Und so hat das Subjekt
wirklich nicht nur die Eigenschaft der Substantialität - es ist vielmehr
Substanz, nämlich diejenige Substanz, deren Begriff durch ,Selbigkeit in
der Differenz' oder ,Gleichheit mit sich im Unterschied' definiert werden
kann. Die Substanz ohne Subjekt muß als Selbigkeit in sich ohne Diffe­
renz oder gegen die Differenz gedacht werden. Umgekehrt ist das Sub­
jekt, das nicht als Substanz gedacht wird, die Differenz und Negativität,
von der nicht gesagt werden kann, in welcher Weise das, was die Dif­
ferenzen setzt, in diese Differenzen auch eingehen und dabei doch Eines
bleiben kann. Eine Subjektivität und eine Negativität, die sich an ihre
Differenzen verlieren, können zwar wohl gedacht werden, ohne daß sie
zugleich auch als Substantialität charakterisiert werden müssen. Sie könn�
ten dann aber nicht als das gelten, was Hegel ,das Wahre' nennt. Ist
,Subjekt' der Gedanke von einer einigen Wirklichkeit, in Beziehung auf
die alles Erkennen letztlich konsistent werden muß, so kann es über­
haupt nur gedacht werden, wenn es zugleich als Substanz gedacht wird.
Von diesem Subjekt, das als Ganzes "nicht nur das Selbst, sondern
Gleichheit des Selbsts mit sich" ist (Phän 56o), muß der Begriff der
"
"einseitigen Subjektivität (Enz § 2:15), der schon eingeführt worden
ist (vgl. oben S. 2:13), in zwei Hinsichten unterschieden werden. Sie sind
beide als Folgen davon anzusehen, daß dies Subjekt nicht auch zugleich als
Substanz gedacht worden ist. Die einseitige Subjektivität bleibt ,formell'
deshalb, weil sie sich nur in Korrelation zu einem von ihr verschiedenen
Anderen und somit nicht in Gleichheit mit sich zu erfassen vermag. Und
sie bleibt ,abstrakt' und leer, weil sie sich als Negativität aller Bestimmt­
heit bloß entgegensetzt. Wäre sie zugleich auch als Substanz gedacht, so
könnte sie gar nicht in diesen Gegensätzen gehalten werden.
Hegels Logik der Reflexion 217

Wird die Substanz ohne Subjektivität gedacht, so wird sie dadurch


zwar nicht ebenso ,abstrakt' und ,formell', wie das substanzlose Subjekt.
Sie hat aber formale Eigenschaften, welche denen der bloß formellen
Subjektivität in einem gewissen Maß entsprechen. Denn sie ist als iden­
tische in einem Gegensatz gegen ihre Bestimmungen bestimmt. Im Unter­
schied zur bloß formellen Subjektivität gehören diese Bestimmungen
zwar ihr selber zu, so daß sie in ihnen sich manifestieren kann. Dennoch
darf ihr eigener Begriff nicht durch den Gedanken gefaßt werden, daß
sie sich selbst in und vermittels dieser Bestimmungen bestimmt. Ihr
Verhältnis zu ihren eigenen Bestimmungen ist, wie Hegel plastisch sagt,
so, daß sie in ihnen ,aufgeht', ohne in ihnen ,niederzugehen' (Phän 484).
Dies hat einzig zum Grund, daß sie, da sie als Identität gefaßt ist, sich zu
sich selbst nicht negativ verhalten kann, so daß sie also der Selbstunter­
scheidung nicht fähig ist. Vorn Subjekt hat sich aber gezeigt, daß es als
Negativität zu verstehen ist. Im Subjekt kann es keine Bestimmungen
geben, in die es nicht auch ,eingehen' kann. Sofern sie von ihm als
Bestimmungen gesetzt werden, können sie auch als seine eigenen Be­
stimmungen gesetzt sein. Wird das Subjekt als Substanz gedacht,
so ist kraft der Subjektivität dieser Substanz gesichert, daß das, was
für die Substanz nur ihre Akzidenzien waren, dem Subjekt als seine
,Prädikate' zuzusprechen ist, die seinen Begriff definieren.
So kann das Subjekt als Substanz nur dann in Gleichheit mit sich be­
stehen, wenn es diese Gleichheit über die entwickelte Differenz seiner
verschiedenen Bestimmungen aufrechterhält. Gegen die einseitige, die for­
melle und abstrakte Subjektivität ist deshalb die These zu stellen, daß
alle Subjektivität die Aufgabe hat, substantiell zu werden. Diese Auf­
gabe ist nunmehr von der scheinbar anderen Aufgabe nicht mehr zu
unterscheiden, daß das Subjekt seine Selbstbestimmung vollenden solle.
Denn nur als substantielles kann es Gleichheit mit sich in seiner Nega­
tivität herstellen und bewahren. Der Satz, der sagt, daß das Wahre nicht
nur als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt aufzufassen sei, for­
muliert zunächst gewiß nur eine Aufgabe für die theoretische Anstren­
gung des Denkens. Es zeigt sich aber, daß er in eine Forderung an leben­
dige Subjekte zu überführen ist. In dieser Forderung ist er in umge­
kehrter Folge zu lesen : Das Subjekt muß sich zugleich als Substanz er­
fassen. Sie besagt, daß das Subjekt seine einseitige und bloß formelle
Subjektivität übersteigen soll, um sich aus der Kraft des Subjektes, die
Negativität ist, in bestimmten Verhältnissen zu verwirklichen. Sofern es
diese Bestimmungen als seine eigene Wirklichkeit erkennt, wird es in
218 DIETER HENRICH

ihnen seine Gleichheit mit sich und somit seine Selbstbestimmung voll­
enden.
Diesem Postulat entsprechen bekanntlich Oberzeugungen, zu denen
Hegel früh gelangt war: Daß es zum Wesen des in sich frei gewordenen
Ich gehört, auf seiner Unabhängigkeit nicht zu bestehen, sondern sich
auf Wirkliches einzulassen und an es sich zu binden; daß sich die All­
gemeinheit des Rechtsbegriffes nur als systematische Einheit der Institu­
tionen eines freien Gemeinwesens verwirklichen läßt, in denen die Bür­
ger einen bestimmten Ort beziehen; daß die Vernunftnatur des Staa­
tes zudem nur zugleich Init dem individuellen Geist geschichtlicher Völker
hervortritt. Sie blieben gegenwärtig in der Weise, in der Hegel später
auch den Begriff derjenigen Subjekte, die nicht je für sich ,das Wahre'
sein können, also den Gedanken von der Ichheit der Person analysierte:
Die Ichheit ist Einheit von Unterschiedslosigkeit und Unterschiedenheit
der Einzelnen von anderen: Kein Subjekt, das nicht in völliger Abstrak­
tion von allen Gegebenheiten der Welt zu sich selbst käme ; aber auch
keines, das sich nicht in eben diesem Gedanken als ein Subjekt konsti­
tuierte, das sich von anderen unterscheidet und das damit bereits seine
Bestimmtheit als unterscheidbares Einzelwesen anerkennt. Indem für es
beide Gedanken in dem Begriff, den es von sich hat, ganz untrennbar
sind, erkennt es auch an, daß jede andere Person als Person von ihm
nicht wie ein Gegenstand in die Distanz gebracht werden kann. Der Ge­
danke ,Ich' steht gleichermaßen für die Ununterscheidbarkeit einzelner
Personen und für ihre radikale Unterschiedenheit.
So konstituiert also die Einheit von Gleichheit und Gegensätzlichkeit
den Gedanken der selbstbewußten Persönlichkeit. Ihre Definition ist so­
mit in derselben Begrifflichkeit erfolgt, die zuvor bei dem Versuch ge­
wonnen worden war, den Gedanken von dem Subjekt zu fassen, welches
das ,Wahre' ist. Dies Subjekt läßt sich nicht so wie die selbstbewußte
Person pluralisieren, weil es als das einzige Prinzip von allem, was ist,
zu gelten hat; und als solches kann es ,zugleich' für jene eine Substanz
gelten, deren Begriff SPINOZA einführte. Seine Gleichheit mit sich (Sub­
stanz) ist die durchgängige Einheit in aller Bestimmtheit als Negativität
(Subjekt). Es ist also ebenso wie der Begriff der Person nur in einer Onto­
logie zu denken, welche Selbstbeziehung und BestimmtheUsbeziehung
oder Identität und Negativität als einen einzigen formalen Sachverhalt
auffaßt. Der Grundsatz Hegels, daß die Substanz zugleich als Subjekt
zu denken sei, gibt seinem System in einer Sprache, die der Metaphy­
sik angehört, das Eine Problem auf, diesen Sachverhalt zu begreifen und
zu entfalten.
Hegels Logik der Reflexion 219

2. Methode und Selbstdarstellung der Logik

Die formalontologische Interpretation von Hegels Grundsatz hat sich aus


überlegungen ergeben, welche sich von den geläufigeren Bedeutungen
der Terme ,Substanz' und ,Subjekt' nirgends ganz lösten, auf die auch
Hegel in der Formulierung seines Grundsatzes anspielen wollte. Auf dem
Wege zu dieser Interpretation galt es zwar nicht als schlechtweg ausge­
macht, was ,Substanz' und was ,Subjekt' bedeuten. Es wurde vielmehr
durchgängig auf die Definitionen Rücksicht genommen, die Hegel für
diese Begriffe bereithält. Aus ihren geläufigsten Bedeutungen hätte auch
nicht einleuchten können, in welchem bestimmten Sinne sie als Ein Begriff
zu nehmen sind - viel weniger noch, daß er der Begriff der Einheit von
Gleichheit und Gegensätzlichkeit ist.
Dieser Einheitsgedanke wurde aber auch nirgends abstrakt und rein für
sich selbst gefaßt und entwickelt, sondern stets nur unter den Anlei­
tungen, die sich aus der Orientierung an der Aufgabe, Hegels Grund­
satz zu entschlüsseln, und aus dem Deutungsspielraum ergeben, der durch
die Terme abgesteckt ist, die in diesem Grundsatz zusammengebracht
sind. Wie das ,Subjekt' und die ,Substanz' als Einheit zu fassen sind,
mußte sich auch daran bewähren, daß die Interpretation ihrer Einheit
noch den bekannten Bedeutungen von ,Subjekt' und ,Substanz' zu ent­
sprechen vermag. Hegel spielt nicht nur äußerlich auf Begriffe, Theoreme
und Probleme der spekulativen Tradition an, wenn er sie verwendet.
Nachdem sich nun aber gezeigt hat, daß der primäre Sinn der These
über die Einheit von Substanz und Subjekt ein im Sinne der Logik Hegels
logisches oder formalontologisches Verhältnis ist, ist auch klar gewor­
den, daß sich für Hegel diese These nicht nur nicht im Blick auf Phäno­
mene des wirklichen Geistes, sondern auch nicht aufgrund eines in den
Ansatz eingebrachten metaphysischen Postulats entwickeln und aufklären
läßt. Es muß auch rein nur als ein formalontologisches Verhältnis, und
zwar als eine Version der Einheit von Beziehung auf sich und Gegensätz­
lichkeit dargestellt und somit aus sich selbst heraus einleuchtend gemacht
werden können.
Als die Einheit von Substanz und Subjekt läßt sich ,das Wahre', also
das eine Prinzip alles Wirklichen und Einsichtigen letztgültig ausdrücken.
Sollte es nun verschiedene Weisen geben, in denen eine Einheitsbezie­
hung von Gleichheit mit sich und Gegensätzlichkeit gedacht werden
kann, so kann die Version dieser Beziehung, die in der These von der
Einheit von Substanz und Subjekt gemeint ist, nicht eine einfache und
vorläufige, sie muß vielmehr die reichste und am meisten entwickelte
220 DIETER HENRICH

- sie muß die definitive sein. Die Wissenschaft der Logik wird nur im
Ausgang von einfachen Gedanken und über eine Reihe weniger diffe­
renzierter Fassungen desselben Prinzips die Mittel dazu gewinnen, den
Gedanken von dieser Beziehung in voller Bestimmtheit zu fassen. In
das Programm dieser Theorie geht aber das Interesse daran ein, dieses
Ziel zu erreichen; und die Überzeugung, daß die Substanz-Subjekt-Ein­
heit den einigen Weltprozeß zu denken erlaubt, orientiert ihre Analysen
von Beginn an auf formalontologische Elementarverhältnisse von Selbst­
beziehung und Gegensätzlichkeit. In der Analyse der Einheit von Sein
und Nichts glaubte Hegel diese Einheit in ihrer elementarsten Form zu
erkennen, die nicht mehr hintergangen werden kann und die somit den
Ausgangspunkt für eine festbegründete logische Entwicklung setzt. Man
kann also, indem man die Bedeutung der These über die Einheit von
Substanz und Subjekt als Ausdruck des ,Wahren' untersucht, einen Leit­
faden für die Verständigung über die Absicht und vermittels ihrer auch
über die Grundbegriffe und die Methode von Hegels Wissenschaft der
Logik in die Hand bekommen.
Und so wird denn, aller näheren Untersuchung voraus, auch schon deut­
lich, wie wichtig es ist, eine Eigentümlichkeit dieser Methode, von
Hegels sogenannter ,Dialektik', festzuhalten, die selbst denen, die ihm
folgen wollten, schnell aus dem Griff gekommen ist: Entspricht nämlich
der ,Substanz' die Einheit der Sichselbstgleichheit und dem ,Subjekt' die
Gegensätzlichkeit, so ist es Aufgabe der Dialektik, die Einheit der bei­
den, und das heißt nicht nur die Einheit von Gegensätzen, sondern viel­
mehr die Einheit von Einheit und Gegensätzlichkeit aufzuweisen. Diese
Formulierung entspricht zwar einer schon vom Jenaer Hegel oft gebrauch­
ten Programmformel für die Definition des Absoluten. Es muß aber vor
allem darum gehen, ihre methodologische Bedeutung zu erkennen : Die
Sequenz der logischen Stufen im Fortschritt der Dialektik ist in grund­
sätzlicher Betrachtung nicht eine Folge von Gegensätzen, die sich auflösen
und Begriffe von Einheiten ergeben, in Beziehung auf die sich dann neue
Gegensätze etablieren. Eine solche Sequenz kann am Ende überhaupt nur
zu einem Begriff führen, der aller Gegensätzlichkeit enthoben ist. Die
Dialektik führt aber zur Einsicht in die Einheit von Substanz und Sub­
jekt, also zu einem Gedanken vom Gegensatz - von einem Gegensatz
allerdings, über den hinweg die Einheit der Selbstgleichheit fortbesteht.
In der Sprache der Wissenschaft der Logik sind Namen für diesen Ge­
danken von einer Einheit auf der zweiten Stufe, auf der die Einheit von
Einheit und Gegensatz endgültig etabliert ist, ,der Begriff' und zuletzt
,die Idee'. Der Fortgang, der zu deren Definition führt, kann als Fort-
Hegels Logik der Reflexion 221

gang durch Gegensätze erscheinen, weil er ein Fortgang durch eine Se­
quenz von ungenügenden Einheitsbegriffen ist, deren Ungenügen sich
eben daran erweist, daß die in ihnen gedachten Bestimmtheitsverhält­
nisse gegenüber ihrem Einheitssinn widerständig bleiben. Darum lösen
sich solche Einheitsbegriffe aufgrund der nicht gelungenen Integration der
Gegensätzlichkeit in den Einheitssinn auf.
Hegel faßt die letzte Einheit, welche nicht mehr in einem Gegensatz
gegen die Gegensätzlichkeit zu denken ist, als die ,Allgemeinheit' des
Begriffes. Entsprechend gilt ihm die ,Besonderheit' des Begriffes als die
Variante des Verhältnisses, in dem eines gegen ein anderes bestimmt ist,
in deren Begriff zugleich die Einheit des allgemeinen Begriffes vollständig
,aufgenommen' ist. Das Allgemeine impliziert den Gedanken seiner Spe­
zifikation ebenso wie die Spezifikation nur in Beziehung auf ein Allge­
meines und durchaus nicht im Gegensatz zu ihm zu denken ist. Sie sind
beide von vornherein so gefaßt, daß ihre Unabtrennbarkeit voneinander
feststeht. Das ,Allgemeine' ist nur der Gedanke der Einheit von Ein­
heit und Gegensatz, der gefaßt ist unter dem Gesichtspunkt, daß in allem
Besonderen diejenige Beziehung auf sich erhalten bleibt, welche die des
Allgemeinen ist und welche seine Allgemeinheit definiert. Entspre­
chend ist das Besondere derselbe Gedanke, aber gefaßt unter dem Ge­
sichtspunkt, daß im Einheitsgedanken Bestimmtheitsbeziehungen einge­
schlossen sind. Hat die logische Entwicklung diese Stufe erreicht, so kann
alles, was in ihr noch folgt, nicht mehr dem Nachweis dienen, daß Ent­
gegensetzungen in Wahrheit nur Begriffsbestimmungen eines Ganzen
sind. Was noch weiter ausstehen mag, kann einzig die adäquate Auffas­
sung von einer Einheit zweiter Stufe sein, die in der erreichten Form
der Begriffsbestimmung bereits als Voraussetzung feststeht und die auch
durchgängig geltend gemacht werden kann.
Nun haben allerdings etwa zwei Drittel der formalontologischen Be­
griffe, die in der Wissenschaft der Logik entwickelt werden, ihren Ort
zwischen der elementarsten Einheitsform von Einheit und Gegensatz im
Verhältnis Sein/Nichts und dem Beginn des Teils der Logik, die vor allem
deshalb ,subjektive' Logik heißt, weil sie den logischen Gedanken von ,Sub­
jekt' in der Nachfolge von ,Substanz' entfaltet. In diesem logischen
Raum werden die Varianten der Einheit von Einheit und Gegensatz in
anderer Weise gefaßt als innerhalb der Logik des Begriffs. Zu den wich­
tigsten Aufgaben einer Interpretation der Wissenschaft der Logik gehört
es aufzuklären, wie sich grundlegend verschiedene Typen einer Auffas­
sung der Einheit von Einheit und Gegensatz voneinander abheben lassen
und wie sie sich zu dem Gedanken von ihrer besonderen Einheitsform
222 DIETER HENRICH

im Begriff des Begriffes verhalten, die man ,harmonisch' nennen mag.


Diese Aufklärung wird sich an Hegels logischen Entwicklungen zu orien­
tieren haben; sie wird aber wenig Hilfe von dem erwarten können, was
Hegel selbst zur Methode dieser Entwicklungen innerhalb und außer­
halb der Logik dargelegt hat.
Die Formeln, die Hegel zur Deutung seines logischen Systems ange­
boten hat, sind nämlich nicht prägnant genug und sogar durchaus geeig­
net, die unangemessene Interpretation der Logik als einer Entwicklung
und Auflösung von Gegensätzen zu unterstützen. Im Prinzip ist die
Logik aber nicht ein Verfahren, in dem von einem einzelnen Gedanken
ausgegangen wird, um zunächst dessen Bestimmtheit durch seinen Gegen­
satz zu fassen und um darauf den Gedanken anzugeben, in dem beide
Glieder des Gegensatzes enthalten sind. In dieser Darstellung ist davon
abgesehen, daß im vermittelnden Gedanken nicht nur die Glieder des
Gegensatzes, sondern auch dieser selbst als solcher, also das Bestimmt­
heitsverhältnis der Glieder im hegelischen Sinne, ,aufgehoben' werden
muß. Dieses Moment, das entscheidende Wichtigkeit hat, wird aber auch
in Hegels eigener Darstellung zumindest zurückgedrängt. Ihr zufolge geht
die Logik von einer ,bestimmten' Negation aus und schreitet durch die
Negation dieser Negation zum Anundfürsichsein als einem nunmehr
unbezogenen Gedanken fort (Log Il. 494 ff.). Diese Formel vom speku­
lativen Fortschritt hat in Hegels Nachgeschichte sei es die Aura sei es den
Geruch der Zauberformel gehabt. In beiden Auffassungen hat sie den
wichtigsten zu den vielerlei Gründen beigetragen, die einem Verständnis
dessen auch heute noch im Wege stehen, was in Hegels Wissenschaft
der Logik wirklich vor sich geht.
Heget hat an keiner Stelle seines Werkes anders als beiläufig über
das von ihm verwendete Verfahren gehandelt. Bei der Darstellung des
Systems scheint er sich ganz darauf zu verlassen, daß der Gang der Ent­
wicklung der Denkbestimmungen aus sich selbst heraus die höchste
denkbare Einsichtigkeit hat. So kommentiert sich das System gleichsam
nur exoterisch - in der Abwehr und der vorläufigen Belehrung von
Widerstrebenden. Dazu gibt es Übersichten und Zusammenfassungen über
seinen Gang, die aber nur Innemotechnische HUfsmittel sein sollen. Nir­
gends setzt es zu einer eigenständigen Untersuchung seiner Argumenta­
tionsform an. Zwar hat Hegel Schwierigkeiten bei der angemessenen Ent­
wicklung der einzelnen Gedankenbestimmungen der Logik und bei der kor­
rekten Einrichtung ihrer Abfolge zugegeben. Bei der späten zweiten Auf­
lage des ersten Logikbandes wünschte er sich sogar die Muße, sein Werk
siebenundsiebzig Mal durchzuarbeiten - also genau so viele Male, wie
Hegels Logik der Reflexion 223

der zur Vergebung bereite Geist ihm überhaupt Nachsicht für die Aus­
führung seiner Arbeit gewähren muß (Log I. 22). Es besteht aber kein
Anlaß anzunehmen, daß die Schwierigkeiten, vor denen sich Hege! zu­
gegebenermaßen sah, solche der Verständigung über die Methode waren
und daß er für spätere Fassungen reflektierende Untersuchungen über
seine Methode vorgesehen hatte. Die Schwierigkeiten, die er einge­
stand, sind solche, die sich aus seinem Gegenstand und dem Umfang
seines Materials ergeben (Log I. 22). Dessen wirklichen Zusammenhang
im Ganzen und zugleich in allen Details konsistent und adäquat aufzu­
fassen ist mühsam, weil das Denken sich zu der ihm innewohnenden
Konsequenz nur gegen Widerstände durchfindet. Der Philosoph, dessen
Thema sie ist, wird ihrer Komplexion nicht leicht gewachsen sein. Er
ist zudem von traditionellen Lehrmeinungen und einer auf Reflexion be­
gründeten Bildung befangen. Solche Schwierigkeiten lassen sich aber durch
Methodologie nicht lösen. Der immanenten Konsequenz der Sache frei
zu folgen und sie vollständig zu artikulieren schien Hege! das einzige me­
thodische Postulat von Relevanz für Gang und Schicksal der neuen Dis­
ziplin zu sein und somit auch die einzige Anweisung, deren Befolgung
es möglich macht, jene Schwierigkeiten schließlich zu überwinden.
An einer Stelle des Werkes wird dessen Verfahren aber doch zum
Thema in seinem eigenen Gang - nämlich an seinem Ende. Die Logik
schließt mit einer Erörterung über die Methode, in deren Begriff sie ihre
eigene Form zu ihrem Inhalt hat (Log II. 485). So könnte man erwar­
ten, daß Hegel am Schluß der Logik die Grundform von deren Fortgang
und deren wichtigste Variationen zur Transparenz gebracht hat. Es ist
auch wirklich dieses Kapitel, in dem sich die klassischen Belege für die
Darstellung der Dialektik finden, insbesondere die Formel von der ersten
und der zweiten Negation und der aus beiden sich ergebenden neuen
Unmittelbarkeit (Log II. 495 ff.).
Diese Formeln werden aber, wie sich schon gezeigt hat, den begriff­
lichen Verhältnissen einer Theorie über Einheit von Einheit und Differenz
allenfalls annäherungsweise gerecht. Sie nehmen zwar wohl die Formu­
lierungen auf, mit denen Hegel im Gang der Logik eine vorläufige Ober­
sicht über die Abfolge der Kategorien in einzelnen Kapiteln gab. Man
kann aber leicht zeigen, und es ist auch schon nachgewiesen worden, daß
diese Obersichten und Ankündigungen keine Interpretationshilfe für den
wirklichen Fortgang des Gedankens innerhalb der in Frage stehenden Ka­
pitel geben. Am klarsten ist das für den Fall des ersten Kapitels der
Logik, in dem das Argument im Oberblick mit der wirklich gegebenen
224 DIETER HENRICH

Analyse sogar ganz unvereinbar ist. s Eine ähnliche Situation ergibt sich
aber auch in allen anderen Kapiteln. Die Argumentation, welche einer
Obersicht ihre vorläufige Struktur und Einsichtigkeit gibt, wiederholt
sich nicht im wirklichen Gang des Textes. Und die Argumentation, wel­
che sich dort wirklich entwickelt, kann auch nicht einfach als speziellerer
Fall des Typs von Argumentation verstanden werden, dessen sich die
Übersicht bedient. Hege! scheint für die vorläufige und die exoterische
Darstellung der Entwicklung von Gedankenbestimmungen in überblicken
eine eigene Form zu gebrauchen, welche deren wirkliche Form bewußt
unterbietet. Und es scheint gerade diese Argumentationsform zu sein,
auf die er am Schluß der Logik bei der Analyse der Methode zurück­
kommt.
Man kann sich klarmachen, daß diese im Prinzip unbefriedigende und
auch unhaltbare Situation in einem gewissen Umfang unvermeidlich ist.
Natürlich kann es Hege! in keinem Fall zulassen, daß die Methode als
Gedanke von einem Verfahren erscheint, das vorab ermittelt und das
dann bei der Analyse von Gedankenbestimmungen nur zur Anwendung
gebracht werden muß. Sieht man aber von der geläufigen und für Hege!
offenkundig irrelevanten Vorstellung von ,Anwendung' ganz ab, so bleibt
noch weiter festzustellen, daß die Methode auch in keinem anderen Sinne
dem Gang der Entfaltung der Idee abstrakt gegenüberstehen kann. Sie ist
gar nichts anderes als die Dynamik dieses Ganges. Stellt man allgemeine
Eigenschaften fest, die sich in seinen verschiedenen Phasen wiederholen,
so sind diese Eigenschaften für den Gang als solchen nicht wesentlicher
als das, was für jede einzelne Phase als solche jeweils spezifisch ist und
was somit in Zusammenfassungen, vor allem in Zusammenfassungen in
der Gestalt einer Formel, nicht eingehen kann. Auch insofern steht
die Logik durchgängig unter dem Immanenzpostulat ihres Ansatzes.
Daraus folgt,_ daß die Logik immer dann, wenn sie ihre Argumenta­
tionsform im Singular und doch mit dem Anspruch erläutert, sich auf alle
ihre Analysen zugleich zu beziehen, gar nicht anders als in der Form von
Zusammenfassungen und überblicken sprechen kann, in der für die Ver­
stehbarkeit ihres Fortschreitens konstitutive Eigenschaften beiseiteblei­
ben müssen. Das gilt notwendig auch für die Darstellung der Methode
an ihrem Ende. In ihr will Hegel nicht etwa das eigentliche Geheimnis
des logischen Fortschritts wie in einem dramatischen Finale enthüllen. Er
muß sich vielmehr auch in dieser Darstellung der Bewegungsform des

8 Vgl. vom Vf. Anfang und Methode der Logik. - In : Hegel im Kontext. Frankfurt
1971.
Hegels Logik der Reflexion 225

Begriffes darauf verlassen, daß deren Natur schon erkannt worden ist
(Log II. 486) . Weil es sich so verhält, kann sie als solche zum Thema
werden, indem Formeln wieder aufgenommen werden, die auch zuvor
schon dem Zwecke der Übersichtlichkeit in der Folge von Schritten einzel­
ner Begriffsanalysen dienten. Mit ihrer Hilfe wird das Ganze des Fort­
gangs und in ihm seine Modifikationen in der Weise, in der es bereits
durchlaufen ist, erinnert und in seine endgültige Stelle gerückt im Zu­
sammenhang des Gedankens von der suisuffizienten Idee, die zugleich
umfassender Prozeß ist. Da diese Idee alle Modifikationen des Fort­
gangs auch ihrer Form nach umfaßt, kann am Schluß der Logik über
diese Form nichts ausgesagt werden, was nicht auch schon, indem es
artikuliert wird, dazu tendiert, den Kontext von Gedanken zu verdun­
keln, der sein Thema ist. Dem ist in gewissem Maße Rechnung getra­
gen, wenn Hegel erklärt, daß am Ende der Logik die Methode als etwas
zu betrachten sei, was eigentlich in den Gang der Entwicklung der
Form selber gehöre (Log II. 485/6.).
Die Mängel in der Aufklärung über das Verfahren der Logik lassen
sich so aber doch nur zu einem Teil rechtfertigen. Es wäre möglich gewe­
sen, den Abstand zwischen dem wirklichen Verlauf der Analysen des
Werks und der Form, in der sie in überblick und Rückschau kondensiert
und formalisiert sind, weit schmaler zu halten. So hätte ausdrücklich ge­
zeigt werden können, welche Verkürzung der Formen des methodischen
Fortschritts es am ehesten erlaubt, übersieht über ihn zu gewinnen. Damit
würde der Abstand zwischen dem Gang und der Selbstverständigung
der Logik erklärt worden sein; und es wäre zugleich die Aufgabe unter­
strichen worden, die Form in ihrer vollen Artikulation und unter Verzicht
auf handliche Universalformeln aufzufassen. Schließlich würde der Zwang
zur Verallgemeinerung es doch nicht ausschließen, den Begriff der Me­
thode reicher zu fassen und vor allem ihn so zu fixieren, daß überhaupt
absehbar wird, in welchen Modifikationen sich die Methode ausgestal­
ten kann. Dazu sind die Formeln über die ,bestimmte Negation' aber
ungeeignet. Man kann verstehen, daß die Einheit von Gleichgültigkeit
und Bestimmtheit verschiedene Varianten zuläßt. Ist aber nur vom Be­
stimmtheitsverhältnis in derjenigen Form die Rede, auf welche die For­
mel von der ,bestimmten Negation' zielt, so sieht man nicht, wie dieses
Verhältnis seiner Form nach variiert werden könnte. Jede Darstellung
und Nachfolge Hegels, die sich im Blick auf Hegels eigenes Methoden­
kapitel darauf verläßt, sich ihrer und nur ihrer zu bedienen, endet
zwangsläufig in textfernen und gedankenschwachen Formalismen, die
dann auch leidlt als Leerformeln zu disqualifizieren sind.
226 DIETER HENRICH

Daß Hegel dennoch an diesen Formeln festhielt, muß also auch damit
erklärt werden, daß er kein zureichend deutliches Bewußtsein und keine
voll ausgearbeitete Kenntnis von der Methode besaß, die seinen eigenen
Texten ihre Form gibt. Denker, die eine neue theoretische Möglichkeit
entdecken, sind in aller Regel außerstande, die Eigenarten dieser Theo­
rie und die Probleme, die sich bei ihrem Aufbau ergeben, ebenso klar
zu fassen wie die Schwächen aller vorangehenden Theorie und die Gründe,
welche auf den neuen Theorieweg zwingen. Was für PLATON und für
l<ANT gilt, scheint für Hegel in erhöhtem Maße zuzutreffen. Es ist auf­
fällig genug, daß sich seine Wissenschaft der Logik entfaltet, ohne daß
auch nur an einer Stelle über mögliche Alternativen zu ihrem Aufbau
und Fortschritt irgendwelche Erwägungen angestellt würden. Nirgends
hat Hegel einen Gedankenfortschritt in nachträglicher Betrachtung mit
Rücksicht auf die Argumentationen, aus denen sich dieser Fortschritt
ergeben hat, vollständig zu charakterisieren versucht. Den seltenen Hinwei­
sen auf Eigentümlichkeiten der begrifflichen Situation, welche gerade er­
reicht ist, fehlt es an Bestimmtheit und Dichtigkeit. Sie sind summarisch
und keine Analysen, sondern Etiketten, welche die Übersicht erleichtern,
und allenfalls Hinweise auf begriffliche Mittel, welche eine Analyse der
Argumentation erlauben würden. Offenbar ist Hegel unvergleichlich viel
mehr um die Ausarbeitung als um die Beschreibung seiner Methode
bemüht. Man gewinnt den Eindruck, daß er auch grundsätzlich außer­
stande war, zu einer Beschreibung, die angemessen ist, zu gelangen. Alle
Kraft des Denkens ist von der Aufgabe gefesselt, die in einer langen
Tradition ausgemagerten formalontologischen Begriffe in der Komplexion
zu fassen, die ihnen in Wahrheit eignet, und ihren Ort in der verwickel­
ten Dynamik ihres Hervorgehens richtig zu bestimmen. In dieser An­
strengung gewinnt Hegel wie von selbst die Definitionen derjenigen
Begriffe, von denen sich herausstellt, daß sie sich über den ge­
samten Gang der Wissenschaft der Logik verwenden lassen. Sie sind die
wesentlichsten Explikationsmittel bei der Darstellung der logischen Ge­
dankenfortschritte. Können sie auch keine methodologische Universalfor­
mel rechtfertigen, so könnten sie doch in einer selbständigen, wenngleich
nachträglichen Analyse der Methode eine Schlüsselrolle spielen. Aber He­
gel scheint weder zu versuchen noch scheint es ihm gelingen zu kön­
nen, über ihre Eigenart so zu verständigen, daß dabei von ihrem aktuellen
Gebrauch abgesehen ist. Nicht nur der Wissensbegriff des Systems, für
das ,Zusehen' nicht nur die höchste, sondern sogar die einzige Form phi­
losophischer Erkenntnis ist, steht dem entgegen, sondern auch die Schwä­
che der philosophischen Ausbildung von Hegels Generation. Ihre in Prin-
Hegels Logik der Reflexion 227

zip und Ausführung gänzlich neuen Theorieentwürfe wurden in einer


Zeit konzipiert, in der formale Betrachtungsweisen, die den Fragen an­
gemessen sind, die zu Recht als philosophische Grundfragen galten, nicht
entwickelt waren. So mußte das Formniveau der Konzeptionen selbst
die formalen Möglichkeiten zu ihrer Beschreibung von vornherein weit
übertreffen. Das ist offenkundig der Fall im Gang der Entwicklung von
FrCHTES Wissenschaftslehre, aber nicht minder und eigentlich ebenso offen­
kundig in Hegels Wissenschaft der Logik, obgleich dies Werk anders
als das FrCHTES die Entwicklung der formalen Ontologie zum Thema hat.
Was für die Konzeption in der Epoche ihres Entstehens unvermeidlich
war, muß nicht für immer ein Mangel auch ihrer Interpretation bleiben.
Schon seit längerem ist es dringlich und auch möglich, den Prozeß der
Entwicklung in Hegels Logik in einer Auslegungsweise zu erschließen,
die sich von seinen eigenen Worten freihält und über die Sammlung von
Hegelpassagen hinauskommt, die aber dennoch den wirklichen Text die­
ses Werkes erreicht, statt ihm eine ihm fremde und fremd bleibende for­
male Theorie nur zu unterschieben. Im folgenden soll dies für den signi­
fikanten Fall der Logik der Reflexionsbestimmungen versucht werden.
Dieses Kapitel der Logik ist deshalb signifikant, weil in ihm das Pro­
blem der Einheit von Gleichheit mit sich und Gegensätzlichkeit, das der
Logik als ganzer und auf allen ihren Entwicklungsstufen zugrunde liegt,
in einer Weise behandelt wird, welche für die Logik insgesamt Bedeu­
tung hat. Zwar wird auf jeder logischen Stufe eine Einheitsform analy­
siert, in der Gegensätzlichkeit und Selbstgleichheit der Gegensätzlichen
zugleich aufgefaßt werden können. Auch die Logik der Reflexion ist
eine solche Stufe. Sie ist insofern ein Kapitel der Logik wie jedes andere.
Dennoch ist jene Einheit hier in besonderer Weise Thema. Die Logik
der Reflexion ist die einzige Stufe der logischen Entwicklung, auf der
dieses Verhältnis direkt und in abstracto und ohne Rücksicht auf wei­
tere Grundbegriffe der formalen Ontologie zum Thema gemacht ist.
Indem Hegel in der These von der Einheit von Substanz und Subjekt
das Prinzip seines ganzen Systems formulierte und diese Einheit als die
vollständig gewordene Einheit von Negativität und Gleichheit mit sich
deutete, ist auch festgelegt, daß alle Stufen der logischen Entwicklung
nichts als Konzeptionen jener Einheit sein können. Daß sie es sind, ist
aber in den meisten Fällen nicht ohne weiteres zu erkennen. Denn die
Logik nimmt ihren Ausgang von dem einfachen Gedanken Sein/Nichts,
von dem sich erst erweisen muß, daß er die am wenigsten artikulierte
Variante, sozusagen die Vorform der Einheit von Bestimmtheit und
Selbstbeziehung ist. Sie endet mit der ausgeführten Logik des Begriffs,
228 DrETER HENRICH

die ein in hohem Grade kompliziertes Verhältnis der beiden Elemente


in jener Einheit zum Thema hat. Am Anfang wie am Ende der Logik ist
es daher aus gegenläufigen, aber einander entsprechenden Gründen un­
möglich, die Analyse der formalontologischen Begriffslage einzig mit
Hilfe der Terme von Selbstbeziehung und Negativität zu bestreiten. Am
Anfang ist noch nicht erfaßt, daß alle formalontologische Problematik in
der Aufgabe aufgeht, ihr Verhältnis zu bestimmen. Und am Ende sind
aus dem Gang der Logik, vor allem aus der Analyse der Reflexion, eine
ganze Reihe von Begriffsbestimmungen vorauszusetzen und mitzufüh­
ren, welche schon vorab als Elemente in einer ausdifferenzierten Einheits­
vorstellung von Selbstbeziehung und Negativität erkannt worden sind.
Vom Anfang der Logik bis hin zur Logik der Reflexion bleiben im Gegen­
stand der Analyse Elemente erhalten, die nicht ausdrücklich auf die
Grundproblematik der Logik zurückgeführt werden können. Vom Ende
der Reflexionslogik an muß aber ein Bestand von Resultaten der Logik
der Reflexion mitgeführt werden, die den in diesem Logikkapitel erreich­
ten Problemstand komplizieren und die es deshalb ausschließen, daß von
der Einheitsproblematik der Logik weiterhin nur in ihrer abstraktesten
Fassung die Rede sein kann.
Diese Umstände erklären, wieso im Kapitel über die Logik der Refle­
xion die wichtigsten Explikationsmittel der Wissenschaft der Logik ihrer­
seits zum Thema der Analyse gemacht sind. ,Unmittelbarkeit' und ,Ver­
mittlung', aufgefaßt als ,Negation', ,Setzen' und ,Voraussetzen', ,äußer­
lich Reflektieren' und ,Bestimmen' und schließlich ,Identität' und ,Ge­
gensatz' sind Terme, die in der Analyse nahezu jeder formalontologischen
Begriffsstufe Verwendung finden können. Der Ort, an dem sie in der
Logik selbst zum Gegenstand der Untersuchung und einer spekulativen
Entwicklung werden, ist jedoch die Logik der Reflexion. Daß dies im Rah­
men des Ganges der Logik und nicht etwa in einer methodologischen
Exkursion oder Superstruktur geschehen kann, erklärt sich, wie gezeigt,
aus Konzeption und Aufbau dieses Werkes.
Versteht man also Hegels Analyse der Reflexion, so gewinnt man
damit zumindest zweierlei : Klarheit über den Sinn der wichtigsten Ex­
plikationsmittel der Logik und eine Orientierung über den spezifischen
Sinn von Hegels Methode. Denn wenn es sich zeigt, daß Hegel sogar
seine wichtigsten Explikationsmittel auf eine Weise entwickelt, die von
der geläufigen und von ihm selbst ermutigten Auffassung seiner Methode
abweicht, dann wird man ohne großes Risiko folgern dürfen, daß keine
Interpretation der Logik als ganzer zutreffen kann, welche zwangsläufig
hinter der Auffassung von Selbstbezüglichkeit und Negativität zurück-
Hegels Logik der Reflexion 229

bleibt, welche Hegel in der Analyse der Reflexion erreicht hat. Es ist eine
Minimalbedingung für jede Interpretation, daß Hegels Systembegriff so
gefaßt wird, daß sich die Logik der Reflexion ohne Artikulationsverlust
in ihn einschreiben läßt. Nach allem, was gesagt wurde, liegt die Ver­
mutung nahe, daß die Logik der Reflexion gegenüber der geläufigen
Vorstellung von der Eigenart seiner Methode einen Oberschuß aufweist.
Ist nämlich Hegels Programm durch die Formel der Einheit von Subjekt
und Substanz beschrieben und zielt dieses Programm auf die Logik des
Begriffs, so muß die Reflexionslogik, in der die Einheit von Einheit und
Differenz als solche direkt zum Thema wird, zumindest einen solchen
Begriff von dieser Einheit entfalten, an den sich die Logik des Begriffs
überhaupt anschließen läßt. Das Programm der Begriffslogik läßt sich
aber, wie sich schon erwiesen hat, mit den Formalitäten der Rede von
der ,bestimmten Negation' sicherlich nicht einmal formal beschreiben. So
wird die Logik der Reflexion nur dann allgemein brauchbare Explika­
tionsmittel entwickeln und eine unverlierbare Grundlage für die Logik
des Begriffs legen können, wenn sich zwischen ihr und der Logik des
Begriffs über die Entfernung einer langen Sequenz von Kategorien hin­
weg auch eine strukturelle Kontinuität erkennen läßt.

li. ARGUMENTANALYTISCHER KOMMENTAR ZUR LOGIK


DER REFLEXION o

1. Umwege zum Wesensbegriff

Aus diesem Interesse soll versucht werden, den Text von Hegels Logik
der Reflexion in der Form eines Kommentars aufzuschließen, der vor allem
die Argumente verständlich macht, welche seine Bestimmung und seine
Entwicklung der Begriffe von Reflexion tragen. Dieser Kommentar wird

u Der folgende Kommentar ist, ebenso wie das vorausgehende Kapitel, gänzlich

neu geschrieben worden und gegenüber der ersten Fassung (Hege! im Kontext, a.a.O.
95 ff.) in einigen Punkten auch zu veränderten Thesen gekommen. Insbesondere
ist die Textexegese von B 2, 2-5 und die Auffassung von der Stellung des Abschnitts
über Die äußere Reflexion nicht mehr die der ersten Fassung. Auch wurde der
Versuch gemacht, die Auslegung des Textes und die Rekonstruktion eines Argumen­
tes, das den Text am besten abdeckt, von einander getrennt und doch auf einander
bezogen zu halten und beide in der nötigen Ausführlichkeit zu geben. Dadurch ist
der Umfang der Abhandlung auf fast das Dreifache gewachsen. Nur das Schlußkapitel
blieb beinahe ganz unverändert, obgleich auch es hätte verbessert werden sollen.
230 DIETER HENRICH

dem Text Hegels folgen. Da aber Hege! seine eigene Argumentation


nicht aus der Distanz dessen durchschauen konnte, der seine Argumente
zugleich mit den Mitteln einer Theorie über seine Argumentation be­
schreibt, ist nicht zu erwarten, daß der Kommentar seine wichtigsten The­
sen eigenen Ausführungen und Mitteilungen Hegels entnehmen kann.
Die Logik der Reflexion verstehen heißt diesem Text Hegels eine artiku­
lierte Argumentation zuordnen, die seinen gesamten Bestand, und zwar
im Kontext der Wissenschaft der Logik als ganzer, besser als jede andere
abdeckt und die zugleich in sich so einleuchtend wie möglich ist. An­
gesichts der Schwierigkeit der Sache und des geringen Artikulationsgra­
des, den Hege! selbst bei der Verständigung über ihr Verfahren erreichte,
ist schon viel gewonnen, wenn ein solcher Kommentar eine angemes­
sene Form hat und die korrekte Interpretationsrichtung einschlägt. Vol­
len Aufschluß über die theoretischen Komponenten, aus denen die Dyna­
mik von Hegels spekulativen Texten hervorgeht, läßt sich nicht im Kom­
mentar, sondern nur in einer Untersuchung gewinnen, die von diesen
Komponenten selbst ausgeht und sie so miteinander verbindet, daß sich
Hegelsches Argumentieren frei und nunmehr übersichtlich wiederholen,
damit aber auch einsichtig korrigieren läßt. 10 Schließlich ist noch anzu­
merken, daß der Kommentar erst allmählich zu den Punkten gelangen
kann, an denen sich prinzipielle Folgerungen ziehen lassen.

a. Das Wesen als Nachfolger des Seins.

Die Logik des Wesens beginnt mit zwei Abschnitten, in denen Begriffs­
bestimmungen des Wesens gegeben werden, die offensichtlich hinter dem
zurückbleiben, was sich bereits am Ende der Logik des Seins ergeben
hatte. Schon dort hatte Hege! eine Situation erreicht, in der das Postu­
lat fest begründet erschien, das Verhältnis von Selbstbeziehung und Be-

Dann wäre aber der Text, auf den sich D. Lachtermans Beitrag bezieht, nicht mehr
so präsentiert gewesen, wie er ihm vorlag. Seit 1971 habe ich die Probleme der
Logik der Reflexion in Seminaren in Heidelberg und an den Universitäten Colum­
bia und Harvard diskutiert. Aus diesen Diskussionen ist eine Reihe interessanter
Arbeiten hervorgegangen, von denen die von Hinrich Fink-Eitel und Andrzej Ra­
paczynski wahrscheinlich bald veröffentlicht sein werden.
10 Seit der Publikation der ersten Fassung habe ich in zwei Aufsätzen Grund­

risse für einen selbständigen Aufbau der Grundargumente von Hegels Logik vorge­
tragen : Hegels Grundoperation. In : Der Idealismus und seine Gegenwart. Festschrift
für Werner Marx. Harnburg 1976. 208 ff.; und Formen der Negation in Hegels Lo­
gik. In : Hegel-]ahrbuch 1974. 245 ff. Es mag nützlich sein mitzuteilen, daß die vor­
liegende neue Fassung von Hegels Logik der Reflexion im wesentlichen 1973 vorlag,
daß sie aber wegen der Verzögerung der Drucklegung 1976 noch einmal überarbeitet
worden ist.
Hegels Logik der Reflexion 231

stimmtheit als vollständige Einheit zu fassen. Denn der Gedanke der


,absoluten Indifferenz' hatte sich als unhaltbar gerade deshalb erwie­
sen, weil in ihm zwischen dem Wechselverhältnis einander bestimmender
Faktoren und dem Prinzip ihrer Einheit, in dem sie bestehen, zugleich
eine Beziehung von Äußerlichkeit und bloßer Unmittelbarkeit zu denken
war. Aus dieser Begrenzung, so war schon gezeigt, kann man nur her­
auskommen, wenn man die Einheit der Indifferenz als aus ihrem eige­
nen Begriff bestimmt auffaßt, so daß die Bestimmtheit nicht mehr als ihr
gegenüber äußerlich fortbesteht, sondern zum eigenen Fürsichsein der
Indifferenz und somit zu einem internen Moment ihrer primären Bedeu­
tung wird. Eine solche Indifferenz muß sich also aus sich selbst heraus
in Differenz zu sich bringen und darin eine Bestimmtheit gewinnen, die
nicht an ihr statthat, sondern Ergebnis ihrer Selbstbestimmung ist. Von
dieser Indifferenz war schon am Ende der Seinslogik gesagt worden, daß
sie zu denken sei als "einfache und unendliche negative Beziehung auf sich,
die Unverträglichkeit ihrer mit sich selbst, Abstoßen ihrer von sich selbst
(Log I. 397). Diese Formulierung benutzt zwar noch nicht den Begriff des
Wesens, das als Negation sich auf sich selbst bezieht, das auf diese Weise
nur sich selbst bestimmt und somit absolute Negativität ist. Sie nennt
aber doch schon formale Bedingungen, denen jeder mögliche Wesens­
begriff entsprechen müßte. In den Abschnitten über das Wesentliche und
den Schein am Anfang der Wesenslogik bleiben sie dennoch unterboten.
Denn ,wesentlich' wird etwas, das als Bestimmtes schon vorauszuset­
zen ist, unter einem externen Gesichtspunkt. Der Schein hat zwar keinen
vom Wesen abhebbaren Bestand - er ist Bestimmtheit am Wesen. Dies
aber ist er so, daß seine Bestimmtheit sich gerade nicht aus dem Wesen
herleitet, sondern nur, wie immer haltlos, an ihm aufscheint. McTag­
gart hat deshalb vorgeschlagen, diese Abschnitte nur als Interludien auf­
zufassen und die eigentliche Entwicklung der Wesenslogik, so wie es die
Enzyklopädie tut, mit der Kategorie der Identität beginnen zu lassen. 1 1
Nun ist die Enzyklopädie nur der Grundriß für eine Darstellung, die
vollständige Argumente zu geben hat; und nur die große Logik argu­
mentiert. Aber auch die Enzyklopädie hat (selbst in ihrer letzten Ausgabe)
Bemerkungen über ,Wesentliches' und über ,Schein' nicht vollständig ge­
tilgt (Enz § 114) und damit Raum für die Vermutung gelassen, daß
ohne sie der Obergang zu einer Logik des Wesens nicht gelingen kann,
die sich aus ihrem eigenen Begriffsbestand weiterentwickelt. Unter Ab­
sehen von der Frage, ob es zu Hegels wirklichem Argumentationsgang

11 A Commentary to Hegels Logic. 1910. 99.


232 DIETER HENRICH

Alternativen gab, soll deshalb hier gezeigt werden, daß in dem von ihm
erstellten Rahmen ein Schritt direkt von der Indifferenz zur Identität
unmöglich gewesen wäre. In ihm ist die Behandlung von Gedanken, die
hinter die Bedingungen zurückfallen, welche für einen angemessenen
Wesensbegriff bereits in Geltung sind, die notwendige Vorbedingung da­
für, daß der Begriff des Wesens überhaupt als bestimmter Gedanke ge­
faßt und fortentwickelt werden kann.
Hege! vermeidet es, das Resultat, das er am Schluß der Seinslogik
erreicht, schon in der Terminologie der Wesenslogik zu formulieren. 12
Im Gedanken von der Indifferenz, welche gegen sich selbst indifferent
wird, wird zwar ein negativer Term auf sich selbst angewendet und
insofern ein Fall verdoppelter Negation erreicht. Und die "Negation mit
der Negation", die als sich negierende Negation Bestimmtheit gegen
sich gewinnt, ist der Grundbestand in Hegels Definition des Wesensbe­
griffs. Es ist aber nicht möglich, aus dem Gedanken der gegen sich
indifferenten Indifferenz mit der gleichen Sicherheit Folgerungen abzulei­
ten wie aus der verdoppelten Negation - es sei denn, die absolute In­
differenz wäre zuvor schon als Variante von negierter Negation interpre­
tiert worden. Ist jemand gleichgültig gegen seine eigene Gleichgültigkeit,
so ist er damit noch nicht in bestimmten Verhältnissen engagiert. Was
für diese humane Erfahrung gilt, hat seine Entsprechung in der forma­
len Ontologie : Die Situation, in der nicht einmal die Unterschiedenheit
unterschieden wird, kann nicht so ohne weiteres für eben dieselbe Situa­
tion gehalten werden wie die, in der Unterschiede zur Bestimmtheit kom­
men. Es könnte also scheinen, daß Hege! nur im Durchgang durch die
Abschnitte über das Wesentliche und den Schein eine negationstheore­
tische Interpretation der absoluten Indifferenz erreichen kann.
Allerdings darf man die Begriffsbildung ,absolute Indifferenz' nicht so
isoliert betrachten. Schon längst hatte sich im Gang der Seinslogik er­
geben, daß die Problematik der Logik das Verhältnis von Selbstbezie­
hung und BestimmtheUsbeziehung ist. War einmal jene Begriffsbildung
erreicht, so lag es so nahe wie nur möglich, ihre Bedeutung mit Hilfe
der Negationsbegriffe, die gleichfalls längst in Anspruch genommen wor­
den waren, so zu fixieren, daß der Begriff des Wesens im direkten Zu­
griff erreicht wurde. Der Begriff der absoluten Indifferenz würde in die­
ser Fassung alle strukturellen Aspekte aufweisen, welche notwendig sind,

1Z Im Unterschied zur zweiten Auflage der Seinslogik präsentiert die erste Auf­

lage der Wissenschaft der Logik das Wesen schon in seinem Hervorgehen in der
negationstheoretischen Sprache der Wesenslogik.
Hegels Logik der Reflexion 233

die volle Bedeutung des Begriffs der absoluten Negativität auf ihn abzu­
bilden. Kam ein solcher Übergang von der Seins- zur Wesenslogik dennoch
nicht zustande, so müssen ihm andere Widerstände entgegengewirkt ha­
ben.
Sie erklären sich aus der Weise, in der Hegel ,Wesen' als Nachfolger
des Begriffs vom Sein aufzufassen hat. Der Gedanke vom Wesen darf
dem vom Sein nicht nur so nachfolgen, daß er nach ihm eingeführt wird
und daß er seine Stelle übernimmt. Er muß in dem stärkeren Sinn die
Nachfolge von Sein antreten, daß er alle die Charaktere einschließt, welche
die Seinsbestimmungen und insbesondere die letzte Seinsbestimmung ent­
wickelt hatten. Er muß sie des weiteren so miteinander verbinden, daß die
Analyse der neuen Begriffsbestimmung ,Wesen' nicht wieder in die Lo­
gik des Seins zurücktreibt. Könnte beides nicht gesichert werden, so wäre
Wesen nur ein Vertreter von Sein. Es würde Sein weder voll ersetzen
noch definitiv ablösen können. So muß also vom Wesen gezeigt wer­
den, daß nichts von dem, was Sein charakterisierte, im Übergang zum
Wesen schlechtweg nur verloren gegangen ist. Hegel hat also einen guten
Grund, am Beginn der Wesenslogik gleichsam provisorische Definitionen
des Wesens zu untersuchen, in denen noch eine äußerliche Beziehung zu
Sein aufrechterhalten, zugleich aber die Priorität des Wesens grundsätz­
lich anerkannt ist. Durch deren Korrektur soll die vollständige Integration
der Seinscharaktere in den Wesensbegriff erreicht werden. Ist die Ver­
fassung der Vernunft im Sinne von Hegels Subjektbegriff dynamisch, so
wird man auch ihr im objektiven Sinne und nicht nur dem Philosophen
die Erzeugung von Gedanken zutrauen können, die zu beschreiben sind
als Gedanken der Vernunft im Stadium des Versuches, einen definitiven
Begriff vom Wesen zu gewinnen.
In Hegels Konzept ist aber noch ein weiterer Grund gelegen, der einem
einfachen Übergang vom Seinsbegriff zur internen Entwicklung des We­
sens als Negation der Negation widersteht. Nicht nur in der schon be­
schriebenen Weise soll nämlich der Wesensbegriff vollgültiger Nach­
folger des Seinsbegriffs sein. Denn Wesen folgt dem Sein nicht nur
nach als eine tiefere Fassung derselben Einheit von Selbstbeziehung und
Gegensätzlichkeit, welche auch der Inhalt aller seinslogischen Begriffs­
bildungen gewesen ist. Wesen ist vom Sein auch dauerhaft unterschie­
den als eine grundsätzliche Alternative zu der Auffassung jener Einheit
im Rahmen der seinslogischen Möglichkeiten. Erst im Übergang zum
Wesen wird einsichtig, daß die Einheit von Selbstgleichheit und Differenz
nur dann erreicht werden kann, wenn von Selbständigkeit der Differen­
ten in jeglicher Form vollständig abgelassen wird. In allen Seinskatego-
234 DIETER HENRICH

rien haben die Differenten ,auch' eine Seite, die von ihrem Differenz­
verhältnis unabhängig bleibt. 13 Im Wesen hingegen wird zum ersten
Mal einzig dem Negativen als solchen eine Selbständigkeit zugesprochen.
In diesem Sinne ist das Wesen zum ersten Mal ,absolute' Negativität im
vollgültigen Sinn.
Aber dennoch ist das Wesen der Nachfolger des Seins. Nachfolger von
Sein kann es nur sein, wenn es formale Eigenschaften aufweist, welche
denen von ,Sein' entsprechen, Alternative zu ihm aber wiederum nur
dann, wenn es im Gegensatz zu den formalen Eigenschaften bestimmt
wird, welche für Sein charakteristisch waren. Wesen muß sowohl selbst
als das, was Sein entspricht, wie auch als das Wesen gedacht werden,
das dem Sein entgegengesetzt ist. Aber auch noch in diesem Gegensatz
darf das Sein, dem das Wesen gegenübersteht, nicht als von ihm unab­
hängig angenommen sein. Es ist als ein Anderes des Wesens zu denken,
welches dennoch allein aus ihm hervorgeht und aus der Kraft des We­
sens ihm doch gegenübertritt. Es ist somit zu erwarten, daß das Wesen
als Nachfolger des Seins durch den Terminus ,Sein' in zwei verschiedenen
Weisen charakterisiert werden kann: Als dasselbe wie das Wesen und
als das, was in der Einheit dieses umfassenden Wesensbegriffes dennoch
vom Wesen als solchen unterschieden ist. Die Einheit des Wesensbegriffs
wird sich nur dann erreichen lassen, wenn sich sichern läßt, daß ein und
derselbe Begriff wirklich beide Charaktere aufweisen kann, ohne daß
damit seine Konsistenz verlorengeht.
Diese theoretische Problemlage tritt in der Wissenschaft der Logik
im Übergang zum Wesen aus Gründen auf, die für keine andere Pas­
sage der Logik zutreffen. Am Beginn der Logik und bei der Entwicklung
des Seinsbegriffs sind noch gar keine grundlegenden Alternativen logi­
scher Entwicklung erreicht, die zu einander in Beziehung zu bringen wä­
ren. Im Übergang zur Logik des Begriffs ist der Einheitsbegriff des
Wesens schon vorauszusetzen. Es geht nur noch darum, die Weise, in der
die Einheit von Einheit und Gegensätzlichkeit in Beziehung auf Sein und
Wesen gedacht wird, so zu fassen, daß sie eine harmonische Entwicklung
erlaubt. Sie löst die interne Produktion von Gegensätzen ab, welche für
den Fortgang der Wesenslogik charakteristisch bleibt und bringt so einen
Modus des Fortgangs in die letzte Stufe der Logik ein, der dem wieder
näher kommt, der der Seinslogik eigentümlich ist. Die Grundkonzeption
eines Einheitsbegriffes, der aus sich selbst heraus auf eine Alternative zu

1 3 Vgl. Reiner Wiehl: Platos Ontologie in Hegels Logik des Seins. In: Regel-Stu­
dien 3. 1965. 157 ff.
Hegels Logik der Reflexion 235

sich bezogen ist, muß auch die Begriffslogik als ihren eigenen Aus­
gangspunkt aus der Logik des Wesens übernehmen.
Die Beziehung der Nachfolge von Wesen zu Sein läßt sich in einer
Sprache, die etwas größere Distanz zu Hegel hält, auch wie folgt be­
schreiben: Theorien, welche eine ihnen vorausgehende Theorie in deren
eigenem Problembereich und innerhalb derselben Theorieform ablösen,
haben fast immer einen größeren Komplexionsgrad als ihre Vorgänger.
Sie können auch einen größeren Anwendungsbereich haben. Ist dies letz­
tere der Fall, so müssen sie in zweierlei Sinn als Nachfolger ihrer Vor­
gänger genommen werden. In einem Sinn sind sie als Ganze Nach­
folger. Denn die Probleme, welche die frühere Theorie aufwarf, können
nun nur noch im Rahmen der Grundtheoreme der neuen Theorie eine Lö­
sung finden. Das Lösungspotential der früheren Theorie wurde nicht nur
auf einem erweiterten Gebiet bewährt, sondern es mußte umgekehrt eine
Theorie mit notwendig erweitertem Anwendungsbereich entwickelt wer­
den, weil sich die frühere Theorie, die aus inneren Gründen auf einen
engeren Anwendungsbereich beschränkt war, als prinzipiell unhaltbar er­
wiesen hatte. In einem anderen Sinn ist die neue Theorie aber nicht als
ganze, sondern durch eine ihrer Teiltheorien Nachfolger der vorausge­
henden : Der Bereich, für den die Vorgängertheorie galt, muß auch in der
neuen Theorie als solcher erkennbar, ausgegrenzt und abgedeckt sein; und
es muß möglich sein, die Begriffsbildung der vorausgehenden Theorie
und ihren, wie immer vorläufigen, theoretischen Erfolg in den Begriffen
der Nachfolgetheorie zu interpretieren. So ist also die neue Theorie Nach­
folger in einer Doppelrolle. Das Verhältnis von Hegels Logik des Wesens
zur Logik des Seins entspricht ganz diesem Verhältnis und weist nur
die zusätzliche eigentümliche Eigenschaft auf, daß zwischen der We­
senstheorie als ganzer und der Seinstheorie, welche zu einem Teil der
Wesenstheorie geworden ist, auch ein Gegensatzverhältnis bestehen blei­
ben muß. Auch dieses Verhältnis muß also aus der Einheit des Wesens­
begriffes zu entwickeln sein.

b. Das Wesentliche.

Man versteht nun leicht, warum Hegel nicht in einem Schritt vom letz­
ten Kapitel der Seinslogik zu dem Wesensbegriff übergehen konnte, der
die absolute Indifferenz als verdoppelte Negation und als absolute Ne­
gativität interpretiert. Ein Wesensbegriff, der wirklich die Nachfolge von
Sein antreten und wahren kann, läßt sich nur erreichen, wenn in seine
eigene Bestimmung sein doppeltes Verhältnis zu seinem Vorgänger auf-
236 DIETER HENRICH

genommen werden kann. Die Experimente mit den Gedanken ,Das We­
sentliche und das Unwesentliche' und ,Der Schein' sind die beiden Etap­
pen des Weges, auf denen Hegel zu diesem Ziel kommt. Es ist deshalb
nicht zufällig oder von Nachteil, daß sie formalontologische Begriffsbil­
dungen anzeigen, in denen das Wesen noch in einer äußeren Beziehung
dem Sein gegenüber verharrt. Können Beziehungen dieser Art in die De­
finition des Wesensbegriffes als Momente von dessen interner Entwick­
lung eingebracht werden, so ist eben damit ein angemessener Wesensbe­
griff etabliert.
Es ist nun näher darzulegen, wie Hegel den Begriff des Wesens als
eine Begriffsform gewinnt, die sich im angegebenen Sinn aus sich selbst
heraus differenzieren läßt. Er geht aus von einem noch ganz und gar
undifferenzierten Wesensbegriff, der gefaßt ist lediglich als diejenige Be­
griffsbestimmung, welche die gesamte "Sphäre" des Seins suspendiert.
Solange noch nicht deutlich ist, auf welche Weise ein Wesensbegriff das
Sein auch enthalten kann, ist natürlich gar nicht zu vermeiden, daß der
Wesensbegriff dem Sein in dem Verhältnis der Andersheit gegenüber­
steht. Solange der Wesensbegriff in ein solches Verhältnis von Einern zu
Anderem lediglich eingetragen werden kann, wird er auch nur dem An­
spruch nach an die Stelle von Sein treten, während er in Wahrheit noch
unter seinslogischen Bedingungen stehengeblieben ist. Denn die äußerliche
Beziehung zweier Anderer ist elementarer Fall eines seinslogischen Ver­
hältnisses. Es muß Aufgabe der folgenden Entwicklung sein, sich den
durch den Abschluß der Seinslogik gerechtfertigten Anspruch des Wesens­
begriffs gegen diese Verhältnisse durchsetzen zu lassen. Das geschieht
über eine Reihe von Korrekturen, welche die Selbstgenügsamkeit des
Wesensbegriffes in einer Situation wiederherstellen, in welcher der Ge­
danke von seiner nur äußeren Beziehung auf das Sein als sein Anderes
seinerseits weiterbestimmt worden ist. Wann immer es möglich wird, das
Andere des Wesens, das äußerliche Sein, in solcher näher bestimmten
Fassung in die Definition des Wesensbegriffes einzubringen, dann ist
auch der Wesensbegriff selbst reicher und in Richtung auf seine Selbst­
genügsamkeit angemessener bestimmt - bis schließlich die Äußerlichkeit
der Beziehung auf Anderes ganz entfallen kann.
Das ,Wesentliche' ist, wie gesagt, der Gedanke vorn Wesen, in dem
Wesen nichts ist als das, was zum Sein in der Beziehung der Negation
steht. Das Andere des Wesens ist das unwesentliche Seiende. Hege!
kann leicht zeigen, daß auch das Wesen damit als ein bloßes Dasein
aufgefaßt ist, so daß sich also Wesentliches und Unwesentliches als zwei
Daseiende von gleichem Rang erweisen. Ein Dasein aber ist nicht
Hegels Logik der Reflexion 237

Wesen, sondern hat nur die Eigenschaft, wesentlich zu sein. Und da


nun diese Eigenschaft zudem eine relationale ist, kommt sie dem Einen,
welches sie besitzt, nicht schlechtweg zu, sondern nur in Rücksicht auf die
Eigenschaft eines anderen, die aber ihrerseits wieder von der Beziehung
des unwesentlichen zum wesentlichen Dasein abhängt. Hegel folgert aus
der Leere des Wesensbegriffes und daraus, daß seine Applikation in den
Daseienden, auf die er appliziert wird, keinen Boden finden kann, daß
Daseiendes wesentlich oder unwesentlich. nur mit Rücksicht auf eine
äußerliche Betrachtungsweise oder Interessenlage werden kann. Ein ,Drit­
tes' kann also allein dafür sorgen, daß Daseiendes als wesentlich oder
unwesentlich erscheint. Da aber dessen Gesichtspunkte von den Dasei­
enden her in keiner Weise zu determinieren sind, kann jedes von ihnen
ebensogut wie jedes andere zum Wesentlichen werden. Und ferner ist
es möglich, daß es diese Eigenschaft zugunsten eines anderen auch wieder
verliert. Denn auch der Wechsel der Perspektiven kann vom Daseienden
selbst her nicht gelenkt oder geregelt werden.
In dieser Situation ist Wesen als eine logische Kategorie ganz und gar
verlorengegangen. Und dieser Verlust war die direkte Folge davon, daß
Sein nicht auf Wesen reduziert worden war. So muß also jetzt die Äußer­
lichkeit zwischen ihnen entfallen. Zugleich ist aber daran festzuhalten,
daß Wesen nur in einer Beziehung auf Sein zu fassen sein wird.

c. Der paradoxe Gedanke ,Schein'.


Es läßt sich erwarten, daß Hegel diese Aufgabe dadurch zu erfüllen
sucht, daß er an das Ende der Seinslogik anknüpft und sein Resultat
nunmehr zum ersten Mal direkt in negationstheoretische Begriffe zu
übersetzen sucht: Das Wesen war als Negation des ganzen Seins auf­
gefaßt. Indem es aber zugleich doch nur als Dasein aufgefaßt werden
konnte, unterschied es sich noch nicht von derjenigen Negation, welche
innerhalb der Seinslogik das Dasein ist: Dasein ist aufgehobene Unbe­
stimmtheit des Seins als solchen - das Sein mit einer Bestimmung (A 4, 3).
Das Dasein, als wesentlich aufgefaßt, steht aber nur einem anderen Da­
seinden in äußerlicher Betrachtung gegenüber. Dieses Unwesentliche ist
zwar wiederum negiert; denn ihm ist abgesprochen, wesentlich zu sein; ­
aber nur unter der äußerlichen Hinsicht eines Dritten. Hebt man nun diese
Äußerlichkeit auf, aber in Beziehung auf die Situation von Äußerlichkeit,
so wie sie sich eingestellt hat, so muß man sagen, daß das Wesen nicht nur
die Negation des Seins, welche Dasein ist, sein kann, sondern daß in sei­
nem Begriff auch noch diese Negation, also das Verhältnis der Äußerlich-
238 DIETER HENRICH

keit selbst negiert ist. Wo Äußerlichkeit entfällt, da muß also die verdop­
pelte Negation gedacht werden.
So kann das Wesen 11absolute Negativität" genannt werden (A 4,
6/7). In dieser Version von Negativität ist allerdings genau genommen
noch gar kein negationstheoretisches Korrelat zur absoluten Indifferenz
erreicht. Denn diese Indifferenz ist indifferent gegen sich, während die
Negation der Bestimmtheit, welche ihrerseits die Einheit des Seins negiert,
noch nicht als selbstbezügliche Negation, sondern nur als wiederholte Ne­
gation zu denken ist. Dennoch ergibt sich wirklich in der Ausführung der
vom Schluß der Seinslogik freigesetzten Perspektive nunmehr ein be­
deutender Fortschritt: Im folgenden Versuch, einen selbstgenügsamen We­
sensbegriff zu gewinnen, muß das Sein, das auch weiterhin in Beziehung
auf Wesen zu denken ist, durch einen Gedanken von der zweimaligen
Negation gefaßt werden. Und es ist diese wiederholte Negation, durch die
das Wesen zugleich in Obereinstimmung mit seiner Minimalbestimmung
steht und eine Beziehung zu Sein begründet. Der Begriff eines Seins in
Beziehung auf das Wesen, das durch zweimalige Negation konstituiert
wird, ist der Schein : Der Schein ist zu denken als das Andere (1.. Nega­
tion) des Wesens, das als solches immer schon aufgehoben (2. Nega­
tion) ist.
Mit der Konzeption dieses Gedankens von Schein wird der zweite
Versuch gemacht, den Begriff des Wesens als Nachfolger des Seins zu
entwickeln. Was ,Schein' heißt, muß in der Korrektur der Defekte der
vorausgehenden Begrifflichkeil vom ,Wesentlichen' festgelegt werden.
Schein ist das Sein im Wesen insofern, als ihm keine Unmittelbarkeit
bleibt, kraft deren es gegen das Wesen stehen könnte. Alles Sein, und
somit alle Unmittelbarkeit, ist durch seinen Nachfolger, das Wesen, sus­
pendiert. In diesem Sinne ist Sein nun nur noch Nichtigkeit: Was nich­
tig ist, bleibt zwar zu unterscheiden von dem, was es gar nicht gibt. Da
aber nichts an ihm ist, was selbständig bestehen könnte, so ist es nicht
nur stets negiert, sondern besteht auch nur, insofern es negiert ist. Sol­
ches Scheindasein haben haltlose Meinungen und Halluzinationen, aber
auch Institutionen ohne Funktion und Charaktere ohne Substanz, von
denen man sagt, daß sie ,leer', ,gleich Null' oder ,Nullen' sind. Sie sind
nur, insofern sie immer schon und durchaus aufgehoben sind. Hege!
nimmt auf solche Gegebenheiten Bezug, indem er zugleich deutlich macht,
daß es schwierig ist, zu begreifen, was doch unleugbar ist: daß solches
Nichtige überhaupt ,vorkommt' und somit in die Welt und nicht zum
Unwirklichen gehört.
Hegels Logik der Reflexion 239

Dieser Schwierigkeit entspricht die Problematik in der Begriffsbe­


stimmung, mittels deren Hege! versucht, einen Gedanken vom Schein zu
artikulieren. Sie fällt auch nach den Maßstäben, die Hegels spekulative
Logik für sich selbst aufgerichtet hat, paradox aus - somit als illegitime
Paradoxie. Es ist aber gerade diese Paradoxie, welche durch eine weitere
Korrektur des Gedankens vom Sein im Wesen, die sie erzwingt, und
durch die neue Fassung des Wesensbegriffes, die sie erlaubt, schließlich
eine Möglichkeit schafft, die Wesenslogik in eine rein immanente Ent­
wicklung und das Wesen in die Rolle des definitiven Nachfolgers des
Seins zu bringen.
Ausgangspunkt für die Definition des Scheines ist seine Nichtigkeit.
Der Schein ist aber Nachfolger des Seins in Beziehung auf einen Wesens­
begriff, aus dem Sein bisher noch auf keine Weise hergeleitet werden
konnte. Darum muß in dem, was doch durchaus aufgehoben ist, etwas
sich finden, durch das der Schein überhaupt vom Wesen unterschieden
bleibt. Kann er auch nicht, wie das Unwesentliche, mit einem selbständigen
Sein gegen das Wesen gestellt sein, so muß er doch in irgendeinem Sinne
das Andere des Wesens bleiben. Gestattet man sich eine Rede, die durch
formalontologische Definitionen gar nicht geschützt ist, so kann man
sagen, der Schein müsse doch in dem, was durchaus und je schon auf­
gehoben ist, eine "Seite" haben, die nicht vom Wesen abhängt (B 2, 1, 2).
Fragt man dann, im Blick worauf man sich verständlich machen kann,
daß von einer solchen Seite überhaupt die Rede sein darf, so kann man
schwerlich anders antworten als mit dem Hinweis darauf, daß das im
Wesen aufgehobene Sein irgend einen ,Inhalt' haben wird, der nicht
aus dem Wesen stammt. Solche Inhalte können freilich durch die Nega­
tion des Wesens zu abhängigen Inhalten werden. Es ist aber nicht zu
sehen, wie sie aus der inneren Logik des Wesensbegriffes hervorgehen
könnten, so daß sie ,bewahrt' bleiben, wenn das Wesen als Nachfolger
des Seins in selbständige Entwicklung gekommen ist. Man hat also
zu erwarten, daß die Rede von einer ,Seite' des Scheins und von aufge­
hobenen nichtigen Inhalten noch einmal in Frage stehen wird. 14 Aber
noch ist nicht einmal ein Versuch gemacht, den Schein als solchen auf
irgend einen Begriff zu bringen.
Der Schein muß, obgleich stets negiert, doch in irgend einem Sinn ein
Anderes gegen das Wesen sein. Vorerst läßt sich diese Andersheit nur
über die Rede von einer unmittelbaren Seite fixieren. Ohne ihr aber wei­
ter nachzugehen, versucht Hegel, einen Begriff vom Schein, der Aussicht

14 Vgl. unten 280.


240 DIETER HENRICH

auf logische Fortentwicklung bietet, durch einen Rückgriff auf die Logik
der Andersheit aufzubauen. Da Sein Andersheit ist und Sein im Schein
durch das Wesen aufgehoben wurde, kann die Logik der Andersheit nur
dann zu einer Logik des Scheins verhelfen, wenn sie umformuliert wird.
In der Logik der Andersheit (Log I. 105/6) hatte Hegel gezeigt, daß jedes
Seiende Etwas nur ist in seiner Beziehung auf Anderes - so sehr, daß das
Etwas diese Beziehung in sich selbst hat, wodurch es sich, wie Hegel in
glücklosem Etymologisieren behauptet, ,verändert'. Das Etwas weist aber
neben dieser Beziehung stets auch eine von der Beziehung auf Anderes
abzuhebende Unmittelbarkeit und Gleichheit mit sich auf, so daß es auch
noch in der Veränderung es selbst und darin weiterhin gegen Anders­
heit bestimmt bleibt. Insofern es diese Unmittelbarkeit hat, hat es ein
,An-sich-Sein' und ist nicht schlechtweg nur ein Sein für Anderes.
Dem Schein kann nun aber keinesfalls durchaus Ansichsein zukommen.
Er ist schlechtweg in seinem Anderen, dem Wesen, aufgehoben; so daß
er sich nicht in Gleichheit mit sich gegen das Wesen durchhalten kann.
Wie kann er also überhaupt unter dem Titel ,Andersheit' zum Thema
gemacht werden? - Eine der Formulierungen, mit denen Hegel das Etwas
in seiner Beziehung zum Anderen zu fassen gesucht hatte, war die, daß
diese Beziehung das Moment seines ,Nichtdaseins' sei (Log I. 107; Log I.
1. Aufl. 53). Wenn Dasein das einfache Sein mit einer Bestimmtheit vor
aller Beziehung auf Anderes ist, so ist eben dieses Dasein in sich auch
Nichtdasein. Denn auch eine solche Beziehung ist ein Element in seiner
Definition. Dieses Moment des Nichtdaseins kann auch dem Schein als
Moment zukommen. Im Sein war allerdings dem Nichtdasein im Etwas
das Dasein als Ansichsein koordiniert. Im Schein, dem Sein und somit
Gleichheit mit sich fehlen, kann dem Nichtdasein keine solche Unmit­
telbarkeit gegenüberstehen. Er ist Nichtdasein durchaus. Mit Beziehung
auf nur eines der beiden Momente im Anderen läßt sich aber ein formal­
ontologisches Prinzip über eine Analogie zur Logik des Etwas nicht eta­
blieren. Und Nichtdasein allein konstituiert ein solches Prinzip ohnehin
in gar keinem Fall.
Hegel muß deshalb die Umformung der Logik des Anderen zur Logik
des Scheins weiterführen und in sie auch noch das zweite Moment der
Andersheit, nämlich die Unmittelbarkeit, einbringen. Da die Bedingungen,
unter denen die Untersuchung begann, es ausschließen, daß die Unmit­
telbarkeit der Beziehung auf Anderes gegenübertritt, kann sie nur unter
der Voraussetzung der uneingeschränkten und grundlegenden Charakte­
risierung des Scheins als Nichtdasein in die Definition des Scheins ein­
geführt werden. Also kann der Schein Unmittelbarkeit nur in eben der-
Hegels Logik der Reflexion 241

selben Beziehung haben, in der er auch Nichtdasein ist. Die Bestimmung


der Unmittelbarkeit muß ihm als eine weitere Bestimmung seiner Nich­
tigkeit zugesprochen werden. So gefaßt ist dann der Schein unmittelbares
Nichtdasein (B :1, 2, 8) und seine Unmittelbarkeit die Unmittelbarkeit des
Nichtdaseins (B :1, 2, :15).
Nimmt man diese Formel im Sinne des alltäglichen Wortgebrauchs, so
ist sie gewiß nicht ganz unverständlich; sie kann heißen, daß der Schein
in jedem Moment nichtig und aufgehoben ist, daß der scheinhafte Inhalt
ohne weiteres (un-mittelbar) unter der Negation durch das Wesen steht.
Dieser Wortgebrauch hat aber keine Entsprechung in Hegels Logik der
Andersheit. Und darum entbehrt die Rede vom unmittelbaren Nichtdasein
zunächst einmal jeder logischen Verständlichkeit. Der Sinn des ,Etwas',
welches ein Anderes ist, ergab sich definitiv daraus, daß Nichtdasein und
Unmittelbarkeit Momente gleichen Rechtes, daß sie einander korreliert
sind. Nun aber hat sie Hegel miteinander konfundiert. Grammatisch ist
,unmittelbar' zu einem Prädikat von Nichtdasein geworden. Es hat
den Anschein, daß Hegel damit wirklich sagt, daß die Unmittelbarkeit
als eine Eigenschaft der Nichtigkeit zu betrachten ist. In jedem Fall zeich­
net sich eine wichtige Wendung in der Gedankenführung der Wissenschaft
der Logik ab : Sie steht vor der Aufgabe, die Unmittelbarkeit nicht als
Gegenbegriff zur Negation, sondern als Aspekt eines durch Negation
konstituierten Gedankens zu verstehen.
In irgend einem eindeutigen Sinn kann Unmittelbarkeit allerdings vor­
erst gar nicht als ein Prädikat oder ein Charakter der Negation ausgegeben
werden, welche das Wesen ist. Denn noch ist ganz unklar, in welchem
logischen Sinn Unmittelbarkeit als von Negation intern und durchaus ab­
hängig aufzufassen ist. Am leichtesten lassen sich drei Möglichkeiten ins
Auge fassen : (a) Der Schein kann Unmittelbarkeit haben aufgrund des­
sen, was die Negation ist, die ihn negiert; (b) er kann im Modus der
Unmittelbarkeit negiert sein und (c) es kann etwas an ihm kraft seines
Negiertseins sein, das unmittelbar ist. Wenn unklar ist, was jede dieser
Möglichkeiten für sich bedeutet, und mehr noch, wie sie etwa aufeinan­
der zu beziehen und miteinander zu kombinieren wären, so ergibt sich
das zwangsläufig daraus, daß ein Gedanke vom Schein nicht allein aus
der Variation der Begriffsverhältnisse der Seinslogik gewonnen werden
kann. Dieser Gedanke ist vielmehr der Gedanke von einem Problem,
das aus dem Scheitern des ersten Versuches notwendig hervorging, einen
selbstgenügsamen Wesensbegriff zu erreichen. Vorerst steht nur soviel
fest: Soll Schein denkbar werden, so als ein Gedanke, der drei Momente
242 DIETER HENRICH

in eine Einheit faßt: 15 a. Ein Nichtiges, das b. zugleich Unmittelbar­


keit hat, sofern es nichtig ist und c. dessen Nichtigkeit sich ganz aus der
Negativität des Wesens erklärt, aus dem somit auch die Unmittelbarkeit
des Scheines kommen muß. Läßt sich ein solcher Gedanke wohl bestim­
men, so hält Hegel für die Unmittelbarkeit, die in ihm gedacht wird, auch
gleich einen Terminus bereit : Sie ist "reflektierte Unmittelbarkeit" - eine
Unmittelbarkeit, die durchaus nur in Einem mit der Negation besteht.
Da jedoch Unmittelbarkeit nur im Gegensatz zur Vermittlung definiert
werden kann, Vermittlung aber ein anderer Name für Negation ist, for­
muliert Hegel unverzüglich eine Konsequenz, die sich aus diesem grund­
legenden Sachverhalt auch wirklich direkt ergibt und von der sich erwei­
sen wird, daß sie noch weiter geht als die, in Richtung auf die der Ge­
brauch von ,unmittelbar' als Prädikat der Negation zielt: Die Unmittel­
barkeit der Negation, die reflektierte Unmittelbarkeit, muß zugleich auch
als Unmittelbarkeit gegenüber der Negation gedacht werden (B 1., 2, 1.4) .
Daraus folgt dann, wie sich vermuten läßt, daß die Unmittelbarkeit der
Negation zugleich auch aufgehobene Unmittelbarkeit ist. Damit ist dann
zwar zunächst einmal Anschluß gewonnen an die von einer Rücksicht auf
die Kategorien der Logik unbelastete Interpretation dessen, was Schein
heißen kann: Seine Unmittelbarkeit ist in der Tat die, immer schon suspen­
diert zu sein. Als Problemformel für eine Entwicklung und Argumentation
innerhalb der Wissenschaft der Logik geht solche Rede aber sehr weit
hinaus über den Bestand von Argumenten, der dieser Logik bisher ver­
fügbar ist. Ein Sinn, der logische Klarheit hat, kann ihr nach wie vor erst
dann. gegeben werden, wenn es vorab gelingt, die Unmittelbarkeit nicht
im ursprünglichen Gegenzug gegen Negation, sondern als einen Zug, wel­
cher der Negation selbst eignet, zu begreifen. Die Unmittelbarkeit, welche
der Negation selbst ursprünglich zukommt, muß zugleich die Unmittelbar­
keit sein, gegen welche die Negation ebensowohl ein Anderes ist.

2. Die Identifikation von Schein und Wesen

a. Die Bedeutungsverschiebung zum Wesen


Hegel versucht gar nicht, im Bereich der vielen Weisen, in denen Un­
mittelbarkeit von Negation im Schein abhängig sein könnte, und orien­
tiert durch das, was in den drei Momenten der Minimaldefinition von
Schein schon angezeigt ist, allerlei Möglichkeiten zur Lösung dieser

16 Die folgende triadische Unterscheidung ist eine andere als die um wenige Zei­

len vorausgehende.
Hegels Logik der Reflexion 243

Grundaufgabe zu erkunden. Er meint, daß er dann aus der Abhängig­


keit von einem nur analogen und als solchen paradoxen Gebrauch der
Kategorien von ,Etwas' und ,Anderem' beim Fixieren der Bedeutung von
Schein loskommen und jene Grundaufgabe lösen wird, wenn er die Be­
ziehung des Scheins zum Wesen erneut grundsätzlich in Frage stellt. Der
Gedanke von Schein ergab sich aus der Korrektur der unangemessenen
Äußerlichkeit des Unwesentlichen gegenüber dem Wesen, als dem bloß
Wesentlichen. Auch vom Schein galt, daß er eine unabhängige ,Seite' hat,
zugleich allerdings auch, daß sie, anders als im Wesentlichen, schlecht­
weg nichtig war. Unwesentliches und Schein sind Gedanken, welche das
Sein im Wesen vertreten. Schon am Beginn der Wesenslogik steht aber
fest, daß das Wesen im Ganzen der Nachfolger von Sein ist. Nur ein
Begriff von ihm, der diese Nachfolge festhält und ausweist, kann zur
selbstgenügsamen Entwicklung einer Wesenslogik führen. So muß sich
natürlicherweise die Frage erheben, in welchem Sinn das, was das Sein
vertritt, nämlich der Schein, im Wesen selbst enthalten ist. Ist Sein
schon zum Wesen geworden, so muß Schein als Wesen ausgewiesen wer­
den können. Schein ist ohnehin und gemäß seiner minimalen Bestimmung
im Wesen durchaus negiert. Diese Negation durch das Wesen muß aber
mit seiner Bewahrung in ihm zusammengehen. Insofern es eine Logik des
Wesens überhaupt gibt, muß auch gezeigt werden können, daß alles, was
"
"Schein heißt, von der Begriffsbestimmung des Wesens abgedeckt ist.
Aus den Abschnitten über das Wesentliche und über den Schein haben
sich zwei Anweisungen ergeben, welche bei der Restitution des Seins aus
dem Wesensbegriff beachtet werden müssen. Und sie sind es zugleich
auch, die zusammengenommen es überhaupt erst möglich machen, den
Begriff des Wesens selbst so zu fassen, daß Sein aus ihm zurückgewon­
nen werden kann: (1) Resultat der Analyse des Wesentlichen war es,
daß Wesen in Beziehung auf Sein als verdoppelte Negation festgehalten
werden muß. Nach dem, was am Schluß der Seinslogik schon feststand,
muß der Negationsform des Wesens, was immer sie ist, Selbstbezüglich­
keit zugesprochen werden. (2) Die Analyse des Scheins hat ergeben, daß
dem Wesen eine Unmittelbarkeit zugesprochen werden muß, die von ihm
abhängig ist und die dennoch auch als Unmittelbarkeit gegen das Wesen
gedacht werden kann. Erkennt man, daß beide Aufgaben miteinander
konvergieren und daß sie in einem Zuge gelöst werden können, so
ist damit sowohl der Wesensbegriff gewonnen, der für eine selbstgenüg­
same Entwicklung zureicht, als auch Wesen als Nachfolger von Sein so
inthronisiert, daß alle noch äußerliche Beziehung zwischen Wesen und
Sein wegfällt.
244 DrETER HENRICH

Hegel läßt nun die Entdeckung der Einheit von Sein und Wesen im
Wesensbegriff dadurch geschehen, daß er die Differenz von Schein und
Sein als bloß imaginär darstellt. Der Schein ist nichts, was am Wesen
nur auftritt und zu unterscheiden ist. Er ist nur eine Bestimmung im
Wesensbegriff - nicht ein Rest, der neben dem, was das Wesen defi­
niert, zurückgeblieben ist, sondern für diese Definition selbst konstitutiv.
Und auch noch das, was ihn vom Wesen unterscheidet, und daß er
überhaupt von ihm unterschieden ist, läßt sich vollständig aus eben die­
sem Wesensbegriff aufklären.
Hegels Nachweis von der Nichtunterschiedenheit von Schein und Wesen
hat in den wichtigsten Teilen nicht die Form einer formellen Herlei­
tung. Er kann sie nicht haben, da sich mit ihm zugleich der Wesensbe­
griff allererst konsolidiert. Er braucht sie auch nicht zu haben, da kraft
des Endes der Seinslogik schon das Faktum feststeht, daß Sein zu Wesen
geworden ist, so daß nur noch auszumachen bleibt, auf welche Weise der
Seinssinn im Wesensbegriff erhalten bleibt. Für das Verständnis des Ver­
fahrens der Logik insgesamt hat es große Wichtigkeit, sich deutlich zu
machen, welche Form Hegel diesem Nachweis gegeben hat. Denn nur
weil er nicht unter den Regeln deduktiver Ableitung erfolgt, kann er den
Sinn der formalontologischen Begriffe, von denen er ausgeht und mit
denen er arbeitet, erweitern und konsolidieren und dabei doch metho­
disch kontrolliert bleiben. Hegel selbst sagt, er könne nur "zeigen", daß
die Bestimmungen, welche den Schein vom Wesen unterscheiden, Be­
stimmungen des Wesens selbst sind (B 2, 1., 6). ,Zeigen' ist zwar ein Wort,
das auch auf Beweisverfahren anzuwenden ist. Der letzte Schritt im Nach­
weis der Einheit von Schein und Wesen muß, so wird sich ergeben, auch
wirklich überlegungen anstellen, die in einen Deduktionszusammenhang
gehören. Dennoch scheint sich Hegel, wenn er von ,nur zeigen' oder ,Auf­
zeigen' (B 2, 7, 1.4) spricht, im klaren über den eigentümlichen Charakter
-
des Verfahrens zu sein, das an dieser Stelle einzig am Platze ist, und
das er auch wirklich gebraucht.
Nichtigkeit (1.) und Unmittelbarkeit (2) sind die beiden Momente des
Scheins, und zwar so, daß die Nichtigkeit dadurch charakterisiert werden
kann, daß sie unmittelbar ist. Soll sich zeigen, daß Schein nichts außer
dem Wesen ist, so müssen diese beiden Momente als Momente in einem
definitiven Wesensbegriff aufzufassen sein. Da aber auch der Unterschied
zwischen nachfolgenden und vorhergehenden Grundbestimmungen im
Begriff der nachfolgenden festgehalten werden muß, müßte der defi­
nitive Wesensbegriff eine Unterscheidung (3) seiner von ebendemselben
Schein einbegreifen. Die Unterscheidung des Wesens vom Schein, seine
Hegels Logik der Reflexion 245

Bestimmtheit gegen das Wesen, kann man als drittes Moment im Schein­
begriff aufführen. In einem Sinne machen allerdings bereits die ersten
beiden Momente den ganzen Begriff vom Schein aus, wobei es sich von
selbst versteht, daß in der Situation, in der vom Schein aus ein definitiver
Begriff vom Wesen gewonnen werden soll und in der somit ihr Verhält­
nis noch in Frage steht, dieser Schein auch vom Wesen unterschieden
wird. Insofern tritt der Schein dann, wenn auch dieser dritte Aspekt
seiner Bestimmtheit gegen das Wesen im Wesen aufgehoben wird, in die­
sem Wesen zweimal hervor; indem das Wesen selbst die beiden Mo­
mente des Scheins besitzt und zusätzlich Schein samt diesen beiden Mo­
menten auch gegen sich selbst bestimmt. Es läßt sich absehen, daß sich
aus einer solchen Situation weitere Komplikationen im Wesensbegriff er­
geben werden.
Innerhalb des Unterabschnittes ,Der Schein' ist Hegels Argumentation
aber allein von der Absicht geleitet, es überzeugend zu machen, daß der
Gedanke ,Schein' gänzlich in dem Gedanken vom Wesen aufgeht. Sowohl
die beiden Charaktere, durch die der Schein an ihm selbst gedacht wird,
als auch sein dritter Charakter, ein Bestimmtes gegen das Wesen zu
sein, fallen als Charaktere, die den Schein äußerlich gegen das Wesen un­
terscheiden können, gänzlich dahin. Gemäß der Dreizahl der Charaktere
des Scheines muß Hegels Aufweis, daß der Schein gegenüber dem Wesens­
begriff keinen Restbestand für sich zurückbehalten kann, dreigliedrig aus­
fallen (B 2). Ist er geführt, so ist der Schein und über ihn auch das
Sein mit dem Wesen identifiziert worden. Der Schein ist dann nichts mehr
als derjenige Schein, welcher das Wesen selbst ist.
Hege! zeigt ohne besondere Anstrengung, daß die Nichtigkeit des
Scheins nichts anderes ist als die negative Natur des Wesens. Und auch
der in seinen Folgen so wichtige Nachweis, daß die Unmittelbarkeit des
Scheins keine andere als die eigene Unmittelbarkeit des Wesens ist, er­
folgt in auffälliger Kürze. Daß Hege! so verfährt, hat seinen Grund
in einer besonderen Strategie fortzuschreiten, die sehr schwer zu durch·
schauen und auch schwer darzustellen ist. Es ist hier zunächst zu zeigen,
aus welchen Gründen die Identifikation der beiden Scheincharaktere mit
dem Wesen möglich ist, und danach, in welch besonderer Weise und
warum sie so erfolgt.
Der Schein ist Nichtigkeit, und diesem Moment entspricht, daß das
Wesen durchaus Negation ist. Daß das Wesen absolute Negativität
sei, hatte zuvor schon vielfach behauptet werden können. Daß es ganz in
diesem Negationsbegriff aufgeht, war bisher nur in der Vorrede zur
Wesenslogik, somit möglicherweise auch nur im Vorgriff gesagt worden
246 DIETER HENRICH

(Log II. 4/5). Hegel kann es jetzt definitiv aussprechen, indem er einer­
seits auf den reinen Negationssinn der absoluten Indifferenz und an­
dererseits auf den Begriff des Wesens zurückgreift, so wie er sich im
Vorhergehenden als Negation teils des unwesentlichen Daseins, teils des
Scheines ergeben hatte. Daß Wesen nichts als Negation sein kann, leuch­
tet dennoch nicht ein, bevor das zweite Moment des Scheines mit ihm
identifiziert ist. Denn was kann es heißen, unabhängig von allem Ande­
ren und doch nichts als Negation zu sein? Selbst die zweimal verwendete
Negation setzt doch voraus, daß irgendetwas Anderes das primär Ne­
gierte ist.
Die Unmittelbarkeit des Scheins mit dem Wesen zu identifizieren, muß
noch schwerer fallen. Denn es war die Unmittelbarkeit des Scheines, nicht
seine Nichtigkeit, wodurch er eine gegen das Wesen unabhängige Seite
beanspruchen konnte. Und Unmittelbarkeit ist ganz im allgemeinen als
der Gegenbegriff zur Negation aufzufassen. Was unmittelbar ist, ist in­
sofern nicht vermittelt, also nicht mittels eines Andem und somit grund­
sätzlich der Relation enthoben, die für Hegel den primären Sinn des
Negationsbegriffes ausmacht: der Bestimmtheit. Zwar ist Unmittelbares
in anderer Hinsicht auch Bestimmtes - dadurch nämlich, daß der Begriff
der Unmittelbarkeit ein negativer Begriff ist. Aber sofern etwas unmittel­
bar ist, ist es bisher stets als von aller Bestimmtheit frei gedacht worden.
Das Unmittelbare ist somit zunächst einmal auch das Unbestimmte und
allenfalls als solches, als Unbestimmtes, bestimmt, aber auch damit
(begrifflich) sicher nicht mit Negativität identisch.
Die Unmittelbarkeit läßt sich aber auch in anderer Weise fassen -
immer noch in Korrelation zur Bestimmtheit, aber nicht mehr einfach nur
durch deren Exklusion. Hegel nennt sie dann ,Gleichheit mit sich' und
charakterisiert sie damit durch eine Beziehung, welche in Selbstbezie­
hung umgewendet ist. In dieser Fassung hatte ,Unmittelbarkeit' schon
ganz am Anfang der Seinslogik geholfen, den Gedanken ,Sein' einzufüh­
ren (Log I. 66, 5, 2). Dort mußte ganz undeutlich bleiben, wie ein Ge­
danke, der katexochen Unbestimmtheit meint, in einer Sprache einge­
führt und festgehalten werden kann, die sich an Beziehung und somit
grundsätzlich audt an Beziehung auf Unterscheidbares orientiert. Aber
gerade dieser Aspekt in der Definition von Unmittelbarkeit erlaubt es
nun, dem Wesen, das durchaus Negativität ist, auch Unmittelbarkeit
in dem strengen Sinne zuzusprechen, den dieser Terminus durch seine
Definition erhielt.
Das Wesen ist nichts als Negation. Wenn eben dieses Wesen durch
Unmittelbarkeit soll charakterisiert werden können, so muß das heißen,
Hegels Logik der Reflexion 247

daß die Negation in Gleichheit mit sich gedacht werden kann. Da Nega­
tion wesentlich Beziehung auf Anderes ist, kann sie in Gleichheit mit sich
nur dann sein, wenn sie als Negation und somit negativ auf sich selbst
bezogen ist - wenn die Negation sich selbst ein Anderes ist. Dazu muß
sie als verdoppelte, in der Verdoppelung aber als selbstbezüglich gedacht
werden.
Es liegt ganz nahe, diesen Schritt zu tun. Denn ohnehin war das Wesen
als Einheit der ersten und der zweiten Negation zu denken, und es war
unklar geblieben, wie es als solche doppelte Negation überhaupt das:
ganze Wesen sein kann. Ist die Negation nicht nur verdoppelt, sondern
in der Verdoppelung selbstbezüglich, so ist damit eine Möglichkeit sicht­
bar gemacht, das Wesen wirklich als Negation lind als nichts weiter als
sie zu denken. Damit kann die Identifikation der Nichtigkeit des Schei­
nes, die vorausging, einen festen Sinn erhalten, während zugleich die
Unmittelbarkeit des Scheines mit dem Wesen identifiziert wird. In die­
sem Sinn ist das Wesen von nun an als ,unendliche' Negativität zu den­
ken, die ihre Grenzen nur aus sich produziert, und als ,absolute' Negati­
vität, die alle Bestimmtheit gegen die Negation aus eben dieser Nega­
tion hervorgehen läßt.
Auf solche Weise hat Hege! beide Aufgaben in Einem Gang gelöst:
Die eine Aufgabe, einen wohlbestimmten Wesensbegriff zu gewinnen,
der sich allem Anschein nach aus sich selbst weiterentwickeln läßt, stellte
sich in der Situation, die am Abschluß der Seinslogik eintrat. Die andere
Aufgabe war die der Überwindung der Äußerlichkeit zwischen den Re­
sten des Seins und dem Wesensbegriff, die solange fortbestehen mußte,
wie Wesen noch nicht als Nadtfolger des Seins fest etabliert war. Da
die zweite Aufgabe sich nur daraus ergab, daß die erste im Umweg über
Gedanken vom Wesen, die offenkundig vorläufige waren, in Angriff ge­
nommen werden sollte, überrascht es auch nicht, daß beide Aufgaben am
Ende in einem Zug gelöst werden können.
Es ist aber weiterhin auf das Verfahren zu achten, mittels dessen
diese Lösung bewerkstelligt wurde. Daß dem Wesen Unmittelbarkeit zu­
zusprechen ist, war nicht abzuleiten, sondern nur aufzuzeigen. Nun
stellt sich des weiteren heraus, daß dieser Aufweis von ganz besorrde­
rer Art ist. Denn die Unmittelbarkeit des Seins wird nicht auch im We­
sen entdeckt s o wie etwa Uran in einer Gesteinsprobe. Was im Wesen
Unmittelbarkeit heißt, entspricht nämlich in zwei Hi:iJ.sichten gar nicht
der ursprünglich gegebenen Definition dieses Begriffes. Denn die Selbst­
beziehung des Wesens hat eine wirkliche Differenz in sich; und sie ist
auch nicht Unmittelbarkeit gegen die Vermittlung. Die Negation, die sich
248 DIETER HENRICH

nur negativ auf sich selbst beziehen kann, ist nicht die harmonische Un­
unterschiedenheit jener Unmittelbarkeit, welche Hege! die ,einfache'
nannte (Log I. 54· Nbg. 77 u. v. a.). Und da sie die Unmittelbarkeit ist,
welche gerade der Negation in ihrer Selbstbeziehung eignet, ist sie sicher
allem voran etwas an der Negation und nicht einfach nur ihr entgegen.
Bisher schien Unmittelbarkeit Vermittlungslosigkeit zu meinen. Nun stellt
Hege! gerade die absolute Vermittlung unter denselben Begriff.
Damit verschiebt sich aber die Bedeutung dieses Begriffes. Aus der
ursprünglichen Bedeutung scheidet aus, daß Unmittelbarkeit stets der
Vermittlung gegenübersteht. Diese Bestimmung wird durch eine andere
ersetzt, die der Unmittelbarkeit zwar auch seither schon zukam, aber in
einer Interpretation, welche an die jetzt entfallene Bestimmung gebunden
war : Die Unmittelbarkeit des Wesens ist ein Charakter suisuffizienter
Vermittlung, ein Charakter in deren Selbstbeziehung. Selbstbeziehung,
welche bisher die nur ,Gleichheit mit sich' der Unmittelbarkeit gegenüber
der Negation als Beziehung auf Anderes war, wird nun zum generellen
Charakter zweier Gedanken von Unmittelbarkeit - der ,einfachen' Un­
mittelbarkeit gegen die Negation und der ,reflektierten' Unmittelbar­
keit des Wesens, das selbst nichts als Negation und somit absolute Nega­
tivität ist. In der Folge sollen sie abgekürzt als U1 und U2 bezeichnet
werden. Aber beide Unmittelbarkeiten werden nicht etwa nur voneinan­
der untersdlieden. Wenn die scheinbar einfache Unmittelbarkeit des
Scheins (U1) aus der reflektierten Unmittelbarkeit des Wesens (U2)
interpretiert wird, so ist damit behauptet, daß es legitim ist, die Bedeu­
tung der Unmittelbarkeit des Seins zur Bedeutung der Unmittelbarkeit
des Wesens zu vers·chieben.
Diese Bedeutungsverschiebung geschieht wohl motiviert. Sie geschieht
aber offenkundig nicht mit der Zwangsläufigkeit deduktiver Logik und
auch nicht aufgrund der Entdeckung von unabweisbaren Anwendungs­
fällen, welche zugleich bisher unbekannte Eigenschaften aufweisen und
deshalb dazu zwingen können, die Bedeutung eines empirischen Be­
griffes zu erweitern. Gäbe es nicht den theoretischen Zwang, den Seins­
begriff auf den Wesensbegriff zu reduzieren, so wäre es leicht, die bei­
den Fälle von Unmittelbarkeit dauerhaft als ,Beziehungslosigkeit' und
als ,Selbstbeziehung' voneinander zu unterscheiden. Denn die Rede von
Selbstbeziehung als Gleichheit mit sich hat im Bereich der Logik des
Seins ohnehin einen ganz anderen Status als in der Logik des Wesens.
Nur im Wesen ist das, von dem gesagt wird, es stehe in Selbstbezie-
Hegels Logik der Reflexion 249

hung, zweifellos an ihm selbst ein Beziehungsbegriff. Nur hier steht also
fest, daß die Interpretation der Unmittelbarkeit durch Selbstbeziehung
nicht nur ein Mittel der Beschreibung, sondern ein formalontologischer
Sachverhalt ist. 16 Da aber aus der Analyse des Seins und seiner ersten
Unmittelbarkeit hervorging, daß Sein kein definitiver Gedanke ist und
in welcher Richtung seine Entwicklung zu einem neuen Prinzip vonstatten
geht, welches die Nachfolge von Sein antreten kann, ist aus dieser Logik
auch die Perspektive vorgegeben, die nur ausgezogen wird, wenn sich
die Bedeutung von Unmittelbarkeit erweitert und verschiebt.
In das Arsenal einfacher Waffen der Hegelkritik gehört seit jeher der
Vorwurf, daß seine Beweise auf Homol).ymien beruhen und somit er­
schlichen sind. Für diese Kritik wäre der Anfang der Wesenslogik ein
noch nicht genutzter MusterfalL Man könnte leicht versuchen, ihn als
Prozedur zu entlarven, die Homonymie im Begriff der Unmittelbarkeit
des Wesens zu verschleiern und zugleich auszubeuten. Versteht man aber
Stellenwert und Zusammenhang dieses Textes, so wird auch klar, warum
er sich selbst nur als Aufweis statt als Beweis bezeichnet und daß seine
Untersuchung nicht Implikationen wohlbestimmter Bedeutungen entfal­
tet, sondern eine Bedeutung wohlmotiviert verändert. Der Gedanke des
Wesens kann dem des Seins nur dann nachfolgen, wenn zugleich die
Bedeutung von Sein als Unmittelbarkeit eine Fortbestimmung erfährt.
Freilich ist diese Fortbestimmung nicht irgendeine von der Art umgangs­
sprachlicher oder erfahrungswissenschaftlicher Bedeutungsverschiebungen.
Denn sie bestimmt Unmittelbarkeit in einer Weise, die bisher in ihrem
Begriff nicht nur nicht vorgesehen, sondern sogar notwendig ausgeschlos­
sen schien. Andererseits bringt sie nicht von Grund aus neue Bedeu­
tungselemente ein, sondern führt nur zu einer neuen und überraschenden
Verbindung von Bedeutungselementen, die zuvor schon eingeführt wa­
ren, aber so, daß eine Kombination zwischen ihnen zugleich ausdrücklich
ausgeschlossen war. Auf ihre besonderen Eigenschaften ist später zurück­
zukommen. 17
In einem mit der Bedeutungsverschiebung ist der Wesensbegriff als
selbstbezügliche Negation festgestellt. Damit ergibt sich auch das alle
folgenden Schritte beherrschende Problem, wie dieses Verhältnis einer
Negation, die negativ auf sich bezogen ist, im einzelnen zu beschrei­
ben und welche Folgerungen aus ihm zu ziehen sind. Auch für die Ver­
ständigung über die Wissenschaft der Logik in ihrem Gesamtzus ammen-

18 Anders als am Anfang der Logik, vgl. den in Anm. 8 zitierten Aufsatz.
11 Vgl. unten 266 ff.
250 DIETER HENRICH

hang hängt von seiner Lösung alles Entscheidende ab. Denn eine solche
Lösung wird auch die Grundzüge des logischen Sinnes von Hegels These
über die Einheit von Subjekt und Substanz auszuarbeiten und aufzuklä­
ren haben. Daß Hegels Fähigkeit, über logische Verhältnisse aus der Di­
stanz Rechenschaft zu geben, in den engsten Grenzen und weit hinter
seiner Virtuosität zurückbleibt, solche Verhältnisse wirklich zu entwickeln,
zeigt sich am deutlichsten daran, daß er sich über die innere Verfassung
der absoluten Negativität und über Formen und Möglichkeiten von Ab­
leitungen aus ihr praktisch völlig ausschweigt. Die wenigen Bemerkun­
gen, zu denen er gelegentlich veranlaßt wurde, geben ihre Auskunft nicht
nach und aus einer Bemühung um eine Aufklärung in übersehbarer und
vollständiger Schrittfolge, die auch mögliche Einreden im Sinn behält.
Und selbst noch die Zusammenfassung im Methodenkapitel läßt alle ent­
scheidenden Fragen offen und verfehlt, wie gezeigt wurde, sogar ein
Fundament der Negationstheorie, ohne welche die Wissenschaft der Logik
nicht frei nachvollzogen werden kann. Daß in den ersten Abschnitten
der Entfaltung des Wesensbegriffs jede negationstheoretische Untersu­
chung ausblieb und offenbar ausbleiben mußte, erschwert nicht nur den
Anfang des ,schwersten TeUes' (Enz § 114) der Logik über das Not­
wendige hinaus - es hat auch den Text Hegels um viel von der inneren
Klarheit gebracht, welche der Entwurf der Gedanken sehr wohl zuge­
lassen hätte, die in ihm entfaltet werden.
Darum wird es nötig werden, sich wenigstens die ersten Elemente des
Argumentpotentials im Gedanken einer absoluten Negativität in Über­
einstimmung mit Hegels Gedankengang, aber abstrakt vor Augen zu brin­
gen. Die Interpretation der einzelnen Abschnitte des Textes hat dann
festzustellen, in welchem Umfang Hegel jeweils von diesem Argument­
potential Gebrauch macht und welche Gründe ihn dazu bewogen. Nur so
kann man die Logik des Gedankens der selbstbezüglichen Negation von
der Dynamik der Entfaltung des Textes unterscheiden und für die Ver­
fassung des Textes Gründe von verschiedener Art abgeben : Negations­
theoretische, argumentationsstrategische und solche, die sich daraus erge­
ben, daß Hege! seine eigene Gedankenführung nur ungenügend methodo­
logisch durchzuarbeiten vermochte.
Zuvor soll noch die Beobachtung festgehalten werden, daß Hegel in
dem Abschnitt, in dem er die Bedeutungsidentifikation von Schein mit
Wesen vollzieht, offenbar in seiner Sprache nur ein Minimum negations­
theoretischer Aussagen in Anspruch nehmen will. Die Nichtigkeit des
Scheines wird mit der "negativen Natur" des Wesens (B 2, 2{ 5) identi­
fiziert; und Unmittelbarkeit wird dem Wesen in Beziehung auf seine
Hegels Logik der Reflexion 251

unendliche Negativität zugesprochen, ohne daß von dieser Negativität


mehr gesagt würde, als daß jene ,negative Natur' das 11eigene absolute
Ansichsein" des Wesens sei (B 2, 2, 7). Durch den Gebrauch dieser
eigentümlichen Terminologie, welche in den Standardausgaben der
Logik unerläutert bleibt, verweist Hegel seine Leser zurück auf eine
Passage der Seinslogik in der ersten Fassung dieses Werkes (Log I.
1. Aufl., 64), welche ja auch die Fassung ist, auf die Hegel die einzige
Ausgabe der Wesenslogik folgen ließ, die zustande gekommen ist. In
dieser Passage wird der Gedanke vom Etwas, das si-ch in der Grenze von
einem Anderen unterscheidet, zum Gedanken von einem Etwas weiter­
entwickelt, das nichts als Grenze ist. In einem solchen Etwas wird die
Grenze, die zuvor von seinem Ansichseh-t unterschieden war, zu eben
diesem Ansichsein. Und da das Ansichsein das Sein dieses Etwas ist,
kraft deren es gleich mit sich ist, kann nun gesagt werden : " . . . die Gleich­
heit des Etwas mit sich beruht auf seiner negativen Natur" (Log I. 1..
Aufl., 64) . (Auch sonst, wenngleich nur gelegentlich, spricht Hegel von
,negativer Natur' dann, wenn eines in seinem Ansichsein durchaus als
negativ zu denken ist (Log II. 69, 1., 22). Hegel hat also an der wichtigen
Obergangsstelle in die selbstgenügsame Entwicklung des Wesens des­
sen innere Form mittels einer Sprache bezeichnet, welche auch in der
Seinslogik Verwendung finden kann. Die entscheidende Differenz zum
Etwas, das nichts als Grenze ist, liegt darin, daß das Wesen unendliche
Negativität ist. Die negative Natur des Etwas als reine Grenze ist nicht von
der Art, daß in ihr eine Negation negativ auf sich bezogen wäre. Daß
die logische Situation dort, wo der selbstgenügsame Wesensbegriff er­
reicht wird, eine ganz andere ist, läßt sich weder aus der Rede von seiner
,negativen Natur' noch aus der von der Unmittelbarkeit seines ,Ansich­
seins' entnehmen. Nur der Zusammenhang, in dem dieser Wesensbe­
griff erreicht wird, klärt darüber auf.
Daß Hegel beim Eintritt in die eigentliche Wesenslogik eine Termino­
logie benutzt, welche von der Seinslogik bereitgehalten ist, kann nicht
allein damit begründet werden, daß er gemeint hat, so die Bedeutungs­
identifikation eingängiger zu machen. Gerade für den, der das Arsenal
der Argumente überschaut, welches die vorausgehende Logik des Seins
bereitstellt, wird von der Wiederholung einer Figur aus der Logik des
Etwas eher verwirrt und befremdet werden. Man kann auch nicht denken,
Hegel habe die interne Form des Wesensbegriffes nicht besser bezeich­
nen können; wenig später im Text gebraucht und entwickelt er eine viel
angemessenere Terminologie. Es ging ihm möglicherweise darum, das
Wesen, mit dem Sein nunmehr identifiziert wird, zuerst aus der Perspek-
252 DIETER HENRICH

tive des Seins anzusprechen, um so zu zeigen, daß Wesen vom Sein her
in dessen Sprache zu fassen ist. Wie dem auch sei - von Intentionen des
Autors ganz abgesehen hat die terminologische Ökonomie Hegels für den
Fortgang der Entwicklung des Wesensbegriffes j edenfalls den Vorteil,
vorerst von einer Ausführung über den Negationssinn des Wesensbe­
griffes und von seiner Entwicklung zu entlasten. Die Identifikation von
Sein mit Wesen, deren wichtigstes Instrument die Bedeutungsverschie­
bung von U1 zu U2 ist, kann zum Abschluß kommen, ohne daß die
Bewegung in Gang gesetzt wird, welche sich daraus notwendig ergeben
muß, daß im Wesen die Negation selbst der Negation unterliegt. Im Ab­
schnitt, der den Titel ,der Schein' trägt, läßt Hege! die Konsequenzen, die
aus dem Gedanken der selbstbezüglichen Negation zu ziehen sind, nur
gerade so weit freikommen, wie es für den Nachweis unvermeidlich ist,
daß der Schein nichts als der eigene Schein des Wesens sein kann, -
und zwar auch dort, wo seine Formulierungen zwangsläufig über dies
minimale, aber höchst gewichtige Ergebnis hinausgreifen müssen. Die
eigentliche Entwicklung des Begriffes der selbstbezüglich verdoppelten
Negation gehört in den Abschnitt über ,die Reflexion'.

b. Die Bestimmtheit des Scheines im Wesen.

Aber noch ist Hegels Aufweis, daß der Schein nicht vom Wesen ver­
schieden ist, nicht vollständig nachgezeichnet worden. Er hatte selbst drei
Resultate unterschieden, die in diesem Nachweis erreicht werden müs­
sen : Nichtigkeit und Unmittelbarkeit des Scheines müssen zu Momen­
ten des Wesens werden, und es zeigte sich, daß diese Resultate nur in
einem Zug zu erzielen sind. Als Drittes bleibt zu zeigen, daß das Be­
stimmtheitsverhältnis zwischen Schein und Wesen "im Wesen selbst
aufgehoben ist" (B 2, 1, 9ho). ,Aufheben' hat die bekannten drei Be­
deutungen, scheint aber hier mit dem Akzent auf ,eliminieren' gebraucht
zu sein. Am Ende der Absätze B 2, 4 und B 2, 5 und wieder am Ende
des gesamten Abschnittes über den Schein (B 2, 7) formuliert Hege! als
Resultat, daß nun gezeigt sei, inwiefern die Bestimmtheit gegen das We­
sen im Wesen aufgehoben worden sei. Diese Betonung entspricht der
Rolle des Unterabschnitts über den Schein, der in der Transposition des
Scheins einen suisuffizienten Wesensbegriff erreichen soll. Indem Hege!
diesen Abschnitt deutlich auf eine solche Rolle beschränkt, rückt er eine
andere Aufgabe in den Hintergrund, die dennoch, soll die Hauptauf­
gabe gelöst werden, nicht ganz unberücksichtigt bleiben darf. Sie hat
aber in Wahrheit das größere systematische Interesse. Denn wenn sie
Hegels Logik der Reflexion 253

gelöst wird, so ist damit auch eine wichtige Grundlage gelegt, von der
aus sich die Wesenslogik entfalten kann : Der Schein muß nicht nur im
Wesensbegriff als ein Selbstständiges eliminiert werden : Soll der We­
sensbegriff selbstgenügsam sein, so muß weiter auch gezeigt werden, wie
die Differenz zwischen Wesen und Schein, von der die Logik des Scheins
ausging, aus dem Begriff des Wesens selbst verständlich gemacht wer­
den kann. Die äußerliche Differenz des Scheins gegen das Wesen muß
zwar verschwinden. Soll Schein aber überhaupt verständlich sein, so
muß eine Differenz von Schein gegen Wesen innerhalb des vollstän­
dig entfalteten Wesensbegriffs restituiert werden können.
Daß das Wesen der Schein ist, steht ohnehin fest. Das Interesse daran
.
zu zeigen, daß die Bestimmtheit des Scheines gegen das Wesen entfällt,
kann also nicht vom Zweifel herrühren, ob diese Bestimmtheit aufgeho­
ben ist. Es kann nur ein Interesse daran sein zu verstehen, wie das Wesen
die Selbständigkeit des Scheines entfallen läßt. Wer das wirklich einsieht,
wird aber zugleich auch schon begreifen, auf welche Weise der Schein
aus dem Wesen hervorgeht. Denn er wird eben deshalb aufgehoben, weil
er die Bestimmtheit des Wesens ist, welche das Wesen aus der Logik
seiner Definition als absolute Negativität annimmt. Ist der Ursprung
des Scheins deutlich gemacht, so sind Grund und Hergang seines Entfal­
lens gleichfalls im Prinzip schon bekannt. So könnte sich ein Nachweis,
daß die Bestimmtheit des Scheines aufgehoben ist, der aus dem Interesse
daran erfolgt zu verstehen, wie diese Bestimmtheit entfällt, darauf
konzentrieren, seinen Ursprung im Wesen aufzuzeigen. In einem solchen
Aufweis würden jedoch notwendigerweise die internen Probleme der Ent­
wicklung des Wesensbegriffes zur Dominanz kommen. Im Unterabschnitt
,der Schein' ist Hegel aber einzig an dem Problem der Aufhebung des
zuvor noch als bedingt selbständig gedachten Scheines in das Wesen in­
teressiert. Die Ökonomie seines Textplanes legte es also nahe, das
Prinzipielle in dem logischen Vorgang, kraft dessen der Schein entfällt,
auf andere Weise und so zu verdeutlichen, daß sein Hervorgang aus dem
Wesen nicht vollständig ausgearbeitet werden muß. Darum beschränkt
er auch dort, wo nicht nur das Faktum, sondern auch der Prozeß der Auf­
hebung des Scheines in Frage steht, die Entwicklung des Wesensbegriffes
auf ein unumgängliches Minimum. Daraus erklärt es sich dann, daß in
Hegels Text an so entscheidender Stelle alle negationstheoretischen Er­
örterungen verkürzt sind und unbestimmt bleiben.
Hegel führt den Nachweis, daß die Bestimmtheit des Scheins entfällt,
in zwei einander korrespondierenden Absätzen. Im ersten geht er vom
Wesen als Ansichsein aus und zeigt, wie die Bestimmtheit des Scheins
254 DIETER HENRICH

in ihm entfällt (B 2, 4). Der andere beginnt mit dem Begriff des Scheins
und zeigt, daß dessen Unmittelbarkeit, kraft deren er gegen das Wesen
bestimmt war, die eigene Unmittelbarkeit des Wesens ist (B 2, 5). Die bei­
den Momente des Scheins, von denen schon klar ist, daß sie Momente des
Wesens sind, werden also noch einmal unter dem Gesichtspunkt ihres
Eingangs in das Wesen zum Thema gemacht. Wer sich vor allem für die
innere Entwicklung des Wesensbegriffs interessiert, dem ist es erlaubt,
beide Abschnitte auch als einander korrespondierende Skizzen der logi­
schen Entwicklung des Wesens hin zu interner Bestimmtheit zu lesen.
Mehr als Skizzen können sie schon allein aufgrund ihres Stellenwertes
für Hegels Textdisposition nicht sein. In welchem Sinn sie es sind, muß
noch ausgemacht werden.
Diesen beiden Skizzen voraus, welche den dritten Gang des Aufweises
leisten, daß der Schein der eigene Schein des Wesens ist, hat Hegel schon
ein Resultat der beiden ersten Gänge formuliert, das auch hier vorab
festgehalten werden muß : Die Nichtigkeit des Scheines ist als Ansichsein
(Bestehen) des Wesens dessen eines Moment, seine Unmittelbarkeit ist als
reflektierte und somit von der Negation nicht freigehaltene sein anderes
(B 2, 3, 1-5). Diese beiden Momente sind Aspekte der einen Wesensstruk­
tur. Die Selbstbeziehung (U2) des Wesens ist eben das, kraft dessen
die Negation ein Ansichsein haben kann. Waren die Unmittelbarkeit und
die Negation als Andersheit zuvor nur in Beziehung auf voneinander
Getrenntes zu bringen, so konstituieren sie jetzt Eines und sind insofern
harmonisch verbunden. Ihrer Bedeutung nach bleiben sie aber dennoch
verschiedene Gedanken : Unmittelbarkeit meint Selbstbeziehung und Ne­
gation meint ausschließende Beziehung auf Anderes. Und die Negation
bleibt Ausschlußbeziehung auch dort, wo sie in Selbstbeziehung gebracht
wird, so wie die Selbstbeziehung für das, dem sie zugesprochen wird, den
Ausschluß der Beziehung zu anderem bedeutet. Auf die formellste denk­
bare Weise kann man sich schon durch eine Reflexion auf die Wortbe­
deutungen von ,Negation' und ,Unmittelbarkeit' mit der Aussicht ver­
traut machen, daß der G edanke der absoluten Negativität eine neue
Konfliktsituation generieren muß, über die er sich selbst in seine weitere
Entwicklung treibt. Schon dort, wo Hegel nur die Einheit der beiden
Momente im Wesensbegriff festzustellen hätte, bemerkt er auch, daß
Sein im Wesen eine Bestimmung gegen die Vermittlung sei (B 2, 2, 18).
In einem gewissen Sinne ist Unmittelbarkeit als Selbstbeziehung des We­
sens sogar mehr noch als einfache Unmittelbarkeit in einem Gegensatz
zu denken : Vom Gedanken der einfachen Unmittelbarkeit konnte man
wenigstens meinen, daß er unter Absehen von aller Beziehung auf Be-
Hegels Logik der Reflexion 255

zogensein zu denken ist. Die Bedeutung von ,reflektierter Unmittelbar­


keit' ist aber überhaupt nur als Relationsbegriff, und zwar als ,Selbst­
beziehung' im Gegensatz gegen ,Beziehung auf Anderes' eingeführt. ln­
sofern ist sie offenkundiger als ,seiende Unmittelbarkeit' an ein Gegen­
teil gebunden. Hegel wird diesen Sachverhalt im dritten Teil des Auf­
weises der Einheit von Wesen nutzen, wo er die Bestimmtheit des Scheines
gegen das Wesen, dessen Schein er doch ist, verständlich machen muß.
Soll aber dieser Aufweis überzeugend sein, so darf er nicht einzig von
einer Reflexion auf die Wortbedeutung der Terme getragen werden,
welche den Begriff vom Einen Wesen konstituieren, und sie rein als solche
gegeneinander ausspielen. Denn dann besteht die Gefahr, daß auch die
weitere Entwicklung nur verbal verläuft und somit nicht die logische Ein­
sichtigkeit des Aufbaus und der Entfaltung eines formalen Objektes hat.
Man kann nicht übersehen, daß Hegel im folgenden Text einer Überlegung
nur aufgrund der Terminologie zu viel Vorschub geleistet hat. Sie ist
der bequemste Ausgangspunkt für weitere Folgerungen, limitiert aber un­
nötig die spekulativen Möglichkeiten des Gedankens von der absoluten
Negativität und bringt auch Unklarheiten in den methodischen Gang des
Arguments, wenn sie mit überlegungen zur formalen Entfaltung des
Gedankens der Negativität vermischt ist. Ein Argument mit Bezug auf
den Sinn der Terme, welche die Momente der absoluten Negativität be­
zeichnen, könnte allerdings gerechtfertigt werden als Vorgriff auf eine aus­
gearbeitete Argumentation und im Rahmen des Obergangs vom Sein zum
Wesen, den zu bewerkstelligen die einzige Aufgabe ist, welche Hegel
dem Abschnitt über den Schein zuerkannte.
Es gibt also, alles zusammengenommen, sogar drei Gründe, die dem
entgegenwirken, daß Hegels Aufhebung des Scheins in das Wesen die
formalen Verhältnisse klar und vollständig angibt, welche in der Einheit
von Wesen und Schein bestehen : Die Anlage und die Aufgabe dieses
Abschnittes (a) und die Rücknahme des Arguments auf das unerläßliche
Minimum (b) sorgen dafür, daß Hegel nicht alle Argumente gebraucht,
die ihm zur Verfügung standen. Erst die Reflexion, in der der Sch ein
"seiner Unmittelbarkeit (gegen das Wesen) entfremdet" ist, ist der
logische Ort, an dem er die innere Form der Negativität vollständig auf­
bauen will. Hegel konnte aber auch gar nicht in der Klarheit, die aus
der Distanz kommt, mögliche Varianten und die spezifische Gestalt sei­
ner wirklichen Negationstheorie analysieren (c). Man muß deshalb Arti­
kulationsmängel auch noch im Reflexionsabschnitt erwarten, um so
mehr aber im Abschnitt über den Schein. Darum ist es notwendig, sich
256 DIETER HENRICH

nicht auf die Interpretation des Textes zu beschränken, sondern sie mit
eigenen Überlegungen über das Potential zu Argumenten zu ergän­
zen, das die negationstheoretischen Begriffe des Textes de facto enthalten.
Zunächst sollen die drei Absätze des Textes betrachtet werden, in denen
Hegel zeigen will, wie die Bestimmtheit des Scheines im Wesen aufge­
hoben ist (B 2, 4-6). Obwohl sie rein grammatisch einfach gebaut und
von Zweideutigkeiten frei sind, können sie doch vor schwerste Probleme
stellen, wenn man sie unter der Voraussetzung liest, daß in ihnen eine
voll ausgearbeitete Negationstheorie zur Geltung gebracht ist. Deren
Schritte wären dann in wenige Sätze zusammengepreßt, und es käme dar­
auf an, ihren Sinn der kargen sprachlichen Umsetzung wieder abzuge­
winnen. In Wahrheit stehen Hegels Absätze noch ganz unter dem Postu­
lat gedanklicher Ökonomie, das für den ganzen Obergang des Scheins in
das Wesen gilt. Im Scheinabschnitt ist das Wesen zwar nach seinem wirk­
lichen Begriff, aber immer noch unmittelbar gedacht; seine interne Ent­
wicklung ist unter dem Titel ,die Reflexion' zu untersuchen. Es wirkt
sich auch aus, daß die Teile des Aufweises, daß der Schein nicht vom
Wesen unterschieden ist, parallel zueinander stehen, obwohl sie im Text
wegen der linearen Anordnung des normalen Buchdrucks einander fol­
gen. Der letzte Teil des Aufweises, der zeigt, daß die Bestimmtheit des
Scheins gegen das Wesen aufgehoben ist (B 2, 6), setzt parallel zum An­
fang des Aufweises ein, daß die Momente des Scheins ebendieselben wie
die Momente des Wesens sind (B 2, 3).
Der erste Gang im Rahmen des letzten Aufweises geschieht in den ab­
schließenden drei Sätzen von B 2, 4 : 11Die Negativität ist die Negativität
an sich; sie ist ihre Beziehung auf sich, so ist sie an sich Unmittelbarkeit;
aber sie ist negative Beziehung auf sich, abstoßendes Negieren ihrer selbst,
so ist die an sich seiende Unmittelbarkeit das Negative oder Bestimmte
gegen sie. Aber diese Bestimmtheit ist selbst die absolute Negativität und
dies Bestimmen, das unmittelbar als Bestimmen das Aufheben seiner
selbst, Rückkehr in sich ist". Dieser Absatz hat nur dann einen klaren und
einfachen Sinn, wenn man davon ausgeht, daß sein erster Satz ebenso wie
der Anfang des vorausgehenden Aufweises noch keinen voll ausgearbei­
teten Gedanken der absoluten Negativität voraussetzt. Er setzt nur voraus,
daß die Negativität als solche Ansichsein hat. Was es bedeutet, daß sie es
hat, bleibt unausgesprochen. Es wird sogar die der absoluten Negativität
selbst eigene Dynamik so dargestellt, daß sie von der Negativität als blo­
ßem Ansichsein ausgeht und ihren Charakter, Negativität zu sein, über­
haupt erst im Ausgang von diesem Ansichsein entwickelt. Hat die Nega­
tivität in einer unbestimmten Weise Ansichsein und insofern Unmittelbar-
Hegels Logik der Reflexion 257

keit, so versteht sich auch, wieso diese Unmittelbarkeit durch die logische
Form eben dieser Negativität auch als Unmittelbarkeit aufgehoben werden
muß. Denn die Negation als Negativität ist negative Beziehung auf sich.
Sie setzt sich also sich selbst entgegen. Hat sie also Unmittelbarkeit, so ist
sie auch dieser Unmittelbarkeit entgegengesetzt, die damit zu einer Be­
stimmtheit wird gegen die Negativität, insofern diese sich entgegengesetzt
ist, oder vielmehr zu einer Bestimmtheit gegen die Negativität in dem,
wodurch diese negativ auf sich selbst bezogen ist.
Die Bestimmtheit der Unmittelbarkeit der Negativität gegen diese
selbst ist nun aber nur eine Folge von dem, was die Negativität, insofern
sie ,absolute' genannt werden kann, ohnehin selbst ist. Als solche be­
stimmt sie sich gegen sich - setzt sich (die Negation oder Bestimmtheit)
sich selbst (als dem Negativen oder Bestimmten) entgegen. Darum ist
sie eben deshalb, weil das Bestimmte, dem sie gegenübersteht, sie selbst
ist und weil dies Bestimmte nur deshalb ihr gegenübersteht, weil sie
absolute Negativität ist, zugleich das Aufheben dieses Bestimmens. Das
Bestimmtheitsverhältnis ist zugleich Selbstverhältnis.
In der Abfolge dieser drei Sätze ergibt sich eine Entwicklung daraus,
daß die Negativität im ersten Satz nur als Negativität an sich auftritt.
Nur deshalb kann sie im zweiten Satz als Abstoßen von sich und damit
auch als Abstoßen von ihrer eigenen Unmittelbarkeit gedacht werden,
worauf dann im dritten ihre eigentliche Unmittelbarkeit erreicht wird, wel­
che das Selbstverhältnis ihrer Vermittlung ist. Im Sinne dieses dritten
Satzes ist die Negativität "identische Einheit der absoluten Negativltät
und der Unmittelbarkeit" (B 2, 4, 7/8). Würde man unter Negativität
schon im ersten Satz die sich negierende Negativität zu verstehen haben,
so könnte man die These des zweiten Satzes, daß die Negativität jener
unmittelbar entgegengesetzt ist, nur über Umwege verstehen. Das " so"
in der Mitte dieses Satzes müßte dann aus nicht einmal erwähnten,
geschweige denn ausgeführten Argumenten begründet sein. Ist die Un­
mittelbarkeit des Wesens im ersten Satz aber wirklich die unbestimmte,
nur ansichseiende, so folgt direkt aus dem, was ausdrücklich gesagt wird,
daß in der Negativität auch eine negative Beziehung auf ihre eigene (an
sich seiende) Unmittelbarkeit eintreten muß. 18

18 Mit dieser Textexegese verlieren Einwände ihren Ansatzpunkt, die mit Recht

gegen die Interpretation in der ersten Fassung dieser Abhandlung vorgebracht wor­
den sind, und ebenso die Einwände gegen Interpretationsalternativen, welche auf
der gleichen Ebene wie die der ersten Fassung einsetzen. Der Text läßt sich über­
haupt nur dann konsistent machen, wenn man den besonderen Status seiner noch
vorläufigen Argumentation beachtet.
258 DIETER HENRICH

Der folgende Absatz läßt sich nur mit größeren Schwierigkeiten durch
eine analoge Interpretation erschließen. Er beginnt mit einer Rekapitu­
lation der Momente des Scheines : Der Schein ist etwas durchaus Nega­
tives, Nichtiges, das zwar ein Sein hat, aber nicht aus sich, sondern in
einem Anderen. Nach allem Vorausgehenden darf gesagt werden, daß der
Schein nicht nur zweifache, sondern selbstbezüglich verdoppelte Nega­
tion ist - ein an ihm selbst Unselbständiges deshalb, weil er ein "in sich
zurückgehendes Negatives" ist. Hegel bemüht sich allerdings nicht darum,
im einzelnen zu zeigen, daß sich alle Charaktere des Scheins aus der
selbstbezüglichen Negation herleiten lassen, wodurch erst gezeigt wäre,
daß der Schein mit selbstbezüglich verdoppelter Negation identisch und
nicht etwa nur irgendein Fall von ihr ist. Er will lediglich zeigen, daß
das am Schein, wodurch er eine Unmittelbarkeit, 11ein Sein" (B 2, 5, 1.)
hat, nicht etwa die Folgerung erzwingt, daß er für das Wesen unauf­
hebbar gegen das Wesen bestimmt ist.
In diesem Teil des Nachweises fehlt es nun aber an der durchaus mög­
lichen Präzision in der Führung der Argumente. Hege! stellt zunächst
fest, daß die Beziehung des Negativen auf sich seine 19 Unmittelbarkeit
genannt werden kann (U2). Er fährt dann aber fort, daß diese Unmittel­
barkeit ein Anderes sei als das Negative - und zwar nicht nur etwas,
das man von dem einfachen Negativen unterscheiden kann, sondern sein
Anderes in dem durch die Seinslogik terminologisch festgelegten stärke­
ren Sinn: Sie ist die Bestimmtheit des Negativen gegen sich "oder sie ist
die Negation gegen das Negative" (B 2, 5, 8) . Zwischen Unmittelbarem
und Negativem besteht also ein Verhältnis, das dem zwischen dem Schein
und dem, in dem er sein Sein hat, also seiner Negation zumindest irgend­
wie entspricht.
Zwischen dem Satz "sie (die Unmittelbarkeit) ist ein Anderes als es
(das Negative) selbst" (B 2, 5, 6/7) und dem Satz des vorausgehenden
Absatzes "so ist die an sich seiende Unmittelbarkeit das Negative und
Bestimmte gegen sie" (B 2, 4, 12/1.3) besteht Übereinstimmung, was
ihren Stellenwert im Gang der jeweiligen Argumentation betrifft. Wäh­
rend aber im vorausgehenden Absatz die Begründung des entsprechenden
Satzes deshalb leichtfiet weil die Unmittelbarkeit, gegen welche die Ne­
gation gesetzt wurde, nur die ansichseiende war, wird nun ausdrück­
lich von der Unmittelbarkeit, die in der Selbstbeziehung der Negation
besteht, behauptet, daß sie ein Anderes sei als die Negation. So müßte
die Begründung des Satzes auch ganz anders lauten. Es ist aber nicht
19 Das Wort seine in B 2, 5, 6. ist auf das Negative in der vorhergehenden
Zeile und nicht auf den Schein zu beziehen.
Hegels Logik der Reflexion 259

möglich, aus den Ressourcen des Absatzes selbst eine solche Begründung
zu entwickeln, die überzeugt. Sie könnte rein terminologisch gegeben
werden : Die Rede von der Beziehung des Negativen auf sich ist nicht
selbst ein Terminus mit einer negativen Bedeutung. Sie meint nichts als
Selbstbeziehung und ist insofern ein Anderes als die Rede von "dem
Negativen". Dann leuchtet aber nicht ein, daß sich die Unmittelbarkeit
als Negation auf das Negative bezieht und so zum absoluten Aufheben
der Bestimmtheit selbst (B 2, 5, 10) führt. Ähnliches gilt für den Fall, daß
man Unmittelbarkeit (qua U2) und Vermittlung als voneinander ver­
schiedene Aspekte versteht, die beide, und zwar unabhängig voneinander,
berücksichtigt werden müssen, wenn man die _Form der absoluten Nega­
tivität beschreiben will. Zwar ist es richtig, daß die Negation der Nega­
tion in Einem sowohl Selbstbeziehung als auch Bestimmtheitsbeziehung
ist. Diese Struktureigenschaften der Negation der Negation stehen aber
allenfalls auf der Ebene der Beschreibung und nicht in dem, was be­
schrieben wird, in einem Gegensatz zueinander. Aus solch einem Gegen­
satz folgt nicht, daß die Negation im Beschriebenen zur Unmittelbarkeit
in einem Bestimmtheitsverhältnis steht - daß also "sie" (B 2, 5, 7) die
Bestimmtheit des Negativen gegen sich ist.
Man kann den Satz "Die Beziehung des Negativen . . . auf sich ist seine
Unmittelbarkeit" (B 2, 5, 5/6) auch ein wenig anders lesen. Sein Sinn
läßt sich dann in folgender überlegung entfalten: Unmittelbarkeit (U 2)
tritt dadurch ein, daß das Negative auf sich selbst bezogen wird und das
Negative somit der Negation unterliegt. Es ist die Negation nur in ihrem
zweiten Auftritt, die es bewirkt, daß sie verdoppelt und so das Negative
seinem eigenen Prinzip unterstellt wird. Keineswegs ohne und zweifel­
los durch diese zweite Negation und somit dadurch, daß sie sich negativ
auf das Negative bezieht, ergibt sich die Unmittelbarkeit und ebenso
dies, daß das Negative gegen sich Bestimmtheit hat. Insofern läßt sich
sagen, daß das Sichbeziehen der zweiten Negation auf die erste die
Unmittelbarkeit ist. Da aber die Negation als solche durch ein solches
Beziehen, und zwar ein negatives Beziehen definiert werden muß, kann
man sagen, daß das Negative seiner Negation und Bestimmtheit als dem
gegenübersteht, was zugleich die Unmittelbarkeit des Negativen ist. Da­
für, daß dies der Sinn ist, der durch Hegels Kopf ging und seine Feder
führte, gibt es nur einen kleinen, aber doch einigermaßen sicheren Hin­
weis : Er nennt nicht das Negative, insofern es negiert wird - wie es
doch naheläge -, sondern die Negation dieses Negativen dasjenige Glied
in der Bestimmtheit gegen sich, welches auch ,Unmittelbarkeit' genannt
260 DIETER HENRICH

werden kann: "sie ist die Negation gegen das Negative" (B 2, 5, 8). Diese
überraschende Zuordnung des aktiven Glieds, das die Beziehung stiftet,
zur Unmittelbarkeit macht nur Sinn, wenn sie im Rahmen des dargelegten
Sinnzusammenhanges erfolgt.
Hegels Text ist also im Lichte dieser Begründung wohl verständ­
lichi aber sie ist weder elegant noch zwingend. Man muß nämlich offen­
kundig zweierlei voneinander auch dann unterscheiden, wenn es nur auf­
grund ein und desselben Umstandes eintritt. Die Negation als aussagen­
logische Konstante ist eine einstellige Relation. Um von Negation
reden zu können, braucht man stets nur irgend etwas, das negiert wird,
und eben dies sein Negiertsein. Dies führt dazu, daß auch dann noch,
wenn die Negation selbstbezüglich gemacht wird, zwischen ihr als ne­
gierter und ihr als negierender unterschieden werden kann. Nur dadurch,
daß sie sich negiert, kann sie in Beziehung zu sich sein. Und insofern ist
ihre Selbstbeziehung wirklich davon abhängig, daß sie sich als negie­
rende auf sich wendet. Sie kann nicht dadurch, daß sie negiert ist, selbst­
bezüglich sein. Daraus läßt sich nun aber nicht folgern, daß die als Selbst­
beziehung interpretierte Unmittelbarkeit allein der Seite der negierenden
Negation zugeschlagen werden darf. Ist die Unmittelbarkeit Selbstbezie­
hung, so eben deshalb, weil die Negation qua negierende und die Nega­
tion qua negierte dieselbe Negation sind. Aus diesem Gedanken von
Selbstbezüglichkeif mag man später herleiten können, daß eine der beiden
Seiten der Negation kraft und aufgrund ihrer Selbstbeziehung die Form
jener Unmittelbarkeit annimmt, welche die des Scheines und die der ,ein­
fachen' Unmittelbarkeit, der unmittelbaren ,Seite' war. Aber eine solche
Folgerung wäre allererst aus dem Gedanken der selbstbezüglichen Nega­
tion zu gewinnen. Sie hätte somit auch einen ganz anderen Status als Hegels
Folgerung, daß die neue Unmittelbarkeit des Wesens mit der negieren­
den Seite der selbstbezüglichen Negation von vornherein identisch ist.
Steht die Negation in wirklicher Selbstbeziehung, so ist ihr nur als gan­
zer die Unmittelbarkeit des Wesens zuzusprechen - nicht ihr in einem
formellen Aspekt ihrer Selbstbezüglichkeit, nämlich als negierender Ne­
gation. Kommt umgekehrt nur einer Seite in der Selbstbeziehung die
Unmittelbarkeit zu, so bestünde entweder gar keine Unmittelbarkeit des
Wesens oder es würde aus der selbstbezüglichen Negation und deren es­
sentieller Unmittelbarkeit eine Form der einfachen Unmittelbarkeit zu­
rückgewonnen. Hegel hat Mittel zu einer solchen Ableitung in der Hand.
Er hat sie an dieser Stelle aber nicht eingesetzt und weiß überhaupt nicht,
sie systematisch zu gebrauchen.
Hegels Logik der Reflexion 261

c. Negationstheoretische Zwischenbetrachtung.

Es ist deshalb im Interesse größerer Klarheit auch im Rahmen eines


Kommentars nicht zu umgehen, einige formale Eigenschaften von Hegels
Negationsbegriff aus größerer Distanz zum Text zu betrachten und unter
Varianten einer Negationstheorie, die allesamt eine mit Hegels System­
begriff vereinbare Verfassung haben, diejenige wenigstens zu benennen,
welche es am leichtesten erlaubt, wichtige Textpassagen Hegels und
besonders seine Logik der Reflexion sei es transparenter zu machen, sei
es in ihrer eigenen Fluchtlinie neu zu formulieren. Nur aus dieser Distanz
werden sich die Stellen sicher markieren lassen, an denen Hegels Argu­
mentation entscheidende Fortschritte macht. Dabei sind dann auch wei­
tere Folgerungen daraus zu ziehen, daß sich im Übergang zum Wesen die
Bedeutung der Unmittelbarkeit von der einfachen zur reflektierten Un­
mittelbarkeit verschoben hat.
Zunächst ist in Kürze auf die vielfältigen Bedeutungen von ,Negation'
einzugehen. Obgleich die Wissenschaft der Logik keine Theorie wahr­
heitsfunktionalen Schließens, sondern eine formale Ontologie ist, kann
ihr Negationsbegriff nicht auf Anlehnung an die Form der Negation ver­
zichten, kraft deren Aussagen negiert werden können. Nur in dieser
Form war Hegel ein Beispiel dafür gegeben, daß Negationsformen zu ver­
doppeln sind. In ihr findet also Hegel einen Ansatz dazu, auch beim
Aufbau des für seine Logik konstitutiven Gedankens von der absoluten
Negativität an die Regeln des gewöhnlichen Diskurses wenigstens an­
knüpfen zu können. Für Hegel unverzichtbar ist die Orientierung an der
Form der negativen Aussage aber aus noch einem anderen Grund. Alle
negativen Relationen sind solche der Exklusion. Das, worauf etwas sich
modo negativo bezieht, ist von ihm ausgeschlossen. Gibt es aber irgendeine
Form des Negativen, von der man sagen kann, daß sie nicht nur aus­
schließt, sondern sogar ,aufhebt' oder ,eliminiert', so kann diese Form
nur die der negativen Aussage sein 20 -und zwar in der Gebrauchsform,
in der sie als Zurückweisung des Wahrheitsanspruches der negierten
Behauptung zu interpretieren ist. Durch die Negation einer Behauptung
wird ein Satz als Behauptung schlechtweg beseitigt. Die anderen Ge­
brauchsformen der Negation grenzen nur Verhältnisse durch Unterschei­
dungen aus dem Ganzen der möglichen Verhältnisse aus und bestimmen
sie somit. Um seiner Logik das für sie eigentümliche generative Moment

zo Man muß so vorsichtig formulieren, weil das Problem der Möglichkeitsbedin­

gungen der negativen Aussage und ihre Beziehung zum Gebrauch negativer und in­
compatibler Prädikate noch nicht hat überzeugend aufgeklärt werden können.
262 DIETER HENRICH

zu sichern, benötigt Hege! aber Aufhebung und nicht nur Ausgrenzung


als Leistung des Negierens.
Obwohl Hegels ontologischer Negationsbegriff also nur aus einer
Übersetzung formaler Verhältnisse von der Aussagenlogik in die Ontolo­
gie gedeutet werden kann, ist die wahrheitsfunktionale Negation doch
nicht der primäre Negationsbegriff der Wissenschaft der Logik. Als sol­
cher ist vielmehr das anzusehen, was Hege! in der Nachfolge von PLATONS
Heter6tes ,Andersheit' oder ,Bestimmtheit' nennt, wobei nicht klar wird,
unter welchen Bedingungen sie als bloße Verschiedenheit (als Nicht-Iden­
tität) oder als Unvereinbarkeit aufzufassen ist. Es ist dieser Negations­
sinn, den Hege! der für die wahrheitsfunktionale Negation wohldefinier­
ten Verdoppelung unterwirft. Andersheit ist im Unterschied zur wahr­
heitsfunktionalen Negation eine zweistellige Relation. Man braucht zwei
Unterscheidbare, um sagen zu können, daß etwas ein Anderes ist. Etwas
ist eben immer nur anders als etwas Anderes. Nach den Verwendungs­
regeln von Andersheit als zweistellige Relation ist es auch legitim und
leicht, den Term ,anders' zweimal zu gebrauchen. Etwas ist anders als
das andere Etwas. Und da es selbst gegenüber diesem anderen Etwas ein
Anderes ist, ist es eben das Andere seines Anderen. Diese Rede hat eine
ganz geläufige Bedeutung; es gibt keinen Grund, von ihr zu spekula­
tiven Entwicklungen von der hegelischen Art überzugehen. Man kann
auch von einem Fall von Andersheit sagen, daß er ein anderer sei als ein
zweiter und damit das Prädikat ,anders' auf lnstantiierungen der Rela­
tion als solche beziehen. Auch daraus lassen sich keine spekulativen Fol­
gerungen gewinnen. Schließlich kann man, so wie PLATON, das Prädikat
,anders' auch auf den Begriff der Andersheit selbst anwenden, um ihn
auf diese Weise von anderen Grundbegriffen zu unterscheiden. Erst diese
Anwendung führt in spekulative Probleme, aber doch immer noch nicht
zu solchen Folgerungen wie die, welche Hege! gezogen hat.
Die Situation verwandelt sich erst dann grundlegend, wenn das Prädi­
kat ,anders' so angewendet wird, daß dabei nicht zugleich auf einen wei­
teren Fall Bezug genommen werden solt von dem ein vorliegender
unterschieden ist. Diese Art der Verwendung von ,anders' kann in Analo­
gie zur Verdoppelung der Negation in der wahrheitsfunktionalen Logik
geschehen. Denn dort kann wirklich die zweite Negation verwendet wer­
den, ohne daß neue Sachverhalte zum Thema gemacht werden müssen.
Kraft dieser Analogie verändern sich aber auch die formalen Eigenschaf­
ten von ,Andersheit'. Wird auf ,Andersheit' das Prädikat ,anders' ange­
wendet, aber so, daß auf nichts weiter als eben auf Andersheit Bezug
genommen werden kann, so wird die zweistellige Relation insofern als
Hegels Logik der Reflexion 263

einstellige Relation und zugleim als Selbstbeziehung gebraumt. Die


Selbstbeziehung stellt sim ein, weil auf die Frage ,anders als was?' nimt
mit der Erwähnung eines ,anderen' Anderen, sondern nur mit der Wie­
derholung dessen geantwortet werden kann, gegen das ein zweites
Andere ein Anderes hätte sein müssen. Die natürliche Intention der Frage,
die auf ein zweites Anderes geht, wird so auf eine andere semantische
Stufe gebracht und damit zugleich auf den Ursprung dessen umorien­
tiert, was in der natürlichen Fragestellung selbstverständlime Vorausset­
zung war: daß von mehreren Anderen ohne weitere Reflexion die Rede
sein kann. Damit wird nicht nur die Angabe eines zweiten Anderen
verweigert, sondern aum das erste Andere durch die Relation ,anders'
selbst ersetzt. ,Anders als was?' . . . ,nun, anders als das ,anders' !'. Das
aber heißt eben, daß nun die Andersheit in Beziehung steht zu sich. In­
dem Hegel die zweimal gebrauchte Relation der Andersheit in Analogie
zur verdoppelten wahrheitsfunktionalen Negation auffaßt, wird somit
zugleich die Verdoppelung der Andersheit in eine stärkere Form ge­
bracht, als die wahrheitsfunktionale doppelte Negation selbst aufwei­
sen kann: Sie erhält die Form strikter Selbstbeziehung.
Der Gedanke von selbstbezüglicher Andersheit kann das Prinzip defi­
nieren, das Hegel ,absolute Negativität' nennt. Hegel begründet es nir­
gends in dieser Weise in aller Klarheit. Und er kennt selbstbezügliche
Negationen, welme nicht in Beziehung auf Negation als Andersheit zu­
standekommen. So wie ,Andersheit' aber der primäre Negationsbegriff
der Wissenschaft der Logik ist, so ist auch ,das Andere seiner Selbst' oder
,das Gegenteil seiner selbst' der primäre Sinn der sim auf sim bezie­
henden Negation. Wer die Argumente, welche in Hegels Logik der Re­
flexion im Prinzip zur Verfügung stehen können, selbständig aufbauen
will, muß es im Ausgang von einer Formulierung dieses Prinzips tun.
Dabei muß es zugleich von anderen verwandten Gedanken unterschieden,
aber auch mit ihnen in kontrollierte Verbindungen gebracht werden -
und zwar in der Bestimmtheit und Klarheit, die Hegels eigener Wissen­
smaft der Logik so offensichtlich mangelt, die nahezu nichts dazu bei­
trägt, die logischen Verhältnisse durchsichtig zu machen, in denen sich
Hegel mit unreflektierter Subtilität und Virtuosität bewegt. Im folgen­
den sollen nur noch wenigstens die Formprobleme der absoluten Negati­
vität erläutert werden, die bei der Interpretation des Textes von Hegels
Logik der Reflexion beachtet werden müssen. Insbesondere wird zu fra­
gen sein, welche Konsequenzen sich daraus ergeben, daß die Negation
als Andersheit auf sich selbst angewendet wird.
264 DIETER HENRICH

Wird die negative Aussageform verdoppelt und selbstbezüglich ge­


macht, so folgt daraus zunächst einmal ihre Selbstvernichtung. Wenn
man eine negative Aussage negiert, so ist das bekanntlich dasselbe wie
die von der ersten Negation negierte Aussage zu einer affirmativen zu
machen. Wenn aber die zweite Negation auf die Form der Negation als
solche geht, die insofern gar nicht auf irgendeine Aussage angewendet ist,
so folgt aus der Negation der Negation nur der Wegfall der Negation
und da von nichts als der Negation ausgegangen worden war, sozusa­
gen ein Wegfall schlechthin. Es ist allerdings möglich, durch zusätzliche
Überlegungen aus diesem Wegfall ein positives Ergebnis zu gewinnen.
Denn auch die Situation, die durch den Wegfall der Negation entsteht,
kann nicht eine solche sein, die überhaupt nicht gekennzeichnet werden
kann. Wird sie auch nur mit diesen Worten von anderen Situationen unter­
schieden, so ist sie damit bereits mit Hilfe der Negation charakterisiert,
die doch in ihr schlechthin weggefallen sein sollte. So kann es plausibel
werden, daß das Ergebnis der entfallenen Negation rein begrifflich nur
die einfache Unmittelbarkeit ist, die allem möglichen Gebrauch von Ne­
gationen vorangeht.
Dem Prinzip der selbstbezüglich verdoppelten Andersheit läßt sich aber
ein positives Resultat ganz direkt und ohne die Hilfe solcher Überlegun­
gen abgewinnen. Die Andersheit als das Andere seiner selbst ist in
Selbstbeziehung eingetreten. Insofern sie das ist, ist sie nicht mehr die
zweistellige Relation zwischen verschiedenen Etwas. Dennoch entsteht
kraft dieser Selbstbeziehung eine Situation, in der die Andersheit von
sich selbst verschieden und somit zugleich etwas Anderes als die An­
dersheit ist. Diese Situation ist erneut ein Fall der zweistelligen Relation,
und zwar der zuvor aufgeführte dritte 21, in dem die Andersheit selbst
ein von Anderem unterschiedenes Prinzip, also ihm gegenüber ein Ande­
res war. Nun aber besteht diese Situation nicht mehr als eine Relation
zwischen Begriffen wie eine Gegebenheit, mit der zu rechnen wäre. Sie
folgt vielmehr aus der Selbstbeziehung von Andersheit und ist nur im
Zusammenhang mit ihr angemessen zu fassen. Diesem Zusammenhang
kann man aber nicht Rechnung tragen, wenn man im Gedanken der selbst­
bezüglichen Andersheit nicht zwei Elemente voneinander unterscheidet,
von denen das eine die Bedingung dafür ist, daß das andere besteht. Die
Andersheit muß in Selbstbeziehung stehen, um eben dadurch etwas zu
sein, das zugleich ein Anderes als die Andersheit ist. Die Andersheit, die

21 Vgl. oben 262.


Hegels Logik der Reflexion 265

sich auf nichts als sich selbst bezieht, ist eben darum ein Anderes als die
Andersheit.
In diesem Gedanken ist nun offenkundig das für die aussagenlogische
Negation charakteristische Moment des Aufhebens oder Eliminierens ent­
halten, das der Andersheit in ihrem normalen Gebrauch ganz abgeht.
Denn wenn die Andersheit kraft ihrer selbst etwas anderes als die Anders­
heit ist, so ist eben damit gar keine Andersheit mehr gegeben. Gleichwohl
muß aber auch gesagt werden, daß dies Andere der Andersheit auch in
einer normalen Beziehung zu der Andersheit selbst steht, durch deren
Selbstbezug es notwendig wurde, das Andere der Andersheit zu denken.
Das Andere der Andersheit ist also nicht ·das ganz und gar Beziehungs­
lose. Es ist das Beziehungslose, welches zum Bezogenen, zum Anderen
das ,ganz' Andere ist. Die Selbstbeziehung und die Differenz der Unver­
einbarkeit sind also gleichermaßen formelle Eigenschaften des Gedan­
kens der absoluten Negativität, der aus der Negationsform der Anders­
heit gebildet worden ist. So zeigt sich, daß er ganz unmittelbar die for­
male Problematik aus sich hervorgehen läßt, die in Hegels Systemprinzip
der Einheit von Substanz und Subjekt aufgelöst sein soll. Und es zeigt
sich des weiteren, daß auch Hegels spekulative Sprache eigentlich geradezu
mit Leichtigkeit und doch unter Kontrolle aus diesem Gedanken heraus
wiedergewonnen werden kann. Was immer man über die Bedingungen
denken mag, unter denen sie zustandekommt - Methode und Verständ­
lichkeit sind ihr nicht abzusprechen.
Der Gedanke der absoluten Negativität als absoluter Andersheit ist
nun in Beziehung zu bringen zu der Problematik, mit der sich die Exe­
gese von Hegels Text bisher vor allem zu befassen hatte, - der Proble­
matik der Beziehung zwischen Schein und Wesen. Daß das Wesen selbst
der Schein und daß die Bestimmtheit des Scheins gegen das Wesen auf­
gehoben ist, meint : Die Unmittelbarkeit des Scheins kann dem Wesen
zugesprochen werden; und was den Schein vom Wesen unterscheidet,
kann aus dem Wesen begriffen werden als eines, das kraft des Wesens
entfällt. Solange man vom Schein ausgeht, ist der Wegfall des Scheins von
Interesse. Geht man aber vom Begriff des Wesens aus, so muß zunächst
sein Entstehen und erst in Beziehung auf es sein Wegfall verständlich ge­
macht werden. Der Gedanke vom Wesen entspricht dem Gedanken von
der selbstbezüglich verdoppelten Negationsform ,Andersheit' - gegenüber
der Seinslogik in vollständigerer, gegenüber der Begriffslogik in anfäng­
licher Formulierung. So muß sich also in Beziehung auf ihn auch das Ver­
hältnis von Schein und Wesen aufklären.
266 DIETER HENKICH

Im Übergang vom Schein zum Wesen war die Bedeutung von ,Unmit­
telbarkeit' so verschoben worden, daß Unmittelbarkeit als Selbstbezie­
hung des Wesens verstanden werden konnte (U2) - somit also auch
als Andersheit, insofern diese auf sich angewendet ist. Kraft ihrer Selbst­
beziehung ist aber Andersheit ebensowohl entfallen. Sie ist nicht Anders­
heit, sondern das Andere von Andersheit, also das, was in keiner Weise
ein Anderes ist. Dieses Andere nicht gegenüber einem Anderen, sondern
gegenüber der Andersheit, das insofern aller Relation auf Anderes entho­
ben scheint, ist aber seiner Bedeutung nach ununterscheidbar von dem,
was zuvor ,einfache Unmittelbarkeit' (U1) genannt worden war, - der
Gedanke von einer Situation, die nicht durch Abgrenzung gegen eine an­
dere zu charakterisieren ist. Und so zeigt es sich, daß aus der reflektier­
ten Unmittelbarkeit die einfache Unmittelbarkeit wiederum hervorgeht.
Sie geht allerdings nur insofern hervor, als die reflektierte Unmittelbar­
keit in Ansatz gebracht ist; und sie bleibt damit in einer Weise, die ge­
nauer zu bestimmen wäre, zugleich auf sie als auf ihr Anderes, wenn­
gleich als ein ,ganz Anderes', bezogen. Drückt man diesen Sachverhalt in
der Sprache der Logik des Scheins aus, so ergibt sich diese Formulie­
rung : Das Wesen ist der Schein (U2), das dadurch in ihm selbst scheint,
daß es die einfache Unmittelbarkeit des Scheines (U1) als das Negative
und Bestimmte gegen sich hat und insofern zugleich in seinem eigenen
Begriffe aufhebt.
Hier tritt nun die Rede von der Unmittelbarkeit unter drei Bedingun­
gen auf: 1.. Unmittelbarkeit (U2) ist die Selbstbeziehung des Wesens;
seine Gleichheit mit sich; 2 . Unmittelbarkeit (U1) tritt kraft der Selbst­
beziehung des Wesens und an Stelle des Wesens ein. Denn wenn das An­
dere als solches nicht es selbst, sondern ein Anderes als Andersheit ist,
so ist es eben deshalb einfache Unmittelbarkeit. 3· Da aber diese ein­
fache Unmittelbarkeit nur- kraft der Selbstbeziehung des Wesens ist, be­
steht sie auch nur in Beziehung auf diese. Sie ist von ihrem Gegenteil ab­
hängige und darum nicht einfache Unmittelbarkeit, sondern aufgehobene
einfache Unmittelbarkeit. Zwischen ihr und dem Wesen tritt dieselbe Be­
ziehung wieder ein, die schon zwischen dem Wesen und jenem Schein
bestanden hatte, der die vom Wesen stets schon aufgehobene Unmit­
telbarkeit war.
Man kann diese drei Etappen der Entwicklung des Wesensbegriffes
auch in den folgenden mnemotechnischen Kurzformen festhalten:
1.. N - N = U2 reflektierte Unmittelbarkeit als Beziehung der Nega­
tion auf sich.
Hegels Logik der Reflexion 267

2. N - N -+ U1 einfache Unmittelbarkeit als das, was das Andere zu

aller Negation ist.


3· (N - U1) = (N - N) einfache Unmittelbarkeit als je schon in ihrer
Negation aufgehoben.
Zwischen diesen drei Auftritten von Unmittelbarkeit im Wesen besteht
eine geordnete Kreisfolge. Zuerst wird dem Wesen selbst Unmittelbar­
keit (in der verschobenen Bedeutung) zugesprochen; dann zeigt sich, daß
das nur auf sich bezogene Wesen die Unmittelbarkeit in der Bedeutung
wieder herstellt, die vor der Verschiebung in Geltung war; sie wird aber
schließlich so wieder hergestellt, wie sie im Schein zu denken gewesen
ist: nicht als von aller Andersheit unberührte Unmittelbarkeit, sondern
als Unmittelbarkeit, die hervorgeht aus der Negation und somit als je
schon aufgehobene Unmittelbarkeit.
Dieser Kreisgang läßt sich als Sequenz von Fällen der angemessenen
Verwendung von ,Unmittelbarkeit' nur konstruieren, wenn vorausge­
setzt werden kann, daß die Bedeutungsverschiebung von U1 zu U2
zu Recht erfolgt. Um sie an ihrer Stelle zu begründen, mußte der Gesamt­
zusammenhang zwischen Logik des Seins und Logik des Wesens verge­
genwärtigt werden. Erst aus diesem Verhältnis bestimmte sich der We­
sensbegriff auch als selbstbezügliche Negation. Setzt man aber nunmehr
diesen Wesensbegriff als gerechtfertigt voraus, so läßt sich rückläufig
eine weitere Aufklärung über die Bedeutungsverschiebung und eine zu­
sätzliche Begründung für sie gewinnen. Auch diese Begründung bleibt
aber insofern von der ersten abhängig, als nur die erste zum Wesen als
selbstbezügliche Negation führen und den Gebrauch des Terminus ,Un­
mittelbarkeit' in Beziehung auf rein Negatives begründen konnte :
Das Wesen als selbstbezügliche Negation ist U2, insofern sich die Ne­
gation auf sich selbst bezieht. Wie sich herausstellte, ist die Negation kraft
ihrer Selbstbeziehung ebensosehr auch das Andere der Negation, das An­
dere alles Anderen - also einfache Unmittelbarkeit. Die Selbstbeziehung
des Negativen (Anderen) und dies, daß seine Selbstbeziehung eine nega­
tive Beziehung ist, sind gleichermaßen formale Eigenschaften der abso­
luten Negativität. Sie sind auch nicht irgendwelche beiläufigen Züge oder
Aspekte dieser Negativität, sondern solche Eigenschaften, welche die
Negativität als ganze konstituieren. Negativ auf sich bezogen zu sein
konstituiert die absolute Negativität; und eben kraft dieser Beziehung
ist sie nichts als einfache Unmittelbarkeit. So kann das Wesen insgesamt
einmal als negative Selbstbeziehung und ein anderes Mal geradezu als
einfache Unmittelbarkeit beschrieben werden. Nun ist über die Argumen-
268 DIETER HENRICH

tation, die zur Bedeutungsverschiebung führte, einleuchtend gemacht wor­


den, daß auch die Selbstbeziehung des Negativen ,Unmittelbarkeit' ge­
nannt werden kann. Hält man jetzt nur daran fest, daß der Terminus
,unmittelbar' in dieser doppelten Weise gebraucht werden kann, so läßt
sich aus der negationstheoretischen Entwicklung, die vom Wesen ausgeht,
ein Grund dafür gewinnen, die beiden Verwendungsfälle von ,Unmittel­
barkeit' miteinander zu identifizieren. Denn diese Entwicklung zeigte,
daß U2 ebenso wie U1 dasselbe Wesen sind. Also darf man im Blick
auf die Selbigkeit des Wesens die Selbigkeit der beiden Verwendungs­
fälle von ,unmittelbar' ganz ohne Sorge behaupten.
Nun wird aber auch deutlich, daß man in den Ablauf dieser Folgerung
Einschränkungen einführen muß. Denn sonst führt sie zu Konsequenzen,
die jedenfalls im gegenwärtigen Stadium der Entwicklung nicht zu akzep­
tieren sind. Würde man nämlich, wo immer man U1 denkt, auch U2
denken können, so würde nicht nur U1 mit U2, sondern ebenso U2
mit U1 identifiziert. Damit würde die Bedeutungsidentifikation, die doch
einsinnig verläuft, nicht als solche, nämlich als Fortschritt in einer Ge­
dankenentwicklung, gerechtfertigt werden. Auch würde der Unterschied
zwischen Schein als Schein zum Wesen als Wesen zur Unzeit verschwin­
den. Die Logik mag in eine solche Richtung weisen; ihr Ziel ist aber an
ihrem Anfang nicht zu erreichen, ohne daß sich die Bestimmtheit aller
eingeführten Begriffe auflöst.
Nun verlangt es und erlaubt es aber der Wesensbegriff, daß ein Unter­
schied zwischen den beiden Anwendungsfällen von ,unmittelbar' fest­
gehalten wird. Dieser Unterschied ist eben derselbe, der es überhaupt erst
sinnvoll werden ließ, von einer Verschiebung der Bedeutung von ,Unmit­
telbarkeit' zu sprechen. Ohne Rücksicht auf ihn kann aber nicht ein­
mal der Wesensbegriff als solcher gefaßt werden. Um dem Rechnung
tragen zu können, muß man wieder darauf zurückkommen, daß die
Selbstbeziehung der Selbstaufhebung des Wesens insofern vorgeordnet
ist, als die Selbstaufhebung dann eintritt, wenn die Selbstbeziehung er­
folgt. Das Wesen ist ein ganz anderes als die Negation, weil selbstbezüg­
liche Negation es definiert. Es gibt viele andere Situationen, in denen es
angemessen ist zu konstatieren, daß einfache Unmittelbarkeit vorliegt.
In diesen Fällen ist die These, daß das Wesen einfache Unmittelbarkeit
sei, gänzlich ohne Grund. Die einfache Unmittelbarkeit, welche das We­
sen ist, tritt ein, indem die Relation hergestellt wird, durch welche die
Negation in Selbstbeziehung tritt. Obgleich also gesagt werden kann,
daß die negierte Negation nichts anderes ist als einfache Unmittelbarkeit,
ist sie dies doch in einem Sinn, der dem Sinn entspricht, in dem Eins
Hegels Logik der Reflexion 269

weniger Eins Null ist. So läßt sich also zwischen dem Wesen als U2
und dem Wesen als U1 auch eine logische Abfolge konstatieren, die auch
den Sinn bestimmt, in dem an ihrem Ende von ,einfacher Unmittelbar­
keit' gesprochen wird, die somit hier wesentlich ein Resultat ist.
Die Bedeutungsverschiebung erfolgt im Gegensinn zu der Richtung
dieser logischen Abfolge. Sie kann aber dennoch mit deren Hilfe begrün­
det werden. Denn wenn das, von dem aus die Verschiebung erfolgt,
aus dem, zu dem hin sie erfolgt, so hervortritt, daß das, aus dem es her­
vortritt, ganz in das Hervorgehende eingeht, so ist es auch angemessen,
den Terminus, der das Hervorgehende bezeichnet, auf das anzuwenden,
aus dem es hervorgeht, - sofern dieser rerminus überhaupt nur beide
bezeichnen kann. Auf diese Weise ergibt sich eine nachträgliche Verstän­
digung über die Bedeutungsverschiebung, in der sie auf dem Hinter­
grund des Prozesses interpretiert wird, in dem das Wesen auch in der
Erzeugung seines eigenen Gegenteils ständig nur auf sich bezogen bleibt.
Die Art und Weise dieser Beziehung muß aber noch näher betrachtet
werden. Über die Bedeutungsverschiebung wird der Schein mit dem
Wesen so identifiziert, daß der Unterschied zwischen beiden entfällt. So
ist also die Bedeutungsverschiebung der logischen Abfolge vom Wesen zur
einfachen Unmittelbarkeit nicht nur dadurch entgegengesetzt, daß sie im
gegenläufigen Sinn den Term U1 durch den Term U2 ersetzt. Sie
stellt in Einem damit auch die These auf, daß der Schein ins Wesen
transponiert wird und daß seine Bestimmtheit gegen das Wesen ver­
schwindet. Das Andere des Wesens ist einfache Unmittelbarkeit. Die Be­
gründung für die Bedeutungsverschiebung übersetzt den Schein in die
Wesenform. Nur dadurch, daß die einfache Unmittelbarkeit über die Be­
deutungsverschiebung zur Gleichheit des Wesens mit sich werden kann,
kann auch die einfache Unmittelbarkeit als die Unmittelbarkeit des We­
sens erscheinen.
Nun hat sich dafür, daß die Bedeutungsverschiebung als gerechtfertigt
anerkannt wird, ein subsidiärer Grund aus der Entwicklung der Wesen­
form gewinnen lassen. Ist dieser Grund aber wirklich ein Grund dafür,
die Bedeutungsverschiebung einleuchtend zu finden, so bestätigt er da­
mit notwendigerweise auch, daß U1 nicht nur mit U2 identisch ist,
sondern daß diese Identitätsthese bedeutet, daß U1 ins Wesen überführt,
von U2 aufgehoben wird. So wird der logischen Abfolge, die von U2
ausging, die umgekehrte Abfolge zugeordnet, in der U1 wieder zu U2
wird. So wie zuvor die Negation in der selbstbezüglichen Verdoppelung
verschwand, verschwindet nun umgekehrt die einfache Unmittelbarkeit
in dieser absoluten Negativität. Insofern kann es zu einer einfachen Un-
270 DIETER HENRICH

mittelbarkeit gegenüber dem Wesen eigentlich gar nicht kommen. Indem


diese Unmittelbarkeit hervortritt, ist sie auch schon aufgehoben. Und in
diesem Sinne ist sie genau das, was zuvor als ,Schein' am Wesen analy­
siert worden war.
Dieser Weg vom Wesen zur alsdann sogleich auch aufgehobenen ein­
fachen Unmittelbarkeit ist, wie gesagt, ein Kreislauf. Wiederholte sich
dieser Kreislauf des Wesens endlos ohne weitere Entwicklung, so müßte
man konstatieren, daß das Sein am Ende doch nicht wirklich im Wesen
aufgehoben wurde.
Zwar wurde seine begriffliche Form in die des Wesens übersetzt. Es
kam auch eine immanente Entfaltung aus dem Begriff des Wesens in Gang.
Dieser Gang führte aber auch instantan zum Begriff des Scheines zurück,
der darauf erneut aufzuheben war. Wenn also das Wesen auch nicht
wieder zum einfachen Sein zusammensinkt, so muß es doch den Übergang
zu sich endlos wiederholen. Ein solches Ende der Logik, das den logischen
Prozeß an so aussichtsreicher Stelle schließlich nur das Schicksal des Si­
syphus repetieren läßt, ist sicher nicht Abschluß in dem von Hegel inten­
dierten Sinne. Nach den Kriterien für den Erfolg des spekulativen Fort­
schritts wäre dieser Kreislauf vielmehr sein Kollaps.
Um zu sehen, daß er sich vermeiden lassen sollte, muß man noch ein­
mal auf die Bedeutungsverschiebung und auf die nachträgliche Begrün­
dung zurückkommen, welche sie aus dem entwickelten Gedanken der
selbstbezüglichen Andersheit erfahren hatte. Dieser Gedanke hatte einen
Grund dafür an die Hand gegeben, das Wesen als U2 und das Wesen als
U1 für einunddasselbe Wesen zu halten. Zugleich war auch ihr Unter­
schied zu behaupten. Denn U1 ist das, was aus der Umwendung der
Beziehung auf Anderes auf sich selbst hervorgeht und kann deshalb als
das Resultat der Selbstaufhebung der Andersheit aufgefaßt werden. In­
sofern ist sie auch ein Anderes als die selbstbezügliche Andersheit -
eben die einfache Unmittelbarkeit gegen sie. Doch kann sie als solche
ebensowenig festgehalten werden. Die einfache Unmittelbarkeit ist zwar
in ihrer Begriffsbestimmung ein Anderes als die Reflexion des Wesens
und läßt sich auch als ein solches Anderes leicht fixieren. Insofern aber
einfache Unmittelbarkeit aus dem Wesen hervorgeht, ist sie schon ihrer
gedanklichen Bestimmtheit nach nicht als das Andere des Wesens fest­
zulegen, sondern als jenes Andere, welches der Schein ist, - als unmit­
telbar auch aufgehobenes Nichtdasein, das allenfalls eine unabhängige
,Seite' hat. Wird dann aber weiter U1 zu U2 mittels der Bedeu­
tungsverschiebung in Beziehung gebracht, so ist damit vollends konsta­
tiert, daß die Unmittelbarkeit, die aus dem Wesen hervorgeht, ebenso
Hegels Logik der Reflexion 271

instantan wieder vom Wesen aufgehoben ist. So fragt es sich am Ende,


ob ein Anderes gegen das Wesen überhaupt zustandekommen kann, ob­
wohl doch der Wesensbegriff als solcher verlangt, daß dies geschieht, in­
dem er das Wesen selbst als das definiert, was ein Anderes gegen sich
ist. Aus dem Prinzip der absoluten Negativität folgt, daß ein Anderes
gegen das Wesen sei. Es muß zwar auch als im Wesen aufgehoben gedacht
werden - aber nicht so, daß sein Aufgehobensein es ausschließt, daß
es als Anderes überhaupt zustandekommt. Soll man es als Anderes des
Wesens denken, das doch nur äußerliche Beziehungen des Andersseins
gar nicht zuläßt, so müßte es, indem es ein Anderes des Wesens ist, zu­
gleich das Wesen sein. Denn nur so, also durch das Wesen selbst, könnte
es der Notwendigkeit entgehen, je schon vom Wesen, das Aufheben des
Anderen ist, aufgehoben zu sein. Bisher war es ein Anderes des Wesens
nur insofern und indem seine Andersheit verschwindet. Ist diese Anders­
heit aber nichts als rein nur verschwindend, so kann das Wesen selbst
gar nicht das Andere zu sich sein. Denn diese Definition verlangt, daß
Andersheit wirklich zustandekommt.
Man hat also zu konstatieren, daß es bisher noch nicht möglich gewor­
den ist, das, was aus dem Prinzip der absoluten Negativität folgt, ohne
Verlust festzuhalten. Und eben dies ist das dynamische Moment, das
in eine weitere logische Entwicklung treiben muß. Es folgen aus die­
sem Prinzip zwei einander entgegengesetzte Gedanken, die mit gleichem
Recht verlangen, im Gedanken eines Resultates der selbstbezüglichen
Andersheit berücksichtigt zu sein. Ein solcher Gedanke müßte darum ein
Anderes des Wesens denken, das nicht nur darin, daß es in das Wesen auf­
gehoben wird, das Wesen selbst ist. Aus der selbstbezüglichen Anders­
heit müßte sich ein Anderes des Wesens ergeben, das sich als solches
Anderes erhält und das dennoch nichts anderes ist als das Wesen selbst.
Nur dann, wenn das Andere des Wesens das Wesen selbst ist, ohne
damit aufzuhören, ein Anderes zu sein, wird das Wesen nur auf sich
und zugleich doch auf ein Anderes bezogen sein können. Dann verhält es
sich nicht zu sich im Aufheben des Anderen, das aus ihm hervorgeht. Es
verhält sich in seinem Anderen nur zu sich selbst, weil das Andere es
selbst ist. Es verhält sich nicht nur zu seinem Anderen, sondern zu seinem
Anderen als zu sich selbst.
Das Wesen ist als selbstbezügliche Negation definiert. Sollte es sich auf
diese Weise im Anderen nur zu sich selbst verhalten, so müßte ein Anderes
zu denken sein, das ebenso selbstbezügliche Negation ist. So müßte sich
die Negation, die selbstbezüglich und damit verdoppelt ist, als solche noch
einmal verdoppeln lassen. Nur dann könnte das Wesen, das sich zu Ande-
272 DIETER HENRICH

rem verhält, in diesem Anderen als Anderen wiederzufinden sein. Nur in


der zweifach verdoppelten Negation ist das Wesen als in ihm selbst
gegen sich Anderes zugleich doch reine Beziehung nur auf sich. Es kann
den Kreislauf über den Schein zurück zu sich beenden, der sonst in
infinitum stattfinden müßte.
Ist es möglich, einen solchen formalen Zusammenhang aufzubauen, so
gewinnt auch die Bedeutungsidentifikation einen ganz neuen Sinn. In ihr
würde nämlich die Selbstbeziehung des Wesens zuletzt nur jenes Verhält­
ni·s sein, in dem die zweimal verdoppelte Negation den einen Gedanken
der absoluten Negativität konstituiert. Jeder der beiden Fälle wäre dann
U1, insofern er ein Anderes ist, - aber so, daß seine Unmittelbarkeit aus
der Selbstbezüglichkeit der Negation und somit als U2 zu interpretieren
ist. Die Gleichheit des Unmittelbaren gegen das Wesen wäre als Folge
davon aufzufassen, daß das Wesen sich selbst sich entgegenstellt.
Ein formales Objekt, das diesen Bedingungen genügt, kann hier nicht
entwickelt werden. Innerhalb der Interpretationen, die folgen sollen, wird
aber mit Hilfe der negationstheoretis·chen Mittel, die nun schon zur Ver­
fügung stehen, noch ein weiterer Schritt in Richtung auf einen Gedanken
von der absoluten Negativität als zweimal verdoppelter Negation ge­
macht werden. Ein Gedanke, in dem dieses Verhältnis endgültig fest­
gelegt und aus weiteren ,Gegenstößen in sich' befreit wird, kann aller­
dings erst hinter der Schwelle zur Logik des Begriffs erwartet werden.
Im übrigen wird im folgenden zu zeigen sein, daß Hegels Analyse
der setzenden Reflexion zwar schon mit einer Verdoppelung der Reflexion
rechnet, daß sich aber zwischen den beiden Fällen der selbstbezüglichen
Negation noch kein Verhältnis der Andersheit einrichten läßt. In der
Analyse der bestimmenden Reflexion ist dagegen der Schritt zu einem
solchen Verhältnis schon getan. Es wird also auch zu untersuchen sein,
unter welchen Bedingungen er zustandekommt.
Der Gedanke von einem Anderen des Wesens, das selbst Wesen ist,
verlangt aber nicht nur, daß die beiden Momente der Andersheit und
der Reflexion im Anderen als solchen in einem Begriff von der Selbst­
beziehung des Wesens zusammengebracht werden. Er verlangt auch, daß
der Wesensbegriff selbst, der doch das notwendige Korrelat der Rede von
einem Anderen des Wesens ist, überhaupt festgehalten werden kann,
wenn in ihm auch das Wesen als ein solches gedacht werden muß, das
in einer Relation der Andersheit steht, - und nicht nur als die Reflexion,
die etwas aus sich heraussetzt, das dann nur noch unter Kategorien
des Anderen gedacht werden kann. Die Frage, inwiefern dies möglich
ist, bleibt in der gesamten Reflexionslogik ohne Antwort. Sie endet mit
Hegels Logik der Reflexion 273

dem Resultat, daß sidt zwar das Wesen selbst in sein Anderes setzen
kann, daß sich das Wesen ·damit aber auch an sein Anderes verliert. Aus
diesem Verlust entfaltet sich die Logik der Reflexionsbestimmungen. Erst
der Gedanke vom Grund bringt Selbstbeziehung und Bestimmtheit in
einer Weise zusammen, weldte die Selbstbeziehung der Bestimmtheit
nicht unterordnen muß. So öffnet sich also erst mit dem ,Grund' die
Aussicht auf einen Gedanken, in dem die Selbstbeziehung des Wesens
mit einem Bestimmtheitsverhältnis zwischen zwei Fällen zusammenge­
dacht werden könnte, die gegeneinander Andere und doch beide Wesen
sind.

3· Setzen und Voraussetzen

a. Die Reflexion als Setzen


Im Abschnitt über die setzende Reflexion nimmt die Analyse zum ersten
Mal vom Wesensbegriff selbst ihren Ausgang, und es wird der formale
Zusammenhang aufgebaut, in dem aus der B eziehung des Wesens auf
sich seine Beziehung auf sein Anderes und zugleich die Aufhebung dieser
Andersheit zu begreifen ist. Hier wird Hegels Text aus guten Griinden
komprimiert und hermetisch. Er enthält einige der spekulativ didtte­
sten Passagen seines ganzen Werkes, welche die Kunst eindrucksvoll vor­
führen, die JACOBI gegen FICHTE als die Zauberei des Nihilismus beschrieb :
aus dem bloßen Nicht der Negation eine Welt hervorgehen zu lassen. Da
Hegel es aber an einer rein für sidt zur Deutlichkeit gebrachten Nega­
tionstheorie mengelte, sind auch diese Passagen nicht ganz frei von un­
nötigen Zweideutigkeiten.
Der Abschnitt ,C. Die Reflexion' nennt in seiner Einleitung die Auf­
gabe, die nun zur Lösung ansteht : Es muß die Bewegung des Wesens
dadurch nachvollzogen werden, daß alle Unmittelbarkeit die, welche
dem Wesen zukommt, wie auch die, welche es aufhebt - aus der selbst­
bezüglichen Negation gewonnen wird, womit sich zugleich ergibt, daß
die Einheit des Wesens alle Unmittelbarkeit umgreift. Um diesen Nach­
weis zu führen, muß eigentlich nur eine formale Eigenschaft der absolu­
ten Negativität Beachtung finden, die bei der Überführung des Scheines
in das Wesen unberücksichtigt geblieben war : Die sich auf sich bezie­
hende Negativität . . . ist . . überhaupt so sehr aufgehobene Negativität,
"
als sie Negativität ist" (C C 2, 2/3). Die Negation eliminiert sich gerade da­
durch, daß sie sich auf sich selbst bezieht. Das, wodurch die Negation
274 DrETER HENRICH

als solche Unmittelbarkeit und Gleichheit mit sich hat, ist zugleich "die
aufgehobene Negation und die aufgehobene Rückkehr in sich" (C I, 5,
5/6). Eines bezieht sich dann auf sich selbst, wenn es das Beziehen, das
es als solches ist, in sich zurückwendet, also das, was in seinem Beziehen
von ihm ,ausgeht', in sich zurückkehren läßt. So ist es als Rückkehr
Reflexion. 22 Kehrt aber die Beziehung ,Negation' als solche in sich zu­
rück, so ist eben gerade das auch ihre Selbstauslöschung. In ihr läßt sie
ihr Anderes hervorgehen, das sich nun als das erweist, was sie selbst ist.
Daß die Reflexion so sich aufhebt und sich zugleich in ihr Anderes ver­
setzt, ist das Prinzip, welches der setzenden, der äußeren und der be­
stimmenden Reflexion gemeinsam zugrunde liegt. In die setzende geht es,
so wird sich zeigen, aber nur in einem besonderen und eingeschränkten
Sinn und insofern ein, als diese Reflexion zugleich auch voraussetzende
ist. Weitere Differenzen in der Weise, wie die Selbstaufhebung des We­
sens in den Gedanken von seiner Form berücksichtigt sein kann, ergeben
sich daraus, daß das Andere des Wesens zwar im Prinzip stets als das We­
sen selbst zu denken ist, daß dieser Gedanke aber nicht unbedingt als Ele­
ment in der weiteren Entwicklung des Wesensbegriffes wirksam sein muß.
Er wird es, wie gesagt, erst im Begriff der bestimmenden Reflexion und
kann es auch nicht früher werden.
Zunächst sind aber der Begriff und die Form der setzenden Reflexion
aufzuklären. ,Gesetztsein' ist Hegels Gegenbegriff zu ,Ansichsein' und
gegen diesen Gedanken durch zwei Eigenschaften unterschieden: (a)
Was gesetzt ist, ist nicht selbständig; (b) ferner ist es im Unters<:hied zum
undifferenziert an sich Seienden in Bestimmtheitsverhältnissen zu den­
ken. Diese Eigenschaften sind nicht unabhängig voneinander. Denn eben
weil das Ansichseiende nicht in Beziehung auf Anderes ist, kann es das
Unbestimmte sein. Schon aus diesen Definitionen folgt, daß die einfache
Unmittelbarkeit nicht als gesetzte aufgefaßt werden darf. Denn als gesetzte
ist sie weder einfaches Sein mit sich noch allen Bestimmtheitsverhältnis­
sen entzogen. Ist nun Wesen als setzende Reflexion zu denken und tritt
in seiner Form einfache Unmittelbarkeit hervor, so muß sie als Schein
gedeutet werden - damit in Wahrheit aber als aufgehoben und, - inso­
fern sie gesetzt und aufgehoben ist - als reflektierte Unmittelbarkeit.
Inwiefern der Prozeß der Reflexion am Beginn der Wesenslogik von einer
immer schon aufgehobenen Unmittelbarkeit dennoch ausgehen konnte und

22 Dies ist auch der nächstliegende Grund dafür, über die verdoppelte Negation

das zu interpretieren, was wir Reflexion nennen : Eine selbstbezügliche Beziehung


ohne Bezogene.
Hegels Logik der Reflexion 275

wieso ihr wenigstens transitorisch eine ,unmittelbare Seite' gegen das


Wesen eignen konnte, läßt sich aber nur begreifen, wenn man verstehen
kann, inwiefern eine Unmittelbarkeit auch vorausgesetzt sein kann, ob­
gleich sie doch nur eine gesetzte ist.
Im Text ist Hegels Nachweis, daß alle Unmittelbarkeit des Wesens re­
flektierte Unmittelbarkeit ist, sowohl verwirrend als auch nicht deutlich
genug artikuliert. Er ist verwirrend, weil Hegel die Eigenschaft, ,sich
selbst aufzuheben', sowohl der Unmittelbarkeit als auch der Negation bei­
legt, ohne die logische Bedeutung dieser verschiedenen Selbstaufhebungen
gegeneinander abzugrenzen. Er ist undeutlich, weil der Wortlaut nicht zu
entscheiden erlaubt, welche von mindestens zwei möglichen Interpretatio­
nen mit Hegels Intention übereinstimmt. Der Grundgedanke des Nach­
weises wird in einer einleitenden übersieht dargelegt. Sie folgt auf zwei
Absätze (C I, 1. und 2), die zwar schon unter dem Titel ,die setzende Re­
flexion' stehen, die aber Bemerkungen zur Reflexion im Ganzen enthal­
ten. Sie sind von den Ausführungen nur über die setzende Reflexion durch
einen Gedankenstrich getrennt.
Nach der Bedeutungsverschiebung hat die Unmittelbarkeit des Wesens
ihren Ort und Grund allein in der Gleichheit des Negativen mit sich.
Diese Gleichheit wird nicht nach seinslogischen Regeln im Obergang vom
Negativen in die von ihm nur verschiedene Gleichheit mit sich erreicht.
Sie ist nichts anderes als die Beziehung des Negativen auf sich und so­
mit die negative Beziehung auf dies Negative. In diesem negativen Ver­
hältnis ist alles Obergehen beendet. Das Verhältnis zum Anderen, die
Andersheit, ist in sich selbst umgewendet. Die Unmittelbarkeit aber,
welche als die Gleichheit der Negation mit sich in diesem Verhältnis be­
steht, ist als Gleichheit des Negativen mit sich "die sich selbst negierende
Gleichheit" (C I, 3, 1.1./1.2). Nach dieser Formulierung ist die Unmittel­
barkeit also reflektierte Unmittelbarkeit, weil sie als Unmittelbarkeit in
ihrem eigenen Begriff auch ("zweitens" C I, 3, 1.o) aufgehoben ist; und
dies ist sie, weil sie als Gleichheit nur durch eine Beziehung des Negati­
ven (wenngleich auf sich) zustandekommt, die als solche immer nur eine
negative Beziehung sein kann. Insofern zerstört sich die Gleichheit des
Negativen mit sich auch schon, insofern sie überhaupt nur eintritt. Ob­
gleich sie nicht dasjenige ist, auf das sich die Negation in Selbstbeziehung
wendet, sondern nur, was sich in dieser Selbstbeziehung ergibt, kann des­
halb in etwas unpräziser Sprache gesagt werden, sie sei das Negative ihrer
selbst und darum sich selbst aufhebende Unmittelbarkeit (C I, 4, 4/5).
Die Gleichheit des Negativen mit sich ist jedenfalls ihrem Begriff nach
ebensosehr aufgehobene Selbstgleichheit.
2.76 DI"ETER HENRICH

Mit diesem Argument läßt sich allerdings kaum deutlich machen, daß
diese selbstzerstörensehe Unmittelbarkeit eben diejenige Unmittelbarkeit
ist, welche der Schein war, von der udie reflektierende Bewegung an­
zufangen schien" (C I, 4, :t:o) . Denn dazu müßte nicht nur gezeigt wer­
den, daß alle Unmittelbarkeit im Formzusammenhang des Wesens auf­
gehobene Unmittelbarkeit ist, sondern weiter noch, daß solche Unmit­
telbarkeit zugleich gegen das Wesen gesetzt sein kann, so daß sie auch
in dieser Beziehung als zugleich immer schon aufgehoben zu denken ist.
Daß die Unmittelbarkeit in der Selbstbeziehung des Wesens immer sich
selbst zerstört, besagt zwar wohl, daß sie reflektiert und im angege­
benen Sinne auch, daß sie negativ gegen sich bestimmt ist. Damit ist aber
noch nicht gesagt, daß die reflektierte Unmittelbarkeit, welche aus der
Selbstbeziehung des Wesens hervorgeht, als Schein aufgehoben wird und
somit als etwas, von dem zwar die Bewegung der Reflexion nicht wirklich
anfangen kann, das aber dennoch den Anschein einer Unabhängigkeit
gegen das Wesen sehr wohl bietet.
Hegels Text enthält Spuren, die sich als Hinweise auf eine solche weiter­
gehende Entfaltung der Negationsstruktur der setzenden Reflexion le­
sen lassen. So sagt Hegel, daß die Unmittelbarkeit des Wesens "das Auf­
heben des Negativen" sei (C I, 4, 2/3). Diese Formel läßt sich leicht
als ·die Aussage verstehen, daß dann, wenn die Negation auf sich selbst
bezogen wird, diese Negation wegfällt und daß damit Unmittelbarkeit
eintritt, welche als solche gesetzte Unmittelbarkeit ist. Nach dem negations­
theoretischen Modell, das zuvor ausgearbeitet wurde und dessen Begriff
von der Negation die Andersheit ist, kann gesagt werden, daß das
Negative, welches zu sich selbst das Andere ist, nur die einfache Unmittel­
barkeit gegen das Wesen sein kann, die aber zugleich abhängig und des­
halb als einfache aufgehoben und insofern gesetzte, reflektierte Unmittel­
barkeit ist. Man würde sich gern davon überzeugen, daß diese nega­
tionstheoretische Herleitung Hegels Text unterstellt werden muß. Der
Text setzt dieser Interpretation auch keinen Widerstand entgegen. Aber er
enthält zu wenige und keine zwingenden Gründe, über die schwächere
Interpretation hinauszugehen, durch die er gleichfalls durchgängig ab­
gedeckt werden kann. In ihrem Rahmen hat die Wendung, daß die Un­
mittelbarkeit ,das Aufheben des Negativen' sei, einen bescheidenen Sinn :
Nur dort, wo die Beziehung von Einem zu einem Anderen entfällt, durch
das es bestimmt wird, kann überhaupt von Unmittelbarkeit die Rede sein.
Es muß also das Negative aufgehoben sein, wo immer Unmittelbarkeit ist.
Die Unmittelbarkeit des Wesens, als Rückwendung des Negativen in sich,
Hegels Logik der Reflexion 277

sorgt selbst dafür, daß diese Bedingung für Unmittelbarkeit erfüllt ist.
Sieht man ein, daß man sich, was Hegels Text betrifft, auf diese beschei­
denere Interpretation zu beschränken hat, so folgt daraus, daß Hegels Ana­
lyse der setzenden Reflexion nur in abstracto nachweist, daß alle Unmit­
telbarkeit, welche mit und aus der Selbstbeziehung des Negativen ent­
springt, einzig reflektierte Unmittelbarkeit sein kann. Auf welche mög­
licherweise vielfältige Weise in dieser Selbstbeziehung Unmittelbarkeit
hervorgeht, bleibt dann von der Analyse der voraussetzenden Reflexion
aufzuklären. In den folgenden Kapiteln der Wesenslogik versteht Hegel
aber mit Gewißheit das Setzen als jenen Akt, in dem Eines von einem
von ihm Verschiedenen als ein rein nur durch und gegen es Bestimmtes
·

hervorgebracht wird. 23

b. Die Reflexion als Voraussetzen


Die Analyse des Voraussetzens hat offenkundig die Aufgabe zu erfül­
len, den Anschein der Unabhängigkeit der Unmittelbarkeit des Scheines
gegen das Wesen so zu erklären, daß auch zu verstehen ist, wieso das
Wesen überhaupt mit dem Schein anheben kann und muß. Das aber läßt
sich gar nicht leisten, ohne daß das negationstheoretische Potential ausge­
nutzt wird, dessen Gegenwart in Hegels Analyse des Setzens nicht sicher
auszumachen war. ,Voraussetzen' hat für Hegel durchgängig den Sinn
von ,sich selbst als aufgehoben setzen'. ,Voraussetzen' ist damit eine
selbstbezügliche Aktivität, in der ein Anderes so gesetzt wird, daß dasje­
nige, was setzt, sich in seinem Setzen von ihm abhängig macht. Das Set­
zende hebt sich auf (eliminiert sich), indem es ein Anderes als unabhän­
gig setzt, und bewahrt (konserviert) sich selbst zugleich als eines, das
aus dem Vorausgesetzten hervorgeht. Dieser Prozeß hat eine viel diffe­
renziertere Negationsform als die des bloßen Setzens. Sie soll in Einem
mit einer Interpretation des Textes dargelegt werden.
Hegel nennt gleich am Beginn der Analyse des Voraus,setzens deren
spezifisches Thema : "Aber ferner ist diese Unmittelbarkeit die aufgeho­
bene Negation und die aufgehobene Rückkehr in sich" (C I, 5, 5/6).
Im Unterschied zu der gleichlautenden Wendung in der Analyse des
Setzens muß dieser Satz aufgrund seines Stellenwertes und auch mit Rück­
sicht auf die zahlreichen späteren Definitionen des Voraussetzens 24 be­
sagen, daß in der Negation, welche sich auf sich bezieht, alle negativen
Verhältnisse wegfallen. Damit ist er aber noch nicht bedeutungsgleich mit

23 Z. B. in der Analyse dessen, was Wirkung heißt (Log II. 190).


24 Vgl. Log 11. 66. 70/1. 145/7. 189. 200. u. v. a.
278 DIETER HENRICH

der Interpretation jener Wendung in der Analyse des Setzens, die soeben
erwogen worden ist. Er muß unter allen Umständen meinen, daß die Ne­
gation sich in der Selbstbeziehung eliminiert. Er muß nicht darüber hin­
aus auch noch bestimmen, welche logische Situation aus dem Wegfall der
Negation hervorgeht.
Statt das Unmittelbare gegenüber dem Wesen aus der selbstbezüg­
lichen Negation herzuleiten, stellt Hege! nur einfach fest, daß die Refle­
xion Aufheben des Unmittelbaren sei, welches ihr Anderes ist. So war
die Reflexion von Beginn an gedacht worden. Unterdessen hatte die
Analyse des Setzens darüber hinaus klargemacht, daß dies Andere nur
in einem strikten Sinn das Andere des Wesens, nämlich die von ihm ge­
setzte Unmittelbarkeit sein kann. Insofern ist dies Unmittelbare nichts
als das Negative des Wesens, das gegen es Bestimmte - das Gesetztsein.
Gegen die in diesem ,nichts als' artikulierte Einschränkung stellt sich nun
die für die Form des Voraussetzens spezifische negationstheoretische
Überlegung : In der Selbstbeziehung der Negation entfallen alle negativen
Verhältnisse. Sofern also etwas als das Andere des Wesens, als Negatives
gegen es in der Reflexion gesetzt worden ist, so muß in eben dieser Refle­
xion auch dessen negatives Verhältnis gegen die Reflexion aufgehoben
werden. Denn auch dieses Verhältnis entfällt durch die Negation, der alles
Negative als solches unterliegt. Die Reflexion setzt, weil durch sie das
Unmittelbare ist. Sie setzt das Unmittelbare aber zunächst nur in dem
Sinne als Schein, daß nichts ist als das Andere seiner selbst und eines, das
als Unmittelbares immer schon vom Wesen negiert ist. Als voraussetzende
läßt die Reflexion aber dem Unmittelbaren eine nicht nur momentane oder
imaginäre Selbständigkeit zuwachsen. Das Unmittelbare bleibt ein gesetz­
tes. Aber es ist dadurch als unabhängig gesetzt, daß seine Eigenschaft,
nichts als Negatives des Wesens zu sein, vom Wesen negiert wird. Die
Reflexion ist "Negation des Negativen als des Negativen" (C I, 5, 1.0,
hervorgh. v. Vf.). Das Gesetzte ist nicht mehr nur das Negative des
setzenden Wesens. Sein negativer Charakter ist selbst negiert. Es ist als
unabhängig, und eben das heißt voraus-gesetzt. Somit kann in einem bisher
unbekannten, aber doch haltbaren Sinn gesagt werden, daß es, unbescha­
det dessen, daß es gesetzt ist, dennoch Unmittelbares ist.
Mit dieser komplizierten überlegung ist Hegels Text und Gedanken­
gang noch immer nicht vollständig transparent gemacht. Man sieht das
daran, daß sie bisher ein Element noch nicht erreicht hat, das in der ge­
wöhnlichen Bedeutung von ,Voraussetzung' dominiert. Auch Hegel muß
darauf Wert legen, dies Element festzuhalten, wenn er den Grund des
Scheines, über den der Weg zum Begriff des Wesens führt, im Wesen
Hegels Logik der Reflexion 279

selbst auffinden will : Die Voraussetzung ist zwar verstanden als das
Setzen von etwas, das gesetzt ist als unabhängig von dem, aufgrund des­
sen es gesetzt ist, - das also ist, wenn auch das Setzen aufgehoben ist
oder, wie im Wesen, sich selbst als solches aufhebt. Damit ist aber noch
nicht gesagt, daß das Vorausgesetzte auch wiederum in Beziehung
zur Reflexion gesetzt ist, so daß die Reflexion nunmehr auf es als auf
seine Voraussetzung reflektiert. Das Vorausgesetzte ist als unabhängig
von dem gesetzt, durch das es vorausgesetzt wird; - zudem ist es aber
auch gesetzt als selbständiger Ausgang für die Reflexion des Setzenden
und insofern als wesentlich auf es bezogen.
In genau diesem Sinne war Unmittelbarkeit, sofern sie Schein ist,
im Wesen vorausgesetzt - Unmittelbarkeit, die zu negieren und die
immer schon negiert ist, von der aber auch die Bewegung des Wesens
anhebt. Diesen Schein mußte Hegel wieder erreichen und aus dem Wesen
selbst verstehen. Inzwischen hat er auch alle Mittel beigebracht, das
formale Verhältnis, das für den Schein am Anfang der Wesensanalyse
galt, aus dem selbstgenügsamen Wesensbegriff wiederherzustellen. Denn
in der voraussetzenden Reflexion wurde durch die Reflexion die Folge­
ordnung umgekehrt, die zwischen Reflexion und Unmittelbarkeit im
Setzen bestanden hatte. Als Setzen entspricht die Reflexion dem, was in
der Relation von Bedingung und Bedingtem die Bedingung ist. Im Vor­
aussetzen macht sie sich aber dadurch zu einem Analogon des Beding­
ten, daß sie sich als Negation aufhebt und ihr Anderes als unabhängig
so setzt, daß für den Fall, daß das Vorausgesetzte überhaupt in ein Ver­
hältnis zur aufgehobenen Reflexion kommt, in der Bestimmung dieses
Verhältnisses zu berücksichtigen ist, daß das Unmittelbare ein Selbständi­
ges ist - die Reflexion in Beziehung auf es also das bloß Negative. Nun
muß die Reflexion sich aber ohnehin zum Vorausgesetzten als dem un­
abhängig Gesetzten auch in Beziehung setzen. Denn sie ist Setzen und
Setzen auch, insofern sie Voraussetzen ist. Eine Unmittelbarkeit, die
als unabhängig gesetzt wird, ist somit in jedem Fall auch bestimmte und
somit aufgehobene Unmittelbarkeit. Ist sie aber einmal als unabhängig
gesetzt, so kann sie nur in der Weise von der Reflexion aufgehoben sein,
daß die Reflexion sich gegen sie als ein ihr Vorausgehendes wendet und
sie somit als ihre Voraussetzung aufhebt. Das Unmittelbare ist in diesem
Sinne ,vorgefunden' (C I, 6, 5/6). Was da aber vorgefunden wird, ist
doch nur die Unmittelbarkeit, die aus dem Wesen hervorgeht und die
von ihm, insofern es Selbstaufhebung ist, für sich selbst vorausgesetzt
ist. Hegel faßt die ganze Form der Einen Reflexion, die Setzen sowohl
280 DIETER HENRICH

als Voraussetzen ist, in einigen Wendungen von großer Verdichtung


des Gedankens zusammen. Eine von ihnen soll zitiert sein : "In dem
Voraussetzen bestimmt die Reflexion die Rückkehr in sich als das Nega­
tive ihrer selbst, als dasjenige, dessen Aufheben das Wesen ist" (C I,
5, 16119)·
Um der besseren übersieht willen soll Hegels Analyse der Einheit
von Setzen und Voraussetzen hier auch unabhängig von seinem Text als
eine Argumentation in drei Schritten wiederholt werden: 1. Die Selbst­
beziehung des Negativen bedeutet Setzen der Unmittelbarkeit als einer
solchen, die von ihrem Anderen ganz abhängig ist. Sie ist selbst ein Nega­
tives und damit als Unmittelbarkeit sich aufhebend. 2. Da aber die Selbst­
beziehung des Negativen das Negieren der Negation ist und in ihr somit
die Negation ganz verschwindet, wird das gesetzte Unmittelbare zu­
gleich als unabhängig von allem Negativen gesetzt und somit dem ver­
schwundenen Negativen vorausgesetzt. 3· Auch das Voraussetzen ist je­
doch ein Setzen. Die als unabhängig gesetzte Unmittelbarkeit ist nicht
schlechthin Anundfürsichsein, sondern das, was von der Negation in
Beziehung auf sich als das, wovon sie anhebt, vorausgesetzt ist. Auch das
als selbständig Vorausgesetzte ist somit ein Aufgehobenes. Damit ist die
Beziehung zwischen Unmittelbarkeit und Vermittung wieder hergestellt,
welche der Schein war, - nunmehr jedoch durchaus als der Schein im
Wesen.
Der Schein ist nun auch in der Form im Wesen aufgehoben, in der er
im Stadium der Entwicklung des Wesensbegriffs gedacht worden war :
Als ein Negatives (,Nichtiges'), das aufgehoben ist und dennoch eine selb­
ständige ,Seite' gegen das Wesen hat. 25 Ein gesetztes Negatives, das
Unmittelbarkeit ist, ist als solches auch aufgehoben; als Vorausgesetztes
weist es aber auch das auf, was eine ,unabhängige Seite' genannt wurde
und was zuvor aus irgendeinem Inhalt des Scheins zu erklären war. In­
zwischen hat sich herausgestellt, daß diese ,Seite' als ein rein formaler
Charakter des Wesens aufgefaßt werden kann und muß.
Mit der Rekonstitution des Scheins im Wesen tritt nun aber die Proble­
matik wieder auf, in deren Zeichen der Übergang vom Schein zum Wesen
erfolgte. Das Sein hatte sich als Schein dem Wesen noch gegenüber erhal­
ten. Da aber das Wesen der Nachfolger des Seins ist, war zu zeigen,
daß der Schein nichts anderes ist als das Wesen selbst. Diese Behaup­
tung der Identität beider war aber nur über die Bedeutungsverschiebung
von ,Unmittelbarkeit' möglich geworden. Und so ist nun zu fragen, wie

25 Vgl. oben 239.


Hcgels Logik der Reflexion 281

sich der im Wesen rekonstruierte Schein zur Identitätsthese von Schein


und Wesen in Beziehung bringen läßt.
In der negationstheoretischen Zwischenbetrachtung wurde schon der
wichtige Unterschied zwischen einer Aufnahme des Scheins in die for­
male Struktur des Wesens und einer Identifikation des Scheins mit dem
Wesen gemacht. Von einem ,absoluten Gegenstoß' (C I, 7, 2) als Konse­
quenz aus dem Wesensbegriff kann auch ohne eine Identifikation von
Schein und Wesen gesprochen werden. Wenn die Reflexion aus sich ihr
Negatives so setzt, daß es dies Negative ebenso in sich aufhebt, so ist
damit das Negative noch keineswegs als das.selbe gedacht, was auch die
Reflexion ist. Es wird nur als eines gedacht, das unabtrennbar ist von der
Reflexion - das aus ihr kommt und nichts gegen sie bleiben kann. Das
Unmittelbare, welches das Wesen sich voraussetzt, gehört zwar so zu
ihm; es ist ein Moment seiner B ewegung, aber es ist nicht dem Wesen
gleich und schon gar nidtt das Wesen s elbst.

c. Die Verdoppelung der Reflexion

Die wichtigste Voraussetzung für den weiteren Gang der Entwicklung


des Wesensbegriffes ist es aber, daß an der Identifikation von Schein und
Wesen auch dann festgehalten werden kann, wenn der Schein aus dem
Wesen hergeleitet statt nur im Übergang zum Wesen mit dem Wesen
gleichgesetzt worden ist. Denn daß das Gesetzte selbst die Reflexion sein
kann, ist Voraussetzung für die Definitionen von äußerer ebenso wie
von bestimmender Reflexion und erst recht für den Begriff einer Refle­
xionsbestimmung. Aus allem, was der setzenden Reflexion vorausgeht,
scheint sich auch zwingend zu ergeben, daß diese Voraussetzung muß
sichergestellt werden können. Denn die Gleichung, derzufolge der Schein
das Wesen ist, ist definitiv gültig geworden. Ihre Geltung kann nicht auf
die Stelle in der Wissenschaft der Logik beschränkt werden, wo sie zuerst
zustande kam. Darum kann man audt den Schein nicht aus dem Wesen
rekonstruieren, ohne sidt dessen zu versichern, daß der gültige Satz ,der
Sdtein ist das Wesen' durch diese Rekonstruktion erfüllt ist. Die Wie­
derherstellung des anfänglichen Sdteines aus dem Wesen ist nicht voll­
ständig, solange sie nidlt die Identifikation von Schein und Wesen nadt
sich ziehen kann. Dennoch läßt sich die B edingung, auch in einer ent­
wickelteren logischen Situation an der Bedeutungsidentifikation von
Schein und Wesen festzuhalten, nicht erfüllen, ohne daß der Wesensbe­
griff zugleich um ein Weiteres entwickelt werden muß. Wenn der
Sinn, in dem der Schein, der vom Wesen restituiert wurde, das Wesen
282 DrETER HENRICH

selbst ist, genau bestimmt sein wird, so wird auch der logische Fort­
schritt von der setzenden zur bestimmenden Reflexion begriffen sein.
Dieser Fortschritt geschieht in zwei Phasen. Erst deren zweite führt zur
Verdoppelung des Wesens in zwei gleichberechtigte und einander nur
noch koordinierte Wesensfälle. Zuvor wird aber innerhalb der Logik
von Setzen und Voraussetzen eine Form der Verdoppelung der Reflexion
erreicht, in welcher der Schein seinem Anderen noch subordiniert bleibt.
Fragt man sich, wie die Bedingung der Identität von Schein und Wesen
nach der Restitution des Scheines aus dem Wesen zu erfüllen ist, so muß
man beachten, daß zwischen der Situation im Übergang zum Wesen und
der anderen Situation, in der sich der Argumentationsgang vom Wesen
zum Schein zurückwendete, ein wichtiger Unterschied besteht. Die Iden­
tität von Schein und Wesen war über eineBedeutungsverschiebung gewon­
nen worden. Identität ist zwar eine symmetrische Relation. Wenn aber
eine Identitätsbehauptung von einer solchen Bedeutungsverschiebung ab­
hängig ist, so ist es trotz der Symmetrie der Identitätsrelation nicht mehr
möglich, die Identität des zweiten mit dem ersten Relatum in genau
derselben Weise zu behaupten wie die des ersten mit dem zweiten. Denn
die Verschiebung selbst ist nicht so begründet, daß sie ohne weiteres
auch in beiden Richtungen erfolgen kann. Und so kann die Identitätsbe­
hauptung, die von ihr abhängt, auch einen Sinn haben, der von der
Tatsache affiziert ist, daß eine Bedeutungsverschiebung stattfand. Sind
die beiden Relata in der Identitätsrelation A und B, so kann die Identi­
tätsbehauptung möglicherweise nur dies besagen : Wo immer A zu den­
ken ist, da kann A durch B ersetzt werden; und wo immer B zu denken
ist, da ist auch einA zu denken, welches durchB ersetzt wird.
Berücksichtigt man das, so stellt sich heraus, daß der Gedankengang,
der von der Reflexion zum Schein zurückleitet, grundsätzlich in zweier­
lei Weise die Situation wiederherstellen kann, in der früher die Identi­
fikation von Schein und Wesen stattfand. Von dem wiederhergestellten
Schein gegen das Wesen kann zu sagen sein, er sei das Wesen insofern,
als das Wesen stets an seine Stelle tritt. Es kann aber auch von ihm
zu sagen sein, daß er als Schein eben dasselbe ist wie das Wesen, in dem
er aufgehoben ist, - und dies auch für eine Betrachtung, die von dem
allerdings notwendigen Aspekt abstrahiert, daß er durch das Wesen auf­
gehoben ist. Die Voraussetzung, welche Hegel für den weiteren Gang der
Logik in Anspruch nimmt, ist die der Identität von Schein und Wesen
in dieser zweiten und stärkeren Form. In dieser Form geht sie aber über
den genauen Sinn der Identitätsthese hinaus, welche im Abschnitt ,Der
Schein' begründet worden war. Die schwächere Form der Rückkehr
Hegels Logik der Reflexion 283

zum Schein erlaubt auch zur Bedeutungsverschiebung nur als zu einer


solchen zurückkehren, die in der Bewegung der Entwicklung des Wesens­
begriffes ständig zu wiederholen ist. Wird aber in der Rückkehr zum
Schein die stärkere These erreicht, so wird damit auch die Identifika­
tion von Schein und Wesen, die anfänglich von der Bedeutungsverschie­
bung abhängig ist, in ganz neuer Form begründet, und damit hat sich
dann ein weiterer Fortschritt in der Entwicklung des Wesensbegriffes er­
geben, von dem die folgenden Kapitel der Logik abhängig bleiben. Es ist
zu fragen, auf welchem Wege Hege! dieses Resultat erzielen kann und
wie er es im Text wirklich erzielen wollte.
Im Text des Abschnitts über die setzende Reflexion hat Hege! mehr­
fach die Identifikation von Schein als Gesetztsein und Reflexion voll­
zogen, ohne sie sich selbst zum Problem zu machen. In dem schon
zitierten zusammenfassenden Satz heißt es : die Reflexion bestimmt "die
Rückkehr in sich als das Negative ihrer selbst" (C I, 5, 17) i und wenig
später: Das Wesen "setzt sich selbst voraus und das Aufheben dieser
Voraussetzung ist es selbst" i und schließlich am Schluß : Die Unmittel­
barkeit . . . ist "schlechthin nur als Gesetztsein . . . , das nicht verschie­
den ist von der Rückkehr in sich und selbst nur dieses Rückkehren ist"
(C I, 9, 2/3 i alle Hervorhebungen v. Vf.). Diese Wendungen sind eindeu­
tig genug, um ihnen die stärkere Form der Identifikation von Schein und
Wesen zu unterstellen. Sie wollen nicht nur dies sagen : Der Schein ist
ein Unmittelbares, das stets zugleich negiert und als Gesetztsein ohne­
hin in sich selbst negativ ist, so daß an seine Stelle je schon wieder das
Wesen getreten ist. Sie sagen, daß der Schein an ihm selbst dieselbe
logische Form hat wie das Wesen und somit an ihm selbst das Wesen ist,
in das er ebensowohl auch aufgehoben ist. Der Schein ist nicht nur inso­
fern das Wesen, als er kraft des Wesens im Wesen verschwindet. Wenn
er im Wesen verschwindet, so deshalb, weil er selbst das ist, was auch
das Wesen ausmacht : Sich negierende Negation. Es war diese Selbst­
bezüglichkeit des Negativen, durch das sich das Wesen am Beginn von
dem Schein unterschied, der nur ein Fall von zweimal gebrauchter Nega­
tion war. Zwischen beiden Formen von verdoppelter Negation vollzog sich
auch die Bedeutungsverschiebung. 26 Wenn daher nun der Schein selbst
im strengen Sinne Selbstaufhebung ist, so ist er dadurch von seinem ur­
sprünglichen Begriff unterschieden. Und so ist er geeignet, mit dem We­
sen im stärkeren Sinne identifiziert zu werden.

28
Vgl. oben 238. 247. Unten 287.
284 DIETER HENRICH

Ist diese Identifikation geschehen, so verliert die Bedeutungsverschie­


bung ihre Bedeutung als Argument im weiteren Gedankenfortschritt. Sie
wird definitiv dadurch gerechtfertigt, daß aus dem Wesensbegriff, der
ohne sie nicht erreicht werden konnte, eine Rekonstruktion des Scheines
herzuleiten ist, von dem sich auf diesem Weg herausstellt, daß er, ob­
gleich er vom Wesen unterschieden ist und auch unterschieden bleibt,
doch in einem Sinn, der nicht eingeschränkt werden muß, das Wesen selbst
ist. Sie tritt aber in einer veränderten Interpretation auf, die zugleich eine
neue und reichere Konzeption des Wesensbegriffes begründet : Der
Schein ist nicht mehr so dasselbe wie das Wesen, daß der Unterschied
zwischen ihm und einem Anderen, welches das Wesen ist, schlechtweg
entfällt. Er ist das Wesen und in Bnem damit ein Anderes gegen es,
was nur bedeuten kann, daß das Wesen in seinem Anderen doch ganz
es selbst bleibt.
Noch aber ist nicht deutlich geworden, wie sich dieses Ergebnis hat
erreichen lassen. Als Auflösung für dieses Problem kann man mehrere
Begründungen erwägen, die aber nicht im einzelnen untersucht werden
müssen, weil die negationstheoretische Betrachtung die angemessenste
von ihnen schon eingeführt hat. Die wichtigsten von diesen möglichen
Begründungen seien aber aufgeführt :
1.. Der Wesensbegriff war über die Bedeutungsverschiebung gewon­
nen worden. Vielleicht genügt es, ihr Ergebnis in das Resultat der Ana­
lyse der Reflexion einfach nur einzutragen. Weil der Schein, der negierte
Unmittelbarkeit ist, identisch ist mit der Unmittelbarkeit der selbstbe­
züglichen Negation, muß jeder Schein, der vom Wesen aus restituiert wird,
auch als die Unmittelbarkeit (U2) des Negativen gedacht werden -
somit als das Wesen selbst. Man wird kaum daran zweifeln, daß sich
Hegel aus solchem Grund zur rückläufigen Identifikation von Wesen
mit Schein berechtigt gesehen hätte. Im selbständigen Nachvollzug sei­
ner Analysen sollte man sich aber nicht von diesem Argument abhängig
machen, das die Besonderheiten einer Situation einer Identifikation unter
Bedingungen einer Bedeutungsverschiebung ignoriert. Vermutlich läßt sich
zeigen, daß eine Identifikation dieser Art, die aus der Analyse ihres
Resultates ihre Ausgangssituation wiederherstellt, unter dem Zwang
steht und auch das theoretische Recht hat, die Identifikation in der um­
gekehrten Richtung zu postulieren. Es ist aber eines, dies Postulat zu
erfüllen und den Schein als Wesen nur (begründet) zu deklarieren, und
ein anderes, in einer Analyse der Form des Wesensbegriffes einsichtig zu
machen, daß der Schein das Wesen ist. Hegel hat, wie der Text zeigt,
Hegels Logik der Reflexion 285

dies Letztere und also eine formale Entwicklung im Sinn. Denn er be­
zeichnet den Schein nicht einfach nur abstrakt als das, was auch das
Wesen ist, sondern er beschreibt ihn als Wesen mit eben den Termen,
welche durch die Analyse des Wesens gerechtfertigt erscheinen, die er
in der setzenden Reflexion ausgearbeitet hat. Und nirgends greift er
ausdrücklich auf den allgemeinen Satz zurück, daß der Schein das Wesen
ist, um mit ihm die Identifikation zu begründen.
2. Man muß also nach der Begründung suchen, welche sich aus einer
Analyse des Wesensbegriffes für die rückläufige Identifikation des We­
sens mit dem Schein gewinnen läßt. Die Anweisung, wo allein man sie
finden kann, ist durch den Wesensbegriff selbst gegeben: Schein ist dann
Wesen, wenn er sich negierende Negation ist. Diese Anweisung führt so­
gleich ganz in die Nähe von Hegels eigener Intention, so wie sie sich im
Text geltend macht. Der Schein ist das Wesen, weil er Unmittelbarkeit
gegen das Wesen und somit ein Negatives ist, das sich insofern selbst
aufhebt, als es in sich haltlose Unmittelbarkeit ist. Eine solche Formulie­
rung kann aber wiederum in verschiedenen Zusammenhängen legitim
werden. Es muß der angegeben werden, der ihr im Rahmen der Wissen­
schaft der Logik die stärkste Begründung gibt.
2 a. Das Gesetztsein hebt sich selbst auf in einem ganz formalen
Sinn. Denn dieser Terminus meint eine Unmittelbarkeit gegenüber dem
Wesen, die aber doch eine solche Unmittelbarkeit gar nicht sein kann, weil
sie nur die durch die Selbstnegation des Wesens hervorgebrachte Be­
stimmtheit des Wesens ist. Sie ist somit reflektierte Unmittelbarkeit, die
zu ihrem eigenen Anderen wird. Das Andere seiner selbst, das Negative
gegen das Negative, ist aber die Definition des Wesens. Der Mangel die­
ser Begründung liegt in der Weise, wie die Selbstbeziehung verstanden
wird, in welcher sich der Schein als Negatives negiert. Er ist negativ auf
sich bezogen, weil sein Begriff unvereinbare Momente zusammenzwingt.
Insofern ist er nicht, wie anfänglich der Schein, nur durch das Wesen
aufgehoben. Er hebt sich selbst auf. Aber seine Selbstaufhebung folgt
nicht aus der Selbstbezüglichkeil des Negativen, das er ist. Die Negation
der Negation, die er ist, ist zwar die negative Selbstbeziehung des
Scheines, aber nicht die negative Selbstbeziehung des Negativen als sol­
chen - also auch nicht die absolute Negativität. Obgleich der Schein
wirklich als negative Selbstbeziehung gedacht wird, ist doch in dieser
Selbstbezüglichkeil die Beziehung der beiden Negativen aufeinander
nicht als Selbstbeziehung gedacht. Die Identifikation von Wesen und
Schein kann somit kraft ihrer auch nicht zureichend begründet werden.
286 DIETER HENRICH

2 b. Der Versuch, nur aus dem Begriff der gesetzten Unmittelbarkeit

die Identifikation herzuleiten, führt somit nicht zum Ziel, sondern nur
in seine Nähe. An seiner Stelle sollte versucht werden, aus der Form
des Wesens eine Begründung zu führen, welche einsichtig macht, daß sein
Anderes nur als es selbst gedacht werden kann. Dazu kann der negations­
theoretische Ansatz dienen, der schon ausgearbeitet worden ist. Er ver­
langt es allerdings, Hegels Negationsbegriff so klar und eindeutig gegen
andere Formen der Negation abgegrenzt zu fassen, wie es der Text der
Wissenschaft der Logik selbst nicht erlaubt.
Nimmt man an, daß das Wesen Negation der Negation im Sinne des
gegen sich selbst Anderen ist, so folgt aus diesem Gedanken unmittel­
bar, daß man das Wesen strikt als sein eigenes Anderes denken muß.
Zwar muß das Andere zuerst zu sich selbst in Beziehung gebracht wer­
den. Von dieser Operation geht alles aus, was über die absolute Negati­
vität gesagt werden kann, die hier absolute Andersheit ist. Damit, daß
diese Beziehung gedacht wird, ist dann aber eodem actu auch schon der
Gedanke erreicht, daß das Wesen als dasjenige aufzufassen ist, welches
zum Anderen selbst nur das Andere ist. So ist es also, was in keiner
Weise Negation ist, also einfache Unmittelbarkeit. Damit ist aber be­
reits eine Identifikation von Schein und Wesen begründet. Freilich ist es
für diese Identifikation charakteristisch, daß sie gerade nicht zeigt, inwie­
fern das, was doch selbst als Wesen gedacht werden muß, seinerseits
doppelte Negation ist. Tritt es doch gerade als einfache Unmittelbarkeit
gegen das Wesen hervor. Und dennoch steht unumgänglich fest : als
solche ist es das Wesen. Zuvor war es die Aufgabe einer Begründung der
Identifikation, sozusagen ab ovo die Behauptung zu rechtfertigen, daß
der Schein das Wesen sei. In der neuen Situation kann aber davon aus­
gegangen werden, daß der Schein das Wesen ist. Es bleibt nur noch zu
zeigen, in welchem Sinne das, was ohnehin das Wesen ist, als selbstbe­
zügliche Negation aufzufassen ist, obgleich es doch als Unmittelbarkeit
gegen das Wesen hervorgetreten war.
In dieser Situation hat die Meinung, man müsse nur die Bedeutungs­
verschiebung im Gegensinn zu ihrer urspriinglichen Richtung gebrau­
chen, um zu zeigen, daß der Schein selbstbezügliche Negation sein
muß, ein noch größeres Recht als zuvor. Denn sie braucht nun gar nicht
die Identifikation zu begründen, sondern ihr nur den Inhalt zu geben,
den sie aus der Unabweisbarkeit des Gedankens, daß die Negation das
Andere ihrer selbst sei, noch nicht hatte gewinnen können. Man muß
sich aber doch nicht ganz auf diesen Zwang verlassen, der jetzt in aller
Eindeutigkeit eingetreten ist. Der Gedanke des Wesens als das gegen sich
Hegels Logik der Reflexion 287

Bestimmte läßt noch einen Schritt zu, der den Bereich rein formaler Ent·
wick.lung nicht überschreitet. Es steht fest, daß das Unmittelbare gegen
das Wesen auch als einfache Unmittelbarkeit das Wesen selbst ist.
Ferner steht fest, daß es als solches Gesetztsein ist und daß somit das
Andere des Wesens von diesem Wesen auch je schon aufgehoben ist. Ist
das Unmittelbare aber als das Andere des Wesens ebensowohl das
Wesen selbst, so kann die Negation durch das Wesen, der es immer
schon unterliegt, ihm nicht von einem Anderen auferlegt sein. Insofern
der Schein ohnehin das Wesen ist, ist sein Aufgehobensein im Wesen,
welches aus seinem Gesetztsein folgt, dennoch seine Selbstbeziehung. Die
reflektierte Unmittelbarkeit des Scheins ist somit ebenso selbstbezüglich
negierte Negation wie das Wesen, dessen Gesetztsein sie ist.
Dieser Duktus einer Begründung wird Hegel kaum deutlich vor Augen
gekommen sein, da er nur aus der Deutlichkeit negationstheoretischer
überlegungen entwickelt werden kann. Er läßt sich aber der Linienfüh­
rung in der Sequenz von Hegels Thesen nahezu fugenlos zuordnen: Die
Negation negiert sich. So ist sie Unmittelbarkeit als Gesetztsein. Diese
Unmittelbarkeit ist im Wesen aufgehobene Unmittelbarkeit. Aber eben
dies, daß die Unmittelbarkeit im Wesen aufgehoben ist, ist ihre eigene
negative Selbstbeziehung. So ist das Gesetztsein selbst das Wesen.
Es bleibt nun nur noch zu beachten, daß der Schein trotz dieser aus der
Form des Wesens gewonnenen Identifikation mit dem Wesen doch dem
Wesen nicht als ein anderer Fall von Wesen gegenübersteht. Der Schein
ist das Wesen, insofern er durch sich aufgehoben ist. Nichts anderes ist
das Wesen; denn es ist das gegen sich Negative. Beide heben sich also
gleichermaßen selbst auf. Aber sie sind nicht gleichwertig. Vom Schein
aus kann man den Wesensbegriff nicht in der Weise gewinnen, in der der
Schein sich als Konsequenz des Wesens zeigt. Man muß vom Wesen aus­
gehen und es als selbstbezügliche Negation fassen. Daraus folgt der
Schein als gesetzte Unmittelbarkeit. Daß auch er negiertes Negatives ist,
zeigt sich nur in einer Betrachtung, welche festhält, daß alles vom Wesen
Gesetze in ihm auch aufgehoben ist. In dies Resultat läßt sich dann der
andere Satz eintragen, daß das Gesetzte aber das Wesen selbst ist. Und
darum ist dieser Schein gleichfalls selbstbezügliche Negation. Das Wesen
ist Negation und selbstbezügliche Negation. Darum gibt es Anderes als
alle Negation. Aber auch dies Andere ist durch die Negation, welche das
Wesen ist, aufgehoben. Da es aber selbst Wesen ist, muß auch dieses Auf­
heben sein eigenes Aufheben sein.
Ordnet man den Auftritten der Negation in dieser Reihe Zahlen zu,
so ist das Wesen (1.) Negation, die (2 ) sich negiert und damit (3) das
288 DIETER HENRICH

Andere ihrer selbst ist. Dies Andere ist als Gesetztsein im Wesen, das
nichts als Negation ist, wiederum aufgehoben. In dieser Reihe ist
also das Wesen durch die Beziehung von 2 auf 1., der Schein aber durch
die Beziehung von 1. auf 3 zu lokalisieren. Schein und Wesen, die beide
sich negierende Negationen sind, stehen sich also nicht gegenüber, son­
dern sie schließen sich wiederum zum Kreis und koinzidieren an einer
Stelle.
Darin liegt auch die Schwäche der Identifikation von Schein und Wesen
aus der formalen Entwicklung, die vorgetragen wurde. Sie ließe sich ver­
meiden, wenn man die formale Entwicklung nur soweit führt, bis die
Identität von Wesen und Schein aus dem Gedanken der Bestimmtheit
gegen sich feststeht, und aufgrund ihrer die Bedeutungsverschiebung
rückläufig in Kraft setzt. Diese Argumentation liefe auf den Gedanken­
gang heraus, der zuvor (als 1..) zu abstrakt und vom Text nicht begrün­
det erschien.
Blickt man zurück auf Hegels Text, so hat dieser Aufbau des Gedan­
kens auch den Nachteil, daß er die Bestimmtheit des Wesens gegen sich
selbst zu früh erreicht. Im Textabschnitt über die setzende Reflexion sind
der Reflexion aber zwei Eigenschaften zugleich zugesprochen: Der
Schein ist unmittelbar aufgehoben, und alles Voraussetzen ist ebensowohl
Setzen, der Schein somit durchaus Gesetztsein. Insofern ist die Reflexion
eine Bewegung "von Nichts zu Nichts" . Unbeschadet dessen kann der
Schein aber unter der Voraussetzung der Identifikation von Schein und
Wesen als Wesen beschrieben werden. Beide Eigenschaften zusammen
werden am ehesten von der Rekonstruktion der Identitätsthese über
Wesen und Schein begründet, welches allein aufgrund der formalen Eigen­
schaften der negierten Negation ausgeführt wird. Sind Wesen und
Schein beide negierte Negationen und koinzidieren sie doch in einem ihrer
Elemente, so können sie nicht ohne Weiteres als selbstbezügliche Andere
gegeneinander festgehalten werden. Damit tritt aufs Neue das Problem
hervor, das schon in der negationstheoretischen Zwischenbetrachtung er­
reicht worden war: Wie kann der Schein als Wesen und zugleich gegen
das Wesen bestimmt, und zwar als Wesen gegen das Wesen bestimmt,
gedacht werden? Erst in einem solchen Verhältnis tritt das Wesen wirklich
zweimal auf und steht so zu sich selbst in Beziehung. Dann sind die beiden
Fälle der Negation der Negation aber auch nicht mehr als solche zu fas­
sen, die sich unmittelbar in einander aufheben. Sie behaupten und fixie­
ren sich nun gegen ihr Korrelat, das somit in einem neuen Sinn ein
Anderes ist. Die folgenden Interpretationen werden zu zeigen haben,
daß der Schritt aus den Grenzen der Logik der setzenden Reflexion
Hegels Logik der Reflexion 289

hinaus dort erfolgt, wo das Wesen gegenüber dem Schein in solchem


Sinn ein Anderes wird.

4· Äußere und bestimmende Reflexion.

a. Die Reflexion selbst als Anderes.


Schon im Abschnitt über setzende Reflexion gelangte Hegel mehr­
fach zu der These, daß auch das in der Reflexion Gesetzte selbst als Re­
flexion betrachtet werden kann. Dagegen hat er im Abschnitt über die
bestimmende Reflexion deutlich gemacht, daß diejenige Identifikation, in
der ein vom Wesen vorausgesetztes Anderes mit eben diesem Wesen iden­
tifiziert wird, noch nicht der setzenden Reflexion angehören kann : Die
Bestimmung, die (das Setzen) setzt, ist " nur ein Gesetztes; es ist Unmit­
telbares, aber nicht als sich selbst gleich, sondern als sich negierend; es
hat absolute Beziehung auf die Rückkehr in sich; es ist nur in der Refle­
xion in sich, aber es ist nicht diese Reflexion selbst" (C III, 1., 1., 7-1.1.).
Diese Einschränkung gilt der ganzen Form des Setzens, also der voraus­
setzenden wie der setzenden Reflexion.
Da im wirklichen Textbestand, der die setzende Reflexion abhandelt,
das Gesetzte schon als Reflexion bezeichnet wurde, könnte man diese
nachträgliche Erklärung für eine Präzisierung von Hegels systematischer
Absicht halten, die auch auf eine nachträgliche Korrektur hinausläuft :
Die Wendungen, welche schon im Abschnitt über die setzende Reflexion
die Identifikation von Schein und Wesen implizieren, wären entweder aus
dem Text zu entfernen oder als bloße Antizipationen zu lesen.
Man kann aber auch zwischen der Art, in der innerhalb der setzen­
den Reflexion das Gesetzte als Wesen aufgefaßt wird, und der Iden­
tifikation der beiden, welche der bestimmenden Reflexion vorbehalten
bleibt, einen Unterschied markieren : Die Identifikation von Wesen und
Schein kann in zwei Weisen erfolgen. Eine solche Unterscheidung wurde
bereits am Ende der negationstheoretischen Interpretation der setzenden
Reflexion eingeführt : Im Rahmen des Setzens kann das Andere der Refle­
xion nur insofern die Reflexion selbst sein, als es sich aus sich selbst her­
aus in das Wesen aufhebt. Ist es nur in seinem Rückgang in die Reflexion
die Reflexion selbst, so kann es diese Reflexion nicht in der Weise sein,
daß es zugleich ein Anderes gegen sie ist.
Aus der Selbstbeziehung des Wesens stellt sich der Schein wieder her.
Die Folgerungen, welche sich aus dem Gedanken der setzenden Reflexion
ergeben, erlauben es ohne weiteres, ihn mit dem Wesen insofern zu
290 DIETER HENRICH

identifizieren, als er ein Verschwindendes ist. So ist er aber nichts,


das Bestand hat. Zwischen ihm und dem Wesen besteht nur ein "leerer,
durchsichtiger Unterschied" (Log II. 150) . Und da auch das Wesen reine
Selbstaufhebung ist, läuft es über den Schein, der seinem eigenen Begriff
nach wesentlich ist, insofern er entfällt, endlos in sich zurück. Diese reine
Vermittlung ist eigentlich nur "reine Beziehung, ohne Bezogene" (Log
II. 64), wie Hege! in einem anderen Rückblick auf die Reflexionslogik
sagt. Obwohl weder der Schein noch das Wesen selbst zu denken sind,
ohne daß vom Gedanken des Anderen gegen das Wesen Gebrauch ge­
macht wird, kann sich doch im Setzen ein Verhältnis der Andersheit nur
momentan einstellen. Es wird ebensogut durch die Definition dessen,
was der Schein ist, auch wieder aufgehoben. Das Andere ist eigentlich ein
Substrat nur der "Einbildungskraft", nicht eines, das sich auf sich be­
zieht im Gegensatz gegen das Wesen (Log II. 64) ; und somit ist auch das
Wesen selbst kein Anderes gegen den Schein.
Hege! hat zwar die eine Identifikation des Wesens mit dem Schein,
insofern dieser ein Verschwindender ist, von der anderen Identifikation
des Scheines mit dem Wesen nicht unterschieden, in der das Gesetzte zu­
gleich gegen das Wesen festgehalten werden kann. Er hat damit Unklar­
heit darüber geschaffen, wie seine Analyse der setzenden Reflexion im
Verhältnis zu den beiden folgenden Reflexionsformen zu lesen ist. Ein­
deutig ist er aber, wenn er feststellt, daß in der bestimmenden Reflexion
ein Anderes erreicht ist, das selbst das Wesen ist (C III, 3, 1 ) . Zwar ist
auch es Gesetztsein, somit abhängig von der Reflexion, aber nicht mehr
so, daß es in der Reflexion vergeht, sondern vielmehr so, daß es in der
Reflexion, welche es selbst ist, seinen Bestand hat.
Um den Fortschritt von Hegels Reflexionstheorie hin zur bestimmenden
Reflexion zu verstehen, ist die Frage zu beantworten, auf welchem Wege
er den Gedanken einer solchen Identifikation von Wesen und Schein
erreicht. Insbesondere ist zu fragen, ob die neue Form der Identifikation
von Schein und Wesen schon als Prämisse für die Abhandlung der äuße­
ren Reflexion dient, so daß sie also noch aus der Untersuchung des Gesetzt­
seins gewonnen werden kann, oder ob sie als ein Ergebnis der Entwick­
lung der äußeren Reflexion zu verstehen ist. Dann würde sie ihren wahren
logischen Ort erst im Übergang zur bestimmenden Reflexion haben.
In der negationstheoretischen Zwischenbetrachtung ist das Problem,
das sich aus einer Andersheit innerhalb der entwickelten Wesensform
ergibt, noch im letzten Schritt des nachkonstruierenden Aufbaus der set­
zenden Reflexion eingeführt worden. Es wird sich im folgenden zeigen,
daß Hegels Text ebenso verfährt. Es ist aber auch nötig, von vornherein
Hegels Logik der Reflexion 291

zu sehen, daß sich aus dieser Auffassung zwei Schwierigkeiten ergeben.


Keine Interpretation kann vollständig sein, die sie nicht anerkennt und
überwindet.
a. Die erste Schwierigkeit betrifft den Status der äußeren Reflexion.
Geht ihr die Identifikation von Schein und Wesen voraus, so scheint per
definitionem die Möglichkeit der Äußerlichkeit der Reflexion ausgeschlos­
sen zu sein. Denn zu dieser Äußerlichkeit scheint zu gehören, daß die
Identität dessen, worauf reflektiert wird, mit dem Reflektierenden un­
bekannt ist. Die Identifikation etabliert aber gerade diese Kenntnis.
Geht also die Identifikation der äußeren Reflexion voraus, so muß gezeigt
werden, wie sie selbst zu ihrem Verlust in jedenfalls dem Maße führen
kann, das der Begriff einer Äußerlichkeit der Reflexion verlangt.
b. Der Text des Obergangs von der äußeren zur bestimmenden Refle­
xion läßt eine zweite Schwierigkeit entstehen. Denn Hegel behauptet in
ihm ganz zweifellos, daß erst aus der näheren Betrachtung der äußeren
Reflexion der Gedanke der bestimmenden Reflexion zu gewinnen sei.
Wäre nun die Identifikation von Schein und Wesen nicht nur entschei­
dende Bedingung für den Gedanken der bestimmenden Reflexion, sondern
würde sie allein und direkt zu diesem Gedanken führen, so wäre nicht
mehr zu sehen, wie diese Identifikation der äußeren Reflexion vorange­
hen könnte. Man müßte annehmen, daß sie vielmehr die äußere Refle­
xion zu ihrer Bedingung hat.
Dem würde allerdings entgegenstehen, daß die Identifikation von We­
sen und Schein aus der Analyse der setzenden Reflexion zwingend her­
vorging. Will man daran festhalten, so folgt, daß der äußerlichen Re­
flexion eigentlich gar kein Gedanke entspricht, der die Kriterien für eine
,Kategorie' in Hegels Logik erfüllt. Das beste, was sich dann noch über
dieses Textstück sagen ließe, wäre, daß in ihm ein nützlicher, aber
logisch entbehrlicher Exkurs erfolgt. Über seine Bedingungen und Absich­
ten wäre nachzudenken. Dafür, daß der Abschnitt " die äußere Reflexion"
nur solchen Exkurswert hat, könnte auch noch geltend gemacht werden,
daß Hegel den Übergang von der äußeren zur bestimmenden Refle­
xion in der gleichen Terminologie und dem Anschein nach auch mit
genau den gleichen Argumenten bewerkstelligt, die schon am Ende
der Analyse der setzenden Reflexion zur Verfügung stehen (C II, 4) : Was
von der Reflexion vorausgesetzt ist, muß zugleich als Setzen gedacht
werden; ergo ist die Unmittelbarkeit nicht gegen das Wesen, sondern das
Wesen selber. Der Schritt zur bestimmenden Reflexion scheint durch
292 DIETER HENRICH

den Einschub der äußeren nur verzögert zu sein, wodurch sich die Wie­
derholung der Argumentation, die ihn einleitet, erklären würde.
Der Konsequenz dieser Erwägung kann man überhaupt nur dann aus­
weichen, wenn es möglich wird, zwischen dem Schritt von der setzenden
Reflexion zur Beschreibung von Wesen und Schein als identisch und zu­
gleich Andere gegeneinander und dem Schritt von der äußeren zur be­
stimmenden Reflexion einen logischen Unterschied zu erkennen - entge­
gen dem Anschein ununterscheidbarer Argumentpotentiale im Text, aber
in Obereinstimmung mit Hegels Anspruch, der schon aus der Gliederung
seines Textes unter drei gleichgewichtige Kategorientitel hervorgeht. Der
Nachweis, daß ein solcher Unterschied besteht, würde zugleich auch einen
Unterschied zwischen dem letzten Resultat der Analyse der setzenden
Reflexion auf der einen Seite und dem Gedanken der bestimmenden Re­
flexion auf der anderen Seite ergeben. Zwischen beiden stünde die äußere
Reflexion nicht nur als Exkurs, sondern als logische Kategorie, durch die
zugleich Kategorien spezifiziert werden können. Im übrigen war es
Hegels Absicht, auch dem Denken, das er das "subjektive" nennt, ein
formales Fundament zuzuordnen, das dieses Denken gegenüber allen etwa
vergleichbaren Strukturen vollständig determiniert, das also nicht nur
ein Allgemeines ist, in dem das Eigentümliche intelligenter Prozesse noch
ungedacht bleibt. Auch diese Absicht verlangt eine rein logische Loka­
lisierung des Gedankens der äußeren Reflexion. Will man beide Schwie­
rigkeiten auflösen und äußere und bestimmende Reflexion in ein solches
Verhältnis bringen, so muß sich die Interpretation zunächst dem Abschnitt
des Textes zuwenden, in dem die letzte Folgerung aus der Analyse des
Setzens abgeleitet und in Einem damit der Obergang zur äußeren Re­
flexion erreicht wird : dem Schlußabschnitt der "setzenden Reflexion"
(C I, 9).
Dieses Textstück ist erneut auf eine Weise komprimiert, die seinem
sachlichen Gewicht ganz unangemessen ist und das in hohem Maße dazu
beiträgt, daß wichtige Züge in Hegels Gedanken eher entdeckt als nur
verstanden werden müssen. Im Nachsatz zu einem Satz, der nichts als
ein Resurne zu bieten scheint, wird zunächst die Identifikation von
Schein und Wesen eingebracht : Das Gesetztsein ist nicht verschieden von
der Reflexion, aber nicht nur in dem Sinne, daß es nichts ist außerhalb
der Rückkehr der Reflexion in sich, sondern so, daß es mit diesem
Rückkehren identisch ist (C I, 9, 4). Alle Argumente, welche diese Iden­
tifikation begründen, stehen aus dem Vorhergehenden längst bereit; auch
ist die Identifikation schon so oft vollzogen worden, daß sie hier ohne
Verweis auf irgend ein Argument und in diesem Sinne wie ein Resurne
Hegels Logik der Reflexion 293

auftreten kann. Damit ist aber das Entscheidende verstellt, daß erst hier
die Identifikation in einer Weise erfolgt, die einen Fortschritt im Gedanken
zur Folge hat. Denn zusammen mit einem Argument, das im Gange der
Analyse der setzenden Reflexion stets hätte aufgebracht werden kön­
nen, das aber nun nicht mehr zurückzuhalten ist, und das den Problem­
bestand der Reflexionsanalyse grundsätzlich erweitert, bringt sie den Be­
griff der Reflexion selbst in eine ganz neue Stellung.
"Aber (das Gesetztsein) ist zugleich bestimmt als Negatives, als unmit­
telbar gegen eines, also gegen ein Anderes. So ist die Reflexion bestimmt."
Dieser einfach scheinende Satz, der zum Aufatmen in einem sonst be­
klemmend dichten Text verführt, steht doch wiederum für eine dichte
Argumentation. Daß das Gesetztsein, obwohl innerhalb des Wesens, ein
Negatives gegen es ist, sagt nichts Neues, sondern wiederholt seine Defi­
nition. In ihrem Sinne ist es als ein Anderes gegen das Wesen zu denken.
Nun war aber seine Andersheit, eben weil es Gesetztsein im Wesen ist,
immer zugleich auch als eine aufgehobene gedacht. Nur das Wesen
selbst konnte das Korrelat zum Gesetztsein in der Relation der Andersheit
sein. Aber eben weil das Andere bloß Gesetztsein ist, konnte das Wesen
in Wahrheit nicht in die Stellung einer externen Beziehung zu dem kom­
men, was doch durch es und in ihm ist. Als stets auch schon negiertes
Negatives war dies Andere nur verschwindende Andersheit in der Rück­
kehr. Auch die voraussetzende Reflexion änderte daran nichts, da Vor­
aussetzen selbst Setzen ist und jedenfalls nur in Einem mit dem Setzen
stattfindet, das Aufheben ist. Das Wesen war, metaphorisch gesagt, im
Abstoßen von sich jeweils zugleich auch schon auf sich selber zurück­
gestoßen. Darum war das Gesetztsein schließlich auch als das Andere
seiner selbst zu beschreiben, dessen negative Beziehung zum Wesen in
seinem Begriff schon negiert ist : Als bloßer Schein war es, sozusagen,
auch bloß der Schein von Andersheit. Mit scheinhafter Andersheit ist
aber das, was aus der Definition des Wesens folgt, nicht zu erfüllen.
Das Wesen ist das Andere seiner selbst. Wie sehr also auch alles, was es
setzt, in seiner Einheit bleiben und somit aufgehoben sein muß, so muß
es doch auch zu einer Relation von Andersheit oder Bestimmtheit inner­
halb dieser Einheit kommen. Gleichwohl hält die setzende Reflexion nur
die Konsequenz aus dem Wesensbegriff angemessen fest, derzufolge
alles Andere des Wesens ursprünglich aufgehoben ist. Das Gesetzte muß
aber ebenso als sein Korrelat gedacht werden können und sogar zuvor
als solches gedacht werden, damit es überhaupt im Ernst Beziehung auf
sich gewinnen kann, die etwas anderes ist als die Unmittelbarkeit seines
Aufgehobenseins. Selbstbeziehung ist Beziehung auf sich als Ausschluß
294 DIETER HENRICH

alles Andersseins. Und solche Beziehung auf sich konnte dem Gesetzten
im Wesen bislang nicht zugesprochen werden. Es war zwar als Selbst­
aufhebung aus sich und aufgrund seiner, aber zugleich auch als reine
Selbstaufhebung ins Wesen gedacht. Es ist nun jedoch auch als bestimmt
auch gegen das Wesen zu denken. Und die Analyse der Reflexion hat die
Konsequenzen dieses Gedankens zu entfalten.
Er muß sogleich zur Folge haben, daß das Wesen, die Reflexion selbst,
zum ersten Male als Anderes eines Anderen zu beschreiben ist. Zuvor
war das Gesetztsein zwar Anderes gewesen, aber nur transitorisch. Denn
von dem Wesen, seinem Korrelat, mußte stets zugleich gesagt werden,
daß es den Schein der Unmittelbarkeit setzt und aufhebt. Damit war
aber auch die Andersheit, welche ihm als Wesen insofern zuzuschreiben
war, als das Gesetztsein Unmittelbarkeit gegen das Wesen und somit
Anderes gegen ein Anderes ist, nur ein Moment im Wesen, und zwar
ein immer schon entfallenes Moment. Vom Wesen selber ließ sich jeden­
falls nicht sagen, daß auch es Anderes sei, nämlich gegen das Gesetzt­
sein. Dies aber hätte man sollen sagen können. Denn nur gegenüber
einem, das selbst ein Anderes ist, könnte der Schein auf andere Weise
als allein in seiner Vergänglichkeit ein Anderes sein.
Nun aber ist das Gesetztsein als das Wesen selbst zu denken. Dabei
bleibt es Gesetztsein - im Wesen Aufgehobenes. Der Gedanke, daß es
als solches dennoch ein Anderes des Wesens ist, ist aber inzwischen da­
durch bestärkt worden, daß das Gesetztsein mit dem Wesen zu identifi­
zieren war. Damit steht es unter dem Postulat, ebenso wie das Wesen
Gleichheit mit sich zu sein. Auch die Gleichheit des Wesens mit sich ist
zwar Gleichheit des Negativen und somit die Gleichheit von einem, das
sich selbst aufhebt. Diese Selbstaufhebung ist aber sein eigener Begriff
und der Grund zu der Folgerung, daß alles, was in dieser Aufhebung ge­
setzt ist, auch in die Einheit des selbstbezüglichen Negativen, welche
das Wesen ist, zurückgeht. über die Identifikation von Schein und We­
sen war inzwischen zwar auch der Schein als verdoppelte Negation aufge­
faßt worden. Seine Selbstbeziehung war jedoch bisher nur als eine Funk­
tion der Rückkehr des Wesens in sich interpretiert. So hatte sie einen
gegenüber der Selbstbeziehung des Wesens ganz anderen Stellenwert.
Wird aber, wie es nötig ist, der Schein auch mit dem Wesen als selbstge­
nügsame Selbstbeziehung des Negativen und somit im Blick auf dessen
Einheit nur mit sich mit dem Wesen identifiziert, so gewinnt er damit
auch eine innere Stabilität gegen das, in Beziehung auf das er zugleich
nur Gesetztsein ist.
Hegels Logik der Reflexion 295

Indem diese Stabilität es ausschließt, das Gesetztsein, da es als We­


sen gesetzt ist, in einem Anderen auch schon verschwunden sein zu las­
sen, unterwirft das Gesetztsein nunmehr das Wesen an ihm selbst der
Kategorie der Andersheit. Unmittelbarkeit, wie immer vom Wesen
gesetzt, sofern sie als Wesen gesetzt ist, ist nicht nichtige, sondern we­
sentliche Unmittelbarkeit. Da sie dem Wesen zugleich entgegengesetzt ist,
wird dies Wesen nunmehr zu einem Anderen gegen die Unmittelbarkeit
in eben dem Sinne, in dem die Unmittelbarkeit ein Anderes ist gegen das
Wesen, die Reflexion. Hegel sagt nicht: "so ist das Gesetztsein be­
stimmt". Es ist die Reflexion selbst, der er nunmehr erstmals Bestimmt­
heit zuspricht.
Die Beziehung des Scheines auf sich, welche nicht nur darin besteht,
sich selbst zum Verschwinden zu bringen, ist vorerst nicht in derselben
Deutlichkeit zu denken, in der die Selbstbeziehung der Negation im We­
sen und in der auch die Selbstaufhebung des Scheines zu denken war.
Die Lage, in der sich der Gedanke von ihr befindet, entspricht damit for­
mal der Vorläufigkeit in der Konzeption derjenigen Selbstbeziehung, die
dem Negativen, welches das Wesen ist, im Vollzug der Bedeutungsiden­
tifikation von Schein und Wesen zugesprochen worden war, noch bevor
der Gedanke der selbstbezüglichen Negativität zu voller Bestimmtheit
gekommen war (B 2, 4, 9ho). 27
Daß es notwendig wird, in die interne formale Entwicklung der selbst­
bezüglichen Negation nun eine Selbstbeziehung einzuführen, welche nicht
die Selbstbeziehung der Negation selbst, sondern nur die Selbstbezie­
hung eines an sich durchaus Negativen, eines Gesetzten ist, zeigt an,
daß ein prinzipieller Wechsel in der Form der Begriffsbildung bevorsteht,
in der die logische Form Reflexion zu beschreiben ist. Es zeichnet sich ab,
daß die Reflexion und ihre formale Entwicklung in sich nicht als defini­
tives Ganzes zu fassen sind. Die formale Entwicklung treibt vielmehr in
Bestimmtheitsverhältnisse, in denen die Reflexion ,außer sich kommt'.
Sie müssen dann allererst entwickelt und in eine einheitliche Wesensform
zurückgebracht werden. Der Zielpunkt eines Abschlusses des logischen
Prozesses rückt aber damit auch in unbestimmte Ferne hinaus.
Der Wortlaut des Textes am Ende des Abschnitts über die setzen­
de Reflexion legte die Vermutung nahe, daß mit der Formel ,Die Refle­
xion selbst ist als ein Anderes zu denken' der Begriff der bestimmenden
Reflexion erreicht ist. Ihm gegenüber müßte dann die Abhandlung der
äußeren Reflexion zum Exkurs werden. Im folgenden ist zu zeigen, wieso

27 Vgl. oben 256.


296 DrETER HENRICH

diese Annahme voreilig ist, so nahe sie auch von Hegel - seinen eigenen
Intentionen entgegen - gelegt sein mag. 28 Daß die Reflexion nun be­
stimmt ist, sagt vorerst nur, daß sie gegen eines, das selbst Reflexion ist,
in die Beziehung der Äußerlichkeit gekommen ist. Noch besteht das Po­
stulat, sie auch in dieser Beziehung als Setzen zu denken. In der Refle­
xionsbestimmung wird sich dagegen eine vollständige Dominanz des
Gesetztseins über die Reflexion ergeben.

b. Die Reflexion als äußerliche.


Nach dem Resurne der Bedeutungsidentifikation und dem Gedanken
der Reflexion in einer Bestimmtheit ist auch noch der Übergang zur
äußeren Reflexion als dritter Schritt in den Schlußabsatz der "setzenden
Reflexion" komprimiert. Er erfolgt vermittels zweier Argumente : a. Zu­
nächst stellt Hegel fest, daß sich die Äquivalenz zwischen Setzen und
Voraussetzen, der absolute Gegenstoß der setzenden Reflexion, über die
Verdoppelung der Reflexion in der Bedeutungsidentifikation aufgelöst
hat. Da die Reflexion nun gegenüber ihrer eigenen Unmittelbarkeit
Bestimmtheit hat und behält, ist das Verhältnis der Reflexion zu der
Unmittelbarkeit, welche sie selber ist, primär das der Voraussetzung. Nach
ihrer Bestimmtheit "hat" die Reflexion eine Voraussetzung (C I, 9, 7),
was heißt, daß diese Voraussetzung für die Reflexion konstant, nicht nur
transitorisches Stadium ihres eigenen Vollzuges und immer auch schon
ebensosehr nicht "voraus"-setzendes Setzen ist. Sie ist ihr nun nicht
mehr nur ein Aspekt ihres eigenen Setzens, sondern durchgängige Bedin­
gung ihrer Selbstbewegung. b. In einem zweiten Argument versucht Hegel
zu zeigen, daß die so bestimmte Reflexion die Form der äußeren Re­
flexion annehmen muß. Dies Argument ist am Ende des Absatzes mit
den drei Abschnitten nur noch angekündigt: "Indem sie . . . eine Voraus­
setzung hat, . . . (ist die Reflexion) äußere Reflexion" (C I, 9, 7/8).
Es ist nicht zu übersehen, daß Hegel diese beiden Schritte in Eile und
ohne Begründung macht. Dabei sind sie es, vermittels deren sich aus
der neuen Weise, den Gedanken der Reflexion zu fassen, eine Orientie­
rung auf einen möglichen Fortschritt der Analyse ergibt. Bisher war es
möglich gewesen, die Folgerungen, die Hegel aus dem bloßen Begriff der
Reflexion zu ziehen beansprucht, in einer formalen Entwicklung des
Gedankens der absoluten Negativität nachzuvollziehen. Die neue Form
der Identifikation von Wesen und Schein unterbricht diese Nachkon-

:s Mit dieser These nimmt diese Abhandlung eine These ihrer ersten Fassung

zurück.
Hegels Logik der Reflexion 297

struktion. Sie etabliert eine Bedingung, unter der in der Folge jeder Ge­
danke von der Einheit des Wesens steht, die sich aber in den Kreisgang
der Entwicklung der selbstbezüglichen Negation nicht einfach einfügt.
So zwingt sie dazu, die Beziehung von Wesen und Schein, von Selbst­
beziehung und Bestimmtheit neu zu konzipieren.
Ein Ansatz zu einer solchen Konzeption ist in dem Begriff der Nega­
tion gegeben, der auch für den Aufbau des Kreisgangs der Reflexion vor­
ausgesetzt werden mußte : Die Negation, deren Selbstbeziehung das We­
sen ist, ist an ihr selbst ebensowohl das Aufheben der einfachen Unmittel­
barkeit. Wo immer von Reflexion die Rede ist und wo mit deren Defini­
tion zugleich ein Unmittelbares einzuführen ist, kann die Reflexion stets
als Aufheben dieser Unmittelbarkeit gefaßt werden. Bei der Herleitung
der äußeren Reflexion macht Hege! von dieser Möglichkeit Gebrauch.
Leider versucht er aber nicht einmal, die Zusammenhänge durchsichtig
zu machen, die ihn zur Definition der äußeren Reflexion führen, sondern
führt sie rein thetisch in einer einzigen Wendung ein (C I, 9, 8}. Der
Übergang kann aber dennoch einleuchtend gemacht werden; und der
nächste Absatz soll zeigen, auf welche Weise dies geschehen kann. Er läßt
sich allerdings nicht über eine Deduktion direkt aus der Form der doppel­
ten Negation gewinnen. Das ist schon deshalb unmöglich, weil sich der
Unterschied zwischen dem Schein als selbstbezüglich nur in seinem Ver­
schwinden und dem Schein, der gegen das Wesen eine Selbstbeziehung
besitzt, mit Hilfe des Gedankens der selbstbezüglichen Andersheit gar
nicht mehr fassen läßt. Dem Anderen des Wesens muß solche ,stabile'
Selbstbezüglichkeit zugesprochen werden, eben weil es nur so als Anderes
überhaupt zu fassen ist, ohne daß sich diese Form seiner Selbstbeziehung
negationstheoretisch interpretieren ließe. Nur der Grund für die Annahme
solcher Selbstbezüglichkeit, nicht der Aufschluß über ihre innere Verfas­
sung, läßt sich mit den Mitteln verstehen, die aus dem Gedanken der
selbstbezüglichen Andersheit direkt zu gewinnen sind.
Geht man aber davon aus, daß das Gesetztsein Stabilität gegen das
Wesen gewonnen hat, so lassen sich die beiden Schritte rechtfertigen, die
zur Definition der äußeren Reflexion führen. Denn die Beziehung zwi­
schen der Reflexion und einem Gesetztsein, das Stabilität gegen das We­
sen gewonnen hat, kann man nur im Anschluß an die Definition von
Voraussetzung begreifen. Die aber war definiert worden als das Gesetzt­
sein, welches aus der Selbstaufhebung der Reflexion entsteht. Die Re­
flexion aber, die zu einem Gesetztsein in Beziehung tritt, das besteht,
insofern die Reflexion entfallen ist, kann nur von diesem Gesetztsein als
einem solchen, das ihr voraus ist, ,anfangen' (C I, 9, 8}. Und da sie
298 DIETER HENRICH

von einem Gesetztsein, das selbst die Reflexion ist und deshalb Stabilität
hat, nicht so ausgehen kann, daß sie es zugleich in sich zurückbringt (auf­
hebt), bleibt dieses Anheben von Etwas selbst eine stabile Form der Re­
flexion als solcher. In diesem Sinne reflektiert sie nun auf ihr Anderes.
So läßt sich der Gedanke von der äußeren Reflexion also sehr wohl als
eine Kategorie aus logischen Überlegungen gewinnen, die nicht vom Vor­
wissen über die mentale Form äußeren Reflektierens schlechtweg abhängig
sind. Dennoch hat Hegel in dem Dreischritt, der zu dieser Begriffsbe­
stimmung führt, die gesamte Problemlage der Logik auf bedeutsame Weise
verlagert. Bisher war es stets möglich gewesen, wenn neue Implikationen
des Wesensbegriffs entwickelt wurden, die vorausgehenden logischen
Eigenschaften dieses Begriffs ohne Ausnahme und gleichzeitig festzuhal­
ten. Formeln wie die vom absoluten Gegenstoß waren erfolgreiche Ver­
suche, auch gegenläufige, miteinander anscheinend unvereinbare Charak­
tere des Wesens in einem Gedanken zu integrieren. Dieser Gedanke ver­
langt aber eine Identifikation von Wesen und Schein, in der sie beide
als Andere gegeneinander festgehalten sind. Damit ist nun zunächst auch
die Grenze der Möglichkeit überschritten, in einer einzigen Struktur alle
Implikationen des Wesensbegriffes integriert zu halten und manifest zu
machen. Hegel kommt erneut in die Situation, welche die ganze Dimen­
sion der seinslogischen Kategorienanalyse beherrschte, nämlich über eine
Kategorie so sprechen zu müssen, daß der Gedanke dieser Kategorie die
Bedingungen, unter denen er allein artikulierbar ist, nicht vollständig zum
Ausdruck bringt. Der Gedanke des Wesens setzt Implikationen frei, die
gegenläufig sind und die nicht durch eine einsinnige formale Entfaltung
des Wesensbegriffes in diesem Begriff zus ammengehalten werden kön­
nen. Darum wird es von nun an die Aufgabe der Logik sein, diesen Impli­
kationen nachzugehen und zugleich einen Begriff vom Wesen teils fest­
zuhalten, teils aber überhaupt erst anzustreben, der die gleichgewichtige
Legitimität dieser Implikationen ausdrücklich zu machen erlaubt. Ein sol­
cher Begriff, nicht nur als Grundlage der Einheit des Sinnes von Wesen in
noch unvollendeter Explikation, sondern als eine in der Logik selber the­
matische Kategorie, wird erst mit der Kategorie des Grundes erreicht. Diese
Kategorie hat also auch eine Funktion höherer Ordnung gegenüber dem
einfachen Wesensbegriff : der Wesensbegriff wird in ihr nicht nur weiter­
entwickelt. Sie faßt den Wesensbegriff erneut in der Einheit seiner
Implikationen, die von nun an je für sich nur unvollständige Konzeptionen
seiner inneren Bestimmtheit sind.
Als erster ist der Gedanke der äußeren Reflexion notwendig unvoll­
ständig und zwar in folgendem Sinne : Er leitet sich aus der Verdoppelung
Hegels Logik der Reflexion 299

des Wesens durch die Identifikation von Wesen und Schein und aus der
Notwendigkeit her, die Reflexion gleichzeitig auch weiterhin als ein Set­
zen zu denken. Da sie nun eine Voraussetzung hat, die ihre Bestimmt­
heit ausmacht, kann ihr Setzen kein Setzen ihrer Bestimmtheit im Gan­
zen sein. Denn damit wäre die Bestimmtheit neuerlich aufgehoben, wel­
che sich ihrerseits aus dem Wesenscharakter auch der Unmittelbarkeit er­
gab, ebenso wie ihr Anderes Reflexion in sich zu sein. So erscheint nun die
Reflexion in der einseitigen Stellung, ihr Setzen nur unter der Bedingung
des Bestandes einer Voraussetzung und gegen diese in Gang bringen zu
können. Das aber heißt wiederum, daß diese neue Form der Reflexion im
Begriff ihres Setzens und als eine Implikation des Sinnes dieses Setzens
nicht zu erkennen geben kann, daß das, in Beziehung worauf sie setzt, gar
nichts anderes ist als sie selbst. Ihr Setzen hat seine Form aufgrund
der Einheit des Wesenssinnes in Reflexion und Voraussetzung. Aber
eben darum setzt sie nurmehr unter Ausschluß dieser Prämisse. Fak­
tisch bezieht sich die äußere Reflexion nur auf sich selbst in ihrem Anderen.
Aber ihr Beziehen muß dieses Andere durchaus nur als Anderes und
somit als ihr eigenes Nichtsein annehmen.
Dennoch darf die Analyse nicht vergessen, daß dieses Nichtsein
wirklich das Wesen selbst ist. Der Begriff der äußeren Reflexion ist
sozusagen das Dokument einer theoretischen Situation, in der sich nicht
einsehen läßt, wie beides, die Äußerlichkeit der Reflexion gegen sich und
ihre Selbstbeziehung in ihrer Verdoppelung, in einem Gedanken zugleich
gefaßt werden könnten. Es ist deshalb kein Verfehlen der wichtigsten Ein­
sicht, wenn mit der Verdoppelung der Reflexion unmittelbar auch ihre
Veräußerlichung und mit der wiederum eine theoretische Situation eintritt,
in der die Reflexion nur verkürzt gefaßt werden kann. Der Schritt zur
Selbstverdoppelung der Reflexion ist Implikation des Wesensbegriffes,
aber kein vom Wesensbegriff selbst noch logisch beherrschbarer Gedanke.
Erst die Logik des Begriffes wird zu sagen vermögen, wie doppelte Refle­
xion eigentlich zu denken sei - was In-seinem-Anderen-bei-sich-selbst­
sein eigentlich heißt.
Es soll hier offen bleiben, ob Hegel imstande ist, die wichtigsten Eigen­
schaften jenes intelligenten Prozesses, den er analog zur 11äußeren Re­
" "
flexion der Logik "äußerliches Reflektieren nennt, mit rein logischen
Argumenten herzuleiten. Man sieht leicht, daß seine Absichten und An­
sprüche im Text, was dies betrifft, weitgehen, - ebenso aber auch, daß
seine Anstrengungen unzureichend sind, solche Ansprüche durch Nach­
weise zu fundieren. Es bleibt jedenfalls festzuhalten, daß die logischen
Mittel, die Hegel in etwa zur Verfügung stehen, nicht unmittelbar aus
300 DrETER HENRICH

den Ressourcen der bisher entfalteten Negationstheorie beigebracht wer­


den können. Weitere Untersuchungen können aber immerhin von der
wichtigsten Prämisse ausgehen, daß die basale Struktur der äußeren Re­
flexion nicht nur in den logischen Prozeß hineingetäuscht wurde, sie ist
sogar Ausdruck einer wichtigen Verlagerung in der Problematik des
Werkes im Ganzen.
Daneben bleibt zu konstatieren, daß eine spekulative Konstruktion
des Begriffes der äußerlichen Reflexion etwas anderes ist als die Kritik
des Anspruches des Reflektierens, einen letzten Horizont philosophischen
Wissens aufzuschließen. Diese Kritik durchherrscht alle philosophischen
Intentionen Hegels. Aber die spekulative Konstruktion auch von sub­
j ektiven Reflexionsformen kann und muß ihnen aus dem Interesse an
ihrer inneren Verfassung und Möglichkeit gegenübertreten. So kann
sie sogar als eine partiale Rechtfertigung einer Reflexion ausfallen, die
auf ihrer Äußerlichkeit insistiert - gegenüber einem subjektiv-unendlichen
Reflektieren.
Die setzende Reflexion mag man sich als eine endlose Reflexionsbewe­
gung vorstellen, in der jeder Gedanke, ehe er sich konsolidiert und in
seinem eigenen Kontext geprüft ist, im Bewußtsein seiner Voraussetzun­
gen zerschmilzt. Wendet man die Struktur vom Spekulativen ins Phäno­
menale, so erlaubt sie es, die Evidenzen zu verstehen, die im Dauerzwang
zu absoluter Rechtfertigung herrschen. Zu diesem Zwang verdirbt die
Forderung nach ,kritischer Reflexion', wenn sie übersieht, daß Kritisie­
ren auch heißt, sich auf Sachzusammenhänge einzulassen. Solchem Reflek­
tieren ist die Reflexion, die äußerlich bleibt, in Wahrheit überlegen. Sie
räumt dem Vorausgesetzten eigenes Recht ein und befreit damit auf der
anderen Seite auch die Reflexion aus der Ambivalenz, sich ständig zu­
gleich von sich und vom Unmittelbaren abstoßen zu müssen - eine
Ambivalenz, in der es nirgends zur Bestimmtheit kommen kann. Aber
sie ist doch nicht die vollendete Reflexion. Vollendet ist sie, wo das Un­
mittelbare in seinem eigenen Zusammenhang gelassen wird und gleich­
wohl der Reflexion, die sich selber verstanden hat, nicht mehr fremd
entgegenkommt.

c. Die Reflexion als bestimmte.

Dieser Zustand ist noch nicht vom Übergang zur bestimmenden Re­
flexion zu erwarten. Zwar wird in ihm die Beziehung der Reflexion auf
sich als bloße Voraussetzung korrigiert. Das Ergebnis dieser Korrektur
ist aber eine andere Begrenztheit : die Reflexion unter den beiden Refle-
Hegels Logik der Reflexion 301

xionsfällen, welche an die Stelle des Gesetztseins der setzenden Re­


flexion getreten war, kommt nun zur Dominanz über die gesamte We­
sensstruktur. Es zeigt sich, daß die Äußerlichkeit des Reflektierens vor­
erst nur dadurch zu eliminieren ist, daß das, worauf die äußerliche Re­
flexion ging, ein Recht zugesprochen erhält, den Wesensbegriff im Ganzen
auszufüllen.
Im zweiten Abschnitt der äußerlichen Reflexion spielt Hege! gegen
die Äußerlichkeit des Reflektierens den Nachweis aus, der in der Analyse
der setzenden Reflexion gegeben worden war : Alles Voraussetzen ist
insofern auch Setzen. Damit treibt er aber die äußere Reflexion nicht
etwa in die setzende zurück - auch hier dem Anschein entgegen, den
die Terminologie des Textes aufkommen lassen muß. Denn die Identifi­
kation der Reflexion mit der Unmittelbarkeit des Gesetztseins wurde
inzwischen zur Prämisse. Wird daher nun das Vorausgesetzte als Gesetz­
tes gedacht, so kann das nur heißen, daß die Beziehung der Äußerlichkeit
der einen Reflexion zu ihrem anderen Fall aufgehoben wird. Es bleibt
dann keine Reflexion mehr zurück, welche auf Gesetztsein nur bezo­
gen sein könnte. Also ist die Reflexion, welche auf eine vorausgesetzte
Reflexion nur reflektierte, eben dieselbe Reflexion, die Thema ihres äußer­
lichen Reflektierens war. Nicht mehr ist die Reflexion nur so verdoppelt,
daß es neben dem Fall der reflektierenden Reflexion den Fall der Reflexion
gibt, in dem sie auf sich als die reflektierende reflektiert. Ihre Verdoppe­
lung führte zunächst dazu, daß ein Reflexionsfall als bloße Vorausset­
zung des anderen erschien. Die Verdoppelung muß aber so erfolgen, daß
beiden Reflexionsfällen grundsätzlich gleiches Gewicht zukommt, so daß
sie als Reflexion im vollen Sinne festgehalten werden können. Die Weise,
in der Hege! den Gang der Logik großräumig weiterführt, ist durch die
Meinung begründet, daß sich die Reflexion auf dem Wege dahin zu­
nächst ganz unter die Dominanz der Unmittelbarkeit zu bringen hat. Nicht
mehr ist die Reflexion Reflexion auf ihre Voraussetzung. Sie ist mit ihr
identisch, und die Voraussetzung ist insofern mehr als nur vorausge­
setzt für ein Anderes. Sie ist ein Gesetztsein, das gar nichts anderes ist
als die Reflexion, und ein solches, von dem zugleich gesagt wird, daß es
alle Reflexion sei, dann aber grundsätzlich auch die doppelte und diese
als Beziehung zweier äquivalenter Reflexionsfälle. In welchem Sinn die
Reflexion, die nun nichts als Gesetztsein ist, den Gedanken der äquivalen­
ten Doppelung einschließt, wird sich alsbald zeigen. Im voraus steht schon
fest, daß ein Wesen, das selbst Bestimmtes ist, nur als zweifach ver­
doppelte Negation wird gedacht werden können. Diese Doppelung wird
sich auch dort herstellen müssen, wo die Reflexion als äußerliche dadurch
302 DIETER HENRICH

entfiel, daß sie sich von dem in ihr vorausgesetzten Anderen nicht wei­
ter unterscheiden ließ.
Das Aufheben der Äußerlichkeit, das Zusammengehen der Reflexion
mit dem Unmittelbaren, 11ist die wesentliche Unmittelbarkeit" (C II, 4,
18/19). Damit ist die bestimmende Reflexion die "außer sich gekom­
mene Reflexion" (C III, 2, 3, n). Die Unmittelbarkeit_ die doch die des
Wesens ist und die nur insofern als Gesetztsein gedacht werden kann, ist,
wie Regel weiter sagt, " das Herrschende" im Wesensbegriff geworden.
Diese Situation läßt sich überhaupt nur denken, wenn man einen We­
sensbegriff, der die Bedingung des Gedankens von einem zur Herrschaft
gekommenen Gesetztsein liefert, von dem Gedanken vom Wesen un­
terscheidet, der nun als "wesentliche Unmittelbarkeit" zum Thema wird.
Der erste muß die Bestimmtheit der Begriffe garantieren, in denen der
zweite gefaßt ist. Denn kein Gesetztsein läßt sich denken, dem nicht ein
Wesen zugeordnet wäre, dessen Negatives und nur dessen Negatives es
ist. Die Weise, in der nun dieses Gesetztsein mit seinem Anderen identi­
fiziert gehalten werden soll, schließt es aber aus, diese Bedingung in die
Analyse einzubeziehen. Eine solche Analyse muß deshalb notwendig
unvollständig bleiben, obgleich sie vollständig die Implikationen eines We­
sensbegriffes unter eben der Bedingung darstellen mag, daß die Unmit­
telbarkeit als wesentlich und diese als Wesen im Ganzen gedacht werden
soll und muß. Diese Aufgabe folgte aus dem überstieg über die äußere
Reflexion. Man kann sie auch als die Aufgabe beschreiben, die Reflexion
nunmehr selbst als Äußerlichkeit zu denken, wobei Äußerlichkeit nicht
ihre Relation zur eigenen Voraussetzung, sondern ihre interne Bedingung
ist. In diesem Sinne ist bestimmende Reflexion ein "absolutes Voraus­
setzen" (C III, 2, 14). Und in diesem Sinne ist ein solcher Gedanke auch nur
über den der äußeren Reflexion zu erreichen. So zeigt sich wiederum,
daß die äußere Reflexion nicht nur Abweg, sondern Beginn der neuen
Problemdimension der Logik ist.
Die Reflexionsbestimmungen werden generell definiert als ,Gesetzt­
sein, das in sich reflektiert ist' (Log II. 23, 1, 8 ff. u. v. a.). In dieser
Formel sind die logischen lmplikationen der bestimmenden Reflexion aus­
gesprochen. Diese Reflexionsform ist ein Gedanke vom Wesen als Ge­
setztsein. Gesetztsein ist Negation gegen eines. So hat diese Reflexion
immer eine Bestimmtheit an sich. Damit ist sie auf ein Anderes bezogen.
Doch kann dies Andere nicht die Reflexion ganz allgemein und in abstracto
sein. Denn die steht nun unter der Herrschaft der Unmittelbarkeit. Viel­
mehr ist die Unmittelbarkeit selbst die Reflexion.
Hegels Logik der Reflexion 303

Als solche schließt sie alle Beziehung auf anderes von sich aus und ist
Beziehung nur auf sich, Gleichheit mit sich. Denn das ist der Sinn von Re­
flexion als Unmittelbarkeit. Aber es ist doch die Reflexion als Gesetzt­
sein und nur als Gesetztsein gedacht worden. Wenn damit auch nicht
mehr gedacht werden kann, kraft wessen solches Gesetztsein überhaupt
ist, so muß doch gedacht bleiben, was den Sinn von Gesetztsein notwendig
ausmacht: Unmittelbarkeit, die zugleich nur Bestimmtheit ist. Als solche
hat das Gesetztsein immer ein Anderes, dessen Negatives es ist. Inso­
fern ist jede Reflexionsbestimmung der Gedanke von einem in sich Re­
flektierten, das zugleich ein Korrelat ist.
Nun ist aber das Gesetztsein Reflexion in sich. Als solches muß es seine
Beziehung auf dieses Negative auch ausschließen. Als Reflexion stellt es
sich gegen sein Korrelat, das in ihm qua Gesetztsein mitzudenken ist. So
" "
" fixiert sich , wie Hegel sagt, " das Gesetztsein zur Bestimmung (C 111, 2,
2, 8), Bestimmung aber ist internes Sichsetzen gegen die eigene Grenze.
In diesem Sinne ist die Identität Fall einer sich bestimmenden Reflexion.
Sie ist Gleichheit mit sich, ohne allen Unterschied und damit ein von dem
in diesem Ausschluß Ausgeschlossenen bestimmter Gedanke, aber eben
darum auch Setzen der Identität mit der Bestimmung, Gleichheit mit
sich gegen die Grenze im Unterschied zu sein.
Es läßt sich nun leicht einsehen, daß damit auch das Negative dieser Be­
stimmung, da es das Negative des Wesens ist, als Reflexion in sich gegen
die rein negative Beziehung auf sein Anderes gedacht werden muß. Denn
das Wesen kann nicht Gesetztsein bleiben, wenn die Bestimmtheit, die es
als solches in sich aufzunehmen und zur Bestimmung zu internalisieren
hat, etwas anderes wäre als das Wesen selber. Da aber das Wesen Gesetzt­
sein ist, so ist auch sein Anderes, das es bestimmt, da es wiederum Wesen
sein muß, Wesen als Gesetztsein - so wie es selbst. In diesem Wider­
spiel der Reflexion jeweils zu dem Negativen ihres Gesetztseins ist die
Reflexion nunmehr in Äquivalenz verdoppelt. So bleibt die Verdoppelung
erhalten, die aus der Identifikation des Wesens mit dem Schein hervor­
gegangen war. Nur die Begrenzung ist aufgehoben, in die sie sogleich als
äußere Reflexion geraten war.
Das Wesen als Gesetztsein hat je ein Korrelat, welches selber jeweils
Wesen ist. Es erfüllt die Bedingung, daß nichts als Gesetztsein zu denken
ist, das nicht auch Bestimmtheit hat. Aber in "Gesetztsein" war ursprüng­
lich mehr gedacht als nur die Korrelation bestimmter Wesensfälle, die
zugleich ihre Bestimmtheit in Gleichheit mit sich transformieren. Ihm lag
die abstrakte Gleichheit eines Wesens, das Setzen ist, zugrunde. Dieser
abstrakte Wesensbegriff ist noch nicht restituiert. Er kann es nicht
304 DrETER HENRICH

werden, so lange die Resultate dominant bleiben, die daraus folgten, daß
die Reflexion sich äußerlich geworden war. Auch wird er sich nur resti­
tuieren lassen, wenn die Einheit des Wesens auch noch in der Verdop­
pelung äquivalenter Reflexionsfälle artikulierbar wird - als eine Einheit
aber, die mehr ist als die faktische Korrelation der Reflexionsfälle. Das
Wesen, dessen Gesetztsein die Korrelation der Reflexionsfälle ist, wird
Hegel unter dem Titel "Grund" zu denken versuchen. Aber auch im
Grund sind Selbstbeziehung und Beziehung auf Anderes nicht so zusam­
menzubringen, daß der Gedanke der Selbstbeziehung den vollständig
entfalteten Gedanken der Andersheit in sich aufnehmen und festhalten
könnte. Hegel meint, daß dies zuerst und definitiv der Begriff des Begrif­
fes vermag.

5· Resultate und Konsequenzen

Damit hat der argumentanalytische Kommentar zur Logik der Refle­


xion Perspektiven für den weiteren Gang der Analyse freigesetzt. So
kann er hier abgebrochen werden. Als methodischer Beitrag zur Regel­
interpretation hat dieser Kommentar zunächst ergeben, daß der Text der
Logik durchaus mit Hegels eigenen Ideen und Ansprüchen verglichen
werden kann. Der Zustand, in den Hegel sein Hauptwerk bringen konnte,
weicht nicht wenig von dem idealen ab. Hegel hat selbst gemeint, daß
er weit vom Ziel entfernt sei. Man kann sich davon überzeugen, daß
diese Selbstkritik nicht in den Verdacht kommen darf, nur Ausrede und
Camouflage des wahren Sachverhalts zu sein, daß nämlich die Sache
selbst notwendigerweise undeutlich sei und möglich überhaupt nur als
Dichtung mit Worten und Begriffsrudimenten; ein solches Gebilde lasse
sich gar nicht kritisieren. Dieser Verdacht vergißt sogar, daß man seit
geraumer Zeit auch die Struktur von Dichtungen so gut verstehen kann,
daß immanente Kritik möglich wird. Im übrigen hat sich aber gezeigt,
daß die Sequenz der Gedanken und Argumente in der Logik weder bloße
Assoziation noch Resultat einer persönlichen Divination ist, auf die der
nicht Initiierte nur durch Unterwerfung, durch Abkehr oder mit über­
anstrengter Nachahmung antworten kann. Bisher ist allerdings kaum
versucht worden, in die Feinstruktur der Logik einzudringen, und das
heißt, im Kommentar Alternativen für das Verständnis des Textsinnes zu
entwickeln und zwischen ihnen mit Argumenten zu entscheiden. 29 Die
29 Der erste (wichtige) Kommentar zu einem Teil der Logik analysiert nicht hege­
lisehe Argumente im Blick auf mögliche Alternativen, sondern erläutert im Detail
Hegels Logik der Reflexion 305

Geschichte des Hegelianismus, der keine kleine Zahl bedeutender Köpfe


für sich gewann, aber niemandem die Logik verständlich machen konnte,
ist ein überzeugender Beweis für die extreme Schwierigkeit dieser Auf­
gabe.
Zu völliger Klarheit über sein Verfahren hätte Hegel selbst dann nicht
kommen können, wenn er noch viele Jahre an die Wissenschaft der
Logik gewendet hätte. Der Habitus, in dem er spekulative Gedanken ent­
wickelte, legte ihn schon in der Jenaer Zeit auf einen distanzlosen
Mitvollzug der distanziertesten, der abstraktesten Diskurse fest. Auf der
Spitze der begrifflichen Abstraktion ließ er seine spekulative Intuition ein­
fach gewähren. Zwar orientierte er sie mit Hilfe spekulativer Grundfigu­
ren; und er ordnete ihre Resultate jeweils so, daß folgende Versuche zum
Aufbau der spekulativen Logik aus den Problemen der vorausgehenden
Ordnungen auch Anleitungen gewinnen konnten. Aber nie hat er sie
mit einer Analyse der logischen Argumente rein als solcher begleitet.
Sie hätte ihm auch nicht gelingen können. Denn in den Argumentatio­
nen der Logik sind logische Ableitungen, Bedeutungsverschiebungen und
theoretische Entwürfe zum Zweck der Vereinigung divergierender Form­
aspekte, die aus einer Begriffsbildung wie etwa der der absoluten Ne­
gativität folgen, auf eine Weise in einen Zusammenhang gebracht, die
durch ihre Vielgestaltigkeit verwirrt. Der Erfinder einer theoretischen Ar­
chitektur von solcher Raffinesse tat wohl im Prinzip gut daran, auf den
Bau und nicht auf dessen Beschreibung seine ganze Kraft zu wenden.
Die Mängel in der Ausführung, welche der Mangel an Übersicht nach sich
zog, sind zwar gravierend. Sie beeinträchtigen aber nicht die Haltbarkeit
und die Tragkraft der Architektur im Grundentwurf und auch nicht in
den grundsätzlich wichtigen Zügen seiner Ausführung. Das Grundpro­
blem, wie man die Philosophie Hegels beurteilen und die eigene Stel­
lung zu ihr begründen soll, ist mit der Frage gestellt, ob es sinnvoll ist,
ihrer systematischen Intention zu folgen und dafür den Preis aufzubrin­
gen, den sie unabdingbar verlangt : Die bewußte und definitive Entfer­
nung von den Grundbedingungen des normalen Diskurses.
In der Logik der Reflexion werden Explikationsmittel, die in allen Kapi­
teln der Logik gebraucht werden können, selbst spekulativ entwickelt.
Wie es sich erklärt, daß dies gerade am Beginn der Wesenslogik ge-

Hegels Thesen und Positionen. Vgl. Peter Rohs : Form und Grund. - In : Regel­
Studien. Beiheft 6. 1969. Der seit der ersten Auflage dieser Untersuchung erschienene
Kommentar zur Wesenslogik von Bruno Liebrucks (,Sprache und Bewußtsein', Band 6,
Teil 2, Frankfurt und Bern 1974) hält sich von einer Aufklärung Hegelischer Argu­
mentation und Gedankenführung noch weit mehr entfernt.
306 DIETER HENRICH

schehen kann, ist schon dargelegt worden. Welche Konzeption von einem
formalen Objekt, das eine spekulative Verfassung hat, es ist, die
Hegels Analysen leitet, hat in der Analyse dieses zentralen Abschnittes
der Logik am leidltesten deutlich werden können.
Der Begriff der Reflexion ist, so wie jeder logische Grundbegriff_ ein
Begriff von einem Verhältnis von Selbstbeziehung und Andersheit. Er ist
derjenige Begriff von ihrem Verhältnis, mit dem versucht wird, die Ein­
heit dieser beiden logischen Formen ohne jede weitere Voraussetzung zu
fassen. Nur an der Stelle des ganzen logischen Prozesses, den die Logik
der Reflexion einnimmt, ist der Versuch gerechtfertigt und aussichtsreich,
das ,Wahre' dadurch zu denken, daß der Gedanke der Andersheit rein für
sich dem anderen Prinzip direkt und ohne weitere Rücksicht unterstellt
wird, das im Gedanken der Unmittelbarkeit als Selbstbeziehung gefaßt
ist. Darf man der Selbstbeziehung auch den Gedanken der Einheit und
der Andersheit den der Differenz zuordnen, so sucht Hegel unter dem
Titel ,Reflexion' die Einheit in der Differenz als solcher und somit eine
Differenz, in der sich die Einheit nicht verliert.
In der Logik geht es um nichts anderes als darum, einen Zusammen­
hang dieser Art definitiv zu fassen - ihn als den letzten Horizont aus­
zuweisen, in dem alles, was sich verstehen läßt, seine Verständlichkeit
findet. Dieser Zusammenhang hat eine ganz andere Form als das, was in
der Regel ,Dialektik' heißt. Er ist nicht der Gedanke von einem letzten
Definitiven, das über eine Sequenz beschränkter Gedanken schließlich
erschlossen wird - somit nicht der Gedanke dessen, was bleibt jenseits
aller bestimmten Negation. Sofern von bestimmter Negation in diesem
Zusammenhang die Rede sein kann, ist sie nichts als dasjenige Verhältnis,
welches auch Andersheit genannt werden kann und was somit das eine
Element der spekulativen Grundform und somit weiter dasjenige ist, das
als nicht verschieden von der Einheit der Selbstbeziehung begriffen wer­
den muß. Hegels Logik faßt allerdings die Relation der Bestimmtheit als
ein Prinzip von Fortbestimmung und Folgerung auf; es ist die Grundlage
von logischen Abfolgen und Entwicklungen auch über Gegensätze. Diese
Entwicklungen ergeben sich aber - auch in der Logik der Reflexion -
deswegen, weil sich der Entwurf des Gedankens, Selbstbeziehung und
Andersheit in Einem und als konstitutive Momente einer einzigen logischen
Form zu denken, in einem ersten Schritt nicht ausführen läßt. Und das
Wahre, welches jene Einheit ist, ist das Ganze eben deshalb, weil es sich
erweist, daß die Selbstbeziehung der Andersheit den Gedanken von allen
denkbaren Verhältnissen der Einheit und der Andersheit voraussetzt oder
nach sich zieht und in jedem Falle einbegreift. Das Ganze ist eben darum
Hegels Logik der Reflexion 307

Bewegung und Prozeß, weil jene Einheit, welche die Reflexion ganz unmit­
telbar zu begreifen versucht, in Wahrheit nur im Durchgang durch alle
Einheitsbegriffe und Bestimmtheitsformen zu haltbarer Bestimmtheit kom­
men kann. Die Einheitsbegriffe der Logik, welche die Problematik ihrer ein­
zelnen Kapitel konstituieren, stehen in einer Sequenz, in der die folgenden
die Konzeptionen der Einheit von Selbstbeziehung und Andersheit, die
ihnen vorausgingen, korrigieren und in der die grundlegend neuen Ein­
heitsbegriffe so gefaßt sind, daß sie ihr eigenes Verhältnis zu ihren Vor­
gängern einschließen. Nur so ist es auch möglich, daß die abschließende
Einheitskonzeption des Begriffes (als Idee), welche das spekulative Grund­
problem der Einheit der scheinbar unvereinbaren Gedanken von Selbst­
beziehung und Andersheit auflöst, die Gedanken aller anderen Konzeptio­
nen in sich einbegreift. Und so ist der Begriff als Begriff eines Prozesses
der Inbegriff dessen, was ihm vorausging und was zu ihm führt. Auch
für das Wesen, das als Reflexion das Sein in der Form des Scheins und
dann der gesetzten Voraussetzung restituiert, war die Beziehung auf
seine Herkunft Teil der Definition seiner Form.
Man kann die Position der idealistischen Philosophie in zwei Sätzen
formulieren, welche die Form methodischer Anweisungen haben, - und
zwar so, daß sie FICHTES und Hegels System über alle Differenzen glei­
chermaßen charakterisieren : 1. Die erste Aufgabe der Philosophie, aus der
die Lösung aller anderen zu gewinnen sein wird, ist die richtige Auffas­
sung der auch noch im Gedanken der Selbstbeziehung gelegenen Diffe­
renz. 2. Es ist nicht zu erwarten, daß eine Selbstbeziehung gedacht wer­
den kann, welche sich über eine einfache Differenz oder gar als Aus­
schluß aller Differenz herstellt. Denn es gibt keine unmittelbare und doch
geschlossene Selbstbeziehung. Wirkliche Selbstbeziehung schließt vielmehr
die Entfaltung der in ihr gelegenen Differenz in eine Form ein, die so
komplex ist, daß sie vom Ganzen dessen, was überhaupt ist, seiner Form
nach nicht mehr unterschieden werden kann. Insofern ist das ,Wahre'
gleichermaßen ,das Ganze' und ,das Subjekt'.
Hegels Logik der Reflexion ist einbezogen in ein System, das auf die­
ser Überzeugung beruht und das sie begründen soll. An ihrem Gang ist
ihr Stellenwert deutlich abzulesen : Der einfachste denkbare Gedanke einer
fugenlosen Einheit von Selbstbeziehung und Andersheit wird als Resul­
tat aus langen Untersuchungsgängen gewonnen, die ihm vorausliegen. Er
steht von vornherein unter dem Postulat, seine eigenen Voraussetzungen
zu rekonstruieren. Insofern ist er auch von Beginn an als ein Gedanke
zum Thema gemacht, aus dem sich andere Gedanken generieren lassen.
Indem seine lmplikationen über eine formale Entwicklung ausgearbeitet
308 DrETER HENRICH

werden, stellt sich dann aber heraus, daß aus ihm Konsequenzen folgen,
die nicht mehr im Rahmen einer einzigen Form der Ableitung beherrscht
werden können. Diese Ableitungsform ist die Entwicklung des Gedankens
der auf sich selbst bezogenen Andersheit. Aus ihm ergeben sich Konse­
quenzen, die sich nur mit veränderten formalen Mitteln in die Definition
des Wesens einbeziehen lassen. Der Gedanke vom Wesen selbst als
Reflexion muß nun so gedacht werden, daß er unter den Bedingungen
eines in Wahrheit doch von ihm Abhängigen steht. Die Selbstbeziehung
der Negation wird so nur als die Gleichheit dessen mit sich gefaßt, was aus
dem Wesen als Gesetztsein hergeleitet worden war. Es ist von vornherein
klar, daß diese Situation nicht endgültig sein kann oder daß sie das
Ende des Projektes der Wissenschaft der Logik bedeutet. Wenn aber die
Einheit des Wesens aus seinem Verlust an sein Anderes soll wiederge­
wonnen werden, so kann sie nicht mehr jene einfache Einheit von Selbst­
beziehung und Andersheit sein, aus der sich auf formale Weise der Ge­
danke der Reflexion als Einheit von Wesen und Schein gewinnen ließ.
Ein solcher Einheitsgedanke vom Wesen wird Rücksicht nehmen müssen
auf die Ergebnisse der Analysen, die seinem Auftritt vorangingen, und
insbesondere darauf, daß in diesen Analysen, deren Resultate er in sich
integrieren muß, der Einheitssinn des Wesens in Wahrheit verloren war.
So wird er nicht in der Weise durch rein formale Entwicklung aus dem,
was ,Reflexionsbestimmung' hieß, hervorgehen können, wie der Schein
aus dem als Reflexion gedachten Wesen. Die Weise, in der er sich ergibt,
muß der Veränderung der theoretischen Situation beim Übergang zur
bestimmenden Reflexion entsprechen. In ihm mußte die im formalen Ob­
jekt ,Reflexion' nicht mehr auflösbare Spannung, die zwischen der Anders­
heit des Scheines gegen das Wesen und seiner instantanen Selbstaufhe­
bung bestand, durch eine neue Konzeption der Einheit der Reflexion auf­
gehoben werden.
Eine Logik der Reflexion wäre überhaupt nicht zu entwickeln gewesen,
wenn nicht zu Beginn der Wesenslogik die Bedeutungsverschiebung im
Gedanken ,Unmittelbarkeit' wohlbegründet hätte stattfinden können. Die­
ser theoretische Vorgang ist sicherlich verschieden von dem anderen,
in dem die Reflexionslogik aus dem Bereich heraustritt, den sie durch
formale Entfaltung des Gedankens der selbstbezüglichen Negation aus­
füllen kann. Beide stimmen aber in dem miteinander überein, wodurch
sich die formale Entwicklung der Reflexionsform von ihnen beiden unter­
scheidet: Sie ergeben sich nicht über die Ausarbeitungen der lmplikatio­
nen eines bereits eingeführten und wohldefinierten Gedankens, sondern
sie etablieren neue Einheitsgedanken, die der Gesamtproblematik einer
Hegels Logik der Reflexion 309

theoretischen Situation entsprechen und ihr gerecht werden, in der eine


rein formale Fortentwicklung unmöglich geworden ist. Die Reflexionslogik
konnte in einer solchen formalen Weise gewonnen werden; und darauf
ist der Eindruck von theoretischer Kraft, den sie wohl machen kann, be­
gründet. Sie berechtigt aber doch nicht zu der Schlußfolgerung, man könne
den logischen Prozeß im Ganzen aus dieser Form des Fortgangs verstehen.
Das Kapitel, das diesen Fortgang erlaubt, ist vielmehr an wohlbestimm­
ter Stelle in das Ganze dieser Logik verfugt. Als Ganzes kann sie nur
nach anderen Regeln verstanden werden.
In ihrem Inhalt ist die Logik der Reflexion aber dennoch eine Konzep­
tion der Einheit von Selbstbeziehung und Andersheit, in der die Form von
Einheit voll zum Ausdruck kommt, auf welche die Logik überall und
als Ganze abzielt. Die Logik der Reflexion kann am leichtesten und sicher­
sten über die Eigentümlichkeiten dieser Einheitskonzeption verständigen.
Denn in ihr gehen die beiden Elemente, aus denen sich diese Konzeption
aufbaut, eine Verbindung ein, die so eng ist wie überhaupt denkbar und
frei von allen Rücksichten auf alle anderen Formen, welche die Logik zu­
vor behandelt hat. Das Wesen ist die Selbstbeziehung des Negativen;
und die Logik der Reflexion ist eben deshalb ein Prozeß rein formaler Ent­
wicklung, weil dieser einfache Gedanke aus sich selbst heraus zum Gedan­
ken von der Einheit von Wesen und Schein weiterführt.
Darum kann die Form der Reflexion auch in allen Kapiteln der Logik
als Explikationsmittel für die Begriffsverhältnisse und für die Probleme
des Fortgangs gebraucht werden, die jeweils zur Untersuchung anstehen.
Sie gestattet es auch, elementar und dennoch angemessen über den Sinn
des Systemprinzips der Einheit von Substanz und Subjekt zu verständi­
gen. Wenn sie auch weder den Gedanken von Substanz oder von Sub­
jekt noch den von der ihnen eigenen Einheit vollständig in der Form ihrer
Logik ausdrücken kann, so ist sie doch in dem bestimmten Sinn, der sich
aus ihrem Kommentar ergab, ein Zentrum der Wissenschaft der Logik und
die angemessenste Eingangsstelle für eine Verständigung über dieses
System, die auf freier Aneignung seiner Intentionen und der Argumente
beruht, die ihm zur Verfügung stehen.

III. METHODE UND AUFBAU DER LOGIK

Der Begriff des Wesens war nur über eine Bedeutungsverschiebung zu


erreichen. Sie ist von besonderer Art. Bedeutungen haben Grade von
310 DIETER HENRICH

Bestimmtheit. Auf mindestens zweierlei Weise können sie zu größerer


Bestimmtheit kommen. :I.. Ihr Verhältnis zu immer mehr anderen Bedeu­
tungen kann nach Nähe und Ferne, Vereinbarkeif und Unvereinbarkeit und
anderen Gesichtspunkten aufgeklärt werden. 2. Man kann bisher unbe­
kannte Charaktere auffinden, die der Bedeutung als solcher zugesprochen
werden müssen. Was ,Gold' meint, zum Beispiel, wurde bestimmter, als es
vom benachbarten Platin zu unterscheiden war, aber auch, als die Eigen­
schaft, auch in extremen Verhältnissen nicht zu oxydieren, interessant und
Element in seiner Begriffsbestimmung wurde. In beiden Fällen kann der
Weg von Unbestimmtheit zur Bestimmtheit nicht als Weg vom Vagen zum
Eindeutigen beschrieben werden. Denn vage ist ein Begriff nur dann, wenn
es unmöglich ist, in signifikanten Fällen, in denen sein Gebrauch in Frage
steht, zu sagen, ob er angewendet werden kann oder ob nicht. Seitdem
es Prüfsteine für Gold gab, war der Begriff ,Gold' nicht mehr vage -
zumindest nicht in seiner wichtigsten Verwendungsweise. 30
In einem ersten und einfachen Sinne kann man jede Bestimmung einer
Bedeutung schon eine ,Bedeutungsverschiebung' nennen. Bedeutungsver­
schiebung liegt dann vor, wenn ein Begriff nicht mehr in genau der glei­
chen Weise gebraucht werden kann wie zuvor. Das ist auch der Fall, wenn
eine Bedeutung sich bloß in Relation zu anderen fortbestimmt. Es lassen
sich dann nämlich Fälle denken, in denen der Begriff in einer Weise ge­
braucht werden konnte, die mit den Bedeutungselementen unvereinbar ge­
wesen wären, die durch die Fortbestimmung zu den bisherigen hinzuka­
men. Gold etwa konnte vor der Fortbestimmung als schwerstes Metall in
nächster Nachbarschaft zum Silber beschrieben werden - nicht so nach
der Fortbestimmung.
In der Entwicklung von Wissen und Sprache geschehen solche Bedeu­
tungsverschiebungen unablässig und in großer Zahl. Es gibt aber auch
seltenere Bedeutungsveränderungen; und sie sind Verschiebungen in einem
anderen Sinne. In ihnen werden Gegebenheiten, die zuvor aus dem An­
wendungsbereich eines Begriffes kraft seiner Bedeutung ausgeschlossen
waren, zu Anwendungsfällen von ihm, möglicherweise sogar zu ausge­
zeichneten. So sind zum Beispiel ,Wolke' und ,Menge sehr kleiner Was­
sertropfen' im alltäglichen Wissen voneinander verschieden. Es hat sich

30 Vgl. Max Black: Vagueness. - In : Language and Philosophy. Ithaca 1952.


23 ff. William Alston: Philosophy of Language. Englewood Cliffs 1964. R. Swinburne :
Vagueness, lnexactness and lmprecision. - In : British Journal for the Philosophy
of Science. 19. 1969. 281 ff. H. F. Fulda hat in einem interessanten Vortrag auf
einer Tagung im Juli 1971 unter anderem zu zeigen versucht, daß man aus der Be­
stimmung vager Gedanken die Entstehung der allgemeinen Einteilungen der Logik
verständlich machen kann. (In: Hegelbilanz, ed. ]. Ritter. Frankfurt 1973. 231 ff.)
Hegels Logik der Reflexion 311

aber gezeigt, daß Wolken eben solche Mengen sind. Darum ist es auch
sinnvoll, die Bedeutung von ,Wolke', in der Wolken als kontinuierliche
Gebilde, nicht als Aggregat, vorgestellt sind, durch die Bedeutung ,Ag­
gregat von sehr kleinen Wassertropfen' zu ersetzen.
Ein anderes Beispiel ist die Bedeutungsverschiebung im Begriff ,Erde',
der einmal wesentlich durch seinen Gegensatz zum Begriff ,Stern' be­
stimmt war, nun aber etwas meint, das zur Klasse der Sterne gehört. In
beiden Beispielen wird ein Begriff durch Bedeutungsverschiebung in die
Klasse derer einbezogen, deren Begriff er zunächst entgegengesetzt war.
Unter seltenen Umständen kann es auch geschehen, daß die Referenten
eines Begriffes, die einer Klasse von Objekten entgegengesetzt worden
waren, durch Bedeutungsverschiebungen zu den einzigen Referenten die­
ser Klasse werden. Beispiele dafür sind einige Bedeutungswandlungen
im Begriff der Freiheit. Wenn zunächst die Freien die sind, die nicht
vom Willen anderer abhängig und somit die, die keine Sklaven sind,
so kann sich in veränderter Perspektive zeigen, daß allein den Sklaven das
Prädikat, frei zu sein, wirklich zukommt. Eine solche Bedeutungsver­
schiebung kann man eine ,radikale' nennen.
Alle diese Beispiele sind Fälle von Bedeutungswandel in empirischen
Begriffen. Bei Theorien, in denen Begriffe durch implizite Definitionen
eingeführt werden können, findet sich noch ein anderer Fall von Be­
deutungsverschiebung. Seine Eigenart ist schwerer zu kennzeichnen.
Man wird aber sagen können, daß ganze Theorien ebenso aufeinander
folgen können wie Bedeutungen, die schon in einzelnen Sätzen ohne Theo­
rielast zu gebrauchen sind. Ein Begriff in einer Theorie T2 ersetzt dann
die Bedeutung eines Begriffes C in der Theorie Ti, die ihm vorausgeht,
wenn er a. in T2 formale Eigenschaften hat, die denen, die C in Ti hat,
ähnlich sind, und wenn er b. die Fälle, in denen C in Ti gebraucht wurde,
innerhalb von T2 zu beschreiben erlaubt. Diese Kriterien können sehr
viel genauer entwickelt werden. Si Sie geben dann auch Anlaß zu Kon­
troversen, welche die gegenwärtige Situation in der Wissenschaftstheorie
weitgehend beherrschen. 32 Auch in rudimentärer Fassung reichen sie aber

3 1 Ich verweise auf die Diskussion, die sich im Anschluß an einen Aufsatz von

Arthur Fine im Journal of Philosophy. Vol. 64. 231 ff., vor allem im British Journal
for the Philosophy of Science entwickelt hat. Vgl. aber auch Mary Hesse: Fine's
Criteria of Meaning Change. - In : Journal of Philosophy. Januar 1968.
32 Im Zusammenhang mit der Kritik an den radikalen Theorien vom Bedeutungs­
wandel theoretischer Begriffe, die vor allem von Thomas Kuhn und Feyerabend ver­
treten werden, und deren Verteidigung gegen diese Kritik (Literatur bei Jerzy Giedy­
min : The Paradox of Meaning Variance. - In : British Journal for the Philosophy
of Science. 21. 1970).
312 DJETER HENRICH

aus, Fälle von Bedeutungsverschiebungen in Theorien von der Verwand­


lung von bloßen Wortbedeutungen zu unterscheiden. Im Sinne der theo­
retischen Bedeutungsverschiebung folgt etwa der relativistische Begriff
der Materie auf den Materiebegriff NEWTONS. Im seihen Sinne verspricht
die Neurologie, den philosophisch-psychologischen Begriff der Wahrneh­
mung durch einen Begriff von Erregungszuständen von Zellen zu erset­
zen. Man hat solche Begriffe, die theoretischen Bedeutungsverschiebungen
entstammen, Nachfolgerbegriffe genannt. 33
Will man nun den Charakter der Bedeutungsverschiebung am Anfang
der Reflexionslogik fassen, so ist zunächst zu sagen, daß sie sowohl die
Eigenschaften der theoretischen als auch die der radikalen Verschiebung
hat. Denn sie spricht Unmittelbarkeit dem zu, was ihr zuvor entgegen­
gesetzt war, und sie gewinnt auch die Negation der Negation als den zu­
nächst einzigen Fall von Unmittelbarkeit. Es ist weiter auch klar, daß die
Begriffe der Reflexionslogik weder ostensiv noch deskriptiv gewonnen
werden und daß sie somit theoretische Begriffe sind, wenn auch in einem
Sinne, der von dem einer erfahrungswissenschaftliehen Theorie weit ab­
weicht.
Man kann die Begriffe, die Hege! auf jeweils einer Stufe der Entwick­
lung seiner Logik analysiert, als Kern einer möglichen Ontologie auffas­
sen. Sie sind nicht in Beziehung auf Erfahrungsgegebenheiten eingeführt.
Sie können aber in der Beschreibung von Erfahrungen angewendet wer­
den. Und es ist dann möglich, die in der Logik behandelten Grundzüge
durch Modifikationen und durch Kombinationen mit anderen Begriffen
zu erweitern. 34 Wenn die Methode der Logik überhaupt sinnvoll zu
machen und wenn ihr Programm auszuarbeiten wäre, so könnte sie ga­
rantieren, daß eine solche Ontologie in sich homogen und in Beziehung
auf ihre Alternativen richtig geortet ist. Und sie könnte angeben, was je-

33 Der Begriff wurde von Sellars eingeführt und von Feigl akzeptiert. Vgl.
Feigl: The Mental and the Physical. Postscripts 1967. 141/2. Die Diskussion über
die Möglichkeit, Bewußtseinszustände mit Gehirnzuständen zu identifizieren, ist bei­
nahe nichts anderes als eine Diskussion über die Verwendung des Begriffs der Iden­
tität unter nichtanalytischen Bedingungen. Sie findet also im seihen Zusammen­
hang wie die in Anm. 31 genannte Diskussion statt. Eine Verbindung zwischen beiden
ist aber bisher nicht zustande gekommen.
34 Das Problem der Kombinierbarkeit der in der Logik entwickelten Begriffe ist

von Hegel nirgends behandelt worden. Dennoch setzt er in den Realphilosophien stän­
dig voraus, daß sie, und zwar in geregelter Form, kombiniert werden können. Dies
Problem ist übrigens nur das vielleicht wichtigste unter vielen, die sich noch stellen,
wenn die Probleme des logischen Prozesses aufgeklärt sind. Im Unterschied zur
Logik als Grundtheorie und der Metatheorie, die ihre Methodenprobleme erörtert, las­
sen sie sich als Probleme logischer Sekundärtheorie klassifizieren.
Hegels Logik der Reflexion 313

weils zum invariablen Kern einer Ontologie zu gehören hat und wann eine
Ontologie nicht nur ergänzt und verfeinert, sondern durch eine ganz an­
dere ersetzt worden ist. Hegel selbst meinte, daß die Logik der Reflexion
den Kern jener Ontologie untersucht, die LEIBNIZ im Auge hat.
Die Besonderheit der Bedeutungsverschiebung, aus der sie sich ergibt,
ist als ,radikal' und ,theoretisch' noch nicht vollständig ermittelt. Theo­
retische Nachfolgerbegriffe ersetzen ihre Vorgänger komplett und haben
innerhalb T2 durchaus Exklusivrecht. Sie schließen den Gebrauch der
Prädikate aus, die im Vorgängerbegriff gedacht waren, der Tt angehörte.
Gerade das trifft nicht zu für den Fall der Bedeutungsverschiebung zur
Reflexionslogik Denn hier ist die Bedeutungsverschiebung nicht nur die
Voraussetzung dafür, daß der Begriff des Wesens als Nachfolger von
,Sein' eingeführt werden kann. Sie wird zugleich zu einem Bestandteil
von dessen eigener Bedeutung. Denn im voll entwickelten Begriff des
Wesens wird ,Unmittelbarkeit' eben nicht nur der Selbstbeziehung der
Negation zugesprochen. Auch ihr Produkt ist Unmittelbarkeit, und zwar
genau in demselben Sinne, in dem Unmittelbarkeit in der Vorgängertheo­
rie der Wesenslogik der Vermittlung entgegengesetzt worden war. So
tritt also Unmittelbarkeit im Wesensbegriff zweimal auf - einmal in der
Bedeutung, die sich durch die Verschiebung ergab, zum anderen in der
ursprünglichen Bedeutung von ,Unmittelbarkeit' vor der Verschiebung
- nur so, daß der Auftritt dieser Bedeutung im Wesensbegriff vom Auf­
tritt der ,Unmittelbarkeit' in der verschobenen Bedeutung abhängig ist.
Denn der Fall von Ut ist gegeben, weil die Negation negiert und somit
der Fall von U2 gegeben ist.
Diese Abhängigkeit besteht nur insofern, als die Reflexionslogik als
Nachfolgertheorie der Seinslogik auftritt. Geht man einfach nur von der
negierten Negation aus, dann ergibt sich zwar Unmittelbarkeit, die eben­
so aufgehoben und vermittelt ist. Wie gezeigt wurde, ergibt sich aber
nicht, daß diese Unmittelbarkeit identisch mit der Reflexionsstruktur ist
und daß aus diesem Grunde der negierten Negation selbst das Prädikat,
unmittelbar zu sein, zugesprochen werden muß. Dann allerdings er­
gäbe sich auch gar nicht der volle und autonome Begriff des Wesens.
Daß Ut = U2, ist nicht ein Resultat der bloßen Analyse der negierten
Negation und ihres Setzens. Es gehört zu den Voraussetzungen dieser
Analyse, wenn anders sie den Begriff der bestimmenden Reflexion erge­
ben soll. In der Regel gibt Hegel zwar seinem Argument einen anderen
Anschein. Untersucht man aber seinen Text genauer, besonders die Rolle
der Einleitung in die Wesenslogik mittels der Analyse des Scheines, so
stellt sich der wahre Sachverhalt heraus. Die Bedeutungsverschiebung ist
314 DrETER HENRICH

also nicht etwa deshalb ein Teil der Wesenslogik, weil sie in einem
ihrer Theoreme begründet ist, sondern deshalb, weil sie als ein Postu­
lat fungiert, aufgrund dessen allein diese Logik in eine selbständige Ent­
wicklung kommt.
Auch in dieser Funktion geht sie aber der Reflexionslogik nicht nur vor­
aus, gleichsam wie eine ihrer historischen Bedingungen im Prozeß der
Theoriegeschichte. Sie gehört zu ihr. Anders könnte auch gar nicht ,Un­
mittelbarkeit' innerhalb der Wesensstruktur in zweierlei Bedeutung und
doch als Bezeichnung desselben Wesens, als Gesetztsein und als Reflek­
tiertsein, auftreten.
Die für Hegels Dialektik typischen Inkonsistenzen ergeben sich nicht
erst dadurch, daß Unmittelbarkeit in der Wesensstruktur zweimal vor­
kommt - mit der Selbstbeziehung identisch und ihr entgegengesetzt.
Auch schon darin, daß die Unmittelbarkeit zur seihen Zeit als nur gesetzt
und als durchaus vorausgesetzt gedacht werden muß, ist eine solche In­
konsistenz gelegen. Wohl aber ergibt sich die Inkonsistenz, die für die
Wesenslogik eigentümlich ist, durch die Bedeutungsverschiebung, die in
sie integriert wurde.
Ist eine Theorie oder ein Theoriekern schlechtweg inkonsistent, so ver­
liert er schon dadurch jede bestimmte Bedeutung. Denn aus Inkonsisten­
zen ergeben sich widersprüchliche Sätze mit gleichem Wahrheitsanspruch,
aus denen sich dann Beliebiges folgern läßt. Es muß deshalb versucht
werden, die Inkonsistenz zu beherrschen. Das kann dadurch gesche­
hen, daß sie eigenen Regeln unterworfen wird, die es ausschließen, daß
von den inkonsistenten Begriffen innerhalb der Theorie beliebig Gebrauch
gemacht wird. Eine solche Regel wird anzugeben haben, unter welchen
Bedingungen von der Ununterschiedenheit der beiden Bedeutungen und
unter welchen von ihrem Unterschied auszugehen ist. Dann ergeben sich
zwar immer noch widersprüchliche Sätze. Sie ergeben sich aber so, daß es
sinnvoll ist, sich in ihrem Kontext nach Regeln zu bewegen, und zu wei­
teren Sätzen fortzuschreiten. Sollte sich erweisen, daß es unvermeidbar
ist, in der Dimension einer Theorie möglicher Ontologien so zu verfah­
ren, so wäre damit auch das Verfahren Hegels gerechtfertigt, das er spe­
kulative Logik nennt. Die allgemeinen Probleme, die sich bei der Ana­
lyse dieses Verfahrens - zahlreich und komplex - ergeben, sind hier nicht
abzuhandeln. 35
Gleichwohl muß die Untersuchung in einen weiteren Zusammenhang
gebracht werden. Denn es bleibt weiter aufzuklären, unter welchen Be-

a6 Vgl. zuletzt Andries Sarlemijn: Regelsehe Dialektik. Berlin 1971.


Hegels Logik der Reflexion 315

dingungen jene Bedeutungsidentifikation erfolgt, die aus der negierten


Negation allererst jene spekulative Grundstruktur macht, die Hegel auf
dem Weg zum Gedanken der Subjektivität der Substanz voranbringt Ist
einmal erkannt, daß sie einer Bedeutungsidentifikation zu verdanken ist,
so ist damit auch schon gesichert, daß sie sich nicht mit der Konsequenz
einer logischen Deduktion aus irgendwelchen Prämissen ergeben kann.
Denn die Art und Weise, in der eine Bedeutungsverschiebung erfolgt,
kann niemals durch Deduktion erzwungen werden. Zwar können die
Umstände, unter denen eine Bedeutungsverschiebung zu veranlassen ist,
durch eine Regel festgelegt werden. Diese Regel hat aber nicht den Sta­
tus einer Prämisse oder eine Deduktionsregel. Eher ist sie einem metho­
dischen Konstruktionsprinzip beim Aufbau von Theorien zu vergleichen.
Die Bedeutungsverschiebung zum Wesensbegriff ist motiviert durch die
Situation, die sich am Ausgang der Seinslogik ergeben hatte. Hegel meint,
er habe dort gezeigt, die Voraussetzungen, aufgrund deren der Begriff
der absoluten Indifferenz eingeführt worden war, seien in dessen Ana­
lyse entfallen - damit aber auch die Voraussetzung der Logik des Seins
insgesamt : Die Indifferenz und die in ihr indifferent gesetzten Bestimmt­
heiten lassen sich nicht mehr weiter als äußerlich gegeneinander festhal­
ten - so als habe jede auch noch ein Sein für sich. Somit muß die Indif­
ferenz nicht nur als indifferent gegen die Bestimmtheiten, sondern ebenso
als indifferent gegen sich selbst gedacht werden. Diese Wendung zeigt an,
in welcher Richtung man eine Begriffsstruktur suchen muß, welche den
Zusammenhang stabil zu machen erlaubt, der unter dem Titel ,Indiffe­
renz' gefaßt werden sollte, sich unter ihm aber nicht stabilisieren ließ :
Gesucht ist nach einem Begriff, der als Indifferenz gegen sich beschrie­
ben werden kann - in dem aber auch die in die Differenz schon einge­
brachten Momente wieder erreicht und in dem sie interpretiert werden.
Irrig wäre es zu meinen, daß ,Indifferenz gegen sich selbst' schlecht­
weg derselbe Gedanke sei wie ,negierte Negation'. 36 Denn im Gedanken
der Indifferenz ist immer auch Bestimmtheit mitgemeint. Nur in Bezie­
hung auf sie kann von Indifferenz die Rede sein, nämlich als Nichtbe­
stand von Differenz, somit von Bestimmtheit. Auch die Indifferenz, die
sich selbst entgegengesetzt wird, muß also als eine bestimmte gedacht
werden, solange ,Indifferenz gegen sich' noch nicht in den Gedanken der
negierten Negation übersetzt ist. Im Unterschied zu ihr ist nämlich die
negierte Negation, ganz abstrakt genommen, gar nichts als das Aufheben
jeglicher Bestimmtheit, als die Beseitigung jeglichen Denkens - jeder

ae Vgl. oben 232.


316 DIETER HENRICH

Behauptung und jeder Bestreitung. Darum kann aber auch die negierte
Negation nur in einer Perspektive, die schon die der bestimmenden Re­
flexion ist, als Nachfolgerbegriff der Indifferenz auftreten.
Dieser Begriff muß freilich nicht erst von weit her geholt oder ganz
neu entwickelt werden. Im Gange der Seinslogik wurde er stets benutzt
und offenbar benötigt. Es ist aber wichtig, sich klarzumachen, daß er
dort nicht Gegenstand der Analyse war. Er diente lediglich dazu, die
Relationen hervorzuheben und zu bezeichnen, die sich in den einzelnen
Kategorien des Seins intern ergeben hatten. Keine dieser Relationen war
allein durch die Negation der Negation konstruiert worden. Stets gab es
besondere Voraussetzungen. Deren Existenz läßt sich daran erkennen, daß
die Negation eines Negativen niemals nur das Korrelat der Negation er­
gab, sondern stets ein in einem spezifischeren Sinne unmittelbar Be­
stimmtes - etwa Qualität unter Qualitäten, ein anderes Eins, bestimmte
Quantität. 37
Dieser Umstand läßt sich mittels der Struktur erklären, die in der Logik
der Reflexion bekanntgemacht wurde : Die negierte Negation produziert
sich eine Voraussetzung; und in dieser Voraussetzung setzt sie sich ferner
auch sich selber voraus. Sieht man vom Gesichtspunkt dieser Analyse aus
auf die Logik des Seins zurück, so wird verständlich, wieso die Explika­
tionsmittel einerseits wirklich geeignet waren, einen Gedankenfortschritt
begrifflich zu artikulieren, - aber auch, wieso sie ihn nicht vollständig
fassen konnten. Was in der verstandenen Reflexion die Voraussetzung
ihrer durch sich selber ist, muß in der Seinslogik als Korrespondenz zwi­
schen den Explikationsmitteln und der Begriffskorrelation erscheinen,
die nicht restlos in der Begriffsstruktur der Explikationsmittel aufgeht.
Die vollständige Analyse der Explikationsmittel hat aber Vorausset­
zungen in der Entwicklung dieser Korrespondenz im Sein bis zur Ein­
sicht in die Mängel, die innerhalb ihrer grundsätzlich nicht behoben werden
können. Erst nachdem die Indifferenz erreicht und in die Aporie entwickelt
wurde, sieht Hegel die Möglichkeit, die negierte Negation als Nachfolger­
begriff einer seinslogischen Kategorie einzuführen, somit als Thema,
nicht als Operationsregel seiner Logik.
Aus ihrer Vorgeschichte als methodisches Instrument haben sich aber
doch zwei Kriterien ergeben, unter denen die negierte Negation nunmehr
zu entwickeln ist :
1. Sie muß erstens als eine Operation genommen werden, welche die
Negation nicht nur wegfallen läßt, sondern ein Anderes des Negativen

37 Vgl. Anm. 13.


Hegels Logik der Reflexion 317

unmittelbar eintreten läßt. Unter dieser Bedingung fungiert sie schon in


der ganzen Logik des Seins als Explikationsmittel. Dort wurde dies Postu­
lat aber auch noch dadurch gerechtfertigt, daß es interne Verfassung
von Bedeutungen aufzuhellen vermöchte, die in allgemeinem Gebrauch
sind. Auch entsprach es nur der Entwicklungsgeschichte dieser Bedeutung,
die sich nach Hegels Meinung jedem Denkenden unwiderstehlich auf­
drängt, der Elemente einer Bedeutung in stabile Beziehung zueinander zu
bringen versucht.
2. Die negierte Negation muß in Selbstbeziehung und Selbstaufhe­
bung eine Form haben, die sie zum Nachfolger des Begriffes der Indiffe­
renz macht. Nun wird aber die gesamte Situation der Bedeutungsanalyse
dadurch verändert, daß eine Operationsregel zum Thema der Untersu­
chung wird. Es ist deshalb sinnvoll, die negierte Negation nicht nur
als Nachfolger der Indifferenz anzusehen. Sie ist zugleich ein formales
Objekt, welches die ganze bisherige Bedeutungssequenz ablöst und eine
neue Folge von Bedeutungsstrukturen einleitet, deren Entwicklungsrich­
tung vorerst noch unabsehbar ist. Deshalb ist es erlaubt, sie zugleich als
Nachfolger der Form des Seins im allgemeinen einzuführen. Auch dies
hat Hege! im Sinn, wenn er die Wesenslogik mit der Maxime beginnt,
das Wesen müsse zunächst unmittelbar genommen werden, so daß es den
Gegensatz des Seins noch an ihm hat.
In diesem Kontext erfolgt die Bedeutungsverschiebung. Sie ist die Vor­
aussetzung dafür, daß die negierte Negation überhaupt zum Nachfolger
von Sein und Indifferenz werden kann. Ohne die Identifikation U1 = U2
würde sie keine Bestimmtheit ergeben, ohne sie würde sie auch nicht aus
ihrer eigenen Struktur heraus weiterzuentwickeln sein. Im besten Falle
würde sie der Inkonsistenz, die Hege! in der Indifferenz fand, einen ande­
ren Ausdruck geben. Sie bliebe abhängig von dem, dem sie nachfolgen
sollte, und fiele bald in es zurück.
So hat also die Identifikation Ut = U2 zwar keine logische, wohl aber
diejenige Notwendigkeit, die sich aus der Verfassung eines jeden Pro­
zesses der Fortbestimmung von Bedeutungen ergibt - in der Sprachge­
schichte ebenso wie in der Geschichte der Entwicklung wissenschaftlicher
Theorien, wenn diese nur ihrem eigenen Gesetz gehorchen und nicht,
wie zumeist, von externen Faktoren beeinflußt oder sogar gesteuert sind :
Das nachfolgende Bedeutungssystem muß ebenso gehaltvoll und applika­
bel sein wie das, das es ersetzt. Es soll auch kohärenter sein und die Lücken
füllen, die sein Vorgänger bei der Beschreibung und Erklärung von Wirk­
lichem offenließ. Die zweite Forderung ist für Hegels Theorie der Se-
318 DIETER HENRICH

quenz von Ontologiekernen unerheblich - aufgrund der Annahme, daß


diese Sequenz von Beobachtung grundsätzlich unabhängig ist. Im übri­
gen folgt sie den gleichen Regeln. 38
Daß dem der äußere Anschein und zum guten Teil auch Hegels Selbst­
verständnis entgegenstehen, hat seinen Grund aber doch in der Beson­
derheit der Bedeutungssequenz seiner Logik, von empirischen Gegeben­
heiten ganz unabhängig sein und nur interne Relationen von Begriffen un­
tersuchen zu sollen. In solchem Falle ist die Beziehung des Nachfolgers
zum Vorgänger extrem eng. Neue Gegebenheiten sind nicht zu integrie­
ren. So bleiben als Aufgaben nur höhere Bestimmtheit der Begriffe
und die Beseitigung von Inkonsistenzen. Deshalb wird auch bei radi­
kalen Verschiebungen von Bedeutungen und bei der Produktion von
Ideen, die ihren Vorgängern ganz entgegengesetzt zu sein scheinen, in
den internen Relationen der Bedeutungselemente zueinander eine Grund­
struktur gewahrt bleiben. Diese Grundstruktur ist für Hegel die der be-

88 Das Kapitel Fürsichsein in der Seinslogik enthält Passagen, die durchaus mit
Hilfe der Begriffe Setzen und Voraussetzen aufgebaut sind (Log I, 159, 2; 162, 2, 4 ff.;
auch 167/8). Hegel leitet in dieses Kapitel auch so ein, daß es schwierig wird, die
Dynamik seiner Entwicklung von der des Wesens zu unterscheiden. (Log I, 147, 1,
16 ff.)
Daraus ergibt sich die Interpretationsaufgabe, das Verhältnis des Fürsichseins zum
Wesen aufzuklären. Durch folgende Beobachtung wird diese Aufgabe noch kompli­
ziert : Hegel hat die Terminologie der bestimmenden Reflexion erst in der zweiten
Auflage in das Kapitel Fürsichsein eingearbeitet. Alle Abschnitte, die Reflexions­
terme enthalten, fehlen in der ersten Auflage entweder gänzlich, oder sie sind um­
geschrieben worden, vornehmlich um der Einführung dieser Terme willen.
Das könnte zu der Vermutung führen, Hegel habe zur Zeit der Neufassung der
Logik die Strukturen der Reflexion in das Fürsichsein übertragen wollen; wir
wüßten nicht, welche Folgerungen er daraus bei der Analyse der Reflexion ziehen
wollte, für die es eine zweite Auflage nicht gibt. Ließe sich diese Vermutung erhärten,
so wäre sie tödlich für die hier vertretenen Thesen.
Doch läßt sich zeigen, daß Hegel selber darauf bedacht war, den Unterschied
zum Wesen festzuhalten. In der übersieht der zweiten Auflage über seinen Gedan­
kengang (Log I, 154, 2, 9 ff.) sagt er, daß im Fürsichsein die Form der Unmittel­
barkeit insofern gewahrt wird, als jedes Moment als eine eigene, seiende Bestimmung
zu setzen ist.
In welcher Beziehung aber logische Explikationsform und Unmittelbarkeit der Mo­
mente im rekonstruierten Fürsichsein zueinander stehen, das auszumachen, bleibt
eine der erheblichsten Schwierigkeiten für das Verständnis der Seinslogik Man muß
fragen, ob es Hegel gelungen ist, die Explikationsmittel der ersten Auflage voll­
ständig durch Reflexionsterme zu ersetzen, obgleich er nicht alle Passagen umge­
schrieben hat. Gelang es ihm nicht, so wird man die Reflexionsterminologie als eine
Erläuterung früherer Explikationsmittel verstehen müssen, also als eine Art von Ex­
plikation zweiter Stufe, oder festzustellen haben, daß in dem Kapitel eine ambi­
valente Situation herrscht. Sie würde den Wunsch Hegels noch verständlicher machen,
die Zeit zu vielen weiteren Umarbeitungen zu haben.
Hegels Logik der Reflexion 319

stimmten Negation. Sie wird sich - mit mancherlei Einschränkungen oder


Erweiterungen - anwenden lassen, welcher Ontologiekern auch immer
analysiert wird. In der Logik der Reflexion ist sie selber Gegenstand
der Analyse.
Dieses Kapitel der Logik ist also nicht eines unter vielen. Sollte man
darum vermuten, daß es der eigentliche Schlüssel für die ganze Logik
ist? In den letzten Jahren wurde von Zeit zu Zeit nach solchen Schlüsseln
gesucht 39- nach einer einfachen logischen Operation, die den Abschnit­
ten der Logik supponiert werden könnte, um so den Fortschritt verständ­
lich zu machen, der nach Hegels Versicherung in ihnen stattfindet, der
aber für den Leser oft nur schwer zu identifizieren ist.
Wer einen Schlüssel finden will, muß sich allerdings über Hegels häu­
fige Bekundungen hinwegsetzen, die Logik wechsele ihre Methode in
ihren drei Disziplinen. Die Ergebnisse der Logikinterpretationen im Hin­
blick auf Schlüssel bestätigen aber Hegels Bekundungen gegen die In­
terpreten : Es ist niemandem gelungen, mit Hilfe eines Schlüssels eine Me­
chanik zu erschließen, sie dem Text der Logik zu unterstellen und so
zu einleuchtenden Interpretationen zu kommen. Die Logik hat kein Ge­
heimnis, das es nötig machte, den Sinn des gedruckten Textes auf einen
verborgenen Sinn in seiner Tiefe hin zu dechiffrieren. Das heißt nicht,
sie gebe keine Methodenprobleme auf. Das tut sie offenbar in hohem
Maße. Nur sind sie von anderer Art.
Die negierte Negation kann kein Schlüssel zur Rekonstruktion der
ganzen Logik sein. Zwar beruht sie auf einer formalen Operation und er­
laubt auch eine rein formale Entwicklung über mehrere Schritte. Sie treibt
aber zugleich in Konsequenzen, die sich aus dem einfachen Begriff der
selbstbezüglichen Negation allein heraus nicht mehr beherrschen lassen.
Dazu sind neue Einheitsbegriffe der Negativität erforderlich, die deduk­
tiv nicht gewonnen werden können, wenn auch die deduktive Entfaltung
des Gedankens der Negativität Anweisungen dafür gibt, welche Form sie
haben müssen.
Auch hat die Form der negierten Negation in der Bedeutungsverschie­
bung, welche die Identifikation von Reflexion und Schein überhaupt erst
ermöglicht, eine uneinholbare Voraussetzung. So kann sie auch deshalb
nicht der Logik insgesamt supponiert werden, weil sie ihrerseits aus der
Seinslogik folgt, die als ganze allererst alternativelos dazu motiviert,
die Bedeutungsverschiebung zu vollziehen, und die sie in diesem Sinne

au Insbesondere in den Regelarbeiten von Gotthart Günther und bei Wolfgang

Albrecht. Hegels Gottesbeweis. Berlin 1958.


320 DIETER HENRICH

notwendig macht. So ergibt sich ein interessantes Resultat, das die eigen­
tümliche Stellung der Reflexionslogik bezeichnet : Die Struktur, die in
der ganzen Logik als methodische Operationsregel fungiert, läßt sich
selber nur analysieren, wenn sie im Zusammenhang der Logik durch
motivierte Bedeutungsidentifikation eingeführt worden ist. Die Voraus­
setzung der ganzen Logik hat selber deren ersten Teil zur Vorausset­
zung.
Dieser Satz ist nicht billiger Tiefsinn oder eine für Hegels Pro­
gramm vernichtende Absurdität - dann jedenfalls nicht, wenn sich in
der Logik Bedeutungen fortbestimmen, nicht nur lmplikationen von Prä­
missen zeigen. Geht man von einem elementaren, noch höchst unbestimm­
ten Bedeutungssystem aus, so werden sich in ihm interne Relationen fin­
den lassen, die mit den Mitteln, die das Bedeutungssystem selbst anbietet,
nicht werden beschrieben werden können. In einer Theorie der Sequenz
von Ontologiekernen sollen sie aber beschrieben werden. Dabei wird man
Mittel benutzen müssen, die zunächst ganz unanalysiert bleiben. Es ist
nicht sinnlos anzunehmen, daß im Fortgang der Sequenz eine Stufe er­
reicht wird, auf der nunmehr auch diese Mittel zu beschreiben sind. Daß
die Mittel, die nun beschrieben werden, allgemein verwendet werden
konnten, wird wenigstens zum Teil dadurch verständlich, daß sie nun
als Nachfolger der ganzen Struktur der Seinslogik zum Thema werden,
die zuvor Gegenstand der Beschreibung war. Daß sie nicht früher be­
schrieben werden konnten, ergibt sich daraus, daß sie als Nachfolger
erst auftreten können, wenn sie um weitere Elemente ergänzt und somit
zu einer autonomen, nicht nur einer methodischen Struktur gemacht wur­
den.
In der Logik der Reflexion ist ein Ontologiekern zum ersten Mal zu­
gleich Methodenbegriff der Theorie jener Bedeutungssequenz, innerhalb
deren er sich ergeben hat. Man weiß, daß Hegel gerade an dieser Selbst­
beziehung seiner Theorie interessiert war. Es ist auch gar nicht zu be­
streiten, daß eine letzte Theorie nur unter Einschluß solcher Selbstbezie­
hung definiert und konzipiert werden kann. 40 Die Frage, wie sich die
reale Möglichkeit einer solchen Theorie sichern läßt, gehört zu den Pro­
blemen, von denen hier abzusehen ist. -
Aber hier kann noch - in einer formalen Skizze - angegeben werden,
welche Stellung die Reflexionslogik im Ganzen ihres Kontextes einnimmt.
Hegel meint, der Anfang der Bedeutungssequenz der Logik mache ein Be-

40 Vgl. Frederic B. Fitch : Symbolic Logic. New York 1952. 217 ff.; ders., Universal
Metalanguage s for Philosophy. - In: Review of Metaphysics. 1964. 396 ff.; sowie die
Beiträge in R. L. Martin (ed.), The Paradox of the Liar. New Haven 1970.
Hegels Logik der Reflexion 321

griffspaar, das sich noch gar nicht explizieren läßt, über das also auch nur
negativ, als über eines gesprochen werden kann, das nicht zu charakteri­
sieren ist. In der Sache hat er es schon als unbezogene Zweiheit von Nega­
tion und Unmittelbarkeit konzipiert. Weil sie unbezogen sind, sollen sie
auch ununterscheidbar sein. Sie ergeben sich, wenn man nach dem Ein­
fachsten in der Bedeutungsfolge, dem gänzlich Unbestimmten sucht. In
der Theorie sind sie aber nur festzuhalten, wenn die Methode des Fest­
haltens und die festgehaltene Sache von ganz verschiedener Struktur
sind.
Auch in den folgenden Schritten bleibt die Methode der Sache gegen­
über in Differenz, und zwar in dreifachem Sinne : 1. Als Theorie der
Bedeutungswandlung kann die Methode ohnehin nicht in ihrer Sache auf­
gehen. 2. Aber auch die logischen Strukturen, auf die hin die behandelte
Sache beschrieben wird und die den Übergang von Extrem zu Extrem in
einem Ontologiekern leiten, fassen den beschriebenen Sachverhalt nicht
vollständig. Stets bleibt ein Bedeutungsüberschuß, der nur realisiert, aber
nicht durch formales Operieren erzwungen werden kann. 3· Der Methode
bleibt auch ein Spielraum, die Richtung zu bestimmen, in der Versuche
gemacht werden sollen, die jeweils verbliebenen Inkonsistenzen zu stabi­
lisieren und einen Ontologiekern von höherer Bestimmtheit als Nachfolger
zu gewinnen. Diese Versuche geschehen zwar nicht beliebig, sondern sind
von der analysierten Sache motiviert. Analytisch erzwungen sind sie aber
nicht.
Im Gang der Seinslogik wird der Spielraum für solche Versuche immer
weiter eingeengt. Darüber hinaus ist im Fürsichsein eine Struktur erreicht,
die es notwendig zu machen scheint, den ganzen logischen Bestand, der in
der Reflexion entwickelt werden wird, zu ihrer Beschreibung aufzubieten.
Daß sie dennoch nicht mit ihm identisch ist, zeigt vor allem das Ergebnis.
In ihm läßt sich nicht festhalten, was allein durch die Bedeutungsidentifi­
kation im Wesen gesichert werden könnte. Die Unmittelbarkeit tritt in
der Differenz zur Vermittlung erneut hervor, der Gebrauch der Methode
in der Differenz zur Sache ist fortzusetzen.
Der Übergang zum Wesen wurde ausführlich untersucht. Wäre im Über­
gang die Methode nicht von der Sache verschieden, so wäre er niemals zu­
wege zu bringen. Die Bedeutungsidentifikation läßt sich nur als Fort­
gang im Sinne dessen verstehen und begründen, was zuvor schon zustande
gekommen war. Im Sinne der Deduktion gibt es für sie keinen Beweis.
Ist aber die Identifikation erfolgt und das Axiom der Wesenslogik eta­
bliert, das sich aus ihr ergibt, so wird der Fortschritt der Logik immanent.
Der Unterschied zwischen der Logik als Theorie und ihrem Thema bleibt
322 DIETER HENRICH

zwar bestehen; doch die Differenz zwischen dem Thema und den Expli­
kationsmitteln der Theorie verschwindet. Zur Explikation steht nunmehr
nur die Relation zwischen Vermittlung und Unmittelbarkeit an, die
reine Struktur der negierten Negation. Sie ist Thema der Logik in dem
Teil, der hier analysiert wurde.
Aber auch der Begriff der negierten Negation treibt bald in eine Lage,
in der er sich einer stabilen Auffassung entzieht und in der Inkonsistenzen
entstehen. Es erweist sich also als notwendig, die Differenz zwischen
Theorie und Sache wieder eintreten zu lassen. Neue Gedanken müssen
sich ergeben. In ihnen müßte das ,Zugleich' von Vermittlung und Un­
mittelbarkeit im Wesen durch eine bestimmte Relation ersetzt werden. So
ist etwa das Verhältnis des Grundes ein Begriff vom Wesen, insofern
es Scheinen ist, also ein Begriff, der den Charakter dessen bezeichnet, was
in der Logik der Reflexion geschah. Das bedeutet aber, daß sich nach dem
Abschluß der Reflexionslogik auch die Differenz zwischen Methode und
Thema in einem veränderten Sinne wiederherstellt. Die lnadaequanz zwi­
schen Thema und Explikationsmittel bezeichnet von nun an immer auch
einen Mangel in der Verständigung über das Explikationsmittel sel­
ber. Der vollständige Begriff von dem Zusammenhang steht noch aus,
in dem die doppelte Negation Resultate haben kann.
Erst nachdem sie die Reflexion untersucht hat, kann die Logik deshalb
Aussicht darauf machen, auch die Grundzüge ihrer selbst als Wissenschaft
noch in ihrem eigenen Gange zu erreichen und festzustellen. Denn dafür
ist natürlich vorauszusetzen, daß sie ihre Explikationsmittel schon zum
Thema hat, auch daß sie sie in einen Zusammenhang bringen kann,
der die Mittel noch umgreift und der sie auch kontinuierlich als Thema
weiterer Bestimmung festhält. Vom variablen Gebrauch von Regeln
kann nur gesprochen werden, wenn die Regeln selbst bereits bekannt und
festgehalten sind.
Selbst die Logik des Begriffs bleibt in diesem Sinne insgesamt auf die
Reflexionslogik bezogen. Im Urteil hat sie zwar einen neuen Anhalt für
eine Entwicklung nach eigenen Regeln. Hegel versteht bekanntlich die
Copula grundsätzlich als Behauptung der Identität. Darum ist er imstande,
sie als Forderung der Angleichung der Modi des Begriffs aufzufassen,
die im Urteil in geordneter Folge die Stelle der Bedingung und die des
Bedingten besetzen. Weil sie ein eigenes Kriterium der spekulativen Ent­
wicklung besitzt, konnte die Urteilslogik als geheimer Motor des ganzen
logischen Prozesses angesehen werden. 41 Dann muß man aber igno­
rieren, daß schon die Weise, in der Hegel ,Allgemeinheit' und ,Besonder-
41 Vgl. die Arbeit von W. Albrecht. zit. Anm. 39.
Hegels Logik der Reflexion 323

heit' definiert, ganz unverständlich ist, wenn man in diesen Gedanken


nicht mitdächte, daß sie die Instabilität der bloßen Reflexionsstruktur
korrigieren. Hegel hatte sich früh davon überzeugt, daß Phänomene des
Lebens und des Geistes den Gebrauch solcher Gedanken verlangen. Für
die Bedeutungsentwicklung der Logik ist das aber ohne Belang. In ihr er­
scheinen Allgemeinheit und Besonderheit lediglich als Gedanken von
einem Zusammenhang von Vermittlung und Unmittelbarkeit, der vom
,zugleich' von Setzen und Voraussetzen im Wesen freigekommen ist.
So nur geben sie dann auch eine Möglichkeit her, die Methode der Logik
als Theorie zu beschreiben. Denn diese Wissenschaft soll ja gewiß nicht
sein, wofür die Phänomenologie noch ,das Wahre' selber hält: ein Tau­
mel, in dem kein Glied nicht trunken ist. Sie ist Kenntnisnahme der Be­
deutungsentwicklung von Grundgedanken über das, was der Fall ist;
und sie folgt dieser Entwicklung, indem sie von Grundregeln variablen
Gebrauch macht, der im Begriff der Methode grundsätzlich verstanden
werden sollte. Dieser Begriff der Logik ist noch nicht der Begriff der Phi­
losophie; aber er ist der Grundriß zu ihm.
So läßt sich die Logik als eine Bedeutungsentwicklung verstehen, die
am Ende noch verständlich macht, wieso sie verstanden werden kann.
Ist das der Fall, so kann man ihr Ende nicht als die Manifestation eines
Prinzips verstehen, vor dem alles Vorhergehende zu einem Vorläufigen
und in Wahrheit von ihm Abhängigen würde. Denn wenn das Ende der
Begriff des Fortgangs zu Bestimmtheit ist, so bestätigt es ja auch die
Unbestimmtheit des Anfanges. Von ihm ist auszugehen. Und es gibt
keine Bestimmtheit, in welcher der Anfang einfach wegfiele. Denn auch das
Ende, der am besten bestimmte Gedanke, leitet sich von dem Faktum her,
daß der Anfang gemacht wurde. In der Sequenz der Ontologiekerne ist
er daher sogar ein absolutes Faktum. Aus dem Interesse, als letzte Onto­
logie die des Subjektes, des substantialen Subjektes zu erreichen, hat
Hegel diesen Sachverhalt gern verdeckt. Dennoch ist er schon mit der
methodischen Verfassung seiner Fundamentaltheorie gegeben.
Daraus könnte man die Konsequenz ziehen, daß das Faktum des An­
fangs seinerseits zum Prinzip gesteigert werden muß. Dann wäre zu sa­
gen, daß der logische Prozeß von einer ihm unverfügbaren Vorausset­
zung dependiert, die sich in der Unmittelbarkeit des Anfangs geltend
macht und die nie wieder eingeholt werden kann. Für einen solchen
Versuch spricht viel. Gegen ihn muß sich aber schließlich doch Hegels
Grundprinzip durchsetzen - das Prinzip von der Subjektivtät in der
Gestalt der These, daß der Prozeß selbst das Absolute sei. Denn ein un­
verfügbarer Grund des Anfanges könnte in gar keiner Weise die Folge
324 DIETER HENRICH

verständlich machen, die aus ihm hervorgeht. Ist sie Bedeutungsent­


wicklung, so kann man sie nur in Beziehung auf einen Anfang denken,
der schon erfolgt ist, - nicht aber aus dem, was etwa in diesem Anfang
sich aussprechen oder ausdrücken mag. Gibt es einen Grund, so ist er im
Anfang nicht mehr als in der Sequenz selber zu finden, somit auch in
jenen Regeln, die zunächst nur Methode, schließlich selber Thema in
der Entwicklung der Sequenz sind. Ist das Subjekt bedingt, so sind seine
Bedingungen nicht in seiner Genese, sondern in seinem Prozeß zu suchen.
In Hegels Bewußtsein war der Gedanke des Subjektes gleich dem einer
selbstgenügsamen Selbstbeziehung aus eigenem Grund. Für ihn waren
Vorstellungen von internen Bedingungen dieser Selbstbeziehung a priori
abwegig. Als Problem galt ihm nur, wie solche Subjektivität dem Begriff
der Substanz abgewonnen werden könne oder wie - umgekehrt - in
diese Selbstbeziehung Bestimmtheit zu bringen sei. Die Theorie der Onto­
logiekerne hat er in der Absicht ausgearbeitet, dieses Problem zu lösen.
Früh schon war er überzeugt davon, das Bewußtsein seiner Zeitgenossen
werde notwendig beirrt bleiben, solange die Lösung noch auf sich war­
ten läßt. Nicht Bedeutungstheorie, sondern Ontologie substantialer Sub­
jektivität hat er in seiner Logik bezweckt.
Ist die Logik als selbstbezogene Bedeutungsfolge und zugleich als
Sequenz von Ontologiekernen in ontologischer Absicht beschrieben, so
müßte noch entschieden werden, ob und in welchem Sinne sie eine defi­
nitive Ontologie überhaupt freisetzen kann. Hegels Logik steht zwei­
deutig zwischen beiden Programmen. Die Analyse, die hier abgebrochen
werden soll, hat sich so eng an den Gang der Logik angeschlossen, wie es
heute eben noch möglich ist. So hat sie diese Zweideutigkeit nicht be­
seitigt. Wer meint, daß sich in ihr nur ein aparter Abweg Hegels selber
bloßstellt, sollte die weitere Entwicklung der Bedeutungstheorie beachten.
Sobald sie Ansprüche von der Universalität der Hegeischen erhebt, kann
sie sich nicht mehr gegen ontologische Perspektiven abschirmen. Die Bei­
spiele von PEIRCE und HEIDEGGER sprechen beredt dafür. Unter denen, die
in solche Zweideutigkeit kamen, war Hegels Theorie die letzte nicht.
Weist nun aber der Prozeß, in dem sich Bedeutungen fortbestimmen,
Selbstbeziehung auf, so scheinen sich daraus auch Konsequenzen für den
Inhalt der Ontologie zu ergeben, die er etwa als die definitive aus sich
freisetzt : Sie wird als wirklich eine Struktur behaupten, die der des Be­
deutungsprozesses zumindest analog ist. Dann müßte aber auch gesagt
werden, daß der Methodenbegriff Hegelscher Dialektik von der Wirklich­
keit des Geistes nicht abzuscheiden ist. Der Schnitt, der dazu ansetzte, sie
voneinander zu trennen, wäre also abgeglitten.