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Das Problem des Sündenfalls

bei Fichte und Dostojewski


Arkadij Lukjanow

Zunächst muss festgestellt werden, dass Dostojewski in seinen Werken den


Namen Fichtes nicht erwähnt. Aber seine Erzählung »Der Traum eines lä-
cherlichen Menschen« lässt uns solch eine erstaunliche Parallele zu Fichtes
Lehre über die Sünde und den Sündenfall ziehen, dass ein Vergleich der
Grundsätze beider Denker nahe liegt.
Es muss auch betont werden, dass die Erklärung der Position Dosto-
jewskis eine sehr schwierige Angelegenheit ist. So kann es beispielsweise
auf den ersten Blick scheinen, als ob Dostojewski ein Gegner der fichte-
schen Auffassung vom Wissens sei. Denn sein »lächerlicher Mensch«
spricht davon, dass die Menschen – und darin besteht ihre verdorbene Na-
tur – sich mehr und mehr in die Idee verbeißen, dass sie durch Wissen-
schaft gerettet werden könnten, dass der Mensch durch Wissenschaft die
Wahrheit finden könnte. Schon haben sie, so heißt es, sich der »Wahrheit«
verschrieben, dass »das Wissen höher ist als das Gefühl, das Begreifen des
Lebens höher als das Leben ist«.1
Diesem Begreifen in Gestalt wissenschaftlichen Reflexionswissens, das
uns nach Dostojewski auch von unseren Mitmenschen trennt, wird von
Dostojewski »das paradiesische Wissen« entgegengestellt, auf dessen
Grundlage die geistige Einheit und Verbundenheit mit dem Nächsten, mit
allen Wesen und dem ganzen All möglich sei.
Es scheint, will man hier einen Vergleich mit Fichte anstellen, als habe
sich dessen intellektuelle Anschauung, auf der Grundlage der Annahme ei-
ner lebendigen und umspannenden Verbundenheit mit der kosmischen

1 Zitiert nach Lauth, 1986, S. 132.


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Ganzheit, bei Dostojewski in eine ›Einschauung‹ in andere Wesen verwan-


delt.
Beim Vergleich von Fichtes und Dostojewskis Weltanschauung fällt des
Weiteren auf, dass Dostojewski der Reflexion – im Unterschied zu Fichte –
keine positive Vermittlerfunktion auf dem Wege zu wahrer Erkenntnis
einräumt. Aber diese reflexionsabweisende Haltung gilt nur für den Stand-
punkt des »lächerlichen Menschen«, keineswegs aber für Dostojewski
selbst. Denn Dostojewski betreibt ja in seinen Romanen gerade eine eigen-
tümliche, am Leben und seinen Gestaltungen orientierte Reflexion.2

Wenden wir uns nach diesen wenigen, allgemeinen Vergleichen zwischen


Dostojewski und Fichte dem eigentlichen Thema unseres Vortrags zu,
dann ist es zunächst Fichtes Gedanke über die Existenz des wahren Chris-
tentums, der unser Interesse auf sich zieht. Fichte schreibt in den Grund-
zügen des gegenwärtigen Zeitalters:
»Es giebt nach unserem Erachten zwei höchst verschiedene Gestalten
des Christentums: die im Evangelium Johannis und die beim Apostel Pau-
lus, – zu welches letzteren Partei auch die übrigen Evangelisten großent-
heils, und ganz besonders Lucas gehören. Der Johanneische Jesus kennt
keinen anderen Gott, als den wahren, in welchem wir alle sind, und leben
und selig seyn können, und außer welchem nur Tod ist und Nichtseyn;
und wendet, wie denn dieses Verfahren auch ganz richtig ist, mit dieser
Wahrheit sich nicht an das Räsonnement, sondern an den inneren, prak-
tisch zu entwickelnden Wahrheitssinn der Menschen, – gar nicht kennend
einen anderen Beweis, als diesen inneren.« (Fichte, 1846, VII, S. 98)
Die mythologische Schule, deren Begründer B. Bauer war, ging, wie
auch Fichte, bei der Erläuterung des Christentums von der Tatsache der
Widersprüchlichkeit der Evangelien aus. Aber diese Widersprüchlichkeit
wurde empirisch, das heißt textgemäß verstanden. Das Resultat der auf
dieser Grundlage vollzogenen Exegese war u. a., dass man die Botschaft
Jesu selbst diesen Reflexionen gegenüber hintanstellte. Fichte – und darin
besteht nun zweifellos sein großes Verdienst um die Entwicklung der
Christlichen Lehre – betont im Hinblick auf das Wesen der Reflexion nun
besonders nachdrücklich den Gedanken, dass der Sündenfall der Mensch-
heit nicht eine notwendige Folge des menschlichen Wissens, insbesondere

2 Ibid.