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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Geschichtlicher Hintergrund der nikkeijin Migration
3. Migration

Definition von kultureller Identität bzw. ethnischer Identität


4. Nihonjinron
5. Ansichten der Japaner über die nikkeijin
6. Ansichten der nikkeijin über Japan
7. Identitätsfrage und kulturelle Neuorientierung in Japan
8. Wie versuchen die nikkeijin ihre kulturelle Identität in Japan
aufrecht zu erhalten?
9. Schlussteil
10. Bibliographie
11. Anhang

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1. Einleitung

Die Japanische Gesellschaft erlebte in den 1960er Jahren einen


wirtschaftlichen Höhepunkt. Durch diese wirtschaftliche Hochphase
stimuliert, entwickelten sich rapide viele Industriezweige. Dadurch
wurden in Japan mehr Arbeitskräfte benötigt. Durch den geschickten
Einsatz von Maschinen, Frauen und Rentner konnten die Betriebe bis
Mitte 1970 den Mangel an Arbeitskräften verhindern. Da Japan eine
strikte Migrationspolitik befolgte, konnten ungelernte Arbeiter nicht ohne
Schwierigkeiten in das Land gelangen, um zu arbeiten. Die japanische
Regierung erlaubte es nicht, dass ungelernte Ausländer in Japan Berufe
ausübten. Ende der 1970er Jahre konnten die Betriebe die fehlenden
Arbeitskräfte nicht mehr durch die vorher genannten Möglichkeiten
ausgleichen. Sie fingen an, illegale Arbeitsmigranten in ihren Betrieben
einzustellen. Um diesen Trend aufzuhalten, wurde am 1. Juni 1990 das
Gesetzt zur Regelung der Ein- und Ausreise für Ausländer erneuert
(woher hast du diese Informationen, Quelle?). Durch diese Neuerung
konnten nikkeijin legal nach Japan einwandern, um hier ungelernte
Berufe auszuüben. Dies war der Beginn einer neuen
Einwanderungspolitik in Japan.

Bis heute sind die nikkeijin, also Menschen japanischer Abstammung, ein
nicht zu ignorierender Faktor der japanischen Wirtschaft. Da sie legal in
ungeschulte Berufe, wie in der Automobilindustrie oder auf Baustellen
eingesetzt werden können und somit kein Risiko für die Betriebe
darstellen und die fehlenden Arbeitskräfte ersetzen können. Sie sind nicht
nur ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor, sie sorgen auch durch ihre
kulturellen und lebensweltlichen Unterschiede dafür, dass die Diskussion
über die japanische Identität neu entfacht wird. Und die nikkeijin sich
auch selber mit der eigenen Identität auseinandersetzen müssen.
Diese Arbeit handelt über die Brasilianer japanischer Herkunft. Der
Einfachheit halber wird der japanische Begriff nikkeijin verwendet.
Zuerst werden die theoretischen Begriffe wie Migration und Identität
bzw. kulturelle Identität näher erläutert, da diese notwendig sind, um

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bestimmte Unterschiede und Reaktionen sowohl der Japaner als auch der
Einwanderer zu erklären. Ein weiterer Punkt, der wichtig ist, ist der
Diskurs über das „was ist Japanisch“ (nihonjinron). Denn dies ist
ausschlaggebend für die in Japan praktizierte Migrationspolitik.
Daraufhin wird kurz der geschichtliche Hintergrund der nikkeijin
erläutert. In den folgenden Abschnitten widmet sich diese Arbeit der
eigentlichen Fragestellung. Wie entwickeln sich die nikkeijin in Japan?
Welche Faktoren sind dafür ausschlaggebend? Wie empfinden sie die
japanische Gesellschaft, in der sie nun leben? Und falls sich ein Wandel
in ihrer kulturellen Identität vollzogen hat, wie schützen die nikkeijin ihre
Kultur?

Der Forschungsstand über die nikkeijin ist besonders im wirtschaftlichen


Bereich und im Bezug auf das neue Migrationsgesetz sehr weit
fortgeschrittenen, in Büchern wie die von Goto, Ishiwata und Lie sind
nur einige, die zu erwähnen sind. Es wurden viele weitere Abhandlungen
geschrieben, die die wirtschaftliche Bedeutung der nikkeijin, sowohl für
Japan, als auch für Brasilien genauer beschreiben. Auch über die
Bedeutsamkeit der brasilianischen Japaner im Hinblick auf den
Stellenwert des „japanisch seins“, wurde hauptsächlich auf Japanisch viel
geschrieben und daraus resultiert die allgemeine Meinung über die
ethnische Gruppe in Japan.
Der Forschungsstand (Wiederholung, besser: Die Thematisierung über
die) bezüglich der Neuorientierung der Identität, ist nicht sehr weit
fortgeschritten. Es gibt jedoch viele Quellen, die sich nicht auf Japan
spezialisiert haben, sondern z.B. auf Deutschland, Amerika, usw. Und so
werden viele Erkenntnisse auch für die Situation in Japan angewendet.
Besonders von Takeyuki Tsuda, der selber ein in Amerika geborener
Japaner ist. Seine Bücher beleuchten viele Aspekte der nikkeijin in Japan
und Brasilien, wie sie sich als ethnische Minderheit in Japan fühlen und
sich abgrenzen. Dies thematisieren auch de Carvalho und Tamura. Nur
dass de Carvalho den Schwerpunkt eher auf Brasilien setzt und Tamura
(ihren Forschungsschwerpunkt) auf lokale Ebene setzt (sie nimmt als
Beispiel die Stadt Mitsukaidô).

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Jedoch konnte, aufgrund der wenigen Quellen auf Portugiesisch und
Japanisch wenig über das Thema erforscht werden, wie z.B. die nikkeijin
in Japan ihre Kultur und Identität aufrechterhalten oder wie sie Japan und
die Japaner ansehen. Besonders im privaten Bereich fehlen
Informationsquellen, wie z.B. Interviews oder Erfahrungsberichte. Die
fehlenden Quellen erschwerten die Erstellung der Arbeit. Es musste mit
Internetquellen und Online- Zeitungen gearbeitet werden, da dort einige
Berichte von den nikkeijin veröffentlicht wurden, die ihre Erfahrungen
und Erlebnisse schilderten und auf die Aktivitäten der Organisationen
hinwiesen. Dies bezüglich war die Publikation von Sasaki eine gute
Quelle, die jedoch nur auf dieses Thema Bezug genommen hat. Denn in
den meisten benutzten Materialien, wird dieses Thema nur kurz
angesprochen.

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Migration

Der Begriff Migration bedeutet wandern, wegziehen oder Wanderung


(Treibel 2003: 6). Man versteht unter Migration Bewegungen von
Menschen oder Menschengruppen im Raum, mit einem dauerhaften
Wohnwechsel (länger als ein Jahr) (Treibel 2003: 6). Laut der Theorie
von Hoffmann- Nowotny bringt eine solche Migration einen Prestige
Wechsel (Wechsel des sozialen Standes) mit sich (Treibel 2003: 54).
Wenn im Heimatland die Machtvergabe ungleich verteilt ist (Menschen
mit hohem Prestige haben viel Macht und andersherum (ich würde das
„andersrum“ noch näher beschreiben)), versuchen die Menschen mit
weniger Macht diesen Machtdefizit durch einen lokalen Wechsel
entgegenzukommen (Versuchen in dem Aufnahmeland Geld viel Geld zu
verdienen usw.) (Treibel 2003: 56). Jedoch ist Migration laut Esser

Geschichtlicher Hintergrund der nikkeijin Migration

1908 fuhr das erste Schiff von Japan nach Santo in Brasilien. An Bord
waren knapp 800 Japaner (Galimbertti 2002: 92), die mit dem Traum
nach Brasilien gingen schnell reich zu werden und somit der Armut, die
in Japan herrschte zu entkommen (Yamanaka 1999: 128).
Nach der Öffnung Japans 1868, durch Commodore Perry, herrschte in
Japan eine große Arbeitslosigkeit und Armut (Tamura 2004: 27). Eine
Möglichkeit, die auch durch die neue Regierung bewilligt und gefördert
wurde (durch die Migrationsschutzbestimmung) (Goto 2006: 6), war in
andere Länder zu migrieren, um dort zu arbeiten und zu leben. Bis
1907/08 waren die Hauptmigrationsländer Nordamerika und Kanada.
Jedoch wurde die Auswanderung in diese Länder mit einem „Gentlemen
´s agreement“ (日米紳士協約) unterbunden (Yamanaka 1999: 127), und
die japanischen Emigranten sahen sich gezwungen andere Orte zu finden,
wo sie hin auswandern konnten (Goto 2006: 6). Aufgrund der politischen
Lage, verboten sowohl die kanadische als auch die nordamerikanische
Regierung Japanern in diese Gebiete zu migrieren (dazu gehörte auch
Hawaii) (Goto 2006: 6). Zu dieser Zeit kam es den japanischen

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Vermittlungsfirmen zugute, dass 1888 die Sklaverei in Brasilien
abgeschafft wurde und somit ein schwerer Arbeitskräftemangel
vorhanden war (Goto 2006: 7). Dieser Arbeitermangel konnte auch nicht
mit Migranten aus Europa ausgeglichen werden (de Carvalho 2003: 4).
1895 entwickelten Japan und Brasilien schließlich ein
Einwanderungsabkommen (Yamanaka 1999: 128). So kamen 1908 die
ersten Japaner nach Brasilien, wo sie dann auf Kaffeeplantagen
(fazendas) arbeiten konnten (Yamanaka 1999: 128). Da waren sie nur
einfache abhängige Arbeiter (colonos), die nicht genug verdienten und
somit nicht, wie sie erwartet hatten schnell reich wurden, um nach Japan
zurückzukehren. 1909 gab es sogar die ersten Japaner, die eigenes Land
(colonias) besaßen (de Carvalho 2003: 7). So blieb der größte Teil in
Brasilien, der Möglichkeit hatte zurückzukehren.
Bis 1987, trotz vieler Schwierigkeiten und sogar Diskriminierung,
emigrierten Japaner nach Brasilien, um dort sowohl auf dem Land als
auch in Städten (später nur noch in den Städten), wie São Paulo zu
arbeiten (Goto 2006: 11). Heutzutage sind die meisten Japaner und deren
Nachkommen in den Großstädten, wie São Paulo, Londrina oder Santos
ansässig (Galimbertti 2002: 42). In dieser Zeit bauten sich viele ethnische
Netzwerke auf, die den nikkeijin das Leben in Brasilien erleichterten (de
Carvalho 2003: 10).
Jedoch wurde die wirtschaftliche Lage in Brasilien Ende 1970 immer
schlechter und so begannen viele brasilianische Japaner ab 1985 (ab 2.
Generation) nach Japan zurück zu immigrieren (Goto 2006: 13).

As primeiras notícias sobre a ida de brasileiros nipo-descendentes para


trabalhar temporariamente no Japão apareceram nos meados da década de 1980
apresentando um movimento tímido quanto ao volume.1

Es gab sowohl wirtschaftlich als auch private Gründe in das Land der
Vorfahren zurückzukehren. Erst 1989/90, mit der Erneuerung des Ein-
und Auswanderungsgesetz, konnten die japanischen Brasilianer bis zur 3.

1
Die ersten Nachrichten, die man über die brasilianischen Nachkommen der Japaner
hörte, welche zeitweise nach Japan gingen, um dort zu arbeiten, tauchten Mitte der
1980er Jahre auf. Jedoch war der Zustrom der Migranten sehr gering (Sasaki 2006:
105).
6
Generation, die die japanische Nationalität nicht mehr besaßen, legal
nach Japan migrieren, um dort zu arbeiten (Yamanaka 1993: 76). Da die
japanischen Politiker sie noch am ehesten zu den Japanern zählten. Ziel
wäre es sich an die Gesellschaft neu zu gewöhnen, damit sie kulturelle
Nachfahren der Japaner werden. Heutzutage leben 286.556 nikkeijin in
Japan (14,5% aller Ausländer in Japan)2. Sie sind die drittgrößte
ethnische Minderheit in Japan, mit der sich die japanische Gesellschaft
auseinandersetzen muss.

Nihonjinron

Nihonjinron ist ein Diskurs, der in der japanischen Gesellschaft


stattfindet, um das, was typisch japanisch ist, zu definieren und den man
sogar bis in die Meiji- Zeit zurückverfolgen kann. Weiterhin wird mit
diesem Diskurs der Nationalcharakter festgelegt und der Nationalstolz
verstärkt (de Carvalho 2003: 118). Durch das nihonjinron wird
aufgezeigt, wie sich die Japaner selber sehen, (Donahue 2002: 169)
womit sie sich vom Rest der Bevölkerung genau abgrenzen. Erst in den
letzten 30 Jahren hat sich dieser Diskurs dahin entwickelt, dass Japan
eine homogene Gesellschaft ist, ohne größere
Einwanderungsbewegungen und Einflüsse. Aber nicht nur die Menschen
sind homogen, sondern auch die Kultur, die auch noch weiter entwickelt
ist, als die der fremden Arbeiter (Lie 2001: 35). Dieser weitere wichtige
Punkt besagt, dass die japanische Kultur ebenfalls keine Einflüsse von
außen hatte und sich auf Grund der Abschließung des Landes
eigenständig zu dem entwickelt hat, was es heute ist. Der zweite Punkt
des nihonjinron ist, dass nur Japaner die Kultur beherrschen können
(Donahue 2002: 170). Diese Kultur kann nur von der homogenen
japanischen Bevölkerung weitergetragen und erlernt werden. Dazu
gehören nicht nur die Bräuche, sondern auch die Sprache. Dieser Punkt
ist in der Selbstdefinition der Japaner sehr wichtig. Denn nur Japaner
können die japanische Sprache in all ihren Nuancen und Feinheiten
erlernen und beherrschen (Donahue 2002: 170). Ferner wird die

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Siehe Tabelle 1im Anhang.
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Gesellschaft durch einen gemeinsamen Genpool, also
Blutsverwandtschaft abgrenzt (de Carvalho 2003: 120). Ein weiterer
Punkt in der Definition ist, dass Japaner gruppenorientiert sind und sich
für das Wohl der Gruppe unterordnen (Donahue 2002: 171) und sich
somit in die Gesellschaft assimilieren.
Abschließend lässt sich sagen, dass Blut, Gruppenzugehörigkeit und
Kultur, zu der auch die Sprache gehört, die Eckpfeiler des „japanisch
seins“ sind. Aufgrund dieser Kriterien werden die nikkeijin, die anfangs
als Japaner angesehen worden sind, nun von den „echten“ Japanern
unterschieden werden. Von daher hat sich die Ansicht der Japaner ihnen
gegenüber im Laufe der Migration nach Japan geändert.

Ansichten der Japaner über die nikkeijin

Als die japanische Wirtschaft und Politik sich dem Problem des
Arbeitnehmermangels stellen musste, wurde viel über Arbeitsmigranten
diskutiert (Yamanaka 1993: 75). Es gab schon viele illegale Einwanderer
aus China und Iran, die aufgrund des japanischen Einwanderungsgesetzes
es für die Unternehmen unmöglich machten Ausländer legal in
ungeschulte Berufe einzustellen (Fujisaki 1991: 81). Erst mit der
zunehmender Zahl illegaler Immigranten, sah sich die Regierung
gezwungen eine Lösung zu finden, die sowohl die Geschäftswelt als auch
den Homogenitätsgedanken der Japaner aufrecht erhält. Die einzige
Lösung war die nikkeijin, die man kulturell als Japaner ansah, dieses
Recht vorzubehalten. Sie müssten sich lediglich an die Gesellschaft in
Japan gewöhnen, aber da sie im Grunde Japaner sind, besitzen sie das
japanische Blut (Tsuda 2003: 29). Dies war der Gedanke, den man 1989
hatte. Man nahm an, dass die kulturellen Einflüsse Brasiliens keine große
Wirkung auf die nikkeijin hatten (Tsuda 2003: 117). So wurde 1990 das
Einwanderungsgesetz neu formuliert. Erst mit einer wachsenden Anzahl
von nikkeijin in Japan, bildete sich langsam eine allgemeine Meinung
über diese. Man stellte fest, dass sie nicht nur andere Gewohnheiten
hatten, sondern sich auch anders ernährten und kleideten (Tsuda 2003:
116). Sogar die zwischenmenschliche Interaktion war im Vergleich zu

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den der Japaner anders. Die Japaner sahen, dass die nikkeijin, trotz ihres
Aussehens kulturell Brasilianer waren, statt wie anfänglich gedacht
Japaner (de Carvalho 2003: 84). Die japanische Bevölkerung begriff,
dass viele Faktoren, die sie selber als japanisch ansahen, nicht mehr auf
die nikkeijin zutrafen (Tsuda 1999: 146). Viele von ihnen konnten kaum
oder gar kein japanisch und kannten sich mit vielen Gewohnheiten oder
mit der japanischen Etikette nicht aus (Donahue 2002: 207). Man
empfand sie als laut, arbeitsfaul und ihr Verhalten Menschen gegenüber
unpassend, im Kontrast zu den Japanern (de Carvalho 2003: 137).
Weiterhin wurden sie als gescheiterte Existenzen angesehen, die es nicht
geschafft haben, in Brasilien ihr Leben zu regeln oder dort Geld zu
verdienen. Genauso wie ihre Vorfahren als nicht richtige Japaner
angesehen wurden, da diese es nicht geschafft haben, in Zeiten der
größten Not in Japan zu überdauern und so nach Brasilien flüchteten. Sie
sind in den Augen vieler Japaner sozial doppelt gescheitert (Tsuda 1999:
160). Sie wurden und werden als arme ungebildete Menschen
wahrgenommen, die es nicht wert sind Japaner zu sein (nihonjin
shikakku) (Tsuda 2003: 107). Sie sind sehr enttäuscht darüber, wie wenig
japanisch sie sind (Tsuda 2003: 160).
Diese Meinung kann man jedoch nicht auf alle Japaner projizieren, da
Menschen mit viel Kontakt zu Ausländern bzw. nikkeijin, diese als
anständige und fleißige Menschen ansehen. Aber ein großer Teil der
japanischen Bevölkerung sieht die nikkeijin eher als Brasilianer. Ein
weiterer Faktor, der bei der Interaktion zwischen den Japanern und den
nikkeijin eine wichtige Rolle spielt ist, dass diese sich nicht an die
Aufnahmegesellschaft anpassen, wie vorher erwartet. Besonders die
jüngeren nikkeijin ab der 3. Generation (sansei) fällt es sehr schwer sich
anzupassen, und dadurch lehnen sie sich gegen die Gesellschaft ihrer
Vorfahren auf. Ein weiterer Grund warum die brasilianischen Japaner in
der japanischen Gesellschaft sozial heruntergestuft (Unterschicht)
werden, ist der globale Status Brasiliens als dritte Weltland. Und somit
wieder aus der japanischen Gesellschaft ausgeschlossen werden, da sie
sich für eine Mittelklasseschicht- Bevölkerung hält (Lie 2001: 50).
Aufgrund schlechter Informationen über Brasilien in Japan denken viele,

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dass Brasilianer und damit auch die dort lebenden Japaner, ungebildete
Menschen sind, obwohl die meisten nikkeijin einen universitären
Abschluss haben und zur Mittelschicht gehören. Dieses Gerücht hält sich
so hartnäckig, dass die nikkeijin, die in Japan ihren Universitätsabschluss
gemacht haben, dennoch als ungebildet gelten. Von daher bekommen sie
nur die „unskilled jobs“ (3K)3 angeboten (Ishiwata 2004: 98), die von
den gebildeten Japanern nicht ausgeübt werden. Dass sie diese Berufe
ausüben, veranlasst sie in den Augen der Japaner sozial in einer unteren
Schicht einzustufen.
Auch die Begriffe, die die Japaner für sie benutzen, zeigt eine soziale
Herabstufung. Begriffe, wie teikyu na hito, ochikobore. Selbst der
Begriff dekasegi, der nicht nur für die nikkeijin verwendet wird, hat eine
negative Konnotation.4 Weiterhin werden sie, wenn sie als nikkeijin
erkannt werden, mit dem Begriff gaijin (Ausländer) tituliert.
Jedoch sind nicht alle Gründe, die Japaner in Umfragen angegeben
haben, kulturell bedingt. Insbesondere die Arbeitsmoral der nikkeijin
wird oft kritisiert, da diese von den Japanern genau beobachtet wird.
Viele Menschen, die mit den brasilianischen Japanern arbeiten sind der
Meinung, dass „[…] and saw them as lazy, slow, irresponsible and
careless on the job (Tsuda 2003: 120).”

Weiterhin können sie nicht eigenständig arbeiten und machen nur das,
was man ihnen befiehlt. Aufgrund dessen sieht man auf die nikkeijin
herab. „Japanese factory workers also feel superior to their nikkeijin co-
workers, who are seen as temporary migrant laborers earning low wages
(Tsuda 2003:145).”

Selbst die jüngeren Generationen, die kaum durch ihr Verhalten oder
Sprachunterschiede in der Schule auffallen, werden in den gemischten
Klassen gemieden und auf ihnen herabgeschaut (Donahue 2002: 198).
3
Das sind die Berufe, die sozial am Niedrigesten gestellt sind. Die drei K’s bedeuten
kitanai schmutzig, kitsui anstrengend und kiken gefährlich.
4
Nach der Meiji-Restauration sind viele Japaner aus den kälteren Regionen in die
städtischen Ortschaften gewandert, um dort während der Winterzeit Geld zu verdienen.
Diese Menschen wurden dekasegi genannt und von den Japanern als ungebildete, arme
Menschen angesehen, die es nicht schafften in ihrer Heimat zu überleben und aufgrund
dessen „flohen“. Infolgedessen hat dieser Begriff eine negative Konnotation.
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Die Vorstellung, dass die nikkeijin ethnisch und genetisch den Japanern
mehr ähneln als anderen Ausländern, haben die japanischen Politiker
veranlasst das Einwanderungsgesetz zu ändern. Man sah sie als Japaner
an, vor denen man keine Angst haben muss (Tsuda 1999: 105), da sie das
gleiche Aussehen und das gleiche Blut haben. Jedoch wurden die
kulturellen Unterschiede, die sich aufgrund einer 100-jährigen
Migrationsgeschichte vollzogen hatte bei den japanischen Brasilianern
nicht berücksichtigt. Diese Differenzen bewirkten, dass sich viele
Japaner von den nikkeijin distanzierten und diese als nicht japanisch oder
als Ausländer angesehen werden, jedoch mit dem Druck, sich der
Gesellschaft anzupassen (Tsuda 2003: 274). Man hatte vermutet, dass sie
sich in die Gesellschaft einfügen würden, woraufhin ein falsches Bild
entstand. Aber genauso wie die Japaner eine bestimmte Auffassung über
die nikkeijin hatten, hatten diese eine Vorstellung über Japan und seine
Gesellschaft. Das folgende Kapitel behandelt nun die Sicht der nikkeijin
über die Aufnahmegesellschaft Japan und die Probleme die in Folge
dessen aufkommen.

Ansichten der nikkeijin über Japan

Wie oben schon erwähnt, begann die Rückmigration der japanischen


Brasilianer Ende 1980. Jedoch erst mit der Änderung des
Migrationsgesetztes, begann der wirkliche Mirgrationsboom (Fujisaki
1991: 82). Die Migranten, die nach Japan gingen, besaßen vorerst die
japanische Nationalität. Sie wurden durch die großen
Gehaltsunterschiede, die zwischen Japan und Brasilien herrschten
angelockt.

„Trata-se de filhos e netos de imigrantes japoneses que no início do século XX


vieram ao Brasil e que estão indo agora para o Japão com as mesmas intenções
de seus ancestrais:trabalhar temporariamente para retornar enriquecido para o
seu país de origem.”5

5
Dabei handelt es sich um Kinder und Enkel japanischer Immigranten, die Anfang des
20. Jahrhunderts nach Brasilien gingen, und nun mit den gleichen Absichten, wie ihre
Vorfahren nach Japan wanderten, um vorübergehend dort zu arbeiten, um dann reich zu
ihrem Ursprungsland zurückzukehren (Sasaki 2006: 99).
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Durch die Erfahrung der Japaner, die schon mal in Japan lebten, und
durch ihre Erzählungen haben viele nikkeijin ein falsches Bild von Japan.
Man sah Nippon als ein sehr modernes Land an, in dem alles
automatisiert war und die Städte hauptsächlich aus Wolkenkratzern
bestand. Jedoch sind sie dann sehr überrascht, wenn sie in Japan die
vielen kleinen Häuser sehen (Fujisaki 1999: 83) Auch das, was für die
Ausländer typisch japanisch ist, wie z.B.,Cosplay, Mangas, Hochhäuser
Shintô usw., wird von vielen Medien in Brasilien propagiert. Sie glauben
so wie es in den Zeitungen usw. steht, so ist es in Japan. 6 Durch diesen
Mangel an Informationen, entstehen verfälschte Bilder von Japan in
Brasilien. Sie gehen mit den Gedanken dorthin, dass sie in dem Land
ihrer Vorfahren akzeptiert werden, nicht wie in Brasilien, da sie schon
durch ihr Aussehen auffallen (Tsuda 2003: 160). Aber dies ist, wie oben
schon beschrieben nicht der Fall. Man fühlt sich besonders von den
Japanern unter Druck gestellt, da sie wie Japaner aussehen, jedoch
kulturell kaum noch welche sind (Tsuda 2003: 275).
Genauso wie ihre Vorstellungen über Berufe nicht der Realität
entsprechen. Wenn sie in Japan anfangen zu arbeiten, sind sie sehr
überrascht, dass nicht alles automatisiert ist, sondern noch viele
Arbeitsschritte, die z.B. in Brasilien von Maschinen ausgeführt werden in
Japan von Menschenhand verrichtet wird (Tsuda 1999: 155). Auch ihre
Gehälter sind geringer als erwartet, so dass viele Brasilianer immer
wieder nach Japan zurück migrieren um wieder Geld zu verdienen (???).
Weiterhin rechnen sie nicht damit, dass sie gemieden werden, und ihnen
fällt auf, dass die Japaner im Vergleich zu den Brasilianern kälter wirken
(Tsuda 1999: 153). Insbesondere die menschlichen Erwartungen werden
enttäuscht. Sie finden, dass die Japaner sexistisch und kaltherzig sind und
nur für ihren Beruf da sind und deswegen ihre Familien vernachlässigen
(Tsuda 1999: 154) Sie sehen, dass ihre Vorstellung von Japan nicht der
entspricht, die sie hatten. Außerdem wird ihre Identität in Frage gestellt,
da sie kulturell brasilianischer sind, als sie es erwartet haben. Die beiden

6
http://veja.abril.com.br/121207/p_078.shtml (Datum noch hinzufügen)

12
Faktoren, dass die Erwartungen enttäuscht werden und die
Diskriminierung durch die Menschen von denen sie Akzeptanz erwartet
haben, dazu führen, dass sie ihre kulturelle Identität neu orientieren.

Identitätsfrage und kulturelle Neuorientierung in Japan

Wegen der vielen Faktoren, wie Japaner die nikkeijin ansehen und
aufgrund der Enttäuschung, die sie im Land ihrer Vorfahren erfahren
mussten, beginnen sie sich Gedanken über ihre Identität und ihre Kultur
zu machen. Dieser Wechsel von einer positiven Minderheit in Brasilien,
wo bestimmte Verhaltensweisen sie als Japaner definierten, zu einer
negativen Minderheit, reichte in Japan nicht aus. Dies hat gravierende
Folgen für ihr Identitätsgefühl. Ihre Identität wird praktisch aus den
Angeln gehoben und dezentriert. Die Frage, ob sie nun Japaner sind oder
nicht, wird jedoch sehr stark von der Aufnahmegesellschaft, in diesem
Fall Japan, definiert. Und für die japanische Gesellschaft sind die
nikkeijin zwar nicht äußerlich, aber kulturell und aufgrund ihrer Identität
keine Japaner, sondern Ausländer. Und selbst die Medien in Japan geben
dieses Bild an die Öffentlichkeit weiter (de Carvalho 2003: 144) Und laut
der Definition des nihonjinron treffen viele Punkte nicht auf die nikkeijin
zu. Durch diesen ihnen auferlegten Druck und durch ihre Enttäuschungen
auf ihr „Heimatland“ beginnen die brasilianischen Japaner sich kulturell
neu zu orientieren. Sie sehen Brasilien und Japan anders als vor der
Migration. Sie beginnen sich immer mehr mit der brasilianischen Kultur
zu identifizieren. „I have Japanese blood and Japanese appearance, but I
come to realize in Japan that my heart and culture are Brazilian (Tsuda
2003: 159).”

Ihnen fällt auf, dass die Einstellungen und Verhaltensweisen, die sie in
Brasilien als Japaner ausgezeichnet haben, in Japan nicht mehr
auszureichen scheinen, damit sie hier als Japaner akzeptiert werden
(Tsuda 2003: 159). So lastet viel Druck ausgehend von der japanischen
Bevölkerung auf die nikkeijin, damit sich diese mehr an die Gesellschaft
anpassen (Tsuda 2003: 275). Anders als bei den anderen Ausländern, die

13
schon durch ihr Aussehen auffallen und von denen nicht erwartet und
verlangt wird sich wie ein Japaner zu verhalten. Besonders die Sprache
ist eins der größten Probleme, die die brasilianischen Japaner haben, was
auch ein Grund ist, warum sie gemieden werden. Demzufolge werden sie
sozial isoliert und fühlen sich von daher stärker zu Brasilien hingezogen.
Sie sehen Brasilien nicht mehr als ein Land an, aus dem sie ausgewandert
sind, weil die schlechten Lebensbedingungen sie dazu zwangen, sondern
sehen immer mehr die positiven Seiten Brasiliens. Sie bilden eine neue
Identität, die sie immer weiter von der Japanischen abgrenzt. Es ist wie
eine Gegenidentität (Tsuda 1999: 156). Besonders die nikkeijin, die in
Brasilien eine starke japanische Identität hatten, erleiden eine starke
Krise. Sie empfinden sich am Anfang noch als Japaner, werden aber in
Japan als Ausländer behandelt und angesehen (Sasaki 2006: 112). Sie
fühlen sich zu Brasilien hingezogen und entwickeln einen eigenen
Patriotismus (Tsuda 1999: 157).

Sie versuchen sich von der für sie negativ dominierenden Kultur zu
unterscheiden und fangen an ihre (brasilianische) kulturelle Identität in
Japan zu erhalten.

Wie versuchen die nikkeijin ihre kulturelle Identität in Japan


aufrecht zu erhalten?

Durch den Druck des Aufnahmelandes versuchen die Migranten sich


davon zu distanzieren und kreieren so Unterschiede zwischen sich und
Japan (de Carvalho 2003: 141). Es bilden sich Gegenidentitäten (Tsuda
2003: 264). Weiterhin entstehen Kommunen und sogar ganze
Wohnblöcke, in denen nur nikkeijin leben. Diese werden von den
Japanern aufgrund ihrer Andersartigkeit im Verhalten und Kultur
gemieden. Ein weiterer Grund ist auch die Sprachbarriere, denn viele
können kein japanisch, da sie wenig Interesse und Zeit haben es zu
lernen (Tsuda 2003: 273).

14
Besonders in den Städten, wo außerordentlich viele nikkeijin leben, wie
z.B. Hamamatsu (Shizuoka) oder Ôizumi (Gunma), welche sogar Samba-
Stadt genannt werden (). Durch diese Isolation, werden verschiedene
Möglichkeiten genutzt, um die brasilianische Kultur, zu der sich die
nikkeijin immer weiter hingezogen fühlen, in Japan zu erhalten und
auszuleben. Es werden von den brasilianischen Japanern kleinere Läden
betrieben, die hauptsächlich Waren verkaufen, die nur für nikkeijin
gedacht sind (Sasaki 2006: 108). Nicht nur Läden, auch Restaurants und
sogar Diskotheken, die sich von den Einheimischen abheben sind
eröffnet worden (Tamura 2004: 65). Vor allem der Freizeitbereich ist für
die nikkeijin wichtig und wird aufgrund dessen besonders gefördert. Es
werden viele Fußballvereine Sprachschulen, Reisebüros usw. gegründet,
was für viele sehr wichtig ist. Was jedoch besonders auffällig ist, ist dass
in dem Großteil der Läden und bei verschiedenen Aktivitäten
ausschließlich portugiesisch geredet wird (Tamura 2004: 66). Dies trägt
dazu bei ihre Kultur zu erhalten. So wie für die Japaner die Sprache ein
Teil ihrer kulturellen Identität ist, so grenzen sich die nikkeijin durch
Portugiesisch ab und heben so ihre brasilianische Herkunft vor. Es
werden sogar Zeitungen und Zeitschriften auf brasilianisch veröffentlicht
(International Press, Jornal Tudo Bem, Nova Visão, Folha Mundial,
Made in Japan)7. Diese geben Informationen über Brasilien und Japan
wieder und viele Berichte über die Erfahrungen der nikkeijin in Japan.
Auch werden besondere Festlichkeiten, die für diese interessant sind
(z.B. Sambafeste) hier veröffentlicht. Die Medien beschränken sich
mittlerweile nicht nur auf Zeitungen oder Zeitschriften, sondern auch auf
Radioprogramme, Mangas und sogar TV Sender (de Carvalho 2003:
103), die auf die nikkeijin abgestimmt sind (sowohl auf spanisch als auch
portugiesisch).

Wichtig zu nennen ist, dass durch die Familienzusammenführung viele


Riten und Bräuche, die brasilianisch sind ausgelebt werden können. Es
wird in den Familien portugiesisch geredet und man kann sich mit
Freunden und Verwandten treffen (Tamura 2004: 295). Genauso wie die

7
Sasaki 2006:108
15
Familie sich vor Einsamkeit schützt und auch eine Stütze für ihre
Identität ist, sind die religiösen Gemeinden, die hauptsächlich von
Brasilianern geführt werden ein wichtiger Punkt in ihren Leben.8 Sie
bilden einen besonders wichtigen Punkt im Leben der nikkeijin, denn die
die in Brasilien nicht in die Kirche gegangen sind, fangen an, in Japan an
den katholischen Messen teilzunehmen (Tsuda 2003: 302). Nicht nur,
dass das eine psychologische Hilfe für die brasilianischen Japaner ist , sie
geben Portugiesischunterricht, stellen Tagesmütter für die arbeitenden
nikkeijin- Mütter ein usw. Die Kirche ist ein wichtiger Anlaufpunkt, wo
viel Hilfe angeboten und Unterstützung wird (Tamura 2004: 75).

Besonders die Kleidung und die Haare der nikkeijin heben sich von den
Japanern ab (Tsuda 2003: 277). Sie tragen T-Shirts, Bermudas oder sehr
farbenfrohe Kleidung, um zu zeigen, dass sie keine Japaner sind.
Aufgrund dessen gibt es in den Ortschaften mit größerem nikkeijin-
Aufkommen viele Läden, die nur brasilianische Mode verkaufen und
sogar Friseure, die auf brasilianischen Haarmoden spezialisiert sind. Hier
fallen die Männer auf, da viele einen Bart als eines ihrer Markenzeichen
sehen und sich nicht wie die Japaner rasieren (Tsuda 2003: 281). Selbst
solche Kleinigkeiten dienen zur Differenzierung und zur Erhaltung einer
eigenen privaten Kultur.

Aber der wichtigste Faktor, der die brasilianische Kultur in Japan


unterstützt, sind die vielen Organisationen, die von den nikkeijin geführt
werden. In den verschieden Kommunen gibt es Organisationen, wie z.B.
„Comunidade Brasileira de Kansai“ oder der Verein für nikkei und
Japaner im Ausland in Yokohama ( 海 外 日 系 人 協 会 の 資 料 ). Diese
Vereine organisieren nicht nur Feste für den brasilianischen Japaner, sie
dienen auch zur besseren Verständigung zwischen Japanern und nikkeijin
(Tamura 2004: 54). Es werden viele Samba- und Sportfeste mit typischen
Gerichten und Getränken aus Brasilien veranstaltet. Jedes Jahr wird
sowohl in den nikkeijin Hochburgen als auch in den größeren Städten
Japans, wie Tokio Karnevalszüge veranstaltet (de Carvalho 2003: 137).

8
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16
Diese werden meistens mit japanischen Institutionen zusammen
organisiert.
Dieses Jahr ist ein besonderes Jahr, da 100 Jahre Migration (1908-2008)
gefeiert wird, und dies bezüglich viele Feste sowohl in Japan als auch in
Brasilien von diesen Vereinen gestaltet werden. Das größte Fest, das den
Japanern die brasilianische Kultur und das Leben nahe bringen soll,
findet in Kobe statt, organisiert von der „Comunidade Brasileira de
Kansai“ und dient hauptsächlich zur Völkerverständigung.9

Es werden schließlich viele Unternehmungen vorgenommen, sowohl auf


Landesebene als auch auf privater Ebene, um die Kultur, die zu den
nikkeijin gehört in Japan aufrecht zu erhalten. Besonders in diesem Jahr
werden viel Feste und Messen organisiert, die die 100-jährige
Migrationsgeschichte der Japaner nach Brasilien feiern.

Schlussteil

Die nikkeijin sind in vieler Hinsicht sehr wichtig für die japanische
Gesellschaft und Bevölkerung. Sie fördern die japanische Wirtschaft und
das Verständnis der Japaner, dass Ausländer von Nöten sind, damit die
japanische Gesellschaft in Zukunft so funktionieren kann, wie sie es jetzt

9
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17
tut. Es fördert weiterhin den interkulturellen Austausch zwischen der
„neuen“ und der japanischen Kultur. Ihr Verständnis für andere Kulturen
kann sich durch den Kontakt mit den nikkeijin verbessern. Dies sieht man
insbesondere bei den Japanern, die mehr Kontakt zu den japanischen
Brasilianern haben. Sie zeigen mehr Interesse an deren Kultur und
Leben. Diese Japaner machen jedoch noch die Minderheit aus. Von daher
leiden die nikkeijin bis heute noch an Diskriminierung. Zwar gibt es
keine Gewalt, aber sie werden gemieden, bekommen weniger Gehalt,
haben weniger Rechte als Japaner, da sie als Ausländer in Japan
gemeldet sind und sie werden als minderwertige Japaner angesehen. Und
dies, weil sie sich kulturell von den Japanern unterscheiden. Diese
Unterschiede führen dazu, dass sie sich im Land ihrer Vorfahren unwohl
und nicht willkommen fühlen. Sie werden zu der neusten (negativen)
Minderheit in Japan Ihre Erwartungen werden enttäuscht und aus diesem
Grunde wird ihr Verständnis über das „japanisch sein“ und ihre Identität
erschüttert. Sie orientieren sich neu und beginnen sich wie Brasilianer zu
sehen. Durch diese Neuorientierung wurden und werden verschiedene
ethnische Netzwerke gebildet, die von Landesebene bis hin zum privaten
Haushalt reichen, worunter auch das Nachkommen der Familie nach
Japan und Portugiesischunterricht, usw. zählt. Diese Netzwerke dienen
den nikkeijin sich in Japan heimisch zu fühlen und ein Stück Brasilien in
Japan zu haben. Es wurden verschiedene Institutionen gegründet, sowohl
japanische als auch von den nikkeijin, die nicht nur den nikkeijin das
Leben in Japan vereinfachen und erklären sollten, sondern auch mittels
verschiedener Festivitäten und Ereignisse versuchen den Kontakt
zwischen beiden Kulturen zu verbessern. So werden dieses Jahr in
verschiedenen japanischen Städten große Feste veranstaltet, die die 100-
jährige Migration nach Brasilien feiern.

Besonders durch ihren Status als Minorität und Ausländer, grenzen sich
die nikkeijin von anderen Minderheiten in Japan ab, die sich an die
japanische Gesellschaft anpassen, was noch durch den Druck der
Aufnahmegesellschaft sich anpassen zu müssen verstärkt wird. Jedoch
hat sich innerhalb der japanischen Bevölkerung eine neue kulturelle

18
Identität entwickelt, die weitere Diskusionen über Arbeitsmigration in
Japan mit sich führen.

Anhang

Japanische Quelle:

出稼ぎ日系外国人労働者 

19
募集広告をみると、出稼ぎ者の資格として日本国籍者となってい
るが、中には「日本国籍ある方、又は二世の方は日本における身
元保証人ある方」という広告もある。この場合、問題にあるのは
二世就労者の問題である。日系人二世は外国人である。
現在日本で会社問題化している東南アジアからの不法就労者と同
じことになる。日本では建設工事現場などでの外国人の不法就労
が問題となっているが、東京都内の中中企業経営者の六割が外国人
労動者の受け入れを場合によってはやむを得ない、と考えている
ことがアンケート調査で分かった。外国人の雇用に前向きな回答を
した主な理由として、日本人労動者が思うように確保できな
いことを挙げており、中小企業の人手不足が深刻なことを示して
いる。
しかし、だからといって日系二世の就労者がこれに代わるという
のは不可能。すでにトラブルも起こっている。送り出し側の自重
が求められる。それにしても、非合法または非合法すれすれのよ
うなマネをしてまで二世が出稼ぎにゆくことを考えると、なんと
もいえぬわびしさを感じる。
しょせん“移民”とは出稼ぎなのか―>
また、新聞の読者投稿欄にも、この母国労働問題への移住者たち
の意見が目につく。翌一七日の「サンパウロ新聞」の読者ルーム
には、アダマンチーナの増田草夢氏の「出稼ぎへの道」が掲載され
た。

<八五年以降、次第に高まる円高で、輸出減退を予測して、各メ
ーカーが外国に工場を設立したので、日本列島の空洞化による不
況を懸念する人びとも少なくなかった。しかるに、全く反 対の現
象を起こしているのが現在の日本である。 観れば、日本品の世界
制覇―の感を各国に与え他の国であれば取り上げない事柄まで、
実質以上に強調され問題化された。日本に対する圧迫は日を追っ
て激化され、加えて経済 アニマールの悪評を浴びた。日本も結果
を憂慮して、内需拡大の策を講じ、黒字減らしに踏み切った。

終 戦当時悲惨な生活から必死で 経済復 興 をめ指して、日本の朝野


が進んできたのは当然の成り行きであったが、内政的にも幾多の
20
歪みを現し、田中角栄氏の「日本列島改造論」や現総理の「古里
創生」へと、国士政策が叫ばれていた折り、内需 拡大が実行に移
された。
内需拡大ともなれば多岐にわたりそれに要する人手不足は日々深
刻化して、遂に海外日系社会にまで予想もしなかった出稼ぎブー
ムを 巻き起こし、今ではこれが一時的な現象であるか、否かが、
問題とされている。

先ず外国で生活した者の眼から見て「日本列島改造論」や「古里
創生論」の中にも次期総裁と目されている安部(晋太郎)氏の「新
日本創造論」にも含まれていない住宅問題がある。国民の八〇%
が中産階級意識を持つ国柄であるが天変地変の多い日本の住民は
所謂「兎小屋」に 満足して、著名人や街に堂々たるデパートを 経
営している実業家が、簡素な住宅に生活しているのに驚く。中に
は和洋折衷の家を新築しているが、外国のそれとは比較にならな
い。眼を見張らせるものは、自然美と都会の街を行交う服装の優
美さと、交通機関の発達である。ひと度列車の窓から眺める住宅
街は、雑多な小店を挟んだ低い家並が密集して街路も写らない。
屋根ばかりの風景である。

Übersetzung:

Wenn man sich die Stellenauschreibungen anschaut, ist eine


Voraussetzung für die Wanderarbeiter die japanische Staatsbürgerschaft,
aber darunter gibt es auch Anzeigen in denen es heißt „Menschen mit der
japanischen Staatsbürgerschaft oder aber nissei die in Bezug auf Japan
über eine Referenz verfügen“. In diesem Fall, sind das Problem die
Schwierigkeiten der nissei-Arbeiter. Die nikkeijin der 2. Generation sind
Ausländer. Es wird das Gleiche wie mit den illegalen Arbeitern aus
Südostasien, die im gegenwärtigen Japan gesellschaftliche Probleme
verursachen.

21
In Japan, sind z.B. auf den Baustellen die ausländischen Arbeiter ein
Problem, aber eine Umfrageuntersuchung zeigt, dass 60% der Tokioter
Geschäftsführer kleiner und mittelständiger Betriebe denken, dass es je
nach Umstand unvermeidbar ist Ausländer einzustellen. Abgesehen von
der vorausschauenden Antwort auf die Einstellung von Ausländern als
Hauptgrund zeigt, dass man die japanischen Arbeiter wie erwartet nicht
mit Sicherheit nicht einstellen kann, was zeigt, dass es sich bei dem
Arbeitskräftemangel der klein- und mittelständigen Unternehmen um
eine ernsthafte Angelegenheit handelt. Jedoch ist es deswegen unmöglich
die nissei-Arbeiter zu ersetzen.

Zweifellos treten auch Schwierigkeiten auf. Die Rücksichtnahme der


abschiebenden (absendenden) Seite wird verlangt. Doch, wenn man
darüber nachdenkt, dass die 2 Generation Arbeitsmigranten illegal oder
sogar so tun als ob sie fast illegal [nach Japan] kommen, kann man eine
wirklich unaussprechliche Elendigkeit spüren.

Schließlich bedeutet „Migrant“ doch Gastarbeiter…


Außerdem fällt in der Rubrik für Lesermeinungen der Zeitung die
Ansicht der Emigranten über die Arbeitsprobleme ihres Heimatlandes
ins Auge. In den folgenden 17 Tagen wurde in einer Kolumne der
Zeitung „São Paulo“ von Masuda Soumu aus Adamantina10 „Der Weg
des Wanderarbeiter“ veröffentlicht.
Weil seit 1985 durch den allmählich ansteigenden Yen ein
Exportrückgang prognostiziert wurde und viele Hersteller im Ausland
Fabriken errichteten, gab es auch nicht wenige Menschen die Angst vor
einer Rezession, verursacht durch das „Hollowing-out“11 der japanischen
Inselkette, hatten. Jedoch ist es das gegenwärtige Japan, das ein völlig
gegenteiliges Phänomen hervorruft. Wenn man sich anschaut, dass falls
Japan ein gelobtes Land ist, dass den anderen Ländern ein Gefühl gibt,
dass die japanischen Waren(…)

10
Stadt in Brasilien. Ist im Nordwesten São Paolos.
11
Verlagerung der japanischen Wirtschaft wie z.B. Automobil, Textil usw. in
Niedriglohn Länder
22
Der Druck gegen Japan wurde von Tag zu Tag heftiger und zusätzlich
war Japan dem schlechten Ruf ein Business-Tier zu sein ausgesetzt.
Auch Japan war über das Ergebnis besorgt und ergriff Maßnahmen zur
Erhöhung der Inlandsnachfrage und hat sich zur Reduktion der
schwarzen Zahlen entschieden. Durch den sicheren Tod nach dem
elenden Leben zur Zeit des Ende des Krieges strebte man den
wirtschaftlichen Wiederaufbau an und das Fortschreiten der japanischen
Nation war ein notwendiger Prozess, aber auch innenpolitisch zeigten
sich viele Probleme und in Tanaka Kakuei‘s „Nihon rettô kaizôron“12
und in „Furosato sôseiron“13 des Ministerpräsidenten, heißt es, dass
politische Maßnahmen von Patrioten gefordert seien und Veränderungen
zur Verwirklichung der Erhöhung der Inlandsnachfrage gemacht werden.
Wenn es zur Erhöhung der Inlandsnachfrage kommt, werden viele
Themen zur Diskussion gebracht und zusätzlich wird der Mangel an
Arbeitskräften täglich größer und schließlich wird ein nicht erwarteter,
sich bis zu den in Übersee lebenden Gesellschaften der nikkei
erstreckender Ansturm von Arbeitsmigranten hervorgerufen und macht
es zu einem Problem, bei dem man nicht weiß, ob dies nun ein
vorübergehendes Phänomen ist oder nicht. Zunächst aus Sicht der Leute,
die bereits im Ausland gelebt haben, betrachtet, enthalten weder „Nihon
rettô kaizôron“ oder „Furosato sôseiron“, noch „Shin nihon sôzôron“14
des als nächsten Parteichef angesehenen Herr (Shintarô) Abe das
Problem der Wohnungsknappheit.

Man ist überrascht, dass 80% der japanischen Bevölkerung einen


Nationalcharakter mit dem Bewusstsein zur Mittelschicht zu gehören
haben, aber die Bevölkerung des von vielen Naturkatastrophen
heimgesuchten Japans mit sogenannten „Hasenbauten“15 zufrieden ist
und Prominente oder Unternehmer ,die ansehnliche Kaufhäuser
betreiben, in einfachen Häusern leben. Darunter werden Häuser im
europäisch-japanischen Stil neu errichtet, aber die ausländischen lassen
sich nicht mit diesen vergleichen. Das, was den Blick auf sich zieht, ist
12
Reformierung Japans
13
Japan neu erschaffen/ Erschaffung der Heimat
14
Erschaffung [eines] neuen Japans
15
Damit sind kleine Wohnungen gemeint.
23
die Schönheit der Natur, die elegante Kleidung der Menschen auf den
Straßen der Großstädte und die Entwicklung der Verkehrsmittel. In den
Wohnvierteln, die man einmal aus den Fenstern der Züge erblickt, stehen
die niedrigen Häuserreihen, zwischen denen sich verschiedene kleine
Geschäfte befinden , dicht nebeneinander und auch die Straßen sind nicht
zu erkennen. Es ist eine nur aus Dächern bestehende Landschaft.

Tabelle: Registrierte Ausländer in Japan nach Nationalitäten


(Abstammungsort), von 1995 bis 2004

Nationalität 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004

Anzahl 1.362.37 1.415.13 1.482.70 1.512.11 1.556.11 1.686.44 1.778.46 1.851.75 1.915.03 1.973.747
1 6 7 6 3 4 2 8 0
Süd- & Nord 666.376 657.159 645.373 638.828 636.548 635.269 632.405 625.422 613.791 607.419
Korea
(%) 48,9 46,4 43,5 42,2 40,9 37,7 35,6 33,8 32,1 30,8
China 222.991 234.264 252.164 272.230 294.201 335.575 381.225 424.282 462.396 487.570
(%) 16,4 16,6 17 18 18,9 19,9 21,4 22,9 24,1 24,7
Brasilien 176.440 201.795 233.254 222.217 224.299 254.394 265.962 268.332 274.700 286.557
(%) 13 14,3 15,7 14,7 14,4 15,1 15 14,5 14,3 14,5
Philippinen 74.297 84.509 93.265 105.308 115.685 144.871 156.667 169.359 185.237 199.394
(%) 5,5 6,0 6,3 7,0 7,4 8,6 8,8 9,1 9,7 10,1
Peru 36.269 37.099 40.394 41.317 42.773 46.171 50.052 51.772 53.649 55.750
(%) 2,7 2,6 2,7 2,7 2,7 2,7 2,8 2,8 2,8 2,8
USA 43.198 44.168 43.690 42.774 42.802 44.856 46.244 47.970 47.836 48.844
(%) 3,2 3,1 3,0 2,8 2,8 2,6 2,6 2,6 2,5 2,5
Andere 142.800 156.142 174.567 189.442 199.805 225.308 245.907 264.621 277.421 288.213
(%) 10,5 11 11,8 12,6 12,9 13,4 13,8 14,3 14,5 14,6

Quelle: Ministry of Justice, http://www.moj.go.jp/PRESS/050617-1/050617-1.html

24
Glossar

日系人 nikkeijin Person japansicher


Abstammung
低級な人 teikyu na hito Menschen dritter Klasse,
low-class People
外人 gaijin Ausländer
出稼ぎ dekasegi Arbeiten getrennt von der
Familie, Wanderarbeiter
落ち零れ ochikobare soziale Außenseiter, social
dropout
汚い kitanai schmutzig (3K-Beruf)
きつい kitsui anstrengend (3K-Beruf)
危険 kiken gefährlich (3K-Beruf)
一世 issei erste Generation
二世 nissei zweite Generation
三世 sansei dritte Generation
nihonjin shikakku nicht wert Japaner zu sein
日本人論 nihonjinron Diskurs über das „japanisch
sein“
25
移民保護規則 iminhogokisoku Migrationsschutz-
Bestimmung
日米紳士協約 nichibei- Japanisch-Amerikanscher
shinshikikyôyaku Gentlemen´s Agreement
colonos Arbeiter die vertraglich an
ein Land gebunden sind

colonias eigenes Land der nikkeijin


fazendas Ländereien in
Brasilien/Bauerngut

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27
http://veja.abril.com.br/121207/p_078.shtml
http://www.moj.go.jp/PRESS/050617-1/050617-1.html
http://tudobem.uol.com.br/

28