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Grafiti im Kunstunterrricht

Ingrid Schneider, Bremen, 2006

1 5
EINLEITUNG: Über die Beschäftigung mit Graffiti im
Kunstunterricht
2 8
HINWEISE ZUM INHALT DIESER MATERIALSAMMLUNG
3 10
ALLGEMEINES
3.1 Zum Begriff 'Graffiti' 10
3.2 Bildsorten 11
3.2.1 Überblick 11
3.2.2 Spruchgraffiti 11
3.2.3 Graffiti i.e.S.: Tags und Pieces 12
3.2.4 Sprayzeichnungen 13
3.2.5 Schablonengraffiti 13
3.3 Historische Bezüge 14

4 15
GRAFFITI i.e.S.
4.1 Graffiti ab 1970: New York 15
4.2 Graffiti ab 1980: Europa 17
4.3 Tags 18
4.4 Pieces 20
4.5 Graffiti und Style 21
4.6 Characters 23
4.7 Herstellungsverfahren 25
4.7.1 Wie ein Graffiti entsteht 25
4.7.2 Hinweise zu Dosen, Caps, Markern und "Killern" 27
4.8 Graffiti und Identitätsfindung 29
4.9 Zentrale Motive der Graffiti-Bewegung 31
4.10 Mädchen in der Graffiti-Szene 34
4.11 Illegale Graffiti und die juristischen Folgen 35

5 39
ARBEITSBLÄTTER ZUM STYLE WRITING
5.1 Vorbemerkung / Überblick 39
5.2 Checklisten 42
5.3 Graffiti-Buchstaben von A-Z 50
5.4 Alphabete in verschiedenen Styles 63
5.5 Übungen zu Outlines 87
5.6 Übungen zu Blocks und Schatten 122
5.7 Übungen zum Fill In 132
< >
5.8 Übungen zum Background 150
5.9 Das "Tag"-Alphabet 156

6 160
AUSGEWÄHLTE SCHÜLERARBEITEN ZUM STYLE WRITING
7 171
ARBEITSBLÄTTER ZU GRAFFITITYPISCHEN CHARACTERS
7.1 Vorbemerkungen / Überblick 171
7.2 Übungen zu Characters 172
7.3 Beispiele für graffititypische Characters 190
7.4 Figurative Darstellungen als "Rohstoff" für Characters 199

8 205
AUSGEWÄHLTE SCHÜLERARBEITEN ZU CHARACTERS
9 209
TONTRENNUNG ALS VORSTUFE ZUM SCHABLONENGRAFFITI
9.1 Herstellungsverfahren und Arbeitsanleitungen 209
9.2 Ausgewählte Schülerarbeiten zur Tontrennung 218

10 223
SCHABLONENGRAFFITI
10.1 Schablonengraffiti und Street Art 223
10.2 Herstellungsverfahren und Arbeitsanleitungen 225
10.3 Beispiele für Schablonen 238
10.4 Ausgewählte Schülerarbeiten zum Schablonengraffiti 250

11 254
BEZÜGE ZUR BILDENDEN KUNST
11.1 Vorbemerkung 254
11.2 Andy Warhol 255
11.3 Keith Haring 257
11.4 Jean - Michel Basquiat 260
11.5 Harald Naegeli 262
11.6 Banksy 262

12 263
GLOSSAR
13 265
AUSGEWÄHLTE LITERATUR
268
NACHTRAG: EIN BLICK IN DAS INTERNET
14 269
ABBILDUNGSHINWEIS
1 EINLEITUNG: ÜBER DIE BESCHÄFTIGUNG MIT GRAFFITI IM
KUNSTUNTERRICHT

Niemals zuvor in der Geschichte der Kunst ist es vorgekommen, dass junge
Menschen durch ihre eigene ästhetische Praxis eine unverwechselbare,
eigenständige Kunstrichtung hervorgebracht haben, und niemals zuvor in der
Geschichte der Kunst haben sich junge Menschen so massenhaft und weltweit
mit einer Kunstrichtung identifiziert. Die Rede ist von Graffiti, einer
Jugendästhetik, die kulturübergreifend und über ethnische Grenzen hinweg das
Lebensgefühl junger Generationen ausdrückt, einer "Jugendbewegung", die
nach wie vor international boomt und deren Ende nicht abzusehen ist.

Dies allein ist Grund genug, sich mit Graffiti auch im schulischen Unterricht,
besonders im Kunstunterricht, intensiv zu beschäftigen. Wenngleich Graffiti in
den letzten Jahren erfreulicherweise wohl zunehmend zum Gegenstand des
Kunstunterrichts gemacht worden sind, so ist die didaktische Literatur zum
Thema immer noch ausgesprochen spärlich. Ausführliche kunstunterrichtliche
Hinweise finden sich - sieht man von der Erstveröffentlichung dieser Publikation
aus dem Jahre 2002 ab - bis jetzt nicht. Offensichtlich besteht an
kunstunterrichtlichen Hinweisen aber nach wie vor Bedarf. Wie wäre es sonst zu
erklären, dass die 2004 erstellte Internetfassung dieser Veröffentlichung seit
Jahren bei Google zwischen Homepages von Graffiti-Crews und Hip-Hop-Läden
unter den Top Ten von mittlerweile ca. 60 Mio. Einträgen zum Suchwort "Graffiti"
rangiert?
Veränderungen in der Graffiti-Szene, der Rechtsprechung und im schulischen
Unterricht machten es notwendig, Druckfassung und Internetfassung dieser
Veröffentlichung zu aktualisieren. Was aber bereits in den neunziger Jahren des
letzten Jahrhunderts galt, gilt noch immer: Wer seinen Kunstunterricht
zuallererst an pädagogischen Zielsetzungen ausrichtet (und nicht nur so tut),
wem es also um einen schülerorientierten, realitätsnahen Unterricht ernst ist, in
dem sich die Schüler/innen mit dem, was sie herstellen, auch tatsächlich
identifizieren (und nicht nur so tun), der wird selbstredend Graffiti in seinem
Unterricht - zumindest in der Sekundarstufe I - thematisieren.
Schülerorientierung und Aktualitätsbezug garantieren zudem etwas, was sonst
im schulischen Alltag nicht eben häufig vorfindlich ist: fast ausnahmslos hohe
Motivation und Begeisterung. Graffiti im Kunstunterricht sind für Schüler/innen
der Sekundarstufe I von großer Faszination, wird doch ein Stück des eigenen
Lebensgefühls im Unterricht spürbar.

Selbstverständlich ist es nicht unproblematisch, wenn ursprünglich subkulturelle


und auch subversive bildkünstlerische Ausdrucksformen didaktisiert werden.
Aber: Die Befürchtung, Graffiti würden als Gegenstand pädagogischer
Bemühung domestiziert, ist romantisierend und verkennt die Wirkung
pädagogischen Handelns. Der schulische Einfluss sollte nicht überschätzt
werden, genauso wie der Umstand, dass für den ernsthaften Sprayer die
Herstellung von Graffiti eine Lebenshaltung, eine Art Lebenskunst ist, nicht
unterschätzt werden sollte. Die Graffiti-Bewegung ist stark genug, schulische
"Annäherungsversuche" schadlos zu überstehen.

Worum geht es also im Einzelnen? Zum einen geht es darum, den in (fast) jeder
Schule vorfindlichen ernsthaften und geübten Sprayern im Rahmen der
Institution Schule oder benachbarter Institutionen durch die Bereitstellung
öffentlicher Wände eine Möglichkeit legalen Arbeitens zu verschaffen. Mit ihnen
gemeinsam können im Kunstunterricht Konzepte für anspruchsvolle Pieces
entwickelt werden, die dann - z.B. im Rahmen von Projektwochen - realisiert
werden können. Hier kommt dem Kunstunterricht eine wichtige
sozialpädagogische Funktion zu. Die Ästhetik der jugendlichen Subkultur wird
akzeptiert, mag sie z.T. den ästhetischen Vorlieben der Erwachsenen
widersprechen. Sie wird vielleicht weiter entwickelt. Auf jeden Fall aber wird
geübten Sprayern Gelegenheit gegeben, ihr häufig undemokratisches Tun zu
sozialisieren und so der Gefahr, kriminalisiert zu werden, wenigstens teilweise
zu entgehen. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten geübten Sprayer schulische
Angebote dieser Art gerne annehmen und mit viel Spaß und großer Intensität
legale Graffiti auf den bereit gestellten Wänden realisieren. Dass auch auf das
Know-how geübter Sprayer für die Planung und Durchführung von
Kunstunterricht mit eher ungeübten Jugendlichen zurückzugreifen ist, versteht
sich von selbst.

Schwerpunktmäßig geht es zum anderen darum, sich mit eben diesen zumeist
völlig ungeübten, aber graffitibegeisterten Jugendlichen - und das ist die
Mehrheit der Schüler/innen - langsam und sensibel dem Thema anzunähern.
Jugendlichen Sympathisanten, die sich für Graffiti begeistern, sich aber nie
trauten oder nie eine Chance hatten, auf diesem Gebiet tätig zu werden, ist im
Kunstunterricht Raum zur Erprobung zu geben. Kunstunterricht also auch als
Animation für zukünftiges illegales Handeln? Ganz sicher nicht. Dazu ist es
allerdings notwendig, dass die Jugendlichen unmissverständlich auf die
Konsequenzen unerlaubten Sprühens hingewiesen werden und dass die
Herstellung von Graffiti im Kunstunterricht von Vornherein mit relativ hohen
ästhetischen Ansprüchen verbunden wird. Den Schüler/innen muss deutlich
werden, dass es heute nicht mehr darum gehen kann, seine "visuellen
Duftmarken" in Form von Tags zu hinterlassen, um wie vor über einem
Vierteljahrhundert in New York sein Revier zu markieren. Ihnen muss auch
deutlich werden, dass illegale Graffiti häufig ästhetisch anspruchslose Graffiti
sind, weil sie zumeist unter großem Zeitdruck entstehen. Aus diesen Gründen
sollte im Fach Kunst neben der Behandlung der Geschichte und der
Zielsetzungen der Graffiti-Bewegung das Hauptaugenmerk auf die wesentlichen
fachimmanenten Aspekte, Gestaltungsaspekte also, gerichtet werden. Sich mit
gestalterischen Fragestellungen auseinanderzusetzen, ist genuine Aufgabe des
Kunstunterrichts. Schüler/innen haben ein untrügliches Gespür für die
ästhetische Qualität von Graffiti. Eine befriedigende Qualität ist aber nur durch
entsprechende gestalterische und technische Vorübungen zu erreichen. Vor
allem hierzu werden in dieser Veröffentlichung didaktisch aufbereitete
Arbeitsmaterialien zur Verfügung gestellt.

Sicher besteht ein wichtiger Grund für die Beschäftigung mit Graffiti in einem
pädagogisch bestimmten Kunstunterricht auch in der Ventilfunktion von Graffiti.
Wie die anderen Betätigungen im Rahmen der Hip-Hop-Bewegung - Rapping,
DJing, Breakdance u.a. - trägt auch die Herstellung von Graffiti bei zum Abbau
von Aggressionen und Gewalt. Aber es ist letztlich zu wenig, wenn sich der
Kunstunterricht damit begnügt, kreatives Aktivwerden zu initiieren, um
überschüssige oder fehlgeleitete Aktivität in die erwünschten Bahnen zu lenken.
Ein an pädagogischen Zielsetzungen ausgerichteter Kunstunterricht will und
kann mehr. Er steigert das in dieser Entwicklungsphase angeschlagene
Selbstwertgefühl von Jugendlichen und stabilisiert deren labile Identität, indem
er Mittel und Materialien bereitstellt, die Schüler/innen in die Lage versetzen,
bildnerisch befriedigende oder sogar beachtliche, anspruchsvolle Produkte
herzustellen, zu denen sie sich mit ihrer ganzen Person bekennen können.
Werden solche Produkte innerhalb der Institution Schule öffentlich, tragen sie
dazu bei, dass sich Jugendliche stärker mit dem Ort identifizieren, an dem sie
einen nicht eben unbedeutenden Teil ihrer Lebenszeit verbringen. Werden
solche Produkte darüber hinaus an anderen legalen Orten oder im Internet
öffentlich, kann dies nur zu einer zusätzlichen Steigerung des Selbstwertgefühls
und zur Identitätsfindung der jugendlichen Produzent/innen beitragen.

2 HINWEISE ZUM INHALT DIESER MATERIALSAMMLUNG

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis macht deutlich, dass sich diese


Veröffentlichung schwerpunktmäßig auf zwei Bereiche bezieht: auf
Sachinformationen zu Graffiti einerseits und auf didaktisch - methodisch
aufbereitete Arbeitsblätter und -materialien andererseits.

In einem ersten allgemeinen Teil (Kap. 3) wird auf den Begriff 'Graffiti'
eingegangen, einen Begriff, der zwar viel benutzt wird, dessen Herkunft und
Umfang aber wenig bekannt ist. Danach werden die verschiedenen Bildsorten
benannt, die unter der Überschrift 'Graffiti' subsumiert werden können. Bereits in
diesem Abschnitt wird deutlich, dass Graffiti mehr umfassen als
bildkünstlerische Äußerungen, die gemeinhin mit Graffiti identifiziert werden: Zu
Graffiti gehören nicht nur American Graffiti (Tags und Pieces), sondern z.B.
auch Schablonengraffiti (Pochoirs, Stencil Graffiti) oder Sprayzeichnungen.

Einen Hauptteil dieser Veröffentlichung bilden die Analyse und die didaktisch -
methodische Aufbereitung von American Graffiti, die hier - wegen ihres
mittlerweile internationalen Charakters und weil sie am ehesten mit Graffiti
gleichgesetzt werden - auch als Graffiti i.e.S. bezeichnet werden. Kapitel 4 liefert
die wichtigsten Sachinformationen zu Graffiti i.e.S.: Neben historischen
Aspekten, Tags und verschiedenen Arten von Pieces werden insb. die
vielfältigen Gestaltungsmittel des Style Writing (Outlines, Fill In und Background)
untersucht. Außerdem werden Herkunft und verschiedene Arten von Characters
analysiert und die notwendigen Kenntnisse zu Sprühtechnik und anderen (auch
kunstunterrichtlich relevanten) Herstellungsverfahren vermittelt.

Die Ausführungen zu Graffiti i.e.S. wären einseitig formal ausgerichtet, würden


sie nicht um wichtige inhaltliche, auch psychologisch - pädagogisch orientierte
Aussagen ergänzt. So wird z.B. im Abschnitt 'Graffiti und Identität' versucht,
einen Zusammenhang zwischen der Herstellung von Graffiti und der
altersspezifischen Entwicklungsphase der jugendlichen Produzent/innen
herzustellen. Besondere Beachtung wird den zentralen Motiven der Graffiti -
Bewegung (Brotherhood, Respect, Kreativität u.a.) geschenkt, ohne deren
Kenntnis das Phänomen 'Graffiti' nicht verständlich ist. Von Interesse dürfte
auch die Rolle der Mädchen in dieser Jungen - Domäne sein. Damit den
Jugendlichen präzise die Konsequenzen unerlaubten Sprühens verdeutlicht
werden können, widmet sich die abschließende Sachinformation zu Graffiti i.e.S.
umfassend den juristischen Folgen, die mit der Anfertigung illegaler Graffiti
verbunden sind.

Zwei der nachfolgenden Kapitel sind für den Kunstunterricht von besonderer
Bedeutung. Sie enthalten eine Vielzahl von alternativ einzusetzenden
Materialien und Arbeitsblättern zu den wesentlichen Gestaltungsbereichen von
Graffiti i.e.S., dem Style Writing (Kap.5) und der Gestaltung graffititypischer
Characters (Kap. 7). Eingeführt wird in diese Materialien und Arbeitsblätter
durch jeweils vorgeschaltete didaktisch - methodische Kommentare (Hinweise
zum Gebrauch).

Die von der Verfasserin erstellten Materialien und Arbeitsblätter wurden im


Rahmen der eigenen Unterrichtspraxis über mehrere Jahre in verschiedenen
Klassen, Wahlpflicht- und Projektgruppen des 7. - 10. Jahrgangs an zwei
bremischen Schulen sowie in der Referendarausbildung und der
Lehrerfortbildung am Wiss. Institut für Schulpraxis/Landesinstitut für Schule
Bremen entwickelt, erprobt und modifiziert. Die Materialien sind für den
Kunstunterricht in der Sekundarstufe I gedacht. Auf eine Differenzierung
nach Schularten wurde bewusst verzichtet. Viele der hier veröffentlichten
Arbeitsblätter wurden für den Kunstunterricht mit eher ungeübten Schüler/innen
des 8. und 9. Jahrgangs einer integrierten Gesamtschule hergestellt. *)

Bedenkt man, dass bereits bei jüngeren Schüler/innen das Interesse an Graffiti
rasant zunimmt, so sind bei entsprechender methodischer Aufbereitung einige
der hier vorgestellten Arbeitsblätter auch schon im Kunstunterricht der Klassen 5
und 6 einsetzbar.

Aus fachimmanenten Gründen wird in dieser Veröffentlichung einer Bildsorte


besondere Aufmerksamkeit geschenkt: den Schablonengraffiti (Pochoirs, Stencil
Graffiti). Schablonengraffiti (vgl. Kap. 10) können im Kunstunterricht nämlich als
Vorlauf oder als Alternative zu Graffiti i.e.S. behandelt werden, sind sie doch
sprühtechnisch wesentlich einfacher herzustellen als formal-ästhetisch
anspruchsvolle Pieces. Da die Anfertigung von Schablonengraffiti auf
Kenntnissen zur Tontrennung basiert, wird insb. für fachfremd unterrichtende
Kolleg/innen auch auf dieses an und für sich bekannte bildkünstlerische
Verfahren (unter Einschluss der Rasterverzerrung) eingegangen (Kap. 9). Die
Arbeitsblätter zu Tontrennung und Schablonengraffiti sind ebenfalls im Rahmen
eigenen Unterrichts sowie der Lehreraus- und fortbildung entwickelt und erprobt
worden.

Mit Sicherheit wird Schüler/innen der Sekundarstufe I der Zugang zur bildenden
Kunst der Moderne (Kap. 11) über die Beschäftigung mit Graffiti erleichtert, ein
nicht zu unterschätzendes Faktum - selbst dann, wenn es sich um Arbeiten von
Andy Warhol oder Keith Haring handelt, zu denen Schüler/innen dieser
Altersstufe ohnehin einen relativ guten Zugang haben. Im Zusammenhang mit
Tontrennung und Schablonengraffiti kann auf die Serigrafien Andy Wathols
sowie den britischen Künstler Banksy eingegangen werden. Die
bildkünstlerischen Arbeiten von Keith Haring und Jean-Michel Basquiat - beide
ehemals illegal in der New Yorker Graffiti-Szene tätig - sollten als Sonderfall der
Graffitikunst thematisiert werden. Im Kontext der Analyse von Sprayzeichnungen
und als Beispiel für staatliche Verfolgung illegalen Sprayens kann schließlich
das Werk Harald Naegelis (des Sprayers von Zürich) problematisiert werden.
Spätestens hier zeigt sich, dass Graffiti auch ein Unterrichtsthema sind, das
Facetten aufweist, die vertieft im Kunstunterricht der Sekundarstufe II behandelt
werden sollten. Das gilt natürlich nicht nur für die Auseinandersetzung mit
Werken der bildenden Kunst, sondern z.B. auch für die Entwicklung
eigenständiger, komplizierter Schriftzüge (Styles) und figurativer Darstellungen
(Characters).

*) Erstaunlicherweise erfreute sich eine Reihe der Materialien und Arbeitsblätter so großer Beliebtheit, dass
sie sowohl schulintern als auch schulextern von Jugendlichen gesammelt, kopiert, gescannt, getauscht und
sogar "gehandelt" wurden. Das ist kein Beweis für die Qualität, wohl aber ein Beweis für die Faszination, die
mit dem Phänomen 'Graffiti' verbunden ist. An bestimmten der hier vorgestellten Materialien zeigten sich
auch geübte, fast erwachsene Sprayer interessiert, so etwa an den Checklisten zu Gestaltungsmitteln von
Graffiti i.e.S. oder an Alphabeten, die als Vorlagen oder Ausgangspunkt für das Style Writing dienen können

Zwecks Anschauung werden dieser Veröffentlichung exemplarisch ausgewählte,


kurz kommentierte Schülerarbeiten aus dem Kunstunterricht der Sekundarstufe I
beigefügt (Kap. 6 und 8 sowie z. T. 9 und 10). Eine rasche Orientierung über
das graffitispezifische Vokabular kann das in Kapitel 12 abgedruckte Glossar
liefern, das auch im Kunstunterricht - ggf. auf die wichtigsten Fachwörter
reduziert - eingesetzt werden kann. Wer sich vertieft mit bestimmten
Sachaspekten des Themas 'Graffiti' beschäftigen möchte, findet in der
umfangreichen Literaturliste (Kap. 13) sicher einige Anregungen.

Aus Platzgründen wird in dieser Veröffentlichung auf Unterrichtshinweise


verzichtet, die sich auf die Vermittlung einiger Sachinformationen, wie sie in
Kap. 4 zu finden sind, beziehen oder auf fächerübergreifende Aspekte
rekurrieren. Über den Kunstunterricht i.e.S. hinausgehende recht gute
Anregungen zu Spurensuche/Dokumentation von Graffiti, Herstellung eines
Graffiti - Stadtplans, Pro-und-Contra-Streitgesprächen zu Graffiti, Simulation
einer Gerichtsverhandlung, Produktion von Rap - Musik u.ä. finden sich an
anderer Stelle. *)
*) Vgl. hierzu insb. Hiltrud Schulze-Mäuerle / Hermann Schulze: Graffiti. Projektideeen für einen
fächerübergreifenden Unterricht über ein nichtalltägliches Thema. Lichtenau - Scherzheim, 1994.

3 ALLGEMEINES

3.1 Zum Begriff 'Graffiti' 10

3.2 Bildsorten 11

3.2.1 Überblick 11

3.2.2 Spruchgraffiti 11

3.2.3 Graffiti i.e.S.: Tags und Pieces 12

3.2.4 Sprayzeichnungen 13

3.2.5 Schablonengraffiti 13

3.3 Historische Bezüge 14

3.1 ZUM BEGRIFF 'GRAFFITI'


• Der Ausdruck 'Graffiti' hängt zusammen mit dem italienischen Wort
'sgraffiare' und dem griechischen Wort 'graphein' (= schreiben).
• 1967 wird der Begriff 'Graffiti' von dem Amerikaner Robert Reisner ins
Englische eingeführt. Obwohl die Einzahl 'Graffito' und lediglich die
Mehrzahl 'Graffiti' lauten müsste, wird der Ausdruck 'Graffiti' im
Deutschen sowohl für die Einzahl als auch für die Mehrzahl gebraucht.
(Umgangssprachlich wird im Deutschen als Plural 'Graffitis' verwendet.)
• Bei dem Ausdruck 'Graffiti' handelt es sich um einen schillernden Begriff,
dessen Bedeutung sehr weitreichend ist: Die Bedeutung reicht von
illegalen Wandbeschriftungen und Wandbebilderungen, die gezeichnet,
gemalt oder gesprüht sein können, bis hin zur legalisierten Form (z.B. in
Auftrag gegebenen Wandbildern).

• Am häufigsten findet der Begriff 'Graffiti' für legale und illegale


Beschriftungen Verwendung, die mittels Filzmarker oder Farbspraydose
hergestellt werden. Zu diesen American Graffiti (Graffiti i.e.S.) gehören
Tags und Pieces (Style Writing und Characters).
• Für Graffiti auf Leinwand, die auch für den Kunstmarkt produziert werden,
wird der Ausdruck 'Post Graffiti' benutzt.

3.2 BILDSORTEN

3.2.1 ÜBERBLICK
Graffiti lassen sich generell in folgende Bildsorten unterteilen:

• Spruchgraffiti
• Graffiti i.e.S. (American Graffiti)
o Tags
o Pieces (Style Writing, Characters)
• Sprayzeichnungen
• Schablonengraffiti

3.2.2 SPRUCHGRAFFITI

Anonym, Erinnerungsgraffiti, Bremen


Spruchgraffiti werden als Schreib- oder Druckschrift auf Wänden, Zäunen und -
je nach Inhalt - an allen möglichen Orten angebracht (z.B. Toiletten,
Gefängniszellen, Parkbänken, Baumrinden, Schülertischen, Hauswänden).

• Spruchgraffiti unterscheidet man in:


o Wortspiele
o Nonsenssprüche
o Erinnerungsinschriften
o Politgraffiti
o Graffiti bestimmter Bewegungen (z.B. Frauenbewegung).
• Spruchgraffiti weisen einen starken Bezug zur Alltagssprache auf und
können auch verkürzt als einzelne Buchstaben (z.B. Initialen) oder
Bildzeichen (z.B. für Liebe oder für Anarchie) dargestellt
werden.
• Spruchgraffiti nutzen häufig die doppelte Bedeutung von Wörtern. Neben
dem Zitieren von Slogans und Parolen werden auch bekannte "Sprüche"
umformuliert und rufen dadurch bei den LeserInnen Überraschung,
Schmunzeln oder Ärger hervor.
Um zum Mitdenken anzuregen, werden Spruchgraffiti häufig als Frage
formuliert.
Oft kommen auch Reime vor, Gedichte selten.

3.2.3 GRAFFITI i.e.S.: TAGS UND PIECES

Schüler, KI. 9/10 (Hauptschule, Gymnasium), Piece "WIS", Bremen

Graffiti i.e.S. (American Graffiti, vgl. hierzu auch die ausführliche Darstellung in
Kap. 4) lassen sich nach verschiedenen Kriterien untergliedern. Legt man das
Kriterium der Herstellungsweise (schnell, besonders häufig oder nicht)
zugrunde, lassen sich Bildsorten wie Tags, Throw Ups und Quick Pieces, die
zum Bombing gehören, von solchen unterscheiden, die mit größerem Aufwand
und zumeist besonderem künstlerischen Anspruch hergestellt werden und daher
weniger vorfindlich sind. Dazu gehört die ganze Vielfalt von Master Pieces,
seien es solche auf Zügen (z.B. Window Downs oder Whole Trains), auf Mauern
und Wänden (Murals) oder auf Leinwand (Post Graffiti). Charakteristisch für
Graffiti i.e.S. sind die spezifische Gestaltung von Buchstaben (Style Writing) und
Figuren (Characters) sowie die Verwendung von Sprühfarbe und breiten
Filzstiften.

3.2.4 SPRAYZEICHNUNGEN

Anonym, Sprayzeichnung (Character),


Bremen

• Sprayzeichnungen sind figurative, abstrahierte, lineare Zeichnungen, in


denen die Linien zumeist als Konturen oder Bewegungsspuren gesetzt
werden.
• Die wohl berühmtesten Sprayzeichnungen stammen vom sog. Sprayer
von Zürich (Harald Naegeli, vgl. Kap. 11.5), der seine künstlerische
Technik als "Zeichnen mit der Spraydose" bezeichnet.
• Von den Sprayzeichnungen lassen sich vielfältige Bezüge zu anderen
bildkünstlerischen Äußerungen herstellen, so z.B. zu den steinzeitlichen
Petroglyphen, wie sie etwa auf Dolmen in Schweden zu finden sind, zum
anderen aber auch zu vielen verschiedenen Karikaturen.
3.2.5 SCHABLONENGRAFFITI

• Schablonengraffiti sind Graffiti, die mittels Schablone(n) hergestellt


werden und die eine holzschnittartige Wirkung haben. Sie basieren häufig
auf dem Tontrennungsverfahren (vgl. Kap. 9).
• Schablonengraffiti gestatten die relativ schnelle Vervielfältigung und
Verbreitung desselben Bildmotivs bzw. einer verbalen Botschaft.
• Schablonengraffiti werden nach 1980 von dem Franzosen Blek le Rat
(Xavier Prou, Kap.10.1) in die Street Art eingeführt und rufen zuerst in
Paris, dann in ganz Frankreich eine Schablonengraffiti - Bewegung
hervor.
• Von Frankreich ausgehend breiten sich Schablonengraffiti über ganz
Europa aus. In England werden sie insb. durch den Street-Art-Künstler
Banksy verbreitet.

Das wohl bekannteste Schablonengraffiti ist die "Banane" des sog.


Bananensprayers (Thomas Baumgärtel), der insb. in Köln aktiv ist.

• Anstelle des Begriffs 'Schablonengraffiti' benutzt man auch die


Ausdrücke 'Serigraffiti', 'Pochoir' und 'Stencil Graffiti' (vgl. zu dieser
Bildsorte insb. Kap. 10).

Schüler, Kl.9/Realschule, Schablonengraffiti, Bremen

3.3 HISTORISCHE BEZÜGE

Graffiti weisen vielfältige historische Bezüge auf. In diesem Zusammenhang sind


z.B. stichwortartig zu nennen:

• steinzeitliche Ritzzeichnungen (Petroglyphen) auf Dolmen


• Tonscherben im antiken Athen, auf denen Anklage gegen jedermann
erhoben werden konnte
• spätrömische christliche Pilgergraffiti in Sakralbauten
• Polemiken auf dafür freigegebenen Wänden in der Renaissance
• Sgraffiti an Profanbauten der Renaissance
• Graffiti in Bordellen und Tavernen, wie sie auf Tafelbildern seit der
Renaissance abgebildet sind
• politische Graffiti an Wänden und Zäunen, aber auch an Rathaus- und
Kirchenfassaden während der Französischen Revolution und der
Revolution von 1830 in Frankreich, wie sie auf zeitgenössischen
Lithografien abgebildet sind
• Durchhalteparolen im Dritten Reich (z.B. auf Zügen)
• Wandzeitungen im revolutionären China
• Bezüge zur modernen Kunst: Heinrich Zille, George Grosz, Francis
Picabia, Jean Dubuffet, Antoni Tapies, Ben Vautier, Timm Ulrichs, Neue
Wilde, Cy Twombly, Keith Haring, Jean-Michel Basquiat u.a.

4 GRAFFITI im engeren Sinn

4.1 Graffiti ab 1970: New York 15

4.2 Graffiti ab 1980: Europa 17

4.3 Tags 18

4.4 Pieces 20

4.5 Graffiti und Style 21

4.6 Characters 23

4.7 Herstellungsverfahren 25

4.7.1 Wie ein Graffiti entsteht 25

4.7.2 Hinweise zu Dosen, Caps, Markern und "Killern" 27

4.8 Graffiti und Identitätsfindung 29

4.9 Zentrale Motive der Graffiti-Bewegung 31

4.10 Mädchen in der Graffiti-Szene 34

4.11 Illegale Graffiti und die juristischen Folgen 35


4.1 GRAFFITI AB 1970: NEW YORK

• Graffiti *) entstehen als suburbane Jugendkultur zu Beginn der 70er Jahre


in den New Yorker Stadtteilen Bronx, Brooklyn und Queens.

• *) Wenn im weiteren von 'Graffiti' die Rede ist, so sind damit Graffiti i.e.S. gemeint. Zur
Geschichte von Graffiti vgl. die in der Literaturliste aufgeführten Veröffentlichungen von
Grünewald, Schütz, Schwarzkopf und Stahl.

• Zunächst sind Graffiti auf das massenweise Schreiben von Tags


(Decknamen) beschränkt. Die ersten mit Filzstiften hergestellten Tags sind
bereits in den späten 60er Jahren in New York City zu verzeichnen: 1968
beginnt Julio 204, in Manhattan im Verlauf von zwei Jahren eher
unauffällig mit einem dünnen schwarzen Filzstift an immer neuen Orten
seinen Namen anzubringen. (204 ist die Nummer der Straße, in der er
wohnt.) Er findet einen Nachahmer in Taki 183, der nach seiner Schulzeit
als Bote arbeitet und seine Tags auch außerhalb seines Stadtteils
anbringt. Taki 183 wird bekannt durch ein Interview in der New York Times
vom 21. Juli 1971. Dieser Artikel zieht eine Welle des Taggens (Bombens)
nach sich.
• Schon bald wird es in New York immer schwieriger, überhaupt noch
aufzufallen. Deshalb werden die Signaturen immer kunstvoller und
komplizierter gestaltet. 1972 wird bereits das erste Masterpiece durch den
Writer Super Kool gesprüht.
• Zu Beginn der 70er Jahre werden auch die ersten Writing Gangs
gebildet, d.h. Zusammenschlüsse von Writern, die z.T. auch zur Gewalt
neigen. Daraus entwickeln sich später die Crews, die sich hauptsächlich
dem organisierten Train Bombing widmen und die durch eine klare
Gruppenhierarchie und ein starkes Gruppengefühl gekennzeichnet sind.
Während Kings und Fortgeschrittene für die kreative Arbeit zuständig sind,
überlässt man Toys (Anfängern) einfachere Arbeiten, z.B. das Ausfüllen
größerer Flächen.

• 1973 beginnen die Style Wars, friedliche Wettkämpfe einzelner Writer und
Crews um die besten Graffiti. Der Writer Pistol II verwendet als erster
Bubble Letters; die Writer Priest 167 und Pistol I führen als erste 3 D -
Effekte in die Pieces ein. Bis 1974 bilden sich regionale Stilrichtungen
heraus, so etwa der Bronx - Style, der Manhattan - Style und der Brooklyn
- Style.
• 1973 oder 1975 wird der erste Whole Car, ein ganzer U-Bahn - Waggon,
gesprüht.
• 1973 erscheint auch das Buch "Aufstand der Zeichen" von Jean
Baudrillard. Im Gegensatz zu Norman Mailer, der sich auch mit dem
Phänomen 'Graffiti' auseinandersetzt, schreibt Baudrillard den Sprayern
als Motiv unterschwellige politische Rebellion zu. Vorrangig sind Graffiti
aber wohl ein (illegales) Mittel, um "berühmt" zu werden und die Stadt zu
"verschönern". Das Anbringen von Tags und Pieces auf Zügen entspringt
dem Wunsch, seinen Namen durch die ganze Stadt zu tragen und an sich
vorbeiziehen zu sehen. Die Ausweitung des "Hoheitsgebiets" (Turfs) der
Crews, d.h. das Aufsuchen immer entlegenerer Orte zum Anbringen der
Graffiti, wird zu einer Art Wettbewerb/Sport.
• 1976 wird aus Anlass der 200 - Jahr - Feier der USA der erste Whole
Train gesprüht, ein kompletter U-Bahn - Zug mit elf Wagen, der den
Namen "Freedom Train" erhält.
• Das Anbringen von Graffiti auf Zügen führt zu scharfen Polizeiaktionen:
Die Betriebshöfe der New Yorker U-Bahn werden mit doppeltem
Stacheldraht und Schäferhunden gesichert. Polizeiaktionen, Säuberungen
der Züge und das Anti - Graffiti - Gesetz haben zunächst wenig Erfolg.
(Erst mit Beginn der 90er Jahre zerbricht nach ca. fünfzehn Jahren Kampf
durch die Betreiberfirma der New Yorker Metro (MTA) in Zusammenarbeit
mit der Polizei (Vandal Squad) die New Yorker Zug - Writer - Szene.)
• Zunehmend verlagern sich die Graffiti von Zügen auf Wände, auch
bedingt durch bezahlte Auftragsarbeiten, z.B. die Gestaltung von
Geschäften.
• Bereits 1973 finden die ersten Block Parties in Harlem, Brooklyn und der
Bronx mit dem DJ Kool Hero statt. Hier werden die Grundlagen für
Scratching, Rap und Breakdance gelegt. Die ersten Auftritte von MCs,
Masters of Ceremony, also Jugendlichen, die rhythmischen Sprechgesang
vortragen, sind zu verzeichnen. Später wird die Graffiti Hall of Fame
gegründet, in der auch Hip Hop - Veranstaltungen durchgeführt werden.
• Die Schulhöfe in der Bronx werden für Graffiti freigegeben.
• Gegen Ende der 70er Jahre hat sich das stufenweise Sprühen von Pieces
etabliert.
• Um 1980 setzt ein Umschwung ein: Graffiti werden salonfähig; Rap und
Breakdance bestimmen den modischen Zeitgeist. Es entstehen Graffiti auf
Leinwand, sog. Post Graffiti, die in kommerziell orientierten Galerien in
New York, wie Fashion Moda, Fun Gallery, Tony Shafrazi u.a., ausgestellt
werden.
• Manche Post Graffiti erzielen sensationell hohe Preise. Ab 1984 fällt der
Boom im Kunsthandel nach und nach in sich zusammen. Nur wenige
Künstler können zeitweilig von ihren Arbeiten leben, z.B. Mash, Daze,
Seen, Blade, Crash und Rammellzee.
• Durch die Vermittlung von Crash (John Matsos, geb. 1961) erhalten
Graffiti - Künstler Kontakt zur New Yorker Kunst - Szene, z.B. zu Keith
Haring und John Fekner.
4.2 GRAFFITI AB 1980: EUROPA

• Um 1980 greift die Graffiti - Bewegung auf Europa über. Die Jugendlichen
identifizieren sich mit den Helden des New Yorker Untergrunds. Das
drückt sich in der Orientierung an deren Bildstilen, Musik und Kleidung aus
sowie in der Übernahme der Sprache (des Fachjargons).
• Von folgenden Filmen und Buchveröffentlichungen werden die
Jugendlichen besonders beeinflusst:

1982: Charlie Ahearns Dokumentationsfilm "Wild Style"

1984: Harry Belafontes Film "Beat Street"

1985: die Fernsehreportage "U-Bahnbilder und verrückte Beine"

1984: Henry Chalfants und Martha Coopers Bildband "Subway Art"

1987: Henry Chalfants und James Prigotts Bildband "Spraycan Art"

ferner: Henry Chalfants und Tony Silvers Dokumentationsfilm "Style Wars".

• Als Wiege des europäischen Graffiti kann Amsterdam gelten, gefolgt von
London und Paris.
• In Deutschland sind Dortmund (wegen seiner Nähe zu Amsterdam von
dort beeinflusst) und München die ersten Graffiti - Metropolen, gefolgt von
Berlin, Hamburg, Köln, Mainz und Heidelberg.
• 1984 wird erstmals in Europa ein Zug besprüht, und zwar in Wien. Im
selben Jahr wird in München die erste S-Bahn von Cheech H bemalt. Die
(Bahn-) Polizei bildet Sonderkommissionen (SOKOS); die Angaben über
die Aufklärungsrate der "Sachbeschädigungen" schwanken zwischen 30
und 80 %.
• 1985 führt Blek le Rat in Paris das Schablonengraffiti (Pochoir) in die
Street Art ein, eine Technik, die von Sprayern in anderen Städten
übernommen wird, z.B. vom Bananen - Sprayer in Köln.
• Im Oktober 1986 wird in München die Euro - Graffiti - Union (EGU)
gegründet, die legale Graffiti - Aktionen, Ausstellungen, Kurse und
Workshops durchführt.
• Ab 1988 gehen die Writer innerhalb Europas zunehmend auf Reisen. Sie
tauschen Fotos aus und organisieren gemeinsame Vorhaben. Manche
Reisen führen auch in die USA.
• 1988 erscheint in Holland das erste Graffiti - Magazin unter dem Titel
"Bomber". Es handelt sich dabei um eine einfache Zettelsammlung in
Schwarzweiß. In der Folgezeit wird das erste farbige Graffiti - Magazin
Europas mit dem Namen "On The Run" in München herausgebracht. Die
vielen, von den Writern selbst produzierten Magazine fördern den
Austausch von Stilen, Motiven und Techniken. Mittlerweile verbreiten viele
Writer ihre Arbeiten weltweit über das Internet.
• Mit der Zeit entstehen in Deutschland spezifische Stadt - Szenen.
Deutschlands wichtigste Style - Metropole ist unbestritten Berlin. Hier
entwickeln sich die Graffiti zunächst in der Hausbesetzerszene, deren
Autonomiebestrebungen sich auf Transparenten und in Wandmalereien
äußern. Als größte "Freiluftleinwand" der Welt kann die Berliner
Mauer gelten, an der wegen ihrer Bekanntheit stets ein großer
Andrang von Sprayern herrscht und die innerhalb von ein paar
Jahren mehrfach übermalt wird. Ab Februar 1990 werden die
abgetragenen Mauersegmente verkauft bzw. versteigert und erzielen
Preise bis zu 50.000 DM. Im Bereich des Style Writings sind die Writer in
Berlin vor allem um eine Weiterentwicklung des New Yorker Wild Styles
bemüht.

o In Dortmund fällt die Quantität an Graffiti auf. Neben Tags finden


sich vor allem

Silberbilder und Graffiti im relativ einfachen Dortmund - Style, der


durch die Verwendung von eckigen, klaren Buchstaben
gekennzeichnet ist.

o In Hamburg herrscht ebenfalls lange Zeit ein recht einfacher Stil


(Simple Style) vor. Mittlerweile sind alle Richtungen vertreten: von
einfachen Streetbombing Styles bis zu aufwendigen
Konzeptwänden.
o München hat keinen typischen Stil hervorgebracht. Streetbombing
mit Tags und Throw Ups spielt eine untergeordnete Rolle.
Auffallend sind bemalte S-Bahn - Züge, großformatige legale
Wandmalereien und Hall of Fames.
o Andere Städte in Deutschland haben weniger eine spezifische
Stadt - Szene entwickelt. Hier sind einzelne Writer bekannt
geworden, so z.B. auch in Bremen. Die neuen Bundesländer spielen
für die Graffiti - Bewegung zunehmend eine übergeordnete Rolle.

• In Europa ist das Interesse der Kulturindustrie an Graffiti/Post - Graffiti


länger anhaltend als in den USA. Es erfolgen auch Ankäufe durch
europäische Museen und Kunstsammler sowie zahlreiche Ausstellungen:
1982: Graffiti - Künstler nehmen an der documenta 7 in Kassel teil.

1984: Graffiti - Künstler stellen im Rahmen der Biennale in Venedig aus. Sie
sind auch auf den Kunstmessen Art Cologne in Köln und Art in Basel
vertreten.

1982 - In verschiedenen europäischen Museen erfolgen Ausstellungen, so in


1991: Rotterdam, Hannover, Bonn, Aachen, Düren, Ludwigshafen, Paris und
Groningen.

• Dem New Yorker Vorbild folgend arbeiten viele Graffiti - Künstler auch als
ihre eigenen Designer. So stellen sie z.B. Entwürfe für T-Shirts und
Gebrauchsgegenstände her.

4.3 TAGS
• Tags stellen die Urform von Graffiti i.e.S. dar, aus der sich alle anderen
Formen des American Graffiti entwickelt haben. Sie weisen als Signaturen
- Graffiti eine gewisse Nähe zu Spruchgraffiti auf. Bei Tags handelt es sich
um die persönliche Signatur, den Namensschriftzug eines Writers oder
einer Crew. Tags sind Deck-, Spitz- oder Künstlernamen (Writing Names),
die zuweilen durch Zahlen, z.B. Straßen- oder Hausnummern, ergänzt
werden. Der Ausdruck 'Tag' leitet sich ab von engl. to tag = anheften,
bezetteln, verbrämen.
• Tags werden zumeist mittels breitem Filzstift (Magic Marker) oder
Farbspraydose mit feinem Sprühaufsatz (Skinny Cap) schnell und häufig
und fast immer illegal an Wänden und Zügen angebracht. Tags sind 5 - 15
cm hoch und einfarbig. Die Tag - Schrift ist keine Schreibschrift, sondern
eine flüssig geschriebene Druckschrift, deren einzelne Buchstaben so
stilisiert werden, dass das Schriftbild ornamentalen Charakter erhält. Die
Buchstaben werden eng aneinandergesetzt, überschneiden sich nur
geringfügig, weisen z.T. unterschiedliche Strichstärken auf und fransen
am Ansatz bzw. Ende aus. *) Die Standlinie der Buchstaben ist mehr oder
minder bewegt. Aufgrund ihrer starken Stilisierung sind Tags in der Regel,
insb. von Ungeübten, schwer zu entziffern.

*) Vgl. Hiltrud Schulze - Mäuerle/Hermann Schulze: Graffiti. Projektideen für einen


fächerübergreifenden Unterricht über ein nicht alltägliches Thema. Lichtenau - Scherzheim,
1994, S.50 f.
Anonym, Tags, Bremen

Tags werden durch ständige Wiederholung von ihren Urhebern "blind"


beherrscht. Sie dienen dazu, ein Territorium zu markieren und anderen Taggern
zu signalisieren: Ich war hier. So gesehen sind Tags die häufigste Form des
Erinnerungsgraffitis.

• Signaturen - also auch Tags - verweisen auf die Individualität eines


Menschen; sie sind Ausdruck von Selbstwertgefühl und Urheberschaft,
gleichsam eine Art Gütezeichen. In ihrer ornamentalen Ausprägung und
wegen ihres massenhaften Anbringens an Wänden und Zügen erinnern
Tags an Beschwörungsformeln.
• Man unterscheidet verschiedene Sorten von Tags: Als Inside
Tags bezeichnet man Tags, die innerhalb eines S- oder U-Bahn -
Waggons angebracht werden. Outside Tags werden während der Fahrt an
die Außenwand des Zuges geschrieben. Crazy Tags sind solche, die sich
an besonders schwer zugänglichen Stellen, etwa in großer Höhe,
befinden. Unter Cartagging versteht man das illegale Anbringen von Tags
auf Autos, zunächst auf Lastwagen, ab 1990 insb. in Basel auch auf
Luxuslimousinen.
• Eine Abwandlung von Tags stellen Charactags dar. Anstelle von
Schriftzeichen werden figurative Elemente benutzt, so dass
characterähnliche Strichzeichnungen entstehen.
• Tags sind die Bildsorte, die Graffiti bei breiten Bevölkerungsschichten
besonders in Verruf gebracht und dazu geführt haben, dass Graffiti
vielfach mit Kritzeleien, Schmierereien und Vandalismus gleichgesetzt
werden. Tagger sind heute häufig sehr junge "Graffiti - Einsteiger" oder
"Mitläufer". Sie beschränken sich oft auf das rasche Hinterlassen auch
schlecht gestalteter und technisch dürftiger "Duftmarken", weil ihr Können
zur Anfertigung von aufwendigen Pieces nicht ausreicht. Von Ausnahmen
abgesehen kommt es Taggern weniger auf die künstlerische Qualität an
als auf Quantität in Verbindung mit dem Umstand, bei ihrer fast
ausschließlich illegalen Tätigkeit "nicht erwischt zu werden". Um dem
Zugriff der Polizei zu entgehen, wechseln Tagger öfter ihr Tag. Seit einiger
Zeit werden Tags auch auf Klebefolien geschrieben und dann an
Hauswänden, Wartehäuschen, Laternenpfählen u. ä. angebracht, von
denen sie rückstandsfrei wieder abzulösen sind.

• Mit Tags werden auch großformatige Pieces signiert. Hersteller von


Pieces werben zudem durch das Anbringen von Tags für sich oder für ihre
Crew.
• Writer mit Anspruch haben ein unterschiedliches Verhältnis zu Tags.
Traditionsbewusste Writer, denen die Erinnerung an die Entstehung von
Pieces aus dem Bombing von Tags wichtig ist, befürworten Tags: "Wenn
Du die Tags wegläßt, dann verleugnest Du Graffiti. Das gehört doch
zusammen, Pieces und Tags."*) Andere, die eher daran interessiert sind,
mit aufwendigen Bildern Akzeptanz in der Bevölkerung zu finden, lehnen
das Taggen ab: "Die Tags sind für die Leute eher Schmierereien, und
damit verderben sich die Writer den Ruf."**)

* ) Zit. Mason in: Oliver Schwarzkopf (Hg.): Graffiti Art 1. Deutschland - Germany. Berlin, o.J., S.16.
**) Zit. Caleb in: Schwarzkopf, ebd.

4.4 PIECES
• Geht es eigentlich bereits bei den Tags um stilvolles, schönes Schreiben,
so gilt dieses verstärkt für die großformatigen, farbigen Bilder (Pieces), die
sich nach und nach aus den Tags entwickelt haben. Als Schrift - Bilder
stellen sie in der Regel einen in einer bestimmten Stilrichtung künstlerisch
gestalteten Schriftzug dar. Dieser Schriftzug gibt meistens den Writing
Name eines Sprayers oder einer Crew wieder, zuweilen auch ein Wort
oder einen Slogan. Wenn die Zeit, in der das Piece hergestellt wird, es
erlaubt, wird der Schriftzug durch schmückende Bildelemente (z.B. Gags,
Designs) und manchmal durch figurative Elemente (Characters) ergänzt.
Schrift - Bilder dieser Art werden am treffendsten unter dem Begriff 'Style
Writing' zusammengefasst.
• Zuweilen wird heute jedes großformatige Wandbild als 'Piece' bezeichnet.
Zumeist wird der Ausdruck 'Piece' aber für Schrift - Bilder und Characters
reserviert. Typische Graffiti - Pieces sind zu unterscheiden nach
o der zeitlichen Dauer ihrer Herstellung (z.B. Throw Up, Quick Piece,
Master Piece)
o dem Ort, an dem sie sich befinden (z.B. Mural, Train, Whole Car,
Post Graffiti)
o der stilistischen Ausprägung (z.B. Simple Style, Wild Style)
o der Technik (z.B. Free Style).

• Wie Tags, so werden auch Throw Ups und Quick Pieces schnell
produziert und sind von daher dem Train bzw. Street Bombing
zuzurechnen. Throw Ups (auch kurz T- Ups) bestehen aus einem
Schriftzug, dessen Buchstaben mit ein oder zwei Farben gesprüht sind.
Die Outline wird nur einmal schnell gezogen; auf gleichmäßig gefüllte
Flächen und aufwendige Designs wird verzichtet. Allenfalls erscheint das
Fill In als Schraffur. Quick Pieces stellen eine Weiterführung der Throw
Ups dar. Die Outline wird recht sorgfältig gezogen; das Innere der
Buchstaben wird einfarbig flächig gefüllt. Throw Ups und Quick Pieces
können sowohl auf Zügen als auch auf Wänden erscheinen. Das gilt auch
für Silver Pieces, Bilder mit schnell gesprühten Outlines in Schwarz, Blau,
Rot, Grün oder Silber und einem Fill In in Silber.
Master Pieces herzustellen, dauert natürlich sehr viel länger.
• Graffiti auf U-Bahn-, S-Bahn- und Nahverkehrszügen, z.B. den Steeltrains
der Deutschen Bahn AG, lassen sich nach Umfang bzw. Größe
untergliedern: vom vergleichsweise kleinen Panel Piece bis zum Whole
Train mit bis zu acht Waggons. Im einzelnen sind zu unterscheiden:
o Panel Piece (auch Window Down): Piece, das unterhalb der Fenster
zwischen zwei Türen eines Zugwagens verläuft

o Top-To-Bottom (T-TO-B, T-2-B): Piece, das die ganze Höhe eines


Wagens einnimmt
o Whole Car (auch T- 2-B -Whole Car): Piece, das über die ganze
Länge und Höhe eines Wagens verläuft; wird der Wagen von einer
einzelnen Person bemalt, spricht man von One Man Whole Car
o End-To-End (E-TO-E, E-2-E): Piece, das unterhalb der Fenster über
die ganze Wagenfront eines Zuges verläuft
o Two Car (2-Car, auch Worm): Piece, das über zwei Wagen eines
Zuges verläuft
o Whole Train: Piece, das ein oder beidseitig über die ganze Länge
und Höhe eines Zuges verläuft; Whole Trains werden von Crews
hergestellt und sind selten. (Pieces auf Zügen setzen sich vielfach
aus Teilpieces (einzelnen Writing Names) zusammen.)
• Bei Wandbildern (Murals) gibt es bis auf die bisher genannten wenig
Unterscheidungen. Wird ein Piece an einer hochgelegenen Stelle, z.B.
einem Dachgiebel, angebracht, spricht man von einem Roof Top.
• Pieces auf Leinwand, die zumeist für den Kunstbetrieb hergestellt werden,
bezeichnet man als Post Graffiti.

4.5 GRAFFITI UND STYLE


• Wie etwa für die Jugendstilkünstler, so gilt im Grunde auch für die Graffiti -
Maler, dass ihr bildkünstlerisches Tun durch ein "Stilwollen"
gekennzeichnet ist; sie schaffen Werke, denen eine gewisse Stilidee
gemeinsam ist. Stil ist der künstlerisch gestaltete Ausdruck einer inneren
Haltung. "(...) aus ihm und in ihm wird deutlich, wie der Mensch, wie das
Ich sich in der Welt fühlt." * ) Dieses Lebensgefühl ist es, das die Writer
generell eint: Swing, Rhythm, Action, Spannung, Risiko, Coolness, Getting
Up, aber auch Brotherhood, Respect und die Tendenz zur Gewaltlosigkeit.
• Stil (Style) manifestiert sich im (bewussten) kontinuierlichen Gebrauch
spezifisch ausgeprägter bildnerischer Gestaltungsmittel bzw. bildnerischer
Elemente. Wie in allen Werken der projektiven Bildnerei werden auch
beim Style Writing die hauptsächlichen bildnerischen Elemente Punkt,
Linie, Fläche, Farbe, Form, Tiefe (Raum) und Komposition wirksam. Sie
finden Anwendung in stilistisch unterschiedlich ausgeprägten Graffiti -
Pieces.
• Jede Ausschmückung steigert den ornamentalen Charakter von
Buchstaben und Schriftbild. Das gilt auch für das Style Writing, sei es nun,
dass einzelne Bestandteile des Buchstabens ornamental umgebildet und
Buchstaben auf spezifische Weise zusammengefasst werden
(ausgeschmückter Verlauf der Outlines, Abb. A), sei es, dass das Innere
des Buchstabengerüsts mit Ornamenten versehen wird (ausgeschmücktes
Fill In, Abb. B) oder dass im Hintergrund lineare oder gegenständliche
Formen angebracht werden (ausgeschmückter Background, Abb. C).

*) Zit. Wilhelm Rüdiger: Stichwort 'Stil'. In: Kindlers Malerei Lexikon. Band 14: Begriffe II, hrsg. von
Kurt Fassmann, München, 1985, S. 280 - 282, hier S. 282.
Innerhalb des Style Writing kann man, wie bei jedem Zeitstil, Regionalstile, etwa
städtetypische Stile, und Individualstile ausmachen. Zu bekannten Styles zählen
u.a.:

- Old School: ein relativ einfacher Stil aus den Anfängen der Graffiti - Zeit

- Brooklyn - Style: ein früher, in New York entwickelter Stil mit fließenden Buchstaben und
Ausschmückungen, der maniriert wirkt

- Bubble Style: ein Stil mit blasenartig aufgeblähten Buchstaben, entwickelt von dem New
Yorker Writer Phase 2

- Bombing Style: ein Stil mit großflächigen, kräftigen, schwungvollen Buchstaben, in dem sich
die beim illegalen Arbeiten (Bomben) notwendige Schnelligkeit zeigt

- Wild Style: ein Stil, dessen Buchstaben ineinander verschachtelt und so ausgeschmückt
sind, dass das Schriftbild für den Ungeübten nicht mehr zu entziffern ist

• Gute Writer legen immer auf die Entwicklung eines eigenen Stils Wert. So
gelingt es ihnen am besten, ihre Eigenart auszudrücken und ihre
"Konkurrenten" zu übertreffen. So wie sich regionale, städtetypische
Styles auch überregional auswirken können, so gelingt es manchen
Writern, national und international stilprägend zu sein. Sie werden zu sog.
Stylern. Ein solcher Styler ist z.B. Bando (geb. 1965 in London), der in
Paris lebt und zu den wichtigsten Writern Europas zählt. Er hat die
französische Street Art mit seinem Bando - Style beeinflusst, der durch
Anbringen winziger Pfeile und die Überproportionierung einzelner
Buchstaben gekennzeichnet ist.
• Einen eigenen Stil zu entwickeln, ist nicht gleichbedeutend mit völliger
Neuartigkeit. Auch wenn neue Bildideen in das Style Writing eingeführt
werden, etwa im Rekurs auf Werke der bildenden Kunst, oder neue
Sprühtechniken erprobt werden,

so werden die "ungeschriebenen Regeln" der Writer - Tradition beachtet.


Diese Gestaltungsregeln sind ein konventionalisierter, aber selten
verbalisierter Besitz der Writer - Szene. Viele Writer sind nicht in der Lage,
ihre künstlerische Produktion nach formal - ästhetischen Kriterien zu
analysieren und wollen dieses auch gar nicht. Zu den wenigen
Ausnahmen gehört der Berliner Sprayer Odem, der inzwischen nicht mehr
aktiv ist:

"Ich versuche, so viel wie möglich aus den Buchstaben zu machen; ich
wollte Style - Grundgesetze, weil mir »is' ja mein Geschmack« zu wenig
war. Buchstabengesetze, Eleganz, Stärke, Schwäche, Angst, Liebe,
Angriffslust, Zerstörung, Schöpfung, all dies sollte in meinen Buchstaben
zu sehen sein, gemischt mit dem traditionellen New York »Rockin'
Groove«. Das Ziel war, der Beste zu sein." *)

• Der eigenständige, kreative Style, der sich in der Überwindung der bloßen
Wiederholung eines konventionellen Zeichenrepertoirs äußert, ist das in
der Szene allgemein akzeptierte oberste Qualitätskriterium für Graffiti
i.e.S. Daneben gibt es einige mehr oder minder fassbare
Qualitätsmerkmale, die sich kaum auf den Inhalt von Graffiti beziehen, der
ja zumeist aus dem Writing Name besteht, sondern auf formal -
ästhetische Spezifika. Dazu gehören:
o ausgewogene Proportionen

o angemessene Schwünge
o angemessene ornamentale Ausgestaltung
o harmonische Farbgebung
o Komposition der Buchstaben, die zu einer harmonischen
Gesamtwirkung des Schriftzugs führt
o sinnvolle Integration von Characters
o präzise Technik
o gelungener Bezug zur Umgebung/zur Wand
o ggf. Leserlichkeit
• Eine notwendigerweise sehr vorläufige Übersicht über den
graffitiimmanenten Einsatz bildnerischer Gestaltungsmittel liefern die
Zeichnungen ab S. 43. Mit diesen Zeichnungen, die nach den
wesentlichen Aspekten des Style Writing, nämlich Outlines, Fill In und
Background, geordnet sind, wird der Versuch unternommen, spezifischen
formal - ästhetischen Mitteln von Graffiti i.e.S. auf die Spur zu kommen.
Da die Zeichnungen auch als Anregungs-, Anschauungs- und
Kontrollmedium für die Nutzung durch die Schüler/innen gedacht sind,
werden sie unter der Überschrift 'Checklisten' an entsprechender Stelle
(Kap. 5.2) wiedergegeben.

4.6 CHARACTERS

• Characters sind ein wesentlicher Bestandteil von Graffiti i.e.S. In der


Regel handelt es sich um figurative, anthropomorphe
(menschengestaltige) Darstellungen. Characters sind in unterschiedlichen
Zusammenhängen vorfindlich:
o als einfach gestaltete Hinzufügung zum Tag (figurative
Strichzeichnung)
o als Charagtag, also als Ersetzung des Tags durch eine vielfach
wiederholte figurative Strichzeichnung
o als figuratives Element eines Graffiti - Pieces (Schrift - Bildes)
o als eigenständiges Piece unter Verzicht auf Schrift.
• Im Allgemeinen werden Characters in Kombination mit dem Style Writing
verwendet. Sie dienen dann dazu, die Form bzw. den Ausdruck der
Buchstaben zu verstärken, also die Aussage des Pieces zu unterstützen
sowie das Lebensgefühl und die Vorlieben des Writers zu verbildlichen.
Grundsätzlich machen Characters ein Piece auffälliger und werten es in
der Regel auf.
• Characters können auf verschiedene Weise mit dem Schriftzug verbunden
werden.

*) Zit: Odem in: Schwarzkopf, a.a.O., S.49.

Sie können innerhalb oder außerhalb des Schriftzugs angeordnet werden.


Sofern Characters in den Schriftzug integriert werden, "umarmen" bzw.
"durchbrechen" sie die Schrift oder ersetzen einzelne Buchstaben (z.B.
Spraydose anstelle des Buchstabens I).

• Innerhalb der Graffiti - Bewegung gibt es neben sog. Style - Spezialisten


auch sog. Character - Spezialisten. Das hat u.a. dazu geführt, dass bei
Teamworks unter den Crew - Mitgliedern eine Art Arbeitsteilung im Sinne
der Verteilung von Zuständigkeitsbereichen stattfinden kann. Da die
Gestaltung von Characters, ebenso wie das Style Writing, eine schwierige,
anspruchsvolle Arbeit ist, gibt es auch Writer, die in ihren Pieces auf das
Malen von Characters ganz verzichten, so wie es Maler gibt, die nur
Character - Pieces, aber keine Schrift - Bilder anfertigen.
• Die ersten Characters sind zusammen mit den Tags in der Anfangsphase
der Graffiti entstanden und weisen noch recht einfache Formen auf. Als
einer der frühen Characters auf Zügen gilt das Strichmännchen mit Joint
von Staigh High 149. Vorbilder für ihre Figuren finden die Writer in
Comicstrips, Fantasy - Büchern, Cartoons, Filmen, Fernsehen und Videos.
Den größten Einfluss auf die Entwicklung von Characters haben sicherlich
Figuren aus Comics: Nicht nur Mickey Mouse, Pink Panther und The
Flintstones finden sich in Graffiti wieder, sondern vor allem auch Figuren
aus Underground - Comics und seit einiger Zeit aus Mangas.
• Seit Mitte der 70er Jahre werden zahlreichen Sprayern durch mehrere
Buchveröffentlichungen die Figuren des berühmten Comic - Zeichners
Vaughn Bodé (1941 -1975) bekannt, z.B. die Figur Cheech Wizard.
Zudem wird Bodés Zeichenstil durch Henry Chalfants Buch "Subway Art"
(1984), das mehrere Beispiele für die Verwendung von Bodé - Characters
zeigt, international verbreitet. Bodés Stil hat bis heute großen Einfluss.
Typische Merkmale seiner Figuren sind kurze Körper in gebogener
Haltung mit langen Beinen und Armen sowie dreieckig geformte Augen.
• Die o.a. Merkmale der Bodé - Figuren finden sich z.T. auch in den sog. B-
Boy Characters wieder. Diese sind mit typischen Accessoires
ausgestattet, wie Baseball - Caps, Baseballschlägern, Basketbällen u.ä.
Sie werden der Einfachheit halber fast immer seitlich dargestellt, mit
klaren Umrisslinien und häufig unter Verzicht auf Abschattierungen.
• In der Gegenwart ist eine große Weiterentwicklung der Characters zu
verzeichnen. Neben solchen, die aus Comics entnommen oder an Comics
orientiert sind, werden eigene Characters entwickelt, wird sogar das
eigene Porträt fotorealistisch in Szene gesetzt.
• Wie die Schrift - Bilder, so sind auch die figurativen Darstellungen von
unterschiedlicher inhaltlicher, formal - ästhetischer und technischer
Qualität. Manche der vorfindlichen Characters, z.B. die meisten B-Boy
Characters, zeichnen sich durch gelungene Abstraktion aus, andere durch
erstaunliches Raffinement, z.B. in Form von Licht- und Schatteneffekten.
Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Reihe von
Characters übermässig aggressiv, brutal oder sexistisch wirken bzw. die
"ästhetische Schmerzgrenze" überschreiten. Dieses gilt vor allem für
Characters, die an Figuren aus Horror - Comics und Horror - Filmen
ausgerichtet sind. In der Graffiti - Szene wird das vermutlich aber anders
beurteilt.
• Die Übersicht in Kap. 7.2 (S. 174), die für die unterrichtliche Nutzung
gedacht ist, gibt die wichtigsten Arten von Characters wieder. Dazu
gehören:
o Comic Characters (z.B. Crazy Comic Characters)

o B-Boy Characters
o Female Characters
o Fantasy Characters (z.B. an Sciencefiction orientiert)
o Monster Characters
o Devil Characters (auch Totenkopf - Characters)
o fotorealistische Characters
o Zitate aus Werken der bildenden Kunst.

4.7 HERSTELLUNGSVERFAHREN
4.7.1 WIE EIN GRAFFITI ENTSTEHT

• Wie Writer auf den Ort, an dem sie sprayen, Bezug nehmen, ist in erster
Linie davon abhängig, ob sie legal oder illegal, auf Zügen oder Wänden
und mit oder ohne Auftrag arbeiten. Legales Sprayen findet im
Allgemeinen auf vorgegebenen Wänden statt, in Ausnahmen auch auf
Bussen von Nahverkehrsbetrieben u.ä. Beim illegalen Arbeiten kann die
Auswahl eines Ortes auf einer bewussten, geplanten Entscheidung
beruhen oder eher spontan und zufällig erfolgen. *)
• Zwischen zielgerichteter Planung und Spontaneität bewegen sich auch die
Überlegungen für die Gestaltung eines Pieces. Der Writer kann einen
Entwurf (Sketch) anfertigen, der unterschiedlich ausdifferenziert wird:
Entweder beschränkt sich der Entwurf auf die Gestaltung der Outlines der
Buchstaben und/oder Characters oder er bezieht sich auch auf das Fill In
und den Background. Häufig wird der Entwurf farbig ausgeführt, zuweilen,
insb. bei Auftragsarbeiten, sogar maßstabgetreu und unter Zuhilfenahme
von digitalen Bildbearbeitungsprogrammen. Es kann auch auf bereits
vorhandene Entwürfe im Entwurfsbuch, dem Blackbook, zurückgegriffen
werden. **)

Entwurf für das PIECE "KEN ONE"


Wird hingegen im Free Style gearbeitet, liegt dem Piece kein Entwurf
zugrunde. Vielmehr entwickelt sich das Konzept "frei" während der
Sprühaktion.

• Bei der Herstellung von Pieces sind solche Untergründe zu bevorzugen,


die nicht so schnell viel Farbe aufsaugen. (Auch von daher ist die
anfängliche Affinität von Sprayern zu U-Bahn-, S-Bahn- und
Nahverkehrszügen zu verstehen, eignet sich doch die nicht-saugende
Oberfläche der Züge ziemlich gut für das Bemalen mit Sprayfarbe.)
Wird ein bereits vorhandenes Piece auf einer Wand übermalt, so
geschieht dieses Going Over durchaus nicht immer aus Missachtung des
anderen Sprayers oder aus Mangel an Wänden. Vielmehr bietet die
bereits besprühte Wand auch einen geeigneten Untergrund, denn sie
"schluckt" weniger Farbe. Wird ein Piece aus diesem Grund übermalt,
spricht man von Backgrounding. So erklärt es sich auch, dass Writer
gestrichene Wände für ihre Arbeit bevorzugen.
Ist genügend Zeit vorhanden oder handelt es sich um eine legale Arbeit,
wird - falls notwendig - die Wand auch mit heller, zumeist weißer
Fassadenfarbe vorgestrichen.
• "Das eigentliche Sprühen der Bilder ist insgesamt nur der Mittelschritt
eines Ablaufes zwischen Planung des Bildes, Erkundung des Ortes
einerseits und Reaktion der Öffentlichkeit andererseits." ***)
Dieser "Mittelschritt" ist zugleich das Kernstück jeder Graffiti - Produktion
und erfordert außerordentlich hohes Durchhaltevermögen und technisches
Können.
• Seit längerer Zeit hat sich bei der Herstellung anspruchsvoller,
aufwendiger Pieces das stufenweise Sprühverfahren etabliert. Die
Gestaltung gliedert sich in folgende Arbeitsschritte:
1. Zunächst werden die Umrisse der Buchstaben und anderer
Bildelemente, z.B. Characters, auf dem Untergrund skizziert. Das
geschieht durch Sprühen der First Outlines.

Sprühen der First Outlines


* ) Größere illegale Vorhaben erfordern das Abchecken der zu ergreifenden
Vorsichtsmaßnahmen, wie das Erkunden von Verstecken und Fluchtwegen, den Einsatz
von Watchmen u.ä.
* * ) Im Blackbook werden eigene Entwürfe und solche befreundeter Writer sowie Fotos,
Zeitungsartikel, Fahrkarten etc. gesammelt. Blackbooks sind in erster Linie eine
Dokumentation der Entwicklung des eigenen Styles.
* * * ) Zit. Norbert Schütz: Graffiti. Spuren von Therapie an der Wand. In: Barbara
Wichelhaus (Hg.): Kunsttheorie, Kunstpsychologie und Kunsttherapie. Festschrift für Hans-
Günther Richter zum 60. Geburtstag. Düsseldorf, 1993, S. 276 - 286, hier S. 278.

1. Diese First Outlines (Rough Outlines) werden mit einer Farbe, die
möglichst hell ist, gezogen, damit notwendig werdende Korrekturen
leichter vorgenommen werden können. Im Allgemeinen werden die First
Outlines "mit freier Hand" gesprüht. In Anbetracht der großformatigen
Bildflächen erfordert dies ein gutes Gefühl für Proportionen und viel
Erfahrung. Für das Andeuten der Umrisse verwendet man in der Regel
spezielle Dosenaufsätze mit feinem Sprühstrahl (Skinny Caps).

Piece "KEN ONE", First Outlines

2. Danach werden die Flächen innerhalb der Buchstaben (und Characters),


also das jeweilige Fill In, farbig ausgefüllt. Soll das Fill In kontrastreich
erscheinen oder einen gleichmäßigen Farbverlauf (Fading) aufweisen,
wird mit mehreren Farben gearbeitet. Bei großformatigen Arbeiten können
dazu neben den handelsüblichen Dosenaufsätzen (Standard Caps) auch
Dosenaufsätze mit breitem Sprühstrahl (Fat Caps) benutzt werden. Für
das Fading benutzt man Soft Caps.
3. Soll die Schrift einen dreidimensionalen Effekt erhalten, so wird nun
der Block oder Schatten gesprüht, im Kontrast zum Fill In in einer
anderen Farbe.
4. In einem nächsten Arbeitsgang erfolgt das großflächige Sprühen des
Hintergrunds (Backgrounds), so dass der Untergrund völlig verdeckt wird.
5. Der folgende Arbeitsschritt bezieht sich auf die Gestaltung der Innengrund
- Effekte:
Das Fill In der Buchstaben wird mit Designs (Gags), also Ornamenten,
Symbolen, Zeichen und anderen Effekten, z.B. den Outlines folgenden
Linien, ausgeschmückt. Hierzu verwendet man wieder - wie auch in
Arbeitsschritt 6 - Skinny Caps.

Sprühen des Fill In

o Nun werden die Buchstaben (und Characters) endgültig umrandet.


Diese Second Outlines sind meistens zugleich die Final Outlines.
Sie dienen dazu, die Bildelemente und das gesamte Motiv deutlicher
vom Hintergrund abzugrenzen und hervorzuheben.
Die Second Outlines verdecken jeweils zur Hälfte die Kanten der
aneinanderstoßenden Farbflächen. Zudem werden jetzt - so
vorhanden und so gewünscht - die Schatten oder Blocks der
Buchstaben ausgestaltet, z.B. durch feine Streifen. Im Übrigen
können auch Glanzeffekte (Highlights) in Form dünner weißer Linien
und Punkte gesetzt werden.
o Komplettiert wird das Bild schließlich durch das Anbringen
einiger Hintergrundeffekte und Zusatzinformationen.
Zu diesen Zusatzinformationen zählen Signatur (Tag), Verweis auf
die Crew, der man angehört, Entstehungsdatum, Widmung
(Dedication), Botschaften (Messages), zumeist in Form von
"Sprüchen", Hinweise zu den Entstehungsbedingungen und - sofern
es sich um eine Auftragsarbeit handelt - die Telefonnummmer bzw.
E-Mail- oder Internet-Adresse. Solche Zusatzinformationen
werden - abgesehen vom Tag - in einer graffititypischen
schwungvollen Grotesk und vorzugsweise in Großbuchstaben
gesprüht.
6. Anspruchsvolle Writer legen großen Wert auf eine technisch einwandfreie,
präzise Gestaltung des Pieces. Um eine wirklich gute Spraytechnik zu
beherrschen, bedarf es im Grunde jahrelanger Erfahrung, um eine
einigermaßen befriedigende Spraytechnik zu entwickeln, wenigstens einer
mehrmonatigen Übung. Als besonders schwierig gelten das Erzeugen
sehr feiner Linien sowie das Fading, also das Herstellen von fließenden,
fast stufenlosen Übergängen zwischen den verschiedenen Farben.
7. Zu den wichtigsten Grundregeln für das Sprayen gehören:

o die jeweils richtigen Caps verwenden


o die Dosen gut schütteln
o aus kurzer Entfernung arbeiten (z.T. nur ein paar Zentimeter
Abstand zur Bildfläche)
o den Sprühkopf nie zu lange auf eine Stelle, z.B. den Anfang einer
Linie, halten, da sonst Drips (Läufer) entstehen
o in ganz kurzen Etappen sprühen, d.h. immer wieder den Sprühknopf
nur kurz drücken und den einzelnen Sprühvorgang häufig
unterbrechen
o Drips sofort wegwischen oder später übersprühen, es sei denn, sie
sollen als Gestaltungsmittel eingesetzt werden
o gerade Kanten dadurch erzielen, dass an Pappkanten entlang
gesprüht wird oder Flächen mit Tesakrepp abgeklebt werden
o klar abgegrenzte Formen ggf. auch durch den Einsatz von
Schablonen erzielen
o immer die einzelnen Arbeitsschritte in der richtigen Reihenfolge
ausführen (First Outlines - große Flächen (Fill In, Blocks,
Background) - Designs - Second Outlines - Highlights -
Zusatzinformationen)
o immer von innen nach außen arbeiten, denn nur von außen kann
eine Linie korrigiert werden (beim Korrigieren von innen wird alles
wieder "unscharf")
o beim Arbeiten im Freien grundsätzlich Regen und hohe
Luftfeuchtigkeit vermeiden, weil die Farben bei diesen
Witterungsbedingungen verlaufen können
o Gesundheitsvorschriften beachten: Atemschutzmasken anlegen,
beim Arbeiten in Innenräumen für ausreichende Entlüftung sorgen.
4.7.2 HINWEISE ZU DOSEN, CAPS, MARKERN UND "KILLERN"

• Lacksprays unterscheiden sich vor allem in fünf Aspekten:


o in Bezug darauf, ob es sich um Seidenmatt- oder Hochglanzlack
handelt
o in Bezug auf die Deckkraft der Farben
o bezüglich des Drucks, unter dem die Dosen stehen
o hinsichtlich der Kompatibilität von Dosen mit verschiedenen
Dosenaufsätzen
o im Preis.
• Bei Writern beliebt und auch für schulische Zwecke geeignet ist die Marke
Sparvar (400 ml - Dosen, auch unter dem Namen Einza im Handel). Die
Farben dieser Marke decken zwar nicht optimal, sind aber sehr ergiebig,
trocknen außerordentlich schnell und sind, da es sich um Acrylfarben
handelt, witterungsbeständig. Außerdem stehen die Dosen (Cans) unter
nicht so hohem Druck.
• Cans der Marke Belton stehen dagegen unter hohem Druck, verlieren also
schneller an Gas. Die Farben dieser Marke sind in sehr differenzierten
Farbtönen erhältlich, decken besonders gut, sind haltbar und lichtecht,
allerdings nicht sehr sparsam im Verbrauch. Die Belton - Cans sind bei
geübten Writern sehr beliebt, sollten für schulische Zwecke aber nur dann
gekauft werden, wenn helle Farben (z.B. Gelbtöne), die sonst auf Wänden
schlecht decken, benötigt werden.
• Von hoher Deckkraft und vor allem garantiert bleifrei sind Farben der
Marke Montana Hardcore, die - im Gegensatz zu den o.a. Marken - in
Dosen bis zu 750 ml erhältlich sind. Für Detail- und Endarbeiten sowie
gelungene Farbverläufe bieten sich die Low Preassure Cans der Marke
Aerosol Art proline an, die außer in 400 ml - auch in 600 ml - Dosen
angeboten werden.
• Von hoher Deckkraft sind auch die Farben der Marken Eisodur, Stinnes,
Disbo, Auto - K und Multona, deren Dosen alle unter hohem Druck stehen,
z.T. aber nicht mit anderen Dosenaufsätzen kompatibel sind. (Auf Dosen
des Autolacks Multona passen z.B. keine Skinny Caps.)
• Während sich Fat Caps für alle Dosenmarken eignen, ist das bei Skinny
Caps also nicht der Fall. Am besten kauft man Caps und Dosen derselben
Marke (für schulische Zwecke z.B. Sparvar- und/oder Belton-Caps). Das
Angebot an Caps ist mittlerweile sehr breit gefächert. Neben den Skinny
und Fat Caps gibt es z.B. Super Skinny Caps, Röhrchen Skinny, Super
Fat Caps und Flach - Caps.
• Cans sind am preiswertesten in Baumärkten oder Spezialläden (z.B. Go
Bäng) erhältlich. Caps erhält man nur in Spezialläden. Eine gute
Alternative bietet die Bestellung über das Internet. So verfügt z.B.

www. graffiti-ag.de

über einen Shop mit einem reichhaltigen Sortiment an Cans, Caps,


Markern und Zubehör. Hier kosten (Stand: Februar 2003) - je nach Marke
und Qualität - eine 400 ml - Dose zwischen ca. 3 € und 3.50 € und
eine 750 ml - Dose von Multona 5.50 €. Will man große Farbflächen füllen,
bieten sich ggf. Packs mit mehreren Dosen an.
Für jeweils 50 Skinny Caps, Fat Caps oder Röhrchen sind nicht ganz 8 €
zu zahlen.

• Der Untergrund, die Größe eines Bildes und die Anzahl der Farben, die
nach Deckfähigkeit/Farbpartikelkonzentration und beabsichtigter
Farbdifferenzierung variiert, bestimmen die Höhe der Materialkosten. Das
Anfertigen von großformatigen Pieces ist nicht eben preiswert. Rechnet
man für einen farbigen Whole Car bis zu 25 Dosen, so benötigt man für
ein "normales" Piece von 6 - 10 Quadratmetern ca. 10 Dosen.
• Wer im schulischen Unterricht mit ungeübten SchülerInnen Graffiti
sprayen möchte, muss bedenken, dass zusätzlich Dosen und Caps
benötigt werden, damit die Sprühtechnik ausreichend trainiert werden
kann, bevor großformatige Pieces gestaltet werden. Das verteuert ein
Unterrichtsvorhaben 'Graffiti' zusätzlich.
• Wesentlich preiswerter und technisch einfacher ist das Herstellen
graffitiähnlicher Wandmalereien. Dazu bieten sich wasserfeste
Abtönfarben an (vgl. S. 163, 170).

• Ein besonderes Problem stellt beim Anfertigen von Graffiti Pieces das
Ziehen feiner Linien und sauberer Outlines dar. Sind die SchülerInnen
noch nicht in der Lage, dünne Linien und einwandfreie Konturen zu
sprühen, so lassen sich diese auch schnell und problemlos mit
entsprechenden Filzstiften (Markern) ziehen. Hier bietet es sich an, auf
solche Marker zurückzugreifen, die normalerweise von Taggern zum
Anbringen von Tags benutzt werden. "Fette" Marker dieser Art (sog.
Jumbo - Marker) in Strichbreiten von 1 bis zu 5 cm sind als Paintmarker
(z.B. von Edding oder Pilot) oder Postermarker (z.B. von Artline) im
Handel erhältlich. Während Paintmarker auf Lack basieren, enthalten
Postermarker wasserverdünnbare Farbe. Daneben gibt es auch Jumbo -
Marker mit Tinten auf Alkoholbasis (z.B. von Montana Hardcore). Ein
Lackmarker mit einer Strichbreite von 1 - 1,7 cm der Marke Pilot kostet im
o.a. Internet - Shop ca. 9 €. Marker dieser Art sind für schulische Zwecke
also nicht gerade preiswert, lohnen aber zwecks zufriedenstellender
Arbeitsergebnisse die Anschaffung in geringer Zahl.
• Illegale Graffiti sind für die Öffentlichkeit, insb. wenn sie auf Wänden von
privaten oder gar denkmalgeschützten Gebäuden oder auf Zügen
angebracht werden, häufig ein besonderes Ärgernis.
Es gibt mittlerweile die verschiedensten Mittel, die zur Beseitigung von
Graffiti und zum Schutz vor Graffiti entwickelt worden sind. Als relativ
wirksam zur Beseitigung von Graffiti gelten "(...) 'Getifix soft clean' (ein
flüssiger Graffiti-Entferner zur großflächigen Behandlung von
farbverschmierten Flächen; in Innenbereichen auf Kunststoffoberflächen
und Glasflächen zur Entfernung von nicht wasserlöslichen Stiften) und
'Getifix medium clean' (zur Entfernung von Sprühfarben und nicht
wasserlöslichen Stiften auf Betonflächen und auf Fassaden mit
Verblender- oder Klinkermauerwerk und geputzten Oberflächen im
Aussenbereich).
(...) Zur Vorsorge kann man kaum sichtbare Mikrowachse auf fast alle
Oberflächen auftragen, von denen sich Graffiti mit reinem Seifenwasser
entfernen lassen. Das System ist relativ preiswert, hat aber den Nachteil,
dass die gereinigten Stellen wieder neu imprägniert werden müssen. Ein
so genannter PSS-Film schützt verschiedene Oberflächen, die sich dann
einfach mit Wasser reinigen lassen. Allerdings wird dabei auch der Film
entfernt, so dass er danach wieder aufgetragen werden muss."*)
Neben diesen sog. Opfersystemen zur Vorsorge gegen Graffiti-
Verunzierungen gibt es auch sog. Permanentsysteme, wie etwa das
"Graffinet-Permanentsystem", das bis zu hundert Reinigungsaktionen
übersteht, aber teurer ist.
*) Zit. http://www.deutsche-immobilienboerse.de/news/wohnen/101/ (5.8.2002)

4.8 GRAFFITI UND IDENTITÄTSFINDUNG

• Graffiti sind vornehmlich ein Ausdrucksmedium Pubertierender,


Adoleszenter und sehr junger Erwachsener. Deshalb ist es sinnvoll, zur
Erklärung des Phänomens 'Graffiti' einige in diesem Zusammenhang
relevante Erkenntnisse der Psychologie des Jugendalters zu referieren. *)
• Die zentrale Entwicklungsaufgabe bei Jugendlichen, sei es durch
(unterrichtliche) "Fremdgestaltung", sei es durch die eigene
Selbstgestaltung, ist die Ausbildung des Selbst im Sinne von Identität, also
die Beantwortung der Frage, wer man ist und wohin man strebt. **)
Ausgelöst durch biologische Veränderungen, die kognitive Entwicklung,
die Loslösung von bisherigen Autoritäten und den Anspruch der
Erwachsenen, über die zukünftige Berufs- und Lebensplanung
nachzudenken, gerät der Jugendliche aus dem Gleichgewicht. Die
zunehmend entwickelte Fähigkeit zu Selbstbeobachtung und
Selbstreflexion ermöglicht es, einerseits das eigene innere Erleben und
andererseits den erzeugten Eindruck zu unterscheiden und zugleich den
möglichen Widerspruch zwischen beidem zu konstatieren.
Der Jugendliche erlebt also eine Phase gravierender Verunsicherung, in
der er vornehmlich damit beschäftigt ist, sich selbst zu finden und sich
selbst zu gestalten.
• Die Akte der Selbstfindung und Selbstgestaltung sind vielfältig. Dazu
gehören auch die Ausformung einer eigenen Handschrift und das oft
stundenlange Ausprobieren einer unverwechselbaren Unterschrift. Dazu
gehört ebenso das Schreiben von Zettelchen, Einladungen, Briefen,
Gedichten u.ä., das genauso zur Manie werden kann, wie die geheime
Eintragung ins Tagebuch.
Zuweilen werden die schriftlichen Äußerungen in den Rang von
"Reliquien" erhoben, und einen Blick ins Tagebuch zu gewähren, gilt als
höchster Vertrauensbeweis.
Aufgrund der Tendenz, sich mit Schrift und Schreiben zu beschäftigen,
wird das Jugendalter zwischen ca. 14 und 18 Jahren auch als sog.
Buchstabenphase bezeichnet. Genau in diese Phase fällt auch die
Begeisterung für Graffiti bzw. der Einstieg in die Graffiti - Szene.
• In einer Zeit "veränderter Kindheit und Jugend", die durch zunehmenden
Narzissmus und die Tendenz, sich selbst nur noch durch starke, auch
risikoreiche Erlebnisse zu spüren, gekennzeichnet ist, nimmt die
Selbstgestaltung durch Schrift eigene, neue Formen an:
Selbstvergewisserung und Verewigung äußern sich in der unendlichen
Wiederholung sorgsam ausgeklügelter Tags oder der stilistisch
unverwechselbaren, überdimensionalen Gestaltung des selbst gewählten
"Künstlernamens".
Das Tagebuch, ein vornehmlich weibliches Ausdrucksmedium, wird durch
das Blackbook (Entwurfsbuch) vornehmlich männlicher Jugendlicher
ergänzt.
Graffiti werden zu dem bildnerischen Alternativmedium von Jugendlichen
in unserer Zeit.
• Graffiti gewähren dem Urheber nicht nur die Vergewisserung seiner
selbst, sie bezeugen auch der Öffentlichkeit die Existenz der Person.
"Wenn mein Bild auf dem Zug in die Station fährt, dann sagt es » Hey, ich
bin hier «, und keiner hat die Chance, dem auszuweichen. Der Zug vertritt
mich." ***)

* ) Vgl. Norbert Schütz: Graffiti. Spuren von Therapie an der Wand. In: Barbara Wichelhaus
(Hg.): Kunsttheorie, Kunstpsychologie und Kunsttherapie. Festschrift für Hans-Günther
Richter zum 60. Geburtstag. Düsseldorf, 1993, S. 276 - 286.
ders.: Bezeugte Existenz. Bilder und Biographie in der Adoleszenz. In: Kunst und
Unterricht, Heft 172/Mai 1993, S. 50 - 51.
* * ) Vgl. zu 'Identität' als Form der Einheit, als Autonomie, als Individualität und als
Identifikation mit sich selbst auch Maximilian Forschner: Über das Glück des Menschen.
Aristoteles, Epikur, Stoa, Thomas von Aquin, Kant. Darmstadt, 1994 (2. Aufl.), S. 48.
* * * ) Zit. Creator in: Schwarzkopf, a.a.O., S. 24.

• Graffiti richten sich also an den Writer selbst und sie sind ebenso an die
Öffentlichkeit gerichtet: an Insider der Szene wie an Passanten. Wie in
jedem bildkünstlerischen Prozess wird personale Identität durch den Akt
der Aneignung gewonnen, der zugleich ein Akt der Zueignung ist.
• Handelt es sich um illegale Graffiti, so hat der kreative Prozess eine
Komponente, die allgemein für das Verhalten Jugendlicher kennzeichnend
ist: sich öffnen und sich gleichzeitig verbergen.
"Gerade hier kommt das für den Adoleszenten so typische Doppelspiel
zum Ausdruck: sich zeigen und sich im Zeigen wieder zurücknehmen.
Wenige erkennen sein Graffito, manchmal nur er allein - aber alle sehen
es!" *)
Der Jugendliche erlebt sich von den Erwachsenen (der "Gesellschaft") als
unverstanden und goutiert dieses Gefühl, vermittelt es doch einen Anflug
von Extraordinarität, er will zugleich aber auch nicht nur von
Gleichaltrigen, sondern von den Erwachsenen anerkannt werden.
Weil er unsicher ist und sich unverstanden fühlt, und nicht nur, weil er
wegen seines illegalen Tuns nicht zur Rechenschaft gezogen werden will,
gibt er seinen tatsächlichen Namen nicht preis. Mit dieser
Rückzugshandlung korrespondiert das Verlangen nach
Selbstrepräsentation **):
Seht her. Mich gibt es. Hier lebe ich. Euch werde ich es schon zeigen. ***)
• Um das verlorene personale Gleichgewicht wiederzufinden, schließen sich
Jugendliche mit Gleichgesinnten zusammen. Die Peergroup vermittelt
Schutz; sofern sie sich mit Hip Hop bzw. Graffiti beschäftigt, kann
gemeinsam mit den Altersgenossen ein zeitgemäßes Lebensgefühl
entwickelt werden.
Künstlername, Zugehörigkeit zu einer Art Geheimgesellschaft, der Crew,
und die autotherapeutische, häufig kollektiv geplante und gemeinsam
durchgestandene Aktion sind Garanten dafür, dass der zwischen
Anpassung und Abgrenzung ausbalancierte Akt der Identitätsfindung
einigermaßen gelingt.
• Das Anfertigen illegaler wie legaler Graffiti folgt im Allgemeinen keinen
explizit politischen Intentionen. Bewertet man Graffiti jedoch als
Behauptung der eigenen Existenz in der Anonymität der
Massengesellschaft und als Reaktion auf den durch Stein und Beton in
den Großstädten erzeugten "horror vacui", so haben Graffiti durchaus
politischen Charakter. Für ihre Urheber sind die Freude und der
persönliche Stolz (im Fachjargon: das "coole" oder "geile" Feeling), die
sich mit der kunstvollen Gestaltung eines Graffiti verbinden können, aber
vermutlich von größerer Bedeutung. ****)
• Wenn ein Sprayer am Ende der Adoleszenz gelernt hat, zu seiner Person
zu stehen, wird zumindest das Anfertigen illegaler Graffiti für ihn eher
uninteressant. Sofern er weiter Graffiti herstellt, möchte er in der Regel für
seine künstlerische Leistung allgemein anerkannt werden. Von daher
erklärt es sich, dass er seinen wirklichen Namen preisgibt und versucht,
durch legale Graffiti und Auftragswerke mit seiner Person bekannt zu
werden.

* ) Zit. Schütz in: Kunst und Unterricht, Heft 172/Mai 1993, S. 51.
* * ) Vgl. H. Fend: Vom Kind zum Jugendlichen. Der Übergang und seine Risiken. Bern 1990, Band
1, S. 237.
* * * ) In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass es den Erwachsenen immer weniger
gelingt, sich Jugendlichen gegenüber angemessen zu verhalten.
Einerseits werden die Jugendlichen, wird Jungsein in unserer Gesellschaft völlig überbewertet:
Jugendlichkeit stellt das Ziel vieler Wünsche und Bedürfnisse von Erwachsenen dar. Verlust an
Jugendlichkeit fördert Verunsicherung und Neidgefühle denjenigen gegenüber, die jung sind.
Andererseits spielen Jugendliche in unserer Gesellschaft eine völlig marginale Rolle. Nicht nur, dass
die ältere Generation der jüngeren gegenüber auf ihre uneingeschränkten Privilegien pocht; was
weit bedeutsamer ist: sie "vernachlässigt" die Jugendlichen auf allen Ebenen.
In ihrer weitgehenden Unfähigkeit, Orientierungen zu vermitteln sowie angemessene familiale und
schulische Angebote, sinnvolle Freizeitangebote und genügend Ausbildungsangebote
bereitzustellen, signalisiert die ältere Generation Jugendlichen gegenüber vor allem eines:
Desinteresse, eine Haltung, die auch mit Jugendfeindlichkeit gleichzusetzen ist.
(Vgl. zum Aspekt 'Jugendfeindlichkeit' auch die Untersuchungen von Walter Schurian.)
* * * * ) Vgl. Dietrich Grünewald: Graffiti und Schule. In: Kunst und Unterricht, Heft 172/Mai 1993,
S. 33 - 36, hier S. 33.

4.9 ZENTRALE MOTIVE DER GRAFFITI - BEWEGUNG

• Graffiti i.e.S. sind Bestandteil der Hip Hop - Bewegung. Das Hip Hop -
Movement besteht aus der Triade
o Musik, wie Scratching, DJing und Rap, der durch eingängige
Rhythmen und Sprechgesang, der von Masters of Ceremony
vorgetragen wird, gekennzeichnet ist,
o Tanz, wie Breakdance, einem akrobatischen Tanz, der zu einem
eigens für diesen Zweck in das Musikstück eingeführten
Rhythmusteil, dem Breakbeat, von Breakdancern ausgeführt wird,
o Graffiti i.e.S. (American Graffiti), wie Tags und Pieces (Style Writing
und Characters), die von Taggern und Writern (Malern) hergestellt
werden.

Zum Umfeld der Hip Hop - Bewegung können auch bestimmte Sportarten
gezählt werden, wie Skateboarding, Inlineskating und Street - Basketball.

• Selbstredend ist eine Kultur, die in den 70er Jahren in den Elendsvierteln
New Yorks entstanden ist, nicht unverändert auf hiesige Verhältnisse
übertragen worden. Vielmehr hat sich in Deutschland eine eigene
Geschichte des Hip Hop entwickelt. An den ursprünglichen, in der Szene
allgemein akzeptierten Zielsetzungen, den zentralen Motiven der Graffiti -
Bewegung, hat sich aber bis heute wenig geändert.
"Hip Hop ist eine kreative Lebensart, die als einen der Hauptgedanken
den Wettstreit und die Suche nach einem eigenen Stil in sich trägt."*)
Was für Hip Hop allgemein gilt, trifft für Graffiti i.e.S. im Besonderen zu.

Kreativität/Style

Auf die immense Bedeutung von Kreativität, genauer das Bestreben, nach den
ungeschriebenen Gesetzen der Writer - Tradition einen eigenen Stil zu kreieren,
wurde bereits im Kapitel 'Graffiti und Style' (Kap. 4.5) eingegangen. So mag an
dieser Stelle der Hinweis genügen, dass sich durch Graffiti i.e.S. eine ganz
eigene Ästhetik herausgebildet hat, die permanent fortentwickelt wird und die
mittlerweile nicht nur die gesamte Writer - Szene weltweit verbindet, sondern
von Tausenden graffitibegeisterter Jugendlicher als adäquater bildkünstlerischer
Ausdruck ihrer Generation angesehen wurde und wird.

Fame

Fame (Ruhm, Ehre) erlangen, Getting Up, also bekannt werden, sich aus der
anonymen Masse herausheben, sind zentrale Motive des Graffiti - Movements.
Fame kann man auf verschiedene Weise erlangen:
• indem die "Markenzeichen" möglichst häufig gesetzt werden (hohe

Quantität an Tags und Pieces)


• durch die Wahl riskanter Orte (z.B. Züge, Dachgiebel)
• durch einen besonders kunstvollen oder außergewöhnlichen Stil bzw. eine
schwierige Technik (hohe Qualität der Pieces, viele Burner)
• durch die Ausführung wichtiger oder "ehrenvoller" Aufträge
• durch nationale bzw. internationale Kontakte/Tätigkeit
• durch souveränes Auftreten in der Öffentlichkeit, z.B. in Form von
Interviews in Zeitungen oder im Fernsehen.

Respect

• Eng verbunden mit dem Aspekt 'Fame' ist das Motiv, von anderen Graffiti -
Writern respektiert zu werden. Die Szene ist hierarchisch gegliedert. Das
gilt häufig auch für die Crews, die, einer Art Lehrlingssystem
entsprechend, aus Kings, Fortgeschrittenen und Toys (Anfängern,
schlechten Writern) bestehen können. Es

* ) Zit. Schwarzkopf, a.a.O., S. 53.

ist selbstverständlich, dass arrivierten Writern (Kings) Respect


entgegengebracht wird; ebenso gebührt auch den Sprühern aus den
Anfängen der Graffiti - Bewegung (Old Schoolern) Respect.

• Die Mitgliedschaft in einer bekannten Crew reicht manchmal schon aus,


um von anderen Writern respektiert zu werden. Allerdings gelingt es nur
wenigen Crews, wie etwa TUF (The United Force), konstant anerkannt zu
werden. Ruhm- und respektfördernd kann sich die Spezialisierung einer
Crew auswirken. So konnte sich die Gruppe RTA (Real Transit Artists)
dadurch Respect erwerben, dass sie als erste Crew systematisch Züge
bemalte, und die Gruppe 505 aus Berlin deshalb, weil sie sich
schwerpunktmäßig der Style - Entwicklung zuwandte.
• Das Crossen eines qualitätvollen Pieces, also die Zerstörung eines Pieces
mit Linien oder "Sprüchen" (z.B. Toy), wodurch das Bild völlig wertlos wird,
gilt als ausgesprochen respektlos. Ist bekannt, wer das Piece gecrosst
hat, kann es ggf. zu regelrechten Cross Out Wars kommen, d.h. zwecks
"Vergeltung" wird ein Piece der Gegenseite gecrosst usf. Einen
"Ehrenkodex" gibt es auch bezüglich des Going Over, also des
Übermalens eines Bildes, das zumeist aus Mangel an Wänden geschieht.
Wird nicht das eigene Bild oder das eines guten Freundes übermalt,
sondern ein qualitätvolles Piece durch einen weniger geübten Sprayer
übermalt oder ein vielfarbiges Piece durch ein Silver Piece ersetzt, kann
es durchaus zu Handgreiflichkeiten kommen.
Brotherhood

• Während die Writer in den Anfangszeiten der Graffiti - Bewegung noch


Einzelgänger sind oder mit einem Partner ein Two Team bilden, so
formieren sich später die ersten Crews, die hauptsächlich aus Jungen
bzw. jungen Männern bestehen, die in demselben Stadtviertel wohnen.
Heute ist es die Regel, dass ein Writer einer Crew angehört, deren
Mitglieder durchaus nicht mehr aus demselben Wohnviertel stammen,
sondern möglicherweise sogar aus verschiedenen Städten.
Der sozio-kulturelle Hintergrund der Sprayer kann höchst heterogen sein:
Häufig setzen sich die Crews aus Angehörigen verschiedener sozialer
Schichten zusammen und sind multikulturell strukturiert. Was zählt, ist
vornehmlich die Fähigkeit, qualitätvolle Graffiti herzustellen.
• Vielfach ist die Crew wichtiger als die eigene, häufig auch unvollständige
oder überforderte Familie. Sie vermittelt das Gefühl von Sicherheit,
Solidarität und bedingungsloser Loyalität. Das Gefühl der
Zusammengehörigkeit manifestiert sich in Gruppenlosungen, wie etwa
"One God, One Mind, One Crew" oder "We Are All One".
Brotherhood (Brüderlichkeit) kommt eine hohe Bedeutung zu:
Die Diskriminierung eines Gruppenmitglieds durch Nicht -
Gruppenmitglieder wird als Angriff auf die gesamte Crew verstanden. Dem
Angehörigen der eingeschworenen Gemeinschaft, dem "Bruder" oder der
"Schwester", wird dann der entsprechende Schutz gewährt, und es
werden als geeignet erscheinende Maßnahmen zur Wiederherstellung der
verletzten Ehre ergriffen, z.B. die "Gegner" zu einem Sprayer - Wettstreit
aufgefordert.

Abbau von Gewalt

• Natürlich ist die Graffiti - Szene nicht völlig gewaltfrei. Wie sollte sie es
auch sein angesichts einer ambivalenten Realität, in der einerseits religiös
motivierte und humanistische Verhaltensziele propagiert werden und in
der andererseits zugleich alle Formen der Gewaltanwendung unter
Einschluss von Kriegen an der Tagesordnung sind und vor allem die
Darstellung von Gewalt in ästhetischer Form der täglichen Unterhaltung
dient.
Dennoch ist die Vermeidung spezifischer Formen von Gewalt, wie
Körperverletzung, Raub u.ä., erklärtes Ziel der Graffiti - Bewegung. An
ihre Stelle treten weniger brutale Arten der Gewalt: Diebstahl von Dosen
und Markern und Sachbeschädigung durch das Anbringen illegaler
Graffiti. Von den meisten Anhängern der Graffiti - Szene dürfte ihr Tun
aber nicht als unrechtmäßig,
geschweige denn als Ausübung von Gewalt empfunden werden, tragen
nach ihrer Ansicht Graffiti doch völlig umsonst zur Verschönerung der
Städte bei. Und wer seine Mitwelt so unentgeltlich erfreut, so die "einfache
Logik", dem muss es schließlich vergönnt sein, sich die Mittel zum Zweck
ebenfalls unentgeltlich zu beschaffen. (Damit soll aber keinesfalls
unterstellt werden, dass die Mehrheit der Writer das benötigte Material
illegal erwirbt.)

• Differenzen und Rivalitäten zwischen einzelnen Personen bzw. Gruppen


werden im Gegensatz zu Gangbangern nicht auf brutale, sondern - wie
bereits angedeutet - auf kreative Weise in Form von Battles ausgetragen,
d.h. das bessere Piece entscheidet über den Sieger.
• Graffiti, wie Hip Hop insgesamt, fungieren also als Ventil für den Abbau
bestimmter Formen von Aggression und Gewalt. Einige Aussagen von
Sprayern mögen dies verdeutlichen:
o "... die Beschäftigung mit Hip Hop reduziert die Gewalt. Viele
ehemalige Gangbanger beschäftigen sich jetzt mit Graffiti, Tanzen
oder Rappen. Sie haben durch Hip Hop neue Ideale gefunden." *)
o "So wie andere Leute sich besaufen und sich schlagen, um ihre
Aggressionen abzulassen, gehen wir halt tanzen, sprühen oder
rappen." **)
o "Ich sprühe, um meine Gefühle auszudrücken. Früher war ich sehr
hitzig und wurde leicht aggressiv. Ich habe zwar nie jemanden
angegriffen, aber es konnte schon mal vorkommen, daß ich eine Tür
eintreten mußte. Das Sprühen hilft mir, ruhiger und ausgeglichener
zu sein." ***)
o "Graffiti hat mich davon abgehalten, Leute zu überfallen oder
Banken zu berauben." **** )
o "Ich könnte genauso in das Depot gehen und da Bomben zünden,
und so - aber nein, ich bemal' den Zug!" *****)

Having Fun

• Graffiti werden auch hergestellt, um "Spaß zu haben". Spaß bringt das


Gemeinschaftserlebnis; Spaß stellt sich ein durch die Befriedigung von
Erlebnishunger und Ausdruckslust.
• Allerdings nimmt der Spaß z.T. fragwürdige, z.T. sogar höchst gefährliche
Formen an. Die urbane Gesellschaft bietet kaum noch Raum für
Risikoerprobungen, kaum Abenteuerfelder. Graffiti ist gegenwärtig eines
der wenigen Erprobungsfelder, das sich Jugendliche selbst erschlossen
haben und auf dem sie zuweilen Risiken eingehen, die mit bloßem Spaß
nichts mehr zu tun haben. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die
Writer z.T. höchst ungesund leben. Besonders engagierte Writer achten
zu wenig auf ausreichenden Schlaf und angemessene Ernährung.
Gefährlich wird es dann, wenn Sprayer, obwohl sie um die Schädlichkeit
des Arbeitens mit Lacksprays wissen, aus bloßer Bequemlichkeit oder
Leichtsinn auf das Tragen von Atemschutzmasken verzichten. Sie
schädigen durch das Einatmen der Lackdämpfe und der Sprühnebel
leichtfertig ihre Atemwege.
"Du ziehst dir die Gase aus den Sprühdosen rein, wirst irgendwie high und
gereizt davon, die Schleimhäute werden

* ) Zit. Neco in: Oliva Henkel u.a.: Spray - City. Graffiti in Berlin, hrsg. von der Akademie der Künste
Berlin, Berlin, 1994, S.53.
* * ) Zit. Ben in: Henkel u.a., a.a.O., S.30.
* * * ) Zit. Shek in: Henkel u.a., a.a.O., S.58.
* * * * ) Zit. Maxim in: Henkel u.a., a.a.O., S.50.
* * * * * ) Zit. Snek in: Schwarzkopf, a.a.O., S.50.

angegriffen, und wer weiß, was alles davon in der Lunge hängenbleibt." *)

• Die Herstellung von Graffiti kann schlimme Unfälle nach sich ziehen, so
etwa wenn ein Sprayer sein Graffiti an einem ungewöhnlichen Ort
anbringen will, z.B. einem hohen Brückenpfeiler, oder Trainsurfing
betreibt, d.h. während der Bahnfahrt seine Tags an die Außenwände des
Zuges setzen will.
• Vermutlich wird die Angst, die beim illegalen Arbeiten entsteht, von
manchen Sprayern als lustvoll erlebt. Diese sog. Angstlust führt zu
Adrenalinstößen, auf die einige Sprayer wohl nicht verzichten wollen oder
können. Graffiti werden dann zur "Droge" und der Graffiti - Sprayer wird
zum "Adrenalin - Junkie", den - einmal süchtig geworden - auch drastische
Strafen nicht von seinem Wiederholungstun abhalten konnen. "Adrenalin -
Junkies" bilden aber sicher eine Ausnahme in der Graffiti - Szene.

* ) Zit. Skume in: Henkel u.a., a.a.O., S. 83.

4.10 MÄDCHEN IN DER GRAFFITI - SZENE

• Die Graffiti - Szene ist eindeutig männlich dominiert. In ihrer auch


altersbedingten Tendenz zur Abgrenzung gegenüber anderen tun sich die
männlichen Angehörigen geheimbundähnlicher Bruderschaften mit der
Anerkennung des weiblichen Geschlechts eher schwer. Waren
ursprünglich nur sehr wenige Mädchen in der Szene vertreten, so nimmt
der Anteil an Mädchen in den letzten Jahren langsam zu. Die Graffiti -
Szene in Berlin ist dafür ein gutes Beispiel.
• Das Verhältnis Jungen - Mädchen ist ein mehr oder minder getreues
Abbild des traditionellen Verhältnisses zwischen Männern und Frauen in
westlichen Industriegesellschaften. Sind die Mädchen Mitglieder in Crews
mit vorwiegend männlichen Angehörigen, unterliegen sie einer strengen
sozialen Kontrolle durch die Jungen. Diese Bewertung erstreckt sich insb.
auf die Kleidung, das Sozial- und Sexualverhalten und - weniger wichtig -
das bildkünstlerische Können der Mädchen.
• Mädchen, die sich nach Ansicht der Jungen nicht anständig verhalten,
werden als Bitch (Schlampe, Hure) degradiert. Am ehesten geduldet wird
der männlich gekleidete Kumpel, der keine Unruhe in die Jungengruppe
trägt.
Die Sprayerin Luzie bringt das drastisch auf den Punkt:
"Man muß sich wie eine eiserne Jungfrau verhalten, um akzeptiert zu
werden. (...) Es geht den Jungen überhaupt nicht darum, ob man sprühen
kann oder nicht, sondern ob man ein anständiges Mädchen ist." **)
Dass die von den Jungen angefertigten weiblichen Characters in ihrem
Sexismus dem geforderten Mädchenbild in keiner Weise entsprechen,
stellt nur auf den ersten Blick einen Widerspruch dar. So oder so handelt
es sich um eine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts.
• Jungen entscheiden bei weiblichen Crew - Mitgliedern nicht nur darüber,
ob diese talentiert sind, sondern auch dahingehend, ob sich Mädchen an
(illegalen) Sprühaktionen und Battles beteiligen dürfen. Häufig halten
Jungen - Crews Mädchen nicht für eine ernstzunehmende Konkurrenz und
wollen keine Wettbewerbe gegen Mädchen durchführen.
Generell gilt für Mädchen in der Graffiti - Szene, was für Frauen
gesamtgesellschaftlich gilt:
"... normalerweise musst du als Mädchen doppelt so stark und geschickt
sein und doppelt so gut sprühen können wie ein Junge, damit du
akzeptiert wirst." ***)

* * ) Zit. Luzie in: Henkel u.a., a.a.O., S. 74.


* * * ) Zit. Asem in: Henkel u.a., a.a.O., S. 74.

• Um der Diskriminierung durch die Jungen, aber auch um dem Druck zu


entgehen, als Mädchen in einer Jungen - Crew der Erwartungshaltung der
Jungen gerecht zu werden, nämlich besser zu sein als die Mädchen in
anderen Jungen - Crews, kommt es zunehmend zum Zusammenschluss
von Mädchen in reinen Mädchengruppen. Da Mädchen aber vielfach vom
Urteil der Jungen abhängig sind, den Jungen gefallen wollen und die
Akzeptanz durch die Jungen mehr schätzen als die, die ihnen durch ihre
Geschlechtsgenossinnen zuteil wird, halten die Mädchen - Crews z.T. nur
bedingt zusammen. Auch angesichts dieser Haltung werden über einen
längeren Zeitraum tätige, anerkannte Mädchen - Crews und arrivierte
Sprayerinnen in der Graffiti - Szene wohl vorerst noch die Ausnahme
bleiben.

4.11 ILLEGALE GRAFFITI UND DIE JURISTISCHEN FOLGEN

• Illegale Graffiti treffen die Gesellschaft an einer ihrer empfindlichsten


Stellen: Sie negieren die zentrale Kategorie des Bürgertums, das
Eigentum. Juristisch gesehen erfüllt das illegale Anbringen von Graffiti in
den meisten Fällen den "Straftatbestand durch Farbschmierereien". Hier
deckt sich die Rechtsprechung mit der in der Gesellschaft vielfach
verbreiteten Meinung, für die der häufig durchaus konstatierbare
künstlerische Wert von Graffiti völlig unerheblich ist.
• Der Tatbestand der Sachbeschädigung ist in Deutschland in den §§ 303
und 304 des Strafgesetzbuches geregelt:

"§ 303 Sachbeschädigung

(1) Wer rechtswidrig eine fremde Sache beschädigt oder zerstört, wird mit Freiheitsstrafe bis zu
zwei Jahren oder Geldstrafe bestraft.

(2) Der Versuch ist strafbar.


§ 304 Gemeinschädliche Sachbeschädigung

(1) Wer rechtswidrig Gegenstände der Verehrung einer im Staat bestehenden


Religionsgemeinschaft oder Sachen, die dem Gottesdienst gewidmet sind, oder Grabmäler,
öffentliche Denkmäler, Naturdenkmäler, Gegenstände der Kunst, der Wissenschaft oder des
Gewerbes, welche in öffentlichen Sammlungen aufbewahrt werden oder öffentlich aufgestellt
sind, oder Gegenstände, welche zum öffentlichen Nutzen oder zur Verschönerung öffentlicher
Wege, Plätze oder Anlagen dienen, beschädigt oder zerstört, wird mit Freiheitsstrafe bis zu
drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Der Versuch ist strafbar." *)


Hierzu bedarf es einiger Anmerkungen:
*) Zit. Strafgesetzbuch (StGB), 27. Abschnitt, Gesetzesstand: 30.8.2002.

• Bevor die Staatsanwaltschaft in einem Fall von "Sachbeschädigung durch


Farbschmierereien" tätig wird, hat die Polizei laut § 163 der
Strafprozessordnung drei Aufgaben zu erfüllen:
1. Sie muss die Tat wahrnehmen, die Personalien des Verdächtigen
und den Tathergang aufnehmen sowie die Strafverfolgung wegen
Sachbeschädigung einleiten.
2. Sie muss Ermittlungen zum Tathergang, zur Herkunft der Dosen, zu
den häuslichen Verhältnissen des Beschuldigten u.ä. durchführen.
3. Sie muss die Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft übersenden,
sofern der Beschuldigte über vierzehn Jahre alt, also strafmündig
ist.
4. Danach entscheidet die Staatsanwaltschaft gemäß § 153 der
Strafprozessordnung (ggf. mit Zustimmung des zuständigen
Gerichts), ob das Verfahren eingestellt oder weiterverfolgt wird.
Dabei spielen z.B. folgende Aspekte eine Rolle:
▪ Ist die Schuld des Täters als gering anzusehen?
▪ Besteht ein öffentliches Interesse an der Verfolgung oder sind
die durch die Tat verursachten Folgen gering?

Das heißt hinsichtlich des Tatbestands der "Sachbeschädigung


durch Farbschmierereien" genauer:

▪ Wo ist das illegale Graffiti angebracht worden? Handelt es


sich z.B. um eine baufällige Mauer, einen Neubau oder ein
Kulturdenkmal?
▪ Handelt es sich um einen Erst- oder Wiederholungstäter?
▪ Wie wird sich ein Gerichtsverfahren auf die weitere
Entwicklung des Beschuldigten auswirken?

• Auf SchülerInnen ab dem 14. Lebensjahr, auf die sich diese


Unterrichtsmaterialien ja schwerpunktmäßig beziehen, findet im Fall der
"Sachbeschädigung durch Farbschmierereien" das Jugendgerichtsgesetz
(JGG) Anwendung. Als Jugendlicher gilt, wer zur Zeit der Tat 14, aber
noch nicht 18, als Heranwachsender, wer zur Zeit der Tat 18, aber noch
nicht 21 Jahre alt ist.
• Sieht die Staatsanwaltschaft von einer Erhebung der öffentlichen Anklage,
also einer weiteren Verfolgung der Straftat ab (z.B. wegen Geringfügigkeit
des Schadens/dem Vorliegen einer Bagatellsache), so kann sie nach § 45
JGG das Gericht dazu anregen, dem Beschuldigten gegenüber eine
Ermahnung auszusprechen oder bestimmte Weisungen bzw. Auflagen zu
erteilen. Aber selbst wenn eine Anklage erhoben worden ist, kann das
Gericht gemäß § 47 JGG immer noch das Verfahren einstellen und dem
Beschuldigten eine Frist von 6 Monaten setzen, in der er bestimmten
erzieherischen Maßnahmen, Weisungen oder Auflagen nachzukommen
hat. Dazu zählt z.B. der sog. Täter - Opfer - Ausgleich, also etwa eine
Entschuldigung gegenüber dem Geschädigten und die eigenhändige
Beseitigung der Sachbeschädigung. Bei Einstellung des Verfahrens gilt
der Beschuldigte als nicht vorbestraft.
• Wird das Verfahren weiter betrieben, so führt das immer zu einem
richterlichen Urteil. Der Katalog an Maßnahmen, den Jugendrichter
anwenden können, ist weit gefächert. Je nach Schwere der Verfehlung
kann das Gericht verschiedene Strafen verhängen; diese reichen von
"Erziehungsmaßregeln" über "Zuchtmittel" bis zur " Jugendstrafe".
• Zu den Erziehungsmaßregeln gehören nach §10 JGG die bereits
erwähnten Weisungen, wie eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle
anzunehmen oder bestimmte Arbeitsleistungen zu erbringen.
• Kommt das Gericht zu der Auffassung, dass etwa die Erteilung bestimmter
Weisungen nicht ausreicht, aber auch noch keine Jugendstrafe geboten
ist, so kann es nach § 13 JGG verschiedene Zuchtmittel anwenden, um
dem Beschuldigten eindringlich zum Bewusstsein zu bringen, dass er für
sein Unrecht einzustehen hat. Zu solchen Zuchtmitteln gehören nach § 15
JGG neben bestimmten Auflagen (z.B. Wiedergutmachung des Schadens,
Ableistung von Arbeitsstunden während der Freizeit in einer sozialen
Einrichtung, Geldspende zugunsten einer gemeinnützigen Vereinigung)
auch Jugendarrest, der zwischen 2 Tagen und 4 Wochen betragen kann
und mit einem sozialpädagogischen Training verbunden wird.
• Wenn all diese Mittel als unzureichend angesehen werden oder die
Schuld sehr schwerwiegend ist, kann nach § 17 JGG eine Jugendstrafe
(Freiheitsentzug von mindestens 6 Monaten, maximal 5 Jahren) verhängt
werden, die auf Bewährung ausgesetzt werden kann, sofern das Strafmaß
2 Jahre nicht überschreitet.
• Jugendarrest wird nur verhängt, wenn eine schwere Verfehlung vorliegt.
Jugendstrafen werden dann ausgesprochen, wenn das Gericht zu der
Auffassung gelangt, dass im Fall des Beschuldigten bereits eine
"kriminelle Karriere" vorliegt. Im Zusammenhang mit "Sachbeschädigung
durch Farbschmierereien" ist das Verhängen einer Jugendstrafe jedoch
eher selten. Für Sprayer werden im übrigen die Strafen oft auf Bewährung
ausgesetzt.
• Übrigens gehen ca. 10% aller Straftaten in Deutschland auf das Konto
Jugendlicher. Das weitaus häufigste Delikt ist Diebstahl (1993: 204.395
Straftaten), gefolgt von Sachbeschädigung (1993: 37.696 Straftaten). Die
Dunkelziffer liegt bei ca. 50 %. *)

* ) Vgl. Das Haus, Heft 7 - 8/95, S. 74.

• Neben der zu erwartenden Strafe können erhebliche Kosten infolge der


Beseitigung der Sachbeschädigung auf einen illegal tätig gewordenen
Sprayer zukommen. Dass er sein illegal entstandenes Graffiti nämlich
einigermaßen kostengünstig eigenhändig wieder beseitigt, dürfte eher die
Ausnahme sein und zumeist in Fällen, in denen die Angelegenheit privat
oder im Zuge des "Täter - Opfer - Ausgleichs" geregelt wird, Anwendung
finden. Häufig ist die durch das Graffiti entstandene Sachbeschädigung
aber bereits von anderer Seite behoben worden. (So werden illegale
Graffiti auf Zügen zumeist sofort beseitigt.)
Zuweilen wird der Sprayer auch technisch gar nicht dazu in der Lage sein,
den entstandenen Schaden sachgerecht zu beseitigen.
(Es ist z.B. äußerst schwierig, Klinker oder Sandstein historischer
Gebäude angemessen zu reinigen.)

• Vermutlich realisieren illegal tätige Sprayer nicht, dass


Schadenersatzansprüche erst nach 30 Jahren verjähren und dass sie sich
ggf. lebenslang verschulden, um den an sie gerichteten
Schadenersatzforderungen nachzukommen. Wer wegen Fehlens eines
eigenen Einkommens nicht zahlen kann, für den gilt: Entweder werden die
Erziehungsberechtigten zur Begleichung des Schadens herangezogen
oder er zahlt später.
• Der Kostenaufwand, der z.T. betrieben wird, um das beschmierte
Eigentum wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen, ist
enorm. Um nur einige Beispiele aus der Vergangenheit zu nennen:
1. 1992 haben die deutschen Nahverkehrsunternehmen ca. 50
Millionen DM für die Beseitigung von Vandalismusschäden
(einschließlich der Beseitigung von Graffiti) ausgegeben.
2. Die Neulackierung eines S-Bahn - Zuges kostete 1993 etwa
95.000.- DM.
3. Bei einem komplett besprühten Zug mit vier Wagen der Deutschen
Bahn AG entstand 1995 ein Schaden von 100.000.- bis 150.000.-
DM (durchschnittlich 30.000.- DM pro Wagen). Für eine neue
Innenlackierung berechnete die Deutsche Bahn AG 110.- DM pro
Quadratmeter (1996).
4. Allein die Bewachung von zwei ICE - Zügen der Deutschen Bahn
AG, die nachts in einem Depot abgestellt werden, kostete 100.000.-
DM im Jahr (1998).
5. 1996 gab die Bremer Straßenbahn AG jährlich 1 bis 2 Millionen DM
für die Beseitigung von Vandalismusschäden (inkl. aufgeschlitzten
Sitzen und demolierten Wartehäuschen) aus.
6. Dagegen nehmen sich die Reinigungskosten für Gebäude
vergleichsweise niedrig aus: Der Baugesellschaft Gewoba in
Bremen entstanden durch Graffiti - Schäden ca. 50.000.- DM
Unkosten pro Jahr (1996); die Reinigung des Bremer Rathauses
kostete den Steuerzahler 1996 10.000.- DM.
• Über den Sinn oder Unsinn der Rechtsprechung zu reflektieren, ist müßig.
In einem demokratischen Rechtsstaat ist geltendes Recht so lange zu
respektieren, so lange es nicht verändert wird. Wer gegen geltendes
Recht verstößt, muss mit den entsprechenden Konsequenzen rechnen.
Dies muss, sofern Graffiti zum Gegenstand unterrichtlicher Bemühungen
gemacht werden, den SchülerInnen unmissverständlich klargemacht
werden.
• Vor allem ist in diesem Zusammenhang auch darauf hinzuweisen, dass
sich jeder, der Graffiti auf Kunstwerke (Denkmäler, historische Gebäude
u.ä.) sprüht, selbst disqualifiziert und den Kunstanspruch, der auch mit
Graffiti verbunden ist, preisgibt.
Wer sich hingegen selbst als Graffiti - "Künstler" versteht und als solcher
anerkannt werden möchte, wird die künstlerische Arbeit anderer
respektieren - auch, wenn sie ihm nicht gefällt.
• Allerdings ist die Frage berechtigt, ob der z.T. übertriebene Einsatz von
Sonderkommissionen (SOKOS) gegen "Graffiti - Täter" nicht eigentlich
das Gegenteil von dem bewirkt, was er beabsichtigt. Das nächtliche Katz-
und Mausspiel zwischen Jugendlichen/Heranwachsenden und Vertretern
der Staatsgewalt fördert in manchen Fällen sicher das "Outlaw -
Bewusstsein" der Sprayer und schafft erst den "richtigen" Adrenalin - Kick.
• Wer Jugendliche und Heranwachsende davor schützen möchte, durch
Graffiti - Aktivitäten allzu schnell kriminalisiert zu werden, der wird sich
nicht darauf beschränken, die unerwünschten Symptome eines
bestimmten Handelns zu bekämpfen.

Er wird nach den Ursachen und Motiven des Handelns fragen und zu dem
Schluss kommen, dass Graffiti ein den Motiven angemessener
subkultureller Ausdruck junger Leute ist, der sich aus der Jugendkultur
zukünftig ebenso wenig wegdenken lässt wie Comics, Jeans oder Pop -
Musik, die ja im übrigen längst nicht mehr nur Bestandteile von
Jugendkultur sind. Ergo wird er dazu beitragen, dem bildkünstlerischen
Ausdrucksbedürfnis junger Leute eine adäquate, legale Plattform zu
bieten.
Die Freigabe von öffentlichen Flächen aller Art ist dazu der wichtigste
Schritt, gleichgültig, ob es sich für weniger geübte Sprayer um Wände in
Schulen und Freizeitheimen handelt und für geübtere Sprayer zudem um
Straßenbahnhaltestellen, wie z.B. bei der Bremer Straßenbahn AG, oder
die Außenhaut von Autobussen, wie beispielsweise bei den Pinneberger
Verkehrsbetrieben.

• In diesem Zusammenhang spielt die Vergabe von Aufträgen und die


Durchführung von Wettbewerben eine große Rolle.
Mit steigendem Kunstanspruch in der Graffiti - Szene nimmt der Anteil an
Writern zu, die in Ruhe ihrer Tätigkeit nachgehen wollen und die sich zu
Vereinigungen zusammenschlieBen, denen darum zu tun ist, Flächen zu
beschaffen, auf die legal gesprüht werden darf.
Eine solche Organisation ist z.B. die 1990/91 gegründete Berlin Graffiti
Association. Andere nehmen die Angebote öffentlicher Einrichtungen,
legal zu arbeiten, an, so etwa das Angebot des Münchner Jugendtreffs
Zeugnerhof.
• Natürlich wird es immer Writer geben, die nicht auf den Thrill der illegalen
Aktion verzichten wollen. Deshalb aber zu verfügen, wie z.B. Anfang 1996
der Magistrat von Bremerhaven, keine öffentlichen Flächen für Sprayer
mehr bereitzustellen, selbst, wenn es sich dabei um Aktionen mit
künstlerischem Anspruch handelt, ist sicher der falsche Weg. *) Und wer,
wie die Deutsche Bahn AG "... Subventionen aus Steuermitteln erhält,
muß auch gewillt sein, an pädagogischen Konzepten mitzuwirken..." **),
anstatt Graffiti pauschal zu diskriminieren und viel Geld für ein
langweiliges Corporate Design und die Neulackierung trister Züge in
modischen Minttönen auszugeben.

Anonym, Tags und Throw Ups am Kolonial - Denkmal, Bremen, 1998

* ) Vgl. Weser - Kurier Nr. 45 vom 22.2.1996.


* * ) Zit. Barbara Uduwerella: Graffiti: Jugendbewegung zwischen Kunst und Krieg. In: Schwarzkopf,
a.a.O., S. 117 - 119, hier S. 119.

5 ARBEITSBLÄTTER ZUM STYLE WRITING

5.1 Vorbemerkung / Überblick 39

5.2 Checklisten 42

5.3 Graffiti-Buchstaben von A-Z 50

5.4 Alphabete in verschiedenen Styles 63

5.5 Übungen zu Outlines 87

5.6 Übungen zu Blocks und Schatten 122

5.7 Übungen zum Fill In 132

5.8 Übungen zum Background 150

5.9 Das "Tag"-Alphabet 156


5.1 VORBEMERKUNG

Wichtigstes Ziel dieser Veröffentlichung ist es, vornehmlich ungeübte


Schüler/innen im Kunstunterricht mit den wesentlichen Gestaltungsmerkmalen
von Graffiti i.e.S. vertraut zu machen. Dazu wird eine Vielzahl von Materialien
und Arbeitsblättern zur Verfügung gestellt, die Lehrer/innen, die mit dem
Unterrichtsgegenstand wenig vertraut sind, vielleicht zunächst ein wenig
verwirrt. In der Tat wird hier bewusst darauf verzichtet, Lehrer/innen die
didaktisch-methodische Entscheidung für ihren Unterricht abzunehmen. Der
oder die Unterrichtende wird also das tun, was er oder sie immer tun muss:
didaktisch-methodische Phantasie entwickeln und aus den alternativ
einzusetzenden Materialien und Arbeitsblättern auswählen und über Anzahl und
Abfolge selbst entscheiden - wie immer: je nach Anspruch, Zielen, inhaltlicher
Schwerpunktsetzung und vorgefundenen Unterrichtsbedingungen (Klassenstufe,
Vorkenntnissen, Notwendigkeit der inneren Differenzierung, dem zur Verfügung
stehenden Zeitraum u.ä.).

So viel sei aber doch gesagt, um die Entscheidung zu erleichtern: Eilige sollten
den Schüler/innen anhand (ggf. vereinfachter) Checklisten (vgl. S. 43 ff.) einen
Überblick über die Gestaltungsmittel des Style Writing geben, um sich dann auf
die wesentlichen Aspekte der Gestaltung von Outlines zu beschränken. Das
bedeutet, Nebenaspekte, wie 'bewegte Standlinie' oder 'Gestaltung von
Balkenenden' sowie die Bereiche 'Blocks',

'Fill In' und 'Background' zu vernachlässigen. Als größere praktische Aufgabe


bietet sich in diesem Zusammenhang die Gestaltung eines Wortes oder eines
selbst gewählten Namens in einer aus Vorlagen übernommenen oder selbst
entwickelten Graffiti - Schrift an (vgl. hierzu die Schülerarbeiten ab S. 164 ff.).

Bei den hier vorgelegten Arbeitsblättern zum Style Writing handelt es sich
einerseits um Arbeitsblätter im engeren Sinn, also um solche, die von den
Schüler/innen (zumeist bildnerisch) bearbeitet werden können, und andererseits
um solche, die lediglich Materialcharakter haben, die also der Anschauung,
Anregung, Übersicht oder Kontrolle dienen, selbst aber nicht direkt bearbeitet
werden. Zu diesen Arbeitsblättern im weiteren Sinn gehören die in Kap. 5.2
wiedergegebenen Checklisten zu den Gestaltungsmerkmalen des Style Writing
(S. 43 ff .), die Graffiti - Buchstaben von A - Z (Kap. 5.3, S. 50 ff.) und die
Alphabete in verschiedenen Styles (Kap. 5.4, S. 63 ff.).

Die Abfolge der Arbeitsblätter i.e.S. entspricht weitgehend der Gliederung der
Checklisten: Auf die Übungen zur Gestaltung der Outlines (Kap. 5.5) folgen
solche zu Blocks (Kap. 5.6), zum Fill In (Kap. 5.7) und zum Background (Kap.
5.8). Natürlich muss im Unterricht nicht dieser bildnerisch logischen Abfolge
entsprochen werden. Wer wenig Zeit hat oder eine leistungsfähige Lerngruppe
unterrichtet, wird auf bestimmte einfache Übungen (z.B. das farbige
Ausgestalten vorgegebener Fill Ins, S.134 ff.) völlig verzichten. Sinnvollerweise
wird er Arbeitsblätter mit kleinschrittigen Aufgabenstellungen zu einer größeren,
komplexen Aufgabenstellung zusammenfassen. Wer mehr Zeit hat oder eine
weniger leistungsstarke Lerngruppe unterrichtet, wird eher mit bestimmten
einfachen Übungen zum Fill In beginnen und den schwierigeren Aspekt
'Outlines' zu einem späteren Zeitpunkt seines Unterrichts thematisieren. Dass
der oder die Unterrichtende Arbeitsaufträge zu einzelnen Übungen sprachlich
anders formulieren oder inhaltlich verändern, etwa vereinfachen oder erweitern
kann, versteht sich eigentlich von selbst. Es muss auch nicht besonders betont
werden, dass die Arbeitsblätter lediglich als Anregung zur Gestaltung eigener
Arbeitsblätter oder Formulierung bildnerischer Aufgabenstellungen
herangezogen werden können. Wie immer beim Umgang mit vorgefertigten
Unterrichtsmaterialien, so ist auch hier die kritische und souveräne
Haltung von Lehrer/innen gefragt.

Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass manche Arbeitsblätter Zeichnungen


enthalten, die hier aus Platzgründen in verkleinerter Form wiedergegeben sind.
Diese Arbeitsblätter können von den Schüler/innen also nicht direkt bildnerisch
bearbeitet werden, so wie andere Arbeitsblätter, die einfache Zeichnungen
enthalten, nicht direkt bildnerisch bearbeitet werden müssen. Vielmehr reicht es
aus, wenn solche Arbeitsblätter im Unterricht nur in geringer Auflage oder als
vergrößertes Anschauungsmedium zur Verfügung gestellt werden, damit die
Vorgaben abgezeichnet werden können, bevor sie bildnerisch weiter bearbeitet
werden. Auf diese Weise können nicht nur Vervielfältigungskosten gespart
werden; die Schüler/innen bedienen sich zugleich auch eines Verfahrens, dass
in der Graffiti-Szene zwecks Übung und Entwicklung eines eigenen Styles bei
AnfängerInnen durchaus üblich ist: dem "Biten" (= "Abkupfern", Abzeichnen).
Die folgende Übersicht soll die Orientierung darüber erleichtern, auf welche
Aspekte sich die Materialien und Arbeitsblätter zum Style Writing beziehen.

ÜBERBLICK

Kap. 5.2 CHECKLISTEN

(S. 42-47) (Checklisten zu Gestaltungsmitteln des Style Writing)

43, 44 - Outlines

45, 46 - Fill In

46 - Dreidimensionale Effekte (Blocks, Schatten)


47 - Background

48, 49 - Fachbegriffe zur Buchstabengestaltung

Kap. 5.3 GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A - Z

(S. 50-62) (Sammlung alphabetisch geordneter Buchstaben in


verschiedenen Styles)

Kap. 5.4 ALPHABETE IN VERSCHIEDENEN STYLES

(S. 63-86) (Vorlagen zur Übernahme oder als Anregung zur Entwicklung
eigener Styles)

Kap. 5.5 ÜBUNGEN ZU OUTLINES

(S. 87-121)

87-99 - Alphabete in verschiedenen Styles ergänzen

100-104 - Ein eigenes Alphabet zeichnen

105-107 - Fehlende Buchstaben in Wörtern ergänzen / Überdeckung

108 - Wie aus einem Antiqua-Schriftzug ein Schriftzug in einer


Graffiti - Schrift entsteht

109-112 - Balkenenden/Schwünge/Verzierungen ergänzen

113 - Wie aus einem Graffiti-Schriftzug ohne Schwünge ein


Schriftzug entsteht, der dem Wild Style ähnelt

114 - Begrenzungslinien ergänzen

115-121 - Bewegung ("Swing") in den Buchstaben erzeugen

Kap. 5.6 ÜBUNGEN ZU BLOCKS UND SCHATTEN

(S. 122-131)

124,125 - Blocks für Buchstaben auf verschiedene Weise konstruieren

126-130 - Blocks für Buchstaben und Schriftzüge nach Vorgaben


zeichnen

131 - Schatten für Schriftzüge nach Vorgaben zeichnen

Kap. 5.7 ÜBUNGEN ZUM FILL IN


(S. 132-149)

134-139 - Vorgegebene Fill Ins farbig ausgestalten

140-143 - Ansätze zum Fill In weiterführen und farbig ausgestalten

144-149 - Fill Ins entwerfen und farbig ausgestalten

Kap. 5.8 ÜBUNGEN ZUM BACKGROUND

(S. 150-155)

151 - Verschiedene Möglichkeiten der Backgroundgestaltung fur


denselben Schriftzug erkennen und bewerten

152-155 - Zu vorgegebenen Schriftzügen einen inhaltlich passenden


Background entwerfen und ausgestalten

Kap. 5.9 DAS TAG-ALPHABET

(S. 156-159)

157 - Tag-Buchstaben zur Anschauung

158 - Ein eigenes Tag entwickeln

159 - Antiqua- und Grotesk-Schrift als Ausgangspunkt für das Style-


Writing

Innerhalb der einzelnen Kapitel werden im Rahmen eines didaktisch-


methodischen Kommentars Hinweise zu Zielsetzungen und zum möglichen
unterrichtlichen Einsatz der verschiedenen Materialien und Arbeitsblätter
gegeben. In diesem Zusammenhang wird auch auf exemplarisch ausgewählte
Schülerarbeiten hingewiesen, die mit der Bearbeitung verschiedener Übungen in
Zusammenhang stehen.
5.2 CHECKLISTEN

Materialien/
Arbeitsblätter KOMMENTAR
SEITE

43 - 47 Checklisten
Mit den Checklisten wird versucht, auf der Basis der
Analyse vieler verschiedener Graffiti-Pieces die
wichtigsten formalen Gestaltungsmittel des Style-Writing
systematisch zu erfassen.
Die Checklisten beziehen sich auf

43 a, ,43 b, 44 a, 44 b •• die Outlines (Formgebung und Zusammenfügen


der Buchstaben),

45 a, 45 b, 46 a •• das Fill In (Ausgestaltung der Buchstaben mit


Linien und Flächen sowie Möglichkeiten der
Farbgebung),

46 b •• Blocks und Schatten (Erzeugen dreidimensionaler


Effekte),

47 a, 47 b •• den Background (Möglichkeiten der


47 c, 47 d Hintergrundgestaltung).

Da sie einen raschen Überblick ermöglichen, erfreuen


sich die Checklisten bei Schüler/innen (und auch bei
geübten Sprayern) großer Beliebtheit. Die Checklisten
können im Unterricht - je nach Bedarf - sukzessive oder
insgesamt, ggf. auch in vereinfachter Form, als
Anschauungs- bzw. Kontrollmedium eingesetzt werden.
Manche der ab Kapitel 5. 5 beigefügten Arbeitsblätter
sind direkt im Zusammenhang mit den Checklisten zu
bearbeiten. Hierauf wird jeweils gesondert hingewiesen.
48, 49 Fachbegriffe
Diese beiden Arbeitsblätter haben die wichtigsten
Fachbegriffe zur Buchstabengestaltung zum
Gegenstand. Ihr Einsatz erleichtert die unterrichtliche
Verständigung bei der Behandlung des Style Writing.
Das erste Arbeitsblatt dient der Übersicht, das zweite
der Festigung.
Seite 43 a >
CHECKLISTE 1a / OUTLINES - Form der Buchstaben

Balken unter- Balken unter- Buchstabe gestreckt Buchstabe gestaucht


schiedlich dick schiedlich lang (kleine Öffnungen)

Eckiges wird z. T. rund Eckiges wird völlig rund Rundes wird z. T. eckig
(Bubble Letters)

Rundes wird völlig eckig Balken eingeknickt Balken ein- und ausgebuchtet
(Straight Letters)

Balken überlapppen einander Balken ineinander verschlungen Balken ändern die Richtung

Balken durchgezogen gesplitterte Outlines zerfließende Outlines

Seite 43 b >
CHECKLISTE 1b / OUTLINES - Form der Buchstaben

Balken laufen in Schwüngen aus

Balken enden in Pfeilen Balken enden in "Herzen"


aus Balken wachsen Pfeile / "Herzen" Schwünge, Pfeile mit Stützen versehen

Outlines plastisch (3-D Letters, s. Blocks) von Balken abgespaltene Teile

Outlines ganz oder z. T. verdoppelt, verdreifacht Kombination aus vielen Möglichkeiten

Seite 44 a >
CHECKLISTE 2a / Outlines - Zusammenfügen der Buchstaben

nur Großbuchstaben nur Kleinbuchstaben

Kombination von Groß- und Kleinbuchstaben

Begrenzungslinie(n) der Buchstaben bewegt


(zickzackförmig, halbrund u. ä.; auch unterschiedlich große Buchstaben)

Buchstaben überschneiden sich (Glaseffekt)

Buchstaben stehen nebeneinander


Seite 44 b >
CHECKLISTE 2b / Outlines - Zusammenfügen der Buchstaben

Buchstaben überdecken sich:


stehen wenig hintereinander

Buchstaben überdecken sich:


von rechts, stehen stärker zusammen

Buchstaben überdecken sich:


von links, stehen stärker hintereinander

Buchstaben überdecken sich:


stehen neben- und hintereinander

Buchstaben verschwinden ineinander

Seite 45 a >

CHECKLISTE 3a / FILL-IN - Linien und Flächen

Linien, Flächen senkrecht Linien, Flächen waagerecht

Linien, Flächen schräg Linien, Flächen wellenförmig


Linien, Flächen gezackt Linien, Flächen viereckig

Linien, Flächen dreieckig Linien, Flächen rund

Linien, Flächen eiförmig


Linien als Risse

Seite 45 b >

CHECKLISTE 3b / FILL IN - Linien und Flächen

Linien, Flächen den Outlines folgend

Linien, Flächen freigeformt

Gags: Sterne, Blitze, Herzen, Spiralen u. ä.

Kombination verschiedener Möglichkeiten


nicht klar abgegrenzte Flächen: Clouds (Wolken)

Seite 46 a >

CHECKLISTE 4 / FILL IN - Farbgestaltung

1. einfarbig
2. zwei oder mehrere Farben, die von Buchstabe zu Buchstabe des
Wortes wechseln
3. zwei oder mehrere Farben, die innerhalb der einzelnen Buchstaben
wechseln
4. Farbkontraste innerhalb der einzelnen Buchstaben oder des
ganzen Wortes
o Farbe-an-sich-Kontrast (Farbe-zu-Farbe-Kontrast), z.B. Gelb
- Rot
o Komplementärkontrast (Gelb - Violett, Rot - Grün, Blau -
Orange)
o Temperaturkontrast (Aktiv-Passiv-Kontrast), z.B. warmes Rot
-kaltes Blau
o Intensitätskontrast (Qualitätskontrast, reine Farbe - getrübte
Farbe), z.B. Gelb - Graugrün
o Quantitätskontrast (viel Farbe - wenig Farbe), z.B. viel Gelb -
wenig Rot
o Bunt-zu-unbunt-Kontrast (bunte Farbe - unbunte Farbe), z.B.
Gelb - Schwarz
o Hell-Dunkel-Kontrast
o eine Farbe oder mehrere Farben innerhalb der einzelnen
Buchstaben oder des ganzen Wortes abschattiert:
▪ links hell, rechts dunkel
▪ links dunkel, rechts hell
▪ oben hell, unten dunkel
▪ oben dunkel, unten hell
▪ zur Mitte hin heller
▪ zur Mitte hin dunkler
▪ innerhalb einer Farbe, z.B. Hellblau - Dunkelblau
▪ als Ton-in-Ton-Gestaltung, z.B. Gelb - Orange - Rot
▪ als stufenloser Übergang der Farben (Fading)
5. nach dem Farbspektrum geordnet (Spektralfarben: Rot, Orange,
Gelb, Grün, Blau, Violett)
6. Silber oder Gold bei andersfarbigen Outlines
Seite 46 b >

CHECKLISTE 5 / BLOCKS/SCHATTEN

Blocks, z.B. unten, rechts breiter Block, z.B. oben, rechts

Block: andersfarbig ausgefüllt Block: nicht andersfarbig ausgefüllt

Block: gemustert (Streifen) Block: gemustert (eiförmig)

Buchstaben werfen Schatten

Glanzlinien und Glanzlichter (Highlights)

Seite 47 a >

CHECKLISTE 6a / BACKGROUND

1. ohne
2. einfarbig (andersfarbig als Schrift oder Characters)
3. mehrfarbig (vgl. Checkliste 4: Fill In - Farbgestaltung)
4. wolkig, ineinander fließende Farben,
5. den Outlines folgende Linien (gleich oder verschieden breite Streifen)
6. verschiedene abgegrenzte und farbig ausgefüllte Flächen
7. kleinteilig gegliedert/gemustert
o Kreise, Punkte, Dreiecke, Vierecke, Vielecke
oLinien aller Art
oDesigns/Gags: Sterne, Herzen, Spiralen, Blitze u.ä.
o Splashes (Kleckse) , Tropfen, Flammen
o kieselstein- oder mauersteinartige Formen
8. gezackte oder gewellte Begrenzung des Backgrounds
9. Schrift
o Tag (Signatur)
o Dedication (Widmung)
o Text (Slogan u.ä.)
10. kombiniert mit
o Characters (z.B. Comicfiguren oder comicähnlichen Figuren,
Tieren, Monstern, Selbstporträts, Zitaten aus der bildenden
Kunst)
o Landschaften (z.B. Stadtsilhouetten, Sonnenaufgang,
Sonnenuntergang, Wald, Tropen, Regenbogen, Durchbruch
durch eine Mauer, Sciencefiction)
Anm.: Zuweilen tauchen Schrift (s. 9) und Landschaften (s. 10) auch als Fill In von Buchstaben auf.

CHECKLISTE 6b / BACKGROUND

BACKGROUNDBEISPIELE
(und Kombination mit zusätzlichen Bild- und Schriftelementen)

1 den Outlines folgende Linien

2 Designs
3 Splashes

BACKGROUNDBEISPIELE
(und Kombination mit zusätzlichen Bild- und Schriftelementen)

4 Mauer(durchbruch)

5 Character

6 Character, Slogan
BACKGROUNDBEISPIELE
(und Kombination mit zusätzlichen Bild- und Schriftelementen)

7 Landschaft, Slogan

8 Character, Landschaft, Slogan

9 Splashes, Slogan
Aufgabe:
Präge dir die FACHBEGRIFFE gut ein.

FACHBEGRIFFE
Aufgabe:
Wie lauten die richtigen FACHBEGRIFFE ?
5.3 GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A - Z

Materialien/
Arbeitsblätter KOMMENTAR
SEITE

51 - 62 Diese Materialien geben einzelne, alphabetisch


51, 52, geordnete Buchstaben in verschiedenen Styles wieder. Sie sind
53, 54, aus vorgefundenen Pieces übernommen und auch von der
55, 56, Verfasserin selbst entworfen worden.
57, 58, Wie die Checklisten, so sollen auch die Graffiti - Buchstaben den
59, 60 Schüler/innen einen raschen Überblick liefern und Anregungen für
die Entwicklung eigener Schriftzüge und Styles bieten.
Wollen die Schüler/innen die Buchstaben für ihre Arbeit
übernehmen, müssen sie solche aussuchen, die im Stil
zueinander passen, einzelne Buchstaben in der Größe verändern
und für das Schreiben bestimmter Wörter zusätzliche Buchstaben
im entsprechenden Stil hinzuerfinden.
Vgl. hierzu auch das Arbeitsblatt auf S. 102.

61, 62 Auf zwei zusätzlichen Seiten wird veranschaulicht, wie


die Balkenenden in Schwüngen auslaufen oder
in Verzierungen enden konnen. Zumeist handelt es sich dabei um
die graffiti-spezifischen Ausprägungen der Serifen von
Antiquaschriften, welche ja vielfach als Grundlage für Graffiti -
Schriften dienen.
Vgl. hierzu auch die Arbeitsblätter S. 109 ff.
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
A, B
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
C, D, E
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
C, D, E
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
F, G
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
H, I, J
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
K
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
L, M
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
N, O, P
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
Q, R, S
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
T, U, V
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
W, X, Y, Z
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
Verzierungen von Balkenenden
GRAFFITI - BUCHSTABEN VON A BIS Z:
Verzierungen von Balkenenden
5.4 ALPHABETE IN VERSCHIEDENEN STYLES
Materialien/
Arbeitsblätter KOMMENTAR
SEITE

64 - 86 Alphabete in verschiedenen Styles


Die von der Verfasserin entworfenen Alphabete verschiedener
Stilrichtungen entsprechen in der Ausformung der Outlines und
der Erzeugung dreidimensionaler Effekte den wichtigsten
Gestaltungsprinzipien, wie sie in den Checklisten ab S. 43
ff. aufgeführt sind. Die Form der Buchstaben ist je nach Style
mehr oder minder differenziert. Folgende Alphabete können
unterrichtlich genutzt werden:
Alphabete mit

64, 65, 66, - einfachen, runden Outlines,


67

68, 69, 70, - einfachen, eckigen (geknickten) Outlines,


71

72, 73, 74, - komplizierten, wild-style-ähnlichen Outlines,


75, 76, 77

78, 79, - gesplitterten Outlines,


80, 81

82, 83 - zerfließenden Outlines,

84, 85 - Bubble Letters,


86 - Straight Letters.

Die Alphabete sind z. T. in zwei Ausfertigungen wiedergegeben:


ohne oder mit dreidimensionalem Effekt (Block bzw. Schatten).
Einige Alphabete, die im Kunstunterricht besonders gut eingesetzt
werden können, werden in zwei Größen abgebildet.
Die Alphabete können die Schüler/innen für die Gestaltung von
Schriftbildern nutzen, sei es lediglich als Anregung, sei es durch
Abzeichnen oder Durchpausen, Verändern, Vergrößern über
Raster oder Overheadprojektor sowie anschließende farbige
Ausgestaltung in verschiedenen Techniken.
Vgl. dazu die ausgewählten Schülerarbeiten S. 168 ff.

Hier findest du Buchstaben, die zueinander passen.


Du kannst das Alphabet für deine Arbeit benutzen.
Hier findest du Buchstaben, die zueinander passen.
Du kannst das Alphabet für deine Arbeit benutzen.

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Hier findest du Buchstaben, die zueinander passen.
Du kannst das Alphabet für deine Arbeit benutzen.
Hier findest du Buchstaben, die zueinander passen.
Du kannst das Alphabet für deine Arbeit benutzen.
Seite 69 >
Hier findest du Buchstaben, die zueinander passen.
Du kannst das Alphabet für deine Arbeit benutzen.

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5.5 ÜBUNGEN ZU OUTLINES
Materialien/
Arbeitsblätter KOMMENTAR
SEITE

92 - 121 Übungen zu Outlines

92, 93, Alphabete in verschiedenen Styles ergänzen


94, 95, Diese Arbeitsblätter basieren auf den Alphabeten aus Kap. 5.4.
96, 97, Die fehlenden Buchstaben sind so zu ergänzen, dass sie
98, 99 stilistisch zu den bereits vorhandenen des jeweiligen Alphabets
passen. Je nach Kompliziertheit der Outlines und danach,
welche Buchstaben jeweils ergänzt werden sollen, variiert der
Schwierigkeitsgrad der Arbeitsblätter.

Zwischen den verschiedenen Arbeitsblättern können vielfältige


Bezüge hergestellt werden. So können z.B. die Arbeitsblätter
auf S. 92 und S. 97 nacheinander bearbeitet werden. Das gilt
auch für die Arbeitsblätter auf S. 95 und S. 96. Die
Vervollständigung der Alphabete auf den S. 94 und S. 96 ist
wohl am schwierigsten.
Beim Zeichnen können sich die Schüler/innen z. T. an einigen
der bereits eingezeichneten Buchstaben orientieren
(z. B. Q O, V W, U). Es bietet sich an, die zu ergänzenden
Buchstaben zuerst auf einem Extrablatt ggf. in mehrfacher
Ausfertigung skizzieren zu lassen, ehe sie, in Stil und Größe
passend, in das Arbeitsblatt übertragen werden.

Zwecks Vereinfachung der Aufgabenstellung können den


Schüler/innen natürlich auch vollständige Alphabete zur
Verfügung gestellt werden, aus denen sie die in den
Arbeitsblättern jeweils fehlenden Buchstaben abzeichnen. Das
bietet sich unter Umständen z.B. für die Ergänzung des
Alphabets auf S. 94 an.
Generell sollte aus Gründen der Kreativitätsförderung aber von
dieser Methode abgesehen und vielmehr darauf geachtet
werden, dass den Schüler/innen die Merkmale des jeweiligen
Styles, in dem die Buchstaben gezeichnet sind, bereits vor der
praktischen Arbeit hinreichend verdeutlicht worden sind.

Zwecks innerer Differenzierung kann der/die Unterrichtende auf


der Basis der in Kap. 5.4 wiedergegebenen Alphabete selbst
Arbeitsblätter mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad
herstellen (z.B. eine unterschiedliche Anzahl oder
unterschiedlich schwierig gestaltete Buchstaben ergänzen
lassen).

100 - Ein eigenes Alphabet zeichnen


104

100 Das erste für diesen Zusammenhang relevante Arbeitsblatt


verdeutlicht, auf welch vielfältige Weise die Außenform eines
Ausgangsbuchstabens verändert werden kann und wie eigene
Alphabete auf der Basis von Vorlagenalphabeten, die in Kap. 5.4
wiedergegeben sind, entwickelt werden können.

101 - 104 Die übrigen Arbeitsblätter bestehen aus Leerrastern mit


verschiedenen Aufgabenstellungen. Diese können bereits
eingesetzt werden, nachdem verschiedene lückenhafte
Alphabete ergänzt worden sind oder zu einem späteren
Zeitpunkt, wenn andere der nachfolgenden Übungen zur
Gestaltung von Outlines, etwa zur Gestaltung von Balkenenden
(vgl. S. 111), absolviert worden sind.

101 Das Arbeitsblatt auf S. 101 soll den Schüler/innen helfen, sich
für einen Style zu entscheiden, der ihnen persönlich am meisten
zusagt. Dabei kann auch auf die auf S. 159 abgebildeten
Grundschriften, die als Ausgangspunkt für das Style Writing
dienen können, Bezug genommen werden.

102, 103, Die Aufgaben für die übrigen Leerraster beziehen sich u.a. auf
104 die "Graffiti - Buchstaben von A - Z" (Kap. 5.3) sowie auf die
Checkliste "Outlines" (S. 43) und sind von unterschiedlichem
Schwierigkeitsgrad.

105, 106 Fehlende Buchstaben in Wörtern ergänzen, die in


verschiedenen Styles gestaltet sind
War bei den vorstehenden Übungen "nur" gefordert, Buchstaben
in verschiedenen Styles isoliert zu zeichnen, so sollen
jetzt fehlende Buchstaben in vorgegebene lückenhafte Wörter
oder Sprüche eingezeichnet werden, und zwar in Styles
verschiedenen Schwierigkeitsgrads. Eine zusätzliche
Schwierigkeit besteht darin, dass sich die Buchstaben z. T.
überdecken,

also nur teilweise sichtbar sind. Zur Veranschaulichung dieses


Problems kann die Checkliste "Outlines/Zusammenfügen der
Buchstaben" auf S. 45 ff. herangezogen werden.
Möglicherweise bietet es sich an, erst die zu ergänzenden
Buchstaben vollständig zeichnen und anschließend die nicht
sichtbaren Linien wegradieren zu lassen.
Sollen die Zeichnungen ausgestaltet werden und werden dabei
spezifische Anforderungen an Fill In- und Background-
Gestaltung gestellt, ist auf die entsprechenden Checklisten auf
S. 45 ff. zurückzugreifen.

107 Ungeübte Schüler/innen neigen dazu, beim Entwerfen von


Schriftzügen die Buchstaben in viel zu großem Abstand
nebeneinander zu setzen. Im Arbeitsblatt auf S. 107 wird
schrittweise das bildnerische Problem verdeutlicht "Wie
Buchstaben einander überdecken und miteinander
verschmelzen". Vollziehen die Schüler/innen die Teilschritte
sukzessive nach, gelangen sie zu Schriftzügen, die dem Style
Writing angemessen sind.

108 Wie aus einem Antiqua - Schriftzug ein Schriftzug in einer


Graffiti - Schrift entsteht

Einen Überblick darüber, wie aus einem Schriftzug in


Antiquabuchstaben ein Schriftzug in Graffiti - Schrift entsteht,
können die Schüler/innen anhand des Arbeitsblatts auf S. 108
gewinnen. Dieses Arbeitsblatt ist in Anlehnung an ein Interview
mit dem berühmten Berliner Writer Odem entstanden. Sofern die
Schüler/innen die in dem Arbeitsblatt angegebenen Teilschritte
nacheinander zeichnerisch nachvollziehen, gelangen sie zu
Schriftzügen, die den Anforderungen des Style Writing
entsprechen. Als Ausgangspunkt kann auch die Antiquaschrift
dienen, die auf S. 159 abgedruckt ist. Da dieses Arbeitsblatt
einen Überblick über wichtige Aspekte der Entstehung eines
Graffiti - Schriftzugs vermittelt, kann es auch bereits zu einem
früheren Zeitpunkt im Unterricht eingesetzt werden.

109 - 113 Balkenenden/Schwünge und Verzierungen zeichnen


Ein typisches Zeichen komplizierter Graffiti - Schriften (insb. des
Wild Style) ist das Auslaufen der Balkenenden bzw. "Serifen"
in Schwüngen und Verzierungen. Die hierzu entwickelten
Arbeitsblätter sollen die Schüler/innen dazu anregen,
verschiedene Lösungen zu diesem bildnerischen Problem zu
finden, und zwar in Bezug auf
- isolierte Buchstaben sowie
- Buchstaben als Bestandteile von Wörtern.
Hierzu kann zwecks Veranschaulichung bzw. Vereinfachung
auch auf die "Graffiti - Buchstaben von A - Z" (insb. S. 61 f.)
zurückgegriffen werden.

109, 110 Die Aufgabe, Schwünge und Verzierungen der einzelnen


Buchstaben innerhalb von Wörtern so weiterzuzeichnen, dass
die Buchstaben miteinander verbunden sind, stellt insofern eine
hohe Anforderung dar, als die Schwünge und Verzierungen
einander z. T. durchdringen und überdecken. Man kann zur
Bearbeitung dieser Arbeitsblätter auf S. 109 ff. auch die dazu
passenden, weiter hinten abgebildeten Arbeitsblätter
heranziehen, auf denen die entsprechenden Schriftzüge
vollständig wiedergegeben sind (vgl. S. 147 f.).

111, 112 Schwierig ist auch die Aufgabe, Balkenenden von Buchstaben
innerhalb von Wörtern weiterzuführen, wenn keine
Anhaltspunkte dafür gegeben werden, wie die Balkenenden
auslaufen könnten. Dieses kann auf den Arbeitsblättern auf
S. 111 f. geübt werden.

113 Wie aus einem Graffiti-Schriftzug ohne Schwünge ein Schriftzug


entsteht, der dem Wild Style ähnelt
Die Zeichnungen auf dem Arbeitsblatt auf S. 113 verdeutlichen,
wie durch sukzessives Ergänzen der Balkenenden der einzelnen
Buchstaben in Form von Schwüngen und Verzierungen ein
Schriftzug entstehen kann, der dem Wild Style ähnelt.
Vollziehen die Schüler/innen die auf dem Arbeitsbogen
angegebenen Teilschritte bildnerisch nach, gelangen sie selbst
zu einem Schriftzug, der dem Wild Style recht nahe kommt.

114 Begrenzungslinien ergänzen


Buchstaben von Wörtern, die im Wild Style oder in einer diesem
Stil ähnlichen Weise gestaltet werden, sind häufig durch eine
doppelte Begrenzungslinie (Standlinie) miteinander verbunden.
Dies können die Schüler/innen anhand des beigefügten
Arbeitsblattes lernen.

115 - 119 Bewegung ("Swing") erzeugen


Die Erfahrung zeigt, dass ungeübte Schüler/innen bei der
Entwicklung von Schriftzügen die Begrenzungslinien der
Buchstaben (insb. die Standlinie) vernachlässigen. Die Folge ist,
dass die Schriftzüge zuweilen unbeabsichtigterweise schief
werden oder nach einer Seite "wegkippen". Dieses soll durch die
hierzu entwickelten Arbeitsblätter vermieden werden. Vor allem
soll die Bearbeitung der Aufgabenstellungen aber dazu dienen,
dass die Schriftzüge graffititypische Bewegungen aufweisen.

119 Das Arbeitsblatt auf S. 119 zeigt schrittweise, wie "Swing" in "
die Buchstaben kommt. Hier lernen die Schüler/innen, mit
bewegter Untergrenze (Standlinie) bzw. Obergrenze zu arbeiten.
Sie erfahren auch, dass sich z. B. die Größe der Buchstaben
innerhalb eines Schriftzugs durch die Begrenzungslinien ändern
kann.

115, 116, Bei der Bearbeitung der übrigen Arbeitsblätter zu diesem


117, 118 bildnerischen Problem können die Schüler/innen üben, wie
"Swing" entsteht. Die Anfangsbuchstaben der in diesen
Arbeitsblättern zu ergänzenden Wörter sind in verschiedenen
Styles gestaltet, variieren also im Schwierigkeitsgrad. Zwecks
Ergänzung können die entsprechenden Alphabete
ab S. 64 herangezogen werden.
Entwerfen die Schüler/innen selbst Begrenzungslinien, so ist
darauf zu achten, dass diese nicht zu bewegt gestaltet werden.
Für die Ausgestaltung der Zeichnungen (Fill In und Background)
können die entsprechenden Checklisten zur Verfügung gestellt
werden (vgl. S. 45).
120 Das Arbeitsblatt auf S. 120 berücksichtigt verschiedene wichtige
Teilspekte des Style Writing. Es kann als zusammenfassende
abschließende Übung zum Thema 'Outlines' eingesetzt werden
oder aber wenn wenig Zeit zur Verfügung steht und bestimmte
Teilaspekte nicht gesondert behandelt werden sollen.

121 Das Arbeitsblatt auf S. 121 soll die Schüler/innen dazu anhalten,
sich die Gestaltung ihrer Schriftzüge bewusst zu machen.
Dieses Arbeitsblatt kann sowohl in der Planungs- als auch in der
Reflexionsphase eingesetzt werden.
Seite 92 >

AUFGABE:
Ergänze die fehlenden Buchstaben so,
dass sie zu den bereits vorhandenen Buchstaben passen.
Seite 93 >

AUFGABE:
Ergänze die fehlenden Buchstaben so,
dass sie zu den bereits vorhandenen Buchstaben passen.

Wird zum späteren Zeitpinkt ergänzt


(zunächst weiter mit 10 - Schablonengraffiti)
Seite 223

10 SCHABLONENGRAFFITI

10.1 Schablonengraffiti und Street Art 223

10.2 Herstellungsverfahren und Arbeitsanleitungen 225

10.3 Beispiele für Schablonen 238

10.4 Ausgewählte Schülerarbeiten zum Schablonengraffiti 250

<<<

10.1 SCHABLONENGRAFFITI UND STREET ART

• Schablonengraffiti (auch Pochoirs genannt) werden 1981 von dem


Franzosen Blek le Rat (Xavier Prou) für die Street Art entdeckt und rufen
zunächst in Paris, dann in ganz Frankreich eine Pochoir - Bewegung
hervor, die sich später über Europa ausweitet. *)
• Blek le Rat, der 1951 in Paris geboren wird, gehört zu den
einflussreichsten Schablonengraffiti - Künstlern. Nach einem Studium an
der École des Beaux Arts in Paris (1971 - 1976) absolviert er ein
Architekturstudium (1976 - 1983).
Zunächst sprüht Blek kleine schwarze Ratten, später vor allem schwarze,
lebensgroße Figuren, mit denen er auch Werke berühmter bildender
Künstler (etwa Michelangelos und Caravaggios) zitiert. Die Orte, an denen
er sprüht, sind sorgfältig ausgewählt. Historische Bauwerke werden wegen
ihres künstlerischen Werts bewusst ausgeklammert. Aus der Verbindung
von Schablonengraffiti und absichtsvoll ausgesuchtem Ort entsteht eine
Art "Gesamtkunstwerk".
Neben zahlreichen Wandbildern in Frankreich und in anderen Ländern
haben viele internationale Ausstellungen zur Bekanntheit Bleks
beigetragen. Dem Vorbild von Blek le Rat ist eine Vielzahl von Sprayern
gefolgt, so dass in einem Artikel in der Zeitung Le Monde vom November
1986 sogar von einer "École Blek le Rat" die Rede ist. **)
• In den Arbeiten Blek le Rats wird deutlich, dass es sich bei der Pochoir
- Kunst zunächst nicht um die bildkünstlerischen Äußerungen einer
breiten, suburbanen Jugendkultur handelt, sondern häufig um Kunst mit
einem eher intellektuellen Anspruch, die vornehmlich von jungen
Erwachsenen ausgeführt wird. Das gilt auch für einen anderen wichtigen
Pochoiristen: Jef Aerosol, der 1957 in Nantes geboren wird. Jef Aerosol
hat die spezielle Schablonengraffiti -Technik "Gleitende Grille" entwickelt:
Indem die Schablone (franz. la grille) während des Sprühens bewegt wird,
entstehen Zerrbilder.

*) Wichtige Informationen zum Schablonengraffiti liefert Bernhard van Treeck: Graffiti


Lexikon. Street Art, legale und illegale Kunst im öffentlichen Raum. Moers, 1993.
** ) Ein ausführliches Interview mit Blek le Rat findet sich in: Johannes Stahl (Hg.): An der
Wand. Graffiti zwischen Anarchie und Galerie. Köln, 1989, S. 161 - 176.

Seite 224

Während in Frankreich Schablonengraffiti relativ häufig vorfindlich sind,


können sie sich in Deutschland nur zögernd etablieren. In Deutschland
werden Schablonengraffiti durch die "Banane" des sog. Bananen -
Sprayers (Thomas Baumgärtel) bekannt. Baumgärtel ist 1960 in
Rheinberg/Niederrhein geboren.
Zwischen 1986 und 1993 hat er an über 2000 Orten "Bananen - Graffiti"
gesprüht. Da für Baumgärtel die Banane als Symbol für Kunst fungiert,
sprayt er dieses Graffiti auch an die Wände von Galerien und Museen.
Schließt eine Galerie, entwertet er die Banane mit einer Schablone, die
das Wort "ungültig" zeigt.
Seit 1991 kombiniert Baumgärtel das Motiv der Banane mit
Kunstdefinitionen, die er als "Bananensprüche" formuliert, wie etwa: "Das
ganze Leben ist Banane." Die Sprüche können auch auf die politische
Situation Bezug nehmen, so z.B. der Slogan "Deutsche kauft deutsche
Bananen" (d.h. "Deutsche kauft deutsche Kunst" - ein Appell, der sich zu
Beginn des 20. Jahrhunderts gegen den Ankauf französischer Kunstwerke
durch deutsche Museen gerichtet hat).

• 1993 übermalt Baumgärtel die in Köln aufgestellte Plastik "Ruhender


Verkehr" von Wolf Vostell (1969), ein in Beton eingegossenes Auto, mit
Bananen, was zu heftigen Kontroversen in der Öffentlichkeit führt.
Baumgärtel ist bisher dreimal in erster Instanz verurteilt, in der nächsten
Instanz jedoch jedes Mal wieder freigesprochen worden.
Außer der Banane sprüht Baumgärtel auch andere Motive: Nach dem
Unfall bei der Chemiefirma Sandoz, der zur zeitweisen Vernichtung des
Fischbestandes im Rhein führt, sprüht er 1986 das sog. "Kölner
Fischgräten - Pochoir", später eine kleine Eiche (das gleiche Motiv wie auf
der Rückseite eines 50 Pfg.-Stücks).
Wichtigstes Motiv aber ist und bleibt die Banane, von der bereits
Fälschungen existieren, die an Supermärkten und Kiosken angebracht
und vom Bananensprayer mit der Schablone "ungültig" entwertet werden.
Mittlerweile ziert Baumgärtels Kunst-Banane auch käuflich zu erwerbende
Objekte: Möbel, Postkarten, T-Shirts, Aufkleber und Arbeiten auf
Leinwand.

Thomas Baumgärtel (Bananensprayer), Banane, Neues Museum Nürnberg, Eingang

• Außer in Köln finden sich Pochoirs in Deutschland nachfolgend z.B. in


Leipzig. Dort sprüht Chamäleon (Jens Pfuhler, geb. 1963) 1991 eine
Reihe von mehr oder minder farbigen Chamäleons, die bestimmte
Menschentypen in der ehemaligen DDR verkörpern sollen. Im September
1991 wird in Leipzig unter dem Titel "Galerie Éphémère" (von franz.
éphémère = vergänglich) ein Projekt durchgeführt, an dem zwanzig
Pochoiristen, unter ihnen Blek le Rat, eine Woche zusammenarbeiten.
Daraus erwächst in den Räumen der Universität Leipzig die erste
Dauerausstellung von Schablonengraffiti.
• In England werden "Stencil-Graffiti" insb. durch den Street-Art-Künstler
Banksy bekannt (vgl. Kap. 11.6).

Seite 225

• Pochoiristen arbeiten in unterschiedlichen Techniken: Manche, wie etwa


Blek le Rat, schneiden die Schablone aus mitteldickem Karton (250 g)
aus; andere arbeiten auch in Metall (z.B. in Aluminium), wie teilweise
Thomas Baumgärtel, oder in Kunststoff. Während Schablonen aus Karton
ca. dreißig- bis vierzigmal verwendet werden können, halten
Metallschablonen wesentlich länger. Neben Papiermessern werden auch
Teppichbodenmesser und Scheren zum Schneiden der Schablonen
verwendet.
Schablonen aus flexiblem Kunststoff sind bei illegalen Sprühaktionen am
unauffälligsten zu transportieren. Da das Schablonengraffiti schnelles
Arbeiten erlaubt, ist die Gefahr, bei illegalen Aktionen entdeckt zu werden,
zwar geringer; andererseits gilt eine sichergestellte Schablone bei
Strafverfahren als wichtiges Beweismittel.
• Gesprayt wird - wie bei allen gesprühten Graffiti - am besten auf nicht zu
glatten, vorgrundierten Untergründen; roher Beton etwa "schluckt" sehr
viel Farbe. Die Schablone wird beim Sprayen mit der einen (durch einen
Handschuh geschützten) Hand fest an die Wand gedrückt, ggf. durch
Klebeband zusätzlich fixiert oder sogar mit dem Fuß festgehalten. Auf
diese Weise werden Drips und ungewollte "Schattenbildung" vermieden.
• Damit sich möglichst keine Drips bilden, darf die Spraydose nicht zu lange
auf dieselbe Stelle gehalten werden. Durch mehrmaliges kurzes Drücken
auf den Sprühknopf hintereinander, d.h. etappenweises Arbeiten aus
relativ kurzer Entfernung, erzielt man technisch bessere Ergebnisse als
durch länger anhaltendes Sprühen, also solches, das insgesamt wenig
unterbrochen wird.
• Wie andere Graffiti auch, so lassen sich Schablonengraffiti danach
unterscheiden, ob sie eher formal-ästhetische oder dekorative oder aber
eher inhaltlich orientierte, z.B. politische Absichten erfüllen sollen.

10.2 HERSTELLUNGSVERFAHREN UND ARBEITSANLEITUNGEN

• Als Vorlage für ein Schablonengraffiti reicht die im Rahmen des


Tontrennungsverfahrens angefertigte Trennlinienzeichnung auf
Transparentfolie (Pergamentpapier, Architektenfolie) völlig aus (vgl. hierzu
Kap. 9.1). Die Trennlinienzeichnung muss möglicherweise noch (über den
Fotokopierer) vergrößert werden. Bevor die Zeichnung auf ein stabiles
Papier oder einen dünnen bis mitteldicken Karton (z.B. Fotokarton, bis
max. 250 g) übertragen wird, ist sie auf
Schablonentauglichkeit/Ausschneidbarkeit zu kontrollieren. Das heißt: Alle
verbleibenden, nicht herausgeschnittenen Teile sollten möglichst
miteinander verbunden sein, damit die Schablone nicht auseinander fällt.
Eventuell muss die Verbindung zwischen den einzelnen Teilen durch
zusätzlich eingefügte Stege hergestellt werden.

Seite 226

• Bietet sich keine Verbindung an, z.B. bei den Lippen eines Gesichts, sind
die losen Teile gesondert (etwa in einem Briefumschlag) aufzubewahren
und später beim Sprayvorgang wieder in die Schablone einzufügen. Man
kann auch alle ausgeschnittenen Teile aufbewahren und diese zum
Abdecken bereits farbig gestalteter/gesprayter oder noch zu gestaltender
Stellen benutzen.
• Da bei einem Schablonengraffiti normalerweise alle Teile, die bei der
Tontrennung schwarz erscheinen würden, herausgeschnitten werden,
muss außerdem folgendes beachtet werden: Stellen, die bei der
Tontrennung als weiße Formen in schwarzen Flächen liegen, entfallen bei
einem Schablonengraffiti, es sei denn, auch diese Formen werden durch
Stege mit den übrigen Teilen der Schablone verbunden oder extra
ausgeschnitten und beim Sprayen wieder in die Schablone eingefügt.
• Die Übertragung der (ggf. vergrößerten) Trennlinienzeichnung geschieht
durch Durchpausen der Linien mittels Kohlepapier oder indem die Linien
mit dem Kugelschreiber direkt auf das Papier oder den Karton
durchgedrückt und die so entstandenen Rillen dann nachgezogen werden.
• Anschließend werden diejenigen Formen ("Inseln"), durch die später
Farbe gesprayt werden soll, sorgfältig mit dem Papiermesser (Cutter)
ausgeschnitten. Richtige Messerführung und die Benutzung von Gummi-
oder festen Pappunterlagen garantieren am ehesten, dass die
ausgeschnittenen Formen glatte Ränder aufweisen. (Man kann die
Umrisszeichnung übrigens auch auf dem Schablonenkarton festkleben
und die umzeichneten "Inseln" gemeinsam mit dem Karton ausschneiden.)
• Am einfachsten ist es, ein Schablonengraffiti herzustellen, dessen
Schablone auf einer zweistufigen Tontrennung basiert und bei dem
ausgeschnittene, extra aufbewahrte Teile eventuell als zusätzliche
Schablonen eingesetzt werden. Sodann wird gesprayt.

Seite 227

Das Arbeiten mit Schablonen bietet vielfältige zusätzliche Möglichkeiten:

• Benutzt man lediglich die ausgeschnittenen Restformen als Schablone


wird aus dem Positivbild ein Negativbild.

• Man kann für verschiedene Farbfüllungen mehrere Schablonen anfertigen,


die dann passgenau übereinander gelegt werden.
• Mehrere Schablonen können auch auf der Basis einer mehrstufigen
Tontrennung, bei der die Grauwerte also in mehrere Stufen zerlegt worden
sind, angefertigt werden. Dadurch sind differenziertere Ausdrucksformen
möglich.
• Zwecks Anfertigung einer gesonderten Hintergrundschablone wird der
Umriss des Bildmotivs auf ein stabiles Papier oder einen dünnen bis
mitteldicken Karton übertragen und anschließend das Papier/der Karton
entlang der Umrisslinie auseinander geschnitten. Es entstehen nun zwei
Teilschablonen: eine zum Abdecken (Schutz) des Bildmotivs, wenn der
Hintergrund gesprüht wird (Teil A), und eine zur Gestaltung des
Hintergrunds (Teil B).

Seite 228

• Wer den Hintergrund "frei" gestalten möchte, benutzt lediglich Teil A der
Schablone zum Abdecken des Bildmotivs und setzt ggf. gesondert
gefertigte, kleine Schablonen (z.B. Ornamente) für die Umgrundgestaltung
ein. Soll der Hintergrund bei mehreren Schablonengraffiti ein gleichartiges
Aussehen erhalten, werden Ornamente u.ä. auf Teil B aufgezeichnet und
ausgeschnitten. Die auf diese Weise hergestellte Hintergrundschablone
kann dann mehrfach benutzt werden; die ausgeschnittenen Teile können
ihrerseits ebenfalls als Schablonen eingesetzt werden.

• Schablonen lassen sich auch auf der Basis von selbst hergestellten oder
vorgefundenen Scherenschnitten und Schattenrissen anfertigen:

• Wer Anregungen für Silhouetten sucht, kann sich auch an den figurativen
Darstellungen von Keith Haring orientieren (vgl. hierzu auch Kap. 11.3):
Seite 229

• Schließlich kann mit vorgefertigten Schablonen gearbeitet werden, z.B. mit


Schablonenbuchstaben und -zahlen aus Aluminium (vgl.
auch S. 232, 251):

• Verschiedene Arten der o.a. Möglichkeiten, Schablonen anzufertigen,


können miteinander kombiniert werden.
• Als Vorübung oder Alternative zur Wandgestaltung bietet es sich an,
Schablonengraffiti auf spezifischen Untergründen herzustellen, wie etwa
auf Papier (Zeichenpapier, schwarzem Scherenschnittpapier, Packpapier,
aber auch Zeitungspapier u.ä. zwecks Vermittlung einer bestimmten
Aussage). Tonpapiere und stark saugende Untergründe bieten sich
weniger an, da auf ihnen die Farbe leicht "versackt".
Da die Schablonen auf dem Papier festgesteckt werden können, erlaubt
diese Art von Graffiti auch den Einsatz sehr differenzierter und kleinteiliger
Schablonen.
• Bevor gesprüht wird, müssen einige Vorordnungen getroffen werden: Die
Schablone wird in die Mitte einer Unterlage aus Pappe (am besten
Wellpappe) gelegt und an der Oberkante mit zwei Streifen aus Tesakrepp
befestigt. Auf diese Weise kann die Schablone nicht verrutschen und der
anschließend bis an die Kreppstreifen geschobene Bildträger (Papier,
Karton) erhält eine feste Anschlagkante. (Der Bildträger sollte möglichst
genauso groß wie die Schablone sein, damit ein sauberes Arbeiten
gewährleistet ist.)

Unterlage mit Anschlagkante


• Danach wird die Schablone sorgfältig mit Nadeln (Stecknadeln, Pinnadeln,
Markierungsnadeln) auf dem Bildträger und der Unterlage festgesteckt.
Vor allem die kleinen Teile müssen gut befestigt werden, damit beim
Sprayvorgang keine Farbe unter die Schablone gelangt. Es ist darauf zu
achten, dass die Nadeln senkrecht eingestochen werden; auf diese Weise
können sie später leichter entfernt werden.
Die durch die Nadeln auf dem Bildträger entstandenen Löcher lassen sich
nach dem Sprayvorgang auf der Rückseite des Bildträgers durch
Verreiben mit dem Fingernagel wieder schließen. (Weist die Schablone
durch wiederholtes Sprayen zu viele Löcher auf - was durch eine
Gegenlichtprobe festgestellt werden kann -, können die Löcher mit
Tesakrepp abgedeckt werden. Kleinere Schablonen aus Foto- oder
Passepartoutkarton müssen weniger festgesteckt werden, da sie zumeist
ziemlich flach aufliegen.)
• Bevor mit dem Sprayen begonnen wird, ist der Arbeitsplatz sorgfältig mit
Zeitungspapier (oder alten Bettlaken, auf keinen Fall aber mit Folie)
abzudecken.

Seite 230

Auch wenn nur wenig Farbe gebraucht wird, sollte wegen der beim
Sprayen entstehenden Sprühnebel und Lackdämpfe am besten im Freien,
ansonsten in einem gut belüfteten Raum gearbeitet werden. Vor dem
Einatmen von Aerosol schützen Atemschutzmasken aus Weichpappe, die
für das Sprayen von Schablonengraffiti ausreichen; sie sind preiswert in
Baumärkten erhältlich. Aids- und Gummihandschuhe verhindern, dass die
Haut mit der Farbe in Berührung kommt, sind aber nicht unbedingt
erforderlich.

• Im Gegensatz zur Arbeit an Wänden reicht es für das Sprayen auf Papier,
Karton oder Stoff aus, die Sprühköpfe zu benutzen, die sich üblicherweise
auf den Dosen befinden (Standard Caps). Um ein Herunterfließen der
Farbe in Form von Drips zu vermeiden, wird von oben gesprüht.
Außerdem sollte aus einigem Abstand (ca. 15 - 20 cm) gesprüht werden.
Je größer der Abstand, desto feiner ist die Verteilung der Farbpartikel.
Neben dem homogenen Farbauftrag kann auch mit mehreren Farben
übereinander (lasierend) gearbeitet werden. Generell beginnt man beim
mehrfarbigen Sprayen mit den hellen Farben. Grundsätzlich sind aber der
Experimentierfreude keine Grenzen gesetzt.
• Stets sollte überlegt und vorsichtig vorgegangen werden. Wird eine Farbe
zu stark, aus zu kurzem Abstand bzw. zu lange auf dieselbe Stelle
gesprüht, so bilden sich "Seen", die nicht nur recht langsam trocknen,
sondern auch unter die Schablone fließen können. Ist dieses der Fall, ist
das Bildergebnis verdorben. Außerdem besteht hier die Gefahr, dass die
Schablone - sofern sie nicht rechtzeitig vom Bildträger gelöst wird - beim
Abheben zerreißt, da sie am Bildträger festgeklebt ist. "Farbseen"
entstehen vor allem dann, wenn Einzelteile (etwa die Lippen eines
Gesichts) in einer anderen Farbe als die übrigen Bildteile gestaltet werden
sollen.
Anstatt sich die Mühe zu machen, die übrigen Bildteile mit Papier
abzudecken, damit sie nicht die Farbe des Einzelteils annehmen, wird
versucht, "gezielt" aus einer kurzen Entfernung zu sprühen, ein Versuch,
der fast immer scheitert.
• Die Anfertigung von Schablonengraffiti ermöglicht ein schnelles Einfärben
größerer Flächen, verführt aber dazu, den Zeitpunkt zum Abheben der
Schablone nicht geduldig genug abzuwarten. Abgesehen von dem Fall,
dass sich ein "Farbsee" gebildet hat, darf die Schablone erst dann ganz
abgehoben werden, wenn die Farbe wirklich trocken ist.
Wird die Schablone zu früh entfernt, verwischt das Bildergebnis und die
gesamte Arbeit war umsonst. Kleinere Verwischungen können durch
Übermalen mit Deckfarben (z.B. Deckweiß) oder deckendem Filzstift
(Permanent Marker, Paintmarker) behoben werden.
• Ebenso vielfältig wie die Möglichkeiten, Schablonen herzustellen, sind die
Gestaltungsmöglichkeiten, die sich bei der Verwendung von Farbsprays
ergeben:
o Es lassen sich Serien desselben Bildmotivs anfertigen, die den
Serigrafien von Andy Warhol (Marilyn Monroe, Liz Taylor, Jackie
Kennedy u.a.) vergleichbar sind (siehe Kap. 11.2).
Das Sprayen von Serien kann auch geschehen, indem zunächst
(arbeitsteilig) in größerer Anzahl verschiedenfarbige Hintergründe
(z.B. auf DIN A 4-Papier) gesprüht werden. Die Schüler/innen
erhalten dann jeweils eine bestimmte Anzahl von Hintergründen, die
sie nun individuell mit ihren eigenen Schablonen gestalten können
(vgl. hierzu die Schülerarbeiten S. 253).
o Die Schablone kann seitenverkehrt benutzt werden.
o Die Schablone kann durch Verschieben und erneutes Sprühen zur
Schattenbildung eingesetzt werden. Durch dieses Verfahren lassen
sich auch irisierende Effekte erzielen.
o Die Schablone kann so verschoben werden, dass bei erneutem
Sprühen das Bildmotiv verdoppelt und vervielfacht wird (bei
Gesichtern etwa zwecks Darstellung der psychischen Befindlichkeit
einer Person).
o Besonders wichtige Einzelheiten des Bildmotivs werden mehrfach
gesprüht.
Seite 231

o Es wird lediglich an der Außenkante der Schablone entlanggesprüht


und ggf. die innen entstandene Leerfläche gesondert gestaltet.
o Teile des Bildmotivs, die besonders hervorgehoben werden sollen,
werden mit einem Paintmarker umrandet (vgl. die linearen
Hervorhebungen in manchen Serigrafien Andy Warhols).
o Das Schablonengraffiti wird mit Übermalungen oder Collagen
kombiniert.
o Verschiedene der o.a. Gestaltungsmöglichkeiten werden
miteinander verbunden.
• Bei Jugendlichen ist die Gestaltung von Stoffen, vor allem von T - Shirts,
besonders beliebt. Hierzu sind Schablonen, Stoff-Farbe, Borsten- oder
Schablonierpinsel, aber auch Farbsprays außerordentlich gut geeignet.
Vorbedingung für die Gestaltung von Stoffen ist es, dass diese
vorgewaschen sind, d.h. keine Appretur besitzen. Wird ein T - Shirt mittels
Schablone und Farbspray gestaltet, so wird genauso gearbeitet wie bei
der Anfertigung eines Schablonengraffitis auf Papier oder Karton
(Feststecken der Schablone mit Nadeln etc.).
Zwischen Vorder- und Rückenteil des Shirts muss ein Schutz, z.B. eine
Pappe, gelegt werden, damit die Farbe nicht durchschlägt. (Diese Pappe
kann zugleich zum Feststecken der Nadeln dienen.) Außerdem sind
Stoffteile, die nicht gestaltet werden sollen, sorgfältig mit Papier
abzudecken.
• Da die Sprayfarbe auf fast jedem Untergrund haftet, sind der Gestaltung
von Gegenständen kaum Grenzen gesetzt, etwa der von Tischen und
Stühlen oder der Gestaltung von Fensterbildern aus Glas oder Acrylglas.
Hier wird zwecks Fixierung der Schablone mit beidseitig klebenden
Tesakreppröllchen gearbeitet, die unterhalb der Schablone befestigt und
an den jeweils zu bearbeitenden Gegenstand angedrückt werden. Auf
diese Weise kann man übrigens Schablonen auch einigermaßen plan an
Wänden befestigen.
• Für die Wandgestaltung mit Schablonengraffiti gilt hinsichtlich des
Sprayvorgangs alles in Kapitel 4.7.1 und 4.7.2 Gesagte. Für ungeübte
Schüler/innen, die noch nicht über die technischen Möglichkeiten
verfügen, ein Piece in einer Graffiti - Schrift herzustellen, ist das
Schablonengraffiti übrigens eine gute Hilfe, um ein ästhetisch und
handwerklich befriedigendes Wandbild herzustellen, das einem Graffiti
i.e.S. ähnlich ist:
Die Schüler/innen stellen auf der Basis relativ einfacher Graffiti - Schriften
(vgl. z.B. S. 64 ff. und S. 68 ff.) Schablonen her, mit denen sie dann
Schriftzüge gestalten können. Bei der Gestaltung dieser Schriftzüge
können bereits bestimmte Prinzipien des Style Writing angewendet
werden (Überdeckung der Buchstaben, bewegte Standlinie u.ä.).
• Eine wesentlich preiswertere und umweltverträglichere Alternative zum
Sprayen mit handelsüblichen Lacksprays stellt die Spritztechnik mittels
Spritzsieb, Spritzbürste (Zahnbürste, Borstenpinsel) und Deck- oder Stoff-
Farbe dar.
Auf diese Weise lassen sich allerdings nur Schablonengraffiti auf Papier,
Karton oder Stoff herstellen. Die Spritztechnik ist - im Gegensatz zur
Arbeit mit Spraydosen - hervorragend für das Arbeiten in Innenräumen
geeignet. Ihre Anwendung bedarf der gleichen Vorkehrungen wie die
Herstellung von Schablonengraffiti mittels Farbspraydosen (Abdecken des
Arbeitsplatzes, Feststecken der Schablone mit Nadeln).
Zum Schutz gegen das Arbeiten mit Wasser kann die Schablone vorab mit
Klarlack imprägniert werden. (Der Schablonenkarton kann auch vor dem
Ausschneiden der Formen, durch die später Farbe gespritzt werden soll,
mit Klarsichtfolie überzogen werden.)
• Bei der Benutzung von Spritzsieb und Bürste (oder Borstenpinsel) wird die
Farbe manuell zerstäubt und mehr oder minder fein und gleichmäßig
verteilt. Günstig ist der Einsatz von Spritzsieben mit 3 mm Maschenweite,
die relativ preiswert im Fachhandel erhältlich sind.

< Seite 232 >

Spritzsieb

• Da diese Spritzsiebe weder zu eng- noch zu grobmaschig sind,


gewährleisten sie einen gleichmäßigen Farbauftrag. Das Sieb wird in ca.
10 - 20 cm Abstand waagerecht über den Bildträger gehalten; die Farbe
ist mit kräftiger, kreisender Bewegung oder in wechselnder Richtung durch
das Sieb zu streichen. Wichtig ist die richtige Konsistenz der Farbe. Sie
darf nicht zu trocken sein, um sich von Bürste (oder Pinsel) zu lösen; sie
darf aber auch nicht zu flüssig sein, da sie sonst durch das Sieb fließt und
Tropfen bildet. Je weicher die Borsten der Bürste (oder des Pinsels) sind,
desto zarter wird der Farbschleier.
Man kann sowohl homogen deckend als auch lasierend arbeiten. Wird
lasierend und sauber gearbeitet, sind die Bildergebnisse von bildnerischen
Produkten, die mittels Farbspraydosen erzielt werden, kaum zu
unterscheiden. (Da die Farbe nicht klebt und wieder abwaschbar ist,
können hier auch Realmaterialien als Schablonen eingesetzt werden.)
BEISPIELE FÜR SCHÜLERARBEITEN, SCHABLONENGRAFFITI,
Kl. 9/Gesamtschule

mehrfache Verwendung derselben Schablone

nachträglich bearbeitetes Schablonengraffiti (vgl. auch S. 251)

Seite 233 >

ARBEITSANLEITUNG ZUR HERSTELLUNG EINER SCHABLONE FÜR


EIN SCHABLONENGRAFFITI (vereinfachte Fassung)

1. Von einem Foto eine Trennlinienzeichnung (oder eine fertige zweistufige


Tontrennung) herstellen.
2. Die Trennlinienzeichnung (oder fertige zweistufige Tontrennung) ggf. über den
Fotokopierer auf die gewünschte Größe vergrößern.
3. Die Zeichnung auf Schablonentauglichkeit und Ausschneidbarkeit überprüfen:
a. Teile, die zum Ausschneiden zu klein oder zu differenziert
sind, weglassen oder vereinfachen. (Bei Gesichtern Vorsicht bei Mund
und Augen!)
b. Da weiße Inseln, die in schwarzen Inseln liegen, beim Ausschneiden
wegfallen, folgendes beachten:
▪ Die weißen Inseln weglassen.

Oder:

▪ Die weißen Inseln mit den Teilen der Schablone, die nicht
weggeschnitten werden, durch Stege verbinden.

c. Damit die Schablone nicht auseinander fällt, alle Teile miteinander


verbinden, eventuell auch zusätzlich Stege einfügen.
4. Die vereinfachte Zeichnung auf ein stabiles Papier (einen leichten
Karton) durchpausen (z.B. mit Kohlepapier oder durch einfaches Durchdrücken
der Linien mit einem Kugelschreiber und anschließendes Nachziehen der
Rillen).
5. Alle Teile, die ausgeschnitten werden sollen, mit einem Kreuz (x) kennzeichnen.
6. Das Papier mit den durchgepausten Linien auf eine Papp- oder
Gummiunterlage legen und die Teile, die beim Sprayen Farbe erhalten sollen,
mit einem Papiermesser (Cutter) ausschneiden.

Seite 234 >

ARBEITSANLEITUNG ZUR HERSTELLUNG EINER


HINTERGRUNDSCHABLONE FÜR EIN SCHABLONENGRAFFITI

1. Den Umriss des Bildmotivs (z.B. eines Kopfes) von der bereits angefertigten
Schablone (= Schablone I) auf ein stabiles Papier übertragen. Dabei
folgendes beachten:
o Unter Schablone 1 ein ebenso großes stabiles Papier legen und an
der Oberkante mit mehreren Büroklammern befestigen, damit nichts
verrutscht.
o Mit dem Bleistift an dem ausgeschnittenen, äußeren Umriss von
Schablone 1 entlangzeichnen und so den Umriss auf das Papier
übertragen.
Eventuell den äußeren Umriss vereinfachen.

2. Schablone 1 und Papier voneinander trennen.


3. An der übertragenen Umrisslinie entlangschneiden. Es entstehen zwei
Teilschablonen (= Schablonen 2a und 2b).
4. Entweder beide Teilschablonen ohne weitere Veränderung zum Abdecken
einsetzen oder auf Teilschablone 2a Ornamente, Buchstaben u.ä.
zeichnen und ausschneiden.
Dazu eventuell Vorlagen benutzen.
Hinweis: Die ausgeschnittenen Teile aufbewahren. Sie können ebenfalls als
Schablonen für die Gestaltung des Hintergrunds benutzt werden.

Seite 235 >

ARBEITSANLEITUNG ZUM SPRAYEN EINES


SCHABLONENGRAFFITIS

1. Die Schablone in die Mitte einer Unterlage aus Pappe (Wellpappe) legen und
an der Oberkante mit zwei kurzen Querstreifen Tesakrepp befestigen, damit
sie nicht verrutscht.
2. Ein Blatt nicht zu stark saugendes Papier unter die Schablone schieben.
Hinweis: Am besten ist es, wenn das Papier genauso groß wie die
Schablone ist und ganz bis an die Oberkante der Schablone
(= Anschlagkante) geschoben wird.
3. Die Schablone sorgfältig mit Nadeln auf der Unterlage feststecken. Dabei die
Nadeln senkrecht einstechen. (Nur wenn die Schablone plan aufliegt,
können weniger Nadeln benutzt werden.)
Hinweis: Wenn die Schablone nachlässig festgesteckt wird, gelangt beim
Sprayen Farbe unter die Schablone und das Bildergebnis ist verdorben.
4. Vor dem Sprayen den Arbeitsplatz mit Zeitungspapier abdecken. Falls in
einem Innenraum gearbeitet wird, die Fenster weit öffnen.
Eventuell Atemschutzmasken aus Weichpappe aufsetzen (und - falls
vorhanden - Schutzkleidung anziehen).
5. Das Schablonengraffiti sprayen.
Dabei folgendes beachten:
o Vor dem Sprayen die Dose gut schütteln.
o Aus ca. 15 bis 20 cm Abstand von oben sprayen.
o Vorsichtig sprayen (keine "volle Ladung").
o Mit den hellen Farben anfangen.
o Eventuell mehrere Farbschichten dünn und damit durchscheinend
(lasierend) übereinander sprühen.
o Am Schluß des Sprayvorgangs die benutzten Dosen über Kopf halten;
die Düsen mit einem kurzen Sprühstoß entleeren.

Hinweis: Langsam und überlegt vorgehen. Auf keinen Fall aus zu kurzem
Abstand und zu lange auf dieselbe Stelle sprühen, sonst bilden sich
"Farbseen", die nur langsam trocknen und die Weiterarbeit behindern. Die
"Farbseen" können auch unter die Schablone fließen und das
Schablonengraffiti verderben.
Soll nur eine kleine Stelle mit einer bestimmten Farbe gesprüht werden (z.B.
ein Mund), nicht "gezielt" auf diese Stelle sprühen, sondern die Umgebung
abdecken und dann "großflächig" sprühen.
Die kleine Stelle erhält so die entsprechende Farbe.

6. Wenn die Farbe ganz trocken ist, die Nadeln von der Schablone entfernen
und die Schablone abheben.
Hinweis: Auf keinen Fall die Schablone zu früh abheben, sonst verwischt das
Schablonengraffiti und die ganze Arbeit war umsonst! Sollte jedoch Farbe
unter die Schablone gelaufen sein, die Schablone sofort abheben, da sie
sonst festklebt und beim Abheben zerreißt.
7. Eventuell den Hintergrund in einer besonderen Weise gestalten. Dazu die
Arbeitsschritte 3 - 6 wiederholen.
8. Löcher, die durch das Feststecken mit Nadeln entstanden sind, auf der
Rückseite des Schablonengraffitis mit dem Fingernagel verreiben.
Hinweis: Sollte das Schablonengraffiti kleinere Verwischungen aufweisen,
können diese durch Übermalen mit Deckweiß oder deckendem Filzstift
behoben werden.

Seite 236

ARBEITSANLEITUNG ZUR GESTALTUNG VON STOFFEN MIT


SPRÜHFARBE UND SCHABLONE

1. Einen möglichst hellen Stoff ohne Appretur (vorgewaschen) benutzen (z.B. T


- Shirt).
2. Eine Pappe unter das Stoffteil legen, das gestaltet werden soll, damit die
Farbe nicht durchschlägt und die Schablone festgesteckt werden kann. Den
Stoff glatt ziehen.
3. Die Schablone auf die gewünschte Stelle des Stoffes legen und sorgfältig mit
Nadeln feststecken.
4. Die übrigen Stoffteile, die von der Schablone nicht bedeckt werden und die
keine Farbe erhalten sollen, mit Papier abdecken. Das Papier ggf.
feststecken oder mit Tesakrepp aneinander kleben, damit es nicht
verrutscht.
5. Den Arbeitsplatz sorgfältig mit Zeitungspapier abdecken.
Falls in einem Innenraum gearbeitet wird, die Fenster weit öffnen.
Atemschutzmasken aus Weichpappe aufsetzen (und - falls vorhanden -
Schutzkleidung anziehen).
6. Das Motiv sprayen
Dabei folgendes beachten:
o Vor dem Sprayen die Dose gut schütteln.
o Vorsichtig aus ca. 15 bis 20 cm Abstand von oben sprühen. Nicht
"gezielt" auf eine kleine Stelle sprühen, um "Farbseen" zu vermeiden.
o Mit den hellen Farben anfangen.
o Eventuell mehrere Farbschichten dünn und damit durchscheinend
(lasierend) übereinander sprühen.
o Am Schluss des Sprayvorgangs die benutzten Dosen über Kopf
halten und die Düsen mit einem kurzen Sprühstoß entleeren.
7. Nadeln von der Schablone entfernen und die Schablone erst abheben, wenn
die Farbe ganz trocken ist. (Ausnahme: Wenn Farbe unter die Schablone
geflossen ist, die Schablone sofort abheben, damit sie nicht festklebt und
später beim Abheben zerreißt.)
8. Eventuell den Hintergrund in einer besonderen Weise mit Teilschablonen
gestalten. Dazu die Arbeitsschritte 2 bis 6 wiederholen.
Hinweis:

Anstelle von Acryllack - Spray lässt sich natürlich noch besser


Textilsprühfarbe benutzen.

Seite 237

ARBEITSANLEITUNG ZUR BEMALUNG VON STOFFEN MIT


STOFFFARBE UND SCHABLONE

1. Einen möglichst hellen Stoff ohne Appretur (vorgewaschen) benutzen (z.B. T -


Shirt).
2. Eine Pappe unter das Stoffteil legen, das bemalt werden soll, damit die Farbe
nicht durchschlägt und die Schablone festgesteckt werden kann. Den Stoff glatt
ziehen.
3. Die mit Klarlack imprägnierte Schablone auf die gewünschte Stelle des Stoffs
legen und mit Pinnadeln feststecken.
4. Die Farbe sparsam mit dem Borstenpinsel/Schablonierpinsel von der Mitte aus
zum Rand in die Löcher der Schablone tupfen. Dabei hochstehende Teile der
Schablone mit den Fingern festdrücken und festhalten.
Hinweis:

Falls die Farbe nicht gleich deckt, in zwei Arbeitsgängen nacheinander


Farbe in die Löcher tupfen anstatt in einem Arbeitsgang zu viel Farbe zu
benutzen.
Die Farbe ist von den Fingern leicht abzuwaschen.

5. Die Schablone nicht zu früh abheben, damit nichts verwischt.


6. Eventuell den Hintergrund in einer besonderen Weise mit Teilschablonen (z.B.
Aluminium-Schablonenbuchstaben und -zahlen) gestalten. Dazu die
entsprechenden Arbeitsschritte (2 - 5) durchführen.
7. Den bemalten Stoff nach Anweisung des Stofffarben-Herstellers mit dem
Bügeleisen bügeln, um die Farbe haltbar zu machen.
Hinweis:

In der Regel ist der Stoff von vorne zu bügeln. Beim Bügeln ein dünnes
Tuch zwischen Stoff und Bügeleisen legen. Die für den Stoff geeignete
Bügeltemperatur beachten.

8. Später den Stoff bei ca. 40 Grad von links (bemalte Seite nach innen) waschen.

10.3 BEISPIELE FÜR SCHABLONEN

VORBEMERKUNG
Die nachfolgend abgebildeten Schablonen auf S. 238 - S. 249 basieren fast
ausschließlich auf Schülerarbeiten des 9. Jahrgangs. Sie können als Anregung
für die eigene Gestaltung von Schablonen dienen oder aber für
leistungsschwächere Schüler/innen als Vorlagen im Unterricht eingesetzt
werden. Selbstverständlich können außer Personen auch andere Bildmotive
zum Ausgangspunkt für die Herstellung von Schablonen dienen (vgl. S. 245).
Die Schablonenbeispiele ab S. 246 (Ornamente u.ä.) können als Anregung oder
Vorlagen für die Gestaltung von Hintergründen dienen. Sie sind auch einsetzbar
für die Gestaltung von Backgrounds in Pieces mit Schriftzügen in Graffiti -
Schriften.

Reeves, Monroe 1, Monroe 2, Madonna 1, Madonna 2, Dean 1, Dean 2, Smith,


Marley, Bogart, Crawford, Schwarzenegger, Basketballspieler, Kuh, Sterne 1, St
erne 2, Ornamente, Männchen
Seite 238 b
KEANU REEVES
Seite 239 a
MARILYN MONROE
Seite 239 b
MARILYN MONROE (vereinfachte Fassung)
Seite 240 a
MADONNA
Seite 240 b
MADONNA (vereinfachte Fassung)
Seite 241 a
JAMES DEAN
Seite 241 b
JAMES DEAN
Seite 242 a
ROBERT SMITH
Seite 242 b
BOB MARLEY
Seite 243 a
HUMPHREY BOGART
Seite 243 b

CINDY CRAWFORD
Seite 244 a
ARNOLD SCHWARZENEGGER
Seite 244 b
BASKETBALLSPIELER
Seite 245
KUH

KUH (vereinfachte Fassung)


Seite 246
SCHABLONENVORLAGEN ZUR HINTERGRUNDGESTALTUNG
Seite 247
Seite 248
Seite 249
10.4 SCHABLONENGRAFFITTI
AUSGEWÄHLTE SCHÜLERARBEITEN
Abbildunge
n KOMMENTAR
SEITE

251 - 253 Wie bereits erwähnt (vgl. S. 229) kann über Schablonengraffiti,
die mit Schablonenbuchstaben hergestellte Schriftzüge
wiedergeben, eine Brücke zum Style Writing geschlagen
werden. Natürlich muss dabei nicht zwangsläufig auf
vorgestanzte Aluminiumschablonen zurückgegriffen werden.

251 Für die auf S. 251 abgebildeten Arbeiten haben die


Schüler/innen unter Benutzung einiger in Kap. 5.4
wiedergegebener Alphabete (S. 64 ff.) selbst Positiv- und
Negativ-Schablonen hergestellt, entweder in Form von
Einzelbuchstaben oder als zusammenhängende Schablone für
den gesamten Schriftzug. Einzelbuchstaben gestatten es, die
Buchstaben für einen Schriftzug unterschiedlich anzuordnen
oder aber für verschiedene Schriftzüge zu verwenden und ggf.
in der Lerngruppe untereinander auszutauschen.
Zusammenhängende Schablonen sind auf jeden Fall für das
Sprühen komplizierterer Schriftzüge zu empfehlen (vgl. die
Abbildung "DADA"). Die Arbeiten können zusätzlich mit
Paintmarkern gestaltet werden (vgl. auch S. 232).

252a, 252b Was für Tontrennungen gilt, trifft auch auf die Anfertigung von
, Schablonengraffiti mit figurativen Motiven zu, die vielfach auf
252c, 252d Tontrennungen basieren (vgl. S. 219):
Besonders beliebt ist das Anfertigen von Porträts, sei es das
der eigenen Person, sei es das von "Stars" oder anderen
berühmten Persönlichkeiten. Die auf S. 252 abgebildeten
Schülerarbeiten geben einige unterschiedliche
Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen von Schablonengraffiti
wieder. Sie stammen jeweils aus verschiedenen Serien, die
Schüler/innen des 9. Jahrgangs der Haupt- bzw. Realschule
herstellten:

Seite 251

• Schablonengraffiti auf hellem Grund,


• Schablonengraffiti auf dunklem Grund inkl. mit einem
Lackstift gezogener Konturen (vgl. hierzu die
Ausführungen zu Andy Warhol,S. 256),
• bildhaft ausgeführtes Schablonengraffiti.

253 Die auf S. 253 abgebildeten Schülerarbeiten aus dem


Wahlpflichtkurs 'Graffiti' der IS Carl-Goerdeler-Straße zeigen
beispielhaft, wie die Möglichkeit, eine Schablone vielfach zu
verwenden, gestalterisch genutzt werden kann:
Die im Sprayen völlig ungeübten Schüler/innen sprühten
zunächst jeweils in höherer Auflage relativ helle Hintergründe
auf DIN A 4 - Blätter, ein- oder mehrfarbig, mit relativ
stufenlosen Übergängen, unter Zuhilfenahme kleiner
Schablonen (vgl. S. 246 ff.) etc. Anschließend tauschten die
Schüler/innen die Hintergründe untereinander aus, sprühten in
einem zweiten Arbeitsgang ihre Porträtschablone und klebten
dann die Einzelbilder in einer ihnen zusagenden Abfolge auf
eine große Pappe.
Parallel dazu erfolgte eine Auseinandersetzung mit den
Serigrafien Andy Warhols (vgl. S. 255 ff.).
Die Erfahrung zeigt, dass Schablonengraffiti hervorragend
geeignet sind, den Schüler/innen erste Sprayerfahrungen bei
gleichzeitig gelungenem Bildergebnis zu vermitteln. Wer keine
großformatigen Pieces sprayen lassen kann oder will, sollte im
Rahmen der Auseinandersetzung mit Graffiti im Kunstunterricht
auf diese Alternative zurückgreifen.

SCHABLONENGRAFFITI, Kl.9/Gesamtschule

Schriftzug unter Zuhilfenahme


einzelner Buchstabenschablonen

Schriftzüge unter Zuhilfenahme einzelner


Buchstabenschablonen, nachträglich gestaltet

Schriftzug unter Zuhilfenahme einer


zusammenhängenden Schablone
252 a
SCHABLONENGRAFFITI, Kl.9/Haupt- und Realschule

MORRISSEY
Seite 252 b

SCHABLONENGRAFFITI, Kl.9/Haupt- und Realschule

ROBERT SMITH
Seite 252 c >
SCHABLONENGRAFFITI, Kl.9/Haupt- und Realschule

MADONNA
Seite 252 d >
SCHABLONENGRAFFITI, Kl.9/Haupt- und Realschule

UNBEKANNT
Seite 253

SCHABLONENGRAFFITI, Kl.9/Gesamtschule SCHABLONENGRAFFITI, Kl.9/Gesamtschule


11 BEZÜGE ZUR BILDENDEN KUNST

11.1 Vorbemerkung 254

11.2 Andy Warhol 255

11.3 Keith Haring 257

11.4 Jean - Michel Basquiat 260

11.5 Harald Naegeli 262

11.6 Banksy 262

11.1 VORBEMERKUNG

Der Umgang mit Werken der bildenden Kunst im Kunstunterricht der


Sekundarstufe I ist in der Regel alles andere als einfach. Das gilt zumindest für
die Rezeption von Werken vergangener Epochen, gelingt es doch zumeist nur
schwer, bei Jugendlichen ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Geschichte
immer auch ein Bestandteil von Gegenwart ist, dass historische Kunstwerke
also auch "etwas mit ihnen", den Jugendlichen, "zu tun haben".
Schwierigkeiten solcher Art ergeben sich im Umgang mit Werken bestimmter
bildender Künstler der jüngeren und jüngsten Gegenwart weniger und zumeist
gar nicht, wenn es sich um Arbeiten von Andy Warhol und Keith Haring handelt.
Diese Künstler der Pop Art bzw. der Post Pop Art zählen bei Jugendlichen zu
den ausgesprochenen Favoriten. *)
Vor allem Haring, aber auch Jean - Michel Basquiat, stellen für Jugendliche ein
besonderes Faszinosum dar: Beide Künstler gehörten zunächst - wenngleich
auf unterschiedliche Weise - der Graffiti - Szene im New York der achtziger
Jahre an und die steile künstlerische Karriere beider macht deutlich, dass es,
hohe Begabung vorausgesetzt, möglich ist, ein Ziel zu erreichen, von dem viele
Jugendliche erfüllt sind: Getting Up, Getting Fame.
Die Bildwelten Harings und Basquiats "(...) erzeugten bei einer ganzen
Generation Jugendlicher und junger Erwachsener ein Bewußtsein für
authentisches Leben." **)

*) Vgl. Martin Oswald: Graffiti im Unterricht. Ein Plädoyer. In: Kunst und Unterricht, Heft 172/1993, S. 40 - 41,
hier S. 40.
Einen leichten Zugang haben Jugendliche übrigens auch zu den Werken Roy Lichtensteins (1923 -1997);
manche Graffiti - Pieces weisen eine gedankliche Affinität zu den überdimensionierten Comicausschnitten
Lichtensteins auf.

**) Zit. Holger Schnapp/Annegret Wöstmann - Schnapp: Sprungbrett Underground. Keith Haring und Jean -
Michel Basquiat, die Ziehsöhne Andy Werhols. In: BDK - Mitteilungen 1/94, S. 24 - 28, hier S. 24.

Seite 255

Ähnliches lässt sich von den Werken Andy Warhols und Roy Lichtensteins in
Bezug auf junge Leute in den sechziger Jahren behaupten. Zwar sind heute
zum großen Teil andere Stars und Konsumartikel als jene, die Warhol
verbildlicht hat, von Bedeutung, aber: In ihrer Hinwendung zum Alltäglichen,
Banalen und Trivialen haben die Arbeiten Warhols (wie auch die
überdimensionierten Comicausschnitte Lichtensteins) nichts an Aktualität und
Wirksamkeit eingebüßt. Harings Bemerkung "Nichts ist banal" kann als
Wiederholung mit anderen Worten von Warhols Ausspruch "All is pretty"
aufgefasst werden. Es ist deshalb nur konsequent, wenn hier außer auf Haring
und Basquiat näher auf deren "Vorbild" Warhol eingegangen wird, dessen
Serigrafien zudem große Nähe zu Tontrennungen, Schablonendruck und
Schablonengraffiti aufweisen.

Einen Sonderfall im Rahmen der unmittelbar mit Graffiti verbundenen bildenden


Kunst stellen die Sprayzeichnungen von Harald Naegeli, dem "Sprayer von
Zürich", dar. An seinem Beispiel kann besonders gut das Problem "Sprayen:
Kunst oder Sachbeschädigung?" verdeutlicht werden. Deshalb werden hier auch
einige Bemerkungen zu Naegeli gemacht. *)
11.2 ANDY WARHOL

Die Angaben über das Geburtsdatum von Andy


Warhol schwanken zwischen 1928 und 1931. Warhol
wird unter dem Namen Andrew Warhola als Sohn
eines tschechischen Bergmanns und Bauarbeiters in
Forest City/Pennsylvania geboren. Er stirbt am
22.2.1987 an den Folgen einer Operation.

1945 schließt Warhol seine Schulausbildung mit dem


High School - Diplom ab. Von 1945 bis 1949 studiert er am Carnegie Institute of
Technology in Pittsburgh und erlangt hier den Grad eines Bachelor of Fine Arts.
Nach Abschluss des Studiums zieht er nach New York und arbeitet hier
außerordentlich erfolgreich als Werbegrafiker für die Zeitschriften Vogue und
Harper's Bazaar, fertigt Werbezeichnungen für die renommierte Schuhfirma I.
Miller an und gestaltet Schaufensterdekorationen für das Kaufhaus Bonvit Teller.
Von nun ab nennt er sich Andy Warhol.

1952 wird in der Hugo Gallery in New York Warhols erste Einzelausstellung
veranstaltet. 1953 - 1955 entwirft er u.a. Bühnenbilder für eine Theatergruppe
am Broadway. Strohblond gefärbte Haare werden zu seinem
unverwechselbaren Markenzeichen. 1956 unternimmt Warhol eine Reise nach
Europa, durch die er entscheidende Anregungen für die Malerei erhält, vor allem
durch den Besuch von Florenz. Im selben und im folgenden Jahr erhält er
verschiedene Preise für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der
Werbegrafik.

1960 entstehen - wie übrigens auch bei Roy Lichtenstein - die ersten Bilder, die
auf Comics basieren, sowie zwei erste Bilder mit Coca - Cola - Flaschen. Ab
1962 produziert Warhol serielle Bilder im Siebdruckverfahren mit Motiven von
Hollywood - Superstars, wie Elvis Presley (1964), Liz Taylor (1965), Marilyn
Monroe (1967) sowie anderen berühmten Persönlichkeiten, z.B. Jackie Kennedy
(1964). Daneben fertigt er

*) Die Ausführungen in Kap. 11 sind als Sachinformation gedacht. Sollen die Bezüge zum Kunstunterricht
thematisiert werden, so ist die didaktisch-methodische Aufbereitung je nach vorgefundener
Unterrichtssituation selbst vorzunehmen. Eine Anregung hierzu können die im Zusammenhang mit der
Behandlung des Werks von Keith Haring entstandenen Schülerarbeiten (vgl. Kap. 11.3) geben.

Seite 256

Bildnisse von Künstlern, Kunstsammlern, Politikern, steckbrieflich gesuchten


Verbrechern und sich selbst an. Ferner entstehen die sog. Katastrophen -
Serien, wie "Car Crash", "Suicide" und "Electric Chair".
Andere Bildmotive werden aus Blumen oder Dollarscheinen gebildet oder
beziehen sich auf bekannte Konsumartikel: Coca Cola, Campbell's
Suppendosen, Kellog's Cornflakes, Heinz' Tomato Ketchup, Brillo Boxes u.a.
Warhol wird zu einem führenden Vertreter der Pop Art.

1963 beginnt er mit der "Underground" - Filmproduktion. In der Folgezeit


entstehen mehr als 75 Filme. Die erste europäische Einzelausstellung hat
Warhol 1964 in Paris; die erste europäische Museumsausstellung wird 1968 in
Stockholm durchgeführt. Im selben Jahr wird Warhol das Opfer eines Attentats:
Er wird von einer Feministin niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt.
Nachdem sich Warhol über Jahre vornehmlich dem Film widmet, wendet er sich
1972 mit einer Serie von Bildnissen Mao Tse - Tungs wieder der Bildproduktion
zu. Es folgen Porträts zahlreicher berühmter Zeitgenossen und historischer
Persönlichkeiten und ab 1979 auch sog. Reversals, also Wiederaufnahmen
bereits in früherer Zeit bearbeiteter Bildmotive, z.B. die "Negativserie" mit dem
Bild Marilyn Monroes, das Warhol schon 1962 gestaltet hat. Neben zahlreichen
Auftragsarbeiten entstehen zwischen 1982 und 1986 auch Serien, in denen
bekannte Kunstwerke (insb. aus der Renaissance) als Bildvorlage benutzt
werden. Von 1983 bis 1985 arbeitet Warhol zeitweise auch mit Jean - Michel
Basquiat zusammen (vgl. S. 261). Die letzten Bildserien haben Porträts von
Lenin und Selbstbildnisse zum Inhalt.

Als Ausgangspunkt der Foto - Siebdrucke Warhols dienen vor allem Pressefotos
und von ihm selbst hergestellte Polaroid - Fotos, die dann künstlerisch
"verarbeitet" werden. 1962 gründet Warhol in einem von ihm angemieteten
Speicher in New York die "Factory"; hier versammelt er eine Gruppe
experimentierfreudiger, junger Künstler um sich. Wie in den Werkstätten früherer
Epochen (etwa dem Atelier Rembrandts) führen Mitarbeiter und Assistenten der
Andy Warhol Production die Vervielfältigung und häufig auch die bildnerische
Realisierung von Warhols Werken nach dessen Entwürfen durch. Die
Produktivität ist außerordentlich hoch. Von August bis Ende 1962 entstehen
über 2000 Bilder. Zur Nutzung des Foto - Siebdruckverfahrens äußert sich
Warhol folgendermaßen:

"Ich habe versucht, sie (die Gemälde mit den Dollarscheinen) mit der Hand zu
malen, aber ich finde es einfacher, ein Sieb zu verwenden. So brauche ich
meine Objekte überhaupt nicht zu manipulieren. Einer meiner Assistenten, ja
eigentlich jeder, kann den Entwurf genauso gut reproduzieren wie ich selbst." *)

Warhol braucht seine Bildobjekte insofern nicht zu manipulieren, als er durch die
Übernahme von Fotos nicht selbst Abbilder der Realität entwickeln muss.
Selbstverständlich unterliegen die vorgefundenen Fotos aber einem
künstlerischen Gestaltungsprozess. Zunächst fällt auf, dass die Siebdrucke
Tontrennungen ähnlich sind, da die gedruckten Schwarzweißfotografien relativ
wenig Grautöne aufweisen, also recht kontrastreich wirken. Diese Wirkung mag
zum einen mit den Fotovorlagen zusammenhängen, wird zum anderen aber
wohl auch durch die fotomechanische Übertragung der Fotos auf das Sieb und
den Druckvorgang erzielt.
Der künstlerische Gestaltungsprozess bezieht sich im weiteren auf die
Vergrößerung und die farbige Gestaltung des Bildmotivs (z.B. Einfärbungen
bestimmter Bildteile oder mit Silberspray eingefärbte Bilduntergründe). Er
erstreckt sich auch auf den Farbauftrag (z.B. ungleichmäßiger Druck),
Passerdifferenzen bei verschiedenen Bildern einer Serie mit demselben Motiv
oder die Entscheidung über die Anordnung (die Abfolge) der Drucke. Schließlich
werden manche Siebdrucke mit Öl- oder Acrylfarben übermalt oder bestimmte
Bildteile durch Konturierung hervorgehoben.

Indem Warhol z.B. die Porträtfotos Marilyn Monroes durch grelle oder silberne
Einfärbungen verändert, verwandelt er die fotografischen Bildnisse in
strahlungskräftige Ikonen, in denen die kollektiven Vorstellungen von Schönheit,
Erfolg, Sex und ewiger Jugend personifiziert werden. Warhol zeigt also nicht das
tatsächliche Bild der

*) Zit. Andy Warhol in: Klaus Honnnef: Andy Warhol. Köln, 1994, S.54.

Seite 257

Dargestelllten, sondern das, das sich die Öffentlichkeit von der Person macht.
Die vorhandene Schönheit wird durch die spezifische Farbgebung verstärkt.
Seine wesentliche Absicht, nämlich die Vermassung des Individuums sowie die
Nivellierung des Geschmacks zu verdeutlichen, vermittelt Warhol vornehmlich
durch Verdopplung und Vervielfachung des jeweiligen Bildmotivs (zumeist in
einem Raster angeordnet).
Warhol erklärt dazu lapidar:

"Und was die Frage angeht, ob es ein symbolischer Akt ist, die Monroe in derart
grellen Farben zu malen, so kann ich nur sagen: Mir kam es auf die Schönheit
an, und sie ist schön; und wenn etwas schön ist, dann sind's schöne Farben.
Das ist alles. So oder so ähnlich verhält sich die Geschichte." *)

Durch Serienbildung, durch die endlos erscheinende Wiederholung desselben


Bildmotivs werden die dargestellten Personen zur Ware, zum Konsumartikel,
zum eingetragenen Markenzeichen. Wie sagte doch Marlene Dietrich: "Ich bin
zu Tode fotografiert worden."
Oder anders ausgedrückt: Andy Warhol hat die Welt zur Kenntlichkeit entstellt.
11.3 KEITH HARING

Keith Haring wird am 4.5.1958 in der Provinzstadt


Kutztown/Pennsylvania geboren und stirbt 31-jährig
am 16.2.1990 in New York an den Folgen von Aids.
Bereits als Kind zeichnet er gemeinsam mit dem
Vater, einem Angestellten einer Telefongesellschaft,
kleine Bildgeschichten in Comic - Manier. Die
Schulzeit gestaltet sich schwierig: Haring
experimentiert mit Drogen und Alkohol, schwänzt die
Schule und begeht kleine Diebstähle. Dennoch schafft er 1976 den High School
- Abschluss und gewinnt mit einem vier Meter langen Comic einen Preis.
Nachdem er einige Monate an der Art School in Pittsburgh Werbegrafik studiert
hat, verlässt er die Schule. Er reist nun kreuz und quer durch die USA,
perkfektioniert seinen Zeichenstil und hält sich mit Aushilfsjobs über Wasser;
zeitweise lebt er von der Fürsorge.

1978 zieht er nach New York und schreibt sich hier an der School of Visual Arts
ein. Seine wichtigsten Lehrer werden Joseph Kosuth und Keith Sonnier. In East
Village schließt er sich Cliquen an, deren Lebensgefühl sich in Punk - Musik,
Breakdance, Rap und Graffiti ausdrückt. Er arbeitet aber nicht in einer Gruppe,
sondern entwickelt als Individualist seinen persönlichen Stil: Ab 1980 entstehen
die ersten illegalen Graffiti in New Yorker U-Bahn-Stationen.
Haring zeichnet mit weißer Kreide auf Plakate, die wegen Überschreitens der
Hängedauer von der Bahnaufsicht schwarz überklebt werden. Es entstehen bis
zu 40 Zeichnungen pro Tag. Die Gewohnheit, schwarz überklebte Plakatwände
in den New Yorker Subway - Stationen

*) Zit. Andy Warhol in: Honnef, a.a.O., S.59

Seite 258

mit Kreidezeichnungen zu versehen, behält Haring bis zu seinem Tode bei. Er


wird bekannt durch die fortwährende Wiederholung und Variation bestimmter
Bildmotive, so etwa dem Baby im Strahlenkranz oder menschlichen Wesen,
deren Köpfe aus Bildschirmen bestehen.

Die auf den ersten Blick heiter wirkenden Darstellungen erweisen sich bei
näherem Hinsehen als ethisch oder politisch motivierte Stellungnahmen zu
Rassenhass, Gefahren, die durch Kernkraft entstehen, religiösen Perversionen
u.ä.:
"So entwickelt er ein Bildprogramm, das trotz aller Einfachheit den Gedanken
der Aufklärung und Humanität verpflichtet ist. Er begegnet der immer brutaler
werdenden nüchtern - technologischen Welt mit einer neuen und individuellen
Form von poetischer Phantasie. Auf die Frage nach der Bedeutung seiner
Zeichnungen antwortet er meist lakonisch: Das ist Ihre Sache. Ich mache nur
die Zeichnung." *)

Seinen Lebensunterhalt bestreitet Haring zeitweise als Aushilfe in der Galerie


Tony Shafrazi, in der Haring 1982 mit Zeichnungen und Gemälden seine erste
bemerkenswerte Einzelausstellung hat. Rasch beginnt der Aufstieg. Während
Putzkolonnen noch damit beschäftigt sind, die Plakatwände in den New Yorker
U-Bahn-Stationen von Harings Graffiti zu befreien, erzielen kleine Zeichnungen
des Künstlers bereits Preise bis zu 3000 Dollar.

"Ein Empfang in Andy Warhols Factory treibt seine steile Karriere weiter. Er lernt
die Prominenz des Show - Business kennen, wird in die Welt der Stars
eingeführt und arbeitet schließlich mit Madonna, Yoko Ono, Brooke Shields,
besonders aber mit der schwarzen Sängerin Grace Jones zusammen, deren
Körper über und über mit Haring - Zeichen und - Emblemen bemalt und
behangen, 1984 die Attraktion einer Performance in der "Paradise
Garage" wird." **)

In einem 16-Stunden- Tag, der nur mit Hilfe von Aufputschmitteln und Drogen zu
bewältigen ist, schafft Haring eine Unmenge von Zeichnungen, Gemälden,
Plastiken, Objekten, Bühnenbildern und Videos, die auf zahlreichen nationalen
und internationalen Ausstellungen gezeigt werden. 1981 entsteht Harings erstes
großes Wandbild auf einem Schulhof in der Lower Eastside. 1986 bemalt er
einen Abschnitt der Berliner Mauer; bis 1989 folgen viele weitere Wandbilder.
1987 arbeitet der Künstler erstmals mit Kindern bei der Bemalung von Wänden
zusammen.

Einem erweiterten Kunstbegriff folgend nutzt Haring nicht nur alle Möglichkeiten
der Medienwelt, um seine Kunst zu vertreiben, sondern eröffnet 1986 seinen
ersten Pop Shop in New York, in dem von ihm gestaltete Textilien und
Gebrauchsgegenstände verkauft werden, wie T - Shirts, Kissen, Geschirr,
Vasen, Aschenbecher, Uhren, Tragetaschen u.a.; seit 1988 wird ein zweiter Pop
Shop in Tokio betrieben. Ein Teil der Einkünfte kommt der Anti - Nuklear -
Bewegung und der Aids - Forschung zugute.

Der Tod des Freundes Andy Warhol 1987 löst bei Haring Depressionen aus. In
seinen Bildern nehmen die bedrohlichen Inhalte, wie Totenschädel und
verstümmelte Körper, zu. Als Haring im Winter 1988 von seiner Aids -
Erkrankung erfährt, führt dies zu einer letzten hektischen, rauschhaften
Arbeitsphase, in der er sich nochmals verstärkt dem Thema 'Homosexualität'
zuwendet.
Keith Haring gehört unbestritten zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart. Er
hat mit seinen stilisierten, energiegeladenen Gestalten und den von ihm
entwickelten Zeichen und Symbolen, die Gefühle wie Angst, Euphorie, Begierde,
Unterdrückung und Hoffnung reflektieren, eine mittlerweile international
gebrauchte und verstandene Bildsprache geschaffen.

Harings Kunst ist nicht nur von Pop Art, Comics und Cartoons beeinflusst,
sondern erinnert auch an die Kunst der Ägypter, Azteken und Aborigines. Die
anfängliche Illegalität des Arbeitens hat zur Ausbildung von zwei
unverwechselbaren Kennzeichen Harings künstlerischer Tätigkeit beigetragen:
Zügigkeit und gestalte-

* ) Zit. Schnapp/Wöstmann - Schnapp, a.a.O., S. 26. ** ) Zit. Schnapp/Wöstmann - Schnapp, a.a.O., S. 27.

Seite 259

rische Sicherheit. Unter formal-ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet sind die


bildnerischen Darstellungen Harings insb. durch folgende Merkmale und
Prinzipien gekennzeichnet:

• großflächig - grafische Arbeitsweise


• Verzicht auf eine individuelle, expressive "Handschrift" (wie auch bei
Warhol und Lichtenstein)
• geschlossene Umrisslinien und wenig Binnenlinien
• Strichfiguren, die beliebig erweiterbare Reihungen bilden können (Einer
als Viele, Viele als Einer)
• parallele und strahlenförmige Striche und Z- Muster, bewegte, gebrochene
Binnenlinien, Punkte
• Scheibenfiguren mit Löchern, durch die Arme greifen, Hunde springen,
sich Schlangen winden, Figuren schlüpfen
• Chiffren für Ufos, Pyramiden, Fernseher, Hunde etc.
• Strahlenbaby und ein die Bildfläche rahmendes Rechteck oder Quadrat
als Signets
• narrative Arbeiten, in denen die Horizontlinie den Handlungsraum
kennzeichnet
• Einzelfiguren in mehreren simultan gezeigten Phasen
• Figur - Grund - Verflechtungen
• All - over - Strukturen
• Darstellungen mit kaum erkennbaren Figuren, bei denen Strichmuster die
Binnenflächen der Umrissfiguren überziehen
• sich wiederholende Figur - Grund - Konstellationen. *)

EIN BEISPIEL FÜR DIE UNTERRICHTLICHE AUSEINANDERSETZUNG MIT


KEITH HARING

Bildgestaltungen im Rekurs auf Keith Haring sind im schulischen Bereich beliebt


und in vielfältiger Form möglich.

Im Rahmen ihrer Klassenraumrenovierung stellten Schüler/innen des 9.


Jahrgangs vom SZ Julius-Brecht-Allee einen Wandfries her, der sich an
figurativen Darstellungen von Keith Haring orientiert. Sie übernahmen
vorgefundene Figuren, erfanden neue hinzu und brachten die Figuren in eine
Reihenfolge.
Die Bildidee: Es sollte eine Reihe von Figuren entstehen, die Schüler/innen in
verschiedenen Gefühlslagen zeigt (Freude, Übermut, Ärger, Wut, "kurz vor dem
Absturz, aber von der Klasse gehalten" u.ä.).
Nachdem die Schüler/innen verschiedene Farbentwürfe hergestellt hatten,
wurden die Umrisse der Figuren mittels Overheadprojektor mit Kreide auf die
Wände übertragen; anschließend wurden die Umrisse mit Acrylfarbe schwarz
bzw. rot nachgezogen.

Vgl. zur Verwendung von figurativen Darstellungen von Keith Haring als
Ausdruck verschiedener emotionaler Befindlichkeiten auch die Schülerarbeiten
"LOVE" (S. 168) und "I HAVE A DREAM" (S. 170c).

*) Vgl. hierzu auch die ausführliche Darstellung von Thomas Dreher: Figurenzeichen als Zeichenfiguren,
Konturen des Menschenbildes X: Keith Haring. In: Kunst und Unterricht, Heft 172/Mai 1993, S. 10 - 11.

< Seite 260 >


Schulraumgestaltung, 9. Kl./Realschule

11.4 JEAN - MICHEL BASQUIAT

Jean-Michel Basquiat *) wird am 22.12.1960 im New


Yorker Stadtteil Brooklyn geboren. Er stirbt 27-jährig
am 12.8.1988 in New York an einer Überdosis Heroin.

Basquiats Eltern stammen aus der Karibik: der Vater


aus Haiti, die Mutter aus Puerto Rico. Basquiat beginnt
bereits im Alter von vier Jahren zu zeichnen. Die Mutter
fördert seine zeichnerische Begabung und nimmt den
Jungen ab 1965 mit in die New Yorker Museen. In der
Folgezeit besucht Basquiat eine private katholische Schule. Er stellt - inspiriert
von Comics, Hitchcock - Filmen u.ä. - Cartoons her. Nachdem sich seine Eltern
1968 trennen, lebt er bei seinem Vater und seinen beiden Schwestern. 1974
zieht die Familie nach Puerto Rico, kehrt
*) Vgl. zu diesem Kapitel Tilman Osterwold (Hg.): Collaborations. Warhol - Basquiat - Clemente. Katalogbuch
zu den Ausstellungen im Museum Fridericianum Kassel und in der Villa Stuck München, 1996. Ostfildern -
Ruit, 1996 und Schnapp/Wöstmann - Schnapp, a.a.O., S.27 f.

< Seite 261 >

aber bereits 1975 nach New York zurück. Basquiat läuft mehrfach von zu Hause
fort; 1978 zieht er aus und führt fortan eine "Straßenexistenz" als Writer,
zunächst unter dem Pseudonym TAR (= Teer), später unter dem Namen SAMO
(= Same Old Shit). Zusammen mit seinem Freund Al Diaz sprüht er Graffiti -
Sprüche auf Züge und Wände. Um Geld zu verdienen, verkauft er (zumeist in
den Straßen von Greenwich Village) kleinformatige Zeichnungen auf Papier
sowie handgemalte Postkarten und T - Shirts. 1978 sucht er Andy Warhol in der
Factory auf, der ihm eine Postkarte abkauft.

1980 nimmt Basquiat erstmals an einer Gruppenausstellung in New York teil.


1981 hat er seine erste Einzelausstellung in Modena/Italien. Erst 21 Jahre alt, ist
er bereits 1982 auf der documenta 7 in Kassel vertreten. Im selben Jahr macht
ihn der Zürcher Galerist Bruno Bischofberger offiziell mit Andy Warhol bekannt.
Auf Anregung Bischofbergers erwächst 1983/84 aus dieser Bekanntschaft unter
Einbeziehung von Francesco Clemente (geb. 1952 in Neapel) eine künstlerische
Zusammenarbeit.
Diese Zusammenarbeit setzen Basquiat und Warhol 1984/85 fort; aus der
künstlerischen Kooperation geht eine Reihe großformatiger, kollektiv erstellter
Gemälde hervor (die sog. Collaborations). Sechzehn dieser Arbeiten werden
1985 bei Tony Shafrazi in New York ausgestellt und erhalten durchweg negative
Kritiken. Daraufhin trennt sich Basquiat von Warhol.

In der Folgezeit arbeitet Basquiat in rasantem Tempo, häufig unter


Zuhilfenahme harter Drogen. Es folgen wichtige Ausstellungen seiner Arbeiten,
die nun zu Höchstpreisen gehandelt werden. Nach Basquiats frühem Tod
werden Retrospektiven in bedeutenden amerikanischen und europäischen
Museen veranstaltet, so in New York, Nizza, Marseille und Lausanne.

In den Inhalten seiner Bilder verbindet Basquiat das afrikanisch - kreolische


Erbe mit den Einflüssen des modernen Amerika. Als karibisch - amerikanischer
Künstler ist er einer der engagiertesten Verfechter des schwarzen Beitrags zur
amerikanischen Kultur. Folgerichtig beziehen sich seine Bildinhalte ebenso auf
die Historie des Sklavenhandels, auf Rassenprobleme oder Rollenklischees wie
auf die profane Warenkultur.
Eine besonders intensive Auseinandersetzung mit der kapitalistischen
Warenwelt findet in den "Collaborations" mit Andy Warhol statt:
Basquiat ergänzt und übermalt die von Warhol in der Bildsprache der Pop Art
wiedergegebenen, zumeist gemalten Firmen - Logos, Slogans,
Zeitungsüberschriften u.ä. Mit diesen Ergänzungen und Übermalungen kritisiert
Basquiat einerseits die Heuchelei der Warenkultur und überhöht sie
andererseits. "Facts", wie Slogans, Bedienungsanleitungen, Speisekarten,
Comics etc., finden auch direkt Eingang in die von Basquiat allein hergestellten
Bilder:
Wie in den Merz - Bildern von Kurt Schwitters oder den Combine Paintings von
Robert Rauschenberg, so sind auch in manchen Arbeiten Basquiats teilweise
übermalte Realmaterialien vorfindlich. Diese Realmaterialien zitieren einen
Realitätsausschnitt und fungieren zugleich als formal - ästhetische Mittel.
Basquiats neo - expressionistischer Malstil erinnert zuweilen an die Mal- und
Zeichenweise ca. vierjähriger Kinder; es handelt sich um einen bewusst und
freiwillig gewählten "primitiven", ungelenken Stil, einen Stil, der spontan und
spielerisch, aber auch grell, laut und nervös wirkt.

Beeinflusst durch Picasso, Jackson Pollock und Cy Twombly einerseits und die
Bildwelt der alltäglichen Realität andererseits versammelt Basquiat auf
Leinwänden, Brettern, ausrangierten Türen u.ä. eine Fülle "hingekritzelter"
Wörter und Zahlen, abstrakter Zeichen und figurativer Elemente, die er
wiederholt, variiert und z. T. wieder durchstreicht oder übermalt.
Erinnert schon der Malstil Basquiats an Graffiti - Kritzeleien, so verweisen auch
einige der in den Bildern verwendeten Zeichen auf Basquiats Herkunft als
Graffiti - Maler. Dazu zählen z. B. das Copyrightzeichen als Hinweis auf den
Originalitätsanspruch des Herstellers und die Krone als Symbol für den Graffiti -
King.

Möglicherweise in der Vorahnung des eigenen nahen Todes thematisiert


Basquiat in

Seite 262

seinen letzten Bildern Krankheit, Vergänglichkeit und Tod und orientiert sich
dabei an historischen Vorbildern, wie mittelalterlichen Totentänzen oder Dürers
"Ritter, Tod und Teufel."

11.5 HARALD NAEGELI (Der Sprayer von Zürich)

Die Beschäftigung mit Harald Naegeli, dem sog. Sprayer von Zürich, ist im
Zusammenhang mit der für Graffiti relevanten bildenden Kunst insb. in Bezug
auf staatliche Verfolgung und rechtliche Konsequenzen illegalen Sprühens von
Interesse.

1977 tauchen erstmals phantomhaft Sprayzeichnungen in Zürich auf,


Zeichnungen des "Sprayers von Zürich", bei dem es sich, wie sich ca. zwei
Jahre später herausstellt, um den 1939 in Zürich geborenen Diplom -
Psychologen Harald Naegeli handelt. Die Sprayzeichnungen Naegelis geben zu
dieser Zeit vornehmlich merkwürdige Strichfiguren und lineare spinnenartige
Fabelwesen wieder.

1979 wird Naegeli, auf dessen Ergreifung wegen Sachbeschädigung 3000


Franken ausgesetzt sind, durch Zufall gefasst: Er hat beim Sprayen seine Brille
verloren! Im Januar 1981 wird er wegen Sachbeschädigung in 179 Fällen zu
sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.
Naegeli setzt sich nach Deutschland ab und sprüht hier weiter. Bereits im
Februar 1981 wird er in Stuttgart erneut gefasst, inhaftiert und zu einer
Geldstrafe von 3000 DM verurteilt. In der Berufungsverhandlung wird er in
Zürich in 2. Instanz zu neun Monaten Gefängnis ohne Bewährung sowie zur
Zahlung von über 100.000 Franken Schadenersatz verurteilt. Naegeli widersetzt
sich dem Strafantritt im Februar 1982 und hält sich erneut in Deutschland auf.

1983 - inzwischen von Interpol gesucht - wird Naegeli beim Versuch des
Grenzübertritts nach Dänemark in Puttgarden verhaftet. Er muss trotz
öffentlicher Einflussnahme von Künstlern, z. B. Joseph Beuys, und Politikern,
etwa Willy Brandt, die Haft im Hochsicherheitstrakt in Winterthur in der Schweiz
antreten. Wegen guter Führung wird er nach einem halben Jahr vorzeitig
entlassen. Seitdem lebt er in Düsseldorf.

Im Gegensatz zu den meisten Sprayern in der Graffiti - Szene versteht sich


Naegeli als öffentlicher Rebell. Seine erste Ausstellung hat der Künstler 1982 im
Kölnischen Kunstverein mit großformatigen Fotos vom "Kölner Totentanz".
(Beim "Kölner Totentanz" handelt es sich um einen Zyklus mit ca. 500
Sprayzeichnungen, die tanzende Skelette, Totenköpfe u.ä. thematisieren.) 1983
folgt eine weitere Fotoausstellung in der Düsseldorfer Kunstakademie.

Nach dem Chemieunfall in der Fa. Sandoz, der ein großes Fischsterben im
Rhein zur Folge hat, beginnt Naegeli 1986/87 "halböffentlich" einen Bilderzyklus
mit toten Fischen an Brückenpfeiler und Mauern zu sprühen. Mittlerweile sind
Naegelis Sprayzeichnungen abstrakter geworden. 1991 stellt der Künstler
erstmals Zeichnungen in Museen aus, so in Düsseldorf, Stuttgart und Potsdam.
Naegelis politische Ambitionen haben sich deutlich reduziert: 1992 erscheint
eine Edition von Bettwäsche, Handtüchern und Bademänteln mit Naegeli -
Motiven. *)

"Heute gelten siene Werke als Kunst. Die Stadt Zürich ließ kürzlich eines seiner
berühmten Strichmännchen liebevoll restaurieren." **)

*) Vgl. Johannes Stahl (Hg.): An der Wand. Köln 1989, S. 62 ff. und Bernhard van Treeck: Graffiti Lexikon.
Moers, 1993, S. 142 ff.
**) Zit. Martin Zips: Ende des Textkampfes. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 168 / 24.07.2006, S. 9
11.6 BANKSY

Vom Leben des britischen Street-Art-Künstlers Banksy ist so gut wie nichts
bekannt, ist es diesem doch bis heute gelungen, sein Inkognito zu wahren. Es
wird vermutet, dass Banksy 1974 oder 1975 in Bristol geboren worden ist und
mit bürgerlichem Namen Robin oder Robert Banks bzw. Gunningham heißt.
Nicht zuletzt die strikte Geheimhaltung seiner Identität ist mit verantwortlich
dafür, dass die Arbeiten des Phantoms Banksy Medien, Öffentlichkeit und
Sammler gleichermaßen faszinieren.

Banksy führt mit seinen Stencil Graffiti (Schablonengraffiti) in souveräner Manier


seit Mitte der neunziger Jahre die in den frühen achtziger Jahren des
vergangenen Jahrhunderts in Frankreich von Blek le Rat u.a. entwickelten
Pochoirs weiter. Sein Symboltier ist eine gesprühte Ratte. Banksys im urbanen
Raum (insb. London) gesprayten Stencils haben nicht nur hohen
Unterhaltungswert, wie etwa sein Graffiti zweier sich küssender englischer
Bobbies. Sie sind auch mit antikapitalistischem oder politischem Anspruch
versehen, so z.B. die Graffiti auf einer israelischen Grenzmauer in der Westbank
mit Darstellungen von Kindern, die Löcher in den Beton hacken. Zu seinen
berühmtesten Motiven zählt ein einen Blumenstrauß werfender Straßenkämpfer.
Zuweilen werden die Schablonengraffiti mit Slogans kombiniert, um die
politische Botschaft zu verstärken. Dabei dienen dem mittlerweile weltweit
bekannten Street-Art-Künstler durchaus nicht nur Hauswände und Mauern als
Untergrund; auch menschliche Arme und Beine und lebende Tiere werden mit
Graffiti versehen.

Besonderes Aufsehen erregt Banksy mit seinen Museums-Aktionen, die


erheblich zur Pflege seines subversiven Images beitragen: Banksy nimmt seinen
Durchbruch in die Museumslandschaft quasi in die eigenen Hände, indem er
sich - bewaffnet mit gefälschten oder ironisierten "Kunstwerken" und Klebstoff -
in berühmte Museen einschleicht. Ein verfremdetes Flohmarktgemälde fällt 2003
in der Tate Gallery in London bereits nach 2 1/2 Stunden wieder von der Wand;
das offensichtlich besser befestigte Bildnis eines Befehlshabers mit Sprühdose
und der Aufschrift NO WAR im Brooklyn Museum New York wird hingegen erst
nach acht Tagen (!) als Fake wahrgenommen. "Einmal passierte sogar das
eigentlich Unmögliche: Ein Stück Mauer, das Banksy mit einer Darstellung im
Stil einer frühen Höhlenzeichnung mit Urmensch, Einkaufswagen und
verwundetem Wild versehen hatte, gefiel der Verwaltung des Londoner British
Museum so gut, dass die Arbeit Eingang in die ständige Sammlung fand." *)

Seit einiger Zeit erzielen Arbeiten von Banksy Rekordpreise. Am 7. Februar


2007 wird eine Kegelszene mit Bomben ("Bombing middle England") bei
Sotheby's für 102.000 Pfund (umgerechnet ca. 150.000 €) versteigert. Banksy
kommentiert diesen Vorgang auf seiner Website mit den Worten "I can't believe
you morons actually buy this shit." Wer sich auf Drucke auf Holz oder Leinwand
im DIN A4- oder DIN A3-Format mit einem Banksy-Motiv beschränkt, die u.a.
von einer Galerie in Spitalfields/London vertrieben werden, steht sich mit 30 - 35
Pfund wesentlich billiger. Am preiswertesten ist jedoch das Ausdrucken der
Bilder, die im Internet zum freien Herunterladen zur Verfügung gestellt werden.
**)

*) Zit. Kito Nedo: Künstler auf der Flucht. In: art. Das Kunstmagazin Nr.4/April 2007, S.28-31, hier S. 31.
**) Vgl. hierzu z.B. das Angebot unter www. spitalfieldsartmarket.co.uk

12 GLOSSAR

AEROSOL im französischen Sprachgebrauch Ausdruck für Spraydose

AEROSOL ART Bezeichnung für Graffiti i.e.S.

AIRBRUSH bildkünstlerische Technik, bei der eine Spritzpistole benutzt


wird

AURA Umgrund (Hintergrund) eines Pieces, der unscharf begrenzt


ist; Synonym: MANTEL, Mantelumrandung

BABU Bahnpolizist ("Bahnbulle")

BACKGROUND Umgrund (Hintergrund) eines Graffiti-Pieces

BATTLE Sprayerwettbewerb zwischen verschiedenen Writern

B-BOY Bezeichnung für jemanden, dessen Lebensgefühl sich in HIP


HOP (Rap, DJing, Breakdance, Graffiti u.ä.) äußert;
ursprünglich Bezeichnung für Blues - Musiker, später für
Breakdancer
BITEN, BITING den Stil, die Bildideen eines anderen Writers kopieren

BLACK BOOK Entwurfsbuch eines Writers, in das Skizzen (Sketches) und


Fotos von Pieces (auch anderer Writer) eingefügt werden;
Synonym: PIECE BOOK

BLOCK Seiten-, Ober- oder Unterteil eines Buchstabens, wodurch


der Buchstabe dreidimensional erscheint

BLOCK Buchstaben in geraden, rechteckigen Linien; Synonym:


LETTERS BLOCK BUSTERS, STRAIGHT LETTERS

BOGARTING riskantes Stehlen von Dosen, Caps und Markern; Synonym:


RACKEN

BOMBEN, eine Fläche illegal bemalen (z.B. durch Tags); Synonym:


BOMBING ROCKEN

BUBBLE runde, aufgeblähte Buchstaben, die leserlich sind


LETTERS,
BUBBLE STYLE

BUFFEN Entfernen von Graffiti mit einem chemischen


Reinigungsmittel

BUNKERN Dosen stehlen und einen Vorrat an Dosen anlegen

BURNER künstlerisch besonders gelungenes, hochstehendes Graffiti

CAN Sprühdose; Synonym: BOMBE

CAP Sprühdosenaufsatz, der je nach Durchmesser der Öffnung,


die Dicke des Sprühstrahls regelt

CAR S- oder U-Bahn-Waggon

CHARACTAG eine Abwandlung von Tags (Decknamen); an die Stelle von


Buchstaben treten figurative Elemente (characterähnliche
Strichzeichnungen)

CARTAGGING Anbringen von Tags auf Autos, zunächst auf Lastwagen, ab


1990 auch auf Luxuslimousinen und Taxis (insb. in Basel),
u.a. als Ausdruck von Protest gegen Umweltverschmutzung
durch Pkws
CHARACTER figürliche (meistens comicähnliche) Darstellung von
Menschen, Tieren, Monstern u.ä.

CHILL OUT aktiv und cool sein

CLOUD Wolke, ungenau begrenzte Fläche, die zumeist für den


Background eines Pieces verwendet wird

CORNER bekannter (auch überregional bekannter) Treffpunkt von


Writern (= WRITERS CORNER)

CREW Gruppe von Writern, die sich einen Namen gibt, der
üblicherweise abgekürzt wird (z.B. AMB = Aerosol Maler
Bremen); Synonym: POSSE

CROSSEN, das Piece eines anderen Writers durch Überschreiben oder


CROSS OUT Übersprühen mit einem Tag bzw. mit Linien entwerten

DEDICATION Widmung

• in Satzform in einem Piece


• durch Nennen bestimmter Namen in einem Piece (z.B.
To: Neco + Ken oder 2: Neco + Ken)
• als gesondertes Piece (Name als Schriftbild)

DESIGN Muster, Ornament, z.B. Herz, Stern, Spirale; Synonym: GAG

D.G.A. Abkürzung für "Don't get around", Bezeichnung für einen


verhassten Writer

DRIP Farbe, die durch eine falsche Sprühtechnik herunterfließt

3 D-STYLE dreidimensional erscheinende Buchstaben, die einen seitlich


(nach hinten), oben oder unten verlaufenden BLOCK
aufweisen; zumeist wird nur ein Fluchtpunkt oder die
Parallelperspektive benutzt

END-TO-END, E- Piece auf einem S- oder U-Bahnwaggon, das sich unterhalb


TO-E, der Fenster über die ganze Wagenfront erstreckt
E-2-E

FADE, FADING fließende Übergänge der Farben, die durch


Ineinandersprühen der Farben entstehen
FAME Ruhm, Anerkennung; Hauptmotiv für das Graffiti-Malen

FAT CAP Sprühaufsatz mit ca. 20 - 30 mm breitem Sprühstrich

FILL IN Ausfüllen von Buchstaben oder Characters mit Farbe

FLAVOR Geschmack, Stilrichtung oder Lebensgefühl

FREE STYLE Sprühen eines Graffitis, ohne vorab einen konkreten Entwurf
dafür angefertigt zu haben

GLASEFFEKT Überschneidung einzelner Buchstaben

GOING OVER Benutzung eines Pieces als Untergrund für ein neues Piece
(aus Missachtung des anderen Sprayers; aus Mangel an
Wänden; um Dosen zu sparen, da bereits besprühte Wände
die Farbe nicht so schnell aufsaugen), Synonym:
BACKGROUNDING

HALL OF FAME Bezeichnung für einen Ort, an dem Writer häufig malen und
der dadurch einen bestimmten Bekanntheitsgrad erhält;
Ort, an dem sich besonders gute Graffiti befinden

HIGHLIGHT Glanzlicht (stern-, punkt- oder linienförmig), das dem Graffiti-


Piece einen funkelnden Effekt verleiht

KING herausragender Writer (z.B. KING OF STYLE)

KING OF THE Titel für einen Writer, der entlang einer Bahnlinie die meisten
LINE oder besten Graffiti angefertigt hat

LAY UP Abstellgleis; Zwischenstation, in der über Nacht oder am


Wochenende Züge abgestellt werden

MALEN Graffiti-Pieces sprühen

MALER Hersteller von Graffiti-Pieces

MARKER besonders breiter Filzstift zum Taggen

MURAL Mauerbild

OLD SCHOOL einfacher Graffitistil, der Ähnlichkeit mit Graffiti aus den
Anfängen der Graffiti-Bewegung aufweist
OUTLINE Umrisslinie, zu unterscheiden nach FIRST (ROUGH)
OUTLINE und SECOND (FINAL) OUTLINE

OVERKILL Verstopfen einer Dose oder unkontrolliertes Herausspritzen


von Farbe

PANEL, PANEL Graffiti-Piece unterhalb der Fenster zwischen zwei Türen


PIECE eines Zuges

PIECE Bild, zumeist Schriftzug eines Writers in einem typischen


Graffiti-Stil (auch Abkürzung für MASTER PIECE)

PIECEN Graffiti sprühen, malen

PINNEN Verändern des Filzkopfes eines Markers mit Hilfe einer


Nadel, so dass der Strich des Stiftes breiter wird; auf diese
Weise entsteht ein MOP PIN

QUICK PIECE relativ schnell gestaltetes Piece, das eine Weiterführung des
Throw Ups darstellt und eine ziemlich sorgfältig gestaltete
Outline und ein einfarbiges Fill In aufweist

ROOF TOP Piece, das in großer Höhe (z.B. an einem Dachgiebel)


angebracht ist

SILVER PIECE Piece mit schnell gesprühter Outline in Schwarz, Blau, Rot,
Grün oder Silber und einem Fill In in Silber

SKETCH Skizze, Entwurf für ein Piece

SOKO Abkürzung für die "Sonderkommission Graffiti" des


Bundesgrenzschutzes

SPLASH klecksartiges, unregelmäßig umrissenes Schmuckelement in


Buchstaben oder im Background eines Pieces

SPIRIT geistiger Hintergrund/"Philosophie" der Graffiti-Bewegung


(z.B. Bekenntnis zu Brotherhood oder Gewaltlosigkeit)

STYLE jeweiliger Stil, z.B. Old School, Wild Style; Individualstil


einzelner Sprayer, städtetypische oder überregionale
Ausprägung
SWING Schwung in bezug auf die Form und die Anordnung der
Buchstaben

TAG Namenszug eines Writers oder einer Crew, der mit


Sprühdose oder Filzmarker an Wänden oder Zügen
hinterlassen wird; Tags sind zumeist stark stilisiert und nur
schwer entzifferbar; wegen der Verfolgung durch die Polizei
wechseln Writer öfter ihr Tag;
INSIDE TAGS sind Namenszüge innerhalb eines S- oder U-
Bahnwaggons;
OUTSIDE TAGS werden während der Fahrt an der
Außenwand des Zuges angebracht;
unter CRAZY TAGS versteht man Tags, die sich an
besonders schwer zugänglichen Stellen befinden (etwa in
großer Höhe)

TAGGEN das Anbringen von Tags

TAGGER Hersteller von Tags

THIRD RAIL Stromschiene der U-Bahn, die große Gefahren birgt

THROW UP, T- Piece, das schnell gestaltet ist und aus einer Outline (und
UP aus einem unvollständig gesprühten Fill In) besteht

TOP-TO- Graffiti, das die gesamte Höhe eines S- oder U-


BOTTOM, Bahnwaggons einnimmt (auch mit übermalten Fenstern)
T-TO-B, T-2-B

TOY schlechter Writer, Anfänger

TOY STYLE unbeholfener Stil von Graffiti-Anfängern

TRAIN S- oder U-Bahnzug

TWO CAR, 2- Piece, das über zwei Wagen eines Zuges verläuft; Synonym:
CAR WORM

TWO TEAM zwei Writer, die zusammenarbeiten

WATCHMAN Mitglied einer Writer-Crew, das Wache hält, während die


anderen Mitglieder illegal ein Graffiti herstellen
WHOLE CAR Graffiti, das sich über die gesamte Länge und zumeist auch
die gesamte Höhe eines S- oder U-Bahnwaggons erstreckt;
dabei kann der Waggon auch nur an einer Seite bemalt sein

WHOLE TRAIN S- oder U-Bahnzug, der in voller Länge bemalt ist

WILD STYLE Stil, der in New York entwickelt wurde;


besonders verschachtelte, abstrakt wirkende Schriftbilder,
deren Buchstaben kunstvoll miteinander verbunden sind;
Pieces dieser Art sind für den Laien kaum noch oder nicht
mehr zu entziffern

WINDOW DOWN Graffiti unterhalb der Fenster eines S- oder U-Bahnwaggons;


Synonym: PANEL PIECE

WRITER Sprüher (Maler) von Graffiti-Pieces (früher auch


Bezeichnung für Tagger)

WRITING NAME Pseudonym/Deckname von Taggern oder Writern

YARD Depot für S- oder U-Bahnzüge

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