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Samstag/Sonntag, 20./21.

November 2010
FEUILLETON HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 269 / Seite 13

HEUTE
FEUILLETON
Triumph und Tränen
Daniel Harding dirigiert Beethoven und
Bartók. Von Joachim Kaiser Seite 15
LITERATUR
Wut in Edelmut verwandelt
Vor 100 Jahren starb der Sinnsucher
Lew Tolstoi Seite 17
KUNSTMARKT
Boom-Indikator
Wo sonst: „Salon Paris Photo“ entdeckt
die Modefotografie Seite 19
MEDIEN
Aufgenommen, abgedankt
ORF-Sprecher Pius Strobl tritt nach
Lausch-Affäre zurück Seite 21

WISSEN
Gauß und Geld
Mathematiker diskutieren ihre Rolle in
der Finanzkrise Seite 22

www.sueddeutsche.de/kultur
Während die Wohnhäuser unserer Autoren unkenntlich gemacht wurden (unten), ist die Maximilianstraße in München (oben) noch unverpixelt. Fotos: Google Street View

Die Debatte um Google Street View: Darf oder soll man seine Wohnstätte im bebilderten Kartendienst des Internetkonzerns unkenntlich machen?

Die Datenburka Schockgefroren für immer


Wer sein Haus verpixeln lässt, erklärt öffentlichen Raum eigenmächtig zur Privatsphäre Wer sein Haus verpixeln lässt, macht von seiner Freiheit im öffentlichen Raum Gebrauch
Da ist sie nun, die Zwietracht. Beim ers- solch einen digitalen Rundgang durchs wie Google. Der betreibt letztlich nichts Natürlich begibt sich jeder, der sein chen Öffentlichkeit als Bühne freier Spie- zieht. Selbst das aus Stein erbaute Haus
ten Betrachten der Münchner Straßen Viertel auch ohne Google Street View un- anderes als eine moderne Form der Kar- Haus in Google Street View verpixeln ler“, wie es in einem wehmütigen Kom- wird erst dadurch öffentlich verfügbar,
und Viertel in der Street-View-Anwen- ternehmen. Die deutsche Webseite sight- tographie. Man kann ja seine Wohnstatt lässt, auf ein Feld voller Widersprüche. mentar heißt. Derlei retrospektive politi- indem sein flüchtiger Anblick im Netz
dung von Google drängt sich angesichts walk.de bietet schon seit April 2008 den auch nicht einfach aus dem Falkplan lö- Selbstverständlich ist die Straße ein öf- sche Beschaulichkeit dürfte zu den Grün- „versteinert“ wird. Das Netz, Synonym
all der unkenntlich gepixelten Gebäude genau gleichen Dienst an. Nicht ganz so schen lassen. Wie das Beispiel sight- fentlicher Raum, die Häuserfassaden den zählen, warum die Facebook- und für flüssige Prozesse, ist zugleich das Me-
ein neues Ressentiment auf. Wer sind umfangreich. Lediglich sieben deutsche walk.de zeigt, ist Google auch keines- sind jedem Blick zugänglich, ja sie Twittergeneration so verächtlich lästert dium unkontrollierbarer Fixierung.
denn diese paranoiden Kleingeister, die Städte sind dort im Angebot. Und es sind wegs die einzige Firma, die solche neuen ziehen, zumindest in den architektonisch über die „Generation 40+, die ständig vor Das eigene Haus verpixeln zu lassen,
sich die Mühe gemacht haben, die Firma jeweils auch nicht alle Straßen der Städ- Formen der Kartographie benutzt. gelungeneren Fällen, den Blick in bester den Gefahren des Netzes warnt und of- hat darum zwei gewichtige Gründe:
Google zu bitten, ihre Wohnstatt aus te erfasst. Doch wenigstens stören keine Fast jeder digitale Konzern entwickelt Absicht auf sich. Und wenn einer auf fenbar gar nicht verstanden hat, was sich erstens, Öffentlichkeit, wenn sie denn als
dem Plan zu nehmen? Und als Bewohner Pixelwände, die der Schriftsteller und di- derzeit solche neuen Technologien. Mi- dem Balkon zur Straße Würstchen grillt, derzeit im Netz abspielt und wie junge das Medium ziviler Freiheit verstanden
eines Mietshauses stellt sich daraufhin gitale Kulturkritiker Peter Glaser zum crosoft hat eine Kartentechnik entwi- rechnet er damit, dass man sein kulinari- Leute damit umgehen.“ wird, darf nicht zu einer Zwangsveran-
auch gleich die Frage – wer hat denn un- Street-View-Start am Donnerstag in ei- ckelt, die noch viel weitergeht, die Karto- sches Treiben beobachtet; den Ge- Aber auch wenn man womöglich zu de- staltung werden, an der man teilzuneh-
ser Haus verpixelt? Der in natura sehr ner Twitter-Nachricht mit dem Satz kom- graphie, Webvideos, Chat-Funktionen schmack verdirbt es ihm nicht. Vor allem nen zählt, die wenig „verstanden“ haben men hat, ohne gefragt zu werden. Zwei-
hübsche Altbau steht bei Google zwi- mentierte: „Die Datenburka, heute: Ver- und Mobiltelefone miteinander ver- aber können, das hat die Debatte nicht vom Netz, so bleibt einem doch nicht ver- tens, die Wege der Daten über die eige-
schen den Nachbargebäuden als unan- schleierte Fassaden.“ knüpft und so ungeahnte neue Möglich- nur in Deutschland nach ersten Aufge- schlossen, dass selbst die noch so exzessi- nen Lebensumstände sollte man beherr-
sehnlicher Datenbrei im Stadtbild und si- Nach dem ersten Ärger, dass Google es keiten der Orientierung und Kommuni- regtheiten inzwischen geklärt, Daten- ve Praxis der Preisgabe privater Tatsa- schen dürfen, soweit es irgend geht.
gnalisiert, nun ja, dass auch hier Daten- nun wirklich geschafft hat, die deutsche kation schafft. Wer ein Smartphone schutz und Persönlichkeitsrechte das Ge- chen in Facebook, Chatrooms und digita- Dass man sich angesichts privater und
schutz-Fundamentalisten wohnen. Zu Bevölkerung zu polarisieren, drängen besitzt, der weiß längst, was GPS für samtunternehmen Street View nicht ver- len Partnerschaftsdiensten das eine Prin- staatlicher Datenströme keiner Illusion
denen man qua Sippenverpixelung nun sich ein paar Fragen auf. Darf man sich Funktionen erlaubt, auch wenn es den ge- hindern. Das ist auch in Ordnung. zip einhält: nicht gegen meinen Willen! hingeben darf, versteht sich. Doch das ist
selbst gehört. genwärtigen Aufenthaltsort verrät. Warum spricht dennoch viel für das kein Grund, den Damm mit eigenen Hän-
Es reicht ja der Antrag eines einzigen Die Gründe dafür, dass die Motiv, aus der Reihe zu tanzen und sein den zu brechen. Das Internet ist keine
Mieters, schon ist das Gebäude nur noch Street-View-Debatte gerade in Deutsch- Haus in dem Google-Projekt unkennt- Veranstaltung der Resignation, oder?
in einer Optik zu sehen, die ein wenig an land so hochgekocht ist, sind in der Ge- lich zu machen? Bezeichnend ist, mit wel- Google stellt nicht zweckfreie städti-
die anonymisierten Kinderschänder erin- schichte zu suchen. Nach einem 20. Jahr- cher Lässigkeit die meisten Befürworter sche Panoramen her wie Canaletto. Es
nert, die Ministergattin zu Guttenberg hundert, in dem zwei Diktaturen ihre der Kritik begegnen, das Projekt würde verfolgt mit Street View handfeste be-
bei RTL2 vorführt. Man traut es den Schreckensherrschaften auf deutschem in ihre privaten Angelegenheiten eingrei- triebswirtschaftliche Absichten. Das ist
Nachbarn eigentlich nicht zu, wenn man Boden mit ausgedehnten Spitzelnetzwer- fen. Google Street View, sagen sie, stelle nicht des Teufels, bedeutet aber, dass die
das Glück hat, in einer außergewöhnlich ken zementierten, ist die Skepsis gegen- doch nur jene Öffentlichkeit auf digita- Bilder in Kontexte gestellt werden, die
netten Hausgemeinschaft zu wohnen, über jeder Form der Datenerfassung fest lem Wege her, die ohnehin auf Straßen weder der Hausbesitzer noch der „User“
mit der man gemeinsam aus Holzdielen im historischen Gedächtnis verankert. und Plätzen herrsche. Das ist eine folgen- des Dienstes überschauen, schon gar
eine Sonnenterrasse gebaut hat, auf der Doch es gibt da noch einen Aspekt, der reiche Vereinfachung. Ein schlichtes Ge- nicht die künftigen Kontexte.
man sich im Fußballsommer dann zum einen gerade als Journalisten beunru- dankenexperiment sollte zu denken ge- Gemeinsam ist allen Google-Bilder-
gemeinschaftlichen Semi-Public-View- higt. Wenn nun jeder Bürger, jede Firma ben: Wie wäre es, wenn Sicherheitsorga- diensten, dass sie für das Unternehmen
ing traf. Oder war es vielleicht doch der den Google-Konzern zwingen können, ei- ne des Staates sämtliche bebauten Stra- gewinnbringend sein müssen, welche Be-
Vermieter, der seine Hausgemeinschaf- nen Ort oder ein Gebäude unkenntlich ßen und Häuser digital erfassen würden? lästigung sich der Hausbesitzer durch ge-
ten vor der Grundsatzfrage bewahren einer Erfassung des öffentlichen Raums zu machen, legt das dann nicht das Fun- Öffentlichkeit ist keine Sache, die Und diese Generaleinschränkung zielte Anzeigen oder durch den Weiter-
wollte – Pixel oder freie Sicht? entziehen? Warum tobt die dament für eine Rechtsauslegung, die in unempfindlich gegen ihren Verwen- betrifft eben auch Dinge, die eigentlich verkauf der Bilder an dritte Internet-
Und an wen wendet man sich, wenn Street-View-Debatte ausschließlich in Zukunft auch Pressefotografen dazu dungszusammenhang ist wie Edelstahl- öffentlich sind, aber faktisch der Öffent- unternehmen auch immer gefallen lassen
man sein Gebäude wieder entpixeln las- Deutschland so heftig? Und haben die Zu- zwingt, Orte und Gebäude zu verpixeln? kocher gegen Wasser und Rost. Man lichkeit im umfassenderen Sinn verbor- muss. Das ist trivial, nur deshalb nicht
sen will? Immerhin gibt es ja so manch geständnisse des Konzerns an den Daten- Die einschlägigen Hamburger Medien- muss den Google-Managern keine finste- gen bleiben. Eine Frau, die sich im Frei- weniger wirkungsvoll. Vor allem aber
praktische Anwendung jenes Pro- schutz nicht einen Präzedenzfall geschaf- anwälte dürfte das freuen, immerhin ver- ren Absichten unterstellen, den Orwell- bad im Bikini vor aller Augen sonnt, kann Google die Bilder mit den vielen an-
gramms, das Stadtpläne in übersichtli- fen, der Folgen haben kann? treten sie Mandanten, denen ihre Privat- schen Staat totaler Transparenz wollen möchte ihr Bild nicht in der gleichnami- deren Daten verknüpfen, die es über die
che Rundumbilder auf Straßenebene Die Frage, ob man sich der Erfassung sphäre viel Geld und juristischer Auf- sie nicht, sie führen nichts Böses im Schil- gen Zeitung oder im Netz zirkulieren se- Hausbesitzer sammelt und daraus seine
übersetzt, in denen man ganz einfach na- des öffentlichen Raums entziehen kann, wand wert ist. de. Dass sie in Kauf nehmen, Kriminel- hen. Auch diejenigen, die ihr privates kommerziellen Strategien bedienen.
vigieren und somit Nachbarschaften und ist weniger eine rechtliche als eine gesell- Es besteht überhaupt kein Zweifel dar- len in die Hände zu spielen, die im Netz Handygespräch in der Bahn ungeniert Dass das Unternehmen mit Street View
Wegstrecken erkunden kann. Man kann schaftliche Frage. Der öffentliche Raum an, dass Google daran gelegen ist, sämtli- Gebäude für Raubzüge auskundschaf- vor unbeteiligten Mitpassagieren führen, seiner medialen Omnipräsenz überdies
Freunden per E-Mail zeigen, wo man ist ein kostbares Gut der Allgemeinheit, che Daten seiner Nutzer zu erfassen und ten, scheint an den Haaren herbeigezo- wären schockiert, wenn es aufgezeichnet einen Schritt näherkommt, lässt nicht
wohnt. Man selbst kann seine Nachbar- das sowieso schon zunehmend gefährdet zu vermarkten. Die Debatte um Street gen zu sein. Solche Ängste lenken nur ab und im Internet wiedergegeben wäre. nur Pessimisten bei der fröhlichen Zu-
schaft besser kennenlernen, weil die ist. Die Privatisierung des öffentlichen View allerdings setzt am falschen Ende vom wirklichen Problem. Denn was Warum? Weil sie diese Dimension von Öf- arbeit für den Konzern zögern. Gar nicht
Stadtrundfahrt auf dem Monitor mit so- Lebens durch die Kultur der kommerziel- des digitalen Angebots an. Wer berechtig- Google zweifelsohne betreibt, ist die fentlichkeit ganz und gar nicht wollten. davon zu reden, dass beliebige andere In-
genannten Airtags versehen ist. Das sind len Passagen und Malls war lange ein te Angst vor der Datenkrake Google hat, Kommerzialisierung des öffentlichen Sie sind verstört, wenn der vorbeizie- ternetunternehmer ihr uneinsehbares
Markierungen der anliegenden Firmen amerikanisches Phänomen, das längst in wäre besser beraten, deren Suchmaschi- Raums und privater Daten zugleich. Und hende Fluss der öffentlich sichtbaren Spiel mit den Bildern spielen können.
und Lokale, die man mit einem Maus- allen Lebensbereichen Deutschlands an- ne nicht mehr zu benutzen. Denn die er- das hat seine Konsequenzen. Dinge plötzlich angehalten und in einen Mag jeder für sich entscheiden, ob das
klick aktivieren kann, um mehr zu erfah- gekommen ist. Egal ob die teuren Fünf stellt beunruhigend präzise Nutzerprofi- Man muss Googles nüchterner Auffas- geronnenen Zustand überführt wird. auch sein Spiel ist – solange nicht jeder
ren, was sich so alles in der Nachbar- Höfe in Münchens Innenstadt oder das le. Und auch aus den sozialen Netzwer- sung – der öffentliche Raum als Material, Das flüchtige Ereignis wird materiali- gezwungen ist, mitzuspielen. My house,
schaft befindet. billige Olympia-Einkaufszentrum an der ken sollte man sich raushalten. Twitter das man bewirtschaften und zu Geld ma- siert und für jedermann auf Dauer ver- my castle, das war die spießige Version
Wie zu erfahren ist, kann man sich gar Peripherie, an solchen Orten schlägt und Facebook werden in den USA laut chen kann – gar nicht damit kommen, fügbar. So gewinnt ihr Bild oder Ge- für jedermann. Heute heißt es für jene,
nicht gegen die Verpixelung wehren. Die Hausrecht jedes Bürgerrecht. Der öffent- Wall Street Journal schon von Versiche- dass man ihr eine nostalgische Idee entge- spräch mit einem Mal ein öffentliches – die sich der neuen Zwangsbeglückung
ist vom ersten Antrag eines Mitbewoh- liche Raum aber muss von allen genutzt rungen genutzt, um Risikoprofile zu er- genhält, die Idee „einer kultivierten und und auch nicht-öffentliches – Dasein, entziehen: my house, my pixel.
ners an endgültig. Allerdings kann man werden dürfen. Auch von einem Konzern stellen. ANDRIAN KREYE altertümlichen, sozusagen frühbürgerli- das sich ihrer Kontrolle vollständig ent- ANDREAS ZIELCKE

»KEINE MACHT DEN NOTEN«


Süddeutsche Zeitung
© Jan Roeder

»MUTIG UND BRISANT« taz »Es gibt


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»SABINE CZERNY WAGT DAS AUSZUSPRECHEN,


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