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MA-Seminar zu Minderheiten im Iran und der Türkei im SoSe 2014

Welche rechtlich relevanten Gruppen von Menschen kennt die Verfassung der Islamischen Republik Iran und welche Rechte haben diese Gruppen?
(Stand: Mai 2014), Shervin Taheri

Mensch ensān (56)

Art von Gruppen Rechtsfolge als Konsequenz der Kommentar


Gruppen Gruppenzugehörigkeit
1. Religiöse - Muslime ommat-e eslāmī, mardom-e - Anhänger der ewigen Staatsreligion - keine Definition3
mosalmān, mellat-e mosalmān, mellat-e mā, - 1.P.Pl. in der Präambel
mellat-e mosalmān-e mā, ǧāmeʿe-ye nemūne- - Staatsvolk?
ye eslāmī (moqaddame1), mosalmānān (aṣl
142), hame-ye mosalmānān (3:16; 11)
- [Anhänger des] Zwölferschiitentums - Anhänger der ewigen offiziellen - nur deklaratorische Bedeutung zumessbar4
maẕhab-e ǧaʿfarī-ye es̱ nā ʿašarī (12) islamischen Religionsschule
- Anhänger anderer islamischer - werden vollumfänglich respektiert - keine „religiösen Minderheiten“5
Religionsschulen (inkl. Hanafiten, - dürfen religiöse Riten nach eigenen - unter den beispielhaft aufgezählten: 4 sunnitische, 1
Schafiiten, Malikiten, Hanbaliten, Zaiditen) Geboten ausüben schiitische (Gleichstellung Indiz für Durchsetzung
peyrovān-e … maẕāheb-e dīgar-e eslāmī, aʿm - haben „offiziellen Status“ bezgl. der Strömungen, die zu einer islamischen Ökumene
az ḥanafī, šāfeʿī, mālekī, ḥanbalī va zeydī (12) relig. Bildung und Erziehung, tendieren.6)
Personenstandsangeleg. (Heirat, - Art. 105: Grenze für lokale Räte: Gebote des Islams
Scheidung, Erbschaft, Testament) (gem. Art. 4, 12, 72 in der Interpretation der
und verbundenen offiziellen Rechtsschule)7
Rechtsstreitigkeiten vor Gerichten - keine „Religionsfreiheit“
- Bei Mehrheit in einer Region - was bedeutet „offizieller Status“ rasmiyat bzgl.

1
„Einleitung“/Präambel der Verfassung
2
Diese und alle folgenden Zahlen sind Nummern von Verfassungsartikeln. Nach einem Doppelpunkt stehende Zahlen sind der Absatz des Artikels.
3
Tellenbach, S. 142.
4
Tellenbach, S. 138-139.
5
jedoch bei Ebrāhīmiyān, S. 247.
6
Tellenbach, S. 140.
7
Moschtaghi, S. 120.
1
werden die im Rahmen der religiöser Bildung und Erziehung?
Befugnisse der lokalen Räte Religionsunterricht erlaubt?
stehenden Verordnungen nach - unklar, ob öffentliche Ritenausübung erlaubt und
Maßgabe der Rechtsschule erlassen, ob Auffassung iran. Juristen, Art. 12 schütze auch
unter Beibehaltung der Rechte öffentliche Rel.ausübung, die herrschende ist; iran.
anderer Rechtsschulen rechswiss. Lit. bleibt über Inhalt des Art. 12 im
Ungewissen8
- Scheidung richtet sich nach ScheidungsR9
- Iranische Zoroastrier, Juden und Christen - werden als einzige als religiöse - Klarstellung, dass keine anderen Religionen
īrāniyān-e zartoštī, kalīmī va maṣīḥī (13); Minderheiten anerkannt tanhā anerkannt werden10;
zartoštiyān, kalīmiyan, maṣīḥiyan-e āšūrī va aqaliyathā-ye dīnī šenāḫte mīšavand
kaldānī, maṣīḥiyan-e armanī-ye ǧonūb va (13)
šomāl (64) Verfassungsentwurf das Wort „nur“ tanhā
1979: fehlte11

- aktives und passives Wahlrecht - können nur Abgeordneten aus eigener Reihe
(64) wählen und nicht von Muslimen gewählt werden12
- maximale Abgeordnetenzahl13
- ihre Vereine sind frei(, solange - Nicht anerkannte religiöse Minderheiten dürfen
sie…) (26) keine Vereine gründen
- Nichtmuslime afrād-e qeyr-e mosalmān (14) - genießen Schutz ihrer - Heiraten und ähnliches können anerkannt werden14
menschlichen Rechte, solange sie
nicht gegen den Islam und die
Islamische Republik agieren
2. - das Volk mardom (15, 19, 58, 100, 114), - jedes Mitglied des Volkes - 20: nur formales Gleichheitsrecht: jeder hat

8
Moschtaghi, S. 125-126.
9
Ebrāhīmiyān, S. 253.
10
Tellenbach, S. 144.
11
Tellenbach, S. 17.
12
Tellenbach, S. 177.
13
Ebrāhīmiyān, S. 254.
14
Ebrāhīmiyān, S. 252.
2
Nationale hame-ye afrād-e mellat (20) gleichermaßen unter Schutz des Anspruch auf sein Recht gem. den
Gesetzes (20) zwölferschiitischen Regeln15
- alle menschlichen, politischen,
wirtschaftlichen, sozialen und
kulturellen Rechte unter
Berücksichtigung islamischer
Prinzipien (20)
- gemeinsame Sprache und Schrift: - Einschränkung auf Persisch im Verf.entwurf
Persisch, für offizielle Dokumente, lediglich für Bücher allg. Unterrichtsfächer und kein
Korrespondenzen, Texte und Hindernis für Bücher in anderen Sprachen16
Schulbücher (15) - staatliche Verpflichtung, Lehrmaterial und Lehrer
- Lehre der Literatur von lokalen und zum Unterricht der Minderheitensprachen zur
Stammessprachen an Schulen, neben Verfügung zu stellen, im Verf.entwurf mitgedacht17
dem Persischen, frei - Auslegung unter Berücksichtigung der
Verfassungs erlaubte „Gebrauch von Entstehungsgeschichte: Art. 15 erlaubt Unterricht in
örtlichen Sprachen in Minderheitensprachen und sieht entsprechende
entwurf
1979: staatliche Leistungspflichten vor; jedoch schwer aus
den Schulen“19
dem Wortlaut erschließbar18
- Iraner (tābeʿiyat-e kešvar-e īrān ḥaqq-e har) - (siehe genannte §§)
fard-e īrānī (ast.) (41)
- Iranische Staatsangehörige tābeʿiyat-e īrān
(42); tābeʿ-e īrān (115)
- Ausländer atbāʿ-e ḫāreǧe (42)
3. - Angehörige von Volksgruppen oder Stämmen - undabhängig davon gleiche Rechte - „Völk. Zugehörigkeit wird zu einem zwar
Ethnische (az har) qoum va qabīle (19) - „Hautfarbe, Rasse, Sprache und gegebenen, aber nicht selbständig Rechte
Verfassungsentwurf 1979: „Völkerschaften wie Perser, ähnliches begründen keine begründendem Faktum zurückgestuft, wofür

15
Tellenbach, S. 176.; Moschtaghi S. 119.
16
Moschtaghi, S. 127.
17
Moschtaghi, S. 128.
18
Moschtaghi, S. 129.
19
Tellenbach, S. 18.
3
Türken, Kurden, Araber, Privilegien.“ (19) ebenfalls das islamische Gebot zur Einheit und
Belutschen, Turkemen usw.“
(5)23 Gleichheit als Begründung angeführt wird.“20
- keine inhaltlichen Unterschiede zum Verf.entwurf21
- Religionszugehörigkeit kein den aufgezählten
Eigenschaften vergleichbares Kriterium22
- “Ursprungs”iraner īrānī al-aṣl (115) - Voraussetzung, um Präsident zu
werden
4. [Sprecher:] - Verfassungsentwurf erlaubte - Sprache ist hier kein Gruppenkriterium
Sprachliche - Persisch „Gebrauch von örtlichen Sprachen in - durch Aufhebung der Einschränkung auf die
- Lokale und Stammes-Sprachen der örtlichen Presse“24 örtliche Presse werden die lokalen und
- Verfassung erlaubt diese in der Stammessprachen aufgewertet
Presse und in den Massenmedien
5. - Frauen zan (moqaddame) - Frauen und Männer gleichermaßen - Frauen werden auch getrennt genannt, Männer nur
Biologische - Männer (zan va) mard (20) unter Schutz des Gesetzes und zusammen mit den Frauen
Inhaber aller menschlichen,
politischen, wirtschaftlichen,
sozialen und kulturellen Rechte
unter Berücksichtigung islamischer
Prinzipien (20)
6. - die Mehrheit von 98.2% der - (siehe genannte §§)
Quantitativ Wahlberechtigten aksariyat 98.2%-e kolliye-ye
e kesānī ke haqq-e raʾy dāštand (1)
- aks̱ ariyat-e qāṭeʿ-e mardom (107)
- alle hame (3:3), ʿāme-ye mardom (3:8), - (siehe genannte §§)
ʿomūm (3:14), hame-ye mardom (3:15), harkas

23
Tellenbach, S. 14.
20
Tellenbach, S. 175. Zitat Chomeinis dort: „“Manchmal wird das Wort 'Minoritäten' gebraucht, um sich auf Menschen wie Kurden, Luren, Türken, Perser, Balutschen und ähnliche
zu beziehen. Diese Menschen sollten nicht Minoritäten genannt werden, denn dieser Begriff setzt voraus, dass es zwischen diesen Brüdern Unterschiede gibt. Im Islam ist aber für
solche Unterschiede kein Raum. Es gibt keinen Unterschied zwischen Muslimen, die verschiedene Sprachen sprechen, wie z.B. Araber oder Perser.”
21
Moschtaghi, S. 118.
22
Moschtaghi, S. 118.
24
Tellenbach, S. 18.
4
(28)
- keiner hīčkas (23) - (siehe genannten §)
- Anhänger einer nichtoffiziellen - Bei Mehrheit in einer Region - Anerkennung der Tatsache, dass eine nichtoffizielle
Religionsschule mit der Mehrheit in einer werden die im Rahmen der Religionsschule in einer Region die Mehrheit bilden
Region dar har manṭaqeʾī ke peyrovān-e […] Befugnisse der lokalen Räte kann und dadurch gewisse Rechte beanspruchen
aks̱ ariyat dašte bāšand. (12) stehenden Verordnungen nach kann
- Anhänger anderer Religionsschulen in dieser Maßgabe der Rechtsschule erlassen,
Region bā ḥefẓ-e ḥoqūq-e peyrovān-e sāyer-e unter Beibehaltung der Rechte
maẕāheb (12) anderer Rechtsschulen
- Bewohner von Dorf, Ortschaft, Stadt, - Wahlrecht für den jeweiligen Rat
Provinzstadt, Provinz rūstā, baḫš, šahr,
šahrestān yā ostān … mardom-e hamān maḥal
(100)
7. nach - Gerechte und …kundige Rechtsgelehrte - Voraussetzung, um Mitglied des
gesellschaft foqahā-ye ʿādel va āgāh be moġtażiyāt-e Wächterrats zu werden
licher zamān va masāʾel-e rūz (91:1)
Position - Muslimische Juristen hoqūqdānān-e
mosalmān (91:2)
- „Vollkommene“ Moğtaheds (eǧtehād-e - Nach Art. 2 Abs. 6 a) darf der
mostamerr-e) foqahā-ye ğām'e al-sharāyet (2) eğtehād im staatlichen Bereich nur
von moğtahed-e ğām'e al- sharāyet
ausgeübt werden. Nach
ğafaritischem Recht kann nur ein
Schiit ein moğtahed-e ğām'e al-
sharāyet werden.25
- Führende religiöse und politische - Voraussetzung, um Präsident zu
Persönlichkeiten („Männer“) reǧāl-e maẕhabī werden
va siyāsī (115)

25
Moschtaghi, S. 413.
5
Sprache der Verfassung: Persisch, einzelne arabische Sätze und Ausdrücke

Offiziell rasmī:
Religion, Sprache und Schrift, Kalender, Flagge dīn, zabān va ḫaṭṭ, tārīḫ, parčam (15-18)

Quellen:
 Ebrāhīmiyān, Ḥoǧǧatallāh. Ḥoqūq-e ḫāṣṣ-e aqaliyathā-ye dīnī dar neẓām-e siyāsī-ye Ῑrān ba taʾkī bar qānūn-e asāsī. Faṣlnāme-ye ʿelmī-
pažūhešī-ye Moṭāleʿāt-e Enqelāb-e Eslāmī (Islamic Revolution Studies) 9/29, S. 243-266.
 Moschtaghi, Ramin S. Die menschenrechtliche Situation sunnitischer Kurden in der Islamischen Republik Iran : Probleme der Verwirklichung
der Menschenrechte in einer stark religiös geprägten Rechtsordnung im Spannungsfeld zwischen Völkerrecht, iranischem Verfassungsrecht
und schiitischem religiösem Recht. Heidelberg 2010.
 Tellenbach, Silvia. Untersuchungen zur Verfassung der Islamischen Republik Iran vom 15. November 1979. Berlin 1985.