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Razzia von Rotterdam

Die Razzia von Rotterdam am 10. und 11. November 1944 war die größte
Razzia, die die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs in den
Niederlanden durchführten. Dabei wurden rund 54.000 Männer zwischen 17 und
40 Jahren in Rotterdam und dessen Vorort Schiedam festgenommen und zur
Zwangsarbeit in den Osten der Niederlande und nach Deutschland deportiert.

Inhaltsverzeichnis Rotterdam nach der Bombardierung


1940
Hintergrund
„Aktion Rosenstock“
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise

Hintergrund
Schon vor der Razzia im November 1944 war Rotterdam, wie der Historiker Ben
Abführung der Männer am
A. Sijes 1951 schrieb, eine „geschundene Stadt“. Bei der Besetzung der
10. November 1944
Niederlande im Mai 1940 wurde sie am 10. Mai von der deutschen Luftwaffe
bombardiert. Dabei wurde das Stadtzentrum nahezu komplett zerstört, und rund
900 Menschen starben. Da die Hafenstadt eine wichtige strategische Rolle für
die deutschen Besatzer spielte, wurde die Stadt in den folgenden Jahren ebenfalls
21-mal von den Alliierten angegriffen. Dabei verloren 748 Menschen ihr Leben,
und nahezu 100.000 Rotterdamer wurden obdachlos.[1]

Vor 1944 waren schon rund 50.000 Rotterdamer zum Arbeitseinsatz in


Deutschland verpflichtet worden. Ab Juli 1942 wurden zudem rund 12.000
jüdische Menschen aus Rotterdam deportiert.[2] Die Bombardierungen, die
Deportationen, Erschießungen von Geiseln nach Sabotageakten des Widerstands,
die Abwesenheit vieler Männer und eine ständige Atmosphäre der Angst
zerstörten die sozialen Beziehungen in der Stadt, und die Innenstadt war
verwüstet: „Bei kräftigem Wind war es in der Stadt durch den aufgewirbelten
Staub kaum auszuhalten.“[2] Bis zum September 1944 war nahezu jeder noch in
Rotterdam verbliebene Mann mindestens einmal zum Arbeitseinsatz an der
Küste verpflichtet worden, um nach der Zerstörung der dortigen Ortschaften
Verteidigungsanlagen zu errichten. Die Niederländer nannten dies „Spitten voor Erinnerungstafel im Rathaus von
de moffen“ („Buddeln für die Moffen“).[3] Rotterdam
Am 4. September 1944 gab der niederländische Ministerpräsident Pieter Sjoerds Gerbrandy in Radio Oranje bekannt, dass die
Alliierten die niederländische Grenze erreicht hätten und die Stunde der Befreiung gekommen sei. Der Einmarsch, so die
Gerüchte, würde am Tag darauf erfolgen. Man rechnete mit der Einnahme Rotterdams am selben Tag sowie der von Utrecht und
von Amsterdam am 6. September; der Rest des Landes würde bald folgen. Es folgte der Dolle Dinsdag am 5. September, an dem
die Niederländer die vermeintlich bevorstehende Befreiung feierten und NSB-Mitglieder und Kollaborateure nach Deutschland
flohen.[4]

Am 17. September 1944 folgte der Angriff der englischen Luftlandetruppen in der Schlacht um Arnheim im Rahmen der
Operation Market Garden. Die Operation endete mit einem verlustreichen Rückzug der Alliierten. Gleichzeitig begannen die
deutschen Besatzer, den Hafen von Rotterdam in Teilen durch Sprengungen zu zerstören, damit dieser im Falle einer deutschen
Niederlage nicht – wie der Hafen von Antwerpen zuvor – den Alliierten in die Hände fallen und von diesen genutzt werden
könne.[5] Dabei verloren weitere 5000 Rotterdamer ihre Wohnungen.[6] Hinzu kam ein Streik der niederländischen Eisenbahner
im September 1944, um den alliierten Vormarsch indirekt zu unterstützen, der von den Besatzern mit einem Stopp von
Lebensmitteltransporten in die Niederlande beantwortet wurde, was schließlich den Hongerwinter 1944/45 zur Folge hatte.[7]

Gleichzeitig nahmen Aktionen von Widerstandsgruppen zu, die unter anderem Gefangene der Deutschen aus dem Gefängnis
befreiten, bei Überfällen Lebensmittelkarten erbeuteten, Namenslisten von Männern in Arbeidsbureaus zerstörten und
Kollaborateure töteten.[8] Die deutschen Besatzer wiederum legten Brände in einigen Stadtteilen von Rotterdam.[9] Während der
Süden der Niederlande bereits von den Alliierten befreit war, blieb Rotterdam weiterhin von den Deutschen besetzt, und die
dortigen Lebensumstände wurden „immer härter“.[10]

„Aktion Rosenstock“
Frühere Maßnahmen mit dem Ziel, dass sich Niederländer freiwillig zur Arbeit in Deutschland melden sollten, hatten nicht den
von den Deutschen gewünschten Erfolg gezeigt. Fritz Sauckel, der deutsche Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz,
bestimmte am 7. Mai 1942: „Dort jedoch, wo in besetzten Gebieten der Appell der Freiwilligkeit nicht ausreicht, müssen unter
allen Umständen Dienstverpflichtungen und Aushebungen vorgenommen werden. Es ist dies ein undiskutierbares Erfordernis
unserer Arbeitslage.“[11] In der Folge wurden niederländische Männer zunehmend zwangsverpflichtet, dem sich viele jedoch,
auch mit Unterstützung der mit Niederländern besetzten Behörden, entziehen konnten. Im August 1943 berichtete der SD, dass
bei einem erwünschten Soll von 34.000 Arbeitern erst 9000 Arbeiter verpflichtet werden konnten: „Die Zahl der Untergetauchten
wird in deutschen Fachkreisen auf rund 60.000 geschätzt“.[12]

Am 30. August 1944 ordnete Adolf Hitler in einem Erlass unter anderem an, zusätzliche Arbeitskräfte für die
„Verteidigungsbereitschaft“ des Westwalls „bereitzustellen“. Der Stabschef beim Oberbefehlshaber West, Siegfried Westphal,
berichtete am 2. November in einem Telegramm an Heinrich Himmler, dass es in den Niederlanden rund 600.000 wehrfähige
Männer gebe. Sie würden im Reich dringend als Arbeitskräfte gebraucht, und zudem sei zu befürchten, dass diese „uns binnen
Kürze als Feind gegenüberstehen“.[13] Der Plan war, nacheinander in den großen niederländischen Städten Rotterdam,
Amsterdam, Den Haag und Utrecht Razzien durchzuführen, um die wehrfähigen Männer aus dem militärisch bedrohten Westen
des Landes zu entfernen. Die Razzia in Rotterdam, wo rund 70.000 wehrfähige Männer lebten, sollte die erste sein, weil die Front
nur wenige Kilometer entfernt war.[14]

Von Berlin aus wurde ab dem 11. Oktober die Rotterdamer Razzia unter strenger Geheimhaltung vorbereitet. An einer
Besprechung am 15. Oktober nahmen unter anderen der Reichskommissar für die Niederlande Seyß-Inquart, der Reichsamtsleiter
für die Zwangsrekrutierung Hermann Liese, der Generalkommissar für das Sicherheitswesen Hanns Rauter und Admiral Gustav
Kleikamp teil. In weiteren Besprechungen wurde geplant, welche militärischen Kräfte an der Aktion beteiligt sein sollten. Liese
erhielt dazu eine Vollmacht von Goebbels, mit der er von Wehrmachtbefehlshaber Friedrich Christiansen alle Soldaten anfordern
konnte, die er für die Durchführung der Razzia benötigte.[15]
Am Abend des 9. November 1944 wurden 8000 deutsche Soldaten unter dem Codenamen Aktion Rosenstock in Rotterdam
zusammengezogen, darunter Angehörige der 5. Fallschirmjäger-Division. Sie besetzten alle wichtigen Brücken und Plätze, der
Telefonverkehr wurde unterbrochen, und die Straßenbahnen fuhren nicht mehr. In einigen Teilen der Stadt wurde folgender
Aushang gemacht:

„Auf Befehl der Deutschen Wehrmacht


müssen sich alle Männer im Alter zwischen
17 und 40 Jahren für den Arbeitseinsatz
anmelden. Dazu müssen sich alle Männer
dieses Alters unmittelbar nach Empfang
dieses Befehl mit der vorgeschriebenen
Ausrüstung auf die Straße stellen. Alle
anderen Bewohner, auch Frauen und
Kinder, müssen in den Häusern bleiben, bis
diese Aktion beendet ist. Die Männer der
genannten Jahrgänge, die bei einer
Hausdurchsuchung im Haus angetroffen
werden, werden bestraft, indem auf ihren
Privatbesitz zugegriffen wird. Nachweise
von Freistellungen von zivilen oder militärischen Behörden müssen zur Kontrolle beigebracht werden. Auch
solche, die solche Nachweise haben, sind verpflichtet, sich auf die Straße zu begeben. Es muss mitgebracht
werden: warme Kleidung, feste Schuhe, Decken, Regenschutz, Essgerät, Messer, Gabel, Löffel, Trinkbecher
und Butterbrote für einen Tag. Mitgebrachte Fahrräder bleiben Eigentum des Besitzers. Die tägliche
Vergütung besteht aus guter Kost, Tabakwaren und fünf Gulden. Für die zurückgebliebenen
Familienangehörigen wird gesorgt. Es ist allen Einwohner der Gemeinde verboten, ihren Wohnsitz zu
verlassen. Auf jene, die versuchen zu fliehen oder Widerstand leisten, wird geschossen.“

Die Razzia wurde ab 5 Uhr morgens am 10. November Straße für Straße und
Haus für Haus durchgeführt, so dass eine Flucht kaum möglich war. Die Männer
wurden an mehreren Orten in der Stadt versammelt, darunter im Stadion
Feijenoord. In Schiedam wurden die Männer auf dem zentralen Koemarkt
zusammengeführt, von wo sie nach Rotterdam geleitet wurden. Rund 20.000
Männer mussten zu Fuß Richtung Utrecht marschieren, 20.000 wurden mit
großen Rheinschiffen abtransportiert und weitere 10.000 mit der Eisenbahn.[16]
Diese Zahlen umfassten rund 80 Prozent der Männer, auf die der Befehl zutraf.
Liese berichtete nach Berlin, die Rotterdamer Bevölkerung habe „ruhig und
gefasst“, einige sogar mit „einer gewissen Befriedigung“ reagiert:
„Wahrscheinlich waren diese Leute froh, dass sie einige Esser losgeworden sind
[…].“[17] Auf dem Bahnhof von Haarlem gelang es noch einigen Männern, mit
Hilfe der dortigen Einwohner zu fliehen. Zumindest ein Rotterdamer wurde als
Plan der Absperrung der Stadt sowie
Warnung für die anderen erschossen. Auch in Weesp wurden fünf Männer
der Orte, wo die Männer versammelt
getötet, die versucht hatten, zu entkommen.[18] wurden

Rund 10.000 der abgeführten Männer kamen zum Arbeitseinsatz in den Osten
der Niederlande, der Rest wurde nach Deutschland transportiert, vor allem ins Ruhrgebiet und in Orte entlang des Rheins. Dort
wurden die Männer in Barackenlagern untergebracht; rund ein Drittel von ihnen konnte im Laufe der folgenden Monate
entkommen. Insgesamt kamen in Deutschland zwischen 24.000 und 29.000 niederländische Zwangsarbeiter ums Leben, darunter
410 aus Rotterdam.[19] Nach ihrer Rückkehr aus deutscher Gefangenschaft litten viele Männer noch jahrelang an den
gesundheitlichen Folgen von Lageraufenthalt und schwerer Zwangsarbeit, viele von ihnen hatten Tuberkulose oder waren schwer
traumatisiert.[20]

Diese Razzia war die letzte umfassende Operation der Deutschen in den Niederlanden. Die Anzahl der in den folgenden Städten,
einschließlich Delft, festgenommenen Männer war begrenzt, weil die Bevölkerung von der Razzia in Rotterdam gehört hatte und
sich viele Männer rechtzeitig verstecken konnten. Damit missglückte wenige Monate vor Kriegsende der Plan der deutschen
Besatzer, alle noch in den Städten anwesenden niederländischen Männer nach Deutschland zu transportieren.

Literatur
Daniel Barnouw: Die Niederlande im Zweiten Weltkrieg. Eine Einführung. agenda, Münster 2010, ISBN 978-3-
89688-427-5.
Dagmar Gutheil: … dass man wünschte, es wäre alles vorbei … Spuren des Zweiten Weltkriegs in Düsseldorf-
Pempelfort. Eine Dokumentation. Klartext, Essen 2018, ISBN 978-3-8375-2042-2.
Albert Oosthoek: De Rotterdamse arbeidsinzet 1940–1945. Aspekt, Soesterberg 2009, ISBN 978-90-5911-825-6.
Albert Oosthoek: Rotterdamer Arbeiter in Kassel 1940–1945. In: Rimco Spanjer/Diete Oudesluijs/Johan Meijer
(Hrsg.): Zur Arbeit gezwungen. Zwangsarbeit in Deutschland 1940–1945. Edition Temmen, Bremen 1999, ISBN
3-86108-735-8(?!), S. 209–216.
Lourens Reedijk: De Rotterdamse Razzia van 1944. Dagboek van een Scholier. Uitgeverij L. J. Veen,
Amsterdam u. a. 1999, ISBN 90-204-5878-7.
Ben A. Sijes: De razzia van Rotterdam 10–11 november 1944 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ben_Sije
s_-_De_Razzia_van_Rotterdam_10-11_november_1944_-_Rijksinstituut_voor_Oorlogsdocumentatie_-_%27s_G
ravenhage_1951.pdf). Hrsg.: Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie. Sijthoff, Amsterdam 1951.
Friso Wielenga: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert. Waxmann, Münster 2008, ISBN
978-3-8309-1844-8.

Weblinks
Commons: Razzia von Rotterdam (https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Razzia_of_Ro
tterdam?uselang=de) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Het project Reis van de Razzia. (http://stichtingreisvanderazzia.nl/?page_id=47) stichtingreisvanderazzia.nl, 10.
November 1944 (niederländisch).
De Razzia van Rotterdam. (https://www.niod.nl/nl/de-razzia-van-rotterdam/razzia-rotterdam) niod.nl
(niederländisch).
Heenreis – de Razzia van Rotterdam. (http://www.derazziavanrotterdam.nl/heenreis/) derazziavanrotterdam.nl
(niederländisch).
Documentaire Razzia 1944 (https://www.youtube.com/watch?v=jjb1pG2zrFE) auf YouTube, vom 10. November
2016, Dokumentarfilm von Tonko Dop.

Einzelnachweise
1. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 27.
2. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 29.
3. Wielenga, Die Niederlande, S. 221; Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 33.
4. Wielenga, Die Niederlande, S. 234 f.
5. Wielenga, Die Niederlande, S. 238 f.
6. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 34 f.
7. Harald Fühner: Die Geschichte der Niederlande 1940–1945. (https://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/nl-wis
sen/geschichte/besatzung/index.html) Abgerufen am 2. September 2019.
8. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 35 f.
9. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 37.
10. Barnouw, Die Niederlande im Zweiten Weltkrieg, S. 93 f.
11. Dokument 3352-PS abgedruckt bei IMT: Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher..., fotomech.
Nachdruck München 1989, Bd. 32, ISBN 3-7735-2524-9, S. 202.
12. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 48.
13. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 250.
14. Razzia van Rotterdam (1944). (https://www.stadsarchief.rotterdam.nl/razzia-van-rotterdam-1944) In: Stadsarchief
Rotterdam. Abgerufen am 3. September 2019 (niederländisch).
15. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 63.
16. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 10.
17. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 257.
18. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 187.
19. Albert Oosthoek: De Rotterdamse arbeidsinzet 1940–1945. Aspekt, Soesterberg 2009, ISBN 978-90-5911-825-6,
S. 116–117.
20. Sijes, De razzia van Rotterdam, S. 213.

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Diese Seite wurde zuletzt am 10. November 2019 um 18:07 Uhr bearbeitet.

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