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Apfelbeere (Aronia melanocarpa)

23

23.1 Einführung

lateinisch Aronia melanocarpa (Michx.) Elliott


deutsch Aronia, Apfelbeere
englisch black chokeberry
russisch râbina čërnoplodnaâ, aroniâ

Die Apfelbeere (Aronia1 melanocarpa2 ) gehört zu den Wildfruchtgehölzen mit großer


Heilwirkung. Sie gilt als herausragendes Volksheilmittel, das besonders den Zellschutz
verbessert und entzündungshemmende Eigenschaften besitzt. Als Obstart ist sie historisch
sehr jung, da ein nennenswerter Anbau erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte. Vorher
war die Apfelbeere im Wesentlichen als Ziergehölz bekannt.
Es gibt kaum Angaben über Produktionsflächen in der Welt. In den 70er- und 80er-Jah-
ren des 20. Jahrhunderts wurden in der damaligen UdSSR zwischen 5000 und 18.000 ha
kultiviert. Der Anbau breitete sich Richtung Westen aus, sodass Produktionsflächen in
Polen, der Tschechoslowakei, in Bulgarien und in der DDR entstanden. Die gesamte An-
baufläche für Aronia in Deutschland umfasste im Jahr 2015 395 ha (AMI Markt Bilanz
Obst 2016).

1
Gr. aronia für eine Art Mispel, das Wort gehört sicher zu gr. aria für ein Strauch.
2
Gr. melanokarpos für mit schwarzen Früchten, zu melas, melano- und karpos für Frucht.

© Springer-Verlag GmbH Germany 2017 413


M.-V. Hanke und H. Flachowsky, Obstzüchtung und wissenschaftliche Grundlagen,
DOI 10.1007/978-3-662-54085-5_23

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23.2 Botanische Beschreibung

Die Gattung Aronia gehört zur Subtribus Malinae in der Unterfamilie Amygdaloidae in-
nerhalb der Rosaceae (Box 23.1).3 Die Apfelbeere Aronia melanocarpa und die Filzige
Apfelbeere A. arbutifolia4 sind die Kulturarten in der Gattung Aronia. Die Art A. pruni-
folia5 wird als eigene Art beschrieben und ist eine natürliche Hybride aus A. arbutifo-
lia × A. melanocarpa. Aronia-Arten hybridisieren auch leicht mit der Gattung Sorbus.
So wird angenommen, dass die Art A. mitschurinii6 eine Hybride aus Sorbaronia fallax7
(Sorbus aucuparia × A. melanocarpa) × A. melanocarpa oder A. prunifolia ist. In der
Gattung Sorbaronia gibt es neben Sorbaronia fallax auch weitere Gattungshybriden, z. B.
Sorbaronia dippelii (Sorbus aria × A. melanocarpa) und Sorbaronia sorbifolia (Sorbus
americana × A. melanocarpa).

Box 23.1 Botanische Zuordnung der Gattung Aronia

Familie Rosaceae
Unterfamilie Amygdaloideae
Tribus Maleae
Subtribus Malinae
Gattung Aronia Medik.

Eine botanische Beschreibung der Apfelbeere ist in Tab. 23.1 dargestellt.

3
GRIN – Germplasm Resources Information Network, https://npgsweb.ars-grin.gov/gringlobal/
taxonomygenus.aspx?id=13463 (Stand 16.7.2016).
4
Lat. arbutus für Erdbeerbaum und folius für blättrig.
5
Lat. prunifolia für pflaumenblättrig.
6
Nach Mičurin, I. V. (1855–1935), russ. Botaniker und Pflanzenzüchter.
7
Lat. fallax für täuschend.

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23.3 Herkunft und Domestikation 415

Tab. 23.1 Beschreibung der Apfelbeere


Merkmal Beschreibung
Natürliche Ver- Östliches Nordamerika
breitung
Vorkommen An feuchten und sauren Standorten, auf Moorböden, an Küstenstreifen und
Flussufern, auf Sanddünen, an Straßenrändern, in Wäldern, aber auch in der
offenen Landschaft. Die Vermehrung erfolgt über Wurzelausläufer
Pflanze Sommergrüner, vielstämmiger Strauch, bis zu 3 m hoch; mit spitzen weinro-
ten Winterknospen, dornenlos
Blatt Elliptisch bis verkehrt eiförmig, kurz zugespitzt, ähnliche Form wie bei
Apfel, in Wildtypen schmaler, leuchtend rote Herbstfärbung
Blüte Blüten (10–20) in Schirmrispen, zwittrig, fünfzählig; Kronblätter sind frei
und weiß bis blass rosa, Staubblätter sind purpurfarbig und behaart, meist
20, an der Basis verwachsen. Die Blütezeit ist etwa ein bis zwei Wochen vor
dem Apfel (in Deutschland Mitte April)
Frucht Die Fruchtgröße ist vergleichbar mit Sorbus, Fruchtfarbe rot oder schwarz,
apfelförmig, mit Kerngehäuse
Reproduktions- Apomiktisch bei der Kulturform, bei der Wildform kommen Apomixis und
biologie Fremdbefruchtung gleichermaßen vor; Insektenbestäubung
Ploidie 2 n = 2 x = 34, (2 n = 4 x = 68), tetraploide Formen kommen sowohl in A. me-
lanocarpa wie auch in A. arbutifolia vor. A. mitschurinii wird ebenfalls als
tetraploid beschrieben
Genomgröße Der DNA-Gehalt je Zelle beträgt bei A. arbutifolia 2,57 pg im diploiden
(2C) Kern. Die geschätzte Genomgröße liegt damit bei etwa 1240 Mbp im
haploiden Kern
Bedeutung Reich an Anthocyanen, mit höchstem Gehalt zur Erntereife

23.3 Herkunft und Domestikation

Apfelbeeren sind im östlichen Nordamerika indigen verbreitet und wurden durch die
Indianer als Zusatz in luftgetrocknetem Dauerproviant, der aus Fleisch und Früchten be-
stand, genutzt. Die Apfelbeere A. melanocarpa wurde nach Europa eingeführt und zu-
nächst in botanischen Gärten kultiviert. Aus Deutschland gelangten Samen nach Russland
und vor ungefähr 100 Jahren begann man in Russland mit der Entwicklung der Apfel-
beere zur Kulturpflanze. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts kreuzte der russische
Züchter I. V. Mičurin die Apfelbeere mit Vertretern der Gattungen Sorbus und Mespi-
lus. Ziel war die Entwicklung winterharter, süßer Ebereschen und von Fruchtarten für die
heimische Obstverwertung.
Die obstbauliche Nutzung der Apfelbeere begann in der ehemaligen Sowjetunion. Im
Jahr 1935 legte M. A. Lisavenko eine Versuchsanlage mit Aronia in Gorno-Altajsk im
Altaj an. Weil dabei gute Erfahrungen mit dieser Wildobstart gemacht wurden, wurde die
Apfelbeere 1946 erstmals in der ehemaligen Sowjetunion als Obstart anerkannt und für
den Anbau empfohlen. In den folgenden Jahren verbreitete sich der Anbau von Sibirien

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aus über das gesamte Gebiet der Sowjetunion. Das dabei verwendete Pflanzenmaterial
ging im Wesentlichen auf den gleichen Ursprung zurück, sodass die genetische Basis bei
den kultivierten Formen extrem eingeschränkt ist.
Aufgrund der spezifischen Eigenschaften der in der Sowjetunion und in Nordeura-
sien weit verbreiteten Form der Apfelbeere, schien es gerechtfertigt 1982 eine eigene
botanische Art zu kreieren: A. mitschurinii. Damit sollte auch eine Abgrenzung zu der
nordamerikanischen Stammart A. melanocarpa gerechtfertigt werden. Die Entstehung der
Art A. mitschurinii geht offenbar auf Mičurin zurück, der die Ursprungsart über mehre-
re Kreuzungsgenerationen hinweg züchterisch bearbeitete. Diese Art weist im Vergleich
zur diploiden Art A. melanocarpa besondere Eigenschaften auf. Sie ist tetraploid, hat ei-
ne sehr hohe genotypische Stabilität der morphologischen Merkmale vegetativer Organe,
größere Infloreszenzen, schwerere saftige Früchte mit rundlicher, besonders oben abge-
flachter Form und stets matter Färbung und ist besonders frosthart. Es wird vermutet, dass
diese Aronia-Kulturform durch wiederholte Kreuzung, auch unter Nutzung entfernter Hy-
bridisierung, entstanden ist, wobei es zur Polyploidisierung kam, die mit dem Auftreten
von Apomixis verbunden war.
Wegen ihrer medizinisch wertvollen Inhaltsstoffe wird die Apfelbeere heute in Ost-
europa, Deutschland, Finnland, Schweden und Norwegen angebaut. Der Anbau gilt als
neuartige und aussichtsreiche Spezialisierung innerhalb des Obstbaus (Janick und Paull
2008, S. 622–623; Friedrich und Schuricht 1989, S. 14–24).

23.4 Nutzung und Heilwirkung

Die Früchte der Apfelbeere sind leicht süß-säuerlich mit einem herben, z. T. sehr adstrin-
gierenden Geschmack. Mit den anderen Beerenobstarten können sie geschmacklich nicht
konkurrieren. Aufgrund der hervorragenden Winterhärte wurde diese Pflanze jedoch ins-
besondere für kalte Anbaugebiete interessant, wo andere Beerenobstarten nicht überleben.
Weitere Vorteile für diese Kultur sind deren einfache Pflege und Ernte. Die Fruchtfestig-
keit erlaubt es, dass die Beeren maschinell geerntet werden können. Darüber hinaus sind
bislang in Europa keine Krankheiten etabliert, die den Anbau ernsthaft gefährden kön-
nen. Die Apfelbeere gewann in den letzten Jahren als gesundes Nahrungsmittel große
Bedeutung. Die Beeren sind reich an Anthocyanen und können daher als Grundlage für
die kommerzielle Anthocyanproduktion, als natürlicher Farbstoff und als gesundheitsför-
derndes Lebensmittel genutzt werden. Der Rohsaft enthält bis zu 2000 mg Anthocyane je
Liter. Die Hauptkomponenten sind Cyanidin-3-Galactosid und Cyanidin-3-Arabinosid.

23.5 Züchtungspotenzial

Die aus der ehemaligen UdSSR stammenden Sorten sind tetraploid und unterscheiden
sich deutlich von der ursprünglichen Stammform A. melanocarpa, was auf Art- oder Gat-

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23.5 Züchtungspotenzial 417

tungshybridisierungen schließen lässt. Andererseits ist bekannt, dass die ursprünglichen


russischen Kulturformen der Apfelbeere apomiktisch über Samen vermehrt worden sind
und daher im Prinzip einen einzigen Klon darstellen. Genetische Variabilität kommt nicht
vor.
In Europa werden großfrüchtige Klone als Sorten unter unterschiedlichen Namen ver-
marktet, z. B. ‘Viking’ aus Finnland, ‘Aron’ aus Dänemark, ‘Nero’ (aus Russland stam-
mend, wahrscheinlich eher Aronia prunifolia zuzuordnen). Diese Sorten sind einander
sehr ähnlich und stammen daher offenbar von den russischen Kulturformen ab. Es kom-
men jedoch auch geringe Variationen vor, die wahrscheinlich auf somatische Mutationen
zurückzuführen sind. In den letzten 100 Jahren wurde im Prinzip kein Fortschritt bei die-
ser Kulturpflanze durch Züchtung erreicht, obwohl es auch Sorten aus Kreuzungen gibt,
z. B. die ungarische Sorte ‘Rubina’ (Kreuzung aus ‘Viking’ mit einer russischen Sorte).
Einige Sorten, wie ‘Burka’ und ‘Titan’ aus Russland sowie ‘Stewart’ und ‘Appleberry’
aus Kanada, wurden durch intergenerische Hybridisierung zwischen Aronia und Sorbus
erhalten. Obwohl diese Hybridsämlinge schwachwüchsig und von geringer Qualität sind,
können Rückkreuzungen mit Aronia nach zwei bis drei Generation einen Fortschritt in der
genetischen Variabilität bringen (Janick und Paull 2008, S. 622–623).
Die derzeit am häufigsten angebaute Sorte ‘Nero’ ist von den genannten Sorten am
ertragreichsten (Abb. 23.1). Sie ist spätreifend und hat ein Fruchtgewicht von 1–1,5 g.
Diese Sorte kam über Tschechien in die ehemalige DDR und soll aus der Sowjetunion
stammen. In der sowjetischen Fachliteratur wird sie jedoch nicht erwähnt (Friedrich und
Schuricht 1989, S. 14–24).

Abb. 23.1 Früchte der Sorte


‘Nero’

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Für eine künftige Weiterentwicklung der Aronia-Züchtung wäre es sinnvoll, genetische


Ressourcen der wirtschaftlich genutzten sowie nah verwandten Arten zu erschließen, zu
evaluieren und damit einer möglichen Nutzung zuzuführen. Anschließend sollten Kreu-
zungsprogramme zur gezielten Erweiterung der genetischen Basis durchgeführt werden.
Es ist zu erwarten, dass eine Erweiterung der genetischen Diversität mittelfristig auch zu
einem Zuchtfortschritt führen wird. So wäre z. B. mithilfe von interspezifischer Hybridi-
sierung eine Ausdehnung der Reife- und damit der Erntezeit über vier bis fünf Monate
möglich. In den USA reift A. melanocarpa zwischen Anfang Juli und Ende August,
A. prunifolia zwischen Mitte August und Ende September und A. arbutifolia zwischen
Anfang Oktober und Mitte November. Auch ein Zuwachs in der Fruchtgröße ist durch-
aus denkbar. Erste Evaluierungen von genetischen Ressourcen zeigen Unterschiede in der
Fruchtgröße zwischen 5 g und > 25 g. Neben ersten Markersystemen (RAPD, ISSR und
AFLP) sind auch Methoden zur Polyploidisierung durch Colchicin-Behandlung etabliert.

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