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Das Deutsche Hugenotten-Museum

An der Einmündung der Diemel in die Weser gründete Landgraf Karl von Hessen
1699 das nach ihm benannte Karlshafen. Die Stadt wurde angelegt, um französische
Glaubensflüchtlinge zu beherbergen. Sie sollten helfen, die Wirtschaft des Landes
voran zu bringen.
Der älteste Binnenhafen Deutschlands mit Zugang zum Meer (über die Weser) und
zum Rhein (über die Diemel und einen zu bauenden Kanal) waren ehrgeizige Projekte,
die sich nicht verwirklichen ließen. Es fehlten entsprechende technische Kenntnisse
und vor allem Kapital.
So wäre die neu angelegte Stadt beinahe zu einem Fehlschlag geworden, wenn sich
nicht eine andere Perspektive ergeben hätte:

Der hugenottische Arzt und Apotheker Jean Galland aus Veynes in Südfrankreich
entdeckte nahe der Weser eine Solequelle. Sie wurde zunächst zur Salzherstellung
ausgebeutet. Dann entstanden Kuranlagen und vor wenigen Jahren eine moderne
Therme, die Besucher von fern und nah anlockt. Karlshafen wurde zu Bad Karlsha-
fen.
Diese hugenottische Stadt mit weiteren sieben hugenottischen Dorfgründungen im
näheren Umkreis war ideal geeignet für die Gründung eines Museums. Es sollte an
die Schicksale der Einwanderer erinnern und ihren täglichen Kampf ums Überleben
in der neuen Heimat sichtbar machen. Auch die heutige Flüchtlingsproblematik
sollte nicht ausgeklammert werden.

So entstand zunächst ein kleines Museum, das 1980 nahe der Weser in einem alten
Packhaus einquartiert wurde. Schon bald waren die Räumlichkeiten dort zu klein,
weil viele Besucher die gezeigten Exponate sehen wollten. Deshalb erfolgte 1989 die
Verlegung des Museums in die Räume der ehemaligen Baurmeisterschen Tabakfabrik
in einem Karree in der Nähe des Hafens.

In drei Etagen steht jetzt genügend Raum für die sich ständig erweiternde
Ausstellung zur Verfügung. Die zahlreichen Besucher aus dem In- und Ausland
können anschaulich und sachgerecht in die Geschichte der Hugenotten eingeführt
werden.
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In der ersten Museumsetage geht es um die Geschichte der Hugenotten in ihrer
französischen Heimat.
Im zweiten Stock wird ihre Ansiedlung und Entwicklung in Deutschland gezeigt.
Räume für Sonderaustellungen stehen im Erdgeschoss und in der ersten Etage zur
Verfügung.
Inzwischen wurde das Museum um eine Abteilung erweitert, die den Waldensern
gewidmet ist, den hugenottischen Bergbauern, die aus den Waldensertälern Piemonts
ins deutsche Refuge kamen.

In den Jahren 2008 bis 2010 konnte die Inneneinrichtung des Museums, insbesondere
die erklärenden Tafeln erneuert werden. Den deutschen Beschriftungen wurden eng-
lische Texte beigefügt. Eine Audioführung in Französisch komplettiert das Angebot
für unsere Gäste aus dem Ausland. Ein Führer in englischer und französischer Sprache
soll demnächst erscheinen.

Wir hoffen, dass unser Museum erfreut, aber auch zum Nachdenken anregt über
Menschen, denen Ihre Überzeugungen und ihr Glaube so wichtig waren, dass sie
ihre Heimat verließen, um als Glaubensflüchtlinge in anderen Ländern Zuflucht zu
suchen.

Jochen Desel

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Wer waren die Hugenotten
Wer waren die Hugenotten? Als Hugenotten wurden in Frankreich vom 16. bis zum
18. Jahrhundert die Anhänger der Lehre Calvins, die französischen Protestanten, be-
zeichnet. Die Herkunft des Namens ist unklar.

Der erste Gebrauch des Namens Hugenotte ist 1536 in Genf nachgewiesen
(anguenotz, eiguenotz). Wahrscheinlich ist das für einen Franzosen schwer auszu-
sprechende Wort von dem deutschen Begriff Eidgenossen abzuleiten. Die Anhänger
Calvins verbündeten sich mit den Eidgenossen in Bern und Zürich zu einer Allianz
der Protestanten gegen die Altgläubigen. Die Bezeichnung kam nach Frankreich und
traf dort auf einen Schimpfnamen Hugenott. Er wurde im Gebiet um Tours an der
Loire um 1560 den Calvinisten beigelegt, nachdem sie bei der Verschwörung von Am-
boise die Katholiken überfallen hatten. Protestantische Schriften aus dieser Zeit be-
schuldigten die Herzöge von Guise, den Schimpfnamen erfunden zu haben.

Ankunft der Hugenotten in


Potsdam,
Farblithographie von Carl
Röhling, aus „Die Hohenzollern“,
um 1890

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Hugenottenkreuz von Godet,
Berlin, ca. 1930

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Zu der Namensgebung mag beigetragen haben, dass in Tours eine Sage vom fran-
zösischen König Hugo Capet umging: Nachts sei er als Gespenst nahe dem Hugo-
Tor durch die Straßen gegangen.
Wie er seien die Protestanten lichtscheue Elemente, die sich nur nachts ver-
sammelten, um als kleine Hugos, als Hugenotten Anschläge und Verschwörungen
gegen die Staatsmacht und die katholischen Kirchenvertreter zu planen.

Das Hugenottenkreuz
Das Kreuz in seiner heutigen Form geht zurück auf das mittelalterliche Malteserkreuz
und den Ordre du Saint-Esprit (Orden vom Heiligen Geist) König Heinrichs des III.
Im Unterschied zu diesem Orden, der die Taube im Zentrum des Kreuzes zeigt, hat
das Hugenottenkreuz eine herabhängende Taube als Sinnbild für den heiligen Geist.

In gestalterischen Variationen des Hugenottenkreuzes findet man aber auch anstelle


der Taube eine anhängende Träne als Zeichen der Leiden der verfolgten Kirche oder
eine kleine Keule (trissou, pilon), die den Glaubenskampf symbolisiert. Zwischen den
Kreuzesarmen werden Lilien erkennbar. Sie stehen für das Wappen der französischen
Könige und sind Ausdruck der konfliktreichen Königstreue der Hugenotten. Die acht
kleinen Kreise an den Enden der Kreuzesarme symbolisieren die acht Seligpreisungen
der Bergpredigt Jesu.
Über die Entstehung des Hugenottenkreuzes berichtet erstmalig der Prior von Bernis,
Abbé Valette, in seiner Schrift „Der Aufruhr in den Cevennen“. Danach hat der Gold-
schmied Maystre in Nîmes um 1688 das Kreuz entworfen und hergestellt. Es fand
schnelle Verbreitung in der Stadt und ihrem Umfeld. Es wurde nach seiner geogra-
phischen Herkunft auch Kreuz von Languedoc genannt.

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Karte der Tälder der Waldenser,
von Romein de Hooghe

Die Waldenser
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Um 1173 sammelte der reiche Lyoner Kaufmann Waldes (Petrus Waldus) gleich
gesinnte Christen. Diese wurden später Waldenser genannt. Die Waldenser sollten
ein gemeinsames Leben nach dem Evangelium führen.
Ihre Leitsätze waren:
– Freiwillige Armut („Arme von Lyon“),
– Bibelstudium und Verbreitung des Evangeliums durch Laienprediger,
– Ablehnung der Heiligenverehrung, des Ablasses, des Eides und
der Todesstrafe.
Auf dem Konzil von Verona im Jahr 1184 traf die Waldenser der päpstliche Bann.
Sie wurden danach in ganz Europa als Ketzer verfolgt.
Trotzdem zogen die Waldenserprediger als Hausierer getarnt durch Europa bis nach
Pommern und warben für ihre Sache.
Im 15. Jahrhundert versteckte sich die Mehrzahl der Waldenser in den cottischen
Alpen, dem unwegsamen Grenzland zwischen Frankreich und Italien.
Auf der Synode von Chanforan schlossen sich die Waldenser 1532 der Genfer Refor-
mation Jean Calvins an. Danach wurden sie erneut verfolgt.

Der Beginn der Reformation in Frankreich


Der deutsche Reformator Martin Luther (1483 – 1546) beeinflusste zwischen 1520 und
1540 die kirchenkritische Entwicklung in Frankreich. Luthers Publikationen gelangten
in die Hände der gelehrten Humanisten und Theo-logen, die eine innere Reform der
katholischen Kirche Frankreichs anstrebten. Die dortigen reformwilligen Kräfte
wurden als lutheriens oder bibliens bezeichnet und von der katholischen Hierarchie
bekämpft.
Trotz der Widerstände und Verfolgungen entstanden nach 1530 reformierte
Gemeinden vor allem im Süden Frankreichs. Sie orientierten sich in Theologie und
Gemeindeaufbau an Jean Calvin (1509 – 1564). Er wurde zum einflussreichsten
Vertreter der zweiten Reformatoren-Generation für ganz Europa. Anders als Luther
war er zunächst kein studierter Theologe, sondern Jurist und Philologe.
1533/34 brach Calvin mit der katholischen Kirche in Frankreich und verließ seine
Heimat, um im Exil seine Studien fortzusetzen.
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1536 rief der aus Gap in Südfrankreich stammende Prediger Guillaume Farel (1489 –
1565) den durchreisenden Calvin in den Stadtstaat Genf, um dort die neue Lehre zum
Sieg zu führen. Das scheiterte zunächst am Widerstand der Genfer Bevölkerung und
der Stadtregierung. Calvin und Farel mussten Genf verlassen, wurden jedoch vom
Stadtrat 1541 zurückgeholt. In den folgenden Jahren gelang es Calvin, die reformato-
rische Lehre gegen die noch immer bestehenden erheblichen Widerstände der Alt-
eingesessenen einzuführen. Er erreichte sein Ziel mit der Unterstützung der
zahlreichen französischen Flüchtlinge, die nach Genf kamen.

Die Grundzüge der Lehre Calvins sind:


– Gott und nicht dem Menschen gebühren Ruhm und Ehre,
– Heil und Verdammnis sind dem Menschen von Gott vorbestimmt
(Prädestination),
– Kirchenzucht mit strengen Sittengeboten dient der Ehre Gottes
und dem Aufbau der Gemeinde,
– in Anlehnung an die Bibel werden in den Kirchen Gottes- und
Heiligenbilder verboten.

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Calvin

Reformation
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Die reformierte Kirchenordnung von 1559
Noch zu Lebzeiten Calvins schlossen sich die reformierten Christen in Frankreich zu
Gemeinden zusammen, die sich in Synodalverbänden auf Provinz- und Landesebene
organisierten. Auf der ersten Nationalsynode 1559 in Paris verabschiedeten die Sy-
nodalen ein Glaubensbekenntnis (confesssio gallicana) und gaben sie sich eine Kir-
chenordnung (discipline écclesiatique).
Im Unterschied zu den hierarchisch gegliederten lutherischen Landeskirchen wurde
die reformierte Kirchenordnung auf synodal-presbyterialer Grundlage geschaffen.
Ein wesentliches Strukturmerkmal ist deshalb die Beteiligung von Laien.
Den Mittelpunkt jeder Kirchengemeinde bildet das consistoire (Presbyterium). Die
einzelnen Presbyterien münden in ein System von Synoden (Kirchenversammlungen).

Das consistoire ist zuständig für die religiös-kirchliche Selbstverwaltung:


– anciens (Älteste) leiten die Gemeinde,
– diacres (Diakone) sind zuständig für die Kranken- und Armenfürsorge,
– prédicants (Prediger) übernehmen Wortverkündigung, Sakraments-
verwaltung und Seelsorge.

Neben dem regelmäßigen Kirchgang und der Teilnahme am Abendmahl wird auch
der Lebenswandel des Einzelnen überwacht.

Der Psalmengesang
Als zeitweiliger Pfarrer der französischen Flüchtlingsgemeinde in Straßburg erkannte
Calvin die Bedeutung des Kirchengesangs für den Gottesdienst. Im Unterschied zum
sangesfreudigen Luther bestand der musikalisch ungebildete Calvin auf dem ein-
stimmigen Singen gereimter Psalmen aus dem Alten Testament (gesungene Gebete).
Mehrstimmiges Singen und nichtbiblische Lieder blieben in der reformierten Kirche
verboten.
Calvin schuf 1539 in Straßburg das erste reformierte Psalmenbuch in französischer
Sprache mit 18 Psalmen-Nachdichtungen. Der vollständige Genfer Psalter mit 150
Psalmen von Clément Marot und Théodore de Bèze erschien im Jahre 1562.
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Spanische Niederlande

Paris
Herzogtum
Lothringen

Königreich
Frankreich

Franche Comté

Verbreitung der Reformation in Frankreich


im 16. Jahrhundert
La Rochelle Lyon
Herzogtum
In den deutschen Territorien wurde die Reformation Savoyen
häufig durch die Landesherren gefördert.
Im Gegensatz dazu konnte sich die reformatorische
Bewegung in Frankreich nur gegen den Widerstand
der französischen Könige ausbreiten.

In Frankreich entstanden evangelische Gemeinden


vor allem im Süden des Landes. Der Übertritt eines
bedeutenden Teils des Hochadels zu den Huge-
notten ließ sehr schnell die konfessionelle in eine
machtpolitische Auseinandersetzung umschlagen.
Sie gefährdete den Zusammenhalt des Staates.
Nîmes

Gebiete mit einer Häufung reformierter Gemeinden

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Der Psalmengesang wurde zu einem wesentlichen Bestandteil des calvinistischen
Gottesdienstes in Frankreich und in den Ländern des Refuge. Die Psalmen dienten
darüber hinaus auch der privaten Erbauung. Im 18. Jahrhundert kamen zu den
Psalmen in Angleichung an die deutsche Tradition auch neu gedichtete und kom-
ponierte Lieder (cantiques) in die hugenottischen Gesangbücher.

Frontispiz aus einem Berliner


Psalmbuch von 1740 mit einem
allegorischen Kupferstich zum
Refùge der Hugenotten

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Die Hugenottenkriege 1562 – 1593

Durch acht Religionskriege wurde Frankreich in der zwei-


ten Hälfte des 16. Jahrhunderts in zwei Machtblöcke ge-
teilt. Der Mehrheitspartei der Katholiken stand die stärker
werdende Minderheit der Protestanten entgegen.
England, die Kurpfalz und Hessen gaben den
Reformierten in Frankreich militärische Unterstützung.
Als hugenottische Führerpersönlichkeiten traten Herzog
Louis de Condé (1530 – 1569) und Admiral Gaspard de Co-
ligny (1519 – 1572) hervor.
Im katholischen Lager übernahmen die lothringischen
Herzöge von Guise die Führung. Sie wurden von der ka-
tholischen Kirche und den Spaniern unterstützt.
Durch den ständigen Wechsel von Sieg und Niederlage,
von Toleranzedikten und Terrormaßnahmen, führten die
Kriege zu einer Eskalation der Gewalt. Am Ende der Kriege
war ein wirklicher Friede nicht erreicht worden.

Die Bartholomäusnacht

Die Bartholomäusnacht (Pariser Bluthochzeit) in der


Nacht vom 23. auf den 24. August 1572 brachte einen
schweren Rückschlag für die Hugenotten.
Die Hochzeit Ihres Anführers Heinrich von Navarra (der Heinrich IV
spätere König Heinrich IV. von Frankreich) mit Margarethe
von Valois, der Schwester des französischen Königs Karl
IX. am 23. August 1572, sollte die Versöhnung zwischen
den Reformierten und den Katholiken besiegeln.
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Das Gegenteil war der Fall: Die katholischen Herzöge von Guise mobilisierten den
Mob der Hauptstadt gegen die reformierten Hochzeitsgäste in Paris, um die
reformierte Partei endgültig zu zerschlagen. Sie fanden Unterstützung bei den
katholischen Spaniern. Die Beteiligung der Königinmutter Catharina Medici an den
Vorbereitungen des Pogroms der Bartholomäusnacht ist umstritten. Der Hugenot-
tenführer Admiral Coligny wurde zusammen mit vielen anderen Hugenotten
umgebracht. Dem Morden in Paris folgten hasserfüllte Massaker in vielen Städten
Frankreichs.
Die Protestanten in den Nachbarländern Europas nahmen entsetzten Anteil an den
schrecklichen Geschehnissen in Frankreich und sympathisierten mit den Hugenot-
ten.

Heinrich IV., König von Frankreich und das Edikt von Nantes

In den Jahren nach dem Pogrom der Bartholomäusnacht wurden die Kämpfe der
Katholiken gegen die Hugenotten mit unverminderter Härte fortgesetzt.
Auf dem französischen Thron folgte nach dem Tod des schwachen Königs Karl IX. im
Jahre 1574 Heinrich III. Als Feldherr des Heeres der katholischen Partei hatte er 1567
die Schlachten von Jarnac und Montcontour gegen die Hugenotten gewonnen. Unter
seiner Herrschaft als König von Frankreich wurden die Kämpfe fortgesetzt.
Am 2. August 1589 erstach der Dominikanermönch Jacques Clément den König und
setzte der kurzen Regierungszeit Heinrichs III. ein jähes Ende.

Heinrich III. erkannte noch auf seinem Sterbebett seinen Schwager Heinrich von Na-
varra als Thronfolger an, obwohl dieser Hugenotte war. Aber auch Spanien, Bünd-
nispartner der katholischen Liga in Frankreich, erhob Anspruch auf die französische
Krone. Es kam zu einem Kampf um die französische Thronfolge. Um die feindliche
Haltung der katholischen Seite gegen ihn zu überwinden, trat Heinrich von Navarra
im Jahre 1593 zum Katholizismus über (Paris ist eine Messe wert) und wurde 1594 in
Chartres zum König von Frankreich gekrönt.
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Bartholomäusnacht)

Erst nachdem Heinrich IV. den fortdauernden katholischen Widerstand gegen sein
Königtum in Provinzen und Städten gebrochen hatte, konnte er 1598 das Edikt von
Nantes erlassen Es sollte unwiderruflich gelten und die Einheit des französischen
Königreichs sicherstellen. Entgegen landläufiger Meinung diente das Edikt nicht nur
protestantischen Interessen. Es sollte zunächst zur Wiederherstellung des angeschla-
genen Katholizismus in Frankreich beitragen. Es war aber auch mit einer
Begünstigung der Hugenotten verbunden. Die 92 Artikel sicherten den Hugenotten
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Gewissensfreiheit zu und gestatteten die Ausübung reformierter Gottesdienste in
den Kirchen, wo sie bis 1597 gefeiert worden waren. Darüber hinaus erhielten die
Reformierten Zugang zu öffentlichen Ämtern, zu Schulen, Universitäten und Kran-
kenhäusern. Als weiteres Zugeständnis bekamen sie über einen Zeitraum von acht
Jahren etwa 150 Sicherheitsplätze, deren Gouverneure Reformierte waren und deren
Garnisonen auf Kosten des Staates unterhalten wurden.
Heinrich IV. nutzte seine Regierungszeit mit Straßen- und Kanalbauten zur Verbes-
serung der Infrastruktur seines Landes. Er förderte die Landwirtschaft und das Ent-
stehen neuer Manufakturen. Das Volk liebte ihn als den guten König. Das hinderte
den ehemaligen Mönch und Lehrer François Ravaillac nicht daran, am 14. Mai 1610
Heinrich IV. in der engen Rue de la Ferronnerie in Paris zu ermorden. Der
Königsmörder wurde gefasst, gevierteilt und sein Leichnam verbrannt.

Jan Luiken: Edikt von Nantes

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Hogenberg, Ausschnitt:
Ermordung Heinrich IV

Die Waldenser im Herzogtum Savoyen

Die auf französischem Gebiet lebenden Waldenser integrierten sich in die reformierte
Kirche von Frankreich. Dagegen bildeten die Waldenser in Piemont, das zum
Herzogtum Savoyen gehörte, eigene evangelische Gemeinden nach dem Genfer
Modell. Sie bekämpften erfolgreich die Truppen des savoyischen Herzogs Emanuel
Philibert . Dieser war durch den Vertrag von Cavour (1561) gezwungen, evangelische
Gottesdienste in den so genannten Waldensertälern zu erlauben. Trotzdem wurden
die Waldenser weiter verfolgt. Nur die Solidarität des protestantischen Europas
rettete sie vor der Ausrottung.
1686 verbot Herzog Viktor Amadeus II. von Savoyen auf Drängen Ludwigs XIV. die
weitere Ausübung des reformierten Glaubens. Der Widerstand der Waldenser wurde
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brutal zerschlagen. Etwa 2.500 Überlebende der Massaker wurden in die Schweiz
verbannt. Bei der Glorreichen Rückkehr kehrten 1689 etwa 1.000 Waldenser unter
Henri Arnaud in ihre Heimattäler zurück.
Auf das erneute Drängen Ludwigs XIV. ließ Viktor Amadeus II. im Jahr 1698 die fran-
zösischen Waldenser endgültig ausweisen. Etwa 3.000 von ihnen gingen über die
Schweiz nach Württemberg und Hessen. Die Waldenser, die in den Tälern gebliebenen
waren, lebten fortan wie in einem Ghetto. Als arme Bergbauern trugen sie eine
schlichte Tracht und verwendeten einfache Geräte zur Bearbeitung der kargen Böden.
Erst in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden sie von englischen
Reisenden wieder entdeckt.
Das Patent des italienischen Königs Karl Albert vom 17. Februar 1848 gewährte den
Waldensern in Piemont endlich volle bürgerliche Rechte.

Karte der Waldensertäler

Bild 14 b: Klöppelkissen aus dem


Queyras

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Die Beckwith-Schulen der Waldenser

Die Waldenser, die nach der Vertreibung 1698 in den sa-


voyischen Tälern gebliebenen waren, erlebten schwere
Zeiten und wurden immer mutloser. Erst zu Beginn des
19. Jahrhunderts brachte der englische Offizier Charles
Beckwith (1789 – 1862) neue Hoffnung. Nach seiner Ver-
letzung im Kampf gegen Napoleon auf dem Schlachtfeld
von Waterloo fand der General mit dem Holzbein eine
neue Lebensaufgabe in den Waldensertälern. Wie viele
andere Engländer fühlte er sich mit den freiheitslieben-
den Waldensern besonders verbunden.

Im Jahr 1828 zog Beckwith nach Torre Pellice. Dort heira- Kirche und Schule der
tete er eine Waldenserin. Beckwith setzte sich in seiner Waldenser
neuen Heimat für ein Bildungsideal ein, das allen Wal-
denserkindern Chancen zur Lebensbewältigung eröffnen
sollte. Er förderte konsequent ihre schulische Ausbildung.

Mit englischen Hilfsgeldern ließ er solide gebaute Schul-


gebäude errichten und diese mit Lehrern und Lehrmate-
rialien ausstatteten. 1848 gab es in den Waldensertälern
bereits 169 Beckwith-Schulen, in denen ein Bild des
Generals an seine besonderen Leistungen für das Schul-
wesen der Waldenser erinnerte.

Schon vor Beckwith war der Genfer Pfarrer Felix Neff (1797
– 1829) als Apostel der Alpen in die Täler gekommen. Dort
hatte er durch seine Predigt die Kirche der Waldenser er-
neuert und ihre Gemeinwesen geistig reformiert.

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Kirche und Schule der Bernard Palissy – Keramiker und Schriftsteller
Waldenser
Bernard Palissy (geb. 1510 in Lacapelle-Biron bei Agen, gest. in Paris 1590) erlernte die
Glasmalerei und ging nach altem europäischem Handwerksbrauch auf die Wander-
schaft in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland. Ab 1539 war er in Saintes
in Südwestfrankreich ansässig. Später hatte er in Paris eine Keramik-Werkstatt.
Vorbild seiner Arbeiten wurde die deutsche Hafnerware.
Die Skala seiner Farben bestand aus Kupfergrün, Kobaltblau, dem violetten Mangan
und Gelb. Durch Mischung gewann Palissy blaugraue und braungraue Töne.
Charakteristisch für Palissy sind die jaspierten (marmorierten) Farbflächen auf den
Rückseiten und Rändern seiner Gefäße. Palissys Arbeiten sind nicht signiert.
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Sein Werk kann in drei Gruppen unterteilt werden:
– Gefäße mit biblischen und mythologischen Darstellungen,
– Gefäße mit aufgelegten Eidechsen, Schlangen,
Fröschen und anderem Getier,
– Keramik- und Terracotta-Plastiken für Parks und Gärten.

Bis ins 19. Jahrhundert gab es Keramiker, die nach seinem Vor-
bild arbeiteten. Deshalb kann man von einer Palissy-Schule
sprechen. Palissy war Hugenotte, der sich auch schriftstelle-
risch betätigte. Vor den Verfolgungen der Hugenotten wur-
de er zunächst durch seinen Gönner, Herzog von Anne de
Montmorency, geschützt. 1589 wurde Palissy wegen seines
reformierten Glaubens verhaftet und starb als Märtyrer 1590
in der Pariser Bastille.
Seine Pariser Werkstatt wurde 1985 beim Bau der Glaspyramide
vor dem Louvre wieder entdeckt.

Palissy, Taufe Jesu und Caritas

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Edikt von Fontainebleau

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Ludwig XIV.

Ludwig XIV.
und das Edikt von Fontainbleau

Nach der Ermordung Heinrich IV. folgte ihm 1610 sein Sohn Ludwig III. (1601 – 1643)
auf dem französischen Thron. Er war ein entschiedener Gegner der Hugenotten.
Unter der Leitung seines Premierministers Kardinal Richelieu ließ er die Seefestung
der Hugenotten La Rochelle 1628 belagern und aushungern. Mit diesem Sieg der ka-
tholischen Partei war die militärische Macht der Hugenotten endgültig gebrochen.

Nach dem Amtsantritt Ludwig XIV. (1661) verschärften sich die Maßnahmen gegen
die Hugenotten. Der absolutistische Monarch strebte neben der politischen auch die
religiöse Einheit des Staates an (l’état c’est moi – der Staat bin ich).

Einer allmählichen Entrechtung der Protestanten folgten ab 1679 offene Verfolgungen.


Dragoner des Königs besetzten die Häuser der Hugenotten, um sie zwangsweise zu
katholisieren.
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Nach einer Reihe von Unterdrückungsmaßnahmen hob Ludwig XIV. am 18. Oktober
1685 mit dem Edikt von Fontainebleau das Edikt von Nantes auf, das sein Großvater
Heinrich IV. erlassen hatte. Er wollte damit den Protestantismus in Frankreich für
immer auslöschen.
Zwölf kurze Paragraphen besiegelten das Schicksal der reformierten Kirche und ihrer
Anhänger. Die wesentlichen Maßnahmen waren:

– alle protestantischen Kirchen sollten sofort zerstört werden,


– private Gottesdienste wurden verboten,
– die Hugenotten wurden zwangsweise rekatholisiert und ihre Kinder
katholisch erzogen,
– alle Geistlichen, die nicht zum Katholizismus übertreten wollten,
sollten das Land innerhalb von 14 Tagen verlassen,
– ihre Kinder, die älter als sieben Jahre sind, mussten zurückbleiben,
– die Auswanderung der hugenottischen Gemeindemitglieder wurde verboten.

Cevennenstube

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Gottesdienst in der Wüste

Die Verfolgung der Hugenotten nach 1685


Nach der Verkündigung des Ediktes von Fontainebleau waren die Hugenotten in
Frankreich rechtlos. Die Flucht ins Ausland wurde mit Androhung der Galeerenstrafe
für Männer und Gefängnishaft für Frauen verboten. Kinder wurden umerzogen. Viele
verließen trotz aller Drohungen das Land.
Die im Land verbliebenen Hugenotten wurden katholisch oder organisierten Wider-
stand in der Kirche der Wüste. So bezeichneten sich die Gläubigen der im Ver-
borgenen organisierten französisch-reformierten Kirche zwischen 1685 und dem
Toleranzedikt von 1787.
Die Gemeinden versammelten sich während dieser Zeit heimlich, meist nachts, an
abseits gelegenen Orten, im Wald und in Steinbrüchen. Dort hielten sie ihre Gottes-
dienste, tauften Kinder und feierten das Die Hugenottin schlechthin, das ist für viele
Marie Durand, die unbeugsame Glaubenskämpferin im Turm von Aigues Mortes in
der Camargue. Gertrud von Le Fort hat ihr in der Novelle Der Turm der Beständigkeit
ein literarisches Denkmal gesetzt.
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Versteckspiegel

Marie Durand, die Hugenottin im Widerstand


Marie Durand kam am 15. Juli 1711 in dem Weiler Bouchet der Gemeinde Pranles bei
Privas im südfranzösischen Vivarais zur Welt. Der Vater Etienne Durand schrieb sein
Bekenntnis in den Stein des Hauskamins: Loué soit Dieu – Gott sei gelobt.
Der Bruder Pierre Durand starb als hugenottischer Märtyrer am 22. April 1732 in Mont-
pellier. Marie Durand hat der Tod des Bruders tief bewegt und in ihrer Widerstands-
haltung gestärkt, als sie 19-jährig wenige Wochen nach ihrer Eheschließung mit
Mathieu Serres auf Grund eines königlichen lettre de cachet vom 28. Juli 1730 in ihrem
Elternhaus verhaftet wurde. Sie hat den Ehemann nie wieder gesehen.
Die hugenottische Bekennerin kam in das Frauengefängnis in den Turm von Aigues
Mortes. Marie Durand verbrachte im Turm der Beständigkeit die folgenden 38 Jahre
ihres Lebens. Ein Wort der Abschwörung hätte ihre sofortige Entlassung bewirkt,
aber sie blieb dem reformierten Glauben treu. Zusammen mit 20 bis 40 Frauen lebte
sie auf engem Raum hinter meterdicken Mauern im Dämmerlicht. Dazu wurden die
Frauen besonders in den Wintermonaten von Kälte und Feuchtigkeit gequält.
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Kinder wurden im Gefängnisturm geboren, Krankheiten und Nervenzusammen-
brüche waren an der Tagesordnung. Marie Durand hat sich unermüdlich für ihre
Mitgefangenen eingesetzt.

In diesem Kampf ums Überleben soll sie mit einer Schere das eine Wort reçister
in den harten Stein des Turmes eingeritzt haben, ein leidenschaftlicher Aufruf zu
passivem Widerstand. Dabei beließ es Marie Durand aber nicht. Sie schrieb Briefe
aus dem Gefängnis, mit denen sie versuchte, Unterstützung zu mobilisieren.
Diese Hilferufe blieben nicht ungehört. Es trafen Sendungen der Christen aus England
und den Niederlanden bei den Frauen ein und der reformierte Prediger Paul Rabaut
(1718 – 1794) wurde zum unermüdlichen Fürsprecher der Inhaftierten.
Lebenserhaltend für Marie Durand erwies sich ihre ständige Sorge um kranke Mit-
gefangene und für ihre Nichte Anne, die Tochter ihres geliebten Märtyrerbruders
Pierre Durand. Marie sah es als ihre Aufgabe an, der Witwe des Bruders und vor
allem der Nichte vom Gefängnis aus beizustehen und ihnen Mut zu machen und
fand dadurch selber neuen Lebenswillen. Im Turm von Aigues Mortes war Marie Du-
rand der gute Geist der Gefangenen.

Resister

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Im Laufe der Jahre wurde es für die französische Regierung in Paris immer
schwieriger, die geforderte Freilassung für die Frauen zu verweigern, die sich keiner
Verbrechen schuldig gemacht hatten. 1741 setzte sich der Preußenkönig Friedrich der
Große bei dem damaligen französischen Außenminister Amelot de Chaillon für die
Gefangenen im Turm der Beständigkeit ein und forderte vergeblich ihre Entlassung
aus der Dauerhaft.

1766 wurde der tolerant eingestellte Prinz Charles-Juste


von Beauvau zum Militärgouverneur im Languedoc er-
nannt. Der überzeugte Katholik veranlasste gegen den
Willen des Pariser Ministers Saint-Florentin die Freilas-
sung einiger Frauen. Der neue Geist der Toleranz sorgte
dafür, dass sich der Turm von Aigues Mortes auch ohne
Widerruf der Gefangenen öffnete.

Nach 37 Jahren und 8 Monaten Haft schlug für Marie


Durand am 14. April 1768 die Stunde der Freiheit. Weil
sie zum Laufen zu schwach war, brachte ein Wagen
sie in ihr Heimatdorf Le Bouchet-de-Pranles im Vivarais
zurück. Dort verbrachte sie ihren Lebensabend in der
Hausgemeinschaft mit ihrer ebenfalls entlassenen Mit-
gefangenen Marie Vey-Goutet und dem frei gekomme-
nen Galeerensträfling Alexander Chambon. Sie starb
nach einigen ruhigen Jahren in den ersten Julitagen
des Jahres 1776.
Heute ist in ihrem Geburtshaus ein kleines protestan-
tisches Museum und in Bad Karlshafen eine Schule, die
ihren Namen trägt.

Marie Durand In der neueren französischen Geschichte ist die tapfere protestantische Frau zu einem
Symbol des Widerstands geworden. Ihr "resister" gab der französischen Resistance
im 2. Weltkrieg den Namen und mobilisierte Protestanten in den Cevennen zum
Schutz und der Verteidigung von Juden vor den Nazis.

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Die Flucht der Hugenotten
Mit der Aufhebung des Edikts von Nantes im Oktober 1685 durch Ludwig XIV. verloren
die französischen Protestanten alle bürgerlichen Rechte. Die reformierten Pfarrer
hatten innerhalb von 14 Tagen das Land zu verlassen, die Gemeindeglieder sollten
katholisch werden. Von ca. 800.000 Hugenotten in Frankreich versuchten ca. 200.000
zu fliehen.

Die Réfugiés (so wurden die Flüchtlinge genannt) schlossen sich in der Regel in Feldflasche
Brigaden von 80 bis 150 Personen zusammen. Ein Brigadeführer, der conducteur,
leitete sie. Die Hugenotten flohen bei Nacht, da es ihnen verboten war, Frankreich
zu verlassen. Am Tage hielten sie sich versteckt – immer mit der Angst, entdeckt und
verraten zu werden.

Einige Flüchtlingsbrigaden erreichten schon 1686 ihre neue Heimat, andere


erst nach mehrjährigem Zwischenaufenthalt in der Pfalz oder in der
Schweiz. Rheinschiffe brachten die Flüchtlinge von Basel nach
Gernsheim in Hessen. Viele zogen nach Frankfurt am Main,
der Drehscheibe des Refuge, und von dort weiter in die
Zielorte. Kirchengemeinden unterstützten die Durch-
reisenden in Frankfurt und in anderen Städten.

Die Flüchtlinge hatten alles verloren: ihre Heimat,


ihre Häuser, Ländereien und Vieh, ihre Möbel und
Arbeitsgeräte. Viele Alte und Kinder starben an den
Strapazen der Flucht.
Wer sich ins Refuge retten konnte, den erwartete eine
ungewisse Zukunft.

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Flucht der Hugenotten von
Jan Luiken

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Das Verlangen, das ich hatte, Babylon [gemeint ist Metz] zu entgehen, um Gott in
Gegenden anrufen zu können, wo ihm in Freiheit gedient wird, hat mich veranlasst,
das Wagnis zu unternehmen, mit meinen Gefährtinnen [Fräulein du Clos und Fräu-
lein Coulés aus Metz], die den gleichen Entschluss gefasst hatten, das Königreich
ungeachtet der Verbote des Königs zu verlassen.
Die Flucht
Wir hatten kaum vier Meilen hinter uns gebracht, da hielt uns ein Trupp Reiter in
einem Dorf namens Courcelles an. Sie misshandelten uns und waren dann so der Marie Dubois
unmenschlich, uns auszuziehen und uns das bisschen Kleiderputz, das wir retten
aus Metz
wollten, zu stehlen. Durch diesen Verlust sind wir sie los geworden.
nach Kassel
Einige Zeit danach, als die Dragoner immer grausamer wurden, beratschlagten wir
noch mal, um eine Gelegenheit zu finden, ihrer Tyrannei zu entgehen. Es gab aber
damals kein Mittel, zu entkommen; denn alle Wege waren zu sorgfältig bewacht.
Aber hier ist, was wir uns ausdachten: Ein Fuhrmann, dem wir eine reichliche Beloh-
nung versprachen, wenn er uns aus der Gefahr brächte, willigte ein, wie ältere
Mädchen und mich in ein Fass zu stecken, das er in Stoff einpackte. Es gab nur eine
kleine Öffnung, durch die wir Luft holen konnten.

Ungeachtet der Unbequemlichkeit einer solchen Fuhre gab Gott uns Kräfte, drei
Tage und drei Nächte in diesem beklagenswerten Zustand zu verbleiben.
Es waren nur noch vier Stunden Weg bis zur Rettung, als der elende Fuhrmann den
Generalmarsch in der Garnison Homburg schlagen hörte, beim Lärm der Trommler
arg erschrak und meinte, dass die Dragoner hinter ihm her wären. Was wir auch
unternahmen, ihn zu ermutigen, unsere Bitten und unsere Tränen nützten nichts,
er schirrte eins seiner Pferde ab, riss aus und gab uns den Bauern preis.

Wir krochen eine nach der anderen aus dem elenden Fass, gingen los, uns in einen
Wald zu stürzen, wo wir von Bauern aufgegriffen wurden, die so grausam waren,
uns vor den Gouverneur von Homburg, Herrn de la Bretesche zu führen, der uns mit
einer Eskorte von 25 Dragonern nach Metz zurückschickte.
Gleich nach unserer Ankunft steckte man uns alle drei in getrennte Gefängnisse, wo
man uns nach zwei Monaten auf Befehl des Königs dazu verurteilte, geschoren zu
werden und auf Lebenszeit ins Kloster zu kommen. Ich wurde in das Ursulinerinnen-
Kloster gebracht, wo ich zehn Monate blieb …
33
In der Nacht vom 17. August 1687, nachdem ich mich Gott ganz besonders anbe-
fohlen hatte, fasste ich den Entschluss, durch die Kammer zu gehen, wo zehn
Pensionärinnen mich bewachten. Ich fand sie schlafend und wagte es, leise ihre Tür
zu öffnen. Von da musste ich durch ein Fenster, das zum Hof ging; jedoch hielten
die Gitterstäbe mich einige Zeit auf. Einen davon feilte ich durch, und der andere
zerbrach unter meinen Händen, als ich mit aller Gewalt daran zog. Daraus schloss
ich, dass Gott mein Vorhaben unterstützte. Als dieses Hindernis beseitigt war,
sprang ich aus diesem Fenster hinaus, das ziemlich hoch war, ohne mir weh zu tun,
bei entsetzlichem Donner und Regenwetter. Hierauf stieg ich in einem Hof hinab
und von da in einen Garten, dessen Tür mit einem Vorhängeschloss versehen war,
das ich leicht abreißen konnte; es war nicht sehr groß. Ich fand dort ein Stück
Leinwand, das zum Bleichen ausgebreitet war. Das diente mir dazu, mich damit
zu umgürten und sacht eine sehr hohe Mauer hinab gleiten zu lassen, an deren
Fuß die Mosel fließt. Ich stieg in diesen Fluss, der mir bis zum Hals reichte, und bei
geringerer Größe wäre ich wahrscheinlich darin ertrunken.
Nachdem ich ihn glücklich durchquert hatte, ging ich aufs Geratewohl zu guten
Glaubensgenossen, die mich in christlicher Liebe aufnahmen.

In ihrem Fluchtbericht erzählt Marie du Bois weiter, wie sie von Dragonern verfolgt
wurde, sich als Bauer verkleidete und mit einem Führer Charleville erreichte. Sie
entkam luxemburgischen Häschern und gelangte nach Lüttich und weiter nach
Maastricht. Von da zog sie nach Kassel. Sie starb 82-jährig als Witwe des Majors Jean
Blaise de Durfort am 27. Februar 1749 im französischen Hospital zu Berlin.

(Desel-Mogk, Wege in eine neue Heimat, S. 24 – 26).

Karte rechte Seite:


Fluchtwege der Hugenotten

34
Göteborg

nach Stockholm

Schweden nach St. Petersburg

Dänemark
Königsberg
Edinburgh Kopenhagen

Danzig

Irland Lübeck Stettin


Hamburg
Dublin
Liverpool Polen
Emden Hl. röm. Reich
Bremen
deutscher Berlin
Nation
England Magdeburg
Amsterdam
Halle
Rotterdam Wesel
Leipzig
Kassel Dresden
Southampton London Spanische
Niederlande Köln
Plymouth
Brüssel Prag
Calais
A Frankfurt am Main
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nach Amerika C LOTHRINGEN Straßburg


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Bordeaux Fluchtwege der Hugenotten
A S COG N
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GU Montauban Nîmes
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Chemins du Refuge Huguenot
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Fluchtwege der Hugenotten
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A am Ende des 17. Jahrhunderts


NG
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Bilbao
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Frankreich vor 1648


Korsika
SI L LON
RO U Französische Staatsgrenze

Hauptgebiete der Hugenotten


Spanien Barcelona
während der Religionskriege in
der Zeit von 1562 bis 1598

Sardinien

35
Bild 27: Der große Kurfürst empfängt Hugenotten in Potsdam, Ölbild von Fischer-
Cörlin

Die Aufnahme der Hugenotten im


deutschen Refuge
Die Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes 1685 hatte unter den Protestanten in
Frankreich eine Fluchtwelle ausgelöst, die Wirtschaft und Finanzsystem im Staat
Ludwigs XIV: empfindlich schwächte, die Zufluchtsländer jedoch stärkte. Neben
England und den Niederlanden gewährten einige reformierte und lutherische
deutsche Landesfürsten den Hugenotten Zuflucht. Ihr Motiv war dabei nicht nur
christliche Nächstenliebe.
Die Landesherren erhofften sich durch die Aufnahme der Hugenotten einen wirt-
schaftlichen Aufschwung. Auch sollten die Glaubensflüchtlinge Gebiete, die im 30-
jährigen Krieg verwüstet worden waren, neu besiedeln. Als Anreiz versprachen die
Landesherren den Einwanderern zahlreiche Privilegien.
Den Hugenotten wurden Steuererleichterungen und Zunftfreiheit sowie eine eigene
Koloniegerichtsbarkeit zugesagt. Sie sollten materielle und finanzielle Unterstützung
beim Bau von Manufakturen, Häusern und Kirchen bekommen. Den Bauern wurden
Ackerland und Wiesen in Aussicht gestellt. In Kirche und Schule durfte französisch
gesprochen werden.
Das für die Glaubensflüchtlinge wichtigste Zugeständnis war die freie Religionsaus-
übung mit Predigern ihrer Wahl.

Zur Anwerbung der Hugenotten wurden Flugblätter mit den Privilegien in Frankreich
eingeschleust. Agenten reisten in die Durchzugsgebiete der Flüchtlinge und warben
um Kaufleute, Manufakturisten und Handwerker vor allem aus der Tuch-, Leder- und
Strumpffabrikation.

Die Hoffnungen der Landesherren erfüllten sich nicht überall. Es kamen zwar gut
ausgebildete Fachkräfte nach Deutschland, ein großer Teil der Flüchtlinge stammte
aber aus der mittellosen französischen Landbevölkerung.

36
Bild: Sänfte

Eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme
für Hugenotten
Die Taxifahrer der deutschen Hauptstadt Berlin führen ihren Beruf auf den der Sänf-
tenträger zurück.
Nach einem alten Wörterbuch ist eine Sänfte ein umschlossener bequemer Tragstuhl.
Solche Tragstühle mit zwei Stangen wurden als öffentliches Verkehrsmittel vom
Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg im Jahr 1688 in Berlin ein-
geführt.

Dabei handelte es sich um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für hugenottische


Glaubensflüchtlinge. Für 24 aus Frankreich geflüchtete mittellose Hugenotten waren
die zunächst vorgesehenen 12 privilegierten Sänften gedacht, die sie mit zahlungs-
kräftigen Kunden durch Berlins Straßen tragen sollten.
Jede Sänfte wurde von zwei Exulanten getragen, die mit dieser Arbeit ihr Brot
verdienen und von schädlichem Müßiggang abgehalten werden können. Die fest-
gelegten Preise von 4 Groschen für eine Stunde und 20 Groschen für die Nutzung
der Sänfte für eine ganzen Tag sollte auch die Unterhaltung der Sänften durch die
Träger abdecken. Trinkgeld durfte nicht genommen werden. Die Träger hatten sich
an die vorgeschriebene Taxe zu halten.
Wahrscheinlich ist aus dem Wort Taxe später die Bezeichnung Taxi abgeleitet worden.
Der Stand für die Berliner Sänften war unter dem Schlossportal gegenüber der Breiten
Straße (Muret). Dort hatten die Träger sich vom Morgen bis zum Abend für
Kundschaft bereit zu halten. Waren sie mit Kunden unterwegs, hatten Passanten in
den Straßen nach Zuruf vor der Sänfte auszuweichen.
In den ersten Jahren hatte kein geringerer als der Erbauer der Französischen Fried-
richstadtkirche, der Ingenieur Jean Cayart, die Aufsicht über das für die Réfugiés ein-
gerichtete Unternehmen.

37
Bild 28: Zehntkarte Mariendorf (wie Tafel)

Die Hugenottenkolonien
Die Glaubensflüchtlinge lebten in ihrer neuen Heimat in Kolonien. Flüchtlingskom-
missare wiesen die Ankommenden in dünn besiedelte Städte oder Dörfer ein, wie
zum Beispiel in Brandenburg. In Hessen-Kassel wurden neue Orte an der Stelle von
mittelalterlichen Wüstungen gegründet.
Die einzige städtische Neugründung war Sieburg (seit 1717 Karlshafen genannt) an
der Weser.
Außerdem entstanden neue Stadtteile: in Berlin Friedrichstadt, Dorotheenstadt und
Friedrichswerder, in Franken die Neustadt Christian-Erlang und in Hessen die Kasseler
Oberneustadt. Alle diese Siedlungen waren geplant und erhielten eine regelmäßige
architektonische Struktur.
Die ländlichen Kolonien in Hessen-Kassel wurden als Straßendörfer oder in Kreuzform
angelegt. Siedlungsplaner teilten die Wirtschaftsflächen in gleich große Portionen
auf und verlosten sie unter den ankommenden Familien. Zu einer Portion gehörten
ein Gebäude, drei bis fünf Hektar Land und Huterechte in den Wäldern.
Die hugenottischen Einwanderer hatten kein leichtes Leben. Die Privilegien führten
zu – teilweise gewalttätigen – Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Fran-
zosen, denn die einheimische Bevölkerung fühlte sich gegenüber den Neubürgern
benachteiligt. Handwerker fürchteten die Hugenotten als Konkurrenz, und Bauern
neideten ihnen das Land.
In den ländlichen Kolonien fehlte es zudem an Werkzeugen, Ackergeräten und
Zugvieh. Der Boden war meist schlecht, und einige Kolonien litten unter
Wassermangel. Manche Siedler lebten jahrelang in provisorischen Baracken. Viele
zogen weiter und hofften auf bessere Lebensbedingungen an einem anderen Ort.

38
Bild 29: Kirche Carlsdorf

Carlsdorf und Strasburg

Carlsdorf wurde im Frühjahr 1686 als erste ländliche Hugenottenkolonie in


Nordhessen gegründet. Namensgeber war Landgraf Karl. 24 Familien erhielten eine
Siedlerstelle bei der ehemaligen Wüstung Gauze/Gothardessen. Die meisten
stammten als Waldenser aus den Alpentälern Queyras und Pragelas. Einige kamen
aus der Pfalz.
Der aus Paris stammende Hofbaumeister Paul du Ry plante den Ort in Kreuzform.
Die Einwohner von Carlsdorf betrieben Landwirtschaft. Einige Bauern übten im Ne-
benerwerb ein Handwerk aus. Es gab einen Schmied, Gerber, Tuchhändler,
Etaminweber, Kamm-, Holzschuh- und Handschuhmacher. Versuche des Tabakanbaus
scheiterten an der rauen Witterung.
Mehrere der Flüchtlingsfamilien aus der Pfalz wanderten 1691 nach Brandenburg
aus. Sie gingen nach Strasburg in der Uckermark. Dort entstand gerade eine Huge-
nottenkolonie. Die Kleinstadt war im 30-jährigen Krieg weitgehend zerstört worden.
Nur wenige Deutsche lebten noch dort.
Laut Stiftungsurkunde ließen sich 55 französische Familien in Strasburg nieder. Sie
erhielten Grund und Boden und Material zum Bau ihrer Häuser. Die meisten Siedler
arbeiteten in der Landwirtschaft. Ein Teil der Kolonisten verdingte sich mit dem
Anbau, der Verarbeitung und dem Vertrieb von Tabak.

Bild 30: Mayenceumzug 1936 in Kelze (wie Foto in der Ausstellung)

Kelze

Kelze wurde 1699 am Ort der mittelalterlichen Wüstung Oberkelze gegründet und
in Kreuzform angelegt. Es entstanden Siedlerstellen für 34 Familien. Sie kamen aus
Orpierre in der Dauphiné, aus Maringues in der Auvergne und anderen, vorwiegend
südfranzösischen Orten. Kelze blieb lange Zeit ein rein französisches Dorf. Es war ab-
gelegen, und nur wenige Deutsche zogen zu.

39
Kelze war arm an Weideland und Waldrechten. Die Viehhute in den Wäldern führte
zu Konflikten mit den deutschen Förstern.
Die meisten Bauern betrieben zusätzlich ein Handwerk: als Strumpfwirker,
Hutmacher, Schuhmacher, Maurer oder Hufschmied. Es bestand aber kaum Bedarf.
Einige Handwerker wanderten in den ersten Jahren wieder ab. 1775 zogen sieben Fa-
milien in das neu gegründete Friedrichsdorf bei Hofgeismar.

Das Kelzer Mayence-Fest

Bis heute hat sich die Kelzer Mayence erhalten, ein Frühlingsfest, das am ersten
Sonntag im Mai gefeiert wird. Die Mädchen des Dorfes ziehen mit dem Mayencekind,
einem mit Bändern und Blumen geschmückten Stab, einer Büchse für Geld und
einem Korb von Tür zu Tür. Sie singen in französischer Sprache ein Heischelied, dessen
Sinn heute nicht mehr zu verstehen ist. Das Mayencefest soll an ein Mädchen
erinnern, das auf der Flucht verloren ging und wiedergefunden wurde.
In Kelze wird auch am Aschermittwoch der Karneval gefeiert. Das soll auf eine hu-
genottische Tradition zurückgehen.

Bild 31: Vaterunserziegel


Bild 32: Balken aus Mariendorf mit frz. Inschrift

Mariendorf

Mariendorf wurde 1687 gegründet und nach Maria Amalia benannt, der Gemahlin
von Landgraf Karl. Die ersten 25 Familien waren vorwiegend Waldenser aus den Hoch-
tälern der Cottischen Alpen und aus Vars in der Dauphiné.
Paul du Ry plante die Siedlung mit kreuzförmigem Grundriss. Einige Siedler nahmen
1689/90 unter Capitain Mondreville an der Glorreichen Rückkehr der Waldenser in
ihre Heimat teil, andere verließen 1691 den Ort, um sich in Brandenburg
niederzulassen. Mariendorf bot gute Siedlungsbedingungen. Die Huterechte im Rein-
hardswald ermöglichten eine ausgedehnte Viehhaltung.
Die Siedler lieferten ihre Produkte, feines Gemüse und Truthähne, bis nach Kassel
an den landgräflichen Hof.

40
Die Mariendorfer sprachen das okzitanische Patois. Im Jahr 1829 wurde Deutsch zur
Unterrichtssprache. Die älteren Einwohner jedoch sprachen ihren heimatlichen
Dialekt noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Bild 33: Siedlerhaus in Schöneberg (wie Tafel)

Schöneberg

Schöneberg wurde 1699 am Ort der mittelalterlichen Wüstung Bünichheim als Stra-
ßendorf gegründet. Die meisten der 24 Flüchtlingsfamilien waren Waldenser aus
dem Pragelas- und Queyrastal. Schon frühzeitig zogen deutsche Familien zu, deren
Kinder in die französische Dorfschule gingen.
Pfarrer David Clément verloste 22 Portionen an Siedlungsfläche. Vier Familien
erhielten nur eine halbe Portion. Die Landwirtschaft auf den waldnahen Ackerflächen
war unergiebig, und die Kolonie litt unter Wassermangel. Einige Siedler arbeiteten
als Ziegelbrenner, Töpfer, Seifen- und Pottaschesieder. In einem Siedlerhaus von 1710
befindet sich heute ein kleines Museum.

Die Vialons in Schöneberg

Bis heute existiert in Schöneberg der Name Vialon. Die ersten Siedler dieses Namens
kamen 1701 in die Kolonie. Es waren der Holzschuhmacher Sebastien Vialon aus
Pailhat in der Auvergne mit seiner Frau Marguerite Pascal und ihren drei Söhnen
Pierre, Guillaume und Damian.
Pierre Vialon wurde in Schöneberg Kirchenältester und Diakon. Alle drei Söhne hei-
rateten hugenottische Frauen. Sebastien Vialon und seine Frau starben 1718 in Schö-
neberg.

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Bild 34 a: Kirche Gewissenruh (wie Tafel)
Bild 34 b: Französische Inschrift über Kirchenportal

Gewissenruh und Gottstreu

Waldenser aus dem Piemont waren die letzten französischen Glaubensflüchtlinge,


die Hessen-Kassel aufnahm. Je zwölf Familien siedelten sich 1722 in Gewissenruh
und Gottstreu an. Beide Kolonien wurden nach Plänen des Baumeisters Nicolaus
Prizier als einseitig bebaute Straßendörfer angelegt. Gottstreu entstand am Ort einer
ehemaligen Glashütte.
Bis zu ihrer Ankunft hatten die Flüchtlinge eine mehrjährige Odyssee hinter sich.
1698/99 waren sie aus ihren Heimattälern über die Schweiz nach Württemberg ge-
zogen. Auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen reiste eine Gruppe im Jahr
1720 weiter nach Berlin, wo sie jedoch abgewiesen wurde. Nach einer Irrfahrt durch
Brandenburg, Dänemark, Hamburg-Altona und das Kurfürstentum Hannover
gelangte ein Teil dieser Gruppe 1721 an die Weser. Hier fanden die Flüchtlinge zunächst
in Karlshafen und Umgebung eine Zuflucht.
Die Weser-Waldenser in Gewissenruh und Gottstreu lebten hauptsächlich von der
Landwirtschaft. Die Bewirtschaftung der abschüssigen und im Schatten der
Weserberge liegenden Parzellen war jedoch schwierig. Handel und Gewerbe spielten
in beiden Kolonien kaum eine Rolle. An die Geschichte der Dörfer erinnert das Wal-
denser-Museum in Gottstreu.

Bild: 35: Dekalogtafel (wie Tafel)

Groß- und Kleinziethen

Groß- und Kleinziethen liegen bei Angermünde in der Uckermark, neben der Land-
grafschaft Hessen-Kassel ein Schwerpunkt des Refuge auf dem Lande. Die beiden
Ziethen-Dörfer waren im 30-jährigen Krieg nahezu entvölkert worden. Deshalb ließ
der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm von Brandenburg, ab 1686 Hugenotten dort
ansiedeln. Dabei handelte es sich um Wallonen, die aus dem Hennegau oder aus der
Pfalz kamen. Die Glaubensflüchtlinge sollten die verwüsteten Äcker wieder urbar
machen und mit Getreide und Tabak bestellen.

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Konflikte entstanden, als sich die französischen Siedler weigerten, den leibeigenen
deutschen Bauern gleichgestellt zu werden und preußischen Militärdienst zu leisten.
Als ihre Privilegien 1718 nicht verlängert werden sollten, drohten die Kolonisten mit
Auswanderung. Trotz erneuerter Zugeständnisse zogen einige Familien 1726 nach
Dänemark.
Die französisch-reformierten Kirchengemeinden in Groß- und Kleinziethen, bei deren
Gründung der Große Kurfürst das Pfarrergehalt und die Kirchenrenovierung gezahlt
hatte, bestehen noch heute. In den beiden Feldsteinkirchen finden regelmäßig Got-
tesdienste statt. Bis 1813 wurden sie in französischer Sprache gehalten.

Bild 36 a: Mereau aus Magdeburg (wie Tafel)


Bild 36 b: Picart: Reformiertes Abendmahl

Kirche und Diakonie


Der gemeinsame Glaube war das wichtigste Bindeglied der Réfugiés. Auch in der
neuen Heimat lebten sie nach den Grundsätzen der hugenottischen Kirchenordnung.
Ihre Pfarrer besaßen besonderes Ansehen. Oft hatten diese die Brigaden auf der
Flucht geleitet und Hilfe im Aufnahmeland geleistet.
Jede Gemeindegründung begann mit der Wahl des Kirchenvorstandes. Dazu gehörten
Pfarrer, Kirchenälteste und Diakone, die selbstständig ihre Gemeinden verwalteten.
Hugenottische Synoden waren nur in wenigen Territorien erlaubt, zum Beispiel in
Franken und Niedersachsen. Die Oberhoheit besaß überall der Landesherr.
Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stand die Predigt. Ein lecteur et chantre (Lektor
und Vorsänger) las die Bibeltexte und leitete den Psalmengesang ohne Orgelbeglei-
tung. Bis etwa 1825 wurden die Gottesdienste in französischer Sprache gehalten.
Viermal im Jahr feierten die Hugenotten das Abendmahl (Weihnachten, Ostern,
Pfingsten und Michaelis). Die Kirchenältesten erteilten hierfür die Zulassung. Vorher
übten sie aber die Kirchenzucht aus. Wer gegen die Gebote verstoßen hatte, wurde
von der Feier des Abendmahls ausgeschlossen. Alle Teilnahmeberechtigten erhielten
als Zeichen ein Méreau, eine kleine Medaille aus Blei, die nach dem Abendmahl zu-
rückgeben wurde. Auswärtige Abendmahlsgäste hatten ein Attestat ihrer Heimat-
gemeinde vorzuweisen

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Die christliche Nächstenliebe war für die protestantischen Flüchtlinge von großer
Bedeutung. Stiftungen vermögender Gemeindemitglieder ermöglichten die
Gründung sozialer Einrichtungen. In Berlin entstanden 1686 das Französische
Hospital, ein Krankenhaus und Altersheim, 1725 das Französische Waisenhaus und
1747 die École de Charité für arme und verwahrloste Kinder. Auch aus anderen Städten
sind solche Einrichtungen bekannt.

Bild: 37 a: Modell von Karlshafen


Bild: 37 b: Reisetagebuch Barjon
Bild: 37 c: Saline (wie Tafel)
Bild: 37 c: Madam Suchier

Die Hugenottenstadt Karlshafen


Landgraf Karl von Hessen-Kassel wollte mit Karlshafen das Ideal einer Manufaktur-
und Handelsstadt verwirklichen. Die wohl am reinsten erhaltene Planstadt Deutsch-
lands wurde aber nur zum Teil fertiggestellt, denn das Gelände war hochwasserge-
fährdet. Außerdem fehlte es an Geld und Baumaterial.
In der Entwicklung der Stadt sind drei Bauphasen zu unter-scheiden. In der ersten
Bauphase von 1699 bis 1750 entstanden einige öffentliche Gebäude und 63 Reihen-
häuser im barocken Baustil. Der landgräfliche Bauingenieur Friedrich Conradi (1671
– 1751) legte den Grundstein und leitete das Projekt.
Die Stadtanlage ist streng symmetrisch. Im Mittelpunkt liegt das Hafenbecken, an
dessen beiden Längsseiten 80 x 120 Meter große Häuserkarrees stehen. Die zweistö-
ckigen Reihenhäuser enthielten je acht Wohneinheiten und zeichnen sich durch
ihren einheitlichen Typus aus.
Einige Gebäude ließ Landgraf Karl auf eigene Kosten errichten. Sie konnten von den
Kolonisten gemietet oder gekauft werden. Bauwilligen Siedlern stellte der Landgraf
Grundstück und Baumaterial zur Verfügung. Zusätzlich erhielten sie drei Acker Land,
einen Acker Wiese sowie einen Garten.
Der einheitliche Barockstil wurde im zweiten Bauabschnitt ab 1763 nicht mehr ein-
gehalten. Aus Platzmangel begannen die Einwohner Ende des 18. Jahrhunderts, die

44
Innenhöfe der Karrees zu bebauen. Anstelle der Gärten entstanden Ställe, Werkstätten
und Lagerhäuser.

Bild

Der Kanalbau
Mit der Gründung von Sieburg (Karlshafen) verband Landgraf Karl auch die Absicht,
einen Wasserweg zwischen Kassel und der Weser zu schaffen. Damit wollte er das
hannoversche Zoll- und Stapelrecht in Hann. Münden umgehen und ein hessisches
Tor zur Welt schaffen. Karlshafen sollte Umschlagplatz für Kolonialwaren und
hessische Exportgüter werden.
Nach Vorarbeiten Friedrich Conradis übernahm von 1713 – 1715 Burckhard Christoph
von Münnich (1683 – 1767) die Leitung des Kanalbauprojekts. Das erste Teilstück führte
vom Karlshafener Hafen über den Mühlengraben zur Diemel. Seit 1716 konnte die
Schleuse zur Weser genutzt werden. Schleusenbaumeister war der aus Holland stam-
mende Georg Michael Meetsma.
Ab 1717 war die Wasserstraße auf der Diemel bis Stammen befahrbar. Der folgende
Abschnitt zwischen Stammen und Hümme musste künstlich angelegt werden. Auf
dem hier gebauten Kanal, der für Kähne bis 50 Tonnen Fassungsvermögen angelegt
war, verkehrten nach 1723 für einige Jahre Frachtschiffe. Der Frachtverkehr wurde ein
Zuschussgeschäft. Hohe Kosten und ein Mangel an Fracht machten den Warenverkehr
unrentabel, denn die erhofften Fernhandelsgüter aus Bremen blieben aus. Auch die
technischen Probleme blieben unüberwindbar.
So war der Kanalbau schon früh ins Stocken geraten. Bei jedem Hochwasser ver-
schlammte die Diemel und musste ausgehoben werden. Nach dem Tod des
Landgrafen im Jahr 1730 wurde das Projekt aufgegeben. Zu diesem Zeitpunkt war
der Kanal nur bis zum Schöneberg zwischen Hümme und Hofgeismar fertiggestellt.

45
Bild

Karlshafen als Solbad


Den Grundstein für den Kurort Bad Karlshafen legte der hugenottische Wundarzt
und Apotheker Jacques Galland (1663 – 1737). Er entdeckte 1730 unter einem Felsen
nahe der Weser eine Solequelle. Deren wirtschaftliche Nutzung begann aber erst
1763, als der hessische Bergbau- und Salinenfachmann Jacob Sigismund Waitz von
Eschen (1698 – 1776) eine Saline mit drei Gradierwerken und einem Siedehaus
gründete. 1789 war der Salinenbetrieb der größte Arbeitgeber in der Stadt.
Nachdem Kurhessen Teil des preußischen Zollgebiets geworden war, durfte nur noch
Salz für den Eigenbedarf produziert werden. Dazu reichte die Saline in Sooden-Al-
lendorf aus, und die Karlshafener wurde 1835 stillgelegt.
Anschließend nutzte man die hiesige Sole zu medizinischen Zwecken. Ein
Nachkomme der Karlshafener Hugenottenfamilie Suchier, der Pfarrer Eduard Suchier
(1810 – 1886), kaufte die Quelle und richtete 1838 ein Badehaus ein. Die Sole sollte
viele Beschwerden lindern, darunter Rheuma, Hautkrankheiten und sogar Fettsucht.
1869 wurde die Actien-Gesellschaft Concordia gegründet, die den Badebetrieb an
der Solequelle verbessern sollte. Jetzt entstand ein Kurzentrum mit einem größeren
Badehaus sowie einer Musik- und Wandelhalle. Ab 1880 wechselte das Solbad
mehrfach den Besitzer. Um 1900 erschloss ein Straßburger Unternehmen (nach Boh-
rungen von Siegmund Meyer aus Hannover) eine neue Quelle mit hochkonzentrierter
Sole.
Durch umfangreiche Neubauten entstand nach 1927 ein moderner Kurbezirk mit
Kinderheilbad und einer Uferpromenade. Auch nach 1945 blieben die
Kureinrichtungen ein Markenzeichen der Stadt. 2005 führten Tiefbohrungen an einer
Fundstelle aus dem Jahr 1928 zu einer neuen Quelle, und eine moderne Therme er-
öffnete den Betrieb.

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Bild 38 a: Strumpfwirkstuhl
Bild 38 b: Tabakecke

Handwerk und Gewerbe


Unter den Réfugiés waren alle Berufsgruppen vertreten. Im Vergleich mit der
deutschen Bevölkerung gab es aber Unterschiede. So befanden sich unter den Flücht-
lingen weniger Bauern und mehr Kaufleute, Manufakturisten, Bankiers und Hand-
werker.

Die Hugenotten leisteten in vielen Bereichen qualitativ hochwertige und innovative


Arbeit. In der Landwirtschaft führten sie zum Beispiel neue Gemüsesorten ein. Der
Tabakanbau, vor allem in der Uckermark und in Baden, gewann durch die eingewan-
derten Hugenotten besondere Bedeutung.

Auch die Textilindustrie erhielt wichtige Impulse. So führten die Hugenotten den in
England erfundenen mechanischen Strumpfwirkerstuhl im deutschen Refuge ein.
Zu den typischen Hugenottengewerben gehörten die Seidenverarbeitung, das Posa-
mentieren und die Anfertigung von Handschuhen, Hüten und Perücken.

Aus hugenottischer Produktion stammten auch Waffen, Uhren, Gobelins und weitere
Luxusartikel wie zum Beispiel Seifen und Parfums. Hoch angesehen war ihre Gold-
und Silberschmiedekunst. Aber auch hugenottische Spielkartenverkäufer fanden
Kunden.

Für die von Hugenotten gegründeten Manufakturen gaben die Landesherren Zu-
schüsse. Trotzdem schlossen viele größere Betriebe nach wenigen Jahren, da sie am
Bedarf vorbei produzierten. Ihre langfristige Wirkung für die heimische Wirtschaft
machte sich eher in der Verbreitung neuer Produktions- und Vertriebsmethoden be-
merkbar.

47
Bild 39 a: Denis Papin
Bild 39 b: Charles Achard

Wissenschaft und Kunst


Unter den Hugenotten finden sich zahlreiche Künstler und Wissenschaftler, die be-
deutenden Einfluss auf das geistige Leben ihrer neuen Heimat ausübten. Viele
Réfugiés fühlten sich der république des lettres, einem europäischen Netzwerk von
Gelehrten, zugehörig. Einige Hugenotten waren im Jahr 1700 Mitbegründer der Kö-
niglich-Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin.

Réfugiés trugen auch dazu bei, die Gedanken der deutschen Aufklärung in Europa
zu verbreiten. Jean Henri Samuel Formey (1711 – 1797) zum Beispiel vertrat die Ideen
des deutschen Philosophen Christian Wolf (1679 – 1754). Schon früher setzten sich
die in Rotterdam lebenden hugenottischen Philosophen Pierre Bayle (1647 – 1706)
und Pierre Jurieu (1637 – 1713) für Toleranz und Gewissensfreiheit ein.

Auch in den Naturwissenschaften und der Architektur haben Hugenotten


Bedeutendes geleistet. Denis Papin (1647 – 1712) wirkte als Physiker und Erfinder in
London, Marburg und Kassel. Charles Achard (1753 – 1821) machte sich in Preußen um
die Gewinnung von Zucker aus der Zuckerrübe verdient. Die aus Paris stammende
Architektenfamilie Du Ry bestimmte für viele Jahrzehnte die öffentliche Bautätigkeit
in der Landgrafschaft Hessen-Kassel.

In der Kunst erlangte Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726 – 1801) Berühmtheit. Seine
Buch-Illustrationen förderten maßgeblich die Erfolge der deutschen Literatur der
Klassik. Das von ihm geschaffene Idealbild des „Alten Fritz“ (König Friedrich der
Große) hat bis heute Gültigkeit. Andere hugenottische Künstler gestalteten in der
Tradition der Aubusson-Schule in Berlin, Schwabach und Erlangen bedeutende Go-
belins.
Als preußische Geschichtsschreiber machten sich die Theologen Jean Pierre Erman
(1735 – 1814) und Frédéric Reclam (1741 – 1789) einen Namen. Bekanntester Schriftsteller
hugenottischer Abstammung wurde Theodor Fontane (1819 – 1898), der französiche
Erzählkunst und preußische Gesinnungsethik in sich vereinigte.

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Bild 40 a: Büste Chodowiecki
Bild 40 b: Abschied des Calas

Nikolaus Daniel Chodowiecki,


der Hugenotte mit
dem polnischen Namen
Daniel Chodowiecki wurde am 16. Oktober 1726 in Danzig als Sohn des polnischen
Getreidehändlers Gottfried Chodowiecki (1698 – 1740) und der Marie Henriette Ayrer
geboren. Der Vater unterrichtete den Sohn in Miniaturmalerei, seine Mutter, die aus
der hugenottischen Familie de Vaillet stammte, erzog ihn in der französisch-refor-
mierten Tradition der Réfugiés. Zeitlebens blieb Daniel Chodowiecki dieser Tradition
treu.
Mit 17 Jahren kam Daniel Chodowiecki in das Haus seines Onkels nach Berlin, wo er
Anschluss an die dortige französische Kolonie fand. Er heiratete am 18. Juli 1755 Jeanne
Barez, die einer hugenottischen Familie entstammte. In der Französischen Kirche in
Berlin übernahm Chodowiecki Ehrenämter als Ältester und Diakon.
Der Künstler Chodowiecki beschäftigte sich zunächst mit Emailmalerei, eine Karriere
als Maler wollte nicht gelingen. Er wurde bekannt und berühmt mit seinen Darstel-
lungen des Berliner Alltagslebens, die er zumeist kleinformatig radierte. Mit der Ra-
dierung Abschied des Calas von seiner Familie erreichte Chodowiecki 1767 den Durch-
bruch als Graphiker. Er wurde er ein gefragter Buchillustrator, der viele Werke der
deutschen Klassik mit seinen Stichen ausschmückte. Hervorzuheben sind besonders
seine Illustrationen für das Elementarwerk des Johann Bernhard Basedow (1723 –
1790) ein Schulbuch des führenden Pädagogen seiner Zeit, das Chodowiecki mit zahl-
reichen Kupfern ausschmückte, die Porträtstiche des Berliner Künstlers für die Phy-
siognomischen Fragmente des Zürcher Pfarrers und Goethefreunds Johann Caspar
Lavater (1741-1811) und die Bildbeigaben Chodowieckis in den Almanachen seiner Zeit,
insbesondere im Göttinger Taschen Calender des Zeitkritikers und Philosophen Georg
Christoph Lichtenberg (1742 – 1799).
Chodowieckis Radierungen griffen wie das Calas-Blatt häufig Themen aus der hu-
genottischen Tradition oder dem Leben im deutschen Refuge auf. So zeichnete und
radierte er zwei Folgen zur Bartholomäusnacht und verschiedene Einzeldarstellungen

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zur Geschichte der Hugenotten in Frankreich. In Berlin porträtierte er in humorvoller
Weise den Berliner Seifenhändler Henry Gierart, den Réfugié Nicolas Fonvielle (der
Würfler) und den Ausflug seiner Familie in die Hugenottensiedlung Buchholz bei
Berlin (die Wallfahrt nach Französisch-Buchholz). Das Chodowieckische Familienbild
Cabinet d'un peintre wird von Sammlern immer wieder gesucht, ebenso die Darstel-
lungen der anmutigen jungen Mädchen aus der Berliner französischen Kolonie.
Für das wichtigste hugenottische Geschichtswerk im deutschen Refuge von Erman
und Reclam Mémoires pour servir à l'histoire des Réfugiés François dans les États
du Roi schuf Chodowiecki neun Titelkupfer mit Darstellungen aus der Geschichte
der Hugenotten in Preußen, u.a. die Aufnahme der Réfugiés durch den Großen Kur-
fürsten (1782, Bd. I).
Auch bei der bildlichen Ausgestaltung des Französischen Doms als Bauwerk in Berlin
war Chodowiecki beteiligt. Das umfangreiche Bildprogramm der Giebel geht auf ihn
zurück und ist als ein besonderer Höhepunkt seiner künstlerischen Arbeit zu werten.
Denn hier verbanden sich in anschaulicher Weise sein reformierter Glaube und seine
soziale Einstellung mit dem künstlerischen Engagement für die Kolonie (Badstüb-
ner-Gröger).
Für die französische Kolonie in Berlin schuf Chodowiecki auch den Entwurf der Ge-
denkmedaille zum 100jährigen Jubiläum des Edikts von Potsdam am 29. Oktober
1785, ein Exlibris für die französische Seminarbibliothek und vor allem den Titelkupfer
mit dem Harfe spielenden David für ein französisches Psalmenbuch, das 1759 erstmals
in Berlin gedruckt wurde. Auch die Titelbilder für die Neuauflagen des Psalmenbuches
von 1783 und 1791 gehen auf Chodowiecki zurück, der sein Thema, David mit der
Harfe, variierte.
1764 wurde Daniel Chodowiecki in Anerkennung seiner Verdienste Mitglied und 1797
Direktor der Berliner Akademie der Künste. Am 7. Februar 1801 starb der Künstler,
hochgeehrt und betrauert und wurde auf dem französischen Friedhof an der Berliner
Chausseestraße beigesetzt.
Bild 40 c: Die Löschkolonne von Daniel Chodowiecki

Auf der Zeichnung hat Chodowiecki den Vorstand der École de Charité karrikiert, wie
er von der Inspektion eines brennenden Gebäudes in der Nacht vom 23. auf den 24.
Juli 1769 zurückkehrt. Der Brand war in einem Nachbarhaus der École de Charité in
der Klosterstraße zu Berlin ausgebrochen. Dem Zug der würdigen Herren und einer

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Frau hat Chodowiecki die allegorische Figur der Caritas (Liebe, christliche
Nächstenliebe) vorangestellt. Über den Personen schwebt ein Engel mit Lyra. Die
Männer in zeitgenössischer Kleidung tragen Dreispitze, nur einer hat in der Eile die
Schlafmütze aufbehalten. Unter ihnen befinden sich die bekannten Berliner Prediger
Jean Pierre Erman und Louis Frédéric Ancillon. Am Ende des Zuges hat Daniel Cho-
dowiecki sich selbst dargestellt. Mit den Händen in der Tasche betrachtet der Künstler
amüsiert seine vorangehenden Kollegen.

Bild 41: Schreibübungen (wie Tafel)

Assimilation und Integration


In den ersten Jahrzehnten nach der Einwanderung bewahrten viele französische Ko-
lonien den Charakter einer geschlossenen Gemeinschaft. Je abgelegener eine
Siedlung war, desto länger hielten sich heimatliche Sprache, Sitten und Gebräuche.
Auch verhinderten die Privilegien der Hugenotten eine schnelle Integration.
Die rechtliche Sonderstellung der Glaubensflüchtlinge endete nämlich erst im 19.
Jahrhundert.
Hinzu kamen Spannungen zwischen Deutschen und Franzosen. In Städten grenzten
einheimische Gewerbetreibende und Händler die Réfugiés oft als lästige
Konkurrenten aus. In den neu gegründeten ländlichen Kolonien dagegen wehrten
sich die Siedler gegen den Zuzug von Deutschen. Diese durften keine
subventionierten Portionen kaufen.

Ende des 18. Jahrhunderts setzte der Prozess der Assimilierung ein. Deutsche wurden
Paten französischer Kinder, und Eheschließungen zwischen Franzosen und Deutschen
nahmen zu. Napoleon und die Befreiungskriege machten aus den Nachkommen der
Hugenotten gute deutsche Soldaten.

In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts verdrängte die deutsche Sprache allmählich das
Französische. Oftmals war die Kirche der letzte Ort, an dem französisch gepredigt,
gesungen und gebetet wurde. Um 1825 wurden die Hugenotten angewiesen, in Kirche

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und Schule deutsch zu sprechen. In den städtischen Kolonien hielt sich die
französische Sprache länger, oft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.
Bild: 42: Medaille 1885 (wie Tafel)

Gedenken und Traditionspflege


Das Schicksal der Hugenotten und ihre Flucht aus der französischen Heimat fand
Aufnahme in Literatur, Kunst und Musik. Traditionspflege und Gedenken setzten
schon Ende des 18. Jahrhunderts ein. 1785 wurde vielerorts das 100-jährige Jubiläum
der Einwanderung gefeiert.
Ende des 19. Jahrhunderts begann erneut eine Phase der Rückbesinnung. Sie mani-
festierte sich in Feierlichkeiten zum Gedenkjahr 1885 und vor allem in der Gründung
des Deutschen Hugenottenvereins im Jahr 1890. Der Verein machte sich die Wahrung
und Pflege des hugenottischen Erbes zur Aufgabe.
Im 20. Jahrhundert fing die Vermarktung der Hugenotten und ihrer Tradition an. Bis
in die Gegenwart erscheinen Gedenkmedaillen und Sondermarken. Die ehemaligen
Kolonien organisieren Jubiläumsfeiern mit Festspielen und Festschriften, die an die
Gründungsphase und die weitere Entwicklung des Ortes erinnern. All das belegt das
andauernde Interesse der hugenottischen Nach-fahren an ihrer Geschichte.
Der Charakter der Feierlichkeiten hat sich inzwischen gewandelt. Je weiter Verfolgung,
Flucht und Neuanfang zurückliegen, um so mehr tritt die ernsthafte Würdigung der
Ereignisse in den Hintergrund. Jubiläen werden wie Volksfeste begangen: mit Bierzelt
und Kommers, mit Tanz und Trachtenumzügen.
In Bad Karlshafen wird jedes Jahr ein Hugenottenfest gefeiert mit Gottesdienst, Vor-
trägen, Konzerten und einem hugenottischen Markt.

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Bild 43: v.d. Broek Acrylbild (evtl. Auschnitt)

Die Hugenottengeschichte
in der modernen Kunst

Auch die moderne Kunst setzt sich mit den Hugenotten auseinander. So hat ein
Künstlerkollektiv um den Berliner Künstler van den Broek zum 300-jährigen Jubiläum
der Verabschiedung des Edikts von Potsdam 1985 ein vierteiliges Acrylbild gemalt,
das die Geschichte der Hugenotten mit Zitaten aus der künstlerischen Tradition von
Hieronymus Bosch bis Beckmann wiedergibt.
Die von Hugenotten abstammende südafrikanische Künstlerin Titia Ballot (geb. 1941)
hat 1986 in einer Farbradierung das Schicksal der Hugenotten mit dem der schwarzen
Afrikaner unter dem Apartheits-Regime verglichen: das Gesicht der schwarzen Frau
ist unter einer Hugenottenhaube verdeckt, das der Weißen unter einer Stammes-
Kopftracht.
Ruth Lawall aus Saarbrücken kombiniert verschiedene Materialien und Techniken
bei ihrer künstlerischen Annäherung an die Geschichte der Hugenotten (2006).

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