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andr´e green, paris

Todestrieb, negativer Narzißmus, Desobjektalisierungsfunktion *

Übersicht: Der Autor steckt zunächst den diskursiven Rahmen ab, in dem seinerAnsichtnachdasTodestrieb-Konzeptzudiskutierenist.Ungeachtet unterschiedlicher Bestimmung gilt der psychische Konflikt als fundamen- tales Postulat: für Green ist der zwischen Lebens- und Todestrieb grundle- gend. Dabei ordnet er ersterem die Objektalisierungsfunktion zu, dem To- destrieb die Desobjektalisierung bzw. den Abzug jeglicher Besetzung.

I. DieDiskussionumdasKonzeptdesTodestriebsmußheutezweigedank- lichen Richtungen folgen:

1. der retrospektiven Interpretation dessen, was Freud mit diesem spät in

seine Theorie eingeführten Begriff bezeichnet und gemeint hat. Zu diesem Zweck muß man zwischen drei Gesichtspunkten unterscheiden, aber auch deren Bezüge untereinander verknüpfen:

– das zunehmende Wissen aus klinischer Erfahrung, das zu einer Neube-

wertung der vermutlich der Psychopathologie zugrundeliegenden Mecha-

nismen geführt hat;

– einerseits Überlegungen zu kulturellen Phänomenen der Vergangenheit und Gegenwart sowie zu einigen deren Determinismus beeinflussenden

Faktoren, fernbeobachtbarer Tatsachen, undandererseits der metawissen- schaftlichen Spekulation über natürliche Phänomene, die Gegenstand der Biologie sind;

– die Formulierung von Hypothesen, die sich aus diesen beiden Aspekten

ergabenundzurEinführungdesTodestriebskonzeptsineinengandieletz-

teTriebtheorieangelehntes,alsModelldespsychischenApparatsderzwei-

ten Topik bekanntes theoretisches Modell führten. Auf dieser Ebene stellt sich die Frage, welcher Platz der Funktion und Ökonomie des Todestriebs im psychischen Apparat zukommt, das heißt, welchen heuristischen Wert der Todestrieb im Rahmen des Versuchs einer theoretischen Darstellung des psychischen Funktionierens haben könnte;

2. der aktuellen Interpretation dessen, was Freud mit »Todestrieb« be-

zeichnet und gemeint hat; damit ist das Problem seiner Aufrechterhaltung oder Ersetzung gestellt; dabei spielen zahlreiche Umstände eine Rolle:

* Originaltitel: »Pulsion de mort, narcissisme n´egatif, fonction d´esobjectalisante«. In: Le

travail du n´egatif. Paris ( Eds. de Minuit) 1993, S. 113–122. Engl. Übersetzung in: The Work

of the Negative. London (Free Association Books) 1999.

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– die durch die psychoanalytische Erfahrung veränderte Beschaffenheit des klinischen Feldes, das Freuds theoretischen Entwicklungen als

Grundlage diente. Die sich aus der heutigen Praxis ergebende Gesamt-

sichtzwingtzurErwägungvonFaktorenimZusammenhangmitNarziß-

mus und Destruktivität ebenso wie mit den Folgen der Fixierungen der Objektlibido;

– die Aufsplitterung des theoretischen Feldes nach Freud durch diverse

Neuformulierungen der Theorie, die sich oft nicht als schlichte Ergän- zungenzumWerkFreudsoderalsWeiterentwicklungendiesesoderjenes Aspekts seines Denkens verstehen, sondern echte theoretische Alternati-

ven darstellen.Keines der nachfreudianischenTheoriegebilde greift aller- dings auf den Buchstaben der Freudschen Todestriebtheorie zurück. Das gilt sogar für das System Melanie Kleins, wo immerhin offen die Hypo- these von der Existenz des Todestriebs übernommen wird. Und selbst wenn die Aggression in vielen dieser Systeme eine entscheidende Rolle spielt, weicht doch der theoretische Rahmen, in den sie eingebettet ist, von dem Freuds ab;

– das Fehlen eines allgemein anerkannten theoretischen Modells der See-

lentätigkeit, wie es Freuds psychischer Apparat war. Kurz gesagt, dürfte in den zeitgenössischen Vorstellungen darüber, was ein solches Modell ausmachen könnte, dem Objekt in seinem zwiefachen Status als inneres

undäußeresObjekteineentscheidendeRollezugeschriebenwerden.Au-

ßerdementstehenimRahmenderIchtheoriezahlreicheergänzendeKon-

zepte wie das Selbst, das Subjekt, das Ich usw.;

– der Abbruch der Debatte über eine der Quellen des Freudschen Den-

kens.DieReflexionkulturellerPhänomeneunddiemetabiologischeSpe-

kulation finden aus unterschiedlichen Gründen keinen Eingang mehr in die heutigen Diskussionen. Einer dieser Gründe könnte in dem Wider- spruchzusuchensein,daßaufderkulturellenEbene,wodieEntwicklung der Zerstörungsmittel (in den Beziehungen der Menschen untereinander ebensowiegegenüberder Natur)immerbesorgniserregenderwird,vieles für die Freudsche Hypothese spricht, während sie von den biologischen Wissenschaften, die ihr keinerlei materielle Grundlage bieten, bis heute entkräftet wird. II. Bei allenUnterschieden inder Interpretation der klinischen Tatsachen und zwischen den Theorien, die zu deren Erklärung vorgebracht werden, sind sich wohl alle Psychoanalytiker in einem Punkt einig: in dem funda- mentalen Postulat eines psychischen Konflikts. Unstimmigkeiten treten erstdannauf,wenndasWesenderElemente undModalitätendiesesKon- flikts und die daraus abzuleitenden Konsequenzen näher bestimmt wer-

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den sollen. In der derzeitigen Situation kann man nicht mehr von einem Konsens über die Annahme eines ursprünglichen Konflikts zwischen zwei großen Triebtypen – als Ausdruck primitiver und prägender seelischer Mächte – sprechen. Eines der von den Gegnern des Todestriebs am häufig-

sten vorgebrachten Argumente lautet, es sei unklar, wie die für den Sexual- trieb beschriebenen Merkmale (Quelle, Drang, Ziel, Objekt) auf den To- destriebangewendetwerdenkönnten.Inderaktuellenpsychoanalytischen Literatur finden sich zahlreiche noch radikalere Standpunkte, von der In- fragestellung der Idee, daß die Triebe das grundlegendste Element des See- lenlebens darstellten, bis hin zur Behauptung, das Triebkonzept insgesamt sei unangemessen und unbrauchbar. Die meisten Kritiker allerdings lassen außeracht,daßdieThesevomgrundlegendenTriebkonfliktbeiFreudeiner Notwendigkeit entspricht: der Tatsache gerecht zu werden, daß der Kon- flikt wiederholbar, verschiebbar, umformbar ist und hartnäckig allen Wandlungen des psychischen Apparats widersteht (intersystemische oder

intrasystemischeKonflikte,KonfliktezwischennarzißtischerundObjekt-

libido, Konflikte zwischen den Instanzen und der äußeren Wirklichkeit usw.). Diese Feststellung veranlaßte Freud, einen ursprünglichen, funda- mentalen und ersten Konflikt theoretisch zu postulieren, der die primitiv-

sten Formen seelischer Aktivität ins Spiel bringt; das erklärt sein starres Festhalten am Triebdualismus. Die theoretische Kühnheit der Freudschen Todestrieb-Hypothese hat lei- denschaftliche Debatten unter den Analytikern hervorgerufen und so ihre Aufmerksamkeit von der Tatsache abgelenkt, daß Freud den Todestrieb nicht mehr den Sexualtrieben, sondern den Lebenstrieben gegenüberstellt, die er später (im Abriß der Psychoanalyse [1940a]) Eros oder Liebestriebe nennt. Diese kleine semantische Verschiebung führt schließlich dazu, daß Freud auch nicht mehr vom Sexualtrieb spricht, sondern von der Sexual- funktion als Mittel zur Erkenntnis des Eros, mit dem sie jedoch keineswegs

deckungsgleichsei.Erräumtjedochein,daßunsfürdenTodestriebeinana-

loger Hinweis fehlt, aus dem wir ihn ebenso unmittelbar erschließen könn- ten wie die Sexualfunktion aus der Libido.

III.DaderTriebfürunsnuranseinenpsychischenRepräsentanzenerkenn-

barist,diewirnichtmehrmitdenVorstellungsrepräsentanzengleichsetzen, ziehen wir den hypothetischen Schluß, daß die Sexualfunktion und ihr Ex- ponent,die Libido,denEros,die Lebens-oder Liebestrieberepräsentieren, wobeiwirbegreifenmüssen,daßdieseRepräsentanzen-Funktionnichtalle Eigenschaften des Eros besitzt – was, nebenbei bemerkt, genügend klini- sche und metapsychologische Fragen über die Beziehungen zwischen Eros und Sexualität aufwirft.

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Das entscheidende Problem stellt sich allerdings beim Versuch, eine Ant- wort auf das von Freud offen gelassene Rätsel zu finden: Welche Funktion dieentsprechendeRolleeinerRepräsentanzdesTodestriebsspielenkönnte, wobei nicht vergessen werden sollte, daß Freud die Selbstzerstörung für dessen fundamentalen Ausdruck hält, die Fremdzerstörung dagegen nur für das Bemühen, sich von der inneren Spannung zu entlasten – eine An-

sicht, die in vielen postfreudianischen Theorien bestritten wurde. Ich selbst schließe mich vollkommen der Hypothese an, daß die Selbstzerstörungs-

funktioninbezugaufdenTodestriebeineanalogeBedeutunghatwiedieSe-

xualfunktioninbezugaufdenEros.ImGegensatzzuFreudglaubeichaller-

dings nicht, daß manander Vorstellung festhalten sollte, diese Selbstzerstö- rungsfunktion äußere sich ursprünglich, spontan oder automatisch. Die Schwierigkeiten mit dem Todestrieb rühren also daher, daß wir ihm nicht mit der gleichen Bestimmtheit eine Funktion zuschreiben können wie die Sexualität den Lebens- oder Liebestrieben. Das Sicherste, was wir über den Todestrieb wissen, ist seine mögliche Legierung mit dem Sexual- trieb im Sadomasochismus. Aber wir haben auch das lebhafte Gefühl, daß nochandereFormenderZerstörungexistieren,dienichtaufdiesemModus der Triebverflechtung beruhen. Das wird beispielsweise an den schweren, suizidalen Formen der Depression deutlich oder an Psychosen, die einen Ichzerfall nach sich ziehen. Aber auch ohne bis zu jenen extremen patholo- gischen Erscheinungen zu gehen, lassen sich in der zeitgenössischen psy- choanalytischen Klinik Formen unvermischter Destruktivität in schweren Neurosen oder Charakterneurosen, narzißtischen Strukturen oder Bor- derline-Fällen usw. mehr oder weniger deutlich erkennen. Zu beachten ist, daß in all diesen klinischen Konfigurationen häufig die unüberwindliche TrauerunddievonihrhervorgerufenenAbwehrreaktionenalsdominanter Mechanismus beschrieben werden. Neben den wohlbekannten Formen der Angst finden wir im Gefolge der quälenden Affekte, die in diesem Be- reich der Psychopathologie zu beobachten sind, unvorstellbare, katastro- phische Ängste, Furcht vor Vernichtung oder Zusammenbruch, Gefühle der Wertlosigkeit, der Devitalisierung oder des seelischen Todes, Empfin- dungen von Bodenlosigkeit, Abgründen, Löchern ohne Grund. Hier stellt sich zu Recht die Frage, ob all diese Erscheinungen nicht teilweise oder in ihrer Gesamtheit mit dem nach Freud innerseelischen, jeder Exteriorisie- rung vorausgehenden Phänomen zusammenhängen, das er den primären oder Ur-Masochismus nennt. Kein klinisches Argument kann jedoch als Beweis für den Todestrieb dienen, weil jedes klinische Erscheinungsbild unterschiedliche Deutungen zuläßt und niemals der unmittelbare Aus- druck der Triebtätigkeit sein kann. Wenn man von der klinischen Erfah-

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rungausgeht,bleibtdasProblemtheoretisch.DarinstimmeichmitJeanLa-

planche überein. IV. Die Hypothese, die ich hier vorbringen möchte, geht von zwei Prämis- sen aus:

1. Man kann keine Aussagen über den Todestrieb machen, ohne sich auch auf sein Gegenstück zu beziehen, den Lebenstrieb, mit dem er begrifflich unauflösbarverknüpftist.Darausfolgt,daßwir,umeingenaueresBildvom Todestriebzuerhalten,FreudsTheorievondenLebens-oderLiebestrieben weiter vorantreiben müssen.

2.DieTriebtheoriegehört,waswirnichtausdemBlickverlierenwollen,zur

Ordnung der Konzepte und kann daher nie vollständig durch Erfahrung belegt werden, da aber solche Konzepte dem Zweck dienen, die Erfahrung zu erhellen, dürfen sie nicht von ihr getrennt werden. Wenn wir die Triebe also als primäre, fundamentale, das heißt ursprüngliche Entitäten anneh- men,müssenwirdochzugestehen,daßerst dasObjektdieTriebeoffenbart. Esschafftsienicht–undmankannwohlbehaupten,daßesmindestenszum

Teil von ihnen erschaffen wird –, ist aber die Voraussetzung ihrer Existenz. Und wird selbst durch diese Existenz erschaffen, obwohl es schon da ist. Das ist die Erklärung für Winnicotts Idee vom Finden des Erschaffenen. Diesen Vorbemerkungen entsprechend, sollte man die Tatsache im Ge- dächtnisbehalten,daßesnachFreuddiegroßenMechanismenderBindung undEntbindungsind,diedenLebens-unddenTodestriebcharakterisieren. Diese Idee ist zutreffend, aber unzureichend. Die beiden Mechanismen der Bindung und Entbindung können sehr wohl im Lebenstrieb selbst gleich-

zeitigauftreten,genausowiediesereinenTeildesTodestriebsinsichaufneh-

men kann, der dann von ihm transformiert wird. Die daraus resultierenden Erscheinungen sind nicht mehr in dem Register zu deuten, das dem Todes- trieb eigentümlich ist. Der Todestrieb dagegen enthält ausschließlich die Entbindung. Bleibt noch zu bestimmen, wovon. Wir vertreten die Hypothese, daß die Lebenstriebe vorrangig danach stre- ben,eineObjektalisierungsfunktionzuerfüllen.Dasbedeutetnichtnur,daß sie eine Beziehung zum (inneren und äußeren) Objekt schaffen soll, son- dern auch dazu fähig sein muß, Strukturen in ein Objekt zutransformieren, auch wenn es nicht mehr unmittelbar um das Objekt geht. Anders gesagt, die Objektalisierungsfunktion beschränkt sich nicht auf Transformationen des Objekts, sondern kann auch, was keine der Qualitäten, Eigenheiten oder Attribute eines Objekts besitzt, in den Rang eines Objekts erheben – unter einer Bedingung: daß in der vollzogenen psychischen Arbeit ein Merkmal erhalten bleibt, nämlich die signifikative Besetzung. Daher die of- fensichtlichen Paradoxa der klassischen Theorie, wo das Ich selbst zum

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Objekt(desEs)werdenkann,oderdieMöglichkeit,vonSelbstobjekten(self objects) zu sprechen, wie es in manchen zeitgenössischen Theorien ge- schieht. Der Objektalisierungsprozeß ist nicht auf Transformationen so or- ganisierter Formationen wie des Ichs begrenzt, sondern kann auch psychi-

sche Aktivitäten betreffen, so daß äußerstenfalls die Besetzung selbst objek-

talisiertwird.DeshalbmüssenwirunterscheidenzwischenObjektundOb-

jektalisierungsfunktion, und hier kommt natürlich die Bindung, mit oder ohne Koppelung an die Entbindung, wieder ins Spiel. Daraus wird das In- teresse an den Objektbeziehungstheorien verständlich, denen allerdings vorgeworfenwerdenkann,daßsiedieObjektalisierungsfunktionnichtklar

genug sehen, weil sie sich zu sehr an das Objekt strictu sensu halten. Das ist

dieErklärungdafür,daßdieSexualfunktionmitderaufsiehinweisendenLi-

bido das Mittel zur Erkenntnis des Eros ist, weil sie ohne Einbeziehung des Objekts undenkbar ist, und trägt der klassischen Narzißmustheorie Rech- nung, die allerdings einer Ergänzung bedarf. Der Todestrieb dagegen strebt nach der möglichst weitgehenden Erfüllung einer Desobjektalisierungsfunktion durch Entbindung. Diese Kennzeich- nung erhellt, daß nicht nur die Objektbeziehung angegriffen wird, sondern auch sämtliche ihrer Substitute – etwa das Ich oder sogar die Besetzung, so- fernsieselbstdemObjektalisierungsprozeßunterworfenwaren. Meistkön- nen wir nur das Konkurrieren der in Beziehung zu den beiden Triebgrup- pen stehenden Aktivitäten beobachten. Die eigentliche Manifestation des Todestriebs aber ist der Abzug der Besetzung. Unter diesem Blickwinkel sind die verheerenden Erscheinungen der Psy- chose weniger mit der projektiven Identifizierung verbunden als mit deren Folgen und Begleitumständen, der Verarmung des dem Abzug der Beset- zungausgeliefertenIchs. Melanie Klein,die ungemeinviel zumVerständnis derPsychosen beigetragen hat,istihren eigenenIdeenuntreu geworden, als

sie vergaß, daß die paranoid-schizoide Phase »schizoid« nicht da ist, wo das Konzept auf die Spaltung (»schize«) zwischen gut und böse anspielt, son- dern wo es die paranoide Besetzung dem schizoiden Abzug der Besetzung gegenüberstellt. An dieser Stelle ist eines der verwirrendsten Paradoxa der psychoanalytischen Erfahrung anzuführen, nämlich daß die Desobjektali- sierungsfunktion,weitentferntdavon,sichmitderTrauerzuverbinden,der

Trauerarbeit,dieimZentrumdesfürdieObjektalisierungsfunktioncharak-

teristischen Transformationsprozesses steht, den radikalsten Widerstand entgegensetzt. 1

1 Im Zusammenhang mit der Melancholie stellt Freud die starke (orale) Fixierung der schwa- chen Objektbesetzung gegenüber (Trauer und Melancholie [1916-17g]).

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MeinerMeinungnachläßtsichaufdieseWeisederÜbergangvomGegen-

satzpaar Objektlibido und narzißtische Libido zur letzten Triebtheorie in der Freudschen Theorie – Eros und Destruktionstriebe – logisch erklä- ren. Das hat mich zur Hypothese eines negativen Narzißmus veranlaßt, dessen Ziel die Nullebene ist, als Ausdruck einer Desobjektalisierungs- funktion, die nichtnur aufdie Objekte oderderenSubstitute, sondernauf den Objektalisierungsprozeß selbst zielt. Eine Theorie der Objektalisierungsfunktion müßte unbedingt dem die- ser inhärenten Widerspruch Rechnung tragen, daß einerseits das Primär- objekt die entscheidende Rolle spielt und daß es andererseits immer mehr als ein Objekt gibt – ohne daß man daraus den Schluß ziehen dürfte, die Rolle des zweiten Objekts (des Vaters im Ödipuskomplex) sei in irgend- einer Hinsicht sekundär oder man könne es als projektive Widerspiege- lung des Primärobjekts betrachten. Diese Bemerkungen haben insofern einen wesentlichen Bezug zum Thema, als es die primären Manifestatio- nen des Todestriebs und ihreVerknüpfung mitdem (primären) Objektzu erfassen gilt. Um aus der Sackgasse Idealisierung-Verfolgung herauszu- kommen und zur Trauer als Bewahrerin der Desobjektalisierungsfunkti- on zu gelangen, sollte man sich bewußt sein, daß die ausreichend gute Mutter (Winnicott) implizit auch die ausreichend schlechte Mutter ent- hält. Diese Bemerkungen haben gewichtige technische Konsequenzen. Auch in anderen Krankheitsbildern als der Melancholie ist die Desobjek- talisierungsfunktion dominant, etwa im infantilen Autismus, in den nicht paranoiden Formen chronischer Psychosen, in der mentalen Anorexie und unterschiedlichen Erscheinungsformen somatischer Pathologie des Säuglings. Die Arbeiten der Pariser psychosomatischen Schule (P. Marty:

operatives Denken, essentielle Depression, regressive Entsublimierung, progressive Desorganisation, Pathologie des Vorbewußten) leisten einen wertvollen Beitrag zur Erörterung der von uns behandelten Frage. Sie scheinen die Hypothese zu bestätigen, daß der Todestrieb auf einen Ab- zug der Besetzung und auf Desobjektalisierung zielt. V. Auch die Abwehrmechanismen gegen die Angst und andere schmerz- hafte, zerrüttende Affekte können im Licht der Reflexion über den Kon- flikt zwischen Lebens- und Todestrieben neu interpretiert werden. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, muß zunächst zwischen primären und se- kundären Ichabwehrmechanismen unterschieden werden. Die primären Abwehrmechanismen bilden eine Kategorie, deren Prototyp die Ver- drängung ist. Sie wurde neuerdings durch die Entdeckung analoger Me- chanismen wie Nichtanerkennung der Spaltung (Verleugnung), Verwer- fung, Verneinung erweitert. Die anderen, sekundären Abwehrmechanis-

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men haben die Aufgabe, die Wirkung dieser ursprünglichen Mechanis- men zu verstärken oder zu vollenden. Je näher man der Verdrängung im eigentlichen Sinne ist, desto mehr kommt es durch andere Mechanismen wie Verschiebung, Verdichtung, doppelte Umkehrung usw. im Gefolge der Polarität Bindung-Entbin- dung zu einer neuerlichen Bindung im Unbewußten. Je weiter man sich von der Verdrängung entfernt, desto stärker ist im Wirken anderer Typen der primären Abwehr (Spaltung, Verwerfung) die Tendenz zu beobach- ten, daß die Entbindung sich durchsetzt, indem sie die Neubindung be- oder verhindert. Um nur ein einziges Beispiel zu nennen, von dem in der psychoanalytischen Literatur viel die Rede ist, die projektive Identifizie- rung, ist es wohl ihre Aufgabe, die Leugnung der Spaltung zu verstärken, die zur Desobjektalisierung führt, und das, obwohl die Projektion und die Identifikation mit den projizierten Teilen offenbar eine Objektalisie- rung anstreben. So destruktiv ihre Arbeit auch sein mag, manifestiert sich ihr Streben nach grundlegender Desobjektalisierung doch vor allem als Angriff auf die Verbindungen (Bion, Lacan). Das Gelingen des desobjek- talisierenden Abzugs der Besetzung zeigt sich im Verlöschen der Projek- tionstätigkeit, was sich dann vor allem in ein Gefühl des psychischen To- des übersetzt (negative Ich-Halluzination), manchmal unmittelbar ge- folgt vom drohenden Verlust der äußeren und inneren Realität. Als inter- essante Parallele zur Verwerfung – der radikalen Zurückweisung, die als Basis psychotischer Strukturen gilt – wurde ein entsprechender Mecha- nismus im Ursprung schwerer somatischer Desorganisation (P. Marty) vermutet, der sichin Störungender geistigen Tätigkeit äußern könnte, die durch spärliche psychische Aktivitäten oder mangelnde Besetzung ge- kennzeichnet wären. Hier ist von einem asymptotischen Wirken die Re- de, das weniger von der erfolgreichen Durchführung des Vorhabens als von dessen Ausrichtung auf die Verfolgung des Endziels zeugt: des des- objektalisierenden Abzugs der Besetzung. Die Verneinung, die sich durch die Sprache ausdrückt, nimmt wohl einen besonderen Platz innerhalb dieser Kategorie ein, da sie das von jedem an- derenBegriff besetzte Feldinseiner Gesamtheitabzudeckenscheint. Au- ßerdem hat sie offenbar ebenso am Gegensatzpaar Bindung-Entbindung teil wie auch an der reinen Entbindung, worauf schon Freud hingewiesen hat. Diese Überlegungen erfordern unsere Aufmerksamkeit. Sie enthüllen, wie die Charakteristika der Triebtätigkeit (Bindung-Entbindung) auf der Ich-Ebene wiederzufinden sind, entweder weil das Ich deren Herkunfts- Label insichträgtoderweilesdiedurchdasObjektoffenbarteTriebtätig-

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Todestrieb, negativer Narzißmus, Desobjektalisierungsfunktion

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keit nachahmt. Könnte man nicht auch von einer Identifizierung des Ichs mit der Triebtätigkeit oder mit deren Objekten sprechen? VI. Die Konzeptiondes psychischen ApparatsnachFreudwidersteht der vonunsbetriebenenNeueinschätzung.Dochauchsiegewinntdurcheine Betrachtung aus der Perspektive des Konflikts zwischen Objektalisie- rung und Desobjektalisierung. Der gleichzeitige Gebrauch beider Topiken erweist sich dabei als not- wendig, vorausgesetzt die grundlegende Differenz zwischen dem Es der zweiten Topik und dem Unbewußten der ersten wird begriffen. So be- trachtet, erscheint die Organisation des Unbewußten als sicherster Hort der Objektalisierungsfunktion. Selbstverständlich verdiente die Hypothese der Objektalisierungsfunk- tion eine genauere Ausführung, als ich sie hier bieten kann. Allerdings hätteichdanndieseDiskussionumdenTodestriebimWiderstreitmitden Lebenstriebendezentriert,wozuman imAustauschüberdiesesschwieri- ge Thema ohnehin allzuleicht neigt. Deshalb will ich mich hier auf eine einzige, wesentliche Feststellung beschränken: Das Objektalisierungs- streben der Lebens- oder Liebestriebe soll, vermittelt durch die sexuelle Funktion, in letzter Konsequenz eines erreichen: die Symbolisierung (Bion, Winnicott, Lacan). Diese Leistung sichert die Verflechtung zwi- schen den beiden großen Triebgruppen, deren Axiomatik meiner Mei- nung nach für eine Theorie der Seelentätigkeit unverzichtbar ist.

(Anschrift des Verf.: Dr. Andr´e Green, 9, av. de l’Observatoire, F-75006 Paris. E-mail: An- dreGreen @compuserve.com)

(Aus dem Französischen von Brigitte Große, Hamburg)

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