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BZ 10.4.

2009

Edmund Husserl: Zu den Sachen


selbst

Gelehrtenleben: Edmund Husserl am Schreibtisch | Foto: bz

Ein Gelehrtenleben ohne Skandale und Affären, ein allmählicher Aufstieg zu Anerkennung
und Ruhm, ungebrochener Fleiß im Nachdenken und Schreiben bis in die letzten Jahre:
Edmund Husserls Lebenslauf ist unauffällig, seine große Leistung nur wenigen bekannt. Und
doch ist von ihm, dem Göttinger und Freiburger Professor, um 1900 die vielleicht fruchtbarste
philosophische Schule des 20. Jahrhunderts begründet worden: die Phänomenologie. Wie
wird uns die Welt in ihrer riesigen Vielfalt gegeben und geordnet? Wie ist es überhaupt
möglich, dass wir uns nicht in einer ungeheuren Menge von Sinnesdaten verlieren?

Immanuel Kant hatte um 1780 auf zwingende Formen des Anschauens und Denkens
hingewiesen, die vom Ich als einer Art Schaltzentrale mit den "von außen kommenden" Daten
verknüpft werden. Er nannte diese formalen Voraussetzungen " a priori" oder
"transzendental". Husserl ging 1898 einen Schritt weiter. Er entdeckte, dass wir auch im
Anschauen aktiv sind und das Gegebene durch zunächst im Dunkeln liegende ungeklärte
überpersönliche Absichten, Formen der "Intention", ergreifen und ordnen. Die bei Kant auf
die Formen des Denkens bezogene Spontaneität erweiterte Husserl auf die Beziehung
zwischen Außen und Innen, Formen, die er "Korrelationsapriori" nannte.

Über drei Jahrzehnte lang entwickelte der studierte Mathematiker eine Fülle von äußerst
genauen Studien zu dieser von den idealistischen Philosophen vernachlässigten
Zwischenwelt. Das philosophische Denken solle nicht blutleere Konstruktionen vorlegen,
sondern sich, so sein Leitspruch, "den Sachen selbst" zuwenden, wie sie dem Bewusstsein
gegeben und in Horizonte des Wissens und Verstehens eingebettet sind. Diese Sachen sind
Phänomene, sie erscheinen uns auf eine bestimmte Weise. Der Philosoph müsse die
"Vermöglichkeit" der Bewusstseinsakte in der Vielfalt ihrer Gegebenheitsweisen und
Gegenstandsarten erforschen. Die seit Descartes mit aller Schärfe aufgebrochene Kluft
zwischen Subjekt und Objekt überquerte Husserl mit einer genialen Brückenkonstruktion: der
Phänomenologie.

Edmund Husserl wurde am 8. April 1869 in Prossnitz in Mähren, dem heutigen Prostejov im
östlichen Tschechien, einem zwischen Olmütz und Brünn gelegenen Landstädtchen, geboren.
Er entstammte, ähnlich wie seine berühmten Zeitgenossen Gustav Mahler und Sigmund
Freud, diesem kulturellen Herzland der Donaumonarchie, in dem Vielsprachigkeit, ein zur
Assimilation neigendes bürgerliches Judentum, der Katholizismus, aber auch Restbestände
eines radikalen Protestantismus zu Hause waren. Er studierte in Leipzig, Berlin und Wien
Mathematik und Philosophie, lehrte als Privatdozent in Halle, bis er 1901 nach Göttingen
berufen wurde. In Göttingen entstand der erste Band der "Ideen", einem Werk, das die
Phänomenologie begründete und die Philosophie aus der Gefahrenzone der Psychologisierung
zog. 1916 erfolgte der Ruf auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Freiburg, den
Husserl bis zu seiner Emeritierung 1928 innehatte.

Husserl starb im April 1938 in Freiburg und wurde auf dem Friedhof in Günterstal beerdigt.
Seine letzten Lebensjahre waren getrübt durch die Diffamierung, die er wegen seiner
jüdischen Herkunft von der nationalsozialistischen Universitätsverwaltung erlitt. Die
Lehrbefugnis war dem zunehmend vereinsamten Emeritus 1935 entzogen worden. Martin
Heidegger, 1933 Rektor der gleichgeschalteten Universität, sein berühmtester Schüler und
früherer Assistent, bekannte sich nicht mehr öffentlich zu seinem Lehrer.

Husserls philosophische Forschungen der Freiburger Zeit bezogen sich auf die Analyse der
Wahrnehmung, der Zeiterfahrung, auf die Verknüpfung der Mannigfaltigkeit des Gegebenen
und die Erfahrung der Differenz. Immer schaut der Mathematiker dem Philosophen über die
Schulter, wenn Husserl die Konstanz der Ideen und der Verknüpfung im Auge behält, so wie
ein Mathematiker Zahlenverhältnisse und Verknüpfungsregeln anwendet. Eine neue
Dimension erschloss Husserl der Philosophie mit einem Forschungsbereich, den er
"Phänomenologie der Lebenswelt" nannte. Im letzten großen Werkfragment, der "Krisis",
bezeichnete er die wie selbstverständlich gegebene Lebenswelt als ein "vergessenes
Sinnfundament der Naturwissenschaft", als "Untergrund vorlogischer Geltungen" und
formulierte das ungeheure Programm einer Annäherung der auseinander driftenden
Wissenschaftsbezirke.

Edmund Husserls riesiger handschriftlicher Nachlass in den Archiven in Löwen, Köln und
Freiburg ist bisher nur zum Teil erschlossen. Leider hat sich die Phänomenologie in den
Elfenbeinturm kaum zugänglicher Detailforschungen zurückgezogen. Ihre öffentliche
Wirkung tendiert gegen null. Husserls Ruf "Zu den Sachen selbst" muss womöglich außerhalb
der Universitätsphilosophie eingelöst werden.