Sie sind auf Seite 1von 62

HansBuob

Das
Geheimnis
der Kirche

UNIOMVERLAG
Reihe Kerygma
Heft 8

ISBN 3-935189-14-1

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© U N I O VERLAG
Hochaltingen, St.-Ulrich-Straße 4, D-86742 Fremdingen
Gestaltung & Produktion: Gernot Stuchlik UAC
Titelbild: Ikonen-Ausschnitt - Maria, Königin der Apostel,
Haus St. Ulrich in Hochaltingen
Gesamtherstellung: Data Print, Salzburg, Austria
Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Das ständige Kommen Christi


in seiner Kirche _ _ _ _ _ _ _ _

Kirche als Braut Christi 12

Das Verhältnis Gottes zu seiner Braut 33


Vorwort

Ich möchte mit Ihnen über eine Seite unserer Kirche


sprechen, von der man m. E. deswegen so wenig
hört, weil es sich bei dieser Seite um eine Myste-
rienseite der Kirche handelt, deren Verständnis ein
gewisses geistiges Gespür und ein bestimmtes Maß
an Glaubensfähigkeit verlangt.Würden wir der
Welt wieder verstärkt diesen Mysteriencharakter
der Kirche - das Geheimnis des Glaubens - aufzei-
gen, dann könnten die Menschen, auch die jungen
Menschen, eher und leichter zur Kirche zurückfin-
den. Denn eine Kirche, die nicht mehr darstellt als
ein soziologisches Gebilde ist wohl für niemand eine
Attraktion. Es gibt ja schon genügend gesellschaft-
liche Gruppierungen, die sich zum Zwecke irgend-
welcher Aktionen und Aktionismen zusammenfin-
den, und dabei an fortschreitendem Mitglieder-
schwund leiden. Auf der anderen Seite rennen die
Menschen geradezu hinein in die Falle des Okkul-
ten, ins Mysteriöse anderer Art. Warum? Weil
ihnen das Mysterium nicht mehr oder nicht mehr
richtig verkündet wird. Nun mag mancher sagen:
„Uh, Mysterium! Das alles ist mir eine Spur zu spi-
rituell, zu sehr über den Wolken angesiedelt!" Dem
muss man entgegenhalten, dass die eigentliche
Realität nicht das Sichtbare sondern das Unsichtbare
ist. Unsere aufgeklärten und verkopften Zeitgenos-
sen sagen: „Realität ist, was ich sehe und mit den
Sinnen wahrnehme." In Wirklichkeit ist das Sinnen-
hafte nur ein begrenzter Ausschnitt, ein kleiner
Ausschnitt der Realität. Das Unsichtbare bleibt die
eigentliche Realität. Das sei vorausgeschickt — für
den Fall, dass sich Ihnen die Frage nach der Realität
stellt.
Während meiner Tätigkeit im Noviziat habe ich
mich mit einem Schweizer Franziskanerpater ange-
freundet, der, wohl bedingt durch eine jahrelange
Krankheit, auf betrachtendem Weg tief in diese
Glaubenswirklichkeit vorgedrungen ist. Von ihm
habe ich viel gelernt und dabei auch eigene Ent-
deckungen gemacht.

Der Autor
Das ständige Kommen Christi
in seiner Kirche

Wenn ich jetzt über das Geheimnis der Kirche spre-


che, möchte ich zuerst einige Gedanken ausführen,
die Papst Johannes Paul IL dazu geäußert hat.
Im Abendmahlsaal spricht Jesus nicht nur von sei-
nem Fortgehen zum Vater, sondern auch von einem
neuen Kommen: „Ich werde euch nicht als Waisen
zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch"
(Joh 14,18). Und im Augenblick seines Abschieds
wiederholt er: „Seid gewiss, ich bin bei euch alle
Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Dieses
neue Kommen Christi ist ein ständiges Kommen;
Christus will damit bei seiner Kirche sein und blei-
ben. Die Sendung des Heiligen Geistes bewirkt,
dass Christus, der fortgegangen ist, jetzt und immer
auf eine neue Weise kommt. Und dieses neue, vom
Heiligen Geist gewirkte Kommen Christi, seine
ständige Gegenwart, sein stetes Handeln im geistli-
chen Leben, sein Wirken auch in meinem Leben -
all das geschieht in der sakramentalen Wirklichkeit.
Christus ist zwar in seinem sichtbaren Menschsein
fortgegangen, in der Kirche jedoch ist er wieder
sichtbar gegenwärtig. In ihr wirkt er auf solch inni-
ge Weise, dass er sie zu seinem Leib macht. Das alles
mag uns theologisch durchaus bekannt sein - aber
hat es schon in unserem Lebensgefühl seinen
Niederschlag gefunden? Hat es unser Bewusstsein
und unsere Seinsmitte durchdrungen, was es bedeu-
tet, dass wir real der sichtbare Christus sind? Dass
Christus in uns, seiner Kirche, real sichtbar geblie-
ben ist, und dass die sichtbare Kirche eine Folge der
Menschwerdung Christi ist? Denn was hätte es uns
schon viel gebracht — einiges schon, das ist klar —
wenn er gegangen wäre, wie er gekommen ist? Was
wäre uns da von ihm geblieben, wenn er von sich
nicht Sichtbares hinterlassen hätte? Eine Lehre? Sie
allein wäre für uns keine Quelle, aus der für uns „das
Leben strömt". Diese Wahrheit muss uns mal ins
Bewusstsein und ins Herz sinken!

Alle Sakramente sind sichtbare Zeichen des Han-


delns Christi. Sie lassen mich hören, sehen und er-
kennen: es ist geschehen. Das ist mehr als die
Vermutung, dass der Herr mir vielleicht verziehen
hat oder dass er eventuell anwesend ist. Nein, ich
darf dies wissen« weil er sinnenhaft zu uns kommt in
sichtbaren und hörbaren Zeichen; weil er unter uns
sein ganzes Erlöserleben fortsetzt — nicht nur unter
uns, sondern auch in uns, in seinem Leib. In jedem
Glied seines Leibes vollzieht er täglich einen ande-
ren Aspekt seines Erlöserlebens: leidend, arbeitend,
ausruhend, lehrend, liebend, verfolgt, geschmäht...
Das alles geschieht durch das Wirken des Heiligen
Geistes.

Die heilige Eucharistie ist der vollkommene sakra-


mentale Ausdruck nicht nur des Fortgehens Christi,
sondern auch seines erneuten Kommens. Hier ver-
wirklicht sich in der Opferung sein Fortgehen und
Hingeopfertwerden, in Kommunion sein Kommen
und sein Sich-mir-Schenken. Beides vollzieht sich
durch das Wirken des Heiligen Geistes in dessen
eigener Sendung. Das wird sinnenfällig in der Epi-
klese vor der Wandlung, wenn wir um den Heiligen
Geist beten: „Sende deinen Geist auf diese Gaben
herab und heilige sie, damit sie uns werden Leib
und Blut deines Sohnes, unseres Herrn Jesus
Christus."
Die Ähnlichkeit zwischen der Einheit der drei gött-
liehen Personen (Vater, Sohn und Heiliger Geist)
einerseits und der Einheit der Kinder Gottes (dem
mystischen Leib Christi) andrerseits verwirklicht
sich nach einem Wort des Heiligen Vaters in beson-
derer Weise in der Eucharistie. Denn gerade in ihr
lernt der Mensch, durch seine Teilnahme am Opfer
Christi, sich selbst zu finden, eben dadurch, dass er
in der Gemeinschaft mit Gott und den Mitmen-
schen sich selbst hingibt.

Es ist doch so: wenn ich mich hingebe, muss ich


zuerst wissen, was ich damit hingebe — eben dazu
muss ich zuerst mich selbst finden. Ich kann mich
nicht selbst hingeben, ohne zu wissen, was ich bin,
welche Gabe ich darstelle. Wenn ich z.B. von mir
sage: „Ich bin ein Nichts", dann habe ich auch
nichts, was ich hingeben könnte. Wenn ich aber
weiß, dass ich eine Einmaligkeit, eine Kostbarkeit
Gottes bin, dann habe ich auch etwas Kostbares und
Einmaliges hinzugeben. Hingabe verlangt also
zuerst einmal, dass ich zu mir selber finde, mich
selbst erkenne und wertschätze: ich bin etwas
Wertvolles, was ich da Gott gebe; es ist wertvoll,
weil ich - trotz meiner persönlichen Grenzen - etwas
bin, was von Ihm kommt.

Bekanntlich hielten die ersten Christen seit


Pfingsten fest am Brechen des Brotes, an den
Gebeten, an der Lehre der Apostel, die sie zu einer
Gemeinschaft einte. Sie erkannten, dass in der
eucharistischen Gemeinschaft der Kirche der aufer-
standene Christus gegenwärtig ist. So hat die
Kirche, geführt vom Heiligen Geist, von Anbeginn
an sich selbst durch die hl. Eucharistie ausgedrückt
und bekräftigt - so lehrt der Hl. Vater. In der Eucha-
ristie ereignet sich das Geheimnis Kirche; die
eucharistische Gegenwart Christi (also das sakra-
mentale „Ich bin bei euch") ermöglicht es der
Kirche, das eigene Geheimnis immer tiefer zu ent-
decken. Das Vaticanum II formuliert es so: „Die
Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament,
das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste
Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der
ganzen Menschheit" (LGL). Das ist die Kirche
Christi. In der Kirche, in ihrem Geheimnis, sind wir
ganz eins mit Christus: er ist das Haupt, wir sind
die Glieder seines Leibes. Und sollte man die Glie-
der vom Haupt trennen, würden beide sterben:
Haupt und Leib. Wir sind aber auch ganz eins
untereinander: Glieder lassen sich nicht voneinan-
der trennen, ein jedes von ihnen lebt mit und vom
anderen! Das ist also das Geheimnis der Kirche:
unsere Einheit mit Gott und untereinander .

„Die Kirche vollzieht nach dem Willen ihres Herrn


ihren Heilsdienst gegenüber den Menschen durch
verschiedene Sakramente", sagt der HI. Vater, und
er fügt hinzu: „Dieser sakramentale Dienst enthält
jedes Mal, wenn er vollzogen wird, in sich das Ge-
heimnis des Fortgehens Christi - eben durch Kreuz
und Auferstehung - kraft dessen der Hl. Geist
kommt." Das Ziel der Menschwerdung Christi und
seines Todes ist der Hl. Geist. Nur durch seine
Menschwerdung und seinen Kreuzestod konnte
Christus den Hl. Geist senden, der das von der
Sünde getötete Leben wieder erneuert.

Wie in jedem Sakrament, ist auch und besonders in


der Eucharistie das Geheimnis von Tod und Auf-
erstehung Jesu Christi wirksam - also das Geheim-
nis seines Fortgehens, das Geheimnis der Sendung
des Hl. Geistes, und mit dieser Sendung auch die

10
Wiederkunft Christi, da ja Christus in den Sakra-
menten gegenwärtig ist. Sakramente bezeichnen
Gnade (z.B. bezeichnet das Sakrament der Taufe die
Reinigung durch das Wasser) und bewirken die
Gnade. Dass Gott handelt, beschränkt sich nicht auf
eine Vermutung, sondern wird und bleibt für mich
hörbar und sichtbar in den Sakramenten. Die Kirche
ist dabei die sichtbare Ausspenderin der heiligen
Zeichen, der Hl. Geist hingegen der unsichtbare
Ausspender des Lebens, das die Sakramente bezeich-
nen. In ihnen ist Christus, zusammen mit dem
Geist, handelnd gegenwärtig. Es ist immer wieder
die Hingabe Jesu, die uns den Hl. Geist schenkt,
und der Hl. Geist setzt seinerseits Christi Er-
lösungstat und Erlösungswerk fort.
Wenn wir von der Kirche als dem Sakrament spre-
chen, müssen wir stets unterscheiden zwischen der
Sakramentalität der Kirche einerseits und den ver-
schiedenen Sakramenten andrerseits. Wenn das
Vaticanum II sagt: „Die Kirche ist gleichsam das
Sakrament, d.h. Zeichen und Werkzeug für die
innigste Vereinigung mit Gott", so will es zum
Ausdruck bringen, dass die Kirche durch die Macht
des Hl. Geistes in inniger Beziehung zu Christus
steht. Sie ist Zeichen der Gegenwart des lebens-
spendenden Geistes und Werkzeug seines Wirkens.
Der Geist Gottes handelt nicht gleichsam aus dem
unsichtbaren Raum heraus und an der Kirche vor-
bei, sondern eben durch diesen Christus, der einst in
seinem Menschsein sichtbar war und der jetzt im
Geheimnis Kirche sichtbar ist.

Das alles war vielleicht etwas „hohe Theologie",


aber eine unverzichtbare Klarstellung von tiefer
Wahrheit, entnommen dem päpstlichen Rund-
schreiben.

11
Kirche als Braut Christi

Ich möchte nun über die Kirche als der Braut


Christi sprechen. Der Geist und die Braut rufen:
„Maranatha!" „Komm, Herr Jesus!"

Die einfachste und gewöhnlichste Form, in der sich


der Hl. Geist ausdrückt und vernehmbar wird, ist
das Gebet. So sagt der Heilige Vater: „Es ist schön
und heilsam daran zu denken, dass, wo immer in der
Welt gebetet wird, der Hl. Geist, der belebende
Atem des Gebets, gegenwärtig ist." Von uns aus
können wir nicht einmal „Abba!" sagen, wir können
es nur im Hl. Geist. Das Gebet bleibt immer die
Stimme all derer, die scheinbar keine Stimme
haben. Und doch ist es eine Stimme, die machtvoll
wirkt und in der auch immer jener „laute Schrei"
ertönt, den der Hebräerbrief Christus zuschreibt:
„Er hat mit lautem Schreien und unter Tränen
Gebete und Bitten (vor Gott) gebracht ..." (Hebr 5,
7). Die Stimme der Beter wird zwar von der Welt
nicht gehört, greift aber in die Speichen des Rads
der Zeit ein. Freilich: Sind wir, der Leib Christi und
das Geheimnis Kirche, von der Wirksamkeit des
Gebetes überzeugt? Wenn uns diese Frage gestellt
wird, lautet unsere Antwort: „Ja, selbstverständ-
lich!" Aber kommt diese Antwort aus unserer
Herzenstiefe? Prüfen Sie doch mal Ihr Lebensgefühl
daraufhin, was Sie Ihrem Beten zumuten und
zutrauen! Glauben Sie, dass sich durch Ihr Beten
etwas verändert, z.B. die Situation im Sudan oder
im Kosovo? Wenn Sie diese Frage an sich heranlas-
sen, dann werden Sie spüren, was und wie viel Sie
dem Hl. Geist in Ihrem Gebet zutrauen - und was
Sie sich als Glied des Leibes Christi zutrauen. Wir

12
sind ja als Kirche das Wurzelsakrament, aus dem
alle anderen Sakramente hervorgehen! Was also
traue ich meinem Beten wirklich zu? Halte ich
anderes nicht doch für wichtiger als das Beten? „Ich
mach's doch lieber selber, dann weiß ich sicher, dass
es gemacht ist!" Prüfen Sie mal Ihr Herz daraufhin,
ob der Satz nicht auf Sie zutrifft!

Das Gebet ist die Stimme derer, die keine Stimme


haben; aber diese Stimme ist mächtiger als das
Geschrei der Welt. Denn wo jemand betet, ist, wie
der Papst sagt, der Geist Gottes gegenwärtig, und
er ist es, der in uns betet. Er ist die Seele der Kirche,
und wir sind die Kirche. So ist unser Beten
Ausdruck der Seele der Kirche. Wir müssen dem
Geist Gottes eine Stimme geben! Mit dem Gebet
kommt der Hl. Geist als Geschenk in das Herz des
Menschen, als Geschenk, das sich „unserer Schwach-
heit annimmt. Denn wir wissen nicht, worum wir
in rechter Weise beten sollen: Der Geist selber tritt
jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in
Worte fassen können" (Rom 8,26).

Aber - was traue ich diesem Seufzen des Geistes in


mir zu, wenn ich nichts höre und nichts sehe und
nichts wahrnehme? Dass der Hl. Geist unserem
Beten göttliche Dimensionen verleiht — glaube ich
das? Der hl. Paulus fährt im Römerbrief fort: „Und
Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die
Absicht des Geistes ist. Er tritt so, wie Gott es will,
für die Heiligen ein" (Rom 8,27). Dazu sagt der Hl.
Vater: „Inmitten von Enttäuschungen und Hoff-
nungen in unserer Zeit bleibt die Kirche dem Ge-
heimnis ihrer Geburt treu". Und das ist der Pfingst-
saal! Dort, wo gebetet wird, wo zwei oder drei um
dasselbe beten, wird der Hl. Geist ausgegossen.

13
„...Die Kirche bleibt dem Geheimnis ihrer Geburt
treu." Wie es eine geschichtliche Tatsache ist, dass
die Kirche am Pfingsttag aus dem Abendmahlssaal
ausgezogen ist, so kann man in gewissem Sinn auch
sagen, dass die Kirche diesen Ort niemals verlassen
hat. Das Anfangsprinzip ist auch das Wachstums-
prinzip: die Kirche wird dort wachsen, wo man sich
im Zönakulum trifft, wo unser Gebetstreffen mit
seinem Höhepunkt, der Eucharistie, wirklich nichts
anderes ist als Zönakulum im tiefsten Sinn - Ort der
Ausgießung des Hl. Geistes.

Die Kirche ist immer im Abendmahlsaal - sie trägt


ihn gewissermaßen im Herzen. Sie verweilt wie die
Apostel, zusammen mit Maria, im Gebet und bittet
unaufhörlich um das Kommen des Hl. Geistes.
Irgendwo auf der Welt sind ja immer Glieder des
Leibes Christi im Gebet — denken Sie nur an die
Ewige Anbetung vieler strenger Klöster, aber auch
vieler Gemeinden und einzelner Beter. Sie alle stel-
len weltweit immer die Kirche dar als die ecclesia
orans, die betende Kirche. Und wir alle haben daran
teil, sofern uns nicht die Sünde davon trennt. Mit
anderen Worten: Was immer in diesem Leib Christi
geschieht, geschieht an allen — auch das Sündigen,
das allen schadet.

Die Einheit der betenden Kirche mit der Mutter


Christi gehört von Anfang an zum Geheimnis der
Kirche. Maria ist im Abendmahlssaal als Königin
der Apostel. Sie ist es, die den Geist empfangen hat,
die, wie der Engel sagt, voll des Hl. Geistes ist. Aus
ihr wird dann durch den Hl. Geist Christus gleich-
sam herausgeboren, hinein in die Herzen der Apo-
stel, hinein in die Herzen aller Menschen. Darum
werden wir durch eine echte Verehrung des Hl.

14
Geistes ebenso zu Maria geführt wie durch eine
echte Marienverehrung zum Hl. Geist. Denn beide,
der Geist und die Braut, rufen: Maranatha!

In Lumen Gentium heißt es: „Nun aber wird die


Kirche, indem sie Marias geheimnisvolle Heiligkeit
betrachtet, ihre Liebe nachahmt und den Willen des
Vaters getreu erfüllt, durch die gläubige Annahme
des Wortes Gottes auch selbst Mutter ...und be-
wahrt in Nachahmung der Mutter ihres Herrn in
der Kraft des Heiligen Geistes jungfräulich einen
unversehrten Glauben, eine feste Hoffnung und eine
aufrichtige Liebe" (LG 64.). Auch die Kirche ist,
wie wir bereits gesehen haben, Jungfrau, da sie das
Treuwort hält, das sie dem Bräutigam gegeben hat.
Und so rufen der Geist und die Braut unaufhörlich:
„Komm, Herr Jesus!" Sie rufen es unaufhörlich! Der
Geist ist ja immer anwesend, wo Glieder der Kirche
beten, und so ruft die Braut Kirche zusammen mit
dem Geist unaufhörlich um das Kommen Jesu. Das
muss uns wieder deutlich ins Bewusstsein treten:
Wir beten in unserer Gemeinde oder in unserem
Gebetskreis oder in einer anderen Form gemeinsa-
men Betens nicht privat, sondern es ist immer das
gemeinsame Rufen von Braut und Hl. Geist um das
Kommen des Herrn für diese Welt! Wir sehen uns
da so oft nur als „private" Beter: in unserem Lebens-
gefühl ist hier der Durchbruch zum Geheimnis der
Kirche noch nicht erfolgt.

Das Gebet der Kirche ist jene besagte ununterbro-


chene Bitte, in der der Geist selber für uns eintritt.
Der Heilige Vater wünschte, dass sich die Kirche als
die Braut Christi auf das Jubiläum 2000 im Hl.
Geist so vorbereite, wie die Jungfrau von Nazareth,

15
in der das Wort Fleisch geworden ist, vom Hl. Geist
vorbereitet wurde.

Tun wir nun einen Blick hinein in dieses Geheimnis


Kirche, also in eine Wirklichkeit, die wir mit den
Worten, die uns Menschen zur Verfügung stehen,
kaum ausdrücken können. Die Lehre über die
Kirche ist kein Thema zweiter Ordnung, sondern
erstrangig, weil es zum Thema Gott gehört. Im
Gotteslob (Nr. 249) beten wir singend: „Da schrei-
tet Christus durch die Zeit in seiner Kirche
Pilgerkleid ..." und drücken damit aus, dass das
Thema Kirche untrennbar mit dem Thema Gott
verbunden ist.

Zweierlei findet der Mensch von heute anstößig in


der Kirche. Zum einen ist es der Heilsanspruch der
Kirche: dass durch die auf Petrus gegründete Kirche
— und Christus hat, wie aus dem griechischen Text
ganz eindeutig hervorgeht, nur eine Kirche gegrün-
det - das Heil kommt. Dieser Heilsanspruch
schreckt die Welt so sehr ab, dass Sie nicht selten
den Vorwurf hören: „Ihr seid ja borniert". Mit
Borniertheit freilich hat das nichts zu tun, vielmehr
mit unserer Verpflichtung, die Wahrheit zu sagen.

Wenn dieser Heilsanspruch die Wahrheit ist, dann


müssen wir ihn schon deswegen kundtun, weil nur
die Wahrheit in die Freiheit und - ins Nachdenken
führt.
Wenn also in der Kirche Christus als Heilbringer
„durch die Zeit schreitet", dann gibt es eben kein
Heil, das nicht durch die Kirche geschenkt ist: eben
dort, es sei nochmals gesagt, wo wir beten. Dort ist
der HI. Geist, dort rufen die Braut und der Geist
gemeinsam: „Komm, Herr Jesus!"

16
Mit Jesus ist uns alles geschenkt. So kommen Men-
schen über dieses fortgesetzte Rufen der Braut und
des Geistes zum Glauben - auch außerhalb der
Kirche: sie finden zu Gott. Das bedeutet, dass Hei-
den, auch wenn sie Christus nie kennen lernen, dazu
angeregt und bewegt werden, nach ihrem Gewissen
zu leben. Das ist die Frucht der Tatsache, dass die
Braut und der Geist immerzu rufen: „Maranatha!"
Das Heil wird also nicht irgendwo außerhalb der
Kirche geschenkt, sondern nur durch eben diesen
Leib Christi. Christus ist das Haupt, er ist die Fülle
des Heils, das durch seinen Leib in die Welt kommt.
Daran nimmt die Welt Anstoß.

Das andere, woran sich die Welt stößt, ist die


Schäbigkeit des Pilgergewandes der Kirche, die
Schwäche ihrer Glieder: Die Kirche ist ja eine
Kirche von Sündern. Aber nicht nur die Welt stößt
sich daran - wir tun es auch! Haben Sie noch nie
über eines der Glieder der Kirche gemeckert? Über
das schäbige und abgetragene Pilgergewand der
Kirche, das Ihnen in der Gestalt irgendeines „lie-
ben" Mitchristen begegnet ist? Vielleicht in der
Gestalt eines Dieners der Kirche, der für die Fuß-
waschung geweiht ist - und nicht für die „Kopf-
waschung"? Die Kirche ist nun mal die Braut
Christi, wie sie schon Ezechiel geschaut hat:
Christus hat seine Braut erwählt, die als kleines
Kind im Blut zappelte, und hat sie mit ewiger Liebe
geliebt. (Das AT ist eine wunderbare Erläuterung,
ein Kommentar der Geheimnisse des NT!) Diese
seine Kirche ist nicht ein soziologischer Verein, ein
Menschenwerk; sie ist eine Person, ein Ich, eben die
Braut Christi. (Unsere Berufung zur Jungfräulich-
keit bringt das inwendige Geheimnis dieser Braut-
schaft sichtbar zum Ausdruck.)

17
Ich bin Christ in dem Maße, wie ich Kirche bin.
Eine andere Form von Christsein gibt es nicht.
Dabei finden wir Spuren des Christlichen allenthal-
ben, schon bei Sokrates und anderen großen
Gestalten der antiken Geschichte. Meine Indivi-
dualität und meine individuelle Existenz muss hin-
eintauchen, hineinverwandelt werden in die Iden-
tität der Kirche, um zum „alter Christus" („alter"
bedeutet im Lateinischen ein anderer, ein zweiter)
werden zu können. Daran erkennen Sie, woran unse-
re Christlichkeit derzeit krankt: wir konfrontieren
uns mit der Kirche und kritisieren sie, anstatt dass
wir uns mit ihr identifizierten. Die Kirche ist aber
ein Ich, ist die Braut Christi, zu der ich gehöre, mag
ihr Pilgerkleid noch so schäbig sein. Das dürfen wir
nie außer Acht lassen. Wer die Kirche angreift,
greift, weil ich mich mit ihr identifiziere, mich an,
und verletzt mich im Kern - nicht bloß an der
Oberfläche. Das gehört zum Geheimnis Kirche, der
Braut Christi.

Um das Geheimnis der Kirche besser zu erfassen,


müssen wir auf Maria schauen. Sie ist das Urbild
der Kirche, hat aber schon im AT Vorbilder, die
ihrerseits zu einem besseren Verständnis dieses
Geheimnisses verhelfen. In Exodus 40,34 heißt es:
„Dann verhüllte die Wolke das Offenbarungszelt,
und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die
Wohnstätte". Die Wolke ist immer das Zeichen der
Gegenwart Gottes. In der Wolke zog Gott vor sei-
nem Volk einher und bahnte ihm den Weg durch
das Rote Meer. Die Wolke ist die verhüllte
Herrlichkeit Gottes, denn niemand kann Gott von
Angesicht zu Angesicht schauen. Auch auf dem
Berg Tabor begegnet uns die Wolke, von der Mose
und Elia, Gestalten der Ewigkeit, aufgenommen

18
und hinweggenommen werden, sodass die drei
Jünger nur noch Jesus allein sehen. Die Wolke
bedeutet nicht die Verborgenheit Gottes, sondern
Offenbarung Gottes, in der Weise, dass seine
Herrlichkeit uns ganz nahe ist, aber in verhülltem
Zustand, damit wir sie ertragen können.

Und so ließ sich die Herrlichkeit des Herrn in einer


Wolke auf das Offenbarungszelt und damit auf die
Bundeslade herab, dem Zeichen der Gegenwart
Gottes. Hier handelt es sich um ein Bild, ein altte-
stamentliches Bild für Maria.

Bei der Verkündigung der Menschwerdung wird


dasselbe Wort wie im AT verwendet. Der Erzengel
Gabriel sagt nämlich: „Die Kraft des Allerhöchsten
wird dich überschatten. Eben die Wolke, die sich
auf das Offenbarungszelt herabließ und auf der
Bundeslade ruhte - dieselbe Wolke, dieselbe Herr-
lichkeit kommt herab auf Maria: der Allerhöchste
überschattet sie! Eine wunderbare Parallele, die uns
vieles aufschlüsseln kann!

Schatten bedeutet dem Israeliten Schutz - denken


Sie nur an das Psalmwort: ...birg mich im Schatten
deiner Flügel... (Ps 17,8). Schatten ist auch Schutz
vor seiner Herrlichkeit, die er uns zwar schenken
will, die aber für uns, klein und armselig wie wir
sind, in unverhüllter Form unerträglich wäre. Gott
verhüllt sich in der Wolke so weit, dass wir, von ihr
überschattet, ihn schauen können. Dies ist ein
Zeichen von Milde und Demut. Das Geschehen im
Offenbarungszelt ist ein ganz tiefes Zeichen, ja eine
Vorausschau auf das, was in Maria, dem Urbild der
Kirche, und dann in der Kirche selbst geschehen
wird.

19
„Die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschat-
ten": der Allerhöchste wird mit seiner Kraft so über
dir sein, dass er sich verhüllen und den Schatten
über dich legen muss, damit du ihn ertragen kannst.
Das gilt für Maria bei der Verkündigung, das gilt
für die Kirche als Braut Christi! Deshalb spricht
Maria von der „Niedrigkeit" der Magd, wobei der
Begriff Niedrigkeit nicht etwa Sündhaftigkeit
bedeuten will, sondern Armseligkeit des Geschöpfs
angesichts der Herrlichkeit Gottes. (Daher erkennt
auch der Mystiker umso mehr seine Nichtigkeit, je
näher er dieser Herrlichkeit kommt und je mehr sie
sich ihm offenbart. So konnte Vinzenz Pallotti
sagen: „Ich bin ein Nichts und Sünde". Oder: „Ich
bin der größte Sünder; deshalb kannst du, Gott aus
mir das größte Wunder deiner Barmherzigkeit
machen." Das sind keine frommen Sprüche, auch
keine Bekundungen des Verzweifeins, sondern
Erkenntnisse dessen, dass mir alles Geschenk ist und
nichts aus mir selbst kommt.)

Maria ist von der Milde Gottes so geliebt, so von


ihm eingehüllt, dass sie seine Herrlichkeit in der
Demut ihres Magdseins, in ihrer „Niedrigkeit",
ertragen kann. Und diese Herrlichkeit überschattet
sie nicht nur, sondern dringt in sie ein. Denn so wie
es heißt: „Die Herrlichkeit erfüllte die Wohnstätte",
so sagt der Engel (im griechischen Urtext) ..Du
wirst in deinem Schoß empfangen. ...das Heilig -
(in dir) wird Sohn des Allerhöchsten genannt wer-
den." Das Offenbarungszelt war das Vorausbild, das
Zeichen. So wie die Herrlichkeit damals die Bun-
deslade erfüllte und in ihr wohnte, so sollte nach
dem Wort des Engels Gott in die neue Bundeslade,
in die Jungfrau Maria, eingehen.

20
Hier kommt uns eine Stelle aus der Apokalypse in
den Sinn: „Dann erschien ein großes Zeichen am
Himmel... die Lade des Bundes wurde sichtbar: eine
Frau ..." (Offb 11,19; 12,1). Der aus Maria
Geborene ist der Heilige, der einst das Zelt erfüllt
hat. Was damals im AT im Offenbarungszelt schat-
tenhaft-bildhaft geschah, wird jetzt in Maria und
dann in der Kirche Wirklichkeit und Wahrheit. Der
Schoß Mariens wird zum Offenbarungszelt, zum
Heiligtum, in dem Gott sich seinem Volk schenkt.
Er wohnt im Schoß seines Volkes, der Kirche, weil
Maria das Urbild der Kirche ist.

So ist Maria erfüllt mit der ganzen Herrlichkeit


Gottes. Seine Herrlichkeit zieht als Heiliger Geist
in Maria ein und zeugt in der Liebe Gottes das
Kind: nun wohnt Jahwe selber in Marias Schoß.

Gott hatte sich ja ins Allerheiligste des Offen-


barungszelts hineingeschenkt, später hineinge-
schenkt in den Tempel, wo er dann für immer
geblieben ist. Von Zeit zu Zeit wurde seine Deut-
lichkeit sichtbar, z.B. als Wolke bei der Tempel-
weihe unter Salomo. In der Bundeslade war Gott
wirklich mitten unter seinem Volk, und diese Wirk-
lichkeit war so konkret und erfahrbar, dass Mose zu
Gott sagte: „Ich verlasse das Volk, wenn du nicht
mit uns ziehst und nicht mit uns bist; dann verlas-
se auch ich das Volk."

Wenn es in der Geheimen Offenbarung heißt: „Ich


will unter ihnen zelten", so besagt das, dass Gott
gleichsam in das Zelt der gesamten verwandelten
Schöpfung eingehen will: „Da bin ich euer Gott,
und ihr seid mein Volk". Und das Zelt der verwan-
delten Schöpfung ist - die Kirche! Da ist er unser

21
Gott, und wir sind sein Volk. Wir sind sozusagen
von ihm „bewohnt". Die Wolke Jahwes, seine Herr-
lichkeit, hat sich auf uns, auf jeden Einzelnen von
uns, niedergelassen. Muss uns da sein Wort: „Wo
zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind,
bin ich mitten unter ihnen", nicht in einem neuen
Licht erscheinen?

Über die Bundeslade war seinerzeit ,eine goldene


Platte' angebracht, worauf Cherubim thronten. Die
Platte trug den Namen „Versöhnungsplatte" oder
„Versöhnungsort", von wo aus Gott sein Erbarmen
in Form der Versöhnung schenkte. In Maria, die die
Bundeslade darstellt, zieht demnach das Erbarmen
Gottes ein. Maria, die im Magnifikat singt: „Sein
Erbarmen währt von Geschlecht zu Geschlecht",
wird so zum Ort des Erbarmens. Und von diesem
Ort aus geht das Erbarmen Gottes in die Welt.
Deshalb nennen wir Maria auch „Mutter der
Barmherzigkeit".

Ein weiteres Wort, das sich auf Maria bezieht, ist


Zefanja 3,14 f: „Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel!
Freu dich, und frohlocke von ganzem Herzen,
Tochter Jerusalem ...Der König Israels, der Herr, ist
in deinem Schoß." In diesem Wort des Propheten
gipfelt eigentlich alle Prophetie des Alten Bundes:
Ich, Jahwe, werde in deinem Schoß sein; ich gehe
ein in deine Mitte, in dein Innerstes, in dein
Heiligtum, in deinen Tempel, in deine Bundeslade
und werde da König sein über die ganze Welt - lau-
ter Zitate! Dennoch zeigen uns die Propheten
immer wieder, dass das Wohnen Gottes in der Lade
nicht die Erfüllung war. Die Propheten schauen
immer ein künftiges Ereignis, ein Wohnen Gottes,
das von einer ganz anderen Fülle sein wird als es das

22
Wohnen Gottes in der Bundeslade war. Diese war ja
nach der Babylonischen Gefangenschaft nicht mehr
auffindbar, und Jeremia, der sie versteckt hatte,
sagt, sie werde erst wieder gefunden, wenn der
Messias kommt. Und genau das steht in Offb. 12:
Als ein Zeichen am Himmel erschien, wurde die
Bundeslade sichtbar: eine Frau, mit der Sonne
bekleidet. Mit der Frau ist immer Maria gemeint
und zugleich die Kirche als die Braut des Lammes!
Weil Maria das Urbild der Kirche ist, gilt alles, was
wir von ihr sagen, immer auch für die Kirche und
damit für uns alle. Die Kirche ist Maria und Maria
ist die Tochter Zion, ist Jerusalem, ist die Braut.

Nach der Rückkehr aus der Babylonischen Gefan-


genschaft wurde der Tempel zwar wieder aufgebaut,
aber die Bundeslade war nicht mehr in ihm. Daher
rührt das große Warten, die Erwartung des kom-
menden Messias, von dem in den Evangelien die
Rede ist. Denn dann würde Gott wieder mitten
unter ihnen sein, er, der mit dem Verlust der
Bundeslade nicht mehr gegenwärtig war. Spüren
Sie, wie sich diese Erwartung im Geheimnis der
Kirche erfüllte? Die Erfüllung vollzieht sich zuerst
in Maria, in der Gott Menschennatur angenommen
hat und von der aus er sich der Welt schenkte; die
Erfüllung vollzieht sich aber auch in der gesamten
Kirche als der Braut. Und so heißt die besagte Stelle
bei Zefanja bei genauer Übersetzung (anders als in
der Einheitsübersetzung): „Der König Israels, der
Herr, ist in deiner Mitte" sondern „...ist in deinem
Schoß" - in deinem Schoß, Jerusalem; in deinem
Schoß, Tochter Zion (wobei mit „Tochter" die Braut
gemeint ist). Obwohl in Israel die Frau relativ
wenig Bedeutung hatte, wird Israel in der Prophetie
immer weiblich, als Frau, gesehen. Gott offenbart

23
ihm.: Du bist meine Braut! Das läuft auf etwas
Entscheidendes hinaus: das männerdominierte
Jerusalem als Braut! Warum hat man, haben vor
allem die Männer, das hingenommen — warum nicht
umgedeutet? In der Offenbarung des Johannes
erfahren wir das Himmlische Jerusalem als „Braut
Gottes", die „vom Himmel herabsteigt, geschmückt
wie eine Braut für ihren Bräutigam". Und Gott geht
in ihren Schoß ein, in den Schoß dieses Himm-
lischen Jerusalems, dieser Braut, dieser Kirche, und
wird sogar aus ihr geboren — und das unaufhörlich!
Das ist die Mutter Kirche, aus der unaufhörlich -
die Braut und der Geist rufen ja: „Maranatha, Jesus
komm!" — Christus in die Welt hineingeboren wird,
hinein in die Herzen der Menschen.

„Der Herr ist in deinem Schoß König über Israel".


Dieses Zefanjawort nimmt der Engel Gabriel auf
und sagt (in wörtlicher Übersetzung) zu Maria: „Du
wirst in deinem Schoß empfangen ..." Jetzt erfüllt
sich die ganze Verheißung Gottes: dass Gott in den
Schoß seines Volkes eingeht! Jetzt geschieht es - ein
geschichtliches Ereignis, wahrhaftig real und nicht
bloß als Idee! Es geschieht im Schoß dieser Frau, der
auserwählten Tochter Zion! Alle Verheißungen, ob
in den Psalmen oder sonst wo, die Zion, Jerusalem,
dem Tempel, dem Allerheiligsten oder der Bundes-
lade gelten: sie alle erfüllen sich in Maria. Sie ist
Zion, Jerusalem, der Tempel, die Bundeslade, das
Urbild der Kirche!

Wenn es im AT heißt: „In deinem Schoß bin ich,


Jahwe, der rettende Held", so ist Jesus in Mariens
Schoß der rettende Held, der „Israel von seinen
Sünden befreien wird." „Jesus" (hebr. Jeshua) bedeu-
tet ja „Gott ist Retter". Er ist der rettende Held im

24
AT ebenso wie im Schoß Mariens. Die Worte
Gabriels wollen also sagen: Jahwe, Gott selbst, wird
in deinem, Marias Schoß, der rettende Held, also
Jesus sein!

Hier leuchtet eine unerhörte Einheit und Zusam-


mengehörigkeit zwischen dem AT und dem NT auf
- aber auch ein Schimmer der unaussprechlichen
Gnade, die diese Menschwerdung Jesu im Schoß
Mariens bedeutet! Menschwerdung - noch mehr:
Menschbleibung im Geheimnis der Kirche, der
Braut!

Alle Verheißungen sind jetzt erfüllt und deshalb


kann Elisabeth sagen: „Selig bist du, weil du ge-
glaubt hast" - an eben diese Verheißungen. Und so
verkörpert Maria gleichsam die ganze Fülle: Fülle
des Gottesvolkes, Jerusalems, des Tempels, des
Allerheiligsten - eben die Bundeslade.

Wenn der hl. Erzengel Gabriel zu Maria sagt:


„Fürchte dich nicht Maria, du hast Gnade gefunden
bei Gott", so nimmt er die Verheißung Gottes bei
Zefania auf: „Fürchte dich nicht, Zion, du bist
erwählt." Diese Worte gelten auch seiner Braut, der
Kirche, und damit jedem Einzelnen von uns.
„Fürchte dich nicht, Zion, du bist erwählt - du bist
berufen, Christ zu sein, Kirche zu sein. Wenn du
auch noch so arm und klein bist: Ich, Jahwe, habe
dich erwählt; du bist von mir begnadet, voll der
Gnade; du kannst vertrauensvoll empfangen was ich
dir schenke, denn ich habe dich erwählt. Fürchte
dich nicht!"
Es heißt dann bei Zefania weiter, dass es Gott selber
ist, der jubelt und sich freut über Zion, über die

25
Braut (3,17): „Er freut sich und jubelt über dich, er
erneuert seine Liebe zu dir." Jahwe frohlockt, er
tanzt im Reigen, er tanzt den Hochzeitsreigen, den
Hochzeitstanz des Bräutigams mit seiner Braut.
Dabei ist Maria das Urbild der Braut und die Kirche
die Braut Christi - und Christus bleibt Mensch im
Geheimnis seiner Kirche.

(Wer einmal das Wesen der Kirche in diesem in-


wendigen Geheimnis erahnt, dem tun Urteile zu-
tiefst weh, die heute über die Kirche gesprochen
werden von Menschen, die schlechterdings keine
Ahnung haben vom Wesen und dem tiefen Ge-
heimnis der Braut, über die der Herr jubelt.)

Aus der hebräischen Formulierung geht eindeutig


hervor, dass Gott einen Hochzeitstanz tanzt: er ver-
mählt sich mit seinem Volk (er hat sich im AT
immer schon als der Gemahl seines Volkes darge-
stellt, weshalb er auch den Götzendienst als Ehe-
bruch bezeichnet!). Nun aber ist Maria als Urbild
der Kirche die Vermählte, und über sie vermählt
sich Christus mit seiner Braut Kirche, also mit uns
allen, und darüber hinaus mit der gesamten
Schöpfung, die sich nach dem Offenbarwerden der
Kinder Gottes sehnt. Die ganze Schöpfung, die ja
zur Braut gehört, wird einmal „der neue Himmel
und die neue Erde" sein. Maria spricht stellvertre-
tend für die ganze Schöpfung ihr „Ja" zu dieser
Vermählung (jedoch muss jeder von uns dieses Ja
nachsprechen!). Maria als Braut ist ganz Geschöpf,
ganz Magd des Herrn, und als solche empfängt sie
die Kirche, die übrigen Glieder ihres Sohnes. Sie
gebiert sie in der Kraft des Hl. Geistes - im
Pfingstsaal. Somit sind wir alle in ihr geboren. Das
wunderbare Wort kennen Sie alle: „Sie alle sind in

26
dir, Zion, geboren. Alle meine Quellen entspringen
in dir."

Maria ist die Zustimmung zur Liebe Gottes, das Ja


zum Vermählungsangebot Gottes, und der Erzengel
Gabriel ist der Brautwerber. Gott will sich mit
Maria vermählen und in ihr mit der ganzen Kirche.
Als Maria Gottes Braut wird, schlägt die Geburts-
stunde der Kirche. Gott will ihr alles, was dann in
der Kirche lebendig wird, als Brautgabe schenken -
Christus selbst, und mit ihm alles! Die Menschwer-
dung Christi ist der Vermählungstag Gottes mit
seiner Braut Kirche: Gabriel bietet die Liebe Gottes
in ihrer unendlichen Fülle Maria an, und damit uns
allen. Und Maria spricht das „Ja" in unser aller
Namen. Im Jawort Mariens, in ihrem Herzen, kön-
nen wir die Kraft empfangen, in gleicher Demut
wie sie Ja sagen zur Gnade Gottes, zu seinem
Liebesangebot - und zu unserem ganzen Elend (das
nun mal zur „Niedrigkeit seiner Magd" gehört);
auch zu all unserer Verstocktheit und zu allem, was
somit noch auf unserem Herzen lastet. Nichts hin-
dert Gott daran, uns zu lieben. Wenn wir ihn und
seine Liebe annehmen, wandelt er uns: „Ich schaffe
dich neu in meiner Liebe."

Es besteht für jeden die Möglichkeit, das „Ja"


Mariens zu sprechen, dieses Ja zur Vermählung, das
zugleich ein Ja zur Annahme der Taufe ist. Bei der
Taufe hat Gott mir ja das Angebot gemacht, sich
mit mir zu vermählen. Maria sucht als Bundeslade
sodann Elisabeth auf. Sie eilt durch die Wüste Juda,
um diese Wüste - und damit die Wüste der Welt -
zum Blühen zu bringen. Das AT nimmt so Bezug
auf die Bundeslade, die dem Volk vorausging:

27
„Gott, als du deinem Volk vorauszogst, als du die
Wüste durchschrittest, da bebte die Erde, da ergos-
sen sich die Himmel vor Gott, dem Herrn vom
Sinai, vor Israels Gott. Gott, du ließest Regen strö-
men in Fülle und erquicktest dein verschmachten-
des Erbland. Deine Geschöpfe finden dort
Wohnung. Gott, in deiner Güte sorgst du für die
Armen."

„Gott, ...du durchschrittest die Wüste" - und Maria


eilte durch die Wüste, über das Bergland. So wie
Gott damals in seiner Braut Maria durch die Wüste
schritt, so schreitet er heute in der Braut Kirche
durch die Wüste unserer Tage.

Wir müssen die Psalmen „neutestamentlich" beten


und sie daraufhin abhorchen, was sie über das
Geheimnis der Kirche, die Braut, aussagen.

Und so geht Maria als die neue Bundeslade gleich-


sam segnend durch die Wüste. In ihr erfüllt sich
unser Psalmwort so, wie es sich dann in der Kirche
erfüllen wird. Als sie schließlich Elisabeth begrüßt,
strömt der Segen der „Bundeslade" hinüber auf
Elisabeth, so dass diese sagen kann: „Als dein Gruß
an mein Ohr klang, hüpfte das Kind vor Freude in
meinem Schoß".

Elisabeth wird also durch die Begegnung mit der


„Bundeslade" Maria, der die Herrlichkeit Gottes
einwohnt, ihrerseits von der Herrlichkeit des HI.
Geistes erfüllt. Das ist der Segen, der aus dem
„Heiligtum" Maria ausstrahlt. Die Herrlichkeit
Gottes in der „ Wolke" Maria drängt das Kind im
Schoß Elisabeths dazu, vor Freude zu hüpfen. Es
heißt im Urtext nicht etwa, das Kind bewegte sich

28
- viel stärker: es hüpfte. Der Evangelist Lukas ver-
wendet hier das griechische Verb skirtao: einen
Tanzschritt machen, hüpfen im Jubeltanz: - welche
Parallele zu Zefania, wo der Herr „im Reigen über
dir tanzt wie an den Festen"! Und Johannes ist, wie
er es später selber ausdrücken wird, der Brautführer,
der dem Bräutigam einmal die Braut zuführen soll.
Im Heiligen Geist erkennt das Kind im Schoß
Elisabeths dieses tiefe Geheimnis, nämlich Braut-
führer zu sein und den Brautreigen eröffnen zu dür-
fen. Im Tanzschritt hüpfend führt er den Hochzeits-
tanz an, den Tanz der Vermählung Gottes mit der
ganzen Schöpfung. Wie ist das doch wunderbar!
Welch wunderbare Bilder für ein Geheimnis, das
anders auszudrücken unsere Sprache keine Möglich-
keit hat.

Aus alttestamentlicher Sicht ist Maria die „Platte",


die über der Bundeslade liegende Versöhnungsplat-
te des Erbarmens Gottes, von dem Maria im
Magnifikat sagt: „Er erbarmt sich von Geschlecht zu
Geschlecht" und „Die Hungernden beschenkt er
mit seinen Gaben". Die Erfüllung dieser Prophetie
erfährt Maria bei Elisabeth und Johannes, die ihrer-
seits das Erbarmen Gottes erfahren, die gesättigt
und vom HI. Geist erfüllt werden.

In der alttestamentlichen Bundeslade befanden sich


auch das Manna und das Bundesbrot - das wirkli-
che Lebensbrot aber ist jetzt im Schoß der neuen
Bundeslade, eben in Maria. Es ist das wahre Brot
vom Himmel, das wahre Manna, das später in der
Kirche die Eucharistie sein wird. Dann wird die
Kirche selber den Dienst des Erbarmens und der
Versöhnung verwalten, sie wird das Brot des Lebens

29
reichen und tun, was in der Bundeslade bereits vor-
gebildet ist.

Maria trägt das Brot des Lebens in sich. In der


Gemeinschaft mit Maria werden wir selber als
Kirche zur Bundeslade. Die heilige Kommunion ist
ein Teilnehmen am Empfangen Mariens; durch
unsere Teilnahme werden wir selbst zu „Maria, der
Braut", und wie sie werden wir von der Herrlichkeit
Gottes erfüllt.

Der Herr zieht bereits bei der Taufe in uns ein,


nimmt Wohnung in uns und überschattet uns in
Milde, damit wir seine Herrlichkeit ertragen kön-
nen, die offenbar werden wird, wenn der Herr in
Herrlichkeit wiederkommt. In gleicher Weise ver-
birgt er sich im „Schatten" des Brotes, der hl.
Eucharistie, damit wir die Herrlichkeit des Bräuti-
gams in uns aufnehmen und „den starken Helden"
in unsere Armut und Schwachheit einlassen können.
Aus unserem „Schoß" heraus will er ebenso segnen,
wie er durch Maria, Johannes und Elisabeth geseg-
net hat. Er will es aus unserem Schoß heraus tun,
dann, wenn wir Menschen begegnen, und zwar ohne
dass da von unserer Seite etwas Besonderes
geschieht. Das freilich bedeutet für uns: segnen!
Segnen, wohin immer wir kommen, gerade auf
unserem Weg durch die Wüste dieser Welt, damit
auch sie zu blühen anfange.

Dämmert es uns jetzt, wie wichtig es ist, dass die


Kirche präsent ist? Überall, allenthalben, an jedem
Ort? Dass wir überall bewusst unsere Schritte set-
zen, bewusst durch die Straßen gehen, bewusst
durch die Wüsten dieser Welt ziehen; dass wir als
Christen dies im Bewusstsein tun, dass aus uns die

30
Herrlichkeit des Herrn segnend ausstrahlt auf alle,
die uns begegnen. Darum ist auch die Weitergabe
unseres Grußes eine wunderbare Brücke hinüber
zum anderen, selbst wenn er für uns ein Unbekann-
ter ist.

Das ist das Geheimnis der Kirche: dass wir „Tochter


Zion" werden, vermählt mit Christus, dem Bräuti-
gam. In der Berufung zur Jungfräulichkeit, zur
Brautschaft, ist dies zutiefst ausgedrückt. Wenn der
Bräutigam uns liebt in der Liebe, mit der er Maria,
die Braut liebt, so lieben wir unsrerseits ihn und
nehmen ihn auf mit dem Ja-Wort, das wir mit
Maria aussprechen.

Das Ja-Wort ist ein wichtiger Zugang. So ist auch


die Weihe an Maria und an ihr unbeflecktes Herz
eine Befugnis für sie, uns zu einem bräutlichen
Herzen umzuformen. Immer sollte uns bewusst
sein, dass Gott uns „neu schafft in seiner Liebe", und
dass er „Reigen tanzt über uns am Tag des Festes" -
über uns!

Die hl. Hildegard drückt dieses Geheimnis der


Kirche etwa so aus: Wir sind in der einen Liebesglut
des Hl. Geistes schon bei der Menschwerdung Jesu
im Schoß Mariens mitgezeugt als Glieder an diesem
heiligen, menschgewordenen Sohn.

So könnte man auch sagen: Die Geschichte der


Kirche beginnt in dem Augenblick, da der Ewige
Sohn Gottes sich im Schoß Mariens mit ihr ver-
mählt und in der Liebeskraft des Bräutigams (näm-
lich des Hl. Geistes) die menschliche Natur Jesu,
das Kind, zeugt. Jesus als Mensch ist also hervorge-
gangen aus der Vermählung des Ewigen Wortes

31
Gottes mit Maria und in der Kraft seiner Liebe,
nämlich im Hl. Geist.

Die hl. Hildegard sagt weiter: „ Wir sind eigentlich


schon damals im Schoß Mariens durch den Hl. Geist
mitgezeugt, und zwar als der ,alte Christus', als der
zweite Christus, als die Braut: mitvermählt mit
Christus, dem Bräutigam".

32
Das Verhältnis Gottes
zu seiner Braut

Ich möchte noch einen Schritt weiter hineintun in


das Geheimnis der Kirche, das zwar unsichtbar ist,
aber aus dem die Kirche lebt. Je mehr dieses Ge-
heimnis wieder angenommen, je mehr es konkret in
unser Leben hineingenommen wird, umso jugendli-
cher, attraktiver und fruchtbarer wird die Kirche
sein. Solange wir an der Kirche nur deren äußere
Gestalt sehen, ihr zerrissenes Pilgergewand und ihre
soziologische Struktur, wird sie an Anziehungskraft
nicht gewinnen.

Wir müssen den Mut aufbringen, uns wieder in das


innere Geheimnis der Kirche hineinzufühlen. Gar
mancher von Ihnen mag da sagen: „Das ist mir
irgendwo noch zu weit weg." Das kann durchaus so
sein - aber lehnt der Betreffende dann nicht etwas
ab, was er nicht kennt und versteht? Das ist Hybris!
Wir werden im Reich Gottes noch vieles nicht ver-
stehen - dazu brauchen wir nämlich eine Ewigkeit.
Wenn ich etwas nicht verstehe, sollte ich es nicht
den vielen gleichtun, die allzu schnell bereit sind zu
sagen: „Spinnerei! So ein Käs1!" Sondern ich sollte
mir eingestehen: „Ich versteh's noch nicht" und den
Heiligen Geist bitten, mir Zugang zu dem Ge-
heimnis zu gewähren. Das ist Demut. Alles andere
ist Stolz. Sich einzubilden, alles wissen können —
wie Gott - das ist die Ursünde!

Ich wollte das vorausschicken und Sie auf etwas ein-


stellen, das Sie in eine ungeahnte Tiefe führen wird.
Es sind Gedanken, die nachzuvollziehen eines ech-
ten Glaubens, einer tiefen geistigen Erfahrung und

33
innerer Lebendigkeit bedürfen. Der hl. Paulus for-
muliert es so: „Die Welt kann das nicht verstehen.
Der vom Geist geführte Mensch versteht alles, aber
er kann von niemand beurteilt werden." Das gilt
auch vom Geheimnis der Kirche. Und das ist es, was
wir heutzutage so leidvoll erleben.

Gehen wir noch einen Schritt weiter, oder, wenn Sie


so wollen, eine Stufe tiefer. In Mt 16,19 sagt Jesus
zu Petrus: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmel-
reichs geben." Haben Sie diese Worte schon einmal
auf ihre volle Aussage hin betrachtet? „ Was du auf
Erden binden wirst, das wird auch im Himmel
gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst,
das wird auch im Himmel gelöst sein." Diese Worte
und die sich daraus ergebende Konsequenz führen
uns noch tiefer hinein in das Geheimnis der Kirche,
und das bedeutet: in das Verhältnis Gottes zu seiner
Braut, zu seiner Kirche.

Eigentlich ist es erschütternd, wie sehr sich der


Himmel in diesen an Petrus gerichteten Worten der
Erde ausliefert! Der Himmel muss - so könnte man
sagen — aufgrund dieses Wortes mit göttlicher
Gewissheit alles vollziehen, was Petrus tut. Damit
liefert sich Gott total an seine Kirche aus, denn mit
„Himmel" ist immer der Dreifaltige Gott gemeint -
unsichtbares Geheimnis! So bedeuten diese Worte
im Letzten: Der Vater selbst beugt sich unter dich,
Petrus; Jesus beugt sich unter dich, Petrus; der HI.
Geist beugt sich unter dich, Petrus.

Dass sich der Vater unter Petrus beugt, hat er schon


dadurch bewiesen, dass er seinen Mensch geworde-
nen Sohn unter Maria stellt, damit unter die Kirche,
unter die Braut; dass er ihn unter das Gesetz, unter

34
den Hohen Rat stellt. Oder denken wir an die
Eucharistie: wie Gott sich den Händen des Priesters
ausliefert, wie er sich ihm unterstellt und auf sein
Wort hin handelt. Das ist Gottes Verhältnis zu sei-
ner Kirche! Der Vater hat seinen Sohn wirklich in
die Niedrigkeit gesandt. Und daran entscheidet sich
das ewige Heil: ob wir diese Erniedrigung Gottes
unter den Menschen, unter die Kirche, unter Petrus,
„mitmachen" oder nicht. Das ist das Geheimnis der
Kirche, das ist das Grundverhältnis Gottes zu seiner
Braut Kirche.

Durch die Jahrhunderte haben die Theologen an der


Frage herumgerätselt, worin wohl die Entscheidung
der gefallenen Engel bestanden hat. Eine recht ein-
sichtige Erklärung besteht darin, dass Luzifer und
sein Anhang es für eine unerträgliche Demütigung
hielten, einem Gott dienen zu sollen, der, wie Pau-
lus schreibt, sich unter den Gehorsam der Frau
stellt, unter den Gehorsam der Kirche. Das ist auch
der Grund dafür, dass Satan Maria und die Kirche so
sehr hasst und mit ihr im Kampf liegt! Wenn die
Kirche nur eine Institution, ein Verein unter vielen
wäre, könnte er sich den Kampf sparen.

(Wir müssen uns immer wieder darüber klar wer-


den, warum denn der Kampf gegen die Kirche so
heftig entbrennt. Wem tut sie denn etwas zu Leide?
Dabei wollen ihr selbst diejenigen an den Kragen,
die von ihr leben! Was ist da los? Was ist das für
eine Verwirrung? Wer lässt sich da missbrauchen,
von Satan instrumentalisieren, ohne es zu merken?)

Das Zeichen, das den Engeln gegeben wurde — so


die verschiedenen Theologen verschiedenster Jahr-
hunderte - war wohl die Frau, die das Kind im

35
Schoß trägt und gebiert: ein Ausdruck der
Erniedrigung des Gottessohnes, der sich von einer
Frau gebären lässt und sich ihr unterstellt. Ganz
offensichtlich wird das in der Geheimen
Offenbarung (Offb 12), wo diese Frau zugleich die
Kirche ist. Sie wird ja, nachdem das Kind zum
Throne Gottes entrückt worden ist, bis in die
Wüste hinein vom Drachen verfolgt, d.h. durch die
gefallenen Engel. Es ist also evident, dass den
Engeln das Geheimnis der Braut offenbart wurde,
das Geheimnis Mariens, der Kirche, eben der Frau,
unter die sich Jesus stellt.

Das hat den Hass Satans und seiner Anhänger aus-


gelöst. Wenn sie diesem Gott dienten, dann müss-
ten auch sie sich unter diese Frau stellen, die, wie
gesagt, dargestellt ist zuerst in Maria als Erst-
Kirche und Ur-Bild der Kirche, sodann in der
Kirche selbst. Luzifer freilich und sein Anhang
wählen lieber die Verzweiflung der Hölle, als dass
sie die Erniedrigung Gottes mitmachen. Luzifer will
einem Großen Gott dienen, und nicht einem der
sich erniedrigt, seine Macht aufgibt, sich binden
und fesseln lässt — nicht nur von den Hohenprie-
stern oder Pilatus, sondern auch von seiner Kirche;
der sich fesseln lässt von jedem Papst, jedem Prie-
ster, der Eucharistie feiert; von jedem Getauften, in
den der Herr einzieht, in dem er Wohnung nimmt,
der sein Leib ist und dem er total ausgeliefert ist.
Christus ist in jedem Getauften total ausgeliefert!
Mag dieser Getaufte das Gute tun oder das Böse:
Jesus, der in ihm lebt, muss es mitmachen! Ein
erniedrigter Gott: das ist das Verhältnis Gottes zu
seiner Kirche, das ist das unwahrscheinliche
Geheimnis dieser Kirche.

36
Einem derartig ausgelieferten Gott kann Luzifer
nicht dienen. Das ist eine doch recht plausible
Erklärung dafür, dass Luzifer Gott den Gehorsam
aufgekündigt hat. Was aber bedeutet für uns die
Auslieferung an den Vater, an den HI. Geist, der
sich ja unter die Kirche stellt, die Auslieferung an
Christus, der ja in der Kirche dargestellt ist? Für
uns bedeutet diese Auslieferung die Glaubensent-
scheidung, Entscheidung zum ewigen Heil! Diese
Entscheidung zum Heil vollzieht sich in unserer
Auslieferung an Christus und damit an die Kirche!
Sie ist ja der fortlebende Christus; in ihr lebt er und
in ihr begegnen wir ihm. Das macht auch die der-
zeitige unheimliche Rebellion gegen die Kirche ver-
ständlicher. Wir - und uns dieser Kirche ausliefern?
Uns diesen Anordnungen des Papstes ausliefern?
Nein!

Die Zeichen deuten heute auf Sieg Satans! Jetzt


scheint er tatsächlich die Frau, die Kirche zu be-
zwingen. Muss das ein Freudengeheul in der Hölle
sein: über jeden Priester, der nicht mehr ganz
glaubt, nicht mehr den ganzen Glauben verkündet;
über jeden Christen, der über die Kirche verächtlich
spricht und denkt...

Was es jetzt braucht, liebe Brüder und Schwestern,


ist Tapferkeit! Tapferkeit um des Geheimnisses der
Kirche willen, um des Geheimnis Gottes in der
Kirche willen. Es braucht Bekennermut: ich stehe
in Treue zu Papst und Kirche; ich bekenne offen,
dass man den Glauben von der Kirche und damit
von Christus empfangen kann; ich bekenne, dass
jede Theologie, jede Glaubensverkündigung per-
sönlicher Art (meinetwegen im Religionsunterricht,
im Gespräch, auf der Kanzel oder sonst wo) und jede

37
Form von Glaubenshaltung, mag sie noch so wahr
scheinen, der göttlichen Autorität entbehrt - sofern
sie nicht aus der Kirche kommt.

Es kommt also darauf an, wer verkündet: dass der


Betreffende nicht nur die Wahrheit verkündet, son-
dern dazu auch den Auftrag der Kirche hat. Die
„Wahrheit" sagen heute viele, aber ihr Sagen ent-
behrt der göttlichen Autorität, die an Petrus, an die
Kirche gebunden ist. Aber wer nicht die Wahrheit
der Kirche verkündet, verkündet nur die eigene.
Wer dagegen die Wahrheit im Auftrag der Kirche,
innerhalb der Kirche, von der Kirche verkündet, tut
das in göttlicher Autorität und Bevollmächtigung.
Hier haben wir es wieder mit diesem uns so schwer
zugänglichen Geheimnis zu tun, zu dem uns aber
das massive, an Petrus gerichtete Wort Jesu, einen
Zugang schafft: „Was du auf Erden binden wirst,
das ist auch im Himmel gebunden." Mit diesem
Wort bindet sich, wie gesagt, der auferstandene
Herr an die Kirche, und mit ihm tut das der Vater,
zusammen mit dem Hl. Geist und der ganzen
himmlischen Heerschar. Das Wort meint eigent-
lich: Was du, Kirche, tust, das muss ich, Gott Vater
und Sohn und HI. Geist, tun, und das werde ich
tun.

Wo immer wir uns zur Eucharistie versammeln,


vollzieht sich das Geheimnis des Todes und der
Auferstehung Christi; selbst wenn die Eucharistie
unwürdig und inmitten Ungläubiger oder nur halb-
herzig Glaubender gefeiert würde. Keineswegs
besagt Jesu Wort, dass er sich in den Himmel
zurückziehe und damit alles der Kirche zu tun über-
lasse. Vielmehr liefert er sich an die Kirche aus und
ist so in der Kirche, dass er gerade durch diese

38
Erniedrigung in der Kreuzesform die Kirche leitet.
Wenn Gott die Kirche in der Kreuzesform leitet, so
bedeutet das, dass er unter ihr leidet - und er wird
noch viel zu leiden haben. Da er in Kreuzesform lei-
tet, wird er in dem jeweiligen Papst, wie in jedem
einzelnen Getauften, die Kirche durch deren
Grenzen, Schwächen und Sünden hindurchleiten
(und dabei muss es Gott auf sich nehmen, dass man-
ches von ihm gewollte Gute auf der Strecke bleibt!).
Diese Erniedrigung Gottes zu akzeptieren ist die
Voraussetzung dafür, dass wir die Herrlichkeit des
Auferstandenen erkennen: im Papst, in unserer
Eucharistiefeier, in jeder Lehre der Kirche und in
jedem Wort der Hl. Schrift. Nehmen wir die besag-
te Erniedrigung Gottes nicht an, bleibt uns dieses
Geheimnis verborgen. Und das meint wohl Paulus,
wenn er an die Korinther schreibt (1 Kor 2,8):
„Keiner der Machthaber dieser Welt hat es (dieses
Geheimnis) erkannt...sonst hätten sie den Herrn der
Herrlichkeit nicht gekreuzigt."

Diese Erniedrigung - äußerlich sichtbar geworden


am Kreuz - hat man seinerzeit nicht begriffen; man
begreift sie auch heute noch nicht. Die Erniedri-
gung Gottes setzt sich fort und lebt weiter im
Geheimnis der Kirche. Sich unter die gebrechlichen
Glieder seines Leibes zu stellen — eine undenkbare,
geradezu wahnsinnige Weise der Erniedrigung des
unendlichen Gottes! Gott sagt nicht: „Ich werde
dafür sorgen, dass ihr tut, was ich will," sondern er
sagt: „Ich werde das tun, was ihr bestimmt." Grenzt
das nicht an Wahnsinn?

Die Zeitgenossen Jesu schauten damals nur die


Erniedrigung, nicht aber in der Erniedrigung die
Herrlichkeit Gottes: Sie liefen davon, weil er sich,

39
statt König von Israel zu werden, erniedrigte. Weil
sie, auch seine Feinde, die Herrlichkeit nicht sahen,
blieb ihnen nur der Hass gegen einen Gott, der sich
erniedrigt.

Dasselbe gilt für alle Zeiten, ganz besonders für das


vergangene Jahrhundert, aber auch für unsere Tage.
Wer redet denn heute noch positiv von der Kirche?
Und sollte das in den Medien tatsächlich einmal
geschehen, dann gilt das schon als kleine Sensation.
Ich denke, ich habe damit nicht übertrieben.

Wenn ich den Weg der Erniedrigung Gottes anneh-


men kann, auch seine Erniedrigung in mir, fällt es
mir dann nicht leichter zu verstehen, warum die
Welt einen geradezu verrückten Hass auf die katho-
lische Kirche hat, auf den Felsen Petri? Eigenarti-
gerweise gilt dieser Hass nicht in gleicher Heftig-
keit anderen Christen (die freilich oft ihrerseits die
katholische Kirche zum Ziel ihrer Angriffe
machen).

Worum wir beten müssen: dass wir an diese


Herrlichkeit in der Erniedrigung, die Herrlichkeit
Gottes in seiner Kirche glauben können. Dieser
Glaube ist an den Gehorsam gebunden — und darum
ist er selten geworden. Alles ist in Rebellion, Ge-
horsam ist Rarität geworden, Gehorsam gegenüber
einem Gott, der in seiner Selbsterniedrigung bis ans
Kreuz geht.

Es geht um den Glauben an die Offenbarung Got-


tes, dass er in der Erniedrigung die Liebe als sein
eigentliches Wesen kundtut. Diesem Gott gegenü-
ber gehorsam zu sein, das ist unsere Berufung. Wer
zu diesem Gehorsam bis zum Tod gerufen ist, für

40
den muss das Kreuz Herrlichkeit sein, und jede
noch so kleine Teilhabe am Kreuz muss für ihn
Grund zum Jubeln sein! So lesen wir in der
Apostelgeschichte (Apg 5,41): „...(die Apostel) freu-
ten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für sei-
nen (Jesu) Namen Schmach zu erleiden."

Wenn wir in unserem Innern wahrnehmen, dass wir,


ebenso wie seinerzeit Petrus, in der Lage sind,
Christus zu verleugnen und wie Paulus die Kirche
zu verfolgen, bedeutet das einen Schritt hin zur
Erkenntnis des Wesens Gottes. Wenn mir bewusst
wird, wozu ich in meiner Schwachheit (un)fähig
bin, dann tritt mir das Wesen Gottes umso klarer
vor Augen: ein liebender Gott, der in mir lebt, der
es mit mir und in mir aushält, der sich in mir
erniedrigt und nicht von mir lässt.

Wenn wir diesen Gehorsam bis zum Tod am Kreuz


in uns haben, dann ist das Kreuz tatsächlich
Herrlichkeit; dann wird es zum tiefsten Verlangen,
Christus vermählt zu werden, und zwar dort, wo er
ist: am Kreuz. Und das bedeutet nichts anderes als
Auslieferung an die Kirche. In dem Maß, wie ich
mich in Gehorsam der Kirche ausliefere, zeige ich
meine Bereitschaft, mit Christus am Kreuz ver-
mählt zu werden. Wenn ich der Kirche total gehor-
che und damit Gott, so ist das ein Gehorsam bis
zum Tod am Kreuz. Die Folge dieses Gehorsams bis
zum Tod ist nichts anderes als mein ewiges Heil.
„Bis zum Tod" heißt: bis dorthin, wo ich nichts
mehr verstehe, wo das Geschehen sich meinem
Begreifen entzieht.

Das Wort: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmel-


reiches geben" beinhaltet ja auch die Möglichkeit,

41
dass — theoretisch - Petrus den Himmel zuschließt
und somit niemand mehr hineinkommt! Damit
gewinnt die „Auslieferung an die Kirche bis in den
Tod" noch eine tiefere und realere Bedeutung. Jesus
liefert sich dieser Kirche total aus. Daher müssen
wir uns diesem Petrus ausliefern, selbst wenn im
Laufe der Kirchengeschichte so mancher Petrus ein
Fehlurteil gesprochen hat. Denken wir nur an Jo-
hannes vom Kreuz, der in seinem Gehorsam bis in
den Tod, es angenommen hat, zweimal exkommuni-
ziert, also aus der Kirche ausgeschlossen zu werden!
Jesus hat bei einem solchen Ausschluss in der
Person des Johannes auch „mitgemacht"; der
Himmel hat dabei „mitgemacht". Der Himmel hat
Johannes mit ausgeschlossen - aber er hat auch in
Jesus mitgelitten.

Ein sogenannter „Realist" mag das alles als Spinne-


rei abtun. Aber es ist Realität, und in dieser Realität
liegen die Wurzeln der Evangelisation. Wenn wir
nicht diese Wurzeln zum Ausgangspunkt unseres
Evangelisierens machen, dann können wir in die
Welt „hinausplärren" soviel und solange wir wollen,
es wird sich kein Mensch bekehren.

Jesus hat, wie gesagt, bei der Exkommunikation des


Johannes vom Kreuz mitgemacht und der Himmel
auch. Aber dadurch wurde Johannes zum großen
Mystiker und gelangte zu einer unaussprechlichen
Vollendung in der Liebe. Als Jesus ihn in seinem
furchtbaren Leiden fragte: „Du hast so wunderbare
Sachen über mich geschrieben: was wünschst du dir
dafür?", antwortete Johannes: „Weiter leiden". Das
ist eine staunenswerte Frucht seines Gehorsams bis
zum Tod gegenüber einer Kirche, die ein Fehlurteil
über ihn gefällt hatte.

42
Oder denken Sie an Jean d'Arc, die Jungfrau von
Orleans, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt
wurde. Sie hat zugestimmt — gehorsam gegenüber
der Kirche und Petrus bis zum Tod. So kann alles als
Kreuz angenommen werden.

Fehlurteile dürfen nicht verwechselt werden mit


Fehlverkündigung. Fehlverkündigung wird vom
Hl. Geist verhindert. Hier ist klar zu unterscheiden
zwischen Petri Hirtenamt und seinem Lehramt. Im
Hirtenamt ist der Papst nicht unfehlbar. In Wahr-
nehmung seines Hirtenamts kann ein Papst Anord-
nungen treffen, deren Berechtigung keineswegs
über allen Zweifel und aller Kritik erhaben ist. Er
kann auch Wichtiges vernachlässigen und Notwen-
diges nicht tun. Zur Zeit Luthers z.B. haben Papst
und Kurie dringend notwendige Reformen unter-
lassen. Aber selbst in diesen Fehlern des Hirtenamts
ist der himmlische Herr gegenwärtig, weshalb wir
auch diese Fehler im Gehorsam annehmen müssen,
im „Gehorsam bis in den Tod."

Jesus hat sich dem Fehlurteil des Hohen Rats unter-


stellt, der damals in der Vollmacht Gottes zu han-
deln glaubte. Aber dieses Fehlurteil bedeutete unse-
re Rettung! Und so bin ich erst dann Christus wirk-
lich ausgeliefert, wenn ich mich der Kirche, in der
er ja ist, ausgeliefert habe. Hier wird spürbar, was es
heißt, sich an Christus bis zum Tod auszuliefern;
hier geht's ans Fleisch, hier wird die Auslieferung
real und blutig ernst.

An diesem Punkt findet so manche Auslieferung an


Christus bei manchen Christen ein Ende — ohne dass
es der Betreffende merkt; er wundert sich bloß, dass
seine Ganzhingabe an Christus keine Frucht bringt!

43
Die Erklärung dafür liegt freilich darin, dass eine
Ganzhingabe dann nicht real ist, wenn der Gehor-
sam gegenüber dem in seiner Kirche repräsentierten
Christus fehlt. Ich gehorche damit nur einem theo-
retischen Christus, nicht dem realen Christus, der
sichtbar wird im Geheimnis seiner Kirche, dem sich
Gott und der ganze Himmel unterstellt - verrückt!
Verrückt, aber unendlich staunenswert! Wenn ich
mich der Kirche ausliefere, dann bin ich eben der
Liebe Gottes ausgeliefert, der sich selbst erniedrigt
und in dieser Erniedrigung alle erlöst und sich am
Kreuz der Braut vermählt hat! Und dort am Kreuz
geschieht auch die Vermählung der Braut mit ihm.

Horchen Sie doch jetzt in sich hinein. Können Sie in


Ihrem Innern spüren, wie sich eine diesbezügliche
Erkenntnis formiert? Vielleicht können Sie sagen:
„Ja, da ist was!" oder gar: „Das ist es!" Vielleicht
aber müssen Sie sich eingestehen: „Uh, da tu ich
mich noch sehr schwer!" Ja, vielleicht fehlt noch der
Schlüssel - eben die Auslieferung! Sie müssten sich
halt nicht einem theoretischen Christus, sondern
dem realen, dem in seiner Kirche sichtbar weiterle-
benden Christus, ausliefern! Er hat die Schlüssel-
gewalt an Petrus abgegeben und hat sich unterge-
ordnet: wie damals der Frau - so heute und bis zu
seiner Wiederkunft der „Frau Kirche".

Ist das nicht verrückt? Für die Welt nicht vorstell-


bar: ein Gott, der sich einem gebrechlichen Ge-
schöpfausliefert, der - was das Hirtenamt angeht -
mitgeht in die Verirrung des Geschöpfs, das sogar
manches verhindert, was in Gottes Plan und Willen
ist. Aber am Ende kann dieser Plan und Wille nicht
verhindert werden, weil dort, wo Menschen in die
Auslieferung mit hineingehen, Gott, der mit seiner

44
Auslieferung die Welt erlöst hat, seine Wunder tut.

Es geht immer um dasselbe. Aber Sie merken, dass


das Bild der Kirche als Leib Christi nicht ein theo-
retisches, spinniges, über den Wolken angesiedeltes
Kirchenbild ist, sondern dass es das reale Kirchen-
bild darstellt, das mir „ins Fleisch geht". Es ist der
reale Christus, der hier handelt, der sich weiterhin
erniedrigt und von mir die Vermählung in der Er-
niedrigung erwartet.

Wenn wir der Kirche gehorchen und uns damit dem


sich darin offenbarenden Gott ausliefern, dann zeigt
sich, dass wir in diesem Gehorsam der Schlange den
Kopf zertreten. Denn „der Nachkomme der Frau
wird der Schlange den Kopf zertreten". Der Nach-
komme der Frau aber ist Christus, und zwar
Christus in der realen Form seiner Kirche. Und je
mehr wir dieser Christus sind, je mehr wir mit ihm
in der Erniedrigung vermählt sind, umso wirkungs-
voller wird der Schlange der Kopf zertreten; denn
das Zertreten geschieht nicht durch Macht, sondern
durch Ohnmacht. Das ist das Erniedrigende für die
so stolze Schlange: der Kopf wird ihr nicht etwa
durch einen Christus zertreten, der herrscherlich
vom Himmel herabsteigt, sondern von dem ernied-
rigten Christus in der Gestalt seiner Kirche. Durch
unser ganzes Elend hindurch zertritt Christus der
Schlange den Kopf. Hier hat unsere jungfräuliche
Berufung ihren Platz, in der wir uns unaufhörlich
mit Christus vermählen, und zwar in der Erniedri-
gung der Eucharistie; dann nämlich, wenn Gott
wieder dem Wort des Priesters, also der Kirche,
gehorcht und sich mit uns vermählt.

Wir alle wohl spüren hier, dass diese Kirche nicht

45
etwas Selbstgemachtes, ein Menschenwerk sein
kann. Es muss die Kirche sein, die Christus auf den
Felsen gegründet hat. Es ist eine ganz konkrete, eine
untrennbar mit Petrus verbundene Kirche.

Interessanterweise haben sich die Pfingstkirchen auf


ihrem Weltkongress in Rio de Janeiro - es mag um
1980 herum gewesen sein - die Frage gestellt,
warum sie sich denn in so viele Einzelkirchen und
Denominationen zerspalten. Es soll darauf eine inte-
ressante Antwort gegeben haben: „Uns fehlt das
Amt, das einende Amt. Wir können uns vorstellen,
dass wir in Zukunft den Papst in Rom als unser
Oberhaupt anerkennen." Mittlerweile ist viel Zeit
vergangen, und ich weiß nicht, wie man im pfingst-
lichen Lager heute darüber denkt. Immerhin haben
die Leute damals wirklich auf den Geist Gottes zu
hören versucht, der eine solche Antwort angeregt
hat. Das zeigt aber auch, dass wir nur im Gehorsam
gegenüber diesem Amt der Schlange den Kopf zer-
treten können. Denn ohne Petrus und ohne das
Priestertum kann Jesus uns in der Eucharistie, dem
Geheimnis seiner Darbringung, nicht mit sich ver-
mählen. Die Erniedrigung im Petrusamt und im
Priesterdienst ist ja eine Erniedrigung Gottes.

Diese Erniedrigung wird wie ein Schleier, wird wie


der Vorhang des Tempels zerrissen und zur Herrlich-
keit werden. In der Schau des Glaubens, in der Tiefe
der Gnade des Glaubens, wird die Erniedrigung
schon jetzt Herrlichkeit. Im Tod schließlich wird,
wie es im Hebräerbrief heißt, der Vorhang des
Fleisches zerreißen, und wir werden eingehen in die
Herrlichkeit.

Wenn Sie dieses Geheimnis zu erahnen beginnen,

46
werden Sie folgende Erfahrung machen: wo Sie in
Ihrer Brautschaft mit Christus etwas von dieser
Erniedrigung (vielleicht weil Sie wegen ihrer An-
hänglichkeit an Papst und Kirche für blöd verkauft
werden), erleben, wird in Ihnen auch eine Herrlich-
keit, eine Freude aufstrahlen darüber, jetzt ganz eins
mit der Kirche geworden zu sein - im Glauben. Das
Aufstrahlen der Herrlichkeit in der Erniedrigung!
Es ist das, was wir immer wieder „Paradoxon des
Christentums" nennen. Dort, wo wir zusammen mit
Christus unser Ja sagen zu dem, was uns menschlich
bedrängt (Leid, Verleumdung usw.), wo wir es nicht
abwehren, sondern annehmen — dort kann es plötz-
lich und schlagartig zu diesem Paradoxon kommen,
dass nämlich Freude in uns hochsteigt, weil wir
Christus ähnlicher geworden sind. So geschah es
auch den Aposteln: „Sie freuten sich, für den Namen
Jesu Schmach zu erdulden."

Nach dem Tod und der Auferstehung Christi ist


jetzt Karfreitag und Ostern nicht mehr hintereinan-
der, sondern gleichzeitig. Wo ich Ja sage zum Kar-
freitag, leuchtet bereits die Ostersonne auf, ebenso
wie die Herrlichkeit Gottes aufleuchtet, wo ich Ja
sage zu seiner Erniedrigung.

Das ist das Wunderbare für uns: wir sind nie mehr
alleingelassen am Karfreitag, weil es jetzt eine
Parallelität gibt: Himmel und Erde sind immer
gleichzeitig jetzt und gegenwärtig. Wir sind zu-
gleich dort und zugleich hier, so wie Christus zu-
gleich dort und zugleich hier ist.

Der hl. Augustinus schreibt: „Unser Haupt ist


schon im Himmel, und wir sind noch auf Erden".
Hier begegnen wir wieder dem besagten „Gleich-

47
zeitig", dem „Zugleich". In diesem Zusammenhang
wird bisweilen die Frage gestellt, ob Christus im
Himmel leidet oder nicht leidet. In den verschie-
densten Gebeten heißt es ja, dass er mit Schmerz
erfüllt ist über die Sünde der Welt und die
Verlorenheit so vieler Menschen. Aber wie ist es,
wenn er im Himmel, zur Rechten des Vaters, nicht
leidet? Kümmert er sich denn dann noch um die
Welt und ihren Schmerz? Die Antwort lautet:
Christus und die Kirche sind ein Leib - eine Wahr-
heit, die wir immer noch nicht so recht ins Leben
umsetzen, so richtig lebensmäßig vollziehen; eine
Realität, die für uns immer noch mehr oder weniger
symbolisch existiert. Wenn ich hingegen mit dem
von Paulus gezeichneten Geheimnis des Leibes ernst
mache und das Bild vom Leib ganz real nehme,
dann muss ich eingestehen: kein Glied kann ohne
das andere leben; das Haupt mag zwar im Himmel
sein, es kann aber trotzdem, z.B. am Fuß, d.h. auf
Erden, Schmerzen leiden. Ein simples, aber doch
einleuchtendes Bild.

Wir müssen festhalten, dass dieser mystische Leib


ein Ich ist. Dieser Christus in seiner Kirche ist ein
Ich, nicht etwa zwei Ichs, von denen eines im
Himmel und das andere auf der Erde wäre.
Ebenso muss uns klar sein, dass das Bild vom Leib
mit den vielen Gliedern nicht bloß Bild ist, sondern
zugleich reale Wirklichkeit: dass Jesus, dem Herrn,
und seiner Kirche, und der ganzen Schöpfung,
tatsächlich ein einziges Leben gemeinsam ist, ein
Leben, dessen Odem der aus dem Herzen Gottes
kommende Hl. Geist ist; ein einziger Lebensodem
in uns allen. Nicht dass da etwa ein Lebensodem in
Christus wäre und ein anderer in uns — nein. Es ist
ein und derselbe Lebensodem in uns allen. Demnach

48
kann der mystische Christus als ein Ich in verschie-
denen Gliedern Schmerzen empfinden. Zwar leidet
Jesus als Haupt im Himmel, in der Herrlichkeit,
nicht; aber unsere Leiden sind seine Leiden; damit
leidet er wahrhaftig jeden Schmerz eines jeden
Gliedes, und er leidet ihn in uns!

Von dieser Wahrheit sind wir noch nicht ganz


durchdrungen, oder? Hat nicht diese Realität für
uns immer noch etwas rein Symbolisches?

Und doch vollziehen sich die Leiden Christi in uns.


Geprüfte private Offenbarungen bestätigen diese
Wirklichkeit. Wenn wir leiden, so sehen wir darin
immer nur unser Leiden, nicht aber sein Leiden in
uns. Wir fragen doch nie: „Herr, wie geht's dir
damit?", sondern nur: „Wie geht's mir damit?"
Dadurch geben wir ein Stück Identifikation und
Identität mit ihm auf und entfernen uns einen
Schritt von dieser Kraftquelle und von der Mög-
lichkeit, dass unser Leiden zu seinem Leiden ge-
macht wird.

Wir können dem Paradoxon begegnen, dass Men-


schen, die leiden, glücklich sind. Dieses Paradoxon
wird besonders sichtbar an den Märtyrern, von
denen es im 20. Jahrhundert mehr gab als in den
vorausgegangenen 19 Jahrhunderten zusammen. Sie
haben - wie auch manche ganz einfache Menschen
unserer Tage - schrecklichste Leiden angenommen
ohne zu hadern oder ihre Peiniger zu verfluchen. Sie
taten das in einer Weise, die sich jeder rationalen
Erklärung entzieht und dennoch eine Realität ist:
Christus leidet nämlich in diesen Menschen und
befreit sie so ein Stück von ihrem Leiden. Es ist da
eine Kraft in ihnen, die sie sich selbst niemals

49
zumuten würden. Auch Sie, Schwestern und Brüder,
muten sich's nicht zu, und ich mir auch nicht! Die
Vorstellung, auf einem Rost gebraten zu werden
und dem Peiniger zuzurufen: „Dreh mich um, ich
bin auf einer Seite schon gebacken!"

Da geht's uns kalt den Rücken runter bei dem Ge-


danken, dass so etwas auf uns zukommen könnte.
Freilich ist das leeres Gerede, denn Sie haben dazu ja
gar keine Gnade — jetzt! Aber wenn Sie sich wirk-
lich vor die Situation gestellt sähen - vielleicht
würde auch Ihnen da eine Kraft zufließen, die wir an
so vielen Märtyrern bestaunen. Aber sehen Sie:
Chris-tus leidet in uns wahrhaft Schmerzen. So real
ist die Kirche, sein Leib! So real ist Christus einge-
gangen in seine Kirche als seinen Leib, und er geht
leidend hinein in dessen einzelne Glieder, hinein in
deren Schwächen und Grenzen.

Und so kann Paulus auch umgekehrt sagen, dass wir


nach dem trachten sollen, was im Himmel ist und
dass unser Leben schon jetzt mit Christus verborgen
ist in Gott - jetzt schon. Denn wir sind jetzt schon
mit Christus eine Einheit im Himmel. In unserem
Haupt sind wir schon im Himmel — ebenso real sind
wir im Himmel wie Christus auf Erden noch in uns
ist! Und wie leicht lesen wir über dieses Pauluswort
hinweg! Was aber will es uns besagen?

Himmel und Erde sind gleichzeitig - jetzt. Kar-


freitag auf Erden und Ostern im Himmel sind
gleichzeitig - jetzt, wenn ich zur Kirche gehöre.
Mit dem Haupt sind wir im Himmel, mit dem Leib
auf der Erde. Noch genauer: im Innersten unseres
Herzens sind wir im Himmel, weil Christus schon
in uns wohnt. Dem Fleisch nach freilich sind wir

50
noch auf Erden, sind wir mit ihm noch am Kreuz.
Es ist dies ein Leben im Himmel und auf Erden,
und zwar ist das so und ganz neu seit der
Himmelfahrt Christi.

Darum ist Himmelfahrt Christi eigentlich so ganz


unser Fest. Wir feiern hier die Tatsache, dass wir,
obwohl wir noch auf Erden sind, bereits in die
Herrlichkeit eingegangen sind. Mit Christus ist die
Erde, die ganze Schöpfung, in den Himmel einge-
gangen. Wir sind jetzt schon - mag das noch so
unwahrscheinlich klingen - Kinder Gottes; aber
was wir einmal sein werden, das ist uns noch gar
nicht offenbart! Wenn das nicht noch spannend
wird! Wenn wir jetzt schon, im wahrsten Sinn des
Wortes, Kinder Gottes sind — ja was sollen wir dar-
über hinaus noch werden? Wir wissen es noch nicht.

Immerhin wird die Menschheit Jesu, die bereits in


der Herrlichkeit ist, eine Erhöhung erhalten und
eine Vollendung erfahren, wenn die ganze Schöp-
fung in den neuen Himmel und die neue Erde ein-
gegangen ist. Damit wird auch die Menschheit Jesu
ihre Vollendung finden: so real sind wir sein Leib!
Zu denken, dass auch Jesus noch - wie wir — eine
Vollendung in der Herrlichkeit erwartet, eine Voll-
endung in uns!

Merken Sie: Glaube ist nicht irgendeine Ideologie


oder ein theologisches Konstrukt; Glaube ist — eine
schöne, unbegreifliche, verrückte Wirklichkeit!
Wenn wir diese „Geheimnisse" einfach mal der
ganzen Welt mitteilen könnten, dann fänden sich
viele für die Wahrheit offene Menschen, Christen
wie Heiden, die antworten würden: „Das ist es!"
Wenn wir den sechs oder acht Milliarden Erden-

51
bürgern diese unbegreifliche Wahrheit, diese unbe-
greifliche Herrlichkeit, die kein Menschenhirn
ersinnen konnte, verkünden könnten, dann würde
mit Sicherheit die große Zahl der Suchenden stau-
nend sagen: „Das interessiert uns. Danach haben wir
gesucht".

Aber wir verkünden es nicht. Wir reden bloß von


irgendeiner Kirche, die sich kaum von anderen
soziologischen Gebilden unterscheidet. Da besteht
Demokratiebedarf und Emanzipationsbedarf, da
brauchen wir dieses und jenes, und am Geheimnis
der Kirche irrt man wie blöd vorbei und wundert
sich, dass bei allem Engagement und Aktionismus
in der Kirche, diese Kirche, wie es mal ein
Münchner Pfarrer formulierte, stirbt (etwas langsa-
mer stirbt als sie sonst sterben würde!).

Freunde, habt Mut, die Wahrheit zu verkünden, wo


immer Ihr Gelegenheit dazu habt! Zwar werden
euch viele ablehnen und als Spinner abstempeln;
denjenigen aber, die diese Wahrheit verstehen und
annehmen, und seien es nur 10 von 100, denen habt
Ihr den größtmöglichen Dienst getan, und durch sie
dem Herrn Christus und der Welt.

Wenn nun der Hochzeitszug endgültig im Himmel


angekommen ist; wenn die ganze Hochzeitsgesell-
schaft, die Christus nachgefolgt ist, dort eintrifft;
wenn also die Braut vollendet ist, dann ist auch
Christus, der Bräutigam, in seiner Menschheit voll-
endet. Das wird lustig! (Verzeihen Sie dieses dumme
Wort, aber hier versagt einfach die Sprache!) Wir
dürfen mit Gewissheit etwas Großartiges erwarten.
Freilich müssen wir wenigstens schemenhaft wissen,
worauf wir warten. Deshalb ist es belämmernd von

52
Umfragen hören zu müssen, denen zufolge Katho-
liken zwar nicht mehr an ein Weiterleben nach dem
Tod glauben, aber trotzdem weiterhin in die Kirche
laufen. Warum ist das so? Weil diesen Leuten das
Geheimnis der Kirche fehlt, weil ihnen das Wissen
um diese Wirklichkeit fehlt, weil es ihnen kein
Mensch gesagt hat.

Umgekehrt gilt auch: solange wir noch auf Erden


sind und die Braut „teilweise" auf Erden noch
zugerüstet wird, muss auch der ganze Himmel noch
an irdischen „Wehen" leiden, an den Nöten der
Braut, die auf Pilgerschaft ist. Der ganze Himmel
leidet noch unter dem Kreuz; er leidet zur Sühne für
die Sünden der Welt. Und so ist der Himmel sei-
nerseits immer noch auf Erden, wie wir unsrerseits
mit den Engeln und Heiligen bereits im Himmel
sind. Darum sagen wir ja auch: die leidende, trium-
phierende, streitende Kirche ist ein Leib in
Christus.

Im Epheserbrief schreibt Paulus, dass die Kirche die


ganze Fülle Christi ist, und zwar die Kirche in ihrer
leidenden, streitenden und triumphierenden
Gestalt. Jesus ist die Fülle der Kirche, und die
Kirche ist Seine Fülle. Das ganze, volle Jesus-
Christus-Sein ist Jesus und die Kirche, und zwar als
ein Leib, nicht als zwei Leben. Ebenso wie Adam
und Eva zwei in einem Fleisch sind, also ein
Mensch-Sein. Christus in Einheit mit der gesamten
Schöpfung, die die Braut ist: zwei in einem einzigen
Leben, durchflutet vom Lebensodem des einen HI.
Geistes. Und so ist alles Leiden der Kirche, alles
Leiden des Leibes Christi, auch das Leiden Jesu im
Himmel. Und alle Freude des Himmels ist die
Freude unseres Lebens hier auf Erden. Diese Freude

53
ist die Frucht des Geistes, eine Freude, die ganz
anders ist als etwa die Freude, die dem Vergnügen
anhaftet und die ebenso rasch verfliegt wie sie
gekommen ist. Es ist eine kraftvolle, stabile und
dem Leid trotzende Freude. Sie ist Frucht des
Geistes, von der Paulus spricht: Friede, Freude,
Liebe, Geduld, Demut, Sanftmut.

Wir existieren zwar noch in der irdischen Form,


aber wir sind nicht losgelöst vom Himmel. Die
Verbindung mit dem Himmel ist in der Taufe ein-
getreten. Und folglich lebt Christus mit allen
Engeln und Heiligen noch in unserer Erniedrigung
(und die Heiligen, die ja zu seinem Leib gehören,
machen seine Pilgerschaft in uns mit). Diese Er-
niedrigung Christi ist für uns immer wieder zei-
chenhaft greifbar in der hl. Eucharistie, wo er her-
niedersteigt, ja, wie es Hämmerle sagt, „zu einer
toten Sache wird in den Gestalten von Brot und
Wein."

In der hl. Kommunion essen wir ihn, damit wir Er


werden und Er wir wird, oder wie es Augustinus
ausdrückt: „Wir werden in das verwandelt, was wir
essen." Jesus selbst sagt: „Wer mich isst, wird aus
mir leben." Und so steigt der ganze Himmel immer
wieder in unsere Erniedrigung hinein, und die
erniedrigte Erde wird in der Eucharistie immer wie-
der mit dem Himmel verbunden.

Die Eucharistie ist der Höhepunkt allen


Heilsgeschehens, ist der Kern des Geheimnisses der
Kirche, das sie mit Christus verbindet. Seit Christus
gekommen ist geschieht ein ständiger Austausch
zwischen Himmel und Erde (denken Sie an das, was
Jesus zu Natanael sagt: „Du wirst noch Größeres

54
sehen ...die Engel Gottes auf- und niedersteigen
sehen ...").

In diesem Austausch werden wir vom Himmel


inwendig umgewandelt; entsprechend müssen wir,
wenn wir einmal ganz „himmlisch" geworden sind,
vom Himmel aus mithelfen, dass auch die „anderen
da unten" himmlisch durchdrungen werden, bis
eben die ganze Schöpfung verwandelt ist. Erinnern
Sie sich an die Schar der Zeugen in der Apokalypse?
Sie schauen hinab in die Arena und rufen denen, die
noch ringen und kämpfen, zu: „Es lohnt sich! Los,
gebt Gas!" Das sind die Einflüsterungen der
Heiligen und der Engel in uns - Vorgänge in einem
lebendigen Organismus.

Und es wird die Braut in ihrer Vollendung erschei-


nen, wenn der ganze Hochzeitszug, salopp gesagt,
nach oben geht. Die Hochzeit wird dann nur noch
himmlisch sein, weil die Erde selbst Himmel
geworden ist - neuer Himmel, neue Erde - und auch
wir ein neues Geschöpf sein werden. Mit dieser
Perspektive, mit diesem gläubigen Wissen, fällt es
uns viel leichter auszuhalten und auszuharren, wenn
wir in diesem Leben demütigende und erniedrigen-
de Kreuzeswege geführt werden. So ein Weg kann
geradezu ein Triumphzug werden, ein königlicher
Einzug in den Himmel. Das ist es — so einfach!

Paulus sagt von Jesus: „Der hinauffuhr in den


Himmel, ist der gleiche, der auch herabstieg in die
Niedrigung der Erde". Auch daraus ergibt sich: wo
die größte Erniedrigung in meinem Leben und in
unserem Leben als Kirche ist, wo vielleicht sogar das
Ekelerregendste sich ereignet, da ist größte Ähn-
lichkeit mit Christus. Das ist der Schlüssel zum

55
Verständnis dessen, dass ganz tief fühlende, gläubi-
ge Menschen, sich den schwächsten Menschen aus-
liefern, ja deren eiternde Wunden küssen. Wo ande-
re sagen: „Das ist ekelerregend", haben sie selbst in
der Kraft des Glaubens etwas von der Wirklichkeit
der Erniedrigung entdeckt: „Was ihr dem Gering-
sten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir
getan."

Wenn der Weg der Erniedrigung für Jesus der Weg


zum Sieg war, dann muss er es auch für uns sein.
Deshalb sagt uns Jesus auch: „Folge mir nach! Wer
mein Jünger sein will, der nehme jeden Tag sein
Kreuz auf sich und folge mir." Dieses Kreuztragen
ist auch für mich ein Siegeszug, aber er bedeutet
Gehorsam bis zum Tod, bedeutet meine Ausliefe-
rung an Christus in der Kirche.

In der Eucharistie sagt der Herr: „Das ist mein Leib,


der für euch hingegeben wird", nicht „wurde"! Das
ist ein fortdauerndes Ereignis. Jesus gibt mir seinen
verwundeten, am Kreuz geopferten Leib. Es ist der
Leib meines Bräutigams, des Bräutigams der
Kirche. Deshalb kann Petrus schreiben: „ Wenn ihr
an den Leiden Christi teilhabt, freut euch, weil ihr
dann auch bei der Herrlichkeit seiner Ankunft froh-
locken werdet ohne Grenzen." Freut euch also! An
einer anderen Stelle sagt die Hl. Schrift auch: „Es ist
gar kein Vergleich zwischen den Leiden dieser Zeit
und der künftigen Herrlichkeit."

Ich denke, wir verstehen jetzt solche Worte anders


und besser, jetzt, da wir die innersten Geheimnisse
der Kirche in einer Zusammenschau bereits erah-
nen. Dass wir dennoch weit davon entfernt sind,
dies auch zu glauben, beweist nur allzu oft unsere

56
Reaktion auf das Leid der Welt und auf unser per-
sönliches Leid. Wie denken und urteilen wir darü-
ber?

Den Zusammenhang von Leid und Freude erkennen


wir am besten, wenn wir das Ende des Lebens Jesu
betrachten. Sein ganzes Leben lief auf das Leiden zu
und fand darin seinen Höhepunkt. Vom Ölberg aus
zog Jesus am Palmsonntag unter dem Jubel der
Menge als Messias in den Tempel ein. Palmblätter
wurden auf die Erde gestreut, weswegen ja auch
unseren Märtyrern das Symbol des Palmzweigs in
die Hände gelegt wird. Wenn Jesus mit Palmen in
Jerusalem einzog, so signalisiert das den Märtyrer-
einzug Jesu, dessen Höhepunkt das Kreuz war.

Die Palmen in Händen der Märtyrer wollen sagen:


Sie gehen den Siegeszug ihres Lebens, sie ziehen,
über das Leiden, hin zur Hochzeit. Am Ölberg be-
gann Jesu Leiden, aber von dort aus fuhr er auch in
den Himmel auf. Und vom Ölberg aus hat er bei
seiner Himmelfahrt die Apostel ausgesandt: „Geht
in alle Welt ..." Am Ölberg setzte sich der königli-
che Hochzeitszug in Bewegung. Er zieht durch die
Welt und findet sein Ziel im Himmel.

Trauen wir doch in allen Lebenslagen dieser himm-


lischen Kraft in uns, trauen wir Christus in uns!
Glauben wir doch, dass nicht mehr ich leide, son-
dern dass Christus in mir leidet, so wie auch „nicht
mehr ich lebe, sondern Christus in mir lebt." Liefern
wir uns diesem großen Geheimnis der Kirche aus!
Bitten wir den Geist der Wahrheit, dass er uns in
dieses Geheimnis einführt; bitten wir ihn immer
dann, wenn sich vor uns Untiefen auftun, die wir
noch nicht auszuloten vermögen. Je tiefer wir in ihr

57
Geheimnis eindringen, umso strahlender wird uns
die „alte Kirche" im Zauber der ersten Liebe
erscheinen. Und statt über den heutigen Zustand
der Kirche zu wehklagen — „Schau dir bloß mal
diese marode Pfarrei an, das ist ja zum Grausen" -
sollten wir lieber hineinlaufen in die strahlende
Zukunft jener ungeheuerlichen himmlischen
Vermählung. Sie hat ja bereits begonnen und will
sich mit uns und durch uns vollenden. Und so leben
wir für ein Liebesdrama und leben auf es zu, das
wirklicher und mitreißender ist als es sich leiden-
schaftlichste Sehn-sucht zu erträumen vermöchte.
Daraufhin sollten wir einfach alles wagen, alles set-
zen und nichts mehr für uns suchen. Das geht frei-
lich nicht von heute auf morgen und wird sich
immer in einem Prozess vollziehen. Wir werden
feststellen: je mehr wir uns darauf einlassen, umso
notwendiger haben wir die Beichte. Hier wird der
Herr erneut alles in Ordnung bringen, wenn die
Braut wieder mal am Stachel-draht hängen geblie-
ben ist und ihr Kleid zerrissen hat, weil sie durch
irgendein Zaunloch in die Welt hinausschlüpfen
wollte!

Zum Schluss wollen wir noch ein Bild betrachten:


In Winhausen bei Celle in Niedersachsen findet sich
in der Kirche ein buntes Glasfenster aus dem 15.
Jahrhundert, auf dem der Augenblick des Lanzen-
stichs in das Herz des Gekreuzigten dargestellt ist.
Den tödlichen Stich führt überraschend nicht der
römische Hauptmann aus, sondern eine Frauen-
gestalt. Es ist nicht die unter dem Kreuz stehende
Maria. Es ist eine andere. Es ist die als Frau darge-
stellte Kirche! Sie ist es, die Jesus ins Herz sticht.
Und Jesus? Er umarmt sie dafür, legt den aus der
Annagelung gelösten rechten Arm zärtlich um ihre

58
59
Schulter als Zeichen der Versöhnung. Gerade weil
sie ihm ihre eigene Verworfenheit ins Herz stößt
und ihn zu Tode bringt, gerade deshalb vermählt er
sich mit ihr.

Die Kirche wird die Braut Christi, indem sie dem


Lamm Gottes ihre Sünden zu tragen gibt und ihm
mit der Lanze ihrer Verworfenheit ins Herz sticht.
Dadurch wird sie seine Braut. So vermählt er sich
mit ihr.

60
mUNIO
Video-Vortragskassetten
Die Taufe Die Firmung Die Beichte •
Die Krankensalbung Das Geheimnis
der Kirche Die Feier der Eucharistie •
Das Sakrament der Ehe Die Umkehr i
Innere Heilung Die Charismen •
Hinführungs-Seminar zur Marienweihe
Aus der Kerygma-Reihe

Maria - Anbetung
Heilsplan Anbeten.
Gottes mit Maria \

m,,,, 1
Hans Buob HansBuob

Das Das
Geheimnis Sakrament
der der Taufe
Dreifaltigkeit und der Ritus
der Tauferneuerung

Du? aber
folge , .
mir nach!

UNIO VERLAG
UNIO^VERLAG
Hochaltingen
St.-Ulrich-Straße 4
D-86742 Fremdingen

ISBN 3-935189-14-1

Reihe Kerygma 8