Sie sind auf Seite 1von 43

Klaus Rinke

DerZeit

in situ Nr.: 03 / 2017


Es ist nur ein schöner Tag, Uhr, 340 cm Durchmesser, Atelier Calder, Frankreich, 2003
Klaus Rinke – DERZEIT „(...) mein ganzes Werk besteht aus (...) Rückschlüssen, wodurch
die Vergangenheit zur Zukunft wird und nach vorne prescht.“ 1
Über Zeit und keine Zeit mehr zu haben!

Wupperzeit
Klaus Rinke kenne ich seit 1969, als meine Eltern begannen, ihn 1978 lud der Kunst- und Museumsverein die
sammelnd zu begleiten. Damals erschien er mir wie ein fremder Rinke-Klasse zu der Aktion „WPPT“ nach Wup-
großer Bruder; wenn er da war, sprengte seine psychische und pertal ein. Über vier Wochen lang veränderten
physische Präsenz alles – seine Erscheinung, groß, schlank mit die Studenten die Stadt und stellten ihre Arbeiten
ungeheurem „Afrolook“, sein entwaffnender Humor und seine im Von der Heydt-Museum vor. Stella Baum,
Sprachschöpfungen waren unübertroffen – und meine Mutter damals im Vorstand des Kunst- und Museums-
begann, Rinkes „Sprüche“ zu sammeln. Häufig brachte er Künstler, vereins, erinnert sich: „Die Vorbereitungen waren
Galeristen und Museumsleute mit. Im Wuppertal war damals viel sehr aufregend, denn die Studenten arbeiteten in
los. Stella Baum erinnert sich: „Das Von der Heydt-Museum wurde der ganzen Stadt, sie malten auf der Straße, sie
ab den 50er-Jahren ein Wallfahrtsort für die Düsseldorfer Künstler. bauten Inselchen in der Wupper. (...) Rinke selbst
Sie liebten den Bestand ‚Neue Sachlichkeit’ und die hohe Qualität überspannte den Rathausvorplatz mit gelben,
expressionistischer Werke und schleppten ihre ausländischen Freunde roten und blauen Fäden. Tagelang stand er hoch
her. “ 2 Und Joseph Beuys war dabei, der seine erste Ausstellung oben auf einem Hubwagen, nah dem Himmel.
1957 im Studio des Von der Heydt-Museums hatte. 1965 ereignete Die Passanten waren glücklich, denn sie dachten,
sich in der Galerie Jährling das legendäre 24-Stunden-Happening. das wäre eine Maßnahme gegen die Tauben.“
Bei Rolf Jährling stellten Konrad Fischer-Lueg und Gerhard Richter 4
Eine weitere Verbindung zu Wuppertal stell-
aus. Auch in der Wuppertaler Musikszene war es lebendig: Peter te Klaus Rinke her, als er 2007 wegen seines
Biologische Zeitmessung,
Brötzmann, Peter Kowald und andere entwickelten den Free Jazz, bevorstehenden Umzuges nach Österreich dem
Kettwig, April 1971
die Wuppertaler Bühnen waren renommiert. Deshalb fanden Düs- botanischen Garten seine Kakteensammlung
seldorfer Künstler immer häufiger den Weg in die Provinz. schenkte. Diese Pflanzen hatten Rinke während
eines Aufenthaltes in Mexiko fasziniert: „Kakteen sind Zeitbomben.
Die Verbindung von Klaus Rinke und der Stadt Wuppertal ist über Sie können über 450 Jahre alt werden und sind genial konstruierte
die Jahrzehnte gewachsen. Hier traf er Pina Bausch wieder, die im Wasserreservoire. Ihre Stacheln sind in 3er-, 4er- oder 6er-Gruppen
ersten Jahr ihres Engagements bei meinen Eltern im Haus wohnte. angeordnet, je nach Sorte. Von oben, von der Fontanelle aus, erkennt
Beide Künstler waren noch sehr jung, als sie das Studium an der man ihre abstrakte Geometrie, sie sehen aus wie Sterne, die auf die
Folkwangschule in Essen begannen, und beide waren einander Erde gekommen sind.“
freundschaftlich zugetan. Alle kannten sich, weil die Kunststudenten 1985 hatte der Künstler zeitgleich in Los Angeles und im rheinischen
den Aufführungen der Tänzer als Publikum beizuwohnen hatten. Haan eine Kakteensammlung angelegt. So wechselten die Kakteen
Rinke fertigte die Bühnenbilder und beeindruckte durch sein ge- von ihrem Standort an der Elberfelder Straße in Haan auf die Hardt
konntes Rock’n Roll-Tanzen, doch Tänzer wollte er nicht werden, in Elberfeld, wo sie seither in einem der Glashäuser zu beobachten
das war ihm zu gefühlvoll, ihm schien das bloße Heben eines sind. Leider fehlt dort die Normalzeit Uhr, welche die Wasserzirkula-
Armes Ausdruck genug. So versah er bereits 1954-55 seine Zei- tion von Rinkes Kakteen im Haaner Treibhaus überwachte.5
chenmappen für die Berufsschule mit großen Pfeilen, die nach oben Mit der Ausstellung im Skulpturenpark von Tony Cragg, einem der
und unten und zueinander und auseinander weisen. Damit hatte er künstlerischen Weggefährten von Klaus Rinke seit der Akademie-
schon als Lehrling die Grundbedingungen menschlichen Daseins zeit, schließt sich der Kreis, wieder einmal kehrt Rinke, der 2007
und Miteinanders festgelegt, denen er sein Werk widmen sollte. vom Rhein an die Donau gezogen ist, nach Wuppertal zurück.
Heute ist mir klar, dass beide, Pina Bausch als Tänzerin und Choreo-
graphin und Klaus Rinke als Künstler und Kunstprofessor wesentli- „Eine Stunde kreativer Dienstleistung“
che Gemeinsamkeiten besitzen. Beide sind Puristen und arbeiten Fast alle Künstler aus der Generation um Klaus Rinke sind geprägt
formal mit radikaler Strenge und Präzision. Beiden Künstlern gelang von der Auseinandersetzung mit der Kriegs- und Nachkriegszeit. Im
es, durch geniale pädagogische Fähigkeiten junge Künstler in ihrer Rheinland fanden sie sich zusammen in der „Düsseldorfer Szene“,
Arbeit zu sich selbst zu bringen, indem sie ihnen die Möglichkeit in der Klaus Rinke und Joseph Beuys federführend waren – der
gaben, ihre Talente in Freiheit und Vertrauen zu entwickeln. Beide künstlerische Aufbruch von „Freidenkern“ für ein freiheitliches
machten wenig Worte, Rinke war es zuwider, jemandem „in kreative Deutschland. Rinke wird auf seine Weise zurechtrücken, was aus
Prozesse hineinzureden“. „Klaus, du musst mal was sagen“, forder- dem Lot geraten ist, das hatte er bereits durch die Pfeile auf seinen
ten seine Studenten, und Pina Bauschs Schweigen ist legendär. Mappen klargestellt. Emotionen sind nicht seine Sache, er geht sei-
Auch Klaus Rinke denkt in seinen Zeichnungen tänzerisch. Zahlreiche nen eigenen konsequenten Weg der Klarheit und Unmittelbarkeit,
Werke umschreiben Körperformen, und in seinen „Demonstrationen“ fernab von Kunsttheorie und Kunstmarkt. Als universaler Künstler
arbeitet er mit seinem eigenen Körper. Beide Künstler verbindet die ist er in allen Disziplinen zu Hause, er ist Zeichner, Maler, Bildhauer,
Affinität zu Wasser, das seit dem Stück „1980“ das Werk von Pina Fotograf, Wasser-, Landschafts- und Körperkünstler, Aktions- und
Bausch motivisch durchzieht, bis es 2006 in „Vollmond“ Teil der Wortkünstler, Konzeptkünstler und visueller Philosoph. Er gestaltet
Choreografie wird. Klaus Rinke ist als „Wasserkünstler“ bekannt ge- Kunst am Bau, und er hat dreißig Jahre lang an der Kunstakademie
worden, seit er 1968 das Publikum über einen riesigen Wassersack Düsseldorf gelehrt. Sein immenses Werk umspannt das Irdische
gehen ließ. Eine Aktion in Kettwig 1971 hieß „Um mich herum... wie das Kosmische, das Symbolische wie das
Wasser holen. Wasser bringen. Wasser schütten. Rinke füllt Eimer Reale, das Konzeptionelle wie die Performance.
an Wasserhahn, geht zu einer freien Fläche und schüttet das Wasser Für ihn ist Kunst das, was er erkannt hat: „Wenn
um sich herum.“3 Die Fotografien von Gerry Schum dokumentieren, du etwas erkannt und begriffen hast, gehört es
wie Rinke von einem Kreis von sprühenden Wassertropfen umgeben dir. Das Material besagt gar nichts.“ Wenn Rinke
war, die sich am Boden zu einem Ring von dunkler Nässe nieder- die Flüsse als seine besten Aquarelle bezeichnet
schlugen und schließlich verdunsteten. Rinkes zweites großes Thema, und die Ozeane als seine größten Kunstwerke, so
die Zeit, hat viel mit Tanz und mit Musik zu tun. „Tanz ist reine Zeit“, ist das nicht Ausdruck von Hybris, sondern seines
sagt Klaus Rinke. In der Bewegung und im Innehalten, in der Stille künstlerischen Selbstbewusstseins und seines
und in der Musik erscheint die Zeit als objektiv messbar und als umfassenden Denkens. Als Künstler vermittelt
subjektiv erlebbar. Beide Künstler sind in der ganzen Welt zu Hause. er wie ein Dolmetscher oder wie ein Prophet,
Pina Bauschs tänzerische Sprache wird international verstanden, und was er für sich als „Medium“ von der Schöpfung
ihre Stücke sind ohne die Assimilation fremdländischer Einflüsse nicht begriffen hat. So – und das ist typisch für seinen
zu denken. Klaus Rinke, der sowohl in Europa wie in Kalifornien zu Humor – konnte 1978 während einer Kunstauktion
Hause ist, bezeichnet sich als „Globier“. Sein Credo als Lehrer war: „Eine Stunde kreativer Dienstleistung“ von Klaus
„Raus aus der akademischen Badewanne in den Ozean des Gesche- Rinke ersteigert werden.6
hens.“ So hat er seine Studenten nach New York und nach Kanada Als künstlerischer Dienstleister oder Dolmetscher
mitgenommen. Als Rinke 1974 zum Professor an der Kunstakademie bedient er sich seines eigenen Körpers, der Spra-
Düsseldorf ernannt wurde, kamen die Tänzer ins Atelier in die Karl- che und eines meist industriell produzierten Inst- Biologische Zeitmessung,
Anton-Straße und machten mit den Kunststudenten Performances. rumentariums von Behältnissen und Messgeräten. Kettwig, Juli 1972

1) Klaus Rinke, Die Zeit ist wie Feuer. Ein Gespräch mit Heinz-Norbert Jocks, in: Kunst- halle Düsseldorf 1992, Hans-Werner Schmidt Hrsg., S. 182, 183.
forum international, Bd. 150, April-Juni 2000, S. 204. Alle weiteren in Anführungszeichen 4) Stella Baum, unveröffentlichtes Manuskript (s. auch Anm. 2, S. 46). Im Von der
gesetzten Zitate ohne Fußnoten beziehen sich auf Gesprächsaufzeichnungen der Autorin Heydt-Museum fand 2006 eine große Einzelausstellung mit Klaus Rinke statt. Neben der
mit Klaus Rinke. Staatsgalerie Stuttgart besitzt das Von der Heydt-Museum das größte Rinke-Konvolut,
2) Stella Baum, Kunst ist unwiderstehlich, in: Donat de Chapeaurouge und Marlene welches anlässlich des 70. Geburtstags des Künstlers präsentiert wurde.
Baum Hrsg., Wuppertal 2011, S. 43. Weiter heißt es von dieser ersten Ausstellung, „(...) 5) Auch hier eine Geistesverwandtschaft zu Pina Bausch, deren Stück „Ahnen“ (1987)
die wird von Beuys’ Biographen streng vermuffelt.“ (ebd. S. 43.) zwischen riesigen Kakteen spielt.
Die Quelle – Zeitfluss, Primär Demonstration – skulpturale Handlung, Aktion 7 Fässer Quellwasser, Kettwig, 1970 3) Klaus Rinke Retro Aktiv, Ausstellungskatalog und Werkverzeichnis 1954-1991, Kunst- 6) Rinke Retro Aktiv (s. Anm. 3), S. 261 (Werkverz. Nr. 482).
Während seiner Demonstrationen, die er Strichuhr. „Ihre Zeiger strahlen aus dem Zentrum in alle Richtungen, mit einem kunstsinnigen Dominikanerpater aus Frankreich, durch komplizierten Bewässerungskreislaufes
auch als „Vorführkunst“ bezeichnet, ver- ähnlich den Strahlen, von denen Mostranzen aus dem Barock um- dessen Vermittlung der Künstler in Paris und Reims arbeiten konnte. durch Schläuche mit Wasser befüllt oder
stand er sich als „Prototypus, als von Gott geben sind.“ Dort hatte er sein Atelier in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kathe- geleert werden. Visualisiert der Künstler
geschaffenes Neutrum. Ich habe nie meine „Einmal katholisch, immer katholisch“, befindet Rinke heute. Die drale. Rinke hatte den Pater während eines seiner Griechenlandauf- hier – gerade auch im Vergleich zu den
Psyche gezeigt.“ Es hat ihn allerdings unbedingte Klarheit seiner künstlerischen Sprache kann auch als enthalte kennengelernt. Das Durchdenken des Katholizismus, die Kakteen als „genial konstruierte Wasser-
einige Mühe gekostet, ohne jegliche Mimik Antwort auf die kirchlichen Rituale gelesen werden, welche Rinke unmittelbare, reflektierte Begegnung mit der Natur und das „Eintau- speicher“, – die Vergeblichkeit menschli-
aufzutreten. Einige seiner Künstlerkollegen als theatralisch und kulissenhaft erlebt hat. „Der zornige Heiland“ chen“ in die Welt der griechischen Mythen führten zu einer zweiten chen Bemühens, Wasser erschöpfend zu
konnten es kaum aushalten, ihn während ist ein schlichtes Metallkreuz mit ungleich langen Armen, das Rinke Geburt. Ganze Tage verbrachte Rinke damit, auf einem Felsen zu bewahren und zu nutzen, in welcher Form
der Biennale in Paris stundenlang regungs- 1985 an der österreichisch-deutschen Grenze aufgestellt hat. Da- sitzen und seinen von der Sonne durchglühten Körper im Meeres- auch immer?
los unter einer Uhr stehend anzuschauen. mals konnte niemand ahnen, dass 2015 Tausende von Flüchtlingen wasser abkühlen zu lassen. Er erlebte das Einswerden mit der Natur Inseln ganz anderer Art entstanden im
„Ich habe mich in die Zeit gestellt“, wird genau diesen Ort passieren würden. Seit Jahren sammelt Rinke zwischen den Polen der männlichen Klarheit des Sonnenlichtes und selben Jahr für die Schweizerische Expo
er später sagen. „Das soll mir erst einmal Kruzifixe aus Holz. 2016 endlich fand er, was er schon lange im Kopf des Eintauchens in den mütterlichen Schoß des Wassers, welches 2002: In den eiszeitlichen Murtensee baute
jemand nachmachen!“ hatte: ein Metallkreuz, von dem der Corpus, nur noch von einem das Unbewusste, das Weibliche versinnbildlicht: „(...) müßig sitzend der französische Architekten Jean Nouvel
einzigen Nagel gehalten, herabhängt. zwischen der Hitze der Sonne 11 und der Kühle des Wassers, aber einen rostenden Metallkubus, „Monolith“,
„Mein ganzes Werk ist ein Selbstporträt“ direkt im Kontakt mit dem gesamten Universum, da spiegelt sich daneben misst Klaus Rinkes Normalzeit
Rinkes Werk ist in einem umfassenden „Ich bin aus der Steinkohle gewachsen (Anthrazit)“ schon etwas, was wahrscheinlich der prähistorische Mensch immer Uhr Die Zeit des Sees, – Artefakte mensch-
Sinne autobiographisch, also auf die Klaus Rinke hat nie seine heimatliche Bindung an das Ruhrgebiet erlebt hat: Man kam ja aus dem Wasser und musste, um sich ab- licher Natur – emporsteigend oder versin-
Vergangenheit bezogen, gegenwärtig geleugnet: Die Normalzeit Uhr des Gelsenkirchen-Wattenscheider zukühlen, wieder dahin.“ 12 Die Beschäftigung mit dieser Symbolik, kend, werdend oder vergehend, Raum und
und visionär zugleich: „Mein ganzes Werk Bahnhofs durchläuft gleich einem roten Faden das Werk. die Bewusstwerdung dieser Handlung erfolgte erst sehr viel später. Zeit gebend zum Nachsinnen über das,
besteht aus Rückschlüssen, wodurch die Aus der Verbundenheit mit der vom Bergbau bestimmten Region 1992 sagte Rinke: „Über das Hantieren mit dem Wasser kamen was vielleicht Gegenwart ist.
Vergangenheit zur Zukunft wird und nach ergibt sich das Ausloten der archaischen Kräfte des Erdinneren und mir dann doch mythologische Aspekte in den Sinn. Das Wasser
vorne prescht.“ Alles, auch die Beziehung des Wassers. Die Beschäftigung mit der Erdanziehungskraft führt als Urmutterprinzip. Die Herkunft aus dem Fruchtwasser. Seit der „Auch stillstehende Zeit bewegt sich“
des Künstlers zum Katholizismus, wurzelt zur mathematisch-graphischen Auseinandersetzung mit dem Un- Zeit denke ich auch über das Mutterprinzip und das Vaterprinzip in Rinke hat seine Demonstrationen stets
in der Kindheit. Aus diesen Kindheitserin- endlichen, die Rinke in zahlreichen Serien von Graphitzeichnungen meiner Kunst nach. Wenn ich heute am Strand stehe und die Weite in Kombination mit der Uhr und dem Lot
nerungen erhellt sich das Werk: „Mein erstes dokumentiert. Graphit als reiner Kohlenstoff wird seit dem Mesoli- des Meeres sehe, habe ich das Gefühl von Wiedererkennen und bin vorgestellt, um bewusst zu machen, dass
Atelier hatte ich unter dem Bügeltisch thikum für Kunst und Kunsthandwerk verwendet. Weil er Kristalle dabei glücklich.“ 13 Während der Reisen nach Australien zwischen Zeit und Raum nur durch einen stillstehen-
meiner Mutter. Zwischen duftenden Laken bildet, schimmert er in verschiedensten Grauwerten, und die Ober- 1978 und 1982 begegnet er den Aborigines, die in der „Traumzeit“ den Betrachter wahrgenommen werden
sitzend zeichnete ich mit Buntstiften.“ fläche kann glänzend oder stumpf erscheinen. Zeichenkohle und leben, ohne Götter und ohne Zeit. können. „Das Lot ist der Fingerzeig Gottes
Rinke ist 1939 in Wattenscheid (Wasser- vor allem Graphit waren sowohl dem „Ruhrgebietler“ als auch dem „Ich bin ein Neandetaler“, hat Rinke schon häufig von sich gesagt, an uns Erdgebundene.“ Das Lot ist die Stil-
scheide) an der Ruhr am Watermannsweg „Globier“ Klaus Rinke von Anfang an ein ideales Material, ist doch bevor er 1980 nach Haan gezogen ist, in die Nähe des Neandertals. le, die absolute Unbeweglichkeit. Das von
Zeitpunktueller Standortwechsel, geboren. Das Wassermotiv war ihm also Kohlenstoff in jeglicher Materie enthalten und verbindet uns so mit Vier Jahre später gestaltete er dort die große Ausstellung „Rinke Baumstämmen oder Säulen durchzogene
Documenta Kassel, 1972 gleichsam in die Wiege gelegt. Als Kind dem Kosmos. Dass Rinkes Leben und Werk aus „Rückschlüssen“ im Neandertal“. Über den Ursprung der Kunst: „Wir können immer Kirchenschiff, die sich, je nach Standpunkt,
ist er begeistert in den mit Wasser voll- besteht, sollte sich einmal mehr bestätigen, als er 2007 in die Nähe nur auf das aufbauen, was unsere Vorfahren geschaffen und ge- ineinander oder auseinander verschieben,
gelaufenen Bombentrichtern gewatet und der großen Graphitminen ins Dreiländereck bei Passau zog. dacht haben.“ Heute sagt Rinke: „Ich bin ein moderner Künstler und inspiriert den Künstler zur Strukturierung
hat deren Biologie studiert.7 Bereits hier erfasste er intuitiv, dass „Das Universum ist die totale Schwärze.“ 8 Schwarz ist die Farbe, tausche zeitgenössische Kunst gegen Faustkeil.“ von Räumen oder Flächen durch senkrech-
Wasser die Grundlage des Lebens ist und aus der Zerstörung neues mit welcher Rinke 2003 in Chinon die Serie “Plutonium“ geschaffen te Linien oder schmale, an einem Ende
Leben erwächst. Besonders faszinierten ihn damals die Karpfen: hat – unweit der Atommeiler. Dazu gehört auch ein riesiger, mit Gra- „Gefrorenes Wasser ist zeitlos“ aufgehängte Holzstangen, die den Raum
Jahre später wird er ihnen mit „Freitagsessen“ ein künstlerisches phit geschwärzter dreidimensionaler Tropfen, der an die Katastrophe Die Griechen nannten den vollbärtigen jungen Mann „Poseidon“, ebenso bestimmen wie sie ihn auflösen. In
Denkmal setzen. von Tschernobyl erinnert. der Künstler Klaus Rinke sollte diesem Titel später gerecht werden, der Arbeit „Von der Wand zum Boden. Von
Weil der Vater, Eisenbahner von Beruf, während des Krieges einge- In einer ehemaligen Färberei entdeckte Rinke alte Farb- und Säure- indem das Wasser sein großes Thema wurde. der Senkrechten zur Waagrechten“ von
zogen war, nahmen die Großeltern Hahn den Knaben in ihre liebe- fässer aus Kunststoff. Die rein funktionale Form industriell gefer- Die 60er Jahre waren die Zeit der Befreiung, Rinke hörte auf zu 1970-72 entfalten 61 überschlanke Baum-
volle Obhut. Der Großvater war gelernter Zimmermann und Küster tigter Behältnisse hat ihn schon immer interessiert. Sieben davon malen und schuf Körper aus von Polyester ummanteltem Styropor. stämme – für jede Sekunde einer und einer
der Heilig-Geist-Kirche am Pfingstborn in unmittelbarer Nähe zur schwärzte er mit Graphit und versah sie mit Saugpumpen, die im Das Polyesterbecken mit 16 Schwimmtonnen entstand. Stella Baum für die Zeitspanne zwischen 0 und 1 – ein
Zeche Zollverein. Dieser geliebte Großvater wurde wegen seiner be- Inneren der Tonnen Wasser so in Bewegung versetzen, dass ein erinnert sich: „1969 veranstaltete der Schüler Michael Breer, der virtuoses Spiel im Raum. Die hölzernen
dingungslosen Hilfsbereitschaft und Tatkraft zum kreativen Mentor fernes, fast unhörbares Wasserrauschen zu vernehmen ist – wie heute Philosoph ist, in seiner Schule in Garath eine spektakuläre Linien verdichten sich, wie mathematisch
des Knaben. eine Erinnerung an längst vergangenes Leben. Ausstellung, auf der Beuys zum ersten Mal seine berühmte Bade- konstruiert, in schwereloser Leichtigkeit, je
Rinke erlebte den Katholizismus gleichsam hinter den Kulissen. Wenn Rinke sagt, sein ganzes Leben bestehe aus Rückschlüssen, wanne zeigte. Nicht weit von der Badewanne tobten Jessica und nach Standort des Betrachters, und „be-
Jeden Morgen beobachtete das Kind durch die offen stehende Tür, so dürfte sich das auch auf Mythen beziehen, die immer wieder Wenzel Beuys mit anderen Kindern auf riesigen Polyestertonnen, schreiben eine ins Unendliche schwingen-
wie die Großmutter früh um fünf Uhr die Holzkohle auf den Kü- in seinem Werk anklingen. Zu Plutonium assoziiere ich Pluto, den die auf einem Polyesterbecken schwammen. Durch die Bewegung de Sinuskurve.“
chenherd legte, damit die Messdiener an der glühenden Kohle den Gott der Finsternis und der Unterwelt. Die schwarze Farbe steht rieben sie sich geräuschvoll aneinander, was die Kinder herrlich Kreisförmig an langen Seilen aufgehängte
Weihrauch entzünden konnten. Ihre duftenden Weihrauchbehältnisse für Magie, den Tod, das Böse, Abgründige, sie ist die Farbe des fanden. Klaus Rinke, der Autor dieses faszinierenden Objekts, stand Lote werden zu Zeitmessern der Stille, der
schwenkend schwebten die Messdiener in die Kirche. Einmal im Chronos, des Gottes der Zeit, und sie ist die Farbe der Würde wie mit seinem mächtigen Wuschelkopf daneben und bestaunte das Zeitlosigkeit. Sie bilden die ideale gerade
Monat wurden in einem großen Kupferkessel Tauf- und Weihwasser in der Theologie oder Jurisprudenz. Schwarz sind auch die vierzehn Vergnügen der Kinder.“ 14 Linie und verweisen auf die Gesetze der
abgekocht und mit der Schöpfkelle aus dem Kessel entnommen. großformatigen Graphitbilder, die der Künstler 2006 für die Ausstel- Im selben Jahr entwickelte er die ersten Demonstrationen auf einer Schwerkraft in der Vertikalen, so, wie
Erst nach dem priesterlichen Segen war das Wasser Weihwasser. lung in der Hagia Sophia in Istanbul geschaffen hat.9 Rinke gewinnt mit der „Wasserwaage ausgewogenen Bauholzfläche“, die Mutati- das Wasser die Horizontale festlegt. „Bei
Der Knabe hatte die Aufgabe, mittels eines Schlauches das faulige der Schwärze des Graphits ganz neue Dimensionen ab; je nach onen und den Konfrontationstisch – Rinke im kreativen Flow und im meinen Wasserarbeiten gibt es fließen-
Wasser aus den hohen, schmalen Vasen im Kirchenraum durch Lichteinfall erwächst der schimmernden Oberfläche Figürliches, Dialog mit dem Betrachter, wodurch er sich zum Redner befreite. de und stehende Gewässer. 1969 habe
frisches zu ersetzen: „Und wenn ich vor dem Altar vergaß zu knien, Lebendiges, Erotisches. Eine dieser Arbeiten heißt „Die Geburt des Im Sommer dieses Jahres entstand aus Anlass der Ausstellung in ich ein Lot über eine stille, spiegelglatte
scheuerte meine Großmutter mir eine mit den Worten: ‚Gott ist Lichts“. Das Schwarz als Farbe der Nacht versinnbildlicht auch das Baden-Baden, in deren Verlauf Rinke das Wasser der „Oos“ durch Wasseroberfläche gehängt. Es entstand so
überall, und er sieht alles.’“ Weibliche, Eros und Tod. So entfalten sich in den Graphitbildern das Museum pumpte, die Aktion „12 Fass geschöpftes Rheinwasser“. eine Situation von meditativer Stille. Das
„Heilig war es nur bis zum Altar, hinter dem Altar war es nicht die Polaritäten von Erde und Kosmos, Licht und Finsternis, Anfang Die Kunst sollte schon auf dem Weg von Düsseldorf nach Baden- Zueinander von Horizontale und Vertikale
mehr heilig“, erinnert sich Klaus Rinke, „mein Vater versteckte sich und Ende. Aus einer Graphitzeichnung, die eine T-Form umschreibt, Baden beginnen: Rinke schöpfte an 12 Stationen Wasser aus dem ergab eine ausgeglichene Ruhe. (...) Aber
14 Tage hinter dem hohlen Altar, weil man nicht wusste, was die entwickelt Rinke seit 1972 „Das Tor zur Ewigkeit“ aus schwarzem Rhein in 12 Tonnen. Sie erinnern ihn an die Regentonnen in den da fällt mir wieder mein Großvater ein und Von rechts nach links – von links nach rechts,
Alliierten mit dem erklärten Nazi tun würden. So saß der überzeugte afrikanischen Granit, der so hochpoliert ist, dass die Umgebung heimatlichen Schrebergärten. In dieser Schlüsselaktion setzt sich die Erinnerung an seine Kirche. Da gab es die Kettwig, 1974
Atheist im Altar, während der Priester die Messe las.“ Als die Kirche von der Tiefe der spiegelnden Oberfläche aufgesaugt scheint und Rinke als Wasserkünstler auch mit dem Fluss der Zeit auseinander. Glockenstränge, die durch alle Geschosse
schließlich Berg- und Bombenschäden erlitt, holte der Großvater sie dennoch glasklar reflektiert. Mit dem so entmaterialisierten, Mit dem „Rheinstück“, wie er es nennt, weist sich der Künstler als des Turmes gingen und die wie Lote nach
Tannenstämme aus dem Sauerland, um die Decke abzustützen, zugleich undurchdringlichen und diaphanen Stein überwindet Rinke Schöpfer aus, der es unternimmt, das Fließen der Zeit aufzuhalten unten hingen.“ 15 Für die Pax Christi Kirche in Krefeld hat Rinke 1991
„und die Kirche wurde ein Wald, und so duftete sie auch, denn die das Schwarz als Symbol des Nichts, alles scheint anwesend und und in Behältnisse zu bannen, ein, wie er selbst sagt, ungeheuer- ein Weihwasserbecken geschaffen; über einer großen weißen
Bäume harzten noch.“ abwesend zugleich. 1985-1986 wird eine Variante dieser Arbeit zum licher Eingriff in die Schöpfung, aus dem allerdings deutlich wird, Muschel aus Kalifornien, die als Symbol des Weiblichen das heilige
Die Anregungen aus der Kindheit bestimmen das Instrumentarium posthumen Geschenk für Joseph Beuys: „’Joseph Beuys?’ – ’Anwe- welche Position der Künstler einnimmt: „Das Wasser ist die Kunst.“ Wasser birgt, schwebt, unmerklich schwingend, das Lot als Sinnbild
des Künstlers und seine künstlerischen Parameter wie die Senk- send!’“ 10 Von sich selbst sagt Rinke : „Zeitlos werde ich erst durch „Wasser in einem Eimer ist nichts als klares, reines Wasser“ – doch des Männlich-Geistigen.
rechte und die Waagerechte, die Symmetrie, die Linie, die Behält- meinen Tod.“ Auf seinem Grabstein wird zu lesen sein: „Ich komm es kann eben noch viel mehr sein. 1984 fertigte Rinke für seine
nisse, die Schöpfkelle, die Schläuche und das Wasser, die Lote und gleich wieder.“ Kakteensammlung zwei Halbkreise aus Stahlplatten auf Rädern Gemessene Zeit: „Reine Gegenwart ist göttlich“
Senkbleie sowie seine Aktionen: „Ich bin ein instrumentaler Meta- samt zwei Leuchten mit UV-Licht. „Das wäre eine Wasserinsel in „Zeit Mess Instrument. Zeitmesser“ hat Rinke 1965 seine erste
physiker.“ Traumzeit der Wüste gewesen.“ Doch die Kakteen kamen ins Treibhaus, und selbstgebaute Uhr genannt. Seit den 70er-Jahren veranschaulicht er
Eine besondere Bedeutung kommt der Monstranz zu. Sie ist nicht Die Jahre nach dem Studium galten der künstlerischen Selbstfindung. der „instrumentale Metaphysiker“ bestückte 2002 die „Insel“ mit die Zusammenhänge zwischen der Linie, dem Wasser und der Zeit.
nur sakrales Gefäß, sondern in ihr konzentrieren sich alle Raumach- Durch Auslandsreisen gewann der junge Rinke den nötigen Abstand unzähligen industriell gefertigten Behältnissen aus Metall, die er von Im Jahre 2000 heißt es in einem Interview für das “Kunstforum“:
sen. An ihre Stelle tritt in Rinkes künstlerischem Werk die Bauhaus zu Deutschland. Besonders wichtig war die enge Freundschaft 1969 bis 1971 gesammelt hatte. Jedes einzelne kann mittels eines „Zeit hat jedenfalls mit Göttlichkeit zu tun, weil diese Kraft zeitlos,

7) Darüber ausführlicher Hans Werner Schmidt:„...über Logik intelligenter Gefühle...“ 9) Es sollte vorläufig die letzte Kunstausstellung in dieser Kirche sein. 11) „Aber dann kam 1960 mein erster Sommer in Griechenland. Sechs Monate war ich glaube, sie ist bisexuell. Sie befruchtet sich selbst und gebiert zur gleichen Zeit Welten,
Ein Gespräch mit Klaus Rinke in: Wasser + Schwerkraft = Harmonie, Ausstellungskatalog 10) Kunstmuseum Düsseldorf. Für die Pax Christi Kirche in Krefeld hat Klaus Rinke 1990 am Mittelmeer, da gab es keinen Regentag, und da habe ich die Sonne und ihre Kraft zum Planeten. Und wir leben ja in einer Symbiose auf unserer Umlaufbahn mit Mond (la lune)
Kunsthalle zu Kiel 1992, o. p. ein leicht abgewandeltes Pendant geschaffen: “Das Tor zur Ewigkeit“. erstenmal erlebt. Das war für mich eine Offenbarung. Deshalb kommen in meinen frühen und Sonne.“ (s. Anm. 8), S. 18.
8) Klaus Rinke im Neandertal. Über den Ursprung der Kunst, Ausstellungskatalog Kleve Bildern soviel Sonnen vor, und ich habe meine Malerei auch mit gelber Farbe beendet. 12) Ebd., S. 19.
1984, S. 21. Gelb ist für mich gleich Sonne, und Gelb ist Dotter, Ei. Diese beiden Symbole haben sehr 13) Kunsthalle Kiel (s. Anm. 7), o. p.
viel gemein. Die Sonne ist der Kreateur oder kreativ, und in lateinischen Ländern heißt es 14) Stella Baum, Kunst ist unwiderstehlich (s. Anm. 2), S. 54.
ja ‚der Sonne’. Wir Germanen haben die Sonne immer als Mutter angesehen, aber ich 15) Klaus Rinke, Kunsthalle zu Kiel 1992 (s. Anm. 7), o. p.
weder weiblich noch männlich, auch nicht sächlich, und ohne hinten, Todes übergegangen sind. Zu Rinkes Titel “ZEITFELD“ lassen sich
vorn, rechts und links, oben und unten, eben vollkommen neutral ist.“ 16 nicht nur die fruchttragenden Felder assoziieren, sondern auch das
Dieser Aspekt der Zeit als „vierte Kraft“ wird in Arbeiten spürbar, in Feld der Ehre, das Schlachtfeld, das Spielfeld oder das Magnetfeld.
denen die Monstranz zur Uhr wird: 1987 entsteht „Freitagsessen“, “ALLES HAT SEINE ZEIT“ verweist auf die philosophisch-religiösen
ein Wassertisch mit 12 lebendigen Karpfen und 13 unterschiedlich Auseinandersetzungen mit der Zeit. Mit “ACH DU LIEBEZEIT“
konstruierte Stühlen mit einem „Lichtzeitmesser“, einer von innen kommt wie in dem Ausruf „Ach, du lieber Gott“ der ebenso hilflose
leuchtenden zeiger- und zifferlosen Uhr. Rinke ist der Ansicht, das, wie distanzierte Versuch zum Ausdruck, ein Abstraktum zu personi-
was wir als Gott bezeichnen, könne man heutzutage nur durch fizieren und mit dem Unbegreiflichen in Dialog zu treten oder ganz
Licht darstellen, als „Verklärung“. Eine weitere Arbeit zeigt ein einfach die Zeit zu lieben oder die Zeit der Liebe.
schemenhaftes Foto von Rinkes Gesicht auf einer Staffelei, vor der In “ZEITFELD“ verschmilzt die lineare, messbare Zeit mit dem
eine beleuchtete Uhr steht, in deren Zifferblatt sich das Gesicht des Kontinuum der Raumzeit. Gerade die Vielzahl der Zeitmesser in
Künstlers spiegelt. In einer anderen Arbeit nimmt der Betrachter Rinkes Werk könnten auf das Ablaufen des Zeitalters des Zeitmes-
unter einer Uhr Platz zwischen zwei Staffeleien, auf denen schwarz sens verweisen; es geht darum, die vierte Dimension zu erahnen,
schimmernde Tafeln stehen, in denen er sich ins Unendliche ge- die Jan Gebser, als „Zeitfreiheit“, „Achronie“ oder aperspektivische
spiegelt sieht. Die messbare Zeit visualisiert Rinke durch Normalzeit Zeit bezeichnet.17 Wie Rinke durch den Titel dieses Werkes deut-
Uhren, wie einst die Bahnhofsuhr in Gelsenkirchen-Wattenscheid lich macht, ist „Zeit“ nicht zu fassen. Ihr durch Messen gerecht zu
das Weggehen und Ankommen angezeigt hat. „Diese Bahnhofsuhr werden, bleibt der vergebliche Versuch, ein Phänomen begreifen zu
war während des Krieges beleuchtet, trotz der Verdunkelungspflicht, wollen, dass dem menschlichen Wahrnehmungsvermögen vorläufig
sie hat gleichsam die Kriegszeit angezeigt. Die Uhren haben uns entzogen bleibt. Im Katalog der Ausstellung in Tübingen 1972 “Zeit-
Kinder diszipliniert, zugleich waren sie unsere Monde.“ Intuitiv hat Raum-Körper-Handlungen“ beschreibt Rinke seine Vision von der
das Kind nicht nur die Ablösung des archaischen Zeitmessers Mond Aufhebung der Zeit: „Manchmal wird der Vorgang von der Gegen-
durch die Normalzeit Uhr gesehen, sondern erahnt, dass die Uhr ein wart in die Zukunft, die Vergangenheit hinter sich lassend, durch
Symbol für die Zeit ist, das hoch spezialisierte Gesellschaften über zufällige Ereignisse gestört oder sogar abgebrochen. In diesem
Jahrtausende hinweg entwickelt haben, um ein komplexes Zusam- Moment stürzen Vergangenheit und Zukunft in die Gegenwart und
menleben überhaupt zu ermöglichen. Rinke vergleicht das Leben verschmelzen miteinander, der Zustand der Zeitlosigkeit beginnt. Wir
mit einem Eisenbahnzug, mit „Wartesälen, mit Ankommen und haben noch kein Sinnesorgan, das in diesen zeitlosen Raum einbli-
Abfahren und Umsteigen, mit Weichen, allerdings ohne Notbremse cken kann. Wenn wir daran arbeiten, entwickelt sich vielleicht so ein
und ohne die Möglichkeit auszusteigen und einem Sackbahnhof am Organ als Mutation.“ 18
Ende, wo alle aussteigen müssen.“ Eine Arbeit heißt „Wartesaal für Heute, während der Arbeit an diesem Text, erreicht mich an der
die Ungeborenen“. Wupper ein Anruf von der Donau: Klaus Rinke erklärt mir die Pfeile
auf seinen Mappen, die ich eingangs erwähnt habe. Dieser Anruf
Für seine Arbeiten verwendet Rinke die klassische Bauhausuhr, wie ist jetzt, da ich von ihm schreibe, schon nicht mehr Gegenwart.
sie ihm als Kind während des Dritten Reiches seine Freizeit diktiert Mein Text bezieht sich auf die Vergangenheit des Künstlers und
hat. Eines seiner Hauptwerke sind 24 Normalzeit Uhren am Rande ist gedacht für eine Ausstellung, die von heute aus gesehen in der
des Volksparks in Düsseldorf mit dem bezeichnenden Titel “ZEIT- Zukunft zu sehen sein wird – Vergangenheit und Gegenwart ver-
FELD – ALLES HAT SEINE ZEIT – ACH DU LIEBEZEIT“ von 1986-87. schmelzen miteinander.
Es ist ein Ort der Stille und der Meditation, obgleich oder gerade Diese Mappen hat Rinke als Lehrling selbstbewusst mit sich herum-
weil er an einem Bahnhof mit Hauptverkehrsstraße liegt. „Hat man getragen. Die erste, kleinere, war ein Fundstück. Die Beschriftung
die Zeit auf einer Uhr wahrgenommen und schaut zur nächsten, so hat Rinke mit zitronengelber Farbe übermalt – die Leidenschaft für
befinden sich deren Zeiger bereits auf einer anderen Position. Die Gelb sollte ihm erhalten bleiben. Weshalb er die Ziffer „3“ hat ste-
Uhren mahnen: Du Erdgebundener, deine Zeit ist gezählt. Dieser hen lassen, wurde ihm erst später klar, es waren die drei Lehrjahre,
sichtbar gemachte Ablauf der Zeit hat nichts Beunruhigendes, son- deren Produkte sich in dieser Mappe befanden. Die „3“ als Zeichen
dern die Leute holen sich sogar Bänke dorthin.“ Schaut man zu den für die Trinität würde in seiner Kunst eine bedeutende Rolle spielen.
Uhren auf und nimmt zugleich das Universum in den Blick, werden Jede der drei großen Mappen, die er selbst gefertigt hat, trägt zwei
die Uhren zu Himmelskörpern, wie Rinke als Kind die Bahnhofsuhren in Pfeile: Die Pfeile auf der ersten Mappe zeigen nach unten und ver-
Wattenscheid als Monde wahrgenommen hat. Merkwürdig, diese weisen auf die Kräfte von oben, die aus dem Universum in die Map-
Uhren scheinen anthropomorphe Gestalt anzunehmen und in wür- pe einströmen. Die Pfeile auf der zweiten Mappe, die von unten
devoller Ruhe auf mich herabzusehen, während die Zeiger gemes- nach oben gerichtet sind, meinen die Kräfte, die vom Inneren der
sen und unerbittlich vorrücken. Ist das überhaupt ein Vorrücken? Ist Mappe nach außen ins Universum dringen. Die Pfeile auf der dritten
permanentes Kreisen nicht zugleich Stillstehen? Wie kann es sein, Mappe, die auf der einen Seite nach vorn und auf der anderen nach
dass sich diese „Zeitmessgeräte“ des gesamten Lebens, Fühlens hinten zeigen, veranschaulichen, dass Rinke schon damals „zeit-
und Denkens ihrer Erfinder bemächtigen und es auf ihre Weise zu haft“ war, einer, dessen Leben und Werk zwischen Vergangenheit
strukturieren wissen in Mußestunden oder in Rastlosigkeit bis zum und Zukunft oszilliert und für den „Gegenwart die totale Konzentration“
Tod? Klaus Rinke sagt dazu, das Zentrum der Uhr markiere den bedeutet.
eigenen Standpunkt und die Striche verwiesen auf die Richtungen,
die man einschlagen könne, wie die Strahlen der Monstranz. Das Schlüsselwerk seiner künstlerisch-philosophischen Auseinan-
dersetzung mit der Zeit, die riesige, handgefertigte Normalzeit Uhr,
So kann sich der Betrachter je nach individueller Wahrnehmung die 2002 im Murtensee gestanden hat, ist für Rinke derzeit das
zwischen den Uhren als einem „Zeitraum“ hindurchbewegen, der „UR-ICH“ oder „Das Gottesauge“. In diesen Bezeichnungen ver-
sich je nach Blickrichtung zugleich der Umgebung öffnet, oder man schmelzen die Bedeutungen von „Zeit“ als subjektiv oder messbar
findet in den tosenden Verkehrsmitteln die lineare Zeit versinnbild- mit der göttlichen Zeit als reine Gegenwart. Das Gehäuse ist so
licht oder nimmt im Kontrast dazu die alten Bäume im Park wahr, groß, dass man es begehen kann. Als „Mutteruhr“ könnte diese
die ihre ganz eigene Zeit leben. Diese Uhren sind eine Mischung aus Uhr auf den Hügeln des Skulpturenparks über der Wupper so auf-
anthropomorphen Formen und Bäumen – wie die Baumstämme, mit gestellt werden, dass sie geographisch in Beziehung steht zu dem
denen Rinkes Großvater die Decke der Kirche abgestützt hatte. Das südwestlich von ihr gelegenen „Zeitfeld“ im Düsseldorfer Rheintal.
“Uhrenfeld“ wird so zu einer Art Templum, einem heiligen Bezirk, Entlarvt Rinke durch das imaginäre Wechselspiel von Zeiträumen
der etwas von der Vorstellung der Aufhebung der Zeit erahnen lässt. und Zeitabläufen die atomuhrgesteuerten Uhren als Symbole einer
Auch angesichts dieses Werkes finden sich Rückschlüsse auf „Zeit“, von der die Physiker nicht einmal wissen, ob es sie über-
Mythen: Für die Ägypter bestimmte Thot, der Gott des Mondes und haupt gibt?
des Kalenders, über die Lebenszeit des Menschen. Die Griechen Marlene Baum
personifizierten die Zeit in der Gestalt des Gottes Chronos, dessen
Attribute, Sanduhr und Sichel, in die christliche Ikonografie des

16) Klaus Rinke, Kunstforum (s. Anm. 1), S. 199. 18) Klaus Rinke: Der Versuch, meine Arbeit zu erklären, in: Zeit Raum Körper Handlungen.
17) Jan Gebser, Ursprung und Gegenwart, Stuttgart 1949-1953. Ausstellungskatalog Kunsthalle Tübingen 1972, S. 40.

Selbstportrait K.R. 1939 MEZ, Lehmbruckmuseum Duisburg, 1989


Eine Stunde kreative Dienstleistung – 4000 Liter Schmelzwasser, St. Georgen, Schwarzwald, 1979

4000 Liter Schmelzwasser, Sammlung Bärbel Grässlin, St. Georgen, Schwarzwald Ur-Zeit, die große Düsseldorfer Bahnhofsuhr installiert im Neandertal, Ausstellung Klaus Rinke im Neandertal, 1984
KLAUS RINKE – FrageN an die Zeit

IST-Zeit, die Zeit? Du musst unendliches Gleichgewicht haben! / in die Zeit deines Ablebens, deiner Nachzeit! /
der Zeit Zeitdistanz: Sie kann schneller nicht sein, Ich bin Zeit! Dann kannst du sie ja abgeben! /
das als alltäglich! / Lebenszeit = Wieviel Zeit haben wir noch? /
des Sauere, süße oder bittere Zeit. Die Zeit ist überall, nur deine Zeit ist
dem Geschmack der Zeit, üppige Zeit, in deinem Standpunkt verankert. /
den Zeit / oder geht gerade noch! / Zeitgemäß = Wenn sie von allen angenommen
Einzeit / Moderne Zeiten: Ich bin nicht modern wird ohne Widerspruch. /
Auszeit / sondern Zeit und Geschichtsbezogen! / Avantgardistische Zeit ist Neuland –
Langzeit / Moralische Zeit: Ist sie rechts oder links, Niemandsland. Hinein mit Zuversicht, immer
Kurzzeit / vorne, hinten, oben unten, eine Sicht voraus. Du brauchst Mut, denn sie ist
Zeitstau / oder überhaupt aus den Fugen geraten. / gefährlich, sie werden dich dafür hassen,
Zeitvertreib / aber später bewundern! /
Zeitverdruss / Zeitantreiber, Zeiteintreiber, Zeitübertreiber, Zeitlupe: Halte sie fest, der Versuch sie zu
Zeitüberfluss / Zeituntertreiber, Zeitvertreiber oder verlangsamen. /
Zeitentwicklung / Zeitaustreiber (Exorzist). / Die Zeit ist ein Neutrum, du kannst in ihr nur
Zeitstrang / Symbiotische Zeit: Wenn zwei Zeiten funktionieren, nicht fassbar, aber nicht unfassbar! /
Zeitstrenge / gut miteinander auskommen,
Hauptzeit / sich gut verstehen und es ineinander treiben, Zufällig Zeit geworden, sie ist nicht woanders,
Zwischenzeit / mit Resultat (Die Zeiteinverleibung). / sie ist hier nur für dich da! /
Mahlzeit / Zeitextrakt: H20 das flüssige Medium. / Zeitpräservativ, die überstülpte Zeit,
Normalzeit / IST-ZEIT = Hierheit, die gesamte Realität der Welt! / gegen die rasende Libido geburtenreicher Jahre,
Zeitgrenzen / Neuland ist die Kunst der Zeit, die Übervölkerung der Welt! /
Zeitmaß / nicht für die, die sie nicht verstehen! / Perverse Zeit, wenn dir die Normalzeit nicht mehr
Zeitabschnitt / Einzeit eingezeitet, Auszeit ausgezeitet und genügt und du dich außergewöhnlicherer Zeit
Zeitdauer / alles was dazwischen ist. / hingezogen fühlst und das dann auslebst! /
Ich bin in der Zeit, war nicht so einfach. / Frivole Zeit, sie ist reizend, kann dich anmachen,
Hinein in die Zeit. / sie ist süß, hoffentlich nicht zu süß, denn dann
Du trittst ein in die Zeit. / Ich möchte überall sein, kann aber nicht, kann sie auch bitter werden! /
Du hast Zeit… noch Zeit… / da ortsgebunden, in der Ortszeit der Normalzeit. / Zeitschlüssel: Das Aufschlüsseln der Verschlos-
Du nimmst dir Zeit. / Allzeit: Nicht mit Leben zu erreichen. / senheit, damit es offenes wahres Leben ergibt! /
Die Zeit hat dich. / Ich gebe dir Extrazeit! Wie großzügig (Danke!). / Zeitbrücken zur Überwindung von Zeitflüssen
Wie bist du mit der Zeit umgegangen? / Sein in der Zeit: Das ist die Zeit, (die Gezeiten). /
Du hast keine Zeit mehr. / lass sie nie mehr los! /
Die Zeit, du kannst sie nicht anhalten. / Zeiteinschnitt: Das Leben lebt die Zeit, Zeitgeschäft: Die Öffnungszeiten sind Mittel
Die Zeit ist dir durch die Finger geronnen. / die Zeit lebt dein Leben. (Wie schön!) / gegen Mittel, sind um die Uhr. /
Das Scheitern in der Zeit. / Tausche zeitgenössische Kunst gegen Faußtkeil Tausche Zeit gegen nochmaliges exaltiertes Leben. /
In Raum und Zeit sind alle Ziele gleich. / oder ein Glas Wasser. / Zeit ist dir gratis gegeben worden, nimm sie an. /
Mit der Zeit auf du! / Apokalyptische Zeit: Wenn die gesamte Langzeitgedächtnis gelagert in den Erinnerungen,
Durch deine Geburt hast du Anspruch Menschheit nicht mehr weiter weiß und im Kleinhirn. (Eiweissalles)! /
auf Zeit (Normalzeit). / alles vermasselt hat! / Gelebte Zeit, du musst dankbar dafür sein. /
Du atmest Zeit ein und aus, ... du bist und lebst. / Pünktliche Zeit, raus aus dem Dusel,
Das Leben lebt die Zeit oder die Zeit dich Es gibt Zeitgenossen, die haben nichts rein in die wache Zeit. /
(Dein Leben). / gemeinsam, noch nicht einmal die Zeit! / Verspätete Zeit ist Risiko! /
Man hat mich nie in die Zeit gelassen. Zeit-Pensum: Deine hast du hoffentlich
Die alleshabenwollende Zeit (Zeitgenössisch): / Der nicht oder doch? (Scheißzeit) / abgearbeitet? /
Zeiteinschnitt, schärfe der Zeit, extraschnittig. / Du musst Zeit anhalten, damit sie dir nicht Verlorene Zeit, die Zeit, die dir nicht bewusst war. /
Amorphe Zeit im Block. Schwerfällig. / durch die Finger rinnt! /
Zeitkonzentration: Das bist du! / Über Zeit und keine Zeit mehr zu haben! / Zeitraum = Lebensraum, lebe ich, bis es nicht
Die schreitende Zeit, pass auf, dass du Du musst Zeit haben einen Fehler zu machen, mehr weitergeht und das Danach und Dahinter! /
nicht stolperst! / kann nur besser werden. / Zeithinterlassenschaft: Dein Anspruch und dein
Zeitschnelligkeit: Vom Stand aus bis Die Zeit ist gegangen, wo ist sie denn? / Durchsetzungsvermögen. Das ist dann
in Lichtgeschwindigkeit… / Du hast die Zeit in der Hand, gewordene Allgemein-Kultur! /
Gefangen in der Zeit, was sonst? / die Fähigkeit sie zu gestalten. / Es kostet nur Zeit, die teuere Zeit! /
Die Zeit existiert nicht ohne die sie Die Wuppertaler Zeit, wie könnt ihr denn Vergangene Zeit: Schuld? Oder das Recht alles
lieben und leben! / damit fertig werden? / anders und besser zu machen! /
Es gibt keine gute oder böse Zeit. Das in der Zeit sein, ist echtes Leben! /
Zeit ist neutral. / Die Zeit ist biegsam, verformbar und knetbar. Zeitspanne von Anfang bis zum Ende,
Zeitdrama ist ja nur, wenn man Die gestalterischen Möglichkeiten liegen in weiter als weit! /
nicht weiß wie man sie leben soll. / deinem kreativen Vorstellungsvermögen Zeitkonzentrat = Zeitextrakt, scharf gemacht
Böse sind die Charaktere, nicht die Zeit. / und Fähigkeiten, sie in jedem Moment umzu- und angesetzt! /
setzen in wirkliches Leben! / Vollzeit, die Völle der Zeit, volupte Zeit:
Maßlos ist die Zeit, weil soviel da ist. Freigeistige Zeit, gefährlich einsam! / überfressen oder ausgehungert, magere Zeiten! /
Du musst dich damit abfinden, dass sie da ist. / Einsame Zeit, kann frei sein, muss aber nicht. /
Er, Sie, Es ist über die Zeit hinausgewachsen, Zweisame Zeit, hochspannend oder zerstörerisch. / Die Zeit als Hure, sie treibt´s mit Jedem,
war so vorgesehen. / Gemeinsame Zeit, vielseitig zu leben! / zum Zeitvertreib! /
Die Zeit ist da, nicht gestern, nicht Morgen, Allsame Zeit, die immerwärende Zeit! / Gratiszeit, du musst sorgsam damit umgehen. /
nur heute, fass! / Mittelmäßige Zeit, die Mitte sollte doch Vergeistigte Zeit, die nicht fassbare ätherische
Zeit muss aufregend sein damit sehr heiss sein? / Zeit, hat eigene Gesetze, nicht von dieser Welt! /
sie in Erinnerung bleibt. / Freizeit: Über die man selbst verfügen kann! / Zeiträume expandieren in alle Richtungen,
Extrazeit im Angebot. Wieviel in das Größte und das Kleinste! /
Zeit haben wir noch auf Lager? / Langweilige Zeit: Warum hörst du nicht auf, Man muss sich Zeit einverleiben,
Zeitaustausch oder Umtausch. an mir herumzuweilen, wann bist du verflogen? / die Körperlichkeit der Zeit! /
Du übergibst deine Zeit, Fragwürdige Zeit, für was stehst du? / Auf Zeit, nur auf Zeit, das ist deine Zeit! /
was bleibt dir anders übrig! / Auf Zeit, an Zeit, in Zeit, über Zeit, unter Zeit, Mit der Zeit auf du, du hast dich mit ihr
Du kotzt Zeit aus, sie war doch mit Zeit, gegen Zeit, um Zeit, nicht Zeit. / eingelassen! /
nicht so ertragreich wie du annahmst! / Die vernetzte Zeit, Du bist gefangen im Netz der Die Zeit als Maß, nicht oder doch maßlos? /
Informationen. Wie kommst du da wieder heraus? Warum Zeit so wichtig ist? Weil ohne sie
Zeitgeist: Was ist das? Eine Droge? / Denn du hast deine Freiheit bereitwillig verloren. / kein Leben ist. /
In der Zeit ein- und angesetzt. Du bist eingezeitet, mit der Zeit auf du. /
Der Lebensgeist! Wieviel Prozent? / Zeitansicht Einsicht: Es gibt keinen Einblick
Haltlose Zeit, der Balanceakt. in deine vorgeburtliche Zeit und keinen Ausblick

Mensch der Zeit, 2012


Durchs Bildformat gehen

Horizontal und vertikal ergeben diagonal.


Die fotografische Serie erzeugt den Eindruck eines
zeitlichen und bewegungsmäßigen Ablaufs durch die
Benutzung einer Serie statischer Fotos. Der Betrachter
erlebt die Bewegung von Kommen und Gehen, von rechts
nach links, vertikal von unten nach oben geschichtet.
Die Serie beginnt mit Null (Leerbild), verdichtet sich in der
Mitte und endet mit einem weißen Feld.

Durchs Bildformat gehen, 1972


Out of focus, 1972 Ein Moment (dimiuniert) oder im Medium verschwinden, 1972
Primär Demonstration, maskulin – feminin, Kunsthalle Recklinghausen, 1973

maskulin – feminin

Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern


Visualisierung universeller menschlicher Situationen
Emanzipationsversuch (Kampf erbarmungslos)
Nebeneinander
Vision des Nebeneinanderlebens
Trennung
Zwei Menschen, die auseinander gehen
Treffen
Vision des sich Findens
Kronfrontation
Distanzen
Bewusste und unbewusste Bezüge zueinander finden
Positionen
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
Erdgebundenheit
Räumlichkeit
Handlungen und Umwandlungen
Eine Art körperliches Training,
um seine Komplexe in den Griff zu bekommen
Bewegungsabläufe wie laufen, gehen, sitzen,
liegen, stehen.
24 Stunden, 1974

Expansion angulär in zwei Richtungen, 1977 Eine Spirale in die Zeit gezeichnet, 1972 – 1992
Ausdehnung zirkulär von 0 bis 600 Meter, Kunsthalle Düsseldorf, 1973
Sich in die Jetzt-Zeit stellen, Biennale desjeunes, Paris, 1971

Die Zeit steht dir im Wege. Du Allzeitiger du! / Geopferte Zeit, wenn du zu großzügig vergessen, kann aber nicht! /
Zeitfluss: Du schwimmst im Fluss der Zeit, über deine Zeit verfügst. / Meine „Haaner – Zeit“: Man hat mich
mit oder gegen die Fließrichtung! / Übereingekommene Zeit, jetzt könnt ihr ans „Hildener Kreuz“ geschlagen! /
Zeitbedingung: Die Dinge, die in der Zeit miteinander leben. / Zeit, wo bist du? Such! /
Form angenommen haben! / Agressive Zeit, reagiere nicht darauf! / Zeitrecht, das Recht auf Zeit hast du durch
Die Zeit aller Dinge: Die Geschichte ihrer Abhandengekommende Zeit, such sie, den Liebesakt deiner Eltern! /
Entstehung über Jahrtausende hinweg! / vielleicht findest du sie wieder? / Zweischritt im Tanz der Zeit, von der verliebten,
Das Ding in der Zeit, zu heiss um es anzufassen, Einschmeichelnde Zeit, sei vorsichtig, verlobten, bis zur eisernen Hochzeit! /
mit bloßen Händen! / sie ist falsch! / Hinein in die Zeit! Befehl, ab durch
Oh Heroe du! Die Zeit wird dich Wiedergefundene Zeit, Welch ein Glück. / den Geburtskanal. /
in die Knie zwingen! / Umzeiten, falls sie nicht in die Die ersten Schwimmversuche im trockenen
Die nackte Zeit, mit oder ohne Bedeutung. richtige Richtung geht. / Zeitfluss! /
Du kommst nackt auf die Welt! Testament der Zeit, alles was du hinter dir lässt, Zeitschmerz: Die Zeit heilt und leckt alle Wunden. /
Was soll ich anziehen? / deine Hinterlassenschaft. / Überwindung des Lanzeitlebens durch Gegenwart. /
Der, die, das, des, dem, den Zeit,
adequates Sein im Vergleich! / In der Zeit verloren gegangen. Zeitgesetzmäßigkeit: Du sollst oder nicht,
Alles was dir lieb und teuer war. / du darfst oder doch nicht? /
Zeitsicherheit: Dass du morgens aufstehst Die Zeit ist verloren, sie kommt nicht Zeitstruktur: Von Sekunde zu Sekunde,
Tag für Tag und sie immer noch da ist! / mehr wieder. / von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde,
Zeit = deine Freundin, kann aber auch Vergelds – Gott! Vorgegaukeltes Zeitparadies, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche,
feindlich gesonnen sein, wenn sie abnimmt! / wo Milch und Honig fließen! / von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr ... /
Zeitlos in den Erinnerungen! Wir werden Euch Thixotrope Zeit ist zähflüssig, Zeiteinverleibung: Das bist du!
nicht vergessen, ihr lebt weiter in unseren schwierig in ihr zu leben und zu funktionieren. / Ohne dich vorher gefragt zu haben. /
Träumen der noch Daseienden. / Zeitgenuss: Die Zeitgenossen haben leider Hitze der Zeit: die Zeit ist wie Feuer,
Konservierte Zeit, im Vakuum Pack! / schon alles weggenossen! / du fängst mit einem Glimmen an,
Ein und angehaltene Zeit, da stehst du Zeitgene, alles was dich ausmacht hast du dann brennst du wie Zunder,
und staunst! / von den Vorausgegangenem. / deine Feuersbrunst, langsam brennst du aus
Exaltierte Zeit, darüber lachst du dich halbtot! / Zeitfrucht, vom Baum des Lebens, bis zu einem energielosen Flackern,
Zeitgeistvergewaltigung, wird geahndet Lebensbaum, der Paradiesapfel, dann glimmst du aus,
durch den gesunden Menschenverstand! / Zeitreife, überreife Zeit, Fallobst. / aus, für Immer … Immer! /
Die Zeit hinter dem Allen? Zeitgüte, man darf niemals damit rechnen. / Zeitkasino: Glückszeit oder Zeitpech.
Das Überall, die Überzeit. / Du gewinnst oder verlierst Leben! /
Geheime Zeit ist die, die du nicht mitbekommst! / Zeitgenesis - Wenn die gesamten Gene der Vorgegaukelte Zeit: Das ewige Leben! /
Menschheit gemischt werden zu einem
Friedliche Zeit, muss erhalten bleiben! / Völkergemisch, die Einmischung. /
Kriegerische Zeit, muss friedlich beendet werden! / Meine „Rheinische Zeit“ möchte ich gerne

Wasserträger, Primär Demonstration, Kunsthalle Baden-Baden, 1971


Vortragsverweigerung – skulpturale Handlung, Ausstellung Körper-Sprache, Kunstverein Frankfurt, 1976
Um mich herum – Wasser holen, Wasser bringen, Wasser schütten, Video-Galerie Gerry Schum, Kettwig, 1971 250 Liter Wasser werden umgestossen, Video-Galerie Gerry Schum, 1970
Rhein-Aktion, 12 Fass geschöpftes Rheinwasser, Station Kaub, 1969 Rhein-Aktion, 12 Fass geschöpftes Rheinwasser, Station Köln-Deutz, 1969
Rheinknie, Foto Aktion, Düsseldorf, 1974
Der Versuch, sich von der Erdanziehung zu lösen, Arnheim, Holland, 1971 Hineingehen und Herauskommen, Metropolitain Museum Tokyo, Tokyo Biennale, 1970
In den Raum fallender Stab – 60 Sekunden, Kunsthalle Hamburg, 1978
the Offshut – der Abzweig, Entwurf für einen Düsseldorfer Privatgarten, 2014 Zeitskulptur, Entwurf für den Platz Palais Royale, Paris, 2014
das Innere einer Coca Cola Uhr und Wandzeichnung, Fürstenwall 163, Düsseldorf, 1965 Relative Zeit – je nach Standpunkt, Nürnberg, 1974
Zeitfeld – Alles hat seine Zeit! Ach du Liebezeit, permanente Installation, Volksgarten Düsseldorf, seit 1986
Gemütliche Zeit, es gehört Mut dazu. / Trauerzeit: Wird auch über dich und
Die Zeit schrumpft zusammen zu einem deine Nachzeit sein! /
erbärmlichen Ich! / Geborgene Zeit: Du fühlst dich wohl in ihr! /
Das immerwährende Gleichzeitigkeitsstück, Verkaufte Zeit, hoffentlich nicht zu billig? /
die feminine und maskuline Zeit, Losgelassene Zeit – endlich! /
die Zweisamkeit! / Ausgelassene Zeit, mit Freude im Leid! /
Zeitexplosion: Überall zugegen sein! / Gewonnene Zeit, du sei glücklich! /
Zeitanfang – Zeitende: Das Maß aller Dinge! / Eingenommene Zeit, dann musst du ja zufrieden
Wieviel Zeit haben wir noch? sein, kannst du sie auch tragen? /
Soviel wie du dir vorstellen kannst. / Ge- und verschenkte Zeit, nimm sie an! /
Das ist die Zeit! Mensch fass! / Festgehaltene Zeit, wehre dich, damit sie
Entweder ist man die Zeit oder wieder frei wird! /
die Zeit isst dich! / Die Zeitrichtung bestimmst du! /
Die Zeit säuselt oder sie ist laut?
Du musst richtig hinhören. / Die Zeit durchkreuzt dein Leben,
Die Zeitrichtung bestimmst du! / Verkehrszeit, Kreuzverkehr oder Kreisverkehr,
Die Flexibilität der Zeit, sie passt überall rein! / aber nicht endlos, Richtungsende! /
Gefangen in der Zeit, löse dich von ihr! /
Es ist soviel Zeit da, aber wir können sie Zeitgeschmack: Es gibt kein Hauptgericht ohne
nicht mitnehmen! / Vorspeise und keine Nachspeise ohne Vorspeise
Gib mir die Zeit, ich werde mit ihr machen und Hauptgericht. Dein Beitrag wird dir vorgelegt,
was ich will! / kannst du es begleichen? (Mahlzeit) /
Das Horten von Zeit, du kannst sie nicht kaufen, „Deutschzeit“ = 1931 bis 1945,
sie gibt es umsonst. Heilland, die hakengekreuzigte Zeit! /
Die Ärmsten haben genug davon! / Ortszeit – die Orte der Vergangenheit rufen.
Zeitschweiss – Hitze der Zeit, Du wirst deine Zeit dort nicht mehr
du schwitzt Zeit aus, Angstschweiß, wieder finden. /
die Angst, keine Zeit mehr zu haben! / Die Zeit ist ge- und vergangen, wo ist sie denn? /
Wer gibt dir die Zeit? Hoffentlich der, Zeitdistanz – Schneller kann sie nicht sein,
der zuviel davon hat! / als täglich! /
Umsonst ist keine gute Zeit,
kann es auch etwas teuere Zeit sein? / Du bist nur eine Tausendstel einer Sekunde,
Zeitqualität, ist sie fade oder regt sie an oder auf? / das andere ist nur Vergangenheit und noch
Nur durch deinen Tod bist du zeitlos. / nicht existierende Zukunft! /
Die Zeit als Kredit, für das Wiedergeboren werden! / Die Zeit hinter dem Allen! Das Überall. /
Zeit-Damnum: Du bekommst nur den Rest der
Zeitbonus: als Anerkennen für behutsames Zeit, das andere wird dir vorbehalten eingezogen! /
Umgehen mit ihr! / Abschied von der Zeit, lebewohl, wo,
Was hast du mit deiner Zeit angefangen? ab wann und warum? /
Hoffentlich viel? / Aussicht erzeugt Ansicht, in Ansicht entsteht
Zeitspirale, sie beginnt langsam in Dir, Einsicht, die Einsicht produziert Übersicht,
dann beschleunigt sie sich, und Übersicht enthält Umsicht! /
bis in die Unendlichkeit… das „Ewige Leben“. / Im Endzeitalter ist die Kulturgesellschaft
In der Kommunikation liegt die friedliche Zeit! / harmlos geworden! /
Die Zeit ist die außerordentliche Kraft,
die uns im Griff hat (die Hand). / Fragen an die Zeit?
Die Zeit denkt, sie ist intelligent und Auf die Fragen mit einer Frage, um zu fragen,
lässt dich selbst entscheiden, ständiges fragen, wiederholtes Fragen an das
innerhalb deiner gegebenen Zeit! / Fragezeichen, ist fraglich und fragwürdig.
Die Zeit, du hast sie überwunden, Ich frage dich, was bist du?
du Übermensch du! / Du musst dich durchfragen
Leidenszeit, Du musst geduldig sein, halte aus! / zum unendlichen Fragezeichen? /
Freudenzeit, genieße es und sie! /
Klausurzeitrinke, 2016/17

Messinstrument für Zeitlosigkeit, Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld, 1972


Holy-Halde, Entwurf für die Zeche Prosper-Bottrop, 2000 Zeit-Tunnel, Entwurf für zwei verstorbene Persönlichkeiten, 1989-2014
Zeitfluss – Relativität

Ein Uhrensystem bestehend aus Hauptuhr und Nebenuhr mit Synchronsekunde (mechanische Zeitmesser)

15 Stück 200 Liter Fässer / 10 Stück 60 Liter Fässer / 11 Stück 30 Liter Fässer / 23 Stück 15 Liter Fässer / 62 Stück 1 Liter Dosen

Ein Schlauchsystem, dass an der städtischen Wasserversorgung angeschlossen ist. Der Einlauf und der Ablauf des Wassers,
natürlich durch die Wasserversorgung und die Erdanziehungskraft, künstlich durch den Menschen geschöpft in immer kleiner
werdenden Maße voreinander hingestellt. (Inhalt = Länge = Zeitdehnung) Eine 121-fache Relativität zur mechanischen Zeit-
messung, nach welcher wir uns richten.

eingeschlossenes Wasser
verdunstendes Wasser
einlaufendes Wasser
auslaufendes Wasser
aufgefangenes Wasser

Ein Eingriff in das stete Fließen von der Quelle zum Ozean. Zeitfluss – Relativität, Vorführung zur Eröffnung Szene Rhein-Ruhr, in Erinnerung an Dieter Honisch, Essen, 1972
Instrumentarium
Rauminstallation mit Arbeiten von 1969 bis 1984
im Forum des Centre Pompidou, Paris, 1985
Kurator der Ausstellung: Bernard Blisténe

Installation von folgenden Wasserarbeiten:

Wasserzirkulation
Ein Faß Mittelmeer
Toter Arm / Flußwasser Ruhr
Zeitmaß – zusammen mit 30 Liter Glas gefüllt mit Meersalz
Schöpfung
Verschiedene Verschmutzungsgrade
Zeitfluß – Relativität / Inhalt = Länge = Dauer
Schlauchwirkung I + II
Wasserzirkulation II
Wasserrinnen – Lot – Stücke
Wasserrinnenlotstück
Waagrecht – senkrecht
Wasserschalen – Lotstück
12.000 Liter stilles Wasser – zwischen Süß- und Salzwasser
Mediterranean
Wassertisch I (rechteckig)
Spiralwasserzirkulation
Unterwasserkörperskulptur
Vier Vertikale im durchfließenden Wasser
Biennale Projekt, Venedig 1977
Drei erdgebundene Zustände (maskulin – feminin)
Projektion: Distanz = (Hin + Her) = Masse
Unterwassereröffnungstauchaktion
Belle Aquarell
Aqua mineralis
Die Planke – Energieübertrag
Pazifik – Vier Tonnen H20 im Gleichgewicht
Le chariot de la paix
Fruchtbarkeitsstück
Zeit-Punkt II
Die Zeit ist knapp geworden
Das Baltische Meer

Der Direktor des Centre Pompidou, Dominique Bozo hat nicht geglaubt,
das ich so viele Arbeiten habe. Er hatte sich getäuscht.

Instrumentarium, Centre Pompidou, Paris, 1985


Instrumentarium, Centre Pompidou, Paris, 1985 Instrumentarium, Centre Pompidou, Paris, 1985
Insel, Thera, Griechenland, 1971

die die da sind / die die kommen / die die weggehen / die die weg sind / die die immer da sind / die die kommen werden / die die nie da sind / die die noch nie weg waren /
die die zurückkommen werden / die die nicht kommen können / die die dabei sind zu kommen / die die nie kommen werden / die die nicht mehr da sind. 1971
Insel, Pougues-les-Eaux / Loire, Frankreich, 2002
Weltzeit – Zeitlooping, Modell, 1991 Die Unendlichkeit ist in dir, Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal, 2017
Klaus Rinke – Le temp du lac, Jean Nouvel – Monolith, Murtensee, Schweiz, 2002
Herrenhauser Allee – eine englische Meile / 90 Bahnhofsuhren, Entwurf, Hannover, 1990
Der Zug ist schon abgefahren, Düsseldorf Düsseldorf good by, Düsseldorf, 2007
Deutschzeit – die Düsseldorfer Bahnhofsuhr von 1924
Zeitpunkt, Graphit auf Fußbodenbretter, Kunsthalle Düsseldorf, 1991 Die Zeit ist knapp geworden, Neandertal, 1984
Freitag-Essen, Aquariumstisch mit 13 Stühlen, 12 Karpfen und einer Lichtuhr, Galerie de France, Paris 1987 und Museum Lentos, Linz 2014
Man darf die Kultur nicht von der Natur trennen.

Karpfen – Freitag-Essen, Museum Lentos, Linz, 2014


Libido-Wiese im Frühling, Mühlviertel, 1989 Utopien – Modelle für Zeitprojekte, Werkstatt Kollerschlag, 1989
KLASSENTREFFEN

Du Denker, sag mir was Du denkst!


oder
Unser Kind ist ja so begabt

Katholiken, Evangelen, Buddhisten, Shintoisten, Taoisten, Tantraisten, Islamisten, Voodooisten,


Anarchisten, Atheisten, Sozialisten, Demokraten, Erotomane = KÜNSTLER!

Wer in der Rinke-Klasse ist, wird als junger Künstler behandelt. Ich bin nicht interessiert an
Studenten, die nur „Scheine“ machen und kein tieferes Interesse zeigen.

Die Berufung Künstler, Denker, Maler, Bildhauer, Fotograf, Filmemacher, Musiker, Compu-
terartist auf dem Internetseil: Wer in unserer Klasse ist, hat es geschafft, hat den ersten
Schritt gemacht in ein künstlerisches Leben voller Selbstdisziplin! Habt Ihr verstanden? Ich
erwarte von Euch, dass Ihr die Tutorin / den Tutor ernst nehmt.

Es muss von jedem in der Klasse bewiesen werden, dass er künstlerisch ernsthaft arbeitet
und zu einem Höhepunkt kommt. Wer öfter unentschuldigt fehlt, der kann nicht mehr in der
Klasse sein. Wer zwei Wochen im Semester abwesend ist, hat sich beim Tutor abzumelden.
Wir befinden uns nicht auf dem Parkplatz der Langeweile oder im vorehelichen Ruhezu-
stand. Die Akademie ist kein Wartesaal: Der Zug ist nämlich schon abgefahren.

Da wir Künstler von Natur aus Individualisten, Egoisten sind, muss in einem Klassenverband
das Ich zu einem Wir werden. Da wir alle voneinander lernen, ist das Ichdenken naiv.

Alleine kommt man zur Welt, alleine geht man wieder von dieser Welt. Weil der Weltraum
uns unendlich einsam macht, verliebt man sich in eine andere Person, kommuniziert mit
den anderen. Kultur ist Kommunikation. Wäre Kultur nicht, würden wir uns wie Neandertaler
die Köpfe einschlagen.

Die Rinke-Klasse umarmt sich körperlich und geistig! Es ist eine Ehre in dieser Klasse
beheimatet zu sein in Anbetracht der 180 Ehemaligen, die überall auf Kunstschulen lehren
und in vielen Museumssammlungen und Ausstellungen vertreten sind. Wenn diese Klasse
ruft, habt Ihr da zu sein. Sonst garantiere ich Euch ein armseliges Scheitern voraus.
Heimat Rinke-Klasse de.com

„Pisst oder geht runter vom Topf!“ Wer nichts zeigt, den gibts nicht mehr.

Euer Professor Klaus Rinke


Hochschule für blinde Künste

Klassentreffen, Kunstakademie Düsseldorf, von 1974 bis 2004 – die Übergabe sang und klanglos
Am Anfang war das Nichts
Aus dem entstand das Alles

Zwischen dem Nichts und dem Allen ist die Energie,


aus der der Atem kommt. Kraft ist die Bewegung,
das Ein und Aus – der Sog – das Leben

Am Anfang war das Chaos, daraus entstand das Licht


und die Dunkelheit

Am Anfang war die Frage?

Am Anfang war das Wort


Am Anfang war das Widerwort
Am Anfang war die Laune
Am Anfang war die Frechheit
Am Anfang war die Ahnungslosigkeit
Am Anfang war die Dummheit
Am Anfang war die Skrupellosigkeit
Am Anfang war die Feinfühligkeit
Am Anfang war die Feindseligkeit
Am Anfang war die Missgunst
Am Anfang war der Neid
Am Anfang war die Intelligenz
Am Anfang war die Unwissenheit
Am Anfang war die Ungewissheit
Am Anfang war die Tat
Am Anfang war das Hindernis
Am Anfang war die Liebe
Am Anfang war der Liebesakt
Am Anfang war die Geburt
Am Anfang war der Traum

Am Ende ist ALL-WISSEN-HEIT


Am Ende, war das ALLES?
Am Ende ist Erkenntnis

Am Ende ist die ALL-ZEIT


Am Ende ist der ALL-TAG
Am Ende ist man ALL-Eine

Das Ende ist ALL-GEMEIN-GUT.

Tor zur Ewigkeit, Pax Christi Kirche, Krefeld, 1990


Erlösung aus Raum und Zeit.
Ein Gespräch zwischen Joseph Beuys und Klaus Rinke,
Staatsgalerie Stuttgart, 1981
Du bist zeitlos in unserer Erinnerung, Entwurf für ein großes Bild, 2015
Albert Einstein! Wann hält Baden-Baden an diesem Zug, K20 Düsseldorf, 2015
Aktion Life – Gleichzeitigkeit, Fernsehgalerie Gerry Schum, Ratingerstrasse, Düsseldorf, 1971
Klaus Rinke / Biografie

1939 geboren in Wattenscheid, Ruhr


1957 - 60 Studium an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen, Freie Malerei/Wandmalerei
1960 - 65 Atelier in Paris und Reims
1969 schöpft gegen den Fluß den Rhein in 12 verzinkte Stahlfässer für eine Ausstellung in der
Kunsthalle Baden-Baden, die Arbeit befindet sich heute im Lehmbruck Museum, Duisburg
1970 Beteiligung an der Tokyo Biennale mit längerem Japan Aufenthalt
1971-72 längere Aufenthalte und Ausstellungen in New York, San Francisco und Los Angeles
1973 Einzelausstellung im Museum of Modern Art in New York / Beteiligung an der Sao Paulo Biennale
1972, 1977 Beteiligung an der Documenta 5 und 6, Kassel
1974 - 2004 Professur für Bildhauerei an der Kunstakademie in Düsseldorf
1978 - 84 längere Australienaufenthalte
seit 1982 Studio in Venice, Los Angeles, Kalifornien
1985 Einzelausstellung im Centre Georges Pompidou, Paris
1991 Heirat mit Andrea Blake, Geburt des Sohnes Adam
2003 Residenz im Atelier Calder, Saché, Frankreich
2004 J.P.Getty Museum Los Angeles, Scholar/Artist in Residence
Ausstellungen in Tours (Frankreich), Wuppertal und in der Hagia Sophia, Istanbul
2007 bezieht ein 5000m2 großes Atelier im Mühlviertel, OÖ
seit 2009 Wohnsitz im Schloss Neuhaus/Donau, OÖ
2014 am 29.4. erreicht er 75% seiner Lebenszeit
2015 Vortrag - K.R. 1939 MEZ, Centre Georges Pompidou, Paris
2017 Ausstellung DERZEIT, Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal;
Ausstellung „Klaus Rinke - Düsseldorf mon amour“, CCC OD Tours / Loire, Frankreich

erträumtes Diagramm – von der Vorgeburt bis zum Ableben, 1970


Impressum
Klaus Rinke – DERZEIT / in situ - Magazin Nr. 03/2017
Dieses Magazin erscheint anlässlich der Ausstellung
„DERZEIT – Über Zeit und keine Zeit mehr zu haben“
im Skulpturenpark Waldfrieden, 25. März bis 25. Juni 2017
Herausgeber: Cragg Foundation, Wuppertal
Auflage: 800 Exemplare + 100 Exemplare signiert / nummeriert
+ 25 Exemplare mit Foto-Edition in Box, signiert / nummeriert
Konzept & Gestaltung: Thomas Redl, Wien
Bilder: © Klaus Rinke / Texte: © Marlene Baum, Klaus Rinke
Fotos: Peter Baum, Monika Baumgartl, Günter Claus, Paul Dann,
Peter Dibke, Reinhard Haider, Helmut Kunde, Susanne Maschek,
Erika Off, Klaus Rinke, Joseph-W. Reutter, Annemarie von Sarosdy
Druck: Druckerei Holzhausen, Wien - Wolkersdorf
All rights reserved: © Klaus Rinke

Heilig-Geist, Hauptbahnhof – Gare centrale – Central Station,


Monument für meine Großeltern, Pfingstborn 7a, Auf dem Ölberg, Essen–Katernberg