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BeNeLux € 6,40 Finnland € 8,30 Griechenland € 7,30 Norwegen NOK 86,– Polen (ISSN00387452) ZL 33,– Slowakei € 6,80 Spanien

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Hochsaison für
CDU-Machtkampf

Heckenschützen
Sagbaren
Über echte

Grenzen des
und gefühlte

Die letzten Tage


Jagd auf Baghdadi

des Terror-Kalifen
Tierquälerei
Massensterben bei
den US-Pferderennen
Nr. 45 / 2.11.2019
Deutschland € 5,30
In diesem Herbst strahlen Hobbygärtner mit den letzten
Sonnenstunden des Jahres um die Wette. Denn wir haben
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Das deutsche Nachrichten-Magazin

Mehr Entlastung?
Hausmitteilung Mit durchgängig digitalen
Betr.: Baghdadi, Fluchthilfe, SAP, Roy
kaufmännischen Abläufen.
Zum ersten Mal war Reporter Christoph Reuter

VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL


vor sieben Jahren ins syrische Idlib gereist, über
die türkisch-syrische Grenze. Weitere Reisen ins
Kriegsgebiet folgten, dazu Fahrten im Pick-up in
die umliegenden Dörfer, um die Menschen dort zu
treffen, um Kontakte zu knüpfen und zu pflegen,
die hilfreich sein könnten, wenn es mal wieder
schnell gehen muss. Auf dieses Netzwerk griff Reu-
Reuter in Syrien 2012 ter auch zurück, als er am vergangenen Wochen-
ende damit begann, die letzten Tage des IS-Anfüh-
rers Abu Bakr al-Baghdadi zu recherchieren – den US-Spezialeinheiten am vergan-
genen Samstag aufgespürt hatten, woraufhin er sich in die Luft sprengte. Reuter und
ein syrischer SPIEGEL-Mitarbeiter sprachen mit Nachbarn, auch mit dem Vorbesitzer
des Grundstücks, auf dem Baghdadi starb: »Es dauerte lange, bis er glaubte, dass der
IS-Anführer dort gewesen war. Keiner hatte mit Baghdadi gerechnet.« Seite 82

Seit gut 30 Jahren trägt Jürgen Bohl, einst Regimekri-

JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL


tiker in der DDR, den Nachnamen Bruhns. Er verdankt
ihn seiner ehemaligen Frau, der heutigen SPIEGEL-Re-
dakteurin Annette Bruhns, die ihn im September 1989
geheiratet hatte, damit er dem Regime und der Stasi
entkommen konnte. Warum sie diesen Mann heiratete,
warum sie sich scheiden ließen und warum sie bis heute
enge Freunde sind, beschreibt Annette Bruhns in einem Ex-Ehepaar Bruhns, Buschke
persönlichen Text, der deutsch-deutsche Geschichte
greifbar macht. Teil der Recherche war die Stasi-Akte von Jürgen Bruhns, knapp
300 Seiten dick. Für die Überprüfung brauchte Dokumentar Heiko Buschke deutlich
länger als üblich, und auch Annette Bruhns lernte während der Gespräche Neues über
den Mann, den sie lange kennt: »Ich habe Jürgen als Dissidenten gesehen, aber er wider-
sprach, sagte, der Begriff sei zu groß, er sei ein Andersdenkender gewesen.« Seite 56

Jennifer Morgan ist nicht nur die erste Frau an der


Spitze eines Dax-Konzerns, sie ist, zusammen mit
ihrem Kollegen Christian Klein, Chefin des wert-
vollsten Dax-Konzerns, SAP. Ihre Berufung durch
Firmengründer Hasso Plattner und ihren Vorgänger
Bill McDermott erfolgte quasi über Nacht und auch
überraschend für sie selbst. Der neue Job wurde
Morgan angeboten, als sie in einem kalifornischen
Morgan, Schießl Luxusresort war. Mit SPIEGEL-Redakteurin Michae-
la Schießl sprach sie darüber, wie es ist, als Frau an
der Spitze eines IT-Konzerns zu stehen, warum sie als Frauenförderin gegen die Frau- Die digitalen DATEV-Lösungen unterstützen Sie bei
enquote ist und wieso sie ihrem Co-Chef Klein immer bunte Socken mitbringt: »Ich allen kaufmännischen Aufgaben – vom Angebot über
arbeite an seiner modischen Rundumerneuerung.« Seite 70 die Kassenführung bis hin zur Buchführung. So ge-
winnen Sie Freiräume und mehr Zeit für die Betreuung
Ihrer Kunden. Informieren Sie sich im Internet oder bei
Ihrem Steuerberater.
»Guten Tag, Herr Polizist!« Im Gespräch mit San-Francisco-Korrespondent Guido
Mingels überraschte der Autoexperte Alex Roy mit nicht immer sinnvollen deutschen
Floskeln – Roy liebt die deutsche Sprache, ohne sie zu beherrschen. Er liebt auch das
Digital-schafft-Perspektive.de
Autofahren, illegale Rennen vor allem, und es ist erstaunlich, dass Roy für eine Firma
arbeitet, die an selbstfahrenden Autos forscht und in die Volkswagen 2,6 Milliarden
Dollar steckte. Für ein Rennen dekorierte Roy seinen BMW als deutsches Polizeiauto
samt absurden Schriftzügen wie »MünchenAutobahnPolizeiJäger«. Wenn er von US-
Polizisten angehalten wurde, erklärte Roy in kreativem Deutsch, er sei deutscher Poli-
zist im Urlaub. »Die waren so perplex, dass sie mich weiterfahren ließen.« Seite 76

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 3


Inhalt
73. Jahrgang | Heft 45 | 2. November 2019

Titel Ermittlungen Ankara lässt


deutsche Kurden verhaften,
Debatten Der Streit um das Auswärtige Amt
die Meinungsfreiheit – warum verschärft Reisehinweise . . . 44
harte Diskussionen an-
strengend, aber richtig sind 10 SPD Im SPIEGEL-Gespräch
mit Olaf Scholz erklärt
Verlage SPIEGEL-Gespräch Martin Schulz, warum er
mit Springer-Chef Mathias seinen einstigen Gegner nun
Döpfner über Political Correct- als Parteichef haben will . . . . 46
ness in Medien und Politik 20
Umweltpolitik Begrünte
Dächer, verbilligte
Deutschland Bustickets – was Kommunen
gegen den Klimawandel
Leitartikel Angela Merkel unternehmen wollen . . . . . . . 50
ist zu einer Belastung
geworden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6

CHRISTOPH SOEDER / DPA


Gesellschaft
Meinung Der gesunde
Menschenverstand / So Früher war alles schlechter:
gesehen: Die FDP fahndet Bilanz / Gibt es bald
nach ihrem Wähler . . . . . . . . . . . 8 verheiratete Priester? . . . . . . . 54

Steuern umgehen mit


»Familiengenossenschaften« /
Tandem auf Talfahrt Eine Meldung und ihre
Geschichte Wie sich ein briti-
Bequemer buchen fürs Die eine Frau hat Macht, will aber nicht scher Autofahrer gegen einen
Klima / Üppig abgesicherter Bußgeldbescheid wehrt . . . . . 55
Bremer Bürgermeister . . . . . . 26 führen. Die andere kann nicht führen, weil sie
machtlos ist. Wie das Duo aus Kanzlerin Wiedervereinigung SPIEGEL-
Union Machtkampf in Angela Merkel und CDU-Chefin Annegret Redakteurin Annette Bruhns
der CDU – die Gegner Kramp-Karrenbauer den Niedergang heiratete einen Regimekritiker
der Kanzlerin und in Ost-Berlin, um ihm zur
der Parteichefin bringen
der Partei beschleunigt. Seite 30 Ausreise zu verhelfen –
sich in Stellung . . . . . . . . . . . . . . 30 die Geschichte einer Liebe
im geteilten Deutschland . . . 56
Kann eine Minderheits-
regierung in Thüringen Homestory Allein unter
funktionieren? . . . . . . . . . . . . . . 34 Gaffern ..................... 62

Analyse Im Kampf gegen


Rechtsextremismus Wirtschaft
braucht die Regierung ein
neues Gesetz . . . . . . . . . . . . . . . . 36 Bundesregierung wusste
von fehlender Absicherung
ABACA PRESS / DDP

Verkehr Der Bundesrech- für Pauschalreisen /


nungshof beklagt BUND fürchtet um Jobs in
Schmu bei der Vergabe der Autoindustrie . . . . . . . . . . . 64
der Pkw-Maut . . . . . . . . . . . . . . 38
Cybercrime Immer häufiger
Polizei Beamte spionieren
aus privater Neugier in
Ende eines Phantoms werden Firmen von Erpresser-
software attackiert . . . . . . . . . . 66
dienstlichen Datenbanken 41 Jahrelang gelang es dem Führer der Terrorgruppe
IS, Geheimdiensten und Soldaten zu Management Die neue
Parlament Ein junger Mathe- SAP-Chefin Jennifer Morgan
matiker hat einen
entkommen. Jetzt spürten US-Elitekämpfer Abu über ihren abrupten
Algorithmus für ein besseres Bakr al-Baghdadi in Syrien auf. Rekonstruktion Wechsel an die Spitze des
Wahlsystem entwickelt . . . . . 42 einer spektakulären Operation. Seite 82 Dax-Konzerns . . . . . . . . . . . . . . 70

4 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Krisen In Kalifornien sitzen Wissenschaft
die weltgrößten Hightech-Kon-
zerne, die Stromversorgung Kritik an neuer Klimastudie
aber ist vorsintflutlich . . . . . . 72 zur Überflutungsgefahr / Flie-
gen als Bruchpiloten / Ein-
Handel Der Elektronikhändler wurf: Die Wissenschaft braucht
MediaMarktSaturn kämpft weniger Fachidioten . . . . . . . 112
um Kunden, die mehr wollen
als billig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 Computer Wie die Erschaffung
einer künstlichen Intelligenz
Visionen Rennfahrer Alex Roy gelingen kann . . . . . . . . . . . . . . 114
ist der schrillste Kritiker
des autonomen Fahrens .... 76 Umwelt Biologen haben eine
Volkszählung der Regen-
Verkehr Das Umweltbundes- würmer vollbracht – mit ver-

SHUTTERSTOCK EDITORIAL
amt hat untersucht, wie blüffenden Entdeckungen 118
Fliegen klimafreundlicher
werden kann . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Medizin Leidet wirklich jede
zehnte Frau unter krankhaft
dicken Beinen? . . . . . . . . . . . . 120
Ausland
Geschichte Das skurrile Leben
Neuer Streit ums Kopftuch in Das Sterben der Pferde des amerikanischen Wunder-
Frankreich / Untergrundärzte heilers Norman Baker . . . . . 122
in Hongkong behandeln Auf den Rennstrecken der USA werden jedes Jahr
verletzte Demonstranten . . . 80 Hunderte Tiere getötet. Berüchtigt ist
besonders der Santa Anita Park bei Los Angeles. Kultur
Terror Die dramatische Jagd
auf den IS-Führer Baghdadi 82 Tierschützer protestieren gegen die Apple TV+ startet / Neues
Zustände, Staatsanwälte ermitteln. Seite 102 Album von FKA twigs /
Analyse Kommt es im Irak Kolumne: Zur Zeit . . . . . . . . . 124
und im Libanon zu einer Neu-
auflage der Arabellion? . . . . . 87 Pop Marius Müller-Western-
hagen spielt das Album
Europa Der scheidende Kom- Abschiedskuss »Mit Pfefferminz bin ich dein
missionspräsident Juncker Prinz« noch mal ein – kann
im SPIEGEL-Gespräch über EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker geht. das gut gehen? . . . . . . . . . . . . 126
seinen sehr speziellen Stil – Im SPIEGEL-Gespräch erzählt er, warum
und seine Nachfolgerin . . . . . 90 Literatur Chiles große Schrift-
er sogar Leute wie Putin küsst, verrät Tricks stellerin Isabel Allende über die
USA Präsident Donald Trump im Umgang mit Trump und erklärt, Unruhen in ihrem Land . . . 130
schlägt im Kampf ums was ihm besonders Sorgen macht. Seite 90
politische Überleben immer Kulinarik Wie ein junger Koch
wilder um sich . . . . . . . . . . . . . . 94 im Berliner Wedding
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das heißeste Restaurant der
Japan Das Land erlebt seinen Hauptstadt geschaffen hat 132
#MeToo-Moment . . . . . . . . . . . 96
Wie fördern wir nachhaltige Filme Regisseur Roland
Lebensmittelproduktion? Emmerich, Altmeister des
Sport US-Blockbusters, sorgt
mit »Midway« wieder für
Der Torhunger des Robert Rums auf der Leinwand . . . 136
Lewandowski / Magische
Momente: Torwart Jens Buchkritik Bei Frederick
Schmidt über das letzte Spiel Forsyth sind die Briten
der DDR-Auswahl . . . . . . . . . 101 Die Bundesbürger mögen’s nachhaltig: 78 Prozent noch mal Weltmacht – fast
von ihnen kauften 2018 laut Bundeslandwirtschafts- zumindest . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
Pferde Wer kann das massen- ministerium Lebensmittel aus ihrer Region mit kurzen
hafte Sterben auf den Renn- Transportwegen – fünf Prozent mehr als 2017. Auch
strecken der USA stoppen? 102 RaboDirect unterstützt nachhaltige Landwirtschaft: SPIEGEL-TV-Programm . . . . . . 121
Im Rahmen von „Banking for Food“ investieren wir überall Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
Fußball Der tiefe Fall des auf der Welt in Projekte für Lebensmittelsicherheit und Impressum, Leserservice . . . 140
Franz Beckenbauer . . . . . . . . 106 gegen Lebensmittelverschwendung. Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 142
Motorsport Warum die Formel 1 www.rabodirect.de Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
Reformen braucht . . . . . . . . . 108 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 146

5
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Merkels langer Schatten


Leitartikel Die Kanzlerin hat ihre Partei in die Krise gestürzt. Es ist Zeit für Neuwahlen.

E
ine der schwierigsten Zeiten der Politik ist die Schwer angeschlagen nach schlechten Ergebnissen der
Spätphase einer Ära, die Zeit des Übergangs. Der Union bei Landtagswahlen, verzichtete Merkel vor einem
Anführer ist noch da, aber er verliert an Einfluss, Jahr auch auf den Parteivorsitz, was ihr ebenfalls als
seine möglichen Nachfolger bedrängen ihn, unter sympathischer Akt ausgelegt wurde. Aber es war ihr zwei-
ihnen brechen Kämpfe aus. Die Zustände werden instabil, ter Fehler. Es ging ihr weniger um Machtverzicht als um
eine Partei oder ein Staat rutscht in die Krise. Besonders Machtsicherung. Sie gab ein Amt auf, um das wichtigere zu
schwierig wird es, wenn der Anführer nicht weichen will, behalten. Damit hat sie den Übergang endgültig verdorben.
obwohl er weichen müsste, um dem Anfang eine Chance Annegret Kramp-Karrenbauer macht bislang alles
zu geben. andere als eine gute Figur als Parteivorsitzende. Das liegt
Die Bundesrepublik hat das zweimal erlebt, am Ende der zum Teil an ihr, weil sie die große Bühne Bundespolitik
langen Kanzlerschaften von Konrad Adenauer, 14 Jahre, zu überfordern scheint. Aber es liegt auch an Merkel, an
und Helmut Kohl, 16 Jahre. Jetzt erlebt sie es ein drittes Mal. dem Schatten, den sie als Kanzlerin wirft. Kramp-Karren-
Die Ära Merkel, bislang 14 Jahre, geht zu Ende, und die bauers unausgegorener Vorschlag, eine Schutzzone in
CDU steckt tief in der Krise. Der Staat noch nicht, aber auch Nordsyrien einzurichten, wird auch damit zu tun haben,
hier gibt es Risiken, denn die dass sie verzweifelt nach
Bundesrepublik war bislang Wegen sucht, aus diesem
ein Parteienstaat, tief durch- Schatten zu treten.
drungen und getragen von Merkel weiß selbst, wie
den beiden Volksparteien schwer es ist, als kanzler-
Union und SPD. Die Sozial- tauglich zu gelten, bevor
demokraten verlieren diese man das Amt erobert hat.
Rolle gerade, auch wegen Ihr Anspruch auf das wich-
ewiger innerer Kämpfe. Soll- tigste Regierungsamt war
te sich auch die CDU auf die- zu Beginn der Nullerjahre
sen Weg machen, verliert das heftig umstritten. Erst wäh-
politische System der Bun- rend der Kanzlerschaft
desrepublik, verliert der konnte sie beweisen, dass
ANGELIKA VON STOCKI / FACE TO FACE

Staat den bislang stabilsten, sie das Zeug dazu hat.


kräftigsten Anker. Aber ihre besten Jahre
Derzeit versucht sich die liegen hinter ihr. Außen-
Partei in der Rolle des Toll- politisch ist Frankreichs
hauses. Offener Streit, har- Präsident Emmanuel
sche Kritik an der Vorsitzen- Macron dominierend. Den
den und der Bundeskanzle- wichtigsten innenpoliti-
rin, eine wieder offene Füh- schen Kampf, gegen die
rungsfrage. Orientierungslos AfD und für die liberale
in Fragen der Programmatik Demokratie, verfolgt sie
und möglicher Bündnisse. Wo bleibt denn die gute alte, meistens schweigsam, in die größte Anstrengung ihrer
gemütliche Kanzlerpartei, die so gern folgsam war? Koalition, das Klimapaket, wurde sie von protestierenden
Merkel trägt die größte Verantwortung für den närrischen Kindern getrieben und handelte am Ende doch nur halb-
Zustand der Union, der sich natürlich auch auf die Große herzig. Da kann man sich kaum vorstellen, dass es ohne
Koalition auswirkt. Die Kanzlerin hatte sich vorgenommen, Merkel schlechter wäre.
nicht die Fehler von Konrad Adenauer und Helmut Kohl zu Es wäre auch nicht sofort besser. Aber die CDU hätte
machen. Sie wollte den Zeitpunkt ihres Abgangs selbst immerhin die Chance auf einen echten Neuanfang. Sie muss
bestimmen. Deshalb kündigte sie lange vor dem Ablauf ihrer ja nicht nur einen Kanzlerkandidaten finden. Sie braucht
Amtszeit an, nicht noch einmal zu kandidieren. Das wirkte eine Haltung zum dominierenden Thema Klimaschutz
erst einmal sympathisch, weil nicht machtversessen. Aber es sowie zu den immer komplexer werdenden Wahlergebnis-
war ihr erster Fehler in dieser Angelegenheit. Merkel mutete sen und der schwierigen Suche nach Koalitionen.
Deutschland damit einen langen Übergang zu. Auch in den Es sind neue Zeiten, Zeiten für Aufbrüche. Die sind
USA, wo man vierjährige Übergangszeiten in der zweiten, nicht mehr mit einer Kanzlerin am Ende ihrer Ära möglich.
finalen Amtsperiode eines Präsidenten gewohnt ist, wird man Und würden Neuwahlen auf Merkels Abgang folgen,
allmählich zur »lame duck«, zur lahmen Ente, die kaum noch wäre das auch nicht schlimm. In Wahrheit ist das für einen
entscheidet, mit ihrer Präsenz aber Aufbrüche verhindert. Neuanfang das Beste. Dirk Kurbjuweit

6 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Frischer Wind –
für sauberen
Strom.
Die Zeiten ändern sich. Und auch wir: RWE ist ab
sofort einer der weltweit größten Stromerzeuger
aus Erneuerbaren Energien. Für Strom, der sauber,
sicher und bezahlbar ist. Für ein nachhaltiges Leben.
Und mit einem klaren Ziel: klimaneutral bis 2040.
Meinung So gesehen

Wer war’s?
Die FDP sucht ihren Wähler.
Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand
G Nach dem denkbar knappen Ein-

Die Höcke-App zug der FDP in den Landtag von


Thüringen wollen die Liberalen nun
eine ungewöhnliche Suchaktion star-
Immer wenn ich Björn würde man sich in der digitalen Moder- ten. Bei der Wahl hatte die Partei
Höcke reden höre, werde ne leicht lächerlich machen. Und der laut vorläufigem Ergebnis zunächst
ich den Verdacht nicht los, Sportpalast steht ja auch nicht mehr. mit nur fünf Stimmen die Fünfpro-
dass er sich abends zum Wie es geht, kann Höcke bei den zenthürde übersprungen. Nach einer
Einschlafen alte Goebbels- Kollegen in China lernen. Staatspräsi- Nachzählung war es zunächst nur
Reden auf YouTube rein- dent Xi testet die Loyalität von Journa- noch eine einzige Stimme.
pfeift. Aber ich mag mich irren. listen jetzt ernsthaft mit einer soge- Die FDP möchte nun ihre ganze
Gemeinsam ist den beiden jedenfalls nannten Xi-App. In dieser Online-Fort- Kraft dafür einsetzen, jene Person
nicht nur ein Hang zur volksmysti- bildung müssen Journalisten zunächst ausfindig zu machen, die es ihr er-
schen, leicht beschwipst klingenden die Gedankenwelt des großen Führers möglicht hat, sich erneut in einem
Raunerei, sondern auch eine Grund- studieren und sich danach einem Parlament aus jeder Regierungsver-
skepsis gegenüber Journalisten. Loyalitätstest unterziehen. Wer 80 von antwortung herauszuhalten. »Nur
Trotz des Erfolgs seiner AfD bei der 100 Fragen richtig beantwortet, ihr ist es zu verdanken, dass wir ein-
Landtagswahl in Thüringen beschwer- bekommt einen Presseausweis. Der mal mehr klarmachen können: Lie-
te sich Höcke diese Woche wieder mal Rest verliert den Job. Eine der Fragen
über »einseitige Berichterstattung« der Xi-App geht so: »Was verlangt
und »Manipulation« durch die Medien. Präsident Xi von politischen Kadern:
Was wäre für die AfD erst drin, wenn A) Wissen oder B) Loyalität zur Par-
endlich stramm und zackig berichtet tei?« Richtig ist Antwort B. Diktaturen
würde! erkennt man auch an ihrer Plumpheit.
Sollte Höcke auch so an die Macht Ich weiß nicht, ob in Erfurt bereits
kommen, rechne ich mit Veränderun- an der Höcke-App gebastelt wird, aber
gen in meinem Berufsalltag. »Wenn ich sehe sie schon vor mir. Nach Schu-
einmal die Wendezeit gekommen ist, lungsvideos mit seinen Gassenhauern
dann machen wir Deutschen keine hal- »Denkmal der Schande« oder »Afrika-
ben Sachen«, drohte er einst. Es werde nischer Ausbreitungstyp« könnte die ber nicht regieren als falsch regie-
dann »wohltemperierte Grausamkeit« erste Testfrage gleich eine knifflige sein. ren«, heißt es in einem rechteckigen
geben. Ich will da vorbereitet sein. »Wie heißt der Führer mit Vornamen? Rundschreiben der Parteispitze.
Eine erfolgreiche Presselenkung, A) Björn, B) Bernd, C) Landolf?« Am Wahlabend hatte die FDP den
das dürfte auch Höcke wissen, ist Eintritt in eine rot-rot-grün-gelbe
heute komplexer als damals. Mit ei- An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen Koalition, eine Tolerierung der bis-
nem »Reichsschriftleitergesetz« und Alexander Neubacher im Wechsel. herigen Regierung oder Gespräche
mit dem linken Ministerpräsidenten
Bodo Ramelow ausgeschlossen.
An der Suche sollen sich nun FDP-
Leute aus dem gesamten Bundes-
gebiet beteiligen. Ersten Hinweisen
möchte man in Dieterode nachge-
hen, wo ein Bürger wegen einer ver-
lorenen Wette um die Anzahl ver-
zehrbarer Bratwürste pro Stunde die
Liberalen gewählt haben soll.
Sollte der Wahlentscheider identi-
fiziert werden, winken ihm attrakti-
ve Sachprämien, etwa vergünstigte
Eintrittskarten für die Parteizentrale
und eine Stadtrundfahrt im Porsche
des »Welt«-Chefredakteurs Ulf
Poschardt zum Selbstkostenpreis.
Die Partei stellt sich auf eine lange
Suche ein. »Es könnte sein, dass wir
die gesamte Legislaturperiode damit
beschäftigt sind«, heißt es in dem
Schreiben. Zum Glück habe man
aber »sonst nichts zu tun«.
Stefan Kuzmany

8 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


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Titel

Grenzöffnungen
Debatten Studenten stürmen Hörsäle, AfD-Politiker prangern den Gesinnungsstaat an,
Grüne nennen ihre Gegner Faschisten, und die Mehrheit
glaubt, man müsse aufpassen, was man sagt. Die Diskussionen sind heftig
in diesem polarisierten Land. Das ist nicht schön, aber richtig.

I
rgendjemand muss sich das alles aus-
gedacht haben. Es ist zu perfekt. Das
kann nicht sein, als dass es einfach
so passiert. Irgendwo wird es das
Mastermind geben, das diese Komödie ge-
schrieben hat.
Mittwoch, 30. Oktober, der Tag vor Hal-
loween, der Tag, an dem einmal im Jahr
die bösen Geister vertrieben werden, auch
wenn man sie dafür erst mal von der Leine
lassen muss. Die Sonne scheint, die Phy-
sik-Fakultät der Universität zu Hamburg
versteckt sich weit weg vom Campus im
Schatten der Messehallen und des Unter-
suchungsgefängnisses der Hamburger
Justiz. Das Karoviertel und die Schanze,
die Quartiere des linken Widerstands, sind
nah. Vor zwei Jahren verlief hier irgend-
wo die Grenze des Sperrbezirks für den
G-20-Gipfel, die Polizei kennt jeden Win-
kel, aber diesmal geht es nicht um den
Schutz der mächtigsten Staatschefs. Dies-
mal geht es darum, dass Bernd Lucke end-
lich seine Vorlesung »Makroökonomik II«
halten kann.
Zweimal ist das in den beiden vergan-
genen Wochen schon misslungen, weil Stu-
denten und Aktivisten der örtlichen Antifa
es so wollten. Beim ersten Mal schrien sie
Lucke, das »Nazischwein«, nieder, beim
zweiten Mal überfielen ein paar von ihnen
wie bei einer Guerillaattacke den von
Sicherheitskräften nur notdürftig bewach-
ten Vorlesungssaal.
Dass Studenten die Vorlesungen miss-
liebiger Professoren verhindern, ist in den
vergangenen Jahrzehnten immer mal wie-
der vorgekommen, schien im Nachhinein
aber nie wirklich schlimm. Junge Leute ha-
ben eine Art Menschenrecht auf Protest
und Grenzüberschreitung, was mal schlau-
er und mal blöder sein kann. Vielleicht
wäre Gelassenheit die bessere Antwort
gewesen.
Aber wie soll das gehen? Gelassenheit
in einer grundaufgeregten Gesellschaft?
Zwei nicht gehaltene Lucke-Vorlesungen,
dazu eine verhinderte Buchlesung des
ehemaligen Innenministers Thomas de
Maizière in Göttingen und die Ablehnung
einer Veranstaltung der Liberalen Hoch-
schulgruppe mit FDP-Chef Christian Lind-
ner durch die Uni Hamburg. Dies alles in

10 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Kombination mit ein paar eher missglück- Diskussion an, als hätten Nationalsozialis- durchgesetzt werden muss, ohne dass sie
ten Statements der Hamburger Politik, mus und Stalinismus gemeinsam die grundsätzlich bedroht ist. Bernd Lucke,
und schon gibt es im Bundestag eine aus- Grundrechte abgeschafft. Was diese De- Hamburger Volkswirtschaftsprofessor,
gesprochen lebendige Aktuelle Stunde batte aber vor allem sagt: Die Meinungs- AfD-Gründer, aber seit seinem Austritt
zum Thema »Meinungsfreiheit in Deutsch- freiheit ist ziemlich lebendig. Und ganz aus der Partei etwas aus dem Blick gera-
land verteidigen«. schön anstrengend. ten, soll schließlich an diesem Mittwoch
Dazu eine Flut von Artikeln, viele von Auch deswegen, weil die Debatte para- auf Teufel komm raus seine Vorlesung hal-
ihnen mit dem Verweis, dass fast zwei Drit- doxerweise eine Situation herbeigeführt ten dürfen.
tel der Bürger Angst davor haben, das zu hat, in der in Hamburg ganz real, nicht in Am Abend zuvor hat die Universität
sagen, was sie denken. »Die Grenzen des der Twitter-Anonymität, in einem Hörsaal eine Mitteilung an die Presse verschickt.
Sagbaren«, »Tugendterror«, das sind Be- mit echten Studenten darin und echten Es ist ein Dokument angestrengter Nervo-
griffe, die fallen. Manchmal fühlt sich die Polizisten davor, die Meinungsfreiheit sität: Die Veranstaltung finde zur gewohn-
ten Stunde statt, nachdem der Vorschlag
der Universität, die Vorlesung nur digital
anzubieten, als Versuch der Deeskalation,
von Professor Lucke abgelehnt worden sei.
Deswegen habe die Universität nun darum
gebeten, die Veranstaltung von staatlichen
Ordnungskräften sichern zu lassen. Man
scheint mit schlimmsten Dingen zu rech-
nen: Für die Ad-hoc-Behandlung etwaiger
posttraumatischer Belastungsstörungen
bei Studenten oder Mitarbeitern stehe
die psychotherapeutische Hochschulam-
bulanz bereit.
Und dann? Passiert nichts. 300 Studen-
ten sind gekommen, es ist eine Pflichtver-
anstaltung, Mittwoch, 12 Uhr mittags. Eine
Hundertschaft Polizei steht herum, 30, 40
Journalisten und ebenso viele, ziemlich
schweigsame Demonstranten oder viel-
leicht auch einfach nur Interessierte, so
eindeutig ist das nicht. Lucke selbst gelangt
in den Hörsaal – benannt nach dem deut-
schen Physiker Otto Stern, der 1933 aus
Deutschland emigrieren musste und 1943
den Nobelpreis bekam – unbemerkt durch
einen Seiteneingang. Er habe, twittert ein
Student, während seiner Vorlesung den
Witz gemacht, dass die Wahl des Ortes ne-
ben dem Gefängnis ganz passend sei, sollte
es Protest geben.
Das also ist die gute Nachricht: Die Mei-
nungsfreiheit ist weiterhin intakt, die
Grundrechte sind gesichert und werden
sogar gegen kleinste Angriffe verteidigt.
Die andere Nachricht: Bernd Lucke hat
gesiegt. Fast könnte man auf die Idee kom-
men, er wäre das geniale Mastermind die-
ser Deutschlandkomödie, aber das ist zu
viel der Ehre. Lucke dürfte selbst ziemlich
überrascht sein von seiner politischen Wie-
dergeburt. Er sollte sich bedanken bei der
Antifa und den Studenten.
Vielleicht geht die Debatte um die Mei-
nungsfreiheit eher um Begriffe wie Mei-
Aktivisten hindern den ehemaligen nungsklima und Meinungsherrschaft, da-
rum, wie wir miteinander sprechen und
AfD-Politiker Bernd Lucke daran, seine Vorlesung streiten. Welche Kämpfe wie geführt wer-
an der Universität Hamburg zu halten. den und welche politischen Folgen sie ha-
ben. Die vermeintlich besten Absichten
bewirken ja manchmal genau das Gegen-
MARKUS SCHOLZ / DPA

teil. Wer Lucke zum Schweigen bringen


will, macht ihn lauter als zuvor.
Politik ist immer auch die Auslegung
von Wirklichkeit. Die Idee einer demo-
kratischen Öffentlichkeit besteht darin, in

11
einem Wettkampf der Meinungen das zu
bekommen, was man früher einmal Deu-
tungshoheit nannte. Es ist der Kampf da-
rum, welche Auslegung relevant ist und
welche nicht.
Die Debatte um Meinungsfreiheit selbst, Das Verwaltungsgericht Meiningen hat
ihr Umfang und ihre Wirkmächtigkeit zei-
gen ziemlich exakt, wie sich heute Öffent- entschieden, dass man den AfD-Politiker
lichkeit konstituiert, vom politischen Wett- Björn Höcke einen Faschisten nennen darf.
kampf bis hinunter in die Gefühlswelten
der Bürger, die verunsichert sind und da-
mit politisch labil. Sie zeigt die Macht der
sozialen Netzwerke und der Onlineplatt-
formen, aber auch das Chaos, das die digi-
talen Zeiten in der Sphäre der vierten Ge-
walt angerichtet haben. Unsere Öffentlich-
keit, so scheint es, ist ein Tollhaus der Mei-
nungen und Beschimpfungen, Weltan-
schauungen und Zumutungen.
Und tatsächlich hat sich sehr real etwas
verändert, Rechtspopulisten stehen in fast
allen Weltregionen an der Spitze von Re-
gierungen, sie haben ein Faible dafür, sich
die Wirklichkeit so hinzubiegen, wie sie
ihnen passt. Donald Trump und Boris
Johnson sind nur die bekanntesten, in
Polen, in Brasilien oder auf den Philippi-
nen ist es nicht viel anders. Und auch in
Deutschland hat das Erstarken der AfD
die öffentliche Debatte massiv beeinflusst.
Es gibt eine Reihe von Umfragen und
Studien, die zeigen, wie sich das Mei-
nungsklima verändert hat, und die andeu-
ten, welche Folgen das haben könnte.
Zwei Drittel der Bürger, so das Allensbach-
Institut für Demoskopie im Mai, seien
überzeugt, man müsse heute aufpassen,
zu welchen Themen man sich wie äußere.
Gemeint sind Themen wie Flüchtlinge, Is-
lam, Nazizeit und Juden, Rechtsextremis-
mus und AfD. Allerdings bewerten Ale-
xander Gaulands Spruch, dass Hitler und
die Nazis nur »ein Vogelschiss in über
1000 Jahren erfolgreicher deutscher Ge-
schichte« seien, 76 Prozent als inakzep-
tabel. Mehr als die Hälfte sagt aber auch,

HANNES JUNG / LAIF


»dass es ihnen auf die Nerven geht, dass
einem immer mehr vorgeschrieben wird,
was man sagen darf und wie man sich zu
verhalten hat«.
Die Shell-Studie, eine gerade veröffent-
lichte Untersuchung über die Vorstellun-
gen und Gedankenwelt von mehr als 2500 Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort,
jungen Menschen zwischen 12 und 25 Jah-
ren, stellt Ähnliches fest. Zwei Drittel der
Schrift und Bild frei zu äußern.
Befragten glauben, man dürfe in Deutsch-
land nichts Schlechtes über Ausländer sa-
gen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu fragte, stimmten 64 Prozent der Branden- sich besorgt zeigten über die Situation der
werden. Mehr als die Hälfte findet, »die burger und 69 Prozent der Sachsen der freien Meinungsäußerung in Deutschland.
Regierung verschweigt der Bevölkerung Aussage zu, man werde »bei bestimmten Schweigespirale nannte man das in den
die Wahrheit«. Immerhin noch ein Drittel Themen heute ausgegrenzt, wenn man sei- Siebzigerjahren; damals hieß es, viele kon-
fürchtet, die Gesellschaft werde »durch ne Meinung sagt«. Laut der »Mitte-Studie« servative Menschen wagten nicht, ihre An-
den Islam unterwandert«. der Friedrich-Ebert-Stiftung beklagen sich sichten offen auszusprechen, weil diese
Das sind keine Zufallstreffer, die Empirie 55 Prozent der Befragten, es gebe ein Mei- vom über Massenmedien vermittelten
macht einen robusten Eindruck: Als Infra- nungsdiktat in Deutschland. Und bei einer Meinungsklima zu stark abwichen. Inzwi-
test Dimap vor den Landtagswahlen in Umfrage des PEN-Zentrums unter Autoren schen sind es die Empörungsrhetoriker, die
Sachsen und Brandenburg die Bürger be- und Journalisten waren es 75 Prozent, die Entfacher von Shitstorms, die manchen

12 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Titel

das Gefühl geben, nicht frei reden zu kön- davon. Garton Ash wendet sich gegen Eine Gesellschaft, die zu große Rück-
nen. Heute heißt das »chilling effect«. den Boykott politisch missliebiger Pro- sicht auf Sensibilitäten nehme, schaffe
»Jeder hat das Recht, seine Meinung in fessoren oder Gastredner. Universitäten, neue Probleme. In Deutschland, sagt Gar-
Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und fordert er, sollten »der größtmöglichen ton Ash, hätten jahrelang Intellektuelle,
zu verbreiten und sich aus allgemein zu- Bandbreite an einflussreichen und kon- Journalisten und Politiker die Ängste vor
gänglichen Quellen ungehindert zu unter- troversen Ansichten eine Plattform muslimischer Einwanderung nicht genü-
richten. Die Pressefreiheit und die Freiheit bieten, um diesen dann mit höflicher, ro- gend thematisiert. »Je weniger Menschen
der Berichterstattung durch Rundfunk und buster und gut informierter Kritik zu be- das Problem öffentlich ansprachen«,
Film werden gewährleistet. Eine Zensur gegnen«. Studentischen Protest gegen schreibt Garton Ash, der Deutsch spricht
findet nicht statt.« Redner hält er für legitim, solange die und sich gut auskennt hierzulande, »umso
Das ist Artikel 5 Absatz 1 des Grund- sprechen dürfen. mehr dachten daran – und sprachen ver-
gesetzes. Drei Sätze, 44 Wörter – mehr Garton Ash wendet sich sogar dagegen, mutlich privat, in der Kneipe oder zu Hau-
brauchte es 1949 nicht, um für Deutsch- Hate Speech zu verbieten. »Wenn wir al- se, darüber.« Der Druck des öffentlich
land eines der wichtigsten Grundrechte zu les, was Menschen beleidigen kann, und Unausgesprochenen sei »wie in einem
postulieren, die Meinungsfreiheit. alle Tabus aller Kulturen dieser Welt zu- Dampfkochtopf« gestiegen und habe sich
Der Historiker Timothy Garton Ash, sammenfassen und für unverletzlich erklä- schließlich 2010 in Thilo Sarrazins Buch
der in Oxford und Stanford lehrt, braucht ren wollten, wäre kaum noch etwas übrig, »Deutschland schafft sich ab« entladen,
sieben Jahrzehnte später 700 Seiten, um worüber wir reden könnten.« Ein Mindest- einem Millionenbestseller. »So kam es,
all die Probleme zu analysieren, die sich maß an Zivilität sei zwingend, das sagt dass ein für Deutschland wirklich wich-
für die Meinungsfreiheit in einer globali- auch Ash. tiges Problem nicht auf guter Informa-
sierten, medial vernetzten Welt ergeben. Aber wo ist die Grenze? Es muss sie ge- tionsgrundlage in einer offenen Diskussion
»Redefreiheit« heißt sein Buch, drei Jahre ben, aber wo genau liegt sie in einem Land abgehandelt wurde, sondern anhand eines
nach Erscheinen ist es das Standardwerk wie Deutschland mit seiner nationalsozia- stinkenden Gebräus von Eugenik und Kul-
zum Thema. listischen Vergangenheit und seiner rechts- turpessimismus.«
terroristischen Gegenwart? Einem Land,
Noch nie konnten so viele Menschen in dem ein Antisemit die Synagoge in Hal- Es sind wie in den USA die Hochschulen,
wie heute so viele Meinungen frei äu- le angreift und zwei Menschen ermordet, an denen die Kämpfe darüber, was sagbar
ßern – und diese über alle Grenzen hinweg einem Land, in dem der CDU-Politiker ist, im realen Leben, ausgetragen werden.
verbreiten. Das liegt am Internet, an der Walter Lübcke Opfer eines Anschlags Und es ist kein Zufall, dass einer der pro-
weltweiten Migration und an der Öffnung wird. Beide Täter hatten sich im Netz ra- minentesten dieser Fälle sich um den His-
westlicher Gesellschaften, in denen sich dikalisiert, hochgeputscht von hemmungs- toriker und Gewaltforscher Jörg Babe-
immer mehr Minderheiten Gehör ver- loser Rhetorik. rowski von der Humboldt-Universität in
schaffen. Garton Ash spricht von einer Der Brite Garton Ash sagt, dass wir vor- Berlin dreht. Baberowski wagte es 2015,
neuen Epoche der Meinungsfreiheit. sichtig sein müssen mit den Grenzen, die die Flüchtlingspolitik Angela Merkels und
Gleichzeitig treten die Risiken dieser wir setzen, auch wenn es schwerfällt. Mehr die Betonung der Willkommenskultur in
Meinungsfreiheit so offen zutage wie nie, Meinungsfreiheit führe zu mehr Meinungs- Deutschland zu kritisieren. Als ihn der
darunter wahre »Schlammfluten von Be- vielfalt und mehr Meinungsvielfalt zu Ring Christlich-Demokratischer Studenten
schimpfungen und Beleidigungen«. mehr Streit. Das ist anstrengend, natürlich, und die Konrad-Adenauer-Stiftung an die
Wie frei sollte die Rede sein? Und an aber er plädiert dafür, sich nicht allzu Uni Bremen einluden, musste die Veran-
welche Konventionen sollten sich die Dis- schnell beleidigt zurückzuziehen, sondern staltung in die Räume der Stiftung verlegt
kursteilnehmer halten? Der Streit darüber Hassrede entweder zu ignorieren oder ihr werden, Polizisten patrouillierten vor dem
wird oft in aller Härte ausgefochten, nicht selbstbewusst zu widersprechen. »In einer Gebäude. Der Bremer Asta hatte Flugblät-
nur in Deutschland. Die Welt, sagt Garton Welt zunehmender und zunehmend ver- ter verteilt, Überschrift: »Rechtsradikalen
Ash, sei nicht zum globalen Dorf gewor- trauter Vielfalt sollten wir die Leute nicht das Podium nehmen!«.
den, wie es mal in den Sechzigerjahren dazu ermutigen, dünnhäutig zu sein, son- Baberowski klagte gegen den Asta. In-
hieß, sondern zur globalen Großstadt – zu dern etwas dickfelliger zu werden, damit zwischen hat das Oberlandesgericht Köln
einer »virtuellen Kosmopolis«. sie mit den Unterschieden leben und sie entschieden, dass der Bremer Asta wieder
Dörfer sind kleine, recht homogene bewältigen können.« behaupten darf, Baberowski verbreite ge-
Orte. In Großstädten leben viele Men- waltverherrlichende Thesen, verharmlose
schen um einen herum, aber sie sind ganz das Anzünden von Flüchtlingsunterkünf-
anders als man selbst. Sie begegnen einem ten, stehe für Rassismus und vertrete
selten oder nie, und wenn, dann meist nur Tabuzonen rechtsradikale Positionen. Das Oberlan-
kurz. Sie bleiben einem fremd. Umso wich- Umfrage: Wie Bundesbürger die folgende desgericht hat nicht festgestellt, dass Ba-
tiger wird die Meinungsfreiheit, das ist Aussage beurteilen berowski das alles wirklich tut, nur, dass
eine von Garton Ashs Thesen. Sie erleich- »Heutzutage muss man sehr aufpassen, zu es unter die Meinungsfreiheit des Asta fal-
tert es, mit der Vielfalt zu leben, sie schult welchen Themen man sich wie äußert. Es gibt le, all das zu behaupten.
uns in der Kunst der Toleranz. »Nur wenn viele ungeschriebene Gesetze, welche Meinungen Vergleichsweise zahm fielen im Mai die-
die freie Meinungsäußerung gewährleistet akzeptabel und zulässig sind und welche eher ses Jahres die Proteste gegen den Islam-
ist, kann ich verstehen, was es heißt, du tabu.« wissenschaftler Hans-Thomas Tillschnei-
zu sein.« der an der Universität Bayreuth aus,
Garton Ash ist ein angelsächsischer Li- Sehe das auch so 63 % Leiter des Seminars »Eine kompakte Ein-
beraler, er listet zehn Prinzipien auf, die führung in das islamische Recht«. Till-
das Recht auf Meinungsfreiheit künftig Sehe das nicht so 23 schneider sitzt für die AfD im Landtag
ebenso garantieren sollen wie die Würde von Sachsen-Anhalt, er ist deren wissen-
Andersdenkender. »Wir nutzen jede schaftspolitischer Sprecher, sein Büro in
unentschieden 14
Chance, Wissen zu verbreiten, und tole- Halle hatte er eine Zeit lang im Haus der
rieren hierbei keine Tabus«, heißt eines Allensbach-Umfrage vom 3. bis 16. Mai 2019; 1283 Befragte dortigen Identitären Bewegung. Er gilt

13
ein. »Wir erwarten, dass Rainer Wendt
keine Bühne an der Goethe-Universität
2017 versuchten Studenten, Frankfurt geboten wird.«
Tatsächlich sagte Schröter die Veranstal-
einen Auftritt von FDP-Chef tung ab. Nicht weil die Argumente sie über-
Christian Lindner an der zeugt hätten, aber weil sie nicht dafür ver-
antwortlich sein wollte, dass es bei einem
Bochumer Universität zu stören. Polizeieinsatz Verletzte gegeben hätte.
Im Mai dieses Jahres war es erneut so
weit. Diesmal sollte es eine Veranstaltung
zum Thema Kopftuch geben. Eingeladen
hatte Schröter Gesprächspartner mit un-
terschiedlichsten Meinungen. Jetzt kamen
die Angriffe von links genauso wie von
rechts. Aktivisten forderten Schröters
Rausschmiss. Die Hochschulleitung stellte
sich hinter sie, 700 Interessierte meldeten
sich an. An Ende kamen kaum Protestler.
Es geht in all diesen Fällen weniger um
den Austausch von Argumenten als darum,
den anderen durch übertriebene Zuspit-
zung so zu diffamieren, dass man sich die
mühsame Arbeit, seine Argumentation

DIRK KROGULL
nachzuvollziehen, nicht mehr machen
muss, weil der andere ja wahlweise Rassist,
Faschist oder Linksextremer ist.
Die AfD versucht, ihre Anhänger glau-
ben zu machen, solche Aktionen gebe es
Mehr Meinungsfreiheit führt zu mehr Meinungs- nur von links, von einer angeblichen Main-
stream-Meinungspolizei, die es darauf an-
vielfalt, und die führt zu mehr Streit. lege, sie und andere Rechte mundtot zu
machen. Tatsächlich hat die Rechte ähnli-
che Instrumente im Repertoire.
sogar nach den Maßstäben seiner Partei Schröter erreichten zuerst die Mails, die Im November 2018 stürmten Männer
als Rechtsaußen. Beschimpfungen auf Social Media, wie sie an der Universität Greifswald in eine Vor-
Die Universität hatte die Sache offenbar es wagen könne, einen Rassisten an die lesung des Sprachforschers Eric Wallis,
im Griff. Sicherheitsleute und Polizisten Uni einzuladen. Dann schrieben 60 wis- damals Leiter des Regionalzentrums für
hinderten die Protestierenden daran, das senschaftliche Mitarbeiter der Universität demokratische Kultur in Mecklenburg-Vor-
Gebäude zu betreten. Tillschneider be- Schröter einen offenen Brief, Wendt trete pommern. Wallis sagt, er habe gerade über
zeichnete die Demonstranten auf Twitter offensiv für eine rassistische Polizeipraxis »Gehirne waschen – Framing gegen Frem-
als »totalitäre Ungeister«. Die Hochschul- denhass« gesprochen, da habe eine Grup-
leitung erklärte: »Wir leben in einem pe den Hörsaal gestürmt und ein Banner
Rechtsstaat, der klare Regeln aufstellt, an Unter Beschuss hochgehalten: »Man wird doch wohl noch
die wir uns halten. Eine Universität muss Umfrage: Für welche der folgenden Aussagen man seine Meinung sagen dürfen«.
dabei auch kontroverse Standpunkte aus- nach Ansicht der Bundesbürger hart kritisiert wird Das Plakat habe das Symbol der rechten
halten und abwegigen Thesen argumenta- Identitären Bewegung getragen. Die Stö-
als Politiker in der Öffentlichkeit privat im Freundeskreis
tiv begegnen.« rer hätten »Tradition, Multikulti Endstati-
Besondere Bekanntheit erlangte Susan- 69 % on« gerufen, erzählt Wallis. Er vermutet,
ne Schröter, Professorin für Ethnologie Viele Flüchtlinge dass sie es darauf angelegt hätten, des Saa-
sind kriminell.
an der Universität Frankfurt, weil es 34 les verwiesen zu werden, um zu beweisen,
sie gleich zweimal erwischt hat. Sie be- dass ihre Meinung unterdrückt werde.
schäftigt sich in ihrer Forschung mit »Nor- »Aber diesen Punkt wollte ich sie nicht ma-
Der Islam hat in 62
mativen Ordnungen«, also auch mit der Deutschland zu chen lassen.«
Frage, was gesagt werden darf und was viel Einfluss. 22 Wallis lud die Protestierer zu einer Dis-
nicht. kussion im Anschluss an seinen Vortrag
Das erste Mal passierte es 2017. Der Bei Ehe und Familie soll- ein. Er freue sich auf den Austausch mit
Polizeigewerkschafter Rainer Wendt sollte ten Homosexuelle nicht 60 ihnen. Die Männer, so ist es auf einem Mit-
in einer von Schröter organisierten Vor- die gleichen Rechte 29 schnitt der Aktion zu sehen, verließen da-
tragsreihe über »Polizeialltag in der Ein- haben wie andere. raufhin den Saal.
wanderungsgesellschaft« sprechen. Wendt Offenbar ist es für viele attraktiv, sich als
hat einen gewissen Ruf, weil er während Ausländer nehmen 59 Opfer von Einschüchterung und Intoleranz
den Deutschen die
der Flüchtlingskrise die Errichtung eines Arbeitsplätze weg. 28 darzustellen. Vielleicht hilft Garton Ashs
Zauns an der deutschen Grenze vorge- Aufruf zum Selbstbewusstsein hier weiter.
schlagen und behauptet hatte, es gebe kein Und die Erkenntnis, dass es vielen, die sich
»racial profiling« bei der Polizei, also dass Wir in Deutschland 37 in diese Debatten einbringen, auch um die
Beamte vermehrt Menschen mit dunkler übertreiben es häufig eigene Positionsbestimmung geht, in einer
mit dem Umweltschutz. 19
Hautfarbe kontrollieren. Quelle: Allensbach Gesellschaft, die sich polarisiert und ein

14
Wiedererstarken der überholt geglaubten
Kategorien »links« und »rechts« erlebt. Es
geht um Selbstvergewisserung, dass man
zu den Richtigen gehört. Um diese Mecha-
nismen nachzuvollziehen, hilft ein genauer
Blick auf die Genese des Falls Lucke.
Es war der Asta in Hamburg, der Ende
Juli, als klar wurde, dass Lucke an die Uni-
versität zurückkehren würde, ein State-
ment mit markigen Worten veröffentlichte.
»So ein Mensch gehört an keine Universi-
tät, und speziell die Universität Hamburg
kann auf seine Rückkehr getrost verzich-
ten.« Inzwischen sind die Studierenden-
vertreter wohl selbst der Ansicht, dass das
nicht so klug war. Trotz seiner »kritischen
Vergangenheit« habe Lucke »jedes Recht,
an die Uni zurückzukehren«, heißt es in
der jüngsten Veröffentlichung. In Göttingen verhinderten Demonstranten
Am 16. Oktober sollte Bernd Lucke sei-
ne erste Vorlesung halten. Der Asta hatte
eine Lesung des ehemaligen
vor dem Hörsaal zu einer lange angekün- Innenministers Thomas de Maizière

STEFAN RAMPFEL
digten Kundgebung geladen. Studierende
kamen, interessierte Bürger, die »Omas aus dessen Buch »Regieren«.
gegen Rechts« und Vertreter der Antifa.
Im Netz kursieren verschiedene Videos,
was dann drinnen passierte. Man sieht
Bernd Lucke, wie er grinsend im Audito-
rium hockt, Antifa-Fahnen ragen ins Bild. Es geht um Selbstvergewisserung, dass
Auf der Bühne versuchen Asta-Vertreter
mit einem Megafon, die Masse zu beruhi- man zu den Richtigen gehört.
gen. In einem anderen Video hört man die
Studierenden singen und klatschen, es hat
ein bisschen was von Ferienlager. »Die die gerade erstmalig in die Liga der elf Politikprofi, er ist Professor, er sitzt regel-
Stimmung war friedlich«, sagt Asta-Refe- deutschen Exzellenz-Hochschulen auf- mäßig in Talkshows. Er hat rhetorische
rent Leo Schneider. »Auch wenn nach au- steigt. Besser hätte es für Lenzen kaum Fallen gestellt«, schildert der Student. Des-
ßen hin ein anderes Bild gezeichnet wurde, laufen können, doch plötzlich geht es nur halb wolle der Asta in Zukunft nicht mehr
damit Lucke sich als Opfer stilisieren noch um Lucke. mit Lucke sprechen. »Das hat keinen
kann.« Die Polizei griff nicht ein. Damit der seine Vorlesung nun im drit- Sinn.« Außerdem wolle man ohnehin
Im Netz wurde da längst diskutiert, ob ten Anlauf nun abhalten konnte, seien der nicht mit Rassisten reden. Solange Lucke
die Aktion in Hamburg eine Attacke auf Stadt Hamburg und der Universität Kos- sich nicht von rassistischen Aussagen »dis-
die Meinungsfreiheit in Deutschland sei. ten entstanden, »wie wir es nie zuvor er- tanziert, sehen wir keine Gesprächsgrund-
Die zwei Frontlinien: »Keinem muss ge- lebt haben«, sagt Lenzen. Studierende hät- lage«.
fallen, was Bernd Lucke zu sagen hat. ten sich gemeldet, sie hätten Angst, in der Vor allem aber bedauern die beiden,
Aber auf ähnliche Weise haben national- Vorlesung zu sitzen, technisches Personal wie sich »der Diskurs verschoben hat«,
sozialistische Studenten seinerzeit jüdische habe sich geweigert, Arbeiten im Umfeld sagt Stephan. Es gehe nur noch darum,
Professoren von Universitäten vertrie- von Luckes Hörsaal zu verrichten. »Ob je- »ob Linke, die über legitimen Protest ihre
ben«, twitterte der Lokalpolitiker Thomas mand ein Erlebnis als belastend empfindet, Meinung kundtun, die Meinungsfreiheit
Ney, der für die Piraten in der Stadtver- kann nur die betreffende Person beurtei- einschränken«. Das sei »absurd«, sagt der
ordnetenversammlung von Oranienburg len«, sagt Lenzen. »Wir haben ja auch eine Student und schiebt nach: »Moralisch sind
sitzt. »Ich weiß nicht, ob der Antifa diese sehr sensibilisierte Generation, die von ih- wir im Recht.«
methodische Ähnlichkeit bewusst ist.« rem Selbstverständnis her sehr gegen Ge- Wirklich? Tatsächlich ist die Frage, wie
Wie die Gegenseite argumentiert, illus- walt eingestellt ist.« die Gesellschaft mit einer erstarkten Rech-
triert ein Tweet von Robin Mesarosch, Me- Im Asta der Uni Hamburg sitzen Leo ten umgehen sollte, schwieriger zu beant-
diareferent im Bundestagsbüro von Au- Schneider und Niklas Stephan, zuständig worten, als viele meinen. Der Soziologe
ßenminister Heiko Maas: »Bernd Lucke für Soziales und Antidiskriminierung. Bei- Armin Nassehi von der Universität Mün-
ist der Gründer der erfolgreichsten deut- de studieren Politikwissenschaften, sie wir- chen hat sich mit ihr in den vergangenen
schen Nazi-Partei seit der NSDAP. Er hat ken erschöpft und ein bisschen entgeistert, Jahren viel beschäftigt. Er veröffentlichte
in einem Vorlesungssaal nichts verloren. wie alles gekommen ist, nämlich anders einen Briefwechsel mit dem rechten Ver-
Das ist keine arbeitsrechtliche, sondern als gewünscht. Erst die Anfeindungen aus leger Götz Kubitschek, was ihm den Vor-
eine gesellschaftliche Frage. Die Studieren- dem Netz, mit dem Tenor, die Linken seien wurf einbrachte, er verschaffe menschen-
den in Hamburg retten gerade die Ehre die neuen Nazis. Dann die einstündige Dis- feindlichem Gerede Einlass in die bürger-
dieser Gesellschaft.« kussionsrunde nach dem ersten Eklat, liche Gesellschaft.
Mehr geht nicht. Lucke gegen drei Asta-Vertreter, moderiert Das Argument, man dürfe AfD-Politi-
Der Präsident der Uni Hamburg heißt von Lenzen. kern oder ganz grundsätzlich Menschen
Dieter Lenzen. Er feiert dieses Jahr das Stephan, ein 22-Jähriger im Sweatshirt, mit mutmaßlich rechtem Gedankengut kei-
100-jährige Bestehen seiner Universität, erinnert sich mit Unbehagen. »Lucke ist nen Raum für Worte geben, sei im linken

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 15


Proteste gegen Luckes Vorlesung so kri-
tisch wie er, trauten sich aber nicht, das
offen zu sagen.
Aber vielleicht hat sich gar nicht so sehr
der Ton verändert, vielleicht ist nur die
Sehnsucht nach Harmonie und Sicherheit
größer geworden. Denn die politische Aus-
einandersetzung war schon immer rau, ge-
pöbelt wurde immer. Der langjährige CSU-
Vorsitzende Franz Josef Strauß etwa fabu-
lierte 1974 von »roten Ratten«, die man
dorthin jagen müsse, »wo sie hingehören –
in ihre Löcher«. Joschka Fischer rotzte
1984 den stellvertretenden Bundestagsprä-
sidenten Richard Stücklen (CSU) an, die-
ser sei, mit Verlaub, ein »Arschloch«.
Seit je erfreuten sich Nazi-Vergleiche
besonderer Beliebtheit. Friedensnobel-
In Potsdam kam es 2010 zu Protesten preisträger Willy Brandt bezeichnete 1985
den CDU-Politiker Heiner Geißler als
gegen den umstrittenen »schlimmsten Hetzer« seit Joseph Goeb-
Bestsellerautor Thilo Sarrazin. bels; Helmut Kohl ätzte 2002 über den da-
maligen Bundestagspräsidenten Wolfgang

CHRISTIAN THIEL
Thierse, dieser sei der »schlimmste Präsi-
dent seit Hermann Göring«.
In den Fünfzigerjahren wurden Redner-
bühnen und Versammlungen gestürmt,
Plakate abgerissen, sogar mit Rücken-
Der Druck des öffentlich Unausgesprochenen sei deckung von oben. CDU-Kanzler Konrad
Adenauer dankte der Parteijugend nach
gewachsen wie in einem Dampfdrucktopf. seinem Wahlsieg 1953 dafür, dass sie »oft
unter Einsetzung ihrer Fäuste den Plakat-
krieg geführt« habe. In der hochpolitisier-
Milieu weit verbreitet. Der Dialog mit sollte jedem, der unsere Demokratie lebt, ten Atmosphäre der späten Sechzigerjahre
Rechten sei verpönt, weil er angeblich de- Sorge bereiten. Bernd Lucke als ›Nazi- eskalierte die Gewalt auf beiden Seiten.
ren politische Inhalte salonfähig mache. Schwein‹ zu beschimpfen, ihm das Wort Im Wahlkampf 1969 gab es mehr als 200
»Ich wäre der Letzte, der sagen würde, zu verbieten, ihn niederzubrüllen unter Verletzte.
dass das rechte Denken nicht durchaus der Fahne der Antifa, das ist zutiefst un- Und doch hat sich verändert, was wir
eine Gefahr beinhaltet«, sagt Nassehi, demokratisch.« heute unter Politik verstehen. Die großen
»aber es ist doch sehr naiv zu glauben, man Ankerherz ist kein Verlag, der der AfD Konflikte, so beschreibt es der Berliner
könne die Macht falscher Ideen begrenzen, nahesteht. Im Gegenteil: Das bislang er- Autor und Mitarbeiter der Friedrich-
indem man sie sich vom Leibe hält.« folgreichste Buch »Sturmwarnung« ist die Ebert-Stiftung, Marc Saxer, seien nicht
Die Behauptungen der neuen Rechten, Biografie eines Hamburger Kapitäns, der mehr materieller Art, sondern kulturell
sie spreche Tabus als Einzige offen an, zö- als Kind überzeugter Nazis in Kriegstrüm- geprägt. Statt Verteilungskonflikten
gen Wähler an. Dabei werde in Deutsch- mern aufgewachsen ist und heute Tole- würden Haltungsfragen verhandelt. Ge-
land niemand daran gehindert zu sagen, ranz und Weltoffenheit in Gefahr sieht. schlechtergerechtigkeit? Im Kern sei das
was er denke, findet Nassehi. Aber das Pro- Seit Jahren publiziert Ankerherz Kom- der Konflikt darum, dass Frauen mehr
blem sei das Internet, das zwei widersprüch- mentare gegen AfD und Pegida, die dem wollen: mehr Einfluss, mehr Macht, mehr
liche Dinge produziere: »Die freie Möglich- Verleger Morddrohungen einbrachten. Geld. Und dass Männer abgeben müssen.
keit, alles zu sagen. Und die unbegrenzte Doch nun, so Kruecken, sammelten sich Verhandelt aber werde vor allem die
Möglichkeit, für alles auf den Deckel zu be- in 72 Stunden mehr als 5000 Kommenta- Sexualmoral. Klimawandel? Eigentlich
kommen. Auch für vernünftige Einlassun- re unter seiner Warnung, die Demokratie ein Konflikt um große materielle Fragen,
gen.« Daher das Gefühl der Unfreiheit. sei in Gefahr. wie man das Wachstum begrenzt und
Vielleicht veranschaulicht der Fall des Kruecken wurde als »Nazi-Kuschler«, wie viel das kostet, aber besprochen wer-
Verlegers Stefan Kruecken, wie es zu die- oder »Lucke-Ficker« beschimpft, der sich den persönliche Haltungsfragen wie
sem Gefühl kommt. Kruecken betreibt ge- eine schwarze Uniform kaufen und Blitze Fleischverzicht und Flugscham, es geht
meinsam mit seiner Frau Julia einen klei- ans Revers pinnen sollte. »Mitte mich nicht um Lebenswandel und die persönliche
nen Literaturverlag in Norddeutschland. an« und »Du Mitte-Extremist« lauteten Haltung. Das Private ist so politisch wie
Vor drei Wochen hätte er die Allensbach- zwei der Beschimpfungen, die Kruecken lange nicht mehr.
Frage, ob man in Deutschland aufpassen oft zu lesen bekam, so als wäre der gefähr- Klassische materielle Verteilungskon-
muss, was man sagt, mit Kopfschütteln be- liche Feind längst schon in der politischen flikte sind, zumindest theoretisch, leichter
antwortet. Ein Facebook-Eintrag zu Bernd Mitte zu finden. lösbar. Der eine will mehr haben, der an-
Lucke auf seiner Verlagsseite Ankerherz Was ihn besonders beunruhigt habe, dere weniger geben, idealerweise einigt
hat diese Gewissheit erschüttert. sei gar nicht so sehr das »Hassgebrüll aus man sich irgendwo in der Mitte. Bei kultu-
Nach Luckes gescheiterter Antrittsvor- dem Facebook-Urwald« gewesen, sagt rellen Konflikten indes gibt es keine Kom-
lesung schrieb Kruecken: »Was heute an Kruecken, sondern Einträge von Unter- promisse. Erst recht, wenn die Pole dieser
der Hamburger Universität passiert ist, stützern, die beteuerten, sie sähen die politisch-kulturellen Konflikte, der liber-

16 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


DER NEUE OPEL

DIE KRAFT EINES ALLRAD-SUV.


DIE FLEXIBILITÄT ZWEIER ANTRIEBE.
Kraftstoffverbrauch Opel Grandland X Hybrid4 (gewichtet, kombiniert) 1,6–1,5 l/100 km, CO 2 -Emission (gewichtet, kombiniert) 36–34 g/km (gemäß VO (EG) Nr. 715/2007,
VO (EU) Nr. 2017/1153 und VO (EU) Nr. 2017/1151). Effizienzklasse A+. Abb. zeigt Sonderausstattung.
täre und der autoritäre, von extremen Sorge um die Meinungsfreiheit ebendieses linken Lagers kritisierte. In auf-
Positionen dominiert werden. geheizten Zeiten wie diesen bleiben die
Umfrage unter Journalisten und Schriftstellern:
Beide Pole sind sich ähnlicher, als die Über die Situation der freien Meinungs- Reihen sonst meist geschlossen.
Kombattanten das wünschen, was auch äußerung in Deutschland sind: Unsleber hat ihre Daten im Melderegis-
ein Grund für die Härte der Auseinander- ter gesperrt, weil sie häufiger über Rechte
setzung ist. Beide haben das Gefühl der sehr besorgt 34 % und Neonazis berichtet. Nun ist sie erst-
Bedrohung, dass etwas grundsätzlich nicht mals froh, dass Linksextreme ihre Adresse
stimme in dieser Gesellschaft, dass die je- nicht so einfach recherchieren konnten.
weils anderen Barbaren seien. Und dass
teilweise besorgt 41 Bei Twitter hat sie sich abgemeldet.
die andere Seite mächtiger und vernetzter
sei, überlegen in der Diskursführung und nicht besorgt 22 Darf man alles sagen, was man sagen
sowieso auf dem Vormarsch. So haben bei- will? Natürlich nicht. Die Meinungsfreiheit
Online-Umfrage des Pen-Zentrums Deutschland und der Uni-
de Pole eine Wagenburgmentalität entwi- versität Rostock vom 25. Juni bis zum 22. Juli 2018; 526 Befragte; ist ein hohes Gut, aber nicht das höchste
ckelt. Und je nachdem, wo man sich selber an 100 fehlende Prozent: keine Angabe in unserer Verfassung. »Die Würde des
verortet, ist dort selbstverständlich das Menschen ist unantastbar«, heißt es in
Gute und Moralische, und dort, wo die an- Artikel 1 des Grundgesetzes. Man darf
deren sich verbarrikadieren, das Böse und fitieren, aber umso härter werde es für neu niemanden beleidigen, ein Arschloch nen-
Amoralische. Zuziehende und für Kleinvermieter, die nen, selbst wenn er ein Arschloch ist.
In Zeiten solcher Blockbildungen sind ihr Erspartes in eine Eigentumswohnung Anders als fast überall sonst auf der Welt
Verräter die schlimmsten Feinde. Abweich- gesteckt hätten. Die Pläne seien »ganz ist es bei Strafe verboten, den Holocaust
ler und Kompromissler wie Baberowski schön unsolidarisch«. zu leugnen.
oder Schröter oder Kruecken oder auch Als der Gesetzentwurf zum Mieten- Die Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht,
Abtrünnige wie die Berliner »taz«-Redak- deckel vorvergangene Woche tatsächlich aber auch Grundrechte gelten nicht gren-
teurin Steffi Unsleber, die gerade erfahren kam, legte Unsleber in mehreren Tweets zenlos, allein schon deshalb, weil manche
hat, was es heißt, wenn man unter Be- nach. Sie wurden Tausende Male geteilt – in Konkurrenz miteinander stehen. Vor al-
schuss aus den eigenen Reihen gerät. und scharf angegriffen als »neoliberaler lem aber schützt die Meinungsfreiheit
Unsleber hatte es gewagt, als der rot- Dünnpfiff«, »lebensferner Mist«, »privile- nicht vor den Meinungen anderer, also vor
rot-grüne Berliner Senat den Mietendeckel gierte Scheiße«. Kritik an der eigenen Meinung. Wer reden
plante, dies in einem Tweet und dann in Gut möglich, dass die Empörung beson- will, muss mit Gegenrede rechnen.
einem Artikel für die »taz« zu kritisieren: ders groß war, weil jemand aus dem ver- Das Meinungsklima ist rauer geworden.
Die heutigen Berliner Mieter würden pro- meintlich linken Lager ein Herzensprojekt Was viel mit der AfD zu tun hat, die den

2013
Der Kohlenstoff, aus dem die
Leichtbauträume sind: Serienfähige
Fahrgastzellen aus carbonfaser-
verstärkten Kunststoffen verringern
FCU(CJT\GWIIGYKEJV5QJGNHGP

2001 2014
E-Mobile beim Energiesparen.

Erster Arbeitstag: Die Brennstoff- Grüne Welle: Erstmals wird ein


zelle bewährt sich im Alltagstest Auto mit Brennstoffzelle in Groß-
in einem Kleintransporter. UGTKGJGTIGUVGNNV&KG<GNNGGT\GWIV
In ihr wird mit Wasserstoff der abgasfrei Strom für den Antrieb.
Strom für die Fahrt produziert.

Ihre Chemie bringt Umwelt und Mobilität


Titel

Diskurs nach rechts verschoben hat. AfD- politmediale Establishment dieses Landes Man darf Höcke also einen Faschisten
Politiker sagen Dinge, die schon lange hat unsere Demokratie in einen Gesin- nennen. Es lebe die Meinungsfreiheit. Erst
nicht mehr laut gesagt wurden; man könn- nungsstaat verwandelt.«. Die Fahnen wer- recht, wenn sie sich auf Tatsachen stützt.
te argumentieren, dass sie die Meinungs- den geschwenkt, das Publikum buht und Am Abend der Wahl in Thüringen wird
freiheit etwas breiter gemacht haben und applaudiert. das zum geflügelten Wort: Höcke, der Fa-
andererseits diese Debatten nutzen, um Höcke selbst ist Gegenstand eines inte- schist. Annalena Baerbock, Vorsitzende
die Meinungsfreiheit als eingeschränkt dar- ressanten Rechtsfalls um Meinungsfreiheit, der Grünen, nennt ihn als Erste so, viele
zustellen – eine sich selbst bestätigende der vor dem Verwaltungsgericht im thü- folgen ihr. Höcke, der Faschist, dies zu sa-
Prophezeiung. ringischen Meiningen ausgetragen wurde. gen an diesem Abend, das hat etwas von
Am Samstag, dem Tag vor der Wahl in Es ging um die Frage, ob man Höcke bei Erschrecken, aber auch von Genugtuung.
Thüringen, steht Björn Höcke, Galions- einer Kundgebung als Faschisten bezeich- In der Liverunde der Spitzenkandidaten
figur des völkisch-nationalen »Flügels« der nen dürfe. Die Stadtverwaltung Eisenach im MDR sagt es ihm die Grüne Anja Sie-
AfD, auf einer Bühne in Erfurt, extra für hatte dies untersagt, unterlag aber Ende gesmund sogar ins Gesicht.
ihn aufgebaut am prominentesten Platz September vor Gericht. Und Höcke? Hat diesen flackernden
der Stadt. Rechts und links der Bühne ste- In ihrer Urteilsbegründung betonen die Blick. Aber er zeigt keine Empörung sei-
hen zwei junge Männer mit riesigen Richter, dies sei kein aus der Luft gegriffe- nerseits, kein Erschrecken. Stattdessen fast
Deutschlandfahnen auf Fahrzeugen. Wenn nes Werturteil, das anfechtbar wäre, es so etwas wie ein Lächeln, als ob es ihn
Höcke eine Pointe macht, schwenken sie gebe eine überprüfbare Tatsachengrund- freue, dass man ihn beschimpft.
das Schwarz-Rot-Gold. lage für diese Behauptung. Die Urteilsbe- Höcke und Lucke trennen viel mehr
Meinungsfreiheit gehört zu Höckes gründung verweist auf ein Interviewbuch als nur ein paar Buchstaben, sie haben
Lieblingsthemen, sie passt gut in seine Stra- Höckes, das im Juni des vergangenen Jah- kaum etwas gemein, der eine ist ein Fa-
tegie: Er will das Vertrauen in die Demo- res erschienen ist. Dort heißt es: Ein neuer schist, der andere nicht. Eine Lektion aber
kratie, die etablierten Parteien, die Medien Führer sei letztlich erforderlich. Teile der haben sie gelernt in diesem Theaterstück
schwächen. Und so sagt er: »Wir sehen, Bevölkerung sollten ausgeschlossen wer- namens Meinungsfreiheit: Je lauter man
wie die einzige relevante Oppositions- den, insbesondere Migranten. Höcke trete sie als das Böse beschimpft, desto mehr
kraft – und das ist die AfD – von einem für »die Reinigung Deutschlands« ein. Mit nutzt es ihnen.
politisch-medialen Establishment be- starkem Besen sollten eine »feste Hand« Tobias Becker, Anna Clauß, Silke Fokken,
kämpft wird.« Das zentrale Recht in einer und ein »Zuchtmeister« den Saustall aus- Lothar Gorris, Armin Himmelrath,
Demokratie, die Meinungsfreiheit, werde misten. Zu Hitler erklärte er, dass er »als Peter Maxwill, Ann-Katrin Müller, Miriam
mithilfe der politischen Korrektheit unter- absolut böse dargestellt wird« und dass es Olbrisch, Klaus Wiegrefe
drückt. Dann setzt er seine Pointe: »Das nicht so »schwarz und weiß« sei.

2019
Runde Sache: E-Roller sind in Bringt den Menschen voran und
Deutschland erlaubt. Reifen die Umwelt auch: Die Chemie
aus Urethanen – speziellen
Kunststoffen – verringern den macht unsere Mobilität nachhaltiger.
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2025
Schneller wieder auf der Straße: Ziel
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zusammen.
Titel

»Ich bin nicht die Sprachpolizei,


und ich will auch keine haben«
SPIEGEL-Gespräch Der Chef des Springer-Verlags, Mathias Döpfner über das vergiftete
Meinungsklima in Deutschland, die Tabubrüche der AfD und die Kampagnen der »Bild«-Zeitung

Döpfner, 56, ist Meinungsmacht in Person. Döpfner: Dieser Spruch ist doch schon zu lichkeit nicht über Straftaten von Flüchtlin-
Der Springer-Chef gebietet mit »Bild« über seiner eigenen Parodie geworden. Ich weiß gen gesprochen werden darf, ohne sofort
Deutschlands größte Boulevardzeitung. Und schon, in welche Ecke Sie mich da drängen den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit zu
er persönlich hat Spaß daran, Debatten zu wollen. Aber wir versuchen hier doch zu ernten, erleichtert das die Verschwörungs-
provozieren. Nach dem antisemitischen At- ergründen, warum so viele Menschen die theorien der Populisten und Geschichts-
tentat von Halle veröffentlichte er in der Debatte als verengt erleben, obwohl sie ja revisionisten. Genau das passiert gerade.
hauseigenen »Welt« einen Artikel, in dem er objektiv alles sagen dürfen. Und das liegt, SPIEGEL: Das klingt jetzt nach der AfD-
Medien und Politik vorwarf, den »Wunsch- glaube ich, wesentlich an einem gefühlten Legende von den Systemmedien und Sys-
traum der Political Correctness« zu träumen. und tatsächlichen Authentizitätsverlust. temparteien, die den Menschen die Wahr-
SPIEGEL: Was meinen Sie damit? heit verschweigen.
SPIEGEL: Herr Döpfner, fast zwei Drittel Döpfner: Die Menschen spüren, dass im- Döpfner: Eben nicht. Ich versuche es mal
der Deutschen meinen, man könne in die- mer mehr Politiker und Medien eine Spra- anders: Was waren denn die drei drastischs-
sem Land nicht mehr sagen, was man den- che benutzen, die an Saft und Kraft und ten Formulierungen, die die Bundeskanz-
ke. Gehören Sie auch dazu? Ehrlichkeit verliert. Es ist eine Sprache der lerin in ihren 14 Jahren Regierung gesagt
Döpfner: Nein, und das ist auch objektiv Euphemismen und der Fehlervermeidung. hat, die Ihnen sofort in den Sinn kommen?
falsch. Jeder kann in Deutschland sagen, Der öffentliche Diskurs folgt den rhetori- SPIEGEL: Ist das der Maßstab: drastische
was sie oder er denkt. Interessant ist aber, schen Regeln der Political Correctness. Formulierungen?
dass sich offenbar immer weniger Men- Man beschreibt Dinge eher so, wie sie sein Döpfner: Bei Franz Josef Strauß würde
schen das auch trauen. Meine paradoxe sollten, und vor allem so, dass jeder An- man sagen: »Haben Sie überhaupt Abi-
Beobachtung: Je weniger Mut es kostet, stoß vermieden wird. Das sorgt gerade im tur?«, bei Gerhard Schröder: »Basta«. Was
seine Meinung zu sagen, desto weniger politischen Raum dafür, dass Menschen sagt man bei Merkel? »Wir schaffen das.«
Mut ist vorhanden. Unter Hitler und Stalin das Gefühl haben: Die sagen nicht, was SPIEGEL: Und daran krankt die ganze poli-
haben Menschen ihr Leben riskiert. In sie denken, und tun nicht, was sie sagen. tische Debattenkultur?
Deutschland 2019 riskiert man einen Shit- SPIEGEL: Ist nicht das Gegenteil wahr? Die Döpfner: Wenn man die politische Spra-
storm. Und kaum einer traut sich. Das ist AfD verschiebt die Grenzen dessen, was che zu sehr auf Political Correctness aus-
nicht gut. Widerspruch ist der Humus ei- öffentlich sagbar ist, immer weiter. Da richtet, erntet man den Erfolg einer Ge-
ner demokratischen, offenen Gesellschaft. wird die Nazizeit zum »Vogelschiss« in der genbewegung. Das zeigt Donald Trump,
SPIEGEL: Es fehlt an Mut zum Wider- deutschen Geschichte. der ganz gezielt alle klassischen Regeln
spruch? Ist das Ihre Diagnose? Döpfner: Allein dieser Satz hätte in einem politischer Kommunikation über den Hau-
Döpfner: Ja, der Diskurs ist politisch kor- Land, das ein klares, emotional tief wur- fen geworfen hat und durch extreme Zu-
rekt sediert. Ich vermisse lebendige De- zelndes Negativverhältnis zum Antisemi- spitzung, extreme Polarisierung, extreme
batten und überraschende Positionen. tismus hat, die AfD politisch erledigen müs- Tabuverletzung die Wahl gewonnen hat.
SPIEGEL: Unser Eindruck ist ein anderer: sen. Hat er aber nicht. Das zeigt, dass das Viele Leute fanden zwar furchtbar, was er
Noch nie wurde so viel gepöbelt, gab es so Geschäftsmodell der AfD in Deutschland von sich gab, aber sie hatten das Gefühl:
viel radikale veröffentlichte Meinung. Vor auf fruchtbaren Boden fällt. Meine These Zumindest sagt er, was er denkt. Den an-
allem, aber nicht nur in den sozialen Netz- ist: Wir erleichtern der AfD ihre widerliche deren Kandidaten hat man das nicht ab-
werken. Taktik, indem wir die Räume des öffentlich genommen. Deshalb glaube ich, dass zu
Döpfner: Pöbeln ist ja das Gegenteil von Sagbaren enger machen. Das hat sogar Ba- viel politische Korrektheit am Ende exakt
Debatte. Wir erleben im Moment eine Zwei- rack Obama ganz grundsätzlich in einem das Gegenteil bewirkt: Intoleranz, Rassis-
teilung: einerseits die maximale Polarisie- Interview kritisiert. Wenn in der Öffent- mus, Xenophobie. Das Ergebnis ist Pola-
rung und Verrohung der Sitten vor allem in risierung, Schwächung der Demokratie.
den sozialen Netzwerken. Die Sprache am SPIEGEL: Bitte machen Sie es doch einmal
Stammtisch in der Kneipe und am Stamm- Lieber Klartext konkret.
tisch bei Facebook wird immer roher, into- Umfrage: Wie viele Bundesbürger den folgenden Döpfner: Ich bin nicht die Sprachpolizei,
leranter, wütender. Die Sprache vieler Poli- Aussagen zustimmen und ich will auch keine haben. Aber ich
tiker, Journalisten, Wirtschaftsführer, Künst- Mir fehlen Politiker, gebe Ihnen zwei Beispiele. Wenn der
ler im öffentlichen und veröffentlichten die eine deutliche 63 % CDU-Politiker Carsten Linnemann sagt,
Raum wird dagegen immer vorsichtiger, Sprache sprechen. dass ein Kind, das kaum Deutsch versteht
steriler. Es wird immer riskanter, unvorbe- Mit der politischen und spricht, auf einer Grundschule noch
reitet und ungescripted etwas zu sagen. Korrektheit wird es 41% nichts zu suchen hat, wird ihm unterstellt,
SPIEGEL: Sie klingen nach: Das wird man heute übertrieben. nicht über Probleme im deutschen Bil-
doch wohl noch sagen dürfen. Allensbach-Umfrage vom 3. bis 16. Mai 2019; 1283 Befragte dungssystem sprechen zu wollen, sondern

20 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

Medienmanager Döpfner: »Wir erleichtern der AfD ihre widerliche Taktik«

21
Xenophobie zu fördern. Wenn die Profes- Spiegel vorzuhalten. Meine Mutter sagt im-
sorin Susanne Schröter eine Kopftuchkon- mer: Kritik ist die höchste Form der Liebe.
ferenz mit dem Titel »Symbol der Würde SPIEGEL: Kann es sein, dass es womöglich
oder der Unterdrückung« organisiert, gibt weniger um Meinungsfreiheit geht als um
es einen Aufschrei. Mit guten Absichten das Aushalten von Widerstand? Ich kann
ins Leben gerufene Formulierungsgebote heute alles sagen, erwarte aber auch, dass
schaffen so den Raum für politische Rat- dies unwidersprochen bleibt.
tenfänger. Döpfner: Ja, das stimmt, und das könnte
SPIEGEL: Sie haben nach dem Attentat auf ein deutsches Mentalitätsproblem sein.
die Synagoge in Halle einen Artikel in der SPIEGEL: Was ist daran deutsch?
»Welt« geschrieben, in dem Sie Medien Döpfner: Wir neigen dazu, entweder ängst-
und Politik vorwarfen, zu beschwichtigen lich konsensual zu bleiben und dem ande-
und zu verharmlosen, etwa wenn es um ren recht zu geben, obwohl wir gar nicht
Flüchtlinge gehe. Der Aufschrei war groß. finden, dass er recht hat – oder wir gehen
War das Ihre Absicht? auf die persönliche Ebene und werden be-
Döpfner: Ich habe von einigen professio- »Bild«-Kampagne gegen Antisemitismus leidigend, persönlich oder sogar gewaltfan-
nellen Journalisten sehr viel harte Kritik er- »Wer ist da eigentlich intolerant?« tastisch. Die Trennung von Sachebene und
lebt, auch in den Publikationen des eigenen persönlicher Ebene fällt uns schwer. Im an-
Hauses, was ich sehr gut finde. Es zeigt Mut SPIEGEL: Wo zum Beispiel? gelsächsischen Raum ist das gelernt. Da
und Pluralität. Von Nichtprofis gab es so Döpfner: In der Klimapolitik. Die junge gibt es schon Debattierkurse in der Schule.
viel Zustimmung wie selten, quer durch das Generation hat als zentrale Zukunftsfrage SPIEGEL: In der »Bild«-Zeitung wurden
Spektrum der Gesellschaft. Die nahmen die Zerstörung unseres Planeten und die vor gut einer Woche teils israelkritische
mir ab, dass hier einer ernsthaft besorgt ist dramatische Klimaerwärmung erkannt, zu Politiker und Journalisten als Förderer des
darüber, dass in Deutschland nicht genug Recht. Aber ich glaube, dass wir aufpassen Antisemitismus an den Pranger gestellt.
gegen Antisemitismus getan wird. Die Pro- müssen, nicht im Zuge dieser Bewegung Das war doch der Versuch, Menschen aus
fis fühlten sich irgendwie auf den Schlips wieder eine neue Form von Toleranz-, der Debatte zu werfen: Du bist draußen!
getreten. In gewisser Weise hat die gespal- Freiheits- und Demokratievergessenheit Döpfner: Wie bitte? Wenn etwa Claudia
tene Reaktion genau meine These bestätigt. zu befördern. Es beunruhigt mich, wenn Roth freudestrahlend eine einladende Ges-
SPIEGEL: Beklatscht wurden Sie auch von Aktivisten sagen, dieses Anliegen ist so te in Richtung des iranischen Parlaments-
der AfD-Sympathisantin Erika Steinbach. wichtig, dass es mit den Mitteln der De- präsidenten macht, einem Holocaust-Rela-
Döpfner: Auch das muss man aushalten. mokratie nicht zu lösen ist, wir brauchen tivierer, oder den Botschafter eines Staates,
Einmal Applaus von der falschen Seite, autoritäre Reformen für einen guten der die Vernichtung Israels als Ziel verfolgt,
und man ist raus, die ganze Argumentation Zweck. Viel Schreckliches begann im Na- lachend mit »gimme five« abklatscht, dann
diskreditiert? Das ist es genau, was ich mei- men einer guten Absicht. unterstützt sie damit indirekt Antisemitis-
ne. So geht es nicht! Das ist Antidebatte. SPIEGEL: Aber genau die Diskussion wird mus. Denn sie relativiert ihn. Wenn eine
SPIEGEL: Sie glauben, Politik und Journa- doch am Beispiel Extinction Rebellion ge- Grünenpolitikerin, die überhaupt keinen
listen scheuen die Debatte? rade geführt. Da wird diskutiert, ob die Grund hat, einen Termin mit diesen Men-
Döpfner: Ich glaube, es ist nicht gesund, Bewegung Züge einer Sekte aufweist, ob schen zu machen, es dennoch tut, dann ist
wenn sich die veröffentlichte Meinung zu das eine neue Ökodiktatur ist. es die Aufgabe von unabhängigen Journa-
weit vom Meinungsbild der Gesamtbevöl- Döpfner: Na, dann ist doch gut. Wenn Sie listen, darauf hinzuweisen, dass sie damit
kerung unterscheidet. Verstärkend wirkt das meinen, dass hier genug Mut und Nonkon- Antisemiten verharmlost und den Um-
Phänomen, dass die parteipolitischen Prä- formismus bei Politikern und Journalisten stand, dass Iran Frauen- und Schwulenrech-
ferenzen von Journalisten in Deutschland bewiesen wird. Aber warum sagen 41 Pro- te mit Füßen tritt. Ich verstehe nicht, wa-
nicht den gesellschaftlichen Durchschnitt wi- zent in den neuen Bundesländern, dass sie rum man kritisiert, dass wir das kritisieren.
derspiegeln. Journalisten sind mehrheitlich heute nicht mehr Meinungsfreiheit haben Und dann sagt ein Grüner anschließend,
im rot-grünen Spektrum verortet. Es braucht als früher? Warum sagen denn 58 Prozent er werde mit »Bild« nicht mehr sprechen.
wieder mehr Pluralismus. Mehr Unterschie- der Ostdeutschen laut einer »Zeit«-Umfra- Wer ist da eigentlich intolerant?
de in der demokratischen Mitte. Damit es ge, dass sie sich heute vor Staatswillkür SPIEGEL: Es ging nicht nur um Roth, es
weniger Polarisierung an den Rändern gibt. nicht besser geschützt fühlen als zu DDR- war der kampagnenartige Versuch, eine
SPIEGEL: Ihre These lautet: Mehr Krawall Zeiten? Das ist objektiv Unsinn. Gruppe von Leuten außerhalb dessen zu
in der Mitte, also in Politik und Medien, be- SPIEGEL: Eine Antwort haben Sie doch stellen, was noch demokratischer Konsens
friedet die Ränder. Die USA belegen das Ge- selbst gegeben: weil das Gefühl trügt. in Deutschland ist.
genteil: Zwischen Fox News und CNN, zwi- Döpfner: Aber das sind doch alarmierende Döpfner: Sorry, auch die indirekte Ver-
schen Demokraten und Republikanern lie- Zahlen, die man nicht einfach abtun kann. harmlosung oder Relativierung von Anti-
gen weltanschauliche Gräben – die gesell- Was läuft da in der Gesellschaft falsch? Of- semitismus ist für mich außerhalb des de-
schaftliche Polarisierung hat das doch ver- fenkundig haben die Eliten versagt, da fin- mokratischen Konsenses.
stärkt als gemindert. Wenn wir Ihnen folgen, det eine Entkopplung statt. Ich versuche SPIEGEL: Sie beklagen eine Verengung des
landen wir doch eher bei dem Modell. Soll- zuallererst selbstkritisch zu sein und mei- Meinungsklimas und tragen selbst dazu bei.
ten wir nicht vielmehr sagen: Der Krach der ner eigenen Branche, die ich so liebe, den Döpfner: Ich hoffe eher eine Diskussion
Ränder organisiert sich von allein, aber die zu befördern. Das Gefühl, lasst mich end-
großen Medien müssen die Verständigung lich mit Antisemitismus in Ruhe, bereitet
über Gemeinsamkeiten organisieren? »Einmal Applaus von mir größte Sorge. Und auch gegen die frei-
Döpfner: Ich würde eher sagen, sie müssen willige Unterwerfung Deutschlands unter
kultivierten Streit in der Sache ermögli- der falschen Seite, das chinesische Diktat beim 5G-Mobilfunk
chen. Unserer Branche rufe ich in memori- und man ist raus. So regt sich kaum Widerstand. Entweder ist
am Willy Brandt zu: mehr Nonkonformis- das bestürzende Naivität oder fortgeschrit-
mus wagen! geht es nicht!« tene Freiheitsvergessenheit.

22 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Titel
»Wovon
SPIEGEL: Die »FAS« schrieb vergangene Döpfner: Finde ich gar nicht. Wenn ich
Woche: Manche Klage über die Einschrän- mich ehrlich und authentisch verhalte, ernähren sich
kung der Meinungsfreiheit erinnere an kann mein Gegenüber viel besser damit
Fußballspieler, die gerade eine Schwalbe umgehen, kann dagegen argumentieren, Koalabären?«
gemacht haben und sich jammernd zu Bo- ohne mich als Person abzulehnen. Wenn
den werfen, obwohl eigentlich niemand ich jemandem nicht traue, dass er sagt, was
sie getreten hat. er denkt, ist diese Art von Dialog unmög- »Von den
Döpfner: So sehe ich das nicht. Der Anlass lich. Aber ich finde, die Debatte, die wir
unseres Gesprächs ist doch auch der Fall bisher führen, geht nicht weit genug. Blättern vom
Lucke, der Fall Lindner, der Fall de Mai- SPIEGEL: Viel weiter geht es doch kaum.
zière. Die drei sind doch keine Simulan- Döpfner: Ich glaube, dass wir gerade in Apokalypsusbaum.«
ten. Da geht es um: Mundtotmachen, Nie- dem Versuch, Hate Speech in sozialen Me-
derbrüllen, Rausschmeißen. Das hat an dien zu begrenzen, dabei sind, den nächs-
deutschen Universitäten unselige Tradi- ten Fehler zu begehen. Die Verschärfung Schülerantwort,9. Klasse
tion bis in die Dreißigerjahre. Und schon des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes ist
unterhalb dieser Schwelle wird es proble- der falsche Weg.
matisch. Die Debatte um Peter Handke SPIEGEL: Es ist der Versuch, die Debatte
ist so ein Fall. Ich persönlich finde die mit rechtlichen Mitteln zu zivilisieren.
Dinge, die er zu Serbien gesagt und ge- Döpfner: Was hier passiert, hat eindeutig
!
schrieben hat, menschenverachtend und
falsch. Und trotzdem finde ich die Diskus-
das Potenzial, Meinungsfreiheit zu be-
schränken. Wenn demnächst ein Algorith-
NEU te
sion, ob er den Nobelpreis bekommen mus entscheidet, welche Formulierung ver- dr it
darf, verklemmt und antikünstlerisch. Das letzend, beleidigend oder falsch ist, finde Der d ist
hat mit Literatur nichts zu tun und mit
Meinungs- und Gedankenfreiheit sowieso
ich das problematisch. Die Hauptursache
für Hate Speech, für Fake News und für
Ban a!
d
nicht. die zunehmende Emotionalisierung und
SPIEGEL: Wir sollten alle etwas weniger Polarisierung der Gesellschaft ist doch die
empfindlich sein, meinen Sie? Existenz anonymer Accounts.
SPIEGEL: Es wird längst ganz offen unter
Klarnamen gehetzt und beleidigt.
Döpfner: Aber in dem Moment, in dem
jemand identifizierbar ist und den Rechts-
rahmen überschreitet, ist es Aufgabe der
Staatsanwaltschaft zu entscheiden, ob die-
PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

se Grenze überschritten wurde oder nicht.


Ich finde, ein Account muss auch Accoun-
tability, also Verantwortlichkeit, bedeuten.
Die Plattformbetreiber sagen, technisch
sei das nicht möglich oder zu schwer. Aber
bin fest überzeugt, wenn der Gesetzgeber
hier klarere Vorgaben machen würde, wür-
Döpfner, SPIEGEL-Redakteure* den die Plattformen Möglichkeiten finden,
»Bigotterien der schlimmsten Sorte« dass jemand, der sich auf einem digitalen
Medium äußert, auch identifizierbar ist.
Döpfner: Es gibt viele Fälle, wo versucht SPIEGEL: In vielen Verlagen muss derzeit
wird, etwas falsch oder böse zu verstehen gespart werden, allein bei Springer müssen
und jemandem Absichten zu unterstellen, wohl Hunderte Journalisten gehen. Gräbt
die er nicht hat. Umgekehrt gibt es Leute, sich unsere Branche im Kampf um die De-
die politisch sehr korrekte Sonntagsreden battenhoheit selbst das Wasser ab?
halten, einem aber nach dem zweiten Glas Döpfner: Hasso Plattner hat vor Kurzem
Rotwein im Restaurant Worte um die Oh- gesagt: »Ich habe gedacht, das Internet
ISBN 978-3-54837-797-1
ren knallen, dass man aufstehen und gehen wird zur Wahrheitsfindung beitragen. Hat
möchte, weil es nur noch ekelhaft, men- es aber nicht. Wir brauchen so etwas wie ullstein.de/schuelerantworten
schenverachtend und ausländerfeindlich eine Journalistenschicht. Nicht jeder kann
ist. Ich habe da Bigotterien der schlimmsten ins Internet hineinpinkeln.« Das geht aber
Sorte erlebt. Also: Wir sollten mehr Sen- nur, wenn unsere Branche weiter ein Ge-
sibilität entwickeln für das, was jemand schäftsmodell hat. Gedruckte Zeitungen
meint, statt angreifbare Formulierungen verkaufen sich immer weniger. Und im
zu verbieten. Netz fließen drei Viertel der Werbeerlöse
SPIEGEL: Einerseits fordern Sie: möglichst zu Google und Facebook. Es kommt im-
saftig und authentisch zu formulieren, mer weniger Geld in den Redaktionen an.
ohne Rücksicht auf politische Korrektheit, Die Qualität der Berichterstattung leidet
andererseits verlangen Sie mehr Sensibili- dadurch. Auch das trägt zu unserem ge-
tät und Bereitschaft zum Zuhören. Ist das sellschaftlichen Klima bei.
nicht ein Widerspruch? SPIEGEL: Herr Döpfner, wir danken Ihnen
für dieses Gespräch.
* Isabell Hülsen und Markus Brauck in Berlin.

23
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„Freiheit,
die eigenen
Stärken zu
erforschen.“

-marken bei Digitalisierungsprojekten, die Nutzerbedürfnisse


umfassend abzudecken. Außerdem identifiziert sie Start-
ups, die diese Anforderungen bestmöglich umsetzen. „Im
IDEATION:HUB kann ich alles, was ich bisher gelernt habe,
perfekt einbringen“, sagt Jennifer. „Die Lösungen finden wir
dann im Team und gemeinsam mit den Nutzern.“

Schon jetzt hat Jennifer ihr Ziel erreicht, Verantwortung zu


übernehmen. Vor Kurzem stieg sie ins obere Management
Verantwortung übernehmen: Schon früh merkt Jennifer, von Volkswagen auf und übernahm eine weitere Aufgabe in
dass sie das in ihrem Berufsleben gerne einmal tun will. der Volkswagen Group IT. „Als Führungskraft ist mir wichtig,
Und das am besten an der Schnittstelle zwischen Technik das Team mit meiner eigenen Erfahrung zu unterstützen“,
und Anwender. Der Blick auf den Menschen führt sie durch sagt Jennifer.
ihre wissenschaftliche Laufbahn. Das Erststudium absol-
viert sie im pädagogischen Bereich, macht ihren MBA im
Sales Management und schließlich ihren Doktor in Öko- „Ich hatte immer das Gefühl,
nomie. Bereits den MBA erwirbt sie parallel zum Beruf, wo
sie als Projektleiterin im IT-Consulting für die Autoindustrie
bei Volkswagen dieselben
startet. „Damals war ich die einzige Frau unter drei Dutzend Chancen zu haben wie meine
IT-lern und Ingenieuren“, berichtet Jennifer. Das war
eigentlich kein Problem, sondern ein Vorteil: „Ich konnte männlichen Kollegen.“
eine neue Sichtweise ins Team bringen und vor allem die
Kundenperspektive stärker betonen“, sagt Jennifer. „Und Gleichzeitig weiß sie als Mutter einer kleinen Tochter zu
doch musste ich meinen Punkt manchmal etwas deutlicher schätzen, dass sie Beruf und Familie gut vereinbaren kann.
setzen als die Kollegen.“ „Bei Volkswagen hat jeder und jede die Freiheit, die eigenen
Stärken zu erforschen und einzubringen. Wir sind ja nicht nur
Doch so spannend das IT-Consulting ist: Jennifer merkt, Arbeitnehmer, sondern vor allem auch Menschen.“
dass sie mehr will. Sie wechselt zu Volkswagen, weil sie hier
die größte Chance sieht, Technikkompetenz und Führungs-
arbeit zu vereinen. Jennifer nimmt an einem Nachwuchs-
programm für Führungskräfte teil. „Ich hatte immer das
Gefühl, bei Volkswagen dieselben Chancen zu haben wie
meine männlichen Kollegen“, sagt Jennifer. Anfang 2016
gründet sie das Volkswagen IDEATION:HUB, das sie bis heute
leitet. Die Kreativeinheit hilft Konzernabteilungen und

Mehr Infos unter: www.YRONVZDJHQNDUULHUH.de


oder www.hello-possible.de
Dr. Jennifer Geffers
Leiterin IDEATION:HUB
bei Volkswagen

Think Tank Girl


Hello Possible
Du hast auch bewegende Ideen?
Volkswagen sucht Digitalisierungs-,
Elektrifizierungs- und IT-Experten (w/m/d).
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Deutschland
»Derzeit herrscht in der Partei eine gewisse personelle Austauschbarkeit.« ‣ S. 30

THOMAS TRUTSCHEL / PHOTOTHEK.NET / IMAGO IMAGES


Baustelle in Berlin

Immobilien

Genosse Kapitalist
Vermögende nutzen Steuervergünstigungen für Genossenschaften aus.
 Das Genossenschaftsmodell, das eigentlich Menschen ohne Grunderwerbsteuern beim Einbringen von Immobilien in die
viel Kapital kündigungssichere Wohnungen zu geringen Mieten Genossenschaft fällig, noch müssen Mieteinnahmen komplett
ermöglichen soll, wird zunehmend für die private Bereicherung versteuert werden. Für Privatanleger hat das Modell zusätz-
genutzt. Vermögensverwalter und Steuerberater bieten ihren lichen Charme. Da die Immobilien ihnen nicht privat gehören,
Kunden an, »Familiengenossenschaften« für sie maßzuschnei- sondern der von ihnen gegründeten Genossenschaft, fallen sie
dern. Vermögende Privatpersonen erwerben dabei Gebäude und auch nicht unter die Erbschaftsteuer. »Dieses Konstrukt ist aus
Grundstücke nicht mehr selbst oder über eine Firma, sondern unserer Sicht mit dem Genossenschaftsrecht nicht vereinbar«,
über eine steuerbegünstigte Genossenschaft. So wirbt etwa ein sagt Ingeborg Esser, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverban-
Berater aus Baden-Württemberg bei Privatanlegern für die Fami- des deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Lisa
liengenossenschaft zum »Vermögensaufbau« und um »mal so Paus, wohnungspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag,
richtig Steuern« zu sparen. Die Finanzbranche bedient sich fordert: »Der Missbrauch der Genossenschaft zur Steuervermei-
dabei der Steuervergünstigungen, die der Gesetzgeber für Woh- dung gehört schleunigst beendet.« Auch Finanzminister Olaf
nungsbaugenossenschaften geschaffen hat. So werden weder Scholz (SPD) sieht Handlungsbedarf. WAS

Demokratie ter in der kommenden Woche vor. Denkbar besteht, müssen wir uns Gedanken machen,
Karlsruhe stärken sei zum Beispiel, die für die Wahl von Ver-
fassungsrichtern nötige Zweidrittelmehrheit
wie wir die Unabhängigkeit des Bundesver-
fassungsgerichts besser absichern können«,
 Hamburg will das Bundesverfassungs- im Grundgesetz zu verankern, heißt es sagt Hamburgs Justizsenator Till Steffen
gericht für den Fall stärken, dass eine demo- darin. Außerdem könne die Autonomie des (Grüne). »Es wäre ein Fehler, die Entwick-
kratiefeindliche Partei in Deutschland an Gerichts bei der internen Geschäftsvertei- lungen in Osteuropa zu ignorieren und
die Macht kommt. Das sieht eine Beschluss- lung gestärkt werden. »Auch wenn in zu denken, das sei in Deutschland ausge-
vorlage für die Konferenz der Justizminis- Deutschland zurzeit keine akute Gefahr schlossen. Das ist es nicht.« RAN

26
Fall Jalloh zündet haben, auf der er lag. Wird diese Singelnstein: Theoretisch ja. Dem letzten
»Ungeheuerlicher Verdacht« Annahme damit erschüttert? Staatsanwalt, der weiterermitteln wollte,
Singelnstein: Da gab es schon bisher wurde der Fall aber entzogen. Insofern
Der Bochumer Strafrechts- viele Fragezeichen, nun kommen weitere glaube ich nicht, dass das noch mal pas-
professor Tobias Singeln- hinzu. Den Nasenbeinbruch soll er sich sieren wird.
stein, 42, über neue ja selbst zugezogen haben, als er seinen SPIEGEL: Schließt sich damit die Akte?
KATJA MARQUARD / RUB

Indizien im Fall des 2005 Kopf auf eine Tischplatte schlug – ein Singelnstein: Der ungeheuerliche Ver-
in Polizeigewahrsam Schädelbruch ist aber noch mal etwas dacht, dass hier Polizisten einen Men-
in Dessau verbrannten ganz anderes. Und wie es dann zu der schen in Gewahrsam getötet haben, bleibt
Asylbewerbers Oury Rippenverletzung kam, erschließt sich ja im Raum. Ich meine daher, der Fall
Jalloh aus Sierra Leone auch nicht ohne Weiteres. Das lässt noch sollte politisch aufgearbeitet werden, mit
mehr daran zweifeln, dass er seine Ma- einem parlamentarischen Untersuchungs-
SPIEGEL: Bei der Auswertung einer Com- tratze selbst anzünden konnte. ausschuss. Auch da kann man ja Zeugen
putertomografie des Leichnams von Jal- SPIEGEL: Das Oberlandesgericht Naum- vernehmen und Akten anfordern.
loh hat ein Radiologe jetzt festgestellt, burg hat jetzt aber einen Antrag der Initia- SPIEGEL: Schon zuvor sind zwei Perso-
dass dieser neben einem Nasenbeinbruch tive »Gedenken an Jalloh« auf neue nen, die auf dieser Polizeiwache in
auch Frakturen des Schädels und einer Ermittlungen abgelehnt … Gewahrsam waren, gestorben. Ist es wirk-
Rippe erlitten hatte – und dass er zu die- Singelnstein: … das war zu erwarten, die lich denkbar, dass es dort sogar drei
sem Zeitpunkt noch gelebt haben muss. Hürden dafür sind leider sehr hoch. Das Todesfälle wegen Misshandlungen gab?
Was bedeutet das für den Fall? OLG hat das neue Gutachten offenbar Singelnstein: Das wäre sicher extrem und
Singelnstein: Medizinisch kann ich das erst sehr spät erhalten und nur kurz erscheint einem kaum vorstellbar. Aber
nicht beurteilen, aber für die rechtliche erwähnt, aber nicht für ausreichend erach- im Polizeigewahrsam gibt es besondere
Aufarbeitung sind diese Befunde schon tet, um die Staatsanwaltschaft zu Ermitt- Gefährdungen, und die Aufklärung ist
eine kleine Sensation. lungen zu zwingen. immer schwierig. Umso mehr sollte man
SPIEGEL: Jalloh soll ja in seiner Zelle mit SPIEGEL: Könnte die Staatsanwaltschaft diesem Verdacht mit allen noch zur Ver-
gefesselten Händen die Matratze ange- aufgrund der Befunde erneut ermitteln? fügung stehenden Mitteln nachgehen. HIP

Doktortitel Mobilität und das passende E-Ticket bucht. »Wir


wollen, dass Bürger unkompliziert mobil
Kritik an Entscheidung Bequemer buchen sind, ohne im Tarifdschungel stecken zu
über Giffey fürs Klima bleiben«, erklärt Fraktionschef Anton
Hofreiter. Der neunseitige Antrag, der in
 Ein Plagiatsjäger von VroniPlag  Die Grünen-Bundestagsfraktion setzt den nächsten Wochen im Bundestag dis-
Wiki äußert Unverständnis über die sich für eine Verbesserung der Mobilität kutiert werden soll, gibt nötige Schritte
Entscheidung der Freien Universität, durch eine Vernetzung der Anbieter ein. für den Gesetzgeber vor. So soll dieser
Bundesfamilienministerin Franziska Dazu fordert sie die Einführung eines die Anbieter von Mobil-Apps – also loka-
Giffey (SPD) nicht den Doktortitel zu »MobilPasses«: einer anbieterneutralen le Verkehrsbetriebe, Carsharing-Dienste
entziehen, sondern sie lediglich zu Plattform für alle deutschen Mobilitäts- oder die Deutsche Bahn – verpflichten,
rügen. Er habe die Berliner Hochschule Apps, die es Bürgern ermöglichen soll, »Daten vollständig, zeitnah, maschinen-
im Umgang mit Plagiaten bisher stren- bequem ihre Reise von A nach B in ganz lesbar, interoperabel, barriere-, kosten-
ger erlebt, sagt VroniPlag-Mitstreiter Deutschland zu planen und zu buchen. und lizenzfrei« bei einer Teilnahme an
Gerhard Dannemann. Der Wissen- Vorbild ist die finnische App »Whim«, MobilPass zur Verfügung zu stellen. Alle
schaftler wies auf den hohen politi- die Nutzer darüber informiert, welche öffentlichen Verkehrsunternehmen sollen
schen Druck hin. Für die erteilte Rüge Verkehrsmittel sie zu welchen Kosten in verpflichtet werden, einer Mobilitäts-
fehlt es nach Dannemanns Einschät- welcher Zeit zu ihrem Zielort bringen – plattformgesellschaft beizutreten, sodass
zung an einer rechtlichen Grundlage. »Netzwerkeffekte« ent-
»Die Rechtsprechung lässt eine solche stünden. Das Geld für
Rüge zu, wenn das in der Promotions- jede Reise soll beim
ordnung vermerkt ist«, kritisiert der Fahrgast abgebucht
Jurist. Dies sei an der Freien Universi- und anschließend an-
tät (FU) aber nicht der Fall. Der eme- teilig an die einzelnen
ritierte FU-Professor und Sozialwissen- Anbieter verteilt wer-
schaftler Peter Grottian hat Giffeys den. Für den Aufbau
Arbeit nicht nur wegen etwaiger Fäl- von MobilPass fordern
schungen kritisiert, sondern wegen die Grünen jährlich
mangelnder wissenschaftlicher Distanz: fünf Millionen Euro aus
In der Auseinandersetzung mit ihrem dem Bundeshaushalt.
Promotionsthema, der Beteiligung »Im Ergebnis wären
der Zivilgesellschaft an der EU-Politik Busse, Bahnen und
am Beispiel von Berlin-Neukölln, Sharing-Angebote bes-
JAN WOITAS / DPA

habe Giffey als damalige Europabeauf- ser ausgelastet«, sagt


tragte von Neukölln »direkt und in- der grüne Mobilitäts-
direkt über sich selbst« geschrieben, experte Stefan Gelb-
hatte Grottian im April öffentlich haar, »und der Klima-
moniert. RED Straßenbahnhaltestelle in Chemnitz schutz verbessert.« AB

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 27


Justiz  Opferbeauftragte kritisieren die geplan- kündet hatte, Gewaltopfer und Hinter-
Weniger Rechtsschutz te Beschränkung der Zahl der Neben-
kläger in Gerichtsverfahren. Laut einem
bliebene besser zu unterstützen. Groß-
prozesse mit mehreren Dutzend Neben-
für Opfer Gesetzentwurf des Bundesjustizminis- klägern seien die Ausnahme, erklärt
teriums soll für mehrere Opfer mit »gleich- Weber: »Die Funktionsfähigkeit der
gerichteten Interessen« künftig ein ge- Gerichte ist nicht in Gefahr.« Auch der
meinsamer Rechtsbeistand bestellt wer- Terroropfer-Beauftragte der Bundesregie-
den können. Damit reagiert die Regie- rung, Edgar Franke (SPD), warnte kürz-
rung auf Mammutverfahren wie den lich vor den Reformplänen. Ein »Opfer-
NSU-Prozess mit fast 60 Nebenklage- anwalt auf Staatskosten ist eines der wich-
anwälten oder den Loveparade-Prozess, tigsten Rechte von Opfern im Strafverfah-
der wegen der vielen Beteiligten im Düs- ren«, schrieb er an das von seiner Partei-
seldorfer Kongresscenter verhandelt wird. freundin Christine Lambrecht geführte

SEBASTIAN WIDMANN
Roland Weber, Opferbeauftragter des Justizministerium. »Eine Regelung, mit
Landes Berlin, kritisiert das Vorhaben der dieses Recht beschränkt wird, ist
der Großen Koalition als »rückschritt- daher kritisch zu betrachten.« Das Bun-
lich«. Es stehe auch im Widerspruch zu deskabinett winkte den Gesetzentwurf
Versprechen der Bundesregierung, die Ende Oktober trotzdem durch, nun muss
Nebenklageanwälte im NSU-Prozess 2015 nach dem Breitscheidplatz-Anschlag ver- der Bundestag entscheiden. WOW

Hamburg schen eidesstattlichen Versicherung im Bremen


Ermittlungen gegen Rahmen der Promotion. Die Universität
der Bundeswehr hat Neumann kürzlich
Üppig abgesicherter
Ex-Innensenator den ihm dort 2017 erteilten Doktorgrad Bürgermeister
wieder entzogen. Die Sprecherin der
 Der frühere Hamburger Innensenator Staatsanwaltschaft erklärt, nach der Ent-  Der Bund der Steuerzahler kritisiert
Michael Neumann (SPD) muss nach dem scheidung habe man die Unterlagen an- den im August zum Regierungschef
Verlust seines Doktortitels strafrechtliche gefordert. Im Juli 2018 standen erstmals in Bremen gewählten Andreas Boven-
Konsequenzen fürchten. Die Staatsan- Plagiatsvorwürfe gegen Neumanns Dis- schulte, 54, scharf. Hintergrund ist der
waltschaft der Hansestadt führt gegen sertation im Raum. Neumann, der mittler- Abgang des Politikers aus der nieder-
den 49-Jährigen ein Ermittlungsverfah- weile an der Führungsakademie der Bun- sächsischen Gemeinde Weyhe. Als
ren, wie eine Sprecherin sagt. Anlass sei deswehr in Hamburg arbeitet, hat sich Bovenschulte im Mai für die SPD als
die »Strafanzeige eines Hochschulprofes- bisher nicht dazu geäußert; für eine Stel- Abgeordneter in die Bremer Bürger-
sors«. Es gehe um den Verdacht der fal- lungnahme war er nicht erreichbar. SMS schaft gewählt wurde, war der Jurist
Bürgermeister von Weyhe und damit
Wahlbeamter. Für sein Mandat in Bre-
men ließ sich Bovenschulte in Weyhe
Restitution beurlauben. Im Sommer wählte der
Hohenzoller soll Hitler- Gemeinderat den Bürgermeister ab,
um einen Nachfolger wählen zu kön-
Gegner gewesen sein nen. »Das war unsauber«, kritisiert
Bernhard Zentgraf, Vorsitzender vom
 Die Hohenzollern können sich im Streit Bund der Steuerzahler in Niedersach-
mit dem Land Brandenburg um eine sen und Bremen, »durch die Abwahl
Millionenentschädigung auf ein bislang stehen Bovenschulte üppige Versor-
unbekanntes Gutachten stützen. Darin gungsansprüche zu.« Sollte er in Bre-
BPK

schreiben die Historiker Wolfram Pyta men als Politiker scheitern, müsste
und Rainer Orth, 1932/33 habe der dama- Hitler, Wilhelm von Preußen 1933 ihm Niedersachsen monatlich mehr
lige Kronprinz Wilhelm »aktiv an der als 4500 Euro überweisen, moniert
Verhinderung« der Kanzlerschaft Adolf Hohenzollern, welche die Sowjets nach der Bund der Steuerzahler. Eine Alter-
Hitlers »mitgewirkt«, und verweisen auf 1945 enteigneten. Brandenburg lehnt bis- native wäre laut Zentgraf ein »anstän-
Wilhelms Nähe zu Reichskanzler Kurt lang eine Entschädigung mit der Begrün- diger Rücktritt« gewesen. Damit
von Schleicher. Schleicher zählt zwar dung ab, Wilhelm habe dem Nationalso- wären ihm die Ansprüche erst nach
zu den Totengräbern der Weimarer Repu- zialismus »erheblichen Vorschub« geleis- dem 67. Lebensjahr erwachsen, so
blik, wollte seinen Rivalen Hitler aller- tet – was die Hohenzollern bestreiten. Zentgraf. Die Abwahl als Bürger-
dings stoppen. Laut Gutachten erwog Beiden Seiten stehen jetzt je zwei Gut- meister von Weyhe sei »rechtsmiss-
er daher, entweder den Hohenzoller achten zur Verfügung (SPIEGEL 31/2019). bräuchlich«. Bovenschulte sieht sich
als »Reichsverweser« (Treuhänder der Allerdings widersprechen sich die Ex- zu Unrecht beschuldigt. Er habe le-
Reichsgewalt) zu installieren oder die perten der Hohenzollern-Seite: Pyta/ diglich von dem Recht Gebrauch
NSDAP zu spalten und mit deren linkem Orth schreiben Wilhelm zu einer wichti- gemacht, sich als Beamter ohne Be-
Flügel ohne Hitler zu regieren. Wilhelm gen Anti-Hitler-Figur hoch, Christopher züge beurlauben zu lassen. Alle
soll beide Vorhaben unterstützt haben; Clark – der andere Gutachter – urteilt hin- Versorgungsansprüche würden voll-
Reichspräsident Paul von Hindenburg gegen, Wilhelm habe mit den Nazis sym- ständig mit den Bezügen als Abgeord-
setzte jedoch auf Hitler. Bei dem aktuellen pathisiert, sei aber unbedeutend gewesen: neter oder Bürgermeister in Bremen
Rechtsstreit geht es um Immobilien der »Der Mann war eine Flasche.« KLW verrechnet. GUD

28 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


TISSOT gentleman.
PURISTISCH UND ELEGANT.

#ThisIsYourTime
TI S S OT WATC H E S .CO M
TISSOT, INNOVATORS BY TRADITION
Der Erbfolgekrieg
Union Die CDU stürzt bei Wahlen ab, schuld sind die Parteichefin, die Kanzlerin –
und Männer, die deren Schwächen für eigene Zwecke nutzen.

ILLUSTRATION: MONA EING UND MICHAEL MEISSNER FÜR DEN SPIEGEL; FOTOS: GETTY IMAGES (5)

Kanzlerin Merkel, potenzielle Nachfolger Merz, Kramp-Karrenbauer, Söder, Laschet

30
Deutschland

A
lle paar Monate reisen die wich- Das Führungsvakuum in Partei und Re- tanz bei den Wählern steigere, sagt Eggert.
tigsten CDU-Funktionäre aus den gierung setzt destruktive Kräfte frei. Es »Oder man muss neu nachdenken.«
Bundesländern für eine Konfe- melden sich Möchtegern-Kanzlerkandida- Man könnte diesen Machtkampf als rein
renz in die Parteizentrale nach ten, Politpensionäre und ehrgeizige Jung- innerparteiliches Spektakel abtun, wenn
Berlin. Als die Geschäftsführer und Gene- spunde zu Wort, die mal die Parteichefin nicht viel mehr auf dem Spiel stünde. Mit
ralsekretäre in dieser Woche wieder einmal und mal die Bundeskanzlerin attackieren, der Union gerät nach der SPD die letzte
im Konrad-Adenauer-Haus eintrafen, um mal lauter, mal leiser. verbleibende Volkspartei ins Schlingern.
sich über strategische und organisatorische Zu ihnen zählt der Beinahe-Parteichef Die Flüchtlingspolitik des Jahres 2015 hat
Fragen auszutauschen, wartete ein promi- Friedrich Merz, der 2018 die Stichwahl ge- die CDU in eine Sinnkrise gestürzt, aus
nenter Referent auf sie: Karl Nehammer, gen Kramp-Karrenbauer knapp verlor. Er der sie sich bis heute nicht befreit hat.
Generalsekretär der österreichischen ÖVP. arbeitet sich vor allem an der »grotten- Und wenn schon die CDU an der eige-
Der 47-Jährige berichtete den CDU- schlechten« Regierungsarbeit seiner alten nen Führung zweifelt – warum sollten die
Leuten, wie es der österreichischen Part- Rivalin Angela Merkel ab, kritisiert ihre Wähler ihr dann vertrauen?
nerpartei gelungen ist, den jungen Spitzen- »Untätigkeit und mangelnde Führung«.
mann Sebastian Kurz nach Ibiza-Skandal Ähnlich agiert der ehemalige hessische Re- Zwei Bilder von Annegret Kramp-Kar-
und Koalitionsbruch wieder zum Kanzler gierungschef Roland Koch, der Merkel in renbauer illustrieren ihr Drama, zwischen
zu machen. der Zeitschrift »Cicero« vorwirft, »Argu- ihnen liegen gut zehn Monate: Das eine
In diesem Wahlkampf, so soll Neham- mentationsenthaltung« zu betreiben. zeigt die CDU-Frau auf dem Gipfel, das
mer Teilnehmern zufolge berichtet haben, Die zweite Front formiert sich gegen andere am Abgrund.
hätten die österreichischen Konservativen Parteichefin Kramp-Karrenbauer und Da ist das Bild des Parteitags vom De-
weitgehend auf Werbeanzeigen verzichtet stellt ihre Kompetenz und Autorität zember 2018: Kramp-Karrenbauer winkt
und dafür auf die eigenen Leute als Multi- infrage. Da wäre Armin Laschet, Chef den Delegierten zu, mit Tränen der Rüh-
plikatoren gesetzt. Die ÖVP-Mitglieder des stärksten CDU-Verbands Nordrhein- rung kämpfend. Gerade hat sie erfahren,
und Sympathisanten, ob Unternehmer, Westfalen, mit eigenen Ambitionen auf dass sie Friedrich Merz im Rennen um den
Frauenverbände oder Landburschen, sei- die Kanzlerkandidatur. Er nutzt manche CDU-Vorsitz besiegt hat, mit dem knap-
en darauf getrimmt worden, ihre Freunde, Gelegenheit, hier einen Vorschlag der pen Vorsprung von 35 Stimmen. Der Saal
Kollegen, Nachbarn mit eigenen Aktionen Parteivorsitzenden zu kritisieren und dort jubelt, auch die Merz-Anhänger klatschen
für Sebastian Kurz zu mobilisieren. ein schiefes Zitat von ihr sanft zu korri- für die Parteifreundin aus dem Saarland.
Im kleinen Österreich funktionierte das gieren. Das andere Bild ist jenes, das »AKK«
Experiment: Die »Liste Kurz« erhielt Richtig gefährlich wird es für Kramp- diese Woche im Konrad-Adenauer-Haus
37,5 Prozent und hat die Wahl klar gewon- Karrenbauer, wenn sich Zweifler und abgibt. Blass und schmallippig tritt sie vor
nen. Schön für die Parteifreunde in Wien. Kritiker melden, denen man nicht vor- die Journalisten, es ist die Pressekonferenz
Nur: Wo ist ein solcher Heilsbringer für werfen kann, nur die eigene Karriere be- nach der Thüringenwahl, bei der die CDU
die CDU? schleunigen zu wollen. So wie Parteifreun- eine historische Niederlage kassiert hat:
Es gibt ihn nicht. din Susanne Eisenmann, die Kultusminis- Nur noch drittstärkste Kraft, ausgerechnet
Da ist die schwer angeschlagene Partei- terin in Baden-Württemberg, die klagt: ein linker Ministerpräsident und ein
chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, die »Die Handschrift der CDU ist nicht klar Rechtsaußen an der AfD-Spitze haben sich
ihr Amt auch nach bald einem Jahr noch erkennbar. Da muss mehr Führung und Li- vor den CDU-Spitzenkandidaten Mike
nicht ausfüllt. Ihre Umfragewerte sind ver- nie rein.« Es brauche politische Köpfe, Mohring geschoben.
heerend, ihre Autorität wird in CDU-Gre- »die authentisch für christdemokratische Stimmt es, fragt ein Reporter, dass in
miensitzungen sogar vom Chef der Partei- Grundüberzeugungen eintreten«. Eisen- der Vorstandssitzung am Morgen Kramp-
jugend offen infrage gestellt. Größer kann mann: »Derzeit herrscht in der Partei eine Karrenbauers Position als Bundesvorsit-
die Blamage kaum sein. gewisse personelle Austauschbarkeit.« zende infrage gestellt worden sei? Ja, be-
Klar, es gibt auch die frühere CDU-Vor- Oder Michael Brand, Innen- und Ver- stätigt sie, »die Führungsfrage wurde ge-
sitzende Angela Merkel, die immer noch teidigungsexperte der Union, der fordert, stellt«. Sie selbst finde zwar, dass die CDU
hohe Beliebtheitswerte genießt, aber auf die CDU müsse endlich wieder »inhaltlich erst 2020 einen Kanzlerkandidaten küren
den letzten Metern ihrer Kanzlerschaft kontrovers diskutieren und damit die Mei- müsse. Aber: »Wer immer meint, diese
jeden Gestaltungsanspruch aufzugeben nungsführerschaft zurückerobern«. Frage müsse jetzt in diesem Herbst ent-
scheint. Seit Monaten hält sie sich bei den Ist Kramp-Karrenbauer schlicht nicht schieden werden, der hat auf dem Bundes-
vielen Konfliktherden in Partei und Koali- kanzlertauglich, fragen sich selbst die, die parteitag die Gelegenheit dazu.«
tion zurück, ob Grundrente oder Syrien- es eigentlich gut mit »AKK« meinen, wie Damit hat die Vorsitzende selbst den
krieg. Sie lässt die Dinge laufen. Heinz Eggert, ein Urgestein der sächsi- Machtkampf in der CDU für eröffnet er-
In der Union wachsen Zorn und Frust schen CDU. Eggert hat die Saarländerin, klärt. Seitdem scheint es, als würde vor al-
über die beiden Frauen an der Spitze. Die anders als viele sächsische Kollegen, an- lem Kramp-Karrenbauers Nervenstärke
eine hat Macht, will aber nicht führen. Die fangs unterstützt. »Inzwischen habe ich sie noch im Amt halten. In Krisensituatio-
andere kann nicht führen, weil sie macht- allerdings den Eindruck, die erhoffte Wen- nen, wenn sie direkt angegriffen wird, be-
los ist. Bei wichtigen Landtagswahlen ver- de ist nicht eingetreten.« hält sie die Ruhe. Es ist höchst unwahr-
zeichnete die CDU starke Verluste, die Entweder gelinge Kramp-Karrenbauer scheinlich, dass einer ihrer Rivalen es wagt,
Bundespartei stagniert in Umfragen und noch ein Befreiungsschlag, der ihre Akzep- sie auf dem Parteitag in Leipzig Ende
zerreibt sich sogar über fundamentale November offen herauszufordern.
Prinzipien wie die Ablehnung der Links- Andererseits ist die Dynamik solcher
partei als politischen Partner. Treffen unberechenbar. Und wie stark
»Meine Hoffnung war, das Doppel Richtig gefährlich wird ist eine Parteichefin, die sich nur mit ver-
Kramp-Karrenbauer mit Merkel würde es, wenn sich Kritiker zweifelten Kampfansagen im Amt halten
uns als Partei stark nach vorne bringen«, kann?
sagt der CDU-Innenexperte Armin Schus-
melden, die »AKK« bis- Schuld an ihrer Misere sind nicht allein
ter. »Das hat leider gar nicht funktioniert.« lang unterstützt haben. eigene Fehler. Ausgerechnet ihre Verbün-

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 31


Deutschland

dete Angela Merkel leistete einen wichti- Auf Talfahrt die Delegierten sie gewählt hätten. Und
gen Beitrag dazu, dass ihre Nachfolgerin Abschneiden der Unionsparteien die Mitbegründerin der »Union der Mitte«,
ins Wanken geriet. bei Landtagswahlen seit die schleswig-holsteinische Bildungsminis-
Veränderung
Anfangs schien Kramp-Karrenbauer al- der Bundestagswahl 2017 gegenüber terin Karin Prien, sagte: »Wir dürfen nicht
les zu glücken. Weil fast die Hälfte der der Vorwahl, den falschen Eindruck erwecken, dass die
CDU-Delegierten nicht für sie gestimmt Bundestagswahl in Prozentpunkten CDU nach rechts rückt.«
hatte, bemühte sie sich, die Anhänger von 2017 32,9% – 8,6 Weiteren Ärger zog Kramp-Karrenbau-
Merz und des im ersten Wahlgang ausge- er auf sich, als die Parteizentrale am
schiedenen Gesundheitsministers Jens Niedersachsen Abend der Europawahl mit ihrer Billigung
Spahn zu versöhnen. Sie besuchte den 2017 33,6 – 2,4 eine Wahlanalyse verbreitete. Darin wur-
Wirtschaftsflügel, bot Friedrich Merz eine de die Schuld für das schlechte Abschnei-
Bayern (CSU)
vertrauensvolle Zusammenarbeit an. Und den der Union auf alle möglichen Akteure
sie veranstaltete ein Werkstattgespräch zur 2018 37,2 – 10,5 verteilt: die Junge Union, die WerteUnion,
Flüchtlingspolitik, das die Kritiker von Hessen den schwachen Spitzenkandidaten Man-
Merkels Politik wieder mit der Partei ver- 2018 27,0 – 11,3 fred Weber und die abwesende Bundes-
söhnen sollte. Bremen kanzlerin – nur die Parteivorsitzende
Dann kippte die Stimmung. Karnevals- 2018 26,7 +4,3 schien schuldlos.
scherze über Toiletten für das dritte Ge- Sachsen Als sie die Partei dann auch noch mit
schlecht, schiefe Aussagen über die Mei- 2019 32,1 – 7,3
ihrer Entscheidung überrumpelte, das Ver-
nungsfreiheit im Internet und Andeutun- teidigungsministerium zu übernehmen,
Brandenburg
gen über einen Parteiausschluss des CDU- war der Rückhalt endgültig dahin. Zumal
Rechtsaußen Hans-Georg Maaßen hätte 2019 15,6 – 7,4 sie erst kurz zuvor verkündet hatte, die
die Partei einer Landespolitikerin viel- Thüringen CDU brauche ihren vollen Einsatz.
leicht durchgehen lassen. Doch bei einer 2019 21,8 – 11,7 All diese Fälle zeigen ein Muster:
CDU-Chefin, die eines der wichtigsten Kramp-Karrenbauer agiert oft vorschnell
Industrieländer führen will, wird jeder und ohne große Absprachen, allein um des
Satz wie unter dem Mikroskop seziert. Die Parteirechten, versammelt in der Platt- taktischen Vorteils willen. So wie zuletzt,
Auf Kritik reagierte Kramp-Karrenbau- form WerteUnion, dankten es ihr nicht. als sie in der vorvergangenen Woche eine
er oft patzig. Mal erklärte sie, die Deut- Aber ihr Verhältnis zu Merkel kühlte sich aktivere deutsche Außenpolitik und die
schen seien »das verkrampfteste Volk, das deutlich ab. Einrichtung einer Schutzzone in Syrien
überhaupt je auf der Welt rumläuft«, mal Die Kanzlerin bezog öffentlich Stellung forderte. Die Idee war diskussionswürdig,
warf sie den Medien absurde Unterstellun- gegen die CDU-Chefin: »Gerade was das aber weil Kramp-Karrenbauer sie inhalt-
gen vor. Thema der Zurückweisung an der Grenze lich weder vorbereitete noch hochrangige
Noch verhängnisvoller waren Kramp- anbelangt, haben wir ja in den vergange- Koalitionspartner einbezogen hatte, scha-
Karrenbauers strategische Fehlschläge, mit nen Monaten sehr viel diskutiert«, sagte dete sie ihrem eigenen Anliegen.
denen sie ihre Fans vor den Kopf stieß. Li- sie in Anspielung auf den Streit mit der Ja, es sei ein »Alleingang« gewesen,
berale Parteifreunde, die sich für sie und CSU, der die Union im Sommer 2018 fast räumte Kramp-Karrenbauer jüngst im
gegen Merz eingesetzt hatten, klagten bald gesprengt hätte. »Und da hat sich an mei- CDU-Präsidium ein.
nach der Vorsitzendenwahl, die neue Che- ner Meinung nichts geändert.«
fin interessiere sich wenig für ihren Rat. Von nun an gingen Kramp-Karrenbau- Angela Merkel saß mit in der Führungs-
»AKK« verbringe zu viel Zeit damit, hieß ers Helfer intern auf Distanz. Die Chefin runde und dürfte sich ihren Teil gedacht
es, Parteifreunde zu versöhnen, die ohne- der Frauen-Union, Annette Widmann- haben. Merkel ist kein Fan allzu hastiger
hin nie ihre Verbündeten sein würden. Mauz, ermahnte die Vorsitzende in klei- Entscheidungen. Manche behaupten, sie
Tatsächlich haben sich die von ihr so nem Kreis, sich darauf zu besinnen, wofür sei kein Fan von Entscheidungen an sich.
umworbenen Unternehmer und Verbände Wie es um das Verhältnis der zwei Spit-
längst wieder von Kramp-Karrenbauer zenpolitikerinnen steht, darüber rätseln
abgewandt. Wie wenig nachhaltig ihre Parteifreunde, seit sich das holprige Tan-
Charmeoffensive bei der Mittelstands- dem gebildet hat. An sich galt Kramp-Kar-
union war, zeigt sich daran, dass der Wirt- renbauer immer als Wunschnachfolgerin
schaftsklub Friedrich Merz in seinen Bun- Merkels bei Parteivorsitz wie Kanzleramt,
desvorstand holen will. Ein konkreter auch wenn die Kanzlerin es vermied, sich
Anlass fehlt, offensichtlich will man den öffentlich auf einen Favoriten festzulegen.
heimlichen Herausforderer einfach an sich Doch die politische Freundschaft der
binden. Vizechef des CDU-Wirtschaftsrats Frauen wurde mit dem Machtwechsel in
ist Merz ohnehin schon. der CDU auf eine harte Probe gestellt.
Die Enttäuschung des »AKK«-Lagers Von Anfang an wollte sich die neue Par-
über den Kurs der Chefin verstärkte sich teichefin von der Kanzlerin absetzen,
nach ihrem Werkstattgespräch zur Migra- ohne illoyal zu wirken. Sich gegenseitig
tion. In einem Interview erklärte sie, in unterstützen und entlasten – und so den
MAURICE WEISS / OSTKREUZ

der Flüchtlingspolitik komme als »Ultima Machtwechsel vorbereiten –, das war der
Ratio« auch eine Schließung der deutschen Plan.
Grenzen infrage. Selbst für die Zurück- Die Hoffnung wurde enttäuscht: Die
weisung von Flüchtlingen an der Grenze beiden arbeiten nebeneinanderher, ähn-
zeigte sie sich offen. lich wie Partner in einer längst erkalteten
Damit distanzierte sich Kramp-Karren- Gewohnheitsehe.
bauer von Merkel – obwohl sie die Kanz- Netzwerker Spahn Bei Merkel schlich sich Misstrauen ein,
lerin in diesen Fragen stets gestützt hatte. Kontakte weit über die CDU hinaus als Kramp-Karrenbauer auf dem Werk-

32
stattgespräch zur Flüchtlings- die Frage: Welche Politik ma-
politik bestand. Sie hielt das chen wir als Union?«, sagte
Projekt für schädlich, weil es der Chef der Jungen Gruppe
das aus ihrer Sicht abgeschlos- der Union im Bundestag,
sene Kapitel der Flüchtlings- Mark Hauptmann. Bei der
krise unnötig wieder öffnete. Frage einer Bedürftigkeitsprü-
Tiefer wurden die Risse, als fung »sollten wir uns keinen
in der CDU vor der Europa- Millimeter bewegen«.
wahl Spekulationen über ei- Die Erwartung könnte ent-
nen Rücktritt Merkels lanciert täuscht werden. Mehrere
wurden. In Zeitungen erschie- Stunden verhandelten Union
nen Gedankenspiele, wonach und SPD am Donnerstag bis
Kramp-Karrenbauer Merkel in die Nacht über die Grund-
im Falle eines schlechten Er- rente. Man sei sich näherge-
gebnisses auf einer Vorstands- kommen, hieß es. Das dürfte
klausur zum Rücktritt treiben die Unzufriedenheit nicht
könnte. Die CDU-Chefin de- schmälern.
mentierte die Gerüchte erst Selbst Anhänger Merkels
nach einigen Tagen deutlich, wie der Parlamentarische
zu spät für den Geschmack Staatssekretär im Wirtschafts-
des Kanzleramts. ministerium, Oliver Wittke,
Prompt tauchten gegenläu- wollen deshalb »gewappnet
fige Gerüchte auf: Merkel sei sein« und ähnlich wie die
enttäuscht von »AKK«, hieß SPD den Fortbestand der Ko-
es, und habe sie als Nachfol- alition an Bedingungen knüp-
gerin abgeschrieben. So wur- fen – in erster Linie für die
den die Verbündeten immer Wirtschaftspolitik.
mehr zu Konkurrentinnen. Das politische Vakuum,
Den Preis der Reibereien das Merkels Führungsstil ge-

DOMINIK BUTZMANN
zahlten Kramp-Karrenbauer schaffen hat, konnte Kramp-
und die CDU – nicht Merkel. Karrenbauer nicht füllen. Ob-
Die Kanzlerin konnte ihre wohl sie den Prozess für ein
guten Umfragewerte nie in neues Grundsatzprogramm
Erfolge für die Partei ummün- Herausforderer Merz: Kritik eines Außenseiters angestoßen hat, weiß die
zen, doch seit ihrem Rückzug CDU weniger denn je, wohin
vom Vorsitz scheint sie es sie strebt.
auch nicht mehr zu versuchen. Merkel te in der »Frankfurter Allgemeinen«, dass Dieses Vakuum nutzen die Konservati-
wirkt wie befreit von der Last, sich um die das schwarz-rote Klimapaket »die Wettbe- ven jetzt für einen Machtkampf. Sie for-
CDU kümmern zu müssen, und agiert, als werbsfähigkeit der Industrie ruiniert«. Die dern die Besinnung auf die alten Werte,
ginge die Partei sie nichts an. Mittelstandverbände klagen, dass sie auf der Wirtschaftsflügel Vorrang für die
Kramp-Karrenbauer, das wurde klar, die versprochenen Gesetze zur Steuersen- marktwirtschaftlichen Reformen. Die libe-
steckte in einem Dilemma. Da es für sie kung oder zum Bürokratieabbau bis heute ralen Unionspolitiker wiederum ringen da-
nicht mit Merkel voranging, musste sie sich warten. rum, Merkels Erbe zu bewahren.
gegen Merkel profilieren. Doch Differen- Paradigmatisch für den Zustand der Was fehlt, ist das große Herzensthema,
zen mit der Kanzlerin gehen stets zulasten Koalition ist aber der Streit um die Grund- das alle eint.
der Parteichefin aus. rente, in den sich Union und SPD in den
vergangenen Monaten verbissen haben. Goldene Zeiten also für Herausforderer.
Die schwache Performance der CDU in Er wird auch deshalb so heftig geführt, Gleich vier Männer werden in der Union
der Regierung sorgt in der Partei flügel- weil große Teile der Unionsfraktion der gehandelt. Abgesagt hat vorerst CSU-Chef
übergreifend für Missmut. Er ist fast so groß SPD nicht länger entgegenkommen wol- Markus Söder. Er muss erst einmal in
wie beim Partner SPD und zieht sich durch len, um die Koalition zu retten. Zumal die Bayern liefern. Mit dem Ergebnis der letz-
alle Bereiche, von der Klimapolitik über meisten in der Union damit rechnen, nach ten Landtagswahl, bei der die absolute
die Migration bis zur Wirtschaftspolitik. der Kür der SPD-Vorsitzenden wieder mit Mehrheit verloren ging, ist kein Partei-
Und stets reibt sich die Basis an der Pas- neuen Bedingungen für den Erhalt der freund im Freistaat zufrieden.
sivität der Kanzlerin. Merkel war nie eine Regierung konfrontiert zu werden. Aber Söder hat immer verkündet, er
Frau für Machtworte. Sie glaubt, dass Da Merkels oberstes Ziel der Fortbe- wolle maximal zwei Legislaturperioden
Basta-Ansagen ihre Wirkung bald verlie- stand der Koalition zu sein scheint, richtet Ministerpräsident sein. Er wäre folglich im
ren, wenn sie zu oft kommen, und dass sich der Unmut der Abgeordneten primär Jahr 2028 frei für andere Jobs.
vorschnelle Positionierungen sich rächen. gegen sie – aber auch gegen die Parteiche- Jens Spahn ist der Jüngste im Kandida-
Es sind die Grundprinzipien ihrer Politik. fin. »Ich erwarte von Annegret Kramp- tenkarussell, und Geduld ist nicht seine
Aber seit die Kanzlerin nichts mehr zu ver- Karrenbauer, dass sie der SPD zeitnah stärkste Eigenschaft. Doch er hat dazu-
lieren hat, verliert die Union mit diesem deutlich macht, dass mit der CDU ein Ab- gelernt. Am Mittwochabend nimmt Spahn
Führungsstil die Geduld. weichen vom Koalitionsvertrag nicht zu auf einer Bühne in einer ehemaligen In-
Am meisten leiden der CDU-Wirt- machen ist«, sagt der Hamburger Bundes- dustriehalle am Stadtrand von Düsseldorf
schaftsflügel, die Verbände und die Unions- tagsabgeordnete Christoph Ploß. Platz, wo früher Stahl produziert wurde.
klientel in den Unternehmen an der Gro- Es sind vor allem die Jungen, die aufbe- War die Attacke von Merz Nestbe-
Ko. BDI-Präsident Dieter Kempf jammer- gehren. »Bei der Grundrente geht es um schmutzung?, fragt die Moderatorin. »Das

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 33


Wahlen In Thüringen dürfte Ministerpräsident Bodo Ramelow hilft doch jetzt alles nicht«, sagt Spahn und
wird lauter. Die Regierung habe so viel er-
zu einer Minderheitsregierung gezwungen sein – das wird knifflig. reicht, »aber gleichzeitig haben wir es ge-
schafft, dass das keiner merkt, weil wir

Stille Verbündete viel schlechten Streit haben«.


Dann kommt er zur Kanzlerin. Es gebe
»zwar Dankbarkeit und Wertschätzung«,
dass Merkel das Land viele Jahre durch vie-
le Krisen geführt habe. Und dennoch: »Wir
 Noch hat der Ministerpräsident Zeit, der PDS, der Vorläuferpartei der Linken. machen uns gerade auf den Weg in ein neu-
mindestens bis zum 7. November. Dann In Nordrhein-Westfalen hielt die Sozialde- es Jahrzehnt, wo sind die neuen Ideen da-
erst wird das endgültige Ergebnis der mokratin Hannelore Kraft ab Juli 2010 für?« Es brauche Antworten auf die Frage,
Thüringer Landtagswahl verkündet. Da 708 Tage lang ohne Mehrheit durch, wo man hinwolle mit Deutschland.
die FDP nach den vorläufigen Zahlen ebenfalls unterstützt von den Linken. Angriffe als Sorge um das Land zu ver-
äußerst knapp über der Fünfprozent- Solche stillen Verbündeten helfen Min- kleiden, das kann Spahn, ebenso wie Nie-
hürde in das Parlament eingezogen ist, derheitsregierungen bei wichtigen derlagen in Siege ummünzen. Den Partei-
kann sie nach einer Kontrolle der Einzel- Abstimmungen über Gesetze, Personal vorsitz mag er vorerst an Kramp-Karren-
ergebnisse noch rausfliegen. Regierungs- oder den Haushaltsplan. Häufig genügt bauer verloren haben, dafür hat er an Pro-
chef Bodo Ramelow (Linke) verabschie- dafür schon eine Stimmenthaltung. fil gewonnen.
det sich bis zur Verkündung des Ergeb- Aber auch ohne Tolerierung können 18 Gesetze und Entwürfe hat er bislang
nisses ziemlich lässig in den Urlaub. Minderheitsregierungen überleben, vorgelegt, sein Gesundheitsministerium
Dabei hat Ramelows rot-rot-grüne wenn die Opposition sich nicht auf eine überhöht er gern mit einer politischen Er-
Regierung keine Mehrheit mehr, wenn Regierungsübernahme einigen kann. zählung: Wenn die Politik Vertrauen zu-
das Ergebnis so bleibt. Weiterregieren 2008 hatten SPD, Grüne und Linke in rückerobern wolle, müsse es darum gehen,
kann er trotzdem. Nach der Landesver- Hessen eine Mehrheit, dennoch über- den Alltag der Menschen spürbar besser
fassung bleibt der Ministerpräsident so stand CDU-Ministerpräsident Roland zu machen. Das sieht er auch als Rezept
lange geschäftsführend im Amt, bis ein Koch 306 Tage im Amt, weil SPD-Chefin gegen die AfD.
neuer Regierungschef gewählt ist. Und Andrea Ypsilanti nicht alle ihre Abgeord- In Düsseldorf möchte die Moderatorin
neten hinter sich bringen konnte. Koch wissen, ob Kramp-Karrenbauer nach dem
wurde dafür kritisiert, dass er Mehrheits- CDU-Parteitag im November noch Vorsit-
Ferne Mehrheit beschlüsse, die ihm nicht passten, allen- zende ist. »Ja«, presst Spahn heraus. Dann
Sitzverteilung im thüringischen Landtag falls schleppend umsetzte. Später sagte nimmt er einen Schluck aus dem Wasser-
er, das Land sei auch ohne Mehrheit »sta- glas, das vor ihm steht, als müsste er sich
Grüne FDP bil zu regieren« gewesen. danach den Mund spülen.
SPD 5 5 CDU Die Gefechtslage in Erfurt sortiert der- Friedrich Merz dürfte in Gedanken
8 21 zeit Ramelows Staatskanzleichef Benja- schon bei seinem Auftritt auf dem CDU-
min Hoff (Linke). Er weiß, dass zwei Parteitag Ende November in Leipzig sein.
Absolute
Linke Mehrheit: AfD Drittel der Thüringer laut Forschungs- Er hat sich nach der Niederlage wieder
29 46 Sitze 22 gruppe Wahlen eine Minderheitsregie- zurückgeboxt, wird gar als Kanzlerkandi-
Stand:
rung eher schlecht finden. Doch eine dat der Union gehandelt. Besser als Mer-
28. Oktober 2019 Alternative gebe es nicht, meint Hoff. kel würde er den Job als Regierungschef
Die Lage scheint gar nicht so ungüns- allemal machen, davon gibt Merz sich in
tig, solange CDU und FDP auf Distanz kleinen Runden schon lange überzeugt.
wenn sich Ramelow selbst im Landtag zur AfD bleiben. Hoff fand in einem Nur möchte er ungern selbst den Arm
zur Wahl stellt, genügt ihm im dritten Buch des Göttinger Sozialwissenschaft- heben.
Wahlgang eine relative Mehrheit – er lers Stephan Klecha die Empfehlung, Eine Urwahl des Unions-Kanzlerkandi-
muss nur mindestens eine Stimme mehr dass Minderheitsregierungen ihre Zustim- daten, über die der Bundesparteitag auf
bekommen als andere Bewerber. Auch mung im Parlament nicht offen, sondern Antrag der Jungen Union entscheiden soll,
Thüringens CDU-Chef Mike Mohring »durch zähe Debatten und Aushandlun- wäre aus Sicht von Merz und seinen Fans
liebäugelt mit einer Minderheitsregie- gen im Verborgenen« suchen müssten. das perfekte Vehikel: Die Mehrheit der
rung unter seiner Führung: Theoretisch Auf Hinterzimmerdeals dürfte auch Basis würde sicher für ihn votieren, glau-
denkbar wäre ein Bündnis aus CDU, Ramelow setzen, dem vier Stimmen zur ben sie.
SPD, Grünen und FDP. Mehrheit fehlen. Den Koalitionsvertrag, »Annegret Kramp-Karrenbauer ist nicht
Das Regieren ohne Mehrheit ist etwa in wenn es überhaupt einen gibt, will sein nur ungeeignet als Kanzlerkandidatin, son-
skandinavischen Ländern nicht außerge- Dreierbündnis knapphalten, das schafft dern auch als Parteivorsitzende«, sagt Lau-
wöhnlich, doch es gibt auch Beispiele aus Spielräume für Zugeständnisse an FDP renz Kiefer. Er ist Kreisvorsitzender der
Deutschland. Mehr als 30 Minderheits- oder CDU. Im Gegenzug spekulieren die Jungen Union München-Mitte und findet,
regierungen gab es hier seit 1949. Oft hiel- Koalitionäre auf Abweichler aus der je früher die CDU-Chefin gehe, desto
ten sie nur wenige Wochen, etwa nachdem Opposition, etwa bei der Abstimmung besser.
ein Koalitionspartner abgesprungen war, zum Landeshaushalt im nächsten Jahr. Auf der Landesversammlung der baye-
nur manchmal funktionierten sie länger. Die Statistik spricht dafür, dass Rame- rischen Jungen Union kam erstmals die
Den Langzeitrekord hält der verstorbe- low es bis dahin schaffen kann. Laut Idee für einen Urwahlantrag auf. Einen
ne SPD-Mann Reinhard Höppner, der in einer Studie des Bundestags hielten sich Monat später war JU-Chef Tilman Kuban
Sachsen-Anhalt von 1994 bis 2002 über Minderheitsregierungen in Deutschland beim Oktoberfest in München. Wie meh-
zwei Legislaturperioden hinweg Minder- im Schnitt immerhin 300 Tage. rere Quellen berichten, soll dort die Idee
heitsregierungen anführte – toleriert von Matthias Bartsch, Steffen Winter besprochen worden sein, Merz zum JU-
Deutschlandtag einzuladen und ihm mit

34
hätte der Aachener als Chef des größten
Landesverbands wohl die besten Chancen
auf eine Kanzlerkandidatur. Er bringt Re-
gierungserfahrung im bevölkerungsreichs-
ten Bundesland mit und ist der einzige
Kandidat des liberalen Flügels. Im konser-
vativen Teil der Partei stößt er immer noch
auf Ablehnung, aber nicht annähernd so
wie Angela Merkel. Auch deshalb nicht,
weil er sich in seinem Kabinett durchaus
Hardliner an die Seite gestellt hat, wie In-
nenminister Herbert Reul.
Laschet hat indes ein großes Problem:
Er kann nur mithilfe von Kramp-Karren-
bauer Kanzlerkandidat werden. Gegen die
Vorsitzende würde er nicht kandidieren,
dazu fehlt ihm der Mut. Eine Niederlage
würde zudem das vorläufige Aus für seine
bundespolitischen Ambitionen bedeuten.

HC PLAMBECK
Es wäre möglicherweise auch der Anfang
von seinem Ende in NRW. Hier sieht man
es nicht gern, wenn die Staatskanzlei nur
Unionspolitiker Kramp-Karrenbauer, Mohring: »Ungeeignet als Kanzlerkandidatin« als Sprungbrett für das Kanzleramt dienen
soll – vor allem, wenn es misslingt.
Laschet muss also warten, bis Kramp-
dem Urwahlantrag eine Rampe in Rich- fahren, nämlich die Absprache zwischen Karrenbauer so geschwächt ist, dass sie
tung Kanzlerkandidatur zu bauen. den Spitzen von CDU und CSU, bewährt«, selbst einsieht, keine Chance auf die Kan-
Kuban streitet dies ab. »Der Urwahl- sagt der saarländische Ministerpräsident didatur zu haben.
antrag hat nicht das Ziel, eine bestimmte Tobias Hans. Eine verfrühte Personaldis-
Person zum Kanzlerkandidaten zu ma- kussion sei kontraproduktiv. »Die Sozial- Am Ende einer harten Woche wagt sich
chen, sondern die Basis zu motivieren«, demokraten sind uns doch dabei ein mah- Kramp-Karrenbauer noch einmal ins Herz
sagt er. »Es ist einfach nicht mehr zeitge- nendes Beispiel. Wir dürfen deshalb nicht der Merz-Bewegung: Ein stickiger Konfe-
mäß, dass einige wenige über die Kanzler- die gleichen Fehler machen und uns selbst renzsaal in einem Mercure Hotel bei Düs-
kandidatur entscheiden.« demontieren.« seldorf, rund 350 Zuhörer sind gekommen.
Das jüngste Bundestreffen der JU in »Das ist die Kritik eines Außenseiters«, Die CDU Kaarst-Büttgen hat eingeladen,
Kramp-Karrenbauers alter Wirkungsstätte sagt der CDU-Mann Oliver Wittke über gemeinsam mit der Jungen Union und der
Saarbrücken geriet jedenfalls zur Krö- Merz. »Er hat bislang weder in der Partei Mittelstandsunion MIT – zum Abschied
nungsmesse für Merz. »Er ist mein noch in der Wirtschaft ein Amt mit Ver- schenkt man der Chefin eine Packung Be-
Wunschkandidat und auch der Favorit der antwortung übernommen, bei dem es da- ruhigungstee.
Parteibasis«, schwärmt Kiefer. rum geht, unterschiedliche Flügel zusam- »AKK« findet, dieser Termin sei »ein
Große Chancen hat der Urwahlantrag menzuführen und zu einem gemeinsamen tolles Zeichen: Wenn wir mehr miteinan-
indes nicht. Die CSU hat ihn bereits zu- Handeln zu kommen«, warnt Wittke. Al- der reden und weniger übereinander, dann
rückgewiesen, deshalb ist auch in Leipzig lein dies lasse an seiner Kanzlerfähigkeit kommen wir auch nicht da hin, wo die
mit einer Niederlage zu rechnen. »Meiner zweifeln. Sozialdemokraten gerade sind«.
Meinung nach hat sich das bisherige Ver- Als am Ende einer aus dem Publikum
Auch der Mann, der derzeit am wenigsten fragt, wer denn die politische Verantwor-
sagt, aber das größte Problem für Anne- tung für die letzten Wahlniederlagen über-
Annegrets Abstieg gret Kramp-Karrenbauer darstellt, wird nehme, strafft sich »AKK« auf der Bühne.
Veränderung der Zustimmungswerte auf absehbare Zeit keine Revolte anzetteln. Die Ostverbände hätten selbst die Konse-
gegenüber Januar 2019 Armin Laschet gefällt sich in der Rolle des quenzen gezogen, sagt sie. »Und wer im-
Union (Sonntagsfrage) Angela Merkel Mahners. »Wir sollten solche Dinge in Zu- mer meint, dass die Bundespartei und ich
Annegret Kramp-Karrenbauer
kunft absprechen«, sagte der nordrhein- die Verantwortung tragen, der hat auf dem
westfälische Ministerpräsident am Montag Parteitag die Chance, das zu beantragen.
0 –3,5 % im CDU-Präsidium nach Angaben von Ich verweigere mich keiner Abstimmung.«
23%
Teilnehmern. Er meinte den Vorschlag So leicht werden ihre Feinde sie nicht los.
–5,4 % Kramp-Karrenbauers, eine Schutzzone in Melanie Amann, Felix Bohr, Anna Clauß,
–20 53% Nordsyrien einzurichten. Lukas Eberle, Florian Gathmann,
Es war nicht das erste Mal, dass Laschet Martin Knobbe, Ralf Neukirch,
Zustimmungswert seine Distanz zur Vorsitzenden deutlich Michael Sauga, Cornelia Schmergal,
im Oktober Gerald Traufetter, Steffen Winter
machte. Wenn die CDU-Chefin strauchelt,
–40
ist Laschet gern mit Kritik zur Stelle,
–50,0 % natürlich immer sachbezogen. Als sie sich
23% missverständlich zur Meinungsfreiheit im Video
–60 Die M-Frage
Netz äußerte, kam von Laschet: »Mei-
Jan. Juni Okt.
nungsfreiheit ist ein hohes Gut.« spiegel.de/sp452019cdu
Quelle: Infratest dimap für ARD-Deutschlandtrend, Der Stil ist nicht elegant, aber wirkungs- oder in der App DER SPIEGEL
jeweils rund 1000 Befragte; Schwankungsbreite zwischen 1,4 und 3,1% voll. Sollte Kramp-Karrenbauer scheitern,

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 35


Deutschland

Sanft gegen rechts


Analyse Die Bundesregierung will Extremismus und Hasskriminalität bekämpfen.
Doch die Union und Finanzminister Scholz behindern nachhaltige Prävention.

D
rei Wochen lag der Terroranschlag in Halle zurück, jetzt beschlossene Erhöhung der Gelder für die nächsten vier
als am Mittwoch drei zufriedene Minister in der Jahre gilt als Verhandlungserfolg Giffeys. Ohne den Anschlag
Bundespressekonferenz saßen. Innenminister Horst von Halle hätten sich die Union und SPD-Finanzminister
Seehofer (CSU), Justizministerin Christine Lam- Olaf Scholz wohl weiter quergestellt.
brecht und Familienministerin Franziska Giffey (beide SPD) Noch problematischer ist, dass ein Bundesprogramm nur
verkündeten, was die Regierung im Kampf gegen Rechts- Modellprojekte fördern darf. Das heißt: Selbst jene Projekte,
extremismus und Hasskriminalität zu tun gedenke. Neun die erfolgreich waren, müssen immer wieder neue Anträge
Punkte hatten sie auf ihrer Liste: Es geht vor allem um neue mit frischen Ansätzen einreichen, um weiterlaufen zu können.
Befugnisse für das Bundeskriminalamt, um mehr Ressourcen »Aufgrund rechtlicher Vorgaben können gute Projekte nicht
für den Verfassungsschutz, um schärfere Gesetze und um einfach weitergefördert werden, nur weil sie gut sind, auch
erweiterte Straftatbestände. wenn wir das gerne machen würden«, klagt Giffey. Die Ini-
Darunter sind sinnvolle Maßnahmen, aber sie haben einen tiativen können nicht längerfristig planen, jederzeit kann der
Makel: Sie greifen erst, wenn es zu spät ist. Wenn ein Hass- Stecker gezogen werden, egal wie sinnvoll ihre Arbeit auch
täter bereits auffallend radikalisiert ist. Eine verlässliche Stellenplanung
ist. Oder wenn er schon zugeschlagen ist so nicht möglich. Man findet gute
hat. Dabei ist klar, dass man nicht Mitarbeiter aber nur schwer, wenn
jeden frühzeitig identifizieren kann, man ihnen bei ohnehin meist gerin-
der sich zu radikalisieren droht. ger Bezahlung nur befristete Verträge
In Zeiten, in denen Synagogen und anbieten kann.
Dönerläden wie in Halle angegriffen Dabei gäbe es einen Weg aus die-
werden, in denen junge Menschen in sem Dilemma: Ein »Demokratie-
Scharen eine Partei mit Rechtsextre- fördergesetz«, das der NSU-Unter-
men wie Björn Höcke und Andreas suchungsausschuss des Bundestags
HERMANN BREDEHORST / POLARIS / LAIF
Kalbitz an der Spitze wählen, in die- schon im August 2013 gefordert hatte.
sen Zeiten geht es nicht nur um eine Gäbe es ein solches Gesetz, müssten
effizientere Arbeit von Justiz und die Mittel im Bundeshaushalt nicht
Sicherheitsbehörden. Es müsste viel jedes Jahr neu erstritten werden. Die
mehr darum gehen, junge Menschen Organisationen könnten dauerhaft
nicht in die stramm rechte Ecke ab- gefördert werden und würden weni-
driften zu lassen. ger Zeit mit dem Schreiben von An-
Umso erstaunlicher ist, dass sich trägen vergeuden. Vor allem aber:
nur einer der neun Punkte mit Prä- Erfolgreiche Projekte könnten wei-
vention befasst. Dafür gibt es sogar Ministerin Giffey tergeführt werden, müssten nicht alle
etwas mehr Geld: Das Programm paar Jahre ihr Konzept umbauen
»Demokratie leben«, das in Giffeys oder sich anderweitig Geld suchen.
Ministerium angesiedelt ist, bekommt bis 2023 jedes Jahr Der Wunsch nach einem solchen Gesetz schaffte es zwar
mindestens 115,5 Millionen Euro. Es fördert Vereine und Ini- in den Koalitionsvertrag von Union und SPD aus dem Herbst
tiativen, die Demokratie erklären, Kampagnen für mehr To- 2013. Doch ein Referentenentwurf des SPD-geführten Fami-
leranz organisieren, Jugendliche vor dem Abrutschen in eine lienministeriums wurde vom CDU-geführten Innenministe-
rechts- oder linksextreme Szene retten – oder ihnen später rium zurückgewiesen. Die Juristen dort hatten verfassungs-
beim Ausstieg helfen. rechtliche Bedenken. Man würde quasi eine »fünfte Gewalt«
Köthen zum Beispiel ist seit Januar Teil des Programms. installieren, hieß es. Im aktuellen Koalitionsvertrag taucht
Jene Stadt in Sachsen-Anhalt, in der vergangenes Jahr Tau- das Demokratiefördergesetz dann gar nicht mehr auf. Giffey
sende Rechtsextreme demonstrierten, weil ein Deutscher setzt sich dennoch weiter dafür ein.
nach Gewalt durch zwei Flüchtlinge gestorben war. 150 000 Innenminister Seehofer überraschte am Mittwoch mit der
Euro bekam die Stadt vom Bund, 95 Prozent der Mittel sind Aussage, dass er bereit sei, die rechtlichen Grundlagen zu
bereits abgerufen, 16 Projekte wurden unterstützt: darunter prüfen. Er sagte aber, dass seine Fraktion »davon weniger
Workshops an Schulen zu Hatespeech, ein Kunstprojekt von hält«. Der Vizevorsitzende der Fraktion, Thorsten Frei, be-
Schülern zum Grundgesetz, Hörspiele zu 30 Jahre Mauerfall gründet das so: »Das von der Familienministerin geplante
oder ein Theaterstück, das zwei Schulen gemeinsam mit Demokratiefördergesetz würde das Budgetrecht des Bundes-
einem Altenheim und lokalen Politikern erarbeitet haben. tags beträchtlich einschränken.«
All das hätte es ohne das Programm – und die Aufmärsche Wenn in Zukunft gefragt wird, wie sich rechtsextreme Ideo-
im September vergangenen Jahres – nicht gegeben. logie in Deutschland sieben Jahrzehnte nach dem Ende des
Doch steht dem Familienministerium längst nicht genug Nationalsozialismus derart verbreiten konnte, hier ist zumin-
Geld zur Verfügung, um alle Anträge zu bewilligen, die es dest eine Erklärung. Ann-Katrin Müller
verdient hätten. Dafür seien mindestens 200 Millionen Euro Mail: ann-katrin.mueller@spiegel.de
pro Jahr nötig, heißt es aus Giffeys Haus. Doch schon die Twitter: @akm0803

36 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


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Deutschland

Der trickreiche Mr Maut


Verkehr In der Affäre um die gescheiterte Pkw-Maut gerät Ex-Staatssekretär Gerhard Schulz in den
Fokus. Er fädelte den riskanten Milliardenvertrag ein und wurde mit einem Traumjob belohnt.

G Strippenzieher
erhard Schulz hat geschafft, wo- sen Chef er anschließend wurde: Toll Col-
von viele Staatsdiener träumen. Die Rolle von Ex-Staatssekretär Gerhard Schulz lect. Um die Kosten zu senken, übernahm
Er fing als Referent im Bundes- bei der geplanten Einführung der Pkw-Maut der Lkw-Mautbetreiber wichtige Aufga-
verkehrsministerium an und ar- ben bei der Pkw-Maut.
beitete sich bis zum höchsten Posten hoch, Januar 2013 Wahlkampfthema der CSU: Der Bundesrechnungshof prangert das
den ein Beamter im Haus erreichen kann: eine Pkw-Maut auf Autobahnen, die inländische Vorgehen bei der Pkw-Maut in einem
Fahrer nicht belasten soll. Gerhard Schulz ist
Staatssekretär. zu dieser Zeit Unterabteilungsleiter im Bundes- noch unveröffentlichten Bericht massiv an.
Zehn Ministern diente der 53-Jährige, verkehrsministerium (BMVI). Nach SPIEGEL-Informationen bemängeln
roten, schwarzen, egal von welcher Partei die Rechnungsprüfer die Nachverhandlun-
sie auch waren, auf Schulz war Verlass. 27. März 2015 Der Bundestag beschließt gen mit den Bietern und das Auslagern
»Ich bin ein Kind des Hauses«, sagt er über die Einführung der Pkw-Maut. von Kosten. Diese hätten dem Bundestag
sich selbst. transparent gemacht werden müssen.
Die Loyalität des Beamten zahlte sich 29. September 2016 Die EU-Kommission Außerdem hätte das Ministerium die an-
aus. Schulz ist heute Chef von Toll Collect, verklagt Deutschland. Schulz steigt in dem deren Bieter einweihen müssen, dass sich
dem bundeseigenen Betrieb zur Erhebung Jahr zum Abteilungsleiter auf. mit der Übertragung von Aufgaben an Toll
der Lkw-Maut. Er empfängt seine Besu- Collect der Umfang der Leistungen geän-
cher nicht mehr in der ehemaligen Preußi- 14. März 2018 Andreas Scheuer wird neuer dert hatte. Nach Ansicht der Prüfer hat
schen Geologischen Landesanstalt, wo das Bundesverkehrsminister und beruft wenig das Verkehrsministerium gegen Vergabe-
später Gerhard Schulz zum Staatssekretär.
Verkehrsministerium untergebracht ist, und Haushaltsrecht verstoßen.
sondern in einem Raum mit viel Glas am 17. Oktober Kapsch Nicht nur für Minister Scheuer wird es
OLIVER BERG / PICTURE ALLIANCE
Potsdamer Platz. Mit einem Jahresgehalt und Eventim geben also eng, sondern auch für Mr Maut. Er
von 398 000 Euro verdient Schulz mehr ihr erstes finales An- könnte für die entstandenen Kosten als
als die Kanzlerin. gebot über rund drei Geschäftsführer von Toll Collect haftbar
Den lukrativen Job hat er seinem alten Mrd. Euro ab – gut gemacht werden. Offen ist, wie weit
eine Milliarde mehr,
Chef zu verdanken, Verkehrsminister An- als der Bundestag Schulz seinen Minister über die Trickse-
dreas Scheuer (CSU). Es war wohl auch bewilligt hatte. reien informiert hatte. Eine Anfrage dazu
ein Dankeschön für die treuen Dienste des Die Bewilligung der beantwortete er nicht.
Beamten: Zuerst kümmerte sich Schulz im Gelder gilt zudem Es war im November 2017, kurz nach
nur bis Ende 2018.
Ministerium um die Lkw-Maut, dann ver- der Bundestagswahl, als das Verkehrs-
handelte er die Verträge für die Pkw-Maut ministerium erste Verhandlungen mit
November/Dezember Das BMVI führt soge-
aus, den Wahlkampfschlager der CSU. Die nannte Aufklärungsgespräche mit den Bietern, Bietern für das Pkw-Mautsystem führte.
Kollegen nannten den Staatssekretär bald um die Angebotssumme zu drücken. Parallel Zu diesem Zeitpunkt war noch unklar,
nur noch »Mr Maut«. trifft sich Schulz mindestens viermal heimlich wer die Nachfolge von Alexander Do-
Am 18. Juni erklärte der Europäische mit den Bieterfirmen. Die Gespräche werden brindt als Verkehrsminister antreten wür-
nicht protokolliert.
Gerichtshof (EuGH) die Infrastruktur- de. Doch Gerhard Schulz, damals noch
abgabe, so der offizielle Name, für rechts- Abteilungsleiter, trieb das Projekt unbeirrt
30. Dezember Vertragsunterzeichnung
widrig. Als das Projekt scheiterte, konnte mit der Betreiberfirma Autoticket in Berlin. voran. Die Pkw-Maut werde kommen,
sich Schulz den Schlamassel bereits aus Um die Kostengrenze einzuhalten, soll der sagte er in einer Verhandlungsrunde mit
sicherer Entfernung ansehen. Der Minister Lkw-Mautbetreiber Toll Collect wichtige Bietern, »unabhängig vom politischen Ge-
hingegen musste Rede und Antwort ste- Aufgaben des Mautsystems übernehmen. schehen«.
hen und kämpft um sein Amt. Der Bun- Als sich Union und SPD auf einen neu-
destag wird das Desaster bald in einem 1. März 2019 Schulz wird zum Vorsitzenden en Koalitionsvertrag geeinigt hatten, wur-
der Geschäftsführung bei Toll Collect berufen.
Untersuchungsausschuss aufarbeiten. de wieder ein CSU-Mann ins Ministeramt
Spätestens dann wird die Vergangenheit berufen: Andreas Scheuer. Für Schulz be-
17. Mai Erweiterung des Geschäftszwecks
auch Mr Maut einholen. Die Abgeordne- von Toll Collect: Aufbau und Betrieb eines deutete der Personalwechsel einen Karrie-
ten werden ihm einiges vorwerfen können. Pkw-Mautsystems resprung. Scheuer machte ihn zum Staats-
Schulz dokumentierte mindestens vier sekretär. Mr Maut sollte der Garant dafür
Treffen mit den Bieterfirmen nicht, was ei- 29. Mai Der Bund und Autoticket unterzeichnen sein, dass der Wegezoll endlich kommt.
gentlich seine behördliche Pflicht gewesen eine Vereinbarung über die Integration von Die meisten Leitungsvorlagen zur Pkw-
wäre. In den Wochen vor Vertragsschluss Toll Collect in die Pkw-Maut. Maut landeten fortan auf dem Schreibtisch
drückte Schulz die Angebotssumme der von Schulz. Im Verkehrsministerium gilt
beiden Bieterfirmen, Kapsch TrafficCom 18. Juni Der EuGH erklärt die Mautpläne für rechts- es als offenes Geheimnis, dass Scheuer sei-
widrig. Scheuer erklärt die Maut für gescheitert
und CTS Eventim, von drei auf zwei Mil- und kündigt am nächsten Morgen den Vertrag. nem Staatssekretär freie Hand ließ.
liarden Euro und lagerte die übrige Mil- Mitte 2018 geriet das Vergabeverfahren
liarde in eine Art Schattenhaushalt aus. 25. Oktober Der Bundestag beschließt zur Erhebung der Pkw-Maut ins Stocken.
Eine zentrale Funktion beim Verstecken die Einsetzung eines Untersuchungs- Nach Verhandlungen mit mehreren Bie-
des Geldes fiel dem Unternehmen zu, des- ausschusses zur Pkw-Maut. tern zeichnete sich ab, dass die Unter-

38
des Vergabeverfahrens angebotsrelevante
Informationen ausgetauscht werden.«
Am Ende hatte Mr Maut jedenfalls sein
Ziel erreicht. Am 14. Dezember teilte sein
Haus mit, dass die Angebotssumme von
Kapsch und Eventim nunmehr bei 1,975
Milliarden Euro liege. Am 30. Dezember,
einem Sonntag, konnte der Vertrag mit
der neuen Betreiberfirma Autoticket, de-
ren Gesellschafter Kapsch und Eventim
waren, unterzeichnet werden.
Wie das Wunder der Kostensenkung zu-
stande kam, ist in einer Leitungsvorlage
nachzulesen, die Gerhard Schulz abge-
zeichnet hat. Unter anderem sollte Toll
Collect seine »Zahlstellenterminals« für
Autoticket zur Verfügung stellen. Eigent-
lich eine gute Idee: Warum sollte der Be-
treiber neue Terminals aufbauen, wenn
dort bereits solche von Toll Collect stan-
den? Der Rechnungshof sieht genau darin
allerdings einen Verstoß gegen das Verga-
berecht: Den ausgeschiedenen Bietern wur-
de nicht die Chance gegeben, die neuen
Vorgaben des Ministeriums in ihre Kalku-
lationen einzubeziehen, so die Prüfer.
Außerdem monieren sie, dass die Aus-
lagerung der Kosten gegen das Haushalts-
recht verstoße. Nach Meinung der Kon-
trolleure hätte das Parlament darüber in-
formiert werden und zustimmen müssen.
Scheuer und sein Staatssekretär hatten
noch ein weiteres Problem: Toll Collect
sollte zu jener Zeit privatisiert werden.
Eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung von
KPMG war zu dem Ergebnis gekommen,
dass die private Variante um sechs Prozent
»wirtschaftlich vorteilhafter« sei als ein
staatlicher Betrieb. Ein entsprechendes
Vergabeverfahren lief bereits, mehrere Bie-
ter hatten ihr Interesse angemeldet.
MICHAEL JUNGBLUT / LAIF

Über den KPMG-Befund konnte sich


Staatssekretär Schulz aus rechtlichen Grün-
den nicht einfach hinwegsetzen. Eine neue
Wirtschaftlichkeitsuntersuchung musste
her, die KPMG am 9. Januar auch lieferte,
MInister Scheuer: Im Visier des Rechnungshofs aber nur in Form einer »theoretischen Neu-
berechnung«. Die Wirtschaftsprüfer taten
sich offenbar schwer, ihre alten Resultate
nehmen Probleme mit den Vorgaben des Schulz ging aber noch weiter. Mehrmals per Handstreich zu negieren. Am Ende
Ministeriums hatten. Ein Bieter nach dem kam er heimlich mit Kapsch und Eventim fanden sie aber doch genügend Gründe,
anderen zog sich zurück. Nur Kapsch und zusammen. Zweimal gemeinsam mit sei- die staatliche Variante in besserem Licht
Eventim gaben am 17. Oktober ein »finales nem Dienstherrn Scheuer, am 3. Oktober erscheinen zu lassen.
Angebot« ab, das Betreiberkosten von und am 29. November 2018. Viermal traf Ein Argument war Toll Collects geplante
rund drei Milliarden Euro vorsah. Der er sich allein mit Unternehmensvertretern, Mitarbeit an der Pkw-Maut: Wenn die Be-
Haushaltsausschuss hatte dem Ministe- am 26. November, gleich zweimal am treiber von Autoticket jährlich zwischen
rium allerdings nur zwei Milliarden Euro 27. November sowie am 7. Dezember. Was fünf und zehn Prozent ihrer Leistungen auf
zur Verfügung gestellt. aber hatte Mr Maut mit den Managern Toll Collect übertragen würden, ergäben
Nun lag es an Mr Maut, den Preis unter Vertrauliches zu besprechen? sich über die gesamte Vertragslaufzeit »rech-
die magische Grenze von zwei Milliarden Auf Anfrage der Grünen räumte das Mi- nerische Einsparungen« von 193 Millionen
Euro zu drücken. Ende November eröff- nisterium ein, dass für einige Treffen »we- Euro. Im Ergebnis hielten die KPMG-Prüfer
nete das Ministerium sogenannte Aufklä- der vorbereitende noch nachbereitende fest: Unter »Berücksichtigung von Syner-
rungsgespräche mit Kapsch und Eventim. Vermerke erstellt wurden«. Vergaberechts- giepotenzialen« würde sich jetzt eine »rech-
Immer wieder trafen sich die Emissäre bei- experten wie der Jurist Norbert Dippel nerische Vorteilhaftigkeit einer Eigenreali-
der Seiten. Aus Sicht des Rechnungshofs halten solche Geheimtreffen für hochpro- sierung« von »7,0 Prozent« ergeben.
verstießen schon diese Aufklärungsgesprä- blematisch: »Derartige Parallelgespräche Das Ministerium brach die Privatisie-
che gegen das Vergaberecht. bergen immer die Gefahr, dass außerhalb rung daraufhin ab, Toll Collect blieb in

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 39


Deutschland

Staatshand. Die Bieter blieben auf den Trotzdem ließ der Jurist die Firma an rium auf Anfrage der FDP-Bundestagsfrak-
Kosten des Vergabeprozesses sitzen. Laut der Pkw-Maut arbeiten, wie ein vertrau- tion nicht sagen. Diese würden »derzeit
dem Wirtschaftsmagazin »Capital« erwä- licher »Projektfortschrittsbericht« vom ermittelt«. FDP-Verkehrsexperte Oliver
gen betroffene Unternehmen eine Scha- 11. April 2019 offenbart. »Laufende Ab- Luksic kritisiert das Vorgehen des Minis-
densersatzklage gegen den Bund. stimmung mit der Toll Collect in den Ar- teriums scharf: »Durch Vorleistungen von
Das Ministerium verteidigt sein Vorge- beitsgruppen (Technik, Zahlungsverkehr, Toll Collect in bisher unbekannter Höhe
hen mit den »Synergiepotenzialen zwi- Zahlorte und Betrieb)« hieß es dort. Die hat der Minister ohne vertragliche Grund-
schen dem Lkw-Mautsystem und den Aussage legt nahe, dass sich bei Toll Col- lage wieder einmal Steuergelder ver-
Systemen zur Erhebung und Kontrolle der lect regelwidrig ein ganzer Stab von Leu- schwendet.«
Infrastrukturabgabe«. Doch wie groß ten mit der Pkw-Maut beschäftigte. Hinter der fragwürdigen Operation
waren die angeblichen Kostenvorteile Erst am 17. Mai ließ das Verkehrsminis- vermutet die Opposition im Bundestag
wirklich? terium den Geschäftszweck von Toll Col- Mr Maut. Schulz habe für Scheuer die
Am 1. März wurde Gerhard Schulz zum »Drecksarbeit gemacht und Hunderte Mil-
Geschäftsführer von Toll Collect berufen. lionen Euro zulasten der Steuerzahler ver-
Auf seinem neuen Posten musste er da- »Schulz hat für Scheuer schleiert«, sagt der Grünen-Haushaltsex-
für sorgen, dass das Engagement des die Drecksarbeit perte Sven-Christian Kindler.
Unternehmens für die Pkw-Maut mög- Wie viel Andreas Scheuer von den
lichst geräuschlos über die Bühne ging. gemacht und Millionen- Tricks seines Untergebenen wusste, wird
Das Ministerium stellte dafür insgesamt kosten verschleiert.« der Untersuchungsausschuss hinterfragen.
164 Millionen Euro zur Verfügung, wie es Die politische Verantwortung trägt der
unlängst einräumen musste. Eine statt- Minister allemal.
liche Summe, die die größten Synergie- lect ändern. Er umfasste nun auch die »Er- In der Ministeriumsspitze soll nach dem
effekte offenbar gleich wieder aufgezehrt bringung von Leistungen im Zusammen- Scheitern der Maut darüber nachgedacht
hätte. hang mit Aufbau und Betrieb eines Sys- worden sein, Gerhard Schulz zu feuern.
Schulz ging zudem ein hohes Risiko ein. tems zur Erhebung und Kontrolle der Doch die Idee wurde schnell wieder ver-
Anfang des Jahres gab es noch keine ver- Infrastrukturabgabe«. Am 29. Mai wurden worfen. Womöglich fürchtete man, dass
tragliche Grundlage für die neue Geschäfts- dann Verträge über die Einbeziehung von Mr Maut einfach zu viel weiß.
beziehung zu Autoticket. Zudem sah der Toll Collect unterschrieben. Sven Becker, Gerald Traufetter
Geschäftszweck von Toll Collect bislang Welche Kosten in den Monaten zuvor Mail: sven.becker@spiegel.de,
nur ein Mautsystem für »schwere Last- bei Toll Collect für die Pkw-Maut entstan- gerald.traufetter@spiegel.de
kraftwagen« vor. den sind, konnte oder wollte das Ministe-

Connecting people
and possibilities
Wenn Kaffeebauern in Kolumbien mit Kaffeehändlern in Asien zusammenarbeiten,
sind die Wachstumschancen so kraftvoll wie ein Espresso.
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fedex.com/de/possibilities
Deutschland

Die Privat-
schnüffler
Polizei Beamte missbrauchen
ihren Zugriff auf Daten-
banken, um Nachbarn, Ex-
Partner und Bekanntschaften
auszuspionieren.

E in Mann trifft eine Frau. Die beiden


sprechen miteinander, er findet sie
sympathisch, doch er weiß nicht viel
über sie. Er weiß nicht, wie sie heißt oder
wie er sie erreichen kann. In den meisten

UWE ANSPACH / DPA


Fällen wäre die Geschichte jetzt zu Ende.
Doch der Mann ist Polizist. Er sieht das
Autokennzeichen der Frau, das reicht ihm.
Im Zentralen Verkehrsinformationssystem
fragt er die Daten ab. Jetzt weiß er, wie Polizist in Einsatzzentrale: Sex-Avancen per WhatsApp
sie heißt und wo sie wohnt. Er wendet sich
an die Bundesnetzagentur und erschleicht
sich Festnetz- und Handynummer. Drei rend eine 13 Jahre alte Freundin der Ju- eintragen«, sagt Smoltczyk. Es werde nicht
Tage später ruft der Polizist die Frau an. gendlichen anwesend war. Der Polizist bat ausreichend kontrolliert.
Doch sie erstattet Anzeige, der Beamte das Mädchen um dessen Kontaktdaten, an- Die Menge der bekannten Verstöße
aus Baden-Württemberg muss 1400 Euro geblich für eventuelle Nachfragen. Doch scheint angesichts der Zahl der Zugriffe auf
Bußgeld zahlen. die nutzte er, um dem Kind per WhatsApp die Datenbanken klein zu sein. Baden-
Neugierige Polizisten, die ihre Dienst- »sexuelle Avancen« zu machen, wie es Württembergs Datenschutzbeauftragter
privilegien zu privaten Zwecken nutzen, im Bericht des Datenschutzbeauftragten Stefan Brink schätzt, dass manche Polizis-
gibt es viel häufiger als bislang bekannt. heißt. Der Beamte sollte 1500 Euro zahlen, ten jährlich sechsstellige Abrufzahlen hät-
Eine Umfrage des SPIEGEL unter den Da- das Amtsgericht Schwerin hob das Buß- ten. »Das ist deren täglich Brot«, sagt er. In
tenschutzbeauftragten des Bundes und der geld aber aus formalem Grund auf. Gegen Hessen gibt es jeden Tag bis zu 45 000 Ab-
Länder sowie in den Innenressorts ergab: den Beamten lief auch ein Disziplinarver- fragen, rund die Hälfte davon automatisch.
Ab Anfang 2018 liefen mindestens 158 Ver- fahren, das mit einer Strafe von 300 Euro Mitarbeiter in sensiblen Bereichen wie
fahren gegen Beamte, weil sie rechtswid- endete. Der Polizist wurde versetzt. der Rüstungsindustrie oder auf Flughäfen
rig geschnüffelt haben sollen. In mindes- Dieser Fall wäre früher wohl nie öffent- beispielsweise werden regelmäßig über-
tens 52 Fällen verhängten die Behörden lich geworden. Seit Mai 2018 gilt die Da- prüft.
Geldbußen. »Die Systeme werden immer tenschutz-Grundverordnung in Deutsch- Das hessische Innenministerium über-
wieder missbraucht, um Nachbarn, Fami- land. Und inzwischen sind im Bund und wacht den Wissensdurst seiner Polizisten
lienmitglieder oder Kollegen auszuspio- in acht Ländern nicht mehr die Polizeibe- mit Stichproben. Sie sollen jede 200. Ab-
nieren«, sagt die Berliner Datenschutz- hörden selbst oder die vorgesetzten Innen- frage im System schriftlich begründen. Die
beauftragte Maja Smoltczyk. ministerien für die Verfolgung derartiger Politik reagierte damit auf den Fall der
In Mecklenburg-Vorpommern soll eine Verstöße zuständig, sondern die Daten- Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-
Beamtin die neue Partnerin ihres Ex- schutzbeauftragten. Yildiz, die Drohungen per Fax erhalten
Mannes ausgeforscht haben. Sie fand he- Seither werden Sicherheitsmängel nicht hatte. Eine Spur führte zum 1. Polizeire-
raus, dass die Frau zu einer Haftstrafe ver- nur häufiger öffentlich, sondern sie haben vier in Frankfurt. Von einem der Dienst-
urteilt worden war – und konfrontierte auch Folgen. In Brandenburg gaben Poli- rechner war kurz zuvor die Adresse der
sie damit. Das Verfahren gegen die Poli- zisten 2018 aus dem System WebView Strafverteidigerin abgefragt worden.
zistin läuft noch. offenbar interne Details zu Polizeieinsät- Die Neugier hessischer Beamter trifft
In Brandenburg gefiel einem Beamten zen an Außenstehende weiter oder veröf- auch Prominente. Der Auftritt der Schla-
ein Sportwagen. Zwei Abfragen waren nö- fentlichten sie auf Facebook. Auf Drängen gersängerin Helene Fischer in Frankfurt
tig, dann hatte er Namen und Adresse des der Datenschutzbehörde reagierte das In- sorgte in den Reihen der Polizei offenbar
Besitzers. Kurz darauf stand er vor dessen nenministerium: Statt 5000 haben inzwi- für Betriebsamkeit. Unbekannte Beamte
Tür und sagte, er wolle das Auto kaufen. schen nur noch 3000 Polizisten Zugriff auf durchforsteten die dienstlichen Datenban-
Der Halter erstattete Anzeige, 200 Euro die Informationen. ken und fragten ab, ob die Sängerin schon
Bußgeld wegen eines Datenschutzversto- Die Berliner Datenschutzbeauftragte einmal aufgefallen war. Sie blieben hartnä-
ßes wurden für den Polizisten fällig. Smoltczyk beschäftigt sich derzeit mit ckig: Laut Landespolizeipräsident tippten
Ein besonders gravierender Fall wurde Mängeln in den Systemen der Hauptstadt- sie immer wieder »Helene Fischer« in den
in diesem Jahr in Mecklenburg-Vorpom- polizei. Dort gibt es zwar für jede Abfrage Computer – insgesamt 83-mal in einer
mern bekannt: In einem Verfahren wegen ein Feld, in das Polizisten schreiben sollen, Nacht. Jean-Pierre Ziegler
Kindesmissbrauch hatte ein Polizist aus warum sie die Informationen brauchen. Mail: jean-pierre.ziegler@spiegel.de
Schwerin eine Zeugin vernommen – wäh- »Doch da könnte man auch ›Donald Duck‹

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 41


Deutschland

überall gleich viel wert sind. Außerdem

Das perfekte Modell dürfen Wahlkreise keine Grenzen der Bun-


desländer überschreiten und sollten mög-
lichst die Grenzen von Landkreisen und
Kommunen achten.
Parlament Seit Monaten streiten die Parteien über eine Wahlrechts- Um sein Modell einem Realitätscheck
reform, um den Bundestag zu verkleinern. Ein Mathematiker hat zu unterziehen, nimmt Goderbauer nach
nun einen Algorithmus entwickelt, der die Wahlkreise gerecht festlegt. dem Ende seines Studiums Kontakt zum
obersten Hüter der deutschen Wahlen auf,
dem Bundeswahlleiter. Der sitzt auch in
der unabhängigen Wahlkreiskommission,
die zwischen den Bundestagswahlen den
Zuschnitt der Wahlkreise überprüft. Sind
etwa viele Menschen aus einem Wahlkreis
weggezogen, schlägt die Kommission vor,
angrenzende Gemeinden aus ihrem bishe-
rigen Wahlkreis herauszulösen und dem
bevölkerungsärmeren Kreis zuzuschlagen.
Schon länger nutzt die Kommission bei
ihrer Arbeit eine Software. Das Programm
zeigt bunte Landkarten und die aktuellen
Wahlkreisgrenzen an. Manche Gebiete
sind rot, andere blau eingefärbt. Hier le-
ben besonders viele oder wenige Men-
schen, soll das bedeuten, hier besteht

MARCUS SIMAITIS / DER SPIEGEL


Handlungsbedarf. Eigene Vorschläge
macht die Software allerdings nicht: Die
erarbeitet die Kommission und leitet sie
an den Bundestag weiter, für den die Vor-
schläge aber nicht bindend sind.
Erst wenn ein Wahlkreis, gemessen an
seiner Bevölkerungszahl, mehr als 25 Pro-
Mathematiker Goderbauer: Stimmen in Parlamentssitze überführen zent kleiner oder größer als der Wahlkreis-
durchschnitt ist, muss der Bundestag Än-
derungen beschließen. Das kommt aber

A n einem Mittwochmorgen im Herbst


2012 entsteht in einem kargen Semi-
narraum in Aachen eine Idee, die
sieben Jahre später die politische Land-
die Wand wirft, wird vorgeschlagen, die
Zahl der Wahlkreise zu reduzieren. Dafür
müsste man aber das Bundesgebiet kom-
plett neu einteilen. Händisch würde das
selten vor, weshalb viele Vorschläge der
Kommission abgewiesen werden. Die
Wahlexperten der OSZE haben das bereits
kritisiert: Die großen Abweichungen in
karte Deutschlands verändern könnte. viel zu lange dauern. Deshalb fragt der Deutschland widersprächen »der guten
Sebastian Goderbauer, Mathematikstu- Professor: Haben die Studenten eine Idee, internationalen Praxis«.
dent an der Rheinisch-Westfälischen Tech- wie das mit Werkzeugen der Mathematik Goderbauer beginnt, sein Modell zu
nischen Hochschule, sitzt in einer Vorle- besser ginge? Eine Frage, die Goderbauer verfeinern. Er lernt die ungeschriebenen
sung über mathematische Optimierung. bis heute nicht loslässt. Gesetze der Wahlkreiseinteilung kennen:
Es geht um Lieferketten, darum, wie ein Goderbauer, mittlerweile 30 Jahre alt, Etwa die Unantastbarkeit der bayerischen
Logistikunternehmen seine Warenlager Haare hochgegelt, Hemdsärmel hochge- Regierungsbezirke, deren Grenzen nicht
am besten verteilt. Aber dann geht es krempelt, ist politisch interessiert. Es habe durchkreuzt werden dürfen. Solche regio-
plötzlich um Politik. ihm gefallen, erzählt er, mal vor einer Auf- nalen Besonderheiten kann Goderbauer
Goderbauers Professor, Marco Lübbe- gabe zu stehen, die nichts mit Leistungs- auch in Mathematik übersetzen und be-
cke, projiziert einen Zeitungsausschnitt optimierung oder Kosteneffizienz in der rücksichtigen. Ihm gehe es nicht darum,
an die Wand. Das Bundesverfassungs- Wirtschaft zu tun hat. Beim Wahlsystem den Bundestag oder die Kommission zu
gericht hatte drei Monate zuvor, am geht es immerhin um einen zentralen Bau- bevormunden, sagt er. Er wolle nur ein
25. Juli 2012, das bisherige Wahlrecht als stein der Demokratie, um die Frage, wie Werkzeug schaffen, das eine objektive Dis-
verfassungswidrig beurteilt. Es ging um Stimmen in Parlamentssitze überführt wer- kussionsgrundlage liefert.
die sogenannten Überhangmandate, die den, wie also aus Volkswille Macht wird. In Berlin bekommt man von Goderbau-
entstehen, wenn eine Partei durch die Erst- Kann die Mathematik für demokratische ers Bemühungen, das perfekte Modell zu
stimmen mehr Mandate erringt, als ihr Gerechtigkeit sorgen? Das war die Frage, finden, lange nichts mit. Um die Bundes-
durch die Zweitstimmen zustehen. Das Ge- vor der Goderbauer nun stand. tagswahl 2013 mit einem gültigen Wahl-
richt mahnte an, dass durch diese Mandate Nach der Vorlesung entschied er, mit recht abhalten zu können und die Kritik
das Wahlergebnis nicht verzerrt werden dem Thema weiterzumachen, zunächst in der Verfassungsrichter ernst zu nehmen, ei-
dürfe, und regte einen Ausgleich an. Das seiner Masterarbeit. Goderbauer erörtert nigen sich Union, SPD, FDP und Grüne auf
Problem aber war, dass durch Ausgleichs- darin, wie sich die Anforderungen, die das die Einführung von Ausgleichsmandaten.
mandate der Bundestag noch größer und Bundeswahlgesetz an einen Wahlkreis In der Folge bläht sich der Bundestag
teurer werden würde. stellt, in Mathematik übersetzen lassen. auf: Statt auf die reguläre Größe mit 598
Seit dem Urteil diskutieren Politik und So sollen Wahlkreise alle ungefähr gleich Abgeordneten kommt er nach der Wahl
Wissenschaft, welche Lösungen es gibt. In viele deutsche Staatsbürger beheimaten, 2013 auf 631 Sitze und inzwischen auf 709.
dem Zeitungsartikel, den der Professor an damit die Erststimmen für Direktbewerber In Zukunft könnten es wegen Überhang-

42 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Ungleich eingeteilt Im Juni 2018 klingelt in Aachen das Te- schiedlich waren die Interessen, zu groß
Wahlkreise bei der Bundestagswahl 2017 lefon. Goderbauer steckt gerade mitten in war die Angst, dass eine Wahlrechtsreform
seiner Doktorarbeit, das Büro des Bundes- die Macht der einen oder anderen Partei
wahlleiters ist dran. »Herr Goderbauer, beschneiden könnte. Wenige Monate spä-
wir brauchen Sie. Jetzt!« Der Wahlleiter ter fordern 102 Staatsrechtler in einem
soll für die Schäuble-Gruppe verschiedene offenen Brief, den Bundestag endlich zu
Vorschläge durchrechnen: Wie wäre der verkleinern. Das aktuelle Wahlrecht habe
Bundestag heute zusammengesetzt, wenn einen »geradezu entdemokratisierenden
bei der Wahl 2017 das eine oder das andere Effekt«, warnen sie.
diskutierte System gegolten hätte? Für die- Mitte Oktober unternehmen FDP, Lin-
se Berechnungen braucht er Goderbauers ke und Grüne einen neuen, gemeinsamen
Hilfe: Wie könnten die Wahlkreise zuge- Vorstoß für eine Wahlrechtsreform. Auch
schnitten sein? ihr Vorschlag sieht vor, die Zahl der Wahl-
Goderbauer hat sein Modell mittlerwei- kreise zu reduzieren, konkret von 299
le ausgebaut und zusammen mit Studen- auf 250. Eine komplette Neueinteilung
ten in eine Software überführt. Er arbeitet Deutschlands wäre also unvermeidbar.
sich durch die Vorschläge, Unterstützung Die Union steht dem Vorschlag skep-
bekommt er auch von seinem Doktorvater tisch gegenüber, weil er in ihren Augen die
Marco Lübbecke, der Goderbauer 2012 Oppositionsparteien bevorzugen würde.
auf das Thema gestoßen hatte. Doch mit dem neuen Antrag erhöht sich
Sie tragen zunächst alle aktuellen Daten der Druck auf das gesamte Parlament, end-
zusammen und telefonieren viel mit Ein- lich einen Kompromiss zu finden.
wohnermeldeämtern. Dann kann die Soft- Versammelt sich der Bundestag tatsäch-
ware loslegen. Nach dem Eingeben der lich hinter einem Reformvorschlag, hat Go-
Wahlkreiszahl sucht der Algorithmus, derbauers Software gute Chancen, wieder
Quellen:
Bundeswahlleiter, Bundesland für Bundesland, nach der op- zum Einsatz zu kommen. Allein aus Zeit-
über der Soll-Einwohnerzahl RWTH Aachen timalen Aufteilung. gründen: Für den letzten Neuzuschnitt im
(Bevölkerungsstand:
unter der Soll-Einwohnerzahl 30. September 2017) Mehrere Stunden dauert so ein Durch- Vorfeld der Wahl 2002, als die Zahl der
lauf. Für jede mögliche Wahlkreiszusam- Wahlkreise von 328 auf 299 sank, brauchte
mensetzung bewertet die Software, wie die Reformkommission etwa ein Jahr.
und Ausgleichsmandaten sogar mehr als groß die Abweichung vom Durchschnitts- Lediglich die Einwohnerzahlen müsste
800 Abgeordnete werden. Die Politik wahlkreis ist und wie groß der Teil der Goderbauer noch einmal auf den neuesten
steht unter Rechtfertigungsdruck: Wie Außengrenze ist, den der Wahlkreis mit Stand bringen, damit die Software präzise
kann man erklären, dass das Parlament Landkreisen und Regierungsbezirken teilt. arbeitet. Dazu müsste er wieder viel tele-
wächst und teurer wird, wenn die Bevöl- Die Größenabweichung sollte möglichst fonieren – diese Arbeit nimmt ihm noch
kerungszahl sich nur minimal erhöht? klein, die Übereinstimmung der Grenzen kein Algorithmus ab. Marcel Pauly
Parlamentspräsident Wolfgang Schäub- möglichst groß sein. Die ersten Ergebnisse
le (CDU) setzt daher Ende 2017 eine Ar- schickt Goderbauer nach Wiesbaden.
beitsgruppe mit Vertretern aus allen Frak- Doch seine Mühen sind umsonst. Grafik
So könnten die neuen
tionen ein. Sie soll sich auf eine Wahl- Im April 2019 stellt die Parlamentarier- Wahlkreise aussehen
rechtsreform einigen, die den Bundestag gruppe ihre Arbeit ergebnislos ein. Die spiegel.de/sp452019wahlkreise
wieder auf Normalmaß schrumpfen lässt. Parteienvertreter konnten sich auf keinen oder in der App DER SPIEGEL
Es wird ein Herzensprojekt Schäubles. der Vorschläge verständigen, zu unter-

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Prokurdische Demonstranten in Berlin

Im falschen
deutscher Staatsangehöriger in der Türkei
wegen des Tatvorwurfs einer Mitglied-
schaft in einer terroristischen Vereinigung

Verein
(PKK) bekannt geworden«, teilt das Aus-
wärtige Amt mit. Zehn Leute seien mitt-
lerweile wieder auf freiem Fuß. Bei man-
chen hätten die Türken »Ausreisesperren
Ermittlungen Mit neuer Härte oder sonstige Auflagen verhängt«.
geht Ankara gegen Kurden aus Nach Auskunft des Ministeriums hatten
Deutschland vor. Türkeireisen die Betroffenen offenbar Verbindungen zu
kurdischen Vereinen in Deutschland. Zu-
werden riskant, im Oktober wur- mindest Nav-Dem ist laut deutschen Si-
den 14 Menschen festgenommen. cherheitsbehörden eine Teilvereinigung
der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei
PKK. Gleichwohl ist eine Mitgliedschaft

J ahrelang flog die Frau entspannt in


die Türkei. Meistens über Istanbul
nach Elazığ, in den Osten des Landes.
Dort lebt ihre Familie. Es gab nie Proble-
hierzulande erlaubt.
Berlin tut sich schwer damit, die Fälle
zu beurteilen. Es gibt kaum Informationen,
dem Auswärtigen Amt liegen bislang kei-
me. »In diesem Jahr war sie sogar zweimal ne Anklageschriften vor. Die deutschen
da«, sagt ihr deutscher Ehemann, »zuletzt Diplomaten müssen sich auf das verlassen,
ab August, ihr Bruder lag im Sterben.« Sei- was Angehörige und Anwälte ihnen be-
ne kurdische Frau, 64 Jahre alt, ist Sozial- richten.
pädagogin, sie arbeitet für das Jugendamt Und das klingt brisant: Die Rede ist von
in Hannover und besitzt sowohl die deut- einer Festnahmewelle, die sich gegen Kur-
sche als auch die türkische Staatsbürger- den aus Deutschland richte. Den meisten
schaft. Am 14. Oktober wollte sie nach sei vorgehalten worden, dass ihre Namen
Hause zurückfliegen, doch in Istanbul en- auf einer Mitgliederliste deutsch-kurdi-
dete ihre Reise: Bei der Passkontrolle wur- scher Vereine stünden. Hunderte Kurden
de sie festgenommen. seien darauf notiert, sagen Angehörige
Der Vorwurf: Mitgliedschaft in dem und Anwälte. Überprüfen lässt sich das
deutsch-kurdischen Verein Nav-Dem. So nicht. Selbst die Verteidiger durften die
berichtet es ihr Mann. Dabei sei sie bereits Unterlagen bislang nicht einsehen, da die
seit Jahren nicht mehr in dem Verein aktiv Verfahren als »geheim« eingestuft sind.
gewesen. Nach ein paar Tagen brachte die Die türkische Botschaft in Berlin schweigt.
Polizei die Frau nach Ankara. Dort kam Auch dem Auswärtigen Amt berichte-
sie nach einer Anhörung vor Gericht frei. ten Angehörige von einer Liste vermeint-
»Sie darf das Land aber nicht verlassen, lich problematischer Mitgliedschaften in
bis in ihrer Sache ein Urteil gefällt wurde«, Deutschland. Dass die türkischen Behör-
sagt ihr Mann. Das könne Monate dauern. den über entsprechende Informationen
Der Fall gehört zu einer Reihe von Fest- verfügten, sei »plausibel«, heißt es aus
nahmen in der Türkei, die auf eine neue dem Ministerium. Aber: In welcher Form
Härte der dortigen Sicherheitsbehörden diese vorlägen, »können wir derzeit nicht
im Umgang mit Kurden aus der Bundesre- verifizieren«.
publik schließen lassen. »Seit Anfang Ok- Als Reaktion auf das Vorgehen der türki-
tober sind uns insgesamt 14 Verhaftungen schen Behörden ließ Außenminister Heiko

44
Deutschland

Maas (SPD) jetzt die Reise- und Sicher-


heitshinweise für die Türkei verschärfen:
»Es kommt in letzter Zeit vermehrt zu Fest-
KÖNNEN ZAHLEN
nahmen deutscher Staatsangehöriger, die
in Deutschland in kurdischen Vereinen ak-
tiv sind oder waren«, heißt es nun auf der
Internetseite des Auswärtigen Amtes.
LEBEN RETTEN
Für Nebahat Y., 58, aus Hamburg kommt
die Warnung zu spät. Die Erzieherin sitzt
seit Wochen in der Türkei fest. Im Septem-
ber war die Deutsche nach Diyarbakır zu
Verwandten geflogen. Als sie am 3. Okto-
?
ber zurückreisen wollte, erwartete die
türkische Polizei sie am Flughafen. Die
Beamten brachten Y. nach Ankara, wie ihr
Mann erzählt.
Im Verhör hätten die Beamten gesagt,
sie wüssten, dass seine Frau Vorsitzende
des Vereins Hevkar – Jugendvereine sei,
sagt der Mann, der selbst Vorsitzender der
Kurdischen Gemeinde in Hamburg ist.
»Wir haben mit der PKK nichts zu tun«,
sagt er. Zudem werde seiner Frau vor-
geworfen, sie habe den Präsidenten Re-
cep Tayyip Erdoğan in den sozialen Me-
dien beleidigt. In der Türkei ist das eine
Straftat.
Im Fall der deutsch-türkischen Sozial-
pädagogin aus Hannover engagiert sich
nun der ehemalige Oberbürgermeister der
niedersächsischen Landeshauptstadt, Her-
bert Schmalstieg (SPD). Er spricht von
einer »skandalösen Verfolgung unschuldi-
ger Deutscher durch einen autokratischen
Staat« und verlangt von der Bundesregie-
rung, energisch für die Rechte der Beschul-
digten einzutreten.
Schmalstieg ist Sprecher des Beirats der
Kurdischen Gemeinde Deutschland und
hat sich bereits vor Wochen für die Frei-
lassung eines weiteren Bediensteten der
Stadt Hannover eingesetzt. Der 45-jährige
Kurde war aufgrund eines internationalen
Haftbefehls unter Terrorverdacht in Italien
festgenommen worden, er saß zehn Tage
lang in Isolationshaft.
Vor mehr als 20 Jahren hatte er als
Student an PKK-Aktionen teilgenommen 224 Seiten mit Abbildungen, gebunden · € 20,00 (D) · Auch als E-Book erhältlich
und war daraufhin aus der Türkei geflo-
hen. In den Neunzigerjahren erhielt er
politisches Asyl in Deutschland. Der Kur-
de, den seine Vergangenheit bei einem
Wanderurlaub in den Dolomiten einholte,
JA,
kam erst wieder frei, nachdem Schmal- Zahlen können Leben retten – oder uns dumm,
stieg in Berlin und Brüssel Alarm geschla-
gen hatte. krank und unglücklich machen. Wie Zahlen unseren Alltag
Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kur- erobert haben und warum sie solche Macht auf uns ausüben,
dischen Gemeinde Deutschland, vermutet,
dass es Ankara vor allem darum gehe, die
das zeigt Datenkorrespondentin Sanne Blauw
Kurden einzuschüchtern und mundtot zu anhand ebenso unterhaltsamer wie eindrucksvoller Beispiele.
machen. »Die Leute sollen Angst haben, Und sie gibt hilfreiche Tipps, wie wir uns die Deutungshoheit über
ihre Meinung zu äußern«, sagt Toprak.
»Und sie sollen Angst haben, sich politisch unsere zahlenbasierte Welt zurückerobern.
zu engagieren.«
Katrin Elger, Hubert Gude
Mail: hubert.gude@spiegel.de

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 45


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DOMINIK BUTZMANN / DER SPIEGEL

SPD-Rivalen Schulz, Scholz: »Damit muss in unserer Partei jetzt endlich Schluss sein«

46
Deutschland

»Olaf, ich würd’ dir gern was sagen«


SPIEGEL-Gespräch Nach der letzten Bundestagswahl schlug ihre Rivalität in
tiefe Abneigung um. Jetzt kündigt Ex-SPD-Chef Martin Schulz, 63, an, bei der Wahl zur
Parteispitze für Vizekanzler Scholz, 61, zu stimmen. Der Versuch einer Versöhnung.

SPIEGEL: Herr Schulz, wenn man Ihnen Insofern war es Olafs gutes Recht, dieses könnte nicht gefährlicher sein. Deutsch-
vor einem halben Jahr gesagt hätte, dass Papier vorzulegen. Allerdings habe ich es land übernimmt im zweiten Halbjahr 2020
Sie gemeinsam mit Olaf Scholz ein Inter- so empfunden wie viele andere auch: als die Ratspräsidentschaft der Europäischen
view geben – was hätten Sie da entgegnet? klare Ansage von Olaf Scholz, dass Martin Union, die vor epochalen Herausforderun-
Schulz: Vor einem halben Jahr hätte es ja Schulz nicht auf dem richtigen Weg ist. Da gen steht. Deshalb halte ich es für fahrläs-
gar nicht die Notwendigkeit gegeben. Aber war ich schon irritiert. Das haben wir dann sig, eine Debatte darüber zu führen, ob
die Situation der SPD ist ernst, und das ist in einem Gespräch noch ganz gut meistern die SPD aus der Regierung aussteigen soll.
der Grund, warum wir hier sind. können. Aber dabei blieb es ja nicht. Ich will jemanden wählen, der sagt: Ich
SPIEGEL: Dass wir überhaupt hier sitzen, SPIEGEL: Was folgte dann? stehe zu diesem Koalitionsvertrag. Ich
ist trotzdem eine kleine Sensation, weil Schulz: Ich will es mal so sagen: Es gab sehe in der zweiten Halbzeit der Regie-
das Verhältnis zwischen Ihnen beiden seit eine Phase, in der ich den Eindruck hatte, rung richtige Chancen. Diese Haltung
Jahren äußerst schwierig ist, um nicht zu dass die 20,5 Prozent, die wir bei der Wahl haben meiner Einschätzung nach nur Olaf
sagen: zerrüttet. Wie kam es dazu? geholt hatten, als meine ganz persönliche Scholz und Klara Geywitz. Ich rate von
Schulz: Olaf Scholz und ich sind sowohl Niederlage dargestellt werden sollten. Da der Wahl von Kandidaten ab, die aus der
von unserem Temperament als auch von habe ich mich im Stich gelassen gefühlt. Regierung aussteigen wollen.
der Sichtweise auf Politik her sehr unter- Scholz: Das Wahlergebnis galt der Partei SPIEGEL: Mit dieser Option liebäugeln die
schiedlich. Und dann gab es eine Zeit lang und war nie allein einer Person zuzuschrei- Gegenkandidaten Saskia Esken und Nor-
auch ein echtes Konkurrenzverhältnis zwi- ben. Die komplette Parteiführung hat sich bert Walter-Borjans.
schen uns an der Parteispitze. gefragt, wie es nach einem solchen Ergeb- Schulz: Es kommt noch etwas hinzu. Die
SPIEGEL: Damals waren Sie noch SPD- nis weitergehen kann. Bundesrepublik ist der größte Mitglied-
Chef, hatten gerade krachend die Bundes- SPIEGEL: Gab es einen Moment, in dem staat der Europäischen Union, die viert-
tagswahl verloren, und Scholz saß Ihnen Sie gesagt haben: Jetzt habe ich keine Lust größte Industrienation der Welt. Ich glau-
im Nacken. Herr Scholz, man kann schon mehr, mit dem Olaf zu reden? be, man braucht als Politiker ein inter-
sagen, dass das ein harter Machtkampf Schulz: Ja, die Momente gab’s. Aber das nationales Netzwerk, um eine Partei wie
war, oder? war nicht auf Olaf Scholz beschränkt. Nach die SPD zu führen. Deshalb komme ich
Scholz: Ich neige nicht dazu, bei der Zu- dem Scheitern der Verhandlungen über zu dem Schluss, dass ich bei allen Diffe-
sammenarbeit an der Spitze der SPD in sol- eine Jamaikakoalition haben wir uns doch renzen Olaf Scholz mehr vertraue als den
chen Kategorien zu denken. Auch Brandt, noch zu Gesprächen über eine Große Ko- anderen Bewerbern. Und ich kann sagen,
Schmidt und Wehner haben es trotz voll- alition bereit erklärt. Daraus wurde: Schulz leicht fällt mir dieser Schritt nicht.
kommen unterschiedlicher Charaktere ge- fällt um. Und meine Kollegen an der Spitze SPIEGEL: Herr Scholz, fühlen Sie sich
schafft, gemeinsam etwas hinzukriegen. Es der Partei haben das mit befeuert. Da gab geehrt?
ist nun die Verantwortung unserer Genera- es Momente, wo ich den einen oder ande- Scholz: Sehr, diese Unterstützung ist mir
tion, das ebenfalls gut hinzubekommen. ren, Olaf eingeschlossen, auf die erdabge- wichtig. Sie zeigt, dass wir trotz manch
SPIEGEL: Sie haben kurz nach der Nieder- wandte Seite des Mondes gewünscht habe. unterschiedlicher Sichtweisen zusammen-
lage von Martin Schulz in einem Papier SPIEGEL: Und jetzt will ausgerechnet Olaf stehen können in der SPD. Denn die Lage
eine »schonungslose Betrachtung der La- Scholz Ihr Nachnachfolger als Parteichef ist ernst: Das Leben in unserem Land wäre
ge« gefordert und beklagt, dass die SPD werden. Was sagen Sie dazu? ein anderes, wenn die SPD keine starke
im Wahlkampf nicht konkret genug gewe- Schulz: Dass ich ihm meine Stimme geben Partei bliebe. Die SPD muss dafür sorgen,
sen sei. Das waren echte Messerstiche. werde. dass die Bürger zuversichtlich in die Zu-
Scholz: Nein. Wir hatten uns miteinander SPIEGEL: Das ist angesichts der Vorge- kunft schauen. Da geht es um den Klima-
darüber verständigt zu diskutieren, welche schichte mindestens erstaunlich. wandel genauso wie um die technologi-
Lehren wir für die Zukunft der SPD aus der Schulz: Die Vorgeschichte ist die eine Sa- schen Herausforderungen der Digitalisie-
Niederlage ziehen wollten. Es ging uns bei- che. Wir können hier noch lange auf per- rung. Es ist ja kein Zufall, dass in Ländern,
den, Martin Schulz und mir, immer darum, sönlichen Differenzen rumreiten. Olaf in denen die sozialdemokratischen Par-
dass unsere Partei mit ihrer Verantwortung wird sich sicherlich auch irgendwann sa- teien schwächer werden, die Zuversicht
für den Zusammenhalt in unserem Land ihre gen, na ja, der Schulz ist mir auch auf den schwindet.
historische Mission weiter erfüllen kann. Senkel gegangen. Aber darum darf es jetzt SPIEGEL: Jetzt machen Sie beide gemein-
SPIEGEL: Herr Schulz, wie haben Sie das nicht mehr gehen. Damit muss in der SPD sam Wahlkampf, dabei stehen Sie für ein
damals empfunden? endlich Schluss sein. Wir müssen uns auf vollkommen unterschiedliches Verständ-
Schulz: Wir hatten uns unmittelbar nach die Herausforderungen konzentrieren. nis von Politik. Herr Schulz hat im Bun-
der Wahl ausdrücklich Beiträge zu der De- SPIEGEL: Welche meinen Sie? destag gerufen, die AfD gehöre »auf den
batte gewünscht, wie es nun weitergeht. Schulz: In Deutschland, in ganz Europa Misthaufen der Geschichte«, während Sie,
ist die extreme Rechte auf dem Vormarsch. Herr Scholz, Ihrer Partei mal geraten ha-
Das Gespräch führten die Redakteure Christoph Hick- Die internationale Lage, und zwar ökono- ben, möglichst ruhig und gelassen mit der
mann und Veit Medick. misch, ökologisch und sicherheitspolitisch, AfD umzugehen. Was braucht die SPD

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 47


Deutschland

denn nun: mehr Bauch oder mehr weil die es lieber mögen, wenn es
Kopf? pufft und kracht. Aber das Rennen
Scholz: Ich glaube, dass Sie Martin um den Vorsitz ist kein Ringkampf.
Schulz unrecht tun, wenn Sie in Wir Sozialdemokraten sind nicht
Abrede stellen, dass er einen Kopf zufällig in ein- und demselben La-
hat. Und ich glaube, dass Sie mir den. Auch wenn wir manches
unrecht tun, wenn Sie mir nicht unterschiedlich betrachten, wollen
die Leidenschaft zubilligen, die uns wir alle mehr oder weniger in die
alle eint. gleiche Richtung.

DOMINIK BUTZMANN / DER SPIEGEL


SPIEGEL: Entschuldigen Sie, aber SPIEGEL: Nehmen wir die Europa-
Leidenschaft ist wirklich das Letzte, politik. Fehlt Ihnen nicht genau da
was man mit Ihnen in Verbindung die schulzsche Leidenschaft?
bringt. Scholz: Nein, überhaupt nicht.
Scholz: Nun ja, im Norden drückt Wenn ich mir die Welt gerade an-
sich Leidenschaft manchmal etwas schaue, kann einem mulmig wer-
nüchterner aus als anderswo. Es ist den. Die Welt ist bedroht von ei-
aber Leidenschaft, die uns zusam- nem rücksichtslosen Unilateralis-
men gegen die Gefahr von rechts mus. In wenigen Jahren wird es
stehen lässt. Wir antworten auf po- »Martin Schulz hat uns vielleicht Russland geben als starke
pulistische Parolen mit Argumen- Macht, die USA, China, Brasilien
ten, um die Bürger zu überzeugen.
ein Erbe hinterlassen, das niemand und Indien. Manche sagen voraus,
SPIEGEL: Zum Beispiel? von uns vergessen darf.« dass Nigeria mehr Einwohner ha-
Scholz: Wieso kümmern wir uns ben wird als die ganze EU zusam-
um den Klimaschutz, während an- Olaf Scholz men. Wenn wir hier in Europa
dernorts neue Kohlekraftwerke ge- noch relevant sein wollen, müssen
baut werden, werde ich gefragt. wir in Europa zusammenstehen.
Meine Antwort: weil wir es können – und burg. Und dann fährst du mal da hin und Schulz: Das teile ich zu 100 Prozent. Ich
die Technologie entwickeln, die wir später guckst dir an, was der da für ’ne Woh- persönlich würde es nur anders vortragen.
in alle Welt verkaufen können. Damit si- nungsbaupolitik gemacht hat. Und dann Wir müssen Europa deshalb emotionali-
chern wir unsere Zukunft doppelt. Wir sprechen wir noch mal. Aber Olaf, ich wür- sieren, weil der Angriff auf Europa auch
dürfen denjenigen, die sich für populisti- de mir wünschen, du lässt den Vizekanzler emotional verläuft. Die Europafeinde zie-
sche Parolen empfänglich zeigen, nicht die mal im Vizekanzleramt! Ich hab dich doch len auf den Bauch der Menschen. Sie ver-
Ausrede gestatten, dass die Zeiten eben schon erlebt, auf Hamburger Parteitagen, suchen, alle Probleme auf Europa zu re-
schwer sind. Da müssen wir klar gegenhal- da hast du gesagt: Passt mal auf, Leute, duzieren. Wir müssen dem eine Vision ent-
ten. Die SPD ist von armen Leuten gegrün- wer bei mir Führung bestellt, der kriegt gegenstellen.
det worden, die für Demokratie und den die auch. Und das brauchen wir jetzt wie- SPIEGEL: Die da wäre?
Sozialstaat gekämpft haben. Die haben der! Die Leute sind doch aufgewühlt. Die Schulz: Die Gründer Europas haben die
sich nicht gegen ihre Nachbarn gewandt bewegt tief in ihrem Herzen eins: Meine Länder auf unserem Kontinent so ineinan-
und sich nicht gegenüber anderen erhöht. Sozialdemokratie darf nicht kaputtgehen. der verwoben, dass Krieg unter ihnen un-
SPIEGEL: Herr Schulz, wenn Sie sich diese Das ist die Emotion, die wir aufnehmen möglich geworden ist. Du erinnerst dich
Antwort anhören, zweifeln Sie dann nicht müssen. Du musst den Leuten zeigen, dass vielleicht, Olaf: Als Jusos haben wir immer
wieder an Ihrer Wahlentscheidung? in dir die Leidenschaft brennt, uns wieder von der strukturellen Nichtangriffsfähig-
Schulz: Eins vorweg: Ich mache hier kei- nach vorn zu bringen. keit gesprochen. Die haben wir in Europa.
nen Wahlkampf, sondern erläutere, wa- Scholz: Ich stimme dir zu, denn natürlich Und es gibt Leute, die sie wieder abschaf-
rum ich im zweiten Wahlgang Scholz und leiden wir alle unter den miesen Wahl- fen wollen. Der Geist der Zerstörung, der
Geywitz meine Stimme gebe. Ich habe im ergebnissen. Und es freut mich natürlich, gewinnt in Europa wieder Platz, und dem
ersten Wahlgang übrigens Boris Pistorius dass du mich auch schon begeisternd er- muss man eine positive Emotion entgegen-
und Petra Köpping, die mir politisch am lebt hast. Für mich ist die SPD tatsächlich setzen. Ein freies, vielfältiges Europa, das
nächsten stehen, gewählt. Und was meine eine sehr emotionale Angelegenheit. Es uns schützt und in dem jeder Einzelne ein
jetzige Wahlentscheidung angeht: Nein ich gibt keine Alternative zur Sozialdemokra- erfülltes Leben leben kann. Ich weiß, das
zweifle nicht an ihr. Aber, Olaf, ich würde tie, wenn man will, dass es in diesem Land ist nicht deine Rhetorik, sondern meine.
dir gern was sagen, das sich in etwas zu- fair zugeht. Das ist tief in mir drin. Und Scholz: Und doch ist genau das auch mei-
sammenfassen lässt, was Sigmar Gabriel ich kandidiere gemeinsam mit Klara Gey- ne Überzeugung.
einmal gesagt hat: Hamburgische Bürger- witz für den Parteivorsitz, weil mir klar Schulz: Wir brauchen halt eine Kombina-
meister werden in blauen Anzügen gebo- geworden ist: Wenn ich das jetzt in dieser tion aus verschiedenen Fähigkeiten.
ren. So kommen die auf die Welt. Situation nicht tue, werde ich mir das nie- Scholz: Zusammen sind wir Sozialdemo-
Scholz: Das ist lustig, stimmt aber nicht. mals verzeihen. Niemals. kraten immer gut. Aber ernsthaft: Wir
Schulz: Das Problem, das er damit be- SPIEGEL: Aber hat Martin Schulz mit sei- Deutschen haben immer eine besondere
schrieb, ist: Menschen werfen unserer Par- nem kleinen Coaching nicht recht? Wenn Rolle in Europa. Da geht es auch um Ver-
tei und speziell dir vor, wir seien zu abge- man Sie während der Regionalkonferen- antwortung für unsere Geschichte. Wenn
hoben, zu emotionslos. Ich finde ja alles zen beobachtet hat, fragte man sich: Wann Großbritannien aus der EU austritt, dann
richtig, was du gerade gesagt hast. Aber kommt da mal was Emotionales? wird das einige Deutschland in Europas
wenn ich Leuten mit Olaf Scholz ankom- Scholz: Johannes Rau hatte das Motto: Mitte noch prägender sein. Dann können
me, rollen die erst mal mit den Augen. Versöhnen statt spalten. Das gefällt mir. wir nicht vom Rand aus kommentieren.
SPIEGEL: Und was sagen Sie denen? Ich will, dass die SPD zusammenbleibt. Dann müssen wir die sein, die Europa
Schulz: Denen sag ich: Pass auf, du kriegst Das mag für die Medien vielleicht nicht vorantreiben, auch gegen massive Wider-
von mir ’nen Freifahrtschein nach Ham- die spannendste Herangehensweise sein, stände.

48
SPIEGEL: Geht es konkreter? Scholz: Das war anders gemeint,
Scholz: Nehmen Sie die Banken- wie du weißt.
union, also einen einheitlichen Ban- Schulz: Weiß ich. Das finde ich
kenmarkt für die Eurozone. Das auch schön mit dem Erbe. Vor al-
klingt sperrig. Aber das wird ein lem unsere 20,5 Prozent bei der
Riesenthema. Es geht darum, ob Bundestagswahl. Dahin und da-
wir irgendwann nur noch das rüber hinaus wollen wir ja auch
Marktfeld für den global agieren- wieder kommen.
den Kapitalismus aus anderen Län- SPIEGEL: Das wird uns jetzt etwas

DOMINIK BUTZMANN / DER SPIEGEL


dern sind. Das will ich verhindern. zu harmonisch zwischen Ihnen.
Oder die faire Besteuerung vor al- Schulz: Finde ich nicht. Sie können
lem digitaler Konzerne. Stichwort: doch nicht erwarten, dass sich zwei
globale Mindestbesteuerung. Sie führende Sozialdemokraten hier in
ist auch ein Signal, dass wir in so einem Interview die ganze Zeit
Europa einen internationalen Steu- aufs Maul hauen. Das ist genau der
ersenkungswettbewerb nicht mit- Grund für die Krise der SPD. Wir
machen. Wir können doch nicht un- gewinnen nur das Vertrauen der
ser Bildungssystem, die Infrastruk- Menschen, wenn wir selbst zusam-
tur, unseren Sozialstaat aufs Spiel »Ich weiß, Europapolitik ist nicht menhalten. Auch deswegen gehe
setzen, nur um irgendwie im glo- ich auf Olaf zu.
balen Steuerwettbewerb mitzuhal-
nur deine Aufgabe. Aber ich erwarte SPIEGEL: Was sagen Sie den Mit-
ten. Dann muss sich auch niemand da schon mehr Tempo, Olaf.« gliedern, die von Olaf Scholz die
wundern, wenn sich Bürger von Nase voll haben?
der Politik abwenden. Martin Schulz Schulz: Dass die SPD sich von
SPIEGEL: Herr Schulz, sind Sie mit ihrem engen Blick lösen muss. In
der Europapolitik von Olaf Scholz anderen europäischen Staaten
zufrieden? Mit dem Tempo, in dem das Flüchtlinge auf. Wir brauchen deshalb eine schaut man mit Spannung auf die Entwick-
Europakapitel des Koalitionsvertrags um- Solidaritätsklausel im EU-Haushalt. Es lung in der SPD. Die Wahlentscheidung
gesetzt wird? kann doch nicht sein, dass wir als Deutsche unserer Mitglieder sollte sich auch daran
Schulz: Nein. Die Bankenunion ist ja wun- solidarisch sind gegenüber Ländern, die orientieren, dass wir eine stolze inter-
derbar. Aber was wir verlernt haben als uns gegenüber unsolidarisch sind. nationale Partei sind, die nicht nur nach
SPD, ist, Dinge auch mal zu vereinfachen. Scholz: Ja, ich finde, es zahlt sich aus, dass innen blicken darf.
Man kann die Bankenunion im Detail er- wir in der europäischen Politik nicht mehr SPIEGEL: Sie haben einen steilen Aufstieg
klären, oder man sagt: Wir beenden den wie in der Vergangenheit mit dem erhobe- und einen sagenhaften Absturz hinter sich.
Spekulationskapitalismus des vergange- nen Zeigefinger agieren. Gegenüber Grie- Trotzdem sind Sie immer noch dabei. Gibt
nen Jahrzehnts. Wir müssen viel mutiger chenland zum Beispiel. Die Debatte da- es eine Sucht nach Politik?
auftreten und zeigen, dass wir wirklich rüber, dass wir da noch mal viele Milliar- Schulz: Nee. Ich habe in jungen Jahren
einen Aufbruch in Europa wollen. Es gibt den an Unterstützung mobilisiert haben, eine Suchterfahrung in meinem Leben
viele Punkte, wo die Bundesregierung viel hat ganz leise stattgefunden. Ich finde es gemacht. Deshalb kann ich ganz klar
zu passiv ist, inklusive der SPD-Seite. Wir gut, dass wir so unaufgeregt agiert haben sagen, dass Politik für mich keine Sucht
brauchen viel mehr Investitionen in Bil- und es nicht für eine innenpolitische Pro- ist. Ich bin ein leidenschaftlicher Politiker,
dung und Forschung. Das Eurozonenbud- filierung genutzt haben. Ich will nicht, dass der glaubt, dass er mit seinen Fähigkeiten
get ist zu klein. Und der europäische Fi- wir die Lehrmeister Europas sind. dazu beitragen kann, die Welt und das
nanzminister muss kommen. Ich weiß, das SPIEGEL: Herr Scholz, können Sie es sich Leben der Menschen besser zu machen.
ist nicht nur deine Aufgabe. Aber ich leisten, im Falle eines Sieges auf einen Ge- Das ist mein Motiv, daran glaube ich. Und
erwarte da schon mehr Tempo, Olaf. neralsekretär Martin Schulz zu verzichten? deshalb bin ich auch immer noch aktiv
Scholz: Na ja. Mit dem Eurozonenbudget Schulz: Ihre Frage ist völliger Unsinn. mit dabei.
ist uns ein wichtiger erster Schritt gelun- Scholz: Das ist nun wirklich kein Job, den Scholz: Dieses Pathos trägt einen ja auch.
gen. Auch bei der europäischen Arbeits- man einem ehemaligen Parteivorsitzenden SPIEGEL: Hatten Sie ebenfalls mal einen
losenrückversicherung sind wir schneller empfehlen sollte. Martin Schulz hat uns Moment, in dem Sie ganz unten waren in
vorangekommen, als viele dachten. Das ein Erbe hinterlassen, das niemand von der Politik, Herr Scholz?
findet überall in Europa Unterstützung, uns vergessen darf. Nachdem er Vorsitzen- Scholz: Ich bin ja mit 17 Jahren in die SPD
auch bei der neuen Kommissionspräsiden- der geworden war, hat die SPD einen rie- eingetreten und habe dann bei den Jusos
tin. Das sind echte Fortschritte. Natürlich sigen Sprung in den Umfragen gemacht. Politik gemacht. Danach bin ich eine Zeit
wäre es schön, wenn es noch schneller gin- Das hatte mit den Hoffnungen zu tun, die lang ausgestiegen. Ich habe 13 Jahre lang
ge, aber wir haben nicht nur viele EU-Part- viele in ihn gesetzt haben. Das hat gezeigt: als Anwalt gearbeitet. Diese Zeit gibt mir
ner, sondern nun mal auch so einen Koali- Ein solcher Sprung ist möglich. Wir kön- bis heute eine Sicherheit und Unabhängig-
tionspartner, der gerade mit anderen Din- nen mitspielen, wenn es um die Führung keit, die Dinge, die einem in der Politik
gen beschäftigt ist. des Landes geht. Das können wir uns ruhig begegnen, mit einer gewissen Gelassenheit
Schulz: Okay. Aber ich rede vor allem häufiger sagen. zu nehmen. In der Demokratie wird man
auch von größeren Prinzipienfragen in der Schulz: Bist du auch Notar? Oder nur auf Zeit gewählt, und man muss immer
EU. Wie soll es angesichts ernsthafter Dif- Rechtsanwalt? mit im Blick haben, dass man abgewählt
ferenzen, die wir im Inneren haben, wei- Scholz: Nur Rechtsanwalt. werden kann. Man darf sich nie für unver-
tergehen? Nehmen wir die Problemfälle Schulz: Siehste. Notare verwalten das zichtbar halten.
Ungarn oder Italien. Ungarn, eines der Erbe. In der Regel ist das der Nachlass von SPIEGEL: Herr Scholz, Herr Schulz, wir
Hauptnettoempfängerländer, wirft sich Verstorbenen. Ich bin aber noch da, und danken Ihnen für dieses Gespräch.
jetzt Putin an den Hals und nimmt keine ihr werdet mich auch nicht los.

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 49


darum, die Lebensqualität ihrer Bürger zu
bewahren.
Die Vorzeigeanlage in Liggeringen ist
ein beliebtes Ziel für Delegationen aus an-
deren Städten und Ländern, selbst Ent-
sandte aus China oder Afrika waren schon
bei den Stadtwerken zu Besuch. Radolfzell
ist mit seinen 31 000 Einwohnern zwar kei-
ne Metropole, gilt aber als führend beim
regionalen Klimaschutz und ist Sitz meh-
rerer Umweltorganisationen.
Die Einzelfahrt mit dem örtlichen Bus
kostet seit 2017 nur noch einen Euro. Da-
für machte die Verwaltung die Parkplätze
teurer. Mit dem Resultat, dass bis zu ein
Fünftel weniger Autos geparkt wurden,
während sich die Busfahrten im Dreijah-
resvergleich verdreifachten. Zusätzlich
zum Verkehr achtet die Stadt besonders
auf den ökologischen Zustand der Gebäu-
de, ein erstes klimaneutrales Gewerbe-

STEPHANIE PILICK / DPA


gebiet ist ausgeschrieben.
»Deutschlandweit ist die nachhaltige
Wärmeversorgung das Sorgenkind der
Energiewende«, sagt der parteilose Ober-
bürgermeister Martin Staab. Das Klima-
Ökohaus in Berlin: »Die Kommune muss ein Vorbild sein« paket der Bundesregierung hält er für »ma-
ger«: Es enthalte »zu viele Kompromisse«,
so Staab. Ölheizungen etwa dürften noch
über Jahre eingebaut werden.

Tropennacht und Im Juli diskutierte der Radolfzeller


Gemeinderat, ob man auf Verlangen der
»Fridays for Future«-Bewegung den »Kli-

Tigermücke manotstand« ausrufen solle. Das Kommu-


nalparlament wählte dann lieber einen
anderen Begriff für sein Programm: »Kli-
makrise Radolfzell aktiv«.
Umweltpolitik Dutzende Städte und Gemeinden machen vor, Einen »Klimanotstand« haben in den
wie Klimaschutz geht. Sie begrünen Dächer, vergangenen Monaten Dutzende Kommu-
nen in Deutschland erklärt. Den Anfang
verbilligen die Bustickets oder verbieten Heizpilze. machte Konstanz am Bodensee: Die Stadt
erkenne die »Eindämmung der Klima-

D
er Himmel leuchtet blau über Glasfasernetz, neue Straßenlaternen und krise« als »Aufgabe von höchster Priorität«
dem Kirchturm, die Herbstsonne Gehwege. Statt einzelner Heizkessel ver- an, heißt es in einer Resolution des Ge-
scheint mild auf die gewellten fügt ein Großteil der Haushalte nun über meinderats von Anfang Mai. Der Ober-
Äcker. Andreas Reinhardt hat kei- eine kompakte Übergabestation im Keller. bürgermeister schaffte seinen Dienst-
nen Blick für die Bilderbuchlandschaft, er 1400 Tonnen CO würden so pro Jahr ein- wagen ab. Bei sämtlichen Entscheidungen
²
weist stolz auf einen Neubau am Ortsrand gespart, sagt Reinhardt. muss die Verwaltung künftig bedenken,
inmitten von Solarpaneelen. Um das Großthema Klima, das die Bun- wie sie sich aufs Klima auswirken. Dem
»Heizzentrale Solarenergiedorf Ligge- desregierung ebenso wie die Uno-Vollver- Beispiel folgten unter anderem Heidelberg,
ringen« steht auf dem Gebäude. Der Ge- sammlung beschäftigt, kümmern sich viele Karlsruhe, Kiel, Münster, Lübeck, Greifs-
schäftsführer der Stadtwerke Radolfzell deutsche Städte und Gemeinden ganz wald, Bonn, Köln, Potsdam, Trier, Jena
erklärt, wie die Sache funktioniert: Die praktisch. Die Verantwortlichen fragen und Gladbeck. Auch kleinere Gemeinden
Sonnenkollektoren auf dem Feld erwär- sich, welchen Beitrag sie leisten sollen und und Stadtbezirke schlossen sich an. In
men Wasser, das über ein Röhrennetz die können, um den CO -Ausstoß einzudäm- Berlin machte der Stadtbezirk Pankow
²
angeschlossenen Haushalte heizt. Scheint men. Zwar stammen nur rund zwei Pro- den Vorreiter und rief den Klimanotstand
die Sonne nicht stark genug, springt in der zent der schädlichen Emissionen weltweit aus. Die Grünen fordern dort einen eige-
Zentrale eine Heizung an, in der Holz- aus Deutschland, doch Klimapolitik hat nen Klimaschutzbeauftragten und wollen
schnitzel verbrannt werden. auch eine Vorbildfunktion, nicht zuletzt keine dienstlichen Inlandsflüge für Bezirks-
»Jede vor Ort erzeugte Energie ist bes- für die privaten Verbraucher. amtsmitarbeiter mehr genehmigen.
ser als solche, die über lange Leitungen Eine weitere Veränderung, über die sich Dabei ist der Begriff Klimanotstand,
transportiert werden muss«, sagt Rein- Lokalpolitiker Gedanken machen, sind die übersetzt vom englischen »climate emer-
hardt. Rund vier Millionen Euro haben mittlerweile gehäuft auftretenden Wetter- gency«, umstritten. »Wir stehen zwar unter
seine Stadtwerke investiert und dabei extreme. Die Kommunen suchen nach ge- einem enormen Handlungsdruck«, sagt
gleich den Ortsteil saniert: Liggeringen am eigneten Konzepten gegen Gluthitze in der Mannheimer Oberbürgermeister Peter
Bodensee, sieben Kilometer vom Radolf- den Innenstädten oder gegen örtliche Kurz (SPD), Ziel sei es aber gerade, »durch
zeller Stadtzentrum entfernt, bekam ein Überschwemmungen. Vorrangig geht es entschiedenes Handeln einen Notstand zu

50 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Deutschland

vermeiden«. Wenn vom Notstand geredet Am Alpenrand fürchtet man eher Erd- Wenn die Stadt neu baut, soll es ver-
werde, seien Zwangsmaßnahmen womög- rutsche und Bergstürze. Ministerpräsident pflichtend sein, Flachdächer komplett
lich der nächste Schritt. »Damit sollte man Markus Söder (CSU), der sich medienwirk- zu begrünen, Fassaden zu mindestens
nicht spielen.« Stattdessen hat Kurz im Ge- sam für den Klimaschutz engagiert, besuch- 30 Prozent. Vom Stuttgarter Flughafen
meinderat Anfang Oktober einen Dring- te mehrmals die nach seinen Worten be- sollen keine Flüge mehr zu Zielen abge-
lichkeitsplan zum Klimaschutz eingebracht. sonders »klimaintensive Region«, darunter hen, die auch in zwei Stunden per Bahn
Wie sehr die Erderwärmung die städti- den schmelzenden Schneeferner-Gletscher erreichbar sind. Die Heizpilze, unter de-
sche und stadtnahe Natur bereits verän- auf der Zugspitze. Am 24. Oktober führte nen sich in kühlen Nächten Kneipengän-
dert, zeigt sich in Schwetzingen nahe Söder die Ministerpräsidentenkonferenz ger gern wärmen, sollen in Stuttgart ver-
Mannheim. Im dortigen Schlossgarten, auf den höchsten deutschen Berg. boten werden.
einer denkmalgeschützten Anlage aus Im Kreis Kleve am Niederrhein verab- »Die Kommune muss ein Vorbild sein«,
dem 18. Jahrhundert, sind durch die Tro- schiedeten die Bürgermeister von 16 Städ- sagt Hans Erhorn vom Stuttgarter Fraun-
ckenheit 80 Prozent der Buchen im Park ten und Gemeinden eine gemeinsame Er- hofer-Institut für Bauphysik, der den
geschädigt, 50 Prozent teilweise oder ganz klärung: »Eine zeitgemäße Klimaschutz- Klima-Masterplan für die Landeshaupt-
abgestorben. Selbst die noch gesunden politik baut auf zwei Säulen: Vermeidung stadt mit erarbeitet hat. »Wenn die öf-
Bäume werfen Äste ab, sodass Parkbesu- und Anpassung.« Ein solches Handeln sei fentliche Hand nicht vorangeht, werden
cher aus Sicherheitsgründen bisweilen »über die Grenzen der eigenen Kommune Unternehmen und Bürger nicht folgen.«
nicht mehr darunter sitzen dürfen. als regionale Aufgabe zu verstehen« und Die Technologie für die flächendeckende
Die Verwaltung lässt als Gegenmittel »gemeinschaftlich anzugehen«. energetische Sanierung von Gebäuden
unter anderem sogenannte Pflanzenkohle Viele Städte und Landkreise bundes- sei vorhanden, deutsche Unternehmen
vergraben: gebackene Gartenabfälle, die, weit bemühen sich um vorzeigbare Pro- seien häufig Marktführer, so der Bau-
vermischt mit dem sandigen Boden, das experte.
versickernde Regenwasser speichern sol- Doch Erhorn warnt vor überzogenen
len, um das Leben der Baumriesen zu Die Rhetorik der Aktivisten Erwartungen. »Die Verwaltungen sind
verlängern. vor Ort ist kaum weniger jetzt dabei umzustellen, aber das dauert.«
Ähnliche Probleme sind in anderen Besonders bei Sanierungen rechneten
historischen Gärten zu beobachten, zum düster als die des Vorbilds sich die Einsparungen häufig erst nach
Beispiel in Sanssouci in Potsdam. »Wir wer- Greta Thunbergs. mehr als einem Jahrzehnt. »Solche Zeit-
den zentrale Elemente unseres kulturellen spannen sollte eine Gesellschaft akzep-
Erbes verlieren, wenn wir nicht gegen- tieren.«
steuern«, warnt Michael Hörrmann, Ge- jekte: Der Landkreis Bayreuth will einen Der grüne Stuttgarter Oberbürger-
schäftsführer der Staatlichen Schlösser und Klimacheck für anstehende Entscheidun- meister Fritz Kuhn fährt einen Elektro-
Gärten Baden-Württemberg sowie Vorsit- gen auch in Kommunalunternehmen und Smart als Dienstauto und äußert Ver-
zender des Vereins Schlösser und Gärten Zweckverbänden einführen. Heidelberg ständnis für die Bewegung »Fridays for
in Deutschland. Schäden an der Vegetation will die Gewerbesteuer für Unternehmen Future«, die Jugend protestiere zu Recht:
machten sich oft erst allmählich bemerk- senken, die sich klimafreundlich verhalten. »Es geht nicht um Wohlfühlprogramme,
bar: »Der eigentliche Stress kommt noch.« Der Städtetag Baden-Württemberg for- wir müssen wirklich etwas Relevantes
Der Experte rechnet teilweise mit Bedin- dert, mehr solche Anreize in das kom- tun.« Doch der Stadtchef sagt auch:
gungen wie in Italien oder in Spanien. munale Abgabensystem einzubauen. »Ohne eine gute Klimapolitik des Bundes
Der Deutsche Städte- und Gemeinde- Die Stadtverwaltung Fulda kühlt ihr können die Kommunen nicht das Maxi-
bund hat aufgelistet, welche extremen zentrales Rechenzentrum mit Geother- mum herausholen.«
Ereignisse inzwischen gehäuft vorkom- mie. Landau in der Pfalz möchte be- So beurteilt der Städte- und Gemein-
men: »Hitze und Dürre in Städten und grünte Dächer bei neuen Garagen und debund das schwarz-rote Klimapaket
Gemeinden«, »Starkregenereignisse und Carports zur Pflicht machen. In Senf- als »wichtigen Schritt«, hält jedoch die
Hochwasser«, dazu Tropennächte mit tenberg in der Lausitz soll Busfahren Preisansage für CO für »relativ zaghaft«.
²
Temperaturunterschieden von bis zu zehn nach dem Willen des Stadtparlaments Die Kommunalvertreter fordern eine
Grad zwischen Stadt und Umland. Man- nichts mehr kosten. »ehrliche Debatte« über die Finanzierung
cherorts drohen die Tiefbrun- Die Maßnahmen werden des Pakets und warnen vor Minderein-
nen auszutrocknen. viel Steuergeld verschlingen, nahmen für die Kommunen. Gerade die
Laut einem Bericht des Um-
Hitzetage* 24,7 besonders für Bau, Verkehr brauchten jetzt zusätzliches Geld: »Im
in Baden-
weltministeriums Baden-Würt- Württemberg; und Energie. Hamburg hat Hinblick auf die notwendige Verkehrs-
temberg steigen die Temperatu- projizierter fast eine Milliarde Euro aus- wende in den Städten und Gemeinden ist
ren im deutschen Südwesten Jahres- gegeben, um das Fernwärme- ein nachhaltiges und hohes Investitions-
stärker als im globalen Durch- durchschnitt netz zurückzukaufen. Künftig paket notwendig.«
schnitt, in den vergangenen 30 will die Hansestadt ihre Kun- Klimaschützer in den Kommunen ha-
Jahren um ein Grad. Die For- den weitgehend CO -neutral ben wie Greta Thunberg in New York klar-
²
scher errechneten für das Ende Quelle: LUBW
versorgen, indem sie die Fern- gemacht, dass sie die Verantwortlichen
des Jahrhunderts jährlich etwa * ab 30 Grad Celsius; wärme ohne Kohle erzeugt. weiter in die Pflicht nehmen wollen. Die
**Referenzwert
25 Hitzetage mit Temperaturen In Stuttgart brachten Ober- Rhetorik der Aktivisten vor Ort ist kaum
von 30 Grad oder mehr (siehe bürgermeister und Gemeinde- weniger düster als die des Vorbilds.
Grafik). Fichten und die belieb- rat ein 200 Millionen Euro In München etwa haben Klimaschützer
te Rebsorte Riesling könnten teures Paket auf den Weg. das Bündnis »München muss handeln« ge-
verschwinden. Exotische Tier- 6,6 Überschrift: »Weltklima in gründet. Bei ihren Treffen bezeichnet sich
arten wie die Asiatische Tiger- 3,8** Not – Stuttgart handelt«. die Gruppe als »Klima-Krisenstab«.
mücke oder die Grüne Reiswan- 1971 2021 2071 Im engen Stuttgarter Kes- Jan Friedmann
ze aus Ostafrika breiteten sich bis bis bis sel sollen zusätzliche Grün- Mail: jan.friedmann@spiegel.de
2000 2050 2100
massiv aus. und Wasserflächen entstehen.

51
1959
WEGBEREITEND.
1959 hat Volvo den Dreipunktgurt erfunden und in allen
Fahrzeugen eingeführt. Zur Sicherheit aller haben wir das
Patent jedem Hersteller zur Verfügung gestellt. Mit Erfolg:
Der Dreipunktgurt ist heute der Lebensretter Nummer eins.
2020
WEGWEISEND.
Ab 2020 sichert Volvo alle Fahrzeuge bei
180 km/h ab. Mit diesem Schritt bleiben wir
unserer Vorreiterrolle treu und machen die
Straßen sicherer für alle Verkehrsteilnehmer.

MEHR AUF VOLVOCARS.DE/180

SCHNELLER SICHER. VOLVO FÄHRT 180.


Gesellschaft
»Wir verabredeten, uns nie wiederzusehen.« ‣ S. 56

Früher war alles schlechter


Nº 200: Schlusswort

200 Argumente – das muss reichen. Wer jetzt noch glaubt, dass schön! – deutlich mehr Liebe als Hass. Dass die Beiträge als
früher alles besser war, dem ist nicht zu helfen. Nach 200 Folgen »abgehobener Mist« aufgefasst wurden, dass man als Autor als
(und fast vier Jahren) ist hier Schluss für diese Rubrik, die vom »Populist«, »Lügner« oder »Dummkopf« bezeichnet wurde,
Fortschritt handelt – von den vielen kleinen und großen Ent- blieb die Ausnahme. Letztlich ging es darum: zu zeigen, dass die
wicklungen, die belegen, dass es auf Erden in vielerlei Hinsicht Zahlen und Daten zu vielen Bereichen menschlichen Lebens
niemals eine bessere Zeit gab als die Gegenwart. Sie handelte besser aussehen, als es die meisten Leute glauben. Natürlich, die
meist von grundlegenden Dingen wie sinkender Armut, längerer Herausforderungen werden eher größer als kleiner: der neue
Lebenserwartung, selteneren Kriegen, schwindender Kriminali- Nationalismus, das ungelöste Energieproblem, das Klima – das
tät, geringerer Kindersterblichkeit und verbesserter Bildung – ab vor allem. Lassen sie sich meistern? Sicherlich nur dann, wenn
und zu aber auch von kleineren Erfolgen wie dem Sieg gegen die man versteht, welche gewaltigen Probleme wir bereits gelöst
Karies, verfeinerten Tischmanieren oder der Rettung des Panzer- haben. Wie weit wir gekommen sind. Wenn man sich vor allem
nashorns. Dieser optimistische Blick auf die Verhältnisse rief für das Gelingen interessiert, nicht nur für das Scheitern. Also
bei Lesern Wider- und Zuspruch hervor, insgesamt aber – danke für die ganze Wahrheit. guido.mingels@spiegel.de

Glaube Schüller: Es wird mit Sicherheit einen SPIEGEL: Und wenn sich ein Priester,
Dominoeffekt geben. Bischofskonfe- der heiraten will, in den Regenwald nach
Sind bald alle Priester renzen aus allen Teilen der Welt, in Südamerika versetzen lässt?
verheiratet, Herr Schüller? denen ebenfalls Priestermangel herrscht, Schüller: Ändert das nichts. Spannend
werden sagen: Was im Amazonasgebiet wird es, wenn ein verheirateter Priester
Thomas Schüller, 58, ist Professor für gilt, muss auch bei uns erlaubt sein. aus dem Amazonasgebiet die Diözese
Kirchenrecht an der Universität Münster. Deutschland gehört dazu. Für bereits wechselt, zum Beispiel nach Europa. Das
geweihte Priester gilt der Beschluss übri- wird Auswirkungen auf die Kirche haben.
SPIEGEL: Die große Mehrheit der Bischö- gens nicht, für sie bleibt der Schon die ersten Berichte
fe aus dem Amazonasgebiet hat bei ihrer Zölibat Pflicht. in den Medien über verhei-
jüngsten Synode dafür plädiert, das Pries- SPIEGEL: Ein Priester, der hei- ratete Priester werden eine
teramt in entlegenen Regionen des Regen- raten will, könnte auf Gleich- Dynamik entwickeln. Das
waldes für verheiratete Männer zu öffnen. behandlung klagen wollen. ist der Grund, warum eine
FILIPPO MONTEFORTE / GETTY IMAGES

Wird es dazu kommen? Schüller: Kann er nicht. Als kleine Gruppe von Kirchen-
Schüller: Bis Weihnachten will Papst rechtsstaatlich sozialisierter oberen Panik hat und die
Franziskus über die Empfehlung entschei- Bundesbürger geht man vom Neuerung verhindern will.
den. Weil er den Bischöfen aber als erster Gleichheitsprinzip aus – das ist SPIEGEL: Kann der nächste
Papst überhaupt erlaubt hat, sanktions- sympathisch. Aber das kirch- Papst den Plan wieder kip-
frei, also ohne Tabus und Scheuklappen, liche Selbstbestimmungsrecht pen?
über dieses Thema zu diskutieren, wird er ist ein Recht mit Verfassungs- Schüller: Ein Papst darf
ihr Votum verbindlich machen. rang, das eine Einmischung alles. Das Amt ist aufgebaut
SPIEGEL: Werden in Zukunft alle deut- des Staates in kirchliche An- wie eine absolutistische
schen Priester verheiratet sein? gelegenheiten ausschließt. Priesterweihe Wahlmonarchie. MAG

54 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


geworfen werden. Da die Bewegung des Wagens die Sig-
Eine Meldung und ihre Geschichte
nale staucht beziehungsweise streckt, lässt sich die Ge-
schwindigkeit aus der Differenz zwischen beiden Signalen

In der Falle errechnen.


Kompliziert wird es, wenn ein zweites Fahrzeug die Mes-
sung stört. In Keedwells Fall war es möglicherweise ein VW
Golf, den er an jenem Novembertag in Worcester überholt
Warum ein Brite ein Vermögen ausgibt, hatte – das jedenfalls ist die Erklärung, auf die Keedwell
anstatt ein Bußgeld seine Hoffnung stützt. Würden zwei Autos gleichzeitig vom
über 100 Pfund zu bezahlen Radar erfasst, so erklärt er sich das, dann könne es passieren,
dass die Messung nicht mehr eindeutig einem Auto zuge-
rechnet werden kann. Es sei also nicht auszuschließen, dass

A m Ortsausgang von Worcester, einer Kleinstadt in den


britischen Midlands, südwestlich von Birmingham ge-
legen, steht am Straßenrand eine gelbe Säule, eine
Radarfalle des Herstellers Gatso. 30 Meilen in der Stunde
die Geschwindigkeit für Keedwells Nissan höher berechnet
wurde, als sie tatsächlich war.
Keedwell legte Einspruch ein. Sein Fall landete zunächst
beim Amtsgericht in Kidderminster. Als das Gericht seinen
sind hier erlaubt, wer deutlich schneller fährt, bekommt Einspruch ablehnte, ging Keedwell in Berufung. Er fand
Post von der Stadt. seine Argumente überzeugend, von dem Richter fühlte er
Richard Keedwell, der sein Leben lang als Ingenieur ge- sich nicht ernst genommen.
arbeitet hat und mittlerweile Rentner ist, passierte die gelbe Die Frage, um die es ging, ist ebenso einfach wie an-
Säule am 30. November 2016, gegen vier Uhr am Nachmittag. spruchsvoll: Kann man sich in jedem Fall auf Kontroll-
Keedwell lebt in Yate, einem Vorort von Bristol, 90 Kilometer systeme verlassen, die mit dem Dopplereffekt arbeiten?
von Worcester entfernt. Er war mit seiner Frau zum Einkau- Oder hätte der Strafbefehl an Keedwell nie rausgehen dür-
fen in Worcester gewesen, jetzt wollten sie nach Hause. Keed- fen, weil der Verkehrsverstoß, der ihm vorgeworfen wurde,
well ist 71 Jahre alt. Er fährt einen SUV von Nissan und hält zwar möglich, aber eben nicht zweifelsfrei war?
sich für einen besonnenen, vor- Im August 2019 wurde Keed-
sichtigen Fahrer. Er achte schon wells Fall schließlich vor dem
deshalb auf seine Geschwindig- Strafgericht in Worcester verhan-
keit, sagt Keedwell, weil er Ben- delt. Fast drei Jahre waren ver-
zin sparen wolle. gangen, seitdem er geblitzt wor-
Drei Monate später brachte den war. Er hatte ein paarmal vor
ihm der Postbote einen Bußgeld- dem Amtsgericht gestanden, in-
bescheid. Er sei mit 36 Meilen zwischen war er finanziell deut-
in der Stunde geblitzt worden, lich in Vorleistung gegangen. Zu
6 Meilen mehr als erlaubt. Die den Gerichtskosten in Höhe von
Buße über 100 Pfund sollte er rund 7000 Pfund waren etwa
QUELLE : YOUTUBE

überweisen. 21 000 Pfund Anwaltshonorar ge-


Keedwell ärgerte sich. Dann kommen. Dazu noch Reisekosten.
aber fiel ihm ein Gespräch ein, Anstatt ein Bußgeld über 100
das er ein paar Monate zuvor mit Pfund zu bezahlen, hatte Keed-
einem Mann namens Tony Glas- Keedwell well fast 30 000 Pfund investiert.
tonbury geführt hatte. Glaston- Im August entschied auch das
bury war ebenfalls geblitzt wor- Strafgericht gegen ihn. Außer Far-
den und hatte gegen den Be- row war ein weiterer Gutachter
scheid erfolgreich Einspruch ein- befragt worden, der zu einem an-
gelegt. Dadurch, behauptete er, Von der Website Merkur.de deren Ergebnis kam. Trotzdem
sei er zum Experten für Tempo- will Keedwell weitermachen, es
messungen geworden. 138 Kläger habe er vor Gericht un- darf nur kein Geld mehr kosten. Außerdem hofft er, wenigs-
terstützt, 135 Fälle seien gewonnen worden. Einmal, hatte tens einen Teil der Summe zurückzubekommen. Er will gegen
Glastonbury behauptet, habe ihn sogar ein Mann aus Aust- formale Fehler klagen. Hat er sich verrannt? »Hat sich Martin
ralien angerufen, weil er Rat brauchte. Luther King in seiner Sache verrannt?«, fragt Keedwell zu-
Glastonbury vermittelte ihn an Tim Farrow, einen ehe- rück. »Was ist mit Nelson Mandela? Oder Gandhi?« Hat ihn
maligen Techniker der britischen Luftwaffe, der seit einigen die Sache ruiniert? Er habe sein Leben lang gespart, sagt
Jahren bei Gerichtsprozessen als Experte auftritt. Farrow Keedwell, vermutlich hätte er das Geld irgendwann seinen
sah sich die Aufnahmen an, sein Urteil klang vielverspre- drei Söhnen vererbt. Die Söhne wiederum, versichert er,
chend: Keedwell, sagte er, sei wahrscheinlich das Opfer einer trügen ihm den Gerichtsstreit nicht nach, er habe ihnen bei-
Besonderheit des Dopplereffekts geworden. gebracht, die Entscheidungen anderer zu respektieren.
Den Dopplereffekt kennt jeder aus dem Alltag: Obwohl Die meisten Autofahrer seien der Meinung, sagt Keedwell,
beispielsweise die Sirene eines Krankenwagens nur eine dass eine Klage gegen Strafzettel aussichtslos sei, weil die
Tonhöhe hat, scheint sich der Ton zu verändern, sobald sich Messgeräte keine Fehler machten. Keedwell sieht das anders.
der Krankenwagen bewegt – für einen Passanten klingt die Er will einen Präzedenzfall schaffen. Er hofft, dass er am
Sirene eines sich nähernden Krankenwagens höher als die Ende gewinnt und dass sein Erfolg eine Klagewelle gegen
eines sich entfernenden Wagens. Grund dafür sind die Schall- Bußgelder auslöst – immerhin stehen die Gatso-Geräte so
wellen, die erst gestaucht und danach gestreckt werden. gut wie überall in Großbritannien.
Radarfallen arbeiten mit dem Dopplereffekt. Sie senden »Mir ist es nie um die 100 Pfund gegangen«, sagt er. »Ich
Signale aus, die von dem vorbeifahrenden Auto zurück- wollte Gerechtigkeit.« Benedikt Herber

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Gesellschaft

Meine Hochzeit, die Stasi


und der Mauerfall
Wiedervereinigung Eine Studentin aus dem Westen heiratet einen Regimekritiker in Ost-Berlin,
damit er ausreisen kann, gemeinsam erleben sie den Zusammenbruch
der DDR. Eine Geschichte über Angst, Liebe und die Revolution. Von Annette Bruhns

D
as berührendste Dokument in Westdeutsche heiraten. Und deshalb muss bemerken können? Die Mauer wurde nicht
Jürgens Stasi-Akte ist drei Zeilen sie, eine einst aus Ostpreußen vertriebene gesprengt, sie erodierte. Allein der Um-
lang: »Hiermit erkläre ich, Frau Witwe, dem Staat bestätigen, dass sie den stand, dass wir binnen Monaten die Erlaub-
Erna Bohl, geboren am 26. Au- geliebten Enkel loslassen wird. Für immer. nis zur Heirat bekamen, zeugt vom Macht-
gust 1917 in Deutsch-Thierau, den Verzicht Denn die DDR war ein Gefängnis. Dieje- verlust des Honecker-Staats im letzten Jahr
auf Unterstützung, Pflege und Fürsorge nigen, die ihm entkommen waren, hatten seiner Existenz. Viele Ost-West-Paare vor
durch meinen Enkel Jürgen Bohl.« Wie hat meistens kein Besuchsrecht. uns hatten jahrelang warten müssen.
sich Jürgens Großmutter gefühlt, als sie Vier Monate nach Erna Bohls Verzicht- Aber auch wir hatten Angst. Jürgen
diese Erklärung unterschrieb? Da will der erklärung haben Jürgen und ich geheiratet, wusste, dass die Stasi ihn überwachte,
Älteste ihres früh verstorbenen Sohns eine am 15. September 1989, auf dem Standes- dass er an seiner Berufswahl gehindert
amt Prenzlauer Berg in Ost-Berlin. Keine wurde. Erst heute wissen wir, dass die Ver-
Fotos und handschriftliche Bildzeilen aus Annette zwei Monate später – vor ziemlich genau hinderung seines Theologiestudiums schon
Bruhns’ Privatalbum. 30 Jahren – fiel die Mauer. Hätten wir es am 12. November 1984 beschlossen wor-

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den war, in einer »Operativen Personen- ein, sondern auch mich, die Westdeutsche, Aber paranoid waren nicht die DDR-
kontrolle« (OPK), der Vorgang lief unter aus. Sie trennte uns voneinander: zwei Bürger, sondern ihre Bewacher. In Jürgens
dem Namen »Konfirmant«. Da war Jürgen Menschen, die dieselbe Sprache sprachen, Akte meldet am 10. März 1988 eine »zu-
gerade 20. dieselbe Geschichte teilten und die beide verlässige Quelle« der Abteilung VI der
Der größte Teil seiner Stasi-Akte traf als Kinder »Ich geh mit meiner Laterne« Stasi-Bezirksverwaltung Berlin, dass »Bohl,
Mitte Mai dieses Jahres ein, 233 von 282 gesungen hatten. Jürgen« nun »im Rahmen der sogenannten
Seiten mit Spitzelberichten über »den Friedensbewegung unter dem Deckmantel
Bohl«. Anfang der Neunzigerjahre hatte Die Begegnung der Kirche« aktiv sei. »Die Quelle bezeich-
Jürgen nur die ersten 49 Seiten erhalten; Ich lernte Jürgen bei einer privat organi- net den B. als Intellektuellen«, steht da.
wir hatten nicht mehr damit gerechnet, sierten Reise in die DDR kennen. Unser Und sie habe beobachtet, wie er »als Bei-
alles zu bekommen. Seine Akte zeigt, wie Besuch begann damit, dass fünf Westler fahrer in einen weißen Pkw Mercedes ein-
die DDR ihre Bürger drangsalierte und am Samstag nach Ostern die Ost-Berliner stieg, dessen polizeiliches Kennzeichen mit
formte – und wie sie damit die Deutschen Freunde des jungen Organisators abklap- B … begann«. Ein Westauto.
in beiden Staaten einander entfremdete. perten. Wir luden sie zu einer Spritztour Was einen kritischen Bürger der Bun-
Die Zeit zwischen unserem Kennenler- an die Ostsee ein – Jürgen war einer der desrepublik auszeichnete, wurde ihm in
nen im April 1988 und unserer Scheidung wenigen, die zusagten. der DDR zum Verhängnis: Jürgen enga-
im März 1990 war für mich bewegend und Ich hatte Berlin als Studienort gewählt, gierte sich für Frieden, Abrüstung und
abenteuerlich. Für meinen Ex-Mann ging auch aus Neugier auf die DDR. Im Osten Versöhnung und kooperierte dabei mit
es um mehr. Die Entscheidung, seine Hei- der Stadt besuchte ich oft ein älteres Paar. Bürgern des »NSW«, des »Nichtsozialisti-
mat aufzugeben, fiel ihm nicht leicht. Jür- Einmal saß Anne, von Beruf Lehrerin, ge- schen Wirtschaftsgebiets«. Konkret küm-
gen war ein DDR-kritischer Christ. Lange beugt in der Abseite ihrer Küche und schälte merte er sich zusammen mit West-Berliner
hoffte er, dass sich die DDR doch noch Kartoffeln – eine Szene wie aus einem Nach- Studenten um den jüdischen Friedhof in
demokratisieren würde. Erst als er diese kriegsfilm. Ihre Tochter und deren Mann Weißensee. Besonders verdächtig: Als »In-
Hoffnung verloren hatte, entschied er sich zogen mich derweil ins einzige Zimmer, das tellektueller« hatte er sozialismuskritische
für die Heirat mit mir. Für eine Ehe, die keine gemeinsamen Wände mit den Nach- Bücher gelesen, Werke des Nobelpreisträ-
ihm die Flucht in den Westen ermöglichte. barn hatte. Ich erwartete ein brisantes poli- gers Alexander Solschenizyn, des Bürger-
Damals begriffen wir wie nie zuvor, was tisches Gespräch, doch die beiden fragten rechtlers Václav Havel.
die deutsch-deutsche Mauer bedeutete: mich bloß über Westcomputer aus. Damals Das hatte ich auch. Wir hatten vieles ge-
Sie sperrte nicht nur ihn, den DDR-Bürger, hielt ich meine Gastgeber für paranoid. mein. Während Jürgen bei Brandenburger

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Ehepaar Bruhns in den Flitterwochen in Polen 1989,
Auszug aus Jürgen Bruhns’ Stasi-Akte
»Wir waren uns unendlich vertraut«

Ärzten alte medizinische Geräte für Nica- er bei der Reichsbahn an, wo er nagelneuen Jürgen sich trotzdem aus und sprang ins
ragua gesammelt hatte, unterstützte ich Fahrdraht zerschneiden musste, um das Wasser. Mich beeindruckte dieses abgehär-
mit einer Bürgerinitiative Menschen in Schrott-Plansoll zu erfüllen. 1984 schmug- tete »Anbaden«. Später, im Münster von
Südamerika, die sich gegen die Ausbeu- gelte er Liedtexte an der Zensur vorbei auf Bad Doberan, stimmte er ein Lied an, das
tung der Umwelt wehrten. ein Betriebsschulfest und stimmte »Sind so ich aus meiner Kirchengemeinde daheim
Mit 17 Jahren verweigerte er den Wehr- kleine Hände« von Bettina Wegner an. Die- in Niedersachsen kannte, »Dona nobis pa-
dienst mit der Waffe. »Was haben Sie sich ser harmlose subversive Akt war der Aus- cem«. Gemeinsam sangen wir den Kanon,
dabei gedacht?«, habe ihn sein Schuldirektor löser für seine OPK-Observierung durch die lauschten der Resonanz unserer Stimmen
in Jüterbog angeschnauzt. »Ihre Position Stasi. Erklärtes Ziel: ihn in der Schule zu iso- in dem alten Sakralbau und fühlten uns ei-
ist konterrevolutionär und spielt den Kriegs- lieren und seine Westkontakte hinsichtlich nander unerwartet nahe. Auf dem Rückweg
treibern im Westen in die Hände.« Der Di- politischer Untergrundtätigkeit abzuklopfen. nach Berlin lag mein Kopf in Jürgens Schoß.
rektor meldete seinen pazifistisch gesinnten Die »Zersetzung« begann. Jürgen wuss- Wir verabredeten, uns nie wiederzu-
Schüler der Stasi, am 4. November 1981. te davon nichts, wurde aber vorgeladen sehen. Eine Liebesbeziehung schien un-
Es ist der erste Eintrag in Jürgens Akte. und mit dem Angebot konfrontiert, für die möglich; ich wollte nicht in die DDR, er sie
Den Mitschülern verkündete der Direk- Stasi als IM zu spionieren. Seine Ableh- nicht verlassen. Im Jahr zuvor war Jürgen
tor, Jürgen werde nicht studieren dürfen. nung wurde schriftlich festgehalten. beim Olof-Palme-Friedensmarsch dabei ge-
Einige entschuldigten sich danach bei Nach der Lehre wollte er Pfarrer werden, wesen. Niemand hatte die Teilnehmer ge-
ihm, weil sie ihn nun nicht mehr zum Klas- doch die Universität Halle verweigerte ihm hindert, den verbotenen Slogan »Schwerter
sensprecher (»FDJ-Sekretär«) wählen auftragsgemäß den Theologiestudienplatz. zu Pflugscharen« zu tragen. Würde sich die
könnten. Mein Ex-Mann ist ein sozialer, Die Stasi hat den Ablehnungsvorgang ar- DDR doch Gorbatschows Reformen an-
hilfsbereiter Mensch, wenn ein Freund um- chiviert, jemand hat »Wunderbar!« an den schließen, »Glasnost« und »Perestroika«?
zieht, schleppt er die Möbel. Der Vertrau- Rand gekritzelt. Als wir uns kennenlernten, Vieles, was danach passiert war, sprach
ensentzug seiner Klassenkameraden traf war Jürgen Gasthörer am evangelischen gegen diese Hoffnung. Die Stasi hatte eine
ihn. Einige begannen sogar, Jürgen zu be- Sprachenkonvikt. Zuvor hatte der Theolo- kircheneigene Redaktion gestürmt, die
spitzeln, in der Akte heißen sie »Bob« gieprofessor Heinrich Fink sich bei der Sta- »Umweltblätter« herausgab; Bürgerrecht-
oder »Ute«. Ute war nur der Stasi-Name si für sein Studium eingesetzt – jener Mann, ler waren ausgewiesen worden. Doch Jür-
der Mitschülerin, sie sei IM gewesen, In- der 1991 als IM »Heiner« aufflog. Jürgen gen wollte noch nicht aufgeben.
offizielle Mitarbeiterin, sagt Jürgen. Heute hat ihn als zutiefst solidarisch erlebt. Kurz nach meinem Besuch, am 26. April,
ist sie Ärztin. Am Tag unseres Ausflugs, Sonntag nach schickte er eine Eingabe an den Minister-
Seinen Berufswunsch Fotojournalist Ostern, herrschte Aprilwetter; es schneite rat, in der er sich gegen die Einschränkung
musste er aufgeben. Statt zu studieren, fing sogar. Als wir die Ostsee erreichten, zog der Berichterstattung in Kirchenzeitungen

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Gesellschaft

wendete. Gerade solche Berichte, schrieb samkeit: »Blau eines unzerteilbaren Him- Passanten lächelten, sagten aber nichts.
er, stärkten den Willen der DDR-Bürger mels. Blautrunken. Leicht wie das Blau der Schon bald kam ein Polizist, zerriss das Pla-
zu bleiben: »Verschweigen und Informa- fliegenden Träume … Ich hätte ihn immer- kat und zog Jürgen mit sich. Der schrie »Pe-
tionsrückhalt kann nicht im Sinne des Auf- zu küssen können. Und habe unablässig restroika« und »Glasnost«, wie die Stasi-
baus einer sozialistischen Demokratie sein. seine Hand gehalten, seine warmen Füße Akte festhält.
Statt restriktiver Maßnahmen staatlicher massiert, seinen Nacken gekrault. Haben Durch unterirdische Gänge ging es ins
Stellen sollten wir lieber gemeinsam über- gesummt und gesungen, getanzt und ge- Revier Keibelstraße, dann in die sechste
legen, wie mit … ausreisewilligen Bürgern schwommen.« Später dann leiser Zweifel: Etage. Dort saß die Stasi. Bis in den frühen
unseres Landes ein Gespräch möglich »Hab ihm den Schlüssel zu unserer frag- Morgen befragten ihn die Vernehmer. Wäh-
wird, nach ihren Motiven fragen und ver- würdigen Freiheit versprochen, eine Frei- rend Jürgen, der damals im Krankenhaus
suchen, diese Gesellschaft auch für sie at- heit, die auch an einer Mauer endet. Doch als Nachtwache arbeitete, immer müder
traktiv zu machen.« sollte ich sie ihm verwehren? Aus Angst wurde, waren seine Gegenüber hellwach.
Die Stasi hat Jürgens Eingabe archiviert. vor der Verantwortung?« Irgendwann gab er Namen von Bekannten
Eine Antwort erhielt er nicht. Abends kletterten wir auf die Ruine des preis – Bekannte, bei denen er hoffte, dass
Unseren Abschied erinnere ich wie eine Potsdamer Schlosses Belvedere auf dem die Nennung ihrer Namen ihn reinwaschen
Szene aus einem Film. Die Natriumdampf- Pfingstberg. Zu seinen Füßen lag das »KGB- würde von jeglichem Verdacht.
lampen am Grenzübergang Bornholmer Städtchen«, wie der Volksmund die sowje- Heute schämt sich Jürgen dafür, obwohl
Straße tauchten unser Auto in gelbes Licht, tische Militärspionage-Zentrale in der DDR er sicher ist, niemandem geschadet zu ha-
während Jürgens Parka in der Dunkelheit nannte. Ein ungewöhnlicher Ort: hier der ben. Ich verstehe diese Scham, begreife
verschwand. »Oh nein, es sind nicht nur Neue Garten mit Schloss Cecilienhof, dort aber auch seine Not. Wer konnte schon im
die drüben, die unter der Mauer leiden«, der weite Blick über den Wannsee bis nach Überwachungsstaat DDR ganz und gar
schrieb ich zu Hause in mein Tagebuch. West-Berlin. Ich staunte, wie selbstverständ- sauber bleiben?
»Wir sind es auch – nur noch viel subtiler: lich sie hier standen, rauchten und redeten, Dass Jürgens Protest glimpflich ausging,
Wir wissen gar nicht, was für Menschen obwohl sie dort, wo sie hinschauten, nicht könnte daran gelegen haben, dass der
uns vorenthalten werden … Jürgen hat sich hinkonnten. West-Berliner Radiosender Hundert,6 da-
in mein Herz gebrannt. Es ist die geistige Trafen wir unterwegs auf Jürgens Freun- rüber berichtete. Wie die Information in
Anziehungskraft, die mich in Atem hält de und Bekannte, sagte er nie, wer ich sei, den Westen gelangt war, wusste die Stasi:
und so sehnsüchtig macht.« noch, woher ich kam. Mir gefiel das: Man »Am 22. 11. 1988 informierte Bettina Ra-
Ich verließ meinen damaligen Freund. gab sich einfach die Hand und redete los. thenow um 21.44 Uhr den Roland Jahn
Für Jürgen nähte ich ein Seidentuch und Keiner fragte mich nach Studium, Beruf, darüber … wie im Fußgängertunnel am
schickte es ihm. Wortlos. Herkunft. Man taxierte in der DDR nicht Alex ein junger Mann verhaftet wurde.«
den sozialen Status – vielleicht auch, weil Roland Jahn, heute Leiter der Stasi-Unter-
Der Plan es keine freie Berufswahl gab. lagenbehörde, war nach seiner Zwangsaus-
Ein Vierteljahr später klingelte das Telefon. Unser letztes Treffen vor meinem Ab- bürgerung 1983 ein wichtiger Westkontakt
»Hier ist Jürgen.« Pause. »Willst du jetzt flug nach Spanien war ein doppelter Ab- für Regimekritiker wie Rathenow.
doch in den Westen?« »Nein.« »Stasi hört schied. Wir verabredeten, doch kein Lie- Weihnachten war ich bei meinen Eltern.
mit, klar.« Wir verabredeten ein Treffen. bespaar zu sein, sondern bloß Freunde. Im Schimmer der Kerzen erzählte ich, dass
»Die Vernunft sagt nein«, notierte ich, Ich hatte, gerade wegen des Heiratsplans, ich einen jungen Mann aus der DDR he-
»aber das Herz, das Herz kann nicht zu starke Ängste vor einer derart festen rausheiraten wollte. Mein Vater ist Ostfrie-
schweigen, es schreit und weint.« Ich war Bindung. Jürgen war enttäuscht und zu- se, »Lever dood as Slaav«, lieber tot als
damals 21. Jürgen schien mir ein Held, ein gleich erleichtert. Wie ich erst jetzt weiß, Sklave, heißt es in seiner Heimat. »Das
Freiheitskämpfer. Meine Verliebtheit be- quälten ihn Zweifel an seiner sexuellen ist ja sehr christlich von dir«, sagte er.
ruhte auf Bewunderung. Orientierung. Obwohl er mich liebte. »Nein!«, rief meine Mutter, »das ist zu ge-
Unser Wochenende wollten wir abge- »Ich wollte sein wie du«, beschreibt Jür- fährlich!«
schieden in Potsdam verbringen. Da ich gen heute die Anziehung, die ich auf ihn Es war dann mein Vater, der in Ost-Ber-
nur ein 48-Stunden-Visum für Ost-Berlin ausgeübt hatte: »Widerständig und erfolg- lin den Schwiegersohn in spe in Augen-
hatte, borgte mir eine Freundin von Jürgen reich, polyglott und welterfahren.« schein nahm. Es war meine Schwester, die
ihre Identität: Constanze Cyrus, geboren die nötigen Papiere für die Hochzeit bei-
am 17. September 1964 in Greifswald, Das Aufgebot brachte. Schizophrene Verhältnisse: Die
Theologiestudentin. Immer wieder sagte Während ich in Barcelona Deutsch unter- Heirat war zwar erlaubt. Nicht gestattet
ich mir nervös diese Daten auf. Doch kei- richtete, lehnte sich Jürgen noch einmal war aber, eine DDR-Geburtsurkunde über
ner kontrollierte mich. gegen die Verhältnisse auf. Anlass war das die Grenze zu bringen, um das Einver-
Ich hatte am Telefon richtig geraten: Jür- Verbot der sowjetischen Monatszeitschrift ständnis der westdeutschen Behörden zu
gen glaubte nicht mehr an eine »bessere« »Sputnik«. Sie hatte über den Hitler-Sta- erlangen. Meine damals 20-jährige
DDR. Über das Angebot, ihn zu heiraten, lin-Pakt informiert. In der DDR war es ein Schwester schmuggelte für uns die Papiere
hatte ich lange nachgedacht. Obwohl ich Tabu, darüber zu berichten, wie Kommu- in ihrem Anorakfutter von Ost nach West.
verliebt war, war mein Motiv nicht Liebe. nisten und Nazis 1939 gemeinsame Sache Den Eheantrag stellte Jürgen am 3. Mai
Zum Heiraten fühlte ich mich zu jung. Ich gemacht hatten. 1989, seinem 25. Geburtstag. Der Beamte
wollte Jürgen ermöglichen, im Westen zu Ende November 1988 schrieb Jürgen auf vermerkte: »Herr Bohl hinterließ einen
leben. Er, der meine Ideale teilte, sollte ein Stück Packpapier: »Stoppt die Zensur / schleimigen, unterwürfigen, nicht offenen
die gleichen Möglichkeiten haben, sich zu Gegen das Verbot des Sputnik ... Wer seine Eindruck.« Jürgen hatte alles darangesetzt,
bilden, zu reisen. Für die Entscheidung Geschichte verleugnet, verleugnet sich die Sache nicht zu vermasseln – aber man
hatte er ein Jahr: So lange würde ich in selbst.« Mit dem Plakat vor der Brust stellte nahm ihm nicht ab, dass er allein aus Liebe
Barcelona als Assistenzlehrerin arbeiten. er sich in die Unterführung am Alexander- seine Heimat verlassen wollte. »Herr Bohl
Ob Jürgen sofort zustimmte, darüber platz, allein. Erst ab drei Teilnehmern galt zeigte sich nicht bereit, seine Gründe für
steht nichts in meinem Tagebuch. Es be- eine Protestversammlung nämlich als die ständige Ausreise darzulegen«, kriti-
richtet stattdessen über leuchtende Zwei- verbotene »Zusammenrottung«. Einige siert der Bericht. »Er beteuerte immer wie-

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Gesellschaft

der, dass er nichts gegen die DDR habe, trug nun meinen Nachnamen, er trägt ihn Die Revolution war voll im Gange.
hier gut leben könne, kein Konsumfeti- noch heute. Freunde kamen in Haft, weil sie bei der
schist sei.« Anschließend fuhr die Hochzeitsgesell- Feier zum 40. Jahrestag der DDR am 7.
Am Ende vermerkte der zuständige Be- schaft mit dem Zug nach Zossen und wan- Oktober protestiert hatten. Andrea, die
amte, dass »eine Abstandnahme vom An- derte zum Pfarrhaus in Christinendorf. mit mir in der Badewanne gesessen hatte,
trag nicht zu erreichen« sein werde. Hinzu Jürgens Freund Steffen Reiche war hier musste stundenlang mit gespreizten Bei-
komme, dass ein Teil von Jürgens Freun- Pastor. Wir wussten nicht, dass auf Reiches nen an der Wand stehen. Sie fror, wurde
den »die DDR bereits verlassen hat«. Amstrad-PC gerade die ersten sozialde- geschlagen und beschimpft.
In Ost-Berlin herrschte in dem Sommer mokratischen Parteiprogramme der DDR Dass Jürgen nicht gleich in den Westen
Endzeitstimmung. Tausende kehrten ih- entstanden. Unser Gastgeber bereitete umzog, lag an einem ehrgeizigen Projekt:
rem Land den Rücken, sie reisten nach heimlich die Gründung der DDR-SPD vor. Er versuchte, die doppelte Staatsbürger-
Budapest, Warschau oder Prag und kamen Jürgens Bruder fielen zwei beigefarbene schaft zu bekommen, die der DDR und
nicht zurück. Anfang Juni erlebte Jürgen, Lada in Sichtweite des Hauses auf. die der Bundesrepublik. Juristisch war das
wie machtlos der Staat geworden war. Er Mir begegnete Steffen Reiche am 18. Ok- neues Terrain, doch damals schien vieles
hatte mit 200 anderen vor der Sophien- tober im Fernsehen wieder. Damals war möglich. Jürgen schleppte mich zu Debat-
kirche gegen den Betrug bei den Volkskam- der frischgebackene Sozialdemokrat auf ten mit Kommilitonen und Bürgerrecht-
merwahlen protestiert, eine Demonstra- Westbesuch bei seiner Großmutter; die lern. Am 18. Oktober hält mein Tagebuch
tion neuen Ausmaßes. Beim Abtransport ARD hatte ihn um seine Meinung zu Ho- fest: »Ich bin eine Grenzgängerin. Diese
der Protestierenden in von der Polizei ge- neckers Rücktritt gebeten. Später wurde halbe Heimat DDR ist symptomatisch –
charterten »Ikarus«-Reisebussen gelang es er Kultusminister in Brandenburg. ich fühle mich sehr wohl in Ost-Berlin, in-
den Insassen eines Busses, die Heckscheibe In Christinendorf lernte ich Jürgens Mut- zwischen.«
einzudrücken und herauszuspringen. ter kennen, sie schenkte uns Bettwäsche. Damals tauschte ich meine bisherige
In der Sammelzelle in der Stasi-Haft- Bestürzt zog ich meine Schwiegermutter Lehramtsperspektive gegen die einer Jour-
anstalt Rummelsburg sangen sie »We shall zur Seite: »Du weißt, dass Jürgen und ich nalistin ein. Auch dabei wechselte ich lo-
overcome«. Morgens kam Jürgen frei. Am kein echtes Paar sind?« Margot war Erzie- cker die Seiten: Ich unterstützte die Dissi-
selben Tag verkündete die DDR-Volks- herin in Jürgens Heimatstadt Treuen- denten und berichtete zugleich über sie,
kammer ihre Solidarität mit China nach brietzen. Sie strahlte mich mütterlich an. eine journalistische Todsünde. So schmug-
dem Tiananmen-Massaker. In Peking wa- »Jürgen hat gesagt, es könne noch etwas gelte ich Flugblätter des »Neuen Forums«
ren kurz zuvor Hunderte Studenten getö- werden!« Ich drückte sie bloß. Unsere nach West-Berlin, vervielfältigte sie dort
tet und Tausende verletzt worden, weil sie Hochzeitsfeier war zugleich Jürgens Ab- und brachte die dicken Stapel zurück zum
nach Demokratie gerufen hatten. schiedsfest, hochemotional in jeder Hin- Verteilen. Die Bürgerrechtler hatten keine
sicht. Alle Gäste kannten, alle misstrauten Kopierer. Und ich interviewte die Köpfe
Die Hochzeit einander. Der Schein einer echten Hoch- der Revolte, den Kirchenhistoriker Wolf-
Wir konnten uns vor der Trauung nicht di- zeit musste gewahrt bleiben – und wenn gang Ullmann etwa, Jürgens Professor und
rekt am Telefon absprechen, denn wie die nur für die hauptamtlichen Spitzel im Lada. Mitgründer von »Demokratie Jetzt«. Vor
meisten DDR-Bürger hatte Jürgen keins. Um Mitternacht improvisierte mein dem Passieren der Grenze schminkte ich
Ein gemeinsamer westdeutscher Freund Mann Jazz auf der Orgel; ein anderer Gast mich neuerdings. Blondinen mit rotem
richtete mir schließlich aus, dass ich am spielte Saxofon. Für mich endete die Party Mund kontrollierte keiner.
15. September um zehn Uhr am Bahnhof frühmorgens in der Badewanne. Zu dritt Am 4. November, einem Samstag, holte
Friedrichstraße warten solle. zwängten wir uns ins warme Wasser, An- mich Jürgen an der Grenze ab. Bald waren
Ich stand dort lange mit zwei Gästen drea, Britta, ich, zwei Ost- und eine West- wir mit Zehntausenden anderen unter-
und wartete. Schließlich fuhren wir auf ei- deutsche. Der Mond schien durchs Fenster, wegs, über unseren Köpfen Plakate mit
gene Faust zum Standesamt Prenzlauer und wir redeten über Männer. Im Morgen- Slogans wie »Das Volk sagt Nee zur SED«.
Berg. An der Spitze einer kleinen Schar grauen rumpelte es. Militärfahrzeuge roll- Es war die größte nicht staatlich gelenkte
sah ich dort schon von Weitem meinen ten durch das schlafende Dorf. Eine Übung Demonstration der DDR. Auf dem Ale-
Bräutigam, mit hängenden Schultern. Er für die chinesische Lösung? Oder doch xanderplatz entdeckte Jürgen einen Nach-
dachte, ich würde ihn versetzen. Die Nach- schon der Ernstfall? Zwei Wochen zuvor barn, mit dem er schon Hauswände gestri-
richt, dass der Treffpunkt auf neun Uhr in hatten die Montagsdemos in Leipzig be- chen hatte. Jetzt stand er auf der Redner-
seiner Wohnung vorverlegt worden war, gonnen. Die DDR-Botschaften in den so- tribüne: der Schauspieler Jan Josef Liefers,
hatte ausgerechnet die Braut nicht erreicht. zialistischen Bruderstaaten füllten sich mit heute Forensiker im »Tatort«.
Nervös gingen wir die Stufen hoch. Ich Flüchtlingen. Um 11.36 Uhr trat Liefers ans Mikrofon.
trug mein elegantestes Outfit, eine Rock- Jürgen und ich entkamen diesen Sorgen Er warnte die Menge davor, sich von der
Weste-Kombi in Türkis. Unsere Dorf- in Polen bei improvisierten Flitterwochen. Staatsführung einwickeln zu lassen. Beifall
schneiderin hatte sie mir zum Abitur ge- Auf der Spitze des Babia Góra, eines Bergs brandete auf. Es war auch eine Anspielung
näht. Jürgen flüsterte mir zu, dass er seine in den Beskiden, machten wir ein Bild mit auf Egon Krenz, der über Nacht vom Hard-
Papiere nicht habe finden können. Selbstauslöser, auf dem ich neben Jürgen liner zum Reformer mutiert schien.
»Die Ausweise bitte!« Jürgen klopfte im Gras liege. Wir waren uns inzwischen Am 9. November transportierten meine
sich von oben bis unten ab. Ich spielte mit. unendlich vertraut. Schwester und ich Möbel durch West-Ber-
»Wissen Sie«, erklärte ich der Standesbe- lin. Im Radio hörten wir Jazz, gegen Mit-
amtin, »eben hat er mir gestanden, dass Die Revolution ternacht fielen wir erschöpft ins Bett. Kurz
er unsere Ringe vergessen hat. So ist er, Anfang Oktober kehrte Jürgen zurück nach darauf klingelte es. »Wer ist da?«, fragte
aber ich liebe ihn trotzdem.« Ost-Berlin; ich war bereits wieder im Wes- ich schlaftrunken. »Jürgen. Dein Mann.«
Jürgen durfte mit Führerschein heiraten. ten. In Dresden, auf der Durchfahrt, erlebte Ich öffnete und fauchte ihn an. »Bist du
Zwischen den Ansprachen lauschten wir mein Mann gespenstische Szenen: Polizis- nun doch über Ungarn gekommen? Und
Stücken von Vivaldi und Bach, wobei die ten prügelten auf Menschen ein, die auf die kannst jetzt keine Nacht im Lager war-
Nadel des Standardplattenspielers »Zipho- durchfahrenden Züge Richtung Westen auf- ten?« Jürgen wehrte ab. »Ich bin durch die
na MA 224« über das Vinyl kratzte. Jürgen springen wollten. Mauer gekommen.«

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den Westen pendeln, nicht in beiden Wel-
ten leben. Jürgen kaufte sich Haferlschuhe
für 129 Mark, einen Lodenmantel, ein
Peugeot-Fahrrad: Statussymbole. Er wollte
nicht zu denen gehören, die ihr Westgeld
abholten und Bananen kauften. Ich
schimpfte, denn mein Vater hatte mir das
Geld für ihn geliehen. Und warum war Jür-
gen immer gerade dann weg, wenn meine
Kommilitonen zu Besuch kamen? Intellek-
tuell hätte er sie in die Tasche stecken
können. Er dagegen schämte sich sogar
für seine Zähne. Die DDR-Zahnärzte hat-
ten Löcher mit minderwertigem Material
gestopft. Der Zahnarzt in Moabit musste
die Füllungen in Jürgens Mund aufbohren,
um sie mit hartem Westamalgam zu flicken.
Ich ahnte nicht, wie fremd und zugleich
verlockend die neue Warenwelt auf Jür-
gen wirkte. Tomaten im Dezember – in
Treuenbrietzen staunte seine Familie, als
er von derlei Luxus erzählte.
Jürgen schrieb sich an der Freien Uni-
versität für Soziologie und Psychologie ein.
Ich fand eine Anwältin, die austüftelte, wie
wir geschieden werden könnten, ohne das
Trennungsjahr einzuhalten: Wir mussten
angeben, dass unsere Ehe nie vollzogen
worden sei. Dass Jürgen mich nur ausge-
nutzt habe, um in den Westen zu kommen.
Am 23. März 1990 schied uns ein Rich-
ter am Amtsgericht Charlottenburg. Da
kein gemeinsames Vermögen bestand,
wurden uns nur die Kosten des Verfahrens
Annette und Jürgen Bruhns im Oktober, berechnet. Jürgen musste 138 D-Mark be-
Eheurkunde vom 15. September 1989 zahlen; meinen Anteil trug das Land Ber-
»Jürgen trägt noch heute meinen Nachnamen« lin, weil ich Studentin war.
Zuvor gingen wir in einen Schmuckla-
den. Ich wählte einen schmalen Silberring
Mir wurde kalt. In meiner Fantasie sah ne Argumentation hält mein Tagebuch mit eingelegtem Perlmutt. Wenn schon kei-
ich Jürgen über die scharf bewachte Mauer fest: »Reagan zwingt mit seiner Aufrüs- nen Ehering, fand ich, sollte ich wenigstens
klettern. Es dauerte, bis ich begriff, was er tung die bösen Stalin-Nachkommen in die einen Scheidungsring haben.
erzählte. Dann rüttelte ich meine Schwester Knie, die dann in Form eines Gorbatschow Anschließend zog Jürgen wieder in den
wach. Mit Sekt von meinem Geburtstag die Perestroika verkünden, woraufhin sich Prenzlauer Berg. Monate später begegnete
stießen wir an. Dorothee legte sich wieder Ungarn und Polen dem Kapitalismus öff- er mir dort zufällig. Seine Haare waren
hin, sie wollte um sieben Uhr zum Tai Chi. nen, was den eingesperrten DDR-Bürgern länger, er hatte ein paar Strähnen rot und
Bis heute nimmt sie mir übel, dass ich sie den Weg gen Westen öffnet, deren Flucht grün gefärbt. Ich staunte. »Kann es sein«,
nicht mit hinaus in die Nacht gezerrt habe. die DDR zum Mauerabriss zwingt.« fragte ich, »dass du verliebt bist?« »Ja.«
Gegen halb vier waren Jürgen und ich Diese ökonomische Logik machte mir Grinsen. »Er heißt Uwe.«
am Brandenburger Tor. Von oben zogen Angst. Sie passte nicht zu Jürgens und mei- In der DDR war Homosexualität ein
uns Menschen an zusammengeknoteten Ja- nen idealistischen Vorstellungen. Tabu. Jürgen hatte schon lange geahnt,
cken hoch. Unten, auf der Ostseite, erfass- Mein Eintrag am 10. November spiegelt dass er schwul war, trotz seiner hetero-
ten uns Polizeischeinwerfer, Kontrolle. meine Verunsicherung wider: »Die Mauer sexuellen Beziehungen.
Mich wollten sie zurückschicken, »benut- ist gefallen … Aber um welche Mauer 20 Jahre später, im Juni 2010, feierten
zen Sie den Grenzübergang Friedrichstra- handelt es sich bloß? Etwa nur um die wir in Berlin-Mitte Jürgens Hochzeit mit
ße«. Ich flehte die Beamten an: »Ich bin sei- zwischen Sozialismus und Kapitalismus? Éric, einem Franzosen. Die beiden leben
ne Frau!« Zum Beweis zeigten wir unsere Oder um eine Mauer zwischen Menschen? heute in der Schweiz. Ich habe das Glück,
Ausweise mit dem gemeinsamen Nachna- Ich wünschte, letzteres sei der Fall.« zu ihrer Wahlfamilie zu gehören.
men: Bruhns. Gnädig ließ man mich pas- Am Buß- und Bettag war die seit der Mitarbeit: Jürgen Bruhns
sieren. Nicht ich hatte Jürgen herausgehei- Maueröffnung ständig überfüllte S-Bahn Mail: annette.bruhns@spiegel.de
ratet, sondern er mich hinein in die DDR. erstmals wieder leer. Das war ernüchternd.
An der Straße Unter den Linden war Unsere Ostbrüder und -schwestern kamen
noch eine Bar offen. Wir trafen einen also nur, wenn es etwas zu kaufen gab. Video
Annette Bruhns über
Mann aus Jena, einen Filmemacher, der ihre Ost-West-Ehe
vor Jahren in den Westen geflohen war. Die Trennung
spiegel.de/sp452019ddr
Nicht die mutigen DDR-Bürger hätten die Im Dezember zog Jürgen bei mir ein. Er oder in der App DER SPIEGEL
Maueröffnung ertrotzt, behauptete er. Sei- wollte nicht aus dem Ostteil der Stadt in

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Gesellschaft

Schaulust
den Eingang passierten – er schiebend, ich liegend. Er klang
begeistert.
Schon am Unfallort waren die Einsatzkräfte fasziniert ge-
wesen. Einer bot mir im Krankenwagen an, mit meinem
Smartphone aus dem Fenster Bilder zu machen, damit ich
Homestory Wie es sich anfühlt, Opfer eines später etwas zum Rumzeigen hätte. Seitdem habe ich auf
absurden Unfalls zu werden meinem Handy ein Foto von einem sehr schweren Zwillings-
reifen. Vielleicht gefiel den Sanitätern die Idee, selbst mal
draufzuhalten, anstatt, wie sonst meistens, von Gaffern ge-

N eulich war mein Fahrrad in der »Bild«-Zeitung zu se-


hen, ein himmelblaues Damenrad. Es lehnte verbogen
an einer Mauer. Meine Geschichte stand darunter. Bei-
des verblüffte mich ein wenig. Mein Fahrrad war interessant.
filmt zu werden.
Als ich am selben Abend aus dem Krankenhaus entlassen
wurde und nach Hause humpelte, sprang mir ein Junge aus
der Nachbarschaft entgegen. »Voll krass«, meinte er, nachdem
Ich war interessant. Mein Fahrrad und ich, wir waren eine ich ihm die Geschichte erzählt hatte. Aufgeregt hüpfte er um
Nachricht. Es fühlte sich merkwürdig an. mich herum: »Richtig abgefahren!« Dann verabschiedete er
Ich war auf der Hafenstraße im Hamburger Stadtteil St. sich – er müsse jetzt nach Hause, am Computer gucken, ob
Pauli unterwegs gewesen, radelte von der Arbeit nach Hause, schon jemand Bilder von meinem Unfall hochgeladen habe.
als die Autofahrer neben mir plötzlich bremsten. Sie hatten Kurz darauf widmete die »Bild«-Zeitung dem Ereignis fast
das schwarze Ding offenbar früher als ich gesehen: einen eine ganze Seite. RTL und der NDR sendeten Beiträge, Lo-
Zwillingsreifen, 140 Kilogramm schwer, der sich von einem kalzeitungen berichteten. Einen Tag lang war ich, die 21-jäh-
Touristen-Doppeldeckerbus gelöst hatte und uns auf unserer rige Radfahrerin, Thema in Hamburg, mein demoliertes
Fahrbahn entgegenkam. Damenrad war überall zu sehen. Verwandte und Bekannte
Einen Moment lang wunderte ich mich, warum alle stehen meldeten sich, zu denen ich schon lange keinen Kontakt mehr
blieben. Sekunden später lag ich auf dem Asphalt. hatte, mir wurden Grüße ausgerichtet von Menschen,
Darum also. Der Reifen hatte mich seitlich die ich kaum kenne.
getroffen, ich war mit dem Rad gegen eine Mit ein paar Prellungen davongekom-
Mauer geprallt, Bein und Steißbein men, saß ich einen Tag später daheim
schmerzten. Sofort wurde ich umringt: am Küchentisch und überlegte, wes-
Autofahrer stiegen aus, Radfahrer halb sich plötzlich alle für mich in-
eilten herbei. Ich hatte nicht den teressiert hatten. Aus Mitleid? Aus
Eindruck, dass etwas Schlimmes Neugierde? Schaulust gibt es,
passiert wäre, allerdings machte seitdem es Menschen gibt, in
mein Kreislauf schlapp – ich allen Kulturen. Wer früher zu
blieb also am Boden liegen einem Gladiatorenkampf ging
und wartete auf den Kranken- oder einer Hexenverbrennung
wagen, den jemand angefor- beiwohnte, empfand wohl
dert hatte. immer auch Erleichterung da-
Die Umstehenden warteten rüber, dass ein anderer gegen
mit mir. Es gab nichts zu hel- den Löwen kämpfte oder ge-
fen – ich lag zwar, war aber gen das Feuer.
ganz offensichtlich unversehrt Vielleicht geht es darum, eine
und bei Bewusstsein. Sie blieben Gefahr als Gefahr zu erkennen
trotzdem, standen um mich herum und trotzdem sicher zu sein. Das
und guckten. »Es ist alles in Ord- Verhängnis als Möglichkeitsform.
nung«, sagte ich, »Sie können gern Dafür spricht, dass es inzwischen einen
weitergehen. Es reicht, wenn eine Person Trend namens »Dark Tourism« gibt, bei
dableibt.« Sie blieben stehen und guckten. dem Menschen in ihrer Freizeit Orte auf-
Angestrengt lauschte ich nach der rettenden suchen, an denen sich Schreckliches ereignet hat.
Sirene, ich wollte weg hier. Bis die Sanitäter da waren, Natürlich war es kein großes Drama, das ich erlebt
dauerte es nur ein paar Minuten, aber diese Minuten erschie- hatte, eher eine kuriose Begebenheit. Trotzdem wollte ich,
nen mir sehr, sehr lang. dass diese Begebenheit zu etwas nütze sei.
Während ich auf der Straße lag, hörte ich einen Streit. Of- Wenn ich jetzt mit Freunden oder Verwandten in Hamburg
fenbar hatte jemand sein Auto gestoppt und dann mit dem unterwegs bin, fahren wir gemeinsam an den Landungsbrü-
Handy auf mich draufgehalten, ein anderer lief los und be- cken vorbei. Ich zeige auf die Mauer, auf die Mauer, und
schimpfte ihn. Der Autofahrer fuhr mit quietschenden Reifen fühle mich wie ein besonders authentischer Dark-Tourism-
los. Dann waren die anderen Gaffer und ich wieder allein. Guide. Auf Familientreffen wird ehrfürchtig der »Bild«-Arti-
Es kann ja immer beides sein, was Menschen an einem Schau- kel herumgereicht. Ich mache dann darauf aufmerksam, wie
platz festhält, Sensationslust oder Hilfsbereitschaft, die kein wichtig es ist, einen Helm zu tragen. »Ansonsten säße ich
Ziel findet. Ob ich selbst weitergelaufen wäre als Passantin? jetzt vielleicht nicht mehr hier.« Die Leute gucken dann ernst
THILO ROTHACKER FÜR DEN SPIEGEL

Ich erinnere mich, dass ich darüber nachdachte, während ich und nicken; auch die Erinnerung an eine Gefahr löst offenbar
dalag. Ja. Nein. Ich weiß nicht. einen Schauder aus.
Als die ersten Fotografen, Journalisten und Kamerateams Wenn Sie, liebe Leser, also das nächste Mal zu Besuch in
eintrafen, war ich zum Glück schon weg. Zwei Sanitäter scho- Hamburg sind, kann ich Ihnen nur dazu raten, einen kleinen
ben mich in die Notaufnahme eines Hamburger Kranken- Spaziergang zu machen, unten an der Elbe. Vorbei an den
hauses. »Die junge Frau sollte Lotto spielen. Da zu gewinnen, Landungsbrücken, ein wenig den Radweg entlang. Da war
ist ähnlich unwahrscheinlich, wie das, was ihr passiert ist«, es, wo diese 21-Jährige von einem Doppeldecker-Zwillings-
erklärte einer der beiden einer Frau am Empfang, als wir reifen erwischt wurde. Wahnsinn, oder? Anna-Lena Jaensch

62 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


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Wirklich reich ist, wer gute Freunde


und 214.500 Euro Vermögen hat.
214.500 Euro – laut Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen“ der Bundesbank 2016
das Vermögen, das jeder Deutsche besitzt – durchschnittlich natürlich. Dabei ist es
erst mal gar nicht entscheidend, wie viel Geld man hat, sondern wie man es anlegt.
Vertraut man Mensch oder Maschine, Robo-Advisor oder Investmentexperten?

Seit einigen Jahren sind digitale Vermö-


gensverwaltungen – sogenannte Robo-
Advisor – aus den Köpfen der Anleger
nicht mehr wegzudenken. Die „Robos“
machen sich die Vorteile der Digitalisie-
rung zunutze und wollen auf der Basis ma-
thematischer Algorithmen die lukrativsten
Wertpapiere und Fonds für ihre Kunden
finden. Meist geschieht das auf der Basis
kostengünstiger, börsengehandelter Index-
fonds, sogenannter ETFs. Aber reicht das
aus? Oder braucht es nicht doch mensch-
liche Erfahrung und Intuition? Moderne hy-
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Wirtschaft
»Ich bin ja wohl in der Lage, mir selbst einen Kaffee zu holen.« ‣ S. 70

Elektromodell Porsche Taycan

Autoindustrie

BUND befürchtet hohe Jobverluste


Naturschutzverband sieht Arbeitsplätze durch mehr Produktivität und neue Antriebe bedroht.
 Der technische Umbruch in der Autoindustrie könnte und 2030, kalkuliert er, verschwänden 150 000 von insge-
deutlich mehr Arbeitsplätze kosten als bislang angenommen. samt ungefähr 800 000 Jobs in der Autoindustrie allein
Zu diesem Schluss kommt eine Modellrechnung des Pforz- durch Fortschritte bei der Produktivität. Weitere 160 000
heimer Wirtschaftsprofessors Rudi Kurz im Auftrag des Stellen würden hinfällig, weil bei Elektroautos weniger Teile
Naturschutzverbands BUND. Demnach drohen in den benötigt werden als bei Fahrzeugen mit Verbrennungs-
nächsten zehn Jahren 360 000 Jobs in der deutschen Auto- motor – und damit auch weniger Beschäftigte, die sie produ-
industrie verloren zu gehen. zieren. 50 000 Stellen dürften der Modellrechnung zufolge
Das Szenario ist erheblich pessimistischer als etwa die Pro- durch öffentliche Verkehrsmittel und neue Mobilitätsdienste
gnose des Fraunhofer-Instituts IAO, die mit maximal 125 000 wegfallen. Von der Politik fordert Kurz deshalb, sie müsse
weniger Jobs bis 2030 rechnet. Das liegt daran, dass Kurz »Voraussetzungen schaffen, damit auf lange Sicht neue Jobs
von deutlich negativeren Annahmen ausgeht: Zwischen 2020 jenseits des Mobilitätssektors entstehen«. MHS, SH

Thomas-Cook-Pleite Touristikfirma Thomas Cook nun auf Das Versäumnis der Regierung könnte es
Warnungen ignoriert einem Teil der Kosten für ihre gebuchten
Reisen sitzen zu bleiben. Bereits im Juli
den gebeutelten Thomas-Cook-Kunden
nun erleichtern, ihre kompletten Anzah-
 Die Bundesregierung hatte bereits 2016 2016 hatte die Verbraucherzentrale Bun- lungen über eine Staatshaftungsklage
konkrete Hinweise, dass die gesetzliche desverband der Regierung geraten, den einzufordern. Ein erstes Verfahren könnte
Absicherung der Kundengelder bei der Betrag deutlich anzuheben. Es sei »nur demnächst der Verband unabhängiger
Pleite eines deutschen Reisegroßveranstal- glücklichen Umständen zu verdanken«, selbstständiger Reisebüros (VUSR)
ters nicht ausreicht. Trotzdem weigerte warnten die Experten, dass es bislang »zu anstrengen. Dessen Vorsitzende, Marija
sie sich, die Deckelung der Haftungsgren- keinen Großinsolvenzen« gekommen sei. Linnhoff, hatte schon im Februar vor
ze auf 110 Millionen Euro pro Versicherer Ähnlich besorgt äußerte sich im Dezem- einer möglichen Pleite von Thomas Cook
und Jahr aufzuheben. Das geht aus Unter- ber 2016 auch der Bundesrat in einer gewarnt, war zunächst aber belächelt wor-
lagen der Grünenfraktion im Bundestag Expertise. »Die Höchstgrenze wurde vor den. Im August ließ sie eine Bekannte auf
hervor, die erst kürzlich vergebens ver- über 20 Jahren festgelegt«, rügten die Ver- Rechnung des Verbands eine Reise mit
sucht hatte, das zu ändern. Als Folge dro- fasser, und sei trotz Inflation und gestiege- Thomas Cook im Herbst buchen. Der Fall
hen deutsche Kunden der insolventen ner Umsätze nicht aufgestockt worden. dient nun als Basis für die Klage. DID, GT

64 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Pflege men 100 000 Euro brutto überschreitet. se sie heute eher bei 112 000 Euro liegen.
In einer Stellungnahme für den Bundestag Im Grundsatz begrüßt der DGB die Neu-
Entlastung für Angehörige schreibt der DGB: »Die 100 000 Euro soll- regelung. Mit ihrem Gesetz will die Koali-
 Der Deutsche Gewerkschaftsbund ten dynamisiert werden.« Der Betrag solle tion vermeiden, dass Pflegebedürftige sich
(DGB) fordert, Kinder pflegebedürftiger jährlich angepasst werden und sich am schämen, Sozialleistungen zu beantragen,
Eltern stärker zu entlasten, als die Bundes- Anstieg der durchschnittlichen Löhne ori- weil sie einen Rückgriff auf Einkommen
regierung dies bisher plant. Ein Gesetzent- entieren. Eine Grenze von 100 000 Euro ihrer Kinder fürchten. Diese Dunkelziffer
wurf sieht vor, dass Kinder künftig erst habe schon gegolten, als im Jahr 2003 sei »sehr hoch«, so der DGB. Die Neu-
dann für die Pflegekosten ihrer Eltern auf- die Grundsicherung im Alter eingeführt regelung soll auch für Eltern erwachsener
kommen müssen, wenn ihr Jahreseinkom- wurde. Nach Vorstellungen des DGB müs- Kinder mit Behinderungen gelten. COS

Atommüll könnte. Der entsprechende Vertrag sei


Regierung billigt schon 2018 unterzeichnet worden, heißt
es von der Regierung. Die Ausfuhr ist
Export nach Russland insofern heikel, als dass das nukleare
Material zehn Jahre lang nicht nach
 Die Bundesregierung hat keine Sicher- Sibirien ausgeführt wurde. Denn die vier
heitsbedenken bei der Ausfuhr von Lagerstätten im Osten Russlands ent-
Atomreststoffen nach Russland. Das geht sprachen laut einem Urteil der russischen
aus ihrer Antwort auf eine parlamentari- Atomaufsicht von 2004 »nicht modernen
sche Anfrage hervor, in der es um die Sicherheitsanforderungen«. Dennoch
Ausfuhr von mindestens 6000 Tonnen sind bereits seit Mai dieses Jahres erste
abgereichertes Uran der Gronauer Firma Transporte aus Gronau nach Russland
Urenco an eine Tochter des russischen gegangen. »Die Bundesregierung bagatel-
Atomkonzerns Rosatom geht. Man habe lisiert unsägliche Exporte, anstatt das
»keine nichtverbreitungspolitischen Gronauer Werk nach jahrelanger Kontro-
Bedenken«, schreibt die Regierung darin. verse endlich stillzulegen«, sagt die Vor- Handel
Offenbar fürchtet sie also nicht, dass das sitzende des Umweltausschusses, die Sterbendes Kleingewerbe
Material in die falschen Hände geraten Grünenpolitikerin Sylvia Kotting-Uhl. GT
 In Deutschland gibt es immer weni-
ger inhabergeführte Geschäfte. So sind
zwischen 2008 und 2018 im Bundes-
Währungsunion und nach lohnenden Gebieten für schnitt 30 Prozent der Fleischereien
»Wie gegen Ronaldo« Investitionen suchen. Zwei davon sind verschwunden, die Zahl der Bäckerei-
offensichtlich: der Kampf gegen den en nahm um 29 Prozent ab. Im Zeit-
Mário Centeno, 52, Euro-Gruppen-Chef Klimawandel sowie mehr Ausgaben für raum von 2009 bis 2017 schlossen
und portugiesischer Finanzminister, Forschung und Entwicklung. 18 Prozent der Buchläden und 32 Pro-
fordert die Deutschen auf, mehr für ihre SPIEGEL: Was genau schlagen Sie vor? zent der Bekleidungsfachhändler. Auch
schwächelnde Konjunktur zu tun. Centeno: Wir sind uns einig, dass Länder, Neugründungen tun sich oft schwer:
die über finanziellen Spielraum verfügen, Mehr als die Hälfte aller Einzelhandels-
SPIEGEL: Kaum ein Land wächst so lang- mehr tun sollten. Deutschland erlebt eine unternehmen mit weniger als fünf Mit-
sam wie die Bundesrepublik. Ist Deutsch- Phase sehr niedrigen Wachstums. Es arbeitern überleben die ersten fünf Jah-
land der kranke Mann der Eurozone? sollte in erster Linie aktiv werden, um sei- re nach Gründung nicht, so eine Ana-
Centeno: Nein. Wir alle haben Herausfor- ne Wirtschaft zu unterstützen, nicht um lyse der Initiative für Gewerbevielfalt
derungen, denen wir uns stellen müssen. anderen zu helfen. Allerdings ist die der Telefonbuch-Servicegesellschaft.
Aber die Eurozone wächst, die Eurozone eng vernetzt. Jedes Dabei wurde der sogenannte Gewerbe-
Beschäftigungslage ist ziemlich Land, das sich selbst hilft, vitalitätsindex ermittelt. Dieser be-
JULIEN WARNAND / EPA-EFE / REX

gut. Wir sind keineswegs im stärkt die Währungsunion. rücksichtigt neben neuen Gewerbe-
Krisenmodus. Alle Prognosen SPIEGEL: Die Krise könnte sich anmeldungen auch die Gewerbedichte,
sagen für 2020 Wachstum verschärfen, wenn Donald die absolute Zahl der vorhandenen
voraus, selbst in Deutschland. Trump Autozölle verhängt. Betriebe sowie die der neu abgeschlos-
SPIEGEL: Trotzdem fordern Sie, Machen Sie sich Sorgen? senen Ausbildungsverträge. Den höchs-
Deutschland solle mehr tun. Centeno: Handelskonflikte ten Schwund an Betrieben haben die
Hört Olaf Scholz nicht auf Sie? schwächen das Wachstum. Bundesländer Sachsen-Anhalt und
Centeno: Ich mische mich nicht Centeno Wir erleben viel Hin und Her Mecklenburg-Vorpommern. In Sach-
ein; aber es gibt Anzeichen, der US-Regierung; manchmal sen-Anhalt schlossen binnen zehn
dass sich die deutsche Politik bewegt. kommt es einem vor, als hätte der Ver- Jahren 31 Prozent der Fleischer,
Scholz weiß, welche Instrumente er hat, teidiger einer Fußballmannschaft einen 35 Prozent der Schuhmacher sowie
um bei Bedarf reagieren zu können. extrem nervösen Stürmer vor sich. 36 Prozent der Klempner ihren
SPIEGEL: Sind Sie sicher, dass die Euro- SPIEGEL: Eine Art Cristiano Ronaldo? Betrieb. Die größte Gewerbevielfalt
zone krisenfest ist? Centeno: Wir müssen lernen, wie wir uns hat aktuell Bayern zu bieten. Auch
Centeno: Ja, wir haben in der Eurozone gegen jemanden schützen, der so un- dort machten allerdings 29 Prozent der
erhebliche finanzielle Reserven aufge- berechenbar ist wie Ronaldo. Wir müssen Metzgereien dicht, 30 Prozent der
baut. Wir sollten nun politisch auf die wachsam sein und freien Handel und Schuhmacher gaben ihr Geschäft im
Verlangsamung des Wachstums reagieren Multilateralismus fördern. MSA, BAZ Freistaat auf. MUM

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SOLARSEVEN / ISTOCKPHOTO / GETTY IMAGES

Verschlüsselt und verkauft


Cybercrime Mit Erpressersoftware legen Hacker immer wieder Unternehmen lahm.
Obwohl die Masche seit Jahren bekannt ist, nehmen die Angriffe zu – und sie werden gefährlicher.

66
Wirtschaft

D
as Erste, was Tobias Frömel durch schlüsselten die darauf befindlichen Daten. Im Fall von WannaCry beschuldigten
den Kopf geht, ist: »Oh, fuck«. »Wir werden erpresst«, gab der geschäfts- die USA Nordkorea, im Fall von NotPetya
Es ist ein Wochenende Anfang führende Gesellschafter Thomas Pilz auf Russland. In den meisten Fällen aber dürf-
Oktober, der Softwareentwickler dem Maschinenbaugipfel in Berlin zu, »es ten hinter den Angriffen nicht staatliche
muss noch an einem Auftrag arbeiten. Frö- geht um nichts anderes als um Geld. Es Akteure, sondern Kriminelle stehen.
mel fährt seinen Rechner hoch. Doch an sind ganz gemeine Verbrecher, die über Bleibt die Frage, warum Unternehmen
seine Daten kommt er nicht mehr heran, das Verschlüsseln der Daten Geld machen auf eine längst bekannte Bedrohung ein-
die Dateien lassen sich nicht öffnen. In möchten.« fach keine Antwort finden. Sind die Opfer
jedem Ordner liegt dafür nun eine Datei Pilz wollte auf keinen Fall zahlen – des- noch zu arglos oder die Täter schon zu
mit dem Namen: Readme_for_Decrypt.txt, halb blieb der Firma nichts anderes übrig, gewieft?
also: »Lies mich zum Entschlüsseln«. Als als alle Computersysteme vom Netz zu Klar ist: Niemand sollte glauben, für die
Frömel sie öffnet, findet er den Link zu ei- nehmen. Tagelang mussten die Mitarbei- Kriminellen uninteressant zu sein. Größe,
ner Anleitung, wie er seine Daten befreien ter auf Papier und Whiteboards zurück- Bekanntheit und Finanzkraft eines Unter-
kann – und eine Lösegeldforderung. greifen und konnten nur per Telefon und nehmens oder einer Stadtverwaltung spie-
Frömel ist Opfer von Muhstik gewor- Messenger miteinander kommunizieren. len keine Rolle, es kann jeden treffen.
den, einer Ransomware oder: Erpresser- Manchmal sind es schlichte, automatisierte
software. Ein solches Programm verschlüs- Massenangriffe über Spam-Mails. Manch-
selt Dateien, Ordner oder ganze Laufwer- Niemand sollte glauben, mal kundschaften die Täter Passwörter,
ke, raffiniertere Versionen machen selbst für die Kriminellen E-Mail-Verläufe und Finanzkraft ihrer Op-
Sicherungskopien unbrauchbar. Auf den fer erst akribisch aus, um danach die pas-
Bildschirmen der Betroffenen erscheint oft uninteressant zu sein. Es senden Lösegeldforderungen zu stellen.
eine Lösegeldforderung, verlangt werden kann jeden treffen. Obwohl die Angriffe immer professio-
in der Regel Zahlungen in Bitcoin oder an- neller und häufiger werden, ist es Betrof-
deren Kryptowährungen. Bezahlen die fenen geradezu peinlich, darüber zu spre-
Opfer, bekommen sie den Schlüssel zu ih- Ransomware sollte spätestens seit 2017 chen. Wer nicht gesetzlich verpflichtet ist,
ren Dateien – sofern sie Glück haben und den meisten Firmen ein Begriff sein. Da- einen Vorfall zu melden, wie es etwa Be-
die Täter einen Rest Anstand. mals legte das Schadprogramm WannaCry treiber kritischer Infrastruktur sind, infor-
Frömel hat Glück. Er zahlt die ver- weltweit Unternehmen, Behörden und an- miert bestenfalls noch das BSI und dessen
langten 0,09 Bitcoin, zu diesem Zeitpunkt dere Institutionen lahm. Die globale Atta- Allianz für Cyber-Sicherheit, der mittler-
umgerechnet 670 Euro, und bekommt den cke traf Schwergewichte wie Telefónica, weile knapp 4000 Unternehmen angehö-
Schlüssel. »Ich musste dreimal durch- FedEx, Renault und die Deutsche Bahn. ren. Firmen, die bekanntermaßen Opfer
rechnen, ob ich mir das leisten kann«, Wenige Wochen nach der WannaCry- von Ransomware geworden sind, wollen
schreibt er dem SPIEGEL in einer Mail. Welle machte der nächste Verschlüsselungs- keine Details preisgeben – auch aus Angst,
»Am Ende hatte ich noch 67 Euro auf dem trojaner namens Petya/NotPetya weltweit erneut ins Visier zu geraten. Wer bereit ist
Konto.« Schlagzeilen: Betroffen waren diesmal un- zu reden, will seinen Namen nicht veröf-
Die Verschlüsselungstrojaner haben sich ter anderem die Reederei Maersk und der fentlicht sehen.
zu einer weltweiten Plage entwickelt – für Nivea-Hersteller Beiersdorf. Der sollte Me- So wie ein Sanitätshaus in Norddeutsch-
Privatpersonen, aber vor allem für Unter- dienberichten zufolge 300 Dollar Lösegeld land. Die Infektion mit der Ransomware
nehmen. Die europäische Polizeibehörde pro Rechner zahlen – und lehnte ab. Nicht GandCrab fand spätabends im Mai statt.
Europol hält Ransomware für »die größte nur die Computer an den Schreibtischen Am nächsten Morgen stellten die Mitar-
Cybercrime-Bedrohung im Jahr 2019«. standen daraufhin still, sondern auch die beiter fest, dass ihre Programme nicht wie
Die Attacken seien im Gegensatz zu früher Bänder in den Fabriken. Weltweit wird gewohnt funktionierten. »Für die sah es
»gezielter, bringen den Tätern mehr ein der Schaden, den NotPetya angerichtet nach einem Systemabsturz aus«, sagt der
und verursachen größeren ökonomischen hat, auf zehn Milliarden Dollar geschätzt. zuständige IT-Projektmanager.
Schaden«, heißt es in einem aktuellen Be- Doch schnell war klar, dass alle wichti-
richt der Behörde. gen Server befallen waren. Die Lösegeld-
Auch das deutsche Bundesamt für Si-
Teure Sicherheit forderung betrug 0,3 Bitcoin – pro befal-
cherheit in der Informationstechnik (BSI) Ausgaben für IT-Absicherung in Deutschland, lener Datei. Bei Zig- oder gar Hunderttau-
in Mrd. Euro
ist alarmiert: Verschlüsselungsangriffe senden Dateien ergab das eine Millionen-
Prognose
seien derzeit »die größte Cybersicherheits- summe, die das Sanitätshaus nie hätte auf-
Bedrohung für Unternehmen, Organi- 4,9 bringen können. Ein Hinweis darauf, dass
sationen und Einrichtungen des Gemein- die Firma eher zufällig zum Opfer wurde.
wesens«, sagt BSI-Präsident Arne Schön- 4,1 Weil Bezahlen keine Option war, mach-
bohm. Seine Behörde warnt seit Jahren 3,7 te sich das Sanitätshaus an die Rettung sei-
vor derartigen Angriffen, vor allem vor de- 3,4 ner IT-Systeme. Es gelang zunächst nicht,
nen steigender »Qualität«. 3,1 die Sicherungskopien einzuspielen. Erst
Allein die Bochumer IT-Sicherheitsfir- 2,7 weitere IT-Experten bekamen das Pro-
ma G Data hat seit Jahresbeginn rund blem unter Kontrolle. »Nach 36 Stunden
200 000 Varianten der bekanntesten Ran- hatten wir die Firma wieder funktions-
somware-Familien erkannt. Das bedeutet: fähig«, sagt der Projektleiter.
gut alle zwei Minuten eine neue. Anders als bei den Angreifern geht es
Immer wieder gelingt es den Angreifern, für die Opfer um mehr als nur um Geld:
komplette Betriebe lahmzulegen. Erst im Krankenhäuser in Australien und den USA
Oktober traf es den deutschen Mittelständ- mussten wegen Ransomware-Angriffen
ler Pilz, einen Spezialisten für Steuerungs- Operationen verschieben. Das Lukaskran-
technik aus dem Raum Stuttgart: Hacker 2014 2015 2016 2017 2018 2020 kenhaus in Neuss musste eine Zeit lang
griffen sämtliche Firmenserver an und ver- Quellen: Bitkom, IDC Boten einsetzen, die wichtige Unterlagen

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 67


Wirtschaft

persönlich überbrachten – weil digital konzern Norsk Hydro wurde im März Tilman Frosch vom IT-Sicherheitsunter-
nichts ging. Ein logistischer Albtraum. von der Ransomware LockerGoga infi- nehmen G Data: »Eine Gruppe von Tätern
Die Arztpraxis Wood Ranch Medical ziert. Wochenlang mussten Teile des Un- beschafft die Zugänge in die Systeme der
im kalifornischen Simi Valley wurde im ternehmens manuell betrieben werden. Opfer und verkauft sie dann in Unter-
August Opfer eines Erpresserangriffs, von Norsk Hydro zahlte kein Lösegeld, bezif- grundforen oder über ihre eigenen Kanä-
dem sie sich nicht mehr erholen wird. Alle ferte die Kosten durch die eingeschränkte le.« Eine andere Tätergruppe nutze diese
Patientendaten sowie Sicherungskopien Produktion aber auf mehr als 50 Millio- Zugänge dann, um darüber ihre Schadsoft-
wurden verschlüsselt. Die Großpraxis nen Euro. ware zu verbreiten. Andere wiederum hät-
macht im Dezember dicht. Derzeit hilft Chester Wisniewski, Forschungschef bei ten sich darauf spezialisiert, die Ransom-
sie den gut 5800 Patienten nur noch, neue der britischen IT-Sicherheitsfirma Sophos, ware ständig weiterzuentwickeln. Teilwei-
Ärzte zu finden. berichtet von einer Firma, die auf 2,6 Mil- se werde »sogar die Gewinnbeteiligung
Arztpraxen seien ein be- vorab ausgehandelt«, heißt
liebtes Ziel, sagt Florian Oel- es im aktuellen Lagebericht
maier vom Münchner Si- des BSI.
cherheitsdienstleister Cor- Die Abwehr macht mitun-
porate Trust. »Für die ist es ter einen weniger professio-
ein Horror, wenn sie plötz- nellen Eindruck. Ihre offene
lich nicht mehr an die Be- Flanke: E-Mails und Men-
handlungsergebnisse der schen. Mitarbeiter klicken
letzten vier Wochen heran- Links an oder rufen Dateien
kommen und alle Patienten auf, weil sie auf kluge Weise
noch einmal neu einbestel- ausgetrickst werden. Das
len müssen.« BSI beobachtet eine Zunah-
Ein Angriff mit Ransom- Angriff me sogenannter Social-En-
ware hat, anders als etwa gineering-Angriffe, also et-
Spionage oder Datendieb-
Erpressungssoftware (Ransomware) gelangt über das Internet wa zielgerichteter Phishing-
stahl, zumeist sofortige Aus- in Firmennetzwerke oder private Computer, beispielsweise Mails, die für die Empfänger
wirkungen, selbst im An- über Phishingmails. Sie verschlüsselt Dateien, Ordner oder ganze kaum noch als solche zu er-
fangsstadium einer Attacke. Laufwerke. Die Opfer erhalten eine Nachricht des Erpressers. kennen sind.
Die Verwaltung von Neu- Gegen Zahlung eines Lösegelds sollen die Dateien wieder Ein weiteres Problem:
stadt am Rübenberge in Nie- freigegeben werden. In manchen Unternehmen
dersachsen und das Kam- könnten die Systeme aus der
mergericht in Berlin etwa Ferne gewartet werden –
wurden bereits lahmgelegt, seien aber lediglich mit
noch bevor es überhaupt zu schwachen Passwörtern vor
einem Verschlüsselungsan- Zugriffen von außen ge-
griff kommen konnte. Sie schützt, sagt Sicherheits-
wurden Opfer von Emotet, experte Frosch. »Das sind
einer extrem gefährlichen Themen, die wir seit 20 Jah-
Schadsoftware, die häufig ren haben und die Kriminel-
als Türöffner für Ransom- le immer wieder anders aus-
ware eingesetzt wird. Sie zu Opfer Schaden nutzen. Momentan eben mit
beseitigen ist so aufwendig, Privatpersonen, Der Aluminiumkonzern Ransomware.«
dass Stadtverwaltung und Behörden, Norsk Hydro wurde 2019 Ausschließen lassen sich
Kammergericht gezwungen solche Angriffe nicht. Das
Krankenhäuser, Opfer einer Ransomware
waren, mit Stift, Papier und Ausmaß des Schadens aber
kleine Unternehmen und bezifferte die
elektrischen Schreibmaschi- lässt sich begrenzen. Ob
nen zu arbeiten. Wäre die
oder Konzerne dadurch entstandenen gleich die ganze Firma lahm-
Infektion nicht früh erkannt wie beispielsweise Kosten auf gelegt wird, hängt auch da-
worden, hätte es mit einer Deutsche Bahn, über 50 Mio. Euro. von ab, wie gut Unterneh-
Ransomware noch schlim- FedEx, Renault und men vorbereitet sind.
mer kommen können. Denn Telefónica Sophos-Experte Wis-
wer auf einen solchen An- niewski berichtet von Kun-
griff nicht vorbereitet ist – den aus Kanada und den
mit Sicherungskopien, Not- USA, die nicht damit gerech-
fallsystemen und einer klug gebauten In- lionen Dollar erpresst worden sei. Sie wei- net hatten, jemals Opfer zu werden, und
frastruktur –, dem bleibt am Ende nur, zu gerte sich zu zahlen, auch dann noch, als keine Vorstellung davon hatten, was alles
zahlen und zu hoffen. die Täter die Lösegeldforderung reduzier- ausfällt, wenn ihre Server unbrauchbar ge-
Die Geschäftsleitung des Hamburger Ju- ten. »Die Wiederherstellung seiner Syste- macht werden.
weliers Wempe etwa fasste nach einer Er- me hat das Unternehmen dann 2,3 Millio- Während große Firmen in der Regel eine
pressung im Sommer den Beschluss, sich nen Dollar gekostet, es konnte zwei Wo- Abteilung für IT-Sicherheit haben, sehen
auf Lösegeld einzulassen. Unternehmens- chen lang nicht produzieren.« mittelständische Unternehmen darin oft
berater Oelmaier sagt: »Von unseren Kun- Den oftmals erschreckend hilflosen Op- bloß Zusatzkosten. Zumal Cybersecurity-
den hat gut ein Viertel gezahlt.« fern stehen immer besser organisierte An- Experten deutlich mehr verdienen, als das
Auf die Erpresserforderungen nicht ein- greifer gegenüber, mit einem ausgefeilten Gehaltsgefüge mancher Arbeitgeber hergibt.
zugehen kann am Ende trotzdem teuer Geschäftsmodell. Die Kriminellen würden Der Australier Patrick Gray produziert
werden: Der norwegische Aluminium- sich die Aufgaben inzwischen teilen, sagt mit Risky.biz den wohl bekanntesten Pod-

68 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


cast zu IT-Sicherheit, der selbst von NSA-
Offiziellen beachtet wird. Gray hat einen
eher unkonventionellen Vorschlag, wie
sich das Problem lösen ließe. »Würden die

ke V L H !
derzeitigen Ransomware-Attacken von ei-
nem staatlichen Akteur wie Nordkorea
oder Iran durchgeführt, würden wir uns D a n hts zumecker n.
nicht fragen, ob es eine Angelegenheit der
bt esnic
nationalen Sicherheit ist. Es wäre ganz of-
fensichtlich eine.« Deshalb will Gray auf
Da gi chichte
n
1 Mio. G
die Geheimdienste zurückgreifen: Nach- es
richtendienste müssten keine gerichtsfes- r–
itgliede
ten Beweise sammeln und Anklageschrif-
ten vorbereiten. Denkbar sei, die Ransom- 1 Mio. M
ware-Gruppen zu infiltrieren, ihre Infra-
struktur zu unterwandern oder gleich ganz
abzuschalten, etwa ihre bevorzugten
Dienste zum Tauschen und »Waschen«
von Bitcoin. Radikale Ideen, für deren
Durchführung allerdings jede rechtliche
Grundlage fehlt.
Ein deutscher Sicherheitsberater hat es
deshalb auf eigene Faust versucht. Er und
sein Team haben unter ausländischen
Tarnidentitäten Kontakt zu Kriminellen
aufgenommen, die einen Kunden betrü-
gen wollten und dessen Sicherungskopien
verschlüsselt hatten. Nach einiger Zeit sei
es seinen Leuten gelungen, die Täter und
Hintermänner zu hacken und zu identifi-
zieren. «Wir haben die Herrschaften mit
unseren Erkenntnissen konfrontiert und
gedroht, sie in Blogs und Foren zu veröf-
fentlichen.« Daraufhin hätten die Täter ge-
holfen, die Sicherungskopien des Opfers
zu retten.
Auch Tobias Frömel hat sich zu einer
ganz eigenen Antwort an seine Erpresser
entschieden: Nachdem er für die rund 670
Euro den Schlüssel zu seinen Daten erwor-
ben hatte, gelang es ihm, die Ransomware
zu sichern und zu untersuchen. Dabei fand
er Hinweise auf den Server, den die Täter
nutzen – und hackte ihn. Er kopierte die
darauf abgelegten Schlüssel für mehr als
2800 Opfer und veröffentlichte die Liste
im Internet, zusammen mit der Bitte um
ein »Trinkgeld für die harte Arbeit«.
Jetzt muss er hoffen, dass die Behörden
ihn nicht zum Täter stempeln. Denn auch
wenn seine Absichten edel waren – der Hack
war illegal. Frömel beruft sich auf Notwehr.
»Die Behörden haben wenig bis keine Ah-
nung, und wäre der Server abgeschaltet Harald M. und seine Ziege „Brenda“, bezahlt von seiner Steuerrückerstattung.
worden, hätten alle Opfer ohne eine Mög-
lichkeit der Entschlüsselung dagestanden.«
Umgerechnet 390 Euro hat er bisher als
Dankeschön bekommen.
Patrick Beuth, Jörg Schmitt
Mail: patrick.beuth@spiegel.de
Steuern?
Video
Lass ich machen.
Was tun bei Online-
Erpressung?
spiegel.de/sp452019hacker
oder in der App DER SPIEGEL
Von der VLH.
69
Wir beraten im Rahmen von § 4 Nr. 11 StBerG. www.dankevlh.de
Wirtschaft

»Ich hasse Dünkel«


Morgan: Christian und ich arbeiten sehr
gern zusammen und haben eine überein-
stimmende Vision für die Firma. Wir sind
uns einig, wo die Probleme und Chancen
liegen.
Management Jennifer Morgan, 48, Co-Chefin des Softwarekonzerns SPIEGEL: Das klingt jetzt sehr kuschelig.
SAP, über ihren abrupten Aufstieg an der Spitze des Dax- Morgan: Ist es aber nicht. Bei uns stimmt
Unternehmens, moderne Führung und Gleichberechtigung im Job die persönliche Chemie. Wir machen ei-
nen harten Job. Das geht nur, wenn man
Spaß hat und Vertrauen zueinander. Chris-
SPIEGEL: Frau Morgan, Sie sind die erste Morgan: Wir wussten, dass wir potenzielle tian und ich haben das, das ist ein groß-
und einzige Frau an der Spitze eines Dax- Nachfolger sein könnten. Es hat mich also artiges Fundament.
Unternehmens, noch dazu des wertvolls- nicht überrascht, dass es passiert ist, son- SPIEGEL: Hätten Sie es auch allein ge-
ten. Taugen Sie zum Symbol? dern dass es so schnell ging. Es gab keiner- macht?
Morgan: Ganz ehrlich: Ich fand es sehr lei Anzeichen dafür, dass Bill McDermott Morgan: Ja, aber zu zweit zu sein ist ein
überraschend, dass ich die erste Frau bin, aufhören wollte. Der sauste wie üblich mit echter Vorteil. Wir haben doppelte Power.
die ein Dax-Unternehmen führt. Verste- Vollgas durchs Unternehmen. Am Ende Und es sendet das richtige Signal in die
hen Sie mich nicht falsch, es ist eine Ehre, des Quartals bat er mich eher beiläufig, Firma: dass Teamarbeit gefragt ist.
natürlich. Aber ich war verwundert, als nach Kalifornien zu kommen, um mit SAP- SPIEGEL: Signale sind schön. Aber Ihre
ich mein Foto in jeder deutschen Zeitung Gründer und Aufsichtsratschef Hasso Kunden warten auf Lösungen. Nahezu
sah. In den USA war das nicht so. Plattner und ihm übers Geschäft zu spre- alle fürchten die Kompliziertheit der
SPIEGEL: Eine Normalität sind Frauen in chen. Wir trafen uns in einem netten Re- SAP-Programme und -Systeme. Die Inte-
Toppositionen dort allerdings auch nicht. sort in Kalifornien. Hasso war sehr ernst, gration der verschiedenen Firmen, die Sie
Morgan: In den USA mussten und müssen fast feierlich. Und dann teilte er mir mit, aufgekauft haben, zieht sich. Was ist aus
Frauen ebenfalls für ihre Position in Un- dass ich zusammen mit Christian SAP lei- dem alten SAP-Slogan »Run simple« ge-
ternehmen kämpfen. Aber dort haben die ten soll. Ab dem nächsten Tag. worden?
Diskussionen über Gleichberechtigung SPIEGEL: Warum die Eile? Morgan: Es gibt Beispiele, wo wir die Ver-
und Vielfalt viel früher begonnen. Heute Morgan: Wenn es so weit ist, ist es eben einfachung sehr gut hingekriegt haben. Da-
sehen wir die Ergebnisse. so weit. Die Firma steht stark da, und die rauf müssen wir aufbauen. Die Hauptauf-
SPIEGEL: Sehen Sie sich als Vorbild? beiden trauten uns zu, zu übernehmen. gabe für mich und Christian ist es, die
Morgan: Mit meiner Berufung hat SAP SPIEGEL: Es gab kein Zerwürfnis? Firma so zusammenzubringen und die Be-
die Messlatte für Frauenkarrieren in Morgan: Ich bin stolz darauf, wie reibungs- reiche so zu integrieren, dass uns das in
Deutschland angehoben. Das ist eine Ehre, los und professionell wir die Übergabe hin- großem Maßstab gelingt.
aber der Maßstab ist immer noch zu nied- gekriegt haben. Das hat alles wie am SPIEGEL: Wie soll das gehen?
rig. Ich werde versuchen, ihn deutlich hö- Schnürchen geklappt. Es gab keinen Mo- Morgan: Mir gefällt das Konzept der An-
her zu legen. Darauf können Sie sich ver- ment der Verunsicherung. fänger-Denke. SAP baut, weil die Firma
lassen. SPIEGEL: Sie treten als Doppelspitze an. schon lange existiert, meist auf Bestehen-
SPIEGEL: Wie haben Sie es in dem Män- Eine solche Konstruktion lädt zu Macht- dem auf, statt Dinge völlig neu zu denken,
nerladen SAP nach ganz oben geschafft? kämpfen geradezu ein. wie es Anfänger tun. Wir müssen lernen,
Morgan: Der Durchbruch war, als Bill selbst einfacher zu werden, sonst können
McDermott mich zur Nordamerikachefin wir keine einfachen Lösungen bieten. Und
beförderte. Ich übersprang damit zwei Po- Rosige Zeiten 118,92 schon gar nicht einfach erklären.
sitionen und stand plötzlich über meinem SAP-Aktienkurs in Euro SPIEGEL: Ihre Kunden verlangen prakti-
bisherigen Vorgesetzten. Viele dachten, sche Lösungen, Investoren wie der aggres-
nun ist Bill völlig verrückt geworden. Das sive Hedgefonds Elliott fordern Rendite
war die Zeit, als wir die ersten Cloud-Fir- 80 um jeden Preis, die Mitarbeiter mehr Ent-
men übernahmen. Die Kultur änderte sich, wicklungszeit.
in der Firma und in der gesamten Tech- Morgan: Bedient man die Interessen nur
industrie. Das wäre selbst für einen alt- 33,08 einer Gruppe, hat man kurzfristig Ruhe,
gedienten Manager eine große Herausfor- 40 verliert aber die Loyalität der anderen und
derung gewesen. In dieser Situation jeman- hat gleich wieder ein Problem. Wenn die
den zwei Hierarchiestufen überspringen Investoren eine bessere Marge wollen,
zu lassen war fast schon frech. Mir war Quelle: Refinitiv Datastream; Stand 31. Oktober
muss man ihnen klarmachen, dass das nur
0
selbst ein bisschen mulmig. Aber Bill gelingt, wenn man am Erfolg des Kunden
glaubte an mich. Und versorgte mich mit 2010 2019 arbeitet. Wer langfristige Ziele verfolgt,
den nötigen Leuten, die mich unterstütz- muss in alle Richtungen kommunizieren.
Die größten Konkurrenten
ten. Und siehe da: Es funktionierte. SPIEGEL: Sie werden viel zu reden haben.
Unternehmenssoftware-Anbieter* nach Umsatz, 2018
SPIEGEL: Braucht man Mut, um eine fähi- Morgan: Wir wollen erst mal zeigen, dass
ge Frau zu befördern? SAP 7,7 Mrd. Dollar wir zuhören, dass wir dazulernen. Es geht
Morgan: Auch bei der Besetzung von um die Art, wie wir kommunizieren, mit
Männern braucht man Mut. Gerade Oracle 3,9 wem wir reden. Ich brauche keine forma-
herrscht große Aufregung, weil mein Co- Workday 2,3 len Lagebesprechungen mit 48 Leuten im
Chef Christian Klein erst 39 Jahre alt ist. Raum. Ich brauche keine Titel und Hier-
Das stimmt. Na und? Warum nicht? Sage 2,1 archien. Ich will mit demjenigen sprechen,
SPIEGEL: Christian Klein und Sie wurden Infor 1,7 der die meiste Erfahrung bei einem Thema
*Enterprise Resource
vor drei Wochen scheinbar Hals über Kopf Planning (ERP)-Software hat. Mir geht es um Talent, nicht um Titel.
an die Spitze von SAP befördert. Microsoft 1,3 Quelle: Gartner Um Leistung, nicht um Firmenpolitik. Ich

70
COREY PERRINE / THE WALL STREET JOURNAL
Co-Vorstandsvorsitzende Morgan: »Bei Führung geht es um Selbstlosigkeit«

kann Anspruchsdenken nicht leiden. Ich bringen, Probleme zu lösen. Meine Leute wann du anfangen willst. Das habe ich ihm
hasse Dünkel. werden nie von jemand anderem als mir nie vergessen.
SPIEGEL: Das klingt gut – aber wie zeigen hören, was ich über sie denke. Es geht um SPIEGEL: Ihre Karriere hätte an dem
Sie das konkret? Vertrauen und Respekt. Punkt auch zu Ende sein können, oder?
Morgan: Ein kleines Beispiel: Heute Mor- SPIEGEL: Nicht um Durchsetzungsfähig- Morgan: Das Wichtigste ist: Wenn es um
gen bin ich in dem Hotel, in dem wir ge- keit? Frauenförderung geht, müssen die Männer
rade ein dreitägiges Kundenevent veran- Morgan: Das reicht nicht mehr aus. Wir mit am Tisch sitzen. Es hat keinen Sinn,
stalten, aus dem Bett gerollt, habe meine haben fast 100 000 Mitarbeiter. Die kön- wenn nur Frauen darüber reden. Das Netz-
Jogginghose angezogen und bin noch un- nen Sie nicht einfach mitschleppen. Sie werken untereinander ist zwar extrem
gewaschen in die Lounge gegangen, um müssen motiviert, begeistert werden. Bei wichtig, aber die meisten Entscheider sind
mir schnell einen Kaffee zu holen. Führung geht es um Selbstlosigkeit. Ich nun mal immer noch Männer. Die müssen
SPIEGEL: So weit, so normal. habe immer versucht, Mitarbeiter zu fin- Geschlechtergerechtigkeit als eine Füh-
Morgan: Denken Sie! Meine Assistenten den, die in manchen Dingen besser und rungsaufgabe ansehen, sonst wird das nie
haben mich später gefragt, warum ich schlauer sind, die Dinge anders sehen als etwas.
nicht sie geschickt habe. Ist das zu glau- ich. Mein Job ist es, sie glänzen zu lassen SPIEGEL: Was halten Sie von einer Quote?
ben? Ich bin ja wohl in der Lage, mir selbst und aufs Podium zu bringen. Das zieht Morgan: Ich glaube nicht, dass es gut wer-
einen Kaffee zu holen. So eine kleine Ges- alle anderen mit hoch. den kann, wenn jemand gezwungen wer-
te ist tatsächlich ein wichtiges Symbol. Alle SPIEGEL: Haben Sie das selbst erlebt? den muss, etwas zu tun. Das macht nie-
sollen wissen, dass wir nicht im Elfenbein- Morgan: Als mein damaliger Mentor Pat mandem Spaß. Ich kenne genügend Un-
turm sitzen. Bakey zu SAP wechselte, wollte er mich ternehmensführer, die freiwillig Frauen in
SPIEGEL: In jeder großen Firma gibt es mitnehmen. Ich werde nie vergessen, wie ihre Vorstände geholt haben. Es liegt in ih-
Büropolitik, Hierarchiekämpfe, Flurfunk. mich Bill McDermott das erste Mal anrief. rer Hand.
Kommen Sie dagegen an, indem Sie Ihren Das war fünf Tage nach der Geburt meines SPIEGEL: Bei SAP liegt es jetzt in Ihrer.
Kaffee selbst holen? zweiten Sohnes, ich war gerade wieder zu Morgan: Eben, ganz ohne Gesetz, ohne
Morgan: Glauben Sie mir, ich werde sehr Hause. Den Säugling auf dem Arm, ein Quote. Ich habe mir vorgenommen, in
deutlich machen, was ich bereit bin zu ak- Kleinkind am Bein, ich war erschöpft. Ich meiner Rolle das Thema Gleichberechti-
zeptieren, und was nicht. Und ich werde sagte ihm: Das klingt toll, aber ich habe gung überall anzusprechen. Und immer
kein vergiftetes Klima im Unternehmen gerade ein Kind bekommen und möchte nur eines zu fragen: warum nicht?
dulden. Man braucht eine gesunde Umge- den Sommer freinehmen. Bill sagte: Nimm Interview: Michaela Schießl
bung, um schnell zu sein, um Ideen vorzu- dir alle Zeit, die du brauchst. Sag Bescheid,

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 71


Wirtschaft

Blackout
ren Haftungsklagen zu schützen. Bis dato warteten Leitungen, die in vielen Wohn-
sind Forderungen in Höhe von über 30 gebieten das typische Kabelgewirr über
Milliarden Dollar anhängig, im Januar hat- den Straßen formen. Big Tech ist bei der
te PG&E Insolvenz angemeldet. Kalifor- Versorgung privilegiert, während drum
Krisen Kalifornien steht niens Gouverneur warf PG&E »jahrzehn- herum Zustände herrschen wie in Ent-
telange Gier und Missmanagement« vor. wicklungsländern.
in Flammen – und selbst die Firmenchef Bill Johnson sagte, Kalifornien Dass quasi vor ihrer Haustür jedes Jahr
Techkonzerne des Silicon müsse auch in den nächsten zehn Jahren wieder die Welt in Flammen aufgeht,
Valley sind dagegen machtlos. mit vorsorglichen Stromunterbrechungen passt schlecht zum optimistischen Mach-
rechnen. Für die kalifornische Wirtschaft barkeitscredo der Techindustrie, die doch
bedeuten die Netzausfälle Milliardenver- die Erde permanent zu einem besseren

F ür gut zwei Millionen Menschen in


Kalifornien ging in den vergangenen
Tagen nichts mehr, kein Licht, kein
Kühlschrank, kein Internet, für viele von
luste. Schwer getroffen wird auch das Heer
prekär beschäftigter Zeitarbeiter, die nach
geleisteten Stunden bezahlt werden.
Einen auffälligen weißen Fleck auf der
Ort machen will. Elon Musk, der Tesla-
Chef, erntete während der dramatischen
Feuer im vergangenen Jahr ordentlich
Spott für seinen per Twitter verbreiteten
ihnen kein Festnetz, kein Mobilfunk. Der Karte jener Gebiete ohne Strom bildete Vorschlag, dass Menschen mit Lungenbe-
Hightech-Staat an der US-Westküs- schwerden doch in Tesla-Modellen
te versank im Dunkeln, mal wieder. Zuflucht suchen sollten, deren
Ausgerechnet die Heimat von Hightech-Filter die Luft rein hal-
Weltverbesserungskonzernen wie ten. Während der aktuellen Strom-
Apple und Google bekommt ihr ausfälle meldete sich Musk erneut
Dauerproblem mit der Stromver- mit einem zweifelhaften Hilfsange-
sorgung nicht in den Griff. Der bot: Er bot allen »direkt Betroffe-
Elektrizitätskonzern PG&E hatte nen« einen Preisabschlag von
vorsorglich knapp einer Million 1000 Dollar auf Solardächer seiner
Haushalten den Strom abgedreht, Firma an, um für künftige Black-
um die Gefahr weiterer Waldbrän- outs gewappnet zu sein.
de zu verringern. Solche Gesten wirken zynisch in
Auf einem Parkplatz neben dem einer Region, die nicht nur wegen

JAE C. HONG / AP
Highway 101, nördlich von San der Wildfeuer, sondern auch wegen
Francisco, wo ein einsamer Safe- des Techbooms für viele Menschen
way-Supermarkt geöffnet hatte »unbewohnbar wird«, wie der »At-
und ein bisschen Handyempfang lantic« in apokalyptischem Ton
herrschte, saßen Hunderte Men- feststellte. In San Francisco, wo
schen in ihren Autos, telefonierten, sagenhaft gut verdienende Tech-
schrieben E-Mails, arbeiteten an ih- angestellte die Wohnungspreise ins
ren Laptops. Im Warenhaus dräng- Unermessliche treiben, gibt es
ten sich die Kunden, um Konserven, nicht nur so viele Obdachlose wie
Kerzen und Batterien zu kaufen. in kaum einer anderen amerikani-
Weiter nördlich, in der berühm- schen Stadt. Auch weniger Verdie-
ten Weinbaugegend Sonoma, muss- nende können sich schon lange kei-
ten Hunderttausende ihre Häuser ne Bleibe in der Stadt mehr leisten
verlassen, bedroht vom nahe wü- und nehmen täglich lange Pendel-
PAUL CHINN / POLARIS / LAIF

tenden »Kincade Fire«, das bis reisen aus dem erschwinglicheren


Donnerstag auf gut 300 Quadrat- Umland auf sich.
kilometer angewachsen war, ange- Was für San Francisco gilt, gilt
facht von heftigen Winden. Es gibt auch für den Rest Kaliforniens: Es
den Verdacht, dass auch dieses gibt eine Verbindung zwischen den
Feuer durch eine schadhafte Strom- Plagen Wohnungs- und Feuersnot.
leitung von PG&E verursacht wor- Weil die urbanen Zentren zuneh-
den war – wie so viele in der jün- Tesla-Chef Musk, umgestürzter Strommast in Geyserville mend unbewohnbar werden, ziehen
geren Vergangenheit. Zustände wie in Entwicklungsländern immer mehr Menschen weiter raus
PG&E, für Pacific Gas and Elec- und bauen ihre Häuser in Gegen-
tric Company, zahlte jahrelang lie- den, wo die Feuergefahr höher ist.
ber Millionen Dollar an Boni und Dividen- vergangene Woche das Silicon Valley süd- Vor dem Notfallzentrum von Marin
den aus, statt marode Technik zu moder- lich von San Francisco. Die Heimat von City, kurz hinter der Golden Gate
nisieren. Stromleitungen verlaufen noch Techgiganten wie Google, Facebook, App- Bridge, sitzen die Bewohner in langen
immer überirdisch, wie meist in den USA. le oder Tesla blieb verschont – was laut Zelten an Klapptischen, verdrücken Gra-
Immer wieder entfachen deshalb umstür- Michael Wara, Experte für Energiepolitik tis-Pizza und laden ihre Handys an Ka-
zende Strommasten oder Bäume Brände. an der Universität Stanford, zwei Gründe beln, die zu laut surrenden Generatoren
Auch am Ausbruch des verheerenden hat: Zum einen ist das Valley weitgehend führen.
»Camp Fire«, dem vor einem Jahr mindes- frei von brandgefährdeter Vegetation. Deren Hersteller gehören zu den weni-
tens 85 Menschen zum Opfer gefallen sind, Zum anderen, so Wara, lägen Großkun- gen, die am Stromausfall gut verdienen.
trug PG&E die Schuld. Der Grundversor- den wie die Techhauptquartiere typischer- Die Geräte sind in vielen Baumärkten
ger ist zum Grundübel geworden. weise in der Nähe von Hochspannungs- ausverkauft. Guido Mingels
Nun nimmt der Konzern seine Kunden systemen. Diese sind von den Ausfällen Mail: guido.mingels@spiegel.de
vorsorglich vom Netz, um sich vor weite- weniger betroffen als die oft schlecht ge-

72 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


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D
er Terminkalender ist voll, der Tag
Die anspruchsvolle Seite startet vielversprechend. Ein kurzer
Blick auf den Jeep Grand Cherokee
®
Summit bestärkt das Hochgefühl. Er ist

des Abenteuers der „Gipfel“ der Jeep-Flotte, und das ist


bis ins Detail sichtbar und spürbar. Feines
Leder* mit präzisen Doppelnähten, offen-
poriges Holz und passgenaue Metalleinla-
Der Jeep Grand Cherokee Summit überzeugt mit souveränem gen bestimmen das elegante Ambiente im
® Innenraum. Während der Fahrt sorgt die
Stil und Luxus. Hinzu addiert er erstklassige Geländefähigkeiten, High-End-Audioanlage von Harman Kar-
die ihn zum Abenteurer der Extraklasse machen don für exzellenten Hörgenuss. Für Telkos
oder schnelle Telefonate kann der Fahrer
unkompliziert und schnell sein Smartphone
via Apple CarPlay1 oder Android Auto™ 2
koppeln und entspannt über die Freisprech-
einrichtung mit hoher Sprachqualität tele-
fonieren. Zudem sind zahlreiche innovative
technische Systeme Bestandteil der Serien-
ausstattung. Die radargesteuerte Adaptive
Cruise Control mit Stopp&Go-Funktion
passt beispielsweise automatisch die Reise-
geschwindigkeit an und hält automatisch
einen voreinstellbaren Abstand zum voraus-
fahrenden Fahrzeug. Das Auffahrwarnsys-
tem mit Aufprallvermeidung warnt, wenn
man sich einem Fahrzeug zu schnell nähert,
und arbeitet in Gefahrensituationen mit
dem Bremsassistenten Hand in Hand. Für
erstklassigen Komfort sorgen durchdachte
Details wie unter anderem die Einpark-Au-
tomatik oder die hintere Querbewegungs-
erkennung, die das Einparken und Rück-
wärtsausparken erleichtern.

Der Geländegänger
Mehr Luxus ist in keinem anderen Jeep zu
finden, und dennoch hat der Jeep Grand
Cherokee Summit seine Herkunft fest in
seiner DNS verankert. So ist er auch abseits
der Straße ein kompetenter Macher mit sei-
nem permanent aktiven Allradantrieb mit
variabler Antriebskraftverteilung (sperr-
bar) und Geländeuntersetzung sowie seiner
elektronisch geregelten Differenzialsperre
an der Hinterachse. Die Quadra-Lift® Luft-
federung ermöglicht es dem Fahrer zudem,
den Summit per Knopfdruck auf eine be-
eindruckende Bodenfreiheit von 274 mm
anzuheben. So meistert der Jeep der Extra-
klasse fast jedes Terrain. Die unverkennbare
Front mit 7-Slot-Kühlergrill, die markante
Heckschürze mit den auffälligen, abgeflach-
ten Auspuff-Endrohren sowie der große
Dachspoiler sichern ihm dabei einen star-
ken, selbstbewussten Auftritt. Gepaart mit
dem Luxus unverwechselbarer sowie prak-
tischer Details wie den Rücklichtern mit
LED-Technik, der elektrisch bedienbaren
Heckklappe, dem „Smart Fuel“-Komfort-
Tankverschluss oder den 20 Zoll großen
Leichtmetallrädern, ist das Fahrerlebnis
einzigartig.
Im Herzen ist der Jeep Grand Cherokee Summit ein Geländegänger, die Ausstaung kommt dem
®
Anspruch an eine Luxuslimousine nahe. Das Resultat: ein elegantes SUV, das souverän Abenteuer
in der City, auf Reisen oder abseits der Straße meistert.

Kompatibilität vorausgesetzt. Eine Liste der kompatiblen Geräte finden Sie unter https://www.driveuconnect.eu/de/support/jeep 1 CarPlay, iPhone und Siri sind geschützte Marken der Apple Inc. 2 Android, Android AutoTM, Google Play und andere Marken sind geschützte Marken der Google Inc.
*Leder, kombiniert mit hochwertiger Ledernachbildung
VOLKMAR SCHULZ / KEYSTONE
Werbeplakat 2004: Die Billigmasche verfängt nicht mehr

Ins Abseits rabattiert


Handel Der Elektronikhändler Ceconomy, Mutter der MediaMarktSaturn-Märkte, kämpft mit alten Ideen
um neue Kunden. Während sich die Führung im Machtgerangel verliert, rennt den Filialen die Zeit davon.

I m Sommer versuchte es Saturn wie-


der mit den Rezepten von vorgestern.
»Geiz is back« tönte die Elektronik-
kette in ihrer Werbung, ein lauwarmer Auf-
Nun ist Werner weg. Die Probleme
allerdings bleiben. Und die Zeit, sie zu
lösen, wird knapp: In den kommenden
drei Jahren drohen fast drei Viertel des
ist sehr kritisch«, sagt ein Topmanager des
Konzerns.
Die Struktur der Handelskette ist kom-
pliziert. Haupteigner der Media-Saturn-
guss des einst legendären, heute etwas ab- operativen Gewinns verloren zu gehen, Holding (MSH) ist Ceconomy – die wie-
genudelten Reklameslogans von 2002: wenn der Konzern nicht gegensteuert. derum besitzt neben MSH nur ein paar
»Geiz ist geil!«. Auch die Schwestermarke Das belegen interne Papiere. »Die Lage kleine Minderheitsbeteiligungen. Beide
Media-Markt kramte eine Uraltidee her- Unternehmen haben ihre eigenen Chefs,
vor und schenkte den Kunden zum x-ten die im Grunde über dasselbe Reich herr-
Mal die Mehrwertsteuer. »Steuerspara- Gefährlicher Rückstand schen. Wer das Sagen hat, ist unklar.
dies« hieß die Kampagne. Auch nicht ge- Media-Saturns operativer Gewinn, in Mio. Euro Aufsichtsratschef Jürgen Fitschen, ehe-
rade ein kreativer Brüller. mals Deutsche-Bank-Boss, hatte einen ra-
Die Ideenlosigkeit der Werber spiegelt 625 dikalen Neuanfang eingefordert. Werner,
die Trostlosigkeit der Media-Saturn-Hol- der früher die Werkstattkette A.T.U. und
ding, zu der beide Marken gehören. Die den Elektronikhändler Conrad geleitet hat-
Gewinne schrumpfen. Der Aktienkurs des te, schien dafür der richtige Mann. Sein
Mutterkonzerns ist seit Anfang 2018 von 419* Abgang nach nicht einmal acht Monaten
mehr als 13 Euro auf unter 5 Euro abge- lässt auch Fitschen nicht gut aussehen.
sackt. An der Frage, wie die größte Elek- Der hat sich das Managementdesaster
tronikkette Europas mit Onlinegiganten selbst zuzuschreiben. Er forderte von Wer-
wie Amazon mithalten soll, hat der Mut- – 33 % ner eine Revolution des Geschäftsmo-
terkonzern Ceconomy binnen kürzester dells – gab ihm aber offenbar nicht die Rü-
Zeit den zweiten Chef zerschlissen. Vor 2010 2017/18 ckendeckung, die für ein solches Manöver
zwei Wochen musste Jörn Werner nach ei- notwendig gewesen wäre. Ein Großaktio-
nem internen Machtkampf gehen; er war när wirft dem Aufsichtsratschef »komplet-
erst Anfang März geholt worden, um eine zum Vergleich: Amazon + 891%** tes Versagen« vor. Fitschen hätte für klare
neue Strategie zu entwickeln. *seit 2017 Teil von Ceconomy; **auf Euro-Basis Weisungsbefugnisse sorgen müssen, heißt

74 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Wirtschaft

es im Gesellschafterkreis. Er habe den


Machtkampf zwischen Werner und MSH-
neue Vision, so Reverter, könne man erst
in zwei bis drei Jahren entwickeln. Werner
Das Wissen
Chef Ferran Reverter lange unterschätzt.
Werner, so berichten Vertraute, habe kei-
ne echte Chance bekommen, seine Ideen
konterte: Dann werde man erst in fünf Jah-
ren ein neues Geschäftsmodell haben. Bis
dahin sei MediaMarktSaturn tot.
der Besten
umzusetzen. Als er am 18. September sein
45-Seiten-Konzept im Aufsichtsrat erläu-
Den Vertreter von Großaktionär Haniel
hatte Werner im Aufsichtsrat an seiner Sei-
Jetzt im Handel
tern wollte, wurden ihm dafür knapp zwei te, sonst aber verlor er zunehmend den
Stunden zugebilligt. Was Werner unter Rückhalt. Er sei im Unternehmen teilweise
dem Titel »Nordstern« dann vorstellte, wie ein »kleiner Diktator« aufgetreten, läs-
zeigte in erster Linie, wie schlecht es um tert ein Aufsichtsrat. Er habe es versäumt,
das Unternehmen bestellt ist. Management und Mitarbeiter von Media-
Die Werbung mit niedrigen Preisen Saturn bei der Entwicklung einer neuen
spreche nur 30 Prozent der Kunden an, Strategie eng mit einzubinden. Einem Mit-
die MediaMarktSaturn potenziell errei- glied des Gremiums erschien Werners Stra-
chen könne. Ausgerechnet bei der Klientel, tegie zudem recht erwartbar, jedenfalls
die man von den Onlineplattformen weg- nicht als der große Befreiungsschlag. Um-
und in die Shops hineinlocken könnte, ver- gesetzt wird sie jetzt größtenteils trotz-
fängt die Billigmasche nicht. 70 Prozent dem – bloß ohne Werner.
der Kunden ließen sich eher durch guten »Es gab und gibt keine grundsätzlichen
Service in die Filialen holen. Differenzen über die Strategie«, sagt Auf-
Dafür wären sie sogar bereit, mehr zu sichtsratschef Fitschen. Bis zur Jahreswen-
zahlen. Das zeigt eine Befragung von 6000 de sollen die von Werner vorgestellten
Kunden, die Werner in Auftrag gegeben Umbaupläne ausgearbeitet und beschlos-
hatte. Der zufolge würde jeder Dritte etwa sen werden. »Wir werden aber nicht alles
für eine Beratung, wie sich das eigene Haus auf einmal machen können, wir müssen
mit Smarthome-Technik und Sprachassis- priorisieren«, so Fitschen.
tent wie Alexa, Siri oder Google Home Das Ende April verkündete Kostenspar-
ausrüsten lässt, Geld ausgeben. »Weil wir programm, intern Project 1 getauft, läuft
in der Werbung Preis schrei- bereits. Um bis zu 130 Mil-
en, kommen zu uns die lionen Euro sollen die jährli-
Schnäppchenjäger«, sagt ein chen Kosten sinken, 600 Stel-
Topmanager. »Wir investie- len wegfallen.
ren viel Geld, um die illoyals- Der nächste Zwist aber Die Marvel-Methode
ten Kunden zu gewinnen.« deutet sich schon an. Werner
Diese Strategie habe das hatte mit den Erben des ver- Wissenschaftler entschlüsseln
Unternehmen zudem abhän- storbenen Mitgründers und
gig von den Lieferanten ge- Anteilseigners von Media-
das Innovationsgeheimnis des
STEFAN BONESS / VISUM

macht, so Werner. Bieten die Saturn, Erich Kellerhals, ei- erfolgreichsten Filmstudios
einen Mengenrabatt, wird nen Burgfrieden geschlossen.
die Ware in den Verkauf ge- Über ihre Firma Convergen- der Welt
presst, ob die Kunden sie ta halten sie 21,6 Prozent an
wollen oder nicht. Das Pro- Media-Saturn, ihre diversen
blem ist: Erreichen die Lä- Sonderrechte hatten die Er- MITTELSTAND
Chefaufseher Fitschen
den die vereinbarte Ver- »Nicht alles auf einmal« ben in der Vergangenheit in- Die digitalen Hidden Champions
kaufsmenge nicht, gewähren tensiv genutzt, um Entschei-
die Hersteller auch die Ra- dungen zu blockieren. Wer-
batte nicht in voller Höhe. Dann bleiben ner band die Familie ein, deeskalierte. Mit NETWORKING
wieder nur Preisaktionen. seinem Rauswurf dürfte der Frieden dahin
Der geschasste Ceconomy-Chef wollte sein. Convergenta-Chef Ralph Becker hat Profitieren Sie von den wirklich
raus aus dem Kleinklein des Fernseher- Fitschen für die Trennung von Werner wichtigen Leuten
Kaffeemaschinen-Wäschetrockner-Verkau- scharf kritisiert, die Mitgesellschafterin
fens. Ihm schwebten Filialen mit kleinerem fürchtet bei Media-Saturn um ihren Ein-
Sortiment vor, die dafür aber Gerätetests, fluss.
Events und eigene Spielecken für Fans von Fitschen verspricht, Convergenta werde
Computerspielen anbieten. Bis 2022 sollte bei wichtigen Entscheidungen mit einge-
sich das operative Ergebnis auf 1,2 Milliar- bunden: »Wir werden dafür sorgen, dass
den Euro fast verdoppeln, die Kosten ge- Convergenta die Transformation weiter
senkt und der Umsatz gesteigert werden. mitträgt.« Sollte das misslingen, würde
Doch Werner wurde ausgebremst, be- auch ein Vorhaben in weite Ferne rücken,
vor er überhaupt loslegen konnte. Vor al- mit dem viele Querelen gelöst wären: die
lem Reverter, Chef der Media-Saturn-Hol- Verschmelzung von Ceconomy und Me-
ding, wollte sich von Werner nichts sagen dia-Saturn. Sie wäre nur mit Zustimmung
lassen. Er soll ihm die Einsicht in wichtige der Kellerhals-Erben zu machen.
Geschäftszahlen verwehrt haben. Im Auf- Kristina Gnirke, Martin Hesse
sichtsrat empfahl Reverter, sich erst einmal Mail: kristina.gnirke@spiegel.de Jetzt App
ums Kostensparen zu kümmern. Eine downloaden
DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 75
harvardbusinessmanager.de
Der selbstfahrende Mann
Visionen Alex Roy gehört zu den schrillsten Stimmen in der Debatte um autonomes Fahren.
Er arbeitet für ein Start-up, das Menschen am Steuer ersetzen soll – und fährt gern illegale Rennen.

A
lex Roy ist ein rasender Wider-
spruch. Ein Besessener, der ille-
gale Rennen fährt, auch mal quer
über den amerikanischen Kon-
tinent. Ein Highspeed-Junkie, der Ge-
schwindigkeitsrekorde jagt und stolz da-
rauf ist, wie er dabei die Polizei narrt.
Autofahren ist für Roy, 47, viel mehr als
eine Fortbewegungsart, er hält es für ein
Menschenrecht – eines, das gefährdet ist.
Roy hat einen Verein gegründet (»The Hu-
man Driving Association«), der dafür
kämpft, menschengesteuerte Autos in der
amerikanischen Verfassung festzuschrei-
ben. Denn die Menschheit, glaubt Roy,
müsse davor geschützt werden, dass eines
Tages Roboter und Algorithmen das Auto-
fahren komplett übernehmen.
Und wo arbeitet der Mann? Bei einem
der weltgrößten Start-ups für selbstfahren-
de Autos.
Argo AI heißt die Firma, in Pittsburg zu
Hause, mit einem Ableger im Silicon Val-
ley. Roy ist seit Anfang des Jahres als
Director of Special Operations angestellt.
»Keiner hat verstanden, warum die mich
einstellen«, sagt er und lacht laut, »ich
selbst auch nicht.«
Im Juli kaufte sich der Volkswagen-Kon-
zern mit 2,6 Milliarden Dollar bei Argo AI
ein. Das Investment ist Teil einer strategi-
schen Partnerschaft mit Ford, der US-Kon-
zern arbeitet schon länger mit Argo an
selbstfahrenden Autos. Mit 700 Angestell-
ten und einem Firmenwert von mehr als
sieben Milliarden Dollar gehören Argo und
sein Chef Bryan Salesky zu den Schwer-
gewichten der selbstfahrenden Branche.
Roy ist Bleifuß und Philosoph. Als dauer-
polemischer Autor des Autoportals »The
Drive« stellt er die großen Fragen rund
um die menschliche Fortbewegung: Wie
viel Autonomie wollen wir an die Technik
abgeben? Was bedeutet »selbstfahrend«
überhaupt? Wollen wir wirklich lieber ge-
fahren werden, als selbst zu fahren? Wel-
che Probleme lösen selbstfahrende Autos
eigentlich, die wir nicht besser auf andere
Weise lösen können?
TIMOTHY ARCHIBALD / DER SPIEGEL

Bekannt geworden ist er als Enfant ter-


rible der US-Autoszene. Zu seinen Leiden-
schaften gehört das sogenannte Cannon-
ball-Rennen, eine Wettfahrt quer durch
die USA, an der sich seit dem 20. Jahrhun-
dert immer neue Abenteurer versucht ha-
ben. Roy raste im Jahr 2006 in 31 Stunden Manager Roy
und 4 Minuten von der Ost- an die West-

76
Wirtschaft

küste Nordamerikas, mit einer Durch- kehrs. Das Gegenteil von Freiheit. Das Ge- Indien, von Chennai nach Mumbai, nur um
schnittsgeschwindigkeit von 145 km/h auf genteil von Alex Roy. zu zeigen, dass ein selbstfahrendes Auto
einer Gesamtstrecke von 4497 Kilometern. Roy hat einen »war on driving« ausge- mit den dortigen Fahrbedingungen so bald
Auf Straßen, auf denen mal höchstens 90, macht, einen Krieg gegen das Autofahren. nicht klarkommen wird. Für eine Dokumen-
mal 120 km/h erlaubt sind, waren Roy und Die Self-Driving-Autoindustrie, die ihn be- tation des Trips filmte er Kühe auf der Stra-
sein Beifahrer oft mit über 200 Sachen un- zahlt, deckt er deshalb bei jeder Gelegen- ße, Monsun auf der Autobahn, komplizier-
terwegs. Mit dieser unverantwortlichen, heit mit Verwünschungen ein. Auf einer te Kreuzungen ohne Lichtsignale und den
unsinnigen – und illegalen – Jagd unterbot Mobilitätskonferenz in Richmond bei San niemals endenden Stau. »Das Silicon Valley
er eine 23 Jahre alte Bestmarke. Es war Francisco hielt er im Frühjahr einen mar- investiert Milliarden in selbstfahrende Au-
ein Rennen im Geheimen, ohne Zuschauer, tialischen Vortrag und trug dabei Camou- tos«, sagt er über sein Indienabenteuer,
nur gegen die Uhr und gegen die Polizei. flagehose, Bomberjacke und Sonnenbrille. »aber das Problem sind die Grenzfälle auf
Roy hat die Rekordfahrt filmen lassen, »Man muss diesen Leuten sehr deutlich den Straßen, die man nicht vorhersehen
vom Rücksitz und aus der Luft, und daraus sagen, was man zu sagen hat, sonst hören kann. Nun, Indien ist ein einziger Grenz-
den Dokumentarfilm »The Secret Race sie nicht zu«, sagt Roy. fall.« Sein Fazit: Wann immer ein selbstfah-
Across America« gemacht. Bis er sein Aber ist er mehr als nur der Hofnarr rendes Auto bereit sei für den US-Markt, für
Werk endlich zeigen konnte, vergingen der digitalen Autoszene? Was soll er be- Indien müsse man 20 Jahre hinzurechnen.
13 Jahre. »Wir mussten den Film zurück- wirken unter all den von künstlicher Intel- Dass Fortschrittsskeptiker Roy und Argo-
halten, bis in den meisten Bundesstaaten, ligenz beseelten Ingenieuren? Chef Salesky sich gut verstehen, liegt auch
die wir durchquerten, alle möglichen Straf- Dass einer wie Roy plötzlich ernst ge- daran, dass Salesky, anders als so viele in
taten verjährt waren«, erklärt er. Das Pu- nommen wird, hat auch mit der erlahmen- seiner Zunft, die Hoffnungen auf eine bal-
blikum bei der Westküstenpremiere in San den Euphorie der Propheten selbstfahren- dige autonome Massenmobilität mehr
Francisco Anfang Juni ist handverlesen, der Autos zu tun. Immer weiter mussten dämpft als schürt. Selbstfahrende Trans-
auch freundlich lächelnde Vertreter portmittel, die auf allen Straßen
von Argo AI sind dabei. Roy strahlt und in großer Zahl zum Einsatz
während der Vorführung übers kommen, lägen »weit in der Zu-
ganze Gesicht. kunft«, sagte Salesky kürzlich der
Zu sehen ist an diesem Abend »New York Times«.
zum Beispiel, wie Roy in seinem Seiner Einschätzung nach haben
blauen BMW M5 über den High- Argo wie auch andere Mitbewer-
way 44 in Oklahoma rast. Aus dem ber zwar bereits rund 80 Prozent
Polizeifunkscanner hören er und der Technologie entwickelt, die
sein Beifahrer: »Hinweis: blauer für einen breiten, alltäglichen Ein-
BMW mit überhöhter Geschwin- satz selbstfahrender Autos erfor-
digkeit, rücksichtslose Fahrweise, derlich ist – doch die verbleiben-
Nummernschild nicht lesbar.« den 20 Prozent seien »sehr viel
Doch kurz bevor Roy den Ord- schwieriger«.
nungskräften in die Arme fährt, Argo- und andere Testwagen
taucht vor ihm ein Sattelzug auf. In können heute ihre Umwelt umfas-
dessen Schatten schleicht der send wahrnehmen, die Radar- und
BMW unbemerkt an der Polizei Sensortechnologie dazu existiert
vorbei. Göttliche Fügung auf der und funktioniert. Die Herausforde-
FOTO: PRIVAT

Leinwand, Gelächter und Applaus rung für die Softwareingenieure be-


beim Filmpublikum. steht nun vor allem darin, zuver-
Roy, später beim Interview auf lässig vorauszusehen, was diese
einem Sofa mehr liegend als sit- BMW-Sportwagen M5: Autofahren als Menschenrecht Umwelt – also die anderen Verkehrs-
zend, bezeichnet seine illegale teilnehmer, ob Kühe oder Men-
Crosscountry-Rekordfahrt als »Ex- schen – als Nächstes tun wird.
trembeispiel einer menschlichen Willens- die Autobauer die Termine nach hinten Und das ist schwer. Unter den Auto-
leistung«. verschieben, zu denen der Mensch am roboterdesignern, nicht nur bei Salesky,
Das ist das Gegenteil der selbstfahren- Steuer angeblich durch Algorithmen er- ist seit Kurzem eine neue Bescheidenheit
den Zukunft, wie sie die Autoindustrie vor- setzt wird, serienmäßig. Argo-Kunde Ford ausgebrochen. »Wir haben uns bei der
hersieht: Fahrzeuge, in der die Technik etwa hatte 2016 noch angekündigt, bis Einführung autonomer Fahrzeuge über-
den Menschen ersetzt, Roboterautos, die, 2021 ein Auto ohne Lenkrad zu entwi- schätzt«, sagte etwa Ford-Chef Jim Ha-
in ihrer reinsten Form, kein Lenkrad mehr ckeln, also ein autonomes Gefährt mit »Le- ckett im April. Alexander Hitzinger, bei
haben sollen, niemals zu schnell fahren vel 5« – das ist die höchste von fünf Evo- VW der leitende Kopf für autonomes Fah-
werden, niemals eine Verkehrsvorschrift lutionsstufen, in die Experten selbstfah- ren, sprach in der »FAZ« kürzlich vage
verletzen werden, weil ihnen die Regeln rende Autos einteilen. von einem Zeitrahmen »ab 2025«. Das PR-
einprogrammiert sind. Fortbewegungsmit- Ein Auto auf Level 5 braucht kein Gas- Wettrennen jedenfalls, welche Firma den
tel, die als intelligente Flotte unterwegs und kein Bremspedal, der Mensch hat hier frühesten Termin für ein marktreifes selbst-
sind, um Waren oder Menschen abzulie- nichts mehr zu tun. Solche Ankündigungen, fahrendes Auto vorhersagen kann, scheint
fern, per Software miteinander vernetzt, die von Medien oft ungeprüft übernommen mittlerweile abgesagt. Roy steht nicht nur
die sich, wie im Fall von Uber oder Lyft, werden, erregen Roys Zorn. »Ich will den für die notwendige Ernüchterung, sondern
die Passagiere teilen. Bullshit raushaben aus der Diskussion«, auch für einen neuen Realismus der Bran-
Das Auto ist in diesen Konzepten ein sagt er, »because I fucking hate bullshit« – che. Und er ist die Verbindung von Tech-
Gemeinschaftstransportmittel, das im Ideal- dafür liebt der Mann Kraftausdrücke. euphorikern zu Autoenthusiasten.
fall nicht dem Fahrer gehört, sondern der Im vorigen Jahr fuhr Roy in einem Re- Für die Premiere seines Films hat Roy
Firma: das Gegenteil des Individualver- nault Kwid, einem Mini-SUV, quer durch den Unternehmenssitz von Bring A Trailer

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 77


Wirtschaft

gewählt, einer Firma, die Oldtimer online nenstädte von unbemannten, herumvaga-

DIE
versteigert. In der geräumigen Halle in San bundierenden Vehikeln verstopft werden.
Franciscos Viertel Potrero Hill stehen er- In den ersten Tagen seines neuen Jobs
lesene Schönheiten, darunter ein grüner setzte Roy den ihm zur Verfügung gestell-
Porsche 911T aus dem Jahr 1972, ein ten Dienstwagen, einen Ford Edge, in der
1956er Mercedes 300 SL mit Flügeltüren Argo-Parkgarage gegen eine Säule. Erst

NEUE
und ein knallroter Chrysler 300B aus den war es ihm peinlich. Er, der Mann, der ei-
Fünfzigerjahren. nen BMW M5 ohne Kratzer im Tiefflug
Die Autos, mit denen hier gehandelt vom Atlantik zum Pazifik steuerte, der
wird, kommen aus einer Ära, als Fahrzeu- Mann, der das Unmögliche möglich macht

EMMA!
ge noch keinen Bordcomputer hatten und und das Unsichere sicher, demoliert einen
von ihren Besitzern mit ein paar Schraub- Ford im Keller eines führenden Unterneh-
schlüsseln selbst repariert werden konnten. mens für Roboterautos.
Sie erinnern daran, wie weit der Mensch Dann aber, sagt Roy, habe die Episode
und die Industrie sich entfernt haben vom ihm die Augen dafür geöffnet, welche Art
Automobil als einem Produkt, dessen Ein- von selbstfahrender Zukunft er sich tat-
zelteile und Funktionsweise seinen Nut- sächlich wünsche. »Das ultimative auto-
Wir küren zern zugänglich und verständlich waren.
Roy, Tüftler und Techniker, der seine Ral-
nome Auto«, wie Roy es sich vorstellt,
»verfügt über eine Selbstfahroption für
Kollegah zum lyewagen mit allen erlaubten und un-
erlaubten Hilfsmitteln umbaut und auf-
Stadt- und Autobahnfahrten, die nachweis-
lich sicherer ist als der durchschnittliche

Sexist Man motzt, hat für diese Art der Beziehung


zwischen Fahrer und Fahrzeug große
Mensch am Steuer«. Diese muss sich de-
aktivieren lassen. Sobald der Mensch die

Alive 2019.
Sympathien. Kontrolle übernimmt, wird ein Assistenz-
Trotzdem glaubt er, wie er sagt, »dass system aktiv, das Unfälle verhindert oder
das selbstfahrende Auto unvermeidlich mildert. Ebenfalls muss es einen Privat-
ist«. Zur Filmpremiere ist er mit einem modus geben, der die Vernetzung mit allen
Tesla-Elektrowagen gekommen, einem anderen Verkehrsteilnehmern unterbricht,
Auto, das sich laut einem Kolumnisten der
»Washington Post« anfühlt, als würde man
»ein riesiges iPhone fahren«, samt Benut- Mit einem Elektroauto
zeroberfläche, die man per Fingertippen 2017 quer durch die USA
bedient. Die Technik eines Tesla ist für
den Nutzer, auch für Roy, genauso abstrakt in neuer Bestzeit: 50
und undurchdringlich wie viele andere Stunden und 16 Minuten.
moderne Geräte unseres Alltags – Fern-
seher, Drucker, Smartphone. Diese Dinge
führen ein komplexes Eigenleben, das für wenn der Fahrer das will. Und: »Es
den Menschen verschlossen bleibt und braucht ein Selbstparksystem für Idioten
dem er nicht auf die Sprünge helfen kann, wie mich.«
wenn etwas kaputtgeht. Technologie, die Ob er daran mittüftelt und was genau
dem Besitzer zu Diensten, aber auch ent- er bei Argo tut, verrät das Unternehmen
glitten ist. nicht. Ein Sprecher der Firma sagt, man
Doch selbst wenn sich die technischen, habe Roy engagiert, weil er über »enorme
juristischen und regulatorischen Schwie- Kompetenzen im Bereich des autonomen
rigkeiten des autonomen Fahrens irgend- Fahrens« verfüge, doch die Projekte, an
wann werden lösen lassen, bleibt unklar, denen er arbeite, seien geheim.
ob das selbstfahrende Auto als Massenpro- Roys Crosscountry-Rekord mit einem
dukt überhaupt erstrebenswert ist. Roy Verbrennungsmotor ist mittlerweile unter-
hat oft darauf hingewiesen, dass der Be- boten worden (um 2 Stunden und 14 Mi-
weis, dass Roboterautos mehr Sicherheit nuten), und er lässt es (»vermutlich«) da-
bieten als von Menschen gesteuerte, erst bei bewenden. Aber er hat in einen neuen
EN!
EMMA TEST Preis
noch erbracht werden muss, bevor sie in Wettstreit eingegriffen: die schnellste Fahrt
1⁄2 den Massenbetrieb entlassen werden. Und quer durch die USA mit Elektroantrieb.
3 Hefte zum auch die gern wiederholte Hoffnung der Ende 2017 setzte er hier gemeinsam mit
Nur 12 € (staabo
tt 23,70)
Selbstfahrenthusiasten, dass autonome Beifahrer Dan Zorrilla eine neue Bestmar-
emma.de/ Fahrzeuge das Problem der am Verkehr ke, mit 50 Stunden und 16 Minuten, in ei-
erstickenden Städte lösen werden, könnte nem Tesla – der braucht länger als ein Ben-
sich als Trugbild erweisen. ziner wegen der Aufladezeiten an der
Adam Millard Ball, Professor für Stadt- Steckdose. Auch dieser Rekord wurde ge-
planung an der Universität Santa Cruz, brochen, doch Roy wird wieder antreten.
EMMA. hat kürzlich in einem Aufsatz auf die Ge-
fahr hingewiesen, dass die Roboterautos
Er möchte ebenfalls der Erste sein, der
eine Rekordfahrt in einem selbstfahrenden
BLEIBT MUTIG! die Lage gar verschlimmern: Weil es billi-
ger sei, autonome Fahrzeuge, statt sie zu
Auto versucht. »Sofern es einen Ausschalt-
knopf hat«, sagt er. Guido Mingels
parken, einfach herumfahren zu lassen, so-
emma.de lange man sie nicht braucht, könnten In-
Mail: guido.mingels@spiegel.de

78 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Grüner
fliegen

ROBERT GRAHN / EUROLUFTBILD.DE / PICTURE ALLIANCE / ZB


Verkehr Mehr Steuern, alterna-
tive Kraftstoffe, mehr Zwischen-
landungen – das Umweltbundes-
amt zeigt, wie Luftverkehr
klimafreundlicher werden kann.

D ie Boeing 787-9 war mehr als 19


Stunden lang in der Luft, von New
York bis nach Sydney, 16 200 Kilo-
meter ohne Zwischenlandung. Es war ein
Testflug, den die australische Fluglinie Passagiermaschinen am Berliner Flughafen Tegel: Verzicht muss Teil der Strategie sein
Qantas vor zwei Wochen als »bedeutende
Premiere für die Luftfahrt« feierte. Ziel sei
es, einen regulären Nonstop-Linienflug an- verständnis auf, der Flugverkehr sei sätzlich sind internationale Flüge von
zubieten, um noch schneller von einer Sei- nur zu einem kleinen Teil an der Entste- der Mehrwertsteuer befreit. Würde man
te der Welt auf die andere reisen zu kön- hung von klimaschädlichen Gasen betei- diese beiden Subventionen abschaffen,
nen, kündigte das Unternehmen an. ligt. Es stimme zwar, dass derzeit etwa hätte allein Deutschland zusätzliche Ein-
Immer mehr, immer schneller, immer 2,5 Prozent des weltweiten CO -Aus- nahmen von mehr als zwölf Milliarden
²
weiter – im Luftverkehr gilt das Ideal stoßes von Flugzeugen verursacht wer- Euro, die in die Entwicklung klimascho-
des ungebremsten Wachstums beinah den. Aber die Triebwerke pusteten nender Technologien gesteckt werden
noch so, als gäbe es die Debatte um Kli- noch andere Klimakiller und Schadstoffe könnten, so das Amt;
maerwärmung nicht. 4,3 Milliarden Pas- in die Atmosphäre, etwa Methan und ‣ einen Teil dieser Steuereinnahmen da-
sagiere wurden 2018 weltweit befördert, Lachgas. Außerdem wirkten die Gase in für zu verwenden, Bahnverbindungen
rechnerisch etwa jeder zweite Bewohner der Reiseflughöhe der Passagierjets zwischen Ballungsräumen so gut auszu-
der Erde. Der Flugverkehr werde weiter zum Teil zwei- bis dreimal schädlicher bauen, dass Fliegen auf Kurzstrecken
wachsen, prognostiziert die internationale als am Boden. Unterm Strich sei der Luft- überflüssig wird;
Zivilluftfahrt-Organisation ICAO, um bis verkehr heute mit fünf bis acht Prozent ‣ Flughäfen nicht mehr allein in Verant-
zu 4,8 Prozent pro Jahr. Für das Jahr 2030 an der globalen Klimaerwärmung betei- wortung der Bundesländer zu planen,
wird in Deutschland mit 175 Millionen ligt, Tendenz steigend. sondern nach einem koordinierten
Fluggästen gerechnet, heu- Die Branche hat sich Konzept vom Bund. Das sei effizienter
te sind es rund 120 Mi- auf Kritik vorbereitet und könne auch Lärmbelastungen min-
llionen. Abgehoben und argumentiert, sie dern;
Aufhalten lassen wird Geflogene Personenkilometer werde Milliarden in spar- ‣ dem Kerosin synthetischen Kraftstoff
sich der Trend nicht, trotz- weltweit in Milliarden samere Flugzeuge und aus klimaneutraler Herstellung beizu-
dem kann die Fliegerei die Entwicklung alterna- mischen, in einem ersten Schritt schon
30000
vielleicht etwas weniger tiver Kraftstoffe investie- mal zu zehn Prozent.
klimaschädlich werden. ren, so der Bundesver- 19 Stunden lange Nonstop-Flüge nach
Das jedenfalls hoffen Ex- 20000
band der Deutschen Luft- Australien sollten keine reguläre Ver-
perten des Umweltbun- verkehrswirtschaft. Nach bindungen werden, fordern die Experten
desamts, die in der kom- Einschätzung der Um- im Umweltbundesamt darüber hinaus. Da
menden Woche in Berlin 10000 weltbehörde reicht das die Maschinen auf weiten Reisen viel
ihr Konzept für den »Luft- allerdings bei Weitem schweren Treibstoff mitnehmen, den sie
Prognose: wahrscheinlichstes
verkehr der Zukunft« vor- Szenario mit jährlichem Zu- nicht aus. Trotz der Ein- fast vollständig in Reiseflughöhe verbren-
stellen wollen. Ihre zen- wachs um 4,4 %; Quelle: UBA führung neuer Maschi- nen, seien solche Routen besonders klima-
trale Botschaft: Fliegen 2010 2030 2050 nen werde der CO -Aus- schädlich.
²
muss teuer werden und stoß durch die Flieger ins- Untersuchungen zeigten, dass der
stärker reguliert, um die gesamt jährlich um zwei Kerosinverbrauch bei gängigen Langstre-
Folgen für das Klima, die Umwelt und die bis drei Prozent steigen. Eine Strategie für ckenmaschinen durch Zwischenstopps
Gesundheit der Anwohner einigermaßen grüneres Fliegen heißt nach Ansicht der nach etwa 5500 Kilometer Streckenlänge
in Grenzen zu halten. »Es wäre schon ein Forscher auch Verzicht. Die Wissenschaft- verringert werden könne. Die Fachleute
Fortschritt, die steuerliche Bevorzugung ler schlagen vor, schlagen vor, das Tankvolumen der Flug-
des Fliegens gegenüber der Bahn zu been- ‣ Kerosin besteuern zu lassen und auch zeuge gesetzlich zu begrenzen. Das ver-
den«, sagt Martin Schmied, Leiter der Ver- andere Steuerlücken zu schließen. Bis- hindere nicht nur ineffiziente Ultralang-
kehrsabteilung des Amtes. lang müssen, nach einem Abkommen flüge, sondern es schaffe auch Anreize,
Mehr als 50 Wissenschaftler und Fach- von 1944, auf den Flugtreibstoff keine sparsamere Modelle zu entwickeln.
leute der Umweltbehörde in Dessau Steuern gezahlt werden, wodurch Flie- Matthias Bartsch
haben Studien und Daten zusammenge- gen im Vergleich zum Bahn- und Stra- Mail: matthias.bartsch@spiegel.de
tragen. Sie räumen auch mit dem Miss- ßenverkehr stark bevorzugt wird. Zu-

79
Ausland
Baghdadi dürfte nicht ahnen, dass der Countdown längst begonnen hat. ‣ S. 82

ERIC THAYER / NYT / REDUX / LAIF


Mehrere Feuersbrünste wüten in Kalifornien und bedrohen sogar Los Angeles. Diese Feuerwehrmänner
versuchen, die Brände einzudämmen, indem sie vorsorglich Unterholz anzünden. Die Wälder sind
ausgedörrt, die trockenen Winde so stark wie kaum je zuvor – beides auch eine Folge des Klimawandels.
Als Vorsichtsmaßnahme wurde der Strom für Millionen Menschen in Kalifornien abgestellt.

Analyse

Die Angst vor der Religion


Das Kopftuch entzweit wieder einmal Frankreich – angeblich geht es um die Republik, in Wahrheit um den Islam.

Manche Konflikte lassen ein Land über Jahre nicht los, manchmal die Regierungssprecherin widerspricht. Am Dienstag stimmte
über Jahrzehnte. Schon 1989 stritt Frankreich darüber, ob Schüle- der Senat für einen Gesetzentwurf gegen das Tuch bei Begleit-
rinnen, die mit Kopftuch zum Unterricht erschienen, das Prinzip personen, nun wird die Nationalversammlung darüber dis-
der strikten Trennung von Staat und Religion gefährdeten. Und kutieren. Dort hat Emmanuel Macrons Partei die Mehrheit, der
tatsächlich dürfen seit 2004 Schüler keine deutlich sichtbaren reli- Präsident lehnt ein Verbot ab. Es wäre ein »enormer Fehler«,
giösen Zeichen mehr tragen. Seit einigen Wochen geht es um eine einer Mutter, die ihr Kind zur Schule bringe, zu sagen: »Sie sind
neue Variante derselben Diskussion: Seitdem eine muslimische nicht willkommen.«
Mutter mit Kopftuch die Schulklasse ihres Sohnes bei einem Aus- Es ist ein Kampf um Symbole, den Frankreich in einem sen-
flug begleitet hat, diskutieren die Franzosen, ob man das Tuch in siblen Moment führt. Anfang Oktober tötete ein islamistischer
einem solchen Fall erlauben oder verbieten sollte. Polizeibeamter in Paris vier seiner Kollegen – und gerade ver-
Die Gesetzeslage ist klar: Begleitende Eltern sind kein Lehr- übte ein 84-Jähriger in Bayonne einen blutigen Anschlag auf
personal und dürfen Zeichen der religiösen Zugehörigkeit tragen. eine Moschee. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass
Der rechtsnationale »Rassemblement National« von Marine Le sich zu den Werten der Republik auch bekennen kann, wer Kopf-
Pen wie auch die konservativen Republikaner fordern, das Tuch tuch, Kippa oder Kreuz trägt. Das Prinzip der Trennung von
müsse weg. Die Debatte spaltet das Land wie die Regierung. Der Staat und Religion wurde zuletzt in Frankreich aber vor allem
Bildungsminister bezeichnete das Kopftuch als »unerwünscht«, herangezogen, wenn es um den Islam ging. Britta Sandberg

80 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Hongkong Krankenhäusern gekommen ist. Die
Beamten können auf die Computer zu-
»Wir befinden uns in einer greifen. Das ist aber eigentlich ein Me-
humanitären Krise« chanismus für Notfälle. Seit Juni wird er

EMILE DUCKE NYT / REDUX / LAIF


offenbar missbraucht, um den Demons-
Alfred Wong ist Kardiologe und arbeitet tranten nachzuspüren. Außerdem
in einem öffentlichen Krankenhaus in patrouillieren Beamte um die Kliniken
Hongkong. Seit Beginn der Proteste arbei- herum und behindern Ärzte bei der
tet er mit manchen seiner Kollegen nach Behandlung.
Schichtende im Untergrund weiter. Er SPIEGEL: Wie sieht das aus?
behandelt dann Demonstranten, die nicht Wong: Zum Beispiel indem sie sich wei-
Chinakritiker Bilasch in die öffentlichen Krankenhäuser wollen: gern, den Raum zu verlassen, wenn
Sie haben Angst, dass ihre Daten dort Ärzte oder Krankenschwestern einen
Kasachstan an die Polizei weitergegeben werden. mutmaßlichen Demonstranten unterhalb
Zum Schweigen Wong und seine Kollegen haben für sie der Gürtellinie untersuchen müssen. So
eine Hotline eingerichtet. etwas habe ich vorher noch nie erlebt.
verdammt Sogar in Kriegszeiten haben Verletzte das
SPIEGEL: Herr Wong, mit welchen Verlet- Recht, sich medizinisch untersuchen zu
 Das Büro der Nichtregierungsorgani- zungen kommen die Demonstranten zu lassen. Doch in Hongkong verzichten die
sation »Atajurt« in der kasachischen Ihnen? Menschen aus Angst vor der Polizei
Stadt Almaty glich bis vor Kurzem Wong: Das reicht von leichten Verletzun- darauf. Wir befinden uns in einer huma-
einem Bienenstock: Dutzende Familien gen, etwa Hautirritationen durch Tränen- nitären Krise.
drängten sich dort, um Angehörige als gas, bis hin zu Brüchen und verletzten SPIEGEL: Begeben Sie sich durch diese
vermisst zu melden. Die Verschwunde- Organen. Manche Patienten schweben in Behandlungen selbst in Gefahr?
nen gehören zu den 1,5 Millionen Mus- Lebensgefahr. Wir bekommen Anrufe und Wong: Was wir tun, ist nicht illegal. Die
limen, die in der chinesischen Provinz Textnachrichten und versuchen, so die Leute um uns herum wissen, was wir
Xinjiang in Lagern der Regierung in- Situation zu erfassen. Wenn es geht, machen, es ist kein Geheimnis. Nur wo
haftiert sind. Peking behauptet, Ui- geben wir Anweisungen über das Telefon. und was wir genau behandeln, ist streng
guren, Kasachen und andere Minderhei- Bei schweren Fällen vereinbaren wir vertraulich – nicht um uns zu schützen,
ten »umzuerziehen«, um Terrorismus einen Treffpunkt für eine Behandlung. sondern die Patienten. Es ist aber schon
zu stoppen. Häftlinge, die entkommen Wo diese stattfinden, kann ich Ihnen nicht passiert, dass Spione mit angeblichen Ver-
sind, berichten von Menschenrechts- sagen, um unsere Patienten zu schützen. letzungen zu uns gekommen sind. Das
verletzungen. In dieser Woche haben SPIEGEL: Über wie viele Patienten merken wir schnell, wir alle sind erfahre-
Deutschland und rund 20 weitere Län- sprechen wir? ne Ärzte. VKS
der China wegen seiner Unterdrückung Wong: Wir geben die
der uigurischen Minderheit vor der Zahl nicht heraus, aber
Uno kritisiert. Der prominente China- ich kann Ihnen sagen,
kritiker Serikschan Bilasch und seine dass wir in etwa so
Kollegen von »Atajurt« dokumentier- viele Menschen behan-
ten das Verschwinden der Kasachen in deln wie die Notauf-
Xinjiang. Der kasachischen Regierung nahme eines mittelgro-
passt das nicht. Sie hat Bilasch unter ßen Krankenhauses.
Androhung einer mehrjährigen Haft- Und es werden immer

SHANNON STAPLETON / REUTERS


strafe jüngst verboten, politisch aktiv zu mehr.
sein. Er habe zu einem »Informations- SPIEGEL: Wovor haben
krieg« gegen China aufgerufen. China die Demonstranten
ist Kasachstans zweitgrößter Handels- Angst?
partner. Das Megaprojekt »Neue Sei- Wong: Es gibt zahlrei-
denstraße« führt durch das Land – mit che Berichte darüber,
dem mächtigen Nachbarn will Kasachs- dass die Polizei an
tan es sich nicht verscherzen. KUK Patientendaten aus den Polizist, Demonstranten in Hongkong

Tansania mentieren die Menschenrechtsorganisa- oft gehindert und juristisch verfolgt. Erick
Saubermann auf Abwegen tionen Amnesty International und Hu- Kabendera, ein bekannter Enthüllungs-
man Rights Watch in zwei neuen Berich- journalist, ist seit drei Monaten ohne Ver-
 Als Hoffnungsträger hatte John Pombe ten. So beschränken neue Gesetze die fahren in einem Hochsicherheitsgefängnis
Magufuli angefangen, seit 2015 regiert er bisherige Versammlungs-, Meinungs-, inhaftiert. Zugleich häufen sich mysteriö-
das ostafrikanische Tansania. Er bekämpf- Rede- und Pressefreiheit. Seit 2018 etwa se Attentate. 2017 trafen etwa den Oppo-
te Korruption und verbot Ministern teure müssen sich Blogger mit einer teuren sitionspolitiker Tundu Lissu, einen laut-
Flugreisen. In den sozialen Netzwerken Lizenz staatlich registrieren lassen; der starken Magufuli-Kritiker, 16 Kugeln aus
wurde »Was würde Magufuli tun?« zum Webverkehr aus Internetcafés darf ohne dem Hinterhalt. In einem Jahr soll die
beliebten Hashtag seiner hoffnungsvollen richterliche Anordnung überwacht wer- nächste Präsidentschaftswahl stattfinden.
Unterstützer. Doch längst zeigt Magufuli den. Oppositionspolitiker dürfen de facto Die Frage, was Magufuli wohl tun würde,
eine neue Seite: Systematisch lässt er die keine politischen Versammlungen abhal- hat in Tansania einen unheimlichen Bei-
politischen Freiheiten beschneiden, doku- ten. Journalisten werden an ihrer Arbeit geschmack bekommen. CHT

81
THE WHITE HOUSE / REUTERS
OMAR HAJ KADOUR / AFP

Präsident Trump im Situation Room*, Baghdadi-Versteck in Barischa nach dem Angriff: Am Ende geht alles rasend schnell

82
Ausland

»Wer wird mich verraten?«


Terror Abu Bakr al-Baghdadi war jahrelang der meistgesuchte Terrorist der Welt. Nun haben
US-Elitesoldaten den Anführer des »Islamischen Staats« in einem Gehöft
in Syrien gestellt. Die Geschichte einer dramatischen Operation. Von Christoph Reuter

E
ines Tages würden sie kommen, Vier US-Soldaten laufen zu zwei großen westen getragen, um bei einem Zugriff auf
ihn zu holen. Das muss ihm klar Zelten, die neben dem ummauerten Ge- keinen Fall lebend in die Hände ihrer Geg-
gewesen sein. Außer ihm waren ja höft stehen, fordern die Menschen darin ner zu fallen. 
schon alle anderen tot, die den »Is- auf, sich auszuziehen und herauszukom- Auch in der Nacht vom 26. auf den
lamischen Staat« groß und ihn zu dessen men. Dann werde ihnen nichts geschehen. 27. Oktober trägt Abu Bakr al-Baghdadi
Kalifen gemacht hatten. Verbrannt und So wird es später ein Augenzeuge dem eine Sprengstoffweste. US-Verteidigungs-
zerfetzt von den Raketen der US-Drohnen, SPIEGEL schildern. minister Mark Esper wird später berichten,
erschossen von syrischen Rebellen. Nur er Die völlig verdutzten Menschen werden die Soldaten hätten den IS-Chef im Haus
war noch übrig nach mehr als fünf Jahren fort vom Gehöft geführt, bekommen fluo- aufgefordert, herauszukommen und sich
unaufhörlicher Jagd: Abu Bakr al-Baghda- reszierende Knicklichter in die Hand ge- zu ergeben: »Er weigerte sich.« 
di, Anführer des »Islamischen Staats«. drückt, damit sie nicht für Ziele gehalten Dass seine Verfolger ihn ausgerechnet
Aber irgendwann würden sie auch ihn werden. in der Provinz Idlib, nur wenige Kilometer
finden. Zeugen sagen, dass er immer ner- Währenddessen beginnt der Angriff. von der Grenze zur Türkei entfernt, auf-
vöser wurde, wenn er das Geräusch der Abu Bakr al-Baghdadi, 48 Jahre alt, ist gespürt haben, dürfte Baghdadi überrascht
Hubschrauber hörte. Vielleicht ahnte er, der meistgesuchte Terrorist der Welt. Vom haben. In Idlib, so sein mutmaßliches Kal-
dass es sich irgendwann nicht mehr verlie- Reich, das die Armee des IS 2014 erobert kül, erwartete ihn niemand.
ren würde. Sondern dass es näherkommen hatte – etwa so groß wie Jordanien, mit Die letzte Rebellenprovinz wird weit-
würde, immer näher.  Millionen Untertanen –, ist schon seit gehend von einer Dschihadistengruppe
Dass ihm die Amerikaner in diesem März nichts mehr übrig. Vom Schreckens- kontrolliert, die mit Baghdadi eine gemein-
Herbst auf der Spur sind, kann Baghdadi regime, das der IS etablierte, das Menschen same Geschichte von engster Nähe und er-
kaum wissen. Seit Monaten haben Spio- folterte und köpfte, ganze Volksgruppen bittertem Hass verbindet.
nagesatelliten und Drohnen Aufnahmen versklavte, sind nur Trümmer geblieben. Vor allem in den Anfängen 2012 finan-
in der Provinz Idlib, im Nordwesten Sy- zierte der IS die »Nusra-Front«, weil er in
riens, gemacht, wo sich der IS-Chef zuletzt Syrien nicht unter eigenem Namen auf-
versteckt hält. Bis sie immer enger zirkeln Die Amerikaner haben treten wollte, stattdessen lieber eine ver-
über einem Gehöft am Westrand des Dor- eine heiße Spur. Die YPG meintliche einheimische Bewegung entste-
fes Barischa.  hen ließ. Doch die Nusra-Front, in der sich
Die Nacht zum Sonntag, dem 27. Okto- hat Baghdadis Flucht- vor allem Syrer sammelten, wollte nicht
ber, ist kühl, die herbstlichen Regenfälle route rekonstruiert. so, wie der IS wollte.
haben in der Vorwoche begonnen. Nach Ihre Männer drängten darauf, gemein-
Mitternacht wird die Stille der Olivenhaine sam mit anderen Rebellengruppen gegen
zerrissen vom Tosen der riesigen zwei- Die Jahre auf der Flucht haben Baghdadi Syriens Diktator Baschar al-Assad zu
motorigen CH-47 »Chinook«-Transport- vorsichtig bis paranoid werden lassen. Nie- kämpfen. Das war nicht der Plan des IS,
helikopter und begleitenden »Apache«- mand mit einem Mobiltelefon darf auch nur den eine lange, konspirative Geschichte
Kampfhubschrauber. Insgesamt acht He- in seine Nähe kommen. Mit der Außenwelt der Kooperation mit Assads Militärge-
likopter kreisen über dem unauffälligen kommuniziert er über Kuriere, die Zettel heimdienst verbindet. Die Terrormiliz und
Haus.  oder mündliche Botschaften weitertragen.   das Regime kooperierten temporär, um an-
Die Explosionen, die kurz darauf folgen, Der inhaftierte IS-Kommandeur Ismail dere Rebellengruppen kleinzuhalten.
treffen eine Mauer des Hauses. Die Spezi- al-Ithawy schilderte in einem Gefängnis Im April 2013 kam es zum Bruch zwi-
alkräfte der Delta Force wollen nicht durch im Irak 2018 der »New York Times«, wie schen dem IS und der Nusra-Front, die an-
die Tür hineinstürmen, denn sie befürch- Treffen mit Baghdadi abliefen. schließend für eine Weile al-Qaida die
ten Sprengfallen. Noch vor dem Landen Ihm und anderen hochrangigen Kadern Treue schwor. Die IS-Führung ließ eine
wird deshalb aus etwa 50 Meter Höhe ge- der Organisation seien sämtliche elektroni- Reihe von Nusra-Kommandeuren ermor-
feuert. schen Geräte abgenommen worden, selbst den, brachte 2014 sogar den offiziellen
Es geht alles glatt. Die »Chinooks« lan- die Armbanduhr. Dann seien sie mit ver- Vertreter von al-Qaida in Syrien um.
den, die Elitesoldaten springen ins Freie, bundenen Augen in Bussen stundenlang Brüder im Geiste, Todfeinde im Felde.
von einem der mitfliegenden Übersetzer umhergefahren worden, ehe sie schließlich Nusra, mittlerweile umbenannt in »Haiat
kommt eine Lautsprecherdurchsage auf Baghdadi gegenübersaßen, für meist 15 bis Tahrir al-Scham«, HTS, hat sich zur mäch-
Arabisch mit jordanischem oder saudi-ara- 30 Minuten währende Audienzen.  tigsten Rebellenfraktion in Idlib hochge-
bischem Akzent: Alle Bewohner sollen in Baghdadis Sorge sei immer gewesen: kämpft. Und unlängst bis zu tausend ge-
ihren Häusern bleiben!  »Wer wird mich verraten?«, sagt General flohene IS-Anhänger festgesetzt. Ausge-
Yahya Rasul, der Sprecher des irakischen rechnet hier würde niemand Abu Bakr al-
* Mit dem Nationalen Sicherheitsberater Robert
O’Brien, Vizepräsident Mike Pence, Verteidigungs-
Verteidigungsministeriums. Der Terrorfüh- Baghdadi erwarten.
minister Mark Esper, Generalstabschef Mark Milley, rer habe fast niemandem getraut. Stets hät- Ein Mann zumindest tut es doch. Sein
Brigadegeneral Marcus Evans am 26. Oktober. ten er und seine Leibgarde Sprengstoff- Gastgeber der letzten Nacht. Salam Hadsch

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 83


Ausland

Deeb, Mitte vierzig, stammt ursprünglich begonnen hat. Noch sechs bis acht Stun- nen Schwager und Kurier Baghdadis. Er
aus dem Altstadtbezirk Schaar in Aleppo. den, dann werden er und fast alle seine führt sie zu einem Tunnelversteck nahe
In einem Video, das seit vergangenem Begleiter tot sein.  der syrisch-irakischen Grenze, in dem sie
Sonntag im Internet kursiert, wird ein Seit Jahren haben die USA den Anfüh- religiöse Schriften, eine Waffe und mehre-
Kampfname von ihm genannt, Moham- rer des »Islamischen Staats« gejagt, haben re medizinische Notfallsets finden, aber
med Salam al-Halabi, was es anfangs aus der Luft Tausende der Kämpfer um- auch eine kleine Tasche mit handgezeich-
schwierig macht, ihn zu identifizieren.  gebracht, die Großstädte Mossul und Rak- neten Karten und Aufzeichnungen.
Schon früh hat sich Deeb dem IS ange- ka befreit und dabei zu Trümmern ge- Die syrischen Kurden werden später
schlossen, der so ganz anders plant, ope- bombt. stolz behaupten, sie hätten einen Infor-
riert als sonstige islamistische Fanatiker- Nur die Nummer eins auf ihrer Liste manten in Baghdadis direktem Umfeld
truppen, und der seit 2013 die Rebellen- bleibt wie vom Erdboden verschluckt. platziert. Und, vermutlich in einem ver-
gebiete im Norden Syriens unterwandert, Trotz 25 Millionen Dollar Kopfgeld. So lassenen Quartier, eine Unterhose Baghda-
ohne sich zu erkennen zu geben. Deeb ist viel wie für den Qaida-Chef Ayman al-Za- dis gefunden, die den Amerikanern helfen
mit dabei.  wahiri, aber der wird nicht so aufwendig soll, seine DNA zu bestätigen.
Anfang Januar 2014 schlagen die sonst gesucht. Die Frauen von zwei Brüdern Baghda-
unkoordiniert nebeneinanderher kämpfen- Seit Mai haben die Amerikaner eine hei- dis werden angeblich auf der Flucht auf-
den Rebellengruppen jählings gemeinsam ße Spur. Der Geheimdienst ihrer syrischen gespürt, ein Neffe des Terrorchefs festge-
los gegen den IS. Sie haben spät erkannt, Verbündeten, der Kurdenmiliz YPG, hat nommen. Ein wichtiger Schmuggler packt
dass sich hier eine mörderische, hoch or- Baghdadis Fluchtroute rekonstruiert. Zum aus. 
ganisierte Gruppierung ihr eigenes Reich ersten Mal gibt es Hinweise darauf, wo er Doch was genau auf wessen Konto geht,
erobern will. Geeint sind die Rebellen stär- sich aufhält. welchen Anteil die syrischen Kurden, wel-
ker, vertreiben den IS aus Idlib, Aleppo. Demnach hat er die irakische Provinz chen die irakischen Geheimdienste an der
Deeb muss fliehen. Anbar verlassen. Dorthin war er nach Ge- Operation gegen den Terrorchef haben, ist
Erst drei Jahre später taucht er wieder heimdienstberichten im Januar geflohen, schwer zu klären. Beide Seiten wetteifern
auf: in Barischa. Er hat reichlich Geld. Wo- um dem Untergang von Baghus, der letz- darum, die entscheidenden Hinweise ge-
her, weiß keiner der Männer, mit denen ten Bastion des IS-»Kalifats« in Syrien, zu- liefert zu haben.
der SPIEGEL sprach. Er gibt sich unpoli- vorzukommen. In der Wüste von Anbar, Sicher ist, dass die Amerikaner Baghda-
tisch, sagt, er kenne sich aus mit Schafen vermuteten alle, werde er sich mit einer di ab dem Sommer so dicht auf der Spur
und Oliven, verschweigt seine Zugehörig- Handvoll Vertrauter verborgen halten, ir- sind wie nie zuvor. Im September schon
keit zum IS. gendwo in einem der Dörfer abwartend.  soll sich der IS-Anführer in Idlib aufgehal-
Etwas außerhalb des Ortes kauft er ein ten haben. Aber dann torpediert US-Prä-
Stück Land mit einem zweistöckigen Roh- sident Donald Trump auf einmal die ge-
bau zwischen Olivenbäumen, bezahlt in Die Jagd auf Baghdadi plante Operation.
bar, 25 000 Dollar. Später wird er einen steht kurz davor, Am 7. Oktober kündigt er auf Twitter
Laden im Nachbarort Sarmada betreiben, den Abzug der US-Soldaten aus Nordost-
dort Linsen, Bohnen sowie Milch und ein weiteres Mal zu syrien an: Es sei an der Zeit, »aus diesen
Käse seiner Schafe verkaufen. scheitern. lächerlichen, endlosen Kriegen herauszu-
Er heuert Männer an aus dem Ort, sein kommen«. Eine Kettenreaktion ist die Fol-
Haus auszubauen, aufwendig mit Marmor, ge: Türkische Truppen marschieren in die
einer hohen Mauer um einen Teil des Lange aber ist er dort nicht geblieben. Region ein, die Kurden rufen Assad zu Hil-
Grundstücks. Es gerät etwas groß für ihn Selbst in Anbar steigt der Verfolgungs- fe, die Russen übernehmen die Lufthoheit
und die Familie seines Sohnes Moham- druck, sind amerikanische und irakische über den Nordosten von den USA. Die
med. Aber das wundert niemanden. Drohnen unterwegs, operieren die schiiti- Jagd auf Baghdadi steht kurz davor, ein
Jeder in Idlib hat irgendwo Verwandte, schen Milizen der »Volksmobilisierungs- weiteres Mal zu scheitern.
heiratet trotz des Krieges oder vermietet einheiten«. Doch trotz des Chaos im Norden Sy-
Räume an Flüchtlinge. Bald leben so viele Bald ist Baghdadi wieder auf syrischer riens reißt die Überwachung des IS-Chefs
Zugezogene im Dorf, dass die alte, engma- Seite. »Dank unserer eigenen Quellen nicht ab. Am Donnerstag, dem 24. Okto-
schige Verbundenheit sich auflöst. Keiner konnten wir bestätigen, dass Baghdadi die ber, wird das Weiße Haus von den Geheim-
in Barischa kann sich daran erinnern, dass Gegend von Daschischa in Deir al-Sor«, diensten informiert, dass Baghdadi »mit
der kleine Weiler von Bomben getroffen der östlichen Wüstenprovinz Syriens, »ver- hoher Wahrscheinlichkeit« ein bestimmtes
worden wäre. Zu nahe liegt er an der tür- lassen und sich nach Idlib begeben hat«, Gehöft in Idlib aufsuchen werde. Am Frei-
kischen Grenze, zu unwichtig ist er auch.  gibt der kurdische Funktionär Polat Can tag werden Trump die militärischen Op-
Ein perfekter Ort zum Untertauchen.  am Montag bekannt: »Seit dem 15. Mai tionen vorgelegt. 
Am Samstag vergangener Woche zwi- kooperierten wir mit der CIA, um Baghda- Am Samstagmorgen habe »actionable
schen 16 und 18 Uhr kommt ein diskreter di zu verfolgen.«  intelligence« vorgelegen, erzählen Regie-
Gast zu Salam Hadsch Deeb. So berichten Quer durchs Land bis in den äußersten rungsvertreter später: belastbare Hinweise,
es mehrere Zeugen aus Barischa später Nordwesten nach Idlib zu fliehen, mindes- dass der meistgesuchte Mann der Welt
dem SPIEGEL.  tens zwei seiner Frauen, mehrere Kinder zum Greifen nah sei. »Kayla Mueller«
Wer er ist, wissen die Menschen zu- dabeizuhaben sowie weitere Teile seiner wird die Operation benannt, nach der ame-
nächst nicht. Nur dass er zwei Frauen da- Verwandtschaft in dieselbe Richtung zu rikanischen Menschenrechtlerin, die vom
beigehabt habe sowie einige Männer. Und schicken – für Baghdadi ein massiver IS verschleppt, nach Aussagen weiblicher
Kinder. Der meistgesuchte Terrorist der Bruch mit seinen bisherigen Vorsichtsmaß- Mitgefangener von Baghdadi selbst verge-
Welt ist soeben eingetroffen mit Teilen sei- nahmen. waltigt wurde und unter ungeklärten Um-
ner umfangreichen Familie und der engs- Er wird verraten. Und das unter Um- ständen ums Leben kam.
ten Leibwache.  ständen gleich mehrfach. Während Donald Trump am Freitag-
Baghdadi dürfte zu diesem Zeitpunkt Im Irak haben Geheimdienstler Muham- abend in Camp David den 10. Hochzeits-
nicht ahnen, dass der Countdown längst mad Ali Sajid al-Zobaie festgenommen, ei- tag seiner Tochter Ivanka und Jared

84 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


ALEX WONG / GETTY IMAGES
ANDREW HARNIK / AP

US-General Kenneth McKenzie bei Pressekonferenz, Video vom Einsatz: Sechs Raketen abgefeuert

85
Sieben Tote findet ein Nachbar am
nächsten Morgen, darunter Frauen und
Kinder. Baghdadis Überreste werden ir-
gendwo auf See bestattet, vermutlich aus
der Luft ins Wasser geworfen. Trump wird
Stunden später vom »winselnden, schrei-
enden, weinenden« Baghdadi sprechen,
der »wie ein Hund« gestorben sei. Nie-
mand der Militärs und Minister mag diese
Schilderung bestätigen.
Nach Baghdadis Tod bleiben Fragen:
Wer ist sein Nachfolger an der Spitze des
IS, dessen Namen die Organisation am
Donnerstag bekannt gegeben hat? Abu
Ibrahim al-Haschimi al-Kuraischi taucht
nicht auf einer Liste des irakischen Ge-
heimdienstes aus dem März auf, die die

AP / DPA
gesamte IS-Führung bis hinunter zur Pro-
vinzebene aufführt. Auch westlichen Ge-
IS-Anhänger in Syrien 2014: Was hat die Organisation vor? heimdiensten sagte der Name vorerst
nichts.
Wichtiger noch: Wie bedrohlich ist der
Kushners feiert, am Samstag nach Virginia sul zum »Kalifen Ibrahim« des »Islami- IS? Was hat die bis vor Kurzem mächtigste
zum Golfspielen fliegt, laufen die Vorbe- schen Staats« aus. Nun endet seine Ge- Terrororganisation der Welt vor? Sicher-
reitungen für den Zugriff auf Hochtouren: schichte in einem Keller in Idlib. heitsexperten werden nicht müde, vor einer
Überflugrechte werden erbeten und erteilt Den Gläubigen in Mossul hatte er sich Rückkehr des Grauens zu warnen.  
von Russland, die türkische Regierung 2014 als Herrscher göttlichen Willens vor- Doch die Sache ist komplizierter: Die
wird über den Einsatz informiert, wobei gestellt. Für ein paar Wochen in jenem fa- gegenwärtigen Anschläge und Entführun-
unklar bleibt, wie umfassend.  talen Sommer sah es so aus, als würde sich gen des IS wirken vor allem vor dem Hin-
Am Samstag um 16.18 Uhr Ortszeit ist sein Horrorstaat etablieren. tergrund seiner furchterregenden Macht
Trump zurück im Weißen Haus. Um 17 Uhr Doch schon lange bevor das Land wie- von vor fünf Jahren so bedrohlich. Seine
sitzt er im Situation Room, als kurz darauf der verloren ging in einem mehrjährigen, Strippenzieher waren fast allesamt ehema-
Hubschrauber und Begleitjets von einer grausamen Krieg der Befreiung, musste lige Offiziere aus Saddam Husseins Ge-
US-Basis in Syrien Richtung Westen abhe- Baghdadi lernen, dass der Himmel im heimdiensten und Eliteeinheiten. Sie wa-
ben. Sie fliegen extrem tief, um der Ortung Diesseits anderen gehört: der US-Luftwaf- ren die eigentlichen Herrscher über das
zu entgehen.  fe, die ab August 2014 damit begann, den Kalifat, gaben die Befehle – und starben
Türkische Militärs und Geheimdienstler IS aus der Luft zu bekämpfen. Guerilla- alle vor Baghdadi.
haben auf Bitte der Amerikaner die von ih- gruppen können das überstehen. Aber Einerseits sind die Zeiten günstig für
nen kontrollierten Rebellengruppen inklu- Nutznießer chaotischer Zustände, wie es
sive des HTS in Idlib gewarnt, nicht auf die der IS in Syrien und im Irak war. Doch
nahende Luftflotte zu schießen. Doch bei ei- Trump wird vom eben dort hat die Miliz durch ihre Brutali-
nem HTS-Posten nahe dem Grenzübergang »winselnden, schreien- tät so viel verbrannte Erde hinterlassen,
von Bab al-Hawa scheint die Order nicht an- dass ein erneuter Eroberungsfeldzug
gekommen zu sein. Die Männer eröffnen den, weinenden« schwer wiederholbar ist. Wenn der IS wie-
das Feuer auf die Hubschrauber, treffen nicht Baghdadi sprechen. derkehrt, dann eher woanders. Afghani-
und werden anschließend von ihren wüten- stan und Pakistan sind gefährdet, dorthin
den Kommandeuren festgenommen. haben sich Hunderte der mittleren Kader
Im Gehöft von Salam Hadsch Deeb geht eine Macht, die offen herrschen will, wird geflüchtet, sogar zwei neue IS-Provinzen
nun alles rasend schnell. Es ist unklar, ob zum Ziel und geht irgendwann unter.  gegründet.  
Deeb den Angriff überlebt. Seine Schwie- Baghdadi zündet seine Sprengstoffwes- Auf dem Trümmerfeld bei dem Dorf
gertochter und mindestens einer der Enkel te, tötet sich und die beiden Kinder, die er Barischa wollen am Sonntagmorgen die
sterben in dem Feuergefecht. Baghdadi mit nach unten gezerrt hat. Die Delta-Ein- Nothelfer der Weißhelme routinemäßig
flieht in den Keller, hat zwei seiner Kinder heiten der Amerikaner haben zwar eine nach verschütteten Leichen graben. Sie
bei sich.  mobile Analyseausrüstung dabei, um rasch werden vertrieben von HTS-Kämpfern,
Trump wird später davon sprechen, die Identität ihres Opfers feststellen zu die nach Überbleibseln ihres Erzfeindes
dass sich der Terrorführer in einem Tunnel können. Doch nun müssen sie erst einmal suchen. Nach Angaben eines Kämpfers
unter dem Haus verschanzt habe, wo ihn in den Trümmern des teilweise eingestürz- finden die Dschihadisten unter ande-
ein Schäferhund aufspürt. In der Tat hat ten Baus graben, bis sie an die sterblichen rem 260 000 Dollar, die von den Ame-
der IS ganze Dörfer untertunnelt, Hunder- Überreste des Gesuchten herankommen. rikanern in der Nacht übersehen wor-
te Meter lange Röhren gegraben mit getä- So wird es das US-Militär später be- den sind. 
felten Räumen, Stromleitungen, abschließ- richten.  Was die HTS-Propagandisten später im
baren Türen. Doch in Barischa haben An- Wenig Zeit brauchen die Experten für Netz präsentieren, ist eine beigefarbene
wohner nie etwas von größeren Grabungs- den DNA-Abgleich. Es ist Baghdadi. Nach Weste: exakt jenes Modell, das Baghdadi
arbeiten bemerkt. zwei Stunden ist der Einsatz vorüber. Die in seinem letzten Video Ende April getra-
Auf dem Höhepunkt der Macht des IS Hubschrauber heben wieder ab, sechs Ra- gen hat. Sie hat das Bombardement über-
rief sich Baghdadi vor fünf Jahren in der keten werden auf das Haus abgefeuert, zer- raschend unversehrt überstanden. 
marmorgetäfelten Nuri-Moschee in Mos- stören es vollständig.

86
Ausland

Der nächste Sturm


Analyse Der Arabische Frühling war an ihnen vorbeigezogen, nun begehren Zehntausende junge Iraker
und Libanesen auf. Sie wollen ein neues System – doch Teheran dürfte dies kaum zulassen.

D
er Aufstand sieht an manchen Tagen aus wie ein Fes- teil: Saad Hariri, der zurückgetretene Premierminister des
tival. Im Irak und im Libanon feiern und tanzen jun- Libanon, galt als schwach, ebenso wie der vor dem Ende
ge Menschen ausgelassen bis spät in die Nacht. Ihre stehende irakische Premierminister Adil Abd Al-Mahdi.
Proteste haben keine erkennbare Führung, politische Doch die Proteste gelten nicht einzelnen Köpfen, sondern
Flaggen und Zeichen fehlen. Die Demonstranten organisieren dem ganzen System.
sich über soziale Medien. Sie fordern nicht weniger als den Der Irak und der Libanon sind konfessionelle Klepto-
Rücktritt der gesamten politischen Elite. Die Bilder erinnern kratien: In beiden Ländern werden die Parlamente auf Basis
an den Arabischen Frühling, der vor acht Jahren so viele religiöser Quoten und Blöcke gewählt. Jede Entscheidung
Länder im Nahen Osten erschütterte, aber am Libanon und erfordert langwierige Verhandlungen zwischen den Blöcken.
am Irak vorbeizog. Die stärksten Akteure sind im Irak und im Libanon Partei-
Und tatsächlich sind es ähnliche und Milizenchef zugleich – und ihre
Probleme wie damals in Tunesien und Milizen sind teils schlagkräftiger als
in Ägypten, die nun viele junge Iraker die jeweilige nationale Armee, auch
und Libanesen auf die Straße treiben: dank großzügiger Unterstützung
die Perspektivlosigkeit und die weit Irans.
verbreitete Korruption. Doch die Aus- Das iranische Regime unterstützt
gangslagen sind in all diesen Ländern im Irak und im Libanon die jeweils
sehr unterschiedlich, die Entwicklun- stärksten Machtblöcke. Dazu hat Te-
gen daher auch. Insbesondere für den heran geschickt und geduldig die kom-
Irak lässt dies wenig Gutes vermuten. plizierten Konstellationen in beiden
Der Nahe und der Mittlere Osten Ländern genutzt, um sich selbst gro-
durchleben eine Zeit des Umbruchs – ßen Einfluss zu sichern.
in Teilen vergleichbar mit den Revolu- Zwar richten sich die Proteste im
tionen in Europa 1848/49. Eine neue Libanon gegen die gesamte politische
Generation fordert mehr Teilhabe, Elite, doch insbesondere die Hisbol-
vor allem wirtschaftlich. Gerade drän- lah, Irans Partner, hat dabei viel zu
gen geburtenstarke Jahrgänge in der verlieren. Die Hisbollah hat zwar
Region auf den Arbeitsmarkt. Sie sind selbst vor Jahrzehnten als revolutio-
so gut ausgebildet wie noch nie und näre Bewegung angefangen, doch
vernetzt über neue Kommunikations- inzwischen hat sich ihre Führung
WAEL HAMZEH / EPA-EFE / REX

mittel. Doch gleichzeitig stehen ihnen bequem im libanesischen Gefüge ein-


weniger Möglichkeiten offen als ihren gerichtet. Hisbollah-Chef Hassan Nas-
Vätern und Großvätern. Denn das rallah spielt auf Zeit. Eine massive
staatslastige Entwicklungsmodell die- Konfrontation zwischen der Hisbollah
ser Länder steckt in einer tiefen Krise, und den Demonstranten scheint un-
es gibt nicht genug Arbeitsplätze. wahrscheinlich. Denn der Libanon ist
Gleichzeitig sehen rivalisierende Re- ein sehr kleines Land, der brutale Bür-
gionalmächte durch die Aufstände die Demonstranten im Libanon gerkrieg hat tiefe Wunden gerissen.
bestehende Ordnung und ihren Ein- Und viele Hisbollah-Anhänger de-
fluss darin in Gefahr. Im Irak und im Libanon ist das in erster monstrieren selbst gerade mit.
Linie Iran. Durch die Aufstände dort sind iranische Interessen Im Irak dagegen wurden bereits mehr als 250 Demons-
unmittelbar bedroht wie 2011 in Syrien. tranten erschossen – oft gezielt mit Brust- und Kopfschüssen
Ajatollah Ali Khamenei, der mächtigste Mann Irans, sagte durch Scharfschützen. Zudem wurden Hunderte verhaftet.
über die jüngsten Proteste am Mittwoch auf Twitter: »Die Das Vorgehen erinnert an die blutige Unterdrückung der
Menschen haben berechtigte Forderungen, aber sie sollten Massenproteste 2009 in Iran. Diese Ähnlichkeit ist wohl nicht
wissen, dass ihre Forderungen nur innerhalb der rechtlichen zufällig: Qasem Soleimani, Chef der iranischen Eliteeinheit
Strukturen und Rahmenbedingungen ihrer Länder erfüllt für Auslandseinsätze, unterstützt seine Verbündeten in Bag-
werden können.« Diese Äußerung entbehrt nicht der Ironie, dad angeblich. Teile der »Volksmobilmachungseinheiten«,
denn Khamenei, offiziell Irans »Revolutionsführer«, steht einer Dachorganisation von Milizen, von denen einige Tehe-
einem Regime vor, das selbst vor 40 Jahren durch eine Revo- rans Partner sind, sollen für die Morde verantwortlich sein.
lution an die Macht kam. Doch der Ajatollah will die jüngsten Für Teheran ist das Nachbarland Irak, mit dem es eine
Aufstände diskreditieren. Sie seien »geschaffen durch das fast 1500 Kilometer lange Grenze teilt, von großer Be-
amerikanische und zionistische Regime, manche westlichen deutung: Das iranische Regime wird nahezu alles dafür
Länder und das Geld einiger reaktionärer Länder« – mit tun, seinen mühsam erworbenen Einfluss zu behalten oder
Letzterem meint er vor allem den Erzrivalen Saudi-Arabien. sogar auszuweiten – und sei es um den Preis eines erneuten
Erstmals werden gerade zwei Nahostländer erschüttert, Bürgerkriegs. Raniah Salloum
in denen kein starker Dauerherrscher regiert. Im Gegen- Mail: raniah.salloum@spiegel.de

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 87


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OFFICIAL SECRETS Previews am 12.11.2019


Katharine Gun (Keira Knightley) arbeitet Berlin (OmU)
als Übersetzerin für den britischen Nach- International
richtendienst GCHQ. Kurz vor Beginn des Karl-Marx-Allee 33
Irakkriegs 2003 erhält sie ein streng gehei- Beginn: 19.30 Uhr
mes Memo der NSA, in dem es heißt,
einige Mitgliedstaaten des UN-Sicherheits- Düsseldorf (dt. Fassung)
rats sollen ausspioniert werden, damit ihre Atelier-Kino im Savoy-Theater
Zustimmung zur UN-Resolution für den Graf-Adolf-Straße 47
Irakkrieg erpresst werden kann. Katharine Beginn: 20.00 Uhr
gerät in einen moralischen Zwiespalt, ent-
scheidet sich aber, das Dokument zu lea- Frankfurt am Main
ken. Die brisanten Informationen werden (dt. Fassung)
schließlich vom Journalisten Martin Bright Cinema
(Matt Smith) im »Observer« veröffentlicht, Roßmarkt 7
Beginn: 20.30 Uhr
worauf bei GCHQ sofort die fieberhafte
Jagd nach dem Whistleblower beginnt. Als Köln (dt. Fassung)
Katharine schließlich gesteht, wird sie ver- Cinenova
haftet und angeklagt, gegen den »Official Herbrandstraße 11
Secrets Act« verstoßen zu haben. Ihre Beginn: 20.00 Uhr
letzte Hoffnung: Menschenrechtsanwalt
Ben Emmerson (Ralph Fiennes), mit dessen München (dt. Fassung)
Hilfe sie ihre Verteidigung vorbereitet. Ein City Kinos
Wettlauf gegen die Zeit beginnt … Sonnenstraße 12
OFFICIAL SECRETS basiert auf dem wah- Beginn: 20.00 Uhr
ren Fall der Whistleblowerin Katharine
Gun, die im Jahr 2003 alles riskierte, um Nürnberg (dt. Fassung)
Cinecittà
den Irakkrieg zu verhindern. Die Haupt-
Gewerbemuseumsplatz 3
rolle spielt Keira Knightley (»Colette«, Beginn: 20.00 Uhr
»Niemandsland – The Aftermath«), von
Matt Smith (»Charlie Says«, »The Crown«) Stuttgart
Previews am
(dt. Fassung)
als Journalist Martin Bright und Ralph Metropol
er
12. und 13. Novemb
Fiennes (»The White Crow«, »Hail, Bolzstraße 10
Caesar!«) als Menschenrechtsanwalt Ben Beginn: 20.00 Uhr
ovember Emmerson flankiert. Zum Cast gehören
Kinostart am 21. N ebenfalls Matthew Goode (»Downton Preview am 13.11.2019
Abbey«, »The Imitation Game«) und Rhys
Ifans (»Snowden«, »The Amazing Spider- Hamburg (OmU)
Zeise Kinos
Man«). Friedensallee 7 – 9
/eOneGermany Beginn: 19.30 Uhr
»Ich habe Putin geküsst –
für Europa war das kein Nachteil«
SPIEGEL-Gespräch Der scheidende EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker erklärt,
wie man erfolgreich mit US-Präsident Trump verhandelt, warum Helmut Kohl Europa im Bauch
hatte und dass Ursula von der Leyen doch noch eine gute Kommissionschefin werden wird.

JEROME BONNET / DER SPIEGEL

Politiker Juncker: »Auch hoch begeisterte Europäer sind dagegen, dass wir einen Schmelztiegel anstreben«

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Ausland

»Schon wieder diese SPIEGEL-Leute«, sagt Juncker: Nein. Ich gehörte früh zu denen, schen Eindruck geben, als befände sich die
Jean-Claude Juncker, dann bittet er an den die felsenfest davon überzeugt waren, Europäische Union auf dem Wege zum
Besprechungstisch in seinem Brüsseler dass dieses Referendum schiefgeht. Als der Einheitsstaat. Auch hoch begeisterte Eu-
Büro. Darauf liegen Bücher, »Unsere asia- damalige Premierminister David Came- ropäer sind dagegen, dass wir einen euro-
tische Zukunft« des Politologen Parag ron mir am Rande des G-20-Gipfels 2014 päischen Schmelztiegel anstreben.
Khanna und »Herbstbunt«, ein Band, in in Brisbane sagte, er wolle wirklich ein SPIEGEL: Ist das nicht zu zaghaft? Brauchte
dem Thomas Gottschalk vom Älterwerden Brexit-Referendum abhalten, habe ich die EU nicht zumindest an einigen Stellen
erzählt. Insgesamt 16-mal hat der SPIEGEL ihm gesagt: »Du wirst das verlieren.« Mit mehr Zentralismus? Wir denken dabei vor
Juncker in den vergangenen Jahrzehnten dem damaligen britischen EU-Kommissar allem an die europäische Außenpolitik. Die
interviewt – als Luxemburger Premier- Jonathan Hill habe ich gewettet: Ich krie- EU kann das Atomabkommen mit Iran
minister, Chef der Euro-Gruppe und Prä- ge ein Pfund von dir, wenn die Remainer kaum retten und muss der türkischen Mili-
sidenten der EU-Kommission. An diesem verlieren, du kriegst einen Euro, wenn ihr täroffensive in Syrien hilflos zusehen. Von
Freitagvormittag geht es um seinen Ab- gewinnt. Heute habe ich das Pfund. der »Weltpolitikfähigkeit«, die Sie immer
schied nach fast 40 Jahren in der Spitzen- SPIEGEL: Trotzdem haben Sie nicht für wieder anmahnen, sind wir weit entfernt.
politik. Am 1. Dezember wird Juncker, den Verbleib der Briten in der EU ge- Juncker: In einigen ausgewählten außen-
64, so ist es derzeit geplant, sein Amt als kämpft. Warum? politischen Fragen müssten wir künftig mit
Kommissionschef an Ursula von der Leyen Juncker: Ich hatte viele Einladungen, aber qualifizierter Mehrheit entscheiden – bei-
abgeben. Cameron hat deutlich gemacht, dass er spielsweise wenn es darum geht, die Men-
mich nicht gebrauchen könne. Die EU- schenrechtslage in China zu verurteilen.
SPIEGEL: Herr Juncker, Ihre Abschieds- Kommission sei in Großbritannien noch Da kann es doch nicht sein, dass wir
rede vor einigen Tagen im Europaparla- unbeliebter als auf dem Kontinent. Ich sprachlos sind, nur weil ein Mitgliedsland
ment beendeten Sie mit dem Ausruf »Vive habe daraufhin beschlossen, mich nicht damit nicht einverstanden ist. Wenn es da-
l’Europe«. An Ihrer Begeisterung für einzubringen. Heute halte ich das für einen gegen um Militäreinsätze geht, müssen wir
Europa gibt es keinen Zweifel. Gleichzeitig großen Fehler. Es wurden so viele Lügen vorsichtiger sein. Ich kann mir nicht vor-
wächst jedoch in einigen Mitgliedsländern erzählt – auch vom jetzigen Premierminis- stellen, dass der Deutsche Bundestag eine
eine Gegenbewegung zur EU; in Polen ter Boris Johnson –, dass es eine Gegen- europäische Entscheidung mittragen würde,
und Ungarn etwa, von Großbritannien stimme gebraucht hätte. die deutsche Soldaten in den Einsatz schi-
ganz zu schweigen. Warum ist es Ihnen cken würde – und zwar auch in Zukunft
nicht gelungen, Ihre eigene Begeisterung nicht. Das ist der empfindlichste Punkt in
auch in diesen Ländern zu entfachen? Deutschland. Und an diesem souveränen
Juncker: Die eigentliche Frage ist: Wieso »Wer den Populisten Recht des Bundestags wird nicht gerüttelt.
ist es den anderen nicht gelungen, meine nachläuft, wird SPIEGEL: Dringend geboten wäre ein ge-
Begeisterung zu teilen? Ich bin nicht be- meinsames Vorgehen der EU auch in der
trübt, weil ich merke, dass die Zustim- irgendwann selbst zum Klimapolitik. Angesichts des Drucks, den
mung zu Europa wächst, das haben wir Populisten.« junge Menschen seit Monaten aufbauen –
bei der Europawahl gesehen. Auch der hätten Sie den Kampf gegen den Klima-
Brexit hat dazu geführt, dass sich die Men- wandel ins Zentrum Ihrer Amtszeit stellen
schen stärker zu Europa hinwenden. Viele müssen?
Bürger spüren: Wenn weitere Länder aus- SPIEGEL: In Großbritannien machte sich Juncker: Ich neige wirklich nicht zur
treten würden und es zur Zerstückelung dieser »dumme Nationalismus« breit, vor Selbstzufriedenheit, aber wir haben als
Europas käme, wäre das ein schlechtes dem Sie in Ihrer Abschiedsrede gewarnt EU massiv dazu beigetragen, dass das Pa-
Omen für die Zukunft. haben. Befürchten Sie, dass dies auch in riser Klimaabkommen zustande gekom-
SPIEGEL: In Ihre Amtszeit fällt die anderen Ländern passieren könnte? men ist. Wir legten Zwischenziele für das
Entscheidung der Briten, die EU zu ver- Juncker: Eigentlich wollte ich »dumpfer Jahr 2030 fest und streben Klimaneutrali-
lassen, die Gemeinschaft verliert ein Nationalismus« sagen, »dumpf«, nicht tät bis 2050 an. Aber ich sage auch: Wer
wichtiges Mitglied. Würden Sie sagen, »dumm«. Ich bin über den Nationalismus nun so tut, als erforderte all das keine be-
dass die Briten jemals in der EU zu Hause besorgter, als ich klingen möchte. Bei der sonderen Anstrengungen, nur weil es jetzt
waren? Europawahl haben die Populisten den ge- bei jungen Menschen eine Bewegung in
Juncker: Das ist in der Tat die funda- planten Durchmarsch nicht geschafft. In- diese Richtung gibt, der irrt sich gewaltig.
mentale Frage. Ich bin seit Dezember sofern bin ich beruhigt, aber nicht end- Ich mag sehr, dass junge Menschen sich
1982 im Europageschäft und habe immer gültig. Denn ich beobachte mit Sorge, wie engagieren, ich bin aber nicht naiv: Vieles
wieder gemerkt, dass die Briten die Lo- viele in den klassischen Parteien der von dem, was da sentimental vorgetragen
sung ausgaben: Wir sind nur aus wirt- Marschrichtung der Populisten folgen. wird, ist in der Realität gar nicht so einfach
schaftlichen Gründen in der EU. Wenn es Wer den Populisten nachläuft, wird irgend- zu erreichen. Klassische Industrie muss in
um die politische Union ging, darum, wann selbst zum Populisten. Nur, dass die Europa auch künftig ein Zuhause haben.
näher zusammenzurücken, dann wollten Bürger das Original wählen. SPIEGEL: Die USA haben sich vom Kli-
sie nichts mehr von der EU wissen. Das SPIEGEL: Nationalisten versuchen, die EU maabkommen verabschiedet, genauso wie
war sogar bei meinem Freund Tony Blair als Feindbild aufzubauen, als bürokrati- von anderen internationalen Übereinkünf-
so. Wenn man das über 40 Jahre lang er- sches Monster, das nationale Identitäten ten. Ihnen ist es dennoch gelungen, einen
zählt, darf man sich nicht wundern, wenn zerstöre. Haben Sie diesen Vorwürfen Mu- besonderen Draht zu US-Präsident Do-
die Bürger sich beim Referendum daran nition geliefert? nald Trump zu finden und eine Eskalation
erinnern. Juncker: Ich habe nie von den Vereinigten im drohenden Handelskrieg fürs Erste zu
SPIEGEL: Vor dem Referendum im Juni Staaten von Europa geredet, jedenfalls verhindern. Wie haben Sie das gemacht?
2016 aber hat die überwiegende Zahl der nicht, seit ich älter als 18 bin. Das hält viele Juncker: Einer meiner kleinen Tricks
Beobachter damit gerechnet, dass die Bri- Brexiteers allerdings nicht davon ab, mich war, dass ich im Gespräch mit Präsident
ten knapp für den Verbleib in der EU stim- als ideologische Zielperson zu betrachten. Trump immer nur US-Statistiken benutzt
men würden. Sie auch? Man darf den Europäern nicht den fal- habe. Wenn Trump sagte: »Ich glaube dei-

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 91


nen Zahlen nicht!«, antwortete ich: »Das ich träume. Ich weiß es einfach nicht. Und
sind deine Zahlen.« wenn ich hier in der Kommission den gan-
SPIEGEL: Wenn es so einfach wäre, müsste zen Tag rede, mit meinen Mitarbeitern aus
es um die transatlantischen Beziehungen allen EU-Ländern, dann vermengen sich
besser stehen. die Sprachen. Ich verstehe Italienisch, weil
Juncker: Man muss schon auch bestimmt ich mit Kindern italienischer Gastarbeiter
auftreten. Trump hat mir in Washington im Sandkasten spielte …

JEROME BONNET / DER SPIEGEL


erzählt, wer aus Europa schon alles vor SPIEGEL: ... Sie wuchsen in einer Stahl-
mir im Oval Office war – die Kanzlerin, arbeitergegend auf, in der viele Migranten
Präsidenten, Premierminister –, und ich lebten …
habe ihm gesagt: Die sind alle wichtig, Juncker: ... auch Portugiesisch verstehe
aber du hast mit den Falschen geredet. Die ich aus diesem Grund ganz gut. Als Pre-
Kommission ist zuständig für Handels- mierminister haben die Luxemburger Por-
politik, nicht die Mitgliedstaaten. Das hat tugiesen mich oft auf dem Bürgersteig ge-
ihn schon beeindruckt. Trump sagte da- Juncker, SPIEGEL-Redakteure* stoppt und gesagt: Herr Juncker, es ist alles
raufhin: Ich möchte überhaupt keine Eini- »Kleine Dinge, die die Herzen öffnen« gut in Luxemburg, aber es gibt zu viele
gung mit der Europäischen Union, ich Ausländer. Das ist eigentlich gelungene In-
möchte eine Einigung mit dir. Ich erwider- men, bis er im Zweiten Weltkrieg plötzlich tegration, oder?
te: In Handelsfragen ist die Europäische von der Wehrmacht zwangsrekrutiert wur- SPIEGEL: Sie haben als aktiver Politiker
Kommission allein zuständig. Eine Eini- de. Drei, vier Tage später war er an der drei deutsche Kanzler erlebt, Helmut Kohl,
gung mit mir ist eine Einigung mit der EU. russischen Front. Man muss sich diesen Gerhard Schröder und Angela Merkel.
SPIEGEL: Als Geschenk hatten Sie bei Ih- Kulturschock vorstellen! Ich las eben erst Wer war am europäischsten?
rem Besuch in Washington ein Foto eines in seinem Nachlass, dass er an seinem ers- Juncker: Das war mit Abstand Kohl, weil
amerikanischen Soldatenfriedhofs in Lu- ten Tag in der Wehrmacht an einem Er- er Historiker war. Er hat sich selbst und
xemburg dabei. schießungskommando teilnehmen musste. anderen vieles in historischen Zusammen-
Juncker: Dort ist auch General George Er hat sich natürlich keine Mühe gegeben, hängen erklärt. Außerdem war er jemand,
Patton beerdigt. Ich wusste, Trump hält hat niemanden erschossen. Aber was für der sehr behutsam mit kleinen Ländern
große Stücke auf erfolgreiche Generäle. ein Trauma: Jemand ist nie mehr als fünf umgegangen ist. Kohl konnte zum Beispiel
Ich habe ihm erklärt, dieses kleine Fleck- Kilometer gereist, und dann ist er in einer die Luxemburger Widerstandskämpfer
chen Land in Luxemburg, wo 5000 tote fremden, einer verhassten Uniform an der namentlich aufzählen, die in den letzten
Soldaten liegen, ist amerikanisches Staats- Ostfront und muss auf Menschen schießen, Tagen in den deutschen Konzentrations-
gebiet. Das haben wir in Luxemburg nach ohne zu wissen, weshalb. lagern ermordet worden sind.
dem Krieg so beschlossen. Das hat Trump SPIEGEL: Mit dieser Familiengeschichte SPIEGEL: Ernsthaft?
sehr berührt. Das sind so kleine Dinge, die hätten Sie und Ihre Familie sich nach dem Juncker: Ja, ernsthaft.
die Herzen öffnen. Krieg auch mit Fug und Recht von SPIEGEL: Warum hat er sich dieses Wissen
SPIEGEL: Ist das die richtige Strategie, das Deutschland abwenden können. angeeignet? Haben Sie ihn gefragt?
Herz eines in seiner Unbeständigkeit doch Juncker: Mein Vater hat mir immer gesagt: Juncker: Kohl hatte Europa im Bauch.
gefährlichen Menschen zu öffnen? Es gab unter den Soldaten viele Dreck- Und wenn es um deutsche Interessen ging,
Juncker: Ich bin ja mit vielen Entscheidun- säcke, aber es gab auch liebe Menschen, hatte er plötzlich Deutschland im Kopf.
gen Trumps nicht einverstanden, aber ich die mich aus dem Dreck gezogen haben, Man tut immer so, als wäre Kohl so ein
respektiere ihn. Er ist auch ein Mensch. die mir das Leben gerettet haben. Er hatte gefühlsduseliger Hurra-Europäer gewesen.
Ihm ohne Respekt zu begegnen, öffnet ein nuanciertes Bild der Wehrmacht. Wir Das war er nicht. Er hat deutsche Interes-
nicht die Türen zu belastbaren Einigungen. sind dann relativ früh nach Deutschland sen martialisch zu vertreten gewusst. Ger-
SPIEGEL: Lassen Sie uns zu Ihrem Aufruf in die Ferien gefahren, so ab 1966, vorher hard Schröder, den ich auch sehr schätzte,
»Vive l’Europe« zurückkommen. Sie sind hatten wir kein Geld. hatte Europa überhaupt nicht im Bauch.
Jahrgang 1954, haben also auch dank der SPIEGEL: Sie sind vielsprachig. Träumen Er hatte es im Kopf. Es war für ihn ein lo-
EU ein Leben in Frieden verbracht. Inwie- Sie manchmal auf Deutsch? gisch-rationaler Einigungsprozess, zu dem
weit sind Sie von den Erlebnissen der Juncker: Das wird die Luxemburger jetzt es keine Alternative gab. Zum Ende seiner
Kriegsgeneration geprägt? sehr enttäuschen, aber ich muss hier be- Amtszeit hatte er Europa auch im Herzen.
Juncker: Mein Vater, er ist vor drei Jahren kennen: Ich weiß nicht, in welcher Sprache SPIEGEL: Herr Juncker, Sie haben jetzt fast
verstorben, ist in einem Dorf aufgewach- 40 Jahre Politik hinter sich, in dieser Zeit
sen, die nächste kleine Stadt war fünf Kilo- * Markus Becker, Susanne Beyer und Peter Müller in hat sich der Alltag von Politikern sehr ver-
meter entfernt. Weiter ist er nie gekom- Brüssel. ändert. Durch Social Media stehen Sie un-

Brüsseler Spitze Jean-Claude Junckers europäische Karriere


1991 1996 2005 bis 2013 2006 2014 2015

Luxemburg übernimmt »Held von Dublin«: »Mr Euro«: Juncker erhält Bei der Europawahl im Mai Nach 13 EU-Beitritten in
den Vorsitz im Rat der Dank der Vermittlung Erster ständiger Vor- den Aachener siegt Juncker als Spitzenkandidat zehn Jahren und mehreren
Europäischen Gemeinschaft. des luxemburgischen sitzender der »Euro- Karlspreis für und wird Kommissionspräsident. Zerreißproben wie der
Jean-Claude Juncker leitet Premierministers Juncker Gruppe«. Das informelle sein Engagement Kaum ist er im Amt, hat er mit Flüchtlingskrise plädiert
als Präsident der Regierungs- auf dem irischen EU-Gipfel Gremium koordiniert als Vordenker Vorwürfen zu kämpfen, er hätte Juncker für ein »Europa
konferenz den Prozess, kommt der umstrittene Finanz-, Währungs- und Motor der als luxemburgischer Premier der unterschiedlichen
der im Maastrichter Stabilitäts- und Wachs- und Wirtschaftspolitik europäischen Großkonzernen Steuervorteile Geschwindigkeiten«, um die
Vertrag mündet. tumspakt zustande. der Mitgliedstaaten. Integration. verschafft (»Luxleaks«). EU handlungsfähig zu halten.

92
Ausland

ter ständiger Beobachtung. Wenn Sie Un- von Putin geküsst worden. Beides war für Juncker: Auf Deutsch. Mein Vater hat mir
garns Regierungschef Viktor Orbán als Europa sicher nicht von Nachteil. die Liebe zur deutschen Sprache beige-
»Diktator« begrüßen, bricht ein Shitstorm SPIEGEL: Im November unterziehen Sie bracht. Er deckte mich mit allen Karl-May-
gegen Sie los. Wie gehen Sie mit der stän- sich noch einer Aneurysma-Operation, für Bänden ein. Ich verdanke mein Deutsch
digen Bewertung um? die wir Ihnen alles Gute wünschen, danach Karl May, nicht nur – aber immerhin. Aber
Juncker: Also erst einmal zu Orbán, ich geht es zurück in die Kommission, und im ich habe Angst davor, dass ich dauernd
habe ihn immer schon Diktator genannt, Dezember beginnt voraussichtlich der »Ich« schreibe. Denn woran erinnert man
nur das eine Mal waren eben Mikrofone Ruhestand. Haben Sie sich auf das Leben sich? An sich selbst. Und das ergibt dann:
über uns. Und nun zum Internet: Es ist nach der Politik gründlich vorbereitet? Ich, ich, ich.
insofern eine Verbesserung, als dass sich Juncker: Ich habe keine Angst vor dem SPIEGEL: Die Weltgeschichte war fast im-
die Leute dadurch gut informieren können. schwarzen Loch. Ich habe 40 000 Bücher mer Sache der Männer – nun aber wird
Aber wir sehen, dass es nicht immer zu Hause, in diesem und anderen Büros Europa erstmalig in der Hand von Frauen
zu gesellschaftlichem Frieden führt. Ich stehen noch einmal 16 000 Bücher. Ich bin liegen: Ursula von der Leyen wird Ihre
selbst schaue nicht in die sozia- Nachfolgerin, und Christine
len Netzwerke. Die Frage ist Lagarde übernimmt den Chef-
doch: Wofür muss ich mir Zeit posten in der Europäischen
nehmen? In Europa ist es wich- Zentralbank. Auf welche Wei-
tig, über alle Länder genau Be- se verändert das die Politik?
scheid zu wissen. Es reicht Juncker: Ich habe mich immer
nicht zuzuhören, wenn ein Pre- bemüht, möglichst viele Frau-
mierminister im Europäischen en in Führungspositionen zu
Rat etwas sagt. Ich muss wis- holen, ich habe den Frauen-
sen, warum er das sagt. Er wür- anteil in den gehobenen Posi-
de dort nie seine innenpoli- tionen der Kommission von 30
tischen Schwierigkeiten be- auf 41 Prozent erhöht. Insofern
schreiben. Es ist das Problem bin ich froh darüber, dass im-
Europas, dass wir übereinan- mer mehr Frauen Zugang zur
der nicht genug wissen. Politik bekommen, das verän-
SPIEGEL: Verletzt es Sie, wenn dert die Politik. Aber besser
Ihnen, auch vom SPIEGEL, im- wird die Welt dadurch nicht
mer wieder nachgesagt wird, unbedingt.
Sie tränken zu viel? SPIEGEL: Frau von der Leyen
Juncker: Ich beantworte diese ist ja etwas schräg ins Amt ge-
Frage nicht. Solche falschen kommen, also ohne die vom
Behauptungen tun meiner Fa- EU-Parlament geforderte Spit-
milie mehr weh als mir. Und zenkandidatur, nun kriegt sie
die ständigen Beobachtungen? ihre Kommission nicht rechtzei-
Das ist eine Erfindung unserer tig zusammen. Wie sind Ihre Pro-
Zeit. Manchmal machen Bür- gnosen für Ihre Nachfolgerin
ger 200 Selfies mit mir am Tag. nach diesem schwierigen Start?
JEROME BONNET / DER SPIEGEL

Wenn da Menschen mit freund- Juncker: Ich denke schon, dass


licher Absicht auf mich zu- sie alle Voraussetzungen hat,
kommen, könnte ich natürlich um das Amt ausfüllen zu kön-
sagen: Nein, das geht jetzt nen. Aber ich hatte einen leich-
nicht. Das klänge aber arro- teren Start, das stimmt schon.
gant und abgehoben, und ein Das lag an meiner Freund-
solches Bild von Europa möch- schaft zu den Genossen, letzt-
te ich nicht abgeben. Wissen Kommissionschef Juncker in Brüsseler Büroräumen lich habe ich den Sozialdemo-
Sie, man muss Menschen lie- »Ich habe keine Angst vor dem schwarzen Loch« kraten und Martin Schulz mein
ben, wenn man Politik macht. Amt mitzuverdanken. Aus mei-
SPIEGEL: Sie sind ein körperlicher Mensch, jetzt zum ersten Mal damit beschäftigt, Bü- nem eigenen Lager, der EVP, haben viele
Sie knuffen und küssen. Auch dies wird cher wegzugeben. Und das ist schmerzhaft. gegen mich gestimmt, die Ungarn zum Bei-
Ihnen in den Medien immer wieder vor- Oder schauen Sie, diese Fotos ... spiel. Die Rechtsnationalen haben gesagt:
gehalten. Würden Sie im Nachhinein sa- Eine Mitarbeiterin öffnet eine Schranktür Wir werden nie für Sie stimmen. Und ich
gen, dass es richtig ist, sich in der Politik und zeigt zwei Fotos im Format DIN A3. habe gesagt: Ich möchte auch nie jemand
seine Eigenheiten zu bewahren? SPIEGEL: Ah – Kussfotos, einmal mit werden, für den Sie stimmen.
Juncker: Mir ist das egal. Ich bin so, wie Ober-Brexiteer Nigel Farage, einmal mit SPIEGEL: Herr Juncker, wir danken Ihnen
ich bin. Ich denke manchmal, das Schlimms- dem ehemaligen Parlamentspräsidenten für dieses Gespräch.
te am Gefängnis ist, dass man keine körper- Martin Schulz … Juncker verabschiedet sich – mit Küssen
liche Nähe erlebt. Ich kann mir überhaupt Juncker: Muss man solche Fotos aussor- auf die Wangen.
nicht vorstellen, andere Menschen nicht an- tieren?
zufassen oder nicht von anderen Menschen SPIEGEL: Keinesfalls.
angefasst zu werden. Meine Mitarbeiter Juncker: Aber irgendetwas muss ja weg. Video
Junckers Karriere
weisen mich manchmal darauf hin: Den Na ja, nach dem Aussortieren möchte ich im Zeitraffer
darfst du nicht umarmen. Aber ich bin von jedenfalls schreiben. spiegel.de/sp452019juncker
Erdoğan geküsst worden – also küsse ich SPIEGEL: Ihre Memoiren. Und auf welcher oder in der App DER SPIEGEL
ihn auch. Ich habe Putin geküsst und bin Sprache werden Sie die schreiben?

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 93


Ausland

risten, darunter Posten im Obersten Ge-

Blick in den Abgrund richtshof; er kippte Umweltstandards und


senkte Steuern vornehmlich für Reiche.
Im Gegenzug waren republikanische Funk-
tionäre wie Mitch McConnell, der Mehr-
USA Im Kampf ums politische Überleben hat Donald Trump einen heitsführer im Senat, dazu bereit, über
Krieg gegen den eigenen Apparat angezettelt. Wie lange Trumps Charakter und seine Skandale hin-
folgen ihm die Republikaner auf dem Pfad der Selbstzerstörung? wegzusehen.
Aber kann eine Partei langfristig über-
leben, die sich zum Instrument eines Ga-

A
ls Donald Trump am vergange- rer Sache immer sicherer wird. Die öffent- noven macht?
nen Sonntag das Stadion der Wa- liche Befragung von Zeugen dient weniger Wie sehr Trumps perfider Stil die De-
shington Nationals besuchte, war der Beweisaufnahme; es ist der Versuch, batte vergiftet hat, zeigte sich am Dienstag
die Hauptstadt schon seit Tagen das amerikanische Volk von der Schuld nach dem Auftritt von Alexander Vind-
im Ausnahmezustand. Zum ersten Mal seit des Präsidenten zu überzeugen. man vor Ermittlern im Repräsentanten-
Jahrzehnten fand in Washington wieder Als im Sommer 1974 die Beweislage ge- haus. Wenn man sich nach einer geglück-
die World Series statt, die Finalrunde der gen den damaligen Präsidenten Richard ten Einwanderungsbiografie umsehen
amerikanischen Baseballsaison. Es war un- Nixon erdrückend wurde, bat Barry Gold- müsste, würde man wohl zwangsläufig bei
gefähr so, als stünde Hertha BSC kurz da- water, einer der damals einflussreichsten einem wie ihm landen. Vindman war als
vor, deutscher Meister zu werden. republikanischen Senatoren, um einen Ter- kleiner Junge mit seinem Vater aus der
Anwälte und Beamte gingen mit »Nats«- min im Weißen Haus. Goldwater teilte Ni- Ukraine nach New York gezogen, der Va-
Kappe ins Büro, Damen mit Kleidern im xon mit, dass die Republikaner das Ver- ter arbeitete hart, um die Familie zu er-
leuchtenden Rot des Teams. Selbst Bank- trauen in den Präsidenten verloren hätten. nähren. Alexander Vindman kämpfte sich
filialen waren mit Fandevotionalien aus- Zwei Tage später trat Nixon zurück. Wie- durch Schule und Universität, am Ende
geschmückt. Es ist eine Stimmung, die derholt sich nun Geschichte? hatte er einen Harvard-Abschluss in der
man als Präsident gern ausnutzt. Aber als Die Vergehen Trumps sind in ihrer Bri- Tasche. Er ging zur Army und wurde bei
Trump am Sonntagabend das Stadion be- sanz durchaus mit denen Nixons zu ver- einem Einsatz im Irak durch eine Bombe
trat und auf dem riesigen Bildschirm er- gleichen. Dieser schickte ein Team von verletzt. Seither trägt er den Verwundeten-
schien, drang ein Buhkonzert aus tausend Einbrechern in die Zentrale der Demokra- orden »Purple Heart«.
Kehlen zu ihm hinauf in die VIP-Lounge. tischen Partei im Watergate-Komplex; Eigentlich gehört es zu den Ritualen der
Dazwischen der Ruf: »Lock him up!«, Trump nutzte die geballte Macht und das Republikanischen Partei, sich vor Kriegs-
sperrt ihn ein. In einem Video, das hun- Geld der Vereinigten Staaten, um die helden zu verneigen. Was aber über Ale-
derttausendfach geklickt wurde, ist zu se- Ukraine dazu zu zwingen, Schmutz gegen xander Vindman hereinbrach, nachdem
hen, wie Trump das Lächeln im Gesicht den demokratischen Präsidentschaftsbe- er ausgesagt hatte, war eine üble Schmutz-
gefriert. werber Joe Biden zu sammeln. kampagne.
Unter normalen Umständen müssten Der 44-Jährige ist seit Sommer 2018 der
sich die Republikaner spätestens seit dieser Ukraine-Experte im Nationalen Sicher-
Woche die Frage stellen, ob es noch klug Trumps Emissäre heitsrat der USA, in jenem Gremium, das
ist, zu einem Präsidenten zu halten, der so agierten wie Vertreter den Präsidenten in Fragen von Krieg und
erkennbar die Unterstützung der Bevölke- Frieden berät. Deshalb wurde er von den
rung verliert. Seit die Demokraten im Re- eines Bananenstaates, Demokraten zur Aussage vorgeladen.
präsentantenhaus vor fünf Wochen ihre allen voran Giuliani. Vindman erklärte, dass er gleich zweimal
Impeachment-Untersuchungen begonnen bei dem Topjuristen des Sicherheitsrats
haben, ist die Zustimmung der Amerikaner die Politik des Präsidenten gerügt habe:
für ein Verfahren zur Amtsenthebung kon- Unter dem Deckmantel der Korruptions- das erste Mal am 10. Juli 2019, als George
tinuierlich gestiegen. Inzwischen spricht bekämpfung agierten Trumps Emissäre Sondland, der amerikanische Botschafter
sich eine knappe Mehrheit dafür aus. wie Vertreter eines Bananenstaates: allen bei der EU, ein Treffen Trumps mit dem
Dazu kommt, dass es schon jetzt keinen voran Rudy Giuliani, der als Trumps per- neuen ukrainischen Präsidenten Wolody-
vernünftigen Zweifel mehr daran gibt, dass sönlicher Anwalt auftrat, als wäre er der myr Selenskyj davon abhängig gemacht
Trump seine Macht missbraucht hat. Min- Außenminister der Vereinigten Staaten. habe, dass Kiew Ermittlungen gegen Joe
destens vier Mitarbeiter des Außenminis- Als sich Marie Yovanovitch, die Botschaf- Biden und dessen Sohn Hunter einleite.
teriums und des Weißen Hauses erklärten terin der USA in der Ukraine, nicht zum Das zweite Mal, als Trump selbst in einem
in nicht öffentlichen Sitzungen vor dem Instrument Giulianis machen lassen wollte, Telefongespräch mit Selenskyj am 25. Juli
Kongress, der Präsident habe Militärhilfen wurde sie von Trump gefeuert. um den »Gefallen« bat, Untersuchungen
für die Ukraine davon abhängig gemacht, Aber anders als die Republikaner in der gegen Biden anzustrengen.
dass die Regierung in Kiew Wahlkampf- Ära Nixon scheint die Partei heute dem »Ich war der Ansicht, dass es nicht rich-
munition gegen die Demokraten liefere. Präsidenten blind zu folgen – zumindest tig ist, eine fremde Regierung um Ermitt-
Selbst Trumps Stabschef Mick Mulvaney bislang. Sie blickt wie gebannt auf Umfra- lungen gegen einen US-Bürger zu bitten«,
bestätigte dies vor laufender Kamera, auch gewerte, wonach rund 90 Prozent der re- sagte Vindman vor dem Kongress laut
wenn er danach den tölpelhaften Versuch publikanischen Anhänger immer noch mit seinem schriftlichen Statement. Die Aus-
startete, seine Worte wieder einzufangen. Trump zufrieden sind. Ein großer Teil der sage ist für Trump gefährlich, weil der Prä-
Der Präsident steckt im Überlebens- Republikaner im Kongress fürchtet den sident sich bisher mit dem Argument ver-
kampf. Am Donnerstag haben die Demo- Zorn der Parteibasis, die trotz zahlreicher teidigt hat, für ein schmutziges Geschäft
kraten im Repräsentantenhaus beschlos- Fehltritte weiter zum Präsidenten hält. auf Gegenseitigkeit mit der Ukraine gebe
sen, die Ukraine-Affäre nun auch in öffent- Trump hatte immer ein offenes Ohr für es nur wertlose Zeugen, die über Dritte
lichen Sitzungen auszuleuchten. Das zeigt, die Wünsche der Republikaner. Er besetz- von dem Telefonat mit dem ukrainischen
dass sich die Opposition gegen Trump ih- te Richterstellen mit erzkonservativen Ju- Präsidenten wussten. Vindman aber hatte

94 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


MANDEL NGAN / AFP
Offizier Vindman (M.) vor dem US-Kapitol: Verunglimpft als U-Boot der Ukraine

das Gespräch des Präsidenten im Situ- engsten Berater des Präsidenten. »Die Liz Cheney, Tochter des ehemaligen Vize-
ation Room des Weißen Hauses mitver- Bürger stehen vor einer einfachen Ent- präsidenten Dick Cheney.
folgt. Mehr als das: Er sagte aus, dass scheidung: Wollen sie eine Diktatur der Bisher ist sie allerdings eine eher einsa-
Trump seine Wünsche an die Ukraine Bürokraten, oder wollen sie eine Demo- me Stimme. Einflussreiche Republikaner
deutlich konkreter formuliert habe, als kratie?« wie Lindsey Graham oder McConnell hal-
dies aus dem Transkript hervorgeht, Es ist eine perfide Umkehrung der Tat- ten nach wie vor eisern zu Trump. Aus
das vom Weißen Haus veröffentlicht wor- sachen: Offiziere wie Vindman und Diplo- Angst um ihren Einfluss kuschen sie vor
den war. maten wie Yovanovitch riskieren als Zeu- einem Präsidenten, der jene Werte ver-
Verbündete Trumps fragten, ob Vind- gen vor dem Kongress ihre Karriere. Denn höhnt, deren Verteidigung sie von anderen
mans Loyalität wirklich den USA gelte. Lau- das Weiße Haus hat schriftlich jede Koope- ganz selbstverständlich verlangen.
ra Ingraham, eine der unermüdlichsten ration mit den dortigen Ermittlern unter- 20 republikanische Senatoren müssten
Trump-Verteidigerinnen im Fernsehsender sagt. Die Vertreter des »deep state« de- zu den Demokraten überlaufen, damit
Fox News, erklärte den Offizier zum U-Boot monstrieren dem Land gerade, was es eine Zweidrittelmehrheit für eine Amts-
der ukrainischen Regierung. »Wir haben es heißt, selbstlos für die Werte der Verfas- enthebung zustande kommt. Das wird –
hier mit einem Beamten aus dem Sicher- sung einzutreten. wenn überhaupt – nur dann geschehen,
heitsapparat zu tun, der die Ukraine berät Kein Wunder also, dass nun zumindest wenn sich die Stimmung weiter gegen
und gleichzeitig im Weißen Haus arbeitet, einige Republikaner ins Grübeln kommen. Trump dreht.
und zwar ganz offensichtlich gegen die In- Wie soll man von Soldaten verlangen, un- Schon bei Richard Nixon war das Im-
teressen des Präsidenten«, erklärte sie. ter Einsatz des Lebens das Land zu vertei- peachment-Verfahren vor allem eine
Trump unterstellte, Vindman sei ein digen, wenn der Präsident seine eigenen Schlacht um die öffentliche Meinung. Zu
Feind seiner Regierung, und nannte ihn Leute als Verräter verunglimpft? »Wir re- Beginn der Watergate-Affäre waren nur
einen »Never Trumper« – eine Kategorie den hier über dekorierte Kriegsveteranen, 19 Prozent der befragten Amerikaner der
von Beamten und Politikern, die der Prä- die diesem Land gedient und dafür ihr Le- Meinung, der Präsident müsse abtreten.
sident kurz zuvor als »menschlichen Ab- ben aufs Spiel gesetzt haben. Es ist eine Nixons Schicksal war im Sommer 1974 al-
schaum« beschimpft hatte. »Wir haben Schande, ihren Patriotismus und ihre Lie- lerdings besiegelt, als 57 Prozent seinen
es hier mit einer Gruppe von Bürokraten be zu unserem Land infrage zu stellen, und Rücktritt forderten. René Pfister
zu tun, die den Präsidenten zu Fall brin- wir sollten dabei nicht mitmachen«, sagte Mail: rene.pfister@spiegel.de
gen will«, sagte Stephen Miller, einer der die republikanische Kongressabgeordnete

95
Ausland

Aufschrei
Japan Die Journalistin Shiori Ito erwacht in einem Hotelzimmer, nackt und ohne Erinnerung. Sie
verklagt den Mann, der sie dorthin gebracht hat. Ihr Fall verändert Japan. Von Alexandra Rojkov

D
ie Nacht, die das Leben von leben. Der Bericht prüft Indikatoren wie körperlicher Gewalt begleitet sind. Das
Shiori Ito für immer verän- wirtschaftliche Teilhabe, Gesundheitsver- Opfer muss belegen können, dass es sich
dern wird, beginnt mit einem sorgung und Bildungschancen. In keinem mit aller Kraft gewehrt hat. Sonst gilt der
Schwindelanfall. Plötzlich dreht anderen Industriestaat sind die Unterschie- Akt nicht als erzwungen, und der Täter
sich der Raum, und ihre Lider werden de zwischen Männern und Frauen dem- bleibt straffrei.
schwer. nach so groß wie in Japan. Im globalen Das alles weiß Shiori Ito nicht, als sie
An jenem Abend sitzt die damals 25-Jäh- Ranking liegt das Land auf Platz 110 von im April 2015 in Yamaguchis Hotelzimmer
rige mit einem Kollegen in einem Sushi- 149 – selbst Länder wie Ghana, Armenien zu sich kommt. Sie packt ihre Kleidung
restaurant in Tokio. Der Mann arbeitet als oder Myanmar schneiden besser ab. Doch und flieht aus dem Hotel. Mehrere Tage
Journalist, genau wie Ito. Noriyuki Yama- keine Statistik illustriert die Situation von versteckt Ito sich bei einer Freundin, wo
guchi ist in Japan ein bekannter Reporter: Japanerinnen so deutlich wie die Geschich- sie kaum schläft, kaum isst, nur vor sich
Er hat hochrangige Politiker interviewt und te von Shiori Ito. hinstarrt.
eine Biografie über Japans Premierminis- Itos Gesichtszüge sind filigran, ihr Äuße- Am 9. April erstattet Ito Anzeige gegen
ter Shinzo Abe geschrieben. Ito und Yama- res wirkt zerbrechlich. Aber ihre Stimme Yamaguchi. »Ich habe an unser System ge-
guchi kennen einander flüchtig. Ito ist auf ist fest. Itos Anwälte raten ihr von Inter- glaubt«, sagt sie. »Ich war so naiv.«
Jobsuche, Yamaguchi hat angeboten, beim views ab, trotzdem hat sie einem Gespräch Polizeibeamte nehmen Spuren von Itos
Abendessen über Optionen zu sprechen. zugestimmt. Sie trägt eine Kappe, als sie Kleidung, werten Zeugenaussagen und
Dann wird Ito plötzlich schwindelig. durch die Tür des Cafés im Westen von Videobilder der Hotelkamera aus. Im Juni
Sie bittet ihre Verabredung, sie zu ent- Tokio tritt. Inzwischen kennt fast jeder in 2015 wird ein Haftbefehl gegen Yamaguchi
schuldigen. Vorsichtig geht Ito zum Wasch- Japan Itos Gesicht, deshalb meidet sie erlassen. Doch dann zieht die Polizei die
raum. Dort verlässt sie die Kraft: Ihre Bei- wenn möglich öffentliche Orte. »Aber ich Entscheidung zurück. Der Fall wird an ein
ne tragen sie nicht mehr, sie muss sich auf sollte mich nicht verstecken müssen«, sagt anderes Dezernat überstellt, die Ermitt-
den Toilettendeckel setzen. »Ich habe mei- Ito. »Ich sollte gewinnen.« lungen beginnen von Neuem.
nen Kopf an den Spülkasten gelehnt«, sagt Im Juli 2016, mehr als ein Jahr nach Itos
Ito. »Das ist das Letzte, was ich noch Anzeige, stellt die Staatsanwaltschaft das
weiß.« Es ist der 3. April 2015. »Das japanische Gesetz Verfahren ein. Die Beweislage sei zu dünn,
Itos Erinnerung, so berichtet sie es, setzt schützt uns nicht. Wollen um Yamaguchi vor Gericht zu bringen.
erst Stunden später wieder ein. Sie spürt Denn Ito wurde bei dem Vorfall im Ho-
einen Schmerz in ihrem Unterleib. Als sie wir wirklich zulassen, dass tel nicht schwer verletzt. Sie ist sicher, dass
die Augen öffnet, sieht sie ihren Kollegen das weiter geschieht?« Yamaguchi ihr etwas ins Getränk gekippt
Yamaguchi: Er liegt auf ihr, nackt. Ito hat, um sie benommen zu machen. Doch
schaut an sich herunter und merkt, dass dafür gibt es keinen Beweis. Yamaguchi
sie es auch ist. Ito hat den Mann, in dessen Hotelzim- bestreitet, Ito unter Drogen gesetzt zu
Sie bittet Yamaguchi aufzuhören. Als er mer sie aufwachte, verklagt. Sie will errei- haben. Vielmehr sei sie in der Nacht so
nicht reagiert, täuscht Ito vor, auf die Toi- chen, dass Yamaguchi ihr wegen Vergewal- betrunken gewesen, dass er sie nicht allein
lette zu müssen. Im Badezimmer versteht tigung Schmerzensgeld zahlen muss. In habe nach Hause fahren lassen wollen.
sie, wo sie sich befindet: im Hotelzimmer vielen Ländern wäre das eine juristische Der Taxifahrer, der die beiden ins Hotel
ihres prominenten Kollegen, der sie an- Randnotiz. In Japan ist es ein Skandal. brachte, gab zu Protokoll, die junge Frau
geblich getroffen hat, um ihr einen Job zu Japans Justizsystem ist außergewöhn- habe darum gebeten, an einem Bahnhof
vermitteln. lich: Mehr als 99 Prozent der Strafprozes- abgesetzt zu werden. Sie habe unzurech-
Wie ist Shiori Ito dorthin gekommen? se enden mit einer Verurteilung. Während nungsfähig gewirkt und sich auf dem Rück-
Und warum? Diese Fragen beschäftigen andernorts ein begründeter Verdacht ge- sitz des Wagens übergeben.
heute, mehr als vier Jahre später, nicht nur nügt, um einen Prozess zu eröffnen, neh- Yamaguchi bestätigt Letzteres. Doch er
zahlreiche Juristen. Sie spalten die Gesell- men japanische Gerichte nur Fälle an, in sagt, Ito habe sich im Laufe der Nacht er-
schaft. denen ein Schuldspruch sehr wahrschein- holt. Als sie aufgewacht sei, habe sie sich
Japan gehört zu den fortschrittlichsten lich ist. so für ihr Verhalten geschämt, dass sie ihm
Nationen der Welt: Es steht für Effizienz Doch eine Vergewaltigung lässt sich sel- Sex angeboten habe.
und technische Innovationen. Nur die ten eindeutig belegen. Meist gibt es weder In Deutschland können sexuelle Hand-
USA und China haben eine größere Wirt- Zeugen noch Beweise, es steht Aussage ge- lungen an einem stark benommenen Men-
schaftsleistung, mehr als die Hälfte der gen Aussage. In Japan landet deshalb nur schen mit Gefängnis bestraft werden. In
Bevölkerung besitzt einen Hochschul- ungefähr die Hälfte aller angezeigten Ver- Japan genügt es in diesem Fall nicht ein-
abschluss, eine der höchsten Raten welt- gewaltigungen vor Gericht. Und selbst mal, um einen Prozess zu eröffnen. Yama-
weit. Doch in einem Punkt fällt das Land wenn es zur Verhandlung kommt, ist ein guchi bleibt unbescholten, während sich
zurück. Schuldspruch unwahrscheinlich. Das liegt über Itos Leben ein Schatten legt.
Das Weltwirtschaftsforum analysiert an Japans Gesetzen. Ito versucht, wieder als Journalistin zu
jedes Jahr, wie gleichberechtigt Frauen Demnach zählen Übergriffe nur als Ver- arbeiten. Sie dreht Filme, reist nach Latein-
und Männer in unterschiedlichen Ländern gewaltigung, wenn sie von nachweisbarer amerika. Doch die Nacht in dem Hotel-

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ROBIN HINSCH / DER SPIEGEL

Klägerin Ito: »Ich habe an unser System geglaubt, ich war so naiv«

97
Ausland

zimmer verfolgt sie. Ito hat Panikattacken: chen, um diesem kindlichen Ideal zu ge- öffentlich anklagt. Statt wie Tausende
Manchmal taucht Yamaguchis Bild vor ihr nügen. Andere tragen kurze Röcke oder Frauen vor ihr klein beizugeben, beharrt
auf, es schnürt ihr die Luft ab. Sie zittert, kichern kokett. Und eines tun fast alle Ito auf ihrem Recht. Sie ist der Nagel, der
wenn sie Männer sieht, die ihm ähneln, Frauen: Sie schweigen. heraussteht. Es dauert nicht lange, bis man
weint, wenn sie länger von ihm spricht. Einer Umfrage zufolge sind 70 Prozent versucht, sie einzuschlagen.
»Man überlebt eine Vergewaltigung nicht der Japanerinnen mindestens einmal in Kaum hat Shiori Ito ihre Rede beendet,
nur einmal«, sagt Ito. »Sondern jeden Tag.« ihrem Leben sexuell belästigt worden. Ob- tauchen Nachrichten auf ihrem Handy
Im Frühjahr 2017 erfahren Journalisten wohl Respekt in der japanischen Gesell- auf. Erst eine, dann zehn, dann Hunderte,
von dem Vorfall im Hotel. Yamaguchi un- schaft eine zentrale Bedeutung hat, kann sagt sie. Die meisten sind Beschimp-
terhält gute Verbindungen in die Politik: fast jede Frau von einem Übergriff erzählen. fungen.
Haben einflussreiche Freunde dazu beige- Von Kollegen, die das Gespräch plötzlich Männer nennen Ito eine Hure und eine
tragen, dass der Haftbefehl zurückgezogen auf sexuelle Praktiken gelenkt haben. Von Lügnerin. Aber auch viele Frauen stellen
wurde? Medien berichten über die Ermitt- Männern, die sie an Po oder Brust berührt sich auf Yamaguchis Seite. »Eine schrieb
lungen, ohne jedoch Itos Namen zu nen- haben. In Tokios Metro bleibt zu Stoßzei- mir, ich solle mich schämen«, sagt Ito.
nen. Nichts geschieht. Yamaguchi bleibt ten ein Waggon nur für Frauen reserviert, Schämen, weil sie öffentlich über etwas
auf freiem Fuß, während Ito mit den psy- um sie vor Grapschern zu schützen. gesprochen hatte, das nach Meinung vieler
chischen Folgen der Nacht kämpft. Trotzdem gab es in Japan in der jüngs- Japaner privat bleiben sollte.
Shiori Ito ist in Japan geboren und auf- ten Vergangenheit keine breite Frauen- »Ich habe mit Widerstand gerechnet«,
gewachsen, doch es zog sie früh in andere bewegung. Der Hashtag #MeToo, der in sagt Ito. »Dass es so schlimm kommen
Länder. Als 15-Jährige verbrachte sie ein vielen Ländern eine Debatte ausgelöst hat, würde, hätte ich nicht gedacht.«
Jahr in den USA und lebte in einer Gast-
familie in Kansas. Der Aufenthalt prägte
sie: Ito kam als selbstbewusster, extrover-
tierter Teenager zurück – anders als die
meisten japanischen Mädchen, die zu
Scheu und Zurückhaltung erzogen werden.
Als Reporterin bereiste Ito Peru, Sierra
Leone und Deutschland. Sie lebte in New
York, drehte einen Film über Genitalver-
stümmelung und interviewte kolumbiani-
sche Rebellen. Vielleicht haben diese Er-
fahrungen dazu beigetragen, dass Ito sich
traute, was für viele japanische Frauen un-
denkbar ist: Statt sich der Staatsanwalt-
schaft zu beugen, wehrt sie sich. Sie be-
ginnt einen Kampf, der das Leben vieler
Japanerinnen verändern soll.

SHUTTERSTOCK EDITORIAL
Am 29. Mai 2017 reicht Ito vor einem
Gericht in Tokio Zivilklage gegen Yama-
guchi ein. Sie hat Anwälte gefunden, die
bereit sind, auf Kommission zu arbeiten.
Nur so kann sie sich den Prozess leisten.
Nachdem ihre Vertreter den Antrag
überstellt haben, nimmt Ito in einem Ne- Pornografische Manga-Hefte: Allgegenwärtiger Sexismus
benraum des Gerichts Platz. Vor ihr sitzen
Dutzende Reporter, die auf den Knien ihre
Laptops balancieren. Ito hat sie zu einer verhallte. Protest und Widerspruch sind Auf der Straße drehen sich nun Men-
Pressekonferenz eingeladen. in Japan traditionell nicht vorgesehen. Ein schen nach ihr um und tuscheln. Sie erhält
»Vor zwei Jahren wurde ich vergewal- bekanntes japanisches Sprichwort lautet: Morddrohungen. Eine Politikerin macht
tigt«, sagt Ito in die Kameras. »Als ich die »Nägel, die herausstehen, müssen einge- sich im Fernsehen über Ito lustig. Sie habe
nachfolgenden Verfahren durchlief, wurde schlagen werden.« es nicht geschafft, sich einen Job zu er-
mir schmerzlich bewusst, dass die Rechts- »Aber wir müssen über diese Dinge re- schlafen, und räche sie nun dafür. Diese
und Sozialsysteme in Japan gegen Opfer den«, sagt Ito. »Es geht ja nicht nur um Version erzählt auch Yamaguchi öffentlich.
von Sexualverbrechen arbeiten.« Sie, Ito, mich. Es geht um grundlegende Menschen- Ito habe ihn in jener Nacht an sich gezo-
habe sich entschlossen, diese Systeme zu rechte.« gen, ganz freiwillig. Er bestreitet bis heute,
ändern. Ito fordert 11 Millionen Yen Schmerzens- sie vergewaltigt zu haben. Inzwischen hat
In Japan gelten Gehorsam und Anpas- geld von Yamaguchi, etwa 93 000 Euro. er Gegenklage eingereicht: Er wirft Ito Ruf-
sung als höchste Tugenden. Harmonie ist Aber vor allem will sie, dass das japanische schädigung und Falschaussage vor.
wichtig, Emotionen wie Wut oder Ärger Recht reformiert wird: Missbrauch soll Yamaguchi arbeitet noch immer als
werden unterdrückt. Wer eine Meinungs- auch dann anerkannt werden, wenn der Journalist. Ito dagegen wird diffamiert und
verschiedenheit mit seinem Chef hat, kün- Täter das Opfer nicht körperlich verletzt. bedroht. Sie fürchtet um ihre Sicherheit.
digt eher, als den Konflikt anzusprechen. »Das japanische Gesetz schützt uns nicht«, Im Oktober 2017 beschließt sie deshalb,
Noch stärker gilt dieser Konformitäts- sagt Ito bei ihrer Pressekonferenz. »Wollen Japan zu verlassen. Sie zieht nach London,
druck für Frauen. Sie sollen vor allem ei- wir wirklich zulassen, dass das weiter ge- wo sie eine Produktionsfirma gründet und
nes sein: »kawaii«, der japanische Aus- schieht?« oft in ihrem Büro schläft.
druck für »niedlich« oder »liebenswert«. Es ist das erste Mal, dass eine Japanerin Ito bezahlt für ihren Kampf einen ho-
Es gibt Frauen, die unnatürlich hoch spre- ihren mutmaßlichen Vergewaltiger derart hen Preis. Ihre Schwester vermeidet es bis

98 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


heute, mit Ito gesehen zu werden, aus verkaufen Kioske pornografische Manga, Kein Schild weist auf den Termin hin.
Angst vor den Reaktionen der Mitmen- es gibt Cafés, in denen die Kellnerinnen Er kostet Eintritt, mit dem Itos Prozess
schen. Freunde haben sich von Ito abge- eine Hausmädchenuniform tragen und unterstützt wird. Trotzdem ist der Raum
wandt. Gäste mit »mein Gebieter« ansprechen. überfüllt. Viele junge Frauen sind gekom-
Im Frühjahr 2019 werden Itos Angst- Andererseits leben in kaum einer Groß- men, aber auch Rentnerinnen mit ergrau-
zustände schlimmer. Eine Anhörung mit stadt der Welt so viele Singles wie in Tokio. ten Kurzhaarfrisuren und einige Männer.
Yamaguchi rückt näher: Ein Treffen im Viele junge Japaner kennen Sex ausschließ- Die Sitzplätze reichen nicht, viele Besu-
Gericht ist unvermeidlich, doch die Aus- lich aus überzeichneten Manga. Wie er cher stehen an die Wand gedrängt. »Shio-
sicht nährt Itos Trauma. Kurz vor dem Ter- zwischen zwei Menschen passieren sollte, ris Fall ist revolutionär, er könnte vieles
min versucht sie in einer Panikreaktion, darüber wird in Japan wenig gesprochen. verändern«, sagt Itos Anwältin. »Aber wir
sich das Leben zu nehmen. Nanami hatte in der Schule zwar ge- müssen sie stärker unterstützen.« Die Be-
Sie schreibt Briefe, bevor sie die Schlaf- lernt, wie ein Kondom funktioniert. Aber sucher klatschen laut Beifall. Es wirkt, als
tabletten schluckt. Einen an ihre Familie. dass eine Berührung einvernehmlich sein wollten sie wiedergutmachen, dass sie jah-
An ihre Mutter. Die letzte Notiz ist an muss, erklärte ihr niemand. Das Wort relang geschwiegen haben.
Yamaguchi gerichtet. »Wenn ich gehe, be- »Vergewaltigung« war Nanami unbekannt. Als die Veranstaltung für Fragen geöff-
deutet das nicht, dass du erlöst bist.« Sie Nachdem der Mann sie verfolgt hatte, net wird, meldet sich eine Professorin zu
erwacht im Krankenhaus, angeschlossen fehlten Nanami die Worte, um zu beschrei- Wort. Sie erzählt, dass sie an ihrer Univer-
an Schläuche. ben, was geschehen war. Also schwieg sie. sität nun einen Workshop zu sexueller
Die öffentliche Auseinandersetzung mit Lag tagelang im Bett, schwänzte die Schu- Selbstbestimmung anbiete. Ein Abgeord-
Yamaguchi hat Itos Existenz zerstört. le. Ihren Eltern sagte Nanami, sie sei krank. neter des japanischen Parlaments ver-
spricht, sich dafür einzusetzen, dass Itos
Fall aufgeklärt wird. Besucherinnen fragen:
Wie können wir Ito helfen? Später bildet
sich eine Schlange vor der Journalistin.
Frauen umarmen sie, überreichen ihr
Grußkarten oder Blumen.
Shiori Ito ist nicht mehr der einzige
Nagel, der heraussticht. Im Frühjahr 2019
erregt ein Gerichtsprozess landesweite
Aufmerksamkeit. Ein Vater, der jahrelang
seine Tochter vergewaltigt hat, wird frei-
gesprochen. Die Richter erkennen zwar
JEREMIE SOUTEYRAT / THE NEW YORK TIMES / LAIF

an, dass der Sex mit dem Mädchen nicht


einvernehmlich war. Doch es sei nicht er-
wiesen, dass die Tochter keine Möglich-
keit gehabt habe, sich zu wehren. Der Fall
wird nicht als Vergewaltigung gewertet.
Nach dem Urteil ruft die Autorin Minori
Kitahara landesweit zu Demonstrationen
auf. Sie rechnet mit 20 Teilnehmerinnen.
Es kommen mehr als 400. Als Zeichen ih-
rer Zugehörigkeit hält jede Demonstrantin
eine Blume in der Hand.
Reporter Yamaguchi: Verbindungen in die Politik Seitdem findet die »Flower Demo« je-
den Monat statt, in neun japanischen
Städten. Die Frauen haben zwei Forde-
Trotzdem besteht sie auf dem Prozess. »Ich wollte ihnen keinen Kummer berei- rungen: Missbrauchsopfer sollen besser
»Ich tue das für mich, aber auch für andere ten«, sagt sie. Dann sah das Mädchen im geschützt werden. Und: Erzwungener
Frauen«, sagt Ito. Fernsehen die Bilder von Itos Pressekon- Sex soll auch dann als Vergewaltigung
Denn ihr Fall bringt auch etwas in Gang. ferenz. »Plötzlich hatte ich das Gefühl, gelten, wenn der Täter das Opfer nicht
Zwischen die Beleidigungen, die sie erhält, nicht mehr allein zu sein.« körperlich verletzt.
mischen sich immer öfter Briefe von Frau- Nanami ist durch die ganze Stadt gefah- Im September 2019 zählen die Proteste
en, die schreiben, sie hätten Ähnliches er- ren, um Ito zu danken. Sie verbeugt sich, rund tausend Teilnehmer. Eine von ihnen
lebt. Eine von ihnen ist Nanami. drückt Itos Hand, notiert jeden Satz, den ist Shiori Ito.
Nanami ist 18 Jahre alt, doch sie sieht Ito sagt, ehrfürchtig in einem Notizbuch. Wann das Urteil im Zivilprozess gegen
aus wie ein Kind. Sie trägt eine karierte »Ich weiß jetzt, dass ich keine Schuld tra- Yamaguchi fallen wird, ist unklar. Sollte
Schuluniform und eine riesige Hornbrille, ge«, sagt Nanami. Zum Abschied umarmt Ito verlieren, könnte sie dazu verurteilt
von der ihr an diesem drückenden Tag im sie Ito wie eine Freundin. werden, Schadensersatz zu zahlen. Yama-
Juli 2019 der Schweiß tropft. »Schreiben Sie, dass es mit Shiori ange- guchi fordert 130 Millionen Yen, mehr als
Nanami war 14, als ihr auf dem Heim- fangen hat«, sagt Nanami. »Seit sie aufge- eine Million Euro. Das Zehnfache von
weg ein Mann auflauerte. Sie sagt, er habe taucht ist, nimmt man uns ernster.« dem, was Ito verlangt. »Falls ich verliere,
sie nicht eingeholt, als sie losrannte. Aber Ito hat in Japan viele Feinde. Doch je werde ich das in meinem ganzen Leben
sie sagt auch, dass sie niemandem die länger der Prozess dauert, desto mehr Zu- nicht bezahlen können«, sagt Ito.
ganze Wahrheit über diesen Tag erzählen spruch erhält sie. Wenn man sie fragt, ob sie ihre Klage
könne. Am Tag nach dem Treffen mit Nanami bereue, sagt Ito trotzdem: »Nein.«
Sexualität ist in Japan allgegenwärtig – findet eine Veranstaltung von Ito und ih- Twitter: @aRojki
und gleichzeitig ein Tabuthema. Einerseits ren Anwälten statt.

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Sport
Der Mensch Beckenbauer war kein Kaiser, sondern auch nur ein Mann mit Schwächen. ‣ S. 106

Ewige Bundesliga-Torschützenliste Torquote DFB-Pokal Spieler mit mindestens 20 Treffern Torquote


Die treffsichersten Spieler mit mindestens 50 Erstligatoren (Tore je Spiel)
1. Gerd Müller 1,25
1. Gerd Müller Bayern München 0,85 2. Dieter Müller 0,95
3. Dieter Hoeneß 0,90
2. Timo Konietzka Borussia Dortmund, 1860 München 0,72
4. Carsten Jancker 0,85
3. Robert Lewandowski Borussia Dortmund, Bayern München 0,72 5. Robert Lewandowski 0,76
4. Pierre-Emerick Aubameyang Borussia Dortmund 0,68 Champions League* Spieler mit mindestens 20 Treffern
*bis 1992 Landesmeisterpokal
5. Lothar Emmerich Borussia Dortmund 0,63
1. Gerd Müller 0,97
6. Horst Hrubesch Rot-Weiß Essen, Hamburger SV, Borussia Dortmund 0,61

L ACI PEREN YI / PICTURE AL L IAN C E


2. Ferenc Puskás 0,88
7. Roy Makaay Bayern München 0,60 3. José Altafini 0,86
4. Alfredo di Stéfano 0,84
8. Jupp Heynckes Borussia Mönchengladbach, Hannover 96 0,60
5. Lionel Messi 0,82
9. Edin Džeko VfL Wolfsburg 0,59 6. Cristiano Ronaldo 0,77
10. Dieter Müller Kickers Offenbach, 1. FC Köln, VfB Stuttgart, 1. FC Saarbrücken 0,58 10. Robert Lewandowski 0,70

Robert Lewandowski, Torjäger des FC Bayern München, gefällt Müllers knacken: Der Mittelstürmer traf vor knapp 50 Jahren
es, neue Bestmarken zu setzen. Seit vergangenem Samstag 40-mal in einer Bundesligasaison, Lewandowski kommt bisher
ist der Pole der erste Spieler der Fußball-Bundesliga, der an den nach neun Spielen auf 13 Tore. Setzt man die Treffer allerdings
ersten neun Spieltagen jeweils ein Tor geschossen hat. Wenn ins Verhältnis zu seinen Spielen, wird Lewandowski in vielen
er so treffsicher bleibt, könnte er sogar einen Uraltrekord Gerd Statistiken Müller wohl niemals erreichen.

Magische Momente Schmidt: Aber nur, weil am Abend der


Zusammenkunft in Kienbaum kein Flieger
»Ich hoffte, dass kein Torhüter kommt« mehr zurück nach Stuttgart ging. Er
wollte eigentlich weg, aber Geyer konnte
Jens Schmidt, 56, über das letzte Fußball-Länderspiel der DDR ihn davon überzeugen zu bleiben. Zum
Glück. Schließlich erzielte er bei unserem
SPIEGEL: Am 12. Septem- SPIEGEL: Eigentlich wäre die Partie ein 2:0-Sieg beide Tore.
ber 1990, rund zehn EM-Qualifikationsspiel für 1992 gewesen. SPIEGEL: Haben Sie nach dem Abpfiff
Monate nach dem Fall Nach der Vereinigung wurde daraus nur gefeiert oder eher getrauert?
der Mauer, spielten Sie ein Freundschaftsspiel. Hatten Sie Ver- Schmidt: Wir haben uns bei ein paar Bier-
mit der DDR-Auswahl ständnis für die Absagen Ulf Kirstens, chen überlegt, wie es mit uns weitergeht.
gegen Belgien. Es war Ihr Thomas Dolls und vieler anderer? Nach Jens Schmidt hat aus der Bundesliga
einziger Einsatz in der Natio- Schmidt: Schon, die wollten sich bei so keiner gefragt, so blieb ich in Chemnitz.
nalmannschaft und gleichzeitig das letzte einem Gurkenspiel nicht verletzen, son- SPIEGEL: Haben Sie Ihr DDR-Trikot auf-
Spiel der DDR. dern sich in Leverkusen oder Hamburg bewahrt?
Schmidt: Zuvor war ich fünfmal als durchsetzen. Schmidt: Nein. Das habe ich mit dem Bel-
Ersatztorwart nominiert. Dass ich diesmal SPIEGEL: Matthias Sammer lief trotzdem gier Michel Preud’homme getauscht. Es
von Anfang an ran durfte, wurde mir erst an Ihrer Seite für die DDR auf. liegt als eines der wenigen Trikots bei mir
bei unserem Treffen im Trainingslager zu Hause, schließlich war der Tausch in
Kienbaum klar. Perry Bräutigam und Dirk der DDR nicht gern gesehen. Wir hatten
Heyne hatten abgesagt, wie viele andere ja nicht einfach gleich ein neues. Ich war
Stars, die neue Verträge im Westen in der glücklich, wenn mir im Europacup der
Tasche hatten. gegnerische Torwart ein Paar Handschuhe
SVEN SIMON / PICTURE-ALLIANCE

SPIEGEL: Trainer Eduard Geyer hatte Mü- schenkte.


he, eine Truppe zusammenzutrommeln. SPIEGEL: Sind Sie stolz auf Ihr Länder-
Schmidt: Wir waren letztlich nur spiel?
14 Mann, aber ich glaube, er hat über Schmidt: Ja, es ist eine schöne Erinne-
20 Absagen erhalten. Geyer telefonierte rung, und ich gehöre dadurch zum Club
ständig, um irgendwie noch Spieler zu der Nationalspieler. Ich werde jedes Jahr
kriegen. Ich hoffte nur, dass kein Torhüter zu einem Länderspiel eingeladen. Für uns
mehr kommt. Schmidt (2. v. l.) 1990 in Brüssel alte Ossis ist das eine feine Sache. PK

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 101


Sport

Bye Bye Beautiful


Pferde Hunderte Tiere sterben jedes Jahr auf US-Rennstrecken. Eine Staatsanwaltschaft ermittelt,
die Politik droht mit Verboten. Überlebt der Sport diese Krise?

E
inen Tag bevor sich die Stute Benson sucht mit zusammengekniffe- Büsten. Auf der Tribüne, Baujahr 1934,
G Q Covergirl beide Vorderbeine nen Augen die Bahn nach Tieren ab, die blättert die grüne Farbe von den Sitzen,
so schwer verletzt, dass sie ein- Auffälligkeiten zeigen, Zeichen von Schwä- hinter der Rennbahn erheben sich die San
geschläfert werden muss, sitzt che oder Verletzungen; Pferde, die eigent- Gabriel Mountains.
Dionne Benson auf der Haupttribüne lich im Stall stehen sollten. Manchmal un- Eigentlich ist Santa Anita Park ein Ort
des Santa Anita Park. »Seit März konnten terbricht sich die Veterinärin selbst mitten der Hoffnung. Pferderennen sind Glücks-
wir die Todesrate im Trainingsbetrieb um im Satz: »Entschuldigung, ich wollte nur spiele, mit ihren Tippscheinen wetten die
über 70 Prozent reduzieren. Das ist groß- schauen, was das Pferd dort macht.« Besucher auf den Sieg ihres Favoriten, spe-
artig«, sagt die leitende Tierärztin der Benson weiß: Über jedes angeschlagene kulieren auf den großen Gewinn, manch
Anlage. Pferd, das unentdeckt bleibt, kann schon einer auf ein besseres Leben.
Es ist ein ruhiger Donnerstagmorgen in das Todesurteil gesprochen sein. Das könn- Auch die Pferde gehen eine Wette ein –
Arcadia, einer Vorstadt von Los Angeles. te das Aus für den Santa Anita Park be- darauf, dass sie es lebend ins Ziel schaffen.
Benson, 46, schulterlange blonde Haare, deuten. Und für den Pferderennsport in Viele verlieren.
trinkt Tee und schaut konzentriert über Kalifornien. Wie Arms Runner. Am 31. März stürzt
die ovale Rennstrecke. Seit rund drei Stun- Santa Anita Park ist ein märchenhaftes der fünfjährige Wallach am Eingang zur
den wird hier trainiert, mehr als 50 Pferde Anwesen, das einem Vergnügungspark Zielgeraden, ein anderes Pferd kann nicht
traben und galoppieren über den sandigen gleicht: kunstvoll gestutzte Olivenbäume, mehr ausweichen und fällt über ihn. Das
Boden. ein mächtiger Springbrunnen, bronzene rechte Vorderbein bricht, ein Teil hängt

102
SHUTTERSTOCK EDITORIAL
Rennen im Santa Anita Park

im rechten Winkel vom Körper weg, mit daher unmittelbar nach ihrem Unfall ge- wurde die Anlage gesperrt, Experten ana-
jedem Schritt setzt das Tier mit der Bruch- tötet. lysierten den Streckenbelag, vermuteten
stelle auf. Es wird eingeschläfert. Während der Rennen folgen Veterinäre darin eine Ursache für die vielen Verlet-
Am 25. Mai muss Wallach Kochees, 9, den Tieren in einem Krankenwagen, sie zungen. Doch auch nach der Wiedereröff-
aus seinem Rennen genommen werden, sind bei einem Sturz innerhalb von Se- nung ging das Sterben weiter.
nachdem er sich das linke Vorderbein ver- kunden bei den Pferden, entscheiden je Benson installierte ein Team von Vete-
letzt hat. Später stellen Ärzte fest, dass nach Lage über eine sofortige Einschläfe- rinären, das bei jedem Training und Ren-
der Blutfluss im Bein irreparabel gestört rung, ohne Rücksprache mit dem Besitzer. nen die Pferde inspiziert. Wenn das Tier
ist. Kochees wird eingeschläfert. Das Setzen der erlösenden Spritze kann im Trab zu sehr den Kopf hebt und senkt,
Am 19. Oktober zieht sich der dreijäh- für die Helfer traumatische Auswirkungen könnten die Vorderbeine betroffen sein.
rige Wallach Satchel Paige bei einem Ren- haben. »Ich konnte früher zwei Tage da- Ungleichmäßige Rückenbewegungen las-
nen einen offenen Beinbruch zu. Er wird nach nicht schlafen«, sagt Dionne Benson, sen auf Probleme mit den Hinterbeinen
eingeschläfert. die Chefveterinärin; ihre sonst strengen schließen. »Fällt uns etwas auf, nehmen
Die Geschichten stehen stellvertretend Gesichtszüge scheinen sich für einen Mo- wir das Tier von der Rennbahn«, sagt Ben-
für die 36 Pferde, die seit Weihnachten ment zu entspannen. Studien belegen, son, »und es darf erst wieder rauf, wenn
2018 bis Anfang dieser Woche in Santa dass die Selbstmordrate unter amerikani- wir sicher sind, dass alles in Ordnung ist.«
Anita an den Folgen von Renn- und Trai- schen Tierärzten mehr als doppelt so hoch Die Trainer und Besitzer der Pferde hätten
ningsunfällen starben. Nummer 35, G Q liegt wie im Durchschnitt der Bevölke- sich ihrem Urteil zu beugen. Fünf Tiere
Covergirl, vergangene Woche Freitag. Nur rung. ziehe sie so im Schnitt pro Woche heraus.
zwei Tage später folgte Nummer 36: Bye Benson trat ihren Job im April bei der Ob es nützt?
Bye Beautiful. Als hätte es der Namens- Stronach Group an, der Betreibergesell- Seit Bensons Amtsantritt gab es auf der
geber der Stute kommen sehen. schaft von Santa Anita. Der Auftrag: Ben- Anlage 13 weitere Todesfälle. Eine Zahl,
Galoppierende Pferde wirken kraftvoll, son soll helfen, die verheerende Todesserie die Menschen emotionalisiert.
majestätisch. Doch ein Fehltritt kann fatale zu beenden. Seitdem verantwortet sie die Heather Wilson hält vor einem der Ein-
Folgen haben. Frakturen der Extremitäten medizinische Abteilung von fünf Pferde- gänge einen Grabstein aus Styropor in die
kommen bei Pferden oft einem Todesurteil rennbahnen in vier Bundesstaaten. Keine Höhe. »Horse Racing« steht auf ihrem
gleich, denn die Heilungschancen sind ge- fordert sie so wie Santa Anita. schwarzen Top, wobei »Racing« durchge-
ring. Ein Problem ist die wochenlange Als Anfang des Jahres innerhalb weni- strichen und durch »Killing« ersetzt ist.
Schonhaltung der Fluchttiere nach der ger Wochen rund 20 Tiere starben, wurde »Dieser Sport kann nicht gerettet werden«,
Operation, die zu weiteren Komplikatio- Santa Anita zum Symbol für alles, was im sagt Wilson. Die neuen Maßnahmen seien
nen führen kann. Meist werden die Pferde Rennsport schiefläuft. Zwischenzeitlich nicht mehr als »Augenwischerei«. Wilson

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 103


Sport

sagt: »Wer den Tieren helfen will, muss Tiere bereits bestehende Auffälligkeiten Semona, 40, hilft den Tieren mit Be-
Pferderennen abschaffen.« an den Körperstellen aufwiesen, an denen atmungsmaschinen zur Regeneration, be-
Wilson, 49, Flipflops und strenger Zopf, sie sich verletzten.« Kleine Risse etwa, Ge- handelt sie mit Magnetwellen. Nun steht er
arbeitet als Anästhesieschwester. In ihrer webeveränderungen. Die könnten dazu mit ein paar Kollegen den demonstrierenden
Freizeit engagiert sich die Veganerin bei führen, dass die Pferde den hohen Belas- Tierschützern vor dem Haupteingang gegen-
Horseracing Wrongs, einer Initiative, die tungen auf der Rennstrecke nicht mehr über. Er will, dass nicht nur »Tierrechts-
Pferderennen verbieten lassen will. Heute standhalten. extremisten«, wie er sagt, gehört werden.
demonstriert sie mit etwa einem Dutzend Wie es zu den Vorschäden kommt, ist Zusammen mit seinen Mitstreitern hält
Mitstreitern vor dem Santa Anita Park, sie unklar. Überbeanspruchung der Tiere auch er Plakate zur Straße hin: »Mein
halten vorbeifahrenden Autos Schilder und könnte ein naheliegender Grund sein, aber Pferd, mein Job, mein Leben« steht auf ei-
Grabkreuze mit Pferdeköpfen hin. es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die nem, »Hupen für Pferderennen« auf ei-
»Den Sport wird dasselbe Schicksal er- Rennställe Dopingmittel einsetzen. Die nem anderen. Die Existenzangst treibt Se-
eilen wie den Hunderennen«, sagt Wilson. entsprechenden Regularien sind in den mona auf die Straße: »Seit ich 18 bin, ar-
Ende vergangenen Jahres beschloss Florida USA teilweise deutlich lockerer als in an- beite ich in der Branche, war nie auf dem
ein Verbot von Windhunderennen und da- deren Teilen der Welt. College. Was soll aus mir werden, wenn
mit das Aus für 11 von 17 Rennbahnen in Dionne Benson unterstützt ein neues, Santa Anita schließen muss?«
den USA. Droht dem Pferderennsport Ähn- schärferes Regelwerk. »Wir können uns Wenige Meter entfernt steht Aktivistin
liches? »Die öffentliche Stimmung zwingt nicht den Luxus erlauben, auf die Ergeb- Heather Wilson. Die rund 2000 Arbeiter
uns zu Veränderungen«, sagt von Santa Anita könnten pro-
Tierärztin Benson, »aber das blemlos umschulen, sagt sie.
ist nichts Schlechtes, denn es »Und ich weiß auch, wer das
hilft den Pferden. Wir müssen alles bezahlen kann«, sagt
den Sport transformieren, um Wilson, »die Trainer.« In die-
überleben zu können.« sem Jahr kassierten bereits
Allein in Santa Anita star- über 20 Trainer von Vollblü-
ben in den letzten zehn Jah- tern in Nordamerika Einnah-
ren durchschnittlich mehr als men von jeweils mehr als fünf
40 Pferde pro Saison an den Millionen Dollar.
Folgen von Trainings- und Wilson will den Protest
Rennunfällen, insgesamt ver- fortsetzen, auch gegen Wider-
endeten in den USA in den stände. Dieser Samstag ist
vergangenen zehn Jahren ein besonderer Tag, dann fin-
über 6000 Rennpferde. Sie det hier der Breeders’ Cup
sind Opfer einer Geldmaschi- statt, die höchstdotierte Ga-

MARK RALSTON / AFP


nerie: 2018 wurden bei Wett- loppserie Amerikas, das öf-
kämpfen in den USA Preisgel- fentliche Interesse wird riesig
der von insgesamt mehr als sein.
1,1 Milliarden Dollar ausge- Wilson hat an ihrem Top
zahlt. Protestierende in Arcadia: Verheerende Todesserie eine Bodycam befestigt, um
Der Santa Anita Park wird mögliche Übergriffe festzuhal-
kontrolliert von Belinda Stro- ten. Oder Situationen wie die
nach, einer kanadischen Milliardärstochter. nisse der Staatsanwaltschaft zu warten«, vom 3. März: Damals protestierte sie zum
Ihr Vater Frank baute die Stronach Group sagt sie. Seitdem die Änderungen in Kraft ersten Mal vor der Anlage, legte sich mit
auf, die sieben Pferderennbahnen betreibt. sind, sank nach ihrer Auskunft die Todes- einem Sicherheitsmann an, wurde verhaf-
Außerdem in seinem Portfolio: Wettanbie- rate auf der Anlage: in Rennen um 58 Pro- tet. Das habe sie motiviert weiterzu-
ter, Medienunternehmen, Pferdetrainings- zent, im Training um mehr als 70 Prozent. machen. »Ich fragte mich, was sie zu ver-
center – die ganze Wertschöpfungskette. Doch noch immer sterben Pferde. heimlichen haben«, sagt Wilson. »Also
Bald könnte sie kollabieren. Mittlerwei- Auch der politische Druck wächst. Seit dachte ich mir: Ab sofort stehe ich jede
le prüfen Ermittlungsbehörden die Zustän- Juni gilt in Kalifornien ein Gesetz, mit dem Woche hier!«
de in Santa Anita. Im März schaltete sich die staatliche Aufsichtsbehörde California Auf die Anlage selbst gehen die Tier-
die Staatsanwaltschaft von Los Angeles Horse Racing Board Rennanlagen sperren schützer nicht, auch heute nicht. Acht
County ein, die Tierschutzorganisation darf. Zudem meldete sich der Gouverneur Wettkämpfe werden in der Nachmittags-
Peta hatte sie angeschrieben: »Wir glau- Kaliforniens im September zu Wort: Die hitze in Santa Anita ausgetragen. Um
ben, eine Untersuchung der jüngsten To- jüngsten Todesfälle seien eine »Schande«, 16.10 Uhr der Höhepunkt, Rennen sieben,
desfälle wird herausfinden, dass einer der so Gavin Newsom; er drohte damit, Pfer- Preisgeld: 53 000 Dollar, Distanz: rund
Hauptgründe bereits bestehende Verlet- derennen in Kalifornien auszusetzen. 1100 Meter. Der Wallach mit der Startnum-
zungen sind und sich die Besitzer und Trai- In Santa Anita reagieren einige Ange- mer fünf setzt sich zunächst an die Spitze,
ner dieser bewusst waren«, heißt es in dem stellte emotional auf solche Ankündigun- fällt dann zurück, kommt als Letzter ins
Schreiben. Das wäre ein strafrechtlicher gen – auch Marcus Semona, der als Phy- Ziel. Sein Name: Stop The Violence.
Vorgang. Laut kalifornischem Gesetz sind siotherapeut auf der Anlage arbeitet: »Un- Thilo Neumann
Besitzer dazu verpflichtet, sich angemes- ser Management hat Anfang des Jahres ein
sen um ihre Tiere zu kümmern. paar Fehler gemacht, und nun muss die
Noch wurden keine Ergebnisse präsen- ganze Rennpferdbranche dafür geradeste- Video
Das Leiden der Pferde
tiert, doch zumindest in einem Punkt folgt hen.« Der Winter sei ungewöhnlich feucht
Santa-Anita-Veterinärin Benson den Ver- gewesen, der Boden dadurch matschig, spiegel.de/sp452019pferde
mutungen der Tierschützer: »Frühere Stu- dies könnte ein Grund für die vielen Stürze oder in der App DER SPIEGEL
dien zeigen, dass mehr als 80 Prozent der sein. Man habe darauf zu spät reagiert.

104 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


30 Jahre Mauerfall –
die unvollendete Einheit
SPIEGEL-Gespräch live im Thalia Theater

Marianne Birthler Ingo Schulze Susanne Beyer

Die friedliche Revolution von 1989 gehört zu den Dienstag, 5. November 2019,
Sternstunden deutscher Geschichte. um 20.00 Uhr im Thalia Theater,
Warum schauen wir jetzt, 30 Jahre später, mit so viel Alstertor 1, 20095 Hamburg
Argwohn, Enttäuschung, ja, Feindseligkeit von Ost nach West,
von West nach Ost? Karten im Vorverkauf, an der Abendkasse
und unter thalia-theater.de. Eintritt: 11 bis
22 Euro, Abonnenten 9 bis 15 Euro (nur an
Marianne Birthler, 11 Jahre lang Bundesbeauftragte
der Thalia-Kasse am Alstertor). Änderungen
für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, und vorbehalten. Weitere Informationen unter
der Schriftsteller Ingo Schulze im Gespräch mit spiegel-live.de.
SPIEGEL-Autorin Susanne Beyer.
Die Veranstaltung wird per Livestream auf
spiegel.de und thalia-theater.de übertragen.

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Bildnachweise: Privat, Gaby Gerster, DER SPIEGEL/Christian O. Bruch
Sport

Mein Gott,
das Dossier eines deutschen Fußballhel- verlegte er seinen Wohnsitz offiziell in die
den: Franz Beckenbauer, 74. Schweiz, um auf seine Millioneneinnah-
Es hat in den vergangenen Jahren viele men nur ein paar Tausend Franken Steu-

Franz!
Meldungen über den Abstieg des Kaisers ern zu zahlen. Der Versuch, auch noch
gegeben. Die erste Meldung, nach der Be- Geld aus einem Firmenverkauf am Fiskus
ckenbauer als Chef der deutschen Som- vorbeizuschleusen, ging schief, er musste
mermärchen-WM 6,7 Millionen Euro an nachversteuern. Aber Beckenbauer mach-
Fußball Obskure Geheimdossiers einen korrupten Scheich geschickt hatte, te weiter, als schwebte er nicht nur über
aus Russland belasten löste noch Erstaunen aus. Die zweite, drit- den Rasen, sondern auch über den Regeln.
te ein resigniertes »Auch das noch«. Was Als er die Heim-WM 2006 organisierte,
Altstar Beckenbauer. Er steht danach kam, als der Kaiser schon nackt ließ er wissen, dass er nur für die Ehre und
in einer Reihe mit war, lediglich: »Mein Gott, Franz!«. sein Land arbeite. Später enthüllte der
korrupten Funktionären. Und da steht Beckenbauer heute: WM- SPIEGEL, dass ihm der Ehrenjob in Wahr-
Organisationschef Alexej Sorokin bestreitet heit 5,5 Millionen Euro vom Sportwetten-
zwar die Echtheit der Dossiers, und Becken- anbieter Oddset gebracht hatte. Hätte er

W er sich eine Fußball-WM kaufen


will, muss schon wissen, wer zu
kaufen ist. Und glaubt man mut-
maßlichen Geheimdossiers, die in dieser
bauer hat stets gesagt, er habe sich nie an
die Russen verkauft. Aber seine Glaubwür-
digkeit ist so ruiniert, dass ihm viele in Fuß-
balldeutschland auch das noch zutrauen.
das vorher gesagt, vermutlich hätte es ihm
keiner krummgenommen. Aber die Gier
sollte sein heimlicher Begleiter bleiben,
und es gab noch einen Begleiter, der dazu
Woche auf der russischen Enthüllungsseite All die sowieso schon beschmutzten Namen passte: seinen Berater Fedor Radmann.
»The Insider« auftauchten, dann waren aus den Dossiers sind jetzt Namen, die mit Der Mann für die klandestinen Einnah-
2010 einige Männer aus der Fifa käuflich – »Beckenbauer« in einem Atemzug genannt men der Lichtgestalt Beckenbauer.
bei der Vergabe der WM 2018 an Russland. werden. Wie konnte es so weit kommen? 2007 bekam Radmann, der in der aktu-
Über einen Fifa-Granden notierten russi- In der deutschen Begeisterung für den ellen Russlandaffäre jede Schuld bestreitet,
sche WM-Werber demnach: »Könnte wert- »Franz«, dem alles zu gelingen schien, lag 5,4 Millionen Franken von dem Milliardär
volle Geschenke positiv bewerten.« Über immer auch die Illusion, dass der Charak- Robert Louis-Dreyfus. Die Hälfte reichte
den nächsten: »Von der Möglichkeit eines ter auf und neben dem Platz der gleiche er an Beckenbauer weiter. Wofür? Bis heu-
direkten Stimmenkaufs ist auszugehen.« sein würde. Hier der Edeltechniker, der te ungeklärt. Fünf Jahre später schloss
Gut ansprechbar soll auch der hier ge- die Mannschaft führt, dort der Gentleman, Beckenbauers Vermarktungsfirma einen
wesen sein: »Nach Informationen aus meh- der zum Vorbild taugen sollte. In Wahrheit lukrativen Vertrag mit russischen Gas-
reren Quellen neigt er dazu, seine Stimme war die verlorene Ehre des Franz B. auch unternehmen ab; diesmal mit öffentlicher
für eine finanzielle Vergütung von einer vorher schon eine ziemlich verlogene Ankündigung. Beckenbauer wurde Sport-
bis anderthalb Millionen Euro zu verge- Ehre, hatte er doch bereits als Spieler mehr botschafter der Russen, bestritt aber, dass
ben.« Oder der: »Wird die Bewerbung un- ans Geld gedacht als ans Gesetz. das etwas mit seinem Abstimmverhalten
terstützen, für die ihm der höchste Betrag In seiner Biografie erzählte er 1992 non- bei der WM-Vergabe an Russland andert-
in Aussicht gestellt wird.« chalant, wie er nach Freundschaftsspielen halb Jahre vorher zu tun hatte. Auch das
Schließlich einer noch: Der Berater von Bayern München bündelweise Schei- könnte nun vor dem Hintergrund der an-
»bietet dessen Stimme an gegen groß- ne einsteckte, von denen weder der DFB geblichen Mails anders aussehen.
zügige Bezahlung seiner Beraterdienste – noch das Finanzamt wissen durften. Sein Ruhm überstrahlte damals die Fra-
3 Millionen Euro«. Dieser letzte Wahl- »Schwarzgeld-Touren« nannte er das. 1977 gen, die Zweifel. Alles kippte erst, als sich
mann soll sich zwar nicht groß von den sein größter Erfolg, die Sommermärchen-
anderen aus dem Klub der Gierigen unter- * Am 28. September beim Spiel Hoffenheim gegen WM, gegen ihn drehte. Er hatte sie ins
schieden haben. Aber es geht dabei um Mönchengladbach in Sinsheim. Land geholt, aber mit Millionen getrickst
und damit ein Märchen für Millionen be-
schädigt. Wie genau, warum? Er war nicht
bereit, das aufzuklären. Andere sollen da-
für heute den Kopf hinhalten, in einem
Strafverfahren in der Schweiz. Er selbst
hat sich krankgemeldet, vernehmungs-
unfähig. Das kann gut sein, Atteste be-
scheinigen ihm, dass er sich nach zwei
Herzoperationen nicht mehr aufregen darf.
Aber so weit ist der Kaiser jetzt: Das
Einzige, was ihm noch bleibt, ist Mitleid,
und selbst das hilft ihm nicht mehr. Früher
hat Beckenbauer auf dem Platz Verant-
wortung übernommen, heute erkennt
UWE ANSPACH / PICTURE ALLIANCE / DPA

man, dass er das neben dem Platz nie tun


wollte. Der Mensch Beckenbauer war kein
Kaiser, sondern auch nur ein Mann mit
Fehlern und Schwächen. Früher konnte
man es nicht sehen, heute mag man es
nicht mehr länger mitansehen.
Jürgen Dahlkamp, Christian Esch,
Gunther Latsch, Jörg Schmitt,
Jens Weinreich
Ehemaliger Fifa-Mann Beckenbauer (r.)*: Ans Geld gedacht

106 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


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AGENCY PEOPLE IMAGE
Weltmeister Hamilton Ende Oktober in der Mercedes-Box in Mexiko: Eine Mischung aus Super Bowl und Las-Vegas-Show

Mehr Spektakel
dere, auch wirtschaftlich attraktivere Renn-
serie an.
Seit Donnerstag gibt es dazu so etwas
wie einen Plan. Da veröffentlichte der Mo-
torsportweltverband FIA ein neues, mit
Motorsport Die Eigentümer der Formel 1 wollen die Rennserie Liberty Media und den Formel-1-Rennstäl-
spannender machen. Sie verpflichten die großen Teams len ausgehandeltes Reglement. Es tritt zur
wie Mercedes und Ferrari, ihre Budgets drastisch zu kürzen. Saison 2021 in Kraft und ist nicht weniger
als eine Revolution. Denn festgelegt wird
darin nicht nur wie bisher die Technik der

D as war mal eine Heldenverehrung


nach dem Geschmack der Formel-1-
Eigentümer: Überlebensgroß er-
schien das Bild von Lewis Hamilton auf
Saisonrennen noch. Doch der Papier-
schnipselregen, die Nebelmaschinen, der
Pomp, diese Mischung aus Super Bowl
und Las-Vegas-Show, vermittelten einen
Autos, vorgegeben wird erstmals auch eine
Budgetgrenze für die Rennställe.
Bislang folgte kein Sportevent der Welt
so konsequent den Prinzipien des freien
der Videowand hinter dem Siegerpodest, Eindruck, wohin sich die Formel 1 ent- Marktes wie die Formel 1. Dass sich aus-
wo Sebastian Vettel, der Zweite des Ren- wickeln soll. gerechnet diese urkapitalistische Ver-
nens, und Valtteri Bottas, der Dritte, be- Seit gut drei Jahren besitzt der Unter- anstaltung nun freiwillig wirtschaftliche
reits warteten. haltungskonzern Liberty Media die Ver- Fesseln anlegt, macht deutlich, wie es um
Dann stieg der Brite Hamilton leibhaftig marktungsrechte der Rennserie, die Ame- die Rennerei steht: Liberty Media ist
aus dem abgesenkten Boden des Podiums rikaner haben dafür 4,4 Milliarden Dol- unzufrieden mit den Erträgen der neuen
auf, wie ein Popstar beim Konzertbeginn. lar ausgegeben. Zum Reich des Liberty- Tochtergesellschaft Formula One Group,
Und mit ihm sein Auto, der Mercedes- Media-Eigners John Malone gehören die bislang nur rote Zahlen schreibt. Viele
Silberpfeil. Kabelnetzbetreiber, Konzertveranstalter, der Rennen sind eher fad, den Titel hat
Nach seinem Triumph beim Großen Shoppingsender, auch ein Baseballteam. Mercedes im Abonnement, die TV-Quo-
Preis von Mexiko am vergangenen Sonn- Den ewigen Impresario der Formel 1, ten sind schwach.
tag durfte Hamilton zwar noch nicht sei- Bernie Ecclestone, schickten die Amerika- Mit ein paar Showeffekten allein, das
nen sechsten Weltmeistertitel feiern – vier ner nach ein paar Monaten in die Wüste wissen die Strategen von Liberty Media
Punkte fehlen ihm vor den letzten drei und kündigten eine frischere, spannen- längst, wird die Krise der Formel 1 nicht

108 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Sport

zu bewältigen sein. Der Grand-Prix-Zirkus North Carolina können die 175 Millionen Der derzeit größte Wackelkandidat ist
ist geprägt von einer Zweiklassengesell- Dollar nur ein Anfang sein, »ein erster Renault. Das Team ist chronisch erfolglos,
schaft. Drei Rennställe – Mercedes, Ferrari Schritt«. der motorsportfreundliche Vorstandschef
und Red Bull (der mit Honda-Motoren In der Tat hätten FIA und Liberty Me- Thierry Bolloré musste vor drei Wochen
fährt) – geben pro Jahr jeweils mindestens dia die Budgetgrenze gern bei 130 oder seinen Stuhl räumen, wer ihm folgen wird,
300 Millionen Dollar aus. Die sieben üb- 150 Millionen Dollar angesetzt. Aber das ist offen.
rigen Teams müssen mit einem Budget von war gegen die Front der Teams von Mer- Auch Honda, das neben Red Bull auch
100 bis 200 Millionen Dollar auskommen. cedes, Ferrari und Red Bull nicht durchzu- Toro Rosso mit Motoren versorgt, denkt
Die Folge: Von 54 Podestplätzen bei bis- setzen. Fraglich erscheint auch, ob es der über die Verlängerung seines Engagements
lang 18 Grand-Prix-Läufen errangen die FIA gelingt, die Teams zu kontrollieren, nach. Selbst die Firma Mercedes, die seit
Fahrer der drei Topteams 53. und zu überprüfen, inwieweit die Deckel sechs Jahren ohne Unterbrechung Fahrer-
Das spricht nicht gerade für Rennen mit eingehalten werden. Unabhängige Wirt- wie Markentitel gewinnen konnte, hat sich
Überraschungsmomenten. Nico Hülken- schaftsprüfer sollen dazu einen Blick in bislang nur bis Ende 2020 verpflichtet.
berg aus Emmerich am Niederrhein ist seit die Bücher erhalten – was bei verschach- Hinter den Kulissen gibt es deshalb
zehn Jahren Formel-1-Fahrer. Er gilt als telten Riesenunternehmen wie Mercedes Gespräche, wie auch die Kosten für die
schnell, mutig, hoch professionell. Aber in oder Fiat/Ferrari eine echte Herausforde- Motorenentwicklung eingedämmt werden
174 Einsätzen hat der 32-Jährige nicht ein rung werden dürfte. können. Red Bulls Chefstratege Helmut
einziges Mal an der Siegerzeremonie der So können ausgerechnet jene Platzhir- Marko sieht sonst Gefahr in Verzug: Wenn
ersten drei teilnehmen dürfen. Auch nicht, sche die wahren Profiteure des Kosten- die Motoren für Hersteller nicht billiger
nachdem er vor drei Jahren beim Werks- dämpfungsprogramms werden, die seit würden, »bleibt da kaum einer übrig«.
team von Renault anheuerte. Jahren die Siege unter sich aufteilen. Denn Seit 2014 fährt die Formel 1 mit sehr
Ein ähnliches Schicksal befürchtet für die Motorsportabteilungen aller Autoher- modernen und komplizierten Hybrid-
sich der Däne Kevin Magnussen. 2014 steller stehen unter erhöhtem Rechtferti- motoren, die aus einem Sechszylinder-Ver-
schaffte er den Sprung in die Formel 1, weil gungsdruck. brennungsmotor und einer Batterieeinheit
er zuvor in anderen Klassen Siege einge- Die Teilnahme an Autorennen war nie bestehen. Die Batterie wird gespeist durch
fahren hatte. »Mein Traum waren Grand- unumstritten. Interne Kritiker konnten die Abgaswärme des Motors und die Rück-
Prix-Siege und der WM-Titel«, sagt der jedoch meist durch Erfolge beruhigt gewinnung der Bremsenergie. Die Antrie-
27-Jährige. Nun hat er seit sechs Jahren werden – wenn etwa Firmen wie Porsche be sind Meisterwerke an Effizienz, inzwi-
kein Autorennen mehr gewonnen, sein (Le-Mans-Siege), Audi (Rallye), BMW schen aber auch so ausgereift, dass jede
Team des amerikanischen Werkzeug- (Tourenwagen) oder Mercedes (Formel 1) Ausbaustufe nur noch kleine Fortschritte
maschinenherstellers Gene Haas hat weni- über den Sport das Image der Marke zu ermöglicht, aber irrsinnig viel Geld ver-
ger als die Hälfte des Budgets der großen stärken vermochten. schlingt. Doch werden sich die Hersteller
drei zur Verfügung. Das wird nun immer schwieriger in Zei- wirklich auf ein Einfrieren der Motoren-
»Eigentlich sollte der Fahrer den größten ten, da das Konzept des Verbrennungs- entwicklung einigen können?
Unterschied ausmachen – in der Formel 1 motors zum Auslaufmodell erklärt worden Wie mühsam es ist, Einigkeit unter den
ist er der kleinste«, sagt Magnussen, »wir ist. Zumal Ressourcenschonung und Nach- Teams zu erzielen, haben FIA und Liberty
20 Fahrer liegen ein paar Zehntel aus- haltigkeit die Werte jener Menschen sind, Media gemerkt, als sie das neue technische
einander, aber nicht zwei Sekunden.« Den die künftig noch die Produkte der Auto- Regelwerk aufgesetzt haben. Monatelang
Unterschied mache das Auto. werke kaufen sollen. trafen sich Rennstallchefs, Ingenieure, Funk-
Liberty Media will diese Zweiklassen- Das Cost Cap ist somit auch ein Signal tionäre. Aber im Effekt, so analysierte es
gesellschaft aufbrechen. Und bedient sich in die Führungsetagen bei Mercedes, Hon- »auto motor und sport«, wurde der Prozess
dazu eines Mittels, das in US-Profisport- da und Renault. Denn dass all diese Un- von den großen Teams verzögert: »Die Kri-
arten wie Basketball oder Eishockey bei ternehmen noch dabei sind, wenn das tiker sagten den Experten der FIA nur, was
den Gehältern schon lange angewendet neue Reglement 2021 zum Tragen kommt, ihnen nicht gefällt, hatten selbst aber keinen
wird: Es geht um die Limitierung der ist keineswegs sicher. Gegenvorschlag zu bieten.«
Budgets. Liberty Media kam es vor allem darauf
Laut dem neuen FIA-Reglement dürfen an, Rennen mit mehr Überholmanövern,
die Rennställe künftig maximal 175 Mil- Ausgebremst mehr Spektakel, einem engeren Teilneh-
lionen Dollar pro Saison ausgeben. Aus- TV-Zuschauer* bei der Formel 1, in Mio. pro Saison merfeld zu erreichen – etwa durch neu kon-
genommen von dem sogenannten Cost- struierte Heckflügel. Bislang produzieren
Cap sind die Gehälter der Fahrer und 2001 WM-Titel: die Leitbleche so viel Luftverwirbelungen
von drei weiteren höchstbezahlten Mitar- 10,4 Michael Schumacher (»dirty air«), dass ein dahinter fahrendes
beitern sowie die Kosten für Reisen und Sebastian Vettel Rennauto seine Stabilität verliert. Künftig
Marketing. Nico Rosberg sollen Fahrer leichter in den Windschatten
Doch diese Ausnahmen zeigen, wie frag- hineinfahren und dann überholen können.
würdig der Etatdeckel ist: Die Topteams 2010 Die Ingenieure aller zehn Teams wür-
Stand
können künftig immer noch geschätzt 6,3 31. Oktober
den nun versuchen, den besten Heckflügel
230 bis 240 Millionen Dollar ausgeben – 2019 auszutüfteln, prophezeit Haas-Teamchef
während bis auf Renault die kleineren 4,0 Steiner. Und zwar einen, der es dem fol-
Rennställe die Obergrenze von 175 Millio- 1992 genden Auto wieder schwer macht zu
nen sowieso nie erreichen werden. 1,8 überholen.
Dass das Cost Cap mehr Fahrer aufs Sie- Noch haben sie dafür genug Zeit und
gerpodest bringen wird, das glaubt auch Geld zur Verfügung. Bis zum Saisonstart
Haas-Teamchef Günther Steiner nicht: 2021 können die Teams schließlich so viel
»Die Überlegenheit der großen drei wird Geld ausgeben, wie sie wollen.
bei so einer finanziellen Differenz fortbe- Alfred Weinzierl
stehen.« Für den Südtiroler mit Dienstsitz *Durchschnitt ab 3 Jahren bei RTL, in Deutschland

109
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Wissenschaft+Technik
»Manche Patientinnen meinen, alle ihre Probleme würden mit dem Fett weggesaugt – eine Illusion« ‣ S. 120

BRITTA JASCHINSKI / LAIF


Wie ein bizarres Kaufhaus des Schreckens wirkt das National Wildlife Property Repository im US-Bundesstaat
Colorado. Hier werden rund 1,3 Millionen Wildtier-Objekte gelagert, die Behörden beschlagnahmt
haben: Hocker aus Elefantenfüßen, Hausschuhe aus Bärentatzen – und ein Zebrakopf, präpariert als Trophäe
und aufbewahrt in einem Einkaufswagen. Damit wird er durchs Depot transportiert.

Tiere drehung, das Ausstrecken der Beine und Fußnote

300
schließlich das Aufsetzen. Die letz-
Bruchpiloten auf ten drei Phasen erfordern gute
sechs Beinen Beobachtung und eine
schnelle Reaktion, sie
 Fliegen sind verblüffende Flug- dauern maximal acht Flü-
künstler. Wie schafft es etwa eine gelschläge – weniger als Millisekunden dauert es höchstens,
MARIE-LOUISE AVERY / ALAMY / MAURITIUS IMAGES

Blaue Schmeißfliege, im vollen eine Zwanzigstelsekunde. Selbst bis Zuhörer einen beliebten Song wie-
Flug entgegen der Schwerkraft an Bruchlandungen stecken die Meister- dererkennen – dann weiten sich ihre
der Zimmerdecke zu landen? Das piloten locker weg; mitunter gelingt Pupillen, und im Gehirn beginnt ein
Team um Bo Cheng von der US- ihnen der finale Beinschwung nicht immer Feuerwerk der Glücksgefühle, das bei
amerikanischen Pennsylvania State auf Anhieb, dann schweben sie einfach so Konzerten bisweilen ekstatischen Jubel
University hat das akrobatische Manöver lange unter der Decke, bis ihre sechs im Publikum aufbranden lässt. Teils
mit Hochgeschwindigkeitskameras Beinchen festen Halt finden. Die Flug- dauerte es sogar nur 100 Millisekun-
gefilmt und beschreibt in der Zeitschrift künste der Schmeißfliegen, so hoffen die den. Diese erstaunlich kurze Reaktions-
»Science Advances« vier hochpräzise Forscher, könnten Ingenieuren helfen, zeit haben Hirnforscher um Maria
Flugphasen: die Beschleunigung in Rich- bessere Landemethoden für unbemannte Chait vom University College London
tung Decke, eine blitzschnelle Körper- Fluggeräte zu entwickeln. HIL bei Versuchspersonen gemessen.

112 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Klima höher über dem Meeresspiegel zu liegen, genommen, in der Öffentlichkeit weniger.
als dies wirklich der Fall ist. Die nun vorgestellte Hochrechnung über
»Die deutsche SPIEGEL: Worin besteht nun der Trick? die vom Meeresspiegelanstieg bedrohte
Nordseeküste ist sicher« Vafeidis: Die Autoren haben die Satelli- Bevölkerung finde ich aber ohnehin weni-
tenmessungen genommen und sie mit ger überzeugend.
Athanasios Vafeidis, 50, Pro- genaueren, lokalen Daten aus den USA SPIEGEL: Was stört Sie daran?
fessor am Geographischen und Australien abgeglichen, um einen Vafeidis: Die Studie berücksichtigt leider
Institut der Universität Kiel Korrekturfaktor einzufügen. Das klappt in keiner Weise, mit welchen Methoden
und Experte für Küsten- häufig erstaunlich gut, aber beileibe nicht die jeweiligen Küsten geschützt werden,
schutz im Exzellenzcluster immer. In Florida etwa liegen die korri- wo es Deiche oder andere Barrieren gibt.
»Ozean der Zukunft«, über gierten Daten immer noch stark daneben. Man muss da sehr genau unterscheiden
eine neue Studie zur Überflutungsgefahr Vielleicht hängt das mit der Vegetation zwischen Risikogebieten und exponierten
durch den Klimawandel dort zusammen. Unklar ist, ob es auch in Gebieten.
anderen Weltregionen ähnlich starke SPIEGEL: Wäre Ostfriesland gefährdet?
SPIEGEL: Im Fachmagazin »Nature Com- Abweichungen gibt. Vafeidis: Nein, die deutsche Nordseeküste
munications« warnen Forscher davor, SPIEGEL: Ihre methodischen Ergebnisse ist zwar exponiert, aber sicher, weil hier
dass aufgrund der globalen Erwärmung haben die beiden Autoren bereits vor der Küstenschutz und der Deichbau sehr
weit mehr Menschen als bislang gedacht anderthalb Jahren publiziert, damals aller- straff organisiert sind. Auch die Niederlan-
durch Überflutungen bedroht seien. dings ohne hochzurechnen, wie viele de sind exponiert, aber nicht gefährdet. Auf
Vafeidis: Die Studie präsentiert für die Millionen Menschen durch Überflutungen diese Unterscheidung verzichtet die Studie,
Fachwelt hilfreiche neue Methoden. Aber gefährdet sein könnten. und darauf weisen die Autoren ja auch
ich wäre vorsichtig mit den Schlussfolge- Vafeidis: Das stimmt, in der Fachwelt selbst hin. Aber das Kleingedruckte geht in
rungen, was die Anzahl der Menschen wurde die neue Methode damals wahr- der öffentlichen Aufregung leicht unter.
angeht, die durch einen steigen- SPIEGEL: Das heißt, die neuen
den Meeresspiegel gefährdet sind. Höhenmodelle sind hilfreich, die
SPIEGEL: Inwiefern hilft der neue Hochrechnungen zur Zahl der
Ansatz? gefährdeten Menschen hingegen
Vafeidis: Eine der großen Un- weniger?
sicherheiten lag bislang immer in Vafeidis: Das Verhalten der
den verfügbaren Geländemodel- Menschen in exponierten Küsten-
len. Diese basierten häufig auf gebieten ist sehr komplex.
Vermessung der Erdoberfläche Die Prognose in der Studie ist zu
durch Satelliten, konnten für ein- statisch; da sind die Menschen
zelne Orte aber recht ungenau passive Opfer von Überflutun-
GREGOR LENGLER / LAIF
sein; denn die Radarsignale wer- gen, ohne dass sie Deiche bauen,
den mitunter nicht vom Erdbo- ohne dass sie wegziehen. In
den selbst reflektiert, sondern der Realität sehen wir viele
von Dächern, Baumkronen oder Anpassungsmethoden. Derlei
Büschen. So schien eine Küsten- Szenarien werden nicht berück-
region vielleicht ein paar Meter Deich im Landkreis Friesland sichtigt. HIL

Einwurf

Es lebe die Vielfalt


Warum die Wissenschaft wieder weniger Fachidiotentum braucht

»Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unver- Fähigkeit, über den Tellerrand des eigenen Fachgebiets zu bli-
mögend aus ihr herauszutreten und unvermögend tiefer in sie cken – auch dafür stand der deutsche Dichterfürst Goethe, der
hineinzukommen.« Kaum zu glauben, aber wahr: Mit einem über eine solide naturwissenschaftliche Bildung verfügte.
Goethe zugeschriebenen Gedicht erschien vor 150 Jahren, im Heute hingegen existiert eine Zersplitterung in immer enger
November 1869, die erste Ausgabe der britischen Wissenschafts- gefasste Fachdisziplinen. Viele Wissenschaftler kapieren mittler-
zeitschrift »Nature«. Trotz dieser eigenwilligen Vermengung von weile die eigenen Statistiken nicht mehr, weil diese von hoch-
Poesie und Forschung wurde das Magazin nach und nach zu komplexer Software zusammengerechnet werden – mit dem
einer der wichtigsten Publikationen im Wissenschaftsbetrieb Ergebnis, dass sich viele Forschungsergebnisse nicht mehr repro-
weltweit. Im Schnitt wird jeder »Nature«-Artikel heute 43-mal duzieren lassen. Vor diesem Trend warnt etwa der renommierte
pro Jahr in anderen Veröffentlichungen zitiert, da kann selbst Mikrobiologe Arturo Casadevall, selbst Autor von rund 800
das amerikanische Konkurrenzblatt »Science« nicht mithalten. Fachpublikationen. Vehement fordert der Forscher eine Ent-
Gewiss, in »Nature« ist bisweilen auch gefährlicher Quatsch schlackung von Studiengängen, eine Entspezialisierung zuguns-
erschienen; im Dezember 1869 pries ein Autor beispielsweise die ten eines breit aufgestellten Studium generale, kritisches Denken
Vorzüge dessen, was wir heute Eugenik nennen. Dennoch statt Fachidiotentum. Zumal Studien nahelegen, dass Nobelpreis-
erscheinen gerade jene frühen Ausgaben aktueller denn je, sie träger deutlich häufiger vielfältige Hobbys pflegen als ihre Kolle-
waren nämlich einer breit aufgestellten Bildung verpflichtet: der gen – mitunter sogar die Poesie. Hilmar Schmundt

113
Technik

Zu dumm zum Rechnen


Computer Die epochale Arbeit an einer künstlichen Intelligenz kommt kaum noch voran. Der
Kognitionsforscher Gary Marcus hat vor dieser Krise gewarnt – seine Lösung: Statt zu hoffen,
dass schlaue Maschinen alles von selbst lernen, müsse man ihnen Logik und Weltwissen beibringen.

FOTOS: BOSTON DYNAMICS / SPLASH NEWS (LI); BOSTON DYNAMICS (RE)

Roboter »Atlas« und


»Spot« von Boston
Dynamics: Erst beim
21. Versuch gelang
der Hindernislauf

114 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


K
leiner Test, Mensch gegen Ma- was sie jeweils vor sich haben. Meist raten sucht nach einem Weg aus der Sackgasse,
schine: 1 + 1 + 1 + 1 + 1 + 1 + 1 ergibt sie dennoch richtig – aber verlassen sollte in die sich die KI-Forschung verlaufen hat.
wie viel? Ein selbstlernender man sich darauf nicht. Forscher ersinnen Noch weiß freilich niemand, wie sich die
Computer, Inbegriff künstlicher immer neue Methoden, die KI-Program- Schwächen des Maschinenlernens über-
Intelligenz, machte sich ans Werk. Sieben- me hereinzulegen; es ist eine Art Sport winden ließen.
mal die 1, so befand er nach einigem Kno- geworden. Die Zunft durchlebt deshalb Ein Großteil der beteiligten Forscher
beln, da müsse wohl 6 herauskommen. gerade eine tiefe Krise. »Deep Trouble setzt offenbar weiterhin auf die Leistungs-
Ein Computer, der an Rechenaufgaben for Deep Learning« titelte kürzlich das kraft neuronaler Netze – unbeirrt auch
für Erstklässler scheitert – das ist neu. Auf Wissenschaftsmagazin »Nature«. von früheren Rückschlägen. In der kurzen
die sonderbare Zahlenschwäche stießen in Der Befund, dass die tüdeligen Lern- Geschichte dieser Technik wurden schon
einem Experiment ausgerechnet Forscher maschinen auch Probleme mit dem Rech- etliche Revolutionen verheißen, die dann
der Firma DeepMind aus dem Google-Im- nen haben, passt gut ins düstere Bild. ausblieben (siehe Grafik Seite 116).
perium; sie ist berühmt für die Software »Wenn man nicht einmal Arithmetik und Nur wenige Jahre ist es zum Beispiel
AlphaGo, die sich das schwierige Brett- einfache Logik hinkriegt, sollte man sich her, da schien den sogenannten Chatbots
spiel Go weitgehend selbst beigebracht hat. die Sache mit der Intelligenz vielleicht die Zukunft zu gehören: Schlaue Assisten-
Am Ende bezwang sie die stärksten noch einmal überlegen«, sagt Gary Marcus. ten, die sich auf Texteingaben in Umgangs-
menschlichen Gegner. Der Forscher hält das ganze Vorhaben sprache verstehen, sollten für ihre Nutzer
Solche »künstlichen neuronalen Netze« für vermessen. Er kritisiert seit Jahren den Meetings organisieren oder Urlaubsreisen
lernen durch Herumprobieren an Unmen- manchmal heillosen Hype ums Deep planen. 2015 begann Facebook unter gro-
gen von Beispielen; AlphaGo etwa spielte Learning. In viel zitierten Artikeln verwies ßem Aufsehen einen Testlauf für das All-
Millionen Partien gegen sich selbst – und er auf die Grenzen der Methode; aus sei- zweckhelferlein »M«.
wurde dabei immer besser. ner Sicht wird sie teils fahrlässig über- Im vergangenen Jahr brach der Kon-
Den neuartigen Rechenkünstler wiede- schätzt. zern das Projekt ab. Die Assistenten wuss-
rum trainierten die Forscher mit einem rie- Mit dem Lernen aus Datenmassen al- ten allzu oft nicht weiter, immer wieder
sigen Fundus an Textaufgaben, wie sie lein, so glaubt Marcus, komme der Com- mussten Mitarbeiter einspringen. »Es kam
auch im Schulunterricht gestellt werden. puter nie zu brauchbarem Verstand; man einfach kein Bot zustande, mit dem man
Doch es half nichts, beim schlichten Ad- benötige auch noch andere Methoden – sich zufriedenstellend hätte unterhalten
dieren ganzer Zahlen verfiel die Lern- darunter das gute altmodische Program- können«, sagt Marcus, der das auch nicht
maschine mitunter in Konfusion. mieren von Hand. anders erwartet hat: »Keine KI auf der
Den amerikanischen Kognitionsfor- Wie das gelingen könnte, will der Mann Welt versteht derzeit offene menschliche
scher Gary Marcus überrascht dieses Ver- nun selbst erproben. Dafür hat er seinen Konversation.«
sagen nicht. »Es ist töricht, alle möglichen Job als Professor für Psychologie an der Nur in engen Grenzen kann das halb-
Aufgaben mit Maschinenlernen bewäl- New York University aufgegeben. Mit ein wegs gelingen. Ein künstlicher Assistent
tigen zu wollen«, sagt er. »Fürs Rechnen paar Kollegen, darunter der Roboterpio- ist wohl in der Lage, etwa in der Telefon-
haben wir doch bewährte Methoden.« nier Rodney Brooks, hat er die Firma Ro- zentrale einer Bank die eingehenden An-
Gewöhnliche Computer greifen auf vor- bust AI gegründet. Das illustre Start-up rufe anzunehmen. Das meiste ist da Rou-
gefertigte Programme zurück; so meistern tine, die Software lässt sich darauf trai-
selbst Taschenrechner tadellos ihre Kalku- nieren – aber dann geschieht eben doch
lationen. Doch an der simplen Lösung sind immer wieder etwas, das niemand vorher-
die Forscher von DeepMind nicht interes- sehen konnte.
siert. Sie streben einen Computer neuen Der Forscher nennt ein Beispiel: »Je-
Typs an. Er soll den Umgang mit Zahlen mand ist in der Leitung und sagt, der Groß-
von Grund auf selbst erlernen – so wie er vater sei gestorben, man habe gerade einen
auch gelernt hat, Gesichter auf Fotos zu Scheck in einer Schublade gefunden – ob
erkennen oder Werbung für Sofortkredite man den noch einlösen könne?« Ein
aus dem Weißrussischen in ein lustiges Mensch würde sofort verstehen, dass es
Deutsch zu übersetzen. um die Gültigkeit des Schecks geht. »Wir
Eines Tages, das ist die Hoffnung, könn- zählen zwei und zwei zusammen und zie-
te das Trainieren mit Beispieldaten echte hen unsere Schlüsse«, sagt Marcus. »Aber
Intelligenz hervorbringen. Bei den stüm- eine KI weiß nicht, was eine Schublade
pernden Rechenversuchen geht es also oder was der Tod ist.«
ums Prinzip. Erstaunlich, was der Computer über-
Das Verfahren nennt sich Deep Lear- haupt alles hinkriegt, obwohl ihm jegliches
ning, es hat in den vergangenen Jahren Weltwissen fehlt. Zu den großen Trium-
enorme Fortschritte gemacht. Doch traten phen des Deep Learning zählt Google
immer öfter krasse Fehler zutage: Ein neu- Translate – der Dienst liefert brauchbare
ronales Netz, trainiert fürs Erkennen von Übersetzungen für mehr als hundert Spra-
Bildern, hielt einen Pilz für eine Brezel. chen. Dabei verfügt er über keinerlei
GRADY MITCHELL / DER SPIEGEL

Ein Stoppschild, um 90 Grad gedreht, ging Sprachverstand. Wörter oder Sätze bedeu-
als Hantel durch. Und auf dem Foto eines ten dem Computer nichts. Für ihn sind
Faultiers, das in kaum sichtbaren Details das nur Zeichenketten, in denen er statis-
manipuliert war, erkannte die künstliche tische Muster erkennt. Dann sucht er nach
Intelligenz einen Rennwagen. Dass schnel- ähnlichen Mustern in der Zielsprache.
le Autos nicht in Bäumen herumzuhängen Solange ein paar ulkige Fehler nicht stören,
pflegen, störte sie nicht weiter. genügt das.
Solche Ausfälle zeigen, dass Computer KI-Kritiker Marcus »Dieses Verfahren Deep Learning zu
noch immer nicht im Mindesten verstehen, Heilloser Hype nennen war ein brillantes Stück Marke-

115
Technik

ting«, sagt Marcus. »Tief ist das nur in Warten auf den Durchbruch Wer ganz sichergehen will, kann noch
einem platt technischen Sinn. In philoso- Verheißung und Realität der ein paar Bananenschalen und Nägel auf
phischer Hinsicht gibt es nichts Flacheres.« künstlichen Intelligenz den Boden streuen. Damit wäre er auf
Die Ergebnisse sind oft trotzdem beacht- absehbare Zeit vor übelwollenden Robo-
lich – vorausgesetzt, die Software muss tern gefeit.
sich nicht zu weit von den Beispieldaten Chatbots Der Laie lässt sich da leicht täuschen:
entfernen, mit denen sie trainiert worden Verheißung: Intelligente Einer Maschine, die entfernt menschen-
ist. »Bei einem Brettspiel wie Go geht das Assistenten verstehen Texte, ähnlich agiert, traut er echte Bosheit zu.
sehr gut«, sagt der Forscher. »Dort läuft buchen Reisen und orga- Aus dem gleichen Grund ist er anfällig für
alles genau nach den Regeln, und sie än- nisieren Meetings. den Glauben, eine Software, die ihn im
Realität: Das Textverständnis
dern sich nie.« Go schlägt, könne wirklich denken.
von Facebooks »M« ent-
Im echten Leben aber ist stets mit Über- täuschte, das Projekt wurde Davon profitiert auch der Zauber des
raschungen zu rechnen. Da genügt eine eingestellt. Zu viel Arbeit Deep Learning: Dass der Computer nütz-
Winzigkeit, und die künstliche Intelligenz blieb an menschlichen liche Dinge lernen kann und trotzdem
kennt sich nicht mehr aus. Marcus erzählt Helfern hängen. nichts versteht, widerspricht jeglicher In-
dazu gern die Geschichte vom Verkehrs- tuition. Man glaubt, das Erwachen wahrer
schild, das mit bunten Aufklebern verziert Intelligenz zu beobachten.
war – prompt glaubte der Computer, in Manche Vertreter des Fachs sind wohl
einen offenen Kühlschrank zu blicken. selbst nicht frei von dieser Illusion. Ihrer
Ein Mensch wüsste ohne nachzudenken, Roboterjournalisten Überzeugung nach genügt es, die Maschi-
dass die Aufkleber nicht zum Objekt gehö- Verheißung: Computer schreiben nen weiterhin mit Unmengen von Beispiel-
selbstständig Texte.
ren, er sähe das Schild. Der Computer sieht daten zu trainieren – das Denkvermögen
Realität: Computer fügen Daten
eine Verteilung von Bildpunkten; er hat in vorbereitete Lückentexte ein: werde sich dann schon einstellen.
keine Ahnung, worauf es hier ankommt. »In der <24.> Spielminute Kritiker Marcus hält den Glauben an das
Bei vielen Anwendungen sind Fehler erzielte <SCHMIDT> per reine Lernen jedoch für abwegig, das führe
dieser Art durchaus hinnehmbar. Wenn <KOPFBALL> den Anschluss- zu keinem Begreifen. Die Kollegen sollten
Amazon fünf Produkte empfiehlt, und nur treffer.« lieber beobachten, wie Kinder sich die Welt
drei davon gefallen dem Kunden, kommt aneignen. »In ihren Gehirnen ist schon eine
niemand zu Schaden. Aber eine Software, Menge angelegt«, sagt Marcus. »Dazu ge-
die Stellenbewerber vorsortiert, sollte sich hört ein Grundverständnis von Kausalität:
nicht wie eine Lotterie verhalten. Und ein Wenn ein Ball auf einen anderen trifft, wird
selbstfahrendes Auto darf sich überhaupt Selbstfahrende Autos der sich von der Stelle bewegen.«
keine Aussetzer erlauben. Verheißung: Fahrzeuge Der angeborene Sinn für Ursache und
fahren autonom durch
Das gilt auch für die Maschinenwesen, die Straßen. Wirkung hilft den Kindern, Rasseln und
die womöglich eines Tages als Dienstboten Realität: Die Algorithmen Lichtschalter zu verstehen, ohne viel Zeit
und Pflegehelfer zum Einsatz kommen. werden derzeit nicht mit zu verlieren. Sie brauchen keine Millionen
»Wer würde wohl einen Roboter kaufen«, den kaum vorhersehbaren Versuche, um zu erkennen, wie sich Lego-
sagt Marcus, »der den Opa in vier von fünf Zwischenfällen fertig, die steine verhalten. »Kinder setzen die Steine
Fällen unfallfrei ins Bett bringt?« im Straßenverkehr jederzeit einfach aufeinander und beobachten, was
Im Internet kursieren dennoch Videos, auftreten können. umfällt und was nicht«, sagt Marcus. »Da-
in denen bewegliche Automaten aller Art raus ziehen sie ihre Schlüsse über die Physik,
schon mächtig Eindruck machen. Das ka- und sie bilden Theorien. Deshalb fragen sie
lifornische Unternehmen OpenAI präsen- auch andauernd: Warum? Wie geht das?«
tierte kürzlich einen Roboter, der in einer IBM Watson Ein neuronales Netz dagegen fragt nach
Hand einen Rubik-Zauberwürfel drehte, gar nichts. Viel wäre gewonnen, glaubt der
Verheißung: Unterstützt
bis die Farben korrekt verteilt waren. Das Ärzte unter anderem bei Forscher, wenn es eines Tages Fragen stel-
geschickte Hantieren hatte der Steuercom- Krebsdiagnosen. Kann len könnte: »Leider sind die Entwickler
puter sich selbst antrainiert. nach Auswertung der darauf fixiert, wie man auf Fotos noch mehr
Die Firma Boston Dynamics wiederum Fachliteratur Therapien Hunderassen mit noch weniger Trainings-
erregt seit Jahren Aufsehen mit Videos von vorschlagen. daten voneinander unterscheiden kann.«
turnerisch agilen Maschinen. Der huma- Realität: Hat sich an mehreren Marcus ist überzeugt, dass auch lernen-
Kliniken wegen zu vieler Fehler
noide Roboter »Atlas« trat da schon mit als unbrauchbar erwiesen.
de Computer ein eingebautes Grundwis-
einem Rückwärtssalto auf; auch bewältigte sen brauchen, wie Kinder es mitbringen.
er mit gewagten Sprüngen einen Hinder- Aber woher nehmen? Er denkt da vor al-
nisparcours. »Aber für das Video brauch- lem an die klassische KI-Forschung der
ten sie 21 Anläufe, und die Kulisse war Sechzigerjahre. Damals versuchten die
sorgfältig präpariert«, sagt Marcus. »Ich Roboter im Haushalt Forscher, ihren Maschinen so etwas wie
bezweifle, dass so ein Kunststück irgend- Verheißung: Kümmern sich Intelligenz einfach einzuprogrammieren –
wo im Freien gelingen könnte.« um den Haushalt wie »Rosie in Form von Expertenwissen, von Fakten
Die Netzwelt jedoch gruselt sich gern the Robot« aus der Zeichen- und von Regeln, die es schrittweise abzu-
bei solchen Vorführungen, als stünde trickserie »Die Jetsons«. arbeiten galt.
der »Terminator« bald vor der Tür. Für Realität: Bislang gibt es nur Das Verfahren war allerdings denkbar
diesen Fall weiß Marcus einen Rat: Man selbstfahrende Staub- umständlich. Damit ein Roboter etwa Ob-
sauger, die vor Treppen und
lackiere den Türknopf schwarz, am bes- Türschwellen haltmachen. jekte erkennen konnte, mussten Forscher
ten vor schwarzem Hintergrund – dann oft jahrelang an handgefertigten Regeln
dürfte der Eindringling ihn gar nicht erst tüfteln. Damals waren freilich auch die
finden. technischen Mittel sehr beschränkt. Seine

116
»Cyc« verfügt auch über Kenntnisse
aus diversen Fachgebieten, vom Wetter
über die Gesundheit bis hin zur Politik.
Das meiste aber ist Alltagswissen, wie
es dem Menschen ohne großes Nachden-
ken vertraut ist – nur eben nicht dem
Computer. Ihm muss man eigens beibrin-
gen, dass ein Ding nicht an zwei Orten zu-
gleich sein kann. Und dass in der Regel
erst die Ursachen kommen, dann die Wir-

MATT EDGE / THE NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF


kungen.
Alle Aussagen sind in einer streng for-
malen Logiksprache niedergelegt, die der
Computer handhaben kann. Das erlaubt
es ihm, vielerlei Schlussfolgerungen quasi
auszurechnen: Aus dem Wissen, dass Bäu-
me Pflanzen sind und Pflanzen nicht ewig
leben, schließt »Cyc«, dass auch Bäume
eines Tages absterben. Die Behauptung,
ein Mann sei schwanger, würde er als
unlogisch ablehnen.
Roboter mit Zauberwürfel: Das geschickte Hantieren selbst antrainiert Freilich ist das famose Unikum für im-
mer auf menschliche Wartung angewiesen;
von selbst lernt »Cyc« gar nichts. Bei der
Armbanduhr, sagt Marcus, habe wohl umtrieb: Wie lässt sich Wissen über die schier unendlichen Vielzahl an Fakten, die
mehr Speicherplatz, als den frühen KI-Pio- Welt in einen Computer einbauen? Wie sich auch noch beständig ändern, kommt
nieren in ihren Labors zur Verfügung erklärt man ihm, wofür ein Tisch gut ist? man da an kein Ende. Zudem ist die viel-
stand. Mit der heutigen Hardware, so Wie soll er lernen, dass Äpfel auf Bäumen fach verschachtelte Logik sperrig in der
glaubt er, tun sich ganz andere Möglich- wachsen und, wenn sie sich vom Zweig Handhabung. Kein Wunder also, dass
keiten auf. lösen, nicht nach oben fallen? »Das sind »Cyc«, gemessen am enormen Aufwand,
Wie ein Neustart für die KI gelingen harte Probleme«, sagt der Forscher, »nie- noch nicht viel Nutzen gebracht hat. Die
könnte, skizziert der Forscher in einem mand mag sich damit herumschlagen. meisten Fachleute halten das Projekt sogar
Buch, das soeben erschienen ist*. Darin Aber wir müssen da mit frischer Kraft für gescheitert.
plädiert er für eine Mischform, die das Bes- noch mal ran.« »Trotzdem sollte sich jeder in unserem
te aus beiden Welten verbindet: Der intel- Damit kommt ein altgedienter Pionier Fach ›Cyc‹ genau ansehen«, sagt Gary
ligente Computer der Zukunft nutzt wei- ins Spiel, der beinahe vergessen schien: In Marcus. Es gelte herauszufinden, was man
terhin das schnelle, intuitive, etwas schlam- Austin, Texas, baut der Forscher Douglas heute besser machen könnte – zum Prin-
pige Maschinenlernen, wenn es etwa um zip des allumfassenden Bescheidwissens
das Erkennen von Bildern geht – er lässt gebe es aber letztlich keine Alternative:
sich dabei aber leiten von einem eingebau- Dem Computer muss »Wenn jemals ein Computer einen Text
ten Regelwerk nach Art der klassischen man beibringen, dass ein wirklich verstehen soll, dann muss er wis-
KI, das ihn zur Anwendung von Logik und sen, was ›Cyc‹ weiß.«
Weltwissen befähigt. Ding nicht an zwei Orten Eine verständige Lesemaschine, so
Das viel bewunderte Deep Learning ist zugleich sein kann. glaubt der Forscher, wäre ein Segen. Zu
da nur noch ein Mittel unter vielen. Dem den großen Menschheitsfragen – vom
Neurowissenschaftler Matthias Bethge an Kampf gegen den Krebs bis zur Hirnfor-
der Uni Tübingen geht diese Deklassie- Lenat schon seit 1984 an einem Computer, schung – ist inzwischen so viel veröffent-
rung zu weit. Das maschinelle Lernen der die Welt versteht. licht worden, dass niemand mehr die Stoff-
habe das alte Handwerkszeug der KI quasi Ein Team von Experten ist noch immer massen vollständig durchforsten kann. Die
motorisiert, sagt er. Es treibe nach wie vor damit beschäftigt, der wundersamen Ma- Maschine könnte es. Und am Ende stünde
die Entwicklung des Fachs voran und müs- schine Fakten einzulöffeln: Dass die meis- sie bereit, sachkundige Auskünfte zum
se darum auch weiter gefördert werden. ten Menschen nachts schlafen – liegend, Stand der Dinge zu geben.
Die Informatikerin Dagmar Monett mit geschlossenen Augen, meist mehrere Wenn es nach Marcus geht, wäre es aber
Diaz, die an der Berliner Hochschule für Stunden am Stück. Dass lauter Lärm die auch allmählich Zeit für einen Roboter, der
Wirtschaft und Recht lehrt, sieht die Lage Schläfer wecken kann, was ihnen in der mit den Wechselfällen eines normalen
hingegen wie Gary Marcus, dessen Buch Regel zuwider ist. Und dass man, um Kaf- Haushalts klarkommt – nach dem Vorbild
sie allen Fachleuten empfiehlt. »Auch ich fee zu trinken, die Tasse mit der Öffnung von »Rosie the Robot«, jener flotten Haus-
glaube, dass wir nur weiterkommen, wenn nach oben hält. wirtschafterin mit Schürze, die einbeinig
wir verschiedene Techniken kombinieren«, Über die Jahrzehnte wuchs der Wissens- auf einem Rollschuh durch die Wohnung
sagt sie. »Einige Forscher arbeiten auch speicher dieses Computers, genannt der Zeichentrickfamilie Jetson sauste.
schon an solchen hybriden Systemen.« »Cyc«, zu kolossalen Ausmaßen heran. »So was wie Rosie habe ich mir immer
Für Marcus beginnt alles mit der Frage, Heute enthält er mehr als 25 Millionen gewünscht«, sagt Marcus mit einem Seuf-
die schon vor Jahrzehnten die Kollegen Aussagen darüber, wie es zugeht in der zer, »und noch immer sind wir weit davon
Welt – alles von Hand eingegeben. entfernt. Ich meine, diese Jetsons, das ist
* Gary Marcus, Ernest Davis: »Rebooting AI – Building
Damit haben Lenats Leute, in fast hei- jetzt ein halbes Jahrhundert her.«
Artificial Intelligence We Can Trust«; Pantheon, ligmäßiger Langmut, ein einzigartiges Manfred Dworschak
288 Seiten. Werk geschaffen.

DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019 117


Wissenschaft

schrieben – vom allseits bekannten Lum- bungen von dieser Di-


Eingeweide bricus terrestris, dem Gemeinen Regen-
wurm, bis zu Megascolides australis, der
mension kann niemand
mehr allein bewältigen.«
drei Meter messen kann. »Ich gehe da- Die verblüffendste Erkenntnis
der Erde von aus, dass 70 Prozent der Arten
noch gar nicht entdeckt sind«, sagt
der Studie: Unter der Erde folgt die
Artenvielfalt anderen Gesetzen als da-
Eisenhauer. rüber. Bisher galt: Der bunteste Artenmix
Umwelt In Rekordzeit haben Der griechische Philosoph Aris- findet sich in tropischen Regionen; dort
Biologen eine Volkszählung der toteles nannte die Würmer einst die brachte die Evolution die meisten In-
Regenwürmer geschafft – »Eingeweide der Erde«: Manche fres- sekten-, Vogel- und Pflanzen-
sen pro Tag das 30-Fache ihres Kör- arten hervor. »Bei Boden-
mit erstaunlichen Erkenntnissen. pergewichts an Erdreich und beschleuni- bewohnern jedoch ist
gen somit den Abbau von Blättern und an- es erstaunlicherweise

R egenwurmforscher, das versteht sich


von selbst, stapfen durch Wälder
und über Wiesen und graben Regen-
würmer aus. Doch für Helen Phillips gilt
derem Biomüll. Sie graben Gänge und
Wohnröhren und lockern dadurch den Bo-
den auf; Wasser kann dann schneller in
die Erde sickern. Wo viele Regenwür-
genau umgekehrt«,
sagt Phillips.
Konkret bedeutet
dies: Die größte lokale
das nicht. mer vorkommen, gibt es weniger Regenwurmvielfalt fin-
»Ich betreibe nicht gern Feldstudien«, Bodenerosion. Pflanzen gedeihen det sich in den gemäßigten
sagt die Ökologin vom Deutschen Zen- besser, weil die Würmer Nährstof- Breiten Europas, Neuseelands
trum für integrative Biodiversitätsfor- fe leichter verwertbar machen. und im Nordosten der USA. In diesen Re-

DPA PICTURE-ALLIANCE
schung Halle-Jena-Leipzig (iDiv). Die ein- Nur: Wo leben besonders gionen ist oft auch die Anzahl der Tiere
zigen Würmer, die sie je eigenhändig aus viele der emsigen Nützlinge? pro Quadratmeter im Durchschnitt am
dem Boden geschaufelt hat, leben im Gar- Wo kommen die meisten Ar- höchsten. Was im Verborgenen haust, so
ten ihrer Eltern. ten vor? Und warum? Um all die Erklärung der Biologen, scheint andere
Gehoben hat Phillips stattdessen einen das herauszufinden, mussten Phillips und Ansprüche zu haben als Lebewesen an der
Datenschatz. Gemeinsam mit ihrem iDiv- Eisenhauer erst einmal sehr viele Kollegen Oberfläche.
Kollegen Nico Eisenhauer hat sie eine kennenlernen. Diese Regeln gelten, wie Untersuchun-
Weltkarte der Regenwürmer erstellt, die »Wir wussten, dass es zu unseren Fragen gen zeigen, wohl auch für andere Boden-
jetzt als Titelstück im Fachblatt »Science« Daten von vielen Orten auf der Welt gibt«, bewohner wie Fadenwürmer, Pilze und
erschienen ist. Mehr als 6900 Standorte erklärt Ökologe Eisenhauer, »wir wussten Insekten. Eisenhauer wirbt deshalb dafür,
in 57 Ländern haben die Forscher ausge- aber nicht, ob alle Forscher sie uns zur Ver- bei der Ausweisung von Schutzgebieten
wertet, es ist die größte Datensammlung fügung stellen würden.« Eisenhauer und nicht nur an das Leben über der Erde zu
zur Regenwurm-Biodiversität – erstellt seine Mitstreiter reisten zu internationalen denken.
auch noch in der Rekordzeit von nur drei Konferenzen, sie schrieben E-Mails und Wenig Artenreichtum in der oberirdi-
Jahren. durchforsteten soziale Netzwerke nach schen Fauna bedeute nicht, dass auch
Phillips und Eisenhauer wollten für passenden Experten. Am Ende waren alle darunter nichts Schützenswertes existie-
möglichst viele Orte auf der Welt wissen: bereit, ihr Wurmwissen zu teilen: 141 Au- re – und umgekehrt. »Nur weil wir sie
Wie viele Exemplare von Regenwürmern torinnen und Autoren listet das »Science«- nicht sehen, sollten wir die Lebewesen im
sind jeweils im Erdreich versammelt? Paper auf. Boden nicht vergessen«, mahnt er. »Sie
Welche Arten kommen vor? Ein solcher So offenbart die Wurmzählung auch ei- haben enormen Einfluss auf andere Orga-
Katalog ist von ziemlicher Bedeutung: nen Wandel in der Zusammenarbeit zwi- nismen und auf die Funktion von Öko-
Kaum ein Geschöpf prägt das Ökosystem schen Forschern auf der ganzen Welt. systemen.«
Boden so sehr wie die darin hausenden »Noch vor Kurzem haben Wissenschaftler Doch nicht überall auf der Welt hat ihre
Gliedertiere. Auf einem Quadratmeter fin- nicht gern ihre Ergebnisse für Projekte Gegenwart nur positive Effekte. In Nord-
den sich mitunter mehrere Hundert von herausgegeben, die sie nicht selbst leite- amerika, so fand Eisenhauer heraus, scha-
ihnen, rund 3000 Arten sind weltweit be- ten«, sagt Eisenhauer, »aber globale Erhe- den Regenwürmer sogar der Artenvielfalt.
Jahrtausendelang kamen sie dort kaum
vor, erst europäische Siedler schleppten
sie ein. Die Invasoren stießen auf para-
diesische Bedingungen – keine Fress-
1 m² Oberboden* (0 bis feinde, viel Nahrung. In Kanada hat Ei-
20 cm Tiefe) enthält u. a.: senhauer 600 Würmer pro Quadratmeter
ausgegraben, so viele wie an keinem an-
deren Ort. Weil sie sich unkontrolliert ver-
mehren konnten, beförderten sie das
10 Schnecken Aussterben seltener Farne und anderer
100 bis 200 Asseln Pflanzen.
bis zu 300 Regenwürmer Auch weiterhin gibt es etliche weiße Fle-
Aktive Unterwelt cken auf der Weltkarte der Regenwürmer,
Anzahl der Tiere im Erdreich 100 bis 300 Tausendfüßer
vor allem in großen Teilen Afrikas und
bis zu 10000 Insektenlarven Asiens. Russische Wissenschaftler graben
bis zu 100000 Springschwänze sich am iDiv derzeit durch Berge von Fach-
bis zu 1 Million Hornmilben artikeln in ihrer Muttersprache. Eisenhau-
* Im Grünland, Quelle: J. Ottow 10 Millionen Fadenwürmer er: »Wir sind noch lange nicht fertig.«
Julia Koch

118 DER SPIEGEL Nr. 45 / 2. 11. 2019


Weltherrschaft made in China?
Ein Angebot der Süddeutsche Zeitung GmbH, Hultschiner Str. 8, 81677 München.

China ist auf dem Vormarsch und bereit, die Martin Winter hat über zwei
Jahrzehnte erst für die Frankfurter
führende Weltmacht zu werden. Was bedeutet das Rundschau und dann für die
für Europa und den Rest der Welt? Und wie können Süddeutsche Zeitung aus
wir uns dieser Herausforderung stellen? Bonn, Washington und Brüssel
berichtet. Er beschäftigt sich
schwerpunktmäßig mit der
Für alle, die Antworten auf diese Fragen suchen, hat inneren Entwicklung der
Journalist und Autor Martin Winter jetzt ein Buch EU sowie mit ihrer Außen- und
Sicherheitspolitik.
geschrieben.

China 2049
Wie Europa versagt
Martin Winter Jetzt im Handel oder bestellen:
ISBN: 978-3-86497-525-7 sz-shop.de
304 Seiten | 19,90 € 089 / 21 83 – 18 10
Wissenschaft

Expertin und niedergelassene Hautärztin

»Oft fließen Tränen« aus Recklinghausen.


Doch viele Frauen mit übermäßig
dicken Beinen sehnen es offenbar gerade-
Medizin Angeblich leidet jede zehnte deutsche Frau unter zu herbei, dass ein Arzt endlich die Dia-
gnose Lipödem stellt; denn dann wären
krankhaft dicken Beinen. Doch stimmt das überhaupt? sie nicht mehr selber schuld an ihren
Und hilft gegen ein Lipödem wirklich nur eine Fettabsaugung? dicken Beinen. Sie wären stattdessen
krank, ihnen müsste geholfen werden.
»Das Lipödem ist eine sehr akzeptierte

D utzende Frauen versammelten sich


Ende September auf den Stufen des
Konzerthauses am Berliner Gendar-
menmarkt. Lachend posierten sie unter
Übergewicht leiden und bei denen sich das
Fett vor allem in den Beinen ablagert. Ty-
pisch für das Lipödem sei die Kombination
aus voluminösen Beinen und einem schlan-
Diagnose«, berichtet Phlebologe Stücker.
»Manche Patientinnen sind enttäuscht,
wenn wir kein Lipödem nachweisen kön-
nen.« Viele Frauen gingen daraufhin wahr-
Regenschirmen, allesamt nackt bis auf ken Oberkörper, berichtet Markus Stücker, scheinlich zu einem anderen Mediziner.
Unterhose und BH. Ein ungewöhnliches Geschäftsführender Direktor der Klinik »Meine Erfahrung zeigt, dass das Lip-
Shooting für die Fotografin Melanie Gra- für Dermatologie, Venerologie und Aller- ödem eine Diagnose ist, die Frauen von ir-
bowski – auch weil die Frauen dick waren, gologie der Ruhr-Universität Bochum. gendeinem Arzt schon gestellt bekommen,
einige von ihnen sogar sehr dick, speziell Vor allem aber haben die Betroffenen wenn sie sie haben wollen«, bestätigt
an den Beinen. nicht nur mit