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Nr. 45 / 2.11.2019

Deutschland € 5,30

dkr Dänemark Nr. 45 / 2.11.2019 Deutschland € 5,30 Über echte und gefühlte Grenzen des Sagbaren

Über echte und gefühlte Grenzen des Sagbaren

CDU-Machtkampf

Hochsaison für Heckenschützen

Jagd auf Baghdadi

Die letzten Tage des Terror-Kalifen

Tierquälerei

Massensterben bei den US-Pferderennen

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www.bauhaus.info In diesem Herbst strahlen Hobbygärtner mit den letzten Sonnenstunden des Jahres um die Wette. Denn
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Das deutsche Nachrichten-Magazin Hausmitteilung Betr.: Baghdadi, Fluchthilfe, SAP, Roy VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung Betr.: Baghdadi, Fluchthilfe, SAP, Roy

VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL
VEDAT XHYMSHITI / DER SPIEGEL

Reuter in Syrien 2012

Zum ersten Mal war Reporter Christoph Reuter vor sieben Jahren ins syrische Idlib gereist, über die türkisch-syrische Grenze. Weitere Reisen ins Kriegsgebiet folgten, dazu Fahrten im Pick-up in die umliegenden Dörfer, um die Menschen dort zu treffen, um Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, die hilfreich sein könnten, wenn es mal wieder schnell gehen muss. Auf dieses Netzwerk griff Reu- ter auch zurück, als er am vergangenen Wochen-

ende damit begann, die letzten Tage des IS-Anfüh- rers Abu Bakr al-Baghdadi zu recherchieren – den US-Spezialeinheiten am vergan- genen Samstag aufgespürt hatten, woraufhin er sich in die Luft sprengte. Reuter und ein syrischer SPIEGEL-Mitarbeiter sprachen mit Nachbarn, auch mit dem Vorbesitzer des Grundstücks, auf dem Baghdadi starb: »Es dauerte lange, bis er glaubte, dass der IS-Anführer dort gewesen war. Keiner hatte mit Baghdadi gerechnet.« Seite 82

Mehr Entlastung?
Mehr Entlastung?
hatte mit Baghdadi gerechnet.« Seite 82 Mehr Entlastung? Mit durchgängig digitalen kaufmännischen Abläufen. Seit

Mit durchgängig digitalen kaufmännischen Abläufen.

Mit durchgängig digitalen kaufmännischen Abläufen. Seit gut 30 Jahren trägt Jürgen Bohl, einst Regimekri-

Seit gut 30 Jahren trägt Jürgen Bohl, einst Regimekri- tiker in der DDR, den Nachnamen Bruhns. Er verdankt ihn seiner ehemaligen Frau, der heutigen SPIEGEL-Re- dakteurin Annette Bruhns, die ihn im September 1989 geheiratet hatte, damit er dem Regime und der Stasi entkommen konnte. Warum sie diesen Mann heiratete, warum sie sich scheiden ließen und warum sie bis heute enge Freunde sind, beschreibt Annette Bruhns in einem

persönlichen Text, der deutsch-deutsche Geschichte greifbar macht. Teil der Recherche war die Stasi-Akte von Jürgen Bruhns, knapp 300 Seiten dick. Für die Überprüfung brauchte Dokumentar Heiko Buschke deutlich länger als üblich, und auch Annette Bruhns lernte während der Gespräche Neues über den Mann, den sie lange kennt: »Ich habe Jürgen als Dissidenten gesehen, aber er wider- sprach, sagte, der Begriff sei zu groß, er sei ein Andersdenkender gewesen.« Seite 56

JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL
JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL

Ex-Ehepaar Bruhns, Buschke

56 JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL Ex-Ehepaar Bruhns, Buschke Morgan, Schießl Jennifer Morgan ist nicht nur

Morgan, Schießl

Jennifer Morgan ist nicht nur die erste Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns, sie ist, zusammen mit ihrem Kollegen Christian Klein, Chefin des wert- vollsten Dax-Konzerns, SAP. Ihre Berufung durch Firmengründer Hasso Plattner und ihren Vorgänger Bill McDermott erfolgte quasi über Nacht und auch überraschend für sie selbst. Der neue Job wurde Morgan angeboten, als sie in einem kalifornischen Luxusresort war. Mit SPIEGEL-Redakteurin Michae-

la Schießl sprach sie darüber, wie es ist, als Frau an der Spitze eines IT-Konzerns zu stehen, warum sie als Frauenförderin gegen die Frau- enquote ist und wieso sie ihrem Co-Chef Klein immer bunte Socken mitbringt: »Ich

arbeite an seiner modischen Rundumerneuerung.« Seite 70

»Guten Tag, Herr Polizist!« Im Gespräch mit San-Francisco-Korrespondent Guido Mingels überraschte der Autoexperte Alex Roy mit nicht immer sinnvollen deutschen Floskeln – Roy liebt die deutsche Sprache, ohne sie zu beherrschen. Er liebt auch das Autofahren, illegale Rennen vor allem, und es ist erstaunlich, dass Roy für eine Firma arbeitet, die an selbstfahrenden Autos forscht und in die Volkswagen 2,6 Milliarden Dollar steckte. Für ein Rennen dekorierte Roy seinen BMW als deutsches Polizeiauto samt absurden Schriftzügen wie »MünchenAutobahnPolizeiJäger«. Wenn er von US- Polizisten angehalten wurde, erklärte Roy in kreativem Deutsch, er sei deutscher Poli- zist im Urlaub. »Die waren so perplex, dass sie mich weiterfahren ließen.« Seite 76

DER SPIEGEL

Nr. 45 / 2. 11. 2019

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Inhalt

73. Jahrgang | Heft 45 | 2. November 2019

TitelInhalt 73. Jahrgang | Heft 45 | 2. November 2019 Debatten Der Streit um die Meinungsfreiheit

Debatten Der Streit um die Meinungsfreiheit – warum harte Diskussionen an- strengend, aber richtig sind

10

Verlage SPIEGEL-Gespräch mit Springer-Chef Mathias

Döpfner über Political Correct-

ness in Medien und Politik

 

20

Deutschland
Deutschland
 

Leitartikel Angela Merkel ist zu einer Belastung geworden

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Meinung Der gesunde Menschenverstand / So gesehen: Die FDP fahndet nach ihrem Wähler

 

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Steuern umgehen mit »Familiengenossenschaften« / Bequemer buchen fürs Klima / Üppig abgesicherter Bremer Bürgermeister

26

Union Machtkampf in der CDU – die Gegner der Kanzlerin und der Parteichefin bringen sich in Stellung

 

30

Kann eine Minderheits- regierung in Thüringen funktionieren?

 

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Analyse Im Kampf gegen Rechtsextremismus braucht die Regierung ein neues Gesetz

 

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Verkehr Der Bundesrech- nungshof beklagt Schmu bei der Vergabe der Pkw-Maut

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Polizei Beamte spionieren aus privater Neugier in dienstlichen Datenbanken

 

41

Parlament Ein junger Mathe- matiker hat einen Algorithmus für ein besseres Wahlsystem entwickelt

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CHRISTOPH SOEDER / DPA
CHRISTOPH SOEDER / DPA

Tandem auf Talfahrt

Die eine Frau hat Macht, will aber nicht führen. Die andere kann nicht führen, weil sie machtlos ist. Wie das Duo aus Kanzlerin Angela Merkel und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer den Niedergang der Partei beschleunigt. Seite 30

ABACA PRESS / DDP
ABACA PRESS / DDP

Ende eines Phantoms

Jahrelang gelang es dem Führer der Terrorgruppe IS, Geheimdiensten und Soldaten zu entkommen. Jetzt spürten US-Elitekämpfer Abu Bakr al-Baghdadi in Syrien auf. Rekonstruktion einer spektakulären Operation. Seite 82

Ermittlungen Ankara lässt

deutsche Kurden verhaften, das Auswärtige Amt verschärft Reisehinweise

44

SPD Im SPIEGEL-Gespräch mit Olaf Scholz erklärt Martin Schulz, warum er seinen einstigen Gegner nun als Parteichef haben will

46

Umweltpolitik Begrünte

Dächer, verbilligte Bustickets – was Kommunen gegen den Klimawandel unternehmen wollen

50

Gesellschaft
Gesellschaft

Früher war alles schlechter:

Bilanz / Gibt es bald verheiratete Priester?

54

Eine Meldung und ihre

Geschichte Wie sich ein briti- scher Autofahrer gegen einen Bußgeldbescheid wehrt

55

Wiedervereinigung SPIEGEL-

Redakteurin Annette Bruhns

heiratete einen Regimekritiker in Ost-Berlin, um ihm zur Ausreise zu verhelfen – die Geschichte einer Liebe

im geteilten Deutschland

 

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Homestory Allein unter Gaffern

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62

Wirtschaft
Wirtschaft
 

Bundesregierung wusste von fehlender Absicherung für Pauschalreisen / BUND fürchtet um Jobs in der Autoindustrie

 

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Cybercrime Immer häufiger werden Firmen von Erpresser- software attackiert

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Management Die neue

SAP-Chefin Jennifer Morgan über ihren abrupten Wechsel an die Spitze des Dax-Konzerns

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SHUTTERSTOCK EDITORIAL

Krisen In Kalifornien sitzen

die weltgrößten Hightech-Kon- zerne, die Stromversorgung

aber ist vorsintflutlich

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Handel Der Elektronikhändler MediaMarktSaturn kämpft um Kunden, die mehr wollen als billig

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Visionen Rennfahrer Alex Roy ist der schrillste Kritiker des autonomen Fahrens

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Verkehr Das Umweltbundes- amt hat untersucht, wie Fliegen klimafreundlicher

werden kann

79

Auslanduntersucht, wie Fliegen klimafreundlicher werden kann 79 Neuer Streit ums Kopftuch in Frankreich / Untergrundärzte

Neuer Streit ums Kopftuch in Frankreich / Untergrundärzte in Hongkong behandeln verletzte Demonstranten

80

Terror Die dramatische Jagd auf den IS-Führer Baghdadi

82

Analyse Kommt es im Irak und im Libanon zu einer Neu- auflage der Arabellion?

87

Europa Der scheidende Kom- missionspräsident Juncker im SPIEGEL-Gespräch über seinen sehr speziellen Stil – und seine Nachfolgerin

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USA Präsident Donald Trump schlägt im Kampf ums

politische Überleben immer

wilder um sich

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Japan Das Land erlebt seinen #MeToo-Moment

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Sport94 J a p a n Das Land erlebt seinen #MeToo-Moment 96 Der Torhunger des Robert

Der Torhunger des Robert Lewandowski / Magische Momente: Torwart Jens Schmidt über das letzte Spiel der DDR-Auswahl

101

Pferde Wer kann das massen- hafte Sterben auf den Renn- strecken der USA stoppen?

102

Fußball Der tiefe Fall des Franz Beckenbauer

106

Motorsport Warum die Formel 1

Reformen braucht

108

r s p o r t Warum die Formel 1 Reformen braucht 108 Das Sterben der

Das Sterben der Pferde

Auf den Rennstrecken der USA werden jedes Jahr Hunderte Tiere getötet. Berüchtigt ist besonders der Santa Anita Park bei Los Angeles. Tierschützer protestieren gegen die Zustände, Staatsanwälte ermitteln. Seite 102

Abschiedskuss

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker geht. Im SPIEGEL-Gespräch erzählt er, warum er sogar Leute wie Putin küsst, verrät Tricks im Umgang mit Trump und erklärt, was ihm besonders Sorgen macht. Seite 90

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von ihnen kauften 2018 laut Bundeslandwirtschafts-
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Kritik an neuer Klimastudie

zur Überflutungsgefahr / Flie- gen als Bruchpiloten / Ein- wurf: Die Wissenschaft braucht

weniger Fachidioten

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Computer Wie die Erschaffung

einer künstlichen Intelligenz gelingen kann

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Umwelt Biologen haben eine Volkszählung der Regen- würmer vollbracht – mit ver- blüffenden Entdeckungen

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Medizin Leidet wirklich jede zehnte Frau unter krankhaft

dicken Beinen?

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Geschichte Das skurrile Leben des amerikanischen Wunder-

heilers Norman Baker

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Kultur
Kultur

Apple TV+ startet / Neues Album von FKA twigs / Kolumne: Zur Zeit

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Pop Marius Müller-Western- hagen spielt das Album »Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz« noch mal ein – kann das gut gehen?

126

Literatur Chiles große Schrift-

stellerin Isabel Allende über die

Unruhen in ihrem Land

130

Kulinarik Wie ein junger Koch im Berliner Wedding das heißeste Restaurant der

Hauptstadt geschaffen hat

 

132

Filme Regisseur Roland Emmerich, Altmeister des US-Blockbusters, sorgt mit »Midway« wieder für Rums auf der Leinwand

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Buchkritik Bei Frederick Forsyth sind die Briten noch mal Weltmacht – fast zumindest

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SPIEGEL-TV-Programm Bestseller Impressum, Leserservice

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Nachrufe Personalien Briefe Hohlspiegel / Rückspiegel

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ANGELIKA VON STOCKI / FACE TO FACE

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Merkels langer Schatten

Leitartikel Die Kanzlerin hat ihre Partei in die Krise gestürzt. Es ist Zeit für Neuwahlen.

E ine der schwierigsten Zeiten der Politik ist die Spätphase einer Ära, die Zeit des Übergangs. Der Anführer ist noch da, aber er verliert an Einfluss,

seine möglichen Nachfolger bedrängen ihn, unter ihnen brechen Kämpfe aus. Die Zustände werden instabil, eine Partei oder ein Staat rutscht in die Krise. Besonders schwierig wird es, wenn der Anführer nicht weichen will, obwohl er weichen müsste, um dem Anfang eine Chance zu geben. Die Bundesrepublik hat das zweimal erlebt, am Ende der

langen Kanzlerschaften von Konrad Adenauer, 14 Jahre, und Helmut Kohl, 16 Jahre. Jetzt erlebt sie es ein drittes Mal. Die Ära Merkel, bislang 14 Jahre, geht zu Ende, und die CDU steckt tief in der Krise. Der Staat noch nicht, aber auch hier gibt es Risiken, denn die Bundesrepublik war bislang ein Parteienstaat, tief durch- drungen und getragen von den beiden Volksparteien Union und SPD. Die Sozial- demokraten verlieren diese Rolle gerade, auch wegen ewiger innerer Kämpfe. Soll- te sich auch die CDU auf die- sen Weg machen, verliert das politische System der Bun- desrepublik, verliert der Staat den bislang stabilsten, kräftigsten Anker. Derzeit versucht sich die Partei in der Rolle des Toll- hauses. Offener Streit, har- sche Kritik an der Vorsitzen- den und der Bundeskanzle- rin, eine wieder offene Füh-

rungsfrage. Orientierungslos in Fragen der Programmatik und möglicher Bündnisse. Wo bleibt denn die gute alte, gemütliche Kanzlerpartei, die so gern folgsam war? Merkel trägt die größte Verantwortung für den närrischen Zustand der Union, der sich natürlich auch auf die Große Koalition auswirkt. Die Kanzlerin hatte sich vorgenommen, nicht die Fehler von Konrad Adenauer und Helmut Kohl zu machen. Sie wollte den Zeitpunkt ihres Abgangs selbst bestimmen. Deshalb kündigte sie lange vor dem Ablauf ihrer Amtszeit an, nicht noch einmal zu kandidieren. Das wirkte erst einmal sympathisch, weil nicht machtversessen. Aber es war ihr erster Fehler in dieser Angelegenheit. Merkel mutete Deutschland damit einen langen Übergang zu. Auch in den USA, wo man vierjährige Übergangszeiten in der zweiten, finalen Amtsperiode eines Präsidenten gewohnt ist, wird man allmählich zur »lame duck«, zur lahmen Ente, die kaum noch entscheidet, mit ihrer Präsenz aber Aufbrüche verhindert.

Schwer angeschlagen nach schlechten Ergebnissen der Union bei Landtagswahlen, verzichtete Merkel vor einem Jahr auch auf den Parteivorsitz, was ihr ebenfalls als sympathischer Akt ausgelegt wurde. Aber es war ihr zwei- ter Fehler. Es ging ihr weniger um Machtverzicht als um Machtsicherung. Sie gab ein Amt auf, um das wichtigere zu behalten. Damit hat sie den Übergang endgültig verdorben. Annegret Kramp-Karrenbauer macht bislang alles andere als eine gute Figur als Parteivorsitzende. Das liegt zum Teil an ihr, weil sie die große Bühne Bundespolitik zu überfordern scheint. Aber es liegt auch an Merkel, an dem Schatten, den sie als Kanzlerin wirft. Kramp-Karren- bauers unausgegorener Vorschlag, eine Schutzzone in Nordsyrien einzurichten, wird auch damit zu tun haben, dass sie verzweifelt nach Wegen sucht, aus diesem Schatten zu treten. Merkel weiß selbst, wie schwer es ist, als kanzler- tauglich zu gelten, bevor man das Amt erobert hat. Ihr Anspruch auf das wich- tigste Regierungsamt war zu Beginn der Nullerjahre heftig umstritten. Erst wäh- rend der Kanzlerschaft konnte sie beweisen, dass sie das Zeug dazu hat. Aber ihre besten Jahre liegen hinter ihr. Außen- politisch ist Frankreichs Präsident Emmanuel Macron dominierend. Den wichtigsten innenpoliti- schen Kampf, gegen die AfD und für die liberale Demokratie, verfolgt sie meistens schweigsam, in die größte Anstrengung ihrer Koalition, das Klimapaket, wurde sie von protestierenden Kindern getrieben und handelte am Ende doch nur halb- herzig. Da kann man sich kaum vorstellen, dass es ohne Merkel schlechter wäre. Es wäre auch nicht sofort besser. Aber die CDU hätte immerhin die Chance auf einen echten Neuanfang. Sie muss ja nicht nur einen Kanzlerkandidaten finden. Sie braucht eine Haltung zum dominierenden Thema Klimaschutz sowie zu den immer komplexer werdenden Wahlergebnis- sen und der schwierigen Suche nach Koalitionen. Es sind neue Zeiten, Zeiten für Aufbrüche. Die sind nicht mehr mit einer Kanzlerin am Ende ihrer Ära möglich. Und würden Neuwahlen auf Merkels Abgang folgen, wäre das auch nicht schlimm. In Wahrheit ist das für einen Neuanfang das Beste. Dirk Kurbjuweit

das für einen Neuanfang das Beste. D i r k K u r b j u
Frischer Wind – für sauberen Strom. Die Zeiten ändern sich. Und auch wir: RWE ist
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Meinung

Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand

Die Höcke-App

würde man sich in der digitalen Moder- ne leicht lächerlich machen. Und der Sportpalast steht ja auch nicht mehr. Wie es geht, kann Höcke bei den Kollegen in China lernen. Staatspräsi-

dent Xi testet die Loyalität von Journa- listen jetzt ernsthaft mit einer soge- nannten Xi-App. In dieser Online-Fort- bildung müssen Journalisten zunächst die Gedankenwelt des großen Führers studieren und sich danach einem Loyalitätstest unterziehen. Wer 80 von 100 Fragen richtig beantwortet, bekommt einen Presseausweis. Der Rest verliert den Job. Eine der Fragen der Xi-App geht so: »Was verlangt Präsident Xi von politischen Kadern:

A) Wissen oder B) Loyalität zur Par-

tei?« Richtig ist Antwort B. Diktaturen erkennt man auch an ihrer Plumpheit. Ich weiß nicht, ob in Erfurt bereits an der Höcke-App gebastelt wird, aber ich sehe sie schon vor mir. Nach Schu- lungsvideos mit seinen Gassenhauern »Denkmal der Schande« oder »Afrika- nischer Ausbreitungstyp« könnte die

erste Testfrage gleich eine knifflige sein. »Wie heißt der Führer mit Vornamen?

A) Björn, B) Bernd, C) Landolf?«

An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen und Alexander Neubacher im Wechsel.

So gesehen

Wer war’s?

Die FDP sucht ihren Wähler.

Nach dem denkbar knappen Ein- zug der FDP in den Landtag von Thüringen wollen die Liberalen nun eine ungewöhnliche Suchaktion star- ten. Bei der Wahl hatte die Partei laut vorläufigem Ergebnis zunächst mit nur fünf Stimmen die Fünfpro- zenthürde übersprungen. Nach einer Nachzählung war es zunächst nur noch eine einzige Stimme. Die FDP möchte nun ihre ganze Kraft dafür einsetzen, jene Person ausfindig zu machen, die es ihr er- möglicht hat, sich erneut in einem Parlament aus jeder Regierungsver- antwortung herauszuhalten. »Nur ihr ist es zu verdanken, dass wir ein- mal mehr klarmachen können: Lie-

verdanken, dass wir ein- mal mehr klarmachen können: Lie- ber nicht regieren als falsch regie- ren«,

ber nicht regieren als falsch regie- ren«, heißt es in einem rechteckigen Rundschreiben der Parteispitze. Am Wahlabend hatte die FDP den Eintritt in eine rot-rot-grün-gelbe Koalition, eine Tolerierung der bis- herigen Regierung oder Gespräche mit dem linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow ausgeschlossen. An der Suche sollen sich nun FDP- Leute aus dem gesamten Bundes- gebiet beteiligen. Ersten Hinweisen möchte man in Dieterode nachge- hen, wo ein Bürger wegen einer ver- lorenen Wette um die Anzahl ver- zehrbarer Bratwürste pro Stunde die Liberalen gewählt haben soll. Sollte der Wahlentscheider identi- fiziert werden, winken ihm attrakti- ve Sachprämien, etwa vergünstigte Eintrittskarten für die Parteizentrale und eine Stadtrundfahrt im Porsche des »Welt«-Chefredakteurs Ulf Poschardt zum Selbstkostenpreis. Die Partei stellt sich auf eine lange Suche ein. »Es könnte sein, dass wir die gesamte Legislaturperiode damit beschäftigt sind«, heißt es in dem Schreiben. Zum Glück habe man aber »sonst nichts zu tun«.

Stefan Kuzmany

habe man aber »sonst nichts zu tun«. Stefan Kuzmany Immer wenn ich Björn Höcke reden höre,

Immer wenn ich Björn Höcke reden höre, werde ich den Verdacht nicht los, dass er sich abends zum Einschlafen alte Goebbels- Reden auf YouTube rein- pfeift. Aber ich mag mich irren. Gemeinsam ist den beiden jedenfalls nicht nur ein Hang zur volksmysti- schen, leicht beschwipst klingenden Raunerei, sondern auch eine Grund- skepsis gegenüber Journalisten. Trotz des Erfolgs seiner AfD bei der Landtagswahl in Thüringen beschwer- te sich Höcke diese Woche wieder mal über »einseitige Berichterstattung« und »Manipulation« durch die Medien. Was wäre für die AfD erst drin, wenn endlich stramm und zackig berichtet würde! Sollte Höcke auch so an die Macht kommen, rechne ich mit Veränderun- gen in meinem Berufsalltag. »Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine hal- ben Sachen«, drohte er einst. Es werde dann »wohltemperierte Grausamkeit« geben. Ich will da vorbereitet sein. Eine erfolgreiche Presselenkung, das dürfte auch Höcke wissen, ist heute komplexer als damals. Mit ei- nem »Reichsschriftleitergesetz«

wissen, ist heute komplexer als damals. Mit ei- nem »Reichsschriftleitergesetz« 8 DER SPIEGEL Nr. 45 /
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Titel

Grenzöffnungen

Debatten Studenten stürmen Hörsäle, AfD-Politiker prangern den Gesinnungsstaat an, Grüne nennen ihre Gegner Faschisten, und die Mehrheit glaubt, man müsse aufpassen, was man sagt. Die Diskussionen sind heftig in diesem polarisierten Land. Das ist nicht schön, aber richtig.

I rgendjemand muss sich das alles aus- gedacht haben. Es ist zu perfekt. Das kann nicht sein, als dass es einfach

so passiert. Irgendwo wird es das Mastermind geben, das diese Komödie ge- schrieben hat. Mittwoch, 30. Oktober, der Tag vor Hal- loween, der Tag, an dem einmal im Jahr die bösen Geister vertrieben werden, auch wenn man sie dafür erst mal von der Leine lassen muss. Die Sonne scheint, die Phy- sik-Fakultät der Universität zu Hamburg versteckt sich weit weg vom Campus im Schatten der Messehallen und des Unter- suchungsgefängnisses der Hamburger Justiz. Das Karoviertel und die Schanze, die Quartiere des linken Widerstands, sind nah. Vor zwei Jahren verlief hier irgend- wo die Grenze des Sperrbezirks für den G-20-Gipfel, die Polizei kennt jeden Win- kel, aber diesmal geht es nicht um den Schutz der mächtigsten Staatschefs. Dies- mal geht es darum, dass Bernd Lucke end- lich seine Vorlesung »Makroökonomik II« halten kann. Zweimal ist das in den beiden vergan- genen Wochen schon misslungen, weil Stu- denten und Aktivisten der örtlichen Antifa es so wollten. Beim ersten Mal schrien sie Lucke, das »Nazischwein«, nieder, beim zweiten Mal überfielen ein paar von ihnen wie bei einer Guerillaattacke den von Sicherheitskräften nur notdürftig bewach- ten Vorlesungssaal. Dass Studenten die Vorlesungen miss- liebiger Professoren verhindern, ist in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wie- der vorgekommen, schien im Nachhinein aber nie wirklich schlimm. Junge Leute ha- ben eine Art Menschenrecht auf Protest und Grenzüberschreitung, was mal schlau- er und mal blöder sein kann. Vielleicht wäre Gelassenheit die bessere Antwort gewesen. Aber wie soll das gehen? Gelassenheit in einer grundaufgeregten Gesellschaft? Zwei nicht gehaltene Lucke-Vorlesungen, dazu eine verhinderte Buchlesung des ehemaligen Innenministers Thomas de

Maizière in Göttingen und die Ablehnung einer Veranstaltung der Liberalen Hoch- schulgruppe mit FDP-Chef Christian Lind- ner durch die Uni Hamburg. Dies alles in

schulgruppe mit FDP-Chef Christian Lind- ner durch die Uni Hamburg. Dies alles in 10 DER SPIEGEL

MARKUS SCHOLZ / DPA

Kombination mit ein paar eher missglück- ten Statements der Hamburger Politik, und schon gibt es im Bundestag eine aus- gesprochen lebendige Aktuelle Stunde zum Thema »Meinungsfreiheit in Deutsch- land verteidigen«. Dazu eine Flut von Artikeln, viele von ihnen mit dem Verweis, dass fast zwei Drit- tel der Bürger Angst davor haben, das zu sagen, was sie denken. »Die Grenzen des Sagbaren«, »Tugendterror«, das sind Be- griffe, die fallen. Manchmal fühlt sich die

Diskussion an, als hätten Nationalsozialis- mus und Stalinismus gemeinsam die Grundrechte abgeschafft. Was diese De- batte aber vor allem sagt: Die Meinungs- freiheit ist ziemlich lebendig. Und ganz schön anstrengend. Auch deswegen, weil die Debatte para- doxerweise eine Situation herbeigeführt hat, in der in Hamburg ganz real, nicht in der Twitter-Anonymität, in einem Hörsaal mit echten Studenten darin und echten Polizisten davor, die Meinungsfreiheit

Aktivisten hindern den ehemaligen

AfD-Politiker Bernd Lucke daran, seine Vorlesung

an der Universität Hamburg zu halten.

durchgesetzt werden muss, ohne dass sie grundsätzlich bedroht ist. Bernd Lucke, Hamburger Volkswirtschaftsprofessor, AfD-Gründer, aber seit seinem Austritt aus der Partei etwas aus dem Blick gera- ten, soll schließlich an diesem Mittwoch auf Teufel komm raus seine Vorlesung hal- ten dürfen. Am Abend zuvor hat die Universität eine Mitteilung an die Presse verschickt. Es ist ein Dokument angestrengter Nervo- sität: Die Veranstaltung finde zur gewohn- ten Stunde statt, nachdem der Vorschlag der Universität, die Vorlesung nur digital anzubieten, als Versuch der Deeskalation, von Professor Lucke abgelehnt worden sei. Deswegen habe die Universität nun darum gebeten, die Veranstaltung von staatlichen Ordnungskräften sichern zu lassen. Man scheint mit schlimmsten Dingen zu rech- nen: Für die Ad-hoc-Behandlung etwaiger posttraumatischer Belastungsstörungen bei Studenten oder Mitarbeitern stehe die psychotherapeutische Hochschulam- bulanz bereit. Und dann? Passiert nichts. 300 Studen- ten sind gekommen, es ist eine Pflichtver- anstaltung, Mittwoch, 12 Uhr mittags. Eine Hundertschaft Polizei steht herum, 30, 40 Journalisten und ebenso viele, ziemlich schweigsame Demonstranten oder viel- leicht auch einfach nur Interessierte, so eindeutig ist das nicht. Lucke selbst gelangt in den Hörsaal – benannt nach dem deut- schen Physiker Otto Stern, der 1933 aus Deutschland emigrieren musste und 1943 den Nobelpreis bekam – unbemerkt durch einen Seiteneingang. Er habe, twittert ein Student, während seiner Vorlesung den Witz gemacht, dass die Wahl des Ortes ne- ben dem Gefängnis ganz passend sei, sollte es Protest geben. Das also ist die gute Nachricht: Die Mei- nungsfreiheit ist weiterhin intakt, die Grundrechte sind gesichert und werden sogar gegen kleinste Angriffe verteidigt. Die andere Nachricht: Bernd Lucke hat gesiegt. Fast könnte man auf die Idee kom- men, er wäre das geniale Mastermind die- ser Deutschlandkomödie, aber das ist zu viel der Ehre. Lucke dürfte selbst ziemlich überrascht sein von seiner politischen Wie- dergeburt. Er sollte sich bedanken bei der Antifa und den Studenten. Vielleicht geht die Debatte um die Mei- nungsfreiheit eher um Begriffe wie Mei- nungsklima und Meinungsherrschaft, da- rum, wie wir miteinander sprechen und streiten. Welche Kämpfe wie geführt wer- den und welche politischen Folgen sie ha- ben. Die vermeintlich besten Absichten bewirken ja manchmal genau das Gegen- teil. Wer Lucke zum Schweigen bringen will, macht ihn lauter als zuvor. Politik ist immer auch die Auslegung von Wirklichkeit. Die Idee einer demo- kratischen Öffentlichkeit besteht darin, in

einem Wettkampf der Meinungen das zu bekommen, was man früher einmal Deu- tungshoheit nannte. Es ist der Kampf da- rum, welche Auslegung relevant ist und welche nicht. Die Debatte um Meinungsfreiheit selbst, ihr Umfang und ihre Wirkmächtigkeit zei- gen ziemlich exakt, wie sich heute Öffent- lichkeit konstituiert, vom politischen Wett- kampf bis hinunter in die Gefühlswelten der Bürger, die verunsichert sind und da- mit politisch labil. Sie zeigt die Macht der sozialen Netzwerke und der Onlineplatt- formen, aber auch das Chaos, das die digi- talen Zeiten in der Sphäre der vierten Ge- walt angerichtet haben. Unsere Öffentlich- keit, so scheint es, ist ein Tollhaus der Mei- nungen und Beschimpfungen, Weltan- schauungen und Zumutungen. Und tatsächlich hat sich sehr real etwas verändert, Rechtspopulisten stehen in fast allen Weltregionen an der Spitze von Re- gierungen, sie haben ein Faible dafür, sich die Wirklichkeit so hinzubiegen, wie sie ihnen passt. Donald Trump und Boris Johnson sind nur die bekanntesten, in Polen, in Brasilien oder auf den Philippi- nen ist es nicht viel anders. Und auch in Deutschland hat das Erstarken der AfD die öffentliche Debatte massiv beeinflusst. Es gibt eine Reihe von Umfragen und Studien, die zeigen, wie sich das Mei- nungsklima verändert hat, und die andeu- ten, welche Folgen das haben könnte. Zwei Drittel der Bürger, so das Allensbach- Institut für Demoskopie im Mai, seien überzeugt, man müsse heute aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußere. Gemeint sind Themen wie Flüchtlinge, Is- lam, Nazizeit und Juden, Rechtsextremis- mus und AfD. Allerdings bewerten Ale- xander Gaulands Spruch, dass Hitler und die Nazis nur »ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Ge- schichte« seien, 76 Prozent als inakzep- tabel. Mehr als die Hälfte sagt aber auch, »dass es ihnen auf die Nerven geht, dass einem immer mehr vorgeschrieben wird, was man sagen darf und wie man sich zu verhalten hat«. Die Shell-Studie, eine gerade veröffent- lichte Untersuchung über die Vorstellun- gen und Gedankenwelt von mehr als 2500 jungen Menschen zwischen 12 und 25 Jah- ren, stellt Ähnliches fest. Zwei Drittel der Befragten glauben, man dürfe in Deutsch- land nichts Schlechtes über Ausländer sa- gen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden. Mehr als die Hälfte findet, »die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit«. Immerhin noch ein Drittel fürchtet, die Gesellschaft werde »durch den Islam unterwandert«. Das sind keine Zufallstreffer, die Empirie macht einen robusten Eindruck: Als Infra- test Dimap vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg die Bürger be-

Das Verwaltungsgericht Meiningen hat entschieden, dass man den AfD-Politiker Björn Höcke einen Faschisten nennen darf.
Das Verwaltungsgericht Meiningen hat
entschieden, dass man den AfD-Politiker
Björn Höcke einen Faschisten nennen darf.
HANNES JUNG / LAIF

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern.

fragte, stimmten 64 Prozent der Branden- burger und 69 Prozent der Sachsen der Aussage zu, man werde »bei bestimmten Themen heute ausgegrenzt, wenn man sei- ne Meinung sagt«. Laut der »Mitte-Studie« der Friedrich-Ebert-Stiftung beklagen sich 55 Prozent der Befragten, es gebe ein Mei- nungsdiktat in Deutschland. Und bei einer Umfrage des PEN-Zentrums unter Autoren und Journalisten waren es 75 Prozent, die

sich besorgt zeigten über die Situation der freien Meinungsäußerung in Deutschland. Schweigespirale nannte man das in den Siebzigerjahren; damals hieß es, viele kon- servative Menschen wagten nicht, ihre An- sichten offen auszusprechen, weil diese vom über Massenmedien vermittelten Meinungsklima zu stark abwichen. Inzwi- schen sind es die Empörungsrhetoriker, die Entfacher von Shitstorms, die manchen

das Gefühl geben, nicht frei reden zu kön- nen. Heute heißt das »chilling effect«. »Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zu- gänglichen Quellen ungehindert zu unter- richten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.« Das ist Artikel 5 Absatz 1 des Grund- gesetzes. Drei Sätze, 44 Wörter – mehr brauchte es 1949 nicht, um für Deutsch- land eines der wichtigsten Grundrechte zu postulieren, die Meinungsfreiheit. Der Historiker Timothy Garton Ash, der in Oxford und Stanford lehrt, braucht sieben Jahrzehnte später 700 Seiten, um all die Probleme zu analysieren, die sich für die Meinungsfreiheit in einer globali- sierten, medial vernetzten Welt ergeben. »Redefreiheit« heißt sein Buch, drei Jahre nach Erscheinen ist es das Standardwerk zum Thema.

Noch nie konnten so viele Menschen

wie heute so viele Meinungen frei äu- ßern – und diese über alle Grenzen hinweg verbreiten. Das liegt am Internet, an der weltweiten Migration und an der Öffnung westlicher Gesellschaften, in denen sich immer mehr Minderheiten Gehör ver- schaffen. Garton Ash spricht von einer neuen Epoche der Meinungsfreiheit. Gleichzeitig treten die Risiken dieser Meinungsfreiheit so offen zutage wie nie, darunter wahre »Schlammfluten von Be- schimpfungen und Beleidigungen«. Wie frei sollte die Rede sein? Und an welche Konventionen sollten sich die Dis- kursteilnehmer halten? Der Streit darüber wird oft in aller Härte ausgefochten, nicht nur in Deutschland. Die Welt, sagt Garton Ash, sei nicht zum globalen Dorf gewor- den, wie es mal in den Sechzigerjahren hieß, sondern zur globalen Großstadt – zu einer »virtuellen Kosmopolis«. Dörfer sind kleine, recht homogene Orte. In Großstädten leben viele Men- schen um einen herum, aber sie sind ganz anders als man selbst. Sie begegnen einem selten oder nie, und wenn, dann meist nur kurz. Sie bleiben einem fremd. Umso wich- tiger wird die Meinungsfreiheit, das ist eine von Garton Ashs Thesen. Sie erleich- tert es, mit der Vielfalt zu leben, sie schult uns in der Kunst der Toleranz. »Nur wenn die freie Meinungsäußerung gewährleistet ist, kann ich verstehen, was es heißt, du zu sein.« Garton Ash ist ein angelsächsischer Li- beraler, er listet zehn Prinzipien auf, die das Recht auf Meinungsfreiheit künftig ebenso garantieren sollen wie die Würde Andersdenkender. »Wir nutzen jede Chance, Wissen zu verbreiten, und tole- rieren hierbei keine Tabus«, heißt eines

Titel

davon. Garton Ash wendet sich gegen den Boykott politisch missliebiger Pro- fessoren oder Gastredner. Universitäten, fordert er, sollten »der größtmöglichen Bandbreite an einflussreichen und kon- troversen Ansichten eine Plattform bieten, um diesen dann mit höflicher, ro- buster und gut informierter Kritik zu be- gegnen«. Studentischen Protest gegen Redner hält er für legitim, solange die sprechen dürfen. Garton Ash wendet sich sogar dagegen, Hate Speech zu verbieten. »Wenn wir al- les, was Menschen beleidigen kann, und alle Tabus aller Kulturen dieser Welt zu- sammenfassen und für unverletzlich erklä- ren wollten, wäre kaum noch etwas übrig, worüber wir reden könnten.« Ein Mindest- maß an Zivilität sei zwingend, das sagt auch Ash. Aber wo ist die Grenze? Es muss sie ge- ben, aber wo genau liegt sie in einem Land wie Deutschland mit seiner nationalsozia- listischen Vergangenheit und seiner rechts- terroristischen Gegenwart? Einem Land, in dem ein Antisemit die Synagoge in Hal- le angreift und zwei Menschen ermordet, einem Land, in dem der CDU-Politiker Walter Lübcke Opfer eines Anschlags wird. Beide Täter hatten sich im Netz ra- dikalisiert, hochgeputscht von hemmungs- loser Rhetorik. Der Brite Garton Ash sagt, dass wir vor- sichtig sein müssen mit den Grenzen, die wir setzen, auch wenn es schwerfällt. Mehr Meinungsfreiheit führe zu mehr Meinungs- vielfalt und mehr Meinungsvielfalt zu mehr Streit. Das ist anstrengend, natürlich, aber er plädiert dafür, sich nicht allzu schnell beleidigt zurückzuziehen, sondern Hassrede entweder zu ignorieren oder ihr selbstbewusst zu widersprechen. »In einer Welt zunehmender und zunehmend ver- trauter Vielfalt sollten wir die Leute nicht dazu ermutigen, dünnhäutig zu sein, son- dern etwas dickfelliger zu werden, damit sie mit den Unterschieden leben und sie bewältigen können.«

Tabuzonen Umfrage: Wie Bundesbürger die folgende Aussage beurteilen »Heutzutage muss man sehr aufpassen, zu welchen
Tabuzonen
Umfrage: Wie Bundesbürger die folgende
Aussage beurteilen
»Heutzutage muss man sehr aufpassen, zu
welchen Themen man sich wie äußert. Es gibt
viele ungeschriebene Gesetze, welche Meinungen
akzeptabel und zulässig sind und welche eher
tabu.«
Sehe das auch so
63%
Sehe das nicht so
23
unentschieden
14
Allensbach-Umfrage vom 3. bis 16. Mai 2019; 1283 Befragte

Eine Gesellschaft, die zu große Rück- sicht auf Sensibilitäten nehme, schaffe neue Probleme. In Deutschland, sagt Gar- ton Ash, hätten jahrelang Intellektuelle, Journalisten und Politiker die Ängste vor muslimischer Einwanderung nicht genü- gend thematisiert. »Je weniger Menschen das Problem öffentlich ansprachen«, schreibt Garton Ash, der Deutsch spricht und sich gut auskennt hierzulande, »umso mehr dachten daran – und sprachen ver- mutlich privat, in der Kneipe oder zu Hau- se, darüber.« Der Druck des öffentlich Unausgesprochenen sei »wie in einem Dampfkochtopf« gestiegen und habe sich schließlich 2010 in Thilo Sarrazins Buch »Deutschland schafft sich ab« entladen, einem Millionenbestseller. »So kam es, dass ein für Deutschland wirklich wich- tiges Problem nicht auf guter Informa- tionsgrundlage in einer offenen Diskussion abgehandelt wurde, sondern anhand eines stinkenden Gebräus von Eugenik und Kul- turpessimismus.«

Es sind wie in den USA die Hochschulen,

an denen die Kämpfe darüber, was sagbar ist, im realen Leben, ausgetragen werden. Und es ist kein Zufall, dass einer der pro- minentesten dieser Fälle sich um den His- toriker und Gewaltforscher Jörg Babe- rowski von der Humboldt-Universität in Berlin dreht. Baberowski wagte es 2015, die Flüchtlingspolitik Angela Merkels und die Betonung der Willkommenskultur in Deutschland zu kritisieren. Als ihn der Ring Christlich-Demokratischer Studenten und die Konrad-Adenauer-Stiftung an die Uni Bremen einluden, musste die Veran- staltung in die Räume der Stiftung verlegt werden, Polizisten patrouillierten vor dem Gebäude. Der Bremer Asta hatte Flugblät- ter verteilt, Überschrift: »Rechtsradikalen das Podium nehmen!«. Baberowski klagte gegen den Asta. In- zwischen hat das Oberlandesgericht Köln entschieden, dass der Bremer Asta wieder behaupten darf, Baberowski verbreite ge- waltverherrlichende Thesen, verharmlose das Anzünden von Flüchtlingsunterkünf- ten, stehe für Rassismus und vertrete rechtsradikale Positionen. Das Oberlan- desgericht hat nicht festgestellt, dass Ba- berowski das alles wirklich tut, nur, dass es unter die Meinungsfreiheit des Asta fal- le, all das zu behaupten. Vergleichsweise zahm fielen im Mai die- ses Jahres die Proteste gegen den Islam- wissenschaftler Hans-Thomas Tillschnei- der an der Universität Bayreuth aus, Leiter des Seminars »Eine kompakte Ein- führung in das islamische Recht«. Till-

schneider sitzt für die AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt, er ist deren wissen-

schaftspolitischer Sprecher, sein Büro in Halle hatte er eine Zeit lang im Haus der dortigen Identitären Bewegung. Er gilt

DIRK KROGULL

2017 versuchten Studenten, einen Auftritt von FDP-Chef Christian Lindner an der Bochumer Universität zu stören.
2017 versuchten Studenten,
einen Auftritt von FDP-Chef
Christian Lindner an der
Bochumer Universität zu stören.

Mehr Meinungsfreiheit führt zu mehr Meinungs- vielfalt, und die führt zu mehr Streit.

sogar nach den Maßstäben seiner Partei als Rechtsaußen. Die Universität hatte die Sache offenbar im Griff. Sicherheitsleute und Polizisten hinderten die Protestierenden daran, das Gebäude zu betreten. Tillschneider be- zeichnete die Demonstranten auf Twitter als »totalitäre Ungeister«. Die Hochschul- leitung erklärte: »Wir leben in einem Rechtsstaat, der klare Regeln aufstellt, an die wir uns halten. Eine Universität muss dabei auch kontroverse Standpunkte aus- halten und abwegigen Thesen argumenta- tiv begegnen.« Besondere Bekanntheit erlangte Susan- ne Schröter, Professorin für Ethnologie an der Universität Frankfurt, weil es sie gleich zweimal erwischt hat. Sie be- schäftigt sich in ihrer Forschung mit »Nor- mativen Ordnungen«, also auch mit der Frage, was gesagt werden darf und was nicht. Das erste Mal passierte es 2017. Der Polizeigewerkschafter Rainer Wendt sollte in einer von Schröter organisierten Vor- tragsreihe über »Polizeialltag in der Ein- wanderungsgesellschaft« sprechen. Wendt hat einen gewissen Ruf, weil er während der Flüchtlingskrise die Errichtung eines Zauns an der deutschen Grenze vorge- schlagen und behauptet hatte, es gebe kein »racial profiling« bei der Polizei, also dass Beamte vermehrt Menschen mit dunkler Hautfarbe kontrollieren.

Schröter erreichten zuerst die Mails, die Beschimpfungen auf Social Media, wie sie es wagen könne, einen Rassisten an die Uni einzuladen. Dann schrieben 60 wis- senschaftliche Mitarbeiter der Universität Schröter einen offenen Brief, Wendt trete offensiv für eine rassistische Polizeipraxis

Unter Beschuss Umfrage: Für welche der folgenden Aussagen man nach Ansicht der Bundesbürger hart kritisiert
Unter Beschuss
Umfrage: Für welche der folgenden Aussagen man
nach Ansicht der Bundesbürger hart kritisiert wird
als Politiker in der Öffentlichkeit
privat im Freundeskreis
69%
Viele Flüchtlinge
sind kriminell.
34
Der Islam hat in
Deutschland zu
viel Einfluss.
62
22
Bei Ehe und Familie soll-
ten Homosexuelle nicht
die gleichen Rechte
haben wie andere.
60
29
Ausländer nehmen
den Deutschen die
Arbeitsplätze weg.
59
28
Wir in Deutschland
übertreiben es häufig
mit dem Umweltschutz.
37
19 Quelle: Allensbach

ein. »Wir erwarten, dass Rainer Wendt keine Bühne an der Goethe-Universität Frankfurt geboten wird.« Tatsächlich sagte Schröter die Veranstal- tung ab. Nicht weil die Argumente sie über- zeugt hätten, aber weil sie nicht dafür ver- antwortlich sein wollte, dass es bei einem Polizeieinsatz Verletzte gegeben hätte. Im Mai dieses Jahres war es erneut so weit. Diesmal sollte es eine Veranstaltung zum Thema Kopftuch geben. Eingeladen hatte Schröter Gesprächspartner mit un- terschiedlichsten Meinungen. Jetzt kamen die Angriffe von links genauso wie von rechts. Aktivisten forderten Schröters Rausschmiss. Die Hochschulleitung stellte sich hinter sie, 700 Interessierte meldeten sich an. An Ende kamen kaum Protestler. Es geht in all diesen Fällen weniger um den Austausch von Argumenten als darum, den anderen durch übertriebene Zuspit- zung so zu diffamieren, dass man sich die mühsame Arbeit, seine Argumentation nachzuvollziehen, nicht mehr machen muss, weil der andere ja wahlweise Rassist, Faschist oder Linksextremer ist. Die AfD versucht, ihre Anhänger glau- ben zu machen, solche Aktionen gebe es nur von links, von einer angeblichen Main- stream-Meinungspolizei, die es darauf an- lege, sie und andere Rechte mundtot zu machen. Tatsächlich hat die Rechte ähnli- che Instrumente im Repertoire. Im November 2018 stürmten Männer an der Universität Greifswald in eine Vor- lesung des Sprachforschers Eric Wallis, damals Leiter des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Mecklenburg-Vor- pommern. Wallis sagt, er habe gerade über »Gehirne waschen – Framing gegen Frem- denhass« gesprochen, da habe eine Grup- pe den Hörsaal gestürmt und ein Banner hochgehalten: »Man wird doch wohl noch seine Meinung sagen dürfen«. Das Plakat habe das Symbol der rechten Identitären Bewegung getragen. Die Stö- rer hätten »Tradition, Multikulti Endstati- on« gerufen, erzählt Wallis. Er vermutet, dass sie es darauf angelegt hätten, des Saa- les verwiesen zu werden, um zu beweisen, dass ihre Meinung unterdrückt werde. »Aber diesen Punkt wollte ich sie nicht ma- chen lassen.«

Wallis lud die Protestierer zu einer Dis- kussion im Anschluss an seinen Vortrag ein. Er freue sich auf den Austausch mit ihnen. Die Männer, so ist es auf einem Mit-

schnitt der Aktion zu sehen, verließen da- raufhin den Saal. Offenbar ist es für viele attraktiv, sich als Opfer von Einschüchterung und Intoleranz darzustellen. Vielleicht hilft Garton Ashs Aufruf zum Selbstbewusstsein hier weiter. Und die Erkenntnis, dass es vielen, die sich in diese Debatten einbringen, auch um die

eigene Positionsbestimmung geht, in einer Gesellschaft, die sich polarisiert und ein

STEFAN RAMPFEL

Wiedererstarken der überholt geglaubten Kategorien »links« und »rechts« erlebt. Es geht um Selbstvergewisserung, dass man zu den Richtigen gehört. Um diese Mecha- nismen nachzuvollziehen, hilft ein genauer Blick auf die Genese des Falls Lucke. Es war der Asta in Hamburg, der Ende Juli, als klar wurde, dass Lucke an die Uni- versität zurückkehren würde, ein State- ment mit markigen Worten veröffentlichte. »So ein Mensch gehört an keine Universi- tät, und speziell die Universität Hamburg kann auf seine Rückkehr getrost verzich- ten.« Inzwischen sind die Studierenden- vertreter wohl selbst der Ansicht, dass das nicht so klug war. Trotz seiner »kritischen Vergangenheit« habe Lucke »jedes Recht, an die Uni zurückzukehren«, heißt es in der jüngsten Veröffentlichung. Am 16. Oktober sollte Bernd Lucke sei- ne erste Vorlesung halten. Der Asta hatte vor dem Hörsaal zu einer lange angekün- digten Kundgebung geladen. Studierende kamen, interessierte Bürger, die »Omas gegen Rechts« und Vertreter der Antifa. Im Netz kursieren verschiedene Videos, was dann drinnen passierte. Man sieht Bernd Lucke, wie er grinsend im Audito- rium hockt, Antifa-Fahnen ragen ins Bild. Auf der Bühne versuchen Asta-Vertreter mit einem Megafon, die Masse zu beruhi- gen. In einem anderen Video hört man die Studierenden singen und klatschen, es hat ein bisschen was von Ferienlager. »Die Stimmung war friedlich«, sagt Asta-Refe- rent Leo Schneider. »Auch wenn nach au- ßen hin ein anderes Bild gezeichnet wurde, damit Lucke sich als Opfer stilisieren kann.« Die Polizei griff nicht ein. Im Netz wurde da längst diskutiert, ob die Aktion in Hamburg eine Attacke auf die Meinungsfreiheit in Deutschland sei. Die zwei Frontlinien: »Keinem muss ge- fallen, was Bernd Lucke zu sagen hat. Aber auf ähnliche Weise haben national- sozialistische Studenten seinerzeit jüdische Professoren von Universitäten vertrie- ben«, twitterte der Lokalpolitiker Thomas Ney, der für die Piraten in der Stadtver- ordnetenversammlung von Oranienburg sitzt. »Ich weiß nicht, ob der Antifa diese methodische Ähnlichkeit bewusst ist.« Wie die Gegenseite argumentiert, illus- triert ein Tweet von Robin Mesarosch, Me- diareferent im Bundestagsbüro von Au- ßenminister Heiko Maas: »Bernd Lucke ist der Gründer der erfolgreichsten deut- schen Nazi-Partei seit der NSDAP. Er hat in einem Vorlesungssaal nichts verloren. Das ist keine arbeitsrechtliche, sondern eine gesellschaftliche Frage. Die Studieren- den in Hamburg retten gerade die Ehre dieser Gesellschaft.« Mehr geht nicht. Der Präsident der Uni Hamburg heißt Dieter Lenzen. Er feiert dieses Jahr das 100-jährige Bestehen seiner Universität,

In Göttingen verhinderten Demonstranten eine Lesung des ehemaligen Innenministers Thomas de Maizière aus dessen Buch
In Göttingen verhinderten Demonstranten
eine Lesung des ehemaligen
Innenministers Thomas de Maizière
aus dessen Buch »Regieren«.

Es geht um Selbstvergewisserung, dass man zu den Richtigen gehört.

die gerade erstmalig in die Liga der elf deutschen Exzellenz-Hochschulen auf- steigt. Besser hätte es für Lenzen kaum laufen können, doch plötzlich geht es nur noch um Lucke. Damit der seine Vorlesung nun im drit- ten Anlauf nun abhalten konnte, seien der Stadt Hamburg und der Universität Kos- ten entstanden, »wie wir es nie zuvor er- lebt haben«, sagt Lenzen. Studierende hät- ten sich gemeldet, sie hätten Angst, in der Vorlesung zu sitzen, technisches Personal habe sich geweigert, Arbeiten im Umfeld von Luckes Hörsaal zu verrichten. »Ob je- mand ein Erlebnis als belastend empfindet, kann nur die betreffende Person beurtei- len«, sagt Lenzen. »Wir haben ja auch eine sehr sensibilisierte Generation, die von ih- rem Selbstverständnis her sehr gegen Ge- walt eingestellt ist.« Im Asta der Uni Hamburg sitzen Leo Schneider und Niklas Stephan, zuständig für Soziales und Antidiskriminierung. Bei- de studieren Politikwissenschaften, sie wir- ken erschöpft und ein bisschen entgeistert, wie alles gekommen ist, nämlich anders als gewünscht. Erst die Anfeindungen aus dem Netz, mit dem Tenor, die Linken seien die neuen Nazis. Dann die einstündige Dis- kussionsrunde nach dem ersten Eklat, Lucke gegen drei Asta-Vertreter, moderiert von Lenzen. Stephan, ein 22-Jähriger im Sweatshirt, erinnert sich mit Unbehagen. »Lucke ist

Politikprofi, er ist Professor, er sitzt regel- mäßig in Talkshows. Er hat rhetorische Fallen gestellt«, schildert der Student. Des- halb wolle der Asta in Zukunft nicht mehr mit Lucke sprechen. »Das hat keinen Sinn.« Außerdem wolle man ohnehin nicht mit Rassisten reden. Solange Lucke sich nicht von rassistischen Aussagen »dis- tanziert, sehen wir keine Gesprächsgrund- lage«. Vor allem aber bedauern die beiden, wie sich »der Diskurs verschoben hat«, sagt Stephan. Es gehe nur noch darum, »ob Linke, die über legitimen Protest ihre Meinung kundtun, die Meinungsfreiheit einschränken«. Das sei »absurd«, sagt der Student und schiebt nach: »Moralisch sind wir im Recht.« Wirklich? Tatsächlich ist die Frage, wie die Gesellschaft mit einer erstarkten Rech- ten umgehen sollte, schwieriger zu beant- worten, als viele meinen. Der Soziologe Armin Nassehi von der Universität Mün- chen hat sich mit ihr in den vergangenen Jahren viel beschäftigt. Er veröffentlichte einen Briefwechsel mit dem rechten Ver- leger Götz Kubitschek, was ihm den Vor- wurf einbrachte, er verschaffe menschen- feindlichem Gerede Einlass in die bürger- liche Gesellschaft. Das Argument, man dürfe AfD-Politi- kern oder ganz grundsätzlich Menschen mit mutmaßlich rechtem Gedankengut kei- nen Raum für Worte geben, sei im linken

CHRISTIAN THIEL

In Potsdam kam es 2010 zu Protesten gegen den umstrittenen Bestsellerautor Thilo Sarrazin.
In Potsdam kam es 2010 zu Protesten
gegen den umstrittenen
Bestsellerautor Thilo Sarrazin.

Der Druck des öffentlich Unausgesprochenen sei gewachsen wie in einem Dampfdrucktopf.

Milieu weit verbreitet. Der Dialog mit Rechten sei verpönt, weil er angeblich de- ren politische Inhalte salonfähig mache. »Ich wäre der Letzte, der sagen würde, dass das rechte Denken nicht durchaus eine Gefahr beinhaltet«, sagt Nassehi, »aber es ist doch sehr naiv zu glauben, man könne die Macht falscher Ideen begrenzen, indem man sie sich vom Leibe hält.« Die Behauptungen der neuen Rechten, sie spreche Tabus als Einzige offen an, zö- gen Wähler an. Dabei werde in Deutsch- land niemand daran gehindert zu sagen, was er denke, findet Nassehi. Aber das Pro- blem sei das Internet, das zwei widersprüch- liche Dinge produziere: »Die freie Möglich- keit, alles zu sagen. Und die unbegrenzte Möglichkeit, für alles auf den Deckel zu be- kommen. Auch für vernünftige Einlassun- gen.« Daher das Gefühl der Unfreiheit. Vielleicht veranschaulicht der Fall des Verlegers Stefan Kruecken, wie es zu die- sem Gefühl kommt. Kruecken betreibt ge- meinsam mit seiner Frau Julia einen klei- nen Literaturverlag in Norddeutschland. Vor drei Wochen hätte er die Allensbach- Frage, ob man in Deutschland aufpassen muss, was man sagt, mit Kopfschütteln be- antwortet. Ein Facebook-Eintrag zu Bernd Lucke auf seiner Verlagsseite Ankerherz hat diese Gewissheit erschüttert. Nach Luckes gescheiterter Antrittsvor- lesung schrieb Kruecken: »Was heute an der Hamburger Universität passiert ist,

sollte jedem, der unsere Demokratie lebt, Sorge bereiten. Bernd Lucke als ›Nazi- Schwein‹ zu beschimpfen, ihm das Wort zu verbieten, ihn niederzubrüllen unter der Fahne der Antifa, das ist zutiefst un- demokratisch.« Ankerherz ist kein Verlag, der der AfD nahesteht. Im Gegenteil: Das bislang er- folgreichste Buch »Sturmwarnung« ist die Biografie eines Hamburger Kapitäns, der als Kind überzeugter Nazis in Kriegstrüm- mern aufgewachsen ist und heute Tole- ranz und Weltoffenheit in Gefahr sieht. Seit Jahren publiziert Ankerherz Kom- mentare gegen AfD und Pegida, die dem Verleger Morddrohungen einbrachten. Doch nun, so Kruecken, sammelten sich in 72 Stunden mehr als 5000 Kommenta- re unter seiner Warnung, die Demokratie sei in Gefahr. Kruecken wurde als »Nazi-Kuschler«, oder »Lucke-Ficker« beschimpft, der sich eine schwarze Uniform kaufen und Blitze ans Revers pinnen sollte. »Mitte mich nicht an« und »Du Mitte-Extremist« lauteten zwei der Beschimpfungen, die Kruecken oft zu lesen bekam, so als wäre der gefähr- liche Feind längst schon in der politischen Mitte zu finden. Was ihn besonders beunruhigt habe, sei gar nicht so sehr das »Hassgebrüll aus dem Facebook-Urwald« gewesen, sagt Kruecken, sondern Einträge von Unter- stützern, die beteuerten, sie sähen die

Proteste gegen Luckes Vorlesung so kri- tisch wie er, trauten sich aber nicht, das offen zu sagen. Aber vielleicht hat sich gar nicht so sehr der Ton verändert, vielleicht ist nur die Sehnsucht nach Harmonie und Sicherheit größer geworden. Denn die politische Aus- einandersetzung war schon immer rau, ge- pöbelt wurde immer. Der langjährige CSU- Vorsitzende Franz Josef Strauß etwa fabu- lierte 1974 von »roten Ratten«, die man dorthin jagen müsse, »wo sie hingehören – in ihre Löcher«. Joschka Fischer rotzte 1984 den stellvertretenden Bundestagsprä- sidenten Richard Stücklen (CSU) an, die- ser sei, mit Verlaub, ein »Arschloch«. Seit je erfreuten sich Nazi-Vergleiche besonderer Beliebtheit. Friedensnobel- preisträger Willy Brandt bezeichnete 1985 den CDU-Politiker Heiner Geißler als »schlimmsten Hetzer« seit Joseph Goeb- bels; Helmut Kohl ätzte 2002 über den da- maligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse, dieser sei der »schlimmste Präsi- dent seit Hermann Göring«. In den Fünfzigerjahren wurden Redner- bühnen und Versammlungen gestürmt, Plakate abgerissen, sogar mit Rücken- deckung von oben. CDU-Kanzler Konrad Adenauer dankte der Parteijugend nach seinem Wahlsieg 1953 dafür, dass sie »oft unter Einsetzung ihrer Fäuste den Plakat- krieg geführt« habe. In der hochpolitisier- ten Atmosphäre der späten Sechzigerjahre eskalierte die Gewalt auf beiden Seiten. Im Wahlkampf 1969 gab es mehr als 200 Verletzte. Und doch hat sich verändert, was wir heute unter Politik verstehen. Die großen Konflikte, so beschreibt es der Berliner Autor und Mitarbeiter der Friedrich- Ebert-Stiftung, Marc Saxer, seien nicht mehr materieller Art, sondern kulturell geprägt. Statt Verteilungskonflikten würden Haltungsfragen verhandelt. Ge- schlechtergerechtigkeit? Im Kern sei das der Konflikt darum, dass Frauen mehr wollen: mehr Einfluss, mehr Macht, mehr Geld. Und dass Männer abgeben müssen. Verhandelt aber werde vor allem die Sexualmoral. Klimawandel? Eigentlich ein Konflikt um große materielle Fragen, wie man das Wachstum begrenzt und wie viel das kostet, aber besprochen wer- den persönliche Haltungsfragen wie Fleischverzicht und Flugscham, es geht um Lebenswandel und die persönliche Haltung. Das Private ist so politisch wie lange nicht mehr. Klassische materielle Verteilungskon- flikte sind, zumindest theoretisch, leichter lösbar. Der eine will mehr haben, der an- dere weniger geben, idealerweise einigt man sich irgendwo in der Mitte. Bei kultu- rellen Konflikten indes gibt es keine Kom- promisse. Erst recht, wenn die Pole dieser politisch-kulturellen Konflikte, der liber-

DER NEUE OPEL

DER NEUE OPEL DIE KRAFT EINES ALLRAD-SUV. DIE FLEXIBILITÄT ZWEIER ANTRIEBE. Kraftstoffverbrauch Opel Grandland X
DER NEUE OPEL DIE KRAFT EINES ALLRAD-SUV. DIE FLEXIBILITÄT ZWEIER ANTRIEBE. Kraftstoffverbrauch Opel Grandland X

DIE KRAFT EINES ALLRAD-SUV. DIE FLEXIBILITÄT ZWEIER ANTRIEBE.

EINES ALLRAD-SUV. DIE FLEXIBILITÄT ZWEIER ANTRIEBE. Kraftstoffverbrauch Opel Grandland X Hybrid4 (gewichtet,

Kraftstoffverbrauch Opel Grandland X Hybrid4 (gewichtet, kombiniert) 1,6–1,5 l/100 km, CO 2 -Emission (gewichtet, kombiniert) 36–34 g/km (gemäß VO (EG) Nr. 715/2007, VO (EU) Nr. 2017/1153 und VO (EU) Nr. 2017/1151). Effizienzklasse A+. Abb. zeigt Sonderausstattung.

täre und der autoritäre, von extremen Positionen dominiert werden. Beide Pole sind sich ähnlicher, als die Kombattanten das wünschen, was auch ein Grund für die Härte der Auseinander- setzung ist. Beide haben das Gefühl der Bedrohung, dass etwas grundsätzlich nicht stimme in dieser Gesellschaft, dass die je- weils anderen Barbaren seien. Und dass die andere Seite mächtiger und vernetzter sei, überlegen in der Diskursführung und sowieso auf dem Vormarsch. So haben bei- de Pole eine Wagenburgmentalität entwi- ckelt. Und je nachdem, wo man sich selber verortet, ist dort selbstverständlich das Gute und Moralische, und dort, wo die an- deren sich verbarrikadieren, das Böse und Amoralische. In Zeiten solcher Blockbildungen sind Verräter die schlimmsten Feinde. Abweich- ler und Kompromissler wie Baberowski oder Schröter oder Kruecken oder auch Abtrünnige wie die Berliner »taz«-Redak- teurin Steffi Unsleber, die gerade erfahren hat, was es heißt, wenn man unter Be- schuss aus den eigenen Reihen gerät. Unsleber hatte es gewagt, als der rot- rot-grüne Berliner Senat den Mietendeckel plante, dies in einem Tweet und dann in einem Artikel für die »taz« zu kritisieren:

Die heutigen Berliner Mieter würden pro-

zu kritisieren: Die heutigen Berliner Mieter würden pro- 2001 Erster Arbeitstag: Die Brennstoff- zelle bewährt

2001

Erster Arbeitstag: Die Brennstoff- zelle bewährt sich im Alltagstest in einem Kleintransporter. In ihr wird mit Wasserstoff der Strom für die Fahrt produziert.

Sorge um die Meinungsfreiheit

Umfrage unter Journalisten und Schriftstellern:

Über die Situation der freien Meinungs- äußerung in Deutschland sind: sehr besorgt 34% teilweise besorgt
Über die Situation der freien Meinungs-
äußerung in Deutschland sind:
sehr besorgt
34%
teilweise besorgt
41
nicht besorgt
22

Online-Umfrage des Pen-Zentrums Deutschland und der Uni- versität Rostock vom 25. Juni bis zum 22. Juli 2018; 526 Befragte; an 100 fehlende Prozent: keine Angabe

fitieren, aber umso härter werde es für neu Zuziehende und für Kleinvermieter, die ihr Erspartes in eine Eigentumswohnung gesteckt hätten. Die Pläne seien »ganz schön unsolidarisch«. Als der Gesetzentwurf zum Mieten- deckel vorvergangene Woche tatsächlich kam, legte Unsleber in mehreren Tweets nach. Sie wurden Tausende Male geteilt – und scharf angegriffen als »neoliberaler Dünnpfiff«, »lebensferner Mist«, »privile- gierte Scheiße«. Gut möglich, dass die Empörung beson- ders groß war, weil jemand aus dem ver- meintlich linken Lager ein Herzensprojekt

ebendieses linken Lagers kritisierte. In auf- geheizten Zeiten wie diesen bleiben die Reihen sonst meist geschlossen. Unsleber hat ihre Daten im Melderegis- ter gesperrt, weil sie häufiger über Rechte und Neonazis berichtet. Nun ist sie erst- mals froh, dass Linksextreme ihre Adresse nicht so einfach recherchieren konnten. Bei Twitter hat sie sich abgemeldet.

Darf man alles sagen, was man sagen

will? Natürlich nicht. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber nicht das höchste in unserer Verfassung. »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, heißt es in Artikel 1 des Grundgesetzes. Man darf niemanden beleidigen, ein Arschloch nen- nen, selbst wenn er ein Arschloch ist. Anders als fast überall sonst auf der Welt ist es bei Strafe verboten, den Holocaust zu leugnen. Die Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht, aber auch Grundrechte gelten nicht gren- zenlos, allein schon deshalb, weil manche in Konkurrenz miteinander stehen. Vor al- lem aber schützt die Meinungsfreiheit nicht vor den Meinungen anderer, also vor Kritik an der eigenen Meinung. Wer reden will, muss mit Gegenrede rechnen. Das Meinungsklima ist rauer geworden. Was viel mit der AfD zu tun hat, die den

2013 Der Kohlenstoff, aus dem die Leichtbauträume sind: Serienfähige Fahrgastzellen aus carbonfaser- verstärkten
2013
Der Kohlenstoff, aus dem die
Leichtbauträume sind: Serienfähige
Fahrgastzellen aus carbonfaser-
verstärkten Kunststoffen verringern
FCU (CJT\GWIIGYKEJV 5Q JGNHGP
E-Mobile beim Energiesparen.
(CJT\GWIIGYKEJV 5Q JGNHGP E-Mobile beim Energiesparen. 2014 G rüne W elle: E rstmals wird ein Auto

2014

Grüne Welle: Erstmals wird ein Auto mit Brennstoffzelle in Groß- UGTKG JGTIGUVGNNV &KG <GNNG GT\GWIV abgasfrei Strom für den Antrieb.

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Diskurs nach rechts verschoben hat. AfD- Politiker sagen Dinge, die schon lange nicht mehr laut gesagt wurden; man könn- te argumentieren, dass sie die Meinungs- freiheit etwas breiter gemacht haben und andererseits diese Debatten nutzen, um die Meinungsfreiheit als eingeschränkt dar- zustellen – eine sich selbst bestätigende Prophezeiung. Am Samstag, dem Tag vor der Wahl in Thüringen, steht Björn Höcke, Galions- figur des völkisch-nationalen »Flügels« der AfD, auf einer Bühne in Erfurt, extra für ihn aufgebaut am prominentesten Platz der Stadt. Rechts und links der Bühne ste- hen zwei junge Männer mit riesigen Deutschlandfahnen auf Fahrzeugen. Wenn Höcke eine Pointe macht, schwenken sie das Schwarz-Rot-Gold. Meinungsfreiheit gehört zu Höckes Lieblingsthemen, sie passt gut in seine Stra- tegie: Er will das Vertrauen in die Demo- kratie, die etablierten Parteien, die Medien schwächen. Und so sagt er: »Wir sehen, wie die einzige relevante Oppositions- kraft – und das ist die AfD – von einem politisch-medialen Establishment be- kämpft wird.« Das zentrale Recht in einer Demokratie, die Meinungsfreiheit, werde mithilfe der politischen Korrektheit unter- drückt. Dann setzt er seine Pointe: »Das

Titel

politmediale Establishment dieses Landes hat unsere Demokratie in einen Gesin- nungsstaat verwandelt.«. Die Fahnen wer- den geschwenkt, das Publikum buht und applaudiert. Höcke selbst ist Gegenstand eines inte- ressanten Rechtsfalls um Meinungsfreiheit, der vor dem Verwaltungsgericht im thü- ringischen Meiningen ausgetragen wurde. Es ging um die Frage, ob man Höcke bei einer Kundgebung als Faschisten bezeich- nen dürfe. Die Stadtverwaltung Eisenach hatte dies untersagt, unterlag aber Ende September vor Gericht. In ihrer Urteilsbegründung betonen die Richter, dies sei kein aus der Luft gegriffe- nes Werturteil, das anfechtbar wäre, es gebe eine überprüfbare Tatsachengrund- lage für diese Behauptung. Die Urteilsbe- gründung verweist auf ein Interviewbuch Höckes, das im Juni des vergangenen Jah- res erschienen ist. Dort heißt es: Ein neuer Führer sei letztlich erforderlich. Teile der Bevölkerung sollten ausgeschlossen wer- den, insbesondere Migranten. Höcke trete für »die Reinigung Deutschlands« ein. Mit starkem Besen sollten eine »feste Hand« und ein »Zuchtmeister« den Saustall aus- misten. Zu Hitler erklärte er, dass er »als absolut böse dargestellt wird« und dass es nicht so »schwarz und weiß« sei.

2019

Runde Sache: E-Roller sind in Deutschland erlaubt. Reifen

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in Deutschland erlaubt. Reifen aus Urethanen – speziellen Kunststoffen – verringern den R ollwiderstand und senken

Kunststoffen – verringern den

Rollwiderstand und senken

den Stromverbrauch.

zusammen.

2025

Schneller wieder auf der Straße:

ist es, dass die Lithium-Ionen-Batterie

Ziel
Ziel

eines elektrischen Mittelklassewagens

dank hochleistungsfähiger Kathodenmaterialien in bereits 15 Minuten wieder geladen ist.

Man darf Höcke also einen Faschisten nennen. Es lebe die Meinungsfreiheit. Erst recht, wenn sie sich auf Tatsachen stützt. Am Abend der Wahl in Thüringen wird das zum geflügelten Wort: Höcke, der Fa- schist. Annalena Baerbock, Vorsitzende der Grünen, nennt ihn als Erste so, viele folgen ihr. Höcke, der Faschist, dies zu sa- gen an diesem Abend, das hat etwas von Erschrecken, aber auch von Genugtuung. In der Liverunde der Spitzenkandidaten im MDR sagt es ihm die Grüne Anja Sie- gesmund sogar ins Gesicht. Und Höcke? Hat diesen flackernden Blick. Aber er zeigt keine Empörung sei- nerseits, kein Erschrecken. Stattdessen fast so etwas wie ein Lächeln, als ob es ihn freue, dass man ihn beschimpft. Höcke und Lucke trennen viel mehr als nur ein paar Buchstaben, sie haben kaum etwas gemein, der eine ist ein Fa- schist, der andere nicht. Eine Lektion aber haben sie gelernt in diesem Theaterstück namens Meinungsfreiheit: Je lauter man sie als das Böse beschimpft, desto mehr nutzt es ihnen.

Tobias Becker, Anna Clauß, Silke Fokken, Lothar Gorris, Armin Himmelrath, Peter Maxwill, Ann-Katrin Müller, Miriam Olbrisch, Klaus Wiegrefe

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Titel

»Ich bin nicht die Sprachpolizei, und ich will auch keine haben«

SPIEGEL-Gespräch Der Chef des Springer-Verlags, Mathias Döpfner über das vergiftete Meinungsklima in Deutschland, die Tabubrüche der AfD und die Kampagnen der »Bild«-Zeitung

Döpfner, 56, ist Meinungsmacht in Person. Der Springer-Chef gebietet mit »Bild« über Deutschlands größte Boulevardzeitung. Und er persönlich hat Spaß daran, Debatten zu provozieren. Nach dem antisemitischen At- tentat von Halle veröffentlichte er in der hauseigenen »Welt« einen Artikel, in dem er Medien und Politik vorwarf, den »Wunsch- traum der Political Correctness« zu träumen.

SPIEGEL: Herr Döpfner, fast zwei Drittel der Deutschen meinen, man könne in die- sem Land nicht mehr sagen, was man den- ke. Gehören Sie auch dazu? Döpfner: Nein, und das ist auch objektiv falsch. Jeder kann in Deutschland sagen, was sie oder er denkt. Interessant ist aber, dass sich offenbar immer weniger Men- schen das auch trauen. Meine paradoxe Beobachtung: Je weniger Mut es kostet, seine Meinung zu sagen, desto weniger Mut ist vorhanden. Unter Hitler und Stalin haben Menschen ihr Leben riskiert. In Deutschland 2019 riskiert man einen Shit- storm. Und kaum einer traut sich. Das ist nicht gut. Widerspruch ist der Humus ei- ner demokratischen, offenen Gesellschaft. SPIEGEL: Es fehlt an Mut zum Wider- spruch? Ist das Ihre Diagnose? Döpfner: Ja, der Diskurs ist politisch kor- rekt sediert. Ich vermisse lebendige De- batten und überraschende Positionen. SPIEGEL: Unser Eindruck ist ein anderer:

Noch nie wurde so viel gepöbelt, gab es so viel radikale veröffentlichte Meinung. Vor allem, aber nicht nur in den sozialen Netz- werken. Döpfner: Pöbeln ist ja das Gegenteil von Debatte. Wir erleben im Moment eine Zwei- teilung: einerseits die maximale Polarisie- rung und Verrohung der Sitten vor allem in den sozialen Netzwerken. Die Sprache am Stammtisch in der Kneipe und am Stamm- tisch bei Facebook wird immer roher, into- leranter, wütender. Die Sprache vieler Poli- tiker, Journalisten, Wirtschaftsführer, Künst- ler im öffentlichen und veröffentlichten Raum wird dagegen immer vorsichtiger, steriler. Es wird immer riskanter, unvorbe- reitet und ungescripted etwas zu sagen. SPIEGEL: Sie klingen nach: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Döpfner: Dieser Spruch ist doch schon zu seiner eigenen Parodie geworden. Ich weiß schon, in welche Ecke Sie mich da drängen wollen. Aber wir versuchen hier doch zu ergründen, warum so viele Menschen die Debatte als verengt erleben, obwohl sie ja objektiv alles sagen dürfen. Und das liegt, glaube ich, wesentlich an einem gefühlten und tatsächlichen Authentizitätsverlust. SPIEGEL: Was meinen Sie damit? Döpfner: Die Menschen spüren, dass im- mer mehr Politiker und Medien eine Spra- che benutzen, die an Saft und Kraft und Ehrlichkeit verliert. Es ist eine Sprache der Euphemismen und der Fehlervermeidung. Der öffentliche Diskurs folgt den rhetori- schen Regeln der Political Correctness. Man beschreibt Dinge eher so, wie sie sein sollten, und vor allem so, dass jeder An- stoß vermieden wird. Das sorgt gerade im politischen Raum dafür, dass Menschen das Gefühl haben: Die sagen nicht, was sie denken, und tun nicht, was sie sagen. SPIEGEL: Ist nicht das Gegenteil wahr? Die AfD verschiebt die Grenzen dessen, was öffentlich sagbar ist, immer weiter. Da wird die Nazizeit zum »Vogelschiss« in der deutschen Geschichte. Döpfner: Allein dieser Satz hätte in einem Land, das ein klares, emotional tief wur- zelndes Negativverhältnis zum Antisemi- tismus hat, die AfD politisch erledigen müs- sen. Hat er aber nicht. Das zeigt, dass das Geschäftsmodell der AfD in Deutschland auf fruchtbaren Boden fällt. Meine These ist: Wir erleichtern der AfD ihre widerliche Taktik, indem wir die Räume des öffentlich Sagbaren enger machen. Das hat sogar Ba- rack Obama ganz grundsätzlich in einem Interview kritisiert. Wenn in der Öffent-

Lieber Klartext Umfrage: Wie viele Bundesbürger den folgenden Aussagen zustimmen Mir fehlen Politiker, die eine
Lieber Klartext
Umfrage: Wie viele Bundesbürger den folgenden
Aussagen zustimmen
Mir fehlen Politiker,
die eine deutliche
Sprache sprechen.
63%
Mit der politischen
Korrektheit wird es
heute übertrieben.
41%
Allensbach-Umfrage vom 3. bis 16. Mai 2019; 1283 Befragte

lichkeit nicht über Straftaten von Flüchtlin- gen gesprochen werden darf, ohne sofort den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit zu ernten, erleichtert das die Verschwörungs- theorien der Populisten und Geschichts- revisionisten. Genau das passiert gerade. SPIEGEL: Das klingt jetzt nach der AfD- Legende von den Systemmedien und Sys- temparteien, die den Menschen die Wahr- heit verschweigen. Döpfner: Eben nicht. Ich versuche es mal anders: Was waren denn die drei drastischs- ten Formulierungen, die die Bundeskanz- lerin in ihren 14 Jahren Regierung gesagt hat, die Ihnen sofort in den Sinn kommen? SPIEGEL: Ist das der Maßstab: drastische Formulierungen? Döpfner: Bei Franz Josef Strauß würde man sagen: »Haben Sie überhaupt Abi- tur?«, bei Gerhard Schröder: »Basta«. Was sagt man bei Merkel? »Wir schaffen das.« SPIEGEL: Und daran krankt die ganze poli- tische Debattenkultur? Döpfner: Wenn man die politische Spra- che zu sehr auf Political Correctness aus- richtet, erntet man den Erfolg einer Ge- genbewegung. Das zeigt Donald Trump, der ganz gezielt alle klassischen Regeln politischer Kommunikation über den Hau- fen geworfen hat und durch extreme Zu- spitzung, extreme Polarisierung, extreme Tabuverletzung die Wahl gewonnen hat. Viele Leute fanden zwar furchtbar, was er von sich gab, aber sie hatten das Gefühl:

Zumindest sagt er, was er denkt. Den an- deren Kandidaten hat man das nicht ab- genommen. Deshalb glaube ich, dass zu viel politische Korrektheit am Ende exakt das Gegenteil bewirkt: Intoleranz, Rassis- mus, Xenophobie. Das Ergebnis ist Pola- risierung, Schwächung der Demokratie. SPIEGEL: Bitte machen Sie es doch einmal konkret. Döpfner: Ich bin nicht die Sprachpolizei, und ich will auch keine haben. Aber ich gebe Ihnen zwei Beispiele. Wenn der CDU-Politiker Carsten Linnemann sagt, dass ein Kind, das kaum Deutsch versteht und spricht, auf einer Grundschule noch nichts zu suchen hat, wird ihm unterstellt, nicht über Probleme im deutschen Bil- dungssystem sprechen zu wollen, sondern

PETER RIGAUD / DER SPIEGEL
PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

Medienmanager Döpfner: »Wir erleichtern der AfD ihre widerliche Taktik«

Xenophobie zu fördern. Wenn die Profes- sorin Susanne Schröter eine Kopftuchkon- ferenz mit dem Titel »Symbol der Würde oder der Unterdrückung« organisiert, gibt es einen Aufschrei. Mit guten Absichten ins Leben gerufene Formulierungsgebote schaffen so den Raum für politische Rat- tenfänger. SPIEGEL: Sie haben nach dem Attentat auf die Synagoge in Halle einen Artikel in der »Welt« geschrieben, in dem Sie Medien und Politik vorwarfen, zu beschwichtigen und zu verharmlosen, etwa wenn es um Flüchtlinge gehe. Der Aufschrei war groß. War das Ihre Absicht? Döpfner: Ich habe von einigen professio- nellen Journalisten sehr viel harte Kritik er- lebt, auch in den Publikationen des eigenen Hauses, was ich sehr gut finde. Es zeigt Mut und Pluralität. Von Nichtprofis gab es so viel Zustimmung wie selten, quer durch das Spektrum der Gesellschaft. Die nahmen mir ab, dass hier einer ernsthaft besorgt ist darüber, dass in Deutschland nicht genug gegen Antisemitismus getan wird. Die Pro- fis fühlten sich irgendwie auf den Schlips getreten. In gewisser Weise hat die gespal- tene Reaktion genau meine These bestätigt. SPIEGEL: Beklatscht wurden Sie auch von der AfD-Sympathisantin Erika Steinbach. Döpfner: Auch das muss man aushalten. Einmal Applaus von der falschen Seite, und man ist raus, die ganze Argumentation diskreditiert? Das ist es genau, was ich mei- ne. So geht es nicht! Das ist Antidebatte. SPIEGEL: Sie glauben, Politik und Journa- listen scheuen die Debatte? Döpfner: Ich glaube, es ist nicht gesund, wenn sich die veröffentlichte Meinung zu weit vom Meinungsbild der Gesamtbevöl- kerung unterscheidet. Verstärkend wirkt das Phänomen, dass die parteipolitischen Prä- ferenzen von Journalisten in Deutschland nicht den gesellschaftlichen Durchschnitt wi- derspiegeln. Journalisten sind mehrheitlich im rot-grünen Spektrum verortet. Es braucht wieder mehr Pluralismus. Mehr Unterschie- de in der demokratischen Mitte. Damit es weniger Polarisierung an den Rändern gibt. SPIEGEL: Ihre These lautet: Mehr Krawall in der Mitte, also in Politik und Medien, be- friedet die Ränder. Die USA belegen das Ge- genteil: Zwischen Fox News und CNN, zwi- schen Demokraten und Republikanern lie- gen weltanschauliche Gräben – die gesell- schaftliche Polarisierung hat das doch ver- stärkt als gemindert. Wenn wir Ihnen folgen, landen wir doch eher bei dem Modell. Soll- ten wir nicht vielmehr sagen: Der Krach der Ränder organisiert sich von allein, aber die großen Medien müssen die Verständigung über Gemeinsamkeiten organisieren? Döpfner: Ich würde eher sagen, sie müssen kultivierten Streit in der Sache ermögli- chen. Unserer Branche rufe ich in memori- am Willy Brandt zu: mehr Nonkonformis- mus wagen!

in memori- am Willy Brandt zu: mehr Nonkonformis- mus wagen! »Bild«-Kampagne gegen Antisemitismus »Wer ist da

»Bild«-Kampagne gegen Antisemitismus

»Wer ist da eigentlich intolerant?«

SPIEGEL: Wo zum Beispiel? Döpfner: In der Klimapolitik. Die junge Generation hat als zentrale Zukunftsfrage die Zerstörung unseres Planeten und die dramatische Klimaerwärmung erkannt, zu Recht. Aber ich glaube, dass wir aufpassen müssen, nicht im Zuge dieser Bewegung wieder eine neue Form von Toleranz-, Freiheits- und Demokratievergessenheit zu befördern. Es beunruhigt mich, wenn Aktivisten sagen, dieses Anliegen ist so wichtig, dass es mit den Mitteln der De- mokratie nicht zu lösen ist, wir brauchen autoritäre Reformen für einen guten Zweck. Viel Schreckliches begann im Na- men einer guten Absicht. SPIEGEL: Aber genau die Diskussion wird doch am Beispiel Extinction Rebellion ge- rade geführt. Da wird diskutiert, ob die Bewegung Züge einer Sekte aufweist, ob das eine neue Ökodiktatur ist. Döpfner: Na, dann ist doch gut. Wenn Sie meinen, dass hier genug Mut und Nonkon- formismus bei Politikern und Journalisten bewiesen wird. Aber warum sagen 41 Pro- zent in den neuen Bundesländern, dass sie heute nicht mehr Meinungsfreiheit haben als früher? Warum sagen denn 58 Prozent der Ostdeutschen laut einer »Zeit«-Umfra- ge, dass sie sich heute vor Staatswillkür nicht besser geschützt fühlen als zu DDR- Zeiten? Das ist objektiv Unsinn. SPIEGEL: Eine Antwort haben Sie doch selbst gegeben: weil das Gefühl trügt. Döpfner: Aber das sind doch alarmierende Zahlen, die man nicht einfach abtun kann. Was läuft da in der Gesellschaft falsch? Of- fenkundig haben die Eliten versagt, da fin- det eine Entkopplung statt. Ich versuche zuallererst selbstkritisch zu sein und mei- ner eigenen Branche, die ich so liebe, den

»Einmal Applaus von der falschen Seite, und man ist raus. So geht es nicht!«

Spiegel vorzuhalten. Meine Mutter sagt im- mer: Kritik ist die höchste Form der Liebe. SPIEGEL: Kann es sein, dass es womöglich weniger um Meinungsfreiheit geht als um das Aushalten von Widerstand? Ich kann heute alles sagen, erwarte aber auch, dass dies unwidersprochen bleibt. Döpfner: Ja, das stimmt, und das könnte ein deutsches Mentalitätsproblem sein. SPIEGEL: Was ist daran deutsch? Döpfner: Wir neigen dazu, entweder ängst- lich konsensual zu bleiben und dem ande- ren recht zu geben, obwohl wir gar nicht finden, dass er recht hat – oder wir gehen auf die persönliche Ebene und werden be- leidigend, persönlich oder sogar gewaltfan- tastisch. Die Trennung von Sachebene und persönlicher Ebene fällt uns schwer. Im an- gelsächsischen Raum ist das gelernt. Da gibt es schon Debattierkurse in der Schule. SPIEGEL: In der »Bild«-Zeitung wurden vor gut einer Woche teils israelkritische Politiker und Journalisten als Förderer des Antisemitismus an den Pranger gestellt. Das war doch der Versuch, Menschen aus der Debatte zu werfen: Du bist draußen! Döpfner: Wie bitte? Wenn etwa Claudia Roth freudestrahlend eine einladende Ges- te in Richtung des iranischen Parlaments- präsidenten macht, einem Holocaust-Rela- tivierer, oder den Botschafter eines Staates, der die Vernichtung Israels als Ziel verfolgt, lachend mit »gimme five« abklatscht, dann unterstützt sie damit indirekt Antisemitis- mus. Denn sie relativiert ihn. Wenn eine Grünenpolitikerin, die überhaupt keinen Grund hat, einen Termin mit diesen Men- schen zu machen, es dennoch tut, dann ist es die Aufgabe von unabhängigen Journa- listen, darauf hinzuweisen, dass sie damit Antisemiten verharmlost und den Um- stand, dass Iran Frauen- und Schwulenrech- te mit Füßen tritt. Ich verstehe nicht, wa- rum man kritisiert, dass wir das kritisieren. Und dann sagt ein Grüner anschließend, er werde mit »Bild« nicht mehr sprechen. Wer ist da eigentlich intolerant? SPIEGEL: Es ging nicht nur um Roth, es war der kampagnenartige Versuch, eine Gruppe von Leuten außerhalb dessen zu stellen, was noch demokratischer Konsens in Deutschland ist. Döpfner: Sorry, auch die indirekte Ver- harmlosung oder Relativierung von Anti- semitismus ist für mich außerhalb des de- mokratischen Konsenses. SPIEGEL: Sie beklagen eine Verengung des Meinungsklimas und tragen selbst dazu bei. Döpfner: Ich hoffe eher eine Diskussion zu befördern. Das Gefühl, lasst mich end- lich mit Antisemitismus in Ruhe, bereitet mir größte Sorge. Und auch gegen die frei- willige Unterwerfung Deutschlands unter das chinesische Diktat beim 5G-Mobilfunk regt sich kaum Widerstand. Entweder ist das bestürzende Naivität oder fortgeschrit- tene Freiheitsvergessenheit.

Titel

SPIEGEL: Die »FAS« schrieb vergangene Woche: Manche Klage über die Einschrän- kung der Meinungsfreiheit erinnere an Fußballspieler, die gerade eine Schwalbe gemacht haben und sich jammernd zu Bo- den werfen, obwohl eigentlich niemand sie getreten hat. Döpfner: So sehe ich das nicht. Der Anlass unseres Gesprächs ist doch auch der Fall Lucke, der Fall Lindner, der Fall de Mai- zière. Die drei sind doch keine Simulan- ten. Da geht es um: Mundtotmachen, Nie- derbrüllen, Rausschmeißen. Das hat an deutschen Universitäten unselige Tradi- tion bis in die Dreißigerjahre. Und schon unterhalb dieser Schwelle wird es proble- matisch. Die Debatte um Peter Handke ist so ein Fall. Ich persönlich finde die Dinge, die er zu Serbien gesagt und ge- schrieben hat, menschenverachtend und falsch. Und trotzdem finde ich die Diskus- sion, ob er den Nobelpreis bekommen darf, verklemmt und antikünstlerisch. Das hat mit Literatur nichts zu tun und mit Meinungs- und Gedankenfreiheit sowieso nicht. SPIEGEL: Wir sollten alle etwas weniger empfindlich sein, meinen Sie?

PETER RIGAUD / DER SPIEGEL
PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

Döpfner, SPIEGEL-Redakteure*

»Bigotterien der schlimmsten Sorte«

Döpfner: Es gibt viele Fälle, wo versucht wird, etwas falsch oder böse zu verstehen und jemandem Absichten zu unterstellen, die er nicht hat. Umgekehrt gibt es Leute, die politisch sehr korrekte Sonntagsreden halten, einem aber nach dem zweiten Glas Rotwein im Restaurant Worte um die Oh- ren knallen, dass man aufstehen und gehen möchte, weil es nur noch ekelhaft, men- schenverachtend und ausländerfeindlich ist. Ich habe da Bigotterien der schlimmsten Sorte erlebt. Also: Wir sollten mehr Sen- sibilität entwickeln für das, was jemand meint, statt angreifbare Formulierungen zu verbieten. SPIEGEL: Einerseits fordern Sie: möglichst saftig und authentisch zu formulieren, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit, andererseits verlangen Sie mehr Sensibili- tät und Bereitschaft zum Zuhören. Ist das nicht ein Widerspruch?

* Isabell Hülsen und Markus Brauck in Berlin.

Döpfner: Finde ich gar nicht. Wenn ich mich ehrlich und authentisch verhalte, kann mein Gegenüber viel besser damit umgehen, kann dagegen argumentieren, ohne mich als Person abzulehnen. Wenn ich jemandem nicht traue, dass er sagt, was er denkt, ist diese Art von Dialog unmög- lich. Aber ich finde, die Debatte, die wir bisher führen, geht nicht weit genug. SPIEGEL: Viel weiter geht es doch kaum. Döpfner: Ich glaube, dass wir gerade in dem Versuch, Hate Speech in sozialen Me- dien zu begrenzen, dabei sind, den nächs- ten Fehler zu begehen. Die Verschärfung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes ist der falsche Weg. SPIEGEL: Es ist der Versuch, die Debatte mit rechtlichen Mitteln zu zivilisieren. Döpfner: Was hier passiert, hat eindeutig das Potenzial, Meinungsfreiheit zu be- schränken. Wenn demnächst ein Algorith- mus entscheidet, welche Formulierung ver- letzend, beleidigend oder falsch ist, finde ich das problematisch. Die Hauptursache für Hate Speech, für Fake News und für die zunehmende Emotionalisierung und Polarisierung der Gesellschaft ist doch die Existenz anonymer Accounts. SPIEGEL: Es wird längst ganz offen unter Klarnamen gehetzt und beleidigt. Döpfner: Aber in dem Moment, in dem jemand identifizierbar ist und den Rechts- rahmen überschreitet, ist es Aufgabe der Staatsanwaltschaft zu entscheiden, ob die- se Grenze überschritten wurde oder nicht. Ich finde, ein Account muss auch Accoun- tability, also Verantwortlichkeit, bedeuten. Die Plattformbetreiber sagen, technisch sei das nicht möglich oder zu schwer. Aber bin fest überzeugt, wenn der Gesetzgeber hier klarere Vorgaben machen würde, wür- den die Plattformen Möglichkeiten finden, dass jemand, der sich auf einem digitalen Medium äußert, auch identifizierbar ist. SPIEGEL: In vielen Verlagen muss derzeit gespart werden, allein bei Springer müssen wohl Hunderte Journalisten gehen. Gräbt sich unsere Branche im Kampf um die De- battenhoheit selbst das Wasser ab? Döpfner: Hasso Plattner hat vor Kurzem gesagt: »Ich habe gedacht, das Internet wird zur Wahrheitsfindung beitragen. Hat es aber nicht. Wir brauchen so etwas wie eine Journalistenschicht. Nicht jeder kann ins Internet hineinpinkeln.« Das geht aber nur, wenn unsere Branche weiter ein Ge- schäftsmodell hat. Gedruckte Zeitungen verkaufen sich immer weniger. Und im Netz fließen drei Viertel der Werbeerlöse zu Google und Facebook. Es kommt im- mer weniger Geld in den Redaktionen an. Die Qualität der Berichterstattung leidet dadurch. Auch das trägt zu unserem ge- sellschaftlichen Klima bei. SPIEGEL: Herr Döpfner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

23

»Wovon ernähren sich Koalabären?«

»Von den Blättern vom Apokalypsusbaum.«

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„Freiheit, die eigenen Stärken zu erforschen.“

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Verantwortung übernehmen: Schon früh merkt Jennifer, dass sie das in ihrem Berufsleben gerne einmal tun will. Und das am besten an der Schnittstelle zwischen Technik und Anwender. Der Blick auf den Menschen führt sie durch ihre wissenschaftliche Laufbahn. Das Erststudium absol- viert sie im pädagogischen Bereich, macht ihren MBA im Sales Management und schließlich ihren Doktor in Öko- nomie. Bereits den MBA erwirbt sie parallel zum Beruf, wo sie als Projektleiterin im IT-Consulting für die Autoindustrie startet. „Damals war ich die einzige Frau unter drei Dutzend IT-lern und Ingenieuren“, berichtet Jennifer. Das war eigentlich kein Problem, sondern ein Vorteil: „Ich konnte eine neue Sichtweise ins Team bringen und vor allem die Kundenperspektive stärker betonen“, sagt Jennifer. „Und doch musste ich meinen Punkt manchmal etwas deutlicher setzen als die Kollegen.“

Doch so spannend das IT-Consulting ist: Jennifer merkt, dass sie mehr will. Sie wechselt zu Volkswagen, weil sie hier die größte Chance sieht, Technikkompetenz und Führungs- arbeit zu vereinen. Jennifer nimmt an einem Nachwuchs- programm für Führungskräfte teil. „Ich hatte immer das Gefühl, bei Volkswagen dieselben Chancen zu haben wie meine männlichen Kollegen“, sagt Jennifer. Anfang 2016 gründet sie das Volkswagen IDEATION:HUB, das sie bis heute leitet. Die Kreativeinheit hilft Konzernabteilungen und

leitet. Die Kreativeinheit hilft Konzernabteilungen und Mehr Infos unter: www. YRONVZDJHQ NDUULHUH .de oder

Mehr Infos unter: www.YRONVZDJHQ NDUULHUH.de oder www.hello-possible.de

-marken bei Digitalisierungsprojekten, die Nutzerbedürfnisse umfassend abzudecken. Außerdem identifiziert sie Start- ups, die diese Anforderungen bestmöglich umsetzen. „Im IDEATION:HUB kann ich alles, was ich bisher gelernt habe, perfekt einbringen“, sagt Jennifer. „Die Lösungen finden wir dann im Team und gemeinsam mit den Nutzern.“

Schon jetzt hat Jennifer ihr Ziel erreicht, Verantwortung zu übernehmen. Vor Kurzem stieg sie ins obere Management von Volkswagen auf und übernahm eine weitere Aufgabe in der Volkswagen Group IT. „Als Führungskraft ist mir wichtig, das Team mit meiner eigenen Erfahrung zu unterstützen“, sagt Jennifer.

„Ich hatte immer das Gefühl, bei Volkswagen dieselben Chancen zu haben wie meine männlichen Kollegen.“

Gleichzeitig weiß sie als Mutter einer kleinen Tochter zu schätzen, dass sie Beruf und Familie gut vereinbaren kann. „Bei Volkswagen hat jeder und jede die Freiheit, die eigenen Stärken zu erforschen und einzubringen. Wir sind ja nicht nur Arbeitnehmer, sondern vor allem auch Menschen.“

eigenen Stärken zu erforschen und einzubringen. Wir sind ja nicht nur Arbeitnehmer, sondern vor allem auch

Dr. Jennifer Geffers Leiterin IDEATION:HUB bei Volkswagen

Think Tank Girl Hello Possible

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Deutschland

»Derzeit herrscht in der Partei eine gewisse personelle Austauschbarkeit.« ‣ S. 30

Baustelle in Berlin THOMAS TRUTSCHEL / PHOTOTHEK.NET / IMAGO IMAGES
Baustelle in Berlin
THOMAS TRUTSCHEL / PHOTOTHEK.NET / IMAGO IMAGES

Immobilien

Genosse Kapitalist

Vermögende nutzen Steuervergünstigungen für Genossenschaften aus.

Das Genossenschaftsmodell, das eigentlich Menschen ohne

viel Kapital kündigungssichere Wohnungen zu geringen Mieten ermöglichen soll, wird zunehmend für die private Bereicherung genutzt. Vermögensverwalter und Steuerberater bieten ihren Kunden an, »Familiengenossenschaften« für sie maßzuschnei- dern. Vermögende Privatpersonen erwerben dabei Gebäude und Grundstücke nicht mehr selbst oder über eine Firma, sondern über eine steuerbegünstigte Genossenschaft. So wirbt etwa ein Berater aus Baden-Württemberg bei Privatanlegern für die Fami- liengenossenschaft zum »Vermögensaufbau« und um »mal so richtig Steuern« zu sparen. Die Finanzbranche bedient sich dabei der Steuervergünstigungen, die der Gesetzgeber für Woh- nungsbaugenossenschaften geschaffen hat. So werden weder

Grunderwerbsteuern beim Einbringen von Immobilien in die Genossenschaft fällig, noch müssen Mieteinnahmen komplett versteuert werden. Für Privatanleger hat das Modell zusätz- lichen Charme. Da die Immobilien ihnen nicht privat gehören, sondern der von ihnen gegründeten Genossenschaft, fallen sie auch nicht unter die Erbschaftsteuer. »Dieses Konstrukt ist aus unserer Sicht mit dem Genossenschaftsrecht nicht vereinbar«, sagt Ingeborg Esser, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverban- des deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Lisa Paus, wohnungspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, fordert: »Der Missbrauch der Genossenschaft zur Steuervermei- dung gehört schleunigst beendet.« Auch Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sieht Handlungsbedarf. WAS

Demokratie

Karlsruhe stärken

Hamburg will das Bundesverfassungs-

gericht für den Fall stärken, dass eine demo-

kratiefeindliche Partei in Deutschland an die Macht kommt. Das sieht eine Beschluss- vorlage für die Konferenz der Justizminis-

ter in der kommenden Woche vor. Denkbar sei zum Beispiel, die für die Wahl von Ver- fassungsrichtern nötige Zweidrittelmehrheit im Grundgesetz zu verankern, heißt es darin. Außerdem könne die Autonomie des Gerichts bei der internen Geschäftsvertei- lung gestärkt werden. »Auch wenn in Deutschland zurzeit keine akute Gefahr

besteht, müssen wir uns Gedanken machen, wie wir die Unabhängigkeit des Bundesver- fassungsgerichts besser absichern können«, sagt Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne). »Es wäre ein Fehler, die Entwick- lungen in Osteuropa zu ignorieren und zu denken, das sei in Deutschland ausge- schlossen. Das ist es nicht.« RAN

Fall Jalloh

»Ungeheuerlicher Verdacht«

KATJA MARQUARD / RUB
KATJA MARQUARD / RUB

Der Bochumer Strafrechts- professor Tobias Singeln- stein, 42, über neue Indizien im Fall des 2005 in Polizeigewahrsam in Dessau verbrannten Asylbewerbers Oury Jalloh aus Sierra Leone

SPIEGEL: Bei der Auswertung einer Com- putertomografie des Leichnams von Jal- loh hat ein Radiologe jetzt festgestellt, dass dieser neben einem Nasenbeinbruch auch Frakturen des Schädels und einer Rippe erlitten hatte – und dass er zu die- sem Zeitpunkt noch gelebt haben muss. Was bedeutet das für den Fall? Singelnstein: Medizinisch kann ich das nicht beurteilen, aber für die rechtliche Aufarbeitung sind diese Befunde schon eine kleine Sensation. SPIEGEL: Jalloh soll ja in seiner Zelle mit gefesselten Händen die Matratze ange-

zündet haben, auf der er lag. Wird diese Annahme damit erschüttert? Singelnstein: Da gab es schon bisher viele Fragezeichen, nun kommen weitere hinzu. Den Nasenbeinbruch soll er sich ja selbst zugezogen haben, als er seinen Kopf auf eine Tischplatte schlug – ein Schädelbruch ist aber noch mal etwas ganz anderes. Und wie es dann zu der Rippenverletzung kam, erschließt sich auch nicht ohne Weiteres. Das lässt noch mehr daran zweifeln, dass er seine Ma- tratze selbst anzünden konnte. SPIEGEL: Das Oberlandesgericht Naum- burg hat jetzt aber einen Antrag der Initia- tive »Gedenken an Jalloh« auf neue Ermittlungen abgelehnt … Singelnstein: … das war zu erwarten, die Hürden dafür sind leider sehr hoch. Das OLG hat das neue Gutachten offenbar erst sehr spät erhalten und nur kurz erwähnt, aber nicht für ausreichend erach- tet, um die Staatsanwaltschaft zu Ermitt- lungen zu zwingen. SPIEGEL: Könnte die Staatsanwaltschaft aufgrund der Befunde erneut ermitteln?

Singelnstein: Theoretisch ja. Dem letzten Staatsanwalt, der weiterermitteln wollte, wurde der Fall aber entzogen. Insofern glaube ich nicht, dass das noch mal pas- sieren wird. SPIEGEL: Schließt sich damit die Akte? Singelnstein: Der ungeheuerliche Ver- dacht, dass hier Polizisten einen Men- schen in Gewahrsam getötet haben, bleibt ja im Raum. Ich meine daher, der Fall sollte politisch aufgearbeitet werden, mit einem parlamentarischen Untersuchungs- ausschuss. Auch da kann man ja Zeugen vernehmen und Akten anfordern. SPIEGEL: Schon zuvor sind zwei Perso- nen, die auf dieser Polizeiwache in Gewahrsam waren, gestorben. Ist es wirk- lich denkbar, dass es dort sogar drei Todesfälle wegen Misshandlungen gab? Singelnstein: Das wäre sicher extrem und erscheint einem kaum vorstellbar. Aber im Polizeigewahrsam gibt es besondere Gefährdungen, und die Aufklärung ist immer schwierig. Umso mehr sollte man diesem Verdacht mit allen noch zur Ver- fügung stehenden Mitteln nachgehen. HIP

Doktortitel

Kritik an Entscheidung über Giffey

Ein Plagiatsjäger von VroniPlag Wiki äußert Unverständnis über die Entscheidung der Freien Universität, Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) nicht den Doktortitel zu entziehen, sondern sie lediglich zu rügen. Er habe die Berliner Hochschule im Umgang mit Plagiaten bisher stren- ger erlebt, sagt VroniPlag-Mitstreiter Gerhard Dannemann. Der Wissen- schaftler wies auf den hohen politi- schen Druck hin. Für die erteilte Rüge fehlt es nach Dannemanns Einschät- zung an einer rechtlichen Grundlage. »Die Rechtsprechung lässt eine solche Rüge zu, wenn das in der Promotions- ordnung vermerkt ist«, kritisiert der Jurist. Dies sei an der Freien Universi- tät (FU) aber nicht der Fall. Der eme- ritierte FU-Professor und Sozialwissen- schaftler Peter Grottian hat Giffeys Arbeit nicht nur wegen etwaiger Fäl- schungen kritisiert, sondern wegen mangelnder wissenschaftlicher Distanz:

In der Auseinandersetzung mit ihrem Promotionsthema, der Beteiligung der Zivilgesellschaft an der EU-Politik am Beispiel von Berlin-Neukölln, habe Giffey als damalige Europabeauf- tragte von Neukölln »direkt und in- direkt über sich selbst« geschrieben, hatte Grottian im April öffentlich moniert. RED

Mobilität

Bequemer buchen fürs Klima

Die Grünen-Bundestagsfraktion setzt sich für eine Verbesserung der Mobilität durch eine Vernetzung der Anbieter ein. Dazu fordert sie die Einführung eines »MobilPasses«: einer anbieterneutralen Plattform für alle deutschen Mobilitäts- Apps, die es Bürgern ermöglichen soll, bequem ihre Reise von A nach B in ganz Deutschland zu planen und zu buchen. Vorbild ist die finnische App »Whim«, die Nutzer darüber informiert, welche Verkehrsmittel sie zu welchen Kosten in welcher Zeit zu ihrem Zielort bringen –

und das passende E-Ticket bucht. »Wir wollen, dass Bürger unkompliziert mobil sind, ohne im Tarifdschungel stecken zu

bleiben«, erklärt Fraktionschef Anton Hofreiter. Der neunseitige Antrag, der in den nächsten Wochen im Bundestag dis- kutiert werden soll, gibt nötige Schritte für den Gesetzgeber vor. So soll dieser die Anbieter von Mobil-Apps – also loka- le Verkehrsbetriebe, Carsharing-Dienste oder die Deutsche Bahn – verpflichten, »Daten vollständig, zeitnah, maschinen- lesbar, interoperabel, barriere-, kosten- und lizenzfrei« bei einer Teilnahme an MobilPass zur Verfügung zu stellen. Alle öffentlichen Verkehrsunternehmen sollen verpflichtet werden, einer Mobilitäts- plattformgesellschaft beizutreten, sodass »Netzwerkeffekte« ent-

stünden. Das Geld für jede Reise soll beim Fahrgast abgebucht und anschließend an- teilig an die einzelnen Anbieter verteilt wer- den. Für den Aufbau von MobilPass fordern die Grünen jährlich fünf Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt. »Im Ergebnis wären Busse, Bahnen und Sharing-Angebote bes- ser ausgelastet«, sagt der grüne Mobilitäts- experte Stefan Gelb- haar, »und der Klima- schutz verbessert.« AB

JAN WOITAS / DPA
JAN WOITAS / DPA

Straßenbahnhaltestelle in Chemnitz

SEBASTIAN WIDMANN

BPK

Justiz

Weniger Rechtsschutz für Opfer

SEBASTIAN WIDMANN BPK Justiz Weniger Rechtsschutz für Opfer Nebenklageanwälte im NSU-Prozess 2015 ● Opferbeauftragte

Nebenklageanwälte im NSU-Prozess 2015

Opferbeauftragte kritisieren die geplan- te Beschränkung der Zahl der Neben- kläger in Gerichtsverfahren. Laut einem Gesetzentwurf des Bundesjustizminis- teriums soll für mehrere Opfer mit »gleich- gerichteten Interessen« künftig ein ge- meinsamer Rechtsbeistand bestellt wer- den können. Damit reagiert die Regie- rung auf Mammutverfahren wie den NSU-Prozess mit fast 60 Nebenklage- anwälten oder den Loveparade-Prozess, der wegen der vielen Beteiligten im Düs- seldorfer Kongresscenter verhandelt wird. Roland Weber, Opferbeauftragter des Landes Berlin, kritisiert das Vorhaben der Großen Koalition als »rückschritt- lich«. Es stehe auch im Widerspruch zu Versprechen der Bundesregierung, die nach dem Breitscheidplatz-Anschlag ver-

kündet hatte, Gewaltopfer und Hinter- bliebene besser zu unterstützen. Groß- prozesse mit mehreren Dutzend Neben- klägern seien die Ausnahme, erklärt Weber: »Die Funktionsfähigkeit der Gerichte ist nicht in Gefahr.« Auch der Terroropfer-Beauftragte der Bundesregie- rung, Edgar Franke (SPD), warnte kürz- lich vor den Reformplänen. Ein »Opfer- anwalt auf Staatskosten ist eines der wich- tigsten Rechte von Opfern im Strafverfah- ren«, schrieb er an das von seiner Partei- freundin Christine Lambrecht geführte Justizministerium. »Eine Regelung, mit der dieses Recht beschränkt wird, ist daher kritisch zu betrachten.« Das Bun- deskabinett winkte den Gesetzentwurf Ende Oktober trotzdem durch, nun muss der Bundestag entscheiden. WOW

Hamburg

Ermittlungen gegen Ex-Innensenator

Der frühere Hamburger Innensenator

Michael Neumann (SPD) muss nach dem Verlust seines Doktortitels strafrechtliche Konsequenzen fürchten. Die Staatsan- waltschaft der Hansestadt führt gegen den 49-Jährigen ein Ermittlungsverfah- ren, wie eine Sprecherin sagt. Anlass sei die »Strafanzeige eines Hochschulprofes- sors«. Es gehe um den Verdacht der fal-

schen eidesstattlichen Versicherung im Rahmen der Promotion. Die Universität der Bundeswehr hat Neumann kürzlich den ihm dort 2017 erteilten Doktorgrad wieder entzogen. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft erklärt, nach der Ent- scheidung habe man die Unterlagen an- gefordert. Im Juli 2018 standen erstmals Plagiatsvorwürfe gegen Neumanns Dis- sertation im Raum. Neumann, der mittler- weile an der Führungsakademie der Bun- deswehr in Hamburg arbeitet, hat sich bisher nicht dazu geäußert; für eine Stel- lungnahme war er nicht erreichbar. SMS

Restitution

Hohenzoller soll Hitler- Gegner gewesen sein

Die Hohenzollern können sich im Streit

mit dem Land Brandenburg um eine Millionenentschädigung auf ein bislang unbekanntes Gutachten stützen. Darin schreiben die Historiker Wolfram Pyta und Rainer Orth, 1932/33 habe der dama- lige Kronprinz Wilhelm »aktiv an der Verhinderung« der Kanzlerschaft Adolf Hitlers »mitgewirkt«, und verweisen auf Wilhelms Nähe zu Reichskanzler Kurt von Schleicher. Schleicher zählt zwar zu den Totengräbern der Weimarer Repu- blik, wollte seinen Rivalen Hitler aller- dings stoppen. Laut Gutachten erwog er daher, entweder den Hohenzoller als »Reichsverweser« (Treuhänder der Reichsgewalt) zu installieren oder die NSDAP zu spalten und mit deren linkem Flügel ohne Hitler zu regieren. Wilhelm soll beide Vorhaben unterstützt haben; Reichspräsident Paul von Hindenburg setzte jedoch auf Hitler. Bei dem aktuellen Rechtsstreit geht es um Immobilien der

Bei dem aktuellen Rechtsstreit geht es um Immobilien der Hitler, Wilhelm von Preußen 1933 Hohenzollern, welche

Hitler, Wilhelm von Preußen 1933

Hohenzollern, welche die Sowjets nach 1945 enteigneten. Brandenburg lehnt bis- lang eine Entschädigung mit der Begrün- dung ab, Wilhelm habe dem Nationalso- zialismus »erheblichen Vorschub« geleis- tet – was die Hohenzollern bestreiten. Beiden Seiten stehen jetzt je zwei Gut- achten zur Verfügung (SPIEGEL 31/2019). Allerdings widersprechen sich die Ex- perten der Hohenzollern-Seite: Pyta/ Orth schreiben Wilhelm zu einer wichti- gen Anti-Hitler-Figur hoch, Christopher Clark – der andere Gutachter – urteilt hin- gegen, Wilhelm habe mit den Nazis sym- pathisiert, sei aber unbedeutend gewesen:

»Der Mann war eine Flasche.« KLW

Bremen

Üppig abgesicherter Bürgermeister

Der Bund der Steuerzahler kritisiert den im August zum Regierungschef in Bremen gewählten Andreas Boven- schulte, 54, scharf. Hintergrund ist der Abgang des Politikers aus der nieder- sächsischen Gemeinde Weyhe. Als Bovenschulte im Mai für die SPD als Abgeordneter in die Bremer Bürger- schaft gewählt wurde, war der Jurist Bürgermeister von Weyhe und damit Wahlbeamter. Für sein Mandat in Bre- men ließ sich Bovenschulte in Weyhe beurlauben. Im Sommer wählte der Gemeinderat den Bürgermeister ab, um einen Nachfolger wählen zu kön- nen. »Das war unsauber«, kritisiert Bernhard Zentgraf, Vorsitzender vom Bund der Steuerzahler in Niedersach- sen und Bremen, »durch die Abwahl stehen Bovenschulte üppige Versor- gungsansprüche zu.« Sollte er in Bre- men als Politiker scheitern, müsste ihm Niedersachsen monatlich mehr als 4500 Euro überweisen, moniert der Bund der Steuerzahler. Eine Alter- native wäre laut Zentgraf ein »anstän- diger Rücktritt« gewesen. Damit wären ihm die Ansprüche erst nach dem 67. Lebensjahr erwachsen, so Zentgraf. Die Abwahl als Bürger- meister von Weyhe sei »rechtsmiss- bräuchlich«. Bovenschulte sieht sich zu Unrecht beschuldigt. Er habe le- diglich von dem Recht Gebrauch gemacht, sich als Beamter ohne Be- züge beurlauben zu lassen. Alle Versorgungsansprüche würden voll- ständig mit den Bezügen als Abgeord- neter oder Bürgermeister in Bremen verrechnet. GUD

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Der Erbfolgekrieg Union Die CDU stürzt bei Wahlen ab, schuld sind die Parteichefin, die Kanzlerin
Der Erbfolgekrieg
Union Die CDU stürzt bei Wahlen ab, schuld sind die Parteichefin, die Kanzlerin –
und Männer, die deren Schwächen für eigene Zwecke nutzen.
Kanzlerin Merkel, potenzielle Nachfolger Merz, Kramp-Karrenbauer, Söder, Laschet
ILLUSTRATION: MONA EING UND MICHAEL MEISSNER FÜR DEN SPIEGEL; FOTOS: GETTY IMAGES (5)

A lle paar Monate reisen die wich- tigsten CDU-Funktionäre aus den Bundesländern für eine Konfe-

renz in die Parteizentrale nach Berlin. Als die Geschäftsführer und Gene- ralsekretäre in dieser Woche wieder einmal im Konrad-Adenauer-Haus eintrafen, um sich über strategische und organisatorische Fragen auszutauschen, wartete ein promi- nenter Referent auf sie: Karl Nehammer, Generalsekretär der österreichischen ÖVP. Der 47-Jährige berichtete den CDU- Leuten, wie es der österreichischen Part- nerpartei gelungen ist, den jungen Spitzen- mann Sebastian Kurz nach Ibiza-Skandal und Koalitionsbruch wieder zum Kanzler zu machen. In diesem Wahlkampf, so soll Neham- mer Teilnehmern zufolge berichtet haben, hätten die österreichischen Konservativen weitgehend auf Werbeanzeigen verzichtet und dafür auf die eigenen Leute als Multi- plikatoren gesetzt. Die ÖVP-Mitglieder und Sympathisanten, ob Unternehmer, Frauenverbände oder Landburschen, sei- en darauf getrimmt worden, ihre Freunde, Kollegen, Nachbarn mit eigenen Aktionen für Sebastian Kurz zu mobilisieren. Im kleinen Österreich funktionierte das Experiment: Die »Liste Kurz« erhielt 37,5 Prozent und hat die Wahl klar gewon- nen. Schön für die Parteifreunde in Wien. Nur: Wo ist ein solcher Heilsbringer für die CDU? Es gibt ihn nicht. Da ist die schwer angeschlagene Partei- chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, die ihr Amt auch nach bald einem Jahr noch nicht ausfüllt. Ihre Umfragewerte sind ver- heerend, ihre Autorität wird in CDU-Gre- miensitzungen sogar vom Chef der Partei- jugend offen infrage gestellt. Größer kann die Blamage kaum sein. Klar, es gibt auch die frühere CDU-Vor- sitzende Angela Merkel, die immer noch hohe Beliebtheitswerte genießt, aber auf den letzten Metern ihrer Kanzlerschaft jeden Gestaltungsanspruch aufzugeben scheint. Seit Monaten hält sie sich bei den vielen Konfliktherden in Partei und Koali- tion zurück, ob Grundrente oder Syrien- krieg. Sie lässt die Dinge laufen. In der Union wachsen Zorn und Frust über die beiden Frauen an der Spitze. Die eine hat Macht, will aber nicht führen. Die andere kann nicht führen, weil sie macht- los ist. Bei wichtigen Landtagswahlen ver- zeichnete die CDU starke Verluste, die Bundespartei stagniert in Umfragen und zerreibt sich sogar über fundamentale Prinzipien wie die Ablehnung der Links- partei als politischen Partner. »Meine Hoffnung war, das Doppel Kramp-Karrenbauer mit Merkel würde uns als Partei stark nach vorne bringen«, sagt der CDU-Innenexperte Armin Schus- ter. »Das hat leider gar nicht funktioniert.«

Deutschland

Das Führungsvakuum in Partei und Re- gierung setzt destruktive Kräfte frei. Es melden sich Möchtegern-Kanzlerkandida- ten, Politpensionäre und ehrgeizige Jung- spunde zu Wort, die mal die Parteichefin und mal die Bundeskanzlerin attackieren, mal lauter, mal leiser. Zu ihnen zählt der Beinahe-Parteichef Friedrich Merz, der 2018 die Stichwahl ge- gen Kramp-Karrenbauer knapp verlor. Er arbeitet sich vor allem an der »grotten- schlechten« Regierungsarbeit seiner alten Rivalin Angela Merkel ab, kritisiert ihre »Untätigkeit und mangelnde Führung«. Ähnlich agiert der ehemalige hessische Re- gierungschef Roland Koch, der Merkel in der Zeitschrift »Cicero« vorwirft, »Argu- mentationsenthaltung« zu betreiben. Die zweite Front formiert sich gegen Parteichefin Kramp-Karrenbauer und stellt ihre Kompetenz und Autorität infrage. Da wäre Armin Laschet, Chef des stärksten CDU-Verbands Nordrhein- Westfalen, mit eigenen Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur. Er nutzt manche Gelegenheit, hier einen Vorschlag der Parteivorsitzenden zu kritisieren und dort ein schiefes Zitat von ihr sanft zu korri- gieren. Richtig gefährlich wird es für Kramp- Karrenbauer, wenn sich Zweifler und Kritiker melden, denen man nicht vor- werfen kann, nur die eigene Karriere be- schleunigen zu wollen. So wie Parteifreun- din Susanne Eisenmann, die Kultusminis- terin in Baden-Württemberg, die klagt:

»Die Handschrift der CDU ist nicht klar erkennbar. Da muss mehr Führung und Li- nie rein.« Es brauche politische Köpfe, »die authentisch für christdemokratische Grundüberzeugungen eintreten«. Eisen- mann: »Derzeit herrscht in der Partei eine gewisse personelle Austauschbarkeit.« Oder Michael Brand, Innen- und Ver- teidigungsexperte der Union, der fordert, die CDU müsse endlich wieder »inhaltlich kontrovers diskutieren und damit die Mei- nungsführerschaft zurückerobern«. Ist Kramp-Karrenbauer schlicht nicht kanzlertauglich, fragen sich selbst die, die es eigentlich gut mit »AKK« meinen, wie Heinz Eggert, ein Urgestein der sächsi- schen CDU. Eggert hat die Saarländerin, anders als viele sächsische Kollegen, an- fangs unterstützt. »Inzwischen habe ich allerdings den Eindruck, die erhoffte Wen- de ist nicht eingetreten.« Entweder gelinge Kramp-Karrenbauer noch ein Befreiungsschlag, der ihre Akzep-

Richtig gefährlich wird es, wenn sich Kritiker melden, die »AKK« bis- lang unterstützt haben.

tanz bei den Wählern steigere, sagt Eggert. »Oder man muss neu nachdenken.« Man könnte diesen Machtkampf als rein innerparteiliches Spektakel abtun, wenn nicht viel mehr auf dem Spiel stünde. Mit der Union gerät nach der SPD die letzte verbleibende Volkspartei ins Schlingern. Die Flüchtlingspolitik des Jahres 2015 hat die CDU in eine Sinnkrise gestürzt, aus der sie sich bis heute nicht befreit hat. Und wenn schon die CDU an der eige- nen Führung zweifelt – warum sollten die Wähler ihr dann vertrauen?

Zwei Bilder von Annegret Kramp-Kar-

renbauer illustrieren ihr Drama, zwischen ihnen liegen gut zehn Monate: Das eine zeigt die CDU-Frau auf dem Gipfel, das andere am Abgrund. Da ist das Bild des Parteitags vom De- zember 2018: Kramp-Karrenbauer winkt den Delegierten zu, mit Tränen der Rüh- rung kämpfend. Gerade hat sie erfahren, dass sie Friedrich Merz im Rennen um den CDU-Vorsitz besiegt hat, mit dem knap- pen Vorsprung von 35 Stimmen. Der Saal jubelt, auch die Merz-Anhänger klatschen für die Parteifreundin aus dem Saarland. Das andere Bild ist jenes, das »AKK« diese Woche im Konrad-Adenauer-Haus abgibt. Blass und schmallippig tritt sie vor die Journalisten, es ist die Pressekonferenz nach der Thüringenwahl, bei der die CDU eine historische Niederlage kassiert hat:

Nur noch drittstärkste Kraft, ausgerechnet ein linker Ministerpräsident und ein Rechtsaußen an der AfD-Spitze haben sich vor den CDU-Spitzenkandidaten Mike Mohring geschoben. Stimmt es, fragt ein Reporter, dass in der Vorstandssitzung am Morgen Kramp- Karrenbauers Position als Bundesvorsit- zende infrage gestellt worden sei? Ja, be- stätigt sie, »die Führungsfrage wurde ge- stellt«. Sie selbst finde zwar, dass die CDU erst 2020 einen Kanzlerkandidaten küren müsse. Aber: »Wer immer meint, diese Frage müsse jetzt in diesem Herbst ent- schieden werden, der hat auf dem Bundes- parteitag die Gelegenheit dazu.« Damit hat die Vorsitzende selbst den Machtkampf in der CDU für eröffnet er- klärt. Seitdem scheint es, als würde vor al- lem Kramp-Karrenbauers Nervenstärke sie noch im Amt halten. In Krisensituatio- nen, wenn sie direkt angegriffen wird, be- hält sie die Ruhe. Es ist höchst unwahr- scheinlich, dass einer ihrer Rivalen es wagt, sie auf dem Parteitag in Leipzig Ende November offen herauszufordern. Andererseits ist die Dynamik solcher Treffen unberechenbar. Und wie stark ist eine Parteichefin, die sich nur mit ver- zweifelten Kampfansagen im Amt halten kann? Schuld an ihrer Misere sind nicht allein eigene Fehler. Ausgerechnet ihre Verbün-

dete Angela Merkel leistete einen wichti- gen Beitrag dazu, dass ihre Nachfolgerin ins Wanken geriet. Anfangs schien Kramp-Karrenbauer al- les zu glücken. Weil fast die Hälfte der CDU-Delegierten nicht für sie gestimmt hatte, bemühte sie sich, die Anhänger von Merz und des im ersten Wahlgang ausge- schiedenen Gesundheitsministers Jens Spahn zu versöhnen. Sie besuchte den Wirtschaftsflügel, bot Friedrich Merz eine vertrauensvolle Zusammenarbeit an. Und sie veranstaltete ein Werkstattgespräch zur Flüchtlingspolitik, das die Kritiker von Merkels Politik wieder mit der Partei ver- söhnen sollte. Dann kippte die Stimmung. Karnevals- scherze über Toiletten für das dritte Ge- schlecht, schiefe Aussagen über die Mei- nungsfreiheit im Internet und Andeutun- gen über einen Parteiausschluss des CDU- Rechtsaußen Hans-Georg Maaßen hätte die Partei einer Landespolitikerin viel- leicht durchgehen lassen. Doch bei einer CDU-Chefin, die eines der wichtigsten Industrieländer führen will, wird jeder Satz wie unter dem Mikroskop seziert. Auf Kritik reagierte Kramp-Karrenbau- er oft patzig. Mal erklärte sie, die Deut- schen seien »das verkrampfteste Volk, das überhaupt je auf der Welt rumläuft«, mal warf sie den Medien absurde Unterstellun- gen vor. Noch verhängnisvoller waren Kramp- Karrenbauers strategische Fehlschläge, mit denen sie ihre Fans vor den Kopf stieß. Li- berale Parteifreunde, die sich für sie und gegen Merz eingesetzt hatten, klagten bald nach der Vorsitzendenwahl, die neue Che- fin interessiere sich wenig für ihren Rat. »AKK« verbringe zu viel Zeit damit, hieß es, Parteifreunde zu versöhnen, die ohne- hin nie ihre Verbündeten sein würden. Tatsächlich haben sich die von ihr so umworbenen Unternehmer und Verbände längst wieder von Kramp-Karrenbauer abgewandt. Wie wenig nachhaltig ihre Charmeoffensive bei der Mittelstands- union war, zeigt sich daran, dass der Wirt- schaftsklub Friedrich Merz in seinen Bun- desvorstand holen will. Ein konkreter Anlass fehlt, offensichtlich will man den heimlichen Herausforderer einfach an sich binden. Vizechef des CDU-Wirtschaftsrats ist Merz ohnehin schon. Die Enttäuschung des »AKK«-Lagers über den Kurs der Chefin verstärkte sich nach ihrem Werkstattgespräch zur Migra- tion. In einem Interview erklärte sie, in der Flüchtlingspolitik komme als »Ultima Ratio« auch eine Schließung der deutschen Grenzen infrage. Selbst für die Zurück- weisung von Flüchtlingen an der Grenze zeigte sie sich offen. Damit distanzierte sich Kramp-Karren- bauer von Merkel – obwohl sie die Kanz- lerin in diesen Fragen stets gestützt hatte.

Deutschland

Auf Talfahrt

Abschneiden der Unionsparteien bei Landtagswahlen seit der Bundestagswahl 2017

 

Veränderung

gegenüber

 

der Vorwahl,

Bundestagswahl

 

in Prozentpunkten

2017

32,9%

 
2017 32,9%   – 8,6

8,6

Niedersachsen

 

2017

33,6

 
2017 33,6   – 2,4

2,4

Bayern (CSU)

 

2018

37,2

2018 37,2 – 10,5

– 10,5

Hessen

2018

27,0

 
2018 27,0   – 11,3

– 11,3

Bremen

2018

26,7

 
2018 26,7   +4,3

+4,3

Sachsen

2019

32,1

 
2019 32,1   – 7,3

– 7,3

Brandenburg

 

2019

15,6

 
2019 15,6   – 7,4

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Thüringen

2019

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2019 21,8   – 11,7

– 11,7

Die Parteirechten, versammelt in der Platt- form WerteUnion, dankten es ihr nicht. Aber ihr Verhältnis zu Merkel kühlte sich deutlich ab. Die Kanzlerin bezog öffentlich Stellung gegen die CDU-Chefin: »Gerade was das Thema der Zurückweisung an der Grenze anbelangt, haben wir ja in den vergange- nen Monaten sehr viel diskutiert«, sagte sie in Anspielung auf den Streit mit der CSU, der die Union im Sommer 2018 fast gesprengt hätte. »Und da hat sich an mei- ner Meinung nichts geändert.« Von nun an gingen Kramp-Karrenbau- ers Helfer intern auf Distanz. Die Chefin der Frauen-Union, Annette Widmann- Mauz, ermahnte die Vorsitzende in klei- nem Kreis, sich darauf zu besinnen, wofür

MAURICE WEISS / OSTKREUZ
MAURICE WEISS / OSTKREUZ

Netzwerker Spahn

Kontakte weit über die CDU hinaus

die Delegierten sie gewählt hätten. Und die Mitbegründerin der »Union der Mitte«, die schleswig-holsteinische Bildungsminis- terin Karin Prien, sagte: »Wir dürfen nicht den falschen Eindruck erwecken, dass die CDU nach rechts rückt.«

Weiteren Ärger zog Kramp-Karrenbau- er auf sich, als die Parteizentrale am Abend der Europawahl mit ihrer Billigung

eine Wahlanalyse verbreitete. Darin wur-

de die Schuld für das schlechte Abschnei-

den der Union auf alle möglichen Akteure

verteilt: die Junge Union, die WerteUnion, den schwachen Spitzenkandidaten Man- fred Weber und die abwesende Bundes- kanzlerin – nur die Parteivorsitzende schien schuldlos. Als sie die Partei dann auch noch mit

ihrer Entscheidung überrumpelte, das Ver-

teidigungsministerium zu übernehmen,

war der Rückhalt endgültig dahin. Zumal

sie erst kurz zuvor verkündet hatte, die CDU brauche ihren vollen Einsatz. All diese Fälle zeigen ein Muster:

Kramp-Karrenbauer agiert oft vorschnell und ohne große Absprachen, allein um des taktischen Vorteils willen. So wie zuletzt, als sie in der vorvergangenen Woche eine aktivere deutsche Außenpolitik und die Einrichtung einer Schutzzone in Syrien forderte. Die Idee war diskussionswürdig, aber weil Kramp-Karrenbauer sie inhalt- lich weder vorbereitete noch hochrangige Koalitionspartner einbezogen hatte, scha- dete sie ihrem eigenen Anliegen. Ja, es sei ein »Alleingang« gewesen, räumte Kramp-Karrenbauer jüngst im CDU-Präsidium ein.

Angela Merkel saß mit in der Führungs-

runde und dürfte sich ihren Teil gedacht haben. Merkel ist kein Fan allzu hastiger Entscheidungen. Manche behaupten, sie sei kein Fan von Entscheidungen an sich. Wie es um das Verhältnis der zwei Spit- zenpolitikerinnen steht, darüber rätseln Parteifreunde, seit sich das holprige Tan- dem gebildet hat. An sich galt Kramp-Kar- renbauer immer als Wunschnachfolgerin Merkels bei Parteivorsitz wie Kanzleramt, auch wenn die Kanzlerin es vermied, sich öffentlich auf einen Favoriten festzulegen. Doch die politische Freundschaft der Frauen wurde mit dem Machtwechsel in der CDU auf eine harte Probe gestellt. Von Anfang an wollte sich die neue Par- teichefin von der Kanzlerin absetzen, ohne illoyal zu wirken. Sich gegenseitig unterstützen und entlasten – und so den Machtwechsel vorbereiten –, das war der Plan. Die Hoffnung wurde enttäuscht: Die beiden arbeiten nebeneinanderher, ähn- lich wie Partner in einer längst erkalteten Gewohnheitsehe. Bei Merkel schlich sich Misstrauen ein, als Kramp-Karrenbauer auf dem Werk-

DOMINIK BUTZMANN

DOMINIK BUTZMANN Herausforderer Merz: Kritik eines Außenseiters te in der »Frankfurter Allgemeinen«, dass das

Herausforderer Merz: Kritik eines Außenseiters

te in der »Frankfurter Allgemeinen«, dass das schwarz-rote Klimapaket »die Wettbe- werbsfähigkeit der Industrie ruiniert«. Die Mittelstandverbände klagen, dass sie auf die versprochenen Gesetze zur Steuersen- kung oder zum Bürokratieabbau bis heute warten. Paradigmatisch für den Zustand der Koalition ist aber der Streit um die Grund- rente, in den sich Union und SPD in den vergangenen Monaten verbissen haben. Er wird auch deshalb so heftig geführt, weil große Teile der Unionsfraktion der SPD nicht länger entgegenkommen wol- len, um die Koalition zu retten. Zumal die meisten in der Union damit rechnen, nach der Kür der SPD-Vorsitzenden wieder mit neuen Bedingungen für den Erhalt der Regierung konfrontiert zu werden. Da Merkels oberstes Ziel der Fortbe- stand der Koalition zu sein scheint, richtet sich der Unmut der Abgeordneten primär gegen sie – aber auch gegen die Parteiche- fin. »Ich erwarte von Annegret Kramp- Karrenbauer, dass sie der SPD zeitnah deutlich macht, dass mit der CDU ein Ab- weichen vom Koalitionsvertrag nicht zu machen ist«, sagt der Hamburger Bundes- tagsabgeordnete Christoph Ploß. Es sind vor allem die Jungen, die aufbe- gehren. »Bei der Grundrente geht es um

stattgespräch zur Flüchtlings- politik bestand. Sie hielt das Projekt für schädlich, weil es das aus ihrer Sicht abgeschlos- sene Kapitel der Flüchtlings- krise unnötig wieder öffnete. Tiefer wurden die Risse, als in der CDU vor der Europa- wahl Spekulationen über ei- nen Rücktritt Merkels lanciert wurden. In Zeitungen erschie- nen Gedankenspiele, wonach Kramp-Karrenbauer Merkel im Falle eines schlechten Er- gebnisses auf einer Vorstands- klausur zum Rücktritt treiben könnte. Die CDU-Chefin de- mentierte die Gerüchte erst nach einigen Tagen deutlich, zu spät für den Geschmack des Kanzleramts. Prompt tauchten gegenläu- fige Gerüchte auf: Merkel sei enttäuscht von »AKK«, hieß es, und habe sie als Nachfol- gerin abgeschrieben. So wur- den die Verbündeten immer mehr zu Konkurrentinnen. Den Preis der Reibereien zahlten Kramp-Karrenbauer und die CDU – nicht Merkel. Die Kanzlerin konnte ihre guten Umfragewerte nie in Erfolge für die Partei ummün- zen, doch seit ihrem Rückzug vom Vorsitz scheint sie es auch nicht mehr zu versuchen. Merkel wirkt wie befreit von der Last, sich um die CDU kümmern zu müssen, und agiert, als ginge die Partei sie nichts an. Kramp-Karrenbauer, das wurde klar, steckte in einem Dilemma. Da es für sie nicht mit Merkel voranging, musste sie sich gegen Merkel profilieren. Doch Differen- zen mit der Kanzlerin gehen stets zulasten der Parteichefin aus.

Die schwache Performance der CDU in

der Regierung sorgt in der Partei flügel- übergreifend für Missmut. Er ist fast so groß wie beim Partner SPD und zieht sich durch alle Bereiche, von der Klimapolitik über die Migration bis zur Wirtschaftspolitik. Und stets reibt sich die Basis an der Pas- sivität der Kanzlerin. Merkel war nie eine Frau für Machtworte. Sie glaubt, dass Basta-Ansagen ihre Wirkung bald verlie- ren, wenn sie zu oft kommen, und dass vorschnelle Positionierungen sich rächen. Es sind die Grundprinzipien ihrer Politik. Aber seit die Kanzlerin nichts mehr zu ver- lieren hat, verliert die Union mit diesem Führungsstil die Geduld. Am meisten leiden der CDU-Wirt- schaftsflügel, die Verbände und die Unions- klientel in den Unternehmen an der Gro- Ko. BDI-Präsident Dieter Kempf jammer-

die Frage: Welche Politik ma- chen wir als Union?«, sagte der Chef der Jungen Gruppe der Union im Bundestag, Mark Hauptmann. Bei der Frage einer Bedürftigkeitsprü- fung »sollten wir uns keinen Millimeter bewegen«. Die Erwartung könnte ent- täuscht werden. Mehrere Stunden verhandelten Union und SPD am Donnerstag bis in die Nacht über die Grund- rente. Man sei sich näherge- kommen, hieß es. Das dürfte die Unzufriedenheit nicht schmälern. Selbst Anhänger Merkels wie der Parlamentarische Staatssekretär im Wirtschafts- ministerium, Oliver Wittke, wollen deshalb »gewappnet sein« und ähnlich wie die SPD den Fortbestand der Ko- alition an Bedingungen knüp- fen – in erster Linie für die Wirtschaftspolitik. Das politische Vakuum, das Merkels Führungsstil ge- schaffen hat, konnte Kramp- Karrenbauer nicht füllen. Ob- wohl sie den Prozess für ein neues Grundsatzprogramm angestoßen hat, weiß die CDU weniger denn je, wohin sie strebt. Dieses Vakuum nutzen die Konservati- ven jetzt für einen Machtkampf. Sie for- dern die Besinnung auf die alten Werte, der Wirtschaftsflügel Vorrang für die marktwirtschaftlichen Reformen. Die libe- ralen Unionspolitiker wiederum ringen da- rum, Merkels Erbe zu bewahren. Was fehlt, ist das große Herzensthema, das alle eint.

Goldene Zeiten also für Herausforderer.

Gleich vier Männer werden in der Union gehandelt. Abgesagt hat vorerst CSU-Chef Markus Söder. Er muss erst einmal in Bayern liefern. Mit dem Ergebnis der letz- ten Landtagswahl, bei der die absolute Mehrheit verloren ging, ist kein Partei- freund im Freistaat zufrieden. Aber Söder hat immer verkündet, er wolle maximal zwei Legislaturperioden Ministerpräsident sein. Er wäre folglich im Jahr 2028 frei für andere Jobs. Jens Spahn ist der Jüngste im Kandida- tenkarussell, und Geduld ist nicht seine stärkste Eigenschaft. Doch er hat dazu- gelernt. Am Mittwochabend nimmt Spahn auf einer Bühne in einer ehemaligen In- dustriehalle am Stadtrand von Düsseldorf Platz, wo früher Stahl produziert wurde. War die Attacke von Merz Nestbe- schmutzung?, fragt die Moderatorin. »Das

DER SPIEGEL

Nr. 45 / 2. 11. 2019

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Wahlen In Thüringen dürfte Ministerpräsident Bodo Ramelow zu einer Minderheitsregierung gezwungen sein – das wird knifflig.

Stille Verbündete

Noch hat der Ministerpräsident Zeit, mindestens bis zum 7. November. Dann erst wird das endgültige Ergebnis der Thüringer Landtagswahl verkündet. Da die FDP nach den vorläufigen Zahlen äußerst knapp über der Fünfprozent- hürde in das Parlament eingezogen ist, kann sie nach einer Kontrolle der Einzel- ergebnisse noch rausfliegen. Regierungs- chef Bodo Ramelow (Linke) verabschie- det sich bis zur Verkündung des Ergeb- nisses ziemlich lässig in den Urlaub. Dabei hat Ramelows rot-rot-grüne Regierung keine Mehrheit mehr, wenn das Ergebnis so bleibt. Weiterregieren kann er trotzdem. Nach der Landesver- fassung bleibt der Ministerpräsident so lange geschäftsführend im Amt, bis ein neuer Regierungschef gewählt ist. Und

Ferne Mehrheit

Sitzverteilung im thüringischen Landtag FDP Grüne 5 CDU SPD 5 8 21 Absolute Linke AfD
Sitzverteilung im thüringischen Landtag
FDP
Grüne
5 CDU
SPD
5
8
21
Absolute
Linke
AfD
Mehrheit:
22
29 46 Sitze
Stand:
28. Oktober 2019

wenn sich Ramelow selbst im Landtag zur Wahl stellt, genügt ihm im dritten Wahlgang eine relative Mehrheit – er muss nur mindestens eine Stimme mehr bekommen als andere Bewerber. Auch Thüringens CDU-Chef Mike Mohring liebäugelt mit einer Minderheitsregie- rung unter seiner Führung: Theoretisch denkbar wäre ein Bündnis aus CDU, SPD, Grünen und FDP. Das Regieren ohne Mehrheit ist etwa in skandinavischen Ländern nicht außerge- wöhnlich, doch es gibt auch Beispiele aus Deutschland. Mehr als 30 Minderheits- regierungen gab es hier seit 1949. Oft hiel- ten sie nur wenige Wochen, etwa nachdem ein Koalitionspartner abgesprungen war, nur manchmal funktionierten sie länger. Den Langzeitrekord hält der verstorbe- ne SPD-Mann Reinhard Höppner, der in Sachsen-Anhalt von 1994 bis 2002 über zwei Legislaturperioden hinweg Minder- heitsregierungen anführte – toleriert von

der PDS, der Vorläuferpartei der Linken. In Nordrhein-Westfalen hielt die Sozialde- mokratin Hannelore Kraft ab Juli 2010 708 Tage lang ohne Mehrheit durch, ebenfalls unterstützt von den Linken. Solche stillen Verbündeten helfen Min- derheitsregierungen bei wichtigen Abstimmungen über Gesetze, Personal oder den Haushaltsplan. Häufig genügt dafür schon eine Stimmenthaltung. Aber auch ohne Tolerierung können Minderheitsregierungen überleben, wenn die Opposition sich nicht auf eine Regierungsübernahme einigen kann. 2008 hatten SPD, Grüne und Linke in Hessen eine Mehrheit, dennoch über- stand CDU-Ministerpräsident Roland Koch 306 Tage im Amt, weil SPD-Chefin Andrea Ypsilanti nicht alle ihre Abgeord- neten hinter sich bringen konnte. Koch wurde dafür kritisiert, dass er Mehrheits- beschlüsse, die ihm nicht passten, allen- falls schleppend umsetzte. Später sagte er, das Land sei auch ohne Mehrheit »sta- bil zu regieren« gewesen.

Die Gefechtslage in Erfurt sortiert der- zeit Ramelows Staatskanzleichef Benja- min Hoff (Linke). Er weiß, dass zwei Drittel der Thüringer laut Forschungs- gruppe Wahlen eine Minderheitsregie- rung eher schlecht finden. Doch eine Alternative gebe es nicht, meint Hoff. Die Lage scheint gar nicht so ungüns- tig, solange CDU und FDP auf Distanz zur AfD bleiben. Hoff fand in einem Buch des Göttinger Sozialwissenschaft- lers Stephan Klecha die Empfehlung, dass Minderheitsregierungen ihre Zustim- mung im Parlament nicht offen, sondern »durch zähe Debatten und Aushandlun- gen im Verborgenen« suchen müssten. Auf Hinterzimmerdeals dürfte auch Ramelow setzen, dem vier Stimmen zur Mehrheit fehlen. Den Koalitionsvertrag, wenn es überhaupt einen gibt, will sein Dreierbündnis knapphalten, das schafft Spielräume für Zugeständnisse an FDP oder CDU. Im Gegenzug spekulieren die Koalitionäre auf Abweichler aus der Opposition, etwa bei der Abstimmung zum Landeshaushalt im nächsten Jahr. Die Statistik spricht dafür, dass Rame- low es bis dahin schaffen kann. Laut einer Studie des Bundestags hielten sich Minderheitsregierungen in Deutschland im Schnitt immerhin 300 Tage.

Matthias Bartsch, Steffen Winter

hilft doch jetzt alles nicht«, sagt Spahn und wird lauter. Die Regierung habe so viel er- reicht, »aber gleichzeitig haben wir es ge- schafft, dass das keiner merkt, weil wir viel schlechten Streit haben«. Dann kommt er zur Kanzlerin. Es gebe »zwar Dankbarkeit und Wertschätzung«, dass Merkel das Land viele Jahre durch vie- le Krisen geführt habe. Und dennoch: »Wir machen uns gerade auf den Weg in ein neu- es Jahrzehnt, wo sind die neuen Ideen da- für?« Es brauche Antworten auf die Frage, wo man hinwolle mit Deutschland. Angriffe als Sorge um das Land zu ver- kleiden, das kann Spahn, ebenso wie Nie- derlagen in Siege ummünzen. Den Partei- vorsitz mag er vorerst an Kramp-Karren- bauer verloren haben, dafür hat er an Pro- fil gewonnen. 18 Gesetze und Entwürfe hat er bislang vorgelegt, sein Gesundheitsministerium überhöht er gern mit einer politischen Er- zählung: Wenn die Politik Vertrauen zu- rückerobern wolle, müsse es darum gehen, den Alltag der Menschen spürbar besser zu machen. Das sieht er auch als Rezept gegen die AfD. In Düsseldorf möchte die Moderatorin wissen, ob Kramp-Karrenbauer nach dem CDU-Parteitag im November noch Vorsit- zende ist. »Ja«, presst Spahn heraus. Dann nimmt er einen Schluck aus dem Wasser- glas, das vor ihm steht, als müsste er sich danach den Mund spülen. Friedrich Merz dürfte in Gedanken schon bei seinem Auftritt auf dem CDU- Parteitag Ende November in Leipzig sein. Er hat sich nach der Niederlage wieder zurückgeboxt, wird gar als Kanzlerkandi- dat der Union gehandelt. Besser als Mer- kel würde er den Job als Regierungschef allemal machen, davon gibt Merz sich in kleinen Runden schon lange überzeugt. Nur möchte er ungern selbst den Arm heben. Eine Urwahl des Unions-Kanzlerkandi- daten, über die der Bundesparteitag auf Antrag der Jungen Union entscheiden soll, wäre aus Sicht von Merz und seinen Fans das perfekte Vehikel: Die Mehrheit der Basis würde sicher für ihn votieren, glau- ben sie. »Annegret Kramp-Karrenbauer ist nicht nur ungeeignet als Kanzlerkandidatin, son- dern auch als Parteivorsitzende«, sagt Lau- renz Kiefer. Er ist Kreisvorsitzender der Jungen Union München-Mitte und findet, je früher die CDU-Chefin gehe, desto besser. Auf der Landesversammlung der baye- rischen Jungen Union kam erstmals die Idee für einen Urwahlantrag auf. Einen Monat später war JU-Chef Tilman Kuban beim Oktoberfest in München. Wie meh- rere Quellen berichten, soll dort die Idee besprochen worden sein, Merz zum JU- Deutschlandtag einzuladen und ihm mit

HC PLAMBECK

HC PLAMBECK Unionspolitiker Kramp-Karrenbauer, Mohring: »Ungeeignet als Kanzlerkandidatin« dem Urwahlantrag eine Rampe

Unionspolitiker Kramp-Karrenbauer, Mohring: »Ungeeignet als Kanzlerkandidatin«

dem Urwahlantrag eine Rampe in Rich- tung Kanzlerkandidatur zu bauen. Kuban streitet dies ab. »Der Urwahl- antrag hat nicht das Ziel, eine bestimmte Person zum Kanzlerkandidaten zu ma- chen, sondern die Basis zu motivieren«, sagt er. »Es ist einfach nicht mehr zeitge- mäß, dass einige wenige über die Kanzler- kandidatur entscheiden.« Das jüngste Bundestreffen der JU in Kramp-Karrenbauers alter Wirkungsstätte Saarbrücken geriet jedenfalls zur Krö- nungsmesse für Merz. »Er ist mein Wunschkandidat und auch der Favorit der Parteibasis«, schwärmt Kiefer. Große Chancen hat der Urwahlantrag indes nicht. Die CSU hat ihn bereits zu- rückgewiesen, deshalb ist auch in Leipzig mit einer Niederlage zu rechnen. »Meiner Meinung nach hat sich das bisherige Ver-

Annegrets Abstieg

Veränderung der Zustimmungswerte gegenüber Januar 2019

Union (Sonntagsfrage)Veränderung der Zustimmungswerte gegenüber Januar 2019 Angela Merkel Annegret Kramp-Karrenbauer –3,5 % 0 23%

gegenüber Januar 2019 Union (Sonntagsfrage) Angela Merkel Annegret Kramp-Karrenbauer –3,5 % 0 23%

Angela Merkel

gegenüber Januar 2019 Union (Sonntagsfrage) Angela Merkel Annegret Kramp-Karrenbauer –3,5 % 0 23% –5,4 % 53%

Annegret Kramp-Karrenbauergegenüber Januar 2019 Union (Sonntagsfrage) Angela Merkel –3,5 % 0 23% –5,4 % 53% –20 Zustimmungswert

–3,5 % 0 23% –5,4 % 53% –20 Zustimmungswert im Oktober –40 –50,0% 23% –60
–3,5 %
0
23%
–5,4 %
53%
–20
Zustimmungswert
im Oktober
–40
–50,0%
23%
–60
Jan.
Juni
Okt.

Quelle: Infratest dimap für ARD-Deutschlandtrend, jeweils rund 1000 Befragte; Schwankungsbreite zwischen 1,4 und 3,1%

DER SPIEGEL

Nr. 45 / 2. 11. 2019

fahren, nämlich die Absprache zwischen den Spitzen von CDU und CSU, bewährt«, sagt der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans. Eine verfrühte Personaldis- kussion sei kontraproduktiv. »Die Sozial- demokraten sind uns doch dabei ein mah- nendes Beispiel. Wir dürfen deshalb nicht die gleichen Fehler machen und uns selbst demontieren.« »Das ist die Kritik eines Außenseiters«, sagt der CDU-Mann Oliver Wittke über Merz. »Er hat bislang weder in der Partei noch in der Wirtschaft ein Amt mit Ver- antwortung übernommen, bei dem es da- rum geht, unterschiedliche Flügel zusam- menzuführen und zu einem gemeinsamen Handeln zu kommen«, warnt Wittke. Al- lein dies lasse an seiner Kanzlerfähigkeit zweifeln.

Auch der Mann, der derzeit am wenigsten sagt, aber das größte Problem für Anne- gret Kramp-Karrenbauer darstellt, wird auf absehbare Zeit keine Revolte anzetteln. Armin Laschet gefällt sich in der Rolle des Mahners. »Wir sollten solche Dinge in Zu- kunft absprechen«, sagte der nordrhein- westfälische Ministerpräsident am Montag im CDU-Präsidium nach Angaben von Teilnehmern. Er meinte den Vorschlag Kramp-Karrenbauers, eine Schutzzone in Nordsyrien einzurichten. Es war nicht das erste Mal, dass Laschet seine Distanz zur Vorsitzenden deutlich machte. Wenn die CDU-Chefin strauchelt, ist Laschet gern mit Kritik zur Stelle, natürlich immer sachbezogen. Als sie sich missverständlich zur Meinungsfreiheit im Netz äußerte, kam von Laschet: »Mei- nungsfreiheit ist ein hohes Gut.« Der Stil ist nicht elegant, aber wirkungs- voll. Sollte Kramp-Karrenbauer scheitern,

hätte der Aachener als Chef des größten Landesverbands wohl die besten Chancen auf eine Kanzlerkandidatur. Er bringt Re- gierungserfahrung im bevölkerungsreichs- ten Bundesland mit und ist der einzige Kandidat des liberalen Flügels. Im konser- vativen Teil der Partei stößt er immer noch auf Ablehnung, aber nicht annähernd so wie Angela Merkel. Auch deshalb nicht, weil er sich in seinem Kabinett durchaus Hardliner an die Seite gestellt hat, wie In- nenminister Herbert Reul. Laschet hat indes ein großes Problem:

Er kann nur mithilfe von Kramp-Karren- bauer Kanzlerkandidat werden. Gegen die Vorsitzende würde er nicht kandidieren, dazu fehlt ihm der Mut. Eine Niederlage würde zudem das vorläufige Aus für seine bundespolitischen Ambitionen bedeuten. Es wäre möglicherweise auch der Anfang von seinem Ende in NRW. Hier sieht man es nicht gern, wenn die Staatskanzlei nur als Sprungbrett für das Kanzleramt dienen soll – vor allem, wenn es misslingt. Laschet muss also warten, bis Kramp- Karrenbauer so geschwächt ist, dass sie selbst einsieht, keine Chance auf die Kan- didatur zu haben.

Am Ende einer harten Woche wagt sich

Kramp-Karrenbauer noch einmal ins Herz der Merz-Bewegung: Ein stickiger Konfe- renzsaal in einem Mercure Hotel bei Düs- seldorf, rund 350 Zuhörer sind gekommen. Die CDU Kaarst-Büttgen hat eingeladen, gemeinsam mit der Jungen Union und der Mittelstandsunion MIT – zum Abschied schenkt man der Chefin eine Packung Be- ruhigungstee. »AKK« findet, dieser Termin sei »ein tolles Zeichen: Wenn wir mehr miteinan- der reden und weniger übereinander, dann kommen wir auch nicht da hin, wo die Sozialdemokraten gerade sind«. Als am Ende einer aus dem Publikum fragt, wer denn die politische Verantwor- tung für die letzten Wahlniederlagen über- nehme, strafft sich »AKK« auf der Bühne. Die Ostverbände hätten selbst die Konse- quenzen gezogen, sagt sie. »Und wer im- mer meint, dass die Bundespartei und ich die Verantwortung tragen, der hat auf dem Parteitag die Chance, das zu beantragen. Ich verweigere mich keiner Abstimmung.« So leicht werden ihre Feinde sie nicht los.

Melanie Amann, Felix Bohr, Anna Clauß, Lukas Eberle, Florian Gathmann, Martin Knobbe, Ralf Neukirch, Michael Sauga, Cornelia Schmergal, Gerald Traufetter, Steffen Winter

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Deutschland

Sanft gegen rechts

Analyse Die Bundesregierung will Extremismus und Hasskriminalität bekämpfen. Doch die Union und Finanzminister Scholz behindern nachhaltige Prävention.

D rei Wochen lag der Terroranschlag in Halle zurück, als am Mittwoch drei zufriedene Minister in der Bundespressekonferenz saßen. Innenminister Horst

Seehofer (CSU), Justizministerin Christine Lam- brecht und Familienministerin Franziska Giffey (beide SPD) verkündeten, was die Regierung im Kampf gegen Rechts- extremismus und Hasskriminalität zu tun gedenke. Neun

Punkte hatten sie auf ihrer Liste: Es geht vor allem um neue Befugnisse für das Bundeskriminalamt, um mehr Ressourcen für den Verfassungsschutz, um schärfere Gesetze und um erweiterte Straftatbestände. Darunter sind sinnvolle Maßnahmen, aber sie haben einen Makel: Sie greifen erst, wenn es zu spät ist. Wenn ein Hass- täter bereits auffallend radikalisiert

ist. Oder wenn er schon zugeschlagen hat. Dabei ist klar, dass man nicht jeden frühzeitig identifizieren kann, der sich zu radikalisieren droht. In Zeiten, in denen Synagogen und Dönerläden wie in Halle angegriffen werden, in denen junge Menschen in Scharen eine Partei mit Rechtsextre- men wie Björn Höcke und Andreas Kalbitz an der Spitze wählen, in die- sen Zeiten geht es nicht nur um eine effizientere Arbeit von Justiz und Sicherheitsbehörden. Es müsste viel mehr darum gehen, junge Menschen nicht in die stramm rechte Ecke ab- driften zu lassen. Umso erstaunlicher ist, dass sich nur einer der neun Punkte mit Prä- vention befasst. Dafür gibt es sogar

etwas mehr Geld: Das Programm »Demokratie leben«, das in Giffeys Ministerium angesiedelt ist, bekommt bis 2023 jedes Jahr mindestens 115,5 Millionen Euro. Es fördert Vereine und Ini- tiativen, die Demokratie erklären, Kampagnen für mehr To- leranz organisieren, Jugendliche vor dem Abrutschen in eine rechts- oder linksextreme Szene retten – oder ihnen später beim Ausstieg helfen. Köthen zum Beispiel ist seit Januar Teil des Programms. Jene Stadt in Sachsen-Anhalt, in der vergangenes Jahr Tau- sende Rechtsextreme demonstrierten, weil ein Deutscher nach Gewalt durch zwei Flüchtlinge gestorben war. 150 000 Euro bekam die Stadt vom Bund, 95 Prozent der Mittel sind bereits abgerufen, 16 Projekte wurden unterstützt: darunter Workshops an Schulen zu Hatespeech, ein Kunstprojekt von Schülern zum Grundgesetz, Hörspiele zu 30 Jahre Mauerfall

oder ein Theaterstück, das zwei Schulen gemeinsam mit einem Altenheim und lokalen Politikern erarbeitet haben. All das hätte es ohne das Programm – und die Aufmärsche im September vergangenen Jahres – nicht gegeben. Doch steht dem Familienministerium längst nicht genug Geld zur Verfügung, um alle Anträge zu bewilligen, die es verdient hätten. Dafür seien mindestens 200 Millionen Euro pro Jahr nötig, heißt es aus Giffeys Haus. Doch schon die

jetzt beschlossene Erhöhung der Gelder für die nächsten vier Jahre gilt als Verhandlungserfolg Giffeys. Ohne den Anschlag von Halle hätten sich die Union und SPD-Finanzminister Olaf Scholz wohl weiter quergestellt. Noch problematischer ist, dass ein Bundesprogramm nur Modellprojekte fördern darf. Das heißt: Selbst jene Projekte, die erfolgreich waren, müssen immer wieder neue Anträge mit frischen Ansätzen einreichen, um weiterlaufen zu können. »Aufgrund rechtlicher Vorgaben können gute Projekte nicht einfach weitergefördert werden, nur weil sie gut sind, auch wenn wir das gerne machen würden«, klagt Giffey. Die Ini-

tiativen können nicht längerfristig planen, jederzeit kann der Stecker gezogen werden, egal wie sinnvoll ihre Arbeit auch ist. Eine verlässliche Stellenplanung

ist so nicht möglich. Man findet gute Mitarbeiter aber nur schwer, wenn man ihnen bei ohnehin meist gerin- ger Bezahlung nur befristete Verträge anbieten kann. Dabei gäbe es einen Weg aus die- sem Dilemma: Ein »Demokratie- fördergesetz«, das der NSU-Unter- suchungsausschuss des Bundestags schon im August 2013 gefordert hatte. Gäbe es ein solches Gesetz, müssten die Mittel im Bundeshaushalt nicht jedes Jahr neu erstritten werden. Die Organisationen könnten dauerhaft