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BeNeLux € 6,40 Finnland € 8,30 Griechenland € 7,30 Norwegen NOK 86,– Polen (ISSN00387452) ZL 33,– Slowakei € 6,80 Spanien

akei € 6,80 Spanien € 6,80 Tschechien Kc 195,- Printed in


Dänemark dkr 57,95 Frankreich € 6,80 Italien € 6,80 Österreich € 6,00 Portugal (cont) € 6,80 Slowenien € 6,50 Spanien/Kanaren € 7,00 Ungarn Ft 2490,- Germany

seine Landsleute
Wie BORIS JOHNSON
gegen Europa aufstachelt

PROJEKT THRONFOLGE
in England

Das riskante Machtspiel von AKK und Merkel


Nr. 30 / 20.7.2019
Deutschland € 5,30
»EINES DER
Das deutsche Nachrichten-Magazin
BESTEN
Hausmitteilung
Betr.: Titel, Flüchtlinge, China, »DEIN SPIEGEL«
WIRTSCHAFTS-
BÜCHER DER
Als sich Jörg Schindler, Großbritan-
nienkorrespondent, erstmals inten-
siver mit Boris Johnson befasste,
JÜNGEREN ZEIT. «

FINBARR O'REILLY / DER SPIEGEL


stand ihm dieser in Unterhosen ge- MANAGER MAGA ZIN
genüber. Es war auf dem Fringe-
Festival in Edinburgh, 2017, wo sich
die Besucher des »Brexit-Musicals«
köstlich über diese Witzfigur der
britischen Politik amüsierten, die
ihre beste Zeit hinter sich zu haben
schien. Johnson, damals immerhin Schindler »Mad«-Cover
Außenminister, taugte noch als
menschlicher Wackeldackel und Spielzeugpuppe für Hunde. Seine Tory-Kollegen im
Parlament rollten mit den Augen, wenn Schindler sie auf Johnson ansprach, und ant-
worteten auf die Frage, wer nach Theresa May Premierminister werden würde: »Any-
one but Boris.« Nächste Woche nun wird ebenjener Boris sehr wahrscheinlich in
10 Downing Street einziehen. »Die Konservativen sind über den Brexit so verzweifelt,
dass sie einen Harlekin zum Heiland verklären«, sagt Schindler. Für das SPIEGEL-
Cover wurde ein Porträt von Johnson verfremdet, angelehnt an Alfred E. Neumann,
die Titelfigur der Satirezeitschrift »Mad«. Seite 10

Der marokkanische Flüchtling Abdull S., 21, und die SPIEGEL-Redakteurin Katrin
Elger kennen sich seit einem Gerichtstermin in Trier vor zwei Jahren. S. musste sich
dort wegen gefährlicher Körperverletzung und Raub verantworten. Über Facebook
hielt er den SPIEGEL auf dem Laufenden, wie sein Leben
seitdem weiterging. Nachdem S. in diesem Frühjahr zum
zweiten Mal abgeschoben worden war, besuchten Elger
JULIAN BUSCH / DER SPIEGEL

und der Fotograf Julian Busch ihn im marokkanischen


Küstenort Fnideq, von wo aus er seine nächste illegale 400 Seiten · Deutsch von Karlheinz Dürr
Einreise nach Europa plant. Vor Ort, bei einem Mietwa- Gebunden mit SU · € 24,00 (D)
genhändler, sollte Elger ihren Reisepass als Pfand hinter- Auch als E-Book erhältlich
legen, was sie für keine gute Idee hielt. Doch Abdull S.
grinste nur und sagte: »Frau Elger, du musst dir echt keine
Abdull S., Elger Sorgen machen. Ich reise immer ohne Papiere.« Seite 48 Sie galt als der weibliche Steve Jobs.
Mit ihrem milliardenschweren
Start-up Theranos wollte Elizabeth
Jahrzehntelang galt Hongkong unter Chinas Städten als Vorbild an Wirtschaftskraft
und Lebensqualität. Nun will Peking das Perlflussdelta, den größten Ballungsraum
Holmes die Medizinindustrie
der Welt, zu einer modernen Megacity zusammenfassen, die es mit Chicago, der Bay revolutionieren: Ein einziger Tropfen
Area um San Francisco und Tokio aufnehmen soll. Hongkong fällt in diesem Plan sollte reichen, um Blutbilder zu
nur noch die Rolle eines wichtigen Finanzplatzes zu. Chinakorrespondent Bernhard
Zand reiste durch das Delta und sprach mit Befürwortern dieses Vorhabens und Geg- erstellen. Doch die Technologie
nern wie dem Hongkonger Studentenführer Joshua Wong, 22. Für ihn zielt Pekings hinter den schicken Apparaturen hat
Plan darauf ab, seinen Einfluss auf die 1997 an China zurückgegebene ehemalige
britische Kronkolonie zu vergrößern. »Wenn Peking die Menschen in Hongkong nie funktioniert. Pulitzer-Preisträger
übergeht, steht das Projekt als Ganzes auf dem Spiel«, sagt Zand. Seite 84 John Carreyrou kam diesem giganti-
schen Betrug auf die Spur und erzählt
in seinem mehrfach ausgezeichneten
Weltweit demonstrieren Kinder und Jugendliche für mehr Klima- Bestseller die packende Geschichte
schutz. Auch viele Forscher fordern, dass die Politiker endlich han-
deln. Warum das trotzdem so lange dauert, steht in der Titel- seiner Enthüllung.
geschichte von »DEIN SPIEGEL«, dem Nachrichten-Magazin für
Kinder. Und wie Familien weniger klimaschädlich leben, verreisen
und einkaufen können. Außerdem im Heft: eine Reportage aus
einer Trickfilmfabrik in Kalifornien, in der »Toy Story 4« entstan-
den ist. Das Heft erscheint am Dienstag.

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 3 www.dva.de


Inhalt
73. Jahrgang | Heft 30 | 20. Juli 2019

Titel Gesellschaft

Großbritannien Wie Boris Früher war alles schlechter:


Johnson mit der Zukunft Erneuerbare Energie im
seines Landes spielt . . . . . . . . . 10 südlichen Afrika / Bedrohen
giftige Raupen den Wald-
frieden? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
Deutschland
Eine Meldung und ihre
Leitartikel Was Frauen Geschichte Wie eine
in der Politik noch besser Hamburger Künstlerin
machen könnten . . . . . . . . . . . . . 6 einen Dieb überführte . . . . . . 53

Meinung Die Gegendarstellung / Possen Warum die Stadt


So gesehen: Deutsch- Ahlen einen Hund pfändete 54
lands Weg zu den Sternen ... 8
Traditionen SPD-Abgeordneter
Bundestag durchleuchtet Uwe Schmidt ist das, was die

JOHN MACDOUGALL / AFP


Geheimdienstakten / Grüner SPD einmal war – unterwegs
mit Herz für Dieselfahrer . . . 22 mit einem der letzten Arbeiter
im Deutschen Bundestag . . . 58
Regierung Als Verteidigungs-
ministerin hofft Kolumne Leitkultur . . . . . . . . . 61
Annegret Kramp-Karrenbauer
auf bessere Chancen,
Bundeskanzlerin zu werden 24
Der steinige Weg ins Wirtschaft
Kanzleramt
Europa Ursula von der Leyen Thyssenkrupp legt Sparplan
fordert einen Neustart Erst wollte sie nicht, dann plötzlich doch. Annegret vor / Jaguar und BMW
in der Flüchtlingspolitik .... 32 Kramp-Karrenbauer hofft, als Nachfolgerin von kooperieren bei Verbrennungs-
motoren / AOK berät
Sicherheit In der Union regt
Ursula von der Leyen im Verteidigungsministerium Regierung des Kosovo . . . . . . 62
sich Widerstand gegen dem Umfragetief zu entkommen. Die Arbeit
die Beteiligung von Huawei als Parteivorsitzende wird darunter leiden. Seite 24 Kapitalmarkt Immer mehr
am 5G-Netzaufbau . . . . . . . . . 35 Unternehmen ziehen
sich entnervt von der Börse
Arne Schönbohm, Chef zurück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
des Bundesamts für Sicherheit
in der Informations- Autoindustrie Der Filmkompo-
technik, über Angriffe von nist Hans Zimmer erfindet einen
Cybererpressern . . . . . . . . . . . . 36 künstlichen Motorensound für
BMW-Elektroautos . . . . . . . . . . 67
Karrieren Die seltsame
Kampagne des Nachhaltig leben (II) Die Such-
JON NAZCA / REUTERS

Hans-Georg Maaßen ....... 38 maschine Ecosia hilft beim


Aufforsten der Wälder . . . . . . 68
Freizeit Die Regierung will
E-Sport als eigene Sportart Europa SPIEGEL-Gespräch
anerkennen und fördern . . . . 42 mit Frankreichs Finanz-
minister Bruno Le Maire über
Parteien In einem Gemeinde- Koalition der Unwilligen seine Erwartungen an die
rat in der Pfalz gibt es die erste neue EU-Kommissionschefin
AfD/CDU-Fraktion . . . . . . . . . 45 Der Streit um Seenotrettung zerreißt die EU. Ursula von der Leyen . . . . . . 71
Eine grundlegende Reform des Asylwesens ist in
Migration Wie ein zwei- Verbraucher Fernwärme-
mal abgeschobener
weiter Ferne, obwohl die Flüchtlingszahlen anbieter nutzen
Marokkaner erneut nach stark zurückgegangen sind. Können einzelne Staaten ihre Monopolstellung zur
Europa kommen will . . . . . . . 48 gemeinsam neue Lösungen vorantreiben? Seite 78 Kundenabzocke . . . . . . . . . . . . 75

4 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Ausland Mobilität Der Wettstreit
um den besten Antrieb für
Italiens Vizepremier Elektrofahrräder . . . . . . . . . . 106
Matteo Salvini gerät in
der Spendenaffäre Archäologie Kalender der
unter Druck / Russlands Götter – diente ein
#MeToo-Moment . . . . . . . . . . . 76 Felsheiligtum der Hethiter
einst als astronomisches
Europa Der endlose Streit Observatorium? . . . . . . . . . . . 107

MAURITIUS IMAGES
um die Seenotrettung –
und die mühsame Suche
nach einer Lösung . . . . . . . . . . 78 Kultur

USA Donald Trump eröffnet Was wo auf Spotify läuft /


mit rassistischen Sprüchen Verrückte Superreiche Letzte Staffel von
den Wahlkampf . . . . . . . . . . . . . 82 »Orange Is the New Black« /
Die Millionäre Ostasiens geben wirtschaftlich Kolumne: Besser weiß ich
China Im Perlfluss- zunehmend den Ton an – und zelebrieren ihr es nicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
delta entsteht die Stadt
der Zukunft . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
Luxusleben offensiv. In seinem Roman Globalisierung Der Autor
»Crazy Rich Asians« beschreibt Kevin Kwan Kevin Kwan porträtiert die
diese Welt mit viel Humor. Seite 110 Superreichen Asiens . . . . . . 110
Sport
Musik Klavierspielen hilft
Tops und Flops der Boris- fast immer – ein
Becker-Auktion / Magische SPIEGEL-Gespräch mit
Momente: Fecht-Olympia- Macht Handystrahlung krank? dem Schriftsteller
siegerin Anja Fichtel Hanns-Josef Ortheil . . . . . . . 114
über einen besonderen Die Mobilfunkindustrie hat begonnen, die neuen,
WM-Auftritt . . . . . . . . . . . . . . . . 89 superschnellen 5G-Netze zu errichten. Kritiker Restitution Dürfen deutsche
Museen die berühmten – und
Fußball Millionenbetrug
sehen darin einen gefährlichen Menschenversuch. geraubten – Benin-Bronzen
an den Werbepartnern des Doch die Hinweise auf Gesundheitsrisiken behalten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
DFB? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 sind bislang nicht sehr aussagekräftig. Seite 100
Karrieren Anika Decker
Motorsport Warum schrieb das Drehbuch für
der Hockenheimring wohl Komödienhits wie
Abschied von der »Keinohrhasen«, jetzt
Formel 1 nehmen muss . . . . . . 94 erscheint ihr Debütroman 120

Filmkritik »Die drei !!!«


Wissenschaft bringen die zeittypische
Sehnsucht nach
LARS BERG / DER SPIEGEL

Was wirklich bei der Heldinnen kindgerecht


Überalterung der Gesellschaft auf die Leinwand . . . . . . . . . . 123
hilft / Flüsternde Wale /
Einwurf: Wir sollten uns nicht
nur auf Satellitennavigation
verlassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98

Medizin Kritiker sehen im Ein deutsches Hundeleben


neuen Mobilfunknetz 5G eine
Gefahr für die Gesundheit 100 Eine Familie in Ahlen hat Schulden bei der Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
Stadt. Als sie nicht zahlt, kommt der Vollstreckungs- Impressum, Leserservice . . . 124
Ethik Die Familientherapeutin Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Petra Thorn fordert eine
beamte vorbei, pfändet ihr Haustier und stellt Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 126
kontrollierte Freigabe der es privat auf Ebay. Wer bestimmt in Deutschland Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
Leihmutterschaft . . . . . . . . . . 104 über das Leben eines Hundes? Seite 54 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 130

Titelbild: Illustration: Mona Eing und Michael Meissner für den SPIEGEL; Fotos: Cuneyt Karadag / Anadolu Agency / Getty Images (2) 5
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Wunschbild mit Fehlern


Leitartikel Endlich Normalität! Frauen erreichen Macht. Ist nun alles gut? Nein, es geht noch besser.

G
enerationen Frauen haben gekämpft für das, was Es ist nicht schön, dass von der Leyen ihr Amt trotz des
jetzt passierte, weil aber Geschichte immer Pointen Spitzenkandidatenprinzips bekommen hat und ihr vermut-
bereithält, bittere und schöne, halten auch diese lich ausgerechnet die Antieuropäer zum Sieg verholfen
historischen Tage gleich mehrere Pointen bereit. haben, der dann so knapp gewesen ist, dass ihr erst einmal
Pointe 1 liefert die Zahl 100. Im Jahr 1919 durften Frauen in Rückhalt fehlt. Es ist nicht schön, dass sie ihr Ministerium
Deutschland das erste Mal wählen, im Jahr 2019 nun wird ungeordnet übergab – an eine Frau, die dafür nicht die
nicht nur Deutschland von einer Frau regiert, sondern die besten Qualifikationen mitbringt und sogar ihren bisheri-
EU-Kommission erstmalig von einer Frau geführt, einer Deut- gen Ankündigungen zuwider handelte. AKK hatte ganz
schen. Zum ersten Mal wird eine Frau, eine Französin, der Partei dienen wollen, nun nimmt sie sich doch ein
die Europäische Zentralbank leiten. Am Dienstagabend, dem Staatsamt. Das leidige Argument, das dann immer kommt,
Abend der Wahl Ursula von der Leyens zur Kommissions- auch Männer seien schon mit zweifelhaften Manövern
präsidentin, dominierten Frauen in Ämter gekommen, sollte hier
die Nachrichtenlage in Deutsch- kein Trost sein.
land wie vielleicht nie zuvor. Erst- Doch auch wenn die Welt
malig in der deutschen Geschichte nicht automatisch dadurch bes-
ging auch das Amt an der Spitze ser wird, dass Frauen ebenfalls
des Verteidigungsministeriums regieren, wird sie wenigstens
von einer Frau an eine Nachfolge- normaler. Normalität hat nun
rin. 100 Jahre liegen zwischen mal schöne und unschöne Sei-
dem einen und den anderen Ereig- ten. Und Normalität ist immer
nissen – für Geschichtsschreiber ein Ziel gewesen.
ein willkommener Effekt. Die Tatsache, dass politische
Pointe 2 entsteht dadurch, dass Ämter mit einzelnen Frauen
zwar eher linke Frauen den Femi- besetzt werden, heißt aber nicht,
nismus vorangetrieben haben, es dass sich das Verhältnis der
nun aber Protagonistinnen konser- Geschlechter insgesamt norma-
vativer Parteien gelingt, die wich- lisiert. Möglicherweise – und
tigen Posten einzunehmen. Die dies wäre wieder bitter – be-
»taz« hat die CDU zur »Christ- dingt sogar eine Verbesserung
lichen Damen Union« umbenannt, hier eine Verschlechterung dort:
JENS JESKE

sie zeigte Annegret Kramp- Trumps jüngster rassistischer


Karrenbauer, von der Leyen und Ausbruch traf mächtige Frauen –
Angela Merkel nebeneinander und Politikerinnen im Schloss Bellevue* Abgeordnete der Demokraten.
scherzte: »So haben wir uns das Ob zunehmende Macht von
Ende des Patriarchats aber nicht Frauen sich auswirkt auf die in
vorgestellt.« Es war die Kanzlerin, die zu diesem Zustand der Polizeilichen Kriminalstatistik belegte Tatsache,
beigetragen hat, und das Foto zu dritt entstand an ihrem dass die partnerschaftliche Gewalt gegen Frauen gestiegen
65. Geburtstag, einem Alter, das lange Zeit für den Beginn ist, wäre zu ergründen.
des Ruhestands stand – die 65 also auch eine magische Zahl: Das Miteinander der Geschlechter ist geprägt von
ein Werk ist vollbracht. Und so mündet Pointe 2 in Pointe 3. Tradition und Gewohnheit, es ist somit normal, dass Ver-
Jene Frau hat dem Feminismus zu einem Sieg verholfen, änderungen hier Konflikte auslösen. Nicht die Konflikte
von der es hieß, sie setze sich zu wenig dafür ein. Jetzt sind das Problem, sondern ihre Abwehr, das untergründige
aber liegt die These nahe, Angela Merkel habe mit ihrer Schwelen, das zum eruptiven Ausbruch führt.
Zurückhaltung Angst vor zu viel Weiblichkeit genommen Nun also eine letzte Pointe, eine hoffnungsvolle.
und so Zutrauen in weibliche Kompetenz befördert. Wenn ein Ziel erreicht ist, heißt das nie, an ein Ende ge-
Eine Pointe ergibt die nächste, hier eine bittere: Der kommen zu sein. Es heißt, dass nächste Ziele sich eröffnen.
Machtzuwachs dieser Frauen entstand unter Bedingungen, Nach einer gewissen Normalität in der Verteilung von
die im Einzelnen betrachtet so wenig schön sind, dass Spitzenämtern wäre das nächste Ziel, es besser zu machen –
ausgerechnet das Wunschbild des Feminismus kein ideales jeder und jede für sich. Und miteinander. Und füreinan-
Gesamtbild ergibt. der. In Konflikte auf anständige Weise reingehen. Den
aufrechten Weg ins Amt anstreben. Geht nicht? Ach was.
* Annegret Kramp-Karrenbauer, Ursula von der Leyen, Angela Merkel
vor der Aushändigung der Urkunden an die ehemalige und die zukünftige
Dieses Argument galt schon vor 100 Jahren nicht mehr.
Verteidigungsministerin am 17. Juli. Susanne Beyer

6 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


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Von null auf 100 km/h in 3,7 Sekunden. Der Jeep Grand Cherokee Trackhawk
® erwachen
lässt Fakten sprechen und Emotionen

D
er Asphalt ist noch kühl, die Stra- hawk die allermeisten Verkehrsteilneh- Schwarzchrom-Optik und Karbonfa-
ßen sind frei. Ein kurzer Druck mer überwiegend im Rückspiegel sieht. sereinlagen. Das 8,4-Zoll-Uconnect™ 1

auf den roten Startknopf und Aber auch unter weniger dramatischen Smartouch Multimediasystem sorgt zu-
Gänsehaut-Feeling stellt sich ein. Der Umständen kann der Ausnahme-SUV dem für mühelosen Zugriff auf Unter-
kompressoraufgeladene 6.2 V8-Motor überzeugen. Regen, Schnee, rutschi- haltung, Navigation, Konnektivität und
startet und die acht Zylinder werden ge Oberflächen? Das Traktionssystem vieles mehr.
spürbar. Der Jeep Grand Cherokee Selec-Terrain® konditioniert den per-
®
Trackhawk hat die Power unter der mar- manenten Vierradantrieb für die unter- Selbstbewusstes Exterieur
kanten Motorhaube, von der jeder Auto- schiedlichsten Bedingungen und koor- Der Jeep Grand Cherokee Trackhawk
fan träumt. 522 kW (710 PS)* Leistung diniert dazu automatisch bis zu zwölf ist das spektakulärste Modell der Tra-
und 868 Newtonmeter Drehmoment verschiedene Systeme – von der Stabili- ditionsmarke und verströmt aus jedem
liefert der Hochleistungsmotor an das täts- und Traktionskontrolle bis hin zu Blickwinkel Stärke. Unverkennbar sind
Achtgang-Automatikgetriebe. Das ein- Drehmomentverteilung, Schaltpunkten der Jeep-typische und für den Trackhawk
drucksvolle Ergebnis sind ein faszi- und dem Ansprechen des Gaspedals. aerodynamisch modifizierte 7-Slot-Küh-
nierendes Fahrerlebnis und einer der lergrill, die eigens für den Trackhawk
atemberaubendsten Sprints, die man in Hinter dem Steuer optimierte Frontschürze, die vierflutige
einem SUV erleben kann. Von null auf All dies erlebt man im Grand Cherokee Auspuffanlage, das „Supercharged“-
100 km/h in 3,7 Sekunden. Eine spek- Trackhawk in den serienmäßigen Nappa- Emblem, die gelben Bremssättel vom
takuläre Kraft, die mit Hightech-Syste- leder-Sportsitzen**, die so geformt sind, Rennsport-Spezialisten Brembo und die
men aus dem Rennsport gebändigt wird, dass sie Fahrer und Passagiere selbst bei schwarzen Leichtmetallräder. Ein SUV,
wie der serienmäßigen Launch Control, schnellen Kurvenmanövern sicher in Po- das sich sehen lassen kann und das man
die beim Anfahren automatisch die Mo- sition halten können. Das ebenfalls vom fühlen und hören muss.
torleistung, die Getriebesteuerung und Rennsport inspirierte Cockpit schafft
die Fahrwerksteuerung optimiert. Kein zugleich ein bemerkenswert luxuriöses
Wunder, dass der Fahrer eines Track- Ambiente mit Softtouch-Oberflächen,
1

Krastoffverbrauch (l/100 km) nach RL 80/1268/EWG: innerorts 25,4, außerorts 12,3, kombiniert 17,1. CO2-Emission (g/km): kombiniert 395.
Meinung So gesehen

Ein Schulschiff
Alexander Neubacher Die Gegendarstellung fürs All
Grüner Zeitgeist Wie Deutschland nach den
Sternen greifen könnte
Liebe Leserin, lieber Leser, So sieht er also aus, der grüne Zeit- G Die Älteren unter uns werden sich
ich freue mich über Ihre geist mit Flugscham, Verkehrswende noch an Ronald Reagan erinnern und
Bereitschaft, an einem und #FridaysForFuture, von dem man seine »Strategic Defense Initiative«,
Ratespiel teilzunehmen. derzeit so viel hört und liest und dem kurz SDI genannt und als »Star
Bitte vervollständigen Sie angeblich ganz Deutschland erlegen ist. Wars« belächelt. Damit wollte der
die folgenden Sätze. Seitdem die Grünen im Deutsch- US-Präsident den Kalten Krieg auch
‣ Der Marktanteil von Diesel-Pkw an landtrend bei mehr als 20 Prozent lie- dort führen, wo es ohnehin schon
Neuzulassungen in Deutschland ist gen, glauben die Regierungsparteien, konkurrenzlos kalt ist, im Weltall
im ersten Halbjahr 2019 sie müssten grün werden, um bei den nämlich. Wie andere beliebte Phäno-
A) geschrumpft B) gewachsen. Bürgern besser anzukommen. Die Fra- mene der Achtzigerjahre kommt nun
‣ Die Zahl der Flugreisenden unter ge ist, ob es sich um eine nachhaltige auch der Weltraumkrieg zurück.
dreißig ist in den vergangenen Strategie handelt. Nichts gegen mehr Im Vorfeld der französischen Feier-
Jahren kontinuierlich A) zurück- Klimaschutz. Doch bis auf dem platten lichkeiten zum 14. Juli hat Emmanuel
gegangen B) angestiegen. Land die erste E-Ladesäule steht, fah- Macron angekündet, ein »großes
‣ Bei Fleisch- und Wurstwaren liegt ren die meisten Wähler offenbar doch
der Bioanteil in Deutschland bei lieber Diesel als Tesla.
A) 30 Prozent B) 1 Prozent. Ich vermute, dass sich die Beliebt-
Ich kann verraten, dass es in meinem heitswerte der Grünen tendenziell
Bekanntenkreis nicht viele gibt, die das Richtung Biowürstchen entwickeln, je
Ratespiel gewonnen haben. Die richti- konkreter ihre Vorschläge werden.
gen Antworten lauten: dreimal »B«. Ja, Es wäre nicht das erste Mal. Noch ein
der Diesel erlebt 2019 ein Comeback. Ratespiel gefällig?
Ja, insbesondere junge Menschen reisen Bei der Bundestagswahl 2013
immer öfter mit dem Flugzeug. Und ja, landeten die Grünen bei 8,4 Prozent.
die Zahl der in Deutschland verzehrten Von welchem Umfragehoch
Biowürstchen ist so klein, dass man sich im ARD Deutschlandtrend drei Jahre Raumfahrtkommando innerhalb der
fragt, ob sogar Grünenmitglieder heim- zuvor waren sie abgestürzt? Luftwaffe« zu schaffen. Dem liegt
lich ins Quälfleisch konventioneller A) 9,4 Prozent B) 23 Prozent. die Erkenntnis zugrunde, dass Kriege
Mastbetriebe beißen; andernfalls wäre Sie ahnen die Antwort. künftig nicht mehr nur zu Lande,
die niederschmetternde Statistik des zu Wasser, in der Luft und im Inter-
Bundes Ökologische Lebensmittelwirt- An dieser Stelle schreiben Alexander Neubacher net entschieden werden könnten.
schaft gar nicht zu erklären. und Markus Feldenkirchen im Wechsel. Sondern auch im luftleeren Raum.
Überdies wird ein solches Programm
ganz gewiss die Gelbwesten zur
Besinnung bringen.
Nun ist Krieg, wie Clausewitz
wusste, »nichts als die fortgesetzte
Staatspolitik mit anderen Mitteln«
und Macrons Politik europafreund-
lich. Es könnte also Berlin dem Präsi-
denten wenigstens bei seinen astra-
len Plänen zur Seite stehen.
Zwar gibt es eine lange teutoni-
sche Tradition in Angelegenheiten
der Schwerelosigkeit, von der Reichs-
flugscheibe über Wernher von Braun
bis zu »Astro Alex«. Aber derzeit
liegt das deutsche Raumfahrtbudget
bei 285 Millionen Euro jährlich. Eine
Summe, von der sich bequem zwei
Überholungen der »Gorch Fock«
finanzieren ließen. Hier könnte man
ansetzen. Wir brauchen die Trend-
wende, um fit fürs All zu werden.
Weg vom Segelschulschiff, hin zum
Raumschulschiff! Arno Frank

8 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


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H
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Der Fesselungskünstler
Großbritannien Boris Johnson wollte immer schon an die Spitze, jetzt steht er kurz davor. Der
Mann, der den Brexit mitangerichtet hat, soll einen Ausweg finden. Was er an der Macht
will, weiß er wohl selbst nicht. Europa steht ein turbulenter Herbst bevor. Von Jörg Schindler

E
ines Tages hatte Boris Johnson die ten, glaubten nicht an die Größe Großbri- dominiert er seit Wochen Umfragen und
Idee, in London eine üppig wu- tanniens. Schlagzeilen, sieben von zehn Tories wol-
chernde Gartenbrücke bauen zu Er, Boris Johnson, werde den EU-Aus- len ihn wählen. Der Mann, der so gern
lassen. Eines anderen Tages warb tritt »mit Stil« vollziehen und in Brüssel über große Engländer wie Churchill und
er dringlich für einen Flughafen auf einer auch nicht mehr fragen, sondern sagen, Shakespeare schreibt, wird bald zeigen
künstlichen Insel – von Spöttern »Boris Is- wo’s langgeht. »Es wird Zeit für etwas können, ob er selbst einer ist.
land« genannt. Einmal sah er die Zeit ge- mehr Entschlossenheit.« Da jauchzen so- Was das bedeuten würde für ein Land,
kommen für ein wahrhaft gewaltiges Bau- gar die Ältesten im Saal. das mehr als drei Jahre nach der Entschei-
werk, das von England nach Europa füh- Es ist ein kurzweiliger und energischer dung, die Europäische Union zu verlas-
ren würde. Und neuerdings will er eine Auftritt, so ganz anders als der seines He- sen, beständig am Rand einer Verfas-
weitere Brücke von Schottland nach Nord- rausforderers Jeremy Hunt, der zwar die sungskrise entlangschrammt, lässt sich
irland spannen. Ärmel bis zum Ellbogen hochgekrempelt nicht einmal im Entferntesten vorhersa-
Der Mann, so scheint es, träumt davon, und fast alle Wirtschaftshochburgen in gen. Der Brexit hat das Königreich in eine
irgendwann über Wasser wandeln zu kön- Südengland auswendig gelernt hat – sein Art politisches Koma versetzt. Die zen-
nen. Aber jetzt will er erst einmal Regie- Publikum dann aber doch nur mit Zahlen tralen Lebensfunktionen sind noch intakt,
rungschef werden. und Fakten sanft in den Schlaf wiegt. aber das Land liegt bewusst- und füh-
Deshalb ist er ins südenglische Seebad Was er mitnehme aus Bournemouth, rungslos danieder.
Bournemouth gekommen. Hat Tausende wird anschließend einer der Konservati- Die beiden großen Parteien, die Kon-
Briten, die sich an diesem Sommertag am ven gefragt. »Dass Hunt der kompetentere servativen und Labour, haben sich in un-
kilometerlangen Sandstrand tummeln, Premierminister wäre – aber Boris der zähligen internen Brexit-Scharmützeln
links liegen lassen. Und ist geradewegs amüsantere.« aufgerieben und drohen auseinanderzu-
hineinmarschiert ins Pavilion Theatre, wo Ist seine Zeit nun also endlich gekom- brechen. Mit der Brexit-Partei des Rechts-
regelmäßig der »Laugh Out Loud Comedy men? Wird der Mann, der die britische populisten Nigel Farage ist ihnen eine zu
Club« auf dem Programm steht und dem- Politik seit 30 Jahren auf die ein oder an- allem entschlossene Konkurrenz erwach-
nächst »Jesus Christ Superstar«. dere Weise mitbestimmt, am kommenden sen, die sich von der Wut der Menschen
In dem cremefarbenen Theatersaal sit- Mittwoch die Schlüssel zu Nummer 10 nährt und das gesamte demokratische Sys-
zen rund 600 Mitglieder der konserva- Downing Street in den Händen halten? Es tem in Stücke hauen will.
tiven Partei, die in diesen Tagen einen sieht ganz danach aus. Dass der ursprüngliche Brexit-Termin,
neuen Anführer – und damit auch den Noch muss Alexander Boris de Pfeffel der 29. März 2019, schon zweimal verscho-
nächsten britischen Premierminister – Johnson auf den letzten Metern seinen ben wurde und womöglich noch ein drittes
wählen. Besonders zu erregen scheint das notorischen Hang zur Selbstdemontage und viertes Mal verschoben werden könn-
hier niemanden, das Ganze erinnert nicht im Griff behalten. Noch muss eine Mehr- te, spielt dieser destruktiven Kraft in die
so sehr an eine Krönungsmesse, eher an heit der rund 160 000 Tory-Mitglieder Hände. Farage hat die Zeit, die den restli-
eine Trauerfeier. Was aber weniger mit tatsächlich für ihn stimmen. Und wenn er chen britischen Politikern davonläuft.
dem desolaten Zustand der Tories als mit das schaffen sollte, müsste er schließlich Premierministerin Theresa May, die so
den Lebensjahren der Anwesenden zu- auch Ihre Königliche Majestät, Queen Eli- oft und so erbarmungslos gedemütigt wur-
sammenhängt. Das Durchschnittsalter zabeth II., davon überzeugen, dass mehr de wie kaum ein britischer Politiker vor
dürfte bei 70 liegen. als die Hälfte der gewählten Parlamenta- ihr, hat gezwungenermaßen den Versuch
Jeweils eine Stunde haben die beiden rier im britischen Unterhaus hinter ihm aufgegeben, den Brexit zu einem – irgend-
Topkandidaten, um an diesem Abend ihre stehen. Sonst könnte sie ihm die Ernen- einem – Ende zu führen. Das muss nun
Parteifreunde in Bournemouth zu char- nung verweigern. jemand anders tun. Und dass dieser
mieren. Johnson darf als Erster. Noch be- Aber schon jetzt ist kaum noch vorstell- Jemand vermutlich Boris Johnson heißen
vor die Moderatorin seinen Namen zu bar, dass der 77. britische Premierminister wird, ist ein weiterer Witz der unendlichen
Ende gesprochen hat, biegt der 55-Jährige nicht Boris Johnson heißen wird. Zu sehr Brexit-Farce.
um das Bühnenbild und marschiert mit Ausgerechnet Johnson, der sich lange
dieser stiernackigen Kompakthaltung nach nicht mal entscheiden konnte, ob er für
vorn, die ihn stets wie einen jüngeren und oder gegen den EU-Austritt sein würde;
blonden Churchill wirken lässt. Dann knat- Er ist wie der Kaiser, der vor dem Referendum im Juni 2016
tert er seine Bonmots wie Gewehrsalven
ins Publikum. Dunkle Zeiten für die To-
der dem Volk selbst zwei Zeitungskolumnen vorbereitet hatte,
eine fürs Gehen und eine fürs Bleiben; der
ries? Ja, »aber die Nacht ist am dunkelsten zuruft: Ich habe sich aus offensichtlichem persönlichen Kal-
vor der Dämmerung«. Brexit? Ein Klacks. kül schließlich zum Brexit-Frontmann
All die Apokalyptiker, die vor biblischer keine Kleider an. machte und so die Stimmung im Land end-
Dürre und flugzeuglosen Himmeln warn- gültig kippen ließ. Dieser Mann will nun

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ANDREW PARSONS / I-IMAGES / INTERTOPICS / DDP IMAGES

Tory-Hoffnung Johnson in Portsmouth


In bester Stimmung Richtung Abgrund

11
Titel

das Porzellan kitten, das er über Jahre lust-


voll zerdeppert hat. Es verspricht eine
grandiose, womöglich verhängnisvolle
Show zu werden.
Eine deutliche Mehrheit der Briten miss-
traut dieser Bühnenfigur, die so oft wie ein
Falstaff des 21. Jahrhunderts wirkt: groß-
mäulig, eitel, raufsüchtig und zaudernd –
aber eben auch so gewitzt und eloquent,
dass viele sich seiner Verführungskunst

ANDREW PARSONS / I-IMAGES / POLARIS /STUDIO X


nur schwer entziehen können. Ein Groß-
teil der britischen Parlamentarier, ja sogar
viele Tory-Abgeordnete trauen Johnson
nicht über den Weg.
Und dennoch hat sich eine bizarre Ko-
alition aus konservativen EU-Feinden und
ehemaligen EU-Freunden hinter ihm ge-
schart, die die Panik vor dem Machtverlust
eint und der Wunderglaube daran, dass
nur Johnson das Unmögliche möglich ma-
chen könne: Nigel Farage und den sozia-
listischen Labourchef Jeremy Corbyn in
Schach zu halten und zugleich die Briten Kandidat Johnson mit Vater Stanley, Johnson
ins gelobte Brexit-Land zu führen. als Kind 1973, als Schüler am Eton-College 1979
Die Sache hat allerdings einen Haken: »Nie woanders landen als ganz oben«
Mag Johnson auch über unerschöpfliches
Charisma verfügen – einen Plan hat er
nicht. Nur einen offenbar unerschütterli-
chen Glauben an sich selbst. Aber wie weit
wird der ihn tragen?
Geschichte wiederholt sich: Nun scheint
auch das Mutterland der modernen De-
mokratie gewillt, einen in New York gebo-
renen Populisten zu wählen, der sein eigen-
artiges Haar zum Markenzeichen gemacht
hat, als Angehöriger der Elite gegen die
Eliten zu Felde zieht – und der sich seit je
zu ganz Großem berufen fühlt.

SOPHIE BAKER / ARENAPAL / ULLSTEIN BILD


Boris Johnson sei auf die Welt gekom-
men, »um pausenlos dafür zu kämpfen,
der Beste zu sein«. Andrew Gimson sagt
das, als er bei einem Glas Weißwein über
Großbritanniens künftigen Premier nach-
sinnt. Dem Journalisten Gimson gehen sol-
che Sätze nicht leicht über die Lippen. Der
61-Jährige ist ein freundlicher, fast scheuer
Zeitgenosse, der in seinem Haus in Nord-
london bisweilen lange die Augen schließt,
bevor er druckreife Bemerkungen mur-
melt. Allzu viele kritische sind nicht da-
runter. Letzthin sei von zu vielen zu viel setzt. Am Ende, so Gimson, habe Johnson Die Familie hat eine märchenhafte Ge-
Negatives über Johnson gesagt worden: ihm halb scherzhaft 100 000 Pfund oder schichte, sie wurzelt in der Türkei: Boris
»Er ist oft warmherziger als die Menschen, ersatzweise Gratisnachhilfe für seine Kin- Johnsons Urgroßvater hieß Ali Kemal, er
die ihn attackieren.« der geboten, wenn er von seinen Plänen war der letzte Innenminister des Osmani-
Gimson ist ein Freund und Ex-Kollege ablasse. Offenbar ahnte Johnson, der den schen Reichs und ließ den Republikgrün-
von Johnson, beide arbeiteten einst ge- »exzessiven Wunsch« habe, gemocht zu der Kemal Atatürk verhaften. Später wur-
meinsam für das konservative Wochen- werden, dass in dem Buch nicht nur Schmei- de er gelyncht. Johnsons Großvater Os-
magazin »Spectator«. 2006 hielt Gimson chelhaftes zur Sprache kommen würde. man Ali floh nach London und nannte sich
die Zeit für gekommen, eine Biografie Gimson zeichnet in seiner Biografie das fortan »Wilfred Johnson«. In der Familie
über Johnson zu verfassen. Der war da- Bild eines flatterhaften Menschen, der Johnson, schreibt Gimson, sei nichts Spiel,
mals zwar nur ein einfacher Abgeordneter, tatsächlich schon als Kind »König der sondern alles Wettkampf gewesen. Boris’
aber einer – so schrieb es Gimson –, der Welt« werden wollte. Verantwortlich dafür Halbschwester Julia sagt dazu: »Wenn ich
vielleicht mal Premierminister werden sei sein Vater Stanley Johnson gewesen, im Lateintest nur Zweite wurde, fragte
würde. Das Gefühl teilten damals viele. dem Boris so ähnlich sieht und ist, dass mein Vater sofort: Wer war Erster? Das
Als er seinerzeit zu Johnson ging, um die beiden trotz des Altersunterschieds war eine Standardfrage in unserem Haus-
ihm von seinen Buchplänen zu berichten, von 24 Jahren bisweilen miteinander ver- halt und eine eindringliche Mahnung, nie
sei dieser erst begeistert gewesen, dann ent- wechselt werden. woanders zu landen als ganz oben.«

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ans Bühnenbild und hastete während der
Vorstellung von einem zum anderen.
»Boris ist ziemlich beeindruckend, wenn
Erfolge mit purer Intelligenz und ohne har-
te Arbeit erzielbar sind«, schrieb einer sei-
ner Lehrer 1982 an Stanley Johnson. Und:
»Er scheint ernsthaft zu glauben, dass es
kleinlich von uns sei, ihn nicht als Ausnah-
me zu betrachten.«
Auch später, auf der Universität in Ox-
ford, ließ sich dieser Anspruch beobachten,
anders zu sein als die anderen – im Zweifel:
besser. Kurioserweise trafen dort Mitte der
Achtzigerjahre bereits viele jener Männer
aufeinander, die heute das politische Schick-
sal Großbritanniens unter sich ausmachen.
Auf der einen Seite unter anderen der spä-
tere Premier David Cameron, Schatzkanz-
ler Philip Hammond und der heutige Au-
ßenminister und Johnson-Rivale Jeremy
Hunt, die Studienfächer wie Politik oder
Ökonomie wählten; auf der anderen Seite
Menschen wie Boris Johnson, der sich der
klassischen Antike zuwandte, und der glü-
hende EU-Gegner Jacob Rees-Mogg, der
Geschichte studierte. Erstere warben 30 Jah-
re später für den Verbleib ihres Landes in
der EU – Letztere wählten den Brexit.
Auch aus dieser Gruppe wollte Johnson
herausragen und kandidierte 1984 für das
Präsidentenamt des berühmten Debattier-
klubs Oxford Union. Dass er gegen einen
Nobody, der nicht mal auf ein Eliteinternat
gegangen war, verlor, schockte ihn. Im
Jahr darauf trat er erneut an. Und diesmal
wählte er eine Taktik, mit der er auch heu-
te wieder versucht, seine Partei und sein
Land hinter sich zu einen: Gegenüber kon-
servativen Kommilitonen gab er sich als
knallharter Tory, eher zu Labour tendie-
renden Studenten machte er liberale Ver-
sprechungen. Damit gewann er.
Dass er nie genau zu sagen vermochte,
welche Politik er als Chef eigentlich ver-
IAN SUMNER

folgen wolle, ging in der Boris-Euphorie


etwas unter. Auch Andrew Gimson lernte
Johnson in Oxford kennen. Er sagt: »Boris
konnte Leute dazu bringen, dass sie sich
totlachten. Und ihre Freude war so groß,
dass es sie kaum interessierte, wofür er
Um dorthin zu gelangen, setzte und Premierminister als jede andere britische ihre Unterstützung eigentlich nutzte, so-
setzt ihr großer Bruder vor allem auf drei- Schule hervorgebracht hat. Als die Schüler lange er sie nur weiter unterhielt.«
erlei: zum einen auf sein unbestreitbares dort einst Shakespeares »Richard III.« in- Johnsons große Zeit als politischer Un-
Talent. Zum Zweiten auf Humor: Von sei- szenierten, war es natürlich Johnson, der terhaltungskünstler begann im Frühjahr
nem Vater Stanley, Buchautor, Politiker, die Rolle des Königs übernahm. Seinen 1989. Da ging der Jungjournalist für den
Schwerenöter und Spaßvogel, schaute er Text aber lernte er nicht. Stattdessen hef- Londoner »Daily Telegraph« nach Brüssel.
sich die Rolle des exzentrischen, bisweilen tete er, unsichtbar fürs Publikum, Zettel Die renommiertere »Times« hatte er zuvor
tumben Engländers ab. Das hilft ihm, sei- verlassen müssen, weil er ein heikles Zitat
nen Ehrgeiz zu kaschieren. Und zum Drit- erfunden hatte. Der »Telegraph« machte
ten verlässt er sich auf seinen Charme, mit sich nichts daraus. Die EU-Hauptstadt
dem er mehr Skandale überlebt hat als alle »Boris ist beeindru- kannte Johnson gut: Sein Vater Stanley hat-
anderen Politiker seiner Generation.
Mit diesem Elixier aus Talent, Humor
ckend, wenn Erfolge te die Familie einst nach Belgien verpflanzt,
weil er einen Job in der EU-Kommission
und Verführungskunst hat sich Johnson mit purer Intelligenz und im Parlament hatte. Als Boris noch
schon früh nahezu unangreifbar gemacht. klein war, verschwand seine Mutter nach
Bezeichnend ist eine Episode aus seiner erzielbar sind.« einem Nervenzusammenbruch für acht
Zeit auf dem Eliteinternat Eton, das mehr Monate in der Klinik; später trennten sich

13
Titel

die Eltern. An die EU-Hauptstadt hat Boris haben würde, trat 1994 erstmals zur Euro- innerhalb und außerhalb Großbritan-
Johnson keine guten Erinnerungen. pawahl an – in Boris Johnsons letztem niens – außer reichen weißen Männern.
Seinen zweiten Anlauf in Brüssel unter- Jahr in Brüssel. Und weil er nicht nur ein politischer Ver-
nahm er zu einer hochinteressanten Zeit: Der ehemalige britische EU-Kommissar führer war, log er wiederholt über seine
Kein halbes Jahr zuvor hatte die britische Chris Patten hält Johnson für einen »he- amourösen Eskapaden, die so zahlreich
Debatte über Europa einen neuen Höhe- rausragenden Vertreter von Fake-Jour- waren und sind, dass bis heute nicht klar
punkt erreicht. Margaret Thatcher, seit je nalismus«. Einen Lügner könne man den ist, wie viele außereheliche Kinder er
skeptisch gegenüber einer zu tiefen Inte- früheren Journalisten aber nicht nennen – eigentlich hat.
gration, war in die Offensive gegangen. »denn er versteht schlicht nicht den Unter- Irgendwann tauchte in der britischen
Die Vision des damaligen Kommissions- schied zwischen Fakten und Fiktion«. Presse die Abschrift eines Gesprächs auf,
präsidenten Jacques Delors, aus dem Wirt- Weil er aber stets mit allem durchkam, das Johnson noch als Journalist mit seinem
schaftsverbund eine immer engere und vor was er tat und sagte, tat und sagte er im- alten Eton- und Oxford-Buddy Darius Gup-
allem »soziale« Union zu machen, war der mer Ungeheuerlicheres. Auch nachdem er py geführt hatte. Der windige Geschäfts-
erzkonservativen Thatcher zutiefst su- 1997 ins Fach des Politikers gewechselt mann, der später einige Jahre im Gefängnis
spekt. Sozial klang allzu sehr nach sozia- war, erfand er regelmäßig Fakten, Zahlen, verbrachte, bat Johnson, ihm die Adresse
listisch. In einer Rede in Brügge warnte Bedrohungen. Hingerissen von seiner ei- eines unliebsamen Journalisten zu besor-
»Mrs No« vor einem »europäischen Super- genen, klassisch geschulten Formulierungs- gen, damit er diesen verprügeln lassen kön-
staat«. Das Feld war bereitet für einen, der kunst, beleidigte er Frauen, Schwarze, ne. Es lohnt sich, Auszüge des Gesprächs
nicht lange brauchen sollte, um Thatchers Schwule, Muslime, Liverpooler, Miss- im Wortlaut wiederzugeben:
»Lieblingsjournalist« zu werden. brauchsopfer, Labour-Wähler, Klimaschüt- Johnson: »Wenn dieser Typ schwer ver-
Es spricht wenig dafür, dass Boris John- zer und praktisch jede andere Gruppe letzt werden sollte, werde ich stinksauer.«
son eine ausgeprägte Haltung zu Europa Guppy: »Ich garantiere dir, dass er nicht
hatte, als er aus Brüssel zu berichten be- ernsthaft verletzt werden wird … Viel-
gann. Das bürokratische Hickhack jedoch, leicht ein paar blaue Augen und eine an-
der zähe demokratische Widerstreit, die Reden ist Gold gebrochene Rippe, etwas in der Art.«
Verordnungshuberei müssen für einen Vortragshonorare für Boris Johnson, Johnson: »Angebrochene Rippe.«
stets im Superlativ denkenden Freigeist in Euro*, Auswahl Guppy: »Nichts, was man sich nicht
wie ihn eine Zumutung gewesen sein. Quelle: Guardian *gerundet
auch beim Rugby holen könnte …«
Bald begann er, sich über die EU-Klein- Johnson: »Wenn ich Schwierigkeiten
krämer lustig zu machen. Das kam an in kriege, wenn ich …«
London, wo sich die Euroskeptiker der Auftraggeber: Guppy: »Wirst du nicht, Boris, ich
India Today
Tories immer lauter Gehör verschafften.
Und so lieferte Johnson immer wildere
136 000 Medienkonzern
Neu-Delhi, März 2019
schwöre es dir.«
Johnson: »Ich habe diese verdammte
Geschichten ab. Dass er dabei ein zu- € Nummer für dich. Okay, Darry. Ich hab
nehmend pinocchiohaftes Verhältnis zur gesagt, ich tue es, und ich werde es tun.
Wahrheit offenbarte, kümmerte ihn nicht – Keine Sorge.«
solange die Leute ihm seine Ammen- Golden Tree Johnson, der kategorisch bestreitet,
Asset Management
märchen glaubten.
Die EU, tönte Johnson, wolle britische
105 000 Vermögensverwaltung
Guppy in der Sache geholfen zu haben,
bekam keine Schwierigkeiten. Big B be-
New York, November 2018
Chips mit Shrimpsgeschmack verbieten. kam fast nie Schwierigkeiten. Wenn man
Die EU wolle Kondomgrößen europaweit davon absieht, dass er seinen unaufhalt-
standardisieren und dabei die (angeblich Pendulum Events samen Aufstieg wegen der einen oder an-
kleineren) Gemächte von Italienern igno- & Training deren Unwahrheit zwischenzeitlich unter-
rieren. Die EU wolle Schnecken zu Fischen 57000 Veranstaltungsorganisation brechen musste. Während andere Politiker
Januar 2019
erklären. Der Binnenmarkt werde womög- gestürzt wären, stolperte er nur.
lich zu einem der größten Kunstraubzüge Es schadete ihm nicht nachhaltig, dass
der Geschichte führen und die Grenze zwi- Citigroup Global Markets er mehrfach wegen falscher Angaben zu
schen Staaten so durchlässig machen, dass 42000 Finanzdienstleister, März 2019 üppigen Nebeneinkünften überführt wur-
der Kontinent zum Paradies für Drogen- de. Es schadete ihm nicht, dass er sogar
schmuggler, Terroristen, Waffenhändler KNect365 seinen früheren Parteichef dreist über
und »Migranten aller Art« werde. 32000 Wirtschaftsnetzwerk eine Affäre belogen hatte. Und es schadete
London, Dezember 2018
Jeden Nachmittag habe sich Johnson, ihm auch nicht, dass er viel später mit
der oft cholerisch und nachtragend sei, in einem Brexit-Bus durchs Land rollte, auf
The British Insurance
seine rituelle »Vier-Uhr-Rage« versetzt, Brokers’ Organisation dessen Außenhaut grotesk falsche An-
sagt Johnsons damalige Stellvertreterin 28000 gaben über britische Zahlungen an die
Versicherungsmakler, Mai 2019
und spätere Biografin Sonia Purnell. Dafür EU standen: London überweise wöchent-
habe er seine Yuccapalme mit Schimpfwör- Banque Pictet & Cie SA lich 350 Millionen Pfund nach Brüssel,
tern überzogen, um sich in Stimmung für 28000 Vermögensverwaltung, Privatbank die man künftig ins nationale Gesundheits-
seine Anti-EU-Traktate zu bringen. Ein- April 2019 system stecken werde. Die womöglich
fach weil es Spaß machte. folgenschwerste Lüge im politischen
Purnell ist überzeugt davon, dass ihr Ex- 24 000 Pomerantz LLP Leben des Boris Johnson.
Wirtschaftskanzlei, Mai 2019
Kollege damit fahrlässig britischen Rechts- Die Menschen aber verfielen ihm, weil
populisten und Anti-EU-Hetzern jede Art er so herrlich anders ist als die anderen.
von Munition geliefert habe. Zufall oder Lauter, lebhafter, lustiger. Dass bis heute
nicht: Die UK Independence Party, deren erhält Johnson pro Jahr für unklar ist, woran Johnson – außer an sich
unheimlicher Aufstieg maßgeblichen An- 304 000 seine Zeitungskolumne
im »Daily Telegraph«.
selbst – glaubt; dass er für die Gleichstel-
teil am erfolgreichen Brexit-Referendum lung von Homosexuellen stritt und homo-

14
IAN FORSYTH / GETTY IMAGES
Tory-Mitglieder bei einer Podiumsdiskussion im nordostenglischen Darlington*
Raus aus Europa, egal wie

phobe Stereotype verbreitete; dass er eine sen. Aber drei Jahre zuvor hatten die Tories »Boris-Bikes«, mit denen Touristen heute
Politik für Arme forderte und eine Politik den jüngeren und nicht mal halb so charis- massenhaft durch London radeln, und auch
für Reiche förderte; dass er angeblich stolz matischen Eton- und Oxford-Zögling David die fabelhaften Olympischen Spiele von
auf seine türkischen Wurzeln ist, aber wäh- Cameron zu ihrem Anführer gewählt. Eine 2012: All das wurde ursprünglich von dem
rend der Brexit-Kampagne vor Millionen Demütigung für Johnson. Labour-Politiker in die Wege geleitet.
türkischen Zuwanderern warnte, wovon Der Posten in Londons Rathaus schien Johnson dagegen, der auch von seinen
er heute nichts mehr wissen will: egal. Was unter diesen Umständen ein geeigneter Al- eigenen Leuten als pfauenhafter »Do no-
ist das schon, verglichen mit seinem Aper- ternativweg, um sich weiter für das ganz thing«-Politiker beschrieben wurde, öffne-
çu, dass Tory-Wähler »Frauen mit größe- große Ziel warmzulaufen. Also trat John- te Londons Türen vor allem für Reiche
ren Brüsten« bekämen? son an. Und schaffte das nahezu Unvor- und Superreiche aus aller Welt. Er ver-
Boris Johnson steht wie Silvio Berlus- stellbare: Als Konservativer schubste er in schärfte damit die Ungleichheit und die
coni, wie Donald Trump und wie all die der Labour-Hochburg London den legen- heute nahezu unerträgliche Wohnungsnot
anderen populistischen Verführer, die sich dären Linken Ken Livingstone vom Thron. in der Stadt. Eine seiner markantesten Hin-
zuletzt weltweit zur Wahl stellten, für die Es ist diese Underdog-Story, mit der terlassenschaften ist der Orbit-Turm im
Profanisierung und Infantilisierung von Johnson heute unter Tory-Mitgliedern für Olympiapark, ein 19 Millionen Pfund
Politik. Wenn es ihm nutzt, kann er heute sich wirbt. Aus dem Nichts kommend teures Denkmal, an dem sich ein rotes
liberal, morgen sozialdemokratisch und habe er damals nicht nur einen gefährli- Stahlgerüst in wirren Schleifen empor-
übermorgen konservativ sein. Und er hat chen Sozialisten im Zaum gehalten, son- rankt – und dessen vordringlicher Zweck
es nicht einmal nötig, seine Plan- und Prin- dern anschließend einen Zehnmillionen- darin besteht, über alle anderen Bauwerke
zipienlosigkeit zu verschleiern. Er ist wie moloch acht Jahre lang erfolgreich gema- im Osten Londons herauszuragen.
der Kaiser, der seinem Volk selbst zuruft: nagt. Er wolle künftig das ganze Land wie Ein Mann, ein Turm.
Seht her, ich habe keine Kleider an! Das London regieren, mit einem »Starteam« Es ist jedoch nicht so, dass der 30-jähri-
ist so entwaffnend ehrlich und so urko- und einer Politik für diejenigen, »denen ge Schlingerkurs des Boris Johnson im Be-
misch, dass viele gar nicht anders können, es am schlechtesten geht«. Aber stimmt wusstsein vieler Briten keine Schrammen
als ihn zu wählen. das auch, was er da behauptet? hinterlassen hätte. Spätestens seit sich der
Deshalb wählten sogar die Londoner, die Unbestreitbar ist, dass London in John- Engländer, zu dessen Lieblingsfilmen
aufgeklärten, progressiven, multikulturellen sons Amtszeit, zumindest vorübergehend, »Apocalypse Now« zählt, im Frühjahr
Londoner, Boris Johnson 2008 zu ihrem klimafreundlicher, weniger kriminell und 2016 zum Anführer der Brexit-Kampagne
Bürgermeister. Es war ein Paukenschlag und insgesamt lebenswerter wurde. Viele Erfol- aufschwang, ist er zu einem der polarisie-
der bislang überzeugendste Beweis für John- ge allerdings, die er sich zuschreibt, gehen
sons politische Fesselungskunst. Bürger- auf Livingstones Initiative zurück. Die Ci- * Zwischen den Parteivorsitzkandidaten Boris Johnson
meister zu werden war nie sein Ziel gewe- tymaut, die erhöhte Zahl der Polizisten, die und Jeremy Hunt am 5. Juli.

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 15


Titel

rendsten Politiker des Landes geworden.


Als sich Meinungsforscher jüngst unter Bri-
ten umhörten, gaben 47 Prozent von ihnen
an, dass sie Johnson für einen kommenden
Wahlsieger halten. Aber nur 13 Prozent
sagten, sie würden ein gebrauchtes Auto
von ihm kaufen. Knapp die Hälfte der Bür-

ANDREW PARSONS / I-IMAGES / ZUMA / ACTION PRESS


ger bezweifelt, dass es ihm gelingen wird,
die beschädigte Nation zu einen. Und noch
mehr halten ihn für »unmoralisch«.
Boris Johnson muss das fürs Erste nicht
verdrießen. Denn von den 66,4 Millionen
Bürgern des Vereinigten Königreichs ha-
ben mehr als 66,2 Millionen nichts zu sa-
gen, wenn in diesen Tagen der nächste Pre-
mierminister des Landes ausgerufen wird.
Es sind vielmehr ausschließlich die Tory-
Mitglieder, die nun ihren neuen Anführer
wählen – und der wird danach automa-
tisch an die Regierungsspitze rücken. Ge-
rade mal 160 000 Konservative mit Par- EU-Austritt-Kampagnenbus 2016, Johnson als Journalist 2003,
teibuch gibt es noch. Und wer eine Ah- als Außenminister mit Regierungschefin May 2016
nung davon bekommen will, wer diese Auf dem Weg ins gelobte Brexit-Land
Menschen sind, der kann bei Gelegenheit
zum Beispiel in der Swigs Hole Farm in
der Grafschaft Kent, eine Zugstunde süd-
östlich von London, vorbeischauen.
Dort sitzen an einem sonnigen Sonntag-
morgen rund 40 zumeist rüstige Damen
und Herren auf einem Stück Kunstrasen,
essen Lachsschnittchen und Würstchen im
Teigmantel. Die Szene wirkt wie gestellt,
um fürs Fernsehen englischen Perlwein zu
bewerben, der tatsächlich ganz in der
Nähe hergestellt wird. Hunde und Katzen

DAVID SANDISON / THE INDEPENDENT / REX


streifen um einen kleinen Tümpel, dane-
ben die Statue einer badenden Nymphe,
im Hintergrund sanft geschwungene Korn-
felder und ein windschiefes Farmhaus mit
Türmchen und Fachwerkfassade, so idyl-
lisch, als hätte es jemand für eine gewaltige
Modelleisenbahnlandschaft entworfen.
Eingeladen zu »Summer Fizz & Cana-
pés« hat die Tory-Filiale aus dem nahe ge-
legenen Tunbridge Wells, um in unge-
zwungener Atmosphäre ein wenig über
Politik zu plaudern. Die sei derzeit »furcht-
erregend«, findet Pauline Aylett, die mit und fähig sei, aber halt auch zu nett, um Wie weit sie gehen würden, um nur end-
ihrer pinkfarbenen Bluse, den pink ge- den Europäern die Stirn zu bieten. Dass lich wieder zu einer unabhängigen Insel-
schminkten Lippen und dem üppigen Per- Boris ungehobelt und unstet sei, aber eben nation werden zu können, machte kürzlich
lenschmuck aus dem Umgebungsgrün he- auch ein Pfundskerl, der in Brüssel auf den eine aufsehenerregende YouGov-Umfrage
raussticht. Pauline ist 81 Jahre alt, sie war Tisch hauen werde. Und dass er Franzosen deutlich: Demnach würde eine deutliche
mal Börsenhändlerin in London und trägt »Scheißkerle« genannt haben soll, was bei Mehrheit der Konservativen den Zerfall
die gleiche Haarfarbe wie Boris Johnson. den bevorstehenden Verhandlungen viel- der eigenen Partei, eine Abspaltung Schott-
Den mag sie allerdings nicht besonders. leicht nicht unbedingt helfen wird? Da lands, die Wiedervereinigung Irlands und
Ein »Idiot« und Serienfremdgeher sei das, muss Paulines Freundin Sonia Borrajo, nachhaltige Schäden für die britische Wirt-
und dann auch noch zu blöd, um seine 88 Jahre alt, doch ein wenig schmunzeln: schaft in Kauf nehmen, solange sie dafür
Spuren zu verwischen. »Was ist los mit »Also da bin ich ganz bei Boris.« nur endlich den Brexit bekämen. Für zwei
dem Mann? Hat er noch nie von Gebur- Raus aus Europa. Egal wie. Das ist im von fünf Tories wäre sogar eine Corbyn-
tenkontrolle gehört?«, schimpft Pauline. Prinzip das einzige Thema, das Großbri- Regierung der Preis, den sie dafür zu zah-
Aber wählen wird sie Johnson »natürlich« tanniens Konservative derzeit noch inte- len bereit wären.
trotzdem. Er sei der Einzige, der Corbyn ressiert. Die verbliebenen Tory-Mitglieder Wie dramatisch diese Entwicklung nicht
schlagen und den Brexit liefern könne. sind nach Untersuchungen der Londoner nur für das tradierte politische Gleich-
»Ich will raus!«, ruft Pauline und verschüt- Queen Mary University nicht nur älter, gewicht, sondern für das gesamte Land ist,
tet vor Eifer ein paar Tropfen Sekt. weißer und reicher als der Rest des König- lässt sich nicht überbewerten: Die Partei,
Man hört das hier auf der Farm überall. reichs – sie sind auch glühendere Feinde die offiziell Conservative and Unionist Par-
Dass der brave Jeremy Hunt wirklich klug der Europäischen Union. ty heißt, ist willens, ihr Königreich dem

16 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


indem er Hunt einen »Detailversessenen«
nannte. Für ihn ist das ein Schimpfwort.
In der einstündigen Sendung offenbarte
Johnson wieder seine zaudernde Seite, mit
der er sich und andere schon so oft in
Schwierigkeiten gebracht hat. Diesmal traf
es den britischen US-Botschafter Sir Kim
Darroch, einen der profiliertesten Diplo-
maten des Königreichs. Kurz vor der Live-
debatte waren Darrochs wenig schmeichel-
hafte Depeschen über die Regierung von
Donald Trump an die Öffentlichkeit durch-
gesickert. Diese sei »disfunktional« und
»unfähig«, Trump selbst so schwer von Be-
griff, dass man möglichst simpel mit ihm
kommunizieren müsse. Der US-Präsident
schäumte und fällte via Twitter ein ver-
nichtendes Urteil über Darroch und seine
Vorgesetzten. Eine beispiellose Attacke,
die sich Außenminister Jeremy Hunt vor
laufender Kamera auch verbat.
Johnson dagegen brachte das Kunststück
fertig, sich in einer wirren Antwort irgend-
wie vor Trump zu stellen, von dessen Wohl-
wollen er sich in Handelsfragen so viel
verspricht. Er brüskierte damit öffentlich
Botschafter Darroch, der kurz darauf zu-
rücktrat. Wie der hasenfüßige Johnson so
harte Verhandlungen mit der EU überste-
hen wolle, ätzten daraufhin seine Partei-
freunde und -feinde. Seiner Popularität un-
ter den konservativen Königsmachern aber
tat das keinen Abbruch: Zuletzt lag John-
son in Umfragen fast uneinholbar vorn.
Und so bleibt das große ungelöste Rätsel
dieser Tage, was genau Boris Johnson mit
MAX MUMBY / INDIGO / GETTY IMAGES

der Macht vorhat, die ihm nun wohl in die


Hände gelegt werden wird. Vor allem in
Bezug auf den Brexit. In den drei Jahren
seit dem EU-Referendum hat er wenig
mehr erkennen lassen als seine grimmige
Opposition gegen Kompromisse mit der
Europäischen Union.
Als Mays zwischenzeitlicher Außen-
minister irrlichterte er um die Welt, hüpfte
in diverse Fettnäpfe und beklagte das man-
gelnde Selbstbewusstsein seines Landes.
Brexit zu opfern. Die Partei, die wie keine schon. Glaube, Liebe, Hoffnung – aber Als hoch bezahlter Kolumnist für den »Dai-
andere seit Jahrzehnten die Wirtschaft um- keine politische Agenda. ly Telegraph«, der längst ein Borisgraph
garnt, ist reif für einen Brexit-Berserker, Auch im einzigen TV-Duell mit Jeremy geworden ist, forderte er, »den Kampf zu
der noch vor Monaten »fuck business!« rief. Hunt am Dienstag vergangener Woche den Feinden« in der EU zu tragen. Aber
Die Partei, die Machterwerb und Macht- wurschtelte sich Johnson so wieder durch. mehr als bombastisches Wortgeklingel, das
erhalt wie kaum eine andere in Europa per- Am Ende ächzte sein erschöpfter Rivale: er wie stets an sein großes Vorbild Wins-
fektioniert hat, ist drauf und dran, ihr »Boris hat diese großartige Eigenschaft: Du ton Churchill anlehnte, war von Johnson
Schicksal einem Egomanen und Polithallo- stellst ihm eine Frage, er zaubert dir ein eigentlich nicht zu vernehmen. Es gibt
dri in die Hände zu legen. Müßig zu erwäh- Lächeln aufs Gesicht, und du vergisst, was Gründe, warum Nick Clegg, der ehemalige
nen, dass die Tories auch mal die selbst er- die Frage war.« Johnson revanchierte sich, Vizepremier, Johnson einmal »einen Do-
nannte »Partei für Europa« waren. nald Trump mit Wörterbuch« nannte.
Lange her. Dass er auch jetzt noch nicht viel weiter
Es ist, als hätte sich die mehr als 300 Jah- ist, machte Johnson kürzlich in einem denk-
re alte Tory-Partei über den Brexit zu einer »Es gibt Gründe, wa- würdigen BBC-Interview überdeutlich. In
politischen Sekte entwickelt, und Boris
Johnson spielte virtuos die Rolle des Sek-
rum manche ihn einen typischer Johnson-Manier, also ohne Blick
für Details oder Realitätsnähe, tönte er dort,
tenführers mit einfachen, messianischen Donald Trump mit er werde aus Mays Deal »die machbaren
Botschaften – sie lauten zusammengefasst: Teile nehmen und wuppen«, darunter den
Glaubt an dieses großartige Land, seid Wörterbuch nennen.« »Kram über EU-Bürger« und »verschiedene
lieb zueinander, dann schaffen wir das andere Sachen« wie die vereinbarte Aus-

17
Titel

I-IMAGES / ZUMA / ACTION PRESS


Wahlkämpfer Johnson bei Tory-Veranstaltung
»Er wird, wie immer, alles tun, von dem er glaubt, dass er damit durchkommt«

trittsrechnung in Höhe von 39 Milliarden Danach folgen Parteikonferenzen. Wenn es Deal desaströs werden könnte, wird er wo-
Pfund. All das werde man in der geplanten Mitte September weitergeht in London, möglich in der letzten Minute einen Rück-
Übergangsphase angehen. Mit Blick auf bleiben noch ganze sechs Sitzungswochen zieher machen. Wenn er denkt, dass No
eine drohende harte Grenze zwischen Nord- bis Halloween. Und ob die mit sich selbst Deal seine einzige Option ist, wird er viel-
irland und Irland überraschte er die Mode- ringende EU dann schon wieder verhand- leicht auch Neuwahlen riskieren, um eine
ratorin damit, dass er »technische Kniffs im lungsfähig sein wird, ist nicht ausgemacht. Parlamentsmehrheit dafür zu bekommen.
Überfluss« kenne, um diese zu verhindern. Am Ende könnte Johnson daher wirk- Um ehrlich zu sein: Alles ist möglich.«
Dass es eine Übergangsphase überhaupt lich die sogenannte nukleare Option wäh- Alles ist möglich.
erst geben wird, wenn das Austrittsabkom- len und versuchen, sein Land ohne jedes Prägnanter lässt sich die Person Boris
men von allen 28 EU-Staaten ratifiziert Abkommen von Europa loszueisen. Es Johnson nicht zusammenfassen. Er wollte
ist, und dass die technische Wunderlösung wäre ein hochriskantes Unterfangen, nicht ganz nach oben. Jetzt fehlen ihm nur noch
für Irland in drei Jahren noch keiner ge- nur weil eine No-Deal-Entscheidung im ein paar Schritte. Einmal dort angekom-
funden hat: spielt für Johnson keine Rolle. Königreich ungekannte wirtschaftliche, men, wird es aber auch für ihn nur noch
Er will bemerkt haben, dass nun »wirklich politische und soziale Eruptionen auslösen eine Richtung geben. Und nach Lage der
positive Energie vorhanden ist«. Den Rest würde. Auch für Johnson persönlich wäre Dinge könnte es schneller wieder bergab
gedenkt er, mit »kreativer Vieldeutigkeit« der Einsatz unendlich hoch. Die Mehrheit gehen, als es ihm lieb sein kann.
zu erledigen. Plan A hat nicht funktioniert, der konservativen Regierung im Londoner Boris wäre jedoch nicht Johnson, würde
jetzt kommt Plan B. Unterhaus ist auf eine Handvoll Stimmen ihn diese Aussicht schrecken. »Es gibt kei-
B wie Boris. geschrumpft. Womöglich würden schon ne Desaster, nur Gelegenheiten«, hat er
Johnson hat angekündigt, sein Land spä- drei Tory-Rebellen ausreichen, um den mal gesagt. »Und natürlich Gelegenheiten
testens am 31. Oktober aus der EU zu füh- neuen Premierminister per Misstrauens- für neue Desaster.«
ren – »komme, was wolle«. Der vollkom- votum zu stürzen. Mehr als drei haben da- Mag sein, dass die Briten mit ihm ein
men willkürliche Halloweentermin war mit gedroht, genau das tun zu wollen. Debakel erleben. Aber sie werden dann
Theresa May von der EU diktiert worden, Was wird Johnson, der Spieler, entschei- wenigstens in allerbester Stimmung sein.
sie konnte sich nicht mehr dagegen weh- den? Vieles spricht dafür, dass der Mann, Mail: joerg.schindler@spiegel.de
ren. Wenn Johnson bis dahin wirklich ein der das Leben immer schon als große Im-
ganz neues Abkommen mit Brüssel ver- provisationsübung begriff, das selbst noch
handeln will, wie er es angekündigt hat, nicht weiß. »Boris Johnson wird, wie im- Video
Johnsons seltsamste
wird er sich beeilen müssen. mer, alles tun, von dem er glaubt, dass er Auftritte
Nach seiner wahrscheinlichen Amtsein- damit durchkommt«, sagt der Tory-Exper- spiegel.de/sp302019johnson
führung Ende Juli werden Regierung und te Tim Bale von der Queen-Mary-Univer- oder in der App DER SPIEGEL
Parlament wohl erst einmal Urlaub machen. sität. »Sollte er feststellen, dass ein No

18 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


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Deutschland
»Politische Zeiten haben ihre Gespenster. Leute, die mit undurchsichtigen Absichten im Hintergrund lauern.« ‣ S. 38

ULI DECK / DPA


Tatverdächtiger im Lübcke-Mord nach Haftprüfungstermin in Karlsruhe

Parlamentarisches Kontrollgremium

Bundestag durchleuchtet Geheimdienstakten


Überprüfung von Erkenntnissen zu rechtsradikalen Netzwerken im Umfeld der Bundeswehr
G Die Geheimdienstkontrolleure des Bundestags wollen einem vertraulichen Papier hervorgeht, soll der Bevollmäch-
ihre Ermittlungen zum Umgang der Sicherheitsbehörden mit tigte des Kontrollgremiums nun etwa klären, wie die Geheim-
Rechtsextremismus-Verdachtsfällen ausweiten. Die seit dienste die beschlagnahmten Kontaktlisten des Bundeswehr-
Monaten laufende Untersuchung des Parlamentarischen Kon- offiziers Franco A. überprüften.
trollgremiums befasst sich mit »Erkenntnissen und Maß- Zudem soll er auch die Akten von Verfassungsschutz
nahmen« der Geheimdienste zu »möglichen rechtsextremis- und Polizei zu Stephan Ernst einsehen, dem mutmaßlichen
tischen Netzwerken mit Bezügen zur Bundeswehr«. Mörder des Kasseler CDU-Politikers Walter Lübcke. Da-
Ausgangspunkt war der Terrorverdacht gegen den Solda- durch soll geklärt werden, wie die Behörden ihre Daten zu
ten Franco A. Trotz zweijähriger Ermittlungen ist es der Bun- Rechtsextremen austauschen und speichern. Ernst war
desanwaltschaft bisher nicht gelungen, den Fall vor Gericht bis mindestens 2009 in der Neonaziszene aktiv, soll dann
zu bringen. Das Verfahren hatte weitere Fälle womöglich aber vom Radar des Verfassungsschutzes verschwunden
rechtsextremer Soldaten und Polizisten offenbart. Wie aus sein. MBA, WOW

22
Verfassungsschutz Krankenhäuser SPIEGEL: Die Forscher haben den Groß-
Länder pochen auf »Teilweise eine raum Köln / Leverkusen analysiert. Wenn
man dort 24 der 38 Krankenhäuser
ihre Macht Überversorgung« schlösse, heißt es, würden trotzdem so
gut wie alle Einwohner in einer
 Die Bundesländer stemmen sich Der nordrhein-westfälische halben Stunde eine Klinik er-

K. W. SCHMIDT / IMAGO IMAGES


gegen Pläne des Bundesinnenministeri- Gesundheitsminister Karl-Josef reichen. Ist die Region stationär
ums (BMI), die Befugnisse des Verfas- Laumann, 62 (CDU), über überversorgt?
sungsschutzes zu zentralisieren und den Vorschlag, Hunderte Kran- Laumann: Ohne den Einzelfall
damit ihren Einfluss zu begrenzen. Das kenhäuser zu schließen zu kommentieren: Es ist wahr,
BMI will dem Bundesamt für Verfas- dass wir in Ballungszentren teil-
sungsschutz die Kompetenz zusprechen, SPIEGEL: Eine Studie im Auf- weise eine Überversorgung
in Fragen der Zusammenarbeit auch trag der Bertelsmann-Stiftung haben. Ich habe daher ein Gut-
gegen einzelne Bundesländer zu ent- empfiehlt, gut die Hälfte aller achten in Auftrag gegeben, das
scheiden. Solche Entscheidungen könn- Krankenhäuser in Deutschland zu schlie- unter anderem die Über- und Unterver-
ten dann nur noch mit einer Mehrheit ßen, um die Qualität der Versorgung zu sorgungen in Nordrhein-Westfalen analy-
der Landesämter gekippt werden. Der- verbessern. Was halten Sie von der Idee? sieren soll.
zeit gilt das Prinzip der Einvernehm- Laumann: Die Zahl, die hier genannt wird, SPIEGEL: Viele Patienten, die mit Augen-
lichkeit. Am Rande der jüngsten Innen- erscheint mir sehr hoch. Das kann ich so leiden oder Rückenschmerzen im Kran-
ministerkonferenz in Kiel wurde Protest nicht nachvollziehen, das schürt auch kenhaus liegen, könnten offenbar auch
gegen die BMI-Pläne laut. Im Verfas- Ängste. Aber die Grundidee, die dahinter ambulant versorgt werden. Schaffen sich
sungsschutzverbund besitze das Bun- steckt, ist richtig: Wir brauchen einen neu- Kliniken die Kundschaft durch die Not-
desamt bisher eine Steuerungsfunktion, en Krankenhausplan, der sich an Struktur, fallambulanzen selbst?
die »rein moderierend ausgestaltet ist«, Qualität und Fallzahlen ausrichtet. Inso- Laumann: Das ist ein Problem, das wir
heißt es in einer Stellungnahme des fern ist die Studie ein Diskussionsanstoß. angehen. Wir wollen in Nordrhein-West-
BMI auf Anfrage des SPIEGEL. Ob es SPIEGEL: Könnten die nach den Schlie- falen die Notfallversorgung im ambulan-
dabei bleibe, müsse im Verfahren der ßungen verbleibenden Krankenhäuser ten und stationären Bereich besser ver-
Gesetzesnovelle erörtert werden, die wirklich mit mehr Personal und einer bes- netzen. Bis 2022 soll es an geeigneten
sich derzeit in der Ressortabstimmung seren Ausstattung rechnen? Standorten sogenannte Portalpraxen
der Bundesregierung befinde. »Das Laumann: Wir brauchen normalerweise geben, wo entschieden wird: Ist dieser
BMI wird großen Wert darauf legen, nicht auf engstem Raum zwei Kardiolo- Patient ein Fall fürs Krankenhaus oder
dass gesetzgeberische Entscheidungen gien in zwei Krankenhäusern, das ver- für den niedergelassenen Arzt?
einvernehmlich mit den Ländern ge- schlingt unnötig Ressourcen. Aber die SPIEGEL: Haben kleine Kliniken mit
troffen werden«, so ein Sprecher. AUL Menschen wollen zu Recht eine gute Ver- weniger als 300 Betten überhaupt noch
sorgung in ihrer Region. Das heißt für eine Zukunft?
mich: Ein Rettungswagen sollte innerhalb Laumann: Kliniken mit 300 Betten sind
von 30 Minuten eine Intensivstation in ländlichen Regionen große Kranken-
Bundespolizei erreichen. Aber für spezielle Krankheiten häuser. Da haben sie schon eine Zukunft.
Umgang mit Extremisten kann es nicht vor jeder Haustür eine In größeren Städten sieht das vielleicht
Fachklinik geben. anders aus. LE
 In einem »Mitarbeiterbrief« hat Bun-
despolizeipräsident Dieter Romann
rund 46 000 Bedienstete aufgefordert,
sich gegen jede Form von Extremismus Fahrverbote der Abgasnorm Euro 5. Verkehrsminister
in der Organisation zu stellen. Auffäl- Grüner Ministerpräsident Winfried Hermann möchte die Möglich-
ligkeiten seien Vorgesetzten und einem keit des zonalen Fahrverbots schon jetzt
gesonderten Referat zu melden. Ein schützt Dieselfahrer im Luftreinhalteplan für Stuttgart fest-
entsprechendes Merkblatt über den schreiben, wie vom Verwaltungsgerichts-
»Umgang mit Radikalisierung und Ex-  Das baden-württembergische Staatsmi- hof in Mannheim gefordert. Der Plan listet
tremismus« nennt dazu Indikatoren, nisterium von Ministerpräsident Winfried alle verbindlichen Maßnahmen auf, die
die aufmerken lassen sollten. Dazu Kretschmann (Grüne) streitet sich mit zur Einhaltung der gesetzlichen Grenzwer-
gehörten eine »Verrohung der Spra- dem ebenfalls grün geführten Verkehrsmi- te notwendig sind. Kretschmanns Behörde
che«, Musik mit »gewaltverherrlichen- nisterium. Es geht um das ab Januar 2020 will dagegen weitere Messungen abwarten
den, rassistischen oder sonstigen radi- drohende Fahrverbot für Dieselfahrzeuge und verweist intern darauf, dass es nur
kalen Texten« sowie die »Diffamierung noch vier stark belastete Streckenabschnit-
Andersdenkender«. Auffällige Beamte te in Stuttgart gebe. Ein zonales Fahr-
sollen eine »formale Ansprache« er- verbot sei daher nicht mehr zwingend. Zu-
halten, die Dienst- und Fachaufsicht dem solle erneuter Krach im Koalitions-
über sie intensiviert werden. »Hinweise ausschuss vermieden werden.
auf rechtsextremistische Netzwerke in Um die Dieselfahrverbote hatte es
ARNULF HETTRICH / FNOXX.DE

der Bundespolizei bestehen nicht«, innerhalb der grün-schwarzen Regierung


heißt es in dem Mitarbeiterbrief. Im monatelang Zoff gegeben. Als der Kon-
Erhebungszeitraum der letzten sieben flikt im Februar eskalierte, entzog Kretsch-
Jahre habe es gemessen am Personal- mann dem Verkehrsminister die intermi-
bestand einen Anteil von unter 0,1 Pro- nisterielle Arbeitsgruppe, die Maßnahmen
zent entsprechender gemeldeter Ver- zur Luftreinhaltung umsetzen soll – und
fehlungen gegeben. AUL Feinstaubalarm in Stuttgart unterstellte sie seinem Ministerium. BHR

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 23


Mut der Verzweiflung
Regierung CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer wagt den Sprung ins Kabinett.
Wie so oft in ihrer Laufbahn überrascht sie sogar enge Weggefährten und
riskiert viel. Denn nun geht es um die Frage, ob sie auch zur Bundeskanzlerin taugt.

THOMAS KOEHLER / PHOTOTHEK.NET / IMAGO IMAGES

Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer bei Amtsantritt am Mittwoch: Ein politisches Schwergewicht

24
Deutschland

E
inen Tag bevor sie im Schloss Piefigkeit. Ausgerechnet die Saarländerin, Wahrscheinlich war es auch der Mut der
Bellevue ihre Ernennungsurkunde die sich als Frau der Basis und Liebhaberin Verzweiflung. Kramp-Karrenbauer gibt
als Bundesverteidigungsministe- der Klartextrede sieht, fand zuletzt nicht die Freiheit des Parteiamts auf und un-
rin erhalten wird, hat Annegret mehr den richtigen Ton, weder für die Pro- terwirft sich der Kabinettsdisziplin. Sie
Kramp-Karrenbauer noch einen unange- vokationen des YouTubers Rezo noch für wechselt freiwillig aus einer Position der
nehmen Termin. Die CDU-Bundesvorsit- ostdeutsche Funktionäre aus Großpösna. relativen Augenhöhe mit der Bundeskanz-
zende reist am Dienstagabend nach Groß- Insofern ist das neue Amt eine Befrei- lerin quasi in die Rolle ihrer Mitarbeiterin.
pösna in Sachsen, gut 20 Parteifreunde ung. Künftig muss Kramp-Karrenbauer Merkel ist jetzt wieder ihre Chefin.
warten dort im Restaurant Lagovida, da- nicht mehr überlegen, ob sie vor einer Die Politikerinnen müssen eine Macht-
runter Bürgermeister, Kreisvorsitzende, CDU-Landesvorstandsklausur noch beim balance austarieren, die es in der Geschich-
Landtagsabgeordnete. IHK-Stammtisch vorbeischauen soll. Statt- te der CDU noch nie gab: Zwei Kapitänin-
Einen Monat zuvor haben sie einen Pro- dessen kann sie die Bundeswehrsoldaten nen steuern das Schiff. Freundinnen waren
testbrief an Kramp-Karrenbauer geschrie- in Mali besuchen, das Nato-Hauptquartier Merkel und Kramp-Karrenbauer nie, aber
ben und sie wegen ihrer kritischen Haltung in Brüssel, die US-Regierung in Washing- enge Vertraute. Doch in den vergangenen
zu Russland angegriffen. Die CDU-Chefin ton. Pentagon statt Provinz, es ist eine Monaten scheint sich Misstrauen in die Be-
solle mehr »Verständnis ostdeutscher Liga, die Kramp-Karrenbauer dringend be- ziehung eingeschlichen zu haben.
Sichtweisen« zeigen, hieß es, und ihre spielen muss, will sie als ernst zu nehmen- Versuchte Kramp-Karrenbauer anfangs
»zum Teil herablassende und pauschale de Kandidatin für das mächtigste politi- noch, sich aus dem Schatten der Kanzlerin
Kritik« gegenüber den Russlandfreunden sche Amt im Land gelten. zu lösen, mit ein paar eisernen Regeln der
in der Ost-CDU unterlassen. Als neue Verteidigungsministerin kom- Merkel-Ära zu brechen, scheint sie sich
Es geht an diesem Abend also um etwas mandiert sie 180 000 Soldatinnen und Sol- nun geläutert zu fügen. Der Coup ihres
Grundsätzliches, kein Thema, das man mit daten, steuert einen Apparat mit gut Kabinettseintritts brachte die Frauen zwar
ein paar warmen Worten aus der Welt 80 000 zivilen Kräften und wird die meis- wieder zueinander. Zugleich wurde aber
schafft. Aber Kramp-Karrenbauer hat ten Reisen mit Blaulicht, Sicherheitseskor- auch die alte Rangfolge wiederhergestellt:
plötzlich doch keine Zeit für ein längeres Merkel first, AKK irgendwann.
Versöhnungsgespräch, schon nach einer
Jan.
Dreiviertelstunde entschuldigt sie sich, Feb. Am Montag, einen Tag vor der Wahl von
eine wichtige Telefonkonferenz. 46 45 der Leyens in Straßburg, fliegt Bundes-
April
Die Gastgeber sind enttäuscht: »In der März Mai gesundheitsminister Jens Spahn um 6.05
Kürze der Zeit kam es leider nicht zu 39 Uhr mit einem Billigflieger vom Flughafen
37 36
einem richtigen Gedankenaustausch«, be- Berlin-Schönefeld in den Kosovo, um dort
dauert der sächsische Landtagsabgeordne- Pflegefachkräfte für deutsche Kliniken und
Juni
te Robert Clemen aus Leipzig. Immerhin, Juli Altenheime zu werben. Kurz nach der
die CDU-Chefin habe versprochen: »Wir Ernüchternde Bilanz 24 Landung am Flughafen Priština erklärt er
22
setzen das in Berlin fort.« Umfragen zur Zufriedenheit den mitreisenden Journalisten seine Pläne
Doch dazu dürfte es so bald nicht kom- mit der politischen Arbeit zur Lösung des Pflegenotstands im Land.
men. Erst später am Abend erfahren Cle- von Annegret Kramp-Karrenbauer, Das Programm ist eng getaktet.
men und seine Kollegen, warum Kramp- Angaben in Prozent Kaum sind die Kameras aus, sagt Spahn:
Karrenbauer es so eilig hatte: In der Tele- Quelle: Infratest dimap für ARD-Deutschlandtrend, jeweils rund »So. Den Rest machen wir später.«
fonschalte kündigte die CDU-Chefin den 1000 Befragte; Schwankungsbreite zwischen 1,4 und 3,1 Prozent »Auch die andere Frage, ob Sie Vertei-
verdutzten Mitgliedern des Präsidiums digungsminister werden?«, ruft eine Jour-
ihren Wechsel ins Bundeskabinett an – als nalistin. »Ich muss los«, sagt Spahn, grinst
Nachfolgerin von Verteidigungsministerin te und Regierungsflieger unternehmen. Sie und verschwindet. Er sieht nicht aus, als
Ursula von der Leyen, die als EU-Kom- wird im Fernsehen Bilder schaffen, die sug- wäre ihm die Frage unangenehm.
missionspräsidentin nach Brüssel geht. gerieren: Hier kommt eine Frau mit Macht. Seit Tagen fällt Spahns Name, wenn es
Die Entscheidung ist ein Paukenschlag Doch der Glanz hat seinen Preis. Mag um die Nachfolge von der Leyens geht. Es
und eine 180-Grad-Wende, sie wider- Kramp-Karrenbauer ihr politisches Spiel- ist bekannt, dass Merkel und Kramp-Kar-
spricht allen öffentlichen Beteuerungen feld erweitern – sie beherrschte zuletzt renbauer an der Frauenquote im Kabinett
von Kramp-Karrenbauer in den letzten schon das alte nicht. Nun erinnert sie an festhalten wollen. Da sich keine externe
Monaten, Wochen und Tagen. Sie wollte eine Heimwerkerin, die mit dem Bau eines Kandidatin aufzudrängen scheint, müssten
doch eine Vollzeit-Parteivorsitzende sein, Gartenhäuschens nicht vorankommt und sich mehrere Posten innerhalb der Regie-
sich ganz in den Dienst der CDU stellen, deshalb beschließt, lieber gleich ein Mehr- rung verschieben, so die gängige Deutung.
ausdrücklich nicht ins Kabinett wechseln. familienhaus zu bauen. Im Verteidigungs- Der ehrgeizige Gesundheitsminister gilt
Ja, die »doppelte Aufgabe« als Ministe- ministerium erwartet die neue Inhaberin als Favorit für den Bendlerblock, ihm
rin und Parteichefin »wird mich fordern«, der Befehls- und Kommandogewalt ein könnte eine Frau nachfolgen. Dass Spahn
schrieb Kramp-Karrenbauer Mittwoch- verworrenes Beschaffungswesen, das Mil- sich das Amt zutraut, bezweifelt niemand.
abend an die CDU-Mitglieder. Aber mit- lionendebakel »Gorch Fock« und eine von Als die Medien am Montagnachmittag
hilfe der Basis werde sie es schaffen. Doch zahllosen Pannen verunsicherte Truppe. melden, Ursula von der Leyen werde ihr
diese Basis beobachtete zuletzt immer Nur ein falscher Schritt, den die neue Mi- Amt als Verteidigungsministerin schon in
skeptischer, wie die Parteichefin durch ihr nisterin in diesem Minenfeld macht, nur zwei Tagen abgeben, ist Spahn gerade in das
Amt strauchelte und in den Umfragen im- ein falsches Wort, und ihre Kanzlerkandi- Flugzeug zurück nach Deutschland gestie-
mer weiter absackte. datur könnte dahin sein – und gerade in gen. Der CDU-Politiker sitzt auf Platz 2C
Kramp-Karrenbauer will offenbar ihre der Kommunikation lief zuletzt so viel und drückt seine drahtlosen Kopfhörer ins
glanz- und machtlose Episode als reine schief für die CDU-Chefin. Der Gang ins Ohr. Er wirkt entspannt. Das begehrte Amt
Parteichefin möglichst rasch vergessen ma- Kabinett sei eine typische »AKK«-Entschei- wird definitiv frei. Jetzt muss er nur warten.
chen, all die Negativschlagzeilen, die dung gewesen, sagt ein Vertrauter, schnell, Allein – die Kanzlerin hat Spahn nie ge-
schlechten Werte, die Peinlichkeiten, die entschlossen und vor allem – mutig. fragt. Auch Kramp-Karrenbauer nicht. Bei-

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 25


Deutschland

de dachten längst in eine andere Richtung. Während sich die künftige Verteidi- kels Generalsekretärin nach Berlin kam,
An dem Montag, als der Gesundheitsminis- gungsministerin dann auf den Weg nach ist den beiden Frauen ein Coup gelungen.
ter über den Wolken schwebt, telefonieren Sachsen macht, erst zum Gespräch mit Un- Die Spannungen der vergangenen Wo-
sie mit CSU-Chef Markus Söder und fragen, ternehmern im Leipziger Steigenberger chen, sie scheinen vergessen.
ob er etwas gegen eine kleine Lösung ein- Hotel, dann weiter nach Großpösna, rech- Am Ende der Telefonschalte fragt Mer-
zuwenden hätte, nämlich dass AKK das Ver- net das politische Berlin fest mit einem kel noch: »Ist Jens Spahn in der Leitung?«
teidigungsministerium übernähme. Verteidigungsminister Spahn. Doch der Kurze Stille. »Ja«, ertönt es dann, so ge-
Söder habe sich überrascht gezeigt, ahnt am späten Dienstagnachmittag, dass presst, dass mancher Kollege unsicher ist,
heißt es, aber Zustimmung signalisiert. kein Anruf mehr kommen wird. ob da wirklich Spahn spricht. »Sind Sie
Der bayerische Ministerpräsident hat we- da, Herr Spahn?«, fragt Merkel noch mal,
nig an dem neuen CDU-»Triumfeminat« Abends um neun Uhr wählt er sich in die bis der Minister sich hörbar meldet. Da
aus Merkel, Kramp-Karrenbauer und von Telefonschalte des CDU-Präsidiums ein. gebe es ja diese seltsame Meldung, sagt
der Leyen in Brüssel auszusetzen. Für ihn Die Runde muss erst mal fast 20 Minuten Merkel, dass er Verteidigungsminister wer-
ist Ruhe in Berlin die höchste Priorität, zu- warten – Angela Merkel findet nicht den den solle. Deshalb wolle sie nur noch ein-
mal im März 2020 bayerische Kommunal- Weg in die Leitung, und ohne sie will AKK mal klarstellen: Spahn mache erstklassige
wahlen anstehen. Eine Bundestagswahl in nicht anfangen. Schließlich schaltet Kanz- Arbeit als Gesundheitsminister, sie sei sehr
dieser Phase kann Söder nicht gebrauchen. leramtschef Helge Braun Merkel über sein froh, ihn im Kabinett zu haben.
Die drei Unionsspitzen geloben einander Handy zu. Derweil laufen erste Eilmeldun- Nach der Schalte wird noch Vizekanzler
Stillschweigen über die Idee. gen zu Spahns angeblichem Aufstieg über Olaf Scholz informiert.
Geboren wurde diese offenbar schon den Ticker. In den nächsten Monaten wird sich nun
gut zehn Tage zuvor, als von der Leyens Kramp-Karrenbauer selbst verkündet entscheiden, ob der Kanzlerin und ihrer
Kandidatur für Brüssel bekannt wurde. dem Präsidium ihren Plan, erklärt das Ver- neuen Ministerin gelingt, was nie zuvor
Für Außenstehende war nicht ersichtlich, teidigungsministerium zur »Chefsache« gelang: ein für alle Beteiligten gesichtswah-
dass Dinge in Bewegung gerieten. Denn für die Union. Daher werde sie es persön- render und kontrollierter Machtwechsel.
Kramp-Karrenbauer selbst bremste in der lich übernehmen. Die Frage ist, ob Kramp-Karrenbauers An-
»Bild«-Zeitung jedes Gedankenspiel: »Ich Kurz herrscht in der Leitung staunende sehen für eine Kanzlerkandidatur nicht
habe mich bewusst entschieden, aus einem Stille, erst dann melden sich Gratulanten. schon zu sehr gelitten hat.
Staatsamt in ein Parteiamt zu wechseln«, Von einem tollen Signal ist die Rede. Mer- Wer die Parteivorsitzende in den ver-
bekräftigte sie ihr altes Versprechen. Es kel betont, dass dieser Schritt der Partei- gangenen Monaten getroffen hat, erlebte
gibt »in der CDU viel zu tun«. vorsitzenden ja durchaus mutig, wenn eine Getriebene. Blass im Gesicht und sel-
Später werden Unterstützer der Partei- nicht gewagt sei. Die Kanzlerin und ten lächelnd hetzte Kramp-Karrenbauer
chefin darauf hinweisen, dass sie einen Ka- Kramp-Karrenbauer wirkten auf die Teil- von Termin zu Termin. Sie hörte offenbar
binettsposten ja nicht explizit und für alle nehmer der Schalte in bester Laune. Wie nicht auf Ratschläge, das Tempo zu dros-
Zeit abgelehnt habe. Aber es wäre arge Anfang 2018, als die Saarländerin als Mer- seln, den Kopf freizubekommen, ein paar
Wortklauberei, ihr Statement nicht als Ab- Tage keine Termine zu machen, um über
sage an ein Ministeramt zu lesen. Grundsätzliches nachzudenken.
In den Tagen bis zur entscheidenden Ohne klare Linie In öffentlichen Diskussionen wirkt
Wahl in Straßburg führt Kramp-Karren- Kramp-Karrenbauer oft verkrampft, zum
bauer eine Reihe von Gesprächen mit Annegret Kramp-Karrenbauer und ihr Weg ... Beispiel Ende Juni auf dem Ständehaus-
ihren Vertrauten und Merkel. Die CDU- … in die Bundespolitik Treffen der »Rheinischen Post« in Düssel-
Frauen hätten die Optionen für den freien »Ich werde nicht für den Bundestag dorf. Die mögliche Kanzlerin verheddert
Posten hin und her gewälzt, so wurde aus kandidieren. Ich will Ministerpräsidentin sich in Schachtelsätzen, bleibt unscharf,
abstrakten Gedanken ein ernsthafter Plan. bleiben.« wie denn nun ihr Klimakonzept aussehe,
Am Ende ist Kramp-Karrenbauer klar, »Welt am Sonntag«, 19. Februar 2017 sie vertröstet das Publikum auf den
dass sie diese Chance nicht vergeben kann, Herbst. Derweil hat der heimliche Star-
schon wegen der Symbolik. Als Parteiche- 26. Februar 2018: als CDU-Generalsekretärin gast des Abends, Friedrich Merz, den
Wechsel in die Bundespolitik
fin muss sie ihren Machtanspruch demons- Applaus auf seiner Seite, etwa als er die
trieren. Als Ministerin hat sie einen Stab, …in den Parteivorsitz Grünen als »Ein-Themen-Partei« be-
ein Budget und den großen Auftritt. Das schimpft.
wiegt schwerer als die Mammutprobleme »In der Geschichte der CDU hat es sich Um den Verlierer Merz hatte sich
des Ministeriums, die drohende Überlas- bewährt, Partei- und Regierungsvorsitz Kramp-Karrenbauer nach ihrem Wahl-
tung durch zwei komplizierte Ämter oder in einer Hand zu halten.« sieg besonders bemüht. In der CDU kur-
»Hannoversche Allgemeine«, 29. September 2018
die Gefahr, dass die Neuausrichtung der sieren Gerüchte, sie habe Merz schon ei-
CDU auf der Strecke bleiben könnte. 29. Oktober 2018: Angela Merkel nen Posten in ihrem künftigen Kabinett
Für die Kanzlerin ist eine minimale Lö- kündigt an, nicht mehr für den Partei- versprochen. Schwer vorstellbar, dass
sung im Kabinett die attraktivste Option: vorsitz anzutreten. Kramp-Karrenbauer ein Staatsamt ver-
Angesichts der Krise der SPD ist ungewiss, 8. Dezember: Kramp-Karrenbauer wird spricht, über das sie nicht zu verfügen hat.
ob die Große Koalition zum Jahreswech- zur Parteivorsitzenden gewählt. Gut möglich, dass Merz trotzdem an
sel noch bestehen wird. In dieser Lage einen Deal glaubt.
mehrere Minister auszutauschen, hätte die …in Merkels Kabinett Die Öffnung auch für Rivalen ist eine
ohnehin schwache Regierung zum Still- »Ich habe mich bewusst entschieden, aus Methode, die Kramp-Karrenbauer aus
stand bringen können. einem Staatsamt in ein Parteiamt zu dem Saarland mitgebracht hat: viele Ter-
Trotzdem habe Merkel Kramp-Karren- wechseln. Es gibt in der CDU viel zu tun.« mine, ständige Telefonate, lange Gesprä-
bauer nicht ins Kabinett gedrängt, heißt »Bild«-Zeitung, 3. Juli 2019 che. In Saarbrücken mehrte sie auf diese
es. Diese habe letztlich selbst entschieden 17. Juli 2019: Verteidigungsministerin Weise ihren Einfluss von Amt zu Amt,
und Merkel in einem Gespräch am Diens- steckte keine größere Niederlage ein. Im-
tagmittag final zugesagt. mer nah bei den Leuten, unprätentiös, bo-

26
ANGELIKA VON STOCKI / FACE TO FACE
Vertraute Kramp-Karrenbauer, Merkel: Misstrauen schleicht sich ein

denständig, so sei sie halt, sagt AKK über Ein Ausflug in den Bundestag 1998 währt Als Ministerpräsident Müller 2011 ans
sich. Sie liebe Vereinsfeiern und Vollver- nur acht Monate, dann startet Kramp-Kar- Bundesverfassungsgericht wechselt, über-
sammlungen, die Schützenfeste und den renbauer ihre fast 20-jährige Karriere in nimmt Kramp-Karrenbauer sein Amt.
Karneval, könne schlecht Nein sagen. der saarländischen Landespolitik. Sie wird Auch die Koalitionspartner Grüne und
Kramp-Karrenbauer wohnt noch in dem Ministerin für alle erdenklichen Ressorts, FDP haben nichts gegen sie. Doch als der
Ort, wo sie als zweitjüngstes von sechs Kin- von Innen und Sport, Familie und Frauen, Jamaikakoalitionspartner FDP in die Krise
dern groß wurde. »Manchmal fühlt es sich Bildung und Kultus bis zu Arbeit und So- rutscht, heckt Kramp-Karrenbauer den
für mich unwirklich, surreal an, dass ich ziales, Prävention und Justiz, Wissenschaft, Plan aus, das Projekt platzen zu lassen.
diejenige bin, die da oben steht. Die Saar- Forschung und Technologie. Der Schritt trifft die FDP völlig über-
länderin aus der Provinz«, erzählt Kramp- Die CDU-Frau passt in den politischen raschend, ausgerechnet auf ihrem tradi-
Karrenbauer den Journalistinnen Kristina Kosmos des Saarlands, die Konsenskultur tionellen Dreikönigstreffen am 6. Januar
Dunz und Eva Quadbeck, die 2018 eine im Zwergstaat kommt ihrer Persönlichkeit 2012. Bis heute nehmen Liberale der CDU-
Biografie über sie veröffentlichten. entgegen. Sie wird in einen hochkarätigen Chefin den Coup übel. Seitdem weiß man:
Bis heute fühle sie sich gelegentlich so, Gesprächskreis ausgewählter CDU- und Die nette AKK kann auch eiskalt sein.
als wäre sie »aus Versehen in eine Fernseh- Kabinettsmitglieder aufgenommen. Um Die folgende Wahl gewinnt Kramp-Kar-
serie geraten«. Doch bis zum Wechsel nach nicht aufzufallen, tagt die vertrauliche renbauer entgegen allen Prognosen deutlich
Berlin ist Kramp-Karrenbauers Leben Runde um Ministerpräsident Peter Müller vor ihrem Herausforderer, dem heutigen
mehr »Lindenstraße« als »House of Cards«. alle paar Wochen im benachbarten Rhein- Außenminister Heiko Maas. Wahlkämpfer
land-Pfalz in einem Hotel. von damals glauben, es lag auch am Plakat:
In die Berufspolitik treibt sie nicht das Dort werden kühne Ideen entworfen, Während sich der Sozialdemokrat Maas in
Streben nach Macht, sondern der örtliche ein Austritt aus dem Bund-Länder-Finanz- dunklem Anzug mit verschränkten Armen
Bürgermeister, der ihr Mentor wird. Und ausgleich etwa oder eine Sonderwirt- und ernstem Gesicht vor einer blauen Wand
irgendwie geht es immer weiter nach oben: schaftszone zwischen dem Saarland und fotografieren ließ, stellten Kramp-Karren-
in der Parteijugend, in der Frauen Union, Frankreich. Die meisten Pläne habe man bauers Strategen sie in einen Supermarkt.
im CDU-Landesverband, und 2010 kommt verworfen, erzählt einer, der damals dabei Die Saarländer sahen ihre Ministerpräsi-
sie ins Präsidium. war, aber das freie Denken sei für die CDU dentin mit Einkaufswagen an der Kasse ste-
Alle mögen AKK, sie greift ja auch existenziell gewesen. Runden wie diese, hen, wie sie Trauben aufs Band legt. Dazu
niemanden an, spielt immer mit im Team, in denen Visionen entstehen, Leitthemen, der Spruch: »Ich will fairen Lohn für gute
kennt sich exzellent aus in ihren vielen die großen Linien, fehlen der Parteivorsit- Arbeit« – kein klassischer CDU-Slogan.
Fachgebieten, verhandelt geschickt und ar- zenden heute. Sie kennt sich zwar überall Kramp-Karrenbauer gewinnt, wie auch 2017.
beitet hart, während der Ehemann ihr da- aus. Trotzdem fällt es schwer, sie mit einem Was im Saarland zwei Jahrzehnte lang
heim den Rücken freihält. Thema in Verbindung zu bringen. funktioniert, klappt anfangs auch in Ber-

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 27


Deutschland

sie mit dem Platz an der Bar demonstrativ


einen Kontrollposten direkt in Kramp-Kar-
renbauers Nachbarschaft.
Auch wegen solcher kleiner Missver-
ständnisse wird das Werkstattgespräch am
10. und 11. Februar 2019 zu einem Mo-
ment, über den Eingeweihte später sagen,
dass hier das Band zwischen Merkel und
AKK erste Risse bekam.
Die neue Parteichefin will mit dem Ter-
min ein Wahlversprechen an die Basis ein-
lösen. Im Sommer 2018 hatte sich die
Unionsfraktion im Streit um Horst See-
hofers »Masterplan« und die Frage der
Zurückweisung von Flüchtlingen an der
Grenze um ein Haar in eine CDU- und
eine CSU-Gruppe gespalten.

BECKERBREDEL
In dieser Phase trug Generalsekretärin
Kramp-Karrenbauer als Vermittlerin hin-
ter den Kulissen entscheidend dazu bei,
Familie Kramp-Karrenbauer 1997: Unprätentiös und bodenständig das Schlimmste zu verhindern. Und sie
sah, welche Explosionsgefahr noch von
Merkels Flüchtlingspolitik auszugehen
lin. Die CDU ist begeistert, als Kramp-Kar- Die CDU-Frau fühlt sich belauert. Als schien. Das Werkstattgespräch soll diesen
renbauer Anfang 2018 nach nicht mal ei- sie auf Impulse des französischen Staats- Sprengsatz entschärfen.
nem Jahr ihr Ministerpräsidentenamt auf- präsidenten antwortet, wird der Text als In Armin Schuster, dem Unionsobmann
gibt, sich ohne Netz und doppelten Boden kleinkariert und schlicht kritisiert – für im Innenausschuss des Bundestags, findet
als Generalsekretärin bewirbt. eine saarländische Landeschefin hätte er sie einen Verbündeten. Ihm gefällt das For-
Die Merkel-Nachfolge scheint noch in ambitioniert gewirkt. mat, es passe gut zum Auftrag der neuen
weiter Ferne, umso selbstloser und muti- Als ihr Team nach der Europawahl eine Vorsitzenden. Doch die Wahrnehmung in
ger wirkt der Schritt. Die CDU wählt schnelle Analyse verschickt, in der die Jun- der Öffentlichkeit ist eine andere. Kramp-
Kramp-Karrenbauer mit 98,87 Prozent ins ge Union und der rechte Parteiflügel für Karrenbauer wolle die CDU mit dieser
neue Amt. Auf ihrer »Zuhör-Tour« für ein das schlechte Ergebnis mitverantwortlich Diskussion nach rechts öffnen, sagen Kri-
neues Grundsatzprogramm liegt ihr die gemacht werden, versetzt dies viele an tiker. Die Partei drohe viele Wählerstim-
Basis zu Füßen. der Basis in Rage – aber wenn es doch men im liberalen Milieu zu verlieren.
Kein Jahr später kandidiert sie aber- stimmt? »Diesen Vorwurf halte ich für einen gro-
mals, dieses Mal um den Parteivorsitz, und Noch im Januar 2019 waren in Umfra- ßen Unsinn«, sagt Schuster heute. Aber
jetzt ist es vorbei mit der Konsenskultur. gen 46 Prozent der Wahlberechtigten mit weil sich das Narrativ so hartnäckig halte,
Wochenlang macht Kramp-Karrenbauer der politischen Arbeit von Kramp-Karren- habe Kramp-Karrenbauer wohl leider von
Wahlkampf gegen Friedrich Merz und bauer zufrieden. Heute sind es noch der Idee Abstand genommen, weitere
Jens Spahn, muss auf Angriff umschalten. 22 Prozent. Werkstattgespräche zu führen.
Anfang Dezember 2018 hält sie in der Immerhin: Seit Kramp-Karrenbauer in
Hamburger Messehalle die Rede ihres Le- An einem Sonntagabend im Februar einem TV-Interview erklärte, dass es als
bens, schlägt Merz mit nur 18 Stimmen. 2019 gehen Annette Schavan und Monika »Ultima Ratio« möglich sein müsse, die
Jetzt ist Annegret Kramp-Karrenbauer Grütters ins Kino. Die CDU-Freundinnen, Grenze abzuriegeln, scheint der rechte
CDU-Chefin, die logische Kanzlerkandi- die eine Ex-Bildungsministerin, die andere CDU-Flügel endlich besänftigt zu sein.
datin, aber nun fruchten die alten Rezepte Kulturstaatsministerin, schauen sich einen Doch dieser Waffenstillstand hat Folgekos-
nicht mehr. Berlin ist nicht Saarbrücken. Berlinale-Film an. Danach, so stellt sich ten: Bei Merkel entsteht der Eindruck, die
In der CDU lauern zwar keine ernsthaf- heraus, ist Annette noch mit Angela Mer- Nachfolgerin, die immer treu zu ihr stand,
ten Rivalen, aber dafür gibt es andere Ge- kel verabredet. Ob Monika nicht auf einen reiße einen Grundpfeiler ihrer Politik ein.
fahren. Wenn Kramp-Karrenbauer jetzt im Absacker mitkommen wolle? Die drei Tatsächlich ist Kramp-Karrenbauer als
Karneval auftritt, schaut ganz Deutschland CDU-Freundinnen treffen sich auf einen Ex-Innenministerin zu einem etwas schär-
zu. Ihr Auftritt vor dem Stockacher Nar- Aperol Spritz in der Bar des Hotel Espla- feren Kurs in der Flüchtlingspolitik bereit.
rengericht und ein Witz über das dritte Ge- nade, Schavans Übernachtungsort. Noch dazu bemüht sie sich demonstrativ
schlecht geraten zum PR-Desaster. In Saar- Es ist ein logischer Ort für das spontane um Versöhnung mit dem Wirtschaftsflü-
brücken hätten sie den Ulk weggelacht, die Treffen, gewählt ohne große Hintergedan- gel, der lieber Friedrich Merz als Partei-
Berliner Blase aber betreibt Exegese: Wie ken, aber an diesem Abend wirkt er wie chef gesehen hätte. Mit solchen Strategien
hat sie es gemeint? Warum reicht sie den eine Provokation: 200 Meter Luftlinie ent- irritiert sie zunehmend ihre alten Unter-
Kritikern nicht die Hand? Kramp-Karren- fernt, in der CDU-Parteizentrale, hält An- stützer.
bauer, nicht gewöhnt an scharfe mediale negret Kramp-Karrenbauer ihr erstes gro- Die neue Vorsitzende will, dass sich Din-
Angriffe, hat aber keine Lust, auf Versöh- ßes Event als Chefin ab – das Werkstatt- ge ändern in der CDU. Wofür hätte sie
nung zu schalten. Sie reagiert trotzig. So gespräch zur Flüchtlingspolitik. sonst kandidieren müssen? Merkel dage-
etwas müsse man doch sagen dürfen. Die Kanzlerin hat intern früh angekün- gen findet, dass die Dinge im Großen und
Das Muster wird sich später oft wieder- digt, nicht kommen zu wollen. Es ist kein Ganzen so bleiben können, wie sie sind.
holen, und es kostet sie wichtige Sympa- Geheimnis, dass sie wenig Sinn in dieser Wozu ständig in der Vergangenheit sto-
thiepunkte in der ebenfalls schnell belei- kollektiven Vergangenheitsbewältigung er- chern? Während Kramp-Karrenbauer erst
digten Medienblase. kennt. Aber nun wirkt es so, als beziehe lernen muss, ihre neue Machtposition an

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der Parteispitze auszufüllen, muss Merkel
sich an ihren Machtverlust gewöhnen.
In diesem Spannungsfeld scheinen die
Frauen zeitweise ihr Verständnis füreinan-
der zu verlieren. Merkel sehe auch keinen
Grund, die Nachfolgerin zu stützen, sagen
Eingeweihte. Sie habe genug getan, um
Kramp-Karrenbauer in die optimale Start-
position zu bringen. Nun beobachte die
Kanzlerin wohlwollend, wie AKK alleine
weitermache.
Das kühlere Verhältnis der beiden nach
dem Werkstattgespräch fällt vielen auf:
»Von einem verschworenen Duo ist nichts
mehr zu spüren«, sagt ein Abgeordneter.
Nicht nur die Frauen beobachten einan-
der scharf, dasselbe gilt für ihr Umfeld. Bei-
de Politikerinnen verlassen sich auf einen

AXEL SCHMIDT / AFP


engen Kreis an Vertrauten, die – vorsichtig
ausgedrückt – nicht die höchste Meinung
von der jeweils anderen Seite haben.
Nach ihrer Wahl zieht Kramp-Karren-
bauer mit einer Art Küchenkabinett aus Ehrenformation der Bundeswehr: Ursprünglich auf Spahn eingestellt
drei Männern ins Adenauer-Haus ein: Ne-
ben ihrem Vertrauten Nico Lange, zuvor
leitender Mitarbeiter der parteinahen Kon- brett entwerfen will. So entstehen Miss- Trotzdem wird in der Folge die Legende
rad-Adenauer-Stiftung, bringt sie ihren verständnisse, Fehler, Ärgernisse. geboren, diese Klausur sei ein Alleingang
Büroleiter und einen persönlichen Refe- Der wichtige Europawahlkampf läuft der CDU-Chefin gewesen. Womöglich gar
renten mit. Wie ihre Chefin mischen diese an, ohne dass die Kampagne in der CDU- die Vorbereitung eines Putsches? AKK
Männer zum ersten Mal in der ersten Rei- Zentrale von einem funktionierenden strebe ganz offensichtlich »Veränderungen
he der Bundespolitik mit. Machtzentrum gesteuert würde. Ohne kla- im politischen Berlin an«, raunt die »Welt«,
Ähnlich unerfahren ist Kramp-Karren- re Botschaften schlingert der Wahlkampf womöglich »einen vorzeitigen Rückzug
bauers junger Generalsekretär Paul Zie- der Unionsparteien zwischen den Partei- von Angela Merkel als Kanzlerin«?
miak, der sich infolge der Dauerpräsenz zentralen in Berlin, München und Brüssel Plötzlich ist der Termin ein Politikum,
der Chefin in der Zentrale schwertut, ein vor sich hin. Die Umfragen lassen ein dra- ein Signal, dass AKK mit den Hufen
eigenes Profil zu entwickeln. matisches Wahlergebnis erahnen. scharrt und die Kanzlerin vorzeitig aus
Die meiste Erfahrung im Adenauer- Am 28. April 2019 treffen sich Merkel dem Amt drängen will. Mancher Merkel-
Haus hat der bis vor Kurzem amtierende und Kramp-Karrenbauer zum Gespräch Gegner glaubt schon, von Kramp-Karren-
Bundesgeschäftsführer Klaus Schüler, den im Kanzleramt. Die Parteichefin schlägt bauer Signale zu empfangen, dass sie einen
noch Merkel installierte. Mit deren Büro- der Regierungschefin vor, am Wochen- Versuch dulden würde, die Regierungs-
leiterin Beate Baumann und der langjäh- ende nach der Europawahl eine Klausur chefin aus dem Amt zu drängen. Tatsäch-
rigen Beraterin Eva Christiansen bildet des CDU-Bundesvorstands abzuhalten. lich ist das Gegenteil der Fall.
Schüler ein eingespieltes Team – was ihn Für eine Wahlanalyse und die Planung der Gut zwei Wochen später geht das Video
den AKK-Getreuen eher suspekt gemacht Themen für die Sommerpause. Merkel sei des blauhaarigen YouTubers Rezo online,
haben dürfte. In der Parteizentrale fürchtet einverstanden gewesen, heißt es. und die CDU-Chefin schlittert in ihr größ-
man offensichtlich, die im Kanzleramt Auch als Kramp-Karrenbauer die Idee tes kommunikatives Fiasko. Die Dienstwe-
könnten einfach nicht loslassen, wollten am folgenden Morgen in der gemeinsamen ge der altehrwürdigen CDU können noch
überall durchregieren. Im Kanzleramt wie- Telefonschalte mit der CSU-Spitze verkün- nicht mit der Überschallgeschwindigkeit
derum scheint man sich zu sorgen, dass det, meldet sich die Kanzlerin nach Be- der sozialen Medien mithalten. Zwar dreht
drüben in der Klingelhöferstraße 8 eine richten von Teilnehmern sogleich zu Wort: Kramp-Karrenbauers Social-Media-Team
Gruppe von Amateuren Politik am Reiß- Sie finde Annegrets Idee sehr gut. in kurzer Zeit ein Antwortvideo mit Par-

Im Minenfeld Die deutschen Verteidigungsminister seit der Wiedervereinigung


Gerhard Stoltenberg CDU Volker Rühe CDU Rudolf Scharping SPD Peter Struck SPD
21. April 1989 bis 31. März 1992 1. April 1992 bis 27. Oktober 1998 27. Oktober 1998 bis 19. Juli 2002 19. Juli 2002 bis 22. November 2005
Verdienst Verdienst Skandale Verdienste
Abwicklung der Nationalen Volksarmee, Vollendet die Fusion der zwei deutschen Urlaubsfotos des verliebten Antikriegskurs in der Irakfrage
Übernahme ihrer Waffen- und Munitions- Armeen – mit einem Personalabbau Verteidigungsministers im Pool; (2002/03); Entlassung des Kom-
vorräte sowie die partielle Integration von 700000 auf 340000 Soldaten Streit mit dem Haushaltsausschuss mandeurs des Kommandos Spezial-
der NVA-Soldaten in die Bundeswehr um die Beschaffung und Finanzierung kräfte wegen Unterstützung einer
Skandal
von 73 Airbus-Militärtransportern antisemitischen Rede (2003); Struktur-
Rücktritt, Rühe versucht, die Häufung rechts-
reform der Bundeswehr (2004)
nachdem im März 1992 die Lieferung radikaler Vorgänge in der Bundeswehr Entlassung,
von 15 Bundeswehrpanzern an die herunterzuspielen, und spricht vor nachdem bekannt wurde, dass Standing Ovations
Türkei bekannt wird – unter Missachtung dem Untersuchungsausschuss des Scharping 140000 Mark an Honorar- für den beliebten Struck bei einem
eines gegenteiligen Beschlusses des Bundestags von »üblen Tatsachen- zahlungen von der PR-Agentur Festakt zum 50-jährigen Bestehen
Haushaltsausschusses verdrehungen«. Moritz Hunzinger erhalten hatte der Bundeswehr im Oktober 2005

30 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Deutschland

teijungspund Philipp Amthor (»Hey Rezo, die Generäle denken gar nicht an Revoluti- nächsten Wahl wird sie sich dort aber
du alter Zerstörer!«). Doch der Clip bleibt on. Am Mittwoch stehen sie friedlich auf kaum profilieren können.«
unter Verschluss. Die Parteichefin selbst dem Appellplatz des Verteidigungsministe- Auch SPD-Fraktionsvize Karl Lauter-
stoppt ihn, obwohl auf Twitter längst ein riums und beobachten, wie ihre neue Che- bach findet den Wechsel »problematisch«,
Bild der Dreharbeiten kursiert. fin mit der alten die Truppe abschreitet. da die neue Ministerin »das Amt offenbar
Wer nach Gründen für Kramp-Karren- Die Soldaten hatten sich auf Jens Spahn nutzen will, um sich für eine Kanzlerkan-
bauers Einschreiten sucht, hört unter- eingestellt. Jetzt also AKK. Wer es im didatur zu profilieren«. Es sei nicht darauf
schiedliche Erklärungen. Mal heißt es, Bendlerblock bis nach ganz oben schaffen geachtet worden, wer die beste Besetzung
wichtige CDU-Funktionäre hätten an sie will, braucht ein feines politisches Gespür. sei, sondern es hätten sich »machtstrate-
appelliert, das Video zu stoppen. Dann Und so stehen die hohen Offiziere in der gische Überlegungen mit inhaltlichen ver-
wieder, sie habe sich nicht von einem You- Mittagssonne und listen die Habenseite mischt«. Die Personalie sei auch »kein gutes
Tuber treiben lassen wollen. Die erste Er- der Neuen auf. Signal für die Große Koalition«, so Lauter-
klärung spräche für einen Mangel an Füh- Erste Parteivorsitzende in diesem Amt bach, der sich gerade mit einem Anti-
rungsstärke. Die zweite für eine fatale und damit ein politisches Schwergewicht. GroKo-Kurs für den SPD-Vorsitz bewirbt.
Fehleinschätzung, wie wichtig es ist, sich Sie wird die Auseinandersetzung mit dem An ein vorzeitiges Ende der Großen Ko-
auch als Politiker der Kommunikation in sozialdemokratischen Koalitionspartner su- alition glaubt man in der SPD zwar nicht.
sozialen Medien zu stellen. chen müssen. Wie sonst soll sie sich profi- Würde Merkel die neue Verteidigungsmi-
In diesen Chaostagen dürfte Merkel ge- lieren? Das finden sie gut im Ministerium, nisterin jedoch als Kanzlerin dem Bundes-
legentlich an ihre schwierige Anfangszeit denn an Streitpunkten mit der SPD gibt es tag vorschlagen, würde dies den Gedulds-
gedacht haben, an den Machtkampf mit keinen Mangel. Da ist vor allem der Haus- faden der SPD wohl zum Reißen bringen:
den Unionsfürsten, die Niederlage um die halt. Zwar steigt das Verteidigungsbudget »Eine von Merkel vorgeschlagene Kanzle-
Kanzlerkandidatur gegen Edmund Stoiber. in diesem Jahr deutlich und im nächsten rin Kramp-Karrenbauer führt zu Neuwah-
Doch öffentlich springt sie ihrer Nachfol- Jahr etwas weniger, aber dann hat der so- len«, sagt die Abgeordnete Bärbel Bas.
gerin trotzdem nicht bei. zialdemokratische Finanzminister dafür ge- »Ich werde sie auf gar keinen Fall wählen.«
Im Gegenteil: Kurz nach der Europa- sorgt, dass die Vierjahreskurve flach bleibt. Die neue Verteidigungsministerin hat
wahl meldet die Nachrichtenagentur Es ist nicht nur das Geld, bei dem sich derweil ihren ersten Tagesbefehl erteilt.
Bloomberg unter Berufung auf »zwei Per- die SPD querstellt, Streit gibt es auch bei Darin verspricht Kramp-Karrenbauer, sich
sonen, die mit Merkels Denken vertraut der Nachfolge des Uralt-Kampfflugzeugs »intensiv in das Amt einzuarbeiten«. Sie
sind«, diese habe »Zweifel«, ob Kramp- »Tornado«. Und im Oktober muss die Anti- will viele »Gespräche im Ministerium« füh-
Karrenbauer mit »der Aufgabe der Kanz- IS-Mission für Syrien und den Irak verlän- ren, den »Austausch mit den Amtskollegen
lerin möglicherweise überfordert wäre«. gert werden. Außenminister Heiko Maas auf internationaler Ebene« pflegen und
Merkel dementiert die Meldung als »Un- ist dafür, ein großer Teil der SPD dagegen. plant natürlich Besuche bei den »Kamera-
sinn«, doch der Eindruck der Vertrauens- Wie sich die neue Ministerin zu all dem dinnen und Kameraden im Grundbetrieb,
krise zwischen den CDU-Politikerinnen ist verhält, ist ungewiss. Nach ihrer Vereidi- bei Übungen und im Auslandseinsatz«.
nun in der Welt. Kramp-Karrenbauers Ge- gung am 24. Juli will sie ihre ersten Pläne Es klingt so, als müssten Parteibasis und
treue sehen in der Bloomberg-Story einen in einer Regierungserklärung vorstellen. Zentrale künftig mit wenig Kontakt zur
Frontalangriff aus dem Kanzleramt auf ihre Doch es wird nicht lange dauern, dann Vorsitzenden auskommen. Es wäre ein
Chefin, ausgerechnet in deren schwächster klebt die Verantwortung für den maroden Schritt in Richtung alter Zeit. Als die Partei-
Stunde. »Wer mit Merkel spielt, verliert«, Zustand der Truppe an Kramp-Karrenbau- chefin Angela Merkel hieß.
sagt ein AKK-Unterstützer resigniert. er. »Die Truppe hat es verdient, dass sich
Melanie Amann, Anna Clauß,
Nun ist wohl ein Punkt erreicht, an dem die Ministerin voll um sie kümmert«, sagt
Matthias Gebauer,
beide Lager sehen, dass es so nicht weiter- der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels. Konstantin von Hammerstein,
gehen kann. Die Sommerpause birgt Hoff- Der Mann ist Sozialdemokrat. Er weiß, Martin Knobbe, Tim Kummert,
nung auf entspanntere Tage. Und plötzlich wie man in der Wunde bohrt. Ann-Katrin Müller, Cornelia Schmergal
eröffnet sich mit der Wahl von der Leyens Andere Genossen legen nach: »Nach
ein möglicher Weg aus der Krise. ihren Misserfolgen als CDU-Vorsitzende
sieht der Griff Annegret Kramp-Karren- Animation
Was auf AKK
»Wann kommt endlich der Aufstand der bauers zum Verteidigungsministerium aus zukommt
Generäle?«, hatte der rheinland-pfälzische wie eine verzweifelte Flucht nach vorn«, spiegel.de/sp302019akk
AfD-Fraktionschef Uwe Junge nach Kramp- sagt Bundestagsvizepräsident Thomas oder in der App DER SPIEGEL
Karrenbauers Berufung getwittert. Doch Oppermann. »In der kurzen Zeit bis zur

Franz Josef Jung CDU Karl-Theodor zu Guttenberg CSU Thomas de Maizière CDU Ursula von der Leyen CDU
22. November 2005 bis 28. Oktober 2009 28. Oktober 2009 bis 3. März 2011 3. März 2011 bis 17. Dezember 2013 17. Dezember 2013 bis 17. Juli 2019
Skandal Skandale Skandal Skandale
Jungs ungeschicktes Krisenmanagement Immer noch die Kunduz-Affäre: Die Aufklärungsdrohne »Euro Missglückte Ausmusterung des
in der sogenannten Kunduz-Affäre: Guttenberg entlässt ranghohe Hawk« kostet de Maizière den G36-Gewehrs (2015). Ausrüstungs-
Am 4. September 2009 sterben beim Mitarbeiter mit dem Vorwurf, ihm guten Ruf als »Reservekanzler«: pannen und Verzögerung zentraler
Nato-Luftangriff auf zwei von Taliban Dokumente vorenthalten zu haben. Zu spät stoppt er das milliarden- Rüstungsprojekte. Rechtsextreme
entführte Tanklastwagen bis zu 142 In der »Gorch Fock«-Affäre entlässt teure Rüstungsprojekt. Die Umtriebe: In einem ZDF-Interview
Menschen, darunter viele Zivilisten. er den Kommandanten des Schul- Opposition im Bundestags- übt von der Leyen Pauschalkritik
schiffs, der später rehabilitiert wird. untersuchungsausschuss an der Bundeswehr (April 2017).
Rücktritt
fordert seinen Rücktritt.
am 27. November 2009 – Rücktritt Abzug
vom Amt des Arbeitsministers – von allen politischen Ämtern infolge Rückkehr nach Brüssel. Nachfolgerin wird
infolge der Kunduz-Affäre der Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit ins Innenminsterium Annegret Kramp-Karrenbauer.

31
»Die Spaltung überwinden«
Europa Nach ihrer Wahl zur Kommissionspräsidentin skizziert Ursula von der Leyen auf
einem Flug von Straßburg nach Berlin erste Pläne für die EU.

PATRICK SEEGER / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK


Christdemokratin von der Leyen am vergangenen Dienstag: »Wie ein Nachhausekommen«

N
ein, sagt Ursula von der Leyen fliegt von Straßburg nach Berlin, wo sie Stunden ist sie eine der mächtigsten Frau-
bestimmt, es habe keine Zusagen ihre Entlassungsurkunde als Bundesvertei- en Europas. Sie ist nun dafür zuständig,
an die Regierungen in Polen, Un- digungsministerin abholen will. Ihre Be- im Handelsstreit mit Donald Trump zu
garn oder Italien gegeben, um gleiter haben noch Schlaf in den Augen, vermitteln. Sie steht an der Spitze einer
sicherzustellen, dass Europaabgeordnete von der Leyen aber ist topfit. Behörde, die US-Internetgiganten mit Mil-
aus diesen Ländern für sie stimmen. Keine Das »Gorch Fock«-Desaster, die Bera- liardenstrafen belegen kann und dafür zu
speziellen Posten in ihrer Kommission, kei- teraffäre im Bundesverteidigungsministe- sorgen hat, dass notorische Haushaltssün-
ne finanziellen Versprechen im nächsten rium, noch dieser eine kurze Flug nach Ber- der wie Italien die Schuldenregeln des Sta-
Mehrjahresbudget, nichts dergleichen. »Es lin, und sie hat das Ganze endlich hinter bilitäts- und Wachstumspakts einhalten.
sind Wünsche formuliert worden«, sagt sie sich. Von der Leyen wirkt wie eine Frau, Für Europa dürfte viel davon abhängen,
und zieht ihr rosa Strickjäckchen glatt, deren Karriereende schon vorbestimmt wie sich von der Leyen und Angela Mer-
»aber definitive Zusagen kann es erst ge- war und der sich nun völlig unerwartet ein kel unter diesen neuen Vorzeichen zu-
ben, wenn das ganze Tableau steht.« Fenster in eine neue Zukunft öffnet. rechtfinden. Bislang saß von der Leyen in
Es ist kurz nach sechs Uhr am Mittwoch- Vor nicht einmal zwölf Stunden hat das Merkels Kabinett, eine Zeit lang galt sie
morgen, von der Leyen sitzt im Lederses- Europäische Parlament Ursula von der als ihre mögliche Nachfolgerin. Ihre neue
sel des »Global 5000«-Jets der Bundes- Leyen, 60, zur neuen EU-Kommissions- Rolle hebt sie auf Augenhöhe mit der
wehr und legt den Sicherheitsgurt um, sie präsidentin gewählt. Seit nicht ganz zwölf Kanzlerin.

32
Deutschland

Von der Leyen ist die erste Deutsche In den vergangenen Tagen hat das vor politisch ein unbeschriebenes Blatt. Wohin
auf dem Posten seit über 50 Jahren. Sie allem im Europäischen Parlament für gro- will sie die EU steuern?
übernimmt den Topjob in turbulenten Zei- ßes Misstrauen gesorgt. Der Verdacht Da ist zum Beispiel die Frage, ob die
ten. Derzeit ist geplant, dass das Vereinigte stand im Raum, die Kandidatin wolle sich EU weitere Mitglieder aufnehmen soll.
Königreich die EU am 31. Oktober verlas- durch einen Kuschelkurs gegenüber Viktor Wenn sie sich der Antwort nähert, greift
sen wird. Wie es der Zufall will, wird von Orbán und Jarosław Kaczyński eine Mehr- von der Leyen auf ihre Erfahrung als Ver-
der Leyen am Tag danach ihr Amt in Brüs- heit rechts der Mitte erkaufen. Auch dass teidigungsministerin zurück. Seit 20 Jah-
sel offiziell antreten. Merkel Polens Regierungschef Mateusz ren ist die Bundeswehr im Kosovo im Ein-
Doch auch die EU ist gespalten, wie Morawiecki anrief und um die Zustim- satz, in ihrem Job pflegte von der Leyen
nicht zuletzt das knappe Ergebnis bei von mung der PiS-Europaparlamentarier warb, auch Kontakte in jene Länder des West-
der Leyens Wahl belegt: 383 von 747 Ab- blieb nicht lange verborgen. balkans, denen die EU-Kommission zu-
geordneten stimmten am Dienstagabend Doch wenn es um den Rechtsstaat geht, letzt eine Beitrittsperspektive ab dem Jahr
dafür, dass sie neue Präsidentin der Euro- dürfen Polen und Ungarn bestenfalls mit 2025 in Aussicht stellte.
päischen Kommission wird, das sind nur Milde im Ton rechnen, nicht mit Rücksicht Doch um das Vorhaben ist es still gewor-
neun Stimmen mehr als nötig. Selten wur- in der Sache, das macht von der Leyen im den, seit Frankreichs Präsident Emmanuel
de ein Kommissionschef mit einer so dün- Flieger deutlich: »Es steht außer Frage: Macron klargemacht hat, dass neue Beitritte
nen Mehrheit gewählt. Überdies war von Der Rechtsstaat ist ein tragendes Prinzip für ihn nicht auf der Agenda stehen. Von
der Leyen für ihren Wahlsieg wohl auf die der EU. Aber in der Vergangenheit fühlten der Leyen hingegen findet es richtig, Län-
Abgeordneten der polnischen PiS-Partei sich viele Staaten Osteuropas zu sehr in dern wie Albanien und Nordmazedonien
angewiesen, daher auch die Frage nach die Ecke gedrängt. Deren Gefühl war: Ihr den EU-Beitritt konkret anzubieten. »Wir
der Gegenleistung. wollt uns einfach nicht.« sollten unsere Hand gegenüber diesen Staa-
Ein neuer Anfang in der Beziehung zu Künftig soll die Kommission regelmäßig ten ausgestreckt halten. Wir teilen den glei-
manchen Ländern Osteuropas, das ist von über den Zustand des Rechtsstaats berich- chen Kontinent, die gleiche Geschichte, wir
der Leyens Versprechen für die EU. »Wir ten, und zwar Mitgliedsland für Mitglieds- sind Nachbarn. Wenn wir dieser Region die
müssen diese Spaltung überwinden«, sagt land, das ist von der Leyens Idee. »Die Tür zuschlagen, schaden wir uns nur selbst«,
sie. Die »Global 5000« schwebt Richtung sagt sie. »Wir sollten mit den Ländern die
Nordosten, kurz nach dem Start serviert Beitrittsverhandlungen eröffnen, sobald der
die Flugbegleiterin Filterkaffee und für Es war wie früher: Ihre Europäische Rat zum Schluss kommt, dass
die Nochministerin ein Kännchen aufge- Rede passte gut zur Per- die Kriterien erfüllt sind.«
schäumter Milch, dazu gibt es Croissants Angela Merkel sieht das ähnlich. Die bei-
und Baguette. Anderes Brot, sagt sie, habe son von der Leyen, aber den verstehen sich, doch der EU-Alltag
man so früh nicht auftreiben können. Es weniger zu ihrer Partei. könnte schon bald für Stress im Verhältnis
ist von der Leyens letzte Reise mit der von Kanzlerin und Kommissionschefin sor-
Flugbereitschaft der Bundeswehr. gen. Merkel verfügt weiterhin über große
Vor ihr liegt eine blaue Broschüre auf Auseinandersetzung mit Rechtsstaatsfra- Autorität in Europa, doch spätestens seit
Deutsch und Englisch, »Meine Agenda für gen muss für uns ein Stück weit zur Nor- der Flüchtlingskrise hat ihr Nimbus gelitten.
Europa« steht darauf. Darin beschreibt malität werden«, sagt sie im Flieger. »Für Die von Merkel lange Zeit stur verfolgte
von der Leyen auf 24 Seiten, wie sie in uns alle gilt, dass wir stetig damit ringen, Idee, Flüchtlinge im Falle einer Krise auf
den kommenden Jahren in Europa Politik das Ideale zu erreichen.« alle EU-Länder zu verteilen, erwies sich
machen will. »Das ist mein Programm«, Nach ihrer Bewerbungsrede applaudier- als Fehlschlag, der Deutschland viele Sym-
sagt sie, stolz auf das, was sie in knapp ten viele Europaparlamentarier im Stehen, pathien kostete, vor allem in Osteuropa.
zwei Wochen erarbeitet hat. die Abgeordneten sind dort ansonsten Von der Leyen muss sich von Merkels
Gräben gibt es in der EU zwischen Nord eher sparsame Rhetorik gewohnt. Von der Linie absetzen, eine heikle Operation.
und Süd, vor allem aber zwischen Ost und Leyen hingegen machte schon mit ihrer »Wir brauchen einen neuen Start in der
West. Egal, ob es um die Flüchtlingsfrage Sprache deutlich, wo ihre Ambitionen lie- Flüchtlingspolitik«, sagt sie. Gemeinsam
geht oder den künftigen Agrarhaushalt – gen. Sie trug keine Sammlung von EU-Ab- mit dem neuen Ratspräsidenten Charles
der Schlüssel, um die Probleme zu lösen, kürzungen vor, sondern sagte Sätze wie: Michel aus Belgien will sie schon bald in
liegt oft in Osteuropa. »Europa ist wie eine lange Ehe. Die Liebe den EU-Hauptstädten ausloten, was zu-
Wenn jemandem aus den alten EU-Mit- wird nicht größer als am ersten Tag, aber mutbar, was machbar ist, erneut liegt der
gliedstaaten die Wiederannäherung ein sie wird tiefer.« Schlüssel hierfür in Osteuropa. »Mehr Be-
Stück weit gelingen könnte, dann von der Die Verkaufe stimmt, wie immer bei amte für die Grenzschutzagentur Frontex,
Leyen. Als Verteidigungsministerin hat sie ihr. Von der Leyen ist in Brüssel geboren mehr Hilfe für Afrika, die Verteilungs-
klare Kante gegen Russland gezeigt, für und dort einige Jahre zur Schule gegan- frage – die Instrumente liegen alle auf dem
höhere Militärausgaben gekämpft und da- gen, ihr Vater, der spätere niedersäch- Tisch«, sagt von der Leyen. »Jetzt geht es
für gesorgt, dass die Bundeswehr in Polen sische Ministerpräsident Ernst Albrecht, darum, Mehrheiten dafür zu finden.«
und Litauen Flagge zeigt. Die Sympathien, arbeitete in der Kommission. Wenn man Einfach wird das nicht, zu unterschied-
die ihr das in Osteuropa gebracht hat, ver- ihr zuhört, wirkt ihre Nominierung, lich sind die Interessen nicht nur der ein-
sucht sie nun zu nutzen. dieser Zufallscoup der Staats- und Regie- zelnen Staaten, sondern auch der politi-
Die heiklen Rechtsstaatsprobleme spricht rungschefs, wie die einzig logische Fort- schen Lager. Von der Leyen hätte das im
sie daher leiser an als ihr Vorgänger. Sie setzung ihres Lebenslaufs. »Brüssel, das Parlament um ein Haar ihre Wahl gekostet,
weicht Fragen aus, wie sie zu den anhängi- ist für mich wie ein Nachhausekommen«, ihre Bewerbungsrede wurde zur Gratwan-
gen Rechtsstaatsverfahren nach Artikel 7 sagt sie. derung. Um bei Grünen und vor allem So-
des EU-Vertrags stehe, die die EU-Kom- Doch obwohl ihre Rede gespickt war zialdemokraten um Stimmen zu werben,
mission gegen Polen und Ungarn eingelei- mit Initiativen und Vorhaben, einem »Grü- versprach sie im Europaparlament eine
tet hat, etwa weil diese Länder die richter- nen Deal« im Klimaschutz und mehreren Arbeitslosenrückversicherung für die EU
liche Unabhängigkeit untergraben und Vorstößen für mehr Gleichberechtigung und mehr Flexibilität, wenn es darum geht,
unabhängige Medien gängeln. von Frauen, bleibt von der Leyen europa- die Regeln des Stabilitäts- und Wachstums-

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 33


pakts anzuwenden, klassische Forderun-
gen der Sozialdemokraten also.
Es war wie früher in den Tagen des
Streits über Elterngeld und Kitaplätze: Von
der Leyens Rede passte gut zu ihr persön-
UNSER PLUS: DAS ALTER lich, aber weniger gut zu ihrer Partei. »Wir
können doch nicht mal eben so unsere
ALS CHANCE NUTZEN. Positionen räumen«, schimpfte der CSU-
Finanzpolitiker Markus Ferber hinter ver-
Individuelle Pläne vorausschauend finanzieren – schlossenen Türen. Die Wahl war geheim,
mit den R+V-Vorsorgelösungen. sodass sich nie feststellen lassen wird, wer
von der Leyen die Gefolgschaft verweigerte,
doch die Zahl der Abweichler in den eige-
nen Reihen dürfte beachtlich gewesen sein.
Von der Leyen weiß natürlich, dass sie
ihren Job den Staats- und Regierungschefs
verdankt, die sie Anfang Juli nach mehr
als 50-stündigen Beratungen überraschend
für das Amt der Kommissionspräsidentin
vorgeschlagen haben. Am Ende wurde sie
einstimmig nominiert (nur Deutschland
musste sich wegen des Widerstands der
SPD enthalten), darauf kann sie aufbauen.
Auch ihre knappe Mehrheit im Parla-
ment geht auf einen Kraftakt der Staats-
und Regierungschefs zurück. Neben Merkel
schworen unter anderem Pedro Sánchez
aus Spanien und der Portugiese António
Costa Abgeordnete darauf ein, für von der
Leyen zu stimmen.
Künftig, das ist die Herausforderung,
muss sie selbst sehen, wie sie für ihre Vor-
haben Mehrheiten bekommt. Kritisch dürf-
te es bereits im Herbst werden, wenn das
Parlament von der Leyens Kommissare
streng befragt. Für manchen Parlamenta-
rier könnte dann die Zeit für eine Re-
vanche gekommen sein.
Wenn von der Leyen sich Sorgen macht,
ist es ihr auf dem Flug nicht anzumerken.
Die Begeisterung über den Job verdrängt
naheliegende Bedenken. Noch vor Kur-
zem musste sie sich mit renitenten Gene-
rälen herumschlagen, nun hofieren sie
Regierungschefs aus ganz Europa.
Der Flieger sinkt Richtung Berlin-Tegel,
von der Leyen beschäftigen nun ganz prak-
tische Fragen.
VorsorgeVorbild Rolf engagiert sich bei Seit dem Beginn ihrer Ministerkarriere
über 30 sozialen Projekten. in Berlin vor fast 14 Jahren spart sie sich
in Berlin eine eigene Wohnung und über-
nachtet in ihren jeweiligen Ministerien in
einer Kammer. Sie arbeite ohnehin bis
spätnachts, und so müssten Fahrer und
Sicherheitsleute nicht stundenlang warten,
Für ein Leben, wie es Ihnen gefällt: Dauerhaft gut leben, ohne sich einzuschränken, sagt sie, um sie ins Hotel oder eine Woh-
große Träume verwirklichen oder das, was Sie erreicht haben, an Kinder und Enkel weiter- nung zu begleiten.
geben – sagen Sie uns, was Ihnen wichtig ist. Wir unterstützen Sie dabei, Ihre Ziele zu Ob sich nun im Berlaymont, dem riesi-
erreichen. Mit passgenauen Vorsorgelösungen. Erfahren Sie mehr in allen Volksbanken gen Sitz der EU-Kommission, auch eine
Raiffeisenbanken, R+V-Agenturen oder auf www.vorsorge-vorbilder.de Schlafkammer für sie findet?
Peter Müller

‣ Lesen Sie auch auf Seite 71


Frankreichs Finanzminister Bruno
Le Maire erwartet von der neuen EU-Präsi-
dentin einen Wachstumspakt für Europa.

34
Deutschland

JASON LEE / REUTERS


Huawei-Messestand in China: »Dieser Zug ist in Deutschland abgefahren«

Weniger verwundbar
Sicherheit In der Union regt sich neuer Widerstand gegen die Beteiligung des
chinesischen Anbieters Huawei am Aufbau des Mobilfunknetzes 5G.

A
ls der deutsche Wirtschaftsminis- der Bedenken gegen Huawei bewusst. Ein drängt. Die Regierung hat versprochen,
ter Mitte Juni nach Shanghai Unternehmen mit einer derart großen Prä- Deutschland zum Leitmarkt für 5G zu ma-
reiste, stand nicht nur ein Be - senz in Deutschland bekomme natürlich chen, und jüngst die notwendigen Frequen-
such bei seinem Amtskollegen auch Zugang zum zuständigen Minister, zen versteigert – für 6,55 Milliarden Euro.
auf dem Programm. Ebenso wichtig war rechtfertigte Altmaier das Treffen. Allerdings sieht man nicht nur in Wa-
ein Termin, der ursprünglich geheim ge- Es war ein Signal an Washington: Seht shington den deutschen Umgang mit dem
halten werden sollte. her, wir beugen uns nicht dem Druck aus chinesischen Konzern mit Unbehagen.
Auf Drängen des chinesischen Telekom- dem Weißen Haus. Nicht der Drohung, die Deutliche Kritik gibt es auch bei Partei-
riesen Huawei traf Peter Altmaier (CDU) in Chinesen auf schwarze Listen zu setzen. freunden Altmaiers, in Reihen der Union.
einem Luxushotel den Chef des Unterneh- Nicht der Warnung, die USA könnten ihre Der Abgeordnete Christoph Bernstiel
mens, Ren Zhengfei, zum Frühstück. Einen Kooperation mit deutschen Geheimdiens- etwa kehrte jüngst von einer Japanreise
Mann also, dessen Lebenswerk US-Präsi- ten einschränken, sollte die Bundesregie- zurück, bei der er den Telekom-Anbieter
dent Donald Trump als Gefahr für die na- rung den Konzern nicht vom Aufbau des NTT besucht hatte. Japan gehört zu den
tionale Sicherheit ansieht. Genauso bedroh- neuen Mobilfunknetzes 5G ausschließen. Ländern, die Huawei vom 5G-Netzaufbau
lich aber ist der chinesische Konzern auch In China vertrat Altmaier die aktuelle wegen Sicherheitsbedenken ausschließen
für die US-Wirtschaft – bei den weltweiten Position der Bundesregierung im Umgang wollen. »Wenn Japan weitgehend ohne
Verkaufszahlen für Smartphones hat Hua- mit Huawei. Sie hat entschieden, den um- Huawei auskommen will, dann sollten wir
wei Apple zuletzt hinter sich gelassen. strittenen Hersteller nicht vom Markt zu auch dazu in der Lage sein«, sagt der CDU-
Der Gast aus Deutschland entschied verbannen. Stattdessen formulieren Ex- Innenpolitiker. Mit anderen Kollegen stellt
sich gegen die Heimlichtuerei und gab perten mehrerer Behörden derzeit einen er die Position der Regierung infrage.
anschließend Auskunft: Ein sachliches Ge- Katalog mit schärferen Sicherheitsanfor- Kurz vor der Sommerpause kam ein gu-
spräch sei es gewesen, erzählte der Wirt- derungen, der für alle Ausrüster gelten soll. tes Dutzend Abgeordnete von CDU und
schaftsminister, der Konzernlenker sei sich Noch im Sommer soll er vorliegen, die Zeit CSU zu einem diskreten Treffen im Bun-

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 35


destag zusammen. Die Politiker eint die China-Power Technologien von Huawei. Bei der Mobil-
Sorge um die Sicherheit der Netze und Marktanteile von Netzwerkausrüstern, weltweit funk-Sendetechnik der 5G-Generation gilt
die Souveränität Deutschlands im Digital- das Unternehmen bei wichtigen Kompo-
zeitalter. Ihre Bedenken, so verabredete
die Runde, wollen sie nun an die zustän- 30,9 % Ericsson,
nenten als Technologieführer. Nicht chine-
sische Alternativen sind rar: Ericsson aus
digen Minister herantragen. Schweden Schweden etwa, Nokia aus Finnland, Sam-
Die Skeptiker in der Union treibt nicht 27,0% sung aus Südkorea (siehe Grafik).
nur die Befürchtung um, die Chinesen Huawei, China Der Mann, der die Sicherheit der Sen-
könnten die neuen Netze zum Spionieren deanlagen einschätzen soll, sitzt mit seiner
nutzen. Gravierender sei die Gefahr, dass Behörde in Bonn und bezeichnet sich
sie die digitale Infrastruktur manipulieren Sonstige selbst als »Wacht am Rhein«. Arne Schön-
oder aus der Ferne lahmlegen könnten. 9,3% Basis: Umsätze 2018 bohm ist Präsident des Bundesamts für
»Ich würde aufgrund meines aktuellen Sicherheit in der Informationstechnik, hat
Kenntnisstands Huawei vom Aufbau der den Kurs der Regierung gegenüber Hua-
Zukunftsnetze ausschließen, auch wenn wei maßgeblich mitbestimmt und sagt, das
das teurer werden sollte und länger dau- ZTE, China Risiko sei »beherrschbar«. Alle Anbieter
ert«, sagt Bernstiel. Deutschland brauche 10,9% Nokia, Finnland Quelle: IHS Markit
müssten die Sicherheitsanforderungen er-
»mehr digitale Souveränität«. 21,9% füllen: Wer durchfalle, werde vom Markt
Der CDU-Geheimdienstkontrolleur Pa- verbannt (siehe Interview).
trick Sensburg sagt: »Ich vertraue weder In der Debatte aber geht es um mehr
Anbietern aus China noch aus den USA.« »Wir sollten schnellstens mit dem Aufbau als um Mobilfunkmasten. Es geht um die
In beiden Ländern müssten Telekommuni- eines europäischen Mobilfunk-Konsortiums Frage, wie souverän Deutschland in Sachen
kationsunternehmen eng mit den Sicher- anfangen, so wie damals im strategisch Zukunftstechnologien ist. Abhängigkeiten
heitsbehörden kooperieren. »Deshalb müs- wichtigen Feld der Luftfahrt mit Airbus.« zu ausländischen Anbietern bestehen ne-
sen zumindest die Sicherheitsanforderun- Norbert Röttgen, der im Bundestag den ben der Technologie für Mobilfunknetze
gen für alle Hersteller, die in Deutschland Auswärtigen Ausschuss leitet, pflichtet bei: auch bei den großen Datenspeichern, den
das 5G-Netz mit aufbauen wollen, so streng »Am besten wäre es, die Fähigkeiten zum Clouds – wie der Branchenverband Bit-
wie nur möglich ausgestaltet werden.« Und Aufbau des Mobilfunknetzes wären bei kom gerade monierte. Bei den Datenspei-
die Behörden müssten »kleinteilig über- uns in Europa beheimatet. Das wäre zwar chern dominieren US-Anbieter wie Ama-
prüfen können«, ob sich die Firmen an die- teurer, würde Deutschland und die EU zon, Google und Microsoft.
se Regeln halten. »Am liebsten wäre mir aber weniger verwundbar machen.« Die Frage der Sicherheit wird auch im
ein deutscher Anbieter«, sagt Sensburg. Tatsächlich hat der deutsche Kurs im Bundeskanzleramt diskutiert. Dessen Chef
Auch nach Ansicht seines Mitstreiters Umgang mit Huawei weniger ideologische Helge Braun (CDU) hält den aktuellen
Bernstiel müsse politisch dringend etwas ge- als pragmatische Gründe. Alle drei großen Kompromiss für tragfähig – und alternativ-
gen die aktuelle Abhängigkeit getan werden: Netzbetreiber hierzulande nutzen längst los: »Der Standard 5G wird nicht nur be-

Digitales Der Präsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informa- können, um zu sehen, ob versteckte
Funktionen eingebaut sind, die etwa
tionstechnik, Arne Schönbohm, 49, über die Gefahren von Huawei, einen Abfluss von Daten ermöglichen.
Ganovenehre bei Cyberkriminellen und die Aufrüstung seiner Behörde SPIEGEL: Und wer durchfällt …
Schönbohm: … dessen Produkte dürfen

»Nur Vorsorge hilft« die Netzanbieter dann nicht verwenden.


Unser Vorteil ist: Mit derlei kennen wir
uns aus. Es gibt weltweit keine Institution,
die im Hochsicherheitsbereich mehr Zerti-
fikate ausstellt als wir.
SPIEGEL: Herr Schönbohm, die Bundes- Lieferanten abhängig machen. Mit einem SPIEGEL: US-amerikanische Experten
regierung hat entschieden, Huawei nicht möglichen Marktausschluss erhöhen wir halten den deutschen Ansatz dennoch für
vom Aufbau der Netze für die nächste Mo- außerdem den Druck auf diese Anbieter. naiv. Sie warnen vor Huawei.
bilfunkgeneration auszuschließen. Als Chef SPIEGEL: Zusammen mit der Bundesnetz- Schönbohm: Wir sind im engen Aus-
der wichtigsten Cybersicherheitsbehörde agentur formulieren Sie gerade schärfere tausch mit unseren amerikanischen und
tragen Sie letztendlich die Verantwortung. Sicherheitsanforderungen, denen sich englischen Kollegen, und es gibt unter-
Sehen Sie kein Risiko, das umstrittene nicht nur Huawei, sondern alle Ausrüster schiedliche Risikoeinschätzungen. Das
Unternehmen aus China miteinzubinden? unterwerfen sollen. Wie sehen die aus? halte ich für legitim.
Schönbohm: Ich halte das Risiko für be- Schönbohm: Wir brauchen in Deutsch- SPIEGEL: Haben Sie jemals harte Beweise
herrschbar. Es gibt im Wesentlichen zwei land ein 5G-Netz, das sicherer ist als die gesehen, wonach Huawei spioniert oder
Befürchtungen: erstens Spionage, also dass heutigen Mobilfunknetze. Immerhin wol- sabotiert?
Daten ungewollt abfließen. Dem können len wir darüber autonomes Fahren und Schönbohm: Lassen Sie es mich so sagen:
wir mit einer besseren Verschlüsselung medizinische Dienste ermöglichen. Des- Wenn wir nicht beherrschbare Risiken
begegnen. Zweitens Sabotage, also dass halb müssen wir Hardware und Software sehen würden, hätten wir nicht unseren
Netze aus der Ferne manipuliert oder gar nach bestimmten Checklisten auf Sicher- Ansatz gewählt.
ausgeschaltet werden. Auch dieses Risiko heit hin überprüfen und zertifizieren. SPIEGEL: Im September werden Sie
können wir minimieren, indem wir uns in Hilfreich wäre es auch, den Quellcode der Ihren jährlichen Lagebericht herausbrin-
kritischen Bereichen nicht nur von einem Software dieser Geräte analysieren zu gen. Welche Trends zeichnen sich ab?

36 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Deutschland

inhalten, dass alle Daten und Gespräche Dass der Konzern und der chinesische se, einer massiven seit Jahrzehnten andau-
verschlüsselt werden, sondern auch die da- Staat nicht davor zurückschrecken, Kral- ernden globalen Spionagekampagne und
zugehörigen Verbindungsdaten«, sagt er. len zu zeigen, wenn Charmeoffensiven mehr als einer Million Menschen, die aus
Ziel sei es, damit einen besonders sicheren nicht helfen, zeigte sich schon in Austra- religiösen Gründen in Umerziehungslagern
und die Privatsphäre schützenden Standard lien und den USA. Als die australische sitzen.« Und in Deutschland frage man sich
zu schaffen. »Deshalb hat die Bundesregie- Regierung Huawei vom Aufbau ihrer immer noch ernsthaft, ob man diesem Land
rung durch Änderung des Telekommunika- 5G-Netze ausschloss, verdoppelten sich trauen könne. China könne installierte Hua-
tionsgesetzes dafür gesorgt, dass auch die plötzlich die Wartezeiten für australische wei-Ausrüstung auch erpresserisch einset-
Anforderungen an die ausrüstenden Unter- Kohleimporte in chinesischen Häfen. Und zen, sagt Lewis. »Stellen Sie sich vor, plötz-
nehmen stark verschärft werden.« in seinen US-Forschungsniederlassungen lich kommt jedes dritte Telefonat nicht mehr
Der Konzern selbst hat Vorwürfe, er wür- durch oder bricht mittendrin ab.«
de Spionage betreiben oder chinesischen Mehr Souveränität und Unabhängigkeit
Geheimdiensten zur Hand gehen, stets be- »Ich vertraue hielte man durchaus auch in der Bundes-
stritten. Er betont stattdessen seine wirt- regierung für wünschenswert – bei 5G
schaftliche Bedeutung für den Standort und
weder Anbietern scheint es aber nicht realistisch.
hat beim Beratungsunternehmen des Deut- aus China »Dieser Zug ist in Deutschland längst ab-
schen Instituts für Wirtschaftsforschung da- noch aus den USA.« gefahren«, sagt Torsten Gerpott, der Tech-
für eigens eine Studie in Auftrag gegeben. nologieplanung an der Mercator School of
Im Zeitraum zwischen 2008 und 2018, Management in Duisburg lehrt. Bei der
heißt es darin, sei der Umsatz der deut- Futurewei Technologies plant Huawei nun Netzinfrastruktur handle es sich um »ein
schen Tochtergesellschaften jährlich um Stellen zu streichen – eine Antwort auf Weltmarktgeschäft, in dem Anbieter nur
durchschnittlich 26 Prozent auf zuletzt den Bannstrahl aus dem Weißen Haus. bei einer kritischen Größe überleben und
2,7 Milliarden Euro im vorigen Jahr gestie- Dort wird man die Huawei-Skepsis der erfolgreich sein können«. Aussichtsreicher
gen. Rund 2550 Mitarbeiter beschäftige Unionsabgeordneten mit Wohlwollen se- schätzt der Experte das Potenzial für kom-
Huawei in Deutschland, indirekt profitier- hen. Vor wenigen Tagen betonte der Cy- mende Mobilfunkstandards ein: Bei 6G
ten sogar 28 000 Beschäftigte von seinem berexperte des US-Außenministeriums, hätte ein »crossatlantisches Konsortium
Wirken. Zudem stärke man durch Koope- Rob Strayer, Chinas Technologiefirmen ar- durchaus Chancen«.
rationen mit Instituten und diversen Un- beiteten »Hand in Hand mit der chinesi- Melanie Amann, Martin Knobbe,
ternehmen den Innovationsstandort und schen Regierung, um Meinungsfreiheit Marcel Rosenbach, Michael Sauga,
treibe dessen Digitalisierung voran. und Menschenrechte zu unterdrücken«. Wolf Wiedmann-Schmidt
Das Papier liefert dem Konzern die ge- Unterstützung bekommen die Skeptiker
wünschte Argumentationshilfe gegenüber auch von James Lewis von der Denkfabrik ‣ Lesen Sie auch auf Seite 100
der Bundesregierung: Huawei sei vom CSIS, einem profilierten Cyberexperten in Schadet das neue Mobilfunknetz 5G
Standort kaum noch wegzudenken – und Washington, D.C. »Wir haben hier ein Land unserer Gesundheit?
wenn, dann nur mit Schmerzen. mit einer lückenlosen Überwachung zu Hau-

Schönbohm: Bei der Cyberkriminalität se- der Großraum Dresden mit seinem
hen wir immer mehr Fälle von Erpressun- Schwerpunkt auf Mikroelektronik ein
gen mittels Verschlüsselungsprogrammen, guter weiterer Standort.
sogenannter Ransomware. Zuletzt gab es SPIEGEL: Sie haben in diesem Jahr 350
Berichte darüber, dass eine Reihe von neue Stellen bekommen und werden da-
Krankenhäusern im Südwesten betroffen mit um ein Drittel auf etwa 1300 Mitarbei-
war. Die Angreifer gehen immer arbeits- ter anwachsen. Fordern Sie noch mehr?
teiliger und professioneller vor: Im Juni Schönbohm: Deutschland steht vor riesi-
wurden beispielsweise die Rechner von gen Herausforderungen in der Digitalisie-
Stadtverwaltungen in Florida verschlüsselt. rung. Eine einfache Frage: Wollen Sie in
Die Angreifer forderten jeweils etwa eine ein autonomes Auto steigen, das nicht
halbe Million Dollar, zahlbar in Bitcoin, sicher ist? Aktuell haben wir einen Haus-
um die Daten freizugeben. Sie nutzten halt von rund 120 Millionen Euro. Durch
DOMINIK PIETSCH

eine neuartige Kombination verschiedener die geplante Neufassung des IT-Sicher-


Behördenchef
bekannter Trojaner, wir sprechen von heitsgesetzes bekommen wir zusätzliche
Schönbohm
einer »Triple Threat Attack«. Aufgaben. Dafür brauchen wir natürlich
SPIEGEL: Viele Opfer reagieren panisch, weiteres Personal.
wenn ihre Rechner befallen und ihre Da- SPIEGEL: Haben Sie als Cybersheriff der
ten nicht mehr lesbar sind. Was raten Sie? tos meiner Kinder, das habe ich auf zwei Republik ein Albtraumszenario?
Soll man bezahlen? oder drei externen Festplatten gesichert. Schönbohm: Der Angriff eines Erpres-
Schönbohm: Auf keinen Fall. Oft existie- SPIEGEL: Sie planen gerade einen zweiten sungstrojaners auf die Bundesverwaltung
ren die versprochenen Schlüssel zum Dienstsitz im sächsischen Freital. Warum mit Verschlüsselung aller Daten der Bun-
Wiederherstellen der Zugänge gar nicht, gerade dort? desregierung wäre so ein Fall – aber wir
die Daten sind also weg. So etwas wie Schönbohm: Wir wollen überall dort ver- und die anderen Sicherheitsbehörden sind
Ganovenehre gibt es hier nicht. Nur Vor- treten sein, wo innovativ an neuen digita- für die meisten denkbaren Szenarien gut
sorge hilft: Machen Sie Sicherungskopien len Lösungen gearbeitet wird. Informations- aufgestellt.
von wichtigen Daten. Was ich persönlich sicherheit muss ein Qualitätsmerkmal von Interview: Marcel Rosenbach,
auf keinen Fall verlieren will, wie die Fo- »made in Germany« werden. Insofern ist Wolf Wiedmann-Schmidt

37
Deutschland

Wille zur Macht


Karrieren Hans-Georg Maaßen, ehemals Präsident des
Verfassungsschutzes, versucht sich in der Politik,
oft mit irritierenden Aussagen. Will er Innenminister werden?
Von Dirk Kurbjuweit

W
as Hans-Georg Maaßen nicht der Politik« sehr wohl. Aber dort läuft
verstehen und nur schwer er- man sich üblicherweise warm für den bal-
tragen kann: Da hing ein digen Einsatz.
Munch in seinem Büro, eine Demnächst wird er bei den Wahlkämp-
Kopie, die er sich extra groß hatte ziehen fen in Ostdeutschland als Redner auftreten.
lassen, und viele seiner Besucher erkann- So zieht er jetzt durchs Land, als Gespenst
ten nicht, wer auf dem Bild dargestellt ist, der Spätphase Merkel, als unerbittlichster
trotz des mächtigen Schnurrbarts, der ho- Anti-Merkelianer in der CDU. Etwas über-
hen, fliehenden Stirn, den tief in den Höh- raschend ist die Methode, die er dabei an-
len liegenden Augen. Einem halbwegs ge- wendet: Populismus. Den Populismus ver-
bildeten Menschen müsste doch klar sein, bindet man mit Hemdsärmeligkeit, womit
wen Edvard Munch da gemalt hat, findet man wiederum Maaßen auf den ersten
Maaßen. Blick nicht verbinden kann. Häufig Drei-
So war es aber nicht. Vor allem Politiker teiler, eine kleine, filigrane Brille mit halb-
hätten Friedrich Nietzsche nicht erkannt. runden Gläsern, eine gedämpfte Stimme,
Ein Beleg mehr für eine von Maaßens mit der er gern über die Helden des klassi-
Grundthesen. Es gehen die falschen Leute schen Bildungskanons räsoniert, Nietz-
in die Politik, die Ungebildeten, die Stu- sche, Schopenhauer, Platon.
dienabbrecher, die Juristen, die nie ihren So schafft er ein interessantes Paradox,
Beruf ausgeübt hätten. Da müsse man sich einen elitären Populismus, der aber die
nicht wundern, in welchem Zustand die üblichen Grundelemente zur Anwendung
Politik sei, das Land überhaupt. Also muss bringt: Politikerschelte, Medienschelte,
er wohl ran. Oder lieber doch nicht? Alarmismus, ein klares Feindbild, Verfalls-
Politische Zeiten haben ihre Gespenster. mystik, das angebliche Gespür für die wah-
Das sind Leute, die kein Amt besitzen, ren Haltungen und Wünsche »der Men-
NIKITA TERYOSHIN / DER SPIEGEL

aber mit undurchsichtigen Absichten im schen«. Damit macht auch die AfD Politik.
Hintergrund lauern. Friedrich Merz war Rechtspopulismus also? Maaßen würde sich
lange so ein Gespenst, nun hat ihn Hans- dieses Wort verbitten. Für einen Rechten
Georg Maaßen abgelöst. Wie Merz hat er hält er sich nicht. »Ich bin Realist«, sagt er.
eine Rechnung mit Bundeskanzlerin An- Anfang Mai trat Hans-Georg Maaßen
gela Merkel offen. im oberfränkischen Coburg auf. Veranstal-
Maaßen, 56, Jurist, Mitglied der CDU, ter waren die Junge Union und die Werte-
war sechs Jahre lang Präsident des Bun- Union, eine kleine Gruppierung, die Mer-
desamts für Verfassungsschutz. Im Herbst kels liberalen Kurs kritisiert und die Partei
des vergangenen Jahres wurde er in den konservativer ausrichten will. Maaßen ist
einstweiligen Ruhestand versetzt, weil er dort Mitglied. regung die Wangen rosig eingefärbt haben.
erst die Bundeskanzlerin und dann den Vor der Tür eines kleinen Saals haben Anzug. Krawatte. Einstecktuch. Aber die
Bundesinnenminister gegen sich aufge- sich Jusos und andere Linke versammelt, Haare hochgegelt. Auch der Typus Junge
bracht hatte, mit irritierenden Äußerungen die nicht wollen, dass Maaßen in Coburg Union hat sich leicht modernisiert.
zu »Hetzjagden« in Chemnitz und »links- redet. Rote Fahnen, es wird gepfiffen und Maaßen ist kein großer Redner, aus sei-
radikalen Kräften« in der SPD. Seither gelärmt, es wird an die Nazizeit erinnert. nem gedämpften, leicht niederrheinisch lei-
macht er im Prinzip so weiter. Er äußert Schon jetzt ist er das Feindbild des linken ernden Sound kommt er nicht heraus. Auf-
sich in Interviews oder über Twitter und Spektrums. peitschen will er nicht, aber die Grundele-
löst damit zuverlässig Irritationen aus, hält Im Saal wird Maaßen von einem Jung- mente des Populismus arbeitet er in Coburg
die »Neue Zürcher Zeitung« für eine Art politiker begrüßt, dem Freude und Auf- sauber ab, mehr oder weniger ausführlich.
»Westfernsehen« und mag ein Bündnis Scharf hat er den »Berufspolitiker« im
von CDU und AfD nicht für alle Zeiten Visier, spricht von einer Berliner »Blase«
ausschließen. oder sagt »die dort in Berlin«. Kaum Bil-
Will er auf diesem Weg im Gespräch Für den Kontrollfreak dung, kaum Berufserfahrung, das ewige
bleiben, um eines Tages Innenminister zu Maaßen waren die offenen Lied. »Vom Hörsaal in den Plenarsaal«,
werden, in einem Bundesland oder im das sei die klassische Politikerkarriere, und
Bund? Vor einigen Wochen sagte er zu die-
Grenzen die höchst- dann noch »kein abgeschlossenes Stu-
ser Frage, er fühle sich an der »Seitenlinie mögliche Zumutung. dium«, vor allem bei der SPD.

38
Rechtsanwalt Maaßen: Aus dem Zigarrenladen herausgearbeitet

»Ziemiak hat auch keinen Abschluss«, einmal Nietzsche erkennen, während Maa- Aber auch einem Maaßen gehen die
ruft einer dazwischen, alle lachen. Paul ßen wirkt, als hätte er Nietzsche so oft ge- Gäule durch. Über Angela Merkel kann
Ziemiak war Bundesvorsitzender der Jun- lesen, dass ihm einige von dessen Leitideen er in aller Ruhe sagen, dass sie aus dem
gen Union, inzwischen ist er General- in Fleisch und Blut übergegangen sind. Kanzleramt verschwinden soll. So ist es in
sekretär der CDU. Übermensch. Wille zur Macht. Im Kern der Regel. Man hat ihn jedoch auch schon
Die Kritik an der Berufspolitik ist ein ging es Nietzsche dabei um die extreme hässlich über sie reden hören.
altes deutsches Thema, das im 19. Jahr- Selbstbeherrschung und Selbststeigerung, Für den Kontrollfreak Maaßen muss es
hundert mit der Verachtung gegenüber zu der nur eine kleine Elite fähig sei. die höchstmögliche Zumutung gewesen
den Parteien begann. Der Populismus Und das ist Maaßens Anspruch. Er hat sein, dass die Bundeskanzlerin im Spät-
knüpft da an. Bei Maaßen kommen per- sich aus dem Zigarrenladen seiner Eltern sommer 2015 die Grenzen offen hielt, dass
sönliche Eindrücke hinzu. herausgearbeitet, verfolgt unermüdlich ein in jenem Jahr 890 000 Asylbewerber ka-
Für hohe Beamte ist es manchmal Bildungsprogramm, ein Sportprogramm, men, zum Teil unkontrolliert, nicht regis-
schwierig, den Primat der Politik anzuer- und man kann zweimal zwei Stunden mit triert. Er rechnete fest damit, dass Terro-
kennen. Sie sind die Experten, sind seit ihm zusammensitzen, ohne dass sich viel risten des IS unter ihnen seien.
Jahren und Jahrzehnten eingearbeitet, und an seinem Ton ändert, seiner Mimik. Gemeinsam mit seinen alten Freunden
dann werden sie in den Ausschüssen des Manchmal lächelt er verhalten, wissend, Dieter Romann, Chef der Bundespolizei,
Bundestags von Abgeordneten gegrillt, de- ein bisschen von oben herab. Mehr Selbst- und Gerhard Schindler, damals Chef des
nen sie sich überlegen fühlen. Die nicht beherrschung geht kaum. Bundesnachrichtendienstes, warnte er die

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 39


Regierung vor den Folgen der
Flüchtlingspolitik. Sie gelten als
Rat Pack, als verschworener Hau-
fen. Romann hausierte sogar mit
eigenen Ideen zur Schließung der
Grenzen, ein Hauch von Unbot-
mäßigkeit lag in der Luft, aber letz-
ten Endes unterwarfen sich die
Spitzenbeamten zähneknirschend
dem Primat der Politik.
Maaßen selbst hatte als Beam-
ter im Bundesinnenministerium
maßgeblich an dem Gesetz mitge-
schrieben, das die Zuwanderung
regelt. Nun sah er es verletzt. »Als
die Bundesregierung in so großer
Zahl Asylsuchende und Migran-
ten einreisen ließ, hatte ich erheb-
liche rechtliche Bedenken«, sagt
er. Und Maaßen ist einer jener
Juristen, die das Gesetz, so wie
sie es lesen, absolut setzen, der
Politik keinen Spielraum einräu-
men wollen.
Das Jahr 2015 ist der Fixpunkt
seines Denkens. Auf eine offene
MARKO PRISKE / LAIF

Frage nach dem Mord an dem


CDU-Politiker Walter Lübcke,
mutmaßlich aus Hass gegen die
Flüchtlingspolitik, sagt Maaßen:
»Mich hat der Tatzeitpunkt über- Sicherheitsexperten Schindler, Maaßen 2016: Gemeinsame Grillabende
rascht. Warum jetzt? Im Herbst
2015 wäre es aus meiner Sicht
nachvollziehbarer gewesen, weil die Zeit Großstädten Deutsche ohne Migrations- ren schon Anzeigen der rechtsextremen
so emotionalisiert war.« hintergrund nicht mehr die absolute Mehr- Identitären Bewegung zu sehen, die pikan-
Er streitet ab, dass seine Haltung zu heit bildeten. terweise vom Verfassungsschutz beobach-
Merkel von Gefühlen beeinflusst ist, von Westfernsehen war für DDR-Bürger die tet wird. Maaßen will das erst nach seinem
einer Kränkung aus jenen Tagen vielleicht. einzige Möglichkeit, sich regelmäßig Infor- Tweet erfahren haben. Er scheint da hin
Sie sei kein Trauma für ihn. mationen zu verschaffen, die nicht unter und wieder mal schnell was rauszuhauen.
Aber manchmal verhält sich Maaßen Kontrolle der SED standen. Ob er da einen Welch übermenschliche Versuchung Twit-
seltsam irrational, wenn es um Merkel Vergleich der bundesdeutschen Medien- ter sein kann, mussten auch schon andere
geht, auch bei der Frage, ob es am Rande landschaft mit jener der DDR habe ziehen erfahren.
von Demonstrationen in Chemnitz Hetz- wollen? Nein, habe er nicht. »Ich mache Maaßen ist sich auch nicht zu fein, isla-
jagden gegen Migranten gegeben habe. mir aber Sorgen«, sagt er, »es fehlt die Mei- mistische Terroristen »Abu Scheusale« zu
Regierungssprecher Steffen Seibert hat- nungsvielfalt.« Besonders die öffentlich- nennen, in Coburg, gegen Ende seines Auf-
te dieses Wort benutzt, die Bundeskanz- rechtlichen Medien hält er mehr oder tritts. Da wird’s dann schon hemdsärmelig,
lerin machte es sich zu eigen. Maaßen wi- weniger für von Rot-Grün unterwandert. mindestens. Womit nun auch das Feind-
dersprach, ein bisschen wie Kai aus der »Inzucht« sehe er hier am Werk, wie er in bild angesprochen wäre. Das ist für Maa-
Kiste, überraschend, ohne Not. Sah er, einem Interview mit dem Journalisten ßen der arabische junge Mann, der zum
in einem unbeherrschten Moment, die Gabor Steingart für dessen Podcast sagte. Terroristen werden könnte.
Chance, Merkel eins auszuwischen? Da liest und verbreitet er zur Ab- Auf diesem Gebiet kennt er sich aus, da
Nietzsche war sich jedenfalls bewusst, wechslung dann mal einen Artikel von hat er einiges gesehen und gehört. Mit den
dass es der Übermensch schwer haben Journalistenwatch.com, einer rechtsradi- Flüchtlingen kamen tatsächlich Terroristen
würde, immerzu Übermensch zu sein, sich kalen Plattform, die berichtet hatte, dass nach Europa, einige Anschläge gelangen,
also ständig zu kontrollieren. ein Fernsehteam der ARD auf dem Ret- andere wurden vereitelt. Und sicherlich
Mit den Journalisten ist Maaßen eine tungsschiff von Carola Rackete war, wes- ist die Gefahr längst nicht vorbei.
Spur gnädiger als mit den Berufspolitikern. halb unterstellt wurde, die ganze Sache Wie andere Populisten verweigert sich
Dem SPIEGEL eine mitgeben, klar, immer sei eine Inszenierung für das Fernsehen Maaßen allerdings weitgehend einer Dif-
gern, aber im selben Atemzug betont er gewesen. Auf Journalistenwatch.com wa- ferenzierung. Seine Erzählung von Ara-
die »unglaublich wichtige Funktion« der bern ist, wie in Coburg, die von den »jun-
freien Presse. gen, entwurzelten Männern«, die »eigent-
Dass er die »Neue Zürcher Zeitung« in lich vom Regen in die Traufe kommen«
einem Tweet als eine Art Westfernsehen Ehemalige Kollegen im und in die muslimische Community in
eingeordnet hat, findet er immer noch Sicherheitsapparat Deutschland eintauchen würden. Der Weg
gelungen. Mit diesem Begriff verbreitete in den Dschihad scheint da nach Maaßens
Maaßen einen Artikel der Zeitung, in dem
schütteln nur noch mit Ansicht nahezuliegen. Auch das gibt es
es darum geht, dass in einigen deutschen dem Kopf. natürlich. Aber gibt es nichts anderes, Ge-

40
Deutschland

schichten von erfolgreicher Integration benrangigen oder eher esoterischen The- Das nährte Spekulationen, er halte ein sol-
zum Beispiel? men, zum Beispiel dem Klima. Das heißt ches Bündnis für möglich oder gar wün-
Maaßen, der sich in seiner Beamten- nicht, dass ich mir nicht eine andere Kli- schenswert.
karriere auch mit diesem Thema befasst mapolitik wünschen würde, aber wir kön- Bei einem Telefongespräch am Dienstag
hat, sieht da wenig Chancen. »Je mehr nen das nicht allein lösen. Es wäre daher dieser Woche sagt er, dass er seinen Nach-
Menschen aus anderen Kulturen einwan- besser, sich auf andere Themen zu kon- satz auf diese Weise gemeint habe: »Man
dern, desto größer wird die Parallelgesell- zentrieren, zum Beispiel Maßnahmen zur weiß nicht, wie sich die AfD entwickelt.«
schaft«, sagt er. Bei einer Veranstaltung Vermeidung einer möglichen Wirtschafts- Derzeit komme »eine Zusammenarbeit
der WerteUnion im baden-württembergi- und Finanzkrise und um Migration und nicht infrage, da die AfD in Teilen ganz
schen Weinheim rief er aus: »Ich bin vor innere Sicherheit.« Als Innenminister, so andere politische Vorstellungen hat als die
30 Jahren nicht der CDU beigetreten, viel lässt er durchblicken, würde er Ab- Union«. Er nennt die Europa- und Außen-
damit heute 1,8 Millionen Araber nach schiebungen in aller Entschlossenheit politik, hier insbesondere die Russland-
Deutschland kommen.« Alles Abu Scheu- durchsetzen. politik. Er nennt auch die Frage der »Men-
sale? Auch ehemalige Kollegen im Sicher- Er muss warten, die Gespenster der schenwürde«.
heitsapparat schütteln da nur noch mit Politik müssen immer warten, das liegt in Was meint er damit genau? Etwas un-
dem Kopf. ihrer Natur, manchmal sehr lange, manch- vermutet redet er nun über Enten.
Für die alten Griechen, das zitiert Maa- mal vergebens. Es muss etwas passieren, »Manche Leute in der AfD«, sagt Maa-
ßen genüsslich, ist die Verfallsform der das Maaßen nach oben, nach vorn spülen ßen, »setzen rechtsextreme Enten aufs
Demokratie die Ochlokratie, die Wasser und warten ab, ob darauf
Pöbelherrschaft. Für ihn natürlich geschossen wird. Natürlich wird
ein Albtraum, aber mit einem Be- geschossen. Und dann finden sich
griff spielen, der den Pöbel an- nicht viele in der Partei, die sich
spricht, das geht dann schon. ausdrücklich von den rechtsextre-
Maaßen bleibt erstaunlich oft men Positionen distanzieren. Aber
unter dem Niveau, das er an sich solche Positionen sind nicht verein-
selbst feiert. Seine Kritik an den bar mit dem C im Namen der
Zuständen ist eher harsch als blitz- CDU.«
gescheit, und manchmal ist es nur Fragt sich nur, wie vereinbar er
die übliche Schimpferei über den selbst mit der CDU ist. Auch wenn
Verfall. Graffiti überall, verspätete Maaßen nicht rechtsextrem ist, so
Züge. Erst neulich habe er sich mit klingt er doch manchmal wie je-
dem japanischen Botschafter bei ei- mand von der AfD, weil er sich so
nem Abendessen zu diesen Themen konsequent der populistischen
einvernehmlich unterhalten. Maa- Methode bedient. Gerade die CDU
ßen ist mit einer Japanerin verhei- steht fest zu ihren Berufspolitikern,
ratet und schätzt Japan ungemein, gibt ihnen immer wieder das Man-
ein Land der strengen Einwande- dat, möglichst lange zu regieren.
rungsregeln, der Selbstbeherrschung Und ein Feindbild Araber pflegt die
DE AGOSTINI PICTURE / AKG-IMAGES

und der pünktlichen Züge. Parteispitze sicherlich nicht.


»Verdienen wir noch den Aus- Maaßen erweckt den Eindruck,
druck Industrieland?«, fragt Maa- als gäbe es einen wahren Kern der
ßen alarmistisch in Coburg. Zur ewi- CDU, weswegen er 1987 in die Par-
gen Berliner Flughafenbaustelle tei eingetreten sei und der unter
BER macht er den Vorschlag, fünf Merkel verschüttet worden sei.
Jahre lang alle Brandschutzvor- Aber Politik und Parteien sind viel
schriften außer Kraft zu setzen und zu lebendig und schnelllebig, als
einfach loszufliegen. Da solle dann Munch-Gemälde von Nietzsche, 1906 dass sich mit einem Kern von 1987
eben »überall ein Mann mit Feuer- Niemand ist immer Übermensch heute erfolgreich Politik machen lie-
spritze stehen«. Ein bisschen Freak ße. Und ob die CDU je so war, wie
steckt wohl auch im Kontrollfreak. könnte. Eine krachend verlorene Wahl der Maaßen sie in Zukunft gern hätte, ist auch
Maaßen legt viel Wert darauf, eine an- CDU in Sachsen. Ein anderer Bundeskanz- eine Frage. Jedenfalls steht er näher beim
gebliche Mehrheit zu repräsentieren, das ler. Mit Merz, seinem Vorgänger in der gemäßigten Teil der AfD als beim Kern
Urmotiv des Populismus. Dafür benutzt Gespensterrolle, könnte er gut leben. der aktuellen CDU.
er gern einen Vergleich von der Autobahn. Maaßen arbeitet derweil als Rechtsan- Was nicht heißt, dass er nicht einmal
»Nicht ich bin der Geisterfahrer, die ande- walt und berät Unternehmen. Manchmal irgendwo Innenminister werden könnte.
ren sind es.« Oft zitiert er Volkes Stimme, trifft er noch die Freunde aus dem Rat Er hat schon angedeutet, dass er nicht
wie er sie im Flughafenbus oder in der Pack, Romann und Schindler. Am Abend Nein sagen würde. Aber wird man ihn fra-
U-Bahn gehört haben will. Die Leute sind der Europawahl haben sie gemeinsam ge- gen? »Dies ist nicht meine Zeit«, sagt er
erstaunlicherweise immer auf der Seite des grillt und die Ergebnisse analysiert. Aus am Dienstag, »und ich weiß nicht, ob sie
Mannes im Dreiteiler. Maaßens Sicht war das Ergebnis absehbar, überhaupt kommen wird.«
Wobei er in den Bussen und U-Bahnen da nicht innere Sicherheit das große The-
offensichtlich nie auf Sympathisanten der ma war, sondern Klima. Die AfD sieht er
Grünen trifft, obwohl die ja recht zahl- bei einem Potenzial von 20 Prozent. Video
Maaßens Karriere im
reich geworden sind. Die würden ihm viel- In einem Gespräch mit dem Deutsch- Schnelldurchlauf
leicht nicht zustimmen, wenn er über landfunk sagte Maaßen, derzeit werde sei- spiegel.de/sp302019maassen
Klimapolitik redet. Das klingt so: »Die ne Partei eine Koalition mit der AfD wohl oder in der App DER SPIEGEL
Politiker beschäftigen sich zu viel mit ne- ausschließen, »… aber man weiß ja nie«.

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 41


Deutschland

Athleten mit der Maus


Freizeit Die Bundesregierung hat versprochen, E-Sport zu fördern. Aber sollten
Computerspieler wirklich öffentliche Mittel erhalten?

CHRIS EMIL JANSSEN / ACTION PRESS


»Counter-Strike«-Turnier in der Kölner Lanxess Arena: Terroranschläge ausüben oder verhindern

D
as virtuelle Gemetzel im Hinter- Man könnte sagen: Fünf Freunde mit feld schwitzen. Sie analysieren Spielabläu-
hof dauert nur 20 Sekunden. Basecap, T-Shirt und Shorts haben sich an fe und Gegner, sie bestreiten Turniere, sie
»Froggy«, der Anführer der Anti- einem sonnigen Nachmittag in der Kölner messen sich in Ligen mit anderen Teams,
terroreinheit, ruft ein kurzes Innenstadt zum Zocken verabredet, sitzen genannt Clans. Und nun wollen sie dafür
Kommando. Eine Blendgranate explo- nun in einem dunklen, schlecht gelüfteten nicht nur öffentliche Anerkennung erfah-
diert, Kugeln schlagen ein, vor einer Haus- Raum und üben, bewaffnet mit dicken ren, sondern auch öffentliche Förderung
wand liegen zwei Leichen. Alle Terroristen Kopfhörern, virtuellen Krieg. »Counter- erhalten.
sind jetzt tot. Auf den Bildschirmen blinkt: Strike« heißt das Spiel. Es geht darum, Die Große Koalition hat es ihnen ver-
»Antiterroreinheit gewinnt.« Terroranschläge auszuüben oder zu ver- sprochen. E-Sport solle als »eigene Sport-
»Ja!«, jubelt »Froggy«. Der junge Mann hindern, je nach Rolle. art mit Vereins- und Verbandsrecht« an-
schlägt sich mit seinen Mitspielern ab. Die fünf sagen zu ihrem Treffen aller- erkannt werden, heißt es im Koalitions-
»Das war sehr stark«, lobt »Henske«, dings »Training«, denn was sie tun, sehen vertrag, die Regierung wolle die Gamer
ihr Coach. Er steht hinter den fünf Com- sie als Sport – E-Sport, elektronischen bei der »Schaffung einer olympischen Per-
puterspielern und fordert: »In der nächs- Sport. Spieler wie sie verstehen sich als spektive« unterstützen. Vor Kurzem grün-
ten Runde müsst ihr noch aggressiver an- Athleten, wie andere ihres Alters, die auf dete sich auch die interfraktionelle Parla-
greifen.« dem Fußballplatz oder auf dem Handball- mentsgruppe »eSports & Gaming«, ihre

42
Mitglieder stammen aus allen sechs zeitverhalten von Millionen Ju-
Bundestagsfraktionen. gendlichen auswirken. Jahrzehnte-
Wird der E-Sport tatsächlich als lang blieben Computerspiele im
gemeinnützig anerkannt, mit allen privaten Raum. Nun aber eröffnen
Steuerprivilegien und Zuschüssen, E-Sport-Restaurants, in denen
dann könnten Gamer öffentliche In- öffentlich gespielt wird, E-Sport-
frastruktur, etwa in Schulen, kos- Leistungszentren entstehen. Über-
tenlos nutzen, Übungsleiter müss- all im Land gründen sich neue
ten weniger Abgaben zahlen. Auch Vereine, bestehende Sportvereine
von den 235 Millionen Euro Sport- bilden neue E-Sport-Abteilungen
förderung, die der Bund pro Jahr oder veranstalten Computerspiel-
bereitstellt, profitierten die Athle- turniere.
ten an der Maus künftig. Das alles klingt, als würde der
Die Landesregierung in Kiel hat E-Sport die nächsten logischen
in ihrem Koalitionsvertrag eben- Schritte zur anerkannten Sportart
falls Unterstützung zugesagt. Die unternehmen. Genau das hat Hans
Jamaikakoalition von Minister- Jagnow im Sinn, der 31-jährige
präsident Daniel Günther (CDU) Jurist ist Präsident des eSport-
ist offenbar bereit, Millionen Euro Bunds Deutschland. Im November

FREDERIKE WETZELS / DER SPIEGEL


zu investieren, um Schleswig-Hol- 2017 wurde der Lobbyverband ins
stein zum E-Sport-Land zu machen. Leben gerufen. Bei der Gründung
So sollen eine E-Sport-Akademie halfen ein Vorgänger des Compu-
und kommunale E-Sport-Häuser terspielindustrie-Verbands Game
entstehen, in denen Zocker trainie- und der Turnierveranstalter ESL,
ren können. In Kiel soll es ein der auch das Kölner Turnier orga-
Landeszentrum geben. Mindestens nisiert.
300 000 Euro beträgt das Budget, Über den E-Sport sagt Jagnow,
ein Teil kommt von der Stadt Kiel. Vereinsvorsitzender Hennecke ein freundlicher Bartträger mit
Doch ist E-Sport wirklich Sport Die nächsten Schritte zur anerkannten Sportart präzisem Seitenscheitel, es handle
und förderungswürdig? sich um eine »Präzisionssportart«.
Als Angela Merkel vor gut 13 Jahren ins Teams kämpften um 300 000 US-Dollar Das Anliegen seines Verbands sei nicht die
Kanzleramt einzog, waren die Welt und Preisgeld, eine stattliche Summe, doch »Digitalisierung des Sports, sondern die
die Politik noch nicht wie heute. Die Re- kläglich im Vergleich zu den Geldern, die Versportlichung der Digitalisierung«.
gierung werde ein »Verbot von ›Killerspie- in den USA ausgelobt werden. Für die E-Sport mache den Spielern nicht nur
len‹« prüfen, hieß es im damaligen Koali- Weltmeisterschaft im Battle-Royale-Spiel Spaß, sondern habe auch positive Effekte.
tionsvertrag. Das war unter anderem Folge »Fortnite«, die Ende Juli in New York statt- So würden insbesondere die Auge-Hand-
eines Amoklaufs drei Jahre zuvor: Ein 19- findet, liegen 30 Millionen Dollar Preis- Koordination geschärft und das taktische
Jähriger hatte in seiner ehemaligen Schule geld bereit. Verständnis geschult. Wie im traditionel-
in Erfurt 16 Menschen erschossen. Davor Auch »Henske«, der Coach des Kölner len Sport gehe es um Teamgeist, Ehrgeiz
hatte er eine Stunde lang mit seinem Com- Teams, hat sich natürlich das Turnier in und Durchhaltevermögen.
puter einen Ego-Shooter gespielt. der Lanxess Arena angeschaut. Nico Das würden wohl nicht einmal Kritiker
Viele vermuteten einen Zusammen- Hennecke, so heißt er in der analogen bestreiten, die viele Gefahren sehen – von
hang, Beweise gab es dafür nicht. Bis heute Welt, ist 20 Jahre alt und studiert Sozial- Fettleibigkeit durch Bewegungsmangel
sind Experten uneins, wie solche Spiele wissenschaften. Im vergangenen Jahr hat bis zur Computerspielsucht. Hans-Jürgen
auf die Psyche junger Menschen wirken. er den Jugend E-Sport-Köln, kurz JECK Rumpf, früherer Präsident der Deutschen
Inzwischen sind Computerspiele noch e. V. , mitgegründet, dessen Vor- Gesellschaft für Suchtforschung,
viel beliebter geworden. Nach Angaben sitzender er nun ist. »Als ich mit Boomender hat 2017 für die Drogenbe-
des Branchenverbands Game spielen 14 angefangen habe, intensiv zu E-Sport auftragte der Bundesregierung
34 Millionen Deutsche. Etliche Menschen spielen, habe ich gedacht: Cool, Umsatzprognosen, die suchtfördernden Faktoren
verfolgen zudem Wettkämpfe am Compu- wenn man überall Freunde ge- in Mrd. Euro von Computerspielen unter-
ter oder der Spielkonsole im Internet oder winnen kann«, sagt Hennecke. sucht und gehörte zur Experten-
im Fernsehen. In den USA zahlen Unter- Doch diese Zufallsbekannt- Quellen: runde der Weltgesundheitsorga-
nehmen Millionen Dollar, um für ihre schaften durchs Internet ver- 1,3 Newzoo, nisation, die im vergangenen
Deloitte
Profiteams Plätze in angesagten E-Sport- schwänden so schnell, wie sie Jahr »Computerspielsucht« als
Ligen zu sichern. Deutscher Vorreiter bei gekommen seien. Es gebe keine Krankheit anerkannt hat. Vie-
den Profis war Schalke 04: Der Fußball- Identifikation mit dem Team. le Hersteller setzten bewusst
Traditionsklub kaufte 2016 ein E-Sport- »Ich brauche Leute, denen 0,9 suchtfördernde Elemente in ih-
Team für internationale Wettkämpfe zu- ich ins Gesicht sehen kann, die ren Spielen ein, um die Zocker
sammen, seitdem sind fast alle Bundes- sich mit mir über einen Sieg zu binden, sagt er.
ligisten gefolgt. freuen, die mit mir kämpfen, Rumpf sieht zudem ein
Als das Unternehmen ESL Anfang Juli die Emotionen zeigen«, sagt grundsätzliches Problem bei
in die Lanxess Arena einlud, wollten mehr der junge Vorsitzende. Deshalb der Anerkennung des E-Sports.
als 40 000 Fans den Profi-»Counter-Stri- seien auch für Computerwett- »Ob sich eine Sucht entwickelt,
ke«-Spielern dort zuschauen. In Auto- kämpfer Vereine wichtig. 0,1 hängt auch mit der Verfügbar-
grammstunden kamen die Fans an ihre Was im JECK und in den an- 2019 2020 2020 keit des Suchtmittels zusam-
Idole heran, in einem Shop konnten sie deren E-Sport-Vereinen pas- weltweit Deutsch- men«, sagt der Psychologe.
Trikots ihres Lieblingsteams kaufen. Die siert, könnte sich auf das Frei- land Durch die Einrichtung von E-

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 43


Sport-Häusern werde das suchtgefährden-
de Vielspielen legitimiert.
Topprämien nicht zu den ethischen Idealen des Sports,
finden die DOSB-Funktionäre.
Preisgelder pro Turnier, in Mio. Euro, 2019
Die Suchtgefahr beim Gaming sieht Durch die Haltung des Sportverbands
auch der Verbandsvertreter Jagnow, aber kommt auch die Große Koalition in Berlin
er sagt: »Gerade deshalb braucht es gut unter Druck. Während Grüne und FDP
ausgebildete Trainer, die problematische sich klar pro E-Sport positioniert haben,
Spieler erkennen und ihnen helfen.« Drei gibt es in den Regierungsparteien Streit.
bis vier Millionen Menschen würden in Die Formulierung im Koalitionsvertrag,
Deutschland E-Sport betreiben, eine rich- 35,4 26,8 der die vollständige Anerkennung ver-
tige »Sportbewegung«. Wimbledon »Fortnite«-WM spricht, war durch die Digitalpolitiker, vor
Tennis E-Sport
Dagegen wirkt sein Verband fast küm- allem durch den Einfluss der heutigen
merlich. Nur 36 Mitglieder gibt es laut Staatsministerin für Digitalisierung, Do-
Jagnow derzeit, sie vertreten 1500 E-Sport- 11,1 2,3 rothee Bär (CSU), in den Vertrag ge-
ler. Es gebe Anfragen etlicher interessierter Players Tour de France kommen.
Championship Radsport
Vereine und E-Sportler, er spüre aber eine Golf Als im Februar der Sportausschuss des
große Unsicherheit bei den Verantwort- Bundestags Experten zum E-Sport an-
lichen, sagt er. Deshalb müsse die Politik hörte, wies der Sportpolitiker Frank Stef-
endlich ihre Ankündigung umsetzen und hatte gemessen, dass sie an der Konsole fel darauf hin, dass keiner der Sportexper-
die Sparte als Sport anerkennen. beachtliche 300 Bewegungen in der Mi- ten an dieser Formulierung beteiligt ge-
In öffentlichen Diskussionsrunden und nute schafften und eine Herzfrequenz von wesen sei.
politischen Anhörungen fordert Jagnow 140 bis 150 Schlägen pro Minute hatten. Eberhard Gienger, sportpolitischer Spre-
Gespräche auf Augenhöhe mit dem Deut- Das sei mit der eines Rallyefahrers ver- cher der Unionsfraktion im Bundestag, ist
schen Olympischen Sportbund (DOSB). gleichbar, erklärte Froböse im WDR. ebenfalls skeptisch. Die Koalition habe
Dem möchte er mit seinem E-Sportver- Seine Kollegin Carmen Borggrefe von sich »zu weit aus dem Fenster gelehnt«.
band beitreten. der Universität Stuttgart überzeugt das Er könne sich nicht vorstellen, dass »Bal-
Dabei will er sich nicht festlegen, welche nicht. »Auf der Basis solcher Kriterien lie- lerspiele« gemeinnützig würden. Der
Computerspiele eigentlich zum E-Sport ße sich beispielsweise auch ein Wett- Mann stammt noch aus einer anderen
gehören. Ego-Shooter wie »Counter- bewerb wie ›Jugend musiziert‹ eindeutig Sportwelt. Der Turner, Sportler des Jahres
Strike«? Teamstrategiespiele wie »League dem Sport zuordnen«, spottet die Sport- 1974 und 1978 in der Bundesrepublik, wur-
of Legends«? Selbst »Tetris«, das Stapeln soziologin. Notwendig sei vielmehr eine de Weltmeister am Reck.
virtueller Bauklötze? Jagnow sieht kein »sportartbestimmende motorische Aktivi- Selbst in der Gamer-Szene allerdings
Problem darin, dass die Hersteller ständig tät«, die es beim E-Sport nicht gebe. Der teilen nicht alle die Haltung ihres Ver-
neue Angebote herausbringen und ange- Wettbewerb bestehe nämlich nicht darin, bands. Im zweiten Stock eines schmuck-
sagte Spiele wechseln. »Wir sind so etwas wer besser die Maus klicken könne. losen Bürohauses, versteckt hinter Plat-
wie die Leichtathletik«, sagt Jagnow, »eine Der DOSB jedenfalls hat sich inzwi- tenbauten in Berlin-Lichtenberg, betreibt
Sportart, aber viele unterschiedliche Dis- schen entschieden: Es müsse eine Unter- das Unternehmen Penta Entertainment
ziplinen.« scheidung geben zwischen »virtuellen ein modernes E-Sport-Leistungszentrum.
Ein wesentlicher Unterschied ist jedoch: Sportarten«, also der Simulation traditio- Drei Trainingsräume mit je sechs Compu-
Die beliebten Spiele sind in der Hand we- neller Disziplinen, und rein digitalem terspielplätzen gibt es, ein paar Büros, eine
niger global agierender Firmen. »eGaming«. Die Fußballsimulation »FIFA« Bar für Events, einen Billardtisch und
Dass der E-Sport abhängig von diesen wäre demnach sehr wohl Sport, Ego-Shoo- einen Kicker.
Unternehmen ist und sein Verband keiner- ter und Strategiespiele wären es hingegen Penta hat mehrere Profiteams unter Ver-
lei Einfluss etwa auf die Spielregeln hat, nicht. trag. Dass ein deutscher Hobbyspieler
bestreitet Jagnow nicht. Die Hersteller ent- Der Verband vertritt rund 89 000 Ver- es in einen solchen Clan schafft, sei ziem-
scheiden, was und wie gespielt wird. Sie eine mit zusammen knapp 27,5 Millionen lich unwahrscheinlich, sagt Geschäftsfüh-
legen auch fest, wofür bezahlt werden Mitgliedern und beauftragte den Juristen rer Andreas Schaetzke, 29. Die »Proga-
muss. Wie kann sich da eine florierende Peter Fischer, früher Vorsitzender Richter mer« würden international gescoutet und
Amateur-E-Sport-Szene entwickeln? am Bundesfinanzhof, mit einem Gutach- wie im Fußball von anderen Teams abge-
Jagnow sieht das pragmatisch: »Das ten. Darin warnt Fischer: Bei einer An- worben.
Spiel selber ist für uns nur ein Spielgerät«, erkennung und Integration des E-Sports Der Penta-Chef hat selbst sein halbes
erklärt er, »vergleichbar einem Fußball. bestehe die Gefahr, dass der organisierte Leben am Computer gezockt, blickt aber
Da fragen wir ja auch nicht: Wer hat das Sport einen erheblichen gesellschaftlichen nüchtern auf die Dinge. Es gehe darum,
Leder hergestellt?« Legitimationsverlust erleide. Mit der Ge- den E-Sport zu monetarisieren, den »Gold
Juristisch ist die Sache nicht so einfach. meinnützigkeit wolle sich die Games-In- Rush« zu nutzen, findet er.
Für den Bundesfinanzhof und den Euro- dustrie ein »zivilgesellschaftliches Güte- »Die Branche schreit zwar nach Aner-
päischen Gerichtshof gehört zum ge- siegel« verschaffen, um ihre wirtschaft- kennung«, sagt Schaetzke, »aber es ist
meinnützigen Sport die »körperliche lichen Interessen zu verfolgen. noch zu früh, E-Sport gemeinnützig wer-
Aktivität«. Hessische Richter akzeptieren Spiele wie »Counter-Strike«, bei denen den zu lassen.« Erst einmal müssten sich
den »wettkampfmäßigen Drehstangen- der Gegner virtuell getötet werde, passten die Vereine entwickeln. Eine öffentliche
Tischfußball«, also Kickern. Tipp-Kick, Förderung findet Schaetzke unangemes-
Skat, Bridge und Paintball wurden hin- sen: »Dass Stadträte guten Gewissens
gegen nicht anerkannt. Geld für einen E-Sport-Verein geben,
Der Forscher Ingo Froböse von der Der Firmenchef sagt: Es wenn nicht alle Kitas und Schulen perfekt
Deutschen Sporthochschule Köln kam gehe darum, den E-Sport in Schuss sind, das wäre doch verrückt.«
nach der Untersuchung von E-Sportlern Michael Fröhlingsdorf
immerhin zu dem Ergebnis, die Proban-
zu monetarisieren, den Mail: michael.froehlingsdorf@spiegel.de
den trieben eindeutig Sport. Der Professor »Gold Rush« zu nutzen.
44 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019
Deutschland

Tief im
Monika Schirdewahn, 62, war früher Bis hierhin war es ein Konflikt, wie
in der SPD, überwarf sich aber mit den er vermutlich in vielen Gemeinden vor-
Genossen. Vor drei Jahren trat sie in die kommt; lästig, unversöhnlich, aber ohne

Schlamm
CDU ein und wurde Vorsitzende des Orts- überregionale Brisanz.
verbands. Sieben Mitglieder habe die Dann kam Horst Schirdewahn, 67, da-
Orts-CDU, darunter ihren Sohn und ihre zu. In diesem Frühjahr, kurz vor der
Schwiegertochter, die zusammen mit ihr Kommunalwahl, gründete er eine Orts-
Parteien In einem pfälzischen eingetreten seien. Sie habe gedacht, dass gruppe der AfD. Alle sechs Mitglieder
sich die CDU auf Kreis- und Landesebene kommen aus dem Schliertal. Er habe ge-
Gemeinderat bilden CDU und mit ihr für die Wasserleitung einsetzen dacht, dass die AfD auch unten in Fran-
AfD erstmals eine Fraktion. werde, sagt Schirdewahn, »aber da kam kenstein viele Stimmen holen könne, sagt
Dahinter steckt ein Ehepaar mit leider nichts«. Horst Schirdewahn.
In Frankenstein, rund 950 Einwohner, Das Wahlergebnis im Mai habe ihn ent-
ganz eigener Agenda. hat seit vielen Jahren eine Freie Wähler- täuscht. Die AfD holte nur einen Sitz im
Gemeinderat, ebenso wie die CDU.

P olitische Eruptionen können


im Kleinen beginnen, manch-
mal auch im sehr Kleinen.
Zum Beispiel am Ortsrand der Ge-
Monika und Horst Schirdewahn
waren gewählt, doch die Freien
Wähler gewannen 80,1 Prozent der
Stimmen. Die Eheleute sitzen zehn
meinde Frankenstein in der Pfalz, Fraktionsmitgliedern der FWG ge-
in einem ausgebauten Holzhaus, genüber.
das nicht einmal einen Wasser- Einzelvertreter im Rat hätten es
anschluss hat. schwer, sagen die Schirdewahns.
Die Eheleute Monika und Horst Erst ab zwei Personen erhalte man
Schirdewahn sitzen im verglasten einen offiziellen Fraktionsstatus
Anbau dieses Hauses, vor sich ei- und könne in Ratsausschüssen wir-
nen Stapel Unterlagen, Bebau- kungsvoll mitmischen. So beschlos-
ungspläne, Zeitungsartikel, Nieder- sen die beiden, aus der privaten
schriften von Gemeinderatssitzun- Verbindung auch eine politische
gen. Es geht um Wasser, genauer zu machen. Ihre Fraktionsgemein-
um eine Wasserleitung in ihr Schlier- schaft nannten sie »Fortschritt Fran-
tal, die Schirdewahns wohnen hier kenstein«.
seit 22 Jahren. Das passt der CDU natürlich
»Wasser ist ein Menschenrecht«, überhaupt nicht. Auf dem Bundes-
sagt Monika Schirdewahn, und der parteitag Ende 2018 hatten die
Kampf um Grundbedürfnisse recht- Christdemokraten sich gegen Ko-
fertige außergewöhnliche Schritte. alitionen und auch jede sonstige Zu-
Sie und ihr Mann haben einen sammenarbeit mit der AfD ausge-
solchen Schritt gemacht. Die Ge- sprochen. In Sachsen fragte die Ini-
meinderatsmitglieder Monika Schir- tiative »Zukunft Sachsen« gerade
TIM WEGNER / DER SPIEGEL

dewahn (CDU) und Horst Schirde- bei den CDU-Direktkandidaten für


wahn (AfD) bilden eine Fraktions- die Landtagswahl nach: 53 schlos-
gemeinschaft, die erste der beiden sen demnach eine Koalition mit der
Parteien in einem Parlament. AfD aus, 7 antworteten nicht.
Ein politischer Zeitenwandel? Ei- Monika Schirdewahn habe die
ne neue Bündnisoption, die entge- Frankensteiner CDU »gekapert«
gen allen Beteuerungen der Union Bündnispartner Schirdewahns: Ohne Anschluss und »eine rote Linie überschritten«,
von Frankenstein aus die Republik schimpft Marcus Klein, CDU-Kreis-
erobern soll? vorsitzender und Mitglied des Lan-
Die Geschichte ist eine andere, sie be- gemeinschaft das Sagen. FWG-Mann Eck- desvorstands der Partei. Er habe sich mit
ginnt mit einem alltäglichen Konflikt. Das hard Vogel, der heutige Ortsbürgermeis- der Parteizentrale in Berlin abgestimmt
Haus, das die Eheleute bewohnen, ist aus ter, ist genervt von den Schirdewahns. und werde nun ein Parteiausschlussverfah-
Sicht der Gemeindeverwaltung von Fran- Das Ehepaar habe mit allen Mitteln für ren gegen Schirdewahn beantragen. Die
kenstein ein Wochenendhaus. Was heißt: diesen Wasseranschluss gekämpft, auch politische Eruption aus dem Schliertal
Die Schirdewahns haben keinen Anspruch vor Gericht, aber in zwei Instanzen ver- dürfte, so ist zu vermuten, dann doch sehr
auf einen teuren Anschluss an Wasserver- loren. Vogel blättert in seinen Unterlagen klein bleiben, beschränkt auf ein Gebiet
sorgung und Kanalisation – ebenso wenig und liest aus einem Beschluss des Ober- am Ortsrand von Frankenstein.
wie die anderen Siedler im Schliertal. verwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz vor: Monika Schirdewahn ficht das nicht an.
In Wahrheit, sagen die Schirdewahns, sei Wochenendhausbesitzern sei zuzumu- »Ich bleibe CDU-Frau und kämpfe bis zur
ihnen und einigen Nachbarn von früheren ten, sich ihr Trinkwasser »selbst mitzu- letzten Instanz«, sagt sie. Auch die Frak-
Ortsbürgermeistern eine Wasserversorgung bringen«. tionsgemeinschaft mit ihrem Mann werde
versprochen worden. Stattdessen habe man Irgendwann sei der Kampf ums Wasser sie nicht aufgeben. Es gebe keinen Grund
2014 sogar eine Wasserzapfstelle in der zu »einer Schlammschlacht« geworden, für Berührungsängste, sie seien schließlich
Nähe geschlossen. Der ehemalige langjäh- sagt Vogel. In Flugblättern sei er persönlich seit fast 45 Jahren verheiratet.
rige Ortsbürgermeister von Frankenstein, »mit haltlosen Unterstellungen« angegrif- Matthias Bartsch
Manfred Petry, bestreitet allerdings, dass fen worden. Die Schirdewahns sagen, sie Mail: matthias.bartsch@spiegel.de
er ein solches Versprechen gegeben habe. hätten damit nichts zu tun.

45
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Deutschland

Abdull versus Europa


Migration Ein 21-jähriger Marokkaner, kriminell und bereits zweimal abgeschoben, will zurück
nach Deutschland. Er sagt: Ich schaffe das schon. Vermutlich hat er recht. Von Katrin Elger

Als der SPIEGEL vor zwei Jahren das erste fen. Ob er sich umbringen wolle, hätten insgesamt 1633 Menschen nach Tune-
Mal mit Abdull S. sprach, saß der Marok- sie ihn gefragt – und dann seinen sien, Algerien und Marokko zurück-
kaner gerade seine Jugendstrafe wegen ge- Schwimmanzug zerschnitten. Einen neuen gebracht. Zum Vergleich: Im Jahr 2015
fährlicher Körperverletzung im rheinland- kann er sich gerade nicht leisten. waren es 136.
pfälzischen Wittlich ab. Auf die Frage, wie Unverrichteter Dinge seien er und sein Innenminister Horst Seehofer (CSU)
es mit seinem Leben weitergehen solle, Kollege die 18 Kilometer zurück in die hat angekündigt, möglichst viele Ausreise-
wenn er abgeschoben werde, antwortete er: Küstenstadt Fnideq gefahren. Die Straße pflichtige in ihre Heimatländer zurückzu-
»Ich komme einfach wieder zurück.« Keine schlängelt sich durch die bewaldeten Hü- schicken, vor allem Straftäter. Die Ge-
drei Monate nach der Abschiebung im De- gel, auch an Grenzzäunen mit Stachel- schichte von Abdull S. lässt allerdings
zember 2017 schickte er eine E-Mail: »Ich draht vorbei. ahnen, dass zumindest manche von ihnen
möchte ihnen mitteilen, dass ich wieder in In Fnideq lebt er seit einigen Monaten schon wieder in Deutschland oder Europa
deutschland bin. Mit freundlichen Grüßen in einer WG. Drei Männer teilen sich für sind. Ausgerechnet jene Migranten, die
Abdull.« Ein Jahr später schob ihn die lu- 100 Euro im Monat ein Zehn-Quadrat- Seehofer loswerden will, lassen sich von
xemburgische Polizei nach einem Ausflug meter-Zimmer. Einer abgeschoben aus seiner Abschreckungspolitik wohl nicht
in das Großherzogtum erneut ab. Wieder Dänemark, einer aus Luxemburg, einer abschrecken. Sie sind bereit, alles zu ris-
meldete er sich, dieses Mal aus Marokko, aus Deutschland, so erzählen sie es. Sie kieren. Polizei und Gerichte scheitern an
er plane seine nächste illegale Einreise. Er sind Europa schon wieder nah, so nah ihnen genauso wie Sozialarbeiter.
schrieb: »Für mich ist Leicht nach Deutsch- wie in Marokko möglich. Bis zur spani-
land zu kommen.« schen Exklave Ceuta sind es nur sieben Abdull S. begann seine lange Reise nach
Kilometer. Europa 2007 im marokkanischen Fes.
Deutschland hat in den vergangenen Dort wuchs er bei seinen Eltern in ärm-

B
reitbeinig steht Abdull S. da, die Jahren viel Druck gemacht, um junge lichen Verhältnissen auf. Als seine Mutter
Hände in den Hosentaschen. Vor Nordafrikaner loszuwerden. »Nafri«, die- an einem Herzinfarkt starb, suchte sich
ihm geht es steil bergab. Am ser Polizeibegriff für nordafrikanische der Vater schnell eine neue Frau. Für den
Hang wachsen, zwischen Kies Intensivtäter war vor dreieinhalb Jahren zehnjährigen Abdull brach eine Welt zu-
und Geröll, gelbe Blumen. Unten schlagen bekannt geworden. In der Silvesternacht sammen. Doch bei seinem arbeitslosen
die Wellen des Mittelmeers gegen die fel- 2015/16 in Köln sollen viele der Täter, die Vater habe er keinen Trost gefunden, statt-
sige Küste von Belyounech, einem Dorf in Gruppen Frauen belästigt und be- dessen sei er häufig geschlagen worden.
im Norden Marokkos. grapscht haben, junge Migranten aus dem »Mir ging es schlecht. Ich wollte nicht mehr
Abdull S. kann von hier aus Spanien Maghreb gewesen sein. bleiben«, sagt er.
sehen. An der schmalsten Stelle der Straße Laut Bundeskriminalamt sind sie Es klingt glaubwürdig und passt zu
von Gibraltar ist Europa rund 15 Kilo- eine auffällige Gruppe, die meisten der Schilderungen, die sich in seiner deut-
meter entfernt. Männer sind ohne Chance auf einen schen Gerichtsakte finden, aber anders
Leistungssportler sind die Strecke nach Flüchtlingsschutz oder eine dauerhafte als andere Teile seiner Lebensgeschichte
jahrelangem Training schon in weniger als Arbeitserlaubnis, das lässt sie besonders ist der Anfang schwer zu überprüfen. Der
drei Stunden geschwommen. Dennoch ha- leicht abrutschen. Deutschland hat 2018 SPIEGEL hat gemeinsam mit Abdull S.
ben sogar die besten von ihnen Respekt dem Bundesinnenministerium zufolge verschiedene Orte in Marokko und auch
vor der Meerenge. Wasser drängt aus dem seine Familie besucht.
Atlantik ins Mittelmeer, die Strömungen Kurz nach dem Tod seiner Mutter sei
sind stark, die Winde teils heftig. Allein in er ausgerissen, erzählt er. Anfangs habe
diesem Jahr sind nach Angaben der Inter- er Angst gehabt, der Vater könne ihn
nationalen Organisation für Migration SPIEGEL-Redakteurin finden und verprügeln. Doch dann habe
mehr als 200 Flüchtlinge auf ihrem Weg »Unter einem Lkw er festgestellt, dass keiner nach ihm
nach Europa im westlichen Mittelmeer er- suche. Fortan war Abdull S. ein Straßen-
trunken. klingt sehr gefährlich.« kind.
Nichts, was Abdull S. ängstigen würde. Eine Zeit lang lebte er an der Grenze
»Ich kann das schaffen«, sagt er. »Ich bin Abdull S. zur spanischen Exklave Melilla, wo er
oft im Fitnessstudio.« Schleusern half, Zwischenwände in Last-
Vor vier Wochen habe er es zum ersten »Gibt keine anders Lösung wagen einzubauen, hinter denen sich
Mal versucht. Er zeigt auf die Stelle, wo Frau Elger Flüchtlinge verstecken konnten. Eines Ta-
er gemeinsam mit einem Freund die Bö- Ist halt so ges, da war er 13, hängte er sich unter ein
schung hinuntergeklettert sei, einen Neo- Postauto und fuhr damit auf eine Fähre
prenanzug unter den Klamotten. »Hat lei- Wir leben nur einmal nach Málaga. Er lebte in Spanien, in Italien
der nicht geklappt«, sagt er. »Überall ist wir sterben nur eine mal.« und in Frankreich. Er schlug sich durch,
Polizei.« Noch bevor er den ersten Fuß ins bettelte, klaute, manchmal kam er in Hei-
Wasser habe setzen können, hätten die men unter. Wenn ihm langweilig war oder
marokkanischen Grenzschützer eingegrif- Aus Facebook-Chat vom 25. Juni es Ärger gab, zog er weiter.

48
Mal drückte er am Bahnhofsvorplatz
während eines Streits einem Widersacher
ein ausgeklapptes Taschenmesser an den
Hals. Auch einer Zeugin hielt er die zehn
Zentimeter lange Klinge an den Rücken
und drohte: »Ich fick dich.« Mal schlug er
einem Mann mehrfach mit der Faust ins
Gesicht, sodass dieser am Kopf blutete.
Volltrunken richtete er seine Aggressio-
nen nicht nur gegen Polizisten, sondern
auch gegen sich selbst. Bei einem Einsatz
mussten die Beamten seinen Kopf fixie-
ren, weil er ihn gegen die Zellenwand
schlug.
Seine Erklärung für die Entgleisungen:
»falscher Umgang«. Er habe den Fehler ge-
macht, mit älteren Marokkanern abzuhän-
gen. »Du bist unter 18. Egal was du machst,
du gehst nicht in den Knast«, hätten sie
zu ihm gesagt.
Zunächst hatten sie recht damit. Für sei-
ne ersten Vergehen erhielt Abdull S. ledig-
lich Verwarnungen, musste Sozialstunden
ableisten oder die Strafe wurde auf Bewäh-
rung ausgesetzt.
Im deutschen Jugendstrafrecht steht der
Erziehungsgedanke im Vordergrund. Ein
Prinzip, das bei harten Jungs aus dem
Maghreb tendenziell ins Leere läuft. »Sie
verstehen häufig nicht, dass es mit der Mil-
de spätestens vorbei ist, wenn sie 21 sind,
und fallen aus allen Wolken, wenn es nicht
immer so weitergeht«, sagt der Trierer
Rechtsanwalt Sven Collet. Abdull S. war
sein Mandant.
2017 verhängte das Landgericht Trier
eine Jugendstrafe von zwei Jahren und
sechs Monaten wegen gefährlicher Kör-
perverletzung und Raub gegen Abdull S.
»Ist alles schiefgegangen«, sagt er. »Aber
die Erde dreht sich trotzdem immer wei-
ter.«
Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Noch
bevor seine Gefängnisstrafe vorüber war,
ordneten die Behörden Ende 2017 seine
Abschiebung an. Wie in vielen anderen
JULIAN BUSCH / DER SPIEGEL

Fällen auch platzte der erste Termin. Mehr


als jede zweite der 55 000 Rückführungen
im vergangenen Jahr scheiterte. Oftmals
weil die Migranten nicht auffindbar waren,
ein ärztliches Attest vorweisen konnten
oder sich wehrten.
Nordafrikaner S.: Bereit, alles zu riskieren Abdull S. rastete einen Tag vor seiner
Abschiebung im Gefängnis aus. Er hatte
unter anderem für die Schlosserei der Ju-
Als er sich 2013 »einmal Deutschland sen mag? In diesen Fällen scheitern häufig gendstrafanstalt gearbeitet und so insge-
anschauen« wollte, griff ihn die Polizei in selbst erfahrene Pädagogen. samt rund 2500 Euro verdient. Erst kurz
Saarbrücken auf. Er stellte einen Asyl- Anfangs besuchte Abdull S. eine För- vor seinem Ausreisetermin hatte er er-
antrag. Die Behörden brachten den 15-Jäh- derschule. Später konnte er eine Ausbil- fahren, dass der deutsche Staat seinen
rigen in einem Jugendhilfezentrum in der dung zum Fachpraktiker für Metallbau be- Lohn einbehalten würde, um die Kosten
Nähe von Trier unter und versuchten eini- ginnen, er brach sie nach einem halben der Abschiebung zumindest teilweise zu
ges, um ihn an ein geregeltes Leben zu Jahr ab. In einem Urteil des Landgerichts decken – bei einer Rückführung kommen
gewöhnen. Trier heißt es: »Ab Januar 2014 begann er, pro Migrant Tausende Euro zusammen.
Aber wie wahrscheinlich ist es, dass sich im Übermaß Alkohol zu trinken, sammel- »Es gibt keine Gerechtigkeit«, sagt er.
ein Junge, dessen Schule jahrelang das har- te Fehlzeiten in der Schule und fiel erst- Abdull S. zerschlug eine Flasche und
te Leben auf der Straße war, auf Mathe- mals strafrechtlich auf.« Abdull S. stand drohte, sich umzubringen. »Ich wollte nur
aufgaben und Grammatikübungen einlas- seitdem mehrmals vor Gericht. Angst machen«, sagt er. Die nächsten

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 49


Deutschland

Wochen wurde er allein in einer oder einen »Fréro«, also »Bru-


Zelle untergebracht. der«, bei dem er unterkommen
Beim zweiten Ausreisetermin kann. Und wenn nicht, dann
kooperierte er. Von Frankfurt am kennt ein Fréro einen Fréro, der
Main ging es in Handschellen und ihm hilft.
mit Polizeigeleit nach Casablanca. In Deutschland habe er bei sei-
ner letzten Europatour nur kurz
Zurück in Marokko fuhr Abdull Station in Hamburg und in Bre-
S. zu seiner Familie nach Fes, zum men gemacht. Er ist Meister im
ersten Mal nach fast zehn Jahren. Schwarzfahren. Von seiner drei-
Sie wohnt nicht weit vom Königs- jährigen Einreisesperre ist gerade
palast, in einem schlichten Haus erst die Hälfte vergangen. Er-
in einer verwinkelten Gasse. Stör- wischt ihn die deutsche Polizei vor-

HARALD TITTEL / DER SPIEGEL


che nisten in einem Nadelbaum her, wird er wieder abgeschoben.
direkt daneben. Auf das alte Im Moment komme deshalb
Flachdach hat Abdulls jüngerer »nur Urlaub in Deutschland« in-
Bruder ein Stockwerk für sich frage. Sobald sein Einreiseverbot
bauen lassen. Er verdient sein abgelaufen ist, hat sich dieses Pro-
Geld damit, Überwachungskame- blem erst mal erledigt. Sein Band
ras zu installieren. Angeklagter S. in Trier 2017: »Ist alles schiefgegangen« nach Deutschland reißt schon
Warum ist der Bruder in Fes allein deshalb nicht ab, weil er
geblieben, warum Abdull S. ab- einen fünfjährigen Sohn hat. Eine
gehauen? »Meine Stiefmutter hat ihn un- um sie abzufangen. Die Bilder und Videos Information, die er erst nach stunden-
terstützt. Mich nicht«, sagt Abdull S. »Ich von Flüchtlingen, die von Grenzschützern langem Gespräch in einem Nebensatz er-
bin da nur Gast. Ich kann da schlafen und zurück über die Zäune gedrängt werden, wähnt. Drei Jahre lang sei er mit einem
essen. Keiner freut sich, wenn ich komme. sind bekannt. Frauen, Kranke oder Alte ha- deutschen Mädchen zusammen gewesen.
Keiner fragt, wie lange ich bleibe.« Über ben an diesem Ort ohnehin keine Chance. Die beiden wurden offenbar Eltern, als sie
das Wiedersehen gebe es deshalb auch Im Februar 2018 habe er sich in Ceuta noch minderjährig waren. Der Junge wach-
nicht viel zu sagen. für 100 Euro gefälschte französische Pa- se nun bei der Familie seiner Ex-Freundin
Das Wort Flüchtling ist in Deutschland piere gekauft, sagt Abdull S. »Man geht auf. »Das sind gute Leute«, sagt er. Sie sei-
ein Oberbegriff für Migranten mit unter- in einen Laden, von denen gibt es viele. en auch für ihn wie eine Familie gewesen.
schiedlichen Geschichten. Abdull S. muss- Die scannen dein Foto ein, und dann Als er noch im Gefängnis saß, habe ihn
te sich nicht vor Bombeneinschlägen in kannst du damit los«, sagt er. »Ist nicht das Mädchen regelmäßig mit seinem Sohn
Sicherheit bringen, ihm droht in Marokko schwer. Man muss halt wissen, wie man’s besucht. Manchmal würden sie auch jetzt
keine Folter, nicht einmal Gefängnis. Den- macht. Dann ist alles kein Problem.« noch telefonieren. Mehr möchte Abdull
noch läuft auch Abdull S. vor etwas davon: Manchmal tut er so, als wäre die Flucht S., der ansonsten gern und viel über sich
Trostlosigkeit, Langeweile und ein Leben aus Afrika eine Art sportlicher Wettkampf. erzählt, dazu nicht sagen.
in der Unterschicht, das wahrscheinlich Abdull versus Europa, Runde zwei. Dass er einen deutschen Sohn hat, hilft
nie mehr bieten wird als harte Arbeit für Er sei in die Niederlande gereist (»Hol- ihm gerade wenig dabei, eine Aufenthalts-
wenig Lohn. Als Schweißer könne er land ist schön«) und nach Dänemark genehmigung für Deutschland zu bekom-
höchstens sieben bis zehn Euro am Tag (»auch sehr schön«). Zur Erinnerung be- men. »Weil er nicht unerheblich vorbe-
verdienen, sagt er. »Das bekommt man in wahrt er noch immer dänische Kronen in straft ist und das Kind bei der Mutter lebt,
Deutschland in einer Stunde.« seinem Portemonnaie auf. In vielen euro- spielt das keine Rolle«, sagt sein ehema-
Einer Umfrage des Forschungsnetz- päischen Städten hat er einen »Kollegen« liger Pflichtverteidiger Collet.
werks »Arab Barometer« zufolge zieht fast Im März 2019 machte Abdull S. Station
jeder zweite Marokkaner in Erwägung aus- in Luxemburg, um dort einen Freund zu
zuwandern. Laut dem Flüchtlingshilfswerk besuchen, da griff ihn die dortige Polizei
UNHCR halten sich in Spanien mittlerwei- Abdull S. auf. Sie nahmen ihm seine falschen Papiere
le 13 000 unbegleitete Minderjährige auf – ab, und er landete in Abschiebungshaft.
mehr als zwei Drittel sind aus Marokko. »Kennen sie noch der »Ist nicht so schlimm wie Gefängnis«, sagt
Er sei nur kurz bei seiner Familie geblie- andere Junge wir waren er. »Man darf sein Handy behalten.« Und
ben, sagt Abdull S., Anfang 2018 habe er wieder ging es zurück, wieder per Abschie-
sich wieder auf den Weg nach Europa ge- zusammen bei Gericht.« beflug nach Casablanca, seitdem lebt er in
macht. Zwischen Fnideq und Ceuta gibt Fnideq.
es einen regen Handel. Marokkaner aus SPIEGEL-Redakteurin
der Gegend können durch eine Sonder- »Klar!« Eine schmale und steile Schotterstraße
regelung für einen Tag in die spanische Ex- führt zu seiner Wohnung dort. Die meisten
klave kommen. »Man muss gut angezogen Abdull S. Häuser entlang des Weges sind unverputzt.
sein«, so erzählt es Abdull S., »dann sind Jeder Fünfte ist arbeitslos.
die Chancen nicht schlecht, dass sie einen »Der ist abgeschoben In der Männer-WG stehen drei Betten,
durchlassen. Man muss zum Beispiel sa- Nach Marokko ein Nachttisch, eine abgenutzte Holzkom-
gen, dass man zum Einkaufen will. Wenn mode und ein hellblauer Plastikhocker.
sie einem glauben, hast du’s geschafft.« Er ist Frankreich seit Hin und wieder rennt eine Kakerlake über
Migranten aus Ländern der Subsahara 3 Wochen.« den Teppich. Es gibt eine Kochnische mit
wie Nigeria oder Guinea haben diese Mög- einem Gasherd, auf dem sich Blechtöpfe
lichkeit nicht. Marokko arbeitet enger als mit Fettresten stapeln, altes Brot gammelt
früher mit Spanien und der EU zusammen, Aus Facebook-Chat vom 13. Mai vor sich hin. Ein Loch im Boden, direkt

50
Ziel Europa
Stationen des Marokkaners Abdull S.
DÄNEMARK
1. Route, seit 2007
Dezember 2017 Abschiebung
aus Deutschland

2. Route, seit 2018 Bremen Hamburg


März 2019 Abschiebung
aus Luxemburg NIEDER- DEUTSCHLAND
LANDE

JULIAN BUSCH / DER SPIEGEL


Wittlich
Länder, in denen 2017 Asylantrag
sich Abdull S. wird abgelehnt
LUXEM-
aufgehalten hat BURG Trier
2013 Antrag
Paris auf Asyl

Unterkunft von S. in Fnideq


Bis zur spanischen Exklave Ceuta nur sieben Kilometer
FRANKREICH ITALIEN

Perpignan

SPANIEN Barcelona

Ceuta
(span. Exklave)
2018 illegale
Überfahrt
Málaga

JULIAN BUSCH / DER SPIEGEL


Melilla (span. Exklave)
Fnideq
2010 illegale Überfahrt
TUNESIEN
Fes
Casablanca ALGERIEN
MAROKKO

daneben, dient als Toilette. Es stinkt nach bul zu kaufen und sich dann nach Grie- Und was, wenn er sich doch in Marokko
Urin und Schweiß. Vom Balkon der Woh- chenland durchzuschlagen. Marokkaner einen Job sucht? Er hat in Deutschland ge-
nung im ersten Stock führt ein Wasser- brauchen für die Türkei kein Visum. Aber lernt, als Schweißer zu arbeiten, und besitzt
schlauch durch ein kleines vergittertes auch diese Variante ist teuer. Er wolle kei- einen Gabelstaplerführerschein. Für einen
Fenster und endet über dem Plumpsklo ne »Kriminalsachen« mehr machen, sagt 21-Jährigen, der fließend Deutsch, Spanisch
der WG. Wenn die Männer Wasser brau- Abdull S. »Ist besser, wenn man sauber und Französisch spricht und dazu leidlich
chen, muss einer oben klingeln und hoffen, bleibt.« Ein Vorsatz, den er schon öfter Italienisch und Englisch, sollte es außerdem
dass die Nachbarn da sind, um den Hahn hatte. in der Tourismusbranche Arbeit geben.
aufzudrehen. Sein Plan ist es nun, ein weiteres Mal »Auf keinen Fall«, sagt er. »Marokko ist
Abdull S. sagt, er schlafe meistens auf über Ceuta nach Spanien zu gelangen. nur für Touristen schön. Und für reiche
der Straße, weil es ihn krank mache, wenn Dort will er so lange illegal leben, bis zu- Menschen.«
er zu viel Zeit in dem Zimmer verbringe. mindest die Einreisesperre nach Deutsch-
»Es ist scheiße hier.« Wenn er duschen will, land abgelaufen ist. Im besten Fall, sagt Wenige Wochen nachdem der SPIEGEL
geht er ins Fitnessstudio. Der Besitzer ist er, finde er einen Job als Schweißer und Abdull S. im Juni in Fnideq besuchte, mel-
ein Bekannter von ihm, deshalb kann er verdiene endlich Geld. »Dann fängt mein det er sich per Facebook-Messenger. Er sei
dort gratis trainieren und bekommt hin neues Leben an.« Man könne sogar lega- jetzt wieder in Ceuta und wohne vorerst
und wieder auch etwas zu essen. Auch der lisiert werden, wenn man mindestens drei bei der Mutter eines Kollegen aus Dresden.
Friseur unten an der Ecke sei ein »Kollege« Jahre lang eine spanische Adresse vorwei- Er sei ziemlich problemlos durchgekommen,
und schneide ihm die Haare zum Nulltarif. sen könne. »ohne pass ohne nichts«. Freitags gebe es
Manchmal schicken ihm Bekannte aus Tatsächlich gibt es diese Regelung: an der Grenze kaum Kontrollen, schreibt
Deutschland Geld, damit er über die Run- Sofern ein Migrant zusätzlich einen er. Nun plane er, sich unter einen Last-
den kommt. Einer wie Abdull S. kämpft Arbeitsvertrag vorweisen kann, hat er die wagen zu hängen, um auf eine Fähre zu
sich immer irgendwie durch. Sein Kolle- Chance auf eine befristete Aufenthalts- gelangen. Er warte nur noch auf den rich-
gennetzwerk erstreckt sich über halb genehmigung. tigen Zeitpunkt. Bringt er sich damit nicht
Europa. »Die Spanier wissen nicht, dass ich kri- in Lebensgefahr? »Ist bisschen schwer aber
Da die Polizei seinen Versuch vereitel- minell war«, glaubt er. Wenn er erst einmal ich schaffe Das Wenn Gott es will«, antwor-
te, nach Spanien zu schwimmen, muss er spanische Aufenthaltspapiere habe, könne tet er. »Und auf jedenfall wir sehen uns, ich
sich eine neue Lösung überlegen. Geld er sich wieder problemlos auch in Deutsch- komme Euch besuchen.«
für gefälschte Papiere habe er nicht. »Mo- land aufhalten. So stellt er sich das zumin- Mail: katrin.elger@spiegel.de
dern« sei jetzt, ein Flugticket nach Istan- dest vor.

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 51


Gesellschaft
»Wir bringen den Hund zurück, pass auf!« ‣ S. 54

Früher war alles schlechter


Nº 185: Erneuerbare Energie im südlichen Afrika

1975 erzeugten die Länder südlich der Sahara 2015 waren es 11 206
1975 1985 1995 2005
172 Gigawattstunden Ökostrom.* Gigawattstunden.

*ohne Wasserkraft; Quellen: IEA, OECD

Das »Herz der Finsternis« verortete der britische Schriftsteller Frank-Walter Steinmeier als treffend. Die Aufklärung hat jeden-
Joseph Conrad wie selbstverständlich südlich der Sahara, wo alles falls lange schon eingesetzt im südlichen Afrika. Nach Angaben
rätselhaft ist, unheimlich und – vor allem – ziemlich wild. Ganz der Weltbank hat sich der Zugang zu Elektrizität im Afrika
hat sich das Klischee vom dunklen Kontinent noch nicht aus südlich der Sahara, in Prozent der Bevölkerung, seit 2000 knapp
der Afrika-Berichterstattung verzogen. Dabei ist der Kontinent verdoppelt. Noch immer überwiegen fossile Brennstoffe bei der
genauso wenig auf einen Begriff zu bringen wie Europa. In Ruan- Stromerzeugung. Noch immer stellen Wasserkraftwerke den
da gilt schon seit mehr als zehn Jahren ein Verbot von Plastik- größten erneuerbaren Stromanteil. Aber Erdwärme-, Wind- und
tüten, das Land ist der EU weit voraus. Kenia hat seit 2017 in Solartechnologien haben sich in den vergangenen Jahren aus-
dem Bereich das wohl strengste Gesetz weltweit. In Nigeria wer- gebreitet: Seit 2005 ist dieser Wert von zwei auf elf Milliarden
den mehr Filme produziert als in Hollywood. Botswana ist Kilowattstunden angestiegen. Und dazu tragen auch Länder
von einem der ärmsten Länder der Welt zu einem prosperieren- wie Eritrea, Niger und Togo bei. »Ich fühlte plötzlich, wie groß,
den Staat geworden. Den Namen eines 2015 dort gefundenen wie unheimlich groß das Ding war«, das Ding »Afrika«. Eben-
Rohdiamanten, »Lesedi La Rona« (»Unser Licht«), bezeichnete falls Conrad. alexander.smoltczyk@spiegel.de

Ängste Ein Grund dafür ist der schnell voran- hört zum Ökosystem Wald. Der hat damit
Bedrohen giftige Raupen schreitende Klimawandel. seinen Frieden, und die Bäume werden
SPIEGEL: Was passiert, wenn Menschen durch die Raupe kaum geschädigt. Für
den Frieden im deutschen die Raupen berühren? mich sind die Klagen Ausdruck einer An-
Grünebaum: Die Raupenkörper sind spruchsgesellschaft, zu der wir immer
Wald, Herr Grünebaum? besetzt mit Brennhaaren, ähnlich wie bei mehr werden. Wenn wir vor allen Gefah-
Martin Grünebaum, 56, bei den Brennnesseln. Auf der Haut können diese ren in der Natur warnen würden, müssten
Landesforsten Rheinland-Pfalz zuständig Haare Rötungen und Juckreiz, aber auch wir Deutschland mit Schildern zupflastern.
für Wald und Gesellschaft, allergische Schocks verursachen. Eine unan- SPIEGEL: Sie glauben, die Menschen
über Eichenprozessionsspinner genehme Sache, nicht zu verharmlosen. Wir übernehmen zu wenig Verantwortung
haben punktuell 450 Warnschilder im Land für sich selbst?
SPIEGEL: In Deutschland wird derzeit vie- aufgestellt. Trotzdem fühlen sich Grünebaum: Ich finde die
lerorts vor Eichenprozessionsspinnern einige Bürger unsicher und ver- Angst, die viele haben, ein-
R. WEIHRAUCH / PICTURE-ALLIANCE / DPA

gewarnt, Raupen mit giftigem Haar. In klagen Kommunen, weil sie sich fach übertrieben. Gehen Sie
Rheinland-Pfalz soll es eine regelrechte nicht genug geschützt sehen. in den Wald, bleiben Sie auf
Plage geben, was ist da los? Viele haben Angst, auch weil den Wegen, und genießen Sie
Grünebaum: Richtig, Eichenprozessions- manche Medien Panik machen. die Natur. Die viel größere
spinner, intern nennen wir Forstleute sie SPIEGEL: Bedroht der Eichen- Gefahr sind die Zecken.
EPS, sind eine Schmetterlingsart, die im prozessionsspinner den Wald- Um die Eichenprozessions-
Raupenstadium etwa fünf Zentimeter lang frieden? spinner kümmert sich ihr
wird. Die wärmeliebenden Tierchen brei- Grünebaum: Lassen Sie die natürlicher Fressfeind: der
ten sich hier seit einigen Jahrzehnten aus. Kirche im Dorf. Der EPS ge- Eichenprozessionsspinner Kuckuck. MAP

52
Mannes. Sie wollte nicht, dass er bei jemand anders schafft,
Eine Meldung und ihre Geschichte
was ihm bei ihr misslungen war. Der Mann sollte gefasst wer-
den. Es war auch ihre Art, Geschehenes zu verarbeiten, das

Zufallsbegegnung Böse zu bannen, die Funktion von Kunst in gewisser Weise.


Künstlerisches Talent liegt bei Förtsch in der Familie, ihr
Großvater war Restaurator. Sie selbst studierte Kunst und Fran-
zösisch, wollte Lehrerin werden, fiel durch das Referendariat
Wie eine Künstlerin einen Dieb mit einem und unterrichtet heute an der Kunst- und Modeschule Grafik-
selbst gezeichneten Phantombild überführte design sowie Modezeichnen und gibt den Meisterkurs Malerei.
Es sei für sie leichter, einen Menschen mit ihren Zeichnun-
gen darzustellen, sagt sie, als ihn mit Worten zu beschreiben.

I nge Förtsch ist 35 Jahre alt und nicht besonders groß, ge-
schätzt 1,65 Meter. Ihr Gesicht ist eher herzförmig als
oval, sie hat große Augen, die etwas eng beieinander ste-
hen. Ihre Nase ist spitz, die blonden Haare sind im Nacken
Für ein realistisches Bild sei es wichtig, »liebevoll zu zeichnen,
nicht kühl, sondern wertfrei«.
Mit den Augen fing sie an. Für ein gutes Porträt sollte man
wissen, sagt sie, dass der Platz zwischen den Augen in der
zusammengebunden und vorn zum Seitenscheitel nach rechts Regel so groß ist wie ein Auge. Der Abstand zwischen Auge
toupiert. Es geht um solche Details in diesem Fall. Wenn man und Ohr etwa auch so groß wie ein Auge. Der Abstand von
Inge Förtsch anhand dieser Beschreibung zeichnen würde – den Augenbrauen zur Nasenspitze entspreche dem Abstand
ob das Ergebnis Ähnlichkeit mit der Frau hätte, die auf dem von der Nasenspitze zum Kinn. Anfänger würden häufig den
Foto in der Mitte dieser Seite zu sehen ist? Wohl kaum. Wenn Fehler machen, keinen Hinterkopf zu zeichnen. Inge Förtsch
man sich das Foto 20, maximal 30 Sekun- sagt, sie habe sich Gesichter schon immer
den anschauen und dann am nächsten gut merken können, Namen nicht.
Tag ein Porträt malen würde – wäre das Ihr Phantombild zeigt einen jungen
Ergebnis besser? Unwahrscheinlich, zu- Mann mit Bartstoppeln und einer umge-
mindest in den meisten Fällen. drehten Kappe auf dem Kopf. Rundes Ge-
Gut zwei Wochen nachdem Inge sicht, breite Nase. Neben das Porträt malte
Förtsch der Bundespolizei mit einem sie die Statur des Täters, in Seitenansicht:
selbst gezeichneten Phantombild half, das linke Bein vorgestreckt, die Arme in
einen per Haftbefehl gesuchten Mann die Hüfte gestemmt. An den rechten Rand
festzunehmen, der sie bestehlen wollte, schrieb sie: »25 bis 30 Jahre, stechender

MAIK GROSSEKATHÖFER / DER SPIEGEL


sitzt sie in der Kunst- und Modeschule Blick, braune Haare, Goldzahn/Zahnlü-
Hamburg und erzählt ihre Geschichte. cke.« Um 16.45 Uhr betrat sie eine Wache
Am Abend bevor sie zur Sicherheits- der Bundespolizei, die für Bahnhöfe zu-
wache ging, war Inge Förtsch in einem ständig ist, und legte das Bild vor.
Kulturzentrum, um sich über nachhal- Das Zeichnen von Phantombildern
tigen Gartenbau zu informieren, danach nach bestimmten Kriterien geht auf den
fuhr sie mit der S-Bahn nach Hause. Sie französischen Kriminalisten Alphonse
nahm die Linie S3 vom Bahnhof Altona Bertillon zurück, der Ende des 19. Jahr-
zur Haltestelle Harburg Rathaus. Gegen Förtsch hunderts ein System zur Identifizierung
22.30 Uhr stieg sie aus. Sie stand gerade von Personen mithilfe von Körpermerk-
auf der Rolltreppe, als sie ein seltsames malen entwickelt hatte. Das erste stan-
Geräusch hörte, einmal, dann ein zweites dardisierte Phantombild ließ offenbar
Mal. Zuerst dachte sie, ihr Rucksack 1959 ein Sheriff in Los Angeles zeichnen.
schleife an der Wand entlang, und drehte Heute entstehen die Bilder am Compu-
sich um. Hinter ihr stand ein Mann, den ter: Spezialisten legen im Prinzip Folien
sie nicht wahrgenommen hatte. Er rem- von Augen, Mund, Nase übereinander,
pelte sie an und »grinste gruselig«, wie dabei können sie aus mehreren Tausend
Inge Förtsch sagt. Dann drückte er sich an Vorlagen wählen.
ihr vorbei und rannte die Rolltreppe hoch. Aus dem »Hamburger Abendblatt« Als Inge Förtsch bei der Polizei saß,
Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Rucksack sah sie das Phantombild eines Mannes,
offen stand – der Mann hatte den Reißverschluss aufgezogen. der wegen Vergewaltigung gesucht wird. Aus künstlerischer
»Ich hole die Polizei«, rief Inge Förtsch. Der Mann lief weiter. Sicht sei das nichts gewesen, sagt sie. Der Polizist, mit dem
Als sie an der Straße auf den Bus wartete, wusste sie mittler- sie sprach, lobte sie für ihren Entwurf. Er sagte, wenn es mit
weile, dass der Mann ihr nichts geklaut hatte. Sie entdeckte ihrer Karriere als Künstlerin nicht klappe, solle sie sich noch
ihn dann gut 40 Meter weit von ihr entfernt. Es war dunkel. mal melden, dann könne sie bei der Polizei als Zeichnerin
Sie nahm ihr Handy, wählte die 110. Während sie telefonierte, anfangen. Zivilfahnder guckten sich das Phantombild an und
verschwand der Täter. Die Polizistin am anderen Ende der suchten am nächsten Tag nach dem Mann. Es dauerte nicht
Leitung riet ihr, den versuchten Diebstahl anzuzeigen. lange, bis sie ihn fanden. Sie erwischten ihn gegen Mittag
Inge Förtsch ist eine empfindsame Frau. Sie rief bei der am Bahnhof Harburg, als er dabei war, in ein Auto zu steigen,
Polizei an, obwohl im Grunde nichts passiert war, weil der an das gestohlene Nummernschilder geschraubt waren. Ge-
Mann ihr »furchtbare Angst« eingejagt hatte. Sie dachte, er gen den 26-Jährigen lagen bereits mehrere Haftbefehle vor,
trage vielleicht ein Messer. wegen Diebstahl und EC-Kartenbetrug. Dafür muss er nun
Förtsch arbeitet unter anderem in der Nachmittagsbetreu- für ein Jahr in Haft.
ung einer Grundschule, am nächsten Tag, als die Kinder in Inge Förtsch findet es schade, dass im Polizeibericht später
der Betreuung beschäftigt waren, nahm sie ein DIN-A4-Blatt die Herkunft des Mannes erwähnt wurde. Das sei diskrimi-
und einen Bleistift zur Hand und zeichnete das Gesicht des nierend. Ihre Zeichnung nicht. Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 53


Gesellschaft

Ein deutscher Mops


Possen Die Stadt Ahlen pfändet den Hund einer verschuldeten Familie, der Vollstreckungsbeamte
verkauft das Tier über Ebay. Als die Neubesitzerin feststellt, dass der Mops
krank ist, verklagt sie die Stadt Ahlen. Geschichte eines Hundelebens. Von Max Polonyi

D
ie Mopshündin Jette vom Cap- den Medien aus der ganzen Welt berichten Große sei geistig ein bisschen zurück, so
penberger See gebar einen Wel- werden. Edda, ein Hund, der erlebt, was sagt Mareike Waznik, alle drei hätten
pen von 186 Gramm, ein pech- nur ein deutscher Hund erleben kann. »Wahrnehmungsstörungen, ADHS und so«.
schwarzes Weibchen, das war am Eddas erstes richtiges Zuhause ist die Es war im August 2017, als eine Freun-
20. Juni 2017, gegen vier Uhr in der Früh. Stadt Ahlen zwischen Ruhrgebiet und din Mareike Waznik erzählte, dass in der
Als Welpe des fünften Wurfs ihrer Mops- Münsterland. Hier bewohnt Familie Waz- Nähe am Cappenberger See ein Wurf
zucht in Lünen, Kreis Unna, benannte nik im Parterre eines Mehrfamilienhauses Möpse zur Welt gekommen sei. Waznik
Züchterin Uschi Dukowski das Weibchen zwei Sozialwohnungen, Linoleumboden fuhr gleich hin, zu Uschi Dukowski nach
gemäß der Zuchtordnung nach dem fünf- in Holzoptik, Borussia-Dortmund-Schal Lünen. »Ich habe mich sofort verknallt«,
ten Buchstaben im Alphabet, E. E wie an der Wand, Aschenbecher auf dem Stu- sagt sie. Weil sie die 1200 Euro nicht be-
Edda vom Cappenberger See, hervorge- bentisch, »alles Raucherabteil hier«, sagt zahlen konnte, die Uschi Dukowski für
gangen aus der Begegnung des Muttertiers Vater Marko Waznik, 37*. Früher fuhr er einen Welpen haben wollte, vereinbarten
Jette mit dem Deckrüden Nino sie eine Ratenzahlung von 100
vom Chateau des Carlins aus Selm Euro im Monat. So kam Edda im
bei Dortmund, lackschwarz und Alter von neun Wochen zu den
mit vollzahnigem Gebiss. Wazniks.
Die ersten Wochen ihres Lebens Mareike Waznik sagt, sie hätten
verbrachte Edda im Kreise ihrer Edda sehr geliebt. Immer wenn sie
vier Geschwister an den Zitzen der die Kinder ins Bett gebracht habe,
Mutterhündin im ehemaligen Kin- sei Edda mitgekommen zum Ku-
derzimmer des Hauses der Du- scheln. Dreimal am Tag seien sie
kowskis. Dreimal täglich prüfte die mit ihr spazieren gegangen, mor-
Züchterin Gewicht und Gesundheits- gens, mittags, abends, nicht nur
zustand der Welpen. Die junge Hün- kurz um den Block, sondern auf
din, nicht größer als ein Goldhams- die Felder um Ahlen.
ter, benahm sich zurückhaltend am Das Tier gab einer Familie Halt,
mütterlichen Gesäuge, berichtet Du- die nur noch der Sozialstaat hielt.
kowski. Die Züchterin fütterte mit Ein Hund spendet Trost und Hoff-
eingeweichtem Trockenfutter zu. nung. Zu so etwas ist der Sozial-
Am 2. August 2017, sechs Wochen staat nicht in der Lage.
LARS BERG / DER SPIEGEL

nach Eddas Geburt, notierte ein Mehr als ein Jahr lang ging das
Veterinär: »Alle Welpen sind leb- so. Und vielleicht wäre es so geblie-
haft und gut sozialisiert.« So steht ben. Aber Mareike Waznik hatte
es im zehnseitigen »Wurfabnahme- Schulden bei der Stadt Ahlen.
bericht«, einer Art Geburtsurkunde Zusammengenommen 7000 Eu-
für Hunde, archiviert beim Deut- Verkaufsanzeige zu gepfändetem Haustier ro und ein paar zerquetschte, sagt
schen Rassehunde Club in Soltau. 750 Euro Verhandlungsbasis Marko Waznik, weswegen weiß er
Das Leben des deutschen Mop- aber auch nicht mehr genau. Hun-
ses Edda vom Cappenberger See, desteuer nicht gezahlt, Schulgeld
reinrassig und kulleräugig, war nun akten- im Lastwagen Stückgut von Paderborn für Ganztagsbetreuung. »Wegen allem
kundig. Es begann sorglos und ohne be- nach Rotterdam und Getreide von Wipper- Möglichen«, sagt er dann.
sondere Vorkommnisse. fürth nach Luxemburg, das ernährte die Es war der Morgen des 26. November
Im Laufe dieses Lebens wird Edda ihren Familie. Seit ihn ein Bagger beim Abladen 2018, da klingelten zwei Vollstreckungs-
Besitzern entrissen werden, weil ein Voll- von seinem Lkw unter sich begrub, sitzt beamte bei den Wazniks.
streckungsbeamter sie pfänden und über er querschnittsgelähmt im Rollstuhl. »Das Sie seien schlecht gelaunt gewesen, sagt
Ebay Kleinanzeigen verkaufen wird. Ärzte Thema ›Beine‹ hab ich abgehakt«, sagt er. Waznik. Sie hätten rumgewühlt, Schub-
werden ihr linkes Auge zunähen und sie Seine Frau Mareike, 36, blondes, kurz ge- laden geöffnet, Tassen umgedreht, in die
unter Vollnarkose operieren. Die Stadt Ah- schorenes Haar, geht keiner Beschäftigung Schränke »geglotzt«.
len wird ein 19-seitiges Gutachten über sie nach, seit sie eine Ausbildung zur Haus- Einer der Männer soll dabei besonders
erstellen lassen, und das Heimatministeri- wirtschaftsgehilfin abgebrochen hat, Fa- genau gewesen sein, erinnert sich Marko
um des Landes Nordrhein-Westfalen wird milie Waznik lebt von Sozialleistungen. Waznik, »der wollte gar nicht nachlassen,
sich zu ihr äußern. Sie wird Streitgegen- Marko und Mareike haben drei Kinder, sie ging auch in den Keller, war richtig fleißig«.
stand einer Zivilklage werden. Die Ge- sind fünf, acht und zehn Jahre alt. Der Der Mann soll hier Stefan Michalski heißen.
schichte von Edda, dem gepfändeten Mops, Mit ihm entspann sich laut dem Gedächt-
wird zu einem internationalen Fall, über * Die Namen der Familienmitglieder wurden geändert. nisprotokoll von Waznik folgender Dialog:

54 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Michalski: »Der Beamer da im Wohn-
zimmer, der ist Neuware. Den nehmen wir
mit. Und in der Küche steht noch ein Kaffee-
vollautomat, Marke De’Longhi. Den auch.«
Waznik: »Da lässt du schön mal die Fin-
ger von. Ich sag, die Dinger bleiben hier.
Auch wenn du das verkaufst, da kriegst
du nicht mehr wie 100 Euro für.«
Trotz Widerrede packten die Beamten
Kaffeemaschine und einen Laptop in Kar-
tons – der Erlös hätte nur einen Bruchteil
der Schuld beglichen. Waznik sagt, dass
sie schon an der Türschwelle gestanden
hätten, um das Haus zu verlassen. Da lief
plötzlich Edda durch die Wohnung.
Michalski: »Was ist das denn?«
Waznik: »Teppichporsche.«
Michalski: »Ist das ein Reinrassiger?«
Waznik: »Weiß ich doch nicht.«
Michalski: »Sieht aus wie ein Reinrassi-
ger, könnte man Geld draus machen.«
Michalski nahm Edda mit nach draußen,
am Haus der Wazniks befindet sich ein
kleiner Garten. Er fotografierte das Tier.
Dann nahm er Laptop und Kaffeemaschi-
ne und ging wieder.
Gerichtsvollzieher und Vollstreckungs-
beamte dürfen in Deutschland grundsätzlich
fast alles pfänden. Autos, Häuser, Uhren
und Rinderherden. Haustiere aber sind un-
pfändbar. So steht es in Paragraf 811c Absatz
1 der Zivilprozessordnung. Es gibt allerdings
eine Ausnahme. Sie steht in Absatz 2. Die
Ausnahme greift dann, wenn das Haustier
so viel Geld wert ist, dass der Verzicht auf
dieses Geld für den Gläubiger eine nicht zu
rechtfertigende Härte bedeuten würde.
Der Gläubiger war die Stadt Ahlen. Ste-
fan Michalski kannte Absatz 2.
Kurz darauf tauchte eine Kleinanzeige
bei Ebay auf, eingestellt von einem Privat-
verkäufer mit dem Namen »Stefan«. Die
Anzeige titelte: »Süße Mopsdame mit
Stammbaum zu verkaufen!« Darunter war
zu lesen: »Nach Rücksprache mit dem zu-
ständigen Tierarzt ist Edda kerngesund!
Sie ist kinderlieb.« Preis: 750 Euro VB, Ver-
handlungsbasis. Der Mann, der den Mops
anbot, verkaufte außerdem noch ein paar
Badelatschen der Marke Adidas. Es war
Stefan Michalski, der Vollstreckungsbeam-
te der Stadt Ahlen.
Am 6. Dezember 2018, Nikolaustag, als
in Deutschland Kinder mit Schokolade
und Mandarinen in ihren Stiefeln erwach-
ten, klingelte es erneut bei den Wazniks.
Vor der Tür stand Michalski. »Morgen,
Frau Waznik, Sie wissen, was Ihnen heute
blüht«, soll er gesagt haben. Er legte Edda
eine Leine an. Dann ging er. Vielleicht hät-
LARS BERG / DER SPIEGEL

te sich ein Schäferhund dagegen gewehrt.


Vielleicht hätte er nach Michalski ge-
schnappt. Edda, der Mops, aber wehrte
sich nicht. Sie watschelte einfach hinterher,
so berichten es die Wazniks.
Dem Vollstreckungsbeamten Michalski
Rassehündin Edda: Sie sollen nichts bewachen, jagen oder hüten – sie sind einfach da verbot die Stadt Ahlen, mit dem SPIEGEL

55
zu sprechen, obwohl er einem Treffen zu- haben ein faltiges Gesicht und bekommen Leider, sagt Jordan, habe sie nur wenige
gestimmt hätte. Wenn man im Internet schlecht Luft. Sie schlafen viel, und sie rö- Tage nach Wilmas Einzug festgestellt, dass
nach Michalski sucht, findet man einen cheln und watscheln. Loriot liebte sie. Er der Hund ein nässendes Auge hat. Sie fuhr
Anbieter von Selbstverteidigungskursen, sagte einmal, Möpse seien mit Hunden Wilma zu ihrem Tierarzt, der eine Salbe
für den Michalski nebenher arbeitet, in sei- nicht zu vergleichen. Sie vereinten die Vor- und Antibiotika verschrieb. Doch das
nem Steckbrief steht zu seinen Fähigkei- züge von Kindern, Katzen, Fröschen und Auge verschlimmerte sich, am ersten Weih-
ten: »Boxen, Ringen, Grappling, Military Mäusen. Ein Leben ohne sie sei möglich, nachtstag sorgte sich Jordan so sehr, dass
Combat«. Michalski, zwölf Jahre Zeitsol- aber sinnlos. Deutsche Schäferhunde wa- sie Wilma in die Duisburger Tierklinik fuhr.
dat, inklusive Auslandseinsatz, außerdem chen und greifen, Möpse lassen sich gern Dort sagten sie ihr, mehrere Hornhaut-
Türsteher und im Sicherheitsdienst von streicheln und manchmal tragen. Ihr Kör- schichten seien durchstochen. Sie mussten
Borussia Dortmund. Ein Foto über dem per folgt keiner den Menschen nützlichen sofort operieren. Was genau mit Wilmas
Text zeigt einen kantigen Mann mit täto- Funktion. Sie sollen nichts bewachen, ja- Auge passiert war in der Vergangenheit,
wiertem Oberarm. Die Wazniks sagen, Mi- gen oder hüten. Sie sind einfach da. konnte niemand Jordan erklären.
chalski habe auf sie nicht wie ein Hunde- Jordan änderte den Namen Edda in Wil- Die Veterinäre implantierten Wilma
hasser gewirkt. Oder wie jemand, der ande- ma. Wenn Menschen ihren Namen ändern, Bindehaut und nähten dem Hund die Lider
ren Böses tun will. Nicht wütend, hektisch wollen sie meist ein anderes Leben. Über zu. In den folgenden drei Wochen wieder-
oder gemein. Eher kompromisslos. Wie das Leben von Edda bestimmte jetzt Jor- holten die Tierärzte die Prozedur jeden
einer, der seine Sache gründlich erledigen dan. Wenn man einen Hundenamen än- Donnerstag: Lider auftrennen, Auge pfle-
will. Mareike Waznik sagt, sie und die dert, sei es wichtig, dass der neue Name gen, Auge zunähen. Möpsen wird bei
Kinder hätten den ganzen Tag lang
geweint.
An jenem Nikolaustag erschien
die kinderlose Polizeihauptkommis-
sarin Michaela Jordan, 52, zu ihrer
Frühschicht im Ermittlungsdienst
der Mettmanner Polizeidienststelle,
als ihr eine Freundin eine Nachricht
schrieb, sie habe da ein Inserat ge-
funden – ein reinrassiger, schwarzer
Mops für 750 Euro, nicht kastriert.
Jordan packte die Wut. Sie sagt, sie
könne es nicht ertragen, »wenn so
ein kleines Möpschen als Gebärma-
schine in irgendeinem Keller endet«.
Sie rief Michalski an und sagte, sie
sei von der Polizei und dass sie für
Michalski nur hoffen könne, sein An-
gebot sei rechtens. Daraufhin erklär-
te Michalski ihr die Geschichte von

LARS BERG / DER SPIEGEL


der Pfändung, es sei alles offiziell,
und das Geld gehe auf direktem
Wege in die Ahlener Stadtkasse.
Jordan ist eine kräftige Frau, die
einem beim Sprechen in die Augen
schaut. Sie besaß bereits drei Möp- Hundebesitzerin Jordan: »Andere kaufen sich Schuhe«
se, Emma, Ole und Malte. Sie sagt,
sie liebe diese Tiere so sehr, dass
sie zigmal auf den Teppich pinkeln könn- dieselbe Silbenzahl hat wie der alte, sagt derartigen Eingriffen ein Schlauch in den
ten, es würde nichts an ihrer Liebe ändern. Jordan, und dass er mit demselben Vokal Rachen geschoben, und sie werden voll-
Sie handelte Michalski auf 690 Euro run- endet. Sonst hörten sie nicht mehr so gut. narkotisiert wie Menschen bei einer Herz-
ter, Edda war 534 Tage alt, die Übergabe Wilma lebt seitdem in Wülfrath im Ber- klappenoperation. Die Prozedur kostete
erfolgte noch an dem Abend in Hamm. gischen Land, wo die Felder sich weich über Jordan insgesamt rund 1800 Euro.
Edda wehrte sich nicht. die Hügel schwingen. In Jordans Haus sind Jordan kamen unterdessen Zweifel daran,
Edda ist wie Edda, weil Menschen das so die Stöpsel der Waschbecken mit Möpsen ob ihr neuer Hund jemals von einem Tier-
wollten. Möpse sind gezüchtet, ihr ursprüng- bemalt, und das Klopapier zieren Abbildun- arzt behandelt worden war. Im Kaufvertrag,
licher Vorfahr ist wie bei allen Hunden der gen der Tiere. »Andere kaufen sich Schuhe, der den Stempel der Stadt Ahlen trägt, steht
Wolf. Edda hat nichts von einem Wolf. ich gebe das Geld für meine Hunde aus«, geschrieben, dass Wilma, damals noch Edda,
Vor Tausenden Jahren domestizierten sagt Jordan. Seitdem tobt Wilma mit Malte, am 6. Dezember entwurmt worden sei.
die Menschen den Wolf. Mit der Zeit Ole und Emma durch das Reihenhaus, Dazu Michalskis Anzeige, in der stand,
zwängte die Zucht Körper und Wesen der schnaufend und fauchend, aber wenn Jor- Edda sei »kerngesund«. Jordan ging mit ihr
Tiere in eine präzise Funktion. Dackel dan ihnen zuruft: »Jetzt ist hier Schluss!«, zum Tierarzt. Die Analyse ergab, dass Wil-
wachsen kurzbeinig und länglich, damit und manchmal muss sie das in angemesse- ma verwurmt und nur einmal kurz nach der
sie Dachsen in den Bau folgen können. ner Schärfe tun, dann ist die Toberei gleich Geburt geimpft worden war. »Da kaufst du
Schäferhunde entwickeln ein hohes und vorbei, und die vier Möpse legen sich aufs bei einer Stadt, das muss doch ein ehrlicher
breites Kreuz. So hüten sie Herden. Sofa im Wohnzimmer. Es dauert dann nicht Vertragspartner sein. Und dann bescheißen
Möpse sind nur Gesellschafts- und Be- lange, und das ganze Haus erfüllt ein die mich genauso, als hätte ich bei einer Pri-
gleithunde. Ihr Körper ist quadratisch, sie Schnarchen aus vier Hundeschnauzen. vatperson gekauft«, sagt sie.

56 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Gesellschaft

Jordan beschwerte sich in einer E-Mail men, »freundliche Grüße, Dr. Alexander Wolter Hoppenberg urteilen: »Die Pfän-
bei der Stadt Ahlen. Als keine Antwort Berger, Bürgermeister der Stadt Ahlen«. dung des Haustieres und dessen Verwer-
kam, engagierte sie einen Anwalt und ver- An einem Dienstagmorgen im April, tung über ein Anzeigenportal sind somit
klagte die Stadt auf Erstattung des Kauf- morgens um acht Uhr, serviert seine Se- nach erfolgter Interessenabwägung sowie
preises und der Behandlungskosten. Mitte kretärin Kaffee in Porzellankännchen und unter Berücksichtigung des Schuldnerver-
Februar wandte sie sich mit der Geschichte Kondensmilch in Plastikbechern. Der Bür- haltens materiell rechtmäßig gewesen.«
an das »Ahlener Tageblatt«. germeister hat einem Termin zugestimmt, Das Gutachten ist ein Freispruch für die
Auf den Bericht in der Zeitung folgte ein eine halbe Stunde. Alexander Berger trägt Stadt Ahlen und ihren Vollstreckungsbeam-
Artikel in der »Rheinischen Post«, dann einen schwarzen Anzug, auf seiner Stirn ten. Ein Freispruch, den die Stadt bezahlt
kamen das Frühstücksfernsehen, »Bild« glänzt Schweiß, er holt tief Luft und sagt: hat. Die Summe will Berger nicht nennen.
und Nachrichtenagenturen, auch SPIEGEL »Die Angelegenheit hat einige Kräfte in Am 15. März informierte Berger die Frak-
ONLINE berichtete. Schließlich Medien aus der Verwaltung gebunden.« tionsvorsitzenden und Mitglieder des Fi-
Russland, aus Frankreich, aus Amerika. Die Berger, von Beruf Jurist, gehört keiner nanz- und Personalausschusses des Stadt-
»New York Times« zitierte eine Tierschüt- Partei an, seit Herbst 2015 ist er im Rat- rates, zehn Tage später lädt er die deutsche
zerin, die sagte, die Aktion sei, als stelle haus der Chef. Er stammt aus Ahlen. Er Presse zu einer Konferenz. Videos zeigen
man »Opa auf Ebay«. Das nordrhein-west- diente beim hiesigen Jägerbataillon 531, den Bürgermeister in einem holzvertäfelten
fälische Ministerium für Heimat und Kom- und er war zweimal Stadtmeister im Saal. Berger eröffnet die Konferenz mit den
munales wurde zitiert: »Nicht alles, was Tischtennis. Seine Promotionsarbeit trägt Worten: »Seit einem Monat spricht die
rechtlich möglich erscheint, ist tatsächlich den Titel »Betriebsübergabe gegen Ren- Welt über einen Mops.«
in der Praxis geboten. Das gilt vor allem te in Deutschland, Österreich und der Dann stellt er das Gutachten vor. Er
für den erforderlichen behutsamen Um- Schweiz«. Er kennt sich aus in der Welt spricht angespannt in westfälischem Dia-
gang mit Lebewesen. Da ist Fingerspitzen- der Paragrafen, die »Angelegenheit mit lekt. Er lacht nicht dabei, die Sache ist
gefühl gefragt.« Die britische »Daily Mail« diesem Mops«, wie er es nennt, halte er ihm ernst. Die Kaufanbahnung über Ebay
schrieb vom »Pug of War«. Mops des Krie- für ein »publizistisches Ereignis«. sei eine Idee zu viel gewesen. Sonst habe
ges. Die kleine Edda vom Cappenberger Der Mops habe ihm eine Menge Arbeit es allenfalls einen Formfehler gegeben. Er
See war nun auf der ganzen Welt bekannt. gemacht, sagt er weiter. Aber des Bürger- bietet Michaela Jordan die Rückabwick-
Das Medienecho habe sie völlig über- meisters Aufgabe sei es, die Dinge, die in lung des Geschäfts an, und er sagt, er habe
fahren, sagt Jordan. Bei der Mettmanner einer Stadt anfallen, abzuarbeiten, und »eine Dienstanweisung erteilt, damit sich
Polizei habe sich die Haushälterin des ka- das habe er gemacht. Das mache nicht im- das nicht wiederholt«. Mit Michalski habe
nadischen Comedians Mike Ward gemel- mer Spaß. Alexander Berger ist ein Mann, er ein »ernstes Gespräch im dienstlichen
det, ihr Chef würde viele kanadische Dol- Rahmen« geführt.
lar spenden, damit der Mops zurück zu Am Abend des 27. März berichtete das
seiner alten Familie könne, habe sie gesagt. »Zu einem Hund lässt ZDF im »Heute-Journal«, die Moderato-
»Viele schrieben die Geschichte so, als sei sich auch eine engere rin Marietta Slomka sagt: »Am Mops schei-
ich die böse Hexe, die den Wazniks den den sich die Geister.«
Mops weggenommen hätte«, sagt Jordan. Bindung aufbauen als Zwei Wochen später sagt Berger in dem
Auf Facebook drohten Nutzer: »Wir brin- etwa zu einem Fisch.« Konferenzraum im Rathaus vor seiner Tas-
gen den Hund zurück, pass auf!« Manch- se Kondensmilchkaffee, dass er das Ergeb-
mal klingelte abends, wenn es draußen nis der Zivilklage abwarten wolle und dass
schon dunkel war, ihr Telefon, und wenn den man sich nicht mit einem Mops an der die Sache sonst für ihn nun endgültig vom
sie den Hörer abnahm, legte die Person Leine vorstellen kann. Tisch sei.
am anderen Ende der Leitung auf. Berger legte den Fall mit dem Mops sei- Jordan, die neue Besitzerin, lehnt die
Jordan setzte sich an ihren Computer nem Finanz- und Personalausschuss vor, Rückabwicklung des Geschäfts ab. »Die Wil-
und tippte »Ahlen« bei Google ein. Auf er beauftragte die Anwaltskanzlei Wolter ma gebe ich nicht mehr her«, sagt sie, sie
einem Bild erschien das Rathaus. »Ich Hoppenberg in Hamm mit der juristischen habe das Tier in ihr Herz geschlossen. Die
dachte, einen einzigen Vernünftigen muss Prüfung der Sache, es entstand ein 19 Sei- Polizistin hat Kontakt zu den Wazniks. Es
es da drin doch geben.« Sie wandte sich ten langes Gutachten, Titel: »Juristische gebe kein böses Blut, sagt auch die Familie.
an den Bürgermeister. Prüfung und Bewertung der Pfändung ei- Jordan und die Wazniks wollen, dass die
Es ist nicht leicht, Alexander Berger, nes Haustieres«, es ist gegliedert in unend- Stadt Ahlen nicht davonkommt. Sie glauben,
Bürgermeister der Stadt Ahlen, zu treffen. lich viele Unterpunkte, einleitend heißt es dass es falsch sei, einen Hund zu pfänden,
Er will gerade für viele Millionen Euro in dem Gutachten: »Der Prüfungsauftrag ihn auf Ebay zu verkaufen und dabei so zu
ein neues Rathaus bauen lassen, er arbeitet besteht in der Überprüfung der Rechtmä- tun, als wäre er gesund. Jordan sagt, sie wer-
an einem neuen Radwegkonzept, und ßigkeit von Zwangsvollstreckungsmaßnah- de für Gerechtigkeit kämpfen, »koste es, was
dann kommt man mit einem Mops. Aber men.« Es folgen Unterpunkte wie »Pfän- es wolle«: Die Zivilklage, mit der sie die Er-
er bleibt freundlich, antwortet auf derarti- dung nach §21 VwVG NRW«, »Pfändungs- stattung des Kaufpreises und der Behand-
ge Anfragen meist in kursiver Schrift, etwa: verbote«, »Tierschutz«, fortfolgend. lungskosten erreichen will, läuft noch.
»Haben Sie vielen Dank für Ihr Verständnis Ein Dokument, verfasst wie von einer Der deutsche Mops Wilma, einst Edda
für meinen Kalender, Freundliche Grüße, Paragrafenmaschine. vom Cappenberger See, lackschwarz, zwei
Dr. Alexander Berger, Bürgermeister der Unter »Schuldnerinteresse« notieren Jahre alt, rund sieben Kilogramm schwer,
Stadt Ahlen.« Oder: »Auch in der kommen- die Juristen: »Berechtigte Interessen des reinrassig und kulleräugig, sitzt an Jordans
den Woche ist mein Terminkalender nahezu Schuldners ergeben sich … aus seiner emo- Esstisch, seine Pfoten tapsen nach einer
ausgebucht. Freundliche Grüße, Dr. Alexan- tionalen Bindung an das Tier oder aus Schale. »Füße vom Tisch!«, ruft Jordan, wie
der Berger, Bürgermeister der Stadt Ahlen.« einem konkreten Affektionsinteresse am zu einem Kind. Der Mops atmet schwer
Nach fünf Wochen gelingt es beinahe, dann ›Behalten‹ des Tieres … Zu einem Hund durch enge Nasenlöcher und schaut zu ihr
fragt er, ob es denn »aus Gründen der Zeit- lässt sich auch eine engere Bindung auf- hoch, als wartete er selbst darauf, wie es
ökonomie« wirklich Sinn mache, den wei- bauen als etwa zu einem Fisch«, heißt es weitergeht.
ten Weg von Hamburg nach Ahlen zu kom- weiter. Doch es nützt den Wazniks nicht.

57
Gesellschaft

G
ute Arbeitskleidung, das ist wich- gehört Bremerhaven-Lehe, »Deutschlands Neonikotinoide. Das Wort muss man
tig im Hafen. Schuhe vor allem. ärmster Stadtteil« (»Bild«). Weiter weg erst mal aussprechen können. Da stand er
Ganz wichtig. Dass du trittsicher von Lehe als unter die Reichstagskuppel unter der Kuppel und redete über »Part-
bist. Deswegen hat Uwe Schmidt geht schwer. nerfindung« bei Bienen und »Bestäu-
gleich mal zwei Sachen geregelt, als er Am Fahrstuhl trifft Schmidt – »moin, bungsleistung« und versuchte nicht daran
nach Berlin kam: »Drei Paar Budapester Monika!« – eine eilige Dame in Rot. Es zu denken, dass das jetzt wohl alles nicht
Schuhe, in Braun. Und ich habe mich bei ist die ehemalige sozialdemokratische wahr sein könnte.
den Seeheimern eingeschrieben.« Umweltministerin in Niedersachsen, Aber dann kam er rein in die Rede, sag-
Dem »Seeheimer Kreis« in der SPD- Monika Griefahn. Früher Mitbegründerin te »büschen Honig«, dann klatschte es
Fraktion im Reichstag. Erst mal so zur von Greenpeace Deutschland. Jetzt Lob- auch drüben in der SPD-Fraktion. »Damit
Orientierung. Du musst wissen, wo du byistin von Costa, der Kreuzfahrtreede- sind Bienen eine der drei wichtigsten Nutz-
stehst. »Is’ so.« rei. Eine Genossin von der anderen tiere neben Rind und Schwein«, hörte er
Die »Seeheimer« sind der Traditions- Seite. sich sagen.
flügel der Sozialdemokratie. Pragmatisch, »Nach-hal-tig-keits-man-age-ment«, sagt So fing das an in Berlin.
bis der Arzt kommt. Früher sagte man Schmidt, als Genossin Griefahn wieder Uwe Schmidt hat im Weserhafen Säcke
auch: »die Kanalarbeiter«. Aber früher ist verschwunden ist. »Com-pli-ance-Regeln, geschleppt, Kisten gelöscht, 300-Tonnen-
auch lange her. Da kam die Partei auf 40, oho!«, sagt Schmidt. Loks festgelascht, Erz gebaggert, Bananen
nicht auf 14 Prozent. Und wusste, wo sie Vor ein paar Tagen hat er am Nord-Ost- verstaut, zwischendurch US-Panzer für
steht. see-Kanal gesessen, im »Seafarers’ Guest- den »Desert Storm« im Irak verladen und
In »Kürschners Volkshandbuch Fisch entladen. Jeder Knochen in
Deutscher Bundestag«, rot-weiß ihm weiß, was ein 300-Kilo-Ballen
gestreift, ein Klassiker, sind ganz Baumwolle ist.
hinten die Berufe der Abgeordne- Er bekomme Rückenschmerzen
ten angegeben. Überwiegend Ju- vom Nichtstun, sagt er und meint
risten und/oder aus dem öffentli-
chen Dienst, aus Parteien oder Ver-
bänden. Eine Kategorie »Arbeiter«
ist nicht aufgeführt. Das heißt da
Unter Last das Sitzen am Schreibtisch. Die
Muskeln werden weniger, sagt er.
Uwe Schmidt wurde geboren,
als im Bremer Überseehafen das
»Sonstiges«. Traditionen Einen Großteil seines Lebens hat erste Containerschiff anlegte, 1966.
Uwe Schmidt, 53, ist Hafenar- Der Vater war das ganze Jahr über
beiter. Im politischen Berlin ein Uwe Schmidt aus Bremerhaven Säcke auf See, drei Kinder, drei Zimmer
Fremdkörper, das sieht man, trotz geschleppt, Bananen verladen und Kisten in einer Neue-Heimat-Wohnung in
der Budapester Schuhe. Es ist der der Lasallestraße, Bremerhaven-
Gang. Wenn er vom Paul-Löbe- verfrachtet. Jetzt sitzt der Hafenarbeiter Lehe. Es gab den Hafen, die Werft,
Haus, wo viele Abgeordnete ihre für die SPD im Deutschen Bundestag. Als ihr die Fischstäbchenfabriken. Und
Büros haben, hinüber zum Reichs- die 4000 GIs, die Amerikaner,
tag läuft, durch den Tunnel, an den gutes Gewissen – oder ihr schlechtes? aber die gingen dann auch.
Lichtinstallationen vorbei, die alles Von Alexander Smoltczyk Damals gab es 500 Stauer, Kü-
nur noch mehr in ein Raumschiff per und Tallyleute in Bremen, heu-
verwandeln – dann passt der Gang te weiß keiner mehr, was das ist.
nicht, das leicht Schaukelnde, aus Es wurde gehämmert und gewum-
der Hüfte heraus. Die meisten hier mert, mitten in der Stadt. Da gab’s
eilen oder suchen mit den Blicken noch die Grüne Bude in der Rick-
die nächste Kamera. Schmidt geht wie zur house« der Seemannsmission. Da hat die mersstraße, wo die Gang immer mal ’n
Schicht. Diakonin erzählt, wie es unter Deck der Kleinen genommen hat, da gab’s Titten-
Im ersten Deutschen Bundestag hatten Kreuzfahrer aussieht. Anita, und hinter der Jukebox lag Jonny,
noch gut 40 Prozent der Abgeordneten nur Volkspartei soll heißen, dass irgendwie der hatte noch Stalingrad mitgemacht.
einen Volksschulabschluss. Heute sind es alle an Bord sind. Die »Compliance-Ma- Uwe Schmidt sitzt manchmal bei Kalli,
noch 12 von 709 Vertretern des Volkes, die nagerin« und die Mannschaft unter Deck. seinem Nachbarn, bei Fußball und Bier.
nur den Hauptschulabschluss haben. Vom Das war die Idee, aber sie scheint nicht Dann erzählen sie sich, wie das war, als
Volk her gesehen, müsste es ein Drittel sein. mehr zu funktionieren, wenn eine Volks- die Verhältnisse noch klar waren und »Bre-
Als Arbeiter ist man im Bundestag ein partei bei Umfragen unter 20 Prozent liegt. merhaven« und »SPD« dasselbe Wort.
Exot, so wie der eine Bestattungsunterneh- Während 1998 noch 48 Prozent der Ar- Auf Radio Bremen kamen die Durchsa-
mer, der dort sitzt. Die Geigerin, der beiter SPD wählten, waren es 2017 nicht gen: »Benötigen im Fischhafen fünf Gän-
Schauspieler. Es gibt neun Polizisten in einmal mehr ein Viertel. Die Frage ist, ob ge«. Und das hatte nichts mit Sterneküche
den Fraktionen (die meisten in der AfD), man daran noch etwas ändern kann. zu tun. Eine »Gäng« war ein Docker-Team.
aber neben Uwe Schmidt nur noch die Al- »Nun hat als letzter Redner der Kollege Wenn Schmidt von diesem Bremerhaven
tenpflegerin Claudia Moll, den gelernten Uwe Schmidt das Wort.« Wolfgang Kubi- erzählt, liegt es so weit weg wie Stalingrad.
Bergmann Michael Gerdes und Lokführer cki hatte das gesagt, damals bei seiner ers- Und jetzt Berlin. Aber die zweite Rede
Detlef Müller, alle SPD. Was ihr Personal ten Rede im Hohen Haus. Sechs Minuten. war dann schon souveräner, und es ging
betrifft, geht auch unter Genossen der bit- Er stand da, in seinen Budapestern, unter um die Ver.di-Kampagne »Digital Muss
tere Scherz: Ein Drittel ist im öffentlichen die er sich noch eine Gummisohle hatte Sozial«. Manchmal wird die Rede gezeigt,
Dienst, ein Drittel war mal drin, und ein kleben lassen. »EU-Freilandverbot für bie- bei Gewerkschaftstreffen in Bremerhaven.
Drittel ist Anwärter auf den öffentlichen nengiftige Neonikotinoide« – das war das Dann klatschen sie und johlen, weil da
Dienst. Der Rest bleibt für »Sonstige«. Thema. Weil die Fraktion ihn auch in den mal jemand eine Haltung hat und deswe-
Uwe Schmidt hat für die SPD das Di- Ausschuss für Ernährung und Landwirt- gen völlig angstfrei redet. Das ist selten ge-
rektmandat im Wahlkreis 55 geholt, dazu schaft gesetzt hatte. worden in Berlin, eine aussterbende Art.

58
MAURICE WEISS / DER SPIEGEL
Politiker Schmidt bei Wahlkampf in Bremerhaven: »Eure Arbeitsplätze wird’s dann nicht mehr geben«

Aber das kommt an. Arbeitersprache, kein Zettel«, einer von Schmidts Lieblingssät- Er erzählt, wie einmal ein junger
Geprolle. zen, und: »Für Verkehrsminister Andreas Deutschtürke zu ihm als Betriebsrat kam
Im Hafen hätten sie schon »Doktor« zu Scheuer ist ein Schiff ja das, was auf dem und sich beschwerte, er werde gemobbt,
ihm gesagt, weil er so kariert sabbeln Königssee schippert. Mit Florian Silber- weil er Ausländer sei. »Nee, du bist kein
konnte, sagt Schmidt. 2012 wählten sie eisen als Kapitän.« Ausländer. Du bist ein Arschloch«, habe
ihn zum Betriebsratsvorsitzenden. Und Dass heute kaum noch jemand bei einer er ihm geantwortet und dem Kollegen erst
weil man auf zwei Beinen besser steht, Reederei direkt beschäftigt ist, dass die mal ein paar Dinge erklärt, zum Beispiel,
ging er auch in die Bremer Bürgerschaft. Seeleute Sklaven geworden sind, das wüss- dass eine Kollegin keine »Nutte« sei, bloß
Sein Kumpel Joachim Haase, der nun ten die doch gar nicht mehr, im Verkehrs- weil sie aus Polen stamme.
auch schon tot ist, hatte ihn – »genug ge- ausschuss. Man muss mit den Leuten ehrlich sein.
nölt, Uwe« – in die Partei geholt, und als »Die Reeder bestimmen selbst über die »Es kann nicht sein, dass der, der 30 Jahre
es darum ging, jemanden für den Bundes- Schiffsgrößen. Mit 8000 Containern darfst gearbeitet hat, am Ende genauso viel
tag aufzustellen, da sagte Schmidt: »Ich du hier rumschippern. Aber wenn du dich kriegt wie ein Balalaikaspieler in der Fuß-
mach das.« an die Weser stellst und ins Wasser pin- gängerzone. Das finden die Leute scheiße.
»Im Bundestag«, sagt Schmidt, »reden kelst, gibt es ein Ticket.« Und wir demonstrieren für die armen Fer-
wir immer über den Süden der Republik. Schmidt redet so. Er hat sich aus der kelchen, aber nicht für unsere Kumpel.
Bayern, Baden-Württemberg. Aber dass Luke hochgearbeitet, nicht durch Gremien. Das gibt’s doch nicht.«
wir in den Häfen den Laden erst zum Lau- Vielleicht sollten sie besser ihn in die Talk- Er hat nichts gegen Ferkel oder Stu-
fen bringen, das haben die nicht auf dem shows schicken. dent*innen. Nur: Ohne festen Standpunkt

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 59


zen, riffelig vom Wind, die Kräne, vor der
Halle wird gerade eine 22-Tonnen-Turbine
für den Export eingebrettert.
Beim Betriebsrätetreff im August-Bebel-
Haus hängen orangefarbene Warnwesten
in der Garderobe. Schmidt sitzt am Tisch-
ende, vor sich ein SPD-Wimpel: »Leute«,
sagt er. »Is’ doch so. Bremerhaven ist der
größte Autoumschlaghafen in Europa.
Aber was, wenn die Autos bald autonom
fahren? Dann kann man die auch von
Indonesien aus lenken und per Funk in
den Frachtraum lotsen. Eure Arbeitsplätze
wird’s dann nicht mehr geben.«
Die Seewirtschaft sei die Vorhut der
Globalisierung. »Hier ist die Frontlinie«,
sagt Schmidt. Logistikfirmen, die von VW
in den Schwitzkasten genommen werden,
geben den Druck weiter bis runter in den
Maschinenraum zu den Filipinos. Deswe-
gen braucht man ein neues Seearbeits-
gesetz. »Der Bundestag ist die Speerspitze
der Arbeiterbewegung in Deutschland.«
Solche Sätze sagt Schmidt. »Da braucht ihr
nicht zu lachen, Leute.« Eine Stunde lang

MAURICE WEISS / DER SPIEGEL


wird geredet, nicht gesabbelt. Ecki (Stadt-
werke) über den Kohlekompromiss und
die Wartezeiten beim Kabelgraben; Heiko
(Bremenports) über Fachkräftemangel;
Mouhamed (Autoterminal) darüber, ob es
da in Berlin eine Kommission für gibt.
Das Globale sehr lokal und zwischen-
Abgeordneter Schmidt im Paul-Löbe-Haus in Berlin: »Speerspitze der Arbeiterbewegung« durch Kaffee und Kekse. Plötzlich kommt
dieser Satz, von Heiko oder Schmiddi oder
sonst wem: »Jetzt, wo du auch einer von
kann man nicht arbeiten. Und das sind die seine alte Schule, die jetzt nicht mehr denen bist ...« – war nicht böse gemeint.
Industriearbeiter, die Pflegekräfte, die »Karl Marx«, sondern »Astrid Lindgren« Schmidt lässt sich dann nichts anmer-
Jungs im Hafen. heißt und für die das Schulcatering jetzt ken, hat seine Sätze bereit. Dass man sich
Nur dass die nicht mehr dort stehen, wo EU-weit ausgeschrieben werden muss – schon da reintrauen muss, bei denen da
sie hingehören. Die SPD ist eine Milieu- »Ey, Rad ab?«, sagt Schmidt dann. oben, weil die sonst denken, alle Kapitäne
partei, der ihr Milieu irgendwie über Bord Er hoffe schon, das irgendwie hinzukrie- seien – der Satz ist einfach zu gut – »wie
gegangen ist. In Bremerhaven-Lehe wohnt gen, diese Spreizung zwischen Berlin und Florian Silbereisen«.
kaum noch ein Hafenarbeiter. Da stehen Bremerhaven. Das sei letztlich eine Frage Man muss Dinge, die meistens schwer
Sportwetten- und Shishalounges. Viele des Ausbalancierens. sind, voranbringen. In Bewegung setzen.
Facharbeiter haben sich ihr Häuschen an Ein paar Sachen will er ändern. Deswe- Dazu braucht man Kumpel, auf die man
den Stadtrand gestellt. Uwe seins steht gen der ganze Aufwand und letztlich auch sich verlassen kann, und einen Blick dafür,
noch mitten in Lehe. das mit den Bienen. Die »Polarstern II«, was geht und was nicht. Politik ist Hafen-
Ein guter Teil vom Leben des MdB das neue Forschungsschiff, muss in arbeit. So hat er sich das immer gesagt.
Schmidt spielt sich in Regionalexpress und Deutschland gebaut werden. Und die Ma- Und die richtige Arbeitskleidung gekauft.
Intercity ab, auf Bahnsteigen und in Wurst- rineschiffe. Und wenn da vier Aluschiffe Aber der Satz von Heiko oder Ecki sitzt
buden im Hafen, wo »Mama kocht« und für den Export nach Saudi-Arabien bereit- eben doch, und dann ahnt er, was er sich
es »Grünkohl-Teller mit allem, 7,80« gibt. liegen, dann sind das Polizeiboote und hier aufgeladen hat und wie das eigentlich
Im Wahlkreis 55 erwarten ihn dann be- kein Kriegsgerät, auch wenn die AfD das nicht zu schaffen ist.
legte Brötchen, Filterkaffee und zwei Grup- hundertmal genauso sagt. In der Tasche hat Uwe Schmidt noch
pen von Leuten. Die einen sagen, was ge- Sein Gegner sitzt sowieso nicht im Par- den Staplerschlüssel, den E 30. In Bremer-
rade nicht so gut läuft. Die anderen haben lament. Er will nicht gegen andere Partei- haven könnte er sofort wieder anfangen.
etwas zu verkaufen, und beide fragen, ob en kämpfen, sondern gegen Reeder, die Er ist nur freigestellt als Betriebsrat. In
er denn nicht mal was für sie in Berlin ma- sich ihre Mannschaften von »Crewing letzter Zeit hat er sich gefragt, ob er noch
chen könne, jetzt, wo er dazugehöre. Agencies« holen. Kann ja sein, dass sich ein zweites Mal für den Bundestag kandi-
Politikmachen heißt zuhören und gut die Arbeiterklasse irgendwie aufgelöst hat. dieren sollte. Das ist schlüpfriger Boden
gemeinten Kaffee trinken. In einer typi- Aber die Schweinereien sind geblieben. hier in Berlin, diese Sitzungen und Gre-
schen Wahlkreiswoche wird Schmidt Schmidt sagt, die Jungs auf den Staplern mien und das Lobbyisten-Gebalze.
durch ein Flüssiggas-Tanklager in Bremen- hießen jetzt nicht mehr »Heini« oder »der Vielleicht würde er im Hafen mehr ge-
Nord geführt. Er geht zur Inklusions-Bä- blaue Klaus«, die seien jetzt eine Perso- braucht. Die SPD wieder auf Kurs brin-
ckerei »Brötchengeber« und in die Ausbil- nalnummer. Alles ist anders. Nur der Him- gen? Es gibt Frachtgut, das lässt man bes-
dungswerkstatt der Lloyd-Werft, zu Be- mel liegt wie immer über dem Hafen wie ser liegen.
triebsrätinnen bei Real am Stadtrand. In ein nasser Feudel. Auf dem Beton die Pfüt-

60 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Gesellschaft

land, wo eine Frau wie Ursula von der Leyen das Verteidi-

Lachende Finnen gungsministerium führt, ohne die geringste Ahnung vom Mi-
litär zu haben«, sagte sie.
Ich sagte, dass ihr Präsident auch keine Ahnung von dem
Amt habe, das er ausübe. Sie lächelte, als sei ich ihr in die
Leitkultur Alexander Osang über Falle gegangen.
nationale Glücksgefühle Sankt Petersburg war zauberhaft, obwohl das Wetter nicht
gut war. Wir besuchten die Peter-und-Paul-Festung und mach-
ten eine Schifffahrt auf der Newa. Nachts redete ich in einer

V orige Woche hatte ich endlich Gelegenheit herauszu-


finden, was die Finnen glücklich macht. Sie sind, das
haben Umfragen ergeben, schon seit zwei Jahren das
glücklichste Volk der Welt. Ich fuhr in einem Taxi aus dem
Bar am Newski Prospekt mit meinem Ost-Berliner Freund aus
New York über den Herbst 89, der uns in die Welt entlassen
hatte. Wie glücklich waren wir damals? Schwer zu sagen. Am
nächsten Tag besuchten wir den Katharinenpalast in Pusch-
Zentrum Helsinkis zum Fährterminal. Von dort wollte ich kin. Hier hatte die deutsche Wehrmacht während der Lenin-
weiter nach Sankt Petersburg, wo ich einen New Yorker grader Blockade gehaust. Sie plünderte und schändete das
Freund treffen würde, um mit ihm über das anstehende 30- Schloss und den Park. Die Aufbauarbeiten dauern bis heute an.
jährige deutsche Mauerfalljubiläum zu reden. Eine lange Ge- Anastasia, unsere Reiseleiterin, schien aber weniger auf die
schichte. Die finnische Taxifahrerin sagte, dass sie noch nie deutschen Soldaten wütend zu sein als vielmehr auf die chine-
in Sankt Petersburg gewesen sei, obwohl es doch so nah sei. sischen Touristen, die das Schloss heute bevölkerten. Es waren
»Im Sommer ist es wunderschön«, sagte ich. wirklich viele. Ich habe, außerhalb von China, noch nie so viele
»Ich kenne nur Tschernobyl«, sagte sie. Chinesen auf einem Platz gesehen wie in Katharinas Palast.
Interessant. Sie hätte auch sagen können: Ich war nie im »Sie stehen immer im Weg. Sie gehen nicht zur Seite«,
Berliner KitKatClub, kenne aber Hitlers Geburtshaus in sagte Anastasia. »Sie stören.«
Braunau. Sie erzählte, dass sie ei- »Das ist erst der Anfang«, sagte
gentlich Fotografin sei. Es gebe al- Rita aus Amerika. »Ihr werdet
lerdings immer weniger Zeitungen, euch noch umsehen, in Deutsch-
die ihre Bilder druckten. Ich nickte land. Ihr wisst nicht mehr, wo eure
nur kurz, weil ich ahnte, dass uns Gegner sind. Ihr habt den An-
ein Gespräch über das Zeitungs- schluss verpasst.«
sterben vom Glück wegführen Die Chinesen fotografierten
würde. Helsinki dort draußen sich gegenseitig vor all dem Blatt-
schien modern. Die Sechzigerjah- gold. Aus dem Bernsteinzimmer
re-Bauten wirkten nicht so nieder- hörte ich Hebräisch. Es war nur
schmetternd wie die in Berlin. Sie eine kleine Gruppe, verglichen mit
sahen aus, als wüssten ihre Be- den Chinesen, aber sie waren die
wohner, wie man sich auch Räume lautesten. Die russischen Saal-
mit niedrigen Deckenhöhen ge- wächter legten beschwörend die
ALEXANDER OSANG / DER SPIEGEL

schmackvoll einrichten kann. Ich Finger auf die Lippen, aber die
fragte mich, wie man das Glück ei- Israelis ließen sich nicht unterkrie-
nes Landes misst. Ich war über- gen. Nicht nur ihr Reiseführer
rascht, als ich las, wie glücklich die redete, alle redeten. Ihr Selbst-
Finnen seien, weil ich Finnland bewusstsein entsprach ihrer Plat-
bislang mit dem todtraurigen Ski- zierung im World Happiness
springer Matti Nykänen und den Report. Israel liegt überraschend
Unglücksraben aus den Filmen Touristinnen in Sankt Petersburg weit vorn in der Glückshitparade,
von Aki Kaurismäki in Verbin- wenn man den ganzen Ärger be-
dung gebracht hatte. denkt, den es hat. Je lauter das
Die Taxifahrerin sagte, die Umfragen seien wahrscheinlich Hebräisch wurde, desto entspannter wurde ich. Aber das
im Sommer gemacht worden. Im Winter sei in Helsinki kein ist eine andere Geschichte.
Mensch auf der Straße. Sie komme aus Lappland. Sie liebe Am letzten Morgen stand ich mit unserer Reiseleiterin an
die Dunkelheit, aber da sei sie die Ausnahme. Zum Abschluss der Alexandersäule. Die Wolken rissen kurz auf, und ich sag-
gab sie mir eine Visitenkarte, deren Rückseite mit einem te: »Jetzt wird es doch noch schön.«
ihrer Fotos aus Tschernobyl bedruckt war. Ein grünlich-grauer »Ach«, sagte die russische Reiseleiterin. »In Petersburg
Berg von Gasmasken. Sie hieß Minna. wartet man neun Monate auf den Sommer und ist dann drei
Die junge Russin, die 14 Stunden später am Fährterminal Monate von ihm enttäuscht.«
in Sankt Petersburg auf mich wartete, hieß Anastasia. Sie Sie schleuste uns an der kilometerlangen Warteschlange
hielt ein »Go Russia«-Schild in der Hand und führte mich zu vorbei, die sie die »chinesische Mauer« nannte, in die Eremi-
dem Van, der unsere kleine Reisegruppe durch die Stadt fuhr. tage. Am Abend fuhren wir zurück zu den glücklichen Finnen.
Wir waren zu fünft und kamen aus der ganzen Welt. Neben Auch die Fähre hieß »Anastasia«. Während Sankt Petersburg
mir saß eine Amerikanerin, die zurzeit in Wiesbaden lebt. am Horizont verschwand, erzählte mir meine amerikanische
Ihr Sankt-Petersburg-Reiseführer stammte, wie ich dem Stem- Begleiterin, dass in Deutschland ein Umschwung aufziehe
pel auf dem Umschlag entnahm, aus der Leihbibliothek der wie ein Unwetter. Der gesellschaftliche Zusammenhalt zer-
U. S. Army. Die Frau hieß Rita. Auch sie war mit der Fähre brösle, die Menschen seien unzufrieden. Rita schien das deut-
aus Helsinki gekommen, wo eine Freundin von ihr wohnte. sche Unglück zu fühlen wie ein Reißen im Knie.
Rita erklärte mir, warum die Finnen so glücklich sind. Eine Woche später wurde Annegret Kramp-Karrenbauer
»Ihre Politiker wissen, was sie tun. Sie werden gewählt, deutsche Verteidigungsministerin, und Rita versteht es wahr-
weil sie Fachleute sind. Das ist das Gegenteil von Deutsch- scheinlich noch ein bisschen besser. Das Glück der Finnen. I

61
Wirtschaft
Das Auto soll sagen: »Aufpassen, ich bewege mich. Aber nicht erschrecken.« ‣ S. 67

RUPERT OBERHÄUSER
Stahlarbeiter in Thyssenkrupp-Werk in Duisburg

Industrie

Drastischer Sparplan
Die Mitarbeiter von Thyssenkrupp sollen sich einschränken – bei Reisen, Tagungen und sogar beim Büromaterial.
 In einem Brandbrief an die Mitarbeiter hat Thyssenkrupp-Chef versuche schon länger, Lieferantenrechnungen – falls möglich – zu
Guido Kerkhoff am Freitag vergangener Woche ein fast schon ver- strecken.
zweifelt anmutendes Sparpaket angekündigt. Die »angespannte Mit dem Gesamtpaket der Spar- und Umstrukturierungsmaßnah-
Ergebnissituation« und die »aktuelle konjunkturelle Entwicklung« men will Kerkhoff offenbar weitere Gewinnwarnungen und einen
machten es nötig, über die bereits eingeleiteten Umstrukturie- Absturz des Aktienkurses verhindern. Im Konzern will man davon
rungsprogramme hinaus auch »kurzfristige Einsparpotenziale zu nichts wissen. Der Brief wird dort als Signal an die Mitarbeiter ge-
realisieren«. So verhängte Kerkhoff einen »sofortigen Einstel- wertet, die vor Wochen bereits eingeleiteten Maßnahmen nun zügig
lungsstopp« für die Konzernverwaltung. Jede Ausnahme müsse umzusetzen. Kerkhoff hatte den Chefposten bei Thyssenkrupp im
ab sofort vom Vorstand genehmigt werden. Ferner sollen Reisen, Juli 2018 von Heinrich Hiesinger übernommen. Nach der geplatzten
Tagungen und Veranstaltungen auf das »Nötigste begrenzt« und Stahlfusion mit dem indischen Großkonzern Tata Steel im Mai die-
wenn möglich in konzerneigenen Räumen durchgeführt werden. ses Jahres hatte er eine neue Unternehmensstrategie versprochen.
Projektkosten, zumal externe Kosten für Berater, sollen so Bislang jedoch ist der Umbau des Traditionskonzerns nicht über die
weit wie möglich »reduziert, gekürzt oder ganz abgesagt werden«. Ankündigung hinausgelangt. Nach der schlechten Wertentwicklung
Selbst die Bestellung von Hardware und Büromaterial will der der vergangenen Monate könnte dem Gründungsmitglied des Dax
Vorstand einschränken. Brancheninsider berichten, der Konzern sogar ein Abstieg in die Börsen-Zweitklassigkeit drohen. FDO

Gesundheit rend eines Besuchs bereits vor Ort über deutsche System als vorbildlich. Das
AOK berät die Lage in dem Westbalkanland infor-
miert, wie ein Sprecher der Kasse bestä-
Ministerium hat daher die AOK Nordost
angefragt, die schon viele Länder beraten
Kosovo-Regierung tigt – die AOK Nordost prüfe, »ob und hat. Kosten müssten durch das Ministeri-
wie ein weiteres Engagement möglich sein um oder die Regierung des Kosovo erstat-
 Experten der AOK Nordost sollen die könnte«. Die Regierung in Priština hatte tet werden, heißt es bei der Kasse. Spahn
Regierung der Republik Kosovo beim Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte am Montag ein Abkommen zum
Aufbau eines gesetzlichen Gesundheits- (CDU) um Expertenhilfe bei der Einfüh- Austausch von Expertise mit dem Kosovo
systems unterstützen. Anfang Juni haben rung einer gesetzlichen Krankenversiche- unterzeichnet. Im Gegenzug hofft er auf
sich vier Vertreter der Krankenkasse wäh- rung gebeten. In vielen Ländern gilt das den Zuzug von Pflegekräften. COS

62 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Geldpolitik
Draghi lockert EZB-Kurs
 In den letzten Monaten seiner Amts-
zeit will EZB-Präsident Mario Draghi
seiner Nachfolgerin Christine Lagarde
den Start erleichtern. Nach Angaben
aus Notenbankkreisen hat er vor, bis
November die umstrittenen Ankäufe

SIMON DAWSON / BLOOMBERG VIA GETTY IMAGES


von Staatsanleihen wieder aufzuneh-
men, um die fragile Konjunktur in der
Eurozone zu stützen. Mit der Geldflut
will er erreichen, dass Unternehmen
mehr investieren, Verbraucher mehr
konsumieren. Darüber hinaus erwägt
die EZB-Spitze, den Strafzins zu er-
höhen, den Banken zahlen müssen,
wenn sie Geld bei der EZB parken. So
soll die Kreditvergabe der Banken an- Jaguar-Produktion in Birmingham
geregt werden. Ein entsprechender Ent-
schluss sei im September möglich, heißt
es. Darüber hinaus will Draghi das Fahrzeugbau ren und sich in Zukunft stärker auf
Inflationsziel der Notenbank lockern.
Derzeit verfolgt die EZB die Vorgabe,
BMW rückt enger mit E-Antriebe konzentrieren. Beide Unter-
nehmen wollten die Ausweitung der Ko-
die Preissteigerung im Euroraum »un- Jaguar zusammen operation nicht kommentieren. Mit ihrer
ter, aber nahe bei zwei Prozent« zu hal- Zusammenarbeit folgen BMW und JLR
ten. Künftig soll das Ziel bei genau zwei  Die geplante Autoallianz zwischen einem Trend, der in der ganzen Auto-
Prozent liegen. Der EZB-Rat diskutier- BMW und dem britischen Hersteller branche zu beobachten ist. Ehemalige
te darüber bei seiner jüngsten Sitzung. Jaguar Land Rover (JLR) ist umfassender Konkurrenten bündeln Know-how und
Das Ziel lasse sich der Öffentlichkeit als bisher bekannt. Die beiden Konzerne Investitionen, weil sich der technische
einfacher erklären als die bisherige wollen nicht nur Elektroantriebe gemein- Wandel für einzelne Hersteller allein
Formulierung, argu- sam entwickeln, wie bereits angekündigt, kaum noch bewältigen lässt. Milliarden-
mentieren Befürworter. sondern auch bei Benzin- und Diesel- ausgaben sind nötig, um neue E-Antriebe
VINCENT KESSLER / REUTERS

Zudem will Draghi motoren zusammenarbeiten. BMW soll zu entwickeln und zugleich Verbren-
erreichen, dass die EZB seinem Partner im großen Stil Verbren- nungsmotoren auf den neuesten techni-
längere Zeit höhere nungsmotoren verkaufen, heißt es aus schen Stand zu bringen. BMW gilt mit
Inflationsraten zulassen dem Umfeld des Münchner Konzerns. seinem Elektroauto i3, das 2013 auf den
darf, wenn sie die Mar- JLR, eine Tochter des indischen Autokon- Markt kam, als Frühstarter in die E-Mobi-
ke zuvor über Jahre zerns Tata Motors, könnte dann die eige- lität. Jaguars Elektro-Geländewagen
Draghi unterschritten hat. REI nen Investitionen in Verbrenner reduzie- I-Pace wird seit 2018 verkauft. MHS, SH

Samstagsfrage

Lösen Leihroller das Verkehrsproblem?


Es ist eng geworden auf Deutschlands Straßen: Elektro- ser Trend, deutet er stark darauf hin, dass die Elektrorol-
stehroller in allen Formen und Farben besetzen Stadt- Stadtverkehr ler vor allem von Freizeitfahrern und Touristen
plätze und sausen über Radwege. Seit dem 15. Juni durchschnittlich genutzt werden – und weniger von geläuterten Auto-
zurückgelegte 3,4
dürfen die E-Roller im Straßenverkehr gefahren wer- Strecke in km* fahrern, die den Weg zum Arbeitsplatz lieber rol-
den – allein in Berlin gab es seither 21 Unfälle, hat lend zurücklegen als mit dem Auto im Stau zu ste-
die Polizei gezählt. Es ist die neue, bunte Welt der 1,9 hen. Dafür sprechen auch die durchschnittlich
Mikromobilität – in den Metropolen ist sie bereits 0,9 gefahrenen Distanzen. Mit ihren knapp 1,9 Kilo-
angekommen, in mittelgroßen Städten wie Duisburg zu Fuß E-Roller Fahrrad metern konkurrieren E-Scooter eher mit Fußgängern
und Bremen kurz vor dem Start. Ist das der erste Schritt *Deutschland 2014, 2019
und Fahrradfahrern als mit Pkw.
in eine Pkw-freie Zukunft? Oder sorgen die Scooter nur Quelle: Civity Der Hype um die Mikromobilität wird zudem unter
für noch mehr Trubel auf ohnehin überfüllten Straßen? Bun- der Woche von denen befördert, die sich ohnehin kein Auto
desverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nannte die Roller vor leisten wollen oder können: Studierende, Schüler, Jobanfänger.
ihrer Einführung eine »echte zusätzliche Alternative zum Auto«. 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen planen laut einer Forsa-Umfrage
Doch erste Zahlen lassen Zweifel aufkommen. Die Hamburger innerhalb der nächsten zwölf Monate eine Fahrt mit dem Elektrorol-
Beratungsfirma Civity hat die Anzahl der Fahrten nach Wochen- ler. Eine Generation also, die ohne Scooter vielleicht platzsparend in
stunden untersucht. Demnach wurden E-Roller der Marken Tier, Bus, Tram oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln säße. Insofern
Lime und Voi an Samstagen und Sonntagen in der zweiten Juliwo- hatte Scheuer nur teilweise recht. »Zusätzlich« sind die Roller sehr
che deutlich öfter ausgeliehen als an Werktagen. Bestätigt sich die- wohl, nur eben nicht unbedingt eine »Alternative«. Anton Rainer

63
Wirtschaft

Runter vom Parkett


Kapitalmarkt Finanzinvestoren wollen Metro, Osram und den Axel-Springer-Konzern von der
Börse nehmen. Weltweit schrumpft die Zahl der Firmen im Aktienbesitz.
Doch auch den neuen Geldgebern geht es vor allem um eines: um mehr Profit.

MARC-STEFFEN UNGER

Kurstafel an der Deutschen Börse in Frankfurt am Main

64 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


O
laf Berlien hat die Nase voll von Sachs. Der frühere Chef des Chipkonzerns nicht gestiegen, sondern gesunken. Das ist
der Börse. Seit anderthalb Jahren Infineon, Ulrich Schumacher, fuhr am ers- unbefriedigend«, so Döpfner kürzlich.
ist der Aktienkurs des von ihm ten Handelstag noch mit dem Rennwagen Noch steht nicht fest, ob der Finanz-
geführten Lichtkonzerns Osram an der Börse vor. Doch die Zeiten, in de- investor KKR den Verlag tatsächlich von
im Sinkflug, Berlien musste mehrfach die nen Manager beim Gang auf das Parkett der Börse nimmt, Döpfner aber wäre das
Gewinnprognose senken. Das Unterneh- Champagnerflaschen köpften, sind vorbei. durchaus recht. Dem Springer-Chef dürfte
men steckt mitten im Strukturwandel, weg Zum wachsenden Börsenverdruss ha- es vor allem ums Geld gehen. KKR kann
von klassischen Leuchten, hin zu LEDs. ben mehrere Faktoren beigetragen. Zwar Mittel für Zukäufe lockermachen, die der
Die Billigkonkurrenz aus Asien wächst. gehörte die Transparenzpflicht immer Konzern über die Börse schwerlich besor-
Der Umbau des Konzerns kostet Zeit und schon zu den nervigen Seiten der Börsen- gen könnte, ohne dass die Verlegerwitwe
Geld – beides aber wollen die Aktionäre präsenz, doch in den vergangenen Jahren und Hauptaktionärin Friede Springer
dem Unternehmen nicht geben. selbst riesige Summen investieren oder
Das Übernahmeangebot der amerika- Kontrolle abgeben müsste.
nischen Finanzinvestoren Bain Capital Lange Zeit war die Börse die einzige
und Carlyle Anfang Juli kam dem Kon- Möglichkeit für Unternehmen, an das ganz
zernchef deshalb gerade recht. Die Inves- große Geld zu kommen, um Investitionen
toren bieten 35 Euro je Aktie für Osram – zu finanzieren, eine Firma zu kaufen oder
und wollen das Unternehmen von der Bör- den Sprung vom Start-up zum etablierten
se nehmen. »Aus heutiger Sicht sind Bain Unternehmen zu schaffen. Längst aber ist
und Carlyle die richtigen Partner zur rich- neben den öffentlichen Börsen ein zweiter,
tigen Zeit«, schwärmt Berlien. weniger streng regulierter Handelsplatz
Warum er vom Aktienmarkt genug hat, für Firmenkapital gewachsen: der Private-
kann der Osram-Chef anschaulich erklären. Equity-Markt. Fondsgesellschaften wie
»Wenn Sie an eine Operation am offenen KKR oder Blackstone sammeln Geld von
Herzen denken, dann wird diese mit hoher Pensionsfonds, Versicherungen oder rei-
Wahrscheinlichkeit besser gelingen, wenn chen Privatleuten ein, kaufen ganze Un-
der Chirurg in aller Ruhe arbeiten kann und ternehmen, führen sie abseits der Börse,
nicht bei jedem Schritt zu hören bekommt: um sie ein paar Jahre später teurer weiter-

CHRISTOPH STACHE / AFP


›Geht das nicht schneller? Das musst du aber zuverkaufen. Oft reichen sie ein und die-
anders machen. So wird das ja nie was.‹« selbe Firma zwei, dreimal untereinander
Nicht nur Osram, immer mehr Firmen weiter, Abnehmer finden sich fast immer.
kehren dem Parkett den Rücken. Auch für 14 Jahre ist es her, dass der damalige
den Verlagskonzern Axel Springer und für SPD-Vorsitzende Franz Müntefering Fi-
den Handelsriesen Metro liegen Kauf- nanzinvestoren mit Heuschrecken ver-
angebote von Finanzinvestoren vor, die Osram-Chef Berlien glich, die aus Renditegier Unternehmen
die Firmen aus dem Rampenlicht nehmen »So wird das ja nie was« abgrasten. Den Aufstieg der meist angel-
wollen. Die Constantin Medien AG will sächsischen Firmenkäufer hat die Diskus-
die Börse ebenfalls verlassen. Und selbst ist der Druck der Aktionäre größer gewor- sion nicht lange aufgehalten. »Finanz-
Oliver Samwer, der über Jahre eine Firma den. Mächtige Indexfonds kaufen und ver- investoren verfügen über so große finan-
nach der anderen an die Börse gebracht kaufen ihre Papiere zunehmend über Soft- zielle Mittel wie noch nie«, sagt Goldman-
hat, soll inzwischen überzeugt sein, dass wareprogramme – langfristige Strategien Sachs-Banker Kossa.
seine Holding Rocket Internet an der Bör- der Unternehmen spielen für sie keine Rol- Die niedrigen Zinsen bei klassischen Fi-
se nicht mehr gut aufgehoben ist. le. Hinzu kommen aggressive Hedgefonds nanzanlagen sorgen dafür, dass immer
Das Phänomen ist ein globales: Welt- und aktivistische Aktionäre wie der US- mehr Anleger ihr Geld in potenziell rendi-
weit geht die Zahl der börsennotierten Fonds Elliott, die auf steigende Kurse drän- teträchtigere Private-Equity-Fonds legen.
Unternehmen zurück. Waren 2014 noch gen. »Das hat den Verbleib an der Börse Zwei Billionen Dollar hat das Heer der Fir-
45 347 Firmen an der Börse, sank die Zahl verändert«, sagt Osram-Chef Berlien. menkäufer mittlerweile zur Verfügung. Zu-
bis Ende 2018 auf 43 342. Noch deutlicher Viele Manager empfinden den Rummel gleich war die Zahl der lukrativen Kauf-
ist der Rückgang in Deutschland (siehe um die Börse deshalb zunehmend als läs- objekte in den vergangenen Jahren über-
Grafik). Immer häufiger werden Unterneh- tig, sie fühlen sich von den Aktionären un- schaubar. Deshalb kaufen die Investoren
men von der Börse weggekauft, oder sie verstanden. Axel-Springer-Chef Mathias nun häufiger auch bösennotierte Firmen.
gehen gar nicht erst hin. Die Zahl der Bör- Döpfner etwa beklagte immer wieder, die Den Finanzprofis spielt in die Hände,
sengänge ist seit Jahren rückläufig. Börse würdige seine Leistung nicht ausrei- dass die Digitalisierung immer mehr Bran-
»In der Vergangenheit galt eine Börsen- chend. Obwohl Springer Dividenden ge- chen umkrempelt und manches Unterneh-
notiz als Statussymbol«, sagt Tibor Kossa, zahlt und zugleich in digitale Wachstums- men überfordert. Komplizierte Eigentums-
Berater bei der Investmentbank Goldman felder investiert habe, sei »oft der Kurs verhältnisse oder ein schlechtes Manage-

Kapitalmarkt im Wandel Zahl der börsennortierten Unternehmen, Verfügbares Kapital von Private-Equity-Firmen,
Quellen: Deutsches Aktieninstitut; World Development Indicators Veränderung gegenüber 2011 in Prozent weltweit in Billionen Dollar
(Weltbank); Global Private Equity Report 2019 (Bain & Company)

Börsengänge in Deutschland –3%


*nur 1. Halbjahr Deutschland weltweit 2,0
362 2011: 670 Unternehmen 2011: 44750 1,5
2018: 465 2018: 43 342
0,9 1,2
137
57 53 –31 %
1998 –2002 2003–2007 2008 –2012 2013–2018* 2011 2018 2012 2014 2016 2018

65
ment können ebenfalls dafür sorgen, dass für seinen Börsengang zu werben. Er pries
ein Unternehmen in die Krise gerät. Für sich als »aggressivsten Mann im Internet«
Finanzinvestoren ein guter Moment, um und Rocket Internet als Alibaba Europas.
ein Unternehmen von der Börse zu kaufen. Samwer bekam, was er wollte: 1,6 Mil-
Und manchmal kommt, wie beim Han- liarden Euro nahm Rocket mit dem Börsen-
delskonzern Metro, alles zusammen. Die gang ein, viel Geld für eine Firma, deren
Digitalisierung hat den Großhandel ver- Geschäftsmodell darin besteht, Start-ups
ändert. Metro hat zudem über viele Jahre bis zu einer bestimmten Größe zu päppeln
ein Sammelsurium unterschiedlicher Ge- und dann zu veräußern.
schäftsfelder unter einem Dach vereint. So Schon damals fragten Kritiker, was eine
richtig passte das vielen Aktionären nie. Firma wie Rocket Internet an der Börse
Vorstandschef Olaf Koch versuchte verloren habe: Deren Tochterfirmen er-
zwar, das Gewirr zu entflechten, spaltete wirtschaften oft jahrelang Verluste, viele
Media-Saturn ab, veräußerte Kaufhof und scheitern. Aktionäre, die vierteljährlich
will nun auch Real loswerden. Doch Koch nach Erfolgen fragen, sind da wenig hilf-
machte Fehler, brauchte viel zu lange. Und reich. Mittlerweile, heißt es, erwäge Sam-
während sich die Großaktionäre – die Fa- wer, die anderen Aktionäre herauszukau-

THIES RAETZKE / LAIF


milien Haniel, Beisheim und Schmidt-Ru- fen. Rocket Internet äußert sich dazu nicht.
thenbeck – lange nicht dazu durchringen An der Börse dürften viele Anleger Sam-
konnten, in zukunftsträchtigere Geschäfte wer nicht nachtrauern. Die Rocket-Aktie
zu investieren, wandten sich die übrigen notiert weit unter ihrem Ausgabepreis.
Aktionäre ab. Ein Klassiker. Doch egal ob an der Börse oder außer-
In dieser Situation kam der tschechische Unternehmensgründer Samwer halb: »Letztlich geht es Investoren in ers-
Milliardär Daniel Křetínský. Er kaufte zu- »Der aggressivste Mann im Internet« ter Linie um Profit«, sagt Sebastian Sick,
nächst Anteile von Haniel, erwarb Optio- Referatsleiter Wirtschaftsrecht am Institut
nen auf weitere Aktien und legte schließ- an die Börse zu kommen – anders als in für Mitbestimmung und Unternehmens-
lich Ende Juni ein Übernahmeangebot vor. der New Economy der Jahrtausendwende. führung der Hans-Böckler-Stiftung und bis
Křetínský will den von Koch eingeschla- Damals drängten junge Firmen zuhauf an vor Kurzem SAP-Aufsichtsrat.
genen strategischen Kurs nicht radikal än- den sogenannten Neuen Markt – wo die Münteferings Heuschreckenvergleich
dern. Er glaubt aber, als Alleineigentümer meisten verglühten. kam zu einer Zeit, als die Private-Equity-
die Metro schneller sanieren zu können, Den Neuen Markt gibt es längst nicht Investoren den Firmen besonders hohe
und behält sich vor, den Konzern von der mehr. Heute können sich wachstumsstarke Schulden aufbürdeten und sie möglichst
Börse zu nehmen. Metro-Chef Koch, der Firmen mithilfe von Risikokapitalfonds schnell weiterverkauften, um ihre Rendite
selbst einst für den Finanzinvestor Permira finanzieren. Diese ziehen immer mehr zu maximieren. Heute nehmen die Finanz-
gearbeitet hat, kann sich zwar »ein Leben Geld an und ertragen auch jahrelange Ver- investoren für sich in Anspruch, nachhal-
außerhalb der Börse durchaus vorstellen«, luste, die Vorstände der jungen Firmen tiger zu agieren – zum Wohle der Unter-
heißt es in seinem Umfeld. Den Plan Kře- können freier agieren und mehr riskieren, nehmen. »Die Private-Equity-Branche ist
tínskýs aber hält er für falsch, ja gefährlich. um ihre Firmen groß zu machen. heterogener geworden«, räumt Sick ein.
Nächsten Mittwoch will Koch die offi- Allerdings wollen auch die Wagniskapi- Aber noch immer stoßen Finanzinves-
zielle Reaktion des Vorstands auf die Of- talgeber irgendwann wieder aussteigen, toren ihre Firmen im Durchschnitt nach
ferte vorlegen. Dabei wird er wohl einen am Ende steht deshalb oft doch der Bör- vier Jahren wieder ab. Ob sie in der Zeit
wunden Punkt angreifen: Křetínský wolle sengang. Bei Uber und anderen kassierten eine langfristig vernünftige Strategie ent-
den Metro-Kauf überwiegend mit Schul- die Alteigentümer dabei ordentlich ab. wickelt haben, zeigt sich oft erst viel später.
den finanzieren und diese Schulden dem Zum Frust der neuen Aktionäre rauschte Es fehlen die Transparenz und Kontrolle
Unternehmen aufbürden, sodass Metro der Kurs erst einmal bergab. Kommen Fir- durch den öffentlichen Markt.
nicht viel Luft zum Atmen bleibe. Kře- men erst aufs Parkett, wenn sie das größte Grundsätzlich setze sich – an der Börse
tínskýs Firma EP Global Commerce be- Wachstum schon hinter sich haben, sorgt wie außerhalb – die angelsächsische Kultur
streitet, dass Metro die Übernahmeschul- das oft für Enttäuschung. der Unternehmensführung mehr und mehr
den voll zu tragen habe. Bis zum 7. August Oliver Samwer hat das Auf und Ab durch, die sich vor allem auf das Wohl-
werden die Aktionäre entscheiden, wem schon mehrfach erlebt – und, wie es ergehen der Eigner konzentriere, sagt Sick.
sie mehr Glauben schenken. scheint, ebenfalls die Lust daran verloren. Er wünscht sich mehr langfristig orientierte
Kochs Kritik aber weist auf die entschei- Als Samwer im Oktober 2014 mit seinem Investoren und eine Rückbesinnung auf
dende Frage hin: Können sich die Unter- Start-up-Imperium Rocket Internet an die das deutsche Modell: Aufsichtsräte, in de-
nehmen außerhalb der Börse wirklich bes- Börse ging, hätte das Timing kaum besser nen auch Arbeitnehmervertreter sitzen,
ser entwickeln? Und, wenn ja, unter wel- sein können. Kurz zuvor hatte der chine- hätten den langfristigen Bestand der Firma
chen Voraussetzungen? sische Internetgigant Alibaba auf einen und den Erhalt der Arbeitsplätze im Blick.
Selbst in der Start-up-Szene scheint der Schlag mehr als 22 Milliarden Dollar an der Bei Osram haben sich Bain und Carlyle
Glaube zu schwinden, dass der Gang an Börse eingesammelt. Fast zur selben Zeit verpflichtet, im Fall der Übernahme die
die Börse die besten Chancen für das Ge- lud Samwer in den obersten Stock des In- Mitbestimmung ebenso unangetastet zu
deihen eines Unternehmens bietet. Gerade terconti-Hotels in Frankfurt am Main, um lassen wie Tarifverträge, Betriebsverein-
die erfolgversprechendsten Tech-Firmen barungen und Pensionspläne. Ob und für
warten immer länger, bevor sie an die Bör- wen sich die Flucht von der Börse bei Os-
se gehen. Den Digitalkonzernen Uber, Spo- Die erfolgversprechends- ram und anderswo rechnet, wird frühes-
tify oder Slack wurden bereits zwei- bis ten Tech-Firmen warten tens in ein paar Jahren zu besichtigen sein.
dreistellige Milliardenwerte zugeschrieben, Tim Bartz, Martin Hesse
ehe sie sich aufs Parkett wagten. Hoffnungs- immer länger, bevor Mail: martin.hesse@spiegel.de
volle Start-ups haben es heute nicht eilig, sie an die Börse gehen.
66 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019
Wirtschaft

Brumm-
brumm
Autoindustrie Filmkomponist
Hans Zimmer hat für BMW
Motorenklänge für Elektroautos
erfunden. Er sieht darin die
Befreiung vom Straßenlärm.

V on Hans Zimmer ist man bombas-


tische Klänge gewöhnt. Der Deut-
sche ist Hollywoods gefragtester
Filmkomponist, er hat Soundtracks zu mo-
numentalen Filmen wie »Gladiator« und
zur düsteren »Dark Knight«-Reihe produ-
ziert. Noch vor wenigen Tagen lief er mit
Stars wie Beyoncé und Elton John über BMW-Sounddesigner Vitale, Komponist Zimmer: »Die Welt neu vertonen«
den roten Teppich, bei der Premiere von
Disney’s »König der Löwen« in London.
Doch das neue Stück des Oscarpreisträgers Monatelang tüftelte Zimmer in seinen Geräusche sollen vor allen Dingen ruhig
klingt anders. Er hat keinen Kinofilm ver- Studios in London und Los Angeles, ge- und schön klingen.
tont, sondern ein Auto. meinsam mit BMW-Sounddesigner Renzo Doch warum hat BMW nicht einfach
Was absurd erscheint, hat einen schlich- Vitale, der solche künstlichen Zylinder- auf Tonaufnahmen von Verbrennungs-
ten Hintergrund. Die Motoren von Elek- klänge bereits für andere Modelle erfun- motoren zurückgegriffen? Sounddesigner
troautos sind so leise, dass sie bei niedrigem den hat und bei den elektrischen BMW Vitale sagt, man habe nie vorgehabt, sim-
Tempo fast lautlos um die Ecken rollen. für die Außengeräusche zuständig ist. ple Motorengeräusche wiederzugeben.
Weil das eine Gefahr für Radfahrer Normalerweise arbeitet Zimmer so: Er »Wir wollten dem Auto eine Stimme ver-
und Fußgänger ist, gilt seit dem 1. Juli EU- schaut sich einen Film an und komponiert leihen, die Informationen und Emotionen
weit eine neue Verordnung: E-Autos, die Szene für Szene eine Melodie. Auch dies- transportiert.« Das Auto solle sagen: »Auf-
langsamer als 20 Kilometer pro Stunde mal habe er Bilder vor Augen gehabt, sagt passen, ich bewege mich. Aber nicht er-
unterwegs sind, müssen ein akustisches er, nur nicht auf der Leinwand, sondern schrecken, ich bin nicht böse.« Man muss
Warnsignal abgeben, ein simuliertes Moto- im Kopf. »Ich habe mir folgende Szene bei dem Satz ein wenig an die lustig-dral-
rengeräusch. Erst bei einer höheren Ge- vorgestellt: Es ist früh am Morgen, ein len sprechenden Autos aus den Kinderfil-
schwindigkeit sind die Abrollgeräusche der grauer Tag, man geht zum Auto, aber ei- men »Cars« denken.
Reifen und der Luftwiderstand laut genug, gentlich möchte man nicht zur Arbeit fah- Und wie klingt Zimmers Autosound
dass Fußgänger den Wagen aus der Ferne ren. Doch wenn man das Auto anmacht, nun so? Zunächst einmal: nicht nach Hol-
hören können. dann ist der erste Klang ein ganz toller Ak- lywood oder Avantgarde. Eher wie eine
Doch die EU-Verordnung regelt nicht, kord. Wie bei einem Beach-Boys- oder gigantische Dolby-Surround-Tonprobe im
was der Fahrer im Innenraum hören soll. Beatles-Lied.« Kino, die an ein Gaspedal gekoppelt wur-
Immerhin macht manchen Autoliebhabern Aber es gibt einen Unterschied: Zum de. Wie ein hochfahrendes Computerlauf-
das Fahren erst dann richtig Spaß, wenn ersten Mal hat Zimmer nicht für großes werk. Beeindruckend, etwas merkwürdig,
der Motor ordentlich aufheult. Besonders Publikum komponiert, sondern für eine aber doch schön.
Besitzer von Sportwagen könnte die plötz- Einzelperson, den Autofahrer. Noch ist nicht bekannt, wann die neue
liche Stille beim Gasgeben an der Ampel Dem BMW-Fahrer haftet manches Kli- M-Next-Reihe in Serie geht. Fest steht
in eine Identitätskrise stürzen. Ihnen soll schee an: eher laut, eher dominant, eher nur, dass BMW dann auch eine eigene
Komponist Zimmer helfen. Aus den elek- männlich, eher PS-versessen. Zimmer sagt, Plattform mit künstlichen Motorenge-
tromobilen Gefühlskillern sollen auch akus- so jemanden habe er nicht im Kopf gehabt, räuschen veröffentlichen wird: »BMW
tisch Karren mit Emotion werden. er habe beim Fahrer an sich selbst gedacht. IconicSounds Electric«. Wie bei einem
Zimmer hat dieses künstliche Brumm- Er sei kein Autonarr. »Für mich ist bei ei- Musikstreamingdienst kann sich der Fah-
brumm fürs Innere des BMW komponiert, nem Auto nur wichtig, dass es mich sicher rer dann den Zimmer-Sound fürs Auto
genauer für das Konzeptauto Vision M von einem Punkt zum anderen bringt.« runterladen – als Sonderausstattung ge-
Next, das der Hersteller BMW Ende Juni Zimmer sagt, es sei ihm nicht nur darum gen Aufpreis versteht sich.
mit ordentlich Pomp präsentiert hat. Der gegangen, dass das Auto aufregend klingt. Sebastian Späth
Musiker spricht darüber, als ginge es um Also keine Anleihen beim Batmobil oder Mail: sebastian.spaeth@spiegel.de
eine akustische Revolution. Er habe den Maschinenwesen aus der »Trans-
die Möglichkeit gesehen, »die formers«-Reihe. Zimmer sieht sich
Welt neu zu vertonen«, sagt als Schutzbeauftragten lärm- Video
Motorsound aus
er. Er wolle eine Welt er- geplagter Großstädter. »Wenn dem Studio
schaffen, in der Autos keinen man in der Stadt lebt, dann spiegel.de/sp302019bmw
unangenehmen Lärm mehr wird man doch jeden Tag mit oder in der App DER SPIEGEL
machen. Autolärm bombardiert.« Seine

67
Nachhaltig leben (II) Der Klimawandel ist zur ent- ihr Verhalten ändern können, welche Unter-
scheidenden politischen und ökonomischen Frage nehmen wirklich umdenken und was die Politik
geworden. Der SPIEGEL widmet dem Thema deshalb tun muss. Welche Ideen gibt es, Ökologie und
eine Sommerserie: Wir fragen, wie Konsumenten Ökonomie zusammenzudenken?

Google in Grün
Gründer Die Suchmaschine Ecosia lässt für 45 Anfragen einen Setzling pflanzen – mittlerweile sind
es mehr als 62 Millionen Bäume. Klicken für die Klimarettung, kann das funktionieren?

A
uf den ersten Blick scheint dieses Die Überraschung beginnt damit, dass ben den Suchergebnissen Werbung ange-
Berliner Start-up nicht viel von es Kroll gelungen ist, weithin unbemerkt zeigt. Der Gewinn nach Abzug von Ge-
seinesgleichen zu unterscheiden: eine Suchmaschine mit mehreren Sprach- hältern, Steuern und Kosten für Server,
eine Fabriketage in einem Neu- versionen aufzubauen, die einen zweistel- Reisen, Rücklagen und Marketing fließt in
köllner Hinterhof, in der Küche stapeln ligen Millionenumsatz und Gewinne er- Projekte von mehr als 20 Partnerorgani-
sich Weckgläser mit Müsli, als Konferenz- wirtschaftet – und darauf sogar die orts- sationen, die das eigentliche Aufforsten in
tisch dient eine ausrangierte Tischtennis- üblichen Steuersätze bezahlt. Ländern wie Burkina Faso, Äthiopien, In-
platte. Die Mitarbeiter: jung, lässig, sehr Das Suchen und Finden ist allerdings donesien und Brasilien übernehmen.
international. nicht das eigentliche Unternehmensziel, Auf der Website von Ecosia, die ebenso
Chef und Gründer Christian Kroll ist sondern Mittel zum Zweck. Die klassi- schlicht gehalten ist wie die von Google,
35 Jahre alt, genauso alt also wie Mark schen Erfolgsindikatoren seiner Branche – läuft ein Baumzähler: Mitte dieser Woche
Zuckerberg, mit dem er auch eine Marotte Einkommen, Boni, Börsengänge oder an- stand er bei mehr als 62 Millionen neu ge-
teilt: Um frühmorgens keine Zeit mit der dere lukrative »Exits« – interessierten ihn pflanzten Gewächsen. Für jeweils etwa 45
Klamottenauswahl zu vergeuden, trägt er nicht, sagt Kroll. »Ich will gesellschaft- Suchen gibt es einen Setzling – klicken für
immer das Gleiche, in seinem Fall blanke lichen Wandel voranbringen.« Auf Wachs- die Klimarettung, oben rechts wird die per-
weiße T-Shirts aus Ökobaumwolle; Zu- tum setzt auch er, wortwörtlich. sönliche Pflanzbilanz angezeigt.
ckerberg bevorzugt die Farbe Grau. Das Bei Ecosia geht es um Bäume. Kroll will Das alles klingt ein bisschen zu einfach,
allerdings ist es dann gewesen mit den sie erhalten und neue pflanzen. Möglichst um wahr zu sein. Es wirkt wie ein genialer
Gemeinsamkeiten. viele, als natürlichen Beitrag zur Klimaret- Marketingeinfall in Zeiten, in denen Kon-
Kroll ist kein gewöhnlicher Gründer tung, denn Bäume absorbieren das klima- zerne ankündigen, ab wann sie CO2-neu-
und Ecosia keine Firma, die nach klassi- schädliche CO2. tral wirtschaften wollen und teils skurriles
schen Branchengesetzen oder kapitalisti- Krolls Ökogeschäftsmodell ist simpel: »Greenwashing« betreiben. Es scheint ein
schen Lehrbüchern funktioniert. Auch bei Ecosia bekommt der Nutzer ne- perfekt designtes Geschäftsmodell für eine
Gesellschaft zu sein, in der Hunderttau-
sende Schüler freitags fürs Klima demons-
trieren und das Sachbuch eines Försters
über die Geheimnisse der Bäume zum
Bestseller wird.
Die Sache ist nur: Ecosia wird im De-
zember zehn Jahre alt. Als der in Witten-
berg geborene Kroll mit Mitte zwanzig
nach Berlin zog, um zunächst mithilfe sei-
ner Schwester die Idee einer ökologischen
Suchmaschine umzusetzen, steckte die
Green-Tech-Bewegung allenfalls in den
Anfängen.
Dass Kroll so früh dran war, liegt auch
daran, dass er ebenso sehr Aktivist wie
Unternehmer ist. Es ist sein Blick auf die
Welt, der ihn antreibt, und der ist düster:
GORDON WELTERS / DER SPIEGEL

»Wenn wir das 21. Jahrhundert überleben


wollen, müssen wir massiv aufforsten.«
Für ihn sind Bäume »eine Allzweckwaf-
fe, eine perfekte Technologie von Mutter
Natur«. Sie brächten Menschen in vorher
verödenden Flächen nicht nur Früchte, Nüs-
se und ein angenehmeres, kühleres Mikro-
Ecosia-Zentrale in Berlin-Neukölln: »Wir müssen massiv aufforsten« klima, sie erhöhten den Grundwasserspie-

68 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


gel und saugten vor allem CO2 aus der At-
mosphäre. Krolls Rechnung geht so: Selbst
wenn sich alle Staaten an die Klimaziele
des Pariser Abkommens hielten, brauchte
es eine Billion neuer Bäume weltweit, um
die CO2-Belastung deutlich zu senken.
Der Gründer beruft sich dabei unter an-
derem auf eine aktuelle Studie der ETH
Zürich, die Aufforstung als günstigste und
effektivste Methode zur Klimarettung be-
schreibt. Eine Billion Bäume. Ist das nicht
utopisch in Zeiten, in denen netto jährlich
zehn Milliarden Bäume verschwinden?
»Wenn Ecosia so viel Gewinn machen wür-
de wie Google«, sagt Kroll nüchtern, »könn-
ten wir in den nächsten 20 Jahren diese Bil-
lion Bäume im Alleingang pflanzen.«
Kroll befasste sich früh mit Computern
und ersten Möglichkeiten, mit ihnen Geld
zu verdienen: Auf dem Schulhof handelte
er mit CD-Roms, bald begann ihn die Bör-
se zu faszinieren. Als Teenager verfolgte
er den Boom des Neuen Marktes und kauf-
te seine ersten Aktien. »Zeitweise habe
ich in eine ukrainische Ölfirma und eine
georgische Supermarktkette investiert«,
sagt er und grinst. Kroll schien auf dem
besten Weg, Investmentbanker zu werden.
Für sein BWL-Studium wechselte er nach
Nürnberg, wegen der renommierten Fi-
nanzmarktexperten dort.
Seine Wende vom Ökonomen zum Öko
habe sich während des Studiums vollzogen,
berichtet er. Noch mit seiner Diplomarbeit
im Gepäck flog er nach Kathmandu,
schleppte sich hinauf bis zum Basislager
des Mount Everest. In Nepal versuchte er
mit lokalen Mitarbeitern, eine erste Such-
maschine aufzubauen, als »soziales Pro-
jekt«. Das Büro siedelte er zwischen zwei

GORDON WELTERS / DER SPIEGEL


Stadtteilen an, weil es oft nur in einem von
beiden Strom gab. »Kaum Internet, kaum
Strom, kulturelle Barrieren, das Projekt hat
sich schnell erledigt«, sagt er rückblickend.
Irgendwann las er den Bestseller »Hot,
flat and crowded« von Thomas L. Fried-
man, der eine »grüne Revolution« fordert
und aus dem Kroll vor allem eine Zahl im Unternehmer Kroll: Mal eben die eigene Firma verschenkt
Kopf behielt: dass 20 Prozent der CO2-
Emissionen auf den Raubbau an Wäldern
zurückgingen. pekt, weil sie einfach sehr clever sind«. natlich veröffentlicht die Baumpflanzma-
2008 gründete er »Forestle« – seine ers- Sein Nachfolgeprojekt Ecosia folgt einem schine online einen Finanzreport, der Ein-
te grüne Suchmaschine. Die letzten bei- ähnlichen Prinzip – auch hier sind die nahmen und Kosten aufführt, sowie die
den Buchstaben waren eine Hommage an Suchalgorithmen keine Eigenentwicklung. Summe, die Ecosia aus seinem Gewinn an
Google, das anfangs mit Kroll kooperierte, Die Berliner nutzen die Technologie von die Projekte weiterleitet. Im Mai lagen die
um die Zusammenarbeit nach wenigen Microsofts Bing, das auch das Werbege- Gesamteinnahmen demnach bei 1,35 Mil-
Tagen per Mail zu beenden. Forestle, so schäft übernimmt – und für solide Sucher- lionen Euro, rund 696 000 Euro flossen in
der Vorwurf, animiere seine Nutzer, ohne gebnisse sorgt. Bei einer aktuellen Unter- Aufforstungsprojekte (siehe Grafik Seite 70).
echtes Interesse auf Anzeigen zu klicken, suchung der Stiftung Warentest landete Der Gründer und sein langjähriger Mit-
um Spenden zu maximieren. Das wider- Ecosia direkt nach Startpage und Google gesellschafter, ein branchenerfahrener Se-
spreche den eigenen Richtlinien. Kroll immerhin auf Platz drei. riengründer aus Köln, sind im vorigen Jahr
schrieb auf der Forestle-Website, das Pro- Die Werbeumsätze werden zwischen noch einen Schritt weiter gegangen, um
jekt sei dem Platzhirsch wohl zu schnell Bing und den Berlinern geteilt, nach wel- jeden Zweifel an ihren Motiven zu ent-
zu erfolgreich geworden. Auf Google und chem Schlüssel verrät Kroll nicht, aber der kräften. Sie haben 99 Prozent ihres Fir-
dessen »bedrohliche Marktmacht« ist er »größte Teil« verbleibe bei Ecosia, sagt er. menkapitals und ein Prozent der Stimm-
bis heute nicht gut zu sprechen, auch Ansonsten ist sein Unternehmen in Fi- rechte an die Schweizer Purpose-Stiftung
wenn er sagt, er habe einen »Riesenres- nanzdingen ungewöhnlich transparent. Mo- übertragen. Sie überwacht, dass sich die

69
Gesellschafter selbst keine Dividenden aus- Bares für Bäume bereits einen erheblichen Teil des weltwei-
zahlen oder Anteile an Dritte außerhalb Verwendung der monatlichen Einnahmen von Ecosia ten CO2-Ausstoßes, Tendenz steigend. Und
des Unternehmens verkaufen – und besitzt anders als Google, das von sich behauptet,
für beide Fälle eine Vetopflicht. Angesichts seit 2017 so viel erneuerbare Energien ein-
der jüngsten Ecosia-Zahlen haben die bei- 696204 € zukaufen, wie es selbst an Strom ver-
den damit auf viele Millionen Euro verzich- Investitionen in Baumpflanzprojekte braucht, verspricht Ecosia-Kooperations-
tet und mal eben das eigene Unternehmen partner Microsoft bislang nur, bis 2023 auf
verschenkt. Es gehört sich jetzt praktisch 70 Prozent grüne Energie zu kommen.
selbst. Der Schritt sei »unumkehrbar und Gesamteinnahmen Ecosia ist deshalb selbst zum Energie-
rechtlich bindend«, sagt Kroll. Er habe da- Mai 2019 versorger geworden. Im vorigen Jahr ha-
mit auch für den Fall vorsorgen wollen, dass ben die Berliner im Erzgebirge eine eigene
er sterbe und seine Erben wegen der Erb- 1,35 Mio. € 141 569 € Solaranlage in Betrieb genommen, eine
schaftsteuer verkaufen müssten. Rücklagen zweite ging gerade erst in Sachsen-Anhalt
Doch wer prüft, ob die Partner der Ber- 290382€ Quelle: Ecosia
ans Netz. Schon jetzt überträfen die Ein-
Betriebskosten
liner sauber arbeiten und die Spenden wie (z. B. Gehälter,
219329€
speisungen den Eigenbedarf deutlich, sagt
versprochen verwenden? Und ob die Bäu- Serverkosten)
Werbung Kroll, zudem erwirtschafteten die Anlagen
me überhaupt wachsen und gedeihen oder zusätzliche Renditen.
noch als Setzling wieder verkümmern? Das Bislang ist der Beitrag der Berliner zur
macht Pieter van Midwoud. Der Holländer Bisher gepflanzte Bäume Klimarettung natürlich gering, ihr globaler
hat den vielleicht besten Job bei Ecosia, er durch Investitionen Marktanteil bei Suchmaschinen liege welt-
nennt sich »Tree-Planting-Officer«. Dafür in Pflanzprojekte: ca. 62 Millionen weit bei »mehr als 0,1 Prozent«, im deut-
vergleicht er Satellitenbilder und sammelt schen Heimatmarkt ist es etwa ein Prozent.
Belege in Form von Digitalfotos. Zu vielen Unternehmen machen inzwischen eben- Kroll und seine Mitarbeiter wollen die grü-
Projekten reist er auch selbst und bringt Vi- falls mit: Metro beispielsweise gab im vori- ne Welle nutzen, um zu wachsen – und
deos mit, die Ecosia dann als »Baumpflanz- gen Herbst bekannt, in seiner Firmenzen- müssen sich gleichzeitig rasch technolo-
Updates« auf seiner Website präsentiert. trale Ecosia als Standardsuchprogramm gisch weiterentwickeln.
In Sachen Eigenwerbung haben die Eco- installiert zu haben und das bei allen Der Trend gehe weg von der klassischen
sia-Macher zuletzt ziemlich getrommelt: 150 000 Mitarbeitern weltweit nachholen Suchmaschine hin zum persönlichen Assis-
Mitarbeiter in Firmen-T-Shirts demonstrier- zu wollen – was den Konzern nichts kostet tenten, sagt Kroll: Seine Vision von Ecosia
ten mit gegen die drohende Abholzung des und kaum überprüft werden kann. sei die eines digitalen Beraters, der dabei
Hambacher Forstes; dort entstand die Idee, Es habe wegen diverser Marketingideen hilft, ein umweltfreundlicheres Leben zu
dem Vorstandschef von RWE per offenem intern kritische Nachfragen von Mitarbei- führen. Nutzer, die nach einem Flug von
Brief eine Million Euro für den Wald anzu- tern gegeben, räumt Kroll ein, andererseits Berlin nach München suchen, sollen bei-
bieten. Zu den Schülerdemonstrationen müsse man jede Chance nutzen, um be- spielsweise automatisch auch die Bahnver-
von »Fridays for Future« radelt der Chef kannter zu werden: »Wir sind der David bindung angezeigt bekommen – samt der
mitsamt Plakat auch selbst. Für die Firma in diesem Spiel und können nicht absolut Angabe, wie viel CO2 die Alternative ein-
ist die Bewegung ein Geschenk, die vorwie- ideologisch agieren.« sparen würde. Auch an einer eigenen
gend jungen Teilnehmer sind eine ideale Mit steigenden Nutzerzahlen und wach- Maps-Version arbeiten seine Entwickler
Zielgruppe. Im Mai durfte Kroll in Berlin sender Sichtbarkeit mehren sich die kriti- gerade. Sie soll »grüne Orte« hervorheben
mit auf die Bühne und spendete für jeden schen Nachfragen von außen – zum Bei- und »nicht jede Bewegung tracken«.
der 25 000 Demoteilnehmer einen Baum: spiel nach dem eigenen CO2-Fußabdruck. Würde Kroll so weit gehen, klimaschäd-
25 000 Mangroven für Madagaskar. Immerhin verursacht das Internet selbst liche Anbieter ganz auszufiltern? Oder
Leuten, die nach Steakhäusern suchen, nur
vegetarische Restaurants anzuzeigen?
Es müsse sexy werden, grün zu leben,
sagt Kroll, aber da nur noch wenige Jahre
blieben, um eine Klimakatastrophe zu
vermeiden, werde es ohne Verbote kaum
gehen. Wie schwer das wird, zeigen inter-
ne Debatten. Man habe erwogen, Ecosia-
Mitarbeitern das Fliegen zu verbieten –
die Idee aber wieder verworfen. Die Firma
beschäftigt Menschen aus 17 Nationen,
zudem müssen die Projekte überwacht
werden.
Kroll selbst macht neben seiner Steuer-
auch regelmäßig eine persönliche CO2-
Erklärung; vor zwei Jahren hat er ein
Pflanzprojekt in Indonesien besucht, die
Klimaschulden stottere er noch immer ab.
JOSHI GOTTLIEB / ECOSIA

In diesem Sommer geht es nach Südfrank-


reich. Mit der Bahn. Marcel Rosenbach

‣ Lesen Sie kommende Woche


Von der Nische zum Boom: Was bringt
nachhaltige Geldanlage?
Landarbeiterin in Ecosia-Projekt in Ghana: Bäume als Allzweckwaffe

70 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Wirtschaft

»Wir brauchen einen


Wachstumspakt für Europa«
SPIEGEL-Gespräch Der französische Finanzminister Bruno Le Maire, 50, erklärt,
welche Hoffnungen er in EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und EZB-Präsidentin
Christine Lagarde setzt und warum sein Land einen gerechteren Kapitalismus fordert.

SPIEGEL: Herr Le Maire, Sie kennen


Ursula von der Leyen seit mehr als zehn
Jahren, Sie haben ihr enthusiastisch zu
ihrer Nominierung gratuliert. Was für eine
Beziehung verbindet Sie mit der zukünf-
tigen Chefin der Europäischen Kom-
mission?
Le Maire: Wir sind seit Langem Freunde.
Als ich sie kennenlernte, war ich noch
Landwirtschaftsminister. Ich bin über-
zeugt, dass ihre Wahl eine gute Nachricht
ist; für Europa auf alle Fälle, denn sie ist
eine überzeugte Europäerin; aber auch für
Deutschland. Zum ersten Mal seit 52 Jah-
ren stellt Deutschland wieder die Kommis-
sionsspitze – das ist ein wichtiges Symbol.
Und ein wichtiges Zeichen für die deutsch-
französische Freundschaft, das die Fähig-
keit von Emmanuel Macron und Angela
Merkel belegt, gute Kompromisse zu fin-
den. Die Personalie ist zudem ein Signal –
wir Europäer haben uns entschieden, zwei
Frauen an die Spitze zu stellen: Ursula von
der Leyen als Kommissionspräsidentin
und Christine Lagarde als Chefin der Eu-
ropäischen Zentralbank.
SPIEGEL: Was macht Ursula von der Ley-
en für Sie zu einer guten EU-Präsidentin?
Le Maire: Sie hat die Erfahrung, die man
braucht, um eine großartige Kommissions-
chefin zu werden – innenpolitisch wie auf
europäischer Ebene. Sie ist eine Frau mit
Überzeugungen, und sie versteht es, Kom-
promisse einzugehen. Genau das braucht
Europa gerade: Wir müssen als EU end-
lich einheitlich auftreten, um den Natio-
nalisten und den egoistischen Positionen
Einzelner etwas entgegenzusetzen. Ich
glaube, dass Ursula von der Leyen sich
dessen durchaus bewusst ist. Das ist schon
mal eine Menge.
SPIEGEL: Erhoffen Sie sich von ihr und
von Christine Lagarde eine Wiederbele-
JEROME BONNET / DER SPIEGEL

bung der deutsch-französischen Achse?


Le Maire: Ich mag das Wort Achse nicht,
ich bevorzuge das Wort Freundschaft.
Aber Freundschaft reicht nicht mehr
aus, um in der EU zu Entscheidungen zu
kommen. Nehmen Sie das Meseberg-
Abkommen, mit dem wir die EU vertiefen
wollen. Es ist historisch, was Angela Minister Le Maire: »Freundschaft reicht nicht, um in der EU zu Entscheidungen zu kommen«

71
Le Maire: Sogar für sehr gut, ja! Wir brau-
chen dringend eine gemeinsame, europäi-
sche Industriepolitik. An diesem Punkt bin
ich ganz bei Peter Altmaier. Wir müssen
Wettbewerbs-, Industrie- und Handels-
politik künftig zusammen denken – genau-
so wie China und die USA es tun. Das
macht ja beide Länder so stark. Europa
schwächt sich selbst unnötig, wenn es sich
weigert, industrielle Champions auf Welt-
niveau aufzubauen.
SPIEGEL: War es ein Fehler, dass EU-Wett-
bewerbskommissarin Margrethe Vestager
die Fusion der Zughersteller Siemens und
Alstom untersagt hat?
Le Maire: Es war unter politischen und
wirtschaftlichen Gesichtspunkten eine be-
dauerliche Entscheidung, auch wenn sie
nach den Regeln des Wettbewerbsrechts

KIM KYUNG-HOON / REUTERS


korrekt war. Die Welt hat sich geändert.
Wir müssen unsere Schlüsseltechnologien
schützen. Wir müssen die europäischen
Wettbewerbsregeln anpassen, und Peter
und ich haben dafür sehr konkrete Vor-
schläge gemacht, auch, um die neue EU-
Finanzpolitikerin Lagarde bei G-20-Treffen im Juni: »Ich habe ihr keine Ratschläge zu geben« Kommission zu Reformen zu inspirieren.
SPIEGEL: Sie halten die deutsche Ord-
nungspolitik, die besonders auf Einhaltung
Merkel und Emmanuel Macron da erreicht fen. Und die EU konnte sich nicht auf eine von Regeln und einen zurückhaltend agie-
haben. Aber nun müssen wir die anderen gemeinsame Digitalsteuer einigen. renden Staat baut, für gescheitert. Warum?
EU-Länder überzeugen mitzumachen – Le Maire: Wir haben nicht genug erreicht, Le Maire: Das habe ich so nicht gesagt.
bei der Banken- und Kapitalmarktunion, das ist richtig. Insbesondere das Euro- Das deutsche Wirtschaftsmodell war ein
bei einem starken Eurozonenbudget. zonenbudget muss ausreichend groß sein, riesiger Erfolg, und ich kritisiere das nicht.
SPIEGEL: Im September 2017 haben Sie um in Krisenzeiten effektiv zu sein. Aber Aber um die Herausforderungen der Zu-
gesagt, es gebe ein kurzes Zeitfenster von wir haben beachtenswerte Fortschritte kunft zu bewältigen, brauchen wir alle,
18 bis 24 Monaten für Frankreich und gemacht. Wir brauchen einen neuen nicht nur Deutschland, einen pragmati-
Deutschland, um die Eurozone zu refor- Wachstumspakt für Europa, mehr Wett- scheren Ansatz mit einer aktiveren staat-
mieren. Viel ist seither aber nicht passiert. bewerbsfähigkeit, mehr Solidarität. Jeder lichen Rolle.
Le Maire: Das sehe ich anders, es gibt muss sich an die Budgetregeln halten, aber SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
durchaus Erfolge. Als ich vor gut zwei Jah- die Länder, die dazu in der Lage sind, soll- Le Maire: Denken Sie an den Kampf gegen
ren als Finanzminister zum ersten Mal ten vorhandene finanzielle Spielräume den Klimawandel. Da verlangt vor allem
nach Berlin reiste, durfte ich das Wort »Eu- nutzen, um mehr zu investieren, zum die Jugend radikale Antworten. Hinzu
rozonenbudget« nicht mal in den Mund Beispiel in Infrastruktur. Das ist eine ent- kommt, dass sich die wirtschaftliche Ge-
nehmen. Ich musste mir immer wieder scheidende Voraussetzung für Wachstum samtlage gerade ändert. Wir haben niedri-
neue, komplizierte Umschreibungen ein- in Europa. ge Zinsen, eine niedrige Inflation, ein sich
fallen lassen … SPIEGEL: Sie sprechen damit vermutlich verlangsamendes Wachstum, einen mögli-
SPIEGEL: … zum Beispiel? Deutschland an? chen Handelskrieg zwischen China und
Le Maire: Wörter wie »makroökonomi- Le Maire: Ja, aber jedes Land muss durch den USA. Wenn in dieser Situation die wirt-
sche Instrumente«. Jetzt aber haben wir seine wirtschaftlichen Entscheidungen das schaftlichen Unterschiede zwischen den
dieses Eurozonenbudget, das ist ein erster Wachstum Europas unterstützen, nicht zu- Mitgliedstaaten weiterwachsen, ist die Eu-
wichtiger Schritt. Und wir haben gemein- letzt auch Frankreich. rozone gefährdet. Ja, das deutsche Modell
sam eine neue Industrie- und Wett- SPIEGEL: Erwarten Sie von Ursula von der war erfolgreich. Aber nun muss die Euro-
bewerbspolitik für Europa festgelegt. Wir Leyen, dass sie Deutschland zu mehr In- zone als Ganzes ein Erfolg werden.
haben eine europäische Allianz geschaffen, vestitionen drängt? SPIEGEL: Der Kurs der EZB unter Mario
um elektrische Batterien für Autos herzu- Le Maire: Ich habe gehört, was sie in ihrer Draghi hat dazu beigetragen, die Euro-
stellen. Das ist für mich durchaus vergleich- Rede vor dem Europäischen Parlament ge- zone zu spalten. Aus Deutschland gab es
bar mit der Gründung von Airbus in den sagt hat. Es ist klar, dass sie bereits jetzt Kritik an der lockeren Geldpolitik, in Ita-
Siebzigerjahren. Und wir vertreten inter- bei all ihren Überlegungen die gesamte lien wurde sie begrüßt. Kann Lagarde
national mit Deutschland eine gemeinsa- EU berücksichtigt. Und sie weiß, dass wir einen Konsens herbeiführen?
me Position, wenn es darum geht, eine ef- mehr Wachstum brauchen, um unseren Le Maire: Mario Draghi hat in der Krise
fektive Mindestbesteuerung von Unter- Wohlstand zu sichern, mehr Investitionen, Verantwortung übernommen. Er hat he-
nehmen einzuführen. mehr gut bezahlte Jobs für alle Europäer. rausragende Arbeit geleistet, von der auch
SPIEGEL: Könnte es sein, dass Sie mit die- SPIEGEL: Frankreich setzt sich traditionell Deutschland profitiert hat. Auch Christine
ser Sicht der Dinge eher allein dastehen? für eine europäische Industriepolitik ein. Lagarde wird eine herausragende EZB-
Das vereinbarte Eurozonenbudget ist win- Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Alt- Chefin sein. Aber ich habe ihr als Finanz-
zig, ob die Batterieallianz jemals mit Pro- maier hat ein Konzept vorgelegt. Halten
duzenten in Asien mithalten kann, ist of- Sie das für gut? * Peter Müller, Britta Sandberg, Martin Hesse in Paris.

72 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Wirtschaft

minister keine Ratschläge zu geben. Die nuel Macron hat die Lehren aus dieser Kri-
Politik sollte an dem Erfolgsmodell einer se gezogen.
unabhängigen Notenbank nicht rütteln SPIEGEL: Das Treffen der G-7-Finanzmi-
und sich auf ihre Aufgabe konzentrieren: nister diese Woche in Chantilly stand unter
die Eurozone zu stärken durch ein eigenes dem Motto eines »gerechteren Kapitalis-
Budget, durch eine vertiefte Bankenunion mus«. Ist das nicht ein Widerspruch in
und einen Kapitalmarkt mit einheitlichen sich – »gerecht« und »Kapitalismus«?
Regeln. Le Maire: Sagen wir, es ist eine Herausfor-
SPIEGEL: Bei der Bankenunion aber gibt derung. Aber beim G-7-Gipfel der Staats-
es kaum Fortschritte, Deutschland sperrt und Regierungschefs Ende August müssen
sich gegen eine gemeinsame Einlagen- wir Richtungsentscheidungen treffen, was
sicherung für Sparer. Erwarten Sie, dass für eine Art Kapitalismus wir wollen.
sich das mit der neuen EU-Kommission SPIEGEL: Und welchen Kapitalismus wol-
ändert? len Sie?
Le Maire: Wir müssen bei allen Facetten Le Maire: Steuerpolitik kann sehr effizient
der Bankenunion vorankommen, vor al- sein, um Ungleichheit zu reduzieren. Des-
lem bei der Integration des Finanzsektors. halb hoffe ich, dass wir uns auf die Prinzi-
Wir brauchen Banken, die wirklich euro- pien einer fairen Besteuerung von Internet-
päisch arbeiten. Wir brauchen neue Im- giganten einigen können. Ein zweites
pulse – oder wollen wir, dass die amerika- Instrument ist die Mindeststeuer auf Un-
nischen Investmentbanken in Europa die ternehmensgewinne. In den USA gibt es
Führung übernehmen? Ihr Marktanteil das bereits. Wie kann es sein, dass die EU
liegt hier bereits heute bei 47 Prozent. das bisher nicht geschafft hat?
SPIEGEL: Sie haben früh gesagt, man müs- SPIEGEL: Frankreich ist vorgeprescht und
se den Protest der Gelbwesten, den Auf- hat im Alleingang eine Steuer für Digital-
schrei vieler Franzosen, ernst nehmen. konzerne eingeführt. Ist das ein Vorgehen
Zeigt dieser Protest, dass die französische im europäischen Sinne?
Gesellschaft nicht bereit ist für weitere Le Maire: Wir haben es innerhalb der EU
neue Reformen? versucht – und sind am Widerstand einiger
Le Maire: Wir sehen gerade, dass nicht weniger Länder gescheitert. Eine Lehre,
nur in Frankreich, sondern überall auf der die ich daraus ziehe, ist, dass wir uns in
Welt Menschen gegen einen Kapitalismus Steuerfragen vom Prinzip der Einstimmig-
aufbegehren, der auf wachsender Un- keit verabschieden müssen und das Prin-
gleichheit und niedrigen Löhnen basiert. zip der qualifizierten Mehrheit einführen
Deshalb brauchen wir einen neuen, ge- sollten. Und was den Alleingang Frank-
rechteren Kapitalismus, in dem die Unge- reichs bei der Besteuerung von Internet-
rechtigkeiten zwischen Frauen und Män- giganten betrifft: Wir wollten mit dieser
nern ebenso verringert werden wie die Un- Entscheidung auch den Druck auf andere
gleichheit bei Löhnen. Die Bürger wollen erhöhen, endlich zu handeln.
nicht nur Wachstum, sie wollen auch, dass SPIEGEL: Frankreich und Deutschland wa-
dieses Wachstum mit der Wahrung natür- ren sich auch uneinig über das Verhand-
licher Ressourcen vereinbar ist und soziale lungsmandat der EU-Kommission, um mit
Ausgewogenheit schafft, also einen gerech- US-Präsident Trump über ein Freihandels-
ten und nachhaltigen Kapitalismus.
SPIEGEL: Damit haben Sie noch nicht auf
unsere Frage geantwortet.
abkommen zu reden.
Le Maire: Entscheidend ist, dass wir dieses
Mandat nun haben und Donald Trump
Entscheider
Le Maire: Soziale Bewegungen gehören
zur französischen Geschichte. Sie decken
die Probleme in der Gesellschaft auf. Wir
gegenüber geeint auftreten. Die US-Regie-
rung hat das Ziel, Europa zu spalten, dem
müssen Deutschland und Frankreich Ein-
treffen.
haben zugehört und mit zahlreichen Maß-
nahmen geantwortet. Wir werden von nun
an unsere Art zu regieren ändern, zum Bei-
heit entgegensetzen. In der transatlan-
tischen Partnerschaft können wir nicht
akzeptieren, dass wir unter der ständigen
Chancen
spiel besser erklären, was wir tun. Emma- Androhung von Sanktionen leben.
SPIEGEL: Auf der einen Seite haben wir
»America First« von Donald Trump, auf
begegnen.
der anderen Seite den Staatskapitalismus
der Chinesen. Wie würden Sie eine euro-
päische Antwort darauf formulieren?
JEROME BONNET / DER SPIEGEL

Le Maire: Gemeinsam sind wir stark, das


Die manager lounge ist das branchenüber-
muss unsere Antwort sein. Wir brauchen greifende Netzwerk des manager magazins und
mehr Zusammenhalt in der EU, das wird des Harvard Business Managers für Entscheider,
die Hauptaufgabe für Ursula von der Ley- die sich auf Augenhöhe begegnen und austau-
en als Kommissionschefin in den nächsten schen wollen. Wir bringen Sie beruflich weiter:
Jahren sein. Durch exklusive Veranstaltungen und Erlebnisse,
SPIEGEL: Herr Le Maire, wir danken Ih- vertrauensvolle Business-Kontakte und persön-
Le Maire, SPIEGEL-Redakteure* nen für dieses Gespräch. lichen Mitgliederservice.
»Ich mag das Wort Achse nicht«
+49 40 380 80 505
contact@manager-lounge.com
73 www.manager-lounge.com
Unheilige Allianz
der Versorger, die Versorger von gut do-
tierten Verträgen mit den Bauträgern.
Die Kunden leiden erst recht, wenn et-
was schiefläuft – wie jüngst in Freiburg,
der selbst ernannten Öko-Hauptstadt der
Verbraucher Fernwärme ist effizient und umweltfreundlich. Doch die Republik. Dort waren Kommunalpolitiker
Kunden sind den Versorgern ausgeliefert. Viele Unternehmen nutzen ihre und Ingenieure auf die Idee gekommen,
monopolartige Stellung, um mit der Klimawelle Kasse zu machen. im Baugebiet Gutleutmatten ein angeblich
besonders sparsames System zu testen.
Weil die Wohnungen im Sommer kaum

S ebastian Henselmann war begeistert,


als er in sein Niedrigenergiehaus in
Leverkusen zog. Dach und Wände
gedämmt, dreifach verglaste Fenster und
kündigen. Falls die Kommune keinen »An-
schluss- und Benutzungszwang« erlassen
hat, denn dann ist jeder Ausstieg ausge-
schlossen.
Energie benötigen, sollten Sonnenkollek-
toren auf den Hausdächern das geplante
Blockheizkraftwerk ergänzen.
Ein raffinierter Plan. Leider hatten seine
ein energetisch besonders günstiger Fern- Schon vor sieben Jahren hegte das Bun- Erfinder nicht einkalkuliert, dass die Kos-
wärmeanschluss: sparsamer und ökologi- deskartellamt den Verdacht, dass die Fern- ten des doppelten Energiesystems seinen
scher, so schien es ihm, hätte das neue wärmepreise in einer Reihe von Versor- Einspareffekt offenbar bei Weitem über-
Heim für seine fünfköpfige Familie kaum gungsgebieten »missbräuchlich überhöht« steigen. Und so stellt die Freiburger Bade-
ausfallen können. »Ich war happy«, sagt seien könnten. Und seither, so legen es die nova ihren Kunden nun einen Wärmepreis
er, »dass die Technik auf dem neuesten Vergleiche des Abrechnungskonzerns Te- von über 21 Cent pro Kilowattstunde in
Stand sein sollte.« chem nahe, haben sich die Verhältnisse Rechnung, mehr als doppelt so viel wie
Umso größer war sein Ärger, als die erste kaum gebessert. Im Gegenteil: Noch 2008 im Durchschnitt der Republik.
Heizkostenrechnung schlimmer aussah als bewegten sich die Verbrauchskosten von Viele Hausbesitzer fühlen sich betro-
in alten Zeiten. Fast 2000 Euro verlangte Fernwärme auf einem ähnlichen Niveau gen, so wie Herbert Lenk, der als pensio-
die Energieversorgung Leverkusen (EVL) wie die von Erdgas oder Heizöl. Heute da- nierter Chemiker vor einigen Jahren nach
für die jährliche Wärmezufuhr und damit gegen liegen sie um mehr als 30 Prozent Gutleutmatten zog. Er sei »stinksauer«,
gut fünfmal so viel, wie er zuvor für sein darüber (siehe Grafik). In Niedersachsen,
unsaniertes und zugiges Reihenhaus im be- so ergab eine Analyse der zuständigen Teures Monopol
nachbarten Langenfeld bezahlt hatte. Auch Wettbewerbsaufseher, waren die Tarife in Entwicklung der Verbrauchskosten für Raum-
viele von Henselmanns Nachbarn machten jedem zehnten Fernwärmegebiet unzuläs- heizung in Deutschland, in Euro je Quadratmeter
die Erfahrung, dass ihr vermeintliches sig überhöht.
Niedrigenergiehaus überdurchschnittlich Dabei sind es nicht nur die Preise, mit
hohe Heizkosten verursachte. »Es ist eine denen die Branche ihre Bilanzen aufbes- Heizöl
Frechheit«, findet er, »wie Eigentümer hier sert. Manchmal liefern die Unternehmen
unter dem Deckmantel des Umweltschut- ihren Kunden einfach mehr Energie als Fernwärme
zes abkassiert werden.« nötig, wie im Fall des Leverkusener Haus-
Knapp sechs Millionen Haushalte in besitzers Henselmann. Für ein Eigenheim
9,39
Deutschland bringen ihre Wohnung mit seines Typs seien in der Regel geringe Leis- 9,02
Fernwärme auf Temperatur – und gehen tungen ausreichend, sagt der Hamburger 8,80
dabei nicht zu Unrecht davon aus, Gutes Energieberater Hermann Michael Hell. 8,47
fürs Klima zu tun. Weil das Heizwasser Hier seien sie aber »sehr üppig bemessen«,
für ihr Zuhause aus Anlagen stammt, die was zu entsprechend hohen Grundgebüh-
zugleich Strom erzeugen oder Müll ver- ren beitrage. Würde Henselmann mit Gas Erdgas
brennen, gilt diese Energieversorgung als heizen, so hat Hell errechnet, könnte er 6,88
besonders effizient. rund 750 Euro im Jahr sparen. Quelle: Techem 6,80
Leider aber sind die Kunden nicht nur Wiederholt forderte der Eigentümer sei-
über oft kilometerlange Anschlussleitungen nen Versorger deshalb zu Korrekturen auf. 2008 2013 2017
an ihre Versorger gebunden. Viele fühlen Doch der sieht dafür keinen Grund. Die
sich auch durch Knebelverträge gefesselt, gelieferte Leistung sei »von dem Bauträger
wie sie in der übrigen Energiewirtschaft durch ein Ingenieur-Planungsbüro ermit-
inzwischen undenkbar wären. Während telt« worden, heißt es in einer Stellung-
die Politik beim Geschäft mit Strom und nahme. »Entsprechend dieser Angaben«
Gas in den vergangenen Jahren für Wett- habe die EVL »die Anlage fehlerfrei ein-
bewerb gesorgt hat, können es sich die Fern- gerichtet«. Und entsprechend, so die Fir-
wärmeunternehmen in einem »unregulier- ma, werde auch »beliefert«.
ten Monopolmarkt« bequem machen, wie Nach diesem Prinzip läuft es nicht nur
Thorsten Kasper, Justiziar beim Verbrau- in Leverkusen. Gerade in Neubaugebie-
cherzentrale Bundesverband, klagt. Die ten fühlen sich die Verbraucher oft einer
Kunden, sagt er, seien ihren Versorgern unheiligen Allianz aus Bauträgern, Versor-
oft »ohnmächtig ausgeliefert«. gungskonzernen und Kommunalverwal-
LENA GIOVANAZZI / DER SPIEGEL

In anderen Branchen laufen Versor- tungen ausgeliefert. Häufig sind die Be-
gungsverträge höchstens 24 Monate, bei teiligten auch noch gesellschaftsrechtlich
der Fernwärme dagegen sind es oft zehn verflochten, um sich umso leichter die Ver-
Jahre. Den Anbieter zu wechseln ist un- antwortung oder die Gewinne zuschieben
möglich. Und wenn der Kunde lieber mit zu können. Die Bauträger profitieren von
Gas oder Solarzellen heizen will, muss er lukrativen Aufträgen der Kommunen, die
seinen Vertrag neun Monate vor Ablauf Kommunen von den stabilen Gewinnen

74 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Wirtschaft

schimpft er, weil er trotz aller Bemühun- Die Regeln für die Branche sind lax. Wol- teures sogenanntes Nahwärmenetz. Und
gen, energieeffizient zu bauen, nun Heiz- len die Versorger ihre Preise erhöhen, be- in Böblingen geht eine Bürgerinitiative seit
kosten habe »wie in einem Altbau«. nötigen sie keinen Stempel einer Geneh- Jahren gegen die Stadtwerke vor, die den
Ein Umstand, den das Freiburger Ver- migungsbehörde. Kontrolliert werden sie Bezug von Fernwärme seit 2014 teilweise
sorgungsunternehmen nicht bestreitet, nicht durch die mächtige Bundesnetzagen- um mehr als ein Drittel verteuert haben.
aber für unbedenklich hält. Die Badenova tur, sondern meist durch Landeskartelläm- Seit fast anderthalb Jahren ist dort ein
verweist auf eine entlastende Stellungnah- ter, in denen oft nur wenige Beamte Dienst neuer Bürgermeister im Amt. Ein Schlich-
me der zuständigen Wettbewerbsbehörde tun. Und wenn die Unternehmen ihre Tari- tungsverfahren ist eingeleitet, es läuft auf
und einen »grundsätzlichen« Zusammen- fe anpassen, regiert oft die Willkür, wie eine eine einvernehmliche Lösung zu. Doch Ini-
hang: »Je geringer der Wärmebedarf im Untersuchung des Bundes der Energiever- tiativensprecher Peter Aue reicht das nicht.
Gebäude, umso höher die spezifischen braucher (BdE) ergab. Mal verwiesen die Er fordert tief greifende Reformen auf Bun-
Kosten in Cent pro Kilowattstunde.« Anbieter auf die Entwicklung der Gasprei- desebene. »Fernwärme ist ökologisch und
Doch so einfach ist die Sache nicht. Ein se, obwohl sie eine Müllverbrennungs- gesamtökonomisch super«, sagt er. Aber
internes Gutachten der Stadt Freiburg anlage betrieben. Mal legten sie die Lohn- es fehlten »eine wirksame Preisaufsicht
kommt zu einem anderen Urteil. In der entwicklung von Lokführern zugrunde. und gleiche Verbraucherrechte wie bei
Expertise, die bis heute unter Verschluss Von einer Vorgehensweise »ohne Rücksicht Strom und Gas«. Das sehen inzwischen
gehalten wird, ist von einer »offensichtli- auf Verbraucher- und Umweltinteressen« auch viele Fachleute und Politiker so, zum
chen Fehlplanung« und einem »zu hohen spricht BdE-Vorsitzende Leonora Holling. Beispiel Verbraucherministerin Christine
Preis je Kilowattstunde« die Rede. Zudem Kein Wunder, dass sich nun vielerorts Lambrecht (SPD) und ihre Kollegen aus
sei »nicht davon auszugehen«, dass sich harmlose Hausbesitzer in aufsässige Wut- den Ländern. Die Ressortchefs sehen
»die wirtschaftliche Lage der Anlage baldig kunden verwandeln. In Offenbach protes- »dringenden Handlungsbedarf«.
verbessern« werde. tieren fast 60 Anwohner eines Baugebiets Die Bau- und Wohnungswirtschaft er-
Deshalb, lautet die Empfehlung, werde gegen Jahresrechnungen von mehr als höht ebenfalls den Druck. Andreas Matt-
in dem Stadtteil am besten noch einmal 8000 Euro. Im Göttinger Ortsteil Hertjes- ner, Präsident des Zentralen Immobilien-
von vorn angefangen – mit einem ganz an- hausen wehrt sich eine Anwohnergemein- ausschusses, fordert »mehr Wettbewerb
deren Wärmesystem. schaft gegen den Zwangsanschluss an ein und Transparenz«. Die Verordnung für die
Branche sei »veraltet« und müsse »drin-
gend überarbeitet werden«.
Sogar bei den Versorgern selbst wächst
inzwischen die Einsicht, dass sich etwas
ändern muss. Die Frankfurter Mainova
etwa gewährte ihren Kunden jüngst ein
außerordentliches Kündigungsrecht, weil
sie ihr Preissystem geändert hatte. »Wir
fühlen uns verpflichtet, den Kunden volle
Transparenz einzuräumen«, sagt Maino-
va-Vorstand Norbert Breidenbach. Jeder
müsse selbst entscheiden, wie er heizen
wolle. »Diesem Wettbewerb muss sich die
klimafreundliche Fernwärme stellen.«
Die Cheflobbyisten des Wirtschafts-
zweigs aber sind anderer Ansicht. Beim
Einbau von Heizungen bestehe heute
schon »uneingeschränkter Wettbewerb«,
sagt Werner Lutsch, Geschäftsführer des
Branchenverbands AGFW. Mehr Kündi-
gungsrechte würden nur »die Versorgung
verteuern«. Die Konditionen der Branche
hätten sich »bewährt«. Kurz: Alles muss
bleiben, wie es ist.
Bislang kam die Branche damit durch.
Viele Unternehmen sind in städtischem
Besitz, und so können sie sich im Zweifel
auf die Fürsprache der mächtigen Kommu-
nallobby bei SPD und Union verlassen.
Geht es nach ihr, soll es so auch bei der
vorgesehenen Verordnungsnovelle laufen.
Zuständig ist Bundeswirtschaftsminister
Peter Altmaier (CDU), der gern von Markt
PAUL LANGROCK / ZENIT / LAIF

und Wettbewerb schwärmt. Nur wenn es


um die lukrativen Geschäfte der Versorger
geht, hat er es offenbar nicht eilig. Die Über-
legungen für die Reform, teilt eine Spre-
cherin seines Hauses mit, stünden »noch
ganz am Anfang«. Michael Sauga
Mail: michael.sauga@spiegel.de
Fernwärmekunde Lenk, Heizkraftwerk in Düsseldorf: »Kosten wie im Altbau«

75
Ausland
Es war ein Auftritt, den man nur mit dem Wort perfide bezeichnen kann. ‣ S. 82

JOHN WESSELS / AFP


Ein Motorradfahrer lässt sich die Hände desinfizieren an einer Seuchenkontrollstation im Osten des Kongo
nahe Goma. In dieser Großstadt wurde der erste Ebola-Kranke registriert, der vor einer Woche starb.
Die Weltgesundheitsorganisation fürchtet deshalb, dass die Epidemie auch auf Nachbarländer übergreifen
könnte – und hat international einen Gesundheitsnotstand ausgerufen.

Analyse

In schlechter Gesellschaft
Warum Italiens Vizepremier Matteo Salvini die Affäre Metropol nicht loswird

Matteo Salvini hat es mit Witzen versucht. Dann mit Dementis. keit ihr Land geraten ist. Vor Salvini war die italienische Regie-
Schließlich mit einem Besuch im Katzenheim und dem Aufruf, rung prowestlich und proeuropäisch eingestellt. Und nun? Gleich
»unsere Freunde auf vier Pfoten zu schützen«. Doch egal was der mehrere ehemalige Ministerpräsidenten Italiens meldeten sich
italienische Innenminister gerade unternimmt, er wird die Affäre dieser Tage zu Wort, besorgt, ihr Land gehorche tatsächlich dem
Metropol nicht los. Seine Leute sollen im Oktober in einem Willen Moskaus. Es sei zu befürchten, dass es in Italien eine
Moskauer Hotel mit kremlnahen Partnern um Wahlkampfhilfen Demokratie ohne Freiheit gebe, warnte Paolo Gentiloni, der von
in Millionenhöhe verhandelt haben. Das berichtete vergangene 2016 bis 2018 regierte: ein System mit Wahlen, aber ohne unab-
Woche die News-Website BuzzFeed. Die Staatsanwaltschaft ermit- hängige Justiz. Die Freiheit sei wie ein Garten im Dschungel, ein
telt. Die Opposition in Rom verlangt einen Untersuchungsaus- bedrohter Ort, den es zu verteidigen gelte.
schuss. Salvinis Regierungspartner von der Fünf-Sterne-Bewegung Gut möglich, dass Salvini die Untersuchungen juristisch übersteht.
gehen auf Distanz. Und dass ihm die Affäre in Umfragen erst einmal nicht schadet.
Selbst wenn eine als Ölgeschäft getarnte Millionenspende aus Seinem Ziel, Ministerpräsident zu werden, kommt »Europas gefähr-
Moskau am Ende nicht zustande kam – der politische Schaden ist lichster Mann« (»Economist«) durch sein ungeschicktes Krisen-
groß. Bislang gingen Salvinis putinfreundliche Tweets als Provo- management aber nicht näher. Mailands Bürgermeister Giuseppe
kation durch. Jetzt fragen sich viele Italiener, in welche Abhängig- Sala sagt es so: »Salvinis größter Gegner heißt Salvini.« Frank Hornig

76 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Albanien eines Bürgers – also auch eines Politikers
Drakonisches – verletzt, kann der Betroffene eine Rich-
tigstellung erzwingen, die in einem Pop-
Mediengesetz up-Fenster erscheint. Außerdem können
Bußgelder von bis zu 825 000 Euro ver-
 Als Oberbürgermeister von Tirana ließ hängt werden. Erst wenn die bezahlt sind,
Edi Rama die Stadt von illegalen Gebäu- hat ein Medienportal das Recht, vor
den, Müll und Korruption säubern. Er galt Gericht gegen die Entscheidung vorzuge-
als Hoffnungsträger. Doch seit er 2013 hen. Weil Albanien in die Europäische
Ministerpräsident geworden ist, hat sein Union strebt, wolle Brüssel die Gesetzes-
Ruf gelitten. Journalisten beschimpfte er änderungen prüfen, sagt der EU-Botschaf-
als »Scharlatane« – und versucht offenbar, ter in Tirana, Luigi Soreca. Die Europäi-
sie mundtot zu machen. Seine Regierung sche Journalisten Föderation sowie das
will nun mit zwei Gesetzesänderungen albanische Helsinki-Komitee kritisieren,
einen Ethikrat einsetzen, der die Bericht- die Ethikkommission sei politisch nicht

AP PHOTO
erstattung von Nachrichtenportalen beob- unabhängig. In Europa verfüge lediglich
achtet. Stellt das Gremium fest, dass ein Russland über eine ähnlich drakonische
Artikel die »Würde und Privatsphäre« Mediengesetzgebung. JPU Rama

Sudan Russland

»Wir steuern auf eine neue Diktatur zu« »Satt, Angst zu haben«
 Russland erlebt einen #MeToo-
Die Opposition hat am Mittwoch ein entwaffnet. Die Macht haben die Rapid Moment. Unter dem Hashtag
Abkommen zur Machtteilung mit dem Support Forces (RSF) übernommen – »Ich brauche Öffentlichkeit« erzählen
Militär unterschrieben. Oppositionspoli- eine Miliz aus Dschandschawid-Kämp- Frauen von Belästigung und Gewalt
tiker Marwan Osman von der Dachge- fern (die für die Massaker in Darfur ver- in ihrem Land. »Ich habe es satt,
werkschaft Sudanese Professionals Asso- antwortlich gemacht werden –Red.). dass ich Angst habe, im Dunkeln auf
ciation erklärt die Lage im Land, das seit Ihr Führer Mohamed Hamdan Daglo ist die Straße zu gehen«, schreibt bei-
der Absetzung des Diktators Omar al- offiziell nur der Vizepräsident in der spielsweise eine Nutzerin. Andere
Baschir im April im Ausnahmezustand ist. Übergangsregierung, in Wahrheit aber berichten von anzüglichen Bemer-
der starke Mann im Sudan. Seine RSF kungen, Schlägen oder sexuellen Über-
SPIEGEL: Sind die Sudanesen nach dem werden mit viel Geld und Waffen aus griffen.
Abkommen zwischen Opposition und Ägypten, Saudi-Arabien und den Ver- Seit Wochen diskutiert Russland
Militär jetzt zufrieden, werden die Mas- einigten Arabischen Emiraten unterstützt. über den mangelnden Schutz von
sendemonstrationen zu Ende gehen? Er ist der Wunschkandidat dieser Frauen. Anlass ist der Fall dreier
Osman: Die Demonstrationen werden Mächte. Für diese Diktaturen in unserer Schwestern aus Moskau, die ihren
auf jeden Fall weitergehen. Das Abkom- Region wäre Demokratie im Sudan Vater getötet haben. Der Mann soll die
men ist nur auf Druck der EU, der USA sehr gefährlich. Mädchen jahrelang geprügelt und
und der arabischen Mächte zustande SPIEGEL: Also stehen die Chancen auf missbraucht haben – nun drohen ihnen
gekommen. Die Menschen hier sind da- mehr Demokratie schlecht? bis zu 20 Jahre Haft. Mehr als 300 000
mit vollkommen unzufrieden. Osman: Ja. Sie werden sich nicht an das Menschen unterschrieben bis Donners-
SPIEGEL: Warum? Was genau stört sie Abkommen halten. Wir steuern auf tagabend eine Petition für die Frei-
daran? eine neue Diktatur zu. Es wird wie nach lassung der Frauen. Im ganzen Land
Osman: Wir vertrauen den Militärs nicht. dem Arabischen Frühling in Ägypten fanden Solidaritätsveranstaltungen zur
Sie haben nicht nur in Darfur schwerste ausgehen, nur noch schlimmer. JPU Unterstützung der Töchter statt.
Verbrechen begangen, Mindestens 12 000 Frauen sterben in
sie haben im Juni auch Russland jedes Jahr durch häusliche
Demonstrationen Gewalt. 2017 senkte das russische
zusammengeschossen Parlament sogar die Strafe für Prügel
und Protestierende innerhalb der Familie: Ersttäter werden
massakriert. Dafür wer- milder behandelt, wenn das Opfer
den sie gemäß dem Ab- keine schweren Verletzungen davon-
kommen nicht zur Ver- trägt.
antwortung gezogen. Auch vorher schützte das Gesetz in
SPIEGEL: Aber die Russland Frauen nur bedingt. Der Euro-
Armee war doch päische Gerichtshof für Menschenrech-
zunächst auf die De- te sprach Anfang Juli einer Russin
monstranten zuge- deshalb Entschädigung zu. Die Frau
EBRAHIM HAMID / AFP

gangen, hat sogar den war von ihrem ehemaligen Partner be-
Langzeitdiktator droht und attackiert worden. Obwohl
Omar al-Baschir ent- sie mehrfach die Polizei alarmiert hatte,
machtet. wurde der Mann nicht verfolgt. Laut
Osman: Die reguläre Urteil steht der Russin nun eine Ent-
Armee ist praktisch Demonstrierende in Khartum schädigung von 20 000 Euro zu. ARV

77
Ausland

Künstlich erzeugtes Drama


Europa Der endlose Streit um die Seenotrettung zeigt: Die EU kann sich auf keine gemeinsame
Politik in der Flüchtlingsfrage verständigen. Dabei gibt es viele neue Ideen: zentralisierte
Asylverfahren, Abkommen mit Herkunftsländern. Braucht es eine »Koalition der Willigen«?

A
n den Küsten Italiens kommen, Spanien an, in Italien nur noch wenige. Und unter den EU-Regierungen weit entgegen:
von der Öffentlichkeit weitge- doch zeigt sich an der Seenotretterfrage ein Die Staaten, in denen Gerettete ankom-
hend unbemerkt, fast täglich klei- zentrales Problem: die ungeheure Zerris- men, sollen diese lediglich registrieren,
ne Flüchtlingsboote aus Nordafri- senheit Europas in der Migrationsfrage. erstversorgen und eine Sicherheitsprüfung
ka an, sogenannte Geisterschiffe. Es sind Die Seenotretterdebatte belegt, dass die durchführen. Dann sollen die Menschen
wenige Meter lange, unscheinbare Gefähr- Europäer sich von der Illusion verabschie- in andere EU-Länder verteilt werden. Die
te, die den Weg nach Europa ganz allein den müssen, dass es in der Migrationsfrage Teilnahme am System soll freiwillig sein.
gefunden haben. Erst am vergangenen Wo- eine Gesamtlösung geben könne. Zu groß Einige östliche EU-Staaten, allen voran
chenende schafften es zwei solche Kähne sind die Differenzen zwischen Staaten mit Ungarn und Polen, lehnen das Vorhaben
nach Lampedusa, 21 Menschen gingen auf einer eher liberalen Asyltradition wie aber grundsätzlich ab und wollen sich auf
der südlichsten Insel Italiens an Land. Mi- Deutschland, Frankreich oder Schweden den knallharten Schutz der EU-Außen-
granten erreichten auf diesem Weg sogar und Italien, den Osteuropäern, Österreich grenzen konzentrieren. Österreich fürch-
schon Leuca und Tarent, zwei apulische oder Dänemark, die auf Abschottung und tet, dass durch die Seenotrettung zusätzli-
Häfen am Absatz des italienischen Stiefels, Abschreckung setzen. che Migranten angelockt werden könnten.
sowie Porto Pino auf Sardinien. Der Streit um die Verteilung der Neu- Die Speerspitze des Widerstands aber
Wer Italiens Vizepremier Matteo Salvi- ankömmlinge hat die EU-Staaten gespal- ist: Salvini. Der Chef der rechtsnationalen
ni auf Facebook folgt, erfährt davon so gut ten. Die klare Mehrheit der Mitgliedslän- Lega lehne jede Aufnahme von Geretteten
wie nichts. Das Einzige, was ihn zu inte- der ist inzwischen für eine harte Linie. kategorisch ab, heißt es aus dem Treffen.
ressieren scheint, sind die Schiffe von See- »Die Zahl derjenigen, die noch konstruktiv Sollten sie nicht sofort weiterverteilt wer-
notrettern wie »Open Arms« und »Sea- mitmachen wollen, wird immer kleiner«, den, blieben Italiens Häfen geschlossen.
Watch«, die er als »Komplizen« nordafri- meint ein Brüsseler Diplomat. In der Frage Dann aber, so die Haltung der Bundes-
kanischer Schlepper beschimpft. Rettungs- der Seenotrettung will Außenminister Hei- regierung, sei der ganze Plan sinnlos. Sal-
schiffe mit Flüchtlingen müssen seit Mitte ko Maas nun ein sogenanntes Bündnis der vini, ärgert sich ein EU-Diplomat, sei an
Juni Strafen von bis zu 50 000 Euro zah- einer Lösung des Migrationsproblems gar
len, wenn sie trotz Verbots in italienische nicht interessiert. »Er braucht es für seine
Hoheitsgewässer fahren. Fast jeden Tag »Wir müssen Drittstaaten innenpolitische Propaganda.«
arbeitet sich Salvini an der »Sea-Watch 3«-
Kapitänin Carola Rackete ab, jener »rei-
etwas bieten, wenn Am Donnerstag trafen sich die Innen-
minister erneut für zwei Stunden in Hel-
chen deutschen Kommunistin«, die als wir sie zur Zusammen- sinki. Anschließend war klar: Es geht
»Kapitänin eines Piratenschiffs« im Hafen arbeit bewegen wollen.« nichts voran. Der Franzose Christophe
von Lampedusa angeblich bewusst das Le- Castaner kündigte trotzdem bereits für
ben italienischer Soldaten riskiert habe. Montag das nächste Treffen an, diesmal
Es ist eine absurde Situation: Es kom- Hilfsbereiten schmieden, eine Koalition in Paris. Ziel sei es, 15 Staaten zur Mitar-
men kaum noch Migranten über die zen- von Staaten, die bereit sind, Flüchtlinge beit am Ad-hoc-Mechanismus zu bewegen.
trale Mittelmeerroute nach Italien. 2016 aufzunehmen, die von Hilfsorganisationen Seehofer ist »ziemlich zuversichtlich«,
waren es 181 400, vergangenes Jahr noch im Mittelmeer geborgen werden. dass man die Übergangsregelung in sieben
23 500 – und dieses Jahr gerade einmal Die Initiative könnte der Ausgangspunkt Wochen bei einem Sondertreffen in Malta
3200 Flüchtlinge. Private Seenotretter ha- sein für eine weitreichendere Reform der beschließen könne.
ben in diesem Jahr nur knapp 400 Men- Migrationspolitik. Wie dringend nötig das Woher der CSU-Politiker seine Zuver-
schen nach Italien gebracht. Doch seit Sal- wäre, zeigte sich am Mittwoch und Don- sicht nimmt, verrät er nicht. Derzeit sind
vini offiziell die Häfen für deren Boote ge- nerstag beim Treffen der für Migration zu- laut Diplomaten nur Deutschland, Frank-
schlossen hat, wird jedes einzelne Schiff, ständigen EU-Minister in Helsinki. Es war reich, Portugal und Luxemburg zur Aufnah-
das Gerettete aufnimmt, zu einem euro- eine dieser europäischen Zusammenkünfte, me von Migranten bereit, möglicherweise
päischen Politikum, weil es wochenlang bei denen schon vorher klar ist, dass sie kei- auch Finnland und einige weitere Länder.
auf der Suche nach einem Hafen durchs ne Fortschritte bringen. »Wenn wir zehn zusammenbekommen,
Mittelmeer kreuzen muss. Das Drama ist Am Mittwoch, beim Dinner in der futu- wäre das schon viel«, sagt der luxemburgi-
künstlich erzeugt – erfüllt für den italieni- ristischen Finlandia-Halle, die strahlend sche Außenminister Jean Asselborn.
schen Innenminister aber seinen Zweck. weiß am Rand von Helsinkis Töölön- Der Fehlschlag von Finnland ist nur das
Das Stück, das aufgeführt wird, lautet: Sal- Bucht liegt, spricht Bundesinnenminister jüngste Kapitel in einer an Pannen reichen
vini gegen die angeblich scheinheiligen Horst Seehofer (CSU) als Erster. Er möch- EU-Migrationspolitik. Der erste Höhe-
Nordeuropäer. te einen Ad-hoc-Mechanismus für die Auf- punkt des Dramas war im September 2015
Die Schiffe der Seenotretter spielen in nahme und Verteilung von auf dem Mit- die Entscheidung der Mitgliedstaaten,
der Migrationsfrage zahlenmäßig nur eine telmeer Geretteten, um das aktuelle Chaos 120 000 Flüchtlinge per Quote zu vertei-
Nebenrolle – die allermeisten Migranten zu beenden. Der Vorschlag, unterstützt len. Ungarn, die Slowakei, Tschechien und
kommen inzwischen in Griechenland und durch Frankreich, kommt den Hardlinern Rumänien wurden von den anderen über-

78 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


FEDERICO SCOPPA / AFP

Geretteter Migrant vor Malta: Jedes einzelne Schiff, das Menschen aufnimmt, wird zu einem europäischen Politikum

79
Ausland

stimmt – und weigerten sich, ihren Ver- Flüchtlinge gesunken, die die Fahrt über Knaus, wenn es ihnen gelinge, Abkommen
pflichtungen nachzukommen. die Ägäis antreten, das Abkommen hat die mit Transit- und Herkunftsländern von Mi-
Die Quotenidee, die insbesondere Kanz- griechischen Inseln jedoch in Freiluftge- granten zu schließen, damit diese die abge-
lerin Angela Merkel favorisierte, gilt schon fängnisse für Migranten verwandelt, die lehnten Asylbewerber aus den zentralen
lange als tot. Die umfassende Reform des Verhältnisse sind katastrophal. Aufnahmelagern zurücknehmen. Knaus
Dublin-Systems und die Schaffung eines Im Grundsatz ist die Idee, Asylgesuche pendelt gerade zwischen Berlin, Madrid
einheitlichen EU-Asylsystems kommen von Migranten direkt nach deren Ankunft und dem westafrikanischen Gambia, um
ebenfalls seit Jahren nicht vom Fleck. Das in Europa in zentralen Einrichtungen zu Unterstützer für eine europäisch-afrikani-
Dublin-Verfahren sieht vor, dass Migranten prüfen, nach Ansicht von Gerald Knaus sche Migrationsintitative zu finden.
in jenem EU-Land Asyl beantragen, wel- noch immer richtig. Der neue griechische Gambia ist sein Lieblingsbeispiel, weil
ches sie zuerst betreten – was Mittelmeer- Premier, Kyriakos Mitsotakis, könne »be- sich hier vieles zeigen lässt: Zwischen
staaten benachteiligt. weisen, dass eine humane europäische 2014 und 2018 beantragten 15 000 Men-
Nicht nur eine grundsätzliche Asylreform Flüchtlingspolitik möglich ist«, sagt Knaus. schen aus Gambia Asyl in Deutschland,
scheint unmöglich. Selbst der Versuch, we- Staaten wie Deutschland oder Frankreich so viele wie aus wenigen anderen afrika-
niger brisante Gesetzesvorhaben aus dem müssten sicherstellen, dass auf Griechen- nischen Staaten – und die meisten Anträ-
siebenteiligen Asylpaket herauszulösen und lands Inseln über Asylanträge schnell ent- ge sind im Prinzip chancenlos.
in der letzten Legislaturpe- Knaus möchte erreichen,
riode durch Rat und Europa- dass Gambia Migranten zu-
parlament zu bringen, schei- Ungleich verteilt rücknimmt, die keinen An-
terte. Führende Politiker und Asyl-Erstanträge in den EU-Mitgliedstaaten, 2015 bis 2018 spruch auf Schutz haben. Da-
Migrationsexperten sind des- für müsste die Bundesregie-
halb der Ansicht, dass die mehr als 10000 Asylbewerber* rung dem Land Gegenleis-
EU als Ganzes handlungsun- pro eine Million Einwohner Schweden: tungen in Aussicht stellen: le-
fähig geworden ist. Fortschrit- 5000 bis unter 10000 218 705 gale Wege zur Arbeitsmigra-
te erwarten sie nur noch von 1000 bis unter 5000 tion und Investitionen in die
einer Koalition der Willigen, Wirtschaft. Knaus’ »Gambia-
unter 1000
die eigenständig Verantwor- Plan« baut auf den Erfahrun-
tung übernimmt. gen auf, die er in den Ver-
»Es gibt zwei gegenläufige handlungen mit der Türkei
Entwicklungen«, sagt Ra- gemacht hat. »Wir müssen
phael Bossong, Experte für Drittstaaten etwas bieten,
europäische Migrationspoli- In Deutschland wurden wenn wir sie zur Zusammen-
tik bei der Stiftung Wissen- seit 2015 insgesamt arbeit in der Migrationspoli-
schaft und Politik. »Einer- 1,5 Mio. Asylanträge tik bewegen wollen«, sagt er.
seits war anfangs, als diese gestellt. Knaus will eine rechtsstaat-
Diskussion aufkam, noch Frankreich: Ungarn: lich verankerte und humane
von elf Staaten die Rede, die 350 740 206 400 Flüchtlingspolitik, die den
sich beteiligen könnten. Schutz der EU-Grenzen
Mittlerweile sind einige da- nicht aufgibt.
von abgesprungen. Anderer- In Europa haben es prag-
seits ist der Leidensdruck un- matische neue Lösungen ge-
ter den Aufnahmewilligen gen die Hardliner schwer. Als
nun so hoch, dass man viel- das Treffen der europäischen
leicht doch bereit ist, es zu Minister am Mittwochabend
machen, weil alles besser Italien: in Helsinki nach zweieinhalb
wäre als der Status quo.« 384 005 Stunden vorbei ist, stehen
Ein Ideengeber für neue Zypern der Franzose Castaner, der
Lösungen in der Migrations- *Erstantragsteller; Quelle: Eurostat
Spanier Fernando Grande-
frage ist Gerald Knaus, der Marlaska, EU-Migrations-
aus Österreich stammende kommissar Dimitris Avramo-
Vorsitzende der Denkfabrik Europäische schieden werde, anerkannte Flüchtlinge poulos und der Luxemburger Asselborn
Stabilitätsinitiative. Er zählt zu den Archi- auf EU-Staaten verteilt und alle anderen noch zusammen – so berichten es Anwe-
tekten des Abkommens, das die EU 2016 in die Türkei zurückgeschickt würden. sende. Salvini schlendert herüber, klopft
mit der Türkei geschlossen hat. Seine Solche zentralen Aufnahmelager könn- Asselborn auf die Schulter und sagt: »Ami-
jüngsten Vorschläge basieren darauf. Die ten auf andere Staaten ausgedehnt werden, co!« Doch Freunde werden Salvini und As-
EU hatte damals versprochen, Asylanträge glaubt Knaus, etwa auf Malta oder Spanien. selborn wohl nicht mehr.
auf den griechischen Inseln in zentralen Für Europa wäre es eine Zäsur, wenn sich »Mittlerweile ist jeder einzelne Flücht-
Auffanglagern, sogenannten Hotspots, Staaten zusammentäten, gemeinsam Auf- ling ein politisches Symbol«, sagt Assel-
rasch abzuwickeln. Außerdem stellte sie nahmelager betrieben und Asylverfahren born. Damit machten Rechtspopulisten er-
dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip durchführten, um Flüchtlinge zu verteilen. folgreich Politik. »Wer keine Geretteten
Erdoğan Hilfsgelder und Visaerleichterun- Ein dauerhaft belastbares System wäre da- aufnehmen will«, meint der Luxemburger,
gen in Aussicht, wenn er im Gegenzug mit nicht geschaffen – ein zentrales Pro- »sollte dann aber wenigstens mutig genug
Flüchtlinge an der Weiterreise nach blem ist es, dass Europas Asylverfahren zu sein zu sagen, dass diese Menschen im
Europa hindern – und abgewiesene Asyl- lange dauern und Abgelehnte oft nicht ab- Meer ertrinken sollen.«
bewerber zurücknehmen würde. geschoben werden können. Markus Becker, Frank Hornig, Maximilian
In der Praxis hat dieser Deal nur zum Die Europäer könnten in der Migrations- Popp, Mathieu von Rohr, Raniah Salloum
Teil funktioniert: Zwar ist die Zahl der politik mittelfristig nur Erfolg haben, glaubt

80 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


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BRENDAN SMIALOWSKI / AFP
Demokratinnen Omar, Ocasio-Cortez, Tlaib, Pressley

Wer Hass sät


Amerikaner zu sein, und sie dazu auffor-
dert, das Land zu verlassen, ist in der Ära
Trump eine neue Qualität. Selbst das
»Wall Street Journal«, sonst redlich be-
müht, jede Planke der Vernunft im Meer
USA Mit rassistischen Sprüchen hat Donald Trump den Ton für seine des trumpschen Furors zu sichten, sprach
Präsidentschaftskampagne gesetzt. Dem Land steht ein von einem »neuen Tiefpunkt« der politi-
Wahlkampf bevor, von dem es sich nicht so schnell erholen wird. schen Debatte.
Trump hat den Ton für den heraufzie-
henden Wahlkampf gesetzt, daran kann

E s ist schwer zu sagen, welche Szene


in dieser an Torheiten nicht armen
Washingtoner Woche die bizarrste
war. Hat der Präsident sie geliefert, als er
daran, ihm zu antworten. Stattdessen woll-
te sie von dem Reporter wissen, welches
denn seine »ethnische Herkunft« sei, ganz
so, als könne man von der Abstammung
es nach dieser Woche keinen Zweifel ge-
ben. Der Twitterangriff auf die vier neuen
Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-
Cortez, Ayanna Pressley, Ilhan Omar und
erst in das Führerhäuschen eines mobilen des Journalisten auf die Qualität der Frage Rashida Tlaib war nicht der Aufwallung
Raketenabwehrsystems kletterte – und da- schließen. eines Moments geschuldet. Er war der Auf-
nach erklärte, der Vorwurf, er sei ein Ras- Es ist nicht neu, dass Trump versucht, takt einer Kampagne, die Tag für Tag
sist, treffe ihn schon deshalb nicht, weil so das weiße Amerika gegen den Rest des schriller wurde.
viele Amerikaner seine Meinung teilten? Landes auszuspielen; er hat schon fast jede Trump mag kein politischer Stratege
Oder war es Kellyanne Conway? Do- Taste auf der Klaviatur des Rassismus ge- sein, aber er verfügt über politische In-
nald Trumps Medienberaterin stand am drückt. Trump war noch nicht einmal Kan- stinkte. Er hat erkannt, dass die vier ein
Dienstag in der Auffahrt des Weißen Hau- didat für das Weiße Haus, als er öffentlich Feindbild abgeben, mit dem man arbeiten
ses, als ein Reporter fragte, welche Länder in Zweifel zog, dass Barack Obama in den kann. Eine junge Frau aus der Bronx, die
der Präsident denn genau im Sinn gehabt Vereinigten Staaten geboren sei. Es war lieber heute als morgen den Verbrennungs-
habe, als er vier linken Kongressabgeord- der lachhafte Versuch, die Legitimität des motor verbieten will, und eine Abgeord-
neten empfahl, sich dorthin zu verziehen, ersten schwarzen Präsidenten infrage zu nete, die als Kind aus Somalia flüchtete,
woher sie gekommen seien. stellen. Und doch zwang Trumps Pene- erst als Teenager die US-Staatsbürger-
Es war ein durchaus berechtigter Ein- tranz Obama am Ende dazu, seine Ge- schaft erlangte und nun mit einem Kopf-
wand. Schließlich sind die vier Frauen, die burtsurkunde zu veröffentlichen. tuch im Kongress sitzt, sind nicht unbe-
Trump meinte, bis auf eine in den USA Aber dass der Präsident seinen Gegnern dingt das, was man in Ohio und Kentucky
geboren. Aber Conway dachte gar nicht kaum verhohlen das Recht abspricht, für den politischen Mainstream hält.

82
Ausland

Als er am Mittwochabend in North Ca- Nun sind sie zu den lautesten Stimmen kanischen Anhänger sind mit dem Präsi-
rolina sprach, zog er minutenlang über die der Partei geworden. Sie verstehen – ganz denten zufrieden, aber nur fünf Prozent
Frauen her. Er machte Witze über ihre Na- ähnlich wie Trump – virtuos das Spiel der demokratischen.
men, er tat so, als wären Omar und Ocasio- mit den sozialen Medien. Der Präsident Trump kämpft um seine Stammwähler,
Cortez Verbrecherinnen, deren Taten von versucht, die Demokraten als eine Partei sie sollen ihn noch einmal ins Weiße Haus
den Medien verschwiegen werden. »Aber darzustellen, die sich in Geiselhaft einer tragen. Als er am Mittwochabend in North
das ist das Großartige am Livefernsehen«, kleinen Gruppe von Revoluzzern befindet, Carolina sprach, kam er bald auf die Ab-
rief Trump unter dem Gejohle der Menge, die sich daranmacht, die USA in ein sozia- geordnete Omar zu sprechen, die angeb-
»sie können es nicht rausschneiden.« listisches Versuchslabor zu verwandeln. lich mit al-Qaida sympathisiere und tapfe-
Es war ein Auftritt, den man nur mit Das ist natürlich eine Karikatur, aber der re amerikanische Soldaten verunglimpfe.
dem Wort perfide bezeichnen kann und Trick erlaubt es ihm, sich als Bollwerk Es dauerte nicht lange, bis die Menge
der sofort für Empörung im liberalen Ame- gegen die dunklen Kräfte des Umsturzes »Send her back!« skandierte – schick sie
rika sorgte. Doch Trump kann es egal sein, zu präsentieren. Wir gegen die, das ist sei- zurück. Trump hätte der Meute Einhalt
was man in New York oder San Francisco ne Botschaft. gebieten, ein paar Worte der Mäßigung
von ihm hält, er braucht nicht einmal un- Kann man im 21. Jahrhundert eine Wahl sprechen können. Nichts lag ihm ferner.
bedingt die Mehrheit aller Wähler auf sei- mit Rassismus gewinnen? Zwei Drittel der Er hielt inne und genoss den Sturm, den
ner Seite. Ihm genügte es bei der Wahl im Wahlberechtigten in den USA sind weiß, seine Tweets ausgelöst hatten. Erst einen
Jahr 2016, entscheidende Swing States wie und sie haben bei der Wahl 2016 mit Tag später sagte Trump, er sei über die
Florida, Michigan und Wisconsin zu holen. 57 Prozent Trump gewählt. Schon damals Sprechchöre nicht glücklich gewesen.
Die Demokraten quälen sich nun schon spielte Trump die rassistische Karte. Sein Der Auftritt in North Carolina ließ erah-
seit Jahren mit der Frage, wie sie Trump Wahlkampfschlager war die Mauer zu nen, wie hoch der Preis seines Wahl-
schlagen sollen, die Strategiefrage kampfs noch sein wird. Die USA
ist längst zu einer Glaubensfrage sind schon jetzt ein gespaltenes
geworden. Trump hat mit Hillary Land. Demokraten und Republi-
Clinton eine Kandidatin aus dem kaner betrachten die Welt immer
Feld geschlagen, die nicht den ge- stärker durch eine Brille, die nur
ringsten Hauch von Radikalität Freund und Feind kennt. Was
versprühte. Nun sind nicht wenige zählt, ist der taktische Vorteil im
Demokraten der Ansicht, dass al- politischen Grabenkampf. Die
lein Radikalität im Kampf gegen Demokraten mögen sich in frucht-
den Präsidenten hilft. losen Flügelstreitereien verzetteln,
Ocasio-Cortez ist das Gesicht aber noch trauriger sieht es bei
dieser Bewegung, und die ersten den Republikanern aus.

DOUG MILLS / THE NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF


Debatten der demokratischen Prä- Die Partei ist zur Geisel des
sidentschaftsbewerber Ende Juni Präsidenten geworden, kaum
in Miami zeigten, wie viel sie schon einer traut sich, Trump offen zu
erreicht hat. Viele überschlugen widersprechen. Nur vier Abgeord-
sich mit Forderungen wie der kom- nete im Repräsentantenhaus fass-
pletten Abschaffung der privaten ten sich ein Herz und verurteil-
Krankenversicherung – Ideen, die ten am Dienstag zusammen mit
noch bis vor Kurzem bei modera- den Demokraten die Tweets des
ten Demokraten als sozialistisches Präsidenten.
Teufelszeug galten. Streckenweise Einer der wenigen, die ein offe-
fühlte man sich als deutscher Zu- nes Wort wagten, war Charlie Ba-
schauer an einen Juso-Parteitag er- Präsident Trump: Neuer Tiefpunkt der Debatte ker, der Gouverneur von Massa-
innert. Obamas Vizepräsident Joe chusetts. Die Äußerungen des Prä-
Biden, der als Favorit in die Debat- sidenten »waren beschämend, sie
te gegangen war, wirkte am Ende wie ein Mexiko, die »Vergewaltiger und Verbre- waren rassistisch«, sagte er, aber die Worte
etwas verwirrter Opa, der die jungen Leute cher« davon abhalten sollte, in die USA blieben ohne Widerhall. Mitch McConnell,
in seiner Partei nicht mehr versteht. zu kommen. Aber Trumps Sprüche hielten der republikanische Mehrheitsführer im
Seit der Wahl Trumps stehen die Macht- selbst Latinos nicht davon ab, für ihn zu Senat, riet allen Seiten, den Ton zu mäßi-
verhältnisse bei den Demokraten auf dem stimmen, immerhin 28 Prozent entschie- gen. Damit war die Sache für ihn erledigt.
Kopf. Statistiken zeigen, dass Trump auch den sich für ihn. Nur die schwarzen Wäh- Trump hat die demokratischen Institu-
deshalb das Weiße Haus erobern konnte, ler gaben ihre Stimme fast geschlossen Hil- tionen der USA noch nicht zum Einsturz
weil enttäuschte weiße Arbeiter zu ihm lary Clinton. gebracht, aber sie ächzen vernehmbar. Er
übergelaufen waren. Bei den Kongress- Die Demokraten beruhigen sich damit, hat der politischen Kultur einen Schaden
wahlen im November 2018 erkämpften dass Trump in seinem dritten Amtsjahr so zugefügt, der noch lange nachwirken wird.
sich die Demokraten vor allem deshalb schlechte Zustimmungswerte hat wie Es gab schon Präsidenten vor ihm, die das
die Mehrheit im Repräsentantenhaus zu- kaum ein Präsident vor ihm. Nur 42 Pro- Spiel mit Ressentiments betrieben haben.
rück, weil gemäßigte Kandidaten die Kon- zent der Amerikaner sind mit seiner Richard Nixon nutzte im Jahr 1972 im
kurrenz von den Republikanern aus dem Arbeit zufrieden. Schlechter schnitt nur Wahlkampf den Spruch: »America – love
Feld geschlagen hatten. Ocasio-Cortez und der Unglücksrabe Jimmy Carter ab, der it or leave it.« Aber wann zuletzt hat ein
ihre drei Mitstreiterinnen haben sich auch im Juli 1979 bei 29 Prozent lag und ein amtierender Präsident der Vereinigten
durchgesetzt, aber eben nicht gegen Repu- gutes Jahr später von Ronald Reagan ge- Staaten seine Anhänger aufgehetzt, als
blikaner, sondern in sicheren demokrati- schlagen wurde. Doch Trumps Werte sind gälte es, in den Krieg zu ziehen?
schen Wahlbezirken gegen die innerpar- vor allem deshalb so schlecht, weil er ex- René Pfister
teiliche Konkurrenz. trem polarisiert: 90 Prozent der republi-

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 83


Ausland

Stadt der Städte


China Am Perlflussdelta baut Peking eine Megacity, die es mit New York oder Tokio aufnehmen
soll. Ein gigantisches Projekt der Urbanisierung – oder ein Plan, Hongkong zu unterwerfen?

N
achts, wenn der Himmel auf- Inzwischen ist Chen Yalei 41, lebt als Fi- Klimaanlagen. Hongkong ist Asiens wich-
reißt, lässt sich erahnen, wohin nanzmakler in Hongkong und reist regel- tigstes Finanzzentrum und Macau die
die Brücke führt. Orange glim- mäßig zwischen den Städten am Perlfluss größte Glücksspielstadt der Welt. Ihr Um-
men jenseits der Bucht die Wol- und in ganz China hin und her: »Hong- satz übertrifft den von Las Vegas um das
ken, angestrahlt von der 7-Millionen-Stadt kong erscheint mir heute klein, altmodisch Sechsfache.
Hongkong hinter dem Horizont. Ein Stück und teuer. Shenzhen dagegen fühlt sich an Doch China ist im Umbruch, und die
weiter im Norden ein zweites Glimmen: wie Shanghai.« wirtschaftliche und politische Rivalität mit
die Hightech-Metropole Shenzhen, 13 Mil- Der wirtschaftliche und technologische den USA zwingt das Land, sein Geschäfts-
lionen Einwohner. Noch ein Stück weiter Fortschritt jenseits der Grenze entfalte modell umzustellen: China kann nicht län-
ein drittes und ein viertes Licht am Him- einen Sog, dem sich das jahrzehntelang ger nur die »Werkbank der Welt« bleiben.
mel: Dongguan, 8 Millionen, Guangzhou, als überlegen wahrgenommene Hong- Seine Unternehmen müssen produktiver,
15 Millionen. kong nicht lange werde entziehen können, effizienter und konkurrenzfähiger werden.
Im Dunst des Tageslichts scheint glaubt Chen. »Auch andere Städte im Del- Dafür brauchen sie besseren Zugang zu
die Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke, das ta werden an Bedeutung verlieren, wenn technischem Know-how und zu den glo-
jüngste Riesenbauwerk des modernen Chi- das alles hier zusammenwächst. Für China balen Finanzmärkten.
na, irgendwo draußen auf hoher See zu selbst ist die Greater Bay Area eine große Das stellt die Planer in Peking vor große
enden. Tatsächlich überspannt sie den Aus- Chance.« Fragen: Das Festland und die beiden 1997
gang des Perlflussdeltas, des größten Bal- Chinas Führung schmiedet gern große und 1999 an China zurückgegebenen ehe-
lungsraums der Welt. 55 Kilometer führt Pläne. Nicht alle gehen auf: Die seit Lan- maligen Kolonien Hongkong und Macau
die Brücke über das Meer. 120 Jahre lang gem vorgesehene Verteilung der Haupt- unterscheiden sich nicht nur durch Rechts-
soll sie halten und den Taifunen trotzen, stadtpflichten des überfüllten Peking auf und Linksverkehr. Sie folgen anderen Jus-
Monument einer Weltmacht, die sich im die Nachbarstädte verzögert sich. Die Frei- tiz-, Steuer- und Verwaltungstraditionen.
Aufwind sieht. handelszone von Shanghai, 2013 verkün- In Hongkong und Macau herrschen freier
Hier im Süden des Landes begann vor det, lockt nicht so viele Investoren an wie Kapitalverkehr und Pressefreiheit. In Chi-
40 Jahren Chinas Wirtschaftswunder, hier erwartet. In der Hafenstadt Tianjin, wo na herrschen Kapitalkontrolle und Zensur.
wurden aus Dörfern Städte und aus Städ- ein Stadtteil zum »chinesischen Manhat- Noch größer sind die gesellschaftlichen
ten Metropolen. Etwa 16 Millionen Men- tan« werden sollte, zieren sich die Men- Gegensätze. In Hongkong lebt, wie die
schen lebten 1980 in der Region, mehr als schen, all die neuen Türme zu bevölkern. Protestmärsche der vergangenen Wochen
70 Millionen sind es heute. Sie erzielen Andere, anfangs grotesk überdimen- eindrucksvoll zeigten, eine selbstbewusste
auf einer Fläche, die kleiner ist als die sioniert erscheinende Pläne wie das Bil- Jugend, die auf demokratische Reformen
Litauens, eine Wirtschaftsleistung, die in drängt. Auf dem Festland lebt eine nicht
etwa der Russlands entspricht. Wäre das weniger selbstbewusste junge Generation,
Perlflussdelta ein eigener Staat – er müsste Wäre das Delta ein gut ausgebildet, digital versiert, bislang
in die Gruppe der 20 größten Volkswirt- Staat – er würde zu den aber noch mehr an sozialem Aufstieg in-
schaften aufgenommen werden. teressiert als an politischer Teilhabe oder
Damit ist Pekings Ehrgeiz aber nicht ge- 20 größten Volks- Datenschutz.
stillt. Im Februar verkündete die Kom- wirtschaften zählen. »Es ist bitter für die jungen Menschen
munistische Partei den Plan, das Delta zu in Hongkong«, sagt der Finanzmakler
einer Stadt der Städte auszubauen, die es Chen, »aber für viele Jobs in ihrer Stadt
an Wirtschaftskraft und Modernität mit lionenprojekt der Neuen Seidenstraße gibt es inzwischen mindestens ebenso qua-
den großen Metropolen der Welt aufneh- dagegen kommen schneller voran, als lifizierte Bewerber vom Festland.«
men soll, mit Tokio, Chicago oder der Bay das im Westen vielen recht ist. Kann es Lassen sich diese Systeme, diese Ge-
Area um San Francisco, von der das chi- China gelingen, am Perlfluss eine neue sellschaften verbinden? Wie ist der Wett-
nesische Projekt seinen englischen Namen Art von Metropole zu errichten, die das bewerb zwischen den elf Städten zu or-
hat: Greater Bay Area, die große Bucht 21. Jahrhundert so prägt, wie New York ganisieren, ohne dass einzelne, vor allem
am Perlfluss. das 20. oder Paris das 19. Jahrhundert die beiden liberalen Sonderverwaltungs-
Chen Yalei stammt aus dem Norden des prägte? zonen, verlieren und eines Tages in China
Deltas, aus der Provinzhauptstadt Guang- Schon heute bilden die neun Städte auf aufgehen?
zhou, früher Kanton genannt. Er war dem chinesischen Festland und die beiden Europas und Nordamerikas Städte sind
15 Jahre alt, als er China 1993 zum ersten Sonderverwaltungszonen Hongkong und weitgehend errichtet, vielfach stagniert
Mal verließ und mit einer Gruppe Hoch- Macau ein einzigartiges urbanes Ensemble: dort die Bevölkerung. In Ländern wie In-
begabter zu einem Mathematikwettbe- Shenzhen ist zu einem Forschungsstandort dien, Pakistan, Nigeria oder den Philip-
werb nach Hongkong reiste. »Es kam mir herangewachsen, der sich mit dem Silicon pinen dagegen überschlägt sich die Urba-
unwirklich vor«, sagt er. »Alles war so Valley misst. Aus der Gegend um die In- nisierung. Was können sie von China ler-
zivilisiert, so sauber, selbst das Wetter dustriestadt Dongguan stammt jede dritte nen? Ist ein Ballungsraum von gut 70 Mil-
schien besser als auf dem Festland. Es war Jeans, aus Foshan mehr als die Hälfte aller lionen Menschen überhaupt sinnvoll zu
eine andere Welt.« weltweit hergestellten Kühlschränke und einem Ganzen zusammenzufassen – oder

84 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


JUSTIN CHIN / BLOOMBERG VIA GETTY IMAGES
LIANG XU / XINHUA

Metropole Shenzhen, Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke: Ein einzigartiges urbanes Ensemble

85
Ausland

stößt angesichts solcher Dimensionen Eine Überwachungskamera hatte die Sze- auch Konkurrenz. Die Stadt baut U-Bah-
selbst das planversessene China an seine ne festgehalten, die Polizei brauchte genau nen und Industrieparks und wirbt weltweit
Grenzen? zwei Sekunden, um die Entführerin per um Talente. Das macht sie attraktiv und
Gesichtserkennung zu identifizieren. Kurz teuer.
Shenzhen: »Es war furchtbar, danach fand sie die Täterin und das Kind »Wir sind am Schmerzpunkt angelangt«,
aber es fühlte sich großartig an« in einem Zug. sagt Eric Pan, 36. Der Gründer aus der
Es ist 9.30 Uhr in Shenzhen, die Tempera- Im Smart Center laufen Bilder, Ver- Provinz Sichuan betreibt einen sogenann-
tur beträgt 23,4 Grad, die Luftqualität liegt kehrs- und Bewegungsdaten aus Hundert- ten Maker Space, einen Inkubator für
bei 34 Mikrogramm Feinstaub pro Kubik- tausenden Videokameras und Mobilgerä- Hard- und Softwareingenieure mit Zweig-
meter, knapp über dem Grenzwert. Der Ver- ten zusammen. Im ersten Halbjahr 2017 stellen im Silicon Valley, in Tokio, seit Kur-
kehr bewegt sich mit einer Durchschnitts- sank die Zahl von Diebstählen in Long- zem auch in Berlin. »Bislang hat Shenzhen
geschwindigkeit von 29,3 Kilometern pro gang um mehr als die Hälfte. Inzwischen, von seinen kurzen Wegen, von der Stärke
Stunde, nicht schlecht für diese Tageszeit. sagt ein Mitarbeiter, würden Daten des seiner Synergien gelebt«, sagt er. »Du hat-
4,296 Millionen Menschen halten sich ge- Smart Center bei 85 Prozent aller Straf- test eine Idee – und auf der anderen Stra-
rade im Bezirk Longgang auf, am höchsten anzeigen zur Aufklärung herangezogen, ßenseite war die Fabrik, die sie als Serien-
ist die Dichte jetzt um halb zehn an vier vom Verkehrsdelikt bis zum Taschendieb- produkt herstellen konnte.«
Knotenpunkten, die auf einer Echtzeitkarte stahl. So gut wie jeder Winkel des öffent- Als er vor 15 Jahren nach Shenzhen
gelb und rot pulsieren, während der Rest lichen Raums ist ausgeleuchtet. kam, habe er planloses, kreatives Chaos
des Stadtteils grün und schwarz erscheint. In Shenzhen haben der Internetkonzern vorgefunden. »Es war furchtbar, aber es
All diese – und Hunderte weitere – Para- Tencent, der Netzwerkausrüster Huawei fühlte sich großartig an.« Je besser die
meter sind abzulesen auf einem kino- und der Batterieriese BYD ihren Sitz, au- Stadt organisiert sei, sagt Pan, je effizienter
leinwandgroßen Monitor im »Smart Cen- ßerdem Tausende Start-ups. Manche die- und reicher sie werde, desto höher seien
ter« des Bezirksamts von Longgang. Im ser Firmen dominieren ganze Stadtteile – die Mieten.
Minutentakt kommen neue Informationen moderne Hochhäuser und Glasfronten, ge- Im Oktober hat sich Pan entschieden,
herein: Um 8.23 Uhr wurde ein unbefugter trennt durch breite Stadtautobahnen. eine weitere Zweigstelle in der Nachbar-
Straßenhändler und um 8.59 Uhr illegal Begonnen hat Shenzhens Aufstieg in stadt Dongguan aufzumachen, die vor ein
deponierter Bauschutt festgestellt, um 9.01 den Achtzigerjahren mit der Öffnungs- paar Jahren noch berüchtigt war für ihre
Uhr ein verdächtiger Haufen Sperrmüll. politik des Reformers Deng Xiaoping; mitt- Niedriglohnwebereien und Schuhfabriken.
Longgang ist einer der modernsten lerweile übertrifft Shenzhens Wirtschafts- Diese Betriebe, die vor Jahrzehnten noch
Stadtbezirke Chinas. Hier gibt es Straßen- leistung die Hongkongs. Die Stadt ist ein in Hongkong saßen, dann nach Shenzhen
und Parklaternen, die ihre Helligkeit nach Modell für viele Städte Chinas, denn so und schließlich nach Dongguan kamen,
der Zahl der Autos und Fußgänger ausrich- schnell wie hier schalten die Planer selbst wandern inzwischen nach Myanmar und
ten. Es gibt mit Sensoren ausgestattete Ab- in Peking oder Shanghai nicht. Vor weni- Bangladesch ab. In Dongguan betragen
falleimer, die von der Müllabfuhr erst dann gen Jahren beschloss die Stadtregierung, manche Mieten nur ein Fünftel derer in
angesteuert und geleert werden, wenn sie alle 22 000 Taxis auf Elektroantrieb um- Shenzhen, genau dorthin ziehen jetzt die
tatsächlich voll sind. zurüsten – Anfang 2019 war die Umstel- kleinen smarten Betriebe.
Zugleich steht Longgang unter perma- lung abgeschlossen: Shenzhen ist stiller Natürlich schätze er die Lebensqualität
nenter Beobachtung. Im Frühjahr 2017 und sauberer geworden. von Shenzhen, den futuristischen Flugha-
meldete ein Elternpaar, dass sein dreijäh- Für die Nachbarstädte im Perlflussdelta fen mit seinen Direktverbindungen an die
riger Sohn Xuanxuan entführt worden sei. ist Shenzhen nicht nur Vorbild, sondern US-Westküste, die Nähe zu Hongkong.
Doch die wahre Stadt der Zukunft im Perl-
Perle des Südens Metropolregion Perlflussdelta (Greater Bay Area) Quellen: HKTDC, HSBC flussdelta sei Dongguan, eine Stadt ohne
Zentrum, eine Industriebrache im Struk-
Bevölkerung BIP in Milliarden Dollar Wichtige Verbindungen turwandel, ein Ort, an dem noch Überra-
Guangzhou-Shenzhen- schendes passiere. Er sei kein Stadtplaner,
0,7 Mio. 14,9 Hongkong Express Rail Link sagt Pan, aber wenn er den Strategen der
Humen-Perlflussbrücke Greater Bay Area einen Tipp zu geben hät-
33 Shenzhen-Zhongshan- te, dann wäre es dieser: »Übertreibt es
345 Brücke (im Bau) nicht mit diesem Plan.«
Zhaoqing 62 Hongkong-Zhuhai-
150 Guangzhou Macau-Brücke Guangzhou: Umgekehrter Brexit
125
Foshan Dongguan Huizhou Die Provinzhauptstadt Guangzhou liegt
N 55 rund 140 Kilometer flussaufwärts von
Shenzhen. Mit dem Auto braucht es für die
44 Zhongshan 366 Strecke etwa zwei Stunden, mit dem Hoch-
55 geschwindigkeitszug schnurrt sie auf eine
Jiangmen 44 Shenzhen U-Bahn-Distanz zusammen, exakt 36 Mi-
Macau 363 Peking nuten. Menschen, die wie der Finanzmakler
Zhuhai CHINA Chen Yalei stets in Zeitnot sind, mögen die
Hongkong Perflussdelta Strecke nicht besonders. Der Schnellzug-
bahnhof liegt ihnen zu weit draußen am
Greater San Francisco Metropolregion Metropolregion Stadtrand, der Weg ins Zentrum dauert län-
Städtecluster Bay Area Bay Area New York Tokio ger als die Fahrt durchs Delta.
Fast alle Stationen des 2008 begonne-
BIP in Billionen Dollar 1,6 0,8 1,7 1,8 nen und inzwischen auf bald 30 000 Ki-
Landfläche in tausend km2 56 17,9 21,5 36,9 lometer angewachsenen Hochgeschwin-
Bevölkerung in Mio. 71 7,7 20,2 44 digkeitsnetzes liegen an der Peripherie

86
Dort das bitterarme China, das Mao Ze-
dong hinterlassen hatte, hier das Zocker-
paradies Macau, damals ein »Territorium
unter portugiesischer Verwaltung«, heute
eine chinesische Sonderverwaltungszone,
die aus allen Nähten platzt. 670 000 Men-
schen leben auf rund 30 Quadratkilo-
metern. Wie Silos ragen kleinfenstrige
Wohntürme in den Himmel, Massen wäl-
zen sich durch die engen, dunklen Stra-
ßenschluchten.
Doch Low Hon Man hat seine Entschei-
dung nie bereut. Seine Kinder sind im
wachsenden Wohlstand von Macau aufge-
wachsen und arbeiten in einem Kasino. Er
selbst fährt der Rente entgegen, in einem

GILLES SABRIÉ / DER SPIEGEL


Taxi, das wie die meisten in Macau
schwarz lackiert ist und wie ein amerika-
nischer Streifenwagen aussieht. »Dort ar-
beitet mein Sohn!«, ruft er stolz, als er am
Wynn Palace vorbeikurvt, einem der ba-
rocken Glücksspielpaläste, die US-Inves-
IT-Unternehmer Pan: »Übertreibt es nicht mit diesem Plan« toren in Macau hochgezogen haben.
Das Geld in den Kasinos sprudelt zur-
zeit so ergiebig, dass es Macau zum Ort
von Chinas Städten. Das ist gewollt: An Chen berät die Regierung in der Frage, mit einem der höchsten Pro-Kopf-Ein-
den Bahnhöfen sollen neue Viertel und wie das Festland, Hongkong und Macau kommen der Welt gebracht hat. Einmal
neue Arbeitsplätze entstehen. Gut für wirtschaftlich zusammenwachsen können. im Jahr schüttet die Regierung einen Bo-
künftige Generationen, Pech für die Zeit- Was ihm nach seinen Reisen vorschwebt, nus für alle Bewohner aus. Low Hon Mans
genossen. ist eine Art umgekehrter Brexit: die Ver- letzte Gutschrift entsprach etwa einem
»Natürlich wäre es bequemer, auch der flechtung dreier komplexer Steuer-, Rechts- Monatsgehalt.
neue Bahnhof läge mitten in der Stadt«, und Zollsysteme, die Integration eines glo- »Das Geld kommt von den Spielern,
sagt Ma Xiangming, 57, oberster Städte- balen Finanzplatzes und einer Spielerstadt und 70 bis 80 Prozent der Spieler kom-
planer der Provinz Guangdong. Kürzlich in eine einzige Volkswirtschaft. men aus China«, sagt Nuno Santos, 37 Jah-
war er in Frankfurt: »Das ist eine Stadt, in »Solche Probleme kennt sonst nur die re alt. Santos, einer der wenigen seiner
der die Distanzen stimmen.« Europäische Union«, sagt Chen. »Men- Generation, die noch Portugiesisch spre-
Aber so weit sei sein Land noch nicht, schen, Waren, Informationen – in Hong- chen, war Polizist im Anti-Korruptions-
auch nicht im Perlflussdelta. Ma zeichnet kong und Macau fließt alles frei, bei uns Dezernat. Inzwischen arbeitet auch er für
eine Karte Chinas auf und teilt das Land ist alles reguliert.« In Macau betrage die einen Kasinobetreiber, Abteilung »Risk &
in drei Zonen: »Westen, Mitte, Osten – Einkommensteuer 12, in Hongkong 15 Pro- Investigations«, wie auf seiner Visitenkar-
arm, reicher, reich.« An der Südostspitze zent – »bei uns beträgt sie bis zu 45«. Al- te steht.
liegt die Greater Bay Area, die reichste lein ein Auto anzumelden, das sowohl in In China gilt eine Kapitalverkehrskon-
aller Regionen. Sie soll noch reicher einer der Sonderverwaltungszonen als trolle, offiziell darf jeder Bürger in der Re-
werden und Wohlstand ins Hinterland auch auf dem Festland fahren darf, koste gel jährlich nur umgerechnet 50 000 Dol-
pumpen. heute ein Vermögen. lar ausführen. Auf dem Festland ist Glücks-
Im Grunde wüssten die einzelnen Städ- Viel Arbeit, vermutlich auch viele neue spiel verboten, entsprechend einfallsreich
te selbst am besten, was für sie und ihre Arbeitsplätze in den drei Administratio- sind viele Chinesen, Geld auf inoffiziellem
Bürger gut sei, wo ein neues Wohngebiet, nen – und, so sagt Chen voraus, sieben bis Weg ins Ausland zu bringen. »Sie versu-
wo ein Industriepark hingehöre. Aber so acht Prozent Wachstum in den kommen- chen es mit allen Mitteln«, sagt Nuno San-
funktioniere das in China nicht. »Hier re- den zehn Jahren, das wäre mehr als in Chi- tos. »Als noch mit Karten gezahlt wurde,
det die Zentralregierung mit, und die redet na und Macau und mehr als doppelt so schmuggelten sie in China registrierte Kre-
über große Dinge.« Manchmal könne es viel wie heute in Hongkong. Vor allem die ditkartenlesegeräte ein. Seit sie fast nur
»viele Jahre« dauern, bis sich Pekings Weis- Bürger dort würden von der Greater Bay mehr mit Handy-Apps bezahlen, sind wir
heit erschließe. Es schwingt Respekt und Area profitieren, behauptet er: »Die Hong- dem Onlinebetrug auf der Spur.« Chinas
auch ein Hauch von Resignation mit in konger, weil ihre Wirtschaft lahmt, und die Aufstieg hat eine neue Art von Prohibition
den Worten des Stadtentwicklers Ma: Pe- Menschen in Macau, weil sie unter Platz- hervorgebracht – nur dass statt Alkohol
king plant nicht für die Gegenwart und für not und hohen Mieten leiden.« Geld geschmuggelt wird.
den Einzelnen. Peking plant für die Zu- Die Kasinostadt Macau ist nicht nur
kunft und die Massen. Macau: Die neue Prohibition politisch, sondern auch wirtschaftlich von
Und nun plant Peking auch für die Welt. Low Hon Man überredete seine Frau und Peking abhängig: Als Chinas Staatschef
Chen Guanghan, 64, ist am Morgen aus schwamm einfach mit ihr hinüber. Er war Xi Jinping vor fünf Jahren eine Kampagne
Tokio gekommen und fliegt am Abend 20 Jahre alt, lebte in einem kleinen Dorf gegen korrupte Parteikader startete, bra-
noch nach Singapur. Er hat auch New York, auf dem Festland und wollte so schnell wie chen in Macau die Umsätze drastisch ein.
San Francisco und europäische Städte be- möglich weg aus China. So kam er nach Inzwischen haben sie sich wieder erholt.
sucht auf seiner Greater-Bay-Mission. In Macau, vor genau 40 Jahren. Noch duldet Peking das Glücksspiel, doch
40 Berufsjahren als Ökonom sei er noch Der Kontrast war überwältigend, ein es übt Druck auf Macau aus, sich künftig
nie so viel unterwegs gewesen, sagt er. Schatten davon ist heute noch zu spüren. mehr auf Luxus- und Familientourismus

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 87


Ausland

Nachdem sie es zunächst nur suspendiert


hatte, erklärte Hongkongs Regierungs-
chefin Carrie Lam das umstrittene Auslie-
ferungsgesetz vergangene Woche für »tot«.
Joshua Wong reicht diese Zusage nicht:
»Niemand kann garantieren, dass die Re-
gierung es nicht wieder aus der Schublade
zieht.« Deshalb würden der Widerstand
und der politische Kampf weitergehen.
Chinas Führung herauszufordern birgt
allerdings eine Gefahr: Peking wird sich
nicht leichtfertig entscheiden, seine Zusa-
gen zu widerrufen und Hongkong schon
vor Ablauf der auf 50 Jahre terminierten
weitgehenden Autonomie vollständig an
China zu binden. Grundsätzlich auszu-

KIRAN RIDLEY / GETTY IMAGES


schließen ist das aber nicht.
Joshua Wong macht sich keine Illusio-
nen über den Sog, den China am Perlfluss
entwickelt. Er sieht, mit welcher Ge-
schwindigkeit Städte wie Shenzhen an
Hongkong vorbeigezogen sind: »Die Zu-
Studentenführer Wong: Kampf für die Eigenständigkeit Hongkongs kunft der Stadt aber und ihre internatio-
nale Anerkennung werden zweifellos auf
dem Feld der Wirtschaft entschieden.«
zu verlegen: Shoppingmalls statt Kasinos, Energie hat Hongkong erfasst, ausgelöst Und dort seien Hongkongs Aussichten
Zoos und Vergnügungsparks statt Roulette- vom Plan der Stadtregierung, ein Gesetz womöglich besser, als es scheine. Chinas
tischen. zu verabschieden, das es den Behörden er- Handelsstreit mit den USA, seine Konkur-
Mindestens ebenso stark wie Macau hat lauben würde, Menschen aus Hongkong renz mit der EU, die Finanzierung der Neu-
sich China selbst verändert, seit Low Hon nach China zu überstellen. Hunderttausen- en Seidenstraße: Peking brauche Hong-
Man vor 40 Jahren ein Stück durch den de sind seither gegen diesen Plan auf die kong als eigenständiges, internationales
Perlfluss schwamm. Low fährt inzwischen Straße gegangen. Sie wollen nicht, dass ihre Finanzzentrum, das ihm den Spielraum
häufig hinüber zu seinen Verwandten auf Stadt als toter Mann im Perlfluss endet. gebe, global zu agieren und die Märkte
dem Festland. Bei seinem ersten Besuch, Der Studentenführer Joshua Wong, 22, jenseits seiner eigenen Planwirtschaft zu
sagt er, sei er geradezu »schockiert« gewe- einer der prominentesten politischen beeinflussen.
sen vom Wohlstand, der bis in sein Dorf Aktivisten der Stadt, hat den Beginn dieser Chinas Ehrgeiz und die Regeln des glo-
vorgedrungen sei. »Dort bauen einfache Protestbewegung im Gefängnis verbracht. balen Finanzkapitalismus als Rettung für
Leute inzwischen drei-, vierstöckige Häu- Inzwischen ist er wieder auf freiem Fuß Hongkong? Ein ungewöhnlicher Gedan-
ser! Die sind genauso reich wie ich!« und entschlossen, für die Eigenständigkeit ke – aber vielleicht tatsächlich Hongkongs
Der wirtschaftliche Aufschwung auf seiner Stadt zu kämpfen. Als Großbritan- beste Chance, nicht zu einer chinesischen
dem Festland sei so massiv, sagt Low, dass nien Hongkong 1997 an China zurückgab, Stadt unter vielen zu werden.
ihm Macau am Ende nicht werde wider- hatte Peking versprochen, dass es künftig Peking, sagt der Finanzmakler Chen
stehen können. »Die meisten von uns hier zwar nur »ein China« gebe, das adminis- Yalei, mache den Städten der Greater
haben sich damit abgefunden. Das ist in trative und ökonomische System der ehe- Bay Area ein Angebot, das sie nicht ab-
Hongkong anders.« maligen Kronkolonie aber für mindestens lehnen können. »Natürlich werden sich
50 Jahre unangetastet bleibe. »Ein Land, die Gewichte verschieben, natürlich wer-
Hongkong: »Ein Land und zwei Systeme«, lautete die Zusage. den manche dieser Städte an Bedeutung
anderthalb Systeme« »In Wahrheit haben wir heute ein Land verlieren und andere gewinnen.« Doch
Im Victoria Harbour, dem Hafen von und nur mehr anderthalb Systeme«, sagt Hongkong bleibe bis auf Weiteres unver-
Hongkong, trieb im Frühjahr ein toter Wong. Die Zahl der Zuwanderer vom zichtbar als »separate« Größe, als Finanz-
Mann im Wasser – eine Riesenskulptur Festland steige, zunehmend fließe »rotes platz des Perlflussdeltas und als Chinas
des amerikanischen Pop-Art-Künstlers Kapital« aus China in die Stadt, das Hoch- Tor zur Welt.
Kaws, ein Zwitterwesen aus Mickymaus chinesische verdränge das in Hongkong Und danach? »In Shenzhen hat sich der
und Michelin-Männchen, die Augen ge- gesprochene Kantonesisch. »Manche der Reformer Deng Xiaoping ein Denkmal ge-
schlossen, Arme und Beine reglos von sich Peking-Freunde hier sprechen gar nicht setzt, in Shanghai sein Nachfolger Jiang
gestreckt. mehr von uns Hongkongern. Für sie gibt Zemin«, sagt Chen Yalei. »Die Greater
Man musste kein politischer Aktivist es nur mehr Bewohner der Greater Bay Area ist das Projekt, mit dem Präsi-
sein, um das Kunstwerk als Sinnbild für Bay Area.« dent Xi Jinping in die Geschichte eingehen
Hongkong selbst zu verstehen, die stolze Wong ist ein entschiedener Gegner der will.« Bernhard Zand
Stadt am Perlflussdelta, die den Chinesen Greater-Bay-Initiative, für ihn zielt sie auf Twitter: @bzand
stets ein Muster an Geschäftssinn, Produk- den Kern dessen, was Hongkong aus-
tivität und Lebensqualität war, deren Vor- macht: die wirtschaftliche Selbstständig-
sprung aber seit Jahren schrumpft. Ein Ge- keit der Stadt – und die Voraussetzung da- Video
Unterwegs in der Mega-
fühl der Resignation, ja der Erstarrung hat- für, die unabhängige Justiz, die noch auf stadt der Zukunft
te sich in Hongkong festgesetzt. britischem Recht basiert. spiegel.de/sp302019china
Vor fast sechs Wochen schlug diese Er- Einen ersten Erfolg im Ringen um diese oder in der App DER SPIEGEL
starrung in ihr Gegenteil um. Eine neue Justiz hat die Protestbewegung erlangt.

88 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Sport
Die Formel 1 ist eine berühmte Marke, die ihre Legenden pflegt. ‣ S. 94

Auktionserlöse von Erinnerungsstücken* aus Boris Beckers Karriere Signierter Tennisschläger


vom Masterssieg in Dallas
gegen Stefan Edberg, 1988
14 892€
Porzellanlöwe
zur Erinnerung an das
Davis-Cup-Halbfinale
Gedenkmedaille in München, 1989
übergeben vom Ministerium
für Kultus und Sport in Baden- 1723 €
Württemberg, ca. 1996 Goldene Kamera
278€ 1990 verliehen für den besten
Tennisspieler und dreimaligen
Sieger in Wimbledon
13 391€
Foto

W Y L E S H A R DY & C O.
Siegerehrung vom US-Open-Pokal
Tennisturnier in Replik von Tiffany & Co.
Bad Salzuflen, 1977 aus Sterlingsilber, 1989

889 € *Auswahl 166 975€


Die Boris-Becker-Auktion, die in der vergangenen Woche zu mit Hose, Erlös 889 Euro, lässt sich zumindest noch auftragen.
Ende ging, war ein Kuriositätenkabinett. Noch eigentümlicher Einen Alltagsnutzen hat auch der neue Besitzer von drei Kel-
müssen indes die Käufer sein, die sich hochpreisige Andenken an chen aus einer Zinn-Kupfer-Legierung mit Becker-Motiven, für
den klammen ehemaligen Tennisstar sicherten: Wer bezahlt für die er umgerechnet 2223 Euro überwies. Insgesamt brachte die
eine bloße Kopie des Daviscups 57 900 Euro? Das Aufwärmshirt Auktion des Insolvenzverwalters 770 892 Euro ein.

Magische Momente die Grigorescu kämpfen. Linkshänder


lagen mir nie, aber Sabine traute es sich
»Schön angedudelt« zu, und sie behielt tatsächlich die Nerven.
SPIEGEL: Die Rivalinnen waren dann ver-
Fechterin Anja Fichtel, 50, über ihren letzten Weltmeistertitel eint im Siegesrausch?
Fichtel: So ist es. Unserem Trainer Paul
SPIEGEL: Frau Fichtel, Flo- haben uns in den Arm genommen, an- Neckermann gelang es, aus Egoistinnen
rett-Gold bei Olympia, gefeuert und gefeiert. ein Team zu formen. Und apropos Rausch
zweimal Einzelweltmeis- SPIEGEL: Sie nannten Sabine Bau am – ich weiß noch, dass schnell die ersten
terin und drei WM- Ende unsere »Königin der Nacht«. Sektflaschen kreisten. In Tauberbischofs-
Triumphe mit der Mann- Fichtel: Sabine lag im entscheidenden Ge- heim hatten sie spontan einen Bus gemie-
schaft – können Sie fecht 2:4 hinten und gewann noch 5:4. Ihr tet und vom Vereinskoch bis zu meinen
sich noch an Ihren letzten letzter Treffer bedeutete unser Gold. Acht Eltern Fans zusammengetrommelt. Trin-
WM-Titel 1993 erinnern? Siege, acht Niederlagen – aber wir hatten ken Sie nach so einem Wettkampf mal
Fichtel: Natürlich, zwar habe ich mit mei- in der Endabrechnung einen einzigen Tref- Sekt! Auf der Pressekonferenz waren wir
ner sportlichen Vergangenheit komplett fer mehr. Das war fantastisch und doch schon schön angedudelt.
abgeschlossen, aber wie könnte ich dieses auch ein bisschen geplant. Weder ich noch SPIEGEL: War Ihr damals einjähriger
Finale je vergessen? Die dunkle Halle, Zita Funkenhauser wollten am Ende gegen Sohn auch dabei?
die Planche ausgeleuchtet wie eine Fichtel: Meine Eltern hatten Laurien
Theaterbühne, und dann diese Dra- mitgebracht. Mich motivierte das
matik – das hätte keiner spannender ungemein. Mutter zu sein und nicht
erfinden können. nur eine Athletin, die permanent
SPIEGEL: Es ging in Essen gegen Leistung zu bringen hat – das gab mir
Rumänien. einen Push.
Fichtel: Auf dem Papier waren wir SPIEGEL: Hatten Sie als Team einen
zwar Favorit, aber was heißt das Schlachtruf?
schon? Es lief zunächst gar nicht gut. Fichtel: (überlegt) War das Wefibaba-
SPIEGEL: Sie lagen 4:7 zurück. fu? Ja – jetzt erinnere ich mich wie-
Fichtel: Wie immer glaubte ich trotz- der. Aus unseren Nachnamen hatten
HORSTMÜLLER

dem an ein gutes Ende. Obwohl wir wir Wefibabafu kombiniert. Das
uns als Einzelkämpfer fast die Augen hatten wir schon 1985, bei meinem
ausgekratzt hätten, fanden wir für ersten Florett-Mannschafts-Gold,
den Erfolg als Team zusammen. Wir Fichtel (r.) in Essen 1993 so gemacht. PK

89
Sport

Der Sekundenklau
Fußball Betrug an der Bande: Bei Spielen der Nationalelf wurden Werbekunden
zehn Jahre lang geprellt. Nun leuchten Ermittler in das Dickicht
eines illustren Sportvermarkters, dem sich der DFB ausgeliefert hatte.

B
itburger: 27, 28, 29, Schnitt. Com- Kollegen beobachten den Fall. Beim DFB Doch war es so schlicht? Nur ein Ein-
merzbank: 27, 28, 29, Schnitt. und den geprellten Firmen arbeiten sich zeltäter? Dagegen spricht einiges, wie Re-
Rewe 29. Telekom 29. Bauhaus Taskforce-Einheiten seit Wochen durch cherchen des SPIEGEL und des Schweizer
29. Nach 29 Sekunden Schnitt, Verträge, Abrechnungen und mit der »Tages-Anzeigers« zeigen. Nicht nur der
Schnitt, Schnitt. 29 Sekunden, keine 30. Stoppuhr durch Hunderte Stunden Video- Manager selbst: Die chinesische Infront-
Die 30. Sekunde: abgeschnitten. material. Mutter – kurz davor, an die Börse zu ge-
Im September 2018 spielt die deutsche Wieder steht damit der DFB im Mittel- hen – hat einen Prospekt herausgegeben,
Fußballnationalelf in Sinsheim gegen Peru, punkt eines Skandals. Er sieht sich als in dem es heißt, der Mann habe Vorwürfe
am Ende steht ein 2:1. Kein großer Sieg, Opfer, aber ob es nicht Komplizen in den gegen andere Infront-Chefs erhoben. Sie
kein Krimi. eigenen Reihen gab, muss sich erst noch seien mitverwickelt gewesen.
Der Krimi läuft nicht auf dem Platz, son- zeigen. Ebenso, ob der Verband zum rück- Und fest steht: Schon im Februar 2018
dern hinter der Außenlinie, am oberen sichtslosen Aufklärer taugt, obwohl er wusste die Infront-Spitze vom Betrugsver-
Bildrand. Jeder vor dem Fernseher sieht selbst als Aufpasser versagt hat. dacht. Aber noch bis in den September
ihn, aber keiner begreift den Plot: dass auf Auch der Name einer deutschen Fuß- lief die Abzocke weiter. Gegen Österreich,
den elektronischen Banden alle 29 Sekun- balllegende taucht im Affärenstrudel auf: gegen Frankreich, gegen Peru. Im Novem-
den die Firmennamen wechseln, obwohl Günter Netzer. Bis 2017 war er so etwas ber, gegen Russland, waren 30 Sekunden
in den Verträgen steht, dass der Split – die wie der Cheflobbyist, der Mann mit den dann wieder 30 Sekunden. Doch es dau-
Zeit, die eine Firma die LED-Bande für wichtigen Kontakten beim Schweizer erte noch mal ein halbes Jahr, bis Infront
sich hat – 30 Sekunden dauert. Sportvermarkter Infront Sports & Media. an die Öffentlichkeit ging – als sich die
Es fehlt also eine Sekunde. Bei 180 Jener Firma, die bis Ende 2018 die Banden Sache nicht mehr verheimlichen ließ.
Splits in 90 Spielminuten macht das 180 vermietete.
geklaute Sekunden. Macht das die Zeit für Infront zahlte dem DFB dafür eine feste Bandenwerbung ist ein Millionenge-
sechs Werbesplits extra. Macht das gut drei Pacht und vergab die Banden auf eigene schäft; wie es läuft, ist in Richtlinien des
Prozent Marge unter der Hand für den, Rechnung weiter. Die Schweizer haben DFB exakt festgelegt. Da darf der »Sätti-
der die Bande vermarktet, im Auftrag des den Sekundenklau zugegeben, bieten be- gungsgrad der Farbe Weiß maximal 70 Pro-
Deutschen Fußball-Bundes. Das also ist trogenen Unternehmen Entschädigung an. zent betragen«, die »horizontale Bewe-
der Krimi: ein Betrug. Er lief bei Freund- Die Staatsanwälte in Thurgau ermitteln gungsgeschwindigkeit« einer Laufschrift
schafts- und Qualifikationsspielen der bisher allerdings nur gegen einen ehema- »maximal 1,5 Meter pro Sekunde«. Und so
deutschen Mannschaft offenbar zehn Jah- ligen Manager des Sportvermarkters: Er weiter. Beim Strafstoß ist die Werbung ein-
re lang, bis September 2018. Und er ging soll die Kunden im Alleingang um ihre Se- zufrieren, die Fahne des Linienrichters
in die Millionen. kunden gebracht, die Extrazeit heimlich »muss jederzeit deutlich« vor der Bande
Der Begriff »Bandenwerbung« könnte verkauft und das Geld in die eigene Tasche »erkennbar sein«.
damit eine ganz neue Bedeutung bekom- gesteckt haben. So etwa stellte das auch Damit nichts auf den Schirm kam, was
men: Gab es eine Bande, die einige der Infront im Mai dar, nachdem die »Bild«- zu grell, zu hell, zu schnell war, galt auch
größten deutschen Konzerne bei der Sta- Zeitung über einen Betrugsverdacht be- noch bis 2018: Zehn Tage vor dem Spiel
dionwerbung ausgenommen hat? richtet hatte. Man sei »zutiefst schockiert« musste die erste Testversion der Splits
Die Staatsanwaltschaft im Schweizer über den Vertrauensbruch eines früheren beim DFB vorliegen, drei Tage vorher die
Thurgau ermittelt, auch ihre Frankfurter Mitarbeiters. endgültige; nichts ging ohne die DFB-Frei-

90 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


SEBASTIAN WELLS / PIXATHLON
Elektronische Reklamebande beim Spiel Deutschland gegen Brasilien im März 2018 in Berlin

gabe. »Der DFB überwacht die Einhaltung eine Art Außenminister stellte Infront über Infront jener Robert Louis-Dreyfus, der
dieser Richtlinie«, hieß es in Paragraf 7 des viele Jahre einen deutschen Fußballhelden diese beiden und den ganzen Verband fak-
Vertrags. Alles im Blick, alles unter Kon- ins Schaufenster, der auch schon zu den tisch in der Hand hatte. Mit seinem zu der
trolle; wie also konnten auf den Banden Machern der Heim-WM gehört hatte: Gün- Zeit noch gut gehüteten Geheimwissen um
Dinge passieren, von denen der Verband ter Netzer. Dass Infront den Zuschlag für die 6,7-Millionen-Zahlung im Sommer-
nichts merkte? Betrügereien in großem die Bandenwerbung beim DFB bekam, da- märchen.
Stil? Und wie konnte der DFB verschlafen, rauf hätte man wetten können. Den Folgevertrag aus dem Herbst 2013,
dass auch die Splits, in denen er für sich Dem SPIEGEL liegen nun die Verträge rund 50 Millionen Euro schwer, signierte
selbst werben durfte, zu kurz waren? vor. Für den DFB-Pokal 2012 bis 2016. Und wieder Niersbach, diesmal als Präsident,
auch für die Kronjuwelen: für die Herren- und für Infront sein Kumpel Günter Net-
Um Namen auf die Bande und Millionen nationalelf von 2009 bis 2014 und für die zer. In Infront-Schreiben sprach Netzer
in die Kasse zu bekommen, setzte der DFB Nationalspiele der Männer, Frauen, Junio- den DFB-Präsidenten gern mit »lieber
auf einen Vermarkter. Einen, der wusste, wie ren von 2014 bis Mitte 2018. Wolfgang« an. Trotz seiner Unterschrift
das geht: das Premiumprodukt Nationalelf Den ersten Nationalmannschaftsvertrag lässt Netzer heute ausrichten, er sei nie an
in Premiumwerbepreise zu verwandeln. zeichnete der damalige DFB-Präsident »vertraglichen Verhandlungen zwischen
Vor allem brauchte der gemeinnützige Theo Zwanziger mit seinem Generalsekre- DFB und Infront in Sachen Bandenwer-
DFB aber einen Partner, um keine Steuern tär Wolfgang Niersbach ab – und für die bung« beteiligt gewesen. Von den Betrugs-
zu zahlen. Das Problem: Wenn der vorwürfen habe er erst kürzlich ge-
DFB selbst Firmen für die Bande hört und nichts damit zu tun.
besorgte, wurde er zum Geschäfts- Dem DFB garantierte der Ver-
betrieb, musste die Einnahmen ver- trag für 2014 bis 2018 pro Heim-
steuern. Nur wenn er einen Ver- spiel 1,4 Millionen Euro; auswärts
markter dazwischenschob, der eine 1,2 oder 1,3 Millionen, abhängig da-
feste Pacht zahlte und sich dann um von, auf wie vielen Bandenmetern
alles kümmerte, auf eigene Rech- deutsche Werbung lief. Wieder war
nung, ging das Finanzamt beim alles bis ins Kleinste geregelt. Das
Verband leer aus. 30-Sekunden-Raster war auch dem
Zum Steuerschutzschild wurde DFB bekannt, die Zahl der Werbe-
die Schweizer Infront, eine Firma kunden auf elf begrenzt.
der illustren Namen, schon immer
eng verbandelt mit dem DFB, auch Diese elf Firmen suchte Infront
mit seinen Affären. Ihr Vorgänger und kassierte dafür. Allerdings
gehörte zum Reich des Medien- wollte der DFB anfangs schon noch
moguls Leo Kirch, der sich die wissen, was da zwischen Infront
Rechte an der WM 2006 gekauft und Konzernen wie Mercedes oder
hatte und einige anrüchige Verträge Deutscher Post ablief. Paragraf 4.3:
machte. Offenbar um genug Stim- »Der DFB ist berechtigt, einen
men für den Zuschlag an Deutsch- Vertreter zu den Verkaufsgesprä-
land einzusammeln. chen zwischen Infront und den
Nach der Pleite von Kirch 2002 Kunden zu entsenden. Unabhängig
stieg der französische Milliardär davon wird der DFB alle geschlos-
CHAI V.D. LAAGE / IMAGO SPORT

Robert Louis-Dreyfus ein, später senen Vermarktungsverträge zur


die zentrale Figur in der Sommer- Kenntnisnahme unterzeichnen.«
märchenaffäre um die mutmaßlich Also wieder: alles im Blick, alles
gekaufte deutsche WM und die du- unter Kontrolle. Und wieder die
biose Zahlung von 6,7 Millionen Frage: Wie konnte dem DFB ent-
Euro nach Katar. Präsident der In- gehen, dass mehr als zehn Jahre
front ist übrigens Philippe Blatter, lang gezinkt wurde?
ein Neffe des langjährigen Fifa-Son- Ehemaliger Infront-Lobbyist Netzer Vielleicht, weil der Verband da-
nenkönigs Sepp Blatter. Und als »Lieber Wolfgang« mals bei der Bandenwerbung schon

91
OLIVER ZIMMERMANN / FOTO2PRESS

ROLAND KRIVEC / DEFODI.DE


Nationalspieler vor Werbung von Infront-Kunden Deutsche Post, Engelbert Strauss*: Warum hat keiner etwas gemerkt?

ein ganz anderes Problem hatte? Weil er ir- So gingen die Jahre dahin; Infront betrog, rung«, so was kriege doch keiner allein
gendwie durchkommen wollte mit einer der DFB sah nicht hin. Erst am 24. Mai ließ hin. Auch ein anderer Werbekunde, der
Steuermogelei? 2013 warnte der Steuer- Infront die Sportwelt wissen, dass man darüber nachdenkt, Anzeige zu erstatten,
fachmann des DFB, die Finanzbehörden Kunden um Werbezeit gebracht habe. Ein hält die Einzeltätergeschichte für aben-
machten Ärger. So wie die Beamten das sa- früherer Topmanager habe die abgeschnit- teuerlich: Wie soll der Spitzenmanager
hen, gehörte die Bandenwerbung zu den tenen Sekunden extra verkauft und sich allein, ohne Helfer und Mitwisser, die Ban-
steuerpflichtigen Geschäften des DFB, nicht bereichert. Man sei fassungslos – aber eben den so programmiert haben, dass die Wer-
zur steuerfreien Vermögensverwaltung. auch ahnungslos gewesen. Erst durch die bung nur 29 statt 30 Sekunden lief? Dafür
Schon 2009 hatten die Prüfer gemeckert Staatsanwaltschaft habe man davon erfah- braucht es Spezialkenntnisse, dafür gibt
und es nur unter einer Bedingung so laufen ren und den Manager gleich »nach der Mit- es sogenannte Bandenoperatoren. Wie
lassen: dass damals »der neue Vertrag« mit teilung« gefeuert. So in der Art. soll er außerdem das Geld, das die Firmen
Infront »dem Vorgängervertrag« entsprach. Das klang nach schnellem, hartem zahlten, auf seine Privatkonten umgelenkt
Ab 2014 tat er das aber nicht mehr: Durchgreifen. Was aber in der Infront-Mel- haben? Vor allem aber: Der Sekunden-
Dem nächsten Infront-Vertrag sollte nun dung fehlte: dass sich die Staatsanwalt- klau lief noch bis September 2018 – da
»ein vollständig neues Marketingkonzept schaft Thurgau nicht erst kürzlich gemel- war der verdächtige Manager längst raus
zugrundeliegen«, so der DFB-Steuerexper- det hatte – sondern spätestens Anfang und der Betrug bei Infront schon Monate
te in einem Memo. »Wir haben den Ver- 2018, vielleicht sogar noch früher. Schon bekannt.
trag so weit wie möglich umformuliert, im März 2017 hatten die Ermittler ein Ver-
aber letztlich haben wir aus meiner Sicht fahren gegen den Infront-Manager eröff- Das Rätsel lösen könnte der geschasste
keine realistische Chance, die Vermögens- net. Offenbar waren die Fahnder bei ihm Infrontler: Als ein Reporter des »Tages-
verwaltung zu erhalten.« Das hätte den auf einen Geldeingang gestoßen, der nicht Anzeigers« bei ihm zu Hause klingelt,
DFB jedes Jahr ein paar Millionen Euro sauber schien. Es gab eine Warnmeldung: wird es ein kurzer Besuch. Eine Bungalow-
Steuern gekostet. Verdacht auf Geldwäsche. villa mit Seeblick, die Tür geht auf, nein,
Was tun? »Möglich ist, dass die nächs- Ebenfalls schon 2017 versetzte Infront man sage nichts, auf Rat des Anwalts,
ten Prüfer sich mit dem Thema nicht den verdächtigen Manager auf einen Be- dann geht die Tür wieder zu. Von einem
beschäftigen.« Also erst mal still bleiben raterposten. Anfang 2018 – die Staatsan- seiner Vertrauten hört man später, der Ma-
und bloß keinen Ärger bei der Bandenwer- waltschaft war offenbar auf den Banden- nager erzähle es so, dass er keine Allein-
bung riskieren. Tatsächlich holte die Sache betrug gestoßen und ermittelte nun wegen gänge gemacht habe.
den DFB erst 2017 wieder ein. Die Einnah- mutmaßlich ungetreuer Geschäftsbesor- Dass die Sache ans Licht kam, hat aber
men sind seitdem sehr wahrscheinlich zu gung – war klar, dass er ganz gehen würde. offenbar doch mit einem Alleingang des
versteuern, der Verband rechnet mit einer Angeblich aber im besten Einvernehmen. Mannes zu tun. Im April soll ein Anwalt
saftigen Nachzahlung, hat dafür rund 20 Man habe sich auf einen weichen Ausstieg bei Firmen angeklopft haben: Er habe da
Millionen Euro zurückgelegt. War also die geeinigt, der Manager werde noch bis einen Mandanten, der erklären könne, wie
lange drohende Steuerkeule ein Grund, Ende August bleiben, erklärte Infront da- sie bei DFB-Länderspielen abgezockt wor-
warum die Infront mit ihren Tricks an der mals. Schon jetzt danke man ihm »für alles, den seien. Man mache sie gern klüger, ge-
Bande so lange unbehelligt blieb? was er für Infront getan hat«. Gefeuert we- gen eine Provision für den Informanten.
Wie die internen Ermittlungen im DFB gen Betrug? Kein Wort davon. Offenbar Kurz vorher hatte sich auch schon ein
heute zeigen, hat jedenfalls vom Verband hatte Infront nicht vor, die Sache aufzu- Anwalt beim DFB gemeldet – wohl im
nie jemand die Verträge zwischen Infront decken. Die Kunden blieben ahnungslos. selben Auftrag, da aber noch mit Gratis-
und den Werbekunden abgezeichnet, auch Gab es nur einen Einzeltäter, der alle hinweisen. Die Infront habe immer wieder
niemand bei Verhandlungen mit am Tisch hintergangen hat? Und kein System In- zusätzliche Flächen, zum Beispiel Werbe-
gesessen – obwohl sich das der DFB hatte front? In einem der geschröpften Konzer- teppiche in den Stadien, genutzt, aber dem
zusichern lassen. Schlimmer: Als der DFB ne spricht man heute von einer »Verschwö- DFB nichts dafür gegeben. Da sei noch ei-
2017 mit der Infront um sechs Monate ver- niges fällig, so der Anwalt. Tatsächlich zahl-
längerte, bis Ende 2018, ließ er ausgerech- * Links: Thilo Kehrer 2018; rechts: İlkay Gündoğan, te Infront dem DFB kürzlich für die Jahre
net diese Passage streichen. Kevin Trapp 2018. 2012 bis 2018 eine Millionensumme nach.

92 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Sport

Im Frühjahr will auch die Commerz- rer Verti kam als Einziger auf 30 Sekun-
bank gemerkt haben, dass ihr Sekunden den. Etwa weil Verti von den geklauten
geklaut wurden, bei der jährlichen Kon- Sekunden profitiert haben könnte? Noch
trolle, was die Werbeverträge bringen und ist nämlich unklar, welchem Werbekunden
ob man sie fortsetzen soll. Empört meldete die Extrasekunden zugeschlagen wurden –
die Bank ihren Verdacht an Infront, setzte und wie dafür bezahlt wurde. Verti will
ein Ultimatum, 24. Mai, man wolle bis da- sich zu Vertragsdetails grundsätzlich nicht
hin eine Erklärung. äußern; »Sonderabsprachen über den Ver-
Aus dem Umfeld der Commerzbank trag hinaus sind uns nicht bekannt«.
heißt es, Infront habe sie auflaufen lassen, Eine weitere Betrugsmasche könnte auf
nur eine Geldsumme als Entschädigung Kosten des DFB gegangen sein: Die Länge
genannt. Wenn die der Bank nicht reiche, der Banden war offenbar ständig ein The-
könne sie ja klagen und sehen, wie weit sie ma; wenn ein paar Meter fehlten, kürzte
damit in der Schweiz komme. Am 24. Mai Infront die Pacht. In 6 von 18 Fällen soll
sei dann ohne Vorwarnung die Presseer- es in Wahrheit keinen Grund für den Ab-
klärung gekommen. Man sei perplex, so zug gegeben haben. Außerdem stießen die
wie das gelaufen sei. DFB-Ermittler auf vier Spiele, bei denen
Infront sagt dazu nichts. Es gehe um ver- zwölf Firmen auf die Bande kamen – eine
trauliche Kundengespräche, und so lange mehr als erlaubt.
die Staatsanwaltschaft ermittle, könne Spitzenleute im DFB glauben Infront
man auch zu den anderen rund 40 Fragen heute kaum noch ein Wort; erst recht glau-
des SPIEGEL und des »Tages-Anzeigers« ben auch sie nicht an einen Einzeltäter,
in der Regel nur auf die bekannte Presse- sondern an ein System. So weit will DFB-
erklärung verweisen. Infront sei Geschä- Generalsekretär Friedrich Curtius noch
digter und habe deshalb Strafanzeige ge- nicht gehen, sagt aber: »Wir haben festge-
gen den Ex-Mitarbeiter gestellt. Im Übri- stellt, dass wir geschädigt wurden, haben
gen halte man sich an »strenge ethische eine externe Firma darauf angesetzt und
Standards« und nehme »Verstöße sehr werden uns alle möglichen Schadenser-
ernst«. Ende der Durchsage. satzansprüche sehr genau anschauen.«
Inzwischen hat Infront Wirtschaftsprü- Der Verband prüft auch seine Chancen,
fer eingeschaltet, die ausrechnen, wie viel aus allen Infront-Verträgen auszusteigen.
Schadensersatz fällig sein soll. Konzerne Bei Länderspielen ist Infront seit 2019
ohnehin nur noch Dienstleister, stellt die
Technik, für vergleichsweise kleines Geld;
Spitzenleute im DFB die Werbeverträge macht der DFB heute
glauben der Firma selbst. Doch der Vertrag für den Pokal,
der dem DFB im Moment mindestens
Infront heute kaum 62,5 Millionen Euro im Jahr garantiert,
noch ein Wort. läuft noch bis 2022.
Die andere Frage, die den Verband be-
schäftigt, ist die nach Komplizen. Warum
haben Briefe bekommen, darin ist von all die betroffenen Konzerne ein Jahrzehnt
»Minderleistungen während der vergange- lang nicht mitgestoppt haben, das müssen
nen zehn Jahre« die Rede, von Januar sie schon selbst klären. Doch warum hat
2009 bis Dezember 2018. Erfahrungs- beim DFB angeblich keiner etwas ge-
gemäß kostete die Bandenminute bei In- merkt? Wegen der heiklen Steuersache?
front um die 20 000 Euro. Die Schweizer Vielleicht. Genauso gut könnte es an
bieten nun kleinere sechsstellige Summen. schlafmützigen, sogar korrupten Angestell-
Der Gesamtschaden soll bei sechs Millio- ten gelegen haben. Im Mai kam es zur
nen liegen; so steht es im Infront-Börsen- ersten Trennung.
prospekt. Damit käme die Firma glimpf- Der Mann hatte sich 2015 ein Fahrrad
lich davon, aber auch an dieser Kalkula- schenken lassen, eine Carbon-Rennmaschi-
tion gibt es Zweifel. Einer der geschädigten ne, sieben Kilogramm, Spezialanfertigung,
Konzerne sieht sich allein schon um eine für rund 12 000 Euro. Er bekam es nicht
Millionensumme beschummelt. unmittelbar von Infront, aber offenbar im
Auftrag des verdächtigen Managers mit
Überall wird nun gerechnet, auch beim dem Haus am See. Angeblich will sich der
DFB. Für den Verband ist die Affäre die DFB-Radler nichts dabei gedacht haben,
nächste Imagekatastrophe. Bei Pokalspie- doch wie eine Mail von 2012 zeigt, hatte
len scheint alles sauber gelaufen zu sein, er direkt mit Infront-Verträgen zu tun,
anders bei der Nationalelf. Mehr als 30 wenn auch nicht als entscheidender Mann.
Herrenspiele seit 2012 haben die Prüfer in Und Gerüchte gibt es nun auch um
einer Stichprobe gesichtet, gleich mehrere teure Uhren. Noch ein ungelöstes Rätsel
Betrugsmaschen zeichnen sich ab: In allen in diesem Krimi.
Spielen bis September 2018 der Sekunden- Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch,
klau – 29 statt 30 Sekunden –, allerdings Jörg Schmitt
mit einer Ausnahme: Der Direktversiche-

93
HOCH ZWEI / IMAGO IMAGES
Grand-Prix-Rennen auf dem Hockenheimring im Juli 2018: »Werden dieses Risiko nicht mehr eingehen«

Letzte Ausfahrt
verkäufe nicht refinanzieren lasse, nicht
ohne potenten Großsponsor oder Unter-
stützung vom Land Baden-Württemberg,
so Seiler: »Wir können und werden dieses
Motorsport Kommende Woche gastiert die Formel 1 womöglich Risiko nicht mehr eingehen.«
Die Formel 1 ist zu teuer geworden.
zum letzten Mal auf dem Hockenheimring. Hockenheim ist nicht allein mit diesem
Die Rennserie setzt auf Rendite statt Tradition. Problem, auch andere Traditionsstandorte
wackeln: Barcelona ist für 2020 nicht ge-
setzt, auch Monza steht noch nicht fest.

Z um Abschluss wird es noch einmal


nostalgisch: Ein Schumacher soll im
Ferrari auf dem Hockenheimring fah-
ren – so wie damals, in den goldenen Zei-
Vielleicht aber beschließt Mick Schuma-
cher im Ferrari nicht nur Seilers Zeit in
Hockenheim. Sondern auch die der For-
mel 1 in Deutschland.
Eine Formel 1 ohne Spanien, ohne Italien,
ohne Deutschland? Ohne jene Länder mit
eigener Autoindustrie, in denen zu Boom-
zeiten auch mal zwei Große Preise in einer
ten der Formel 1, Anfang der 2000er-Jah- »Derzeit gehe ich nicht davon aus, dass Saison ausgetragen wurden?
re. Nur dass diesmal Mick, 20, hinter dem nächstes Jahr hier noch gefahren wird«, Stattdessen: Rennen in Bahrain und
Lenkrad sitzen wird und nicht Michael, sagt Seiler. Vergangenen Montag sitzt er Aserbaidschan, ab 2020 auch in Vietnam;
50, der siebenmalige Weltmeister. in seinem Büro unterhalb der Haupttribü- es soll nach Austin, Texas, ein zweites Ren-
Im F2004, einem 15 Jahre alten Renn- ne und raucht einen Zigarillo, durch einen nen in den USA geben, Miami gilt als aus-
auto seines Vaters, wird Mick Schumacher Lamellenvorhang öffnet sich der Blick auf sichtsreichster Kandidat. Auch Saudi-Ara-
kommendes Wochenende ein paar Run- die Start- und Zielgerade. Ein Kehrwagen bien soll Interesse bekunden. Meist Län-
den drehen, eine Showeinlage vor dem fährt am Fenster vorbei, die Strecke wird der mit wenig Motorsportgeschichte, aber
Großen Preis von Deutschland. Vergan- hergerichtet für die Starpiloten um Welt- umso größerer Investitionsbereitschaft.
genheit trifft Zukunft, der junge Schuma- meister Lewis Hamilton. Die Formel 1 ist eine Milliarden-Dollar-
cher, selbst Nachwuchsfahrer in der For- Drei bis vier Millionen Euro koste die- Maschine. Geführt wurde sie jahrzehnte-
mel 2, verschmilzt für einige Kilometer ses »Drumherum« für das Rennen jedes lang von motorsportbesessenen Männern,
mit dem großen Erbe seines Vaters. Jahr, sagt Seiler – etwa die Streckenposten, die in der Pflege von Tradition auch einen
Der Name Schumacher könnte ein paar die Instandsetzung des Kurses, das Sicher- ökonomischen Wert sahen. Rund 40 Jahre
Besucher mehr an die Strecke locken, heitskonzept. Hinzu kommt die Lizenz- lang leitete der Brite Bernie Ecclestone,
glaubt Georg Seiler. Der Schnauzbart- gebühr für die Formel 1. Wie viel gezahlt 88, die Geschäfte im Stile eines Autokra-
träger ist Geschäftsführer der Hocken- wird, sagt Seiler nicht, es sei aber weniger ten. Er professionalisierte die Vermark-
heim-Ring-GmbH, der Betreibergesell- als im britischen Silverstone. Dort verlän- tung, die Werbung an der Strecke, den
schaft der Rennstrecke; mehr als 40 Jahre gerten die Streckenbetreiber diesen Monat Verkauf der TV-Rechte, die Bewirtung
lang managte er die Anlage in Nordbaden. ihren Vertrag mit der Formel 1 um fünf von VIP-Gästen. Das machte ihn reich, et-
Nun macht sich Seiler, 66, mit dem außer- Jahre, sie sollen jährlich etwa 25 Millionen liche Rennstallbesitzer wohlhabend – und
gewöhnlichen Programmpunkt ein Ab- Dollar zahlen. Ein zweistelliger Millionen- die Autoindustrie zufrieden, weil sie die
schiedsgeschenk, Ende August geht er in betrag dürfte es auch in Hockenheim sein; Rennserie als Marketingbühne nutzen
Ruhestand. eine Summe, die sich allein durch Ticket- konnte.

94 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Sport

Seit September 2016 ist alles anders. In dieser Gemengelage versucht Liberty sind 50 bis 100 Millionen weniger als ak-
Da erwarb Liberty Media für 4,4 Milliar- Media einen Befreiungsschlag. Er soll ge- tuell. Dadurch sollen es auch andere
den Dollar die Vermarktungsrechte der lingen mit dem Start der Saison 2021, wenn Teams wieder aufs Siegerpodest schaffen.
Formel 1 – und schickte Ecclestone fünf die alten, noch von Ecclestone ausgehan- Drei Monate wollen sich Liberty Media,
Monate später in den Ruhestand. Zum delten Verträge zwischen dem Automobil- die Teams und die FIA noch Zeit nehmen,
US-amerikanischen Unterhaltungskonzern weltverband FIA, den Rennställen und der um die neue Formel 1 zu kreieren. Neben
gehören Fernsehsender, Zeitungen, Film- Vermarktungsgesellschaft ausgelaufen sind. der Budgetdeckelung geht es auch um Mo-
studios, auch ein Baseballteam. Liberty Me- Verhandlungsführer für Liberty Media difizierungen bei der Technik, Überhol-
dia ist ein börsennotiertes Unternehmen, ist Chase Carey, 65. Ende der Achtziger- manöver sollen einfacher möglich, die At-
jedes Quartal muss es vor seinen Aktionä- jahre baute er für den Medienmilliardär traktivität für die Fans gesteigert werden.
ren Rechenschaft ablegen. Mit seiner neuen Rupert Murdoch in den USA die Sender- Für Hockenheim-Ring-Geschäftsführer
Tochtergesellschaft Formula One Group kette Fox auf. Carey hat schnell erkannt, Seiler kommen die Reformen wohl zu spät.
schreibt es bislang rote Zahlen; im vergan- dass Formel-1-Rennen seit Jahren weit- Als die Formel 1 in Deutschland boomte,
genen Geschäftsjahr meldete der Bereich gehend vorhersehbar und langweilig sind. wurde die Strecke nahe Heidelberg für
einen Verlust von 110 Millionen Dollar. Mit neuen Regeln will der Amerikaner 62 Millionen Euro modernisiert. Damals
Einem Start-up mögen die Anleger Ver- »wieder einen Sport schaffen, der den meldete Seiler fast jedes Jahr »ausverkauft«,
luste aus dem operativen Geschäft verzei- Wettbewerb besser macht als heute«. rund 80000 Besucher belagerten die Stre-
hen. Doch die Formel 1 ist das Gegenteil Das wichtigste Instrument: In den neu- cke. Doch die Jubeljahre vergingen: 2006
davon. Sie ist eine berühmte Marke, die en Verträgen zwischen FIA, Liberty Media beendete Michael Schumacher seine Ferra-
ihre Legenden pflegt. Die Rennstallbesit- und den Rennställen soll es zu einer De- ri-Karriere, und das Interesse verpuffte.
zer lieben Machtspiele – mögen ihre ckelung der Budgets kommen. In US- 2008 waren es nur noch 67 000 Zu-
Tricks noch so anrüchig sein: Der Zweck, Sportarten ist das ein bewährtes Mittel zur schauer, die Bilanz: 5,3 Millionen Euro Mi-
das Siegen, heiligt die Mittel. Kostenreduzierung, für die Formel 1 ist es nus. 2014 gewann Nico Rosberg den Gro-
Es ist ein Widerstandskampf gegen den eine Revolution. ßen Preis von Deutschland vor nur 52 000
Zeitgeist. »Die Formel 1 steckt kulturell Carey hat ein Jahr lang mit den Renn- Zuschauern, ein Minusrekord.
noch im 20. Jahrhundert«, bekennt der stallbesitzern gerungen, nun scheint eine Die Investitionen in den Ring waren
Manager eines Spitzenteams. Auch des- Lösung in Sicht: Ab 2021 dürfen die fehlgeschlagen. Hockenheim wollte aus-
halb ballen sich die Krisensymptome. Teams, so der aktuelle Verhandlungsstand, steigen. Doch: »Ecclestone ist uns sehr ent-
Neue Sponsoren zu finden ist schon seit einen Grundbetrag von 175 Millionen Dol- gegengekommen«, sagt Seiler. Er nennt
Längerem schwierig. Die beteiligten Auto- lar ausgeben; hinzu kommen die Fahrer- keine Details, sicher ist aber: Der Formel-
konzerne mühen sich, ihren dreistelligen gehälter, 15 Millionen Dollar für Motoren 1-Chef verzichtete etwa auf die ursprüng-
Millionenaufwand zu rechtfertigen. Für sowie einige weitere Ausnahmen. Am lich vereinbarte jährliche Anhebung der
deren Marketingabteilungen kein leichtes Ende werden die drei größten Rennställe Lizenzgebühr.
Unterfangen: Den Kunden sollen sie sau- – Ferrari, Mercedes und Red Bull – wohl Ein Deal, der heute nicht mehr machbar
bere, leise Autos für den Straßenverkehr bis zu 250 Millionen Dollar ausgeben. Das scheint. Die neuen Formel-1-Eigentümer
schmackhaft machen, die das grüne Ge- brauchen Wachstum, bessere Renditen. Das
wissen ansprechen. Und sonntags donnern bedeutet: Strecken, die sich die hohen Ga-
Wagen derselben Hersteller mit Tempo gen nicht leisten können, werden aussortiert.
330 über abgesperrte Strecken, nicht sel- So wie Hockenheim – auch in diesem
ten vor spärlich besetzten Tribünen. Zandvoort Hockenheim Jahr sind die Erwartungen gedämpft, Sei-
Niederlande Deutschland
Auch die Zahl der Fernsehzuschauer ler rechnet mit maximal 65 000 verkauf-
schrumpft. RTL beklagt gegenüber dem Silverstone ten Karten. Sebastian Vettel ist in der WM-
Großbritannien Spielberg
Vorjahr rund 15 Prozent weniger Zuschau- Wertung nahezu chancenlos, Mercedes
er pro Rennen. Firmen wie Porsche, BMW, Spa Österreich dominiert mit Hamilton wie in den Vor-
Jaguar und Audi ziehen die Formel E mit Le Castellet Belgien jahren. Es droht Langeweile. »Ein span-
Budapest
ihren elektrisch betriebenen Rennwagen Frankreich Ungarn nender Titelkampf kann 10 000 Tickets
Monza
der Formel 1 vor. Barcelona Italien extra bedeuten«, sagt Seiler.
Spanien Letztlich ist die Besucherzahl in diesem
Monaco Jahr nicht so wichtig. Die Vereinbarung
Monaco
zwischen Hockenheim und Liberty Media
beinhalte kein Risiko für den Strecken-
betreiber, so Seiler. Eine Ausnahme,
Sotschi
Russland schließlich war Hockenheim kurzfristig
Austin Montreal Shanghai
Kanada eingesprungen, eigentlich sollte schon
USA Baku China Suzuka 2019 in Miami gefahren werden.
Aserbaidschan Japan
As-Sachir Ein erneutes Entgegenkommen von
Abu Dhabi Hanoi Liberty Media kann sich Georg Seiler
Mexiko-Stadt Bahrain Vereinigte Vietnam aber nicht vorstellen: »Fakt ist, dass die
Mexiko Arabische
Emirate Formel 1 an anderen Standorten wesent-
Singapur lich mehr verdienen kann.«
Singapur
São Paulo Am südlichen Ortsausgang von Hocken-
heim verabschiedet ein Schild die Besu-
Renner Brasilien
cher: »Auf Wiedersehen in der Rennstadt
auf Reisen Hockenheim«. Für die Formel 1 wird es
Formel-1-Austragungsorte Saison 2019 und länger wohl kein Wiedersehen mehr geben.
Saison 2019, ab 2020 fraglich Melbourne Thilo Neumann, Alfred Weinzierl
Stand: 18. Juli neu ab 2020 Australien

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von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrags verlangen. Es gelten dabei die mit meinem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen.
Wissenschaft+Technik
Die bestrahlten Männchen lebten sogar länger als die unbestrahlten. ‣ S. 100

OWEN HUMPHREYS / PICTURE ALLIANCE / DPA


Wie geisterhafte Schleier segeln »leuchtende Nachtwolken« über dem Hadrianswall im Norden Englands. Sie
bestehen aus winzigen Eiskristallen, und weil sie in rund 80 Kilometer Höhe schweben, reflektieren sie
auch dann noch das Sonnenlicht, wenn es am Boden längst dunkel ist. Die wunderschöne Himmelserscheinung
tritt häufiger und südlicher auf als früher, vielleicht bedingt durch mehr Methan in der Atmosphäre.

Einwurf

Störanfällige Satelliten
Warum wir uns nicht nur auf weltraumgestützte Navigationssysteme verlassen sollten

Vor 50 Jahren betraten Amerikaner den Mond. Europa begeht die- der verschoben. Eigentlich sollte Galileo schon 2008 fertig sein,
se Sternstunde der Raumfahrt auf eigene Weise – mit einem Flop. nun sollen die Satelliten noch bis 2020 im Probebetrieb arbeiten.
Mitte Juli fiel das derzeit noch im Testbetrieb laufende europäische Die technische Panne demonstriert einmal mehr, wie störanfällig
Navigationssystem Galileo aus, ein Konkurrenzsystem zum ame- die Satellitennavigation ist. Immer wieder werden GPS-Signale
rikanischen GPS. Eine Woche lang trudelten die Navigations- blockiert oder verfälscht, dazu reichen teils billige Störsender aus
satelliten nutzlos um die Erde, tagelang blockte der Betreiber GSA dem Elektronikfachhandel. Die Satellitensignale sind schwach,
Nachfragen ab. Grund für den Ausfall sei ein »technischer Vorfall weil sie aus über 20000 Kilometer Höhe zu den Empfängern am
in Zusammenhang mit der Boden-Infrastruktur«, hieß es zunächst Boden gesendet werden. Dabei gäbe es eigentlich ein erprobtes
nichtssagend. Seit Donnerstag lief der Betrieb wieder halbwegs, Back-up-System: die gute alte Funknavigation »Loran«, die seit
vorerst aber mit der Warnung: »Potential Instability«. dem Zweiten Weltkrieg zuverlässig arbeitet, mit Funkstationen, die
Die Grundidee hinter Galileo bleibt richtig: Europa braucht ein vom Boden aus mit 200 Meter hohen Antennen Signale senden,
eigenes Navigationssystem, das unabhängig ist vom amerikani- etwas ungenauer, aber billig und fast unkaputtbar. Doch allenthal-
schen GPS, vom russischen Glonass, von indischen oder chinesi- ben werden die »Loran«-Stationen eingemottet, schließlich haben
schen Satelliten. Doch leider geschieht in diesem Fall, was bei wir ja unsere schicke neue Satellitennavigation. Wie Hohn klingt
Großprojekten dieser Art häufig passiert: Die Kosten explodieren nach dem Totalausfall die Werbung der Galileo-Betreiber: »Was
auf mehr als zehn Milliarden Euro, der Zeitplan wird immer wie- wir machen, machen wir richtig.« Hilmar Schmundt

98 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Demografie
SPIEGEL: Hilft die gezielte Anwerbung Ihre Berufstätigkeit hat einen viel stärke-
»Die wichtige Rolle ausländischer Fachkräfte nach kanadi- ren Einfluss auf den Arbeitsmarkt als
schem Vorbild? Immigration oder Geburtenrate.
der Frauen wurde Gailey: Kaum. Wir haben das genau SPIEGEL: Gibt es Länder, die ein Vorbild
durchgerechnet. Selbst wenn wir die Ein- für alle Europäer sein können?
übersehen« wanderungsrate auf vier Millionen Ein-
wanderer pro Jahr verdoppeln würden,
Gailey: In Schweden ist die Teilnahme der
Frauen am Arbeitsmarkt recht hoch.
Nicholas Gailey, 27, bliebe das Problem der Überalterung – Wenn sich die EU-Mitgliedstaaten schritt-
Demograf am Wittgen- auch die Immigranten werden ja irgend- weise daran orientieren würden, könnten
stein Centre in Wien, hat wann alt. Im Ergebnis müssten 100 Arbei- sich die Abhängigenzahlen in etwa auf
eine neue Prognose zur tende selbst dann immer noch rund dem heutigen Niveau stabilisieren. Jede
Bevölkerungsentwick- 127 Nichtberufstätige versorgen. erwerbstätige Person müsste dann nur
lung in Europa mit- SPIEGEL: Also muss die Geburtenziffer eine abhängige Person finanzieren. HIL
erstellt. Sein Befund: hoch durch Familienförderung?
Weder Familienförde- Gailey: Leider bringt auch das wenig,
rung noch Einwanderung reichen aus, selbst wenn wir die Geburtenrate um,
um die Probleme der Überalterung abzu- sagen wir, etwa 50 Prozent steigern könn- Fußnote

42
federn – es gibt eine bessere Lösung. ten. Wir würden selbst mit extrem
unwahrscheinlichen 2,6 Kindern pro Frau
SPIEGEL: Herr Gailey, Europa vergreist. lediglich bei einem Verhältnis von 100
Vor 40 Jahren lag der Anteil der über 65- arbeitenden zu 130 von ihnen abhängigen
Jährigen in der EU bei etwa 13 Prozent, Menschen landen.
bis 2060 dürfte er sich nach Ihrer aktuel- SPIEGEL: Gibt es einen Ausweg? bestätigte Polio-Fälle traten in diesem
len Studie mehr als verdoppeln, auf 32 Gailey: Europa muss auf den Erfolgen der Jahr in Afghanistan und Pakistan
Prozent. Was bedeutet das? Vergangenheit aufbauen. Das bedeutet: durch die Wildvariante des Virus auf.
Gailey: Die Bevölkerung im arbeitsfähi- die Fortschritte bei der Bildung ausbauen; Die Zahl der Erkrankungen hat sich
gen Alter schrumpft im Vergleich zu 2015 entscheidend aber ist es, speziell die demnach gegenüber dem gleichen Vor-
um etwa 16 Prozent, wenn sich die derzei- Arbeitskraft von Frauen zu steigern. jahreszeitraum verdreifacht – ein
tigen Trends unverändert fortsetzen. Die SPIEGEL: Die Gleichberechtigung am Alarmsignal. Gründe für die Zunahme
Zahl der Senioren nimmt gleichzeitig zu. Arbeitsplatz wäre demnach nicht eine sind Angstkampagnen gegen die
Heute müssen 100 Erwerbstätige rund feministische Forderung, sondern eine Impfung und Impfverbote durch die
108 Kinder und Alte versorgen, im Jahr demografische Notwendigkeit? Taliban. Dabei stand die Kinder-
2060 dagegen müssten sie 133 Menschen Gailey: Frauen spielen eine enorm wichti- lähmung dank einer weltweiten Kam-
versorgen. ge Rolle, das wurde bislang oft übersehen. pagne schon kurz vor der Ausrottung.

Biologie 17 Exemplare 305 Stunden lang beobach- Nachwuchs in Bewegung setzten. Von
Flüstern und Schubbern tet und mehr als 1400 Kratzepisoden ana- Bonobos sind ähnliche Verhaltensweisen
lysiert, wobei ihnen auffiel, dass das bekannt. Nun fragen sich die Biologen: Ist
 Tarnen, Tricksen, Täuschen sind auch kommunikative Kratzen oft bei Weibchen die schubbernde »Verschlüsselung« ange-
im Tierreich weitverbreitet. Wale zum auftrat, kurz bevor sie sich mit ihrem boren – oder kulturell »erlernt«? HIL
Beispiel, bekannt für ihre seemeilenweit
tragenden »Gesänge«, können auch leise:
Mütter und Kälber »flüstern« bisweilen
mit ganz wenigen, ganz leisen Grunzern
miteinander, die nur wenige Meter weit
hörbar sind im Rauschen der Brandung.
Warum so dezent? Vielleicht um Fressfein-
de wie die Orcas nicht auf sich aufmerk-
sam zu machen, spekulieren dänische Wis-
senschaftler. Ähnlich geschickt scheinen
FIONA ROGERS / MINDEN PICTURES / PICTURE ALLIANCE / DPA

Orang-Utans vorzugehen, wenn sie etwas


mitteilen, aber nicht auffallen wollen im
Dschungel, sei es aus Angst vor Fressfein-
den, sei es vor aufdringlichen Männchen.
Wenn es Zeit ist weiterzuziehen, rufen die
Affenmütter nicht nach ihren Kleinen,
sondern kratzen einfach laut und anhal-
tend auf ihrer ledrigen Haut herum – und
ihr Nachwuchs eilt herbei. Dieser unauf-
fälligen Kommunikation sind Forscher um
die Biologin Marlen Fröhlich von der
Uni Zürich nachgegangen und berichten
darüber in der Zeitschrift »Biology Let-
ters«. Die Forscher hatten auf Sumatra Orang-Utan-Weibchen mit Nachwuchs auf Sumatra

99
Wissenschaft

»Blindes Vertrauen«
Medizin Schadet 5G-Strahlung der Gesundheit? Während die Mobilfunkindustrie damit beginnt,
die neuen Handynetze aufzubauen, warnen Kritiker vor einem riskanten
Großversuch am Menschen. Doch die Hinweise auf mögliche Gefahren sind nicht sehr überzeugend.

ROMUALD MEIGNEUX / SIPA PRESS / ACTION PRESS

5G-Antenne in Testkammer: Vision einer komplett vernetzten Gesellschaft

100
N
oemi Ristau fährt gern steile Pis- Umweltverträglichkeit an der Uniklinik in Auf der anderen Seite des Spektrums
ten hinab und kann dabei fast Aachen. gibt es längerwellige und damit energie-
nichts sehen. Normalerweise Die Krebsforschungsagentur der Welt- ärmere Strahlung als das Licht. Dazu ge-
kommt die paralympische Ski- gesundheitsorganisation hingegen stuft hören Radiowellen, Infrarotstrahlung und
läuferin nur deshalb ans Ziel, weil eine hochfrequente elektromagnetische Felder eben auch Mikrowellen. Diese Strahlung
Helferin vor ihr herfährt und Anweisun- schon seit 2011 zumindest als »möglicher- erzeugt bei hoher Intensität Wärme, ein
gen zuruft. Doch an diesem Tag will Ristau weise krebserregend« ein – ähnlich wie Effekt, der beim Mikrowellenofen in der
ganz allein eine Abfahrt meistern, und das Aloe vera. Die Deutsche Sektion der In- heimischen Küche genutzt wird, um Spei-
mit zwei Prozent Sehkraft. ternationalen Ärzte für die Verhütung des sen zu garen. Auch Handys funken im
»Three, two, one, ready, go«, wird ihr Atomkrieges warnt, die Mobilfunktechno- Mikrowellenbereich, aber mit viel gerin-
der Countdown über ein Headset in ihrem logie stehe »im dringenden Verdacht, un- gerer Leistung. Um die digitalen Informa-
Helm zugespielt. Die fast blinde Sportlerin sere Gesundheit zu schädigen«. tionen effektiv zu übertragen, ist die Strah-
stürzt sich, ohne zu zögern, den Hang In Städten wie Brüssel oder im Kanton lung zudem oft gepulst.
hinunter und fährt auf das erste Tor zu. Genf gibt es bereits Moratorien gegen Schon früh untersuchten Forscher, wie
»Uuuuuuund hopp«, spricht ihre Team- 5G. Und im Internet überbieten sich die stark ein Handy am Ohr den Kopf er-
kollegin Paula Brenzel ins Ohr, die das Kritiker mit geharnischten Kommentaren, hitzt, und legten Grenzwerte fest. Um
Rennen über eine Kamera auf Ristaus häufig an der Grenze zur Verschwörungs- Schäden auszuschließen, dürfen Handys
Helm verfolgt. Die Skiläuferin legt sich in theorie. in Deutschland das Gewebe mit höchstens
die Kurve. Schnee spritzt zur Seite. Weiter Der Aufbau von 5G sei »ein Verbre- zwei Watt pro Kilogramm erwärmen.
geht es in nervenaufreibender Geschwin- chen« und »ein Experiment mit der Handelsübliche Mobiltelefone halten die-
digkeit. Ein harmloser Fehler, eine winzige Menschheit und der Umwelt«, heißt es sen Grenzwert locker ein.
Verzögerung in der Datenüber- Kritiker befürchten jedoch,
tragung zwischen Skiläuferin dass die Handystrahlung ne-
und Helferin – und Ristau ben der thermischen Wirkung
könnte stürzen und sich schwer noch andere, gefährlichere Fol-
verletzen. gen für den menschlichen Kör-
Doch das Experiment ge- per haben könnte – von Schlaf-
lingt, die Athletin erreicht das störungen und Kopfschmerzen
Ziel. Dank des Einsatzes der über eine Schädigung der
Mobilfunktechnik 5G. Fruchtbarkeit bis hin zu Krebs-
Die Szene aus einem Video leiden.
der Firma Vodafone gehört zur Jörn Gutbier von der Ver-
aktuellen Werbeoffensive der braucherorganisation Diagnose
Netzbetreiber für den neuen Funk etwa hält die Handy-
Mobilfunkstandard. Seit der technik generell für einen Groß-
Bund Mitte Juni erste 5G-Fre- versuch am Menschen. Die All-
quenzen für 6,55 Milliarden gegenwart der Strahlung de-
VODAFONE

Euro versteigert hat, mühen monstriert er gern, indem er mit


sich die Auktionsgewinner einem Empfänger um die Häu-
Deutsche Telekom, Vodafone, ser zieht und die Frequenzen
Telefónica und 1&1 Drillisch, Skiläuferin Ristau mit 5G-Helm der verschiedenen Mobilfunk-
die Technik in höchsten Tönen »Uuuuuuund hopp« netze hörbar macht, eine Kako-
anzupreisen. fonie knatternder Piepslaute.
Vielseitig und vor allem superschnell etwa in einer Petition des US-Anti-Elek- »Mit 5G wird es zu einer weiteren Ver-
soll 5G sein und die Smartphones, Tablets, trosmog-Aktivisten Arthur Firstenberg. dichtung der Sendeanlagen kommen, die
Autos, Roboter, Maschinen und Alltags- Mehr als 100 000 »Wissenschaftler, Um- zwar weniger Leistung haben, aber die
gegenstände der Welt in ein universelles weltschutzorganisationen und Bürger« hät- Gesamtstrahlenbelastung noch erhöhen
Netzwerk einbinden, in dem am Ende jede ten den Text im Internet unterzeichnet. werden«, glaubt der Aktivist. In Bus-
Kaffeedose ihren Füllstand an das Internet Doch sind die Befürchtungen begrün- wartehäuschen, Werbetafeln oder Later-
meldet und HD-Filme binnen wenigen Se- det? Gibt es wirklich ernsthafte Hinweise, nenmasten könnten die Basisstationen
kunden heruntergeladen werden können. dass die Mobilfunkindustrie eine Gesund- künftig installiert werden. Zudem seien
Die Firmen entwerfen die Vision einer heitskrise heraufbeschwört? neue Antennentypen geplant, die den
komplett vernetzten Gesellschaft und hof- Zunächst einmal: Elektromagnetische Mikrowellenstrahl »zielgerichtet auf ein-
fen dabei auf begeisterte Nutzer. »Blindes Strahlung ist allgegenwärtig und gehört zu zelne Nutzer ausrichten können. Mit un-
Vertrauen in das Giganetz« ist der Vodafo- unserer natürlichen Umwelt. Ein Teil da- serem Wissen zur Gefährlichkeit der
ne-Spot mit der Athletin Ristau überschrie- von heißt Licht und überflutet mit Wellen- Mikrowellentechnik müsste die Politik
ben. In den Ohren von Datenschützern längen zwischen 380 und 780 Nanometern eigentlich alles tun, um den vorhandenen
klingen solche Slogans wie Hohn. Doch ne- die Welt. Kurzwelligere Strahlung wie UV- Strahlungspegel zu senken«, behauptet
ben der Sorge um die Privatsphäre birgt Licht, Röntgenstrahlung oder radioaktive Gutbier.
die neue Technik womöglich noch weitere Gammastrahlung ist zweifellos gefährlich. Vor allem zwei Studien aus jüngster Zeit
Risiken: Schadet 5G der Gesundheit? Sie kann Atomen einzelne Elektronen ent- scheinen die Sorgen der Mobilfunkkritiker
»Zusammengefasst besteht nach derzei- reißen, chemische Bindungen aufbrechen vordergründig zu bestätigen. Im Novem-
tigem Kenntnisstand unterhalb der emp- und auf diese Weise Zellschäden verursa- ber 2018 veröffentlichte das National To-
fohlenen Grenzwerte kein gesundheit- chen. Zu viel UV-Licht kann zum Beispiel xicology Program (NTP) des US Depart-
liches Risiko dieser hochfrequenten Hautkrebs auslösen. Bei Röntgen- oder ment of Health and Human Services eine
Felder«, sagt Sarah Drießen vom For- Gammastrahlung sind die möglichen ge- Arbeit, in der Ratten und Mäuse bis zu
schungszentrum für Elektro-Magnetische sundheitlichen Schäden weit drastischer. zwei Jahre lang täglich mehrere Stunden

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 101


In der neuen Datenwelt Für das 5G-Mobilfunknetz benötigte Frequenzspektren und ihre Anwendungen
5G-Funkzellen
700 Megahertz 3,5 Gigahertz 26 Gigahertz
Durch große Reichweite für Größere Bandbreite mit Kapazität für eine Sehr hohe Datenkapazität. Nachteil: geringe Reichweite.
eine flächendeckende Grund- Vielzahl von Geräten. Installation etwa auf Sender müssen zur lokalen Versorgung in
versorgung geeignet. Bürogebäuden oder an Bahnlinien. großer Zahl installiert werden. Skeptiker
befürchten Gesundheitsgefahren, vor
allem bei zielgerichteter Abstrahlung.
Installationen für Groß-
veranstaltungen mit
Tausenden Nutzern
intelligente Stromversorgungsnetze

»Car-to-X«-
Kommunikation

immer wieder Mobilfunkwellen ausge- für Strahlenschutz (BfS), »methodische duktion hochreaktiver Stoffe in ein bio-
setzt wurden. Nur bei männlichen Ratten Schwächen und Inkonsistenzen«. Die Er- chemisches Ungleichgewicht geraten. In
erhöhte sich dadurch die Wahrscheinlich- gebnisse seien nicht »auf die im Lebens- der Folge kann es zu Schäden an Zell-
keit, Tumoren am Herzen zu entwickeln. alltag des Menschen auftretenden Mobil- membranen, Organellen und am Erbgut
Andererseits lebten die bestrahlten Männ- funkexpositionen übertragbar«. kommen.
chen sogar länger als die unbestrahlten – »Bei der NTP-Studie sind die Mobilfunk- Doch ist die energiearme Mobilfunk-
was zeigt, welche kuriosen Effekte bei sol- expositionen unrealistisch hoch gewählt«, strahlung tatsächlich imstande, solchen oxi-
chen Studien auftreten können. sagt Gunde Ziegelberger, beim BfS zustän- dativen Stress auszulösen, wie Kritiker ver-
Eine Studie des italienischen Ramazzini- dig für das Fachgebiet »elektrische, mag- muten? Ziegelberger ist skeptisch. Zwar
Instituts in Bologna kam 2018 zu ähn- netische und elektromagnetische Felder«. gebe es viele Studien zu dem Thema. Diese
lichen Ergebnissen. Zudem berichteten die Vor allem aber fehle ein schlüssiger biolo- wiesen jedoch überwiegend methodische
italienischen Forscher, dass Handystrahlen gischer Mechanismus, wie genau Handy- Schwächen auf und ließen »keine abschlie-
möglicherweise auch Hirntumoren bei Rat- strahlung Krebs oder andere Krankheiten ßende Bewertung zu«.
ten auslösen können. auslösen könnte. Gutbier erkennt darin eine bekannte
Andere Fachartikel scheinen zumindest »Die Energie der Mikrowellen reicht Strategie, missliebige Studien schlechtzu-
in Tierversuchen zu belegen, dass das nicht aus, um zum Beispiel Strangbrüche machen und kritische Forscher zu diskre-
Wachstum bereits vorhandener Krebs- in der DNA auszulösen«, sagt die Bio- ditieren. »Zu behaupten, wir hätten kein
geschwülste durch dauerhafte Handy- login. Auch Zellschäden durch sogenann- klares Risiko durch Mobilfunkstrahlung,
strahlung angefeuert wird. Gepulste Mi- ten oxidativen Stress hält Ziegelberger für ist eine wissenschaftliche Fehlleistung«,
krowellenstrahlung steht zudem laut Ver- unwahrscheinlich. Oxidativer Stress ent- findet der Anti-Mobilfunk-Aktivist, »zu
braucherschützern wie Diagnose Funk im steht, wenn Zellen durch eine Überpro- 5G gibt es bis heute keine Technikfolgen-
Verdacht, Spermienqualität und Embryo- abschätzung der Bundesregierung; das ist
nalentwicklung zu beeinflussen. der eigentliche Skandal.«
Doch viele dieser Ergebnisse sagen Der Streit um die Handystrahlung ist so
wenig über die Wirkung beim Menschen »Wir suchen eine alt wie die Geräte selbst. Das Problem da-
aus und sind in der Fachwelt hoch umstrit- schwarze Katze in einem bei: Viele Studien müssen vage bleiben,
ten. Bei der oben genannten amerikani- weil sich die Versuchsbedingungen schwer
schen NTP-Studie etwa rügt die in Deutsch- dunklen Raum, ohne kontrollieren lassen. Mobilfunkwellen sind
land zuständige Behörde, das Bundesamt zu wissen, ob sie da ist.« längst allgegenwärtig. Eine unbelastete

102 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Wissenschaft IN DER SPIEGEL-APP

Kontrollgruppe lässt sich daher kaum fläche absorbiert. Deshalb müssten vor al-
mehr finden und untersuchen. lem mögliche Auswirkungen auf Haut und
Auch manche Forscher raten zumindest Augen genauer untersucht werden.
zur Vorsicht. »5G führt zu einer massiven Entsprechende Studien hat das BfS be-
Zunahme der Zwangsexposition«, heißt reits auf den Weg gebracht. Bis 2021 soll
es beispielsweise in einem Appell an die die »Gesamtexposition des Menschen
EU-Kommission, den mehr als 240 Wis- durch zusätzliche 5G-Mobilfunktechnolo-
senschaftler und Ärzte aus 42 Ländern un- gien« abgeschätzt werden. Bis 2022 ist ein

TOMASO CLAVARINO
terzeichnet haben. Federführend stammt Report zu den Wirkungen von 5G »auf
das Papier von dem schwedischen Onko- die Zellen der Körperoberfläche« geplant.
logen Lennart Hardell. Zusammen mit den Eine Übersichtsstudie zu der Frage, ob
Kollegen fordert er ein sofortiges 5G-Mo- Handystrahlung oxidativen Stress in Zel-
ratorium. Hochfrequente elektromagneti- len auslösen kann, sei ebenso in Ausschrei-
sche Felder seien »für Mensch und Umwelt bung, berichtet Ziegelberger.
schädlich«. »Es wäre unwissenschaftlich, etwas von
Die US-Strahlenexperten Shearwood vornherein auszuschließen«, sagt die For-
McClelland und Jerry Jaboin von der Ore- scherin. Um die Technologie abschließend
gon Health and Science University wiede- zu beurteilen, sei es noch zu früh, da sich
rum warnen im »International Journal of beispielsweise Krebserkrankungen über
Radiation Oncology« vor der Technik. Zeiträume von 20 bis 30 Jahren entwickel-
Durch 5G könne es zu einer »Verdopp- ten. Böse Überraschungen erwartet Zie-
lung« der Strahlenbelastung kommen. gelberger am Ende allerdings nicht: »Letzt-
»Die Strahlungssicherheit von 5G: be- lich suchen wir eine schwarze Katze in
ruhigend oder russisches Roulette?«, über- einem dunklen Raum, ohne zu wissen, ob
schreiben die Ärzte ihren Kommentar. sie überhaupt da ist.«
»Was ist die Rolle von uns Medizinern in So muss die Frage, in welchem Umfang
dieser Sache?«, fragen McClelland und 5G künftig genutzt wird, einstweilen vor
Jaboin. »Sollen wir stillhalten, oder tragen allem politisch beantwortet werden. Die
wir Verantwortung dafür zu verhindern, meisten Nutzer scheinen mögliche Gefah-
dass allein Unternehmensgewinne über ren ohnehin eher als akzeptables Zivilisa-
die akzeptable Strahlungsexposition ent- tionsrisiko zu bewerten – vergleichbar
scheiden?« dem Autoverkehr.
Die Kritiker raten folglich dazu, die Die Politik wiederum sieht den Ausbau
Strahlenbelastung in der Umwelt zu mini- der Netze vor allem als Investition in den
mieren und die Grenzwerte erneut zu Industriestandort. Wer bei 5G vorn liegt,
überprüfen. »Aufgrund der weitverbreite- sichert sich einen Wettbewerbsvorteil auf
ten Handynutzung würde selbst ein nur Jahre. Nicht auszuschließen, dass Gesund-
leicht erhöhtes Krebsrisiko ernste Folgen
für die öffentliche Gesundheit haben«,
heitsbedenken sogar politisch instrumen-
talisiert werden, um ganz andere Ziele zu
Nackter Berg
warnt auch der Toxikologe Ronald Mel- erreichen. Wenn der Sommer kommt, zeigen
nick, der die NTP-Studie konzipiert hat. In den USA zum Beispiel schürt derzeit sich die Narben, die sonst der Schnee
Jede neue Technik müsse ausgiebig getes- das russische TV-Netzwerk RT America
verdeckt: verödete Hänge, verrostete
tet werden – und zwar vor ihrer flächen- die Ängste vor 5G. »Ein gefährliches Ex-
deckenden Anwendung. periment mit der Menschheit« hieß ein Gerippe von Sesselliften, bröckelnde
Ist die Einführung von 5G also doch ein Bericht. Hütten. Die italienischen Alpen waren
Großexperiment mit ungewissem Aus- Ist Russland besorgt um die Gesundheit mal ein Boom-Ort für Touristen.
gang? So einfach ist das nicht. Die bislang der Amerikaner? Wohl kaum. Analysten Aber der Klimawandel und Fehlinves-
versteigerten Frequenzen liegen relativ sehen die RT-America-Kampagne vielmehr titionen haben Hunderte Orte in
nah an jenen, die bereits heute für Handys als geopolitischen Schachzug des russischen der Gegend zu Friedhöfen voller Stahl-
genutzt werden. Und eine Krebsepidemie Präsidenten Wladimir Putin, analysiert die kabel, Beton und verlassener Hotels
in der Bevölkerung ist bislang nicht er- »New York Times«. Russland habe Mühe, gemacht. Ist die Region noch zu
kennbar. mit der technischen Entwicklung Schritt zu retten?
Aber wie steht es mit der nächsten Aus- halten, und versuche deshalb, den Fort-
baustufe der Übertragungstechnik? Künf- schritt im Westen auszubremsen.
Sehen Sie die Fotostory im
tig sollen auch höherfrequente Mikrowel- In Russland selbst hört sich das denn
len zwischen 24 und 86 Gigahertz für den auch ganz anders an. Am 20. Februar ord- digitalen SPIEGEL, oder scannen Sie
Mobilfunk genutzt werden. Sie können nete Putin den Aufbau des russischen 5G- den QR-Code.
mehr Daten in kürzerer Zeit übertragen Netzes an. »Wir müssen nach vorn schau-
und wären beispielsweise geeignet, Orte en«, verkündete der Präsident.
mit besonders hohem Nutzeraufkommen Philip Bethge
zu versorgen.
Für diesen Frequenzbereich sieht das
BfS ebenfalls noch Forschungsbedarf. Animation
Was ist 5G?
Ȇber 20 Gigahertz haben wir bisher nur
eine schwache wissenschaftliche Datenla- spiegel.de/sp3020195g
ge«, bestätigt Ziegelberger. Solche Strah- oder in der App DER SPIEGEL
lung werde sehr nah an der Körperober- JETZT DIGITAL LESEN

103
Wissenschaft

und es ist festgelegt, dass die Leihmutter

»Ein Kind, drei Mütter« nur eine Aufwandsentschädigung erhalten


darf. Darunter fallen etwa die Kosten für
die medizinische Behandlung, Ausgaben
für Schwangerschaftskleider, Fahrten zum
Ethik Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Gynäkologen oder kleinere Geschenke.
Die Familientherapeutin Petra Thorn setzt sich für eine Lockerung Auch ein Verdienstausfall darf ersetzt wer-
des Gesetzes ein – jedoch unter strengen Regeln. den. Jegliche Bezahlung darüber hinaus
ist jedoch verboten. Das ist ein guter An-
satz. Keinesfalls sollte aus der Leihmutter-
In ihrer Praxis in Mörfelden- ein. Diese Paare haben alle anderen Mög- schaft ein Geschäft gemacht werden.
Walldorf bei Frankfurt am lichkeiten ausgeschöpft, haben zum Teil SPIEGEL: Das hört sich an, als ob sich da
Main berät die Sozialthe- künstliche Befruchtungen hinter sich und eine klare Grenze ziehen ließe. Schon bei
rapeutin Thorn Paare, die sich erfolglos um eine Adoption bemüht. einer Eizellspende fällt es schwer, eine an-
auf natürlichem Weg keine Sie haben viel Respekt vor der Aufgabe gemessene Entschädigung festzulegen. Ist
Kinder bekommen können. der Leihmutter und stehen ihr sehr wohl- die Gefahr nicht groß, dass Leihmütter
Sie wünscht sich, dass in wollend gegenüber. doch ausgebeutet werden?
der Öffentlichkeit breiter über umstrittene SPIEGEL: Wie läuft eine Leihmutterschaft Thorn: Der Übergang zwischen einem
Methoden der Reproduktionsmedizin disku- ab? eher altruistischen und einem kommerziel-
tiert wird. Thorn, 58, ist Mitglied des Deut- Thorn: Zunächst müssen die Paare ein len Modell der Leihmutterschaft ist tat-
schen Ethikrats. Land wählen, in dem eine solche medizi- sächlich fließend. Wie viel Geld soll etwa
nische Behandlung stattfinden darf. Wenn eine Frau als Kompensation erhalten, die
SPIEGEL: Frau Thorn, Leihmutterschaft ist die Wunschmutter selbst Eizellen hat, wer- als Selbstständige arbeitet und ihre Arbeit
in vielen Ländern erlaubt. In den Augen den diese entnommen und mit den Sper- für die Schwangerschaft unterbricht? Strin-
von Kritikern steht sie für eine Gesell- mien des Vaters im Labor befruchtet. Hat gente Regeln zu erlassen, das wird nicht
schaft, in der sich einige Reiche alles kau- sie keine Eizellen, werden meist die Keim- einfach, ist aber möglich. Wir könnten
fen können – selbst ein Kind. Warum wol- zellen einer Spenderin genommen, einer etwa die Zahl der Schwangerschaften be-
len Sie das in Deutschland geltende Verbot dritten Frau. In diesem Fall hat das Kind grenzen – oder private Vermittlungsagen-
lockern? drei Mütter: Von einer stammen die Gene, turen verbieten. In Australien unterstützt
Thorn: Eine Leihmutterschaft kann für al- eine trägt es aus, und eine zieht es auf. beispielsweise eine Behörde die Wunsch-
le Beteiligten ein Gewinn sein: für die SPIEGEL: Hat jeder Mensch das Recht auf eltern bei der Suche nach einer Leihmutter.
Wunscheltern, die Leihmutter, deren Fa- ein eigenes Kind? SPIEGEL: Wenn eine Frau nichts daran ver-
milie und das Kind. Dennoch gibt es natür- Thorn: Ein solches Recht kann es nicht dient, warum sollte sie sich darauf einlas-
lich Risiken. Deshalb müssten wir strikte geben. Was auch immer ein Paar tut: Nie- sen, ein fremdes Kind auszutragen?
Regeln aufstellen. mand kann garantieren, dass es am Ende Thorn: Es gibt Frauen, die sagen sich: Ich
SPIEGEL: Gerade in Deutschland sind die tatsächlich ein Kind bekommt. Aber die habe meine Schwangerschaften gut vertra-
Bedenken groß. Freiheit zur Fortpflanzung, auch mit gen und weiß, dass manche Paare nur auf
Thorn: In der Tat dürfen wir das nicht medizinischer Hilfe, ist ein hohes Gut. Wer diesem Weg ein Kind bekommen können.
überstürzen. Wenn ich mit Kollegen und sie einschränken möchte, muss einen Also stelle ich mich zur Verfügung. Sie füh-
Bekannten spreche, merke ich, dass viele guten Grund dafür finden. len sich gut, wenn sie einem anderen Paar
bei Leihmutterschaft eine Grenze ziehen. SPIEGEL: Müssen wir alles erlauben, was helfen können. Natürlich wollen sie sich
Deshalb ist es wichtig, aufzuklären und technisch machbar ist? ihre Aufwendungen erstatten lassen, das
die Ängste zu nehmen. In Ländern, in de- Thorn: Nein. Wir dürfen keine Methoden passiert ja auch bei einer Samen- oder Ei-
nen ein strenges Regelwerk erlassen wur- zulassen, bei denen eine dritte Person zu zellspende. Niemand nimmt eine Schwan-
de, sind die Zahlen von Leihmüttern nicht Schaden kommen oder ausgenutzt werden gerschaft ganz uneigennützig auf sich.
sprunghaft angestiegen. In Australien und kann. Daher müssen wir gut abwägen, wie SPIEGEL: Schwierig wird es, wenn wäh-
Neuseeland gab es im Jahr 2016 zusam- groß die Risiken für die Leihmutter sind – rend der Schwangerschaft Komplikationen
men 59 Schwangerschaften, dort ist keine bei der medizinischen Behandlung, der auftreten. Was geschieht, wenn Ärzte bei
Leihmutterindustrie entstanden. Wir hö- Schwangerschaft, der Geburt und auch für dem Ungeborenen eine Behinderung fest-
ren von einer Leihmutterschaft fast immer die Psyche. Sie muss auch 20 Jahre danach stellen – und die Wunscheltern auf eine
nur, wenn sie problematisch endet: Die noch mit ihrer Entscheidung zurechtkom- Abtreibung drängen, die Leihmutter je-
Eltern wollen ein Kind nicht abholen, weil men. Die Leihmutter ist die verletzlichste doch strikt dagegen ist?
es eine Behinderung hat – oder das falsche Person in dieser Vereinbarung. Sie müssen Thorn: Eine psychosoziale Begleitung so-
Geschlecht. Das sind natürlich dramati- wir am besten schützen. wohl der Wunscheltern als auch der Leih-
sche Situationen. Über die vielen gelunge- SPIEGEL: Wie sähe eine akzeptable Rege- mutter muss Pflicht sein. Dabei sollten die
nen Fälle wird dagegen selten berichtet. lung aus? Parteien kritische Punkte ansprechen: Wie
SPIEGEL: Welche Erfahrung machen Sie Thorn: Wir könnten uns an Ländern wie stehen sie zur Pränataldiagnostik? Wie ge-
mit Paaren, die im Ausland die Hilfe einer Großbritannien oder Australien orientie- hen sie mit einer möglichen Behinderung
Leihmutter in Anspruch nehmen wollen? ren. Dort werden alle Beteiligten medizi- um oder mit einer Fehlgeburt? So erkennen
Thorn: In meiner Praxis sprechen nur eine nisch, juristisch und psychosozial beraten, sie früh unterschiedliche Haltungen und
Handvoll Paare im Jahr die Leihmutter- verringern das Risiko rechtlicher Auseinan-
schaft an. Das sind entweder Schwule oder dersetzungen. In England verbleibt die
heterosexuelle Paare, bei denen die Frau »Ich sage Ihnen, Mutterschaft außerdem bis mindestens
kein Kind austragen kann. Bei manchen als Frau gibt es schönere sechs Wochen nach der Geburt bei der Leih-
etwa musste die Gebärmutter nach einer mutter. Die Wunscheltern können ihr also
komplikationsreichen Geburt entfernt wer- Momente, als während der Schwangerschaft keine Vorga-
den, bei anderen nisten sich keine Eizellen schwanger zu sein.« ben machen. Das halte ich für eine gute Re-

104
KARSTEN PETRAT FÜR DEN SPIEGEL
gelung. Allein die Leihmutter sollte über SPIEGEL: Was bedeutet das für Eltern in missbraucht wurden. Daher sind wir be-
ihren Körper bestimmen dürfen. Deutschland, die ihr Kind mittels einer sonders sensibel, wenn etwa von »Kindern
SPIEGEL: Und wenn die Wunscheltern ihr Leihmutter im Ausland bekommen? auf Bestellung« gesprochen wird.
Kind aus irgendeinem Grund nach der Ge- Thorn: Wunschmütter müssen bislang ihre SPIEGEL: Sie sind Mutter eines erwachse-
burt nicht haben wollen? rechtliche Mutterschaft vor einem Fami- nen Sohnes. Wie hat Ihre Schwangerschaft
Thorn: Dann muss ein Gericht zum Wohl liengericht beantragen. Einige gehen damit den Blick auf Leihmutterschaft geprägt?
des Kindes entscheiden. Das kann im Ex- selbstbewusst um, andere scheuen davor Thorn: Ich sage Ihnen, als Frau gibt es
tremfall auf eine Adoption hinauslaufen. zurück und wollen verhindern, dass die schönere Momente, als schwanger zu sein.
Solche Fälle kommen meines Wissens je- Leihmutterschaft bekannt wird. Wir soll- Gleichzeitig ist es etwas Besonderes, begin-
doch fast nur in kommerziellen Systemen ten daher für Kinder, die nach einer im nendes Leben in sich zu tragen. Natürlich
vor. Diese Systeme verleiten zur Annah- Ausland legalen Leihmutterschaft geboren frage ich mich in einer Beratung manchmal,
me, dass sich mit Geld viel regeln lässt. wurden, ein geregeltes Verfahren für die wie ich selbst in bestimmten Situationen
SPIEGEL: Wir haben bisher gar nicht über Übertragung der Elternschaft auf die gehandelt hätte. Was hätte ich etwa ge-
das Wohl des Kindes gesprochen. Wie er- Wunscheltern einführen. Denn wenn sich macht, wenn eine meiner Schwestern keine
klären Eltern einem Kind, dass es drei Müt- Eltern vor Ausgrenzung oder gar einer Kinder hätte bekommen können?
ter hat? Strafe fürchten, können sie ihr Kind nicht SPIEGEL: Wären Sie selbst eine gute Leih-
Thorn: Es gibt mittlerweile viele Studien zur rechten Zeit aufklären. Kinder plap- mutter gewesen?
mit Kindern aus einer Samen- oder Eizell- pern einfach, das wissen alle Eltern. Thorn: Nein, ich glaube nicht. Ich habe ein
spende. Sie zeigen, wie wichtig es ist, dass SPIEGEL: Warum stehen viele Menschen großes Bedürfnis nach Verantwortung. Ich
Mädchen und Jungen bereits im Kinder- der Leihmutterschaft hierzulande so miss- hätte viel zu häufig Ultraschalluntersuchun-
gartenalter aufgeklärt werden und erfah- trauisch gegenüber? gen machen lassen, um sicher zu sein, dass
ren, dass eine weitere Person an ihrer Zeu- Thorn: Diese Skepsis betrifft ja die ge- es dem Kind gut geht, und nach der Geburt
gung beteiligt war. Dann bauen sie dieses samte Reproduktionsmedizin. Wir haben nur schwer loslassen können. Als Leihmut-
Wissen in ihr Bild vom eigenen Ich ein. während des Nationalsozialismus eine Zeit ter müssen Sie aber darauf vertrauen, dass
Finden sie ihre eigene Geschichte dagegen erlebt, als massiv in die Freiheit der Fort- die Eltern des Kindes das Richtige tun.
erst spät heraus, kann das zu einem Bruch pflanzung eingegriffen wurde, als Men- Interview: Martin Schlak
in der Identität führen. Das Gleiche dürfte schen zwangssterilisiert und andere zur Mail: martin.schlak@spiegel.de
für Kinder von Leihmüttern gelten. Zucht einer vermeintlichen Herrenrasse

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 105


Technik

Gedämpfte
Kraft
Mobilität Im wachsenden Markt
der E-Fahrräder fordert die
Konkurrenz den führenden
Anbieter Bosch heraus.

WOLFGANG MARIA WEBER / DER SPIEGEL


Wer baut den besten Antrieb?

D ie Fahrradmarke Nox ist ein Zwerg


der Branche. Nur rund 700 Räder
pro Jahr stellt der Kleinbetrieb im
Zillertal her – ausschließlich Mountain-
bikes mit elektrischem Zusatzantrieb.
Dennoch bekam die Tiroler Manufaktur
jüngst einen Auftrag von einem bedeu- E-Mountainbike von Nox im Gebirgseinsatz: Der Motor stammt aus der Autoservolenkung
tenden Unternehmen: Der Elektromoto-
renproduzent Brose ließ bei Nox fünf
Prototypen bauen, ausgestattet mit sei- Unter anderem um diese Kunden wirbt macht der Marktführer den Angreifern
nem ersten Gesamtsystem aus Akku und nun auch Brose, der derzeit drittgrößte nicht die Freude, das veraltete Produkt
Antrieb. Spieler im Feld. Das Unternehmen ist in noch länger im Programm zu behalten. Zu-
Brose wird diese Räder zu Testzwecken der Autoindustrie verwurzelt wie Bosch, sätzlich zu dem schwächeren Basismodell,
den wirklich großen Fahrradherstellern nur bei Weitem nicht so bekannt. Elektro- das bereits erneuert wurde, kommt noch
der Szene überlassen. Das Ziel: Sie sollen motoren von Brose stecken massenhaft im in diesem Jahr die nächste Generation des
abgeworben werden vom Generalausstat- Innern von Automobilen – in Pumpen, stärkeren, für Mountainbikes geeigneten
ter Bosch – ein Angriff auf den bislang Fensterhebern oder Sitzverstellungen. Die Bosch-Antriebs in den Handel.
unangefochtenen Marktführer. E-Maschine, mit der der Kfz-Ausstatter Geschäftsführer Claus Fleischer bezeich-
Der schwäbische Autozulieferer be- Bosch Konkurrenz machen will, stammt net die drei Kernprobleme Gewicht, Vo-
herrschte den Markt der E-Fahrräder zeit- aus einer Servolenkung. lumen und Tretwiderstand als »gelöst«.
weise fast monopolartig und ist noch im- Clou des Systems ist ein in die Antriebs- Im Übrigen werde Bosch künftig wieder
mer der dominierende Anbieter für die mechanik integrierter Zahnriemen, der die Standards setzen. Der Ingenieur ver-
Stromantriebe. Nach Schätzungen von den Kraftfluss geschmeidig dämpft. »Unter spricht das kompakteste System, den
Branchenkennern (amtliche Erhebungen allen Systemen im Markt«, sagt Vertriebs- höchsten Wirkungsgrad (also geringsten
gibt es nicht) liegt der Weltmarktanteil bei chef Horst Schuster, »ist unser Antrieb Stromverbrauch) und eine Antriebssteue-
mehr als 50 Prozent. einer der leisesten und vibrationsärmsten.« rung, »die immer genau macht, was der
Der Erfolg liegt vor allem darin begrün- Obendrein sei er »extrem belastbar und Fahrer sich wünscht«.
det, dass Bosch viel früher als andere die- kraftvoll«. Schuster kann solches Eigenlob Der Absatzmarkt für E-Bikes macht seit
ses Geschäftsfeld entdeckt und erschlossen mit besten Zensuren bei Tests in Fach- Jahren das, was die Hersteller sich wün-
hat. Mit einem passionierten Sportradler zeitschriften untermauern. Das Magazin schen: Er wächst gewaltig. Knapp eine Mil-
als Geschäftsführer brachte die Fahrrad- »E-Mountainbike« kürte den Brose-An- lion neue E-Bikes wurden im vergangenen
sparte des Unternehmens 2010 das erste trieb in diesem Jahr zum Testsieger. Jahr in Deutschland verkauft, fast doppelt
Produkt in den Handel und landete gleich Dennoch blieb der große Durchbruch so viele wie noch 2015.
einen Volltreffer: Die um das Tretlager bislang aus. Außer dem US-Anbieter Spe- Den aus der Autoindustrie stammenden
platzierte Motor-Getriebe-Einheit erwies cialized setzt kaum ein großer Fahrradpro- Zulieferfirmen mag das ein schöner Kon-
sich als praktischste Lösung und ist längst duzent Broses E-Modul ein. Der Haupt- trast sein zu den Krisen und Zukunftsängs-
internationaler Standard. grund dafür dürfte sein, dass die Firma ten der PS-Branche – eine nennenswerte
Hinzu kam die für Bosch glückliche Fü- – anders als Bosch und Shimano – bisher Kompensation ihres Kerngeschäfts kann
gung, dass der wichtigste Gegenspieler Shi- kein Gesamtsystem im Angebot hatte und daraus dennoch kaum werden. Brose wird
mano – weltweit größter Anbieter von der Akku gesondert eingekauft werden nach dem Ausbau der Produktionsanlagen
Fahrradkomponenten – ausgerechnet den musste. Das verkompliziert für den Fahr- gut 500 000 Fahrradantriebe im Jahr fer-
Einstieg in die E-Technik verschusselte. radhersteller den Einkauf und auch später tigen können.
Nach einem bitteren Fehlstart mit einem den Kundendienst. Nun ist das Paket samt An Autohersteller liefert das Unterneh-
fahrdynamisch unterlegenen Frontantrieb Batterie verfügbar, und Brose verspricht men jährlich 200 Millionen Elektromoto-
kamen die Japaner erst nach jahrelanger sich davon sehr viel: Die Produktions- ren. Christian Wüst
Verspätung mit einem konkurrenzfähigen, kapazität wird in diesem Jahr von bisher
ebenfalls am Tretlager positionierten Pro- 750 auf 1500 Antriebe pro Tag verdoppelt.
dukt – dann allerdings auch mit einem Das bisherige Bosch-System zu verdrän- Video
Testfahrt mit dem
sehr guten. Leichter und kompakter als gen wäre wohl auch kein großes Problem E-Mountainbike
das Bosch-System, überzeugte der Shima- gewesen: Es ist zu schwer, zu groß und zu spiegel.de/sp302019testfahrt
no-Antrieb vor allem sportliche Fahrrad- träge, was vor allem das Fahren mit leerem oder in der App DER SPIEGEL
hersteller wie Canyon und Focus. Akku zur Mühsal werden lässt. Allerdings

106
Wissenschaft

Schon seit der Entdeckung der Ruine Nach Ansicht der beiden Gelehrten
Parade der im Jahre 1834 fragen sich Forscher, was es
mit der rätselhaften Anlage wohl einst auf
steckt darin eine tiefere Bedeutung. Das
genaue Datum des Sommeranfangs zu
sich hatte. War sie ein Neujahrsfesthaus ermitteln sei für die Hethiter, die im zwei-
Götter zu Ehren des Wettergottes? Oder wurden
dort rituelle Reinigungen vorgenommen?
ten Jahrtausend vor Christus eine Groß-
macht darstellten, von enormer Bedeu-
Der amerikanische Gelehrte Edwin Krupp tung gewesen. Das Himmelsereignis half
Archäologie Ein langjähriges wiederum beschrieb die Stätte vor knapp ihnen, wichtige religiöse Feiertage festzu-
Rätsel ist womöglich gelöst: 20 Jahren als »Miniliebesnest in den Ber- legen.
Diente ein berühmtes Heiligtum gen, in dem oberhalb der einstigen hethi- Ohnehin bestand bei den Hethitern fast
tischen Hauptstadt göttliche Eheriten voll- die Hälfte des Jahres aus Feiertagen. Und
der Hethiter einst als raffinierter zogen wurden«. das jeweils genaue Datum eines Festes
Sonnen-Mond-Kalender? In Wahrheit, davon ist Zangger über- musste strikt eingehalten werden. Alles
zeugt, diente Yazılıkaya einem ganz ande- Leben war streng am Lauf von Sonne,
ren Zweck. Zusammen mit der Archäolo- Mond und Sternen ausgerichtet. Die

E igentlich wollte der Zürcher Geo-


archäologe Eberhard Zangger in der
Türkei nur seinen Urlaub verbrin-
gen. Eines seiner Reiseziele war das Fels-
gin und Astronomin Rita Gautschy von
der Universität Basel hat der Forscher in
der Fachzeitschrift »Journal of Skyscape
Archaeology« jetzt eine neue Theorie prä-
Bewegungen der Himmelskörper be-
stimmten das Dasein – von der Geburt bis
zum Tod.
Woher aber wussten die Hethiter, wann
heiligtum Yazılıkaya, rund 150 Kilometer sentiert. Die Stätte, wollen die beiden Wis- der richtige Zeitpunkt für den jeweiligen
östlich der Hauptstadt Ankara. Doch senschaftler entschlüsselt haben, war nicht Feiertag gekommen war? Genau dazu, so
schon die Beschreibung der Sehenswür- einfach nur ein Heiligtum, sondern eine vermuten Gautschy und Zangger, dienten
digkeit im Reiseführer machte ihn stutzig. astronomische Anlage: ein raffiniert ge- die Reliefs im Felsheiligtum Yazılıkaya.
Die Architektur erschien ihm zu merkwür- stalteter Sonnen-Mond-Kalender. Die um den König herum abgebildeten
dig, als dass sie allein der Verehrung von Mit dieser Deutung lasse sich die unge- Göttergestalten stellen dabei die Tage und
Göttern gedient haben konnte, wie es in wöhnliche Gestaltung am besten erklären. Monate des Jahres dar. Ihre genau festge-
den Lehrbüchern stand. Das Heiligtum besteht vor allem aus zwei legte Anordnung, so Gautschy und Zang-
Als Zangger dann die Stätte betrat, fühlte Felskammern ohne Decken. An den Wän- ger, habe eine Art lunisolaren Kalender
er sich in seinem Verdacht bestätigt: Die An- den sind Paraden von Göttern zu sehen. gebildet – einen Kalender, der auf kom-
ordnung der Räume und ihrer Dekoration Auffällig, argumentieren Gautschy und plexe Weise die Zyklen des Mondes wie
deutete auf eine technische Funktion hin. Zangger, sei ein Lichteffekt auf einem gro- auch die der Sonne miteinander kombi-
Unter anderem fiel ihm auf, dass die beiden ßen Relief des Hethiter-Königs Tuthalija nierte.
Kammern des Heiligtums kein Dach haben, IV., der dort als Sonnengott erscheine. Auf Die zwölf eng beieinanderstehenden
obwohl es möglich gewesen wäre, sie mit wundersame Weise wird sein Abbild an Unterweltsgötter repräsentieren jeweils
einer Abdeckung vor Regen zu schützen. wenigen Tagen im Jahr hell beleuchtet – einen Monat (zwölfmal nimmt der Mond
»Das ist kein Zufall«, glaubt Zangger. pünktlich zur Sommersonnenwende tau- im Laufe eines Jahres zu und wieder ab).
»Die Hethiter wollten, dass Licht einfällt chen die einfallenden Strahlen der Nach- Die vor ihnen angeordneten 30 Götter-
und so eine Verbindung zum Himmel ent- mittagssonne den Hethiter-Herrscher in figuren wiederum stehen für die maxima-
steht.« magisches Licht. le Anzahl der Tage innerhalb dieser
Mondzyklen.
Da ein Sonnenjahr jedoch 365 Tage hat,
ging die Rechnung nicht glatt auf. Hier ka-
men 19 Göttinnen ins Spiel; sie dienten
dazu, die notwendigen Schaltmonate ein-
zufügen.
Im Heiligtum von Yazılıkaya, so vermu-
ten Gautschy und Zangger, wachten Pries-
ter über die korrekte Zählung und
markierten den aktuellen Tag, den Monat
und das Jahr mit beweglichen Markern
vor den jeweiligen Gottheiten auf den
Reliefs.
Die Fachwelt der vorderasiatischen Ar-
chäologen haben die beiden Gelehrten mit
ihrer Kalender-Interpretation noch nicht
überzeugt, wie erste Reaktionen zeigen.
Unterstützung kommt hingegen aus dem
Kreis der Himmelskundler.
GERARD DEGEORGE / AKG-IMAGES

»Die Arbeit von Zangger und Gautschy


ergänzt bisherige archäologische Studien«,
lobt der Archäoastronom Fabio Silva von
der südenglischen Universität Bourne-
mouth, Mitgründer und Herausgeber des
»Journal of Skyscape Archaeology«. »Sie
bereichert diese Stätte um weitere komple-
xe Bedeutungsschichten.« Angelika Franz
Götterrelief im Felsheiligtum Yazılıkaya: Magisches Licht

DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019 107


Kultur
Heute weiß sie mehr über Grenzen – und wie man sich mit Vergnügen über sie hinwegsetzen kann. ‣ S. 120

JENS HERRNDORFF
Fettes-Brot-Bandmitglieder

Musik In keiner anderen deutschen Stadt schaffen es so wenige Hip-


Hop-Künstler auf die Playlist; nur der Münsteraner Zako159
In der Provinzdisco sowie Dendemann, Fettes Brot und Die Firma sind dabei.
Die Datenanalyse offenbart einige Kuriosa: Knapp ein
 Die deutschen Hip-Hop-Hochburgen heißen nicht Berlin, Zehntel der Frankfurter Playlist bestand Ende Mai aus Fuß-
Frankfurt oder Stuttgart. Sondern Lampertheim, Fellbach ballfansongs von Eintracht Frankfurt. In Bremen galt rund
und Fürth. Das legt eine Datenanalyse des SPIEGEL nahe, die jeder fünfte Stream einem Hörspiel. Neun deutsche Städte
auf Zahlen des Musik-Streamingdienstes Spotify zurückgreift. sind offenbar Schlagerhochburgen, davon fünf in Nordrhein-
Spotify veröffentlicht jede Woche automatisch generierte Westfalen. Ein möglicher Grund: Schlagerstars wie Wolfgang
Playlists für weit mehr als hundert deutsche Städte, darin ent- Petry, Andrea Berg und Michael Wendler kommen aus
halten: die Songs, die in den jeweiligen Orten auffallend NRW. Ein anderer: der Karneval. Generell gilt, dass die Play-
häufig gestreamt werden. Deutschrap dominiert viele dieser lists der deutschen Metropolen besonders vielfältig sind,
Playlists, besonders deutlich aber jene in Lampertheim, Fell- zudem hören die Menschen dort auch Songs abseits des Main-
bach und Fürth. Auffallend ist zudem, dass Hip-Hop es in streams. Nur zwei Städte mit rund 500 000 Einwohnern
Studentenstädten schwerer hat, besonders schwer in Münster. halten sich eher ans Bewährte: Duisburg und Hannover. TOB

Kino nieren – kurzfristig aus dem Programm ihrem Kinostart zurückgezogen. An


Das Jahr der Zensur der Berlinale genommen, angeblich patriotischem Geist mangelt es »The Hid-
wegen technischer Probleme. In »One den Sword«, der den Kampfesmut der
 Der chinesische Kinomarkt wird wohl Second« beschäftigt sich Zhang Chinesen feiert, wohl kaum.
bald der größte der Welt sein. Nun zeigt Yimou mit der Zeit der Kultur- Allerdings spielt der Film in den
sich, dass die Machthaber in Peking ihre revolution, in der das Regime Dreißigerjahren, noch bevor die
Regisseure zunehmend unter Druck set- Andersdenkende besonders bru- Kommunisten an die Macht
zen, systemkonforme Filme zu drehen. tal verfolgte. In den vergange- kamen. Die Volksrepublik Chi-
Immer mehr Produktionen wurden in den nen Wochen wurden nun auch na feiert in diesem Herbst
vergangenen Monaten offenbar Opfer der Historienepen wie »The Hidden den 70. Jahrestag ihrer Grün-
Zensur. Schon im Februar dieses Jahres Sword« und »The Eight Hun- dung. Das Regime ist daher
wurde ein Spielfilm des Regisseurs Zhang dred«, die vom Kampf chinesi- offenbar besonders streng mit
Yimou – 2008 durfte er die Eröffnungsfei- scher Soldaten gegen japanische Werken, die nicht ins offizielle
er der Olympischen Spiele in Peking insze- Truppen handeln, kurz vor Zhang-Filmplakat Geschichtsbild passen. LOB

108 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


Serien siebten und letzten Staffel von »Orange Elke Schmitter Besser weiß ich es nicht

Teurer Schweiß
Auf Bewährung Is the New Black«, die vom 26. Juli an
bei Netflix läuft. Seit 2013 zeigt die Serie
 Es ist schwer zu beurteilen, was die den Alltag in amerikanischen Frauen-
Frauen besonders zermürbt: das Warten, gefängnissen. Die Handlung ist zwar Früher war ja schon deshalb
stundenlang, tagelang, wochenlang, ein- fiktiv, doch sie basiert auf wahren alles besser, weil man da
gesperrt im Schlafsaal eines Gefängnisses, Begebenheiten. Als Ausgangspunkt nicht immer »früher« sagen
ohne dass etwas passiert. Oder die Angst, dienten die Erinnerungen der musste. (Diese Beobachtung
dass plötzlich doch etwas geschehen US-Autorin Piper Kerman, die selbst schreibe ich seit je Peter
könnte: dass sie abgeschoben werden, raus 13 Monate im Knast gesessen hat Handke zu, kann sie aber
aus den USA. Die Bilder von den Frauen wegen Beihilfe zum Drogenschmuggel. nicht verifizieren. Vielleicht ist
hinter Gittern erinnern an aktuelle Fern- »Es geht nicht um Resozialisierung«, so es seine bärbeißige Andacht im
sehnachrichten, an Berichte über die Jagd Kermans Bilanz ihrer Haftzeit, »es geht Umgang mit der Vergangenheit, die
amerikanischer Behörden auf Einwande- um Bestrafung.« »Orange Is the New mich daran festhalten lässt – und natür-
rer und andere Menschen ohne gültige Black«, vielfach preisgekrönt, kombiniert lich, dass ich das früher schon dachte.)
Papiere. Tatsächlich stammen sie aus der Drama, Krimi und Komödie. Die recht Manchmal geht es aber nicht anders.
realistische Schilderung der Wenn ich zum Beispiel in das Fitness-
Zustände in den Gefängnissen center gehe (was man früher ja auch
machte die Serie zu einem Politi- nicht machte), dann sehe ich lauter ver-
kum; auch in Washington traf zweifelte, kieferversperrte Einzelmen-
sie offenbar den Zeitgeist: Ende schen, die sich an Geräten quälen, und
2018 verabschiedete der Senat ich denke daran zurück, dass es früher
CARA HOWE / NETFLIX

eine Straf- und Strafvollzugs- so etwas wie Turnvereine gab, die es


reform, die die Resozialisierung heute noch gibt, die aber ganz aus der
der Insassen erleichtern soll. Die Mode gekommen sind. Jürgen Haber-
USA haben die größte Gefäng- mas, gerade 90 geworden, nannte so
nispopulation der Welt: 2,3 Millio- einen Prozess die Kolonialisierung der
Szene aus »Orange Is the New Black« nen Inhaftierte. MWO Lebenswelt durch die Ökonomie. Auch
der Schweiß ist eine Ware geworden. Er
hat sich cool und teuer gemacht.
Ja, man muss zu einer bestimmten
Ausstellungen hat offenbar früh seine Marktlücke er- Zeit an einem bestimmten Ort sein, um
Chronist des Absurden kannt und mit Ausdauer immer wieder beispielsweise Volleyball zu spielen,
aufs Neue gefüllt. Als Chronist des Absur- um einer Mannschaft anzugehören, die
 Er hat einen Blick für das Skurrile. den im Alltäglichen zeigt er Langeweile nach dem Training auch noch einen trin-
Seit den Achtzigerjahren dokumentiert und Stagnation. Manchmal herrschen sie ken geht (was nicht nur einen Smoothie
der britische Fotograf Martin Parr wohl auch hinter der Kamera. MWO bedeutet); man könnte zum Trikot-
die Abgründe der Freizeitgesell- waschen verdonnert werden und wäre
schaft. Seine Bilder – bleiche überhaupt nicht das selbstbestimmte
Engländer am Strand, grell ge- Individuum, das abends um neun noch
kleidete Touristen in aller Welt – mal 30 Bahnen schwimmt oder sich mor-
haben ihn berühmt gemacht. gens um sieben mit den Faszien befasst.
Besonders gnadenlos porträtiert Aber man hätte möglicherweise Spaß.
Parr seine Landsleute. Parrs Was andererseits bedeutete: sich aus-
Fotos von gelangweilten Englän- zuliefern an eine Gruppe, Gott bewah-
dern in verfallenden Seebädern re, ein Kollektiv! Mit dem man nicht
gelten heute als Sinnbilder für nur auf einem Feld ist, sondern auch in
die falsche Nostalgie der Brexit- einem solchen, einem sozialen – dessen
Befürworter. »Ich habe eine Eigenschaft es ist, Grenzen zu transfor-
Hassliebe zu Großbritannien«, mieren. Aus der Mechanik der gemes-
sagte Parr in einem SPIEGEL- senen Leistung wird der Rhythmus des
Gespräch (26/2018). Jetzt präsen- Spiels, zu dem man beiträgt, wie man
tiert das NRW-Forum Düsseldorf von ihm getragen ist, wie ein Gespräch
in einer großen Ausstellung der Körper. In dem es Regeln gibt, aber
mehr als 400 seiner Werke (bis keine Moral, denn falsches Verhalten
10. November). Eigens für die wird geahndet, doch nicht zur Gewis-
Retrospektive fotografierte Parr sensfrage. In dem das Über-sich-
im Großraum Düsseldorf eine Hinauswachsen ein zwangloses Gesche-
neue Serie, »Kleingärtner« – ein hen ist und kein abzuhakendes Ergeb-
MARTIN PARR / MAGNUM PHOTOS

etwas zu einfaches Ziel für sei- nis, dessen Funktion darin besteht, die
nen Spott. Überhaupt wird durch Vorstufe der nächsten, noch größeren
die Vielzahl der ausgestellten Bil- Leistung zu sein. Der Sommer erinnert
der deutlich, dass sich der Foto- daran; am Strand, wenn Fremde
graf seit Jahrzehnten künstlerisch spielen und man dazugehören kann.
kaum weiterentwickelt hat. Sein
Stil, seine Motive – fast alles An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und
wie immer. Parr, mittlerweile 67, Parr-Foto aus der Serie »Kleingärtner«, 2018 Nils Minkmar im Wechsel.

109
Kultur

Einer unter Millionen


Globalisierung Kevin Kwan, selbst in der Oberschicht Singapurs aufgewachsen, porträtiert in
»Crazy Rich Asians« ein Milieu, das, obwohl es ökonomisch zunehmend den Ton
angibt, kulturell bislang übersehen wurde: die Superreichen des Fernen Ostens. Von Maren Keller

D
er amerikanische Autor Kevin Hotel in London betritt und dort kein Zim- studio-im-Privatflieger-reich und Hof-
Kwan hält es erwiesenermaßen mer bekommt*. diener-vor-der-Palastauffahrt-reich. Also
für möglich, dass die Art, wie Weiter geht es übrigens so: Nicht einmal unfassbar reich. So reich, wie man wahr-
Menschen ein Hotel betreten und eine Stunde nach der Abfuhr durch den Ma- scheinlich an kaum einem anderen
wie sie dort empfangen werden, schon nager betritt die Familie die Lobby ein zwei- Ort sein kann als im ohnehin reichen
eine ganze Menge erzählt über sie und die tes Mal. In der Zwischenzeit hat sie einige Singapur.
Welt, in der sie sich bewegen. Telefonanrufe getätigt. Ein einflussreicher Singapur gehört zu den Teilen der Welt,
Sein erster Roman beginnt also so: Eine Verwandter zu Hause in Singapur hat seine in denen der Wohlstand in den vergange-
Familie betritt ein sehr exklusives Hotel Kontakte spielen lassen, ein Geschäft wur- nen Jahren drastisch gewachsen ist. Die
in London. Der jüngste Sohn ist gerade de in die Wege geleitet. Die Suite ist jetzt Millionärsdichte ist höher als an den
mal acht. Sein älterer Bruder ist dabei, eine ihre. Aber nicht nur. Denn die Familie ist meisten anderen Orten. Und inzwischen
Cousine, seine Tante, seine Mutter. Drau- nun im Besitz des Hotels. »Ich muss Sie verfügt Asien schon seit einigen Jahren
ßen regnet es. Die Familie hat einen Flug jetzt leider bitten«, lautet der letzte Satz über mehr Geldvermögen als Europa. Von
aus Singapur hinter sich, eine U-Bahn- des Kapitels, den die Tante des kleinen Jun- den mehreren Hundert Milliarden Euro,
Fahrt aus Heathrow und außerdem neun gen lächelnd zu dem Hotelmanager spricht, die weltweit jedes Jahr mit Luxusgütern
Blocks Fußmarsch. Die Lancaster-Suite ist »unser Haus umgehend zu verlassen.« umgesetzt werden, sind die Chinesen für
für sie reserviert. Aber der Hotelmanager Die Haupthandlung des Romans setzt einen nicht unbeträchtlichen Teil verant-
sieht nur einen Haufen klatschnasser Chi- gut 20 Jahre später nach diesem Auftakt wortlich.
nesen, von denen er sich beim besten Wil- ein. Nick, der kleine Junge aus der Hotel- Kwan glaubt an die Theorie, dass es
len nicht vorstellen kann, dass sie etwas szene, ist mittlerweile erwachsen. Er ar- für einen Schriftsteller so etwas wie einen
in seiner schönen Suite verloren haben beitet in New York und führt eine Bezie- perfekten Abstand zu einem Thema gibt,
könnten. Mit Grauen malt er sich die Re- hung mit Rachel Chu, einer schönen und um gut darüber schreiben zu können. Nah
aktion aus, wenn diese Leute am nächsten schlauen Wirtschaftsprofessorin. genug dran, um alle Einblicke zu haben.
Morgen auch noch beim Frühstück erschei- Weit genug entfernt, um alles klar zu
nen. Er spricht extra langsam, als er vor- sehen.
gibt, die Reservierung – leider, leider – Nicht Eigentumswohnung- Und so verhält es sich mit Kwan und
nicht finden zu können. Na so was. Aber in-Eppendorf-reich, der Oberschicht Singapurs, die zu seinem
vielleicht gibt es ja noch irgendwo in Chi- großen Thema geworden ist.
natown ein freies Zimmer für die Sippe. sondern Hofdiener-vor- Kwan wurde in Singapur geboren, in
Und Kwan selbst? Palastauffahrt-reich. eine Familie, deren Stammbaum sich bis
Der betritt mit der unbeeindruckten ins Jahr 946 zurückverfolgen lässt. Mit
Zügigkeit eines Stammgasts die Lobby. Als einem Urgroßvater, der die älteste Bank
wäre dies die Küche eines Schulfreunds Obwohl sie schon mehrere Jahre zusam- Singapurs gegründet hatte, mit einem
und kein Fünf-Sterne-Designhotel im men sind, hat Nick Rachel bisher nur we- Großvater, der von Königin Elizabeth II
Design District von West Hollywood. Es nig über seine Familie erzählt. So wenig, zum Ritter geschlagen wurde, mit Schul-
ist ein Freitagnachmittag im Juni, und die dass Rachel es sogar für möglich hält, dass freunden, deren Eltern Helikopter be-
Sonne scheint auf Los Angeles. Nick sich für deren Armut schämt. Erst als saßen, mit Haushältern und einer un-
»Oh, wir lieben Kevin«, verkündete das Nick sie bittet, den Sommer mit ihm in nahbaren Großmutter, die als Matriarchin
Management des Hotels, als man erfuhr, Singapur zu verbringen und mit ihm zur darüber wachte, dass die Gesetze der Fa-
wer kommt, und so sitzt Kwan kurz darauf Hochzeit seines besten Freundes zu kom- milie eingehalten wurden, mit Englisch als
auf dem grauen Sofa einer Suite, aus deren men, wird Rachel klar, dass sie von einem erster Sprache und Eltern, die mit ihrem
Fenster man beobachten kann, wie Mitar- nicht ganz unwesentlichen Teil von Nicks Sohn in die USA zogen, als er elf war, weil
beiter des Regisseurs Ridley Scott mit ih- Biografie keine Ahnung hatte. Es ist der westliche Bildung oder der Besuch einer
ren Hunden dessen Büro schräg gegenüber gleiche Teil, von dem der Londoner Ho- der Privatschulen die beiden gesellschaft-
verlassen. telmanager nichts ahnte: dass Nicks Fami- lich anerkannten Optionen waren, den
Kwan trägt Lederslipper und einen ver- lie keine schlichte Familie ist, sondern eine Kindern die bestmögliche Bildung zukom-
mutlich sehr teuren Anzug, der auf un- Dynastie. Eine sehr mächtige, sehr kom- men zu lassen.
heimliche Weise zu der schwarz-weißen plizierte, sehr reiche Dynastie. Dann aber, vielleicht als Kwan in der
Kunst an den Wänden passt. Er ist jetzt Und reich meint hier nicht Eigentums- Highschool eine Creative-Writing-Haus-
Mitte vierzig und seit einiger Zeit in Los wohnung-in-Eppendorf-reich, sondern aufgabe bekam, vielleicht früher, wich
Angeles zu Hause. Diamanten-Frustshopping-reich, Yoga- Kwans Leben zunehmend von dem seiner
Inzwischen ist es sechs Jahre her, Kindergartenfreunde ab. Seine Biografie
dass in den USA »Crazy Rich Asians« * Kevin Kwan: »Crazy Rich Asians«. Aus dem Engli-
passte nicht mehr zu der Lebensblaupause
erschien – jener Roman, der damit be- schen von Anna-Christin Kramer und Jenny Merling. asiatischer Jungen. Er studierte nicht Me-
ginnt, wie die klatschnasse Familie das Kein & Aber; 648 Seiten; 20 Euro. dizin oder Jura oder Ingenieurswissen-

110 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


ROBERT GALLAGHER / DER SPIEGEL

Autor Kwan: »Ergebnis einer ganzen Reihe unwahrscheinlicher Entwicklungen«

111
Kultur

schaften. Er studierte Medienwissenschaf-


ten in Houston und trug abends schwere,
bedeutungsschwangere Gedichte vor. Und
nach seinem Abschluss bewarb er sich auf
keinen Job, sondern zog nach New York,
wo er schon immer leben wollte, und stu-
dierte noch mal. An der berühmten Par-
sons School of Design. Jobs bei Andy War-
hols »Interview«-Magazin, Ausstellungen,
die berühmte Met Gala, Partys, Künstler,
das war sein Leben.
Kwan sagt: »Die meisten Einwanderer
aus Asien drängen ihre Kinder dazu, Ärzte
oder Juristen zu werden. Und dann gibt
es da noch mich. Ich bin das Ergebnis einer
ganzen Reihe unwahrscheinlicher Entwick-
lungen.«
Kwan sagt auch: »Unwahrscheinliche
Ereignisse passieren doch ständig, nicht
wahr?«
Und womöglich hat die Tatsache, dass
erst jemand mit Kwans unwahrschein-
licher Biografie kommen musste, um ein
Buch zu schreiben, wie er es geschrieben
hat, etwas damit zu tun, dass Kwan – wann
immer er zuvor in Buchläden war – etwas
vermisste.
Bücher, die Geschichten aus dem mo-
dernen Asien jenseits Japans erzählen.
Aus der Lebenswelt, aus der Kwan stammt.
Die diesem Teil Asiens auch kulturell den Szenen aus »Crazy Rich Asians«-Verfilmung: Liebesgeschichte mit Pomp und Intrigen
Platz einräumen, den es geopolitisch und
wirtschaftlich längst beansprucht. In de-
nen Asiaten mehr sind als Nebenrollen erst vor Kurzem – ein halbes Jahrzehnt tiziert worden. Er lebte nach der Diagnose
und Klischees. nach Erscheinen – ins Deutsche übersetzt. noch 16 Monate. Kwan gab für diese Zeit
»Asiaten sind in diesem Jahrhundert die Im November kommt Teil zwei der Trilo- seine Arbeit in New York auf. Er zog zu-
treibenden Kräfte der Weltwirtschaft«, gie heraus, im kommenden Januar der rück zu den Eltern nach Texas, fuhr seinen
sagt Kwan. »Aber niemand hatte das bis dritte Teil. Vater zu dessen Behandlungen in die
dahin in belletristischer Form geschrieben. Womöglich hatte der deutsche Filmver- Klinik, jeden Tag eine Stunde hin, eine
Und niemand hatte bis dahin davon er- leih traurigerweise recht, als er – zum Ent- zurück.
zählt, wie diese Form von Reichtumsbil- setzen vieler Kritiker – das Wort Asians In dieser Zeit fragte er seinen Vater, der
dung eine Familie prägt.« aus dem Originalfilmtitel strich und aus nie ein Mann vieler Worte gewesen war,
Dass Kwan genau das getan hat, macht »Crazy Rich Asians« lieber »Crazy Rich« nach dessen Lebensgeschichte. Nach des-
aus »Crazy Rich Asians« eine romantische machte. Weil sich die Leute zwar für Rei- sen Erinnerungen an die Zeit des Zweiten
Komödie, die wirklich etwas zu sagen hat. Weltkriegs, als die Japaner Singapur ok-
Und aus Kwan fast so etwas wie einen kul- kupierten und die Familie im Hinterhaus
turellen Revolutionär. Unausgesprochene zusammengedrängt leben musste, weil im
Als die Verfilmung von »Crazy Rich Regeln und Snobismus Haupthaus ein General und seine Soldaten
Asians« im vergangenen Jahr in die Kinos wohnten. Nach den Erinnerungen an die
kam, wurde sie als kultureller Meilenstein markieren die Urgroßeltern. Nach den Traditionen, die
gefeiert. Fast 27 Millionen Dollar spielte Klassenunterschiede. in der Familie weitergereicht und bewahrt
der Film allein am Eröffnungswochenende worden sind. Nach dieser eigenen Welt,
in den USA ein. Das »Time Magazine« hat ihren Geschichten, ihren Bewohnern, ih-
Kwan 2018 unter die 100 einflussreichsten che interessieren. Aber nicht für dieses ren Regeln, ihren Streitigkeiten und ihren
Persönlichkeiten des Jahres gewählt. fürchterlich weit entfernte Asien. Liebenswürdigkeiten.
Wenn man sich vor Augen führt, dass Selbst wenn einem der ganze Überbau Kwan sagt, was ihn schon immer faszi-
»Crazy Rich Asians« in mehr als 25 Jahren egal ist, dann bleibt »Crazy Rich Asians« niert habe, sei, wie die Menschheit sich in
der erste große Hollywoodfilm ist, dessen immer noch eine sehr unterhaltsame, sehr sozialen Schichten organisiere. Wie unaus-
Hauptrollen allesamt mit asiatischen lustige Liebesgeschichte mit Pomp und gesprochene Regeln und Snobismus Klas-
Schauspielern besetzt worden sind, ver- Intrigen. Eine perfekte Urlaubslektüre. senunterschiede markierten.
steht man leicht die Begeisterung in den Was in erstaunlichem Gegensatz dazu Und tatsächlich ist »Crazy Rich Asians«
USA. steht, wann und warum Kwan die Ge- auch ein Buch über Zugehörigkeit. Die
Schwieriger zu erklären ist, warum es schichte zu schreiben begann. Marken, der Luxus, all die Oberflächlich-
in Deutschland durchaus möglich war, we- Denn womöglich hätte Kwan sein Le- keiten werden so detailliert beschrieben,
der vom Film noch vom Buch etwas mit- ben weiter als Artdirector in New York weil auch der Geschmack in dieser Welt
zubekommen. Der Film lief nur wenige geführt, wäre bei seinem Vater nicht eines darüber entscheidet, wer dazu gehört und
Wochen in den Kinos. Das Buch wurde Tages Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnos- wer nicht.

112 DER SPIEGEL Nr. 30 / 20. 7. 2019


WARNER BROS. / EVERETT COLLECTION / ACTION PRESS

WARNER BROS. / LANDMARK MEDIA / ACTION PRESS


Eigentlich, sagt Kwan, habe er vorge- Qing-Dynastie seit einigen Jahren bei ist das die Art von Entscheidung, die nur
habt, eine Tragödie aus der Welt der Rei- Sammlern wieder sehr beliebt sind, weil Menschen treffen können, die nicht zu arm
chen zu schreiben. Eine dunkle Satire über sie wirklich ganz ausgezeichnet zu Mid- dafür sind.
Besitz und Privilegien und soziale Un- Century-modern-Möbeln passen. Oder Kwan hat auf viel Geld verzichtet, für
gleichheit. dass die Abkürzung ABC für American- das er die Rechte an der Geschichte an das
Aber dann sei mit den Sätzen ganz of- born Chinese steht, für Menschen also, höchstbietende Studio hätte verkaufen
fenbar etwas auf dem Weg zwischen sei- deren Familien aus China stammen, die können, und stattdessen nur einen symbo-
nem Gehirn und seinen Fingern geschehen, selbst aber in den USA geboren wurden. lischen Dollar dafür genommen. Es war
das er sich selbst nicht erklären könne. Et- Oder dass der Ausruf »Alamak« das ma- ihm wichtiger, mit einem Regisseur und
was, das dazu führte, dass ausgerechnet laiische Äquivalent zu unserem »Um Got- einem Drehbuchschreiber zusammenzu-
Kwan – der sich selbst nie für eine witzige tes willen« ist. arbeiten, die das Gleiche wichtig fanden
Person gehalten hat und der gerade um Zu einem nicht unerheblichen Teil tra- wie er.
seinen Vater trauerte –, dass also ausge- gen diese mühevollen Details zu dem Ein- Zurzeit schreibt Kwan Drehbücher für
rechnet Kwan eine Geschichte schrieb, die druck bei, wie wichtig Kwan all die Fein- zwei Serien. Eigentlich, sagt er, bestehe
so leicht und so lustig war, dass er selbst heiten sind. Vermutlich sind es diese Liebe sein Leben gerade nur aus Arbeit, unter-
manchmal lachen musste, als er las, was und Wärme, die dafür verantwortlich sind, brochen von Mahlzeiten. Er wisse, wie
er gerade geschrieben hatte. So erinnert dass Kwan keine düstere Satire schreiben Hollywood funktioniere, wie die Auf-
er sich. konnte. merksamkeitsökonomie der Welt funk-
Aber, sagt Kwan, es sei ihm nicht nur Dass Kwans Großvater zum Ritter ge- tioniere. Für einen gewissen Zeitraum wer-
darum gegangen, der Welt, aus der seine schlagen worden ist, hört man nicht aus de ein Spotlight auf dich gerichtet, sagt
Familie stamme, ein Denkmal zu setzen. Kwans Mund, wenn man mit ihm redet, Kwan, dann würden andere Leute interes-
Es sei ihm mindestens ebenso wichtig ge- sondern wenn man Hintergrundinforma- sant, andere Themen, andere Filme und
wesen, anderen Menschen einen Einblick tionen über ihn sucht. Kwan erzählt statt- Bücher.
in diese verborgene, fremde Welt zu ge- dessen, wie der Großvater die Enkel zum Er hat vor, diesen Zeitrahmen bestmög-
ben. Menschen wie seinen Freunden in Eisessen ausgeführt hat. Er erzählt nicht lich zu nutzen. Er sagt, er komme sich vor
den USA, die Kwan nicht glauben konnten, von dem Anwesen, das seine Familie be- wie ein Bergsteiger, der gerade im Base-
wenn er von einer seiner Reisen nach Sin- wohnt hat, sondern von den Straßen in camp einer Gebirgskette angekommen ist.
gapur zurückkehrte und erzählte, welcher seinem Viertel, die seine Schulfreunde und Es gibt da ja auch noch die verdammt ar-
alte Freund jetzt schon wieder einen er mit dem Fahrrad hinabfuhren. men Asiaten. Und die verdammt norma-
Chauffeur zum Flughafen geschickt habe, Kwan sagt, es sei eine sehr bewusst ge- len. »Ich glaube, dass ich etwas dazu bei-
um ihn abzuholen. troffene Lebensentscheidung von ihm, tragen kann, unsere Kultur noch weiter zu
Wie ernst es Kwan damit ist, sieht man Geld keine große Bedeutung zuzugeste- verändern«, sagt Kwan, »und noch mehr
an den Fußnoten, die zum Beispiel erläu- hen. Weil er gesehen habe, was Geld aus Klischees zu zerschlagen.«
tern, dass Huanghuali-Möbel aus der Familien machen könne. Aber natürlich

113
Die Musik spielt in den Büchern Hanns-

»Ein C-Dur-Akkord Josef Ortheils eine sehr wichtige Rolle, in


seinen Romanen genauso wie in Sach-
büchern über Mozart, Schumann oder Jo-
hann Sebastian Bach. Von seinen pianisti-

macht glücklich«
schen Ambitionen hat er bereits in dem
autobiografischen Roman »Die Erfindung
des Lebens« (2009) erzählt. Sein jüngstes
Buch »Wie ich Klavierspielen lernte« (Insel)
konzentriert sich ganz auf die pädagogi-
SPIEGEL-Gespräch Hanns-Josef Ortheil ist vielen als Schrift- schen Methoden, mit denen er als Klavier-
schüler unterrichtet wurde, auf erste Erfol-
steller vertraut. Dabei wäre er einst beinahe Pianist ge und große Dramen. Ortheil, 67, lebt in
geworden. Nun erzählt der Autor, warum seine erste Karriere Stuttgart und unterrichtet an der Univer-
sität Hildesheim Kreatives Schreiben.
scheiterte und wie junge Talente heute Klavier üben sollten.
SPIEGEL: Herr Ortheil, können Sie sich
an Ihre erste Begegnung mit einem Klavier
erinnern?
Ortheil: Ja, ich war etwa fünf Jahre alt, als
meine Eltern einen großen braunen Kas-
ten in die Wohnung gebracht bekamen,
ich wusste aber nicht, was das war.
SPIEGEL: Wann haben Sie es erfahren?
Ortheil: Zunächst blieb der Kasten ver-
schlossen, er wurde nur regelmäßig abge-
staubt, dann aber, als meine Mutter zum
ersten Mal auf ihm spielte, war das mehr
als Musik für mich, es war eine Explosion.
Unser Haushalt war bis dahin extrem still
gewesen. Meine Mutter sprach nicht, ich
auch nicht, nur mein Vater murmelte vor
sich hin, man hörte auch sehr wenig Radio.
Und dann plötzlich diese Musik: Akkorde,
Melodien, diese Gewalt. Ich bekam Panik.
SPIEGEL: Sie fürchteten sich vor dem
Klavier?
Ortheil: Im ersten Moment, später habe
ich es geliebt.
SPIEGEL: Welche Komponisten spielte
Ihre Mutter?
Ortheil: Ausschließlich Schumann, Chopin
und Liszt, also die großen Romantiker.
SPIEGEL: Und warum sprach Ihre Mutter
nicht?
Ortheil: 1940 hatte sie während eines
Fliegerangriffs auf Berlin ihr erstes Kind
verloren, es wurde tot geboren. 1945 starb
THEODOR BARTH / DER SPIEGEL FOTOGRAFIERTE IM RESTAURANT 'LUCIANO', KÖLN

dann ihr zweiter, damals dreijähriger Sohn,


der auf ihrem Schoß saß, als er von einem
Granatsplitter getroffen wurde. Meine
Mutter war in den letzten Kriegstagen in
den Westerwald zu ihren Eltern zurückge-
kehrt, auf einen Bauernhof, wo sie sich
absolut sicher glaubte. Dieser Hof wurde
dann im April 1945 von amerikanischen
Soldaten besetzt, während im Tal unten
noch deutsche Soldaten waren. Die schos-
sen mit Granaten auf die Amerikaner –
und trafen meinen Bruder. Nach dem
Krieg hatte sie noch zwei Totgeburten.
SPIEGEL: Wann hat Ihre Mutter aufgehört
zu sprechen?
Ortheil: 1947/48. Es wurde langsam immer
weniger. Ich weiß das ja nur aus Erzählun-
gen, schon nach dem Tod des zweiten
Schriftsteller Ortheil: »Man trifft die Taste nur schräg, und es schmerzt« Sohns war sie wohl fast verstummt.

114
Kultur

SPIEGEL: Sie selbst wurden 1951 geboren die sie gelesen hatte. Sie schrieb alles auf machte ich auch, ich trug ein Hemd, nichts
und schwiegen von Anfang an? kleine Zettel, die genau datiert wurden, darüber, manchmal auch nur ein Unter-
Ortheil: Nein, es begann erst mit etwa drei mit Datum und Uhrzeit. Kurz bevor mein hemd, wenn es warm wurde. Das ganze
oder dreieinhalb Jahren. Das ist offenbar Vater abends kam, wurden sie in der anfängliche Üben ist Sport, es geht um die
ein kritischer Zeitraum beim Spracher- richtigen Reihenfolge, chronologisch, auf- Kräftigung der Finger, der Arme.
werb. Man richtet sich dann auf einzelne einandergelegt und in der Küche de- SPIEGEL: Was kam nach den einzelnen
Personen aus, die man nachahmt. Und bei poniert. Und mein Vater hat sie dann der Tönen? Tonleitern?
mir war es die nicht sprechende Mutter. Reihe nach gelesen. Ortheil: Nein, sie hat mir verschiedene
Es gab ja auch niemanden sonst. Mein Va- SPIEGEL: Zu Beginn unseres Gesprächs ha- Klänge gezeigt, Akkorde. Der einzelne
ter kam erst abends von der Arbeit nach ben Sie erzählt, wie Ihre Mutter diese an- Ton ist ja kein großer Triumph. Aber ein
Hause, er war Vermessungsingenieur, für haltende Stille eines Tages durch ihr Kla- Akkord, mit drei Fingern etwa, ein reiner
mich gab es tagsüber nur die Mutter. vierspiel beendete. Wann haben Sie selbst C-Dur-Akkord, der macht einen glücklich.
SPIEGEL: Sie durften auch nicht in den Kin- die Tasten erstmals berührt? Und dann hat sie mir Stücke vorgespielt,
dergarten? Ortheil: Am Anfang wusste ich ja gar nicht, von Carl Czerny, immer einzelne Passa-
Ortheil: Nein, um Gottes willen, ich durfte ob ich das darf. Es drohten immer viele gen, drei oder vier Takte, die ich dann
nie aus ihrem Blickfeld, sie hatte viel zu Verbote. nachgespielt habe.
große Angst, mich zu verlieren. Jeder Kon- SPIEGEL: Diese Übungsstücke sind doch
takt mit fremden Menschen schien gefähr- ziemlich langweilig, oder?
lich. Sie ließ mich nie aus den Augen. Ortheil: So habe ich es nicht empfunden.
SPIEGEL: Und wann haben Sie wieder an- Lang musste zuletzt wegen einer Sehnen-
gefangen zu sprechen? entzündung ein Jahr aussetzen. Und die
Ortheil: Das erste Mal passierte es bei CD, die er danach aufgenommen hat, ent-
einem Besuch auf dem Hof meiner Groß- hält auch ein Stück von Czerny. Das ist
eltern, ich war etwa sieben Jahre alt. Mein eine sehr strukturierte, klare Musik.
Vater war damals viel mit mir unterwegs, SPIEGEL: Hat Ihnen dieser Unterricht, der
denn ich sollte mich von der Mutter lösen, nur auf Auswendiglernen setzte, ohne dass
das wollte er so. Jedenfalls stand ich eines je ein Wort gesprochen wurde, das Kla-
Tages dort auf der Straße, und zwei Jungs vierspielen später leichter gemacht?
kickten Fußball, immer so hin und her. Ich Ortheil: Ja, ich glaube sogar, dass es eine
sah eine Weile zu und wollte dann mitma- entscheidende Bedingung des schnellen Fort-
chen. »Gebt mal her!«, habe ich plötzlich schritts war. Es ging nur darum: Schaffe ich
gerufen. Und sie gaben mir tatsächlich den das? Rein sportlich betrachtet, wie bei einem
Ball. So fing es an. jungen Zehnkämpfer, der sich mit seinen
SPIEGEL: Wie kamen Sie in der Schule zu- zehn Fingern immer weiter steigern muss.
recht? SPIEGEL: Hat Ihre Mutter damals erkannt,
Ortheil: Die Lehrer wussten ja, was mit dass Sie ein besonderes Talent besaßen?