Sie sind auf Seite 1von 15

I

Catull Carmen LXIV

und die rezeptionsästhetische Wirkung des „Bacchus und Ariadne“ Gemäldes Tizians

Fachbereich Lateinische Literatur

Modul: Proseminar in Lateinischer Sprachwissenschaft: Catull Carmen 64 (6 ECTS-Punkte)

an der

Philosophischen Fakultät der Universität Zürich.

Proseminararbeit von

Julian Ronneberger
Sarbachstrasse 1
6345 Neuheim
s07-453-06

Verfasst im Rahmen des Proseminares in Lateinischer Literatur von Prof. Dr. phil. Ulrich Eigler
im Herbstsemester 15 an der Philosophischen Fakultät Zürich.
II

Inhaltsverzeichnis

Inhalt
Quellenverzeichnis ................................................................................................................ III

Einleitung .................................................................................................................................. 1

1. Die Autoren und Textstellen........................................................................................... 2

1.1 Catull ............................................................................................................................... 2

1.1.1 Catull Carmen 64, 251-264 .................................................................................. 2

1.1.2 Wirkung ................................................................................................................... 3

1.2 Ovid ................................................................................................................................. 3

1.2.1 Ovid Ars Amatoria, Liber I, 525-564 ................................................................... 3

1.2.2 Wirkung ................................................................................................................... 4

1.3.1 Ovid, Fasti, III 460-515 ......................................................................................... 5

1.3.2 Wirkung ................................................................................................................... 6

2. Tizians Bacchus und Ariadne ........................................................................................ 6

2.1 Der Künstler ................................................................................................................... 6

2.2 Interpretation .................................................................................................................. 7

3. Wahrnehmung Catulls nach der Interpretation von Tizians Gemälde .................. 10

4. Fazit ................................................................................................................................. 11
III

Quellenverzeichnis
Zitierweise:
Die nachstehenden Werke werden, wenn nichts anderes angegeben ist, mit
Nachnamen des Autors bzw. der Autoren sowie mit Seitenzahl oder Zeilennummer
zitiert.
Bibliographie

BURN, LUCILLA Greek Myths: The Legendary Past. London, 1990.

GOULD, CECIL The Studio of Alfonoso d’Este and Titian’s Bacchus and
Ariadne, London 1969.

KROLL, W ILHELM C. Valerius Catullus, 7. Auflage, Stuttgart 1989.

PEDROCCO, FILIPPO Tizian, München 2000.

SCHMALE, MICHAELA Bilderreigen und Erzähllabyrinth, Catulls Carmen 64,


München 2004.

VOLK, KATHARINA Ovid, West Sussex 2010.

WETHEY, HAROLD The paintings of Titian, III.- The Mythological and Historical
Paintings, London 1975.

Internet

CATULL:

http://www.thelatinlibrary.com/catullus.shtml#64 (zuletzt besucht am 26.11.2015)

OVID:

Ars Amatoria Liber I:

http://www.thelatinlibrary.com/ovid/ovid.artis1.shtml (zuletzt besucht am 26.11.2015)


IV

Fasti Liber III

http://www.thelatinlibrary.com/ovid/ovid.fasti3.shtml (zuletzt besucht am 26.11.2015)

Tristia Liber II

http://www.thelatinlibrary.com/ovid/ovid.tristia2.shtml (zuletzt besucht am 26.11.2015)

Tristia Liber IV

http://www.thelatinlibrary.com/ovid/ovid.tristia4.shtml (zuletzt besucht am 26.11.2015)

Bild:

Tizian, Bacchus und Ariadne, Oil/Canvas, 172,2 x 188,3 cm, National Gallery London

http://prometheus.uni-koeln.de/pandora/image/show/bern-
c6cf93cb5f3e51a3053e0c15aa871977512f3515
1

Einleitung

Verschiedenste Autoren haben sich in der Antike mit dem Ariadne- Mythos beschäftigt
und in vielseitigen Versionen wiedergegeben. So auch Gaius Valerius Catullus, kurz
Catull und Publius Ovidius Naso, kurz Ovid. In dieser Arbeit wird das Augenmerk auf
jene Szenen im Ariadne- Mythos gerichtet, in denen die Epiphanie des Bacchus näher
beschrieben wird. In Catulls Carmen 64, das wegen seiner Länge als Epyllion, als
„Kleinepos“ bezeichnet wird, findet sich die Beschreibung der Epiphanie in den Zeilen
252-264 wieder. In Ovids Ars Amatoria Liber I, 525-565 findet sich eine ähnliche
Beschreibung, ausserdem trägt er Bacchus und Ariadne auch in seinen Fasti Liber III,
460- 515 Rechnung.

Die Wiedergabe eines ähnlichen oder gleichen Motivs verändert sich durch die
Rezeption des Motivs durch den Autor und schlussendlich auch durch den Leser. So
kommt es, dass verschiedene Versionen des gleichen Grundmotivs existieren. Dies ist
auch bei den Texten, die in dieser Arbeit näher betrachtet werden, der Fall.

In einem ersten Teil werden diese drei Texte gegenübergestellt, Lücken aufgezeigt
und ihre Füllung durch den Autor ermittelt. In einem zweiten Teil, wird dann Tizians
Gemälde „Bacchus und Ariadne“, dessen Motiv die erwähnten Texte zu Grunde liegen,
auf diese Bezug nehmend interpretiert. Da Interpretationen stets subjektiv geprägt
sind, liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Wirkung der Texte und Tizians
Gemälde aus rezeptionsästhetischer Sicht, da die Rezeptionsästhetik basierend auf
der Konstanzer Schule, genau dieser erforderlichen Subjektivität, den Einzug in die
Wissenschaft erlaubt. In einem dritten Abschnitt wird dargelegt, wie sich die
Bildinterpretation auf die eigene Textwahrnehmung der Zeilen 252-264 in Catulls
Carmen 64 ausgewirkt hat.
2

1. Die Autoren und Textstellen


1.1 Catull
Über das Leben des Gaius Valerius Catullus ist nicht viel bekannt. So sind auch seine
genauen Lebensdaten nicht erwiesen. Er muss im 1. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben, da
viele Ereignisse aus dieser Zeit in seinen Werken verarbeitet werden. Er stammte aus
Verona, gehörte dem Kreis der Neoteriker an und orientierte sich an griechischen Dichtern
wie Kalimachos und Sappho.1 Im Carmen 64 wird die Geschichte der Hochzeit zwischen
Peleus und Thetis erzählt und ist durchzogen von griechischen Mythen. In einem Teil des
Carmen 64 bekommen Peleus und Thetis eine Decke zur Hochzeit geschenkt, welche mit
mythologischen Szenen geschmückt ist, die wiederum wiedergegeben werden (Ekphrasis).
In einer dieser Szenen, wird der Theseus-/ Ariadne-Mythos dargestellt, der mit der Ankunft
des Gottes Bacchus verknüpft ist, die der Ausgangskern für diese Arbeit ist. Inwiefern Catull
selbst bereits eine Rezeption des Ariadne-Mythos vorgenommen hat, ist bis heute ungeklärt,
da nicht erwiesen ist, auf welchen Werken das Carmen 64 aufbaut. Vermutlich diente ein
alexandrinisches Gedicht als Vorlage, sowohl für den Peleus- als auch den Ariadne- Teil des
64. Gedichts.2 Der Mythos selbst kann jedoch schon bei Homer, z.B. in der Ilias XVIII.590 und
der Odyssee XI. 321 gefunden werden.

1.1.1 Catull Carmen 64, 251-264

at parte ex alia florens volitabat Iacchus 251 orgia quae frustra cupiunt audire profani; 260
cum thiaso Satyrorum et Nysigenis Silenis, plangebant aliae proceris tympana palmis,
te quaerens, Ariadna, tuoque incensus amore. aut tereti tenuis tinnitus aere ciebant;
******** multis raucisonos efflabant cornua bombos
quae tum alacres passim lymphata mente furebant barbaraque horribili stridebat tibia cantu.
euhoe bacchantes, euhoe capita inflectentes. 255
harum pars tecta quatiebant cuspide thyrsos,
pars e divolso iactabant membra iuvenco,
pars sese tortis serpentibus incingebant,
pars obscura cavis celebrabant orgia cistis,

1
KROLL, VII.
2
KROLL, S. 142.
3

1.1.2 Wirkung
Die Ankunft des Bacchus erscheint als ein Wendepunkt im Leben Ariadnes. Von Theseus
zurückgelassen und von tiefem Wehklagen erfüllt, kommt der jugendliche Bacchus mit
seinem Gefolge, das zugegebenermassen wild, ekstatisch und chaotisch wirkt, und ist in
Liebe zu Ariadne entbrannt. Die Aussicht von einem Gott geliebt zu werden, der zur Rettung
herbeieilt, scheint ein kleiner Trost zu sein.3 Wie Ariadnes Schicksal endet, verschweigt uns
Catull jedoch. Die Erzählung endet abrupt. Zurück bleibt eine Lücke und der Peleus-Mythos
wird wieder aufgegriffen.

1.2 Ovid
Publius Ovidius Naso, kurz Ovid wurde nach eigenen Angaben am 20. März 43 v. Chr. in
Sulmo in eine gut situierte Familie geboren.4 Er lebte in den Zeiten der Pax Augustana, folgte
dem Cursus Honorum und zählt zu den grossen Poeten der klassischen Epoche. Im Jahre 8
n. Chr. wurde Ovid auf Befehl Octavians nach Tomi verbannt. Als Grund nennt er selbst
„carmen et error“5. Mit Carmen ist wahrscheinlich Ars Amatoria gemeint, das dem
sittenstrengen Octavian ein Dorn im Auge war.6 Nach heutigem Stand der Forschung ist er
17 n.Chr. in Tomi verstorben.

1.2.1 Ovid Ars Amatoria, Liber I, 525-5647

Ecce, suum vatem Liber vocat; hic quoque amantes Iam deus in curru, quem summum texerat uvis,
Adiuvat, et flammae, qua calet ipse, favet. 526 Tigribus adiunctis aurea lora dabat: 550
Cnosis in ignotis amens errabat harenis, Et color et Theseus et vox abiere puellae:
Qua brevis aequoreis Dia feritur aquis. Terque fugam petiit, terque retenta metu est.
Utque erat e somno tunica velata recincta, Horruit, ut graciles, agitat quas ventus, aristae,
Nuda pedem, croceas inreligata comas, 530 Ut levis in madida canna palude tremit. 554
Thesea crudelem surdas clamabat ad undas, Cui deus 'en, adsum tibi cura fidelior' inquit:
Indigno teneras imbre rigante genas. 'Pone metum: Bacchi, Cnosias, uxor eris.
Clamabat, flebatque simul, sed utrumque decebat; Munus habe caelum; caelo spectabere sidus;
Non facta est lacrimis turpior illa suis. Saepe reges dubiam Cressa Corona ratem.'

3
SCHMALE, S.201.
4
OVID, Tristia, IV, X, 3 ff..
5
OVID, Tristia, II, I.
6
VOLK, S. 16.
7
http://www.thelatinlibrary.com/ovid/ovid.artis1.shtml (Stand 26.11.2015).
4

Iamque iterum tundens mollissima pectora palmis 535 Dixit, et e curru, ne tigres illa timeret,
'Perfidus ille abiit; quid mihi fiet?' ait. Desilit; inposito cessit harena pede: 560
'Quid mihi fiet?' ait: sonuerunt cymbala toto Implicitamque sinu (neque enim pugnare valebat)
Litore, et adtonita tympana pulsa manu. Abstulit; in facili est omnia posse deo.
Excidit illa metu, rupitque novissima verba; Pars 'Hymenaee' canunt, pars clamant 'Euhion, euhoe
Nullus in exanimi corpore sanguis erat. 540 Sic coeunt sacro nupta deusque toro.
Ecce Mimallonides sparsis in terga capillis: Ergo ubi contigerint positi tibi munera Bacchi, 565
Ecce leves satyri, praevia turba dei: Atque erit in socii femina parte tori,
Ebrius, ecce, senex pando Silenus asello Nycteliumque patrem nocturnaque sacra precare,
Vix sedet, et pressas continet ante iubas. Ne iubeant capiti vina nocere tuo.
Dum sequitur Bacchas, Bacchae fugiuntque
petuntque
Quadrupedem ferula dum malus urget eques, 546
In caput aurito cecidit delapsus asello:
Clamarunt satyri 'surge age, surge, pater.'

1.2.2 Wirkung
In seinem Lehrgedicht Ars Amatoria greift Ovid den Ariadne-Mythos auf, erzählt von der
Ankunft des Gottes und bietet dem Leser zu guter Letzt einen vorläufigen Ausgang der
Geschichte. Die Nähe zu Catull ist nicht von der Hand zu weisen. Teilweise stimmen die
Beschreibungen der Szene stark überein. Ariadne klagt ihr Leid und Bacchus tritt samt
Gefolge auf. Das Gefolge wird beschrieben und Ariadne ist überwältigt von der Ankunft. 8
Bacchus verspricht ihr den Himmel als Gemahlin eines Gottes und, dass er sich um sie
kümmern wird.9 Er nimmt sie - wehrlos – mit sich.10 Zum Schluss verbinden sie sich.11

8
OVID, Ars Amatoria, I, 537-548: «Excidit illa metu rupitque novissima verba. Nullus in exanimi corpore sanguis erat.»/
«Terque fugam petiit, terque retenta metu.»/ «Implicitamque sinu – neque enim pugnare valebat –Abstulit».
9
OVID, Ars Amatoria, I, 537-548: «Pone metum; Bacchi, Gnosias, uxor eris. Munus habe caelum; caelo spectabere sidus;
Saepe reges dubiam Cressa Corona ratem.».
10
OVID, Ars Amatoria, I, 537-548.
11
OVID, Ars Amatoria, I, 564: «Sic coeunt sacro nupta deusque toro.».
5

1.3.1 Ovid, Fasti, III 460-51512


Die im elegischen Distichon verfassten Lehrgedichte Fasti behandelten die Festtage des
römischen Kalenders. Im dritten Buch gibt es einen Eintrag zu Ariadne und Bacchus:

interea Liber depexos crinibus Indos 465 consortem culpae gaudeat esse suae.
vicit, et Eoo dives ab orbe redit. at, puto, praeposita est fuscae mihi candida paelex!
inter captivas facie praestante puellas eveniat nostris hostibus ille color.
grata nimis Baccho filia regis erat. quid tamen hoc refert? vitio tibi gratior ipso est. 495
flebat amans coniunx, spatiataque litore curvo quid facis? amplexus inquinat illa tuos.
edidit incultis talia verba comis: 470 Bacche, fidem praesta, nec praefer amoribus ullam
'en iterum, fluctus, similes audite querellas. coniugis: adsuevi semper amare virum.
en iterum lacrimas accipe, harena, meas. ceperunt matrem formosi cornua tauri,
dicebam, memini, "periure et perfide Theseu!" me tua; at hic laudi est, ille pudendus amor. 500
ille abiit, eadem crimina Bacchus habet. ne noceat quod amo: neque enim tibi, Bacche, noce-
nunc quoque "nulla viro" clamabo "femina credat"; bat
nomine mutato causa relata mea est. 476 quod flammas nobis fassus es ipse tuas.
o utinam mea sors qua primum coeperat isset, nec, quod nos uris, mirum facis: ortus in igne
iamque ego praesenti tempore nulla forem. diceris, et patria raptus ab igne manu.
quid me desertis morituram, Liber, harenis illa ego sum cui tu solitus promittere cae-
servabas? potui dedoluisse semel. 480 lum. 505
Bacche levis leviorque tuis, quae tempora cingunt, ei mihi, pro caelo qualia dona fero!'
frondibus, in lacrimas cognite Bacche meas, dixerat; audibat iamdudum verba querentis
ausus es ante oculos adducta paelice nostros Liber, ut a tergo forte secutus erat.
tam bene compositum sollicitare torum? occupat amplexu lacrimasque per oscula siccat,
heu ubi pacta fides? ubi quae iurare solebas? 485 et 'pariter caeli summa petamus' ait: 510
me miseram, quotiens haec ego verba loquar? 'tu mihi iuncta toro mihi iuncta vocabula sumes,
Thesea culpabas fallacemque ipse vocabas: nam tibi mutatae Libera nomen erit,
iudicio peccas turpius ipse tuo. sintque tuae tecum faciam monimenta coronae,
ne sciat haec quisquam tacitisque doloribus urar, Volcanus Veneri quam dedit, illa tibi.'
ne totiens falli digna fuisse puter. 490 dicta facit, gemmasque novem transformat in: 515
praecipue cupiam celari Thesea, ne te aurea per stellas nunc micat illa novem.

12
http://www.thelatinlibrary.com/ovid/ovid.Fasti3.shtml. (Stand 26.11.2015).
6

1.3.2 Wirkung
Die vorliegende Stelle kommt einer Fortsetzung der Ars Amatoria gleich. Ariadne läuft zu dem
Strand an dem sie von Theseus verlassen wurde, und klagt erneut ihr Leid, da sie diesmal
von ihrem Ehemann Bacchus betrogen wurde.13 Sie schwelgt in der Erinnerung an die erste
Begegnung mit Bacchus und Ovid füllt hier die Lücke, die nach dem Abschnitt der Ars
Amatoria offen blieb, und lässt Ariadne rekapitulieren, wie diese erste Begegnung verlief. Wie
er in ihrem Leid zu ihr kam, mit Küssen ihre Tränen trocknete und ihr den Himmel und auch
die Krone versprach.14 In den Ars Amatoria nimmt Bacchus die eher wehrlose, verängstigte
Ariadne zu sich.15 In den Fasti sagt Ariadne, dass auch sie Bacchus lieben würde und spricht
von ihrem harmonischen Ehebett.16 Es schien demzufolge vorerst ein glücklicher Verlauf für
Ariadnes weiteres Schicksal vorgesehen zu sein. Doch brach Bacchus seine Versprechen an
Ariadne und brachte von einem seiner Züge eine indische Königstochter mit, welche nun das
Eheglück störte und Ariadne abermals ins Unglück stürzte.

2. Tizians Bacchus und Ariadne


2.1 Der Künstler
Das genaue Geburtsdatum Tizians, bzw. Tiziano Vecellio, ist unbekannt. Wahrscheinlich
wurde er zwischen 1488 und 1490 in Pieve di Cadore, in der damaligen Republik Venedig
geboren.17 Er starb am 27. August 1576 an der Pest in Venedig. Tizian gilt als einer der
grossen Meister der italienischen Hochrenaissance.18 Er war sehr erfolgreich, wurde 1533
von Kaiser Karl V. in den Adelsstand erhoben und zu seinem Hofmaler ernannt. Zu seinen
bekanntesten Werken zählen: Venus von Urbino, die Toilette der Venus, Madonna der
Familie Pesaro und Himmlische und irdische Liebe.

In dieser Arbeit wird sein Gemälde Bacchus und Ariadne näher untersucht. Das Gemälde
entstand 1522- 1523 und ist in Öl gemalt. Es ist 176.5 cm mal 191 cm gross und hängt heute
in der National Gallery in London. Das Bild wurde von Alfonso I d’Este, dem Herzog von
Ferrara für einen seiner Privaträume in Auftrag gegeben.19 Grundlage bildeten klassische
Texte.20 Die Texte, in diesem Fall jene, die in dieser Arbeit abgedruckt wurden, waren seit

13
OVID, Fasti, III, 471-473: «en iterum, fluctus, similes audite querellas. en iterum lacrimas accipe, harena, meas. dice-
bam, […]».
14
OVID, Fasti, III, 509: «occupat amplexu lacrimasque per oscula siccat».
15
OVID, Ars Amatoria, I, 537-548: «Implicitamque sinu – neque enim pugnare valebat –Abstulit».
16
OVID, Fasti, III, 483: «ante oculos adducta paelice nostros».
17
PEDROCCO, S.19.
18
PEDROCCO, S.17.
19
GOULD, S. 3.
20
GOULD, S.17.
7

der Spätantike verschollen und wurden erst im Spätmittelalter wiederentdeckt und beachtet.21
Es gibt daher wenige Werke, die Tizian ausserhalb der Originalquellen beeinflusst haben
könnten. Daher ist anzunehmen, dass seine Rezeption der Texte unbeeinflusst in sein
Gemälde eingeflossen ist.

2.2 Interpretation
Das Gemälde zeigt den herannahenden Bacchus, der Ariadne mit einer Gebärde in sein
Gefolge zu befehlen scheint. Dabei zeigt die Begegnung der Beiden eine eher gegensätzliche
Ausrichtung. Während Bacchus nach vorne stürzend auf Ariadne zu springt, dreht diese ihm
den Rücken zu, wendet sich ab und verschliesst sich ihm dadurch. Ihre Begegnung ist
weniger eine Zusammenführung als ein zweideutiges Geschehen voller Widersprüche. Sie
erblicken sich gegenseitig und doch finden sie nicht zueinander. Ruft man sich nun die
literarischen Quellen des Mythos ins Gedächtnis, so findet man diese wieder, trotz ihrer
Unterschiedlichkeit. Tizian ist es gelungen diese in einem Bild darzustellen. In den Ars
Amatoria wird sowohl die erste, als auch zugleich die letzte Begegnung und somit zugleich
Anfang und Ende der Liebe zwischen Ariadne beschrieben. Bacchus springt bei der ersten
Begegnung mit Ariadne von seinem Wagen, damit sie die Tiger nicht fürchte.22 Diese erste
Begegnung geschah kurz nachdem Theseus Ariadne verlassen hatte und diese noch ganz
im Trennungsschmerz gefangen war.23 Tizian zeigt dies, indem er am linken Bildrand, in
weiter Ferne, das Schiff, mit dem Theseus fortsegelt, festhält. Der Schmerz findet sich in
Ariadnes Ausdruck wieder. In diesem Augenblick kommt der mythische Gott Bacchus
angesprungen, von lautem Tumult und seinem Gefolge begleitet.24 Auch bei Ovid wird dieser
Zug beschrieben, jedoch kommt zuerst das Gefolge und Bacchus folgt nach.25 Der
Gegensatz der ersten Begegnung, der durch die abgewandte Ariadne dargestellt wird, findet
sich auch literarisch bereits erwähnt : a tergo forte secutus erat. 26 Tizian lässt in seiner
Darstellung den handlungsmässigen Widerspruch, zweier Ereignisse, die zu verschiedenen
Zeiten stattfinden aufleben. Die Ankunft des Gottes und zugleich das Ende der Beziehung
zwischen Ariadne und Bacchus, als dieser zum zweiten Mal nun aus Indien kommend und
eine Geliebte mit sich führend erscheint. Ariadne sucht abermals den Strand auf und klagt,
wie sie es schon bei Theseus‘ Verlassen tat.27 Bei dieser letzten Begegnung nähert sich

21
BURN, S. 75., VOLK, S 115.
22
OVID, Ars Amatoria, I, 559-560: «et e curru, ne tigres illa timeret, /Desilit.».
23
OVID, Ars Amatoria, I, 531: «Perfidus ille abiit: quid mihi flet? ».
24
CATULL, Carmen 64, 251-264: «florens volitabat Iacchus /cum thiaso Satyrorum et Nysigenis Silenis,[…]».
25
OVID, Ars Amatoria, I, 537-548.
26
OVID, Fasti, III, 508.
27
OVID, Fasti, III, 469-472.
8

Bacchus „a tergo“. Ein weiterer Hinweis auf dieses letzte Erscheinen bietet die Verknüpfung
mit Indien und findet sich in den Raubkatzen, welche den Wagen Bacchus‘ ziehen. Eigentlich
wird der Wagen von Tigern gezogen, im Gemälde sind es Geparden die den Wagen ziehen.
Auch führt er eine indische Königstochter mit sich. Im Bild bildet die Bacchantin gleich hinter
Bacchus das Gegenstück zu Ariadne, sie ist von Tizian in jenem schillernden Reiz gemalt,
mit dem die Königstochter beschrieben wird.28
Somit wird sie für uns als Bacchus‘ Geliebte erkennbar. Der Sprung oder Flug, den Bacchus
in Richtung Ariadne ausführt, und ihr erstaunter Blick zeigt, welch lähmende Wirkung der Gott
auf sie hat, und erinnert an die erste Begegnung zwischen ihr und dem Gott, als er sie aus
ihrer Klage um Theseus reisst.29 Bei der letzten Begegnung entflieht sie ihm schlussendlich.30
Erkennt man nun die Abwehrhaltung Ariadnes im Bild, bekommt der Gott nun eine
bedrohende Komponente, er verfolgt sie, setzt ihr nach. 31 Ariadne nimmt ihn erschrocken,
verblüfft und zugleich dabei abwehrend zurückweichend wahr, sie macht kehrt und aus seiner
Sicht begegnet er ihr zum letzten Mal. Sie hat den Arm abwehrend erhoben, ihr Gesicht zeigt
mit einem offenen Mund und nahezu aufgerissenen Augen sowohl Erstaunen als auch
Schrecken. Er sieht sie a tergo und seine drohenden Gebärden sind der gegenteilige Spiegel
seines eher verblüfften Gesichtsausdrucks. Es ist die Umkehrung der ersten Begegnung, als
er sich voller Liebeszorn nähert. Nun ist der Gott der Verlassene, der die entfliehende Ariadne
zurückhalten und wiedergewinnen möchte. Tizian hält den Anfang und das Ende der Liebe
von Ariadne und Bacchus in nur einem Gemälde fest. Das Geschehen, das auf den ersten
Blick eine Einheit bildet und den Eindruck erweckt, in sich geschlossen zu sein, ist in
Wirklichkeit von internen Konflikten durchzogen. Bacchus erscheint in der Gestalt der ersten
Begegnung bei ihrem letzten Treffen. Ariadne, die ihn zum ersten Mal sieht, hat die Haltung
der letzten Begegnung (von hinten) eingenommen. Sie nehmen sich zu verkehrten Zeiten in
den verkehrten Gestalten wahr. Zugleich lässt sich in der ganzen Ablehnung eine gewisse
Anziehung nicht verleugnen. Getrennt und doch beisammen. Am Himmel über Ariadne ist
das Sternbild der Corona borealis zu sehen, das ihr Bacchus als Hochzeitsgeschenk nach
der ersten Zusammenkunft gemacht hat.32 In den Fasti stirbt Ariadne bei der letzten
Begegnung mit Bacchus in dessen Armen und ihre Hochzeitskrone wird apotheotisch zu
ihrem Denkmal.33 Die Panik, die sich im Wesen Ariadnes und ihrem Schicksal widerspiegelt,

28
OVID, Fasti, III, 467.
29
OVID, Ars Amatoria, I, 539/ 542.
30
OVID, Fasti, III, 469-470.
31
OVID, Fasti, III, 508-509.
32
OVID, Ars Amatoria, I, 557-558.
33
OVID, Fasti, III, 510-516.
9

verleiht Tizian sprichwörtlich Gestalt. Links von Bacchus im Bildhintergrund, findet sich in der
Ferne eine kleine Figur, in Satyrgestalt, jedoch weit von Bacchus‘ Gefolge entfernt und nicht
zugehörig. Der Gott Pan?
Die Zerrissenheit der ganzen Szenerie von Lust, Leid und Wahnsinn findet sich in mehreren
Details wieder. Unübersehbar ist der Schlangenkämpfer im Vordergrund.34 Bei Catull findet
sich die Beschreibung von Schlangenträgern als, Personen, die sich mit Schlangen gürten,
nicht mit ihnen kämpfen.35 Er versucht sich zu befreien, befindet sich in einer bedrohlichen
Lage, trotz seiner physischen Stärke, und wird doch zugleich vom Zug der Bacchanten
mitgetragen. Die Zerrissenheit spiegelt sich auch in Bacchus wieder, sein Sprung nach vorne,
gleichzeitig seine Gebärde nach hinten. Die Ankunft und die letzte Begegnung kennzeichnen
sein Sein. Es sieht aus, als würde er neben den Wagen ins Leere treten. Sein Sprung wird
zu einem Stürzen und haltlosem Schwanken.36 Der äusserste Bacchant schliesslich trägt sein
Gotteszeichen, den Thyrsosstab, vor sich her. Bacchus‘ Göttlichkeit und seine Epiphanie ist
als widersprüchlich zu erkennen. Auffällig erscheint in diesem Bild die Verschmelzung von
Lust, Liebe, Drohung, Gefahr und Überwältigung. Bacchus ist diese Gefahr. Um sein Haupt
hängt ein zerfetzter Efeukranz, sein Wagen ist ein Streitwagen, er steht zwischen einem
kläffenden Hund und dem Zug seiner Bacchanten, von denen einige die abgerissenen
Gliedmassen eines Tieres triumphierend vor sich her tragen oder, wie der Satyrknabe im
Bildvordergrund, nach sich ziehen. Auffällig ist, dass die Symbole für Gefahr die Mitte des
Bildes ausmachen, welche zugleich von Bacchus dominiert wird. Die Landschaft hinter
Bacchus in Verbindung mit dem bleichen, toten Licht, das aus keiner direkten Quelle zu
stammen scheint, schaffen einen nahezu panischen Raum und entleeren die Farben. Der
Wald ist gekennzeichnet durch Aufhellungen und Schatten, gehalten in grünen und erdigen
Tönen. Im Hintergrund rechts erkennt man den alten Silen, betrunken und auf einem Esel
reitend.37 Hinter Bacchus finden sich weitere Bacchantinen und Bacchanten, die lärmend
Zimbeln schlagen und Hörner blasen.38 Im ganzen Bild herrscht Umtrieb, Bewegung, Sprung
und doch ist kontrastierend eine gewisse Ruhe auszumachen. Zum einen in den
stillstehenden, sich anblickenden Geparden, zum anderen in dem Satyrknaben, der
unschuldig, fast engelhaft mitzieht und doch in Verbindung mit dem Eselskopf steht.

34
Oftmals falsch als Laookon interpretiert. WETHEY, S. 36.
35
CATULL, Carmen 64, 258.
36
OVID, Fasti, III, 481-482.
37
OVID, Ars Amatoria, 543-544: «[…] ecce senex pando Silenus asello/Vix sedet […]».
38
CATULL, Carmen 64, 263- 265: «multis raucisonos efflabant cornua bombos/barbaraque horribili stridebat tibia cantu.».
10

3. Wahrnehmung Catulls nach der Interpretation von Tizians Gemälde


Durch die Auseinandersetzung mit Tizians Gemälde Bacchus und Ariadne verändert sich
die sichtweise auf Catulls Carmen 64. Obwohl der Abschnitt nicht besonders lang ist und
Fragen über das weitere Schicksal Ariadnes nicht beantwortet werden, fügt sich im Geiste
eine abgeschlossene Handlung zusammen. Beim Lesen des Textes bekommen die
Figuren nun eine bildliche Darstellung, eben jene wie im Gemälde. Man kann sich den
Zug der Bacchanten, Bacchus und Ariadne selbst gar nicht mehr abweichend von Tizians
Gemälde vorstellen. Bei der ersten Lektüre von Catulls Carmen 64 erschien die Passage
von Bacchus Ankunft eher unbedeutend und harmlos. In meiner Vorstellung fügte sich
eine Geschichte mit glücklichem Ausgang zusammen. Theseus verlässt Ariadne; dafür
widerfährt ihr noch grösseres Glück durch den sie suchenden Bacchus, der sie dann zu
seiner Gemahlin macht. Diese glückliche Vorstellung schwindet mit der Lektüre Ovids, der
die offenen Lücken, die Catull hinterlässt, füllt. In einem ersten Moment scheint Ariadne
wirklich gerettet worden zu sein. Sie spricht von Liebe zu Bacchus. Dieser wiederum
beging das gleiche schändliche Verbrechen, wie Theseus, und betrog Ariadne. Nun ist
die Vorstellung eines glücklichen Ausgangs purer Verzweiflung über Ariadnes Schicksal
gewichen. Tizian verstärkt nun diesen Eindruck durch seine malerische Umsetzung der
verschiedenen Versionen. In seinem Bild spiegelt sich nur noch Verzweiflung,
Zwiespältigkeit und Gefahr wieder. Ariadne wirkt verloren, verängstigt und überwältigt.
Nicht glücklich und befreit. Der jugendliche, harmlose Bacchus ist in Wirklichkeit ein Gott,
der durchaus gefürchtet werden muss. Er nimmt Ariade ohne deren klares Einverständnis
mit, sein Gefolge gibt sich der Ekstase, dem Rausch hin und vollbringt dabei grausige
Dinge, wie das Zerreissen der Tiere. Er kommt von einem militärischen Feldzug aus Indien
zurück, eine Tatsache, die ebenfalls für einen gefährlichen Bacchus spricht. Ariadne
rutscht vom Regen in die Traufe und ist verloren. Ohne Ovids Lückenfüllung und Tizians
genialer Verbindung aller Texte in einem überwältigendem Gemälde, wäre Ariadne ein
glücklicher Ausgang in meiner Vorstellung beschieden gewesen, der ihrer Pein endlich
ein Ende bereitet hätte. Diese Hoffnung ist nun dahin und es bleibt nichts anderes übrig,
als Mitleid mit Ariadne zu empfinden.
11

4. Fazit
Durch die Gegenüberstellung der Werke in dieser Arbeit hat sich meine Wahrnehmung
des Carmen 64 komplett geändert. Diese Erkenntnis zeigt, wie wichtig Rezeption und ihre
Wirkung ist. Sie ermöglicht den eigenen Horizont zu erweitern und deckt verborgene
Elemente auf, die ohne das Heranziehen weiterer Rezeptionen, wie in diesem Fall, nie
ans Licht gekommen wären und dem Grundwerk weitere Eindrucksdimensionen
hinzufügen.