Sie sind auf Seite 1von 14

Machiavelli und Boethius

Von
V E R E N A EPP
Düsseldorf

„Virtù, die kristalline Energie der zwecksetzenden politischen Subjekte, und fortu-
na, der Inbegriff der Zufälligkeit und Sinnlosigkeit der Geschichte, bilden . . . die
Fundamentalopposition in Machiavellis politischer Theorie": so die Formulierung
eines unumstrittenen Ergebnisses der Machiavelli-Forschung durch Herfried
Münkler.1
Die Antinomie von fortuna und virtù durchzieht in der Tat vor allem den Princi-
pe, jenes die Machiavelli-Rezeption beherrschende Werk,2 das der Autor im Jahre
1513 kurz nach seiner Amtsenthebung als Sekretär des „Rats der Zehn" in Florenz,
des Gremiums, das die Außen- und Verteidigungspolitik der Stadt leitete, in er-
zwungener Muße zu schreiben begann. Angesichts des französisch-spanischen
Kampfes um die Hegemonie in Europa, in dem die fünf italienischen Teilstaaten
zerrieben zu werden drohten, wollte Machiavelli mit dem Principe - das Kapitel
„Aufruf, in Italien die Macht zu ergreifen und es von den Barbaren zu befreien" 3
bildet den Schluß - zur staatlichen Einigung aufrufen. Eine solche Einigung konnte
in seinen Augen nur mehr durch die virtù, das entschlossene Handeln eines zielstre-
bigen, außergewöhnlichen Politikers bewerkstelligt werden, da der politische, öko-
nomische und soziale Verfall der Bürgergemeinschaft von Florenz, bedingt durch
den Prozeß der Rearistokratisierung der oberen Schichten, die den kontemplativen
Müßiggang pflegten, bereits zu weit vorgeschritten sei.4 Den Aufstieg Cesare Bor-
gias zum Herzog der Romagna vor Augen fragte sich Machiavelli, wie dieser einzel-
ne aufgrund seiner Fähigkeit (virtù) die ihm durch Zufall oder Glück (fortuna) zu-
teil gewordene Herrschaft auf Dauer behaupten könne. Zentrales Thema der Schrift
ist also der Kampf des einzelnen Fürsten gegen den drohenden Sturz, dem er nur
entrinnen könne, wenn er sich von der Wechselhaftigkeit des Schicksals unabhängig
mache und allein auf die eigene Kraft vertraue (Princ. Kap. 6).

1 Machiavelli (Frankfurt a.M. 1982) 316; zum Begriff der virtù auch J. H. Geerken, Homer's Image of

the Hero in Machiavelli: A Comparison of Arete and Virtù, in: Italian Quarterly 14,53 (1970) 45 - 90, der
den „context of ambush and conspiracy", die enge Verbindung von „virtù to treachery" (60) hervorhebt.
Zur fortuna neuerdings: R. S. Greenwood, Images of Fortuna in Machiavelli, in: E. A. Millar (Hg.), Re-
naissance and other studies presented to P. M. Brown (Glasgow 1988) 111-28; J. Leeker, Fortuna bei
Machiavelli, in: Romanische Forschungen 101 (1989) 407-32.
2 Η. Münkler (Hg.), Niccolò Machiavelli. Politische Schriften (Frankfurt a.M. 1990) 13.

3 Kap. 26, N . Machiavelli, Opere, ed. M. Bonfantini (Milano/Napoli 1954) 83: „Exhortado ad capessen-

dam Italiani in libertatemque a barbaris vindicandam".


4 Istorie Fiorentine V,1, Opere 773.

206

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Machiavelli und Boethius

Auch in den 1522 vollendeten Discorsi, die in der Form eines Kommentars zu
den ersten zehn Büchern der römischen Geschichte des Livius angelegt sind, vertrat
Machiavelli die Auffassung, nur eine moralische Erneuerung von innen, die Wieder-
herstellung der ursprünglichen Kraft (virtù) - jetzt eines Kollektivs, der Bürger-
schaft - könne dem sonst mit zwingender Notwendigkeit eintretenden Verfall des
florentinischen, von avidità und ambizione, Habsucht und Ehrgeiz,5 korrumpierten
Staatswesens Einhalt gebieten.
Es kann hier nicht der Ort sein, die Geschichtstheorie des Florentiners, seine aus
Aristoteles und Polybios gespeiste Anakyklosis-Lehre insgesamt zu betrachten.6
Beabsichtigt ist vielmehr, ein Motiv, genauer: das Grundelement dieser Geschichts-
auffassung, den Kampf zwischen der virtù des Menschen und der ihm entgegentre-
tenden fortuna, dem Schicksal, dem er ausgesetzt ist, in den Blick zu nehmen und in
eine geistesgeschichtliche Tradition zu stellen. Die Brücke ist dabei nicht unmittel-
bar, wie gezeigt werden soll, zu den römischen Historikern der Antike, Livius und
Sallust, zu schlagen. Vielmehr ist eine Parallele zur Geschichtsanschauung des Boe-
thius aufzuweisen, wie sie in seinem Hauptwerk, der „Consolatio philosophiae",
zum Ausdruck kommt. Eine solche Verwandtschaft des Denkens zwischen dem
„letzten Römer" und dem Begründer neuzeitlich-säkularen Staatsdenkens ist bisher
weder von der Boethius- noch von der Machiavelli-Forschung in Betracht gezogen
worden.
Methodisch möchte ich dabei so vorgehen, daß zunächst einige Kernstellen aus
dem Werk Machiavellis seine spezifische Sicht des Problems fortuna-virtù vorfüh-
ren. Im Anschluß daran wird versucht, der communis opinio zu folgen und Machia-
vellis Schicksalsdiskussion allein aus dem Vorgang antiker Autoren abzuleiten. Die
Unmöglichkeit einer solchen Deduktion gibt den Weg frei für die Betrachtung der
Consolatio und die Suche nach möglichen Parallelen. Sollte eine innere Verwandt-
schaft des Denkens wahrscheinlich zu machen sein, ist die Boethius-Uberlieferung
dahingehend zu prüfen, ob Machiavelli Zugang zum Text der Consolatio haben
konnte. Schließlich ist zu fragen, ob sich auch in anderen Gegenstandsbereichen
oder aus anderen Quellen als den politischen Schriften Boethius-Kenntnis bei Ma-
chiavelli nachweisen läßt.
Beginnen wir mit der Schicksalsthematik im „Principe". Eine Grundbestimmung
des Verhältnisses von Schicksal und menschlicher Kraft gibt Machiavelli im sechsten
Kapitel des Werkes, das sich mit Herrschaften befaßt, die durch eigene Leistung des
Fürsten erworben wurden. Als antike Vorbilder werden Moses, Kyros, Romulus
und Theseus genannt. Wenn er ihr Leben und Handeln untersuche, sehe er, daß „sie
dem Glück nur die Gelegenheit verdankten, die ihnen den Stoff bot, in den sie die
Form prägten, die ihnen gut schien: ohne diese Gelegenheit hätten ihre Kraft und

5 Hier wirkt das sallustische Paar ambitio-avaritia (Cat. 10,3 ff.; 11,1 ff., hist. I fr. 11 M.; cf. Hor.s.

1,4,26; Tac.hist. 11,56,2; ann. 111,34,3; XV 21,4) weiter.


6 Dazu G. Sasso, Machiavelli e gli antichi, Bd. 1 (Milano/Napoli 1986) 61-118.

207

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Verena Epp

Tüchtigkeit keine Wirkungsmöglichkeit gehabt, und ohne ihre Kraft und Tüchtig-
keit hätte sich die Gelegenheit vergeblich eingefunden."7 Die Fortuna hat also die
Aufgabe, der weltgestaltenden Formkraft der virtù die Gelegenheit zur Bewährung
zu geben. Der Kairos der historischen Situation steht in Wechselbeziehung mit der
zupackenden Energie des Politikers, der die Gelegenheit beim Schöpf fassen muß,
um Erfolg zu haben. Diese Interdependenz von fortuna und virtù ist es, die wir als
essentiellen Bestandteil der Konzeption Machiavellis aus dieser Stelle erkennen
können.
Untrennbar mit seiner Vorstellung der fortuna verbunden ist auch die Assozia-
tion der Gefahr, die sie umgibt und die der Mensch in unablässigem Kampf zu ban-
nen bestrebt sein muß, um ihrer Macht nicht zu unterliegen. „Sie (die fortuna) zeigt
ihre Macht dort, wo es an der Kraft des Widerstands fehlt."8 In zwei berühmten
Bildern werden wir in die Natur der Auseinandersetzung eingeführt. Machiavelli
vergleicht im 25. Kapitel des Principe die Gewalt der fortuna mit der eines reißen-
den Stromes, gegen dessen Verheerung die Menschen machtlos sind, wenn sie nicht
rechtzeitig Vorkehrung getroffen haben, die Fluten einzudämmen und zu kanalisie-
ren. „Alles ergreift vor ihm die Flucht, jeder weicht seinem Ungestüm aus, ohne nur
den geringsten Widerstand leisten zu können."9
Am Schluß des gleichen Kapitels wird das Schicksal in Gestalt einer Frau gesehen,
der gegenüber Machiavelli folgendes empfiehlt: „Fortuna ist ein Weib; um es unter-
zukriegen, muß man es schlagen und stoßen." 10 Das dem Menschen begegnende
Schicksal ist bezwingbar, so darf man die Bilder deuten, er kann, wenn er aktiv han-
delt, die Oberhand gewinnen. Der „Männlichkeit" des Principe, die etymologisch
im lateinischen Wort „virtus" enthalten ist, unterliegt hier die fortuna als das
„schwache Geschlecht". Machiavellis Auffassung unterscheidet sich in diesem
Punkt durchaus von der gängigen zeitgenössischen Vorstellung einer unentrinnbar
mächtigen Fortuna. Vor allem Petrarcas 1366 veröffentlichter, bei einem breiten Pu-
blikum äußerst erfolgreicher Moraltraktat „De remediis utriusque fortunae" kam zu
dem pessimistischen Ergebnis, daß im Verlauf der Geschichte Fortuna mehr und
mehr die Oberhand über die Menschen gewinne, da deren virtus im Schwinden be-
griffen sei.11
Aus diesem Prinzip der „Meisterschaft" des Menschen Uber sein Schicksal ergeben
sich Folgen für die Lösung des Problems menschliche Willensfreiheit versus göttli-

7 „Quelli avessino altro dalla fortuna che la occasione; la quale dette loro materia a potere introdurvi
drento quella forma parse loro: e sanza quella occasione la virtù dello animo loro si sarebbe spenta, e san-
za quella virtù la occasione sarebbe venuta invano." (Opere, 19)
8 „La quale (se. fortuna) dimostra la sua potenzia dove non è ordinata virtù a resisterle(Opere, 80)
9 „Ciascuno fugge loro dinanzi, ognuno cede allo impeto loro sanza potervi in una parte obstare

(Opere, 80)
10 „La fortuna è donna: ed è necessario, volendola tenere sotto, batterla e urtarla." (Opere, 82)

" K. Heitmann, Fortuna und Virtus. Eine Studie zu Petrarcas Lebensweisheit (Köln und Graz 1958)
10 f., 249 f.

208

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Machiavelli und Boethius

che Geschichtslenkung. Auch hierzu nimmt Machiavelli Stellung: „Da wir einen
freien Willen haben, halte ich es . . . für möglich, daß fortuna für die eine Hälfte un-
serer Handlungen verantwortlich ist, uns aber die andere Hälfte oder etwas mehr zu
bestimmen überläßt." 12 Die eher statistisch aus der Beobachtung der politischen
Praxis als theoretisch gewonnene (angebliche) Erkenntnis, daß dem Menschen etwa
die Hälfte seiner Handlungen vom Schicksal diktiert werde, die andere Hälfte sei-
nem freien Willen entspringe, widerspricht bis zu einem gewissen Grade der soeben
zitierten Vorstellung, der Mann könne sich, sei er nur entschlossen und tatkräftig
genug, als Meister des Schicksals erweisen. Doch Konsistenz in metaphysischen
Fragen von jemandem zu erwarten, der in erster Linie praktische politische Lösun-
gen und Handlungsanweisungen geben will, hieße die Reichweite seiner Aussagen
über Gebühr ausdehnen. Im Schlußkapitel des Principes erklärt Machiavelli die
menschliche Verfügungsgewalt über die Geschichte sogar mit Gottes großzügigem
Verzicht, alles bis ins Detail zu regeln: „Gott will nicht alles tun, um uns nicht den
freien Willen zu nehmen und den Teil des Ruhms, der uns selber angeht." 13 Das
Verhältnis von fortuna zu Gott wird nirgends diskutiert. Der neuzeitliche Zug der
sonst so innerweltlichen Geschichtsdeutung Machiavellis, die mit dem Begriff
„necessità" die Providentia Dei ersetzte,14 „entgleist" hier plötzlich. Seine Stellung
an der Wende der Zeiten, zwischen dem allbeherrschenden Gott des Spätmittelal-
ters, der bei Duns Scotus und Ockham den Menschen auch das Gegenteil der zehn
Gebote befehlen konnte 15 und der Konstruktion einer rein weltlichen inneren Logik
der Geschichte in Analogie zur Ananke des Thukydides, 16 könnte nicht besser ins
Bild gesetzt werden als durch dieses Nebeneinander von fortuna und Gott.
Auch in den Discorsi suchen wir vergeblich nach einer einheitlichen Stellungnah-
me zu der Frage, wer denn nun der Sieger im Kampf zwischen Mensch und Schick-
sal sei. In der Erörterung der Frage, was mehr zur Größe Roms beigetragen habe,
das Glück oder die Leistung der Römer, bekennt sich Machiavelli eindeutig zur pa-
triotischen Sichtweise. Er will darlegen, „wieviel mehr ihre Tüchtigkeit als ihr
Glück zur Eroberung des Reiches beitrug". 17 In anderem Zusammenhang jedoch
gesteht er der fortuna im Anschluß an Livius durchaus die Fähigkeit zu, die Men-
schen zu blenden, wenn sie nicht will, daß ihre hereinbrechende Gewalt gehemmt

12 Opere, 80.
13 „Dio non vuole fare ogni cosa, per non ci torre el libero arbitrio e parte di quella gloria che tocca a
noi." (Opere, 84)
14 Münkler (1982) 246 und Κ. Kluxen, Der Begriff der necessità im Denken Machiavellis (Diss. Köln

1949) passim.
15 Münkler (1982) 312

16 Wenn A. Buck, Machiavelli (Darmstadt 1985) 11 im Gefolge Κ. Reinhardts bezweifelt, daß Machia-

velli Thukydides gelesen hat, so bleibt doch daran zu erinnern, daß die lateinische Thukydides-Uberset-
zung Lorenzo Vallas 1513 erschien, also zu Beginn der Arbeit Machiavellis an den Discorsi.
17 „E perché ciascuno possa meglio conoscere quanto possa più la virtù che la fortuna loro ad acquistare

quello imperio." (Discorsi 11,1; Opere, 224)

209

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Verena Epp

wird. 18 Aufgrund der Betrachtung von Roms Weg zur Größe kommt Machiavelli
zu folgendem Schluß: „Die Menschen können das Schicksal nur unterstützen, sich
ihm aber nicht widersetzen. Sie können seine Fäden spinnen, nicht aber zerreißen.
Doch dürfen sie sich nie selber aufgeben. Da sie die Absicht des Schicksals nicht
kennen, und dieses auf krummen und unbekannten Pfaden wandelt, so sollen sie
immer Hoffnung haben und nie sich selber aufgeben, in welcher Lage und in wel-
cher N o t sie auch sein mögen." 19 So Machiavellis Imperativ der Selbstbehauptung
des Menschen im Umgang mit einem unkalkulierbaren, gleichwohl dem menschli-
chen Eingriff zugänglichen Schicksal. Sie können nicht voraussehen, welche Mitwir-
kungsmöglichkeiten ihnen bei der Gestaltung ihres Lebens gegeben werden, daß sie
jedoch an ihrem Schicksal mitweben können, ist für den Autor unbestritten und
Anlaß genug, seine Leser zur eigenen Aktivität aufzufordern.
Versuchen wir nun, mögliche Quellen der skizzierten Geschichtsauffassung nam-
haft zu machen. Es herrscht die Meinung, Machiavelli habe seine Ansichten vor al-
lem aus Polybios und Livius, Thukydides, Plutarch und Sallust geschöpft. 20 Wie er
sich diese Kenntnisse angeeignet hat, ist unklar. Die Bibliothek seines Vaters Ber-
nardo enthielt Livius, Macrobius und Priscian, die Ethik des Aristoteles, die Philip-
pischen Reden des Demosthenes, Ciceros De officiis und De oratore sowie die Kos-
mographie des Ptolemaios, Plinius in italienischer Übersetzung und den Auszug des
Iustinus aus der Weltgeschichte des Pompeius Trogus. Eine Kenntnis dieser Werke
darf daher als wahrscheinlich gelten. Nähere Informationen über seine Lektüre zwi-
schen dem 17. und 29. Lebensjahr fehlen allerdings. Er dürfte jedoch die Lektüre
bestimmter lateinischer Autoren, vorzugsweise der Historiker, fortgesetzt haben. 21
Besonders Vorsichtige weisen außerdem darauf hin, daß Machiavelli seine antiken
Quellen lediglich als Steinbruch zum Beleg für eigene Thesen benutzt habe und daß
es aufgrund dieser willkürlichen Selektion schwierig, beinahe unmöglich sei, kon-
krete Parallelen nachzuweisen. Außerdem sei es „für uns gar nicht zu übersehen,
was alles an antikem Gut einem italienischen Schriftsteller zu Anfang des 16. Jh.
durch direkte Kenntnis der antiken Werke und ihre Ubersetzungen, durch Samm-
lungen und Anthologien, durch humanistische Literatur und moderne Nachbildun-
gen und wer weiß wie sonst vermittelt werden konnte", meint Friedrich Mehmel. 22

18
„Adeo obcoecat ánimos fortuna, cum vim suam ingruentem refringi non vult." (Livius V,37; danach
der Titel des 29. Kapitels der Discorsi)
19
„Gli uomini possono secondare la fortuna e non opporsegli, possono tessere gli orditi suoi e non rom-
pergli. Debbono bene non si abbandonare mai; perché non sappiendo il fine suo, e andando quella per
vie traverse ed incognite, hanno sempre a sperare e sperando non si abbandonare in qualunque fortuna ed
in qualunque travaglio si truovino." (Discorsi 11,29; Opere, 299)
20
Zuletzt Münkler (1990) 31; Buck, a . a . O . 94; zu Sallust: Qu. Skinner, Pre-Humanist Origins of Repu-
blican Ideas, in: G. Bock u. a., Machiavelli and Republicanism (Cambridge 1990) 121 —41 ς Sasso, Machia-
velli e gli antichi konzentriert sich auf die gleichen Autoren, nennt aber auch Spuren von Lukrez, Ovid,
Tacitus.
21
A. Buck, Machiavelli (Darmstadt 1985) 7.
22
Machiavelli und die Antike, in: Antike und Abendland 3 (1948) 153.

210

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Machiavelli und Boethius

Fragt man nun weiter, welche Elemente der Theorie es sind, die Machiavelli aus
den antiken Autoren entlehnt haben soll, ergibt sich, daß die uns interessierende
Schicksalsthematik in erster Linie aus Livius und Sallust erläutert wird. Betrachtet
man jedoch den Text selbst und prüft die Stellen, in denen Livius die Termini fortu-
na und virtus nebeneinander gebraucht, zeigt sich, daß er dies nie tut, um einen Ge-
gensatz von menschlicher Aktivität und dem Einbrechen des Schicksals auszudrük-
ken, sondern stets in dem Sinne, daß beide Mächte zusammenwirken, meist um ein
Individuum besonders auszuzeichnen.23 T. Moore24 zeigt sogar, daß es sich bei der
Verbindung „virtus ac fortuna" bei Livius um eine Formel handelt - gleichbedeu-
tend mit dem ebenfalls häufigen „virtus felicitasque" - : nur aus dem Zusammenwir-
ken beider Faktoren entsteht Erfolg.
Zudem wirkt, wie Sasso25 bemerkt, „nel fondo della concezione di Livio ... qual-
cosa come la stoica πρόνοια". Es finde sich zwar keine explizite Theorie der Vor-
herbestimmung des Geschichtsablaufs, aber ein „Providentialismus" sei zwischen
den Zeilen erkennbar. Für Livius tendierten fortuna und virtus dazu, in eins zusam-
menzufallen. Die fortuna habe die virtus in sich aufgesogen, bestimme den Verlauf
der Dinge und präge ihnen das Siegel ihres höheren Willens auf. Sie sei keine wan-
kelmütige, blinde Göttin und stehe insofern nicht im Gegensatz zur wahren virtus.
Im Gegenteil, sie sei das äußere, sichtbare Zeichen der virtus, die eine höhere präde-
stinierende Instanz aufgrund ihrer Verdienste zum Protagonisten der Geschichte
mache.26 Soweit die prägnante Zusammenfassung des livianischen Schicksalsbegriffs
durch Sasso. Zwar kennt auch Livius das Moment menschlichen Verdienstes, doch
es ist im Vergleich zu Machiavelli in seiner unmittelbaren Wirkung auf die Ge-
schichte gehemmt durch die Einbindung in einen übergreifenden Kausalnexus des
Geschehens, auf den der Mensch keinen Einfluß hat. Fortuna ist in diesem System
lediglich eine abgeleitete Größe, delegiert von der allmächtigen Providentia, und
kann nicht als ebenbürtige Widersacherin des Menschen angesehen werden. Als Ge-
meinsamkeit mit Machiavelli ist allenfalls der Gedanke zu erkennen, daß Fortuna
die Aufgabe zukommt, Gelegenheiten zur Bewährung der virtus bereitzustellen.27
Ist dann möglicherweise Sallust für Machiavellis „Heraklitismus",28 sein Denken
in Antinomien wie der von fortuna und virtus verantwortlich? Die Antwort kann
nur lauten: nein. Sallust ist zwar derjenige römische Historiker, der „dem Begriff
23
1,42,3: in eo bello et virtus et fortuna enituit Tulli; 1,25,2: Imperium agebatur in tarn paucorum virtute
ac fortuna positum; 4,31,6; 6,41,2; 6,30,6; quidquid superfuit Fortunae populi Romani, id militum etiam
sine rectore stabilis virtus tutata est und öfter; vgl. auch W. Eisenhut, Virtus Romana (München 1973)
121.
24
Artistry and Ideology: Livy's Vocabulary of Virtue (Frankfurt a. M. 1989) 11.
25
Machiavelli e gli antichi, 414 Anm. 18.
26
Sasso 1986, 410; vgl. auch I. Kajanto, God and Fate in Livy (Turku 1957), der die stoischen Elemente
in Livius zurückzustufen sucht. In gleichem Sinne jetzt auch Μ. ν. Albrecht, Geschichte der römischen
Literatur I (Bern 1992)676.
27
z. B. 5,43,6: Proficiscentes Gallos ab urbe ad Romanam experiendam virtutem Fortuna ipsa Ardeam
. . . duxit.
28
W. Kluxen, Politik und menschliche Existenz bei Machiavelli (Stuttgart 1967) 104.

211

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Verena Epp

virtus eine so hohe, maßstabsetzende Bedeutung für den Mann und für den Staat
gegeben hat". 29 Auch die nicht-moralische, wie bei Livius noch nicht von der grie-
chischen Arete beeinflußte Füllung des Begriffs im Sinne von „Tatkraft, Energie,
Tapferkeit" 3 0 ist verwandt. Von Sallust konnte Machiavelli „lernen", daß der Sitten-
verfall, die corruptio der Bürger ausschlaggebend für den auch politischen Nieder-
gang eines Staatswesens werden konnte. 31 Beide zielen mit ihren Werken auf politi-
sche Pädagogik, es geht ihnen um eine Wiederbelebung der virtus/virtù einer ver-
gangenen Zeit. 32
Unter den römischen Autoren, bei denen Machiavelli eine Antinomie fortuna-
virtus hätte kennenlernen können, ist neben Cicero (z. B. Tusc. III, 17,36), Seneca
(ζ. Β. ep. 71,30) und Plinius d. A. 3 3 vor allem der Chronist und Biograph Cornelius
Nepos ( f nach 27 v. Chr.), ein Freund Ciceros, zu nennen, der die schon bei Isokra-
tes34 und in der Ethik des Aristoteles (1099 b 18 ff.) anzutreffende Antithese Arete-
Tyche in seinen Lebensbeschreibungen „De viris illustribus" als Kategorie verwen-
det und damit erstmals aus den Rhetorenschulen in die Historiographie einführt.35
Eine direkte Kenntnis dieses Autors bei Machiavelli ist nicht nachweisbar, so daß
wir nur mutmaßen können, daß entweder Machiavelli unmittelbar aus der griechi-
schen Tradition schöpfte - die aristotelische Ethik war ja in der Bibliothek seines
Vaters vorhanden - oder Nepos' Vorbild an der „Begriffsbildung" mitgewirkt ha-
ben könnte. Doch das Ideal eines Menschen, der sein Schicksal gleichsam in beide
Hände nimmt, suchen wir bei Nepos vergeblich. Für den Biographen ist dies im
Prinzip ein frevlerisches, mit dem Ruch der Hybris behaftetes Unterfangen. In der
Vita des Timotheos, eines athenischen Flottenkommandanten des 4. Jh. v. Chr.,
kommentiert er nämlich das Verhalten eines ungestümen jugendlichen Mitkämpfers
beim Versuch der Eroberung von Samos folgendermaßen: „Doch er in seiner Toll-
kühnheit fügte sich nicht der Autorität der Erfahreneren, gleich als ob das Schicksal
in seiner Hand läge." 3 6 Fortuna ist also nicht wirklich in der Hand des Menschen
und schon der Versuch, mittels der Vernunft wider den mos maiorum so zu tun, als
sei sie es, verletzt das römische Wertsystem.
Aber, und dieses „Aber" müssen wir unterstreichen, Nepos kommt in der be-
rühmten Vita des reichen Cicero-Freundes Atticus zu abweichenden Schlußfolge-
rungen: Das Beispiel des Protagonisten, der sowohl moralisch vorbildlich wie vom

29 Eisenhut 55.
30 Ebd.
31 Vgl. Sasso 1986, 456 f.

32 Vgl. für Sallust: E. Tiffou, La pensée morale de Salluste (Montreal 1974) 589.

33 Zur antiken Tradition der Antithese: K. Heitmann, Fortuna und Virtus, 17 ff.

34 Paneg. 91 (i.J. 380), wo es um die Frage geht, ob die Athener ihre Siege errungen hätten δι' άρετήν,

άλλ' ού δια τΰχην.


35 Eisenhut 47, der die Tradition des Begriffspaares erst mit der Ethik des Aristoteles beginnen läßt.

34 „At ille temeraria usus ratione non cessit maiorum natu auctoritati, velut si in sua manu esset fortuna."

(Tim. 3.4)

212

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Machiavelli und Boethius

Glück begünstigt gewesen sei, zeige: „Der Charakter formt das Schicksal jedes ein-
zelnen Menschen." 37 Daß er dieses Dictum eines unbekannten Dichters (CRP
pall.inc. 75 R.2) wenig später noch einmal wiederholt (Atticus 19.1), erhellt, wie
wichtig ihm der Gedanke gewesen sein muß, daß die ethische Haltung eines Men-
schen dessen Schicksal bilde: „In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne." Nepos
läßt allerdings Vorsicht walten: er scheint vor den die pietas verletzenden Konse-
quenzen des Dictums zurückgeschreckt zu sein, wenn er einschränkend formuliert:
„Aber er gestaltete sein Schicksal nicht, bevor er sich selbst gebildet hatte." 38 Nepos
zögert noch, dem Menschen die „Meisterschaft" über die fortuna zuzuerkennen.
Doch es geht in diese Richtung, wenn er in der Beurteilung der von ihm Porträ-
tierten der virtus das ausschlaggebende Moment zuerkennt: „Menschliche Größe
messen wir an der Tüchtigkeit, nicht am Glück" 3 9 sagt er z. B. in bezug auf Eume-
nes, den Privatsekretär Philipps von Makedonien, der zu größerer Berühmtheit und
höherer sozialer Stellung gelangt wäre, „wenn seiner Leistung entsprechendes
Glück beschieden gewesen wäre". 40 „Wenn die Fähigkeit unabhängig vom Erfolg
gewürdigt werden sollte", 41 wäre der Athener Thrasybul, ein Held des Peloponnesi-
schen Krieges, in Nepos' Augen nicht so herauszustellen. Die Begriffe fortuna und
virtus werden in solchen Formulierungen bereits als gegensätzliche Prinzipien be-
handelt, ja der Biograph spricht sogar an zwei Stellen von einem Ringen des einzel-
nen mit dem Schicksal.42
Diese Befunde zwingen, Nepos in die Suche nach Vorbildern des Schicksals-
kampfes bei Machiavelli zumindest miteinzubeziehen. Eine direkte Kenntnis der
Viten ist zwar angesichts der Uberlieferung nicht auszuschließen, denn Marshall
weist nach, daß Nepos im 15. Jh. in Italien verbreitet war.43 Sie ist aber unwahr-
scheinlich, da zwischen den punktuellen Ansätzen bei dem Biographen und der ent-
falteten Theorie bei Machiavelli eine so gewaltige Lücke klafft, daß wir gleichsam
nach einer „Zwischenstation" Ausschau halten müssen, in der die noch sehr zöger-
lich formulierte Auffassung von der Prägekraft der virtù zu einer umfassenden Ge-
schichtstheorie ausgestaltet wurde.
Diese „Transformatorstation" glauben wir in Boethius erkannt zu haben. Auch
ihm ist direkte Nepos-Kenntnis zuzutrauen, da das Werk in der Spätantike noch
bekannt war.44 Um so mehr, als Nepos nie namentlich zitiert wurde, weil man die
Viten einem Aemilius Probus zuschrieb,45 und Boethius' Schweigen hinsichtlich

17 „Sui cuique mores fingunt fortunam hominibus." (Atticus 11.6)


38 „Neque tarnen ille (sc. Atticus) prius fortunam quam se ipse finxit." (Atticus 11.6).
39 „Magnos homines virtute metimur, non fortuna". (Eumenes 1.1)
40 „Si virtuti (sc. eius) par data esset fortuna". (Ebd.)
41 „Si per se virtus sine fortuna ponderanda est." (Thrasybul 1.1)
42 „Conflictatus est cum adversa fortuna", „non simplici fortuna conflicts tus est." (Pelopidas 5.1; Timo-

leon 1.2)
43 P. K. Marshall, The Manuscript Tradition of Cornelius Nepos (London 1977) 48 f.

44 L. R. Reynolds, Texts and Transmission (Oxford 1983) 247.


45 P. K. Marshall, The Manuscript Tradition of Cornelius Nepos (London 1977) 1.

213
Brought to you by | Nanyang Technological University
Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Verena Epp

dieses möglichen Gewährsmannes daher nicht als Gegenargument zählt. Wir wollen
im folgenden versuchen, charakteristische Passagen aus seinem Hauptwerk, der
Consolatio philosophiae, so mit Nepos und den zitierten Stellen aus Machiavellis
Principe und Discorsi in Vergleich zu stellen, daß die Gemeinsamkeit der Anschau-
ungen sichtbar wird.
Doch zunächst einige biographische Angaben zu Boethius (480-524). 4 6 Aus vor-
nehmer römischer Familie des Senatorenadels stammend - die gens Anicia aus Prae-
neste gehörte seit dem 2. Jh. v. Chr. zur Nobilität 47 - , Konsul im Jahre 510, durch-
lief er eine glanzvolle Karriere im Ostgotenreich Theoderichs, in deren Verlauf er es
bis zum magister officiorum, dem ranghöchsten Minister des Westreichs, brachte,
bis er aufgrund seines Eintretens für den Senat 48 wegen Hochverrats und Majestäts-
beleidigung verurteilt und im Jahre 524 hingerichtet wurde. Da das Urteil erst nach
langer Kerkerhaft vollstreckt wurde, blieb ihm noch Zeit, in der „Consolatio philo-
sophiae" innerlich ein Schicksal zu bewältigen, das äußerlich unabwendbar war. Die
Verzweiflung über das ihm angetane Unrecht führte ihn dazu, an der Gerechtigkeit
der Weltordnung als ganzer zu zweifeln. Wie kann sie es zulassen, daß die Gerech-
ten bestraft werden, die Bösen aber Erfolg haben? (I, pr.4,28; IV, pr. 1,3-5; pr.5,4)
Da betritt die Philosophie in Gestalt einer Frau den Kerker und beginnt, in einem
ausführlichen Gespräch, das zunächst um den Glücksbegriff kreist, Boethius zu trö-
sten. Sie weist ihn darauf hin, daß der Bereich des Sittlichen, der virtus, des Guten
und des wahren Glücks vom Walten der fortuna, die nur die äußeren Glücksgüter
wie sozialen Erfolg und Reichtum bereitstellen oder verweigern könne, unabhängig
sei. „Dem Charakter wohnt eine eigene Würde inne." 49 Wir erinnern uns an Nepos'
Bemerkung zu Eumenes, dem Fortuna Ruhm und Ehre versagte: „Der Charakter
muß für sich, unabhängig vom Erfolg beurteilt werden." 50 Die Unordnung im Be-
reich des äußeren Geschicks dürfe, so fährt Philosophia fort, nicht als Symptom ei-
ner Unordnung im Bereich des göttlichen Weltplans, der „divina ratio" (I, pr. 6,20),
mißverstanden werden. 51 „Wenn du Herr deiner selbst bist, besitzt du etwas, das du
niemals verlieren willst und das dir auch das Schicksal nicht nehmen kann." 52 Seiner
selbst mächtig zu sein, immunisiere gegen die Angriffe der fortuna. Wir haben es
hier mit dem gleichen dualistischen Weltgliederungsschema zu tun wie bei Machia-
velli, der ja, wie gezeigt, den Lesern riet, sich nie - auch im größten Unglück nicht -

46 Zur Vita: J . Gruber, Kommentar zu Boethius, Consolatio Philosophiae (Berlin und New York 1978)
1 - 1 3 ; Ζ i Ute aus der Consolatio nach der Ausgabe von L. Bieler, C C 94 (Turnhout 1957).
4 7 Gruber 1.

48 Dazu J. Matthews, Boethius, in: Boethius, hg. ν. M. Gibson (Oxford 1981) 1 5 - 4 3 .

4 ' „Inest enim dignitas propria virtuti." (III, pr.4,7)

50 „Per se virtus sine fortuna ponderanda est." (Thrasybul 1.1)

51 Vgl. E. Gegenschatz, Die Freiheit der Entscheidung in der Consolatio Philosophiae des Boethius, in:

Boethius, hg. v. M. Fuhrmann, J. Gruber (Darmstadt 1985) 328 f.


52 „Igitur si tui compos fueris, possidebis, quod nec tu amittere umquam velis nec fortuna possit auferre"

(II, pr.4,23)

214

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Machiavelli und Boethius

selbst aufzugeben. Beiden Stellungnahmen liegt eine „humanistische" Überzeugung


vom Wert des Menschen zugrunde.
Boethius betont stets die individuelle Leistung des Menschen als Basis für die
wahre Glückseligkeit jenseits des kurzfristigen äußeren Erfolgs, der „hinfälligen
und kurzlebigen Geschenke des Glücks".53 Die „rerum merita", nicht die „fortunae
eventus" (I, pr. 4,43), die verdientermaßen eintretenden, nicht die zufälligen Ereig-
nisse seien es, die langfristig zählten, alles Glück oder Elend sei im Verdienst zu su-
chen (IV, pr.5,1). Vornehme Herkunft sei von geringer Bedeutung, wenn sie keine
Fortsetzung in der Leistung der Nachkommen habe: „Adel ist nämlich ein auf Ver-
dienst gegründeter guter Ruf der Eltern . . . An der Aristokratie ist ausschließlich
gut, daß ihr eine Notwendigkeit auferlegt ist, nicht hinter der Tüchtigkeit der Ah-
nen zurückzubleiben . . . Deshalb macht dich die Berühmtheit eines Vorfahren nicht
herausragend, wenn du nicht deine eigene besitzt."54 Merita sind so der virtus bei-
gesellt, der fortuna entgegengestellt.
Auch die wahre Freundschaft sei kein Geschenk der fortuna, sondern müsse -
ganz Cicero (Lael. VIII, 28; XIV, 49) und Nepos, der an Atticus lobte, dieser sei
„kein Freund des Glücks, sondern einer der Menschen" gewesen (Atticus 9.5) - auf
die virtus der Partner gegründet sein: „Die erhabenste Art der Freundschaft beruht
auf dem Charakter und zählt nicht zu den Glücksgütern."55 „Sind etwa Freunde ein
Schutz, die nicht der Charakter, sondern der Zufall mit uns verbindet?"56 Die Be-
reiche der fortuna und der virtus sind hier wie bei Machiavelli als einander entge-
gengesetzte verstanden.
Dabei hat schon für Boethius die virtus stets das Übergewicht, denn für denjeni-
gen, der in ihrem Besitz ist, sei jedes Schicksal gut, da er auch die fortuna adversa als
Gelegenheit zur Bewährung nutzen könne.57 Die livianische Vorstellung von der
fortuna als „materia(m)... virtutis" (II, pr. 6,8), als Gelegenheit zur Bewährung des
Charakters, ist hier wie später bei Machiavelli aufgegriffen. Auch Nepos war sie ge-
läufig, wenn er den Feldherrn Miltiades im Jahre 513 v. Chr. einige ionische und äo-
lische Fürsten warnen läßt, sie möchten angesichts der drohenden Niederlage des
Perserkönigs Dareios gegen die Skythen nicht „die vom Schicksal gegebene Gele-
genheit^) zur Befreiung Griechenlands auslassen.58 Doch zurück zu Boethius: Wid-
riges Schicksal (IV, pr.6,40), die Schläge der fortuna (III, pr. 1,6) sind für ihn eine
Herausforderung an Tatkraft und Beharrungsvermögen der einzelnen.59

53 „Caduca et momentaria fortunae dona." (II, pr.5,2)


54 „Videtur namque esse nobilitas quaedam de mentis veniens laus parentum . . . Quodsi quid est in nobi-
litate bonum, id esse arbitror solum, ut imposita nobilibus necessitudo videatur, ne a maiorum virtute
degeneret... Quare splendidum te, si tuam non habes, aliena claritudo non efficit." (III, pr.6,7-9)
53 „Amicorum vero, quod sanctissimum genus est, non in fortuna, sed in virtute numeratur." (III, pr.2,9)

' 6 „An praesidio sunt amici, quos non virtus, sed fortuna conciliât?" (III, pr.5,13)
' 7 „Evenit eorum quidem, qui sunt vel in possessione vel in provectu vel in adeptione virtutis, omnem,
quaecumque sit, bonam, in improbitate vero manentibus omnem pessimam esse fortunam." (IV, pr.7,15)
58 „A fortuna datam occasionem(\) liberandae Graeciae dimitterent." (Miltiades 3.3)
59 „Ut virtutes animi patientiae usu atque exercitatione confirment." (IV, pr.6,40)

215

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Verena Epp

In diesem Widerspiel von challenge und response treffen wir nun die boethische
Grundkonzeption vom Geschichtsablauf als eines Kampfes zwischen fortuna und
virtus, die er in vielfach variierten Formulierungen in der Consolatio expliziert. Er
gebraucht Wendungen wie z. B. „einen unerbittlichen Kampf gegen das Schicksal
führen" 6 0 und lobt den, der mit stoischer Ruhe „das hochmütige Schicksal mit den
Füßen trat, Gelingen und Scheitern aufrecht erkannte und so unbesiegt sein Haupt
erhob". 61 „Das Schicksal mit den Füßen treten": das Bild der männlichen Überle-
genheit über das Geschick ist hier nicht minder drastisch dargestellt als in Machia-
vellis „Vergewaltigung" der fortuna.
Das synonyme Auftreten von fortuna und fatum in diesem Metrum erfordert
eine kurze Vergegenwärtigung des providentiellen Zusammenhangs, in den fortuna
eingebettet ist. Einen solchen Kampf zwischen Mensch und Schicksal als zweier
ebenbürtiger Prinzipien sich vorzustellen heißt, den Menschen frei und unabhängig
von göttlichem Determinismus zu sehen. Boethius verwandte wie Machiavelli viel
Mühe auf die Rettung der menschlichen Willens- und Entscheidungsfreiheit vor der
Wucht göttlicher Allwissenheit. Er löste das Problem durch die Lehre von der zeit-
enthobenen intellegentia Gottes. Dessen „Vorauswissen" um die künftigen Ereig-
nisse sei daher nicht menschlichem Wissen analog, sondern ein Wissen um Gegen-
wärtiges, aus dem kein notwendiges Eintreten von Ereignissen in (unserer menschli-
chen) Zukunft gefolgert werden könne. 62 Aus dieser Differenz von göttlicher und
menschlicher Wirklichkeit ergibt sich auch seine Unterscheidung von Providentia
und fatum/fortuna. Während die „Providentia" dem göttlichen Seinsbereich zuge-
hört, versteht er unter „fatum" die irdische Manifestation des göttlichen Plans in
den einzelnen Ereignissen.63 Fortuna, so möchte ich vorschlagen, ist für Boethius
das unter menschlicher Perspektive, ohne Wissen um die göttliche Herkunft aus der
Providentia, betrachtete fatum, das eben deshalb als planlos, willkürlich und verän-
derlich empfunden wird. Die Geschichtstheorie Machiavellis, der es darum geht, ei-
nen immanenten Kausalnexus irdischer Ereignisse zu konstruieren, dem gleichwohl
Unwägbarkeiten innewohnen, übernimmt die Kategorie des Kampfes von virtus
und fortuna, säkularisiert aber die Providentia des Boethius in der necessità.
Die Allgegenwart des Kampfbildes bei Boethius, das im Verb „conflictari" bei
Nepos schon anklang, läßt sich durch weitere Beispiele illustrieren, die die Nähe zu
dem Florentiner Humanisten deutlich machen. Boethius spricht von der „unbesieg-
baren Kraft", „invicta virtus" (IV, pr.6,42), und vergleicht das Ringen der beiden
Prinzipien mit bewaffnetem Krieg: „Der Weise darf es nicht übelnehmen, wenn er

60 „Inexorabile contra fortunam gerere bellum." (II, pr.8,1)


61 „Fatum sub pedibus egit superbum / Fortunamque tuens utramque rectus / lnvktum potuit tenere
vultum." (I, m.4,2—4)
62 E. Gegenschatz, Die Freiheit der Entscheidung, 3 2 3 - 4 9 .

6 3 L. Mauro, Il problema del fato in Boezio e Tommaso d'Aquino, in: L. Obertello (Hg.), Atti del Con-

gresso Internazionale di Studi Boeziani, Pavia 5 . - 8 . 10. 1980 (Rom 1981) 3 5 5 - 7 5 .

216

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Machiavelli und Boethius

vom Schicksal zum Kampf herausgefordert wird, wie es dem Tapferen nicht an-
steht, unwillig zu sein, wenn das Schlachtgetümmel ruft." 64 Die im Besitz der Tu-
gend sind, führen stets „contra aspera bellum", Krieg gegen die Widrigkeiten des
Schicksals (IV, pr. 7,10). Er leitet den Begriff „ virtus" - sprachgeschichtlich falsch -
von „vis" ab, was ihn der gewaltsamen Energie des Principe annähert: „Daher hat
die virtus ihren Namen, daß sie sich auf die eigenen Kräfte (vires) verläßt und von
Schicksalsschlägen nicht überwunden wird.65 Unwillkürlich wird man an Machia-
vellis Mahnung erinnert, der Fürst möge nur auf seine eigenen Kräfte vertrauen,
wenn er dauerhaft seine Herrschaft behaupten wolle. Auch die Warnung vor dem
ozio und seiner korrumpierenden Wirkung klingt im Ohr, wenn wir von Boethius
hören: „Die ihr euch auf dem Weg zur Tugend befindet, seid nicht dazu da, euch in
Vergnügungen zu verlieren oder in Genußsucht zu verbrauchen; ihr führt einen äu-
ßerst harten Kampf in jeder Begegnung mit dem Schicksal, damit euch ein trauriges
nicht bedrücke noch ein angenehmes verderbe." 66
Wenn wir auch aufgrund des Fehlens jedweder Nachrichten über die Antikenstu-
dien Machiavellis zwischen seinem 17. und 29. Lebensjahr keinen direkten Beweis
führen können, dürfte es nach dem Gesagten zumindest wahrscheinlich sein, daß
die boethische Geschichtsdeutung für ihn eine Anregung dargestellt hat und zumin-
dest in drei Punkten wegweisend war: Ausgehend von der Annahme einer mensch-
lichen Willensfreiheit wird die Vorstellung eines Kampfes des Individuums mit dem
Schicksal in Gestalt der Fortuna entwickelt, deren Prosopopoiie (II, pr.2) sicher
ebenfalls auf die Personifikation bei Machiavelli eingewirkt hat. Der Gedanke des
„proelium cum omni fortuna" mündet in die Aufforderung zur Selbstbehauptung
und aktiven Bemeisterung dieses Schicksals durch den „uomo virtuoso".
Neben den inhaltlichen Parallelen ist zu berücksichtigen, daß Boethius seit dem
8. Jh. im gesamten Mittelalter wie in der Renaissance, dem intellektuellen Boden,
auf dem Machiavelli stand, breite Resonanz erfuhr. Die Consolatio gehörte in den
Kanon der Schullektüre67 und war an den Kathedralschulen des 12. Jh., besonders
in Chartres, und an den Universitäten in ganz Europa verbreitet.68 Boethius ist so-
gar als „Inspirator der Renaissance" bezeichnet worden und hatte prägenden Ein-
fluß auf Dante, Petrarca und Boccaccio.69 Dante fand in der Consolatio Trost nach
dem Tode der Beatrice und feierte Boethius als „heilige Seele" im Sonnenhimmel
des Paradieses unter dem Gefolge des Thomas von Aquin (Paradiso 10,124—9).

M „Vir sapiens moleste ferre non debet, quotiens in fortunae certamen adducitur, ut virum fortem non
decet indignan, quotiens increpuit bellicus tumultus." (IV, pr.7,17)
65 „Ex quo etiam virtus vocatur, quod virtus suis viribus nitens non superetur adversis." (IV, pr.7,19)
66 „Neque enim in provectu positi virtutis diffluere deliciis et emarcescere voluptate venistis; proelium

cum omni fortuna nimis acre consentis, ne vos aut tristis opprimât aut iucunda corrumpat." (IV, pr.7,20)
67 G. Glauche, Schullektüre im Mittelalter (München 1970) 29 f., 59 ff.
68 H. R. Patch, The Tradition of Boethius (Oxford 1935) 3 8 - 4 5 .
69 K. Burdach, Die humanistischen Wirkungen der Trostschrift des Boethius im Mittelalter und in der

Renaissance, in: Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 11 (1933) 530-58.

217

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Verena Epp

Die erste italienische Übersetzung der Consolatio durch Albert von Florenz 70
kann Machiavelli nicht zur Kenntnis gelangt sein. Ihr Autor, ein Notar und Profes-
sor der Grammatik in Bologna hatte sie 1332 während einer Gefangenschaft in Ve-
nedig angefertigt - gleichsam als Schicksalsgefährte des Boethius - , der Text exi-
stierte jedoch nur als Manuskript, die Druckfassung erschien erst 1735 in Florenz.71
Wohl aber dürfen wir erwarten, daß Machiavelli die erste gedruckte italienische
Version der Consolatio, die im Jahre 1520, also noch während seiner Arbeit an den
Discorsi, in Mailand erschien, nicht entgangen ist.72
Auch das lateinische Original darf als allgemeines Bildungsgut der Zeit angesehen
werden, denn in der zweiten Dekade des 16. Jh. existierten vielfältige, auch kom-
mentierte Druckausgaben. Allein sieben erschienen zwischen 1481 und 1499 in Ve-
nedig, die Erstausgabe der Consolatio für Italien wurde 1471 in Savigliano besorgt,
es folgten weitere Editionen in Savona (1474) und Rom (1496).73 Die Trostschrift
des Boethius dürfte Machiavelli somit leicht zugänglich gewesen sein, zumal unmit-
telbar bevor er zur Feder griff, in Florenz 1507 und 1513 zwei weitere Editionen
des Textes durch N. Crescius, jeweils im praktischen Oktavformat, erschienen.74
Solche Verbreitung macht es wahrscheinlich, daß die Consolatio auch dem Verfas-
ser des Principe zur Kenntnis gelangt ist.
Machiavelli und Boethius verbindet zudem ihre Lebenssituation als Opfer des
politischen Ränkespiels, als von der politischen Karriereleiter Abgestürzte, die wohl
zuallererst aufgrund persönlicher Betroffenheit zum Nachdenken über die Impon-
derabilien der Geschichte gezwungen wurden. Wie Boethius war Machiavelli nach
seiner Absetzung im Jahre 1512 wegen des Verdachts der Teilnahme an einer Ver-
schwörung gegen die Medici ins Gefängnis geworfen und gefoltert worden, eine Er-
fahrung, die ihn zutiefst aufwühlte und dem Wahnsinn nahebrachte.75
Beide büßten so für eine republikanische Grundhaltung. Während Boethius*
Hauptanliegen die Bewahrung des Senats war, ging es Machiavellis „Republikanis-
mus" traditioneller Prägung vor allem um die Erhaltung des „vivere politico" im an-
tiken Sinne, der Teilnahme aller Bürger am öffentlichen Leben in gemeinsamer Ver-
antwortung für das Wohl der civitas, zusammengefaßt in die Forderungen nach
aequum ius und aequa libertas. „Though he admired the princes and the captains

70 N. M. Hiring, Art. Boethius, Wirkungsgeschichte im Mittelalter, LdMA II (München und Zürich


1983) col. 313.
71 G. Mazzuchelli, Gli scrittori d'Italia, Bd. 1,1 (1753) 178; Ch. G. Jocher, Allgemeines Gelehrtenlexi-

kon, Forts, und Erg. von J. C. Adelung, Bd. 1 (1784) 156; F. Zambrini, Cenni biografici intorno ai lette-
rati illustri italiani (1837) 315.
72 Boethius, Di consolatione philosophica, tr. Anselmo Tanzo, A. de Vicomercato (Milano 1520).

73 Gesamtkatalog der Wiegendrucke Bd. 4, s.v. Boethius (Leipzig 1930); L. Hain, Repertorium Biblio-

graphicum Bd. 1 s.v. Boethius (Stuttgart und Tübingen 1826).


74 Short-Title Catalogue of Books Printed in Italy and of Italian Books Printed in other countries 1465-

1600, Now in the British Museum (London 1958) 114.


75 R. Zorn in der Einleitung zu seiner dt. Gesamtausgabe der Discorsi (Stuttgart 1 1977) X X X I f.

218

Brought to you by | Nanyang Technological University


Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM
Machiavelli und Boethius

who knew how to use the „arte dello stato" . . . „his deepest love was for those who
possessed the art of instituting a political life". 76
Doch warum, so stellt sich angesichts solcher Parallelen in Denken und Lebens-
schicksal die Frage, erwähnte Machiavelli Boethius nirgends als seinen geistigen An-
reger? Die Antwort liegt wohl in der grundsätzlichen Einstellung der Renaissance
zur Vergangenheit.77 Da sich die Humanisten als Schöpfer einer neuen geistigen
Ordnung nach der Finsternis des Mittelalters verstanden, war ihnen die Geschichte
nebensächlich. Sie sahen sie als eine „zusammenhanglose Masse von Material" 78 , aus
der man nach Belieben - und ohne Herkunftsangabe - Bausteine für das eigene
Werk entnehmen konnte.
Daß die Architekten einer neuen Zeit dabei die Antike als Norm im Blick hatten,
ist unbestritten. Die geistigen Bezüge zwischen Boethius und Machiavelli jedoch,
die hier aufgezeigt wurden, legen es darüber hinaus nahe, auch der Spätantike als
Vermittlerin und Verwandlerin klassischen Gedankenguts für die Rezeption späte-
rer Jahrhunderte verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen.

76 M. Viroli, Machiavelli and the Republican Idea of Politics, in: G. Bock u. a. (Hg.), Machiavelli and
Republicanism (Cambridge 1990) 143-71, hier 171.
77 Dazu: F. Gilbert, Das Geschichtsinteresse der Renaissance, in: ders., Guiccardini, Machiavelli und die

Geschichtsschreibung der italienischen Renaissance (Berlin 1991) 15-31.


78 Ebd. 17.

219
Brought to you by | Nanyang Technological University
Authenticated
Download Date | 6/16/15 1:28 AM