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Kommentar
Bibbern mit Gysi
VON VERA GASEROW

Sommer. Die Nation schwitzt. Dabei sollte sie bibbern. Zumindest eine Partei lehrt sie schon mal das Frösteln. Gregor
Gysi sei Dank. Kältetote in Deutschland bei explodierenden Energiepreisen! Es warnt der Chef der Linksfraktion bei 32
Grad plus. Man sieht sie schon vor sich, die Opfer der Eiszeitapokalypse: erstarrte Leichen unter vereisten Bettdecken,
erfrorene Mieter im Lehnsessel. Menschen mit Eiszapfen im Haar, die in größter Not selbst das "Kommunistische Manifest"
verheizen.

Bei allem Verständnis für sommerliche Überhitzung der Gehirnzellen: Derlei Gruselszenarien sind wohlfeile Panikmache.
Vera Gaserow Ja doch! Öl, Gas und Strom - alles unverhältnismäßig teuer geworden. Die Heizkosten sprengen die Budgets der "kleinen"
(Foto: FR)
Leute und drängen viele in die Schuldenfalle.

Aber deshalb muss niemand erfrieren in Deutschland. Auch Anwalt Gysi sollte wissen, dass der Staat in Notlagen einspringt, selbst wenn Hartz-
IV-Empfänger ihre Wohnung auf 25 Grad heizen. Ernsthafte Rezepte für sozial abgefederte Energiekosten sind überfällig. Dafür braucht man einen
kühlen Kopf. Cool down, Gysi.

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Copyright © FR-online.de 2008
Dokument erstellt am 27.07.2008 um 15:44:01 Uhr
Letzte Änderung am 27.07.2008 um 15:48:51 Uhr
Erscheinungsdatum: 27.07.2008 um 15:44:01 Uhr

URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/meinung/kommentare/?em_cnt=1374112&em_loc=1775

1 von 1 01.08.2008 01:47


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Hungern oder heizen


Pauschalen hinken der Entwicklung hinterher

Als Anwältin, die überwiegend Menschen betreut, die vom SGB II und SGB XII betroffen sind, bedauere ich außerordentlich, dass Sie leider Ihre
Aussage, "dass der Staat in Notlagen einspringt, selbst wenn Hartz-IV-Empfänger ihre Wohnung auf 25 Grad heizen", nicht vorher hinterfragt haben.
Ich darf Ihnen mitteilen, dass im Regelsatz (SGB XII) bzw. in der Regelleistung (SGB II) einer alleinstehenden Person für Strom und
Warmwasserzubereitung insgesamt gerade mal so rund 23,00 € monatlich enthalten sind.

Heizkosten werden in Eigenverantwortung der Kommunen gezahlt, und leider legen die Kommunen für ihren regionalen Bereich noch immer sog.
"angemessene Pauschalen" fest, die in keinster Weise den steigenden Preisen gerecht werden und der Preisentwicklung eindeutig hinterherhinken.
In Kassel z.B. wird alleinstehenden Leistungsempfängern aktuell monatlich maximal 51,00 € als Pauschale für eine maximale Wohnfläche von 50 qm
zugestanden. Bereits im Frühjahr 2005 (also vor drei Jahren!) hat das hiesige Sozialgericht bei seinerzeit durchgeführten Preiserhebungen
Heizkostenpreise pro qm von rund 1,20 € ermittelt.

Niemand bekommt heutzutage "vom Staat" seine Energiekosten "einfach so" bezahlt, der Regelsatz/die Regelleistung weist einen nach oben
gedeckelten Betrag für Strom und Warmwasser aus, die Kommunen "deckeln" die sonstigen Heizkosten.

Wenn die monatlichen Abschlagszahlungen an den jeweiligen Versorger nicht entrichtet werden (können), wird rigoros die Energiezufuhr
abgeklemmt. Um die geforderten Abschlagszahlungen entrichten zu können, müssen die betroffenen Menschen anderswo ihre Ausgaben streichen.

Herr Sommer und Herr Gysi haben Recht: Es gibt viele Betroffene, die vor der Wahl stehen, entweder zu hungern oder zu heizen.

Ich biete Ihnen gerne an, sich - nach Rücksprache und erteilter Erlaubnis meiner Mandanten - Originalakten anzuschauen. Bereits November 2005
hat der Noch-Finanzminister bei mir Akten eingesehen und schien betroffen. Geändert hat sich leider nichts.

Claudia Fittkow, Anwältin, Kassel

Ein Schlag ins Gesicht aller Hartz-IV-Bezieher

1 von 2 01.08.2008 01:47


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In den Medien grassieren schon genug Falschmeldungen und und Polemik über Hartz-IV-Bezieher. Ich bekenne, selber zu dieser Gattung zu
gehören. Deshalb können Sie mir berechtigterweise unterstellen, empfindlich auf Äußerungen dieser Art zu reagieren. Als gestandener Journalistin
unterstelle ich Ihnen, dass Sie es besser wissen, als Ihr Kommentar erkennen lässt.

Kein Hartz-IV-Bezieher kann es sich erlauben, seine Wohnung auf 25°zu heizen. Es gibt für die Stromkosten eine Pauschale. Ebenso bei den
Heizkosten, hier gibt es eine für jeden individuelle Pauschale, aus der die Kosten für das warme Wasser herausgenommen werden. Das warme
Wasser muss von den 351 Euro getragen werden. Deshalb ist die Art und Weise, wie Ihr Artikel formuliert ist, ein Schlag in das Gesicht aller Hartz-
IV-Bezieher.

Theodor Nußbaum, Kerpen

Es geht nur darum, Gysi lächerlich zu machen

Was für ein böser Zynismus aus diesem Kommentar spricht. Wer ein sicheres Journalistengehalt hat, der weiß vielleicht nicht, unter welchen
Umständen Menschen versuchen, finanziell über die Runden zu kommen, unter welchen Bedingungen viele wohnen, und dass es kein Populismus ist,
darauf hinzuweisen. - Wenn Gewerkschafter und Sozialdemokraten auf Gefahren hinweisen, dann ist es Kampf um soziale Gerechtigkeit, machen
Linke das, ist es Populismus oder gar ein Hitzschlag. Schade, dass es Frau Gaserow nicht um die Armen ging, sondern darum, Gysi lächerlich zu
machen. Stefan Kammler, Neustadt/Wied

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Dokument erstellt am 29.07.2008 um 16:24:02 Uhr
Erscheinungsdatum: 29.07.2008 um 16:24:02 Uhr

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