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Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Fachbereich: Soziologie
Seminar: Einführung die Theorie der Gesellschaft Luhmanns
Modul: Grundlagen und Grundbegriffe der Soziologie
Dozent: Fabian Anicker
Wintersemester 2018/19

Die Leiden des jungen Bachelors

Nehmen heutige Datingshows eine ähnliche Rolle wie der Liebesroman in der
Romantik ein und wie behandeln diese, die von Niklas Luhmann konstatierten
Probleme der modernen Liebe?

Name: Kolja Sand


Studiengang: Zwei-Fach-Bachelor in Soziologie und Philosophie
Matrikelnummer: 439 516
Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung .......................................................................................................................... 1

2. Einordnung der Liebe im sozialen System .................................................................... 2

3. Liebe als kommunikativer Code .................................................................................... 3

3.1 Entwicklung des Liebescodes ...................................................................................... 3

3.2 Der Liebesroman .......................................................................................................... 4

3.3 Der Liebescode der modernen Gesellschaft ................................................................ 5

3.4 Heutige Probleme der Liebe ........................................................................................ 6

4. Liebe in Datingshows....................................................................................................... 6

4.1 Theoretische Einordnung der Datingshow................................................................... 7

4.2. Dramaturgie der Sendung: Der Bachelor ................................................................... 7

4.3. Analyse der Datingshows: Der Bachelor, Adam und Eva, Naked attraction,
Undressed und First Dates ..................................................................................................... 8

5. Wie behandeln die Formate die Probleme, die Luhmann nennt? ............................ 10

6. Liebesroman und Datingshow ...................................................................................... 12

7. Fazit................................................................................................................................. 13
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1. Einleitung

Ein Gesicht vor dem


Einen
keins mehr Sub-ject
nur noch Bezug
unfaßbar
und
fest
(Friedrich Rudolf Hohl)
(Luhmann (1982): 223)
Mit diesem Gedicht seines guten Freundes Friedrich Rudolf Hohl beendet Luhmann sein
Werk Liebe als Passion. Die Verse machen nicht den Anschein von Liebeslyrik und doch
sprechen sie über Liebe. So ungewöhnlich das Gedicht die Liebe behandelt, so ungewöhnlich
ist auch die Auffassung Luhmanns über diese – er hält Liebe nicht für ein Gefühl (vgl. Luhmann
(1982): 23). Die Liebesromane der Romantik hatten großen Anteil daran diese zu formen. Ohne
Literatur über die Liebe würde diese im 20. Jahrhundert wahrscheinlich ganz anders aussehen.
Heutzutage wird Liebe in den verschiedensten Medien thematisiert: darunter auch in Reality-
TV-Shows als sogenannte Datingshows. Im Folgenden soll geklärt werden, ob diese wie der
Liebesroman unseren Umgang mit Liebe verändert bzw. ob Datingshows Hindernisse im
Liebesprozess behandeln. Dazu werde ich vom Liebesbegriff Luhmanns ausgehend aufzeigen,
welche Rolle der Liebesroman in der Romantik einnahm und darstellen, ob heutige
Datingshows auf gleiche Weise Probleme der Liebe behandeln. Dafür wird in einem ersten
Schritt (Kap. 2) vorgestellt, wie Luhmann Liebe versteht, woraufhin in einem weiteren Schritt
(Kap. 3.1) die Entwicklung der Liebe seit dem 17. Jahrhundert kurz nachgezeichnet und die
Rolle des Liebesromans (Kap. 3.2) für diese Entwicklung erläutert wird. Hierbei liegt der Fokus
darauf, wie ein Problem im Liebesprozess durch den Liebesroman behandelt wird. Im nächsten
Abschnitt bespreche ich die moderne Liebe (Kap. 3.3), dann die von Luhmann genannten
Probleme der heutigen Liebe (Kap. 3.4) und gehe daraufhin über zur Vorstellung (Kap.4.2) und
Analyse der Datingshow Der Bachelor (Kap. 4.3), wobei ich mich an der Forschung von
Angela Keppler, Jo Reichertz und Elisabeth Klaus orientiere. Dazu werden weitere Shows zur
Analyse ergänzt. Abschließend wird gezeigt, inwieweit Datingshows mit Problemen der Liebe
in der modernen Gesellschaft umgehen (Kap. 5) und, ob sich Parallelen zwischen Liebesroman
und Datingshow ergeben (Kap. 6).
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2. Einordnung der Liebe im sozialen System


Liebe ist für Luhmann kein Gefühl. Um zu erläutern, was Luhmann nun unter Liebe versteht,
wird diese zunächst in seiner Theorie der Gesellschaft verortet. Im Zuge dessen werden einige
systemtheoretische Begriffe erklärt.
Liebe ist ein System wie Wirtschaft, Politik oder auch das Recht. Sie alle sind Subsysteme
des sozialen Systems bzw. des Gesellschaftssystems. Ein System ist eine Differenz, welche es
erst ermöglicht einen Gegenstand zu erkennen (So ist bspw. ein schwarzer Buchstabe auf
schwarzen Papier differenzlos und nicht zu sehen). Luhmann bezeichnet dies auch als
Produktion von Sinn d.h. Systeme sprechen gewissen Gegenständen Sinn zu und somit sind
diese wahrnehmbar (vgl. Berghaus (): 110ff). Systeme differenzieren zwischen Gegenständen,
die innerhalb und außerhalb von ihnen liegen (vgl. Luhmann (2009): 24). Ersteres nennt
Luhmann System, Letzteres Umwelt. Ein System besteht aus der Einheit dieser Beiden (vgl.
Kraus (2005): 250), welche durch die Beobachterperspektive bedingt sind. Folglich hat jedes
System seine eigene Umwelt und nimmt andere Systeme nur als Umwelt wahr (auch ein
Subsystem betrachtet das übergeordnete System als Umwelt), mit denen dieses in der Regel
nicht in Verbindung treten kann.
Die Differenz eines Systems wird bestimmt durch die Operationsweise. Die basale
Operation aller sozialer Systeme ist Kommunikation (vgl. Luhmann (2009): 17) und somit
werden anhand der Differenz Kommunikation/ keine Kommunikation Gegenstände in das
Gesellschaftssystem oder in dessen Umwelt sortiert. Soziale Systeme und damit auch
Liebesbeziehungen bestehen folglich nur aus Kommunikation. Jeglicher andere Gegenstand
fällt in ihre Umwelt – auch der Mensch (vgl. ebd.: 60). Der Mensch bzw. psychische Systeme
können das soziale System irritieren (auch Interpenetration genannt) und bilden eine
Voraussetzung für dieses, sind aber nicht Teil der Gesellschaft und kommunizieren nicht (vgl.
Krause (2005): 168, vgl. Berghaus 2003: 64). Dies bedeutet, dass auch Liebe Umwelt des
Menschen und keine Emotion oder Teil der Anthropologie eines psychischen Systems ist. So
ist Liebe ein kommunikativer Code, welcher über eine bestimmte Differenz Liebe bzw. ihren
Sinn produziert. Liebe würde es ohne diesen Code nicht geben.

„In diesem Sinne ist das Medium Liebe selbst kein Gefühl, sondern ein
Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden,
simulieren, anderen unterstellen, leugnen und sich mit all dem auf die
Konsequenzen einstellen kann, die es hat, wenn entsprechende Kommunikation
realisiert wird.“ (Luhmann (1982): S.23)
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3. Liebe als kommunikativer Code


Ab dem 17. Jahrhundert beginnt der Code der Liebe sich allmählich zu entwickeln (vgl.
Luhmann (1982): 51). In diesem Prozess der Entstehung eines eigenständigen Systems für
Liebes- bzw. Intimbeziehungen spielt der Liebesroman eine wichtige Rolle. Ablauf dieser
Entwicklung wird im Folgenden betrachtet.

3.1 Entwicklung des Liebescodes

Die aufkommende Entscheidungsfreiheit der Frau im 17. Jahrhundert leitet einen Wandel
der Liebe ein. Der Liebescode idealisierte bis zu diesem Zeitpunkt Liebe als eine
Perfektionsidee. Liebe muss verdient werden. Zudem war der Code fest an die moralische und
hierarchische Ordnung gebunden (vgl. Luhmann (1982): 57 ff). Liebe orientierte sich an
allgemeinen, nicht individuellen Eigenschaften, die erfüllt sein mussten, wie bspw. Schicht,
Reichtum. Die Freiheit zur Liebesbeziehung und die damit verbundene doppelte Kontingenz
(Ego weiß, dass Alter nicht weiß, was Ego denkt. Und Ego weiß nicht, was Alter denkt) führen
zu einer Ungewissheit der Liebenden. Es ist unklar für die Beteiligten, wie Liebesbeziehungen
geschlossen werden sollen. Daraufhin verändert sich das Liebessystem und codiert anhand der
Differenz von aufrichtiger und unaufrichtiger Liebe (vgl. ebd.: 85, 214 und vgl. Werber (2012):
161). Ob es sich um Liebe handelt, entscheidet sich jetzt nicht mehr an äußeren Bedingungen,
sondern am Anderen. Alle Handlungen der Geliebten werden auf die Differenz hin betrachtet
und damit wird auch jede Handlung wichtig. „Liebe totalisiert. Sie macht alles relevant, was
irgendwie mit der Geliebten zusammenhängt bis hin zur Bagatelle“ (Luhmann (1982): 85).
In der Romantik muss der Mann nun aus sich selbst heraus der Frau seine Liebe beweisen,
aber schon dadurch, dass dies gefordert wird, entsteht Zweifel an seiner Aufrichtigkeit – ein
Dilemma (vgl. ebd. 88). Luhmann nennt dies auch: Paradoxierung des Codes (vgl. ebd.: 69,
vgl. Youtube: Niklas Luhmann). Solche Paradoxierungen zeigen sich ebenso semantisch
(„freiwilliges Gefangensein, besonnene Leidenschaft“ (ebd.: 215, vgl. auch S. 79 für weitere
Beispiele)) im Liebesroman der Romantik und sind auch an der Zeitstruktur des Codes
festzustellen: Mann und Frau schwören sich die Dauer ihrer Liebe für den Moment. „Die
Liebenden finden sich, ihr Code instruiert sie so, vor der Notwendigkeit, zwischen
gegenwärtiger Zukunft und künftiger Gegenwart zu unterscheiden“ (ebd. 132). Der Liebescode
eröffnet einen eigenen Zeitraum, der zudem festlegt, dass die Liebe unweigerlich enden muss,
welches Beiden bewusst ist (vgl. ebd. 92, 116). Doch trotzdem (paradoxerweise) gelobigen sich
die Liebenden die ewige Liebe.
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Es konstituiert eine gemeinsame Sonderwelt heraus, in der die Liebe sich selbst liebt (vgl.
ebd.: 174, 177). Die Begründung der Liebe ist die Liebe selbst – „die (unerklärliche) Tatsache,
dass man liebt“ (ebd.: 52) - und nicht die Eigenschaften eines Menschen (Die Liebe macht den
Menschen schön und nicht die Schönheit den Menschen liebenswert). Auf diese Weise
entziehen sich Liebesbeziehungen langsam dem Zugriff der Gesellschaft und entwickeln einen
eigenen Code, welcher allmählich und unsichtbar individuelles Verhalten integrierte und die
Liebe zur Bedingung der Ehe erhebt (vgl. ebd.: 199). Das System Liebe hat ab diesem Moment
die Funktion, Liebeskommunikation wahrscheinlicher zu machen (es agiert als so genanntes
symbolisch generalisierten Medium) (vgl. ebd.: 21).
Dieser Prozess erstreckt sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die Literatur der Liebe war
maßgeblich und notwendig an der Entstehung des modernen Liebescodes beteiligt (vgl. ebd.:
160). Ihr Eingreifen werden wir im nächsten Abschnitt (3.2) an einem Beispiel betrachten.

3.2 Der Liebesroman

Der Liebesroman des 18 Jh. entdeckt die Unmöglichkeit des aufrichtigen Liebesbeweises
bzw. die Inkommunikabilität aufrichtiger Liebe. Es gibt keine Möglichkeit dem Zweifel an der
Aufrichtigkeit des Gesagten bzw. Geschriebenen zu entgehen. Autoren der Romantik
übertreiben, ironisieren und spielen ganz bewusst mit klassischen Formen, um dem Dilemma
der Inkommunikabilität zu entkommen (vgl. ebd.: 153ff.). „Das heißt: man sieht den
Kommunikationsfehler und man übernimmt ihn als Form in die Kommunikation. Um ihn zu
vermeiden, begeht man ihn bewusst.“ (ebd.: 157)
Luhmann nennt als ein Beispiel den Briefroman, eine populäre literarische Form des 18.
Jahrhunderts, welche eine Geschichte in der Regel ausschließlich über fiktive Briefe erzählt.
Hierbei kann der Leser des Briefromans Motive des Briefschreibers (im Roman)
nachvollziehen und reflektieren, obwohl sie diesem selbst noch unklar oder gar nicht bewusst
sind. Der Autor des Briefes kann aufrichtige Gründe für seine Absichten angeben, die der Leser
jedoch als unaufrichtig wahrnimmt. Dies geschieht, ohne dass innere Vorgänge des
Briefschreibers kommuniziert würden. Der Leser plausibilisiert sie sich selbst. So wird
„erreicht, dass Inkommunikables zur Einsicht wird, ohne dass es über Kommunikation laufen
müsste und dadurch zerstört würde.“ (ebd.: 158)
Der Briefroman reflektiert die Liebe und macht die Inkommunikabilität bewusst. Er
übernimmt zudem die Rolle, dem Einzelnen mehr Gewissheit im Umgang mit Liebe (vor allem
bei der Partnerwahl) zu vermitteln (vgl. ebd.: 37, 186). Dem Einzelnen ist bewusst, dass andere
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ebenso die Literatur gelesen haben und verlässt sich auf dieses Wissen. Der Roman wird auf
die Welt übertragen.

„Die Dame hat den Roman gelesen und kennt den Code. […] Etwas später wird
auch der empfindsame Mann Opfer des Romans. Ebenfalls gelesen hat man die
Floskeln und Gesten, die zur Kunst der Verführung gehören. Der Code regelt also
nicht nur das Verhalten, sondern erfasst auch sein eigenes Wiedervorkommen in
dem von ihm geregelten Verhaltensbereich“ (ebd.: 37)
Es wird sich im späteren Verlauf zeigen, inwieweit Datingshows auf ähnliche Weise
Liebescodes vorführen. Dafür müssen zuvor der heutige Liebescode und die entstandenen
Probleme erläutert werden.

3.3 Der Liebescode der modernen Gesellschaft

Die Reflexion der Liebe lässt diese problemorientiert werden (vgl. ebd.: 51). Es formuliert
sich das Problem der Erhaltung von Liebe (vgl. ebd.: 212). Vor allem wird nun der alltägliche
Bereich der Liebenden betrachtet. Es braucht ein neues Fundament für stabile
Liebesbeziehungen, da der Code im 19. Jh. diese nicht gewährleisten kann (vgl. ebd.: 187, 192).
Einiges bleibt dem heutigen Code der Liebe aus der Romantik erhalten. Einige wichtige
Neuerungen werden im Folgenden skizziert.
Wir hatten zuvor beobachtet, dass die Liebe anhand von aufrichtig/ unaufrichtig
differenziert. Die neue konstitutive Differenz des Liebessystems seit dem 20. Jahrhundert ist
die Unterscheidung von persönlichen und unpersönlichen Beziehungen (vgl. ebd.: 205). Der
Liebescode hat sich der Intimität (d.h. „hohe zwischenmenschliche Interpenetration“ (ebd.:
200)) angenommen. Individuelles oder persönliches Verhalten fällt damit in den Bereich der
Liebe bzw. Individualität und Intimität wird durch diese überhaupt erst produziert (ebd.: 205).
Allerdings wirkt stellenweise auch Sexualität als Differenz des Codes (vgl. ebd.: 201,203).
Liebe und Ehe differenzieren sich stärker (vgl. ebd.: 199) und die Unterschiede von Mann und
Frau werden immer geringer (ebd.: 204).
Als Liebende/r muss man dem Erleben der geliebten Person zuvorkommen, also auf den
Wunsch des anderen eingehen, bevor jener geäußert wurde. Im Erleben des anderen erlebt sich
dann der/die Liebende als Liebende. „Ego liebt also dann, wenn es sein Handeln darauf einstellt,
was Alter erlebt, und insbesondere natürlich: wie Alter Ego erlebt“ (Werner (2012): 160). Das
Erleben gibt Regeln an die Hand im Umgang mit Liebe oder anders formuliert: es reduziert die
Komplexität der Möglichkeiten zu Handeln (im Bereich der Liebe) (Luhmann (1982): 26f).
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3.4 Heutige Probleme der Liebe

Auch die Umstellung des Liebescodes auf persönliche/ unpersönliche Beziehungen birgt
Probleme. Zum ersten gestaltet es sich für den Einzelnen schwierig Liebesbeziehungen zu
beginnen, weil man in unpersönlichen Beziehungen kaum Möglichkeiten hat sein persönliches
Interesse zu äußern, ohne auf unpersönliche Formen zurückzugreifen (kann bspw. als
Galanterie aufgenommen werden). Es gibt keinen Grund für Liebe – der Code steuert nur auf
welche Weise geliebt wird.

„Hier hilft das Thema der Unerklärlichkeit und Plötzlichkeit des Anfangs der Liebe
offensichtlich nicht weiter; es war bezogen auf das Wie, nicht auf das Dass des
Anfangens. Man braucht jetzt eine Semantik, die auf die Differenz von Anfangen
und Nichtanfangen der Liebe hin orientiert.“ (Luhmann (1982): 205)
Als zweites Problem entpuppt sich, dass die Menschen in der Öffentlichkeit nur kurzen
Kontakt haben, der möglichweise nicht ausreicht, um eine persönliche Kommunikation
aufzubauen (vgl. ebd.: 206).
Zudem bietet sich in der unpersönlichen, öffentlichen Situation ein drittes Problem: keine
Exklusivität. Diese beschreibt, dass nur eine Person zur selben Zeit geliebt werden kann,
worüber allgemeiner Konsens herrscht. Aber auch Andeutungen von Liebe können nur an
einzelne Personen gerichtet werden. Persönliche Äußerungen im öffentlichen Rahmen
signalisieren, dass diese mit jedem möglich sind und lassen so keine Exklusivität zu (vgl. ebd.:
206).
Das vierte und letzte Problem betrifft die Selbstdarstellung (Identität) des Einzelnen, d.h.
wie man sich selbst erfährt. Diese stützt sich in der modernen Gesellschaft auf die
Wahrnehmung des anderen, auf persönliche Beziehungen bzw. auf die Liebe. In dieser sucht
man zu allererst die „Validierung der Selbstdarstellung“ (ebd.: 208). Da jedoch die Gesellschaft
größtenteils aus unpersönlichen Beziehungen besteht, ist es schwierig für Menschen bzw.
psychische Systeme sich als eine Einheit zu begreifen und eine Wahrnehmung über ein
einheitliches Selbst zu entwickeln (vgl. ebd.: 208f).
Es stellt sich nun die Frage, ob und wie Datingshows Formen zu Verfügung stellen, diese
Probleme zu bewältigen.

4. Liebe in Datingshows
Für die Analyse der Formen wird die grundlegende Struktur der Sendungen (das Format)
betrachtet, d.h. von Interesse ist, welches Reglement die Kandidaten durchlaufen müssen, nicht
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wie diese Liebe interpretieren oder welche Zwischenfälle sich im Detail in der Show ereignen.
Dabei orientiere ich mich an Merkmalen sozial- und kommunikationswissenschaftlicher
Forschung im Bereich Reality-TV von Angela Keppler, Jo Reichertz und Elisabeth Klaus.
Zunächst wird die Datingshow theoretisch verortet und daraufhin die Analyse der Show
durchgeführt.

4.1 Theoretische Einordnung der Datingshow

Luhmann fasst Reality-TV-Shows, zu denen Datingshows gehören, unter den Begriff


inszenierte Unterhaltungsangebote, die glaubwürdig sein müssen, d.h. die dargestellte Realität
muss der realen Realität entsprechen und kann somit nicht geleugnet werden (vgl. Berghaus
(2003): 218). Dem Zuschauer steht jedoch offen die Inhalte der Show abzulehnen oder
anzunehmen (Konsensfreiheit). Allerdings wird die Haltung oder Einstellung des Zuschauers
durch inszenierte Unterhaltung bestärkt - Diese „re-imprägniert, was man ohnehin ist“ (ebd.:
216). Des Weiteren bringen inszenierte Unterhaltungsangebote den Zuschauer dazu, sich selbst
als Beobachter wahrzunehmen. Man übt sozusagen die Beobachtungen beim Zuschauen der
Datingshows zu reflektieren. (215)
Angela Keppler untersuchte verschiedene Reality-TV-Shows (u.a. Nur die Liebe zählt) und
gelangt zu dem Ergebnis, dass die Sendungen Formen einrichten bzw. zur Verfügung stellen,
„in denen die Menschen Alltägliches auf außeralltägliche Weise zu bewältigen haben oder
bewältigen können.“ (Keppler (1982): 111). Außerdem differenziere der Zuschauer zwischen
Realität und Fiktion, jedoch würden diese sich verstärkt „mischen“ (vgl. ebd.: 112ff und vgl.
Döveling (2007): 7). Die wissenssoziologischen Analyse „Liebe (wie) im Fernsehen“ spricht
von Formen in Datingshows, die „als außeralltägliche soziale Konstruktionen, die ritualisierte
„Erlebnisprogramme“ und mit Sinn und Deutungsmustern aufgeladene „Erlebniszeiträume“
zur Verfügung stellen.“ (Iványi (2002): 7)
Welche Liebesformen derzeit in Datingshows präsentiert werden und die Liebe reflektieren
wie auch re-imprägnieren, wird im nächsten Abschnitt (4.2) dargestellt. Wobei zu beachten ist,
dass Datingshows nicht bewusst diese Probleme behandeln, sondern zur Reflexion dienen und
im System Liebe Sinn produzieren.

4.2. Dramaturgie der Sendung: Der Bachelor

In einem ersten Schritt wird das Konzept der Sendung Der Bachelor vorgestellt, woraufhin
im nächsten Schritt, die dargestellten Formen herausgestellt werden und weitere Merkmale der
Datingshows Adam und Eva, Naked attraction, Undressed und First Dates hinzugezogen und
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Überschneidungen ausgemacht werden. Die dargestellte Auflistung der Formen von Liebe ist
zugeschnitten auf die Probleme der modernen Liebe und beansprucht nicht, alle diese
aufzuzählen.
In der Sendung Der Bachelor, die seit 2011 auf RTL ausgestrahlt wird, treffen 22 Frauen
auf einen Mann, den Bachelor. Dieser wählt letztlich eine der Frauen für eine Liebesbeziehung
aus. Der Bachelor bestimmt am Ende jeder Folge, welche der Frauen für eine persönliche
Beziehung in Frage kommen und welche nicht. Sollte eine Frau nicht ausgewählt werden,
verlässt sie die Show. Allerdings sieht das Format vor, wie viele Frauen bleiben dürfen oder
gehen müssen. Die Frauen haben prinzipiell auch die Option freiwillig die Sendung zu verlassen
oder sich gegen den Bachelor zu entscheiden (ein sehr seltener Fall, der nicht dazu führt, dass
der Bachelor die Sendung verlässt). Das große Finale bildet die Entscheidung des Bachelors,
bei der er zwischen den letzten beiden Frauen auswählt. In der Regel werden für die Show
sonnige, warme Urlaubsorte am Meer ausgewählt. Die Frauen leben dort zusammen in einer
luxuriösen Villa. Der Bachelor hat ein eigenes abgetrenntes Anwesen. Es gibt Einzeldates, aber
auch Gruppenaktivitäten. Einige Folgen stehen unter bestimmten Mottos und rahmen damit die
Dates des Bachelors mit den verschiedenen Frauen. So sind die Dreamdates (TV-NOW: Der
Bachelor: Staffel 8 Folge 7), welche besonders romantisch (Kerzenlicht, Strand, Wein etc.)
inszeniert sind, oder die Homedates (ebd.: Staffel 8 Folge 8), bei denen der Bachelor die Eltern
der Frauen kennenlernt, Teil jeder Staffel. Fester Bestandteil von Der Bachelor sind Einspieler,
in denen die Kandidaten reflektieren, was soeben passiert ist. Es sind häufig diese Reflexionen,
die die Folgen strukturieren, indem bspw. erklärt wird wohin die Gruppe aufgebrochen war.
Äußere Einflüsse gibt es nur in Form einer Off-Stimme, jedoch kein Publikum oder Moderator.
An dieser Stelle muss ergänzt werden, dass dasselbe Konzept mit vertauschten Rollen von
Mann und Frau unter dem Titel Die Bachelorette stattfindet, weshalb ich die Ungleichheit
zwischen Mann und Frau ausblende.

4.3. Analyse der Datingshows: Der Bachelor, Adam und Eva, Naked attraction, Undressed
und First Dates

Ein ganz wesentliches Merkmal des Formats Der Bachelor ist der Wettkampfcharakter. 22
Frauen wollen von einem Mann geliebt werden, der allerdings nur eine lieben darf. Eine
Liebesbeziehung erscheint für die Frauen unwahrscheinlich bei so vielen Mitbewerbern. Die
Frauen konkurrieren miteinander. Der Weg zur Liebesbeziehung präsentiert sich als ein
Wettkampf, welcher gewonnen werden muss. Diesen zu verlieren bedeutet eine luxuriöse
(paradiesische) Welt und Aufmerksamkeit (der Zuschauer) aufzugeben. Die Nicht-Geliebten
sind Verlierer der Sendung. Keppler beobachtete anhand anderer Reality-TV Shows, dass die
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„Form eines Spiels“ gewählt wird, welche „die Unterscheidung von Gewinnern und Verlierern“
präsentiert (Keppler (1994): 81). Dem schließt sich an, dass die Shows häufig ein
marktorientiertes Verhalten einübten (vgl. Klaus (2008): 168 und vgl. Illouz (2003): 42ff)
Elisabeth Klaus gelangt in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass Reality-Shows eine stärkere
Regelung des persönlichen Bereichs entwickeln. Es komme zu einer „relativ starre[n]
Grenzsetzung“ (Klaus (2008): 170). Dies lässt sich auch an Der Bachelor beobachten. Ziel der
Frauen ist, vom Bachelor ausgewählt zu werden. Teilweise, ohne mit diesen geredet zu haben,
muss dieser über ihren Verbleib in der Show bestimmen. Der Bachelor muss sich entscheiden,
selbst wenn er nicht möchte. Hat er sich gegen eine Frau entschieden, kommt diese nicht mehr
zurück in die Sendung. Die Form gibt in diesem Punkt fest vor, wie der Liebesprozess
auszusehen hat.
Eine Thematik, die ebenso in Der Bachelor behandelt wird, aber in der Sendung Adam und
Eva, die seit 2014 auf RTL zu sehen ist, deutlich stärker aufgegriffen wird, ist die Natürlichkeit.
Untersuchungen von Eva Illouz beschreiben, dass diese oberflächlich mit Liebe verknüpft wird.
Letztlich würde Natürlichkeit jedoch zu einer Ware bzw. einem Luxusgut. „Intensität und
Erregung werden üblicherweise mit Natur in Gestalt einer Reiseware assoziiert (das Paar wird
oft auf einem Boot oder auf dem Land gezeigt)“ (Illouz (2003): 45). Bei Adam und Eva weist
schon der Titel, in Anlehnung an die biblische Geschichte, daraufhin. „Die Suche nach der
einen, wahren Liebe in ihrer reinsten Form – das ist Adam sucht Eva“ (Staffel1, Folge1 3:20).
In der ersten Staffel der Sendung befinden sich die Kandidaten auf einer kleinen, unbewohnten
Insel („das Paradies“ (RTL.de, Adam und Eva)) und sind nackt. Es gibt ein Camp, in welchem
diese unter freiem Himmel schlafen („Blaues endloses Meer. Palmen und Traumstrand so weit
das Auge reicht. Gibt es einen besseren Ort um sich zu verlieben? Wahrscheinlich nicht)“ (vgl.
ebd.). Die Entstehung von Liebesbeziehungen ist bei Adam und Eva stark mit einer natürlichen
Umgebung verbunden.
Wie in Der Bachelor ist der Konkurrenzkampf wesentlich für die Sendung. So werden bspw.
Konstellationen von Kandidaten so gewählt, dass es zwei „Evas“ und einen „Adam“ gibt.
Dieser muss am Ende wiederum auswählen welche „Eva“ er sich für die Liebesbeziehung
vorstellen könnte. Es handelt sich um eine ähnlich asymmetrische Entscheidungssituation. Die
Paarung, die sich am Ende ergibt, gewinnt zudem einen Preis.
Diese Form des Wettkampfes zeigt sich auch in der Datingshow Naked attraction, welche
2018 auf RTL anlief. Bei dieser stehen fünf männliche bzw. weibliche Personen nackt hinter
einem Vorhang, welcher in der ersten Runde soweit hochgefahren wird bis der Genitalbereich
sichtbar ist. Ein Kandidat vor dem Vorhang hat nun die Möglichkeit die Körperteile ausgiebig
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zu begutachten und muss sich dann gegen eine der nackten Personen entscheiden. Jede Runde
offenbart der Vorhang etwas mehr der Körper, woraufhin einer ausgewählt, der die Sendung
verlassen muss. Die letzte Person geht auf ein Date mit dem Kandidaten. Potential für eine
Liebesbeziehung entscheidet sich bei Naked attraction über Attraktivität. Der Begriff „Runde“
wird von der Sendung selbst verwandt und zeigt eine weitere Analogie zum Wettkampf. Es
stehen hier die Körper in Konkurrenz zueinander. „Die Disziplinierung des eigenen Körpers
wird dabei zum universellen Währungsmittel“ (Klaus (2008): S.168). Außerdem befinden sich
die Teilnehmer in einer Phase vor dem Date. Es findet eine Vorauswahl für das erste Date statt.
Die Datingshow Undressed – Das Date im Bett startete 2019 auf RTL. In dieser treffen sich
zwei Kandidaten in Unterwäsche im Bett und haben 30 Minuten Zeit, um sich kennenzulernen.
Abgesehen von einem Bildschirm, über den Anweisungen gegeben werden, und einer Off-
Stimme, ist niemand anderes involviert. Nach abgelaufener Zeit entscheiden sich beide getrennt
voneinander innerhalb von 30 Sekunden, ob sie ein Date möchten. Undressed stellt eine
symmetrische Entscheidungssituation vor. Es herrscht kein Konkurrenzkampf zwischen
mehreren Bewerbern. Die Kandidaten müssen sich in einer Bettszene schnell kennenlernen und
schnell entscheiden. Ähnlich geht die Sendung First Dates – Ein Date für zwei auf VOX vor,
in der die Kandidaten eine typisches Restaurant-Date durchlaufen. Die Show setzt, wie Der
Bachelor, Adam und Eva, und Undressed die Liebessuchenden bewusst in einen bestimmten
Rahmen.

5. Wie behandeln die Formate die Probleme, die Luhmann nennt?


Im Folgenden werden Überlegungen angestellt, wie die gezeigten Formen mit den genannten
Problemen der modernen Liebe umgehen können. Welche von diesen tatsächlich in den
Liebescode integriert werden, ist nicht zu beantworten. Es soll lediglich gezeigt werden,
inwieweit Formen Angeboten werden, welche sich auf die Probleme anwenden lassen.
1. Problem: Kein Beginn einer persönlichen Beziehung:
Einige der behandelten Datingshows legen das Fundament für die Entstehung einer
persönlichen Beziehung (Naked attraction: Ziel ist das erste Date). Es wird nicht in Anspruch
genommen, dass diese in jedem Fall zustande kommt, sondern es soll auf verschiedene Arten
eine gute Vorauswahl für eine stabile Beziehung der Kandidaten gefunden werden. Dies wird
häufig über Wettkämpfe inszeniert. Ob sich eine Liebesbeziehung zwischen den „Gewinnern“
entwickelt, bleibt ungewiss. Das Format einer bewussten Vorauswahl stellt die Option, sich mit
Hinblick auf eine persönliche Beziehung kennenzulernen, ohne Verbindlichkeiten gegenüber
dem Anderen einzugehen oder bspw. in Galanterie zu verfallen – Eine Testphase, um mit der
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Liebe zu beginnen. Zudem lassen einigermaßen feste Formen erkennen, in welchem Liebe
entsteht, d.h. eine Differenz von Anfangen/nicht Anfangen verwenden. Hier zeigen sich
klassische Szenen, wie ein Date bei Kerzenlicht, ein Restaurantszene oder auch im Bett, doch
vor allem Luxusgüter bzw. Natürlichkeit, die oft auf Luxus zurückzuführen ist, sind sehr
präsent.
2. Problem: Kurzer Kontakt führt nicht zu persönlichen Beziehungen
Insbesondere bei Undressed und Naked attraction muss die Entscheidung der beiden
Kandidaten für oder gegen den Versuch eine persönliche Beziehung zu beginnen in einem
kleinen Zeitfenster getroffen werden. Die vorgeführte Idee macht damit die Vorauswahl für
eine potenzielle Liebesbeziehung effizient. Dass ein Kandidat zwischen mehreren Personen
auswählen kann, steigert dies noch.
3. Problem: Keine Exklusivität in öffentlichen Situationen
Die Datingshows führen gerade Exklusivität einer Zweierbeziehung in der Öffentlichkeit vor
(vgl. Reichertz (2002): 20f). In keiner der Sendungen werden mehrere Partner für eine
Liebesbeziehung vorgesehen. Wie oben gesehen, greift das Format in den privaten Bereich ein,
indem der Bachelor sich für eine Frau entscheiden muss. Der Soziologe und
Kommunikationswissenschaftler Jo Reichertz spricht davon, dass „diese Exklusivität nicht
mehr dadurch reproduziert [wird], dass sich die Liebenden dieser fortwährend autonom
versichern und durch Geheimhaltung geradezu verbürgen, sondern dadurch, dass die
Öffentlichkeit diese unzertrennliche Einheit anzuerkennen und wahrzunehmen hat.“ (ebd.: 20)
Die Öffentlichkeit spricht der Beziehung die Exklusivität zu. Sie wird dafür notwendig. Weiter
wirft dieser die Frage auf, ob eventuell Reality-TV Shows semantische Formen an die Hand
geben, mit denen das Persönliche im Öffentlichen angesprochen werden kann, ohne dabei zu
entblößen (vgl. ebd.: 57) – also persönliche Beziehungen in der Öffentlichkeit ermöglichen.
4. Problem: Keine Identitätsbildung des Menschen in unpersönlicher Welt
Hier liegt der Umgang des Problems nicht auf Ebene der einzelnen Formen, die zur Verfügung
gestellt werden, sondern im Konzept der Datingshow selbst. Der Zuschauer einer Datingshow
kann die Entstehungen von persönlichen Beziehungen beobachten in dem Bewusstsein, dass
auch andere Menschen diese sehen. So hat dieser trotz unpersönlichen Bezugs zu Kandidaten
in den Sendungen Einblicke in persönliche Beziehungen. „[Inszenierte] Unterhaltung
ermöglicht eine Selbstverortung in der dargestellten Welt.“ (219) Die Datingshows können als
eine Art Testgelände der Liebe verstanden werden, welche Formate von Liebe vorstellen, zu
denen der Zuschauer sich positioniert, ohne Teil der Liebesbeziehung zu sein. Diese
Positionierung kann unterstützend wirken, bei dem Versuch sich selbst als Einheit
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wahrzunehmen bzw. eine Identität zu bilden. Sie „liefern Vorlagen für Identitätsräume“ (Klaus
(2008): 165)
Grundsätzlich stellt sich die Frage, inwieweit die vorgestellten Formen der Handlung wieder
stärker an soziale Kontrolle anschließen. Die Reduktion der Komplexität sich also ebenso auf
äußere Umstände stützten könnte und nicht aussschließlich auf das Erleben des Anderen.

6. Liebesroman und Datingshow


Sind sich Liebesroman und Datingshow nun ähnlich? Es zeigen sich einige Parallelen, aber
auch Unterschiede. Wie die Dame, die den Roman gelesen hat (vgl. Luhmann (1982): 37),
steigern Datingshows die Aufmerksamkeit des Beobachters für die dargestellten Liebescodes,
im Bewusstsein, dass auch andere die vorgestellten Formen betrachten. Liebesroman und
Datingshow geben die Möglichkeit Liebe zu reflektieren und Formen vorzustellen. In diesem
Punkt gleichen sich Roman und Show. Die meisten besprochenen Datingshows bemühen sich
zudem darum, den Verlauf der Show von den Kandidaten selbst erzählen zu lassen. Diese
Formatierung ähnelt dem Briefroman, in welchem der Autor ebenso nicht in den Vordergrund
der Geschichte tritt, sondern von seinen Figuren (Kandidaten) erzählen lässt.
Allerdings ist nach Luhmann die Inkommunikabilität kein Problem der modernen
Gesellschaft. Sie ist schon erfasst. Die genannten Shows behandeln stärker Liebe als Problem
und wie diese stabilisiert werden kann. Hierzu wird häufig Bezug genommen auf alltägliche
Situationen (vgl. Keppler (1994): 111). Zudem vermischt sich die Differenz von Realität und
Fiktion in Datingshows deutlicher, da der Leser des Romans die vorgestellte Welt leugnen kann
im Gegensatz zum Zuschauer der Datingshow, welcher nur ablehnend bzw. befürwortend
Haltung bezieht. Datingshow und Liebesroman reflektieren Liebe, aber doch auf verschieden
Weise.
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7. Fazit
Wir konnten beobachten, wie sich der Liebescode ab dem 17 Jahrhundert gewandelt hat und
inwieweit der Liebesroman daran beteiligt war. Dieser schaffte es die Inkommunikabulität in
gewisser Weise zu umgehen und bewusst zu machen. Etwas, das im heutige
Kommunikationscode der Liebe immer noch enthalten ist. Weiter sahen wir, wie sich der
heutige Code gestaltet und mit welchen Problemen dieser zu kämpfen hat. Es wurden vier
genannt: 1. Kein Beginn einer persönlichen Beziehung. 2. Kurzer Kontakt führt nicht zu
persönlichen Beziehungen. 3. Keine Exklusivität in öffentlichen Situationen. 4. Keine
Identitätsbildung des Menschen in unpersönlicher Welt. Die darauffolgende Analyse offenbarte
einige Formen, die Optionen boten mit diesen Problemen umzugehen: Eine Liebesbeziehung
kann durch eine Form einer Vorauswahl, die häufig durch Wettkampf geprägt ist, entstehen
oder auch durch bestimmte Rahmenbedingungen eingeleitet werden. Diese Vorauswahlen
wurden teils besonders effizient gestaltet und brauchten damit wenig Zeit. Außerdem wurde die
Exklusivität über die Öffentlichkeit gewährleistet. Die Datingshow biete zudem die
Möglichkeit Semantiken zu entwickeln, mithilfe derer Menschen sich offenbaren können, ohne
sich zu entblößen. Das letzte Problem der Identitätsbildung könnte durch die eigene Verortung
in der Datingshow ermöglicht werden.
Die Datingshows haben eine ähnliche Rolle wie der Liebesroman der Romantik, da sie beide
die Liebe reflektieren und Formen von Liebe anbieten. Allerdings ist die Wirkung der
Datingshows sicherlich (bis jetzt) nicht derart gravierend wie die der Liebesliteratur. Diese
veränderte den Code der Liebe maßgeblich. Zudem behandeln beide unterschiedliche Probleme
verschiedener Codes.
Ob Datingshows überhaupt den Code der Liebe beeinflussen, d.h. unseren Umgang mit
Liebe verändern, ist damit nicht gesagt. Semantische Paradoxien, die schon einmal dazu
beitrugen, die Liebe neu zu codieren, stehen jedenfalls zur Verfügung (TV-NOW: Der
Bachelor, Staffel 9, Folge 1).

„Ich bin auf der Suche nach einer Frau, in die ich mich aus tiefstem Herzen verliebt habe.“
(Andrej Mangold- Bachelor 2019)
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Literaturverzeichnis
Primärquellen:
Döveling, Katrin/Mikos, Lothar/Nieland, Jörg-Uwe (2007): Orientierungsangebote im Spannungsfeld
von Normen und Leistungen. In: dies. (Hrsg.): Im Namen des Fernsehvolkes. Neue Formate für
Orientierung und Bewertung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, 7-17
Illouz, Eva (2003): Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des
Kapitalismus. Frankfurt am Main: Campus Verlag
Ivány, Nathalie/Reichertz, Jo (2002): Liebe (wie) im Fernsehen. Eine wissenschaftssoziologische
Analyse. Opladen: Leske + Budrich
Klaus, Elisabeth (2008): Fernsehreifer Alltag: Reality TV als neue, gesellschaftsgebundene
Angebotsform des Fernsehens. In: Thomas, Tanja (Hrsg.): Medienkultur und soziales Handeln.
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 157-174
Keppler, Angela (1994): Wirklicher als die Wirklichkeit?: Das neue Realitätsprinzip der
Fernsehunterhaltung. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag
Luhmann Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt am Main. Suhrkamp
Taschenbuch Verlag
Luhmann, Niklas (2009): Einführung in die Theorie der Gesellschaft. 2. Aufl.. Hrsg. Dirk Baecker.
Heidelberg. Carl-Auer-Systeme Verlag
Sekundärquellen:
Berghaus, Margot (2003): Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie. Köln: Böhlau
Verlag
Werber, Nils (2012): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität (1982). In: Oliver Jahraus/Armin
Nassehi u.a. (Hrsg.): Luhmann Handbuch. Leben – Werk -Wirkung. Stuttgart: J.B Metzler, 157-162
Internetquellen:
TV-NOW: Adam und Eva: https://www.tvnow.de/shows/adam-sucht-eva-7793/staffel-1/episode-1-
adam-sucht-eva-gestrandet-im-paradies-01-folge-01-ea-280814-347024 (3.03.2019)
TV-NOW: Der Bachelor: https://www.tvnow.de/shows/der-bachelor-
1733?gclid=EAIaIQobChMIhrLY8NDz4AIV7ZTtCh0iDApeEAAYASAAEgIcq_D_BwE (3.03.2019)
TV-NOW: Undressed – Das Date im Bett: https://www.tvnow.de/shows/undressed-das-date-im-bett-
15228/staffel-1/episode-0-alejandra-und-filipe-1413100 (3.03.19)
TV-NOW: Naked attraction: https://www.tvnow.de/shows/naked-attraction-12228/staffel-2/episode-5-
britta-und-logan-412002 (3.03.19)
TV-NOW: https://www.tvnow.de/serien/first-dates-15792/weitere/episode-0-christian-und-markus-
1459871 (3.03.2019)
YouTube (13.06.2013): Niklas Luhmann Liebe als Passion Beobachter im Krähennest Systemtheorie
Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=f3WtHgRApYE (3.03.19)
RTL.de, Adam und Eva: https://www.rtl.de/cms/sendungen/real-life/adam-sucht-eva.html (3.03.19)