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Donaueschinger Musiktage

nueva música, viejos


El Festival Donaueschingen se basó en la inteligencia artificial, pero todavía
muy poco en las mujeres.

Por Hannah Schmidt


23 de octubre de 2019 / TIME No. 44/2019, 24 de octubre de 2019

DESDE EL TIEMPO N. ° 44/2019

"Instalación performativa en la piscina para trompeta, sonido


submarino y acciones borrosas" por Kirsten Reese © Foto (detalle): Ralf
Brunner / SWR

Die Atmosphäre erinnert an ein Gemeindefest, wenn vor der Donaueschinger


Sporthalle am immer gleichen Wurststand die immer gleichen Leute
zusammenkommen und über die immer gleichen Themen sprechen. Die Szene
der Neuen Musik ist zwar klein, nach Donaueschingen aber fahren sie alle – auf
der Suche nach Innovation und Überraschungen und irgendwie doch auch nach
einer Bestätigung dessen, was man immer schon zu wissen glaubte: dass es trotz
ästhetischer Entgrenzung und Regelsprengung gute Musik und schlechte Musik
gebe, dass das eine Existenzberechtigung habe und das andere nicht und dass
man A von B wie Schwarz von Weiß unterscheiden könne.

Genau das jedoch stellten die Donaueschinger Musiktage dieses Jahr ganz
unglamourös infrage. Das erste der sieben Uraufführungskonzerte im
Hauptprogramm nämlich gestaltete nicht der Intendant Björn Gottstein, sondern
eine künstliche Intelligenz mit Namen CurAItor. Die Musik, mit der das
Programm trainiert wurde, stammte paritätisch von Komponistinnen und
Komponisten – insgesamt 100 exemplarische Klavierstücke Neuer Musik (und
zusätzlich ein paar Stücke aus früheren Epochen). Auf dieser Grundlage
bewertete der Computer die für Donaueschingen eingesandten Kompositionen
und schlug die drei "besten" für das Konzert vor – zwei Werke von Männern,
eines von einer Frau. Überrascht sei er gewesen, erzählt Gottstein: "Ich hätte
wahrscheinlich, bis auf eines, andere Stücke ausgewählt." Was nicht heiße, dass
er die KI-kuratierten Werke nicht für gut halte. Der Pianist Joseph Houston
jedenfalls spielte jedes einzelne atemberaubend virtuos und durchscheinend, die
vertrackt-rhythmischen Akkordcluster in Patricia Martínez’ Outside genauso wie
die kaum wahrnehmbaren klanglich präparierten Nuancen in Andrés
Guadarramas Colotomy.

Mit diesem Konzert hat Gottstein nicht nur seine Arbeit als Kurator und
Intendant hinterfragt, sondern einiges mehr: In fast jedem Konzert ging es fortan,
zumindest zwischen den Zeilen, um die Kategorien, nach denen Menschen Musik
und Musiker beurteilen oder beurteilt haben. Die Menschen, das sind in diesem
Fall die rund 10.000 Besucher vor Ort, die Zuhörer an Radio, Computer und
Fernseher und die Musikerinnen und Musiker, die Sonntagabend den Träger des
diesjährigen Orchesterpreises verkündeten: den dänischen Komponisten Simon
Steen-Andersen (in Donaueschingen kein Unbekannter). Interessanterweise
widmet sich gerade sein Stück Trio für Orchester, Big Band, Chor und Video dem
klassischen Selbstverständnis der europäischen Musiktradition – und
überzeichnet es krass.

Im Video sieht man berühmte Maestri des SWR in Konzert- und


Probensituationen, allesamt Männer, die wissen, wie es zu klingen hat. Unter
ihnen der junge und der alte Sergiu Celibidache, Carlos Kleiber, Ferenc Fricsay
und Michael Gielen, vor ihnen die Partituren von Berlioz’ Rácóczy-Marsch,
Strawinskys Feuervogel und Strauss’ Till Eulenspiegel. Musik von Männern für
Männer? Steen-Andersen reißt die einzelnen Sequenzen in Fetzen und montiert
sie neu, oft verkürzt bis ins Absurde und virtuos rhythmisiert, im ständigen Echo-
Wechsel mit den Live-Ensembles. So frei oder unfrei ist man heute also vor dem
Hintergrund einer gigantischen Historie medial verfügbarer Musik. Vordergründig
ist dieses Name- und Face-Dropping ziemlich witzig, beim Verlassen des
Konzertsaals beschleichen einen aber doch Zweifel.

Vor zwei Jahren hatte Gottstein die Rolle der Frau in der
Neuen Musik thematisiert. Sein erklärtes Ziel war die
Förderung von Komponistinnen. 2019 jedoch liegt der
Anteil nach wie vor bei einem mageren Drittel, an den
Dirigentenpulten stehen sowieso ausschließlich
Dieser Artikel stammt aus der Männer. "Ich spüre selbst, dass es irgendwie eingerastet
ZEIT Nr. 44/2019. Hier
ist", sagt Gottstein. Er frage zwar immer zuerst Frauen
können Sie die gesamte
Ausgabe lesen. und somit insgesamt mehr Frauen als Männer an, ob sie
[https://premium.zeit.de/abo/ für Donaueschingen etwas komponieren wollen. "Das
diezeit/2019/44]
Problem ist, dass die wenigen Frauen, die in dieser Liga
unterwegs sind, unglaublich gefragt sind." In ihren
Terminkalendern hätten die Musiktage oft einfach keinen Platz. Ernsthaft? Die
Frage ist genau die, die das Festival selbst stellt: Wie definiert man die "Liga", in
der für Donaueschingen komponiert werden kann und darf und in der notorisch
zu wenige Frauen mitspielen – und wer definiert sie eigentlich? Am Ende
flimmern durch unsere Köpfe dieselben Bilder und Namen wie in Steen-
Andersens Video-Potpourri – und machen es den Entscheidern des Musikmarktes
leicht, aufs Immergleiche, Verlässliche zu setzen. Der Mann in der Neuen Musik
ist selbstverständlich, die Frau ist es nicht.

Nicole Lizée, Nina Šenk, Eva Reiter und Lidia Zielińska heißen die
Komponistinnen, die vom SWR Kompositionsaufträge für das Hauptprogramm
erhalten hatten. Im Abschlusskonzert gab Eva Reiter ein starkes Statement ab, als
sie den Orchestermusikern kurzerhand alle Instrumente wegnahm. Statt auf
Geige, Oboe oder Tuba spielte das Ensemble nun auf PVC-Rohren, stehend, die
längeren oder kürzeren Varianten in der Luft rudernd, pustend und summend,
dazu Drumset, eine verstärkte Querflöte und zwei riesige Paetzold-Flöten, von
denen Eva Reiter selbst eine betätigte. Der Klang, der in diesem Zusammenspiel
entstand, rauschte, sang, flirrte und dröhnte und entwickelte so eine ungeheure
analoge Direktheit – inmitten der motivisch variantenreichen und fein-
konsequenten, strengen kompositorischen Arbeit. Ob nun jedes Stück, das für
Orchester komponiert sei, tatsächlich auch Orchestermusik sei, wurde in der
Laudatio auf Steen-Andersen gefragt, und im Publikum lachte man, als sei die
Antwort sonnenklar. Doch das ist sie nicht, und das ist gut. Die zeitgenössische
Musik braucht viel mehr solcher Fragen. Und grundsätzlich mehr ehrliche
Antworten.

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