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Liebeskummer lohnt sich


Wissenschaftler entschlüsseln das seltsame Verhalten verschmähter Liebender

Menschen mit Liebeskummer verhalten sich scheinbar ir-


rational: Anstatt sich damit abzufinden, dass ihre Liebe
verschmäht wird, lassen sie nichts unversucht, um ihren
Schwärm zu erobern oder zurückzugewinnen. Wenn das
nicht fruchtet, verschwenden sie weitere Energie für Ge-
fühlszustände wie Ärger, Wut und Hass. Diese Verhaltens-
weisen sind für den Stoffwechsel kostspielig, denn sie be-
deuten Stress. So muss man sich fragen, warum dieses Ver-
halten im Laufe der Evolution nicht aus unserem ansonsten
um Effizienz bemühten Verhaltensrepertoire heraussortiert
wurde. Anthropologen, Psychologen und Neurowissen-
schaftler versuchen, Antworten auf diese Frage zu finden, und
erforschen die „Biologie der Zurückweisung". Rein wissen-
schaftlich werden zwei Liebeskummerphasen unterschieden:
- Protest und Versuch der (Rück-)Gewinnung,
- Wut und Resignation.
Die Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers-Uni-
versität in New Jersey sichtete einschlägige Studien und
kommt zu dem Schluss, dass beide Phasen wichtige Funk-
tionen erfüllen. Aus Sicht der Verhaltensbiologie ist selbst
heftiger Liebeskummer für das Überleben sinnvoll, wie
sie in ihrem aktuellen Buch Why we love: The nature and
chemistry ofromantic love ausführt.
Phase 1 ist sinnvoll, weil Protest gegen Zurückweisung
eine überlebenswichtige Reaktion von Säugetieren auf das
Kappen eines sozialen Bandes ist. Aktivitäten im Paniksys-
tem des Gehirns lösen diesen Protest aus. Der Psychiater Tho-
mas Lewis von der University of California in San Francisco
argumentiert, dass erhöhte Werte der Neurotransmitter
Dopamin und Noradrenalin die Alarmbereitschaft steigern.
Sie stimulieren ein Säugetier, dasjenige zu suchen, das es im
Stich gelassen hat - in der Regel die eigene Mutter. Begleitet
wird die Suche von Herzrasen, verzweifelten Rufen und herz-
ergreifenden Gesten des Jungtiers.
Auch für Phase 2 gibt es eine neurologische Erklärung: Lie- Humboldt-Universität eine wichtige soziale Aufgabe. Er ver
be und Wut wohnen im Gehirn in trauter Nachbarschaft. Das mutet, dass Trauer und Depressionen sozial sinnvoll sind,
Netzwerk, in dem Wut entsteht, ist eng verbunden mit Zen- weil sie dem Umfeld signalisieren: Hier braucht jemand drin
tren im präfrontalen Kortex, die aktiv werden, wenn man mit gend Hilfe. Das kann für lebensnotwendige Unterstützung
der Aufmerksamkeit einer geliebten Person belohnt wird. Da- sorgen. Darüber hinaus ermöglichen depressive Zustände
zu Helen Fisher: „Zuerst dachte ich, Hass sei das Gegenteil auch eine Neuorientierung des Trauernden. Sie können ei
von Liebe. Aber das stimmt nicht. Das Gegenteil von ne Person dazu bringen, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken
Liebe ist Gleichgültigkeit." und wichtige Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. All
Und auch die Endstufe von Phase 2 - Trauer und De- dies dient letztlich dem Weiterleben nach einer zerbroche
pression - hat die Evolution überstanden. Aber selbst diese nen Liebe. Eva lenzer
Depression hat nach Meinung des Anthropologen Edward
Hagen vom Institut für Theoretische Biologie der Berliner

16 PSYCHOLOGIE HEUTE SEPTEMBER 2004