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ARTIKEL

Jochen Böhler · Robert Gerwarth

Einleitung:

Ost- und Südosteuropäer in der Waffen-SS

„Am 23. 3. [1943] wurde auf Befehl eines Offiziers der 256. Inf.[anterie]Div.[ision] die gesamte Einwohnerschaft des Ortes Nikulinka erschossen und das Dorf niederge- brannt, da in der Nacht ein deutscher Unteroffizier in diesem Ort erschossen wurde. Die Einwohnerschaft im Bereich des VI. A.[rmee]K.[orps] kann mit geringen Ausnahmen als zuverlässig bezeichnet werden und hat sich den wenigen Banditen gegenüber stets ablehnend verhalten. Um die Bevölkerung und den O[rdnungs] D[ienst], auf deren Mitarbeit wir angewiesen sind, nicht auf die Seite der Banditen zu treiben, befehle ich, daß Sühnemaßnahmen wie oben geschildert, nur nach genauer Feststellung der Tatsachen und Untersuchung durch die Herren Divisionskomman- deure befohlen werden können. gez. Jordan General der Infanterie“ 1

Während des Zweiten Weltkriegs trugen Millionen von Männern deutsche Uni- formen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besaßen. Im Frühjahr 1945 stammte über die Hälfte von einer Million Soldaten der Waffen-SS aus 15 anderen europäischen Nationen. In der Wehrmacht dienten insgesamt über zwei Millionen nichtdeutsche Soldaten. 2 Weitere nichtmilitärische Hilfsformationen wie etwa die weißrussischen und ukrainischen „Schutzmannschaften“ kamen im Jahr 1942 auf über 300 000 Mann. Des Weiteren wurden in der besetzten Sowjetunion lokale Kräfte für einen „Ordnungsdienst“ angeworben. 3

1 Der Kommandierende General des VI. AK, Ic Nr. 561/43 geh., Korpsgefechtsstand 3. 4. [19]43, US National Archives and Records Administration Maryland, Captured German Records, Mikrofilm, T. 314, Rolle 316, Bild 892.

2 Rolf-Dieter Müller, An der Seite der Wehrmacht. Hitlers ausländische Helfer beim „Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ 1941–1945, Berlin 2007.

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Welche Widersprüche und welches Konfliktpotenzial die Verwendung von Männern für sogenannte Ordnungsdienste, aber auch für die „Bandenbekämpfung“ und sogar als Personal in Vernichtungslagern barg, zeigt das eingangs zitierte Schreiben des Kommandeurs einer in Weißrussland eingesetzten Infanteriedivision aus dem Frühjahr 1943: Teile der Bevölkerung, die sich neutral verhielten oder sogar für die Deutschen arbeiteten, wurden durch die unerbittliche Logik des Vernichtungskrieges unter dem Deckmantel der Partisanenbekämpfung oftmals Zeugen von Verbrechen an ihren Verwandten, Bekannten und Nachbarn. Manchmal waren sie sogar aktiv an Morden beteiligt, was viele von ihnen in das Fadenkreuz lokaler Widerstandsgruppen geraten ließ oder sie nachträglich dazu bewog, die Seite zu wechseln. Auf deutscher Seite sahen sich nicht-„germanische“ Kollaborateure wiederum einer Mauer des Misstrauens gegenüber und wurden – obwohl oftmals gegen Partisanen eingesetzt – selbst der Partisanentätigkeit verdächtigt. Die schon von ihrer Anlage her in sich widersprüchliche deutsche Haltung zur Rekrutierung „Fremdvölkischer“ in SS- und Polizeieinheiten im Spannungsfeld zwischen Rassenlehre und Osteinsatz wird im Beitrag von Peter Black und Martin Gutmann genauer analysiert. Zu dieser äußeren Konfliktstellung tritt aber im Zusammenhang mit Einheimischen im Dienste der Deutschen eine andere Pers- pektive, die bis heute kaum beleuchtet wurde und, wo sie denn angesprochen wird, uns allenfalls verzerrt, nämlich verherrlichend, beschönigend oder dämonisierend entgegentritt: In welchen gedanklichen und realen Welten bewegten sich diejenigen, die für das nationalsozialistische Besatzungsregime Polizeiaufgaben übernahmen, kämpften, mordeten, ohne selbst Deutsche zu sein? Was veranlasste sie, sich auf die Seite eines Eroberers zu stellen, dessen Ziele für die eigene Bevölkerung zumindest fragwürdig, oftmals aber auch offen feindselig bis lebensbedrohlich waren? Welche Hoffnungen verbanden sie mit ihrem Einsatz? Ging es ihnen um das nackte Überleben (das eigene und das der Familie), das Ausleben von Machtfantasien, materiellen Gewinn, die (Wieder)Erringung nationaler Unabhängigkeit oder den Kampf gegen die Sowjetunion? Wie wandelten sich ihre Motive im Zuge ihres Einsatzes, und was geschah mit ihnen nach Kriegsende? Zwar waren der Holocaust und der Massenmord an nichtjüdischen Bewohnern Ost- und Südosteuropas in erster Linie ein deutsches Projekt, das in Berlin geplant und von deutschen Armee- und Polizeieinheiten in den besetzten Gebieten durch- geführt oder überwacht wurde. Auch ohne einheimische Helfer hätten die deutschen Militär- und Polizeiformationen in Ost- und Südosteuropa Massenmorde bisher ungekannten Ausmaßes begangen, aber sie hätten dies wahrscheinlich weniger effektiv getan. Die Mitglieder der deutschen Minderheiten und anderer lokaler Kollaborateure identifizierten Juden für die deutschen Besatzungsbehörden, verrieten Verstecke, nannten „passende“ Exekutionsstätten und nahmen manchmal sogar am Tötungsprozess selbst teil. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist dieses langjährige

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Tabu in mehreren Studien, insbesondere in den baltischen Staaten, in Jugoslawien, in Rumänien oder in Polen, angegangen worden. Keine allgemeine Geschichte des Zweiten Weltkriegs kann es sich daher heute noch leisten, die komplexen Wechselwirkungen zwischen deutschen Behörden und Besatzungspersonal und den mit ihnen kooperierenden Einwohnern der besetzten Gebiete zu ignorieren. 4 Die bisherige Literatur über nichtdeutsche „Freiwillige“ ist sowohl hinsichtlich ihrer Qualität als auch ihrer geografischen Ausrichtung sehr uneinheitlich. Neben den immer noch dominierenden, zumeist als offenkundige Entlastungsversuche von Amateurhistorikern verfassten Büchern über die Waffen-SS existierten lange Zeit keine europaweiten Studien, die das Thema systematisch untersuchten. Selbst wissenschaftlich fundierte Veröffentlichungen der letzten Jahre zur Waffen-SS tendierten dazu, eine nationale oder deutschzentrierte Perspektive einzunehmen. 5 Während bedeutende nationale Forschungsprojekte des vergangenen Jahrzehnts, insbesondere zu westeuropäischen Freiwilligen, wichtige Daten über den sozialen Hintergrund von Einzelpersonen geliefert haben, 6 kann man dasselbe nicht für Ost- und Südosteuropa konstatieren. Darüber hinaus bleiben solche Studien, selbst wenn sie brauchbare Daten und Analysen zur Verfügung stellen, in ihrer jeweiligen nationalen Perspektive verhaftet, was eine Beurteilung darüber erschwert, ob ihre Ergebnisse singulär sind oder verallgemeinert werden können, ob wir es also mit einem jeweils länderspezifischen oder einem europaweiten Phänomen mit regionalen Unterschieden zu tun haben. 7 Jeder neue Ansatz innerhalb einer

4 Anton Weiss-Wendt, Murder Without Hatred. Estonians and the Holocaust, Syracuse 2009; Alexander Korb, Im Schatten des Weltkriegs. Massengewalt der Ustaša gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien 1941–1945, Hamburg 2013; Wolfgang Benz (Hrsg.), Holocaust an der Peripherie. Judenpolitik und Judenmord in Rumänien und Transnistrien 1940–1944, Berlin 2009; Jan Gra- bowski, Hunt for the Jews. Betrayal and Murder in German-Occupied Poland, Bloomington 2013.

5 René Rohrkamp, „Weltanschaulich gefestigte Kämpfer“. Die Soldaten der Waffen-SS 1933–1945. Organisation – Personal – Sozialstrukturen, Paderborn u. a. 2010; Martin Cüppers, Wegberei- ter der Shoah. Die Waffen-SS, der Kommandostab Reichsführer-SS und die Judenvernichtung 1939–1945, Darmstadt 2005; Eine populärwissenschaftliche Ausnahme ist: Christopher Hale, Hitler’s Foreign Executioners. Europe’s Dirty Secret, Stroud/Gloucestershire 2011.

6 Terje Emberland/Matthew Kott, Himmlers Norge. Nordmenn i det storgermanske prosjekt, Oslo 2012; Claus Bundgård Christensen/Niels Bo Poulsen/Peter Scharff Smith, The Danish Far Right Goes to War. Danish Fascism and Soldiering in the Waffen SS, 1930–1945, in: Eric Weitz/Angelica Fenner (Hrsg.), Fascism and Neofascism. Critical Writings on the Radical Right in Europe, New York 2004, S. 81–102; Eddy de Bruyne/Marc Rikmenspoel, For Rex and for Belgium. Léon Degrelle and Walloon Political and Military Collaboration 1940–1945, Solihull 2004; Jean-Luc Leleu, La Waffen-SS. Soldats politiques en guerre, Paris 2007; Philippe Carrard, The French Who Fought for Hitler. Memories from the Outcasts, Cambridge/New York 2011.

7 Diesem Desiderat widmen sich Jochen Böhler/Robert Gerwarth (Hrsg.), The Waffen-SS. A Euro- pean History, Oxford/New York 2016.

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Historiografie der Kollaboration sollte daher über einen rein militärgeschichtlichen Ansatz hinausgehen und neue Forschungsfragen aufgreifen, wie sie mit dem Einzug kulturhistorischer Ansätze innerhalb der Gewaltforschung aufgeworfen werden. 8 Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Krieges ist es an der Zeit, dass sich Fachhistoriker ohne politische Agenda diesem bisher vernachlässigten Thema widmen. Ein Beispiel für einen neuen Ansatz zum Thema liefert der Beitrag von Franziska Zaugg in diesem Heft. In ihrer Analyse der Motive muslimischer „Freiwilliger“ aus Albanien und Bosnien sowie ihrer deutschen SS-Anwerber legt sie die diametral entgegengesetzten Vorstellungswelten beider Seiten offen. Einerseits waren die Deutschen 1942/1943 (teilweise noch bis Sommer 1944) überzeugt, „Fremdvölkische“ mit einer Mischung aus Druck und Autonomieversprechungen an sich binden zu können. Wie Zaugg betont, kann allerdings im Fall der von ihr untersuchten Divisionen „Skanderbeg“ und „Handschar“ nur selten von „Freiwilligkeit“ die Rede sein. Vielfach war es die Angst, selbst Opfer von Gewalt zu werden, die albanische und bosnische Muslime zum Eintritt in die Verbände trieb. In einigen Fällen wurden sie durch Clanchefs, „Volksgruppenführer“ oder auch die Waffen-SS selbst dazu gezwungen. Von den anderen „Hilfswilligen“, die von den Nationalsozialisten zwischen 1939 und 1945 rekrutiert wurden, heben sich die „Trawniki-Männer“ deutlich ab: Sie waren eine äußerst heterogene Truppe, bestehend hauptsächlich aus Rotarmisten unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren. Ihre Rekrutierung in die Waffen-SS bot ihnen die einmalige Chance, dem fast sicheren Tod durch Hunger, Entkräftung, Seuchen oder Misshandlung zu entgehen, der drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene ereilen sollte. 9 Ohne dass es ihnen zu diesem Zeitpunkt bewusst sein konnte, wurden sie in der Folge zu Wachmannschaften der deutschen Vernichtungslager ausgebildet, um den

8 Siehe etwa Jan Erik Schulte/Peter Lieb/Bernd Wegner (Hrsg.), Die Waffen-SS. Neue Forschungen, Paderborn u. a. 2014; Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Welt- anschauung und Vernunft. 1903–1989, Bonn 1996; Gerhard Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche?, Göttingen 2002; Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002; Jens Banach, Heydrichs Elite. Das Führerkorps der Sicherheitspolizei und des SD 1936–1945, Paderborn 1998; David Cesarani, Adolf Eichmann. Bürokrat und Massenmörder, Berlin 2004; Robert Gerwarth, Reinhard Heydrich. Biographie, München 2011.

9 Immer noch wegweisend: Christian Streit, Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowje- tischen Kriegsgefangenen 1941–1945, Heidelberg 1977 (Neuausgabe Bonn 1991); siehe auch Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941–1944, München 2009.

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deutschen Tätern dabei zu helfen, Millionen von Juden im besetzten Polen im Zuge der „Operation Reinhard“ zu ermorden. 10 Wie Jacek Andrzej Młynarczyk in seinem Beitrag zur Rolle der „fremdvölkischen“ Wachmannschaften im Distrikt Lublin darlegt, konnten die zwangsfreiwilligen „Trawnikis“ in der Praxis sowohl als Täter wie auch als Opfer der nationalsozialisti- schen Rassenpolitik wahrgenommen werden. Die Handlungsspielräume, innerhalb derer sie agierten, hatten sie nicht selbst geschaffen. Und auch wenn viele „Trawnikis“ sich aktiv an Massenmorden beteiligten, warteten andere auf eine Gelegenheit, ihren deutschen „Herren“ zu entfliehen, um sich Widerstandsgruppen anzuschließen. Diesem differenzierenden Urteil schließen sich Angelika Benz und Sara Berger in ihrem Aufsatz über die Rolle „Trawnikis“ in den Vernichtungslagern der „Aktion Reinhardt“ an. Sie legen überzeugend dar, dass es sich um eine sehr heterogene Gruppe aus zumeist ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen handelte, deren Verhalten in den Vernichtungslagern allerdings nicht allein durch Zwang erklärt werden kann, sondern auch durch andere Faktoren wie die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Lagern und individuelle Gewaltdispositionen. Interessanterweise fielen gerade „volksdeutsche“ „Trawnikis“ (also ethnische Deutsche, die in der Roten Armee gedient hatten) als eine besonders brutal agierende Untergruppe der Wachmannschaften auf. Sie stellten zugleich die einzige Trawniki-Gruppe dar, die einer weltanschaulichen Indoktrinierung unterzogen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen viele „Trawnikis“ aus Osteuropa in alle Teile der Welt. Nur eine Handvoll von ihnen wurde in der Sowjetunion, Polen, Deutsch- land, Israel, den USA und Kanada verfolgt. Einige konnten auf schillernde Biografien zurückblicken, wie etwa Jack Reimer, der in weniger als einer Generation von einem „volksdeutschen“ Landwirt in Sowjetrussland zum Leutnant in der Roten Armee, vom kriegsgefangenen Rotarmisten zur SS-Hilfskraft und vom Holocaust-Täter in Polen zum Kartoffelchip-Verkäufer in den USA avancierte. 11 Eine ganz ähnliche „Karriere“ durchlief John (Iwan) Demjanuk, dessen Münchner Prozess zwischen 2009 bis 2011 Schlagzeilen machte und die Tätergruppe der „Trawnikis“ erstmals in das Licht der deutschen Öffentlichkeit rückte. 12

10 Die beste Zusammenfassung findet sich in: Peter Black, Foot Soldiers of the Final Solution. The Trawniki Training Camp and Operation Reinhard, in: Holocaust and Genocide Studies 25 (2011) 1, S. 1–99. In den Quellen und der Literatur wird die „Aktion Reinhard(t)“ unterschiedlich geschrie- ben, so auch in den Beiträgen dieses Heftes.

11 Eric C. Steinhart, The Chameleon of Trawniki. Jack Reimer, Soviet Volksdeutsche, and the Holo- caust, in: Holocaust and Genocide Studies 23 (2009) 2, S. 239–262.

12 Angelika Benz, Der Henkersknecht. Der Prozess gegen John (Iwan) Demjanuk in München, Berlin 2011; Matthias Janson, Hitlers Hiwis. Iwan Demjanjuk und die Trawniki-Männer, Ham- burg 2010.

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Vor allem im kommunistischen Osteuropa nach 1945 wurde die Erinnerung an die indigenen Waffen-SS Mitglieder (sofern überhaupt thematisiert) politisch instrumentalisiert. Anhand der Protokolle der jugoslawischen Prozesse gegen ehemalige Mitglieder der bosnischen „Handschar“-Division in den 1970er-Jahren zeichnet Sabina Ferhadbegović den Versuch des kommunistischen Tito-Regimes nach, sich durch die Erinnerung an die Kriegsverbrechen „nationalistischer Verfüh- rer“ zu legitimieren. Insgesamt eröffnen die hier versammelten Beiträge also einerseits neue Perspektiven auf das Thema „Kollaboration“ innerhalb der Waffen-SS während des Zweiten Weltkriegs und in der Erinnerung, andererseits regen sie zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit diesem schwierigen Themenfeld an, das bis heute stark polarisiert.