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KRIEG IN DER GESCHICHTE

(KRiG)

Urheberrechtlich geschütztes Material! © 2014 Ferdinand Schöningh, Paderborn

KRIEG IN DER GESCHICHTE (KRiG)

HERAUSGEGEBEN VON STIG FÖRSTER · BERNHARD R. KROENER · BERND WEGNER · MICHAEL WERNER

BAND 74

DIE WAFFEN-SS

Neue Forschungen

FERDINAND SCHÖNINGH

Urheberrechtlich geschütztes Material! © 2014 Ferdinand Schöningh, Paderborn

Die Waffen-SS

Neue Forschungen

Herausgegeben von

Jan Erik Schulte · Peter Lieb · Bernd Wegner

FERDINAND SCHÖNINGH

Urheberrechtlich geschütztes Material! © 2014 Ferdinand Schöningh, Paderborn

Die Herausgeber:

Dr. Jan Erik Schulte, Leiter der Gedenkstätte Hadamar Dr. Peter Lieb, Senior Lecturer an der Royal Military Academy Sandhurst (Großbritannien) Dr. Bernd Wegner, Professor für Neuere Geschichte an der Helmut-Schmidt- Universität Hamburg

Redaktion:

Christine Eckel, M.A.

Titelbilder:

Vordergrund: Zwei junge bosniakische Freiwillige der 13. Waffen-Gebirgs- Division der SS »Handschar« beim Exerzierdienst. Sie tragen den traditionel- len Fes der alten bosniakischen Regimenter aus der k.u.k. Armee sowie den Kragenspiegel mit Hakenkreuz und der »Handschar«, dem alten Krumm- schwert der Bosniaken (BA, Bild 146-1974-149-24, Mielke). Hintergrund: Grenadiere der Waffen-SS ziehen durch die Straßen von Narwa in ihre Stellungen, April 1944 (ullsteinbild)

Reihensignet:

Collage unter Verwendung eines Photos von John Heartfield. © The Heartfield Community of Heirs/VG Bild-Kunst, Bonn 1998.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiblio- grafie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Einband: Evelyn Ziegler, München

Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem

und alterungsbeständigem Papier

ISO 9706

© 2014 Ferdinand Schöningh, Paderborn (Verlag Ferdinand Schöningh GmbH & Co. KG, Jühenplatz 1, D-33098 Paderborn)

Internet: www.schoeningh.de

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk sowie einzelne Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages nicht zulässig.

Printed in Germany. Herstellung: Ferdinand Schöningh, Paderborn

ISBN 978-3-506-77383-8

Urheberrechtlich geschütztes Material! © 2014 Ferdinand Schöningh, Paderborn

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur Reihe

 

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Einleitung: Die Geschichte der Waffen-SS – Forschungsschwerpunkte und Ausblicke von Jan Erik Schulte / Peter Lieb / Bernd Wegner

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STRUKTUREN UND AKTEURE

 

Jenseits der Grenzen: Militärische, politische und ideologische Gründe für die Expansion der Waffen-SS

von Jean-Luc Leleu

 

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Die Rekrutierungspraxis der Waffen-SS in Frieden und Krieg

 

von René Rohrkamp

 

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42

»Parzifal unter den Gangstern«? Die SS- und Polizeigerichtsbarkeit in Polen 1939-1945 von Christopher Theel

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61

KZ-System und Waffen-SS. Genese, Interdependenzen und Verbrechen von Stefan Hördler

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Die SS-Helferinnen und das weibliche Gefolge der SS. Tätigkeiten, Dienststellen und Einsätze von Frauen im Organisationsapparat der Waffen-SS von Jutta Mühlenberg

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Gardesoldat, Ordensritter, Kriegsverbrecher? Karl Wolffs Selbstbild zwischen SS und Waffen-SS

 

von Kerstin von Lingen

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Estnische Einheiten der Waffen-SS. Vorgeschichte, Rekrutierung, Zusammensetzung

 

von Toomas Hiio

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6

VERGEMEINSCHAFTUNG UND SELBSTVERSTÄNDNIS

»Unsere Gegner haben uns als Deutsche kennengelernt«. Die 7. SS-Freiwilligen-Gebirgsdivision »Prinz Eugen« – eine volksdeutsche Kampfformation als nationalsozialistisches Herrschaftsinstrument von Thomas Casagrande

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163

Sonnenrad oder Hakenkreuz. Norwegische Freiwillige in der Waffen-SS und die Herausforderungen der Integration

von Sigurd Sørlie

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Dänen in der Waffen-SS 1940-1945. Ideologie, Integration und Kriegsverbrechen im Vergleich mit anderen »germanischen« Soldaten von Claus Bundgård Christensen / Niels Bo Poulsen /

 

Peter Scharff Smith

 

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196

Motive rumäniendeutscher Freiwilliger zum Eintritt in die Waffen-SS von Paul Milata

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216

Perfekte Krieger? Die deutsche Wahrnehmung muslimischer Albaner in der Waffen-SS zwischen 1943 und 1945

 

von Franziska Zaugg

 

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230

Militärische Vergemeinschaftungsversuche muslimischer Soldaten in der Waffen-SS. Die Beispiele der Division »Handschar« und des »Osttürkischen Waffenverbands der SS«

 

von Stefan Petke

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KRIEG UND VERBRECHEN

 

Die Junkerschulgeneration

von Jens Westemeier

 

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269

Auf dem Weg in den Holocaust. Die Brigaden des Kommandostabes Reichsführer-SS im Sommer 1941

 

von Martin Cüppers

 

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286

Zivilisten als Feind: Die 16. SS-Panzergrenadierdivision »Reichsführer-SS« in Italien 1944/45

 

von Carlo Gentile

 

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7

Waffen-SS und Wehrmacht in der Schlacht bei Kursk. Ein Vergleich im operativen Einsatz

von Roman Töppel

 

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317

Militärische Elite? Die Panzerdivisionen von Waffen-SS und Wehrmacht in der Normandie 1944 im Vergleich

 

von Peter Lieb

 

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336

Elite am Ende. Die Waffen-SS in der letzten Phase des Krieges 1945

 

von Sven Keller

 

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354

INSZENIERUNG UND ERBE

 

Die Inszenierung des nationalsozialistischen Soldaten:

 

Die Waffen-SS in der NS-Propaganda

 

von Jochen Lehnhardt

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377

»Soldat, Kämpfer, Kamerad.« Die Waffen-SS in der NS-Propaganda am Beispiel Theodor Eickes und der SS-Division »Totenkopf«

 

von Niels Weise

 

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Kameradschaftlicher Beistand. Wie Wehrmachtoffiziere und -juristen dem Waffen-SS-General Max Simon in den Brettheim-Prozessen von 1955 bis 1960 zu Hilfe kamen

 

von Franz Josef Merkl

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Die Truppenkameradschaften der Waffen-SS 1950-1990. Organisationsgeschichte, Entwicklung und innerer Zusammenhalt

 

von Karsten Wilke

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Dank

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Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

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Personenindex

 

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Urheberrechtlich geschütztes Material! © 2014 Ferdinand Schöningh, Paderborn

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Militärische Vergemeinschaftungsversuche muslimischer Soldaten in der Waffen-SS

Die Beispiele der Division »Handschar« und des »Osttürkischen Waffenverbands der SS«

von

STEFAN PETKE

Seit Himmler im November 1941 die Erlaubnis Hitlers erhalten hatte, weitere Waffen-SS-Divisionen mit ausländischen Freiwilligen »artverwandten nordi- schen Blutes« aufzustellen 1 , hatte Gottlob Berger als Chef des zuständigen SS-Ergänzungsamtes jedwede Chance zu nutzen versucht, den Personalpool beständig zu erweitern. Nach dem Ausschöpfen der Rekrutierungsmöglichkei- ten unter skandinavischen und den als germanisch eingestuften Bevölkerungs- gruppen Westeuropas (Niederlande und der flämische Teil Belgiens) gerieten mit der Eroberung des Baltikums und Südosteuropas auch die dortigen Bevöl- kerungen in das Blickfeld Bergers. Zunächst noch auf die ansässigen volksdeut- schen Bevölkerungsgruppen beschränkt, reichten auch diese Rekrutierungen bald nicht mehr aus, den stetig steigenden Personalbedarf der Waffen-SS zu decken. 2 In dieser Perspektive scheint der am 10. Februar 1943 ergangene Befehl Himmlers zur Aufstellung einer »Kroatischen SS-Freiwilligen-Division« 3 als Fortführung des expansiven Ausbaus der Waffen-SS, nun allerdings unter Ein- beziehung der Bevölkerungen verbündeter Staaten. Dass mit dieser »Kroatischen SS-Freiwilligen-Division« gänzlich neue Wege in der Waffen-SS beschritten werden sollten, machte Himmler bereits drei Tage nach ergangenem Aufstellungsbefehl klar. Per Funkspruch setzte er am 13. Februar 1943 den mit der Aufstellung betreuten SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS, Artur Phleps 4 , davon in Kenntnis, dass die neu aufzustellende Division »tunlichst aus Bosniaken mohamedanischer [sic!] Religion zu bestehen [habe]« 5 . Damit hatte Himmler erstmalig in der

1 Vgl. Erlass Himmlers betr. »Aufstellung und Einsatz ausländischer Freiwilligenverbände« vom 6.11.1941, National Archives Records Administration (NARA), T 175, Roll 109, Bl. 3820 ff., zitiert nach: Bernd Wegner, Hitlers Politische Soldaten. Die Waffen-SS 1933-1945, Leitbild, Struktur und Funktion einer nationalsozialistischen Elite, Paderborn 2008 5 , S. 297.

2 Zum Zwangscharakter der Rekrutierung jugoslawischer Volksdeutscher siehe: Holm Sundhaus- sen, Zur Geschichte der Waffen-SS in Kroatien 1941-1945, in: Südost Forschungen XXX (1971), S. 176-196.

3 Vgl. Aufstellungsbefehl SS-FHA vom 30.4.1943, Bundesarchiv Berlin (BAB), NS 33/234, Bl. 37.

4 Phleps hatte zuvor die mehrheitlich aus Volksdeutschen bestehende »7. Waffen-Gebirgs-Divi- sion der SS ›Prinz Eugen‹« aufgestellt und als Kommandeur geführt. Zur Geschichte der Divi- sion »Prinz Eugen«, siehe den Beitrag von Casagrande in diesem Sammelband.

5 Vgl. Funkspruch Himmler an Phleps vom 13.2.1943, BAB, NS 19/2601, Bl. 2.

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Muslimische Soldaten in der Waffen-SS

249

Waffen-SS die religiöse Zugehörigkeit zum maßgeblichen Auswahlkriterium erklärt, um, wie er später vor den Reichs- und Gauleitern in seiner Posener Rede am 6. Oktober 1943 ausführte, eine rein muslimische Division aufzu- stellen. 6 Auch wenn dies für die Waffen-SS in mehrfacher Hinsicht ein Novum dar- stellte, betrat Himmler damit jedoch keineswegs militärisches Neuland. Bereits zuvor waren innerhalb der Wehrmacht Einheiten aus mehrheitlich muslimisch geprägten Gruppen aufgestellt worden. So z.B. das zunächst unter der Initia- tive des Amtes Ausland/Abwehr II aufgestellte »Turkbataillon 450« und die »Deutsch-Arabische Lehrabteilung« im »Sonderstab F«. 7 Auch der SD hatte im Zuge der Krimeroberung Erfahrungen bei der Rekrutierung und dem Ein- satz muslimischer Gruppen gesammelt. So war der Einsatzgruppe D unter Otto Ohlendorf Anfang 1942 die Aufgabe übertragen worden, krimtatarische Selbstschutz- und Schutzmannschaftskompanien aufzustellen. 8 Mit 53 Infan- teriebataillonen und bis zu 53.000 Mann 9 , stellten die ab dem Frühjahr 1942 aufgestellten sogenannten Ostlegionen die bis dahin umfangreichste Mobili- sierung dar. Neben christlichen Georgiern und Armeniern wurden vor allem so genannte sowjetische Orientvölker (u.a. Turkmenen, Turkestaner, Aserbeid- schaner/Azari, Tschetschenen, Dagestaner) rekrutiert. Mit der Aufstellung der »Kroatischen SS-Freiwilligen-Division« trat die Waffen-SS nun auch hier in Konkurrenz zur Wehrmacht mit dem Ziel, dieses vermeintlich enorme Rekrutierungs- und Mobilisierungspotenzial für sich zu erschließen. Als politisches Ziel verfolgte Berger nichts weniger als »über die kroatische Bosniaken-Division an die Mohammedaner der ganzen Welt heranzukommen« 10 . Berger hoffte selbst bei einer geringen Mobilisierung der von ihm geschätzten 350 Millionen Muslime weltweit, vor allem die englische Kriegsführung erheblich schwächen zu können. 11 Mit den Divisionen »Kama« und »Skanderbeg« wurden bis Kriegsende weitere Einheiten gebildet, die mehrheitlich aus muslimisch geprägten Gruppen bestanden. 12 Den Abschluss

6 Vgl. Bradley F. Smith u. Agnes F. Peterson (Hg.), Heinrich Himmler. Geheimreden 1933-1945 und andere Ansprachen, Frankfurt/M. u.a. 1974, S. 181.

7 Beide sollten wie auch der »Sonderverband Bergmann« als Spezialverbände für Operationen in Wüsten-, Steppen- und Bergregionen ausgebildet werden.

8 Ein Bericht der Einsatzgruppe D vom 15.2.1942 bezifferte den Rekrutierungserfolg mit 9255 Tataren. Vgl. André Angrick, Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943, Hamburg 2003, S. 465-485.

9 Hierfür wurden die Bau- und Nachschubeinheiten nicht mit eingerechnet. Vgl. Joachim Hoff- mann, Die Ostlegionen 1941-1943, Freiburg/Br. 1976, S. 39. J. Lee Ready geht von 98.050 Ostlegionären und 150.000 Personen insgesamt aus. Vgl. J. Lee Ready, The Forgotten Axis. Germany’s Partners and Foreign Volunteers in World War II, Jefferson/North Carolina u. London 1987, S. 255 f. Mallmann und Cüppers übertreffen diese Zahl noch mit 170.000 Mann. Vgl. Klaus-Michael Mallmann u. Martin Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina, Darmstadt 2006, S. 233.

10 Schreiben Bergers an Siegfried Kasche vom 24.7.1943, Betr.: Kroatischer Raum, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes (PAAA), R 100999.

11 Ebd.

12 Beide Einheiten erreichten jedoch nicht die geplante Divisionsstärke. Zur Division »Skander- beg« vgl. den Beitrag von Franziska Zaugg in diesem Sammelband.

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Stefan Petke

fand diese Entwicklung mit der Aufstellung des »Osttürkischen Waffenver- bandes der SS« (OTWV). Dieser sollte ähnlich wie die Division »Handschar« neben seiner militärischen Aufgabe auch politisch destabilisierend auf die Al- liierten einwirken. Das Ziel war eine Revolutionierung aller auf sowjetischem Gebiet lebenden Muslime. 13 Diese bewusst als muslimische Einheiten aufgestellten Verbände sollten so- mit zwei Funktionen erfüllen. Als Kampfverbände sollten sie helfen, deutsche Einheiten zu entlasten oder auf Nebenschauplätzen, wie dem Balkan, gar zu ersetzen. Als politische Einheiten sollten sie über den militärischen Einsatz hinaus als Zeichen der Verbundenheit zwischen dem Nationalsozialismus und der gesamten islamischen Welt agieren und zu weiteren Kooperationen bzw. Widerstand gegen den alliierten Gegner anregen. Sowohl für die zugedachte militärische wie auch politische Aufgabe war es hierbei von existenzieller Bedeutung, erfolgreich ausgebildete Einheiten auf- zustellen. Dies implizierte sowohl das reibungslose Agieren in militärisch hie- rarchischen Strukturen um in Kampfsituationen bestehen zu können, als auch die nach außen darzustellende Kameradschaft zwischen deutschen und nicht- deutschen Soldaten. Der Begriff der Kameradschaft ist für die Untersuchung der Vergemeinschaftungsversuche, die ich nachfolgend anhand der Division »Handschar« und dem »Osttürkischen Waffenverband der SS« aufzeigen möchte, von zentraler Bedeutung. Die Auswahl dieser beiden Großverbände bietet den Vorteil, einen Bogen von der »Handschar«, mit dem Beginn der Einbeziehung muslimischer Grup- pen in die Waffen-SS, zum »OTWV« als letzten Aufstellungsversuch eines muslimischen Verbandes zu spannen. Mögliche Veränderungen, z.B. aufgrund von Erfahrungen bei der Aufstellung der verschiedenen Einheiten oder die Auswirkungen der zunehmend schwierigen Versorgungslage im letzten Kriegs- jahr, lassen sich so berücksichtigen. Als Indikatoren für diese primär militärisch ausgerichteten Vergemeinschaf- tungsversuche sollen die Bereiche Ausrüstung, Ausbildung und Auszeichnun- gen dienen. Verfügten z.B. deutsche und ausländische Soldaten über dieselbe Ausrüstung (Kleidung, Waffen usw.) oder mussten sich die nichtdeutschen Soldaten schlechter ausgerüstet als Soldaten zweiter Klasse fühlen? Spielte der Islam in der Ausbildung – auch für die deutschen Soldaten – eine herausgeho- bene Stellung? Gab es eine Verbindung von Islam und Nationalsozialismus und damit den Versuch über die religiöse Betreuung auch ausländische Ange- hörige der Waffen-SS zu politischen Soldaten im Sinne des Nationalsozialismus zu erziehen? Wurden die ausländischen Soldaten bei der Ordensvergabe gleich- berechtigt behandelt, aufgrund überwiegend niedriger Dienstränge seltener berücksichtigt oder gar entgegen der üblichen Praxis zur Steigerung der Mo- tivation häufiger ausgezeichnet?

13

Vgl. Vermerk SSHA-DI, Betr.: Osttürkisches Korps vom 7.8.1944, BAB, NS 31/44, Bl. 93.

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Muslimische Soldaten in der Waffen-SS

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Die 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS »Handschar« (kroatische Nr. 1)

Himmlers Ziel, die Division vor allem mit muslimischen Bosniern aufzustellen, schürte auf Seiten des kroatischen Verbündeten die Angst vor einem erstarken- den Separatismus der Bosnier, die zu diesem Zeitpunkt Teil des »Unabhängigen Staates Kroatien« waren. Entgegen dieses Widerstandes setzte Himmler jedoch die Aufstellung der Division durch. Nach anfänglichen Rekrutierungserfolgen im Frühjahr 1943 14 , blieben die Zahlen zunehmend hinter den Erwartungen zurück. Verstärkt durchgeführte Zwangsrekrutierungen unter der männlichen muslimischen Bevölkerung Bosniens sollten helfen, den Bedarf kurzfristig zu decken. 15 Um die Division so weit wie möglich den konkurrierenden Interessen des »Unabhängigen Staates Kroatien«, der Wehrmacht und dem Auswärtigen Amt (AA) zu entziehen, wurde sie für eine störungsfreie Ausbildung in den Bereich des Kommandanten des Heeresgebiets Südfrankreich verlegt. Am 2. Juli 1943 erfolgte dort ihre Neugliederung und die Umbenennung in »Kroa- tische SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division«. 16 In der Nacht vom 16. zum 17. September 1943 kam es in Teilen des Gebirgs-Pionierbataillons zu einem Aufstand. 17 Nach der umgehenden Niederschlagung wurde die Division in das schlesische Neuhammer verlegt. Nach Abschluss der Ausbildung besuch- ten im November 1943 und Januar 1944 Himmler und der Großmufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Hussaini jeweils die Division, bevor diese während des Monats Februar per Bahn nach Kroatien zurücktransportiert wurde. Der Einsatz der Division – mittlerweile in »13. Waffen-Gebirgs-Di- vision der SS ›Handschar‹ (kroatische Nr. 1)« umbenannt – erfolgte im Nord- osten Bosniens zur Partisanenbekämpfung; von Mitte April bis Oktober 1944 übte sie in diesem Raum eine faktische Alleinherrschaft aus. 18 Das Vorrücken

14 Nach Einschätzung Phleps hatte eine Werbereise des Großmuftis von Jerusalem vom 30.3.- 14.4.1943 durch Kroatien und Bosnien maßgeblich dazu beigetragen. Ein Bericht der Reise durch Konsul Winkler vom 4.5.1943, PAAA, R 67675, Bl. 141-148 und Bl. 168-175.

15 So wurden z.B. während des Freitagsgebetes in der Moschee von Travnik alle wehrfähigen Männer abtransportiert. Vgl. Nedim Salihbegovic, Betr.: Bericht zur Lage vom 26.9.1943, NARA, T 175 Roll 70, Bl. 2587115 f.

16 SSFHA, Betr.: Aufstellung der Kroat. SS-Freiw. Div. vom 2.7.1943, NARA, T 175, Roll 111, Bl.

2635376-2635384.

17 George Lepre zufolge waren kommunistische Partisanen verantwortlich für den Aufstand. Vgl. George Lepre, Himmler’s Bosnian Division. The Handschar Division 1943-1945, Atglen 1997, S. 81-108. Mirko Grmek und Louise Lambrichs folgen dem nicht uneingeschränkt und beschrei- ben teils konträre politische Aktivitäten des vermeintlichen Anführers Ferid Džanić. Vgl. Mir- ko Grmek u. Louise Lambrichs, Les Révoltés de Villefranche. Mutinerie d’un bataillon de Waffen-SS à Villefranche-de-Rouergue, Septembre 1943, Paris 1998, S. 197-207. Rolf Michaelis versteigt sich gar zu der These, die Revolte sei der versuchte Auftakt einer kommunistischen Aufstandsserie innerhalb der Südosttruppen gewesen. Vgl. Rolf Michaelis, Die Gebirgstruppen der Waffen-SS, Berlin 1998, S. 171.

18 Die von der Division erlassene Landfriedensordnung erklärte sie in allen zivilen und militäri- schen Fragen zur höchsten Instanz. Dass diese kontraproduktiv wirkte und den Missmut auf

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der Roten Armee ließ die Zahl der Fahnenflüchtigen im Spätsommer 1944 jedoch stetig ansteigen. 19 Diese Entwicklung kulminierte in der von Himmler befohlenen Entwaffnung der bosnischen Angehörigen am 24. Oktober 1944. Damit hatte die »Handschar« in ihrer ursprünglichen Zusammensetzung auf- gehört zu existieren. Die verbliebenen Soldaten kamen in den Abwehrkämp- fen an der Donau und bei der Verteidigung der »Margarethen-Stellung« am Plattensee zum Einsatz. 20

Fez, Hakenkreuz und Krummdolch. Die Ausrüstung der »Handschar« als »malerischste Einheit der Waffen-SS« 21

Die Ausstattung der Division »Handschar« sollte als positives Unterschei- dungsmerkmal zu den mehrheitlich aus muslimischen Volksgruppen bestehen- den Einheiten der Ostlegionen dienen. Denn trotz der Maßgabe, dort soweit wie möglich deutsche Uniformen, Waffen und Ausrüstungsgegenstände ein- zusetzen, hatte die Ausrüstung der Ostlegionen – sehr zum Missmut ihrer Soldaten – allzu häufig aus sowjetischen Beutewaffen und notdürftig instand- gesetzten deutschen und sowjetischen Uniformen bestanden. 22 Anders in der Division »Handschar«. Hier besaß die Uniformfrage während der Aufstellung hohe Priorität. Zunächst hatte der kroatische Verbündete durch Vermittlung des AA versucht, kroatische Uniformen mit kroatischen Hoheitszeichen durchzusetzen. 23 Anfang März wurde jedoch der Einsatz einer feldgrauen deutschen Uniform mit feldgrauem Fez, deutschen Hoheits- und Feldabzei- chen und einem kroatischen Wappen auf dem rechten Arm vereinbart. 24 Auch in der Uniform- und Abzeichenfrage für die Imame der Division schaltete sich

Seiten von Wehrmacht und kroatischen Verbündeten verstärkte, musste auch Gottlob Berger zugeben. Vgl. Telegramm Berger an Himmler vom 4.8.1944, Betr.: Reise nach Kroatien, BAB, NS 19/1492, Bl. 1.

19 Laut Kasche etwa 2.000 Angehörige der »Handschar« bis Ende September. Vgl. Telegramm Kasche an AA vom 28.10.1944, PAAA, R 100998.

20 Eine Darstellung der Kampfhandlungen, ohne auf mögliche Kriegsverbrechen einzugehen bei Lepre, Himmler’s Bosnian Division, S. 276-319. Zu möglichen Kriegsverbrechen Eleonore Lappin, Die Rolle der Waffen-SS beim Zwangsarbeitereinsatz ungarischer Juden im Gau Stei- ermark und bei den Todesmärschen in das KZ Mauthausen (1944/45), in: Jahrbuch des Doku- mentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 2004, S. 83-93.

21 Vgl. George Stein, Geschichte der Waffen-SS. Hitlers Elitetruppe im Krieg 1939-1945, Düssel- dorf 1999, S. 164.

22 Darüber hinaus mangelte es an Stiefeln, Hygieneartikel u. dergl., vgl. Patrick von zur Mühlen, Zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern. Der Nationalismus der sowjetischen Orientvölker im Zweiten Weltkrieg, Düsseldorf 1971, S. 59; zum Unmut und Misstrauen gegenüber sowje- tischen Waffen der ausländischen Soldaten in den Ostlegionen vgl. Hoffmann, Ostlegionen, S. 71.

23 Vgl. Schreiben Botschafter Ritter vom 21.2.1943, PAAA, R 100998, Bl. H297633 f.

24 Abschrift der Vereinbarung zwischen dem SSHA und der kroatischen Regierung vom 5.3.1943, PAAA, R 100998, Bl. H297625.

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Himmler persönlich ein. 25 Wie wichtig Himmler die Uniformfrage auch im Hinblick auf die gesamte Division war, betonte er im Januar 1944 in einer Rede vor ihren Führern:

»Vor der Kameradschaft gibt es keinen Unterschied zwischen einem Reichs- deutschen, einem Bosniaken oder Kroaten oder Deutschen aus dem Südosten. Wir tragen den gleichen Rock, das gleiche Koppelschloss und das gleiche Hoheitsabzeichen.« 26

In Anbetracht der Bedeutung, die die Uniformfrage für Himmler besaß, sowie fehlender Meldungen über eine unzureichende Ausstattung der Division mit Uniformen, kann bei der ansonsten guten Quellenlage, die Versorgung in die- ser Hinsicht als zumindest ausreichend angenommen werden. Im Gegensatz zu den Ostlegionen, wo die Soldaten eigene Dienstränge und -abzeichen be- saßen, verfügten alle Soldaten der »Handschar« über die gleichen Uniformen mit den Rangabzeichen der Waffen-SS. Eine andere Situation scheint bei der Versorgung mit Waffen, schwerem Gerät und Ausbildungspersonal geherrscht zu haben. Mit Ausbildungsbeginn in Südfrankreich zeigte sich, dass die wenigen volksdeutschen und kroatischen Führer und Unterführer nur über unzureichende Erfahrungen verfügten. 27 Nach der Verlegung nach Neuhammer verschärfte sich die Lage weiter. Der neue Divisionskommandeur Karl-Gustav Sauberzweig 28 beklagte sich, dass nach der Niederschlagung des Aufstandes und der Entfernung aller »hemmen- den Elemente« die Einheiten so dünn besetzt seien, dass keines der beiden Gebirgsjägerregimenter über ausreichend Führer und Unterführer verfüge, die am Infanteriegeschütz oder am schweren Granatwerfer ausgebildet worden seien. 29 Mit Beginn des Einsatzes im Nordosten Bosniens führten kampfbe- dingte Verluste von Menschen und Material zusammen mit den steigenden Fahnenfluchten im Herbst 1944 zu einer weiteren Schwächung der Division. Daneben machte die Versetzung der Albaner zur neu aufgestellten Division »Skanderbeg« eine Neugliederung der Division notwendig, um den erhebli- chen Verlust bereits ausgebildeter und kampferprobter Soldaten und ihrer Ausrüstung auszugleichen. 30 Diese angespannte Personalsituation blieb bis

25 Vgl. Schreiben SSFHA an RFSS vom 10.5.1943, BAB NS 19/2601, Bl. 117 f. und BAB, NS 19/2601, Bl. 119. Nach Rücksprache mit dem AA wurde aus Rücksicht auf die Türkei von dem vorgeschlagenen Halbmond mit Stern wieder Abstand genommen. Vgl. Schreiben Horst Wag- ner an Rudolf Brandt vom 31.5.1943, BAB, NS 19/2601, Bl. 121.

26 Rede Himmlers im Führerheim, Truppenübungsplatz Neuhammer am 11.1.1944, NARA, T 175, Roll 94, Bl. 2614862.

27 In den Erinnerungen deutscher Angehöriger waren viele der Volksdeutschen bereits zu alt, viele der Kroaten hingegen zu jung und unerfahren. Vgl. Lepre, Bosnian Division, S. 58 f. Zum allgemeinen Mangel an Truppenführern vgl. Wegner, Soldaten, S. 284-288.

28 Sauberzweig hatte mit Wirkung zum 1.8.1943 das Kommando übernommen. Siehe Divisions- zeitung »Handžar« Folge 6 (1943), Bundesarchiv-Militärarchiv (BA-MA), N 756-168b. Auch hier sind Mallmann und Cüppers ungenau, wenn sie schreiben, Sauberzweig sei mit der Divi- sion nach Frankreich versetzt worden. Vgl. Mallmann/Cüppers, Halbmond, S. 227.

29 Vgl. Schreiben Karl-Gustav Sauberzweig an Gottlob Berger vom 30.9.1943, BAB, NS 19/2601, Bl. 26.

30 Vgl. Schreiben Sauberzweig an Berger vom 16.4.1944, BAB, NS 19/2601, Bl. 85.

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zum Herbst 1944 unverändert. 31 Einen psychologischen Vorteil erhoffte sich Sauberzweig durch die Ausstattung mit deutschen Waffen, deren Überlegen- heit er gegenüber dem Gegner stark herausstellte. 32

Keine beabsichtigte Synthese zwischen Islam und National- sozialismus 33 : Die Ausbildung der Division »Handschar«.

Die Ausbildung »fremdvölkischer« Einheiten umfasste stärker noch als in deutschen oder »germanischen« Einheiten der Waffen-SS neben dem militäri- schen auch den weltanschaulich-politischen Bereich. In der Broschüre »Die politische Aufgabe des deutschen Führers und Unterführers in den fremdvöl- kischen Einheiten der Waffen-SS« heißt es hierzu:

»Ihre Aufgabe ist es ferner, den geeigneten Männern als Ziel die politische Idee eines Neuen Europa vor die Augen zu stellen, das unter dem Gedanken der euro-

zu einer inneren und äußeren Völkergenos-

senschaft führt. […] ferner Formen der Menschenführung zu pflegen, welche in elastischer Anpassung an die Eigenart der Männer, deren innere Bereitschaft erhält und steigert, den Männern in der SS eine neue Heimat schafft und sie zum gläubi- gen Einsatz begeistert.« 34

Neben den deutschen Offizieren sollten auch die Feldimame politische Auf- gaben erfüllen. Zwar hatte es zunächst geheißen, keine Synthese zwischen Is- lam und Nationalsozialismus herbeiführen oder die NS-Ideologie den Musli- men aufzwingen zu wollen, doch wurde aufgrund postulierter gemeinsamer Feinde (Judentum, Anglo-Amerikanismus, Kommunismus, Freimaurerei, Ka- tholizismus/Vatikan) eine starke weltanschauliche Verbundenheit zwischen Nationalsozialismus und dem Islam proklamiert. 35 Das gemeinsame Ziel be- stand in der Erziehung der Soldaten zu willensstarken und tatenfrohen Kämp- fern, die bereit seien, für eine neue europäische Ordnung ihr Leben einzuset- zen. 36 Als Ausdruck dieser politischen Aufgabe wurden die Imame in allen weltanschaulichen Fragen der Abteilung VI (weltanschauliche Erziehung) un-

päischen Gesamtverantwortung [

]

31 Im April 1944 waren nur 60% aller Führer-, 75% aller Unterführerstellen aber dafür 102% der Mannschaftsdienstränge besetzt. Vgl. Stärkemeldung vom 17.4.1944, BAB, NS 19/1475, Bl. 6. Bis September veränderten sich die Zahlen unmerklich (66% Unterführer, 70% Unterführer und 106% Mannschaften). Vgl. Stärkemeldung vom 10.9.1944, BAB, NS 19/1475, Bl. 18.

32 Vgl. Divisionsbrief Nr. 8 vom 25.2.1944 und Brief Nr. 9 vom 27.3.1944, BAB, NS 19/2601, Bl.

210-216.

33 Vgl. interner Bericht SSHA/AI vom 19.5.1943, BAB, NS 19/2601, Bl. 245.

34 Die politische Aufgabe des deutschen Führers und Unterführers in den fremdvölkischen Ein- heiten der Waffen-SS, BAB, NS 31/440, Bl. 10f. Ein erster Entwurf vom Oktober 1944 in: BAB, NS 31/42, Bl. 27-45.

35 Vgl. Anm. 33.

36 Vgl. Dienstanweisung für Imame der 13. SS-Freiwillligen b.h. Geb.Div. (Kroatien) vom 15.3.1944, BAB, NS 19/2601, Bl. 248.

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terstellt. 37 Dieser oblag die wöchentliche weltanschauliche Schulung der Ima- me, die Ausgabe der Unterrichtsthemen sowie die Besprechung der von den Imamen angefertigten Stimmungsberichte. 38 Die Mitwirkung an der weltan- schaulichen Erziehung erfolgte durch wöchentlich vor jeder Kompanie abge- haltenen Unterricht, der sowohl religiöse wie auch weltanschauliche Aspekte vereinen sollte. 39 Des Weiteren wurden Imame auch bei weltanschaulichen Lehrgängen eingesetzt. So referierte z.B. ein Imam bei einem Lehrgang für Einsatzredner über die Frage »Warum die Muselmanen an Deutschlands Seite kämpfen« 40 . Umgekehrt galt es, durch Vorträge über religiöse Sitten und Ge- bräuche Aufklärungsarbeit zu leisten und Vorurteile der deutschen Divisions- angehörigen abzubauen. 41 Als weiteres Schulungsinstrument richtete sich die Divisionszeitung »Handžar« an alle Angehörigen der Division. Sie berichtete in kroatischer und deutscher Sprache u.a. über den Divisionsalltag, deutsche und bosnische Ge- schichte sowie die Aufgaben eines Waffen-SS-Soldaten. Wie sehr hierbei die politische Erziehung im Vordergrund stand, verdeutlicht die zweite Ausgabe vom 1. August 1943. In der Titelgeschichte »Die Pflichten des SS-Mannes« hieß es, Mut, Gehorsam und Treue als Tugenden der Waffen-SS würden zu großen Leistungen der Kampfgemeinschaft von Führer und Truppe anspornen. Für diese Kampfgemeinschaft galt Kameradschaft als Voraussetzung, oder wie es im Artikel weiter hieß »Kampfgemeinschaft erfordert Kameradschaft« 42 . Durch diese Erweiterung der Kameradschaft zur Kampfgemeinschaft wurde gegenüber allen Soldaten der »Handschar« das besondere Band zwischen ihnen als Soldaten der Waffen-SS betont. Allerdings stand bereits die als Vorausset- zung eingeforderte Kameradschaft vor einem grundlegenden Problem. Der nationalsozialistische Begriff der Kameradschaft nahm Bezug auf die ideolo- gisch überhöhte Kameradschaft der Schützengräben des Ersten Weltkrieges als Vorlage und Geburtsstunde der deutschen Volksgemeinschaft. 43 Nachfolgend diente diese Frontgemeinschaft als Leitbild für die Volksgemeinschaft im Sin-

37 Klaus Gensicke ordnet die Imame einer Abteilung V zu. Vgl. Klaus Gensicke, Der Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini und die Nationalsozialisten: Eine politische Biografie, Frankfurt/M. u.a. 1988, S. 182. Leider wurde dieser Fehler auch in der Neuauflage von 2007 beibehalten. Vgl. Gensicke (2007), Der Mufti von Jerusalem, S. 120.

38 Siehe Aufgabenverteilung Abt. VI, vom 2.3.1944, BAB, NS 19/2601, Bl. 195.

39 Auch Marschpausen und selbst der Einsatz sollte zu Vorträgen genutzt werden. Vgl. Anm. 40, hier Bl. 250.

40 Lehrplan für den Kurslehrgang der Einsatzredner vom 5.3.1944, BAB, NS 19/ 2601, Bl. 238.

41 Vgl. Divisions-Sonderbefehl! Betr.: Stellung der Imame innerhalb der Division vom 8.3.1944, BAB, NS 19/2601, Bl. 247 f.

42 Divisionszeitung »Handžar«, Folge 2 vom 1.8.1943. Privatnachlass Karl P. Einige Ausgaben sind in den Memoiren des ehemaligen Divisionsangehörigen Zvonimier Bernwald abgedruckt. Vgl. Zvonimir Bernwald, Muslime in der Waffen-SS. Erinnerungen an die bosnische Division Handžar (1943-1945), Graz 2012, S. 329-412.

43 So hatten führende Nationalsozialisten nach dem Machtantritt Hitlers im Januar 1933 den Sieg der NSDAP mit dem nationalen Jubel zum Kriegsbeginn im August 1914 gleichgesetzt. Vgl. Jeffrey Verhey, Der Geist von 1914 und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg 2000, S. 363 ff.

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ne eines organisierten Staates von Kameraden. 44 Diese in den Jahren zuvor eingeübte und mit Hilfe von Erlassen wie den »Nürnberger Gesetzen« durch- gesetzte rassistisch umgrenzte Volksgemeinschaft, die im Kern eine Gemein- schaft von (arisch-deutschen) Soldaten darstellte, stand im Gegensatz zu dieser neuen Kampfgemeinschaft. Als Gemeinschaftsfremde oder -schädlinge stig- matisierte Personengruppen wie z.B. Juden, Kommunisten und sogenannte Asoziale waren in den Jahren zuvor systematisch ausgeschlossen und aus der Volksgemeinschaft entfernt worden. »Fremdvölkische« waren als Ausdruck »völkischer Ungleichheit« im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten Sonderrecht unterstellt worden. 45 Dass diese vornehmlich durch Exklusion konstituierte Gemeinschaft nun »Fremdvölkische«, die außerdem mehrheit- lich der als fremd und nicht europäisch empfundenen islamischen Religion angehörten, integrieren sollten, stellte nicht zuletzt auch die Ausbildung, als Teil der militärischen Vergemeinschaftung, vor erhebliche Herausforderungen. Zwar forderte der Kommandeur der Division, Karl-Gustav Sauberzweig, die mehrheitlich reichs- und volksdeutschen Ausbilder dazu auf, Vorbild in Leis- tung und Haltung und außerdienstlich stets Kamerad zu sein, um so die »Handschar« zu der verschworenen Einheit der Waffen-SS zu machen. 46 In der Praxis ließ sich dieser Vorsatz jedoch nicht so leicht umsetzen. Gerade die Verwendung von Volksdeutschen aus der Division »Prinz Eugen« zeigte sich nun von Nachteil. Ein in Kroatien begangenes Massaker an bosnisch-musli- mischen Zivilisten am 12. Juli 1943 durch Soldaten der »Prinz Eugen«, sorgte in der »Handschar« für zunehmende Spannungen zwischen den Bosniern und den aus der »Prinz Eugen« stammenden volksdeutschen Führern und Unter- führern. 47 Ein Ziel militärischer Ausbildung, die Gruppe der Rekruten durch die gemeinsame Erfahrung und dem Überstehen von Drill und Schikanen durch die Ausbilder zusammenzuschweißen, dürfte unter diesen Umständen von vielen Bosniern einzig als Demütigungen empfunden worden sein. Die Einschätzung Gensickes, die Revolte in Südfrankreich sei maßgeblich durch die Schikanen der deutschen Ausbilder ausgelöst worden, 48 erscheint unter diesem Aspekt mehr Berechtigung zu haben, als bisher in der Forschung an- genommen. 49

44 Vgl. Verhey, Geist, S. 368 und Thomas Kühne, Kameradschaft: Die Soldaten des nationalsozia- listischen Krieges und das 20. Jahrhundert, Göttingen 2006, S. 23 f.

45 Zum Begriff der völkischen Ungleichheit und der Umsetzung im nationalsozialistischen Son- derrecht vgl. Diemut Majer, »Fremdvölkische« im Dritten Reich. Ein Beitrag zur nationalso- zialistischen Rechtssetzung und Rechtspraxis in Verwaltung und Justiz unter besonderer Be- rücksichtigung der eingegliederten Ostgebiete und des Generalgouvernements, Boppard/Rhein 1981, S. 107-118.

46 Vgl. »Handžar« Folge 6, Jahrgang 1 (1943), S. 1, BA-MA, N 756-168b.

47 Vgl. Bericht SS-Sturmbannführer Reinholz vom 21.7.1943, NARA, T 175, Roll 140, Bl. 2667958-

2667961.

48 Gensicke (1988), Der Mufti von Jerusalem, S. 190.

49 Zur Einordnung des Aufstandes vgl. Anm. 17.

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Vergabepraxis von Orden und Auszeichnungen in der Division »Handschar«

Hitlers Weigerung, Hilfskräfte und »Freiwilligenverbände« in irgendeiner Form anzuerkennen, oder den deutschen Streitkräften gleichzustellen, 50 be- deutete zugleich, dass diesen Soldaten zunächst keine deutschen Orden für im Kampf erbrachte Leistungen verliehen werden konnten. Eine erste Abkehr von dieser Haltung bedeutete die durch Erlass des OKW vom 21. September 1941 gegebene Möglichkeit das Verwundetenabzeichen auch an »ausländische Frei- willige« zu verleihen. 51 Um einen Ersatz für die weiterhin fortbestehende Un- gleichbehandlung der ausländischen Soldaten zu bieten, wurde am 14. Juli 1942 die »Tapferkeits- und Verdienstauszeichnung für Angehörige der Ostvölker« gestiftet. 52 In den folgenden Jahren weichte die Vergabepraxis weiter auf. Das Kriegsverdienstkreuz (KVK), das den Bestimmungen nach auch für Leistun- gen, die nicht unmittelbar mit Kampfhandlungen in Verbindung standen, ver- liehen werden konnte 53 , bot z.B. eine Alternative zum Eisernen Kreuz. Ob ausländische Soldaten für das KVK vorgeschlagen wurden, hing aber nicht zuletzt von den in der Mehrzahl reichs- und volksdeutschen Offizieren ab. Bis zur ersten Jahreshälfte 1944 kamen das Infanterie-Sturmabzeichen, das Ban- denkampfabzeichen und letztendlich auch das Eiserne Kreuz als mögliche Auszeichnungen hinzu. 54 Aufgrund der spärlichen Quellenlage können leider keine detaillierten Angaben über die Vergabepraxis an nichtdeutsche Angehö- rige der Division »Handschar« gemacht werden. 138 im Prager Militärarchiv erhaltene und ausgewertete Kennkarten bilden hierfür eine zu geringe Daten- basis, um Rückschlüsse auf die knapp 20.000 Divisionsangehörigen ziehen zu können. Die Karten teilen sich auf in 45 deutsche und 93 kroatisch-bosnische Soldaten, 55 von denen drei deutsche und ein kroatisch-bosnischer Divisions-

50 Dies geschah endgültig erst mit der allgemeinen Einführung deutscher Dienstgradabzeichen Anfang 1944. Vgl. Hoffmann, Ostlegionen, S. 58.

kann an die auf den Führer vereidigten, im Rahmen bzw. in Verbän-

den der Deutschen Wehrmacht kämpfenden ausländischen Freiwilligen beim Einsatz gegen die Sowjetunion verliehen werden.« Zitiert nach: Kurt-G. Klietmann, Auszeichnungen des Deut- schen Reiches 1936-1945. Eine Dokumentation ziviler und militärischer Verdienst- und Ehren- zeichen, Stuttgart 2004, S. 198.

52 Vgl. ausführlich Klietmann, Auszeichnungen, S. 57 ff.

51 In dem Erlass hieß es: »[

]

53 Vgl. ebd., S. 37-46.

54 Für eine allgemeine Einführung zu den genannten Orden und die Vergabepraxis im Vergleich zur Wehrmacht, vgl. René Rohrkamp, »Weltanschaulich gefestigte Kämpfer«. Die Soldaten der

Waffen-SS 1933-1945: Organisation – Personal – Sozialstrukturen, Paderborn u.a. 2010, S. 127-

134.

55 Von den 138 Personen bekleideten 99 den Dienstrang eines Jägers bzw. Schützen (20 dt./79 kroat.), 5 den eines Oberschützen (dt.), 6 waren Sturmmänner (dt.), 12 Rottenführer (4 dt./8 kroat.), 10 Unterscharführer (6 dt./4 kroat.), 1 Unterscharführer (dt.), 1 Scharführer (dt.), 1 Oberscharführer (dt.), 1 Hauptscharführer (dt.), 1 Untersturmführer (kroat.) und 2 Sturmbann- führer (1 dt./1 kroat.). Vgl. Vojenski Historicki Archiv (VHA) Prag, »13. SS-Freiwilligen-Ge- birgs-Division ›Handschar‹«, Hefter 4, 9 u. 10.

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angehöriger Auszeichnungen erhielten. 56 Dies scheint zumindest ein Indiz für eine schwächere Berücksichtigung der Bosnier zu liefern. Ob diese jedoch auf die im Allgemeinen niedrigeren Dienstränge zurückzuführen ist, kann zu die- sem Zeitpunkt nicht beantwortet werden. Die nachweisbare Verleihung von 80 Eisernen Kreuzen an Bosnier der Division verdeutlicht, dass diese zumin- dest bei der Vergabe berücksichtigt wurden. 57

Der »Osttürkische Waffenverband der SS«

Obwohl durch die niedergeschlagene Revolte im französischen Ausbildungs- lager Probleme und Spannungen zu Tage getreten waren, wurde der Aufstel- lungsversuch der »Handschar« als Erfolg gewertet, an deren Einsatz sich große Erwartungen knüpften. Etwa 20.000 Bosnier waren rekrutiert und für den Einsatz als geschlossene Division ausgebildet worden, wobei einzig auf das beschränkte Mobilisierungspotenzial der größten muslimischen Bevöl- kerungsgruppe des Balkans zurückgegriffen werden konnte. Der weitaus größere Teil muslimischer Bevölkerungsgruppen im deutschen Machtbereich stammte allerdings aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion sowie den gefangenen Rotarmisten. Auf diese Gruppen besaß mit den Ostlegionen wei- terhin die Wehrmacht uneingeschränkten Zugriff. Die Chance in Konkurrenz zur Wehrmacht auch diese Gruppen zu erschließen bot sich in der Person des Major Andreas Mayer-Mader. Dieser hatte zunächst als Kommandeur des Turkbataillons 450 und später des I. Bataillons der Turkestanischen Legion in den Ostlegionen weitreichende Erfahrungen im Umgang mit diesen so genannten sowjetischen Orientvölkern gesammelt. Im August 1942 war Mayer-Mader jedoch aufgrund seines als fraternisierend kritisierten Füh- rungsstils aus der Wehrmacht entlassen worden. Die Pläne Mayer-Maders mit Hilfe so genannter turkvölkischer Einheiten Aufstandsbewegungen auf sowjetischem Gebiet zu entfachen, fanden die Zustimmung Gottlob Bergers, der sich mit der Bitte an Himmler wandte, mit Hilfe Mayer-Maders und des Turkbataillons 450 eine »mohamedanische [sic!] Legion der Waffen-SS aus Angehörigen der Turkvölker« 58 aufstellen zu dürfen. Himmler stimmte dem

56 Der deutsche SS-Scharführer Emil Bodenstein, gottgläubig, erhielt am 30.1.1943 das KVK II. Kl. und im September 1943 das Verwundeten-Abzeichen. Der deutsche SS-Jäger Leopold Wil- denauer, katholisch, erhielt am 11.2.1943 das Verwundeten Abzeichen in Schwarz. Der deutsche SS-Unterscharführer Josef Belina, gottgläubig, erhielt am 30.1.1943 das KVK II. Kl. mit Schwer- tern. Vgl. VHA Prag, »13. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division ›Handschar‹«, Hefter 4. Der kroa- tische SS-Rottenführer Ibro Ramic, muslimisch, erhielt am 30.1.1944 das KVK II. Kl. mit Schwertern. Am 20.4.1944 wurde er zum Unterscharführer befördert. Siehe VHA Prag, »13. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division ›Handschar’«, Hefter 9.

57 Vgl. Schreiben Sauberzweig an Berger vom 16.4.1944, BAB, NS 19/2601, Bl. 85 f.

58 Schreiben Bergers an Himmler vom 15.10.1943 Betr.: Aufstellung einer mohamedanischen [sic!] Legion der Waffen-SS aus Angehörigen der Turkvölker der Sowjet-Union. BAB, NS 31/43, Bl.

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zu und bat bei der Wehrmacht um die Überstellung Mayer-Maders zur Waf- fen-SS. 59 Die Aufstellung der Division »Neu-Turkestan« sollte zusammen mit weite- ren aus der Wehrmacht übernommenen »Turkverbänden« zunächst in Ponia- towa im Raum Lublin erfolgen. 60 Zum 1. Ostmuselmanischem SS-Regiment zusammengefügt, sollte dieses Regiment das Kernpersonal der neuen Division bilden. 61 Eine aufgedeckte Verschwörung gab den Anlass, das 1. Ostmuselma- nische SS-Regiment vom 15. März 1944 an zur weiteren Ausbildung unter gleichzeitigen Einsatz im Partisanenkampf nach Juracziski in den Raum Minsk zu verlegen. 62 Unter ungeklärten Umständen hatte Mayer-Mader in der Zwi- schenzeit das Kommando abgegeben. Ein Hauptsturmführer namens Her- mann, dem die Interimsaufgabe der Reorganisation des Verbandes übertragen worden war, sah sich vor unlösbare Aufgaben gestellt. Durch die jahrelange Zusammenarbeit und Mayer-Maders persönlichen Führungsstil war ein so enges Verhältnis zu den ausländischen Soldaten entstanden, dass nach seinem Ausscheiden die Einheit auseinander zu brechen drohte. Hermann empfahl am 26. April 1944, die verbliebenen Soldaten zunächst unter das Kommando Os- kar Dirlewangers zu stellen und nachfolgend einen geeigneten Kommandeur zu ernennen. 63 Zu diesem wurde im Juni 1944 der deutsche Konvertit Harun el-Raschid 64 ernannt, dem nun die Aufgabe zukam, alle im Aufbau befindli- chen osttürkischen Truppenteile, wie z.B. die mehrheitlich aus Krimtataren bestehende Waffen-Gebirgs-Brigade der SS (tatarische Nr. 1) in einem »Ver- band der Ostturkestaner« 65 zu vereinigen. 66 Damit sollte der Versuch, die als Osttürken bezeichneten Gruppen (Wolgatataren, Krimtataren, Turkestaner und Aserbaidschaner/Azari) in einem zusammenhängenden Verband zusam- menzufassen, neue Impulse erfahren. Ziel war es, den dezentralen Ostlegionen einen für die betroffenen Volksgruppen attraktiveren Verband gegenüberzu- stellen. Bevor das 1. Ostmuselmanische SS-Regiment für diese Aufgabe in den neuen Aufstellungsort Kaposvár nach Ungarn verlegt wurde, nahm es im Rah- men des Sonderkommandos Dirlewanger im August 1944 an der Niederschla- gung des Warschauer Aufstandes teil. Bei diesem Einsatz starben neun Unter- führer und 39 Soldaten. 42 Führer und Unterführer sowie 145 Soldaten wurden verwundet. Sieben Soldaten galten seitdem als vermisst. Eine Stärkemeldung

59 Himmler an den Chef des Generalstabes General Zeitzler vom 8.11.1943, BAB, NS 19/297, Bl. 3. Bedenken Zeitzlers und Antwort Himmlers unter BAB, NS 31/43, Bl. 17 f.

60 Vgl. Besprechungsprotokoll zur Aufstellung einer muselmanischen SS-Division Neu-Turkestan vom 4.1.1944, BA-MA, RS 3/39-1, Bl. 236 f.

61 Vgl. Schreiben SS-Sturmbannführer Schulte an SSHA/AI, Betr.: Ostmuselmanische SS-Divisi- on vom 12.1.1944, BAB, NS 31/43, Bl. 50.

62 Vgl. BAB, NS 31/43, Bl. 128 f. und NS 31/45, Bl. 53 f.

63 Vgl. Schreiben Herrmann an SSHA-AI/M vom 26. April 1944, BAB, NS 31/45, Bl. 53 f.

64 Harun el-Raschid hatte als Wilhelm Hintersatz im türkischen Generalstab am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Zunächst Verbindungsmann des RSHA zum Großmufti wurde er als Standar- tenführer in die Waffen-SS übernommen. Vgl. BAB, NS 19/2839, Bl. 4 und von zur Mühlen, Hakenkreuz und Sowjetstern, S. 150 f.

65 Vgl. Vermerk SSHA-D vom 20.7.1944, BAB, NS 31/27, Bl. 4 und NS 31/44, Bl. 81.

66 Anfang Juni hatte el-Raschid den Großmufti über seine neue Aufgabe informiert. Vgl. Schreiben el-Raschid an Dr. Olzscha, vom 5. Juni 1944, BAB, NS 31/44, Bl. 72.

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vom 19. September 1944 bezifferte die Gesamtstärke auf 12 Führer, 113 Un- terführer und 886 Mannschaften. 67 Ein weiteres Mal wurden die Aufstellungspläne verworfen. Anstelle der geplanten Division »Neu-Turkestan« sollte nun mit Wirkung zum 1. Oktober 1944 ein »Osttürkischer Waffen-Verband der SS« (OTWV) gebildet werden. Als Aufstellungsort diente Myjava in der Westslowakei. 68 Ähnlich wie zuvor in Minsk erfolgte auch hier die Aufstellung des Verbandes bei gleichzeitigem Einsatz im Partisanenkampf. 69 Nach der Desertion von etwa 500 Soldaten zu den Partisanen Ende 1944 wurde der »OTWV« in einen Divisionsverband mit den als Waffengruppen bezeichneten Regimentern »Idel-Ural«, »Turkestan« und »Krim« mit je zwei Infanteriebataillonen, 8 Schützenkompanien und zwei schweren Infanteriekompanien umgegliedert. 70 Ziel war es, durch eine weitere Separierung der Volksgruppen ihre Betreuung und Überwachung auszubauen. Der Einsatz während der letzten Kriegswochen ist nicht mehr vollständig re- konstruierbar. Laut einem Telegramm vom 22. Februar 1945 wurde mit der Verlegung des Verbandes nach Verona begonnen. 71 Bergamo, etwa 50 Kilome- ter nordöstlich von Mailand gelegen, wird in einer Meldung vom 9. April 1945 als letztes Quartier der verbliebenen 3.800 Mann genannt. 72

Jede Aufstellung geht »auf Kosten unserer reichsdeutschen Verbände« 73 : Die Ausrüstung des »OTWV« im letzten Kriegsjahr

Die Versorgungslage des »OTWV« muss als durchweg schwierig bezeichnet werden. Da zunächst noch keine Entscheidung über die Gestaltung von Ab- zeichen und Kragenspiegel getroffen worden war, zeitgleich aber die Rekru- tierung vorangetrieben werden sollte, entschied sich Mayer-Mader, auf Ersatz zurückzugreifen. Er wandte sich Anfang Januar 1944 mit der Bitte an das SSHA, zunächst 200 Uniformen und 300 Kragenspiegel der Division »Hand- schar« zu bekommen. 74 Dies ist insofern interessant, als dass er damit nicht nur versuchte, das Uniformproblem kurzfristig zu lösen, sondern sich zu-

67 Vgl. BAB, NS 31/44, Bl. 121.

68 Vgl. SSFHA-A II/Org.Abt.Ia/II, Betr.: Aufstellung des Osttürkischen Waffen-Verbandes der SS vom 2.11.1944, BAB, NS 33/8, Bl. 80 f.

69 Vgl. Schreiben an SSHA-DI/5k vom 3.3.1945, BAB, NS 31/44, Bl. 301.

70 Die Aserbeidschaner waren dem »Kaukasischen Waffenverband der SS« zugeteilt worden. Vgl. SSFHA-A II/Org.Abt.Ia/II, Betr.: Gliederung des Osttürkischen Waffen-Verbandes der SS und Aufstellung von Kampfverbänden vom 30.12.1944, BAB, NS 33/8, Bl. 124 f.

71 Vgl. Telegramm el-Raschid an SSFHA vom 22.2.1945, BAB, NS 31/44, Bl. 300.

72 Vgl. Bericht HSSPF Italien, Betr.: Waffenverbände der SS (ohne Datum), BAB, R 70/1, 14 (Italien), Bl. 11.

73 Schreiben Oswald Pohl an Himmler, Betr.: Versorgungslage bei Bekleidung und Ausrüstung vom 21.6.1944, BAB, NS 19/261, Bl. 4.

74 Vgl. interner Vermerk SSHA-A I vom 8.1.1944, BA-MA, RS 3/39-1, Bl. 306.

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gleich auch ein propagandistisch erfolgreicheres Auftreten erhoffte. 75 In der Wehrmacht wurde die Aufstellung unterdessen nervös als Tagesgesprächsthe- ma aller »turkvölkischen« Einheiten zur Kenntnis genommen, die in der Zu- gehörigkeit zur SS etwas Besonderes sahen. 76 Die Versorgung mit Betreuungs- gegenständen, Kleidung und dergleichen gestaltete sich indessen weiterhin schwierig. So verzögerte sich die Auslieferung der fast zeitgleich mit den Kragenspiegeln angeforderten Betreuungsgegenstände und der für 1.000 Per- sonen angeforderten Kleidungs- und Ausrüstungsgegenstände 77 mehrfach um Wochen. 78 Diese chaotischen Zustände setzten sich auch bei der Bewaffnung fort: Am 21. Januar 1944 bestand die leichte Bewaffnung aus 50 Gewehren – von 1.000 angeforderten Waffen konnten nur 100 zugesichert werden. 79 Wei- tere Waffenlieferungen verzögerten sich. 80 Für die Ausrüstung mit schweren Waffen schaffte es Gottlob Berger, im Januar 1944 lediglich einige Panzerab- wehrkanonen und niederländische Granatwerfer mit je 250 Schuss zu organi- sieren. 81 Bis Jahresende entspannte sich die Situation nur unwesentlich: 37 Führer, 308 Unterführer und 2.317 Mannschaften verfügten nur über 728 Gewehre und 17 Pistolen. 82 Dies hielt die zuständigen Stellen nicht davon ab, sich der Frage der Ärmelabzeichen und eines Kragenspiegels zu widmen. Als gemeinsamer Kragenspiegel wurde ein Wolfskopf bestimmt. Die Ärmelabzei- chen sollten auf einen für alle gemeinsamen blauen Grund nationale Symbole, wie z.B. Pfeil und Bogen für die Turkestaner, enthalten. 83 Noch im März 1945 wurden 7.000 Kragenspiegel an den »OTWV« ausgeliefert. 84 In der Frage der Zusammenstellung des Führer- und Unterführerkorps hat- te Mayer-Mader bereits in den Vorbesprechungen deutlich gemacht, dass er ähnlich zum Turkbataillon 450 den Anteil des deutschen Rahmenpersonals so gering wie möglich halten wollte. 85 Die zunächst nur fünf deutschen Offiziere

75 In einem internen Schreiben wurden 500 Kragenspiegel mit dem Vermerk angefordert, die Angelegenheit eile, da die Männer aus propagandistischen Gründen eingekleidet werden müs- sten. Vgl. Schreiben SSHA-AI an AIII vom 13.1.1944, BA-MA, RS 3/39-1, Bl. 39.

76 Vgl. Schreiben Hptm. Ernecke, Kdr. Turk. Inf. Batl. 790 vom 26.1.1944, Betr.: Auswirkungen der Aufstellung der muselmanischen SS-Division auf die im Gen.Gouv. eingesetzten turkestan. Batlne., BA-MA, RH 53/23-52, Bl. 24.

77 Vgl. Schreiben HSSPF im Generalgouvernement vom 24.1.1944, BA-MA, RS 3/39-1-, Bl. 225.

78 Aufgrund der angespannten Versorgungslage konnten die am 9.1. angeforderten Musikinstru- mente bis zum Ende des Monats nicht ausgeliefert werden. Vgl. Schreiben SSHA-AI an Mayer- Mader vom 13.1.1944, BA-MA, RS 3/39-1, Bl. 15 und Schreiben SSHA-AI/M an CI 3 vom 26.1.1944, BA-MA, RS 3/39-1, Bl. 16.

79 Brief Hauptfeldwebel Bünger an Hauptmann Billig vom 21.1.1944, BA-MA, RS 3/39-1, Bl. 199.

80 Ende März wurden von 500 durch Berger zugesagte Gewehre 300 geliefert. 200 mussten in Zeesen und weitere 100 aus Berlin abgeholt werden. Vgl. Vermerk SSHA-AI/ M vom 28.3.1944, BA-MA, RS 3/39-1, Bl. 28.

81 Siehe Schreiben Berger an HSSPF von Gottberg vom 10.1.1944, BAB, NS 31/43, Bl. 38.

82 Vgl. Zustandsbericht vom 5.11.1944, BAB, NS 31/44, Bl. 177 f.

83 Vgl. Schreiben SSHA-D I/5k, Betr.: Genehmigung des Wolfskopfes und der Ärmelabzeichen für den Osttürkischen Waffenverband vom 23.10.1944, BAB, NS 31/44, Bl. 150.

84 Vgl. Vermerk SSHA-DI/5k, Betr.: Kragenspiegel für den »Osttürkischen und Kaukasischen Waffenverband der SS«, vom 19.3.1945, BAB, NS 31/42, Bl. 68.

85 Vgl. Bericht SSHA-AI, Betr.: Turkmuselmanische SS-Division vom 11.12.1943, BA-MA, RS 3/39-1, Bl. 255.

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äußerten allerdings bald Bedenken, sowohl an der Tauglichkeit der landesei- genen Führer als auch an der Zuteilung von nur einem deutschen Offizier pro Bataillon. 86 Das von der Wehrmacht kurzzeitig überstellte Personal des Turk- bataillons 450 und des Turk-Feld-Bataillons I/94 scheint den Anforderungen nicht genügt zu haben. 87 Der aus dem Sonderkommando Dirlewanger organi- sierte Ersatz wurde, wie auch die spätere Überstellung zu Dirlewanger, von allen Angehörigen des »OTWV« als ehrverletzend empfunden. 88 Bis zum Ende des Kriegs konnte der Mangel an deutschen Offizieren nicht befriedigend gelöst werden, da sie schlichtweg nicht zur Verfügung standen. 89 In den unte- ren Offiziersrängen sollte dieser Mangel durch landeseigene, nach Volksgrup- pen getrennte Führer ausgeglichen werden. Die Trennung orientierte sich zu- nächst an der Aufteilung der Waffengruppen nach den Großgruppen der Wolgatataren, Krimtataren und Turkestanern. Bei ausreichender Mannschafts- stärke konnten auch Einheiten aus Kirgisen, Usbeken, Turkmenen, Baschkiren, Tschuwaschen und anderen Gruppen aufgestellt werden. Bei gemischten Ein- heiten musste allerdings auf eine gleichmäßige Verteilung der Volksgruppen geachtet werden, um jegliche Konflikte zu vermeiden. 90

Ausbildung

Gottlob Berger hatte bereits im Oktober 1943 dafür plädiert, die Aufstellung im Raum Minsk durchzuführen, damit die Ausbildung durch stetigen Einsatz im Partisanenkampf durchgeführt würde und um gleichzeitig die Möglichkeit zu nutzen, untaugliche Personen auszusortieren. 91 Daneben sollte ähnlich wie in der Division »Handschar« auch im »OTWV« eine politisch-weltanschauli- che Ausbildung aller Verbandsangehörigen durchgeführt werden. Die bishe- rige weltanschauliche Erziehung in den Ostlegionen der Wehrmacht war in den Augen des SSHA gescheitert. Zu wenig seien die Gemeinsamkeiten von Blut, Rasse und Religion der ausländischen Soldaten betont worden. Auch die vom Ostministerium protegierten Nationalvertretungen der einzelnen Volks- gruppen, ihre Konkurrenz untereinander und die von ihnen durchgeführte stark nationalistische Propaganda hätten maßgeblich zum Misserfolg beigetra- gen. 92 Doch auch wenn sich die SS als »einzige unbelastete Instanz« verstand,

86 Siehe RS 3/39-1, BA-MA, Bl. 199 f.

87 Vgl. Ostmuselmanisches SS-Regiment. Zustandsbericht vom 17.4.1944, BAB, NS 31/43, Bl. 169 f.

88 Vgl. Bericht el-Raschid, Betr.: Die Entwicklung des Osttürkischen Waffen-Verbandes der SS von Warschau bis zum Überlauf des Alimow vom 10.1.1945, BAB, NS 31/29, Bl. 181.

89 Schreiben SSHA-DI/4k u. 5k an SS-Brigadeführer Katz vom 9.12.1944, BAB, NS 31/42, Bl. 53.

90 Vgl. Auszug aus dem Verbandsbefehl Nr. 12/44 vom 20.12.1944, BAB, NS 31/29, Bl. 172.

91 Vgl. Schreiben Berger an Himmler vom 15.10.1943, BAB, NS 31/43, Bl. 12.

92 Vgl. Schreiben Olzscha an Berger, Betr.: Politische Führung der Turkstämmigen. Abstimmung zwischen SS und OKW vom 1.6.1944, BAB, NS 31/29, Bl. 6.

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die sich dazu berufen fühlte »auf diesem Gebiet [

tauchten auch hier »immer wieder die gleichen Klagen über Fehler und Mängel des deutschen Rahmenpersonals auf«. 94 Ein geplantes Leitheft sollte als Schu- lungsmaterial die deutschen Angehörigen über den Sinn der Aufstellung auf- klären, Basiswissen über die vertretenen Volksgruppen vermitteln und sie so besser auf ihre Aufgaben vorbereiten. 95 Ähnlich wie die Feldimame der »Handschar« hatten die ausländischen Führer die Aufgabe der politischen Schulung. Auch ihnen sollte ein hierfür beantragtes Leitheft den Sinn ihres Kampfes in den Reihen der Waffen-SS veranschaulichen. Allerdings herrschte bei den zuständigen Sachbearbeitern im SSHA zunächst Unklarheit darüber, ob die ausländischen Angehörigen dem europäischen Raum zuzurechnen seien. 96 Da in dieser Frage keine Ei- nigkeit hergestellt werden konnte, erschien es als zweckmäßig, die Frage nach europäisch oder nicht-europäisch nach Möglichkeit überhaupt nicht zu berühren. 97 Ob auch die Feldimame Aufgaben der weltanschaulichen Erziehung übernahmen, ist nicht überliefert. Das Vortragsprogramm eines »Führerausbildungskurses für landeseigene Soldaten« weist jedoch nach, dass die Vorträge überwiegend vom Lehrpersonal der SS-Imamschule in Dresden gehalten wurden. 98 Eine inhaltliche Überschneidung mit den Imam- lehrgängen, vielleicht auch ergänzende oder gemeinsame Kompetenzen der Imame und ausländischen Führer, scheinen zumindest im Rahmen des Mög- lichen. Als Schulungsmaterial kam auch eine Verbandszeitschrift zum Einsatz. Zu- nächst wurde diese nur als Beilage für die von der Wehrmacht herausgegebene turkestanische Legionärszeitschrift »Yeni Türkistan« produziert. Ab August 1944 begannen die Planungen für eine eigene Zeitung. Diese sollte aus zwei Teilen bestehen. Der erste Teil richtete sich in jeweiliger Landessprache an die einzelnen Volksgruppen des »OTWV«. Im zweiten Teil, der durch eine deut- sche Redaktion erstellt wurde, stand der Panturkismus als Einheit aller Turk- völker und ihr Kampf an deutscher Seite im Vordergrund. Passenderweise trug die Zeitung den programmatischen Titel »Tyrk Birligi« (Türkische Einheit/ Union). 99

führend vorauszugehen« 93 ,

]

93 Ebd.

94 Vor allem das herabsetzende Verhalten gegenüber den ausländischen Soldaten führte oft zu Beschwerden. Vgl. Schreiben an Hans Jüttner, Betr.: Landeseigene Führer- und Unterführer- korps in fremdvölkischen Freiwilligen-Verbänden vom 7.11.1944, BAB, NS 31/42, Bl. 47.

95 Vgl. Schreiben el-Raschid an Olzscha vom 12.9.1944, BAB, NS 31/49, Bl. 4.

96 Vgl. Schreiben Erich Spaarmann an Webendörfer vom 28.9.1944, BAB, NS 31/29, Bl. 60.

97 Vgl. Schreiben Spaarmann an Webendörfer vom 23.10.1944, BAB, NS 31/28, Bl. 78.

98 Der Direktor der Schule Alim Idris hielt einen Vortrag zur »Bedeutung und Geschichte des Islams für die Osttürken«. Prof. Bertold Spuler, der bereits für die Wehrmacht islamische Feld- geistliche ausgebildet hatte, hielt einen Vortrag zu »Osttürkischer Geschichte«, vgl. BAB, NS 31/44, Bl. 130 ff.

99 Vgl. Sebastian Cwiklinski, Die Pantürkismus-Politik der SS. Angehörige der sowjetischen Turk- völker als Subjekte und Objekte der SS-Politik, in: Gerhard Höpp u. Brigitte Reinwald (Hg.), Fremdeinsätze. Afrikaner und Asiaten in europäischen Kriegen, Berlin 2000, S. 149-166, hier S.

154-156.

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Orden und Auszeichnungen

Im Falle des »OTWV« können fast gar keine Aussagen getroffen werden, in welchem Umfang und an welche Gruppen Orden und Auszeichnungen ver- geben wurden. Bei den in Poniatowa eintreffenden Soldaten bemerkte ein deutscher Offizier nur wenige Auszeichnungen, von denen die »Tapferkeits- und Verdienstauszeichnung für Angehörige der Ostvölker« III. Klasse über- wog. 100 Anzunehmen ist auch hier eine Liberalisierung der Vergabepraxis mit der fortschreitenden Gleichstellung »fremdvölkischer« Verbände. Wie stark deutsche Auszeichnungen auch als politisches Mittel eingesetzt werden konn- ten, verdeutlicht ein Bericht el-Raschids, über die als überfällig empfundene Verleihung des Eisernen Kreuzes I. Klasse und weiterer Orden an den Regi- mentsführer Alimow und andere Männer. Mit diesen Auszeichnungen konnte Dirlewanger die Stimmung der ihm unterstellten Soldaten erheblich verbes- sern. 101 Allerdings verbarg sich auch hier Konfliktpotenzial zwischen den ein- zelnen Volksgruppen. Ein tatarischer Oberscharführer beschwerte sich schrift- lich beim SSHA, dass von den Tataren, die sich in Warschau hervorgetan hatten, nur die wenigsten eine Auszeichnung erhalten hätten. Ganz im Gegenteil zu den turkestanischen Soldaten, die für ihren Einsatz Eiserne Kreuze beider Klassen, Frontspangen und weitere hohe Auszeichnungen erhielten. 102 Neben den begehrten deutschen Auszeichnungen sollten auch landeseigene Orden zu militärischen Leistungen anspornen. 103

Abschlussbetrachtung

Mit Maßnahmen in den Bereichen Ausrüstung, Ausbildung und Auszeich- nungen sollte, wie im Verlauf des Aufsatzes herausgearbeitet, nicht nur Ka- meradschaft, sondern eine Kampfgemeinschaft der deutschen und ausländi- schen Soldaten hergestellt werden. Karl-Gustav Sauberzweig ging gar soweit, die »Handschar« zur verschworensten Einheit der Waffen-SS machen zu wollen. Im Bereich der Ausrüstung, sollte im Gegensatz zu der im Vergleich sehr heterogenen Ausrüstung der Wehrmachtseinheiten, sowohl in der Division »Handschar« wie auch dem »OTWV« keine Teilung zwischen mangelhaft ausgerüsteten und schlecht eingekleideten ausländischen Soldaten und gut

100 Vgl. Brief Bünger an Billig vom 21.1.1944, BA-MA, RS 3/39-1, Bl. 200.

101 Vgl. Schreiben el-Raschid an Berger, Betr.: Behandlung der Ostmuselmanen vom 20.9.1944, BAB, NS 31/44, Bl. 115.

102 Vgl. Schreiben SS-Oberscharführer Dairski an Olzscha vom 16.12.1944, BAB, NS 31/48, Bl. 70.

103 Die exilaserbeidschanische Organisation »Azerbajcan Milli Birlik Meclisi« hatte die Stiftung der Orden »Aserbeajcan Istiklal Jildizi« und »Bozkurt« vorgeschlagen. Vgl. BAB, NS 31/35, Bl. 3-8 u. 16-18.

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ausgerüsteten reichs- und volksdeutschen Soldaten entstehen. Im Falle der »Handschar« lässt sich dies zumindest für die Kleidung bestätigen. Anders bei der Ausstattung mit Waffen, schwerem Gerät und vor allem Führern und Unterführern. Setzte ein Mangel an Waffen und Gerät verstärkt erst mit den zunehmenden Fahnenfluchten im Spätsomer 1944 ein, bildete der Mangel an Ausbildern und Offizieren ein durchgehendes Problem für die »Handschar«. Zwar herrschte in der gesamten Waffen-SS ein Mangel an Führern und Un- terführern, doch ließ sich der Ersatz für »fremdvölkische« Einheiten wie die »Handschar« oder dem »OTWV« wegen der besonderen Anforderungen, z.B. Fremdsprachenkenntnissen, erheblich schwerer beschaffen. Das Ziel eine gute Versorgungslage für die Einheiten der Waffen-SS mit muslimischen Sol- daten zu schaffen, ließ sich nicht bis ins letzte Kriegsjahr aufrecht erhalten. Der »OTWV« sah sich erheblichen Schwierigkeiten bei der Beschaffung und Ausrüstung mit Uniformen, Waffen und Betreuungsgegenständen ausgesetzt. Aufgrund der angespannten Versorgungslage im letzten Kriegsjahr verzöger- te sich die Auslieferung von Kleidung und Gebrauchsgegenständen mehrfach um Wochen. Geradezu katastrophal war die Versorgung mit Waffen. Von Januar bis November 1944 konnte die leichte Bewaffnung der über 2.600 Mann gerade einmal von 50 Gewehren auf 728 Gewehre und 17 Pistolen er- höht werden. Der Mangel an Führern und Unterführern konnte nicht annä- hernd durch reichs- und volksdeutsche Soldaten gedeckt werden. Abhilfe sollten die landeseigenen Soldaten schaffen. Sie stellten den »OTWV« aber vor die schwierige Aufgabe, nationale und ethnische Befindlichkeiten zu berücksichtigen. Angesichts dieser dramatischen Unterversorgung erscheint es befremdlich, dass für die Frage der Ärmelabzeichen und Kragenspiegel des »OTWV« trotz- dem so viele Kapazitäten verwendet wurden. Unter dem Aspekt der militäri- schen Vergemeinschaftung macht dies dennoch Sinn. Nicht zuletzt hatte Himmler betont, dass gerade auch durch das Tragen der gleichen Kleidung eine unterschiedlose Kameradschaft aller Soldaten hergestellt würde. Als äußere Zeichen dieser Kameradschaft dienten neben der Kleidung gerade auch die Abzeichen und Kragenspiegel, die zwar auf kulturelle Besonderheiten der Einheiten verwiesen, aber auch von allen Soldaten, so auch den deutschen, getragen wurden. Hierbei unterschied sich die Waffen-SS von der Wehrmacht, in deren Ostlegionen sich die ausländischen Soldaten durch eigene Diensträn- ge und -abzeichen sowie durch improvisierte Uniformen gegenüber den deut- schen Soldaten zurückgesetzt fühlten. Am stärksten tritt diese Symbolik si- cherlich in der Division »Handschar« zu Tage, wo durch Krummdolch als Kragenspiegel und feldgrauen und roten Fez ein vermeintlich islamischer Cha- rakter der Division offen zur Schau getragen werden sollte. Dass auch die deutschen Angehörigen dazu angehalten wurden den Fez zu tragen, sollte als Zeichen der Verbundenheit und als Identität stiftendes Merkmal die Verge- meinschaftung der Soldaten vorantreiben. Dennoch gab es auch hier Grenzen, die nicht überschritten werden durften. Im Sinne der von Bernd Wegner her- ausgearbeiteten Dreiteilung der Waffen-SS in erstens ordensfähige SS-taugliche Deutsche, zweitens nicht-ordensfähige, nicht SS-taugliche Deutsche und drit-

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tens »Germanen« und Nichtdeutsche sowie »Nichtgermanen« 104 war es, wie Gottlob Berger noch im Februar 1945 betonte, Turkestanern nicht erlaubt, SS-Runen zu tragen. 105 Trotzdem waren die zuständigen Instanzen mit Zustimmung Himmlers und Bergers für das Ziel einer Vergemeinschaftung bereit, ungewöhnliche Wege zu gehen. Am ungewöhnlichsten erscheinen die unter diesem Aspekt noch nicht wahrgenommenen SS-Feldimame. Diese stellten eine Abkehr von der bisheri- gen Politik dar, keine Feldgeistliche in der Waffen-SS zuzulassen. Allerdings blieb der Einsatz der SS-Imame die Ausnahme. Es folgte kein Einsatz christ- licher Feldgeistlicher. Diese mit nicht unerheblichem Aufwand ausgebildeten SS-Feldimame sollten in Zusammenarbeit mit der Abteilung VI stärker noch als die »Feldmullahs« der Wehrmacht sich nicht nur um die seelsorgerische Betreuung kümmern, sondern den ausländischen Soldaten im Einklang mit der NS-Weltanschauung den Sinn ihres Kampfes erläutern. Darüber hinaus sollten sie durch Vorträge und Schulungen auch das Verständnis und die Empathie der deutschen Soldaten verstärken. Allerdings sprechen die ständigen Ermah- nungen Sauberzweigs, mehr Verständnis für die Imame zu zeigen, wie auch die Klagen über das Fehlverhalten des deutschen Rahmenpersonals im »OTWV« für eine fortbestehende Distanz aller Beteiligten. Hier offenbarten sich die Grenzen der militärischen Vergemeinschaftung. Kameradschaft oder Kampfgemeinschaft, bestand aus mehr als nur aus Aus- rüstung, militärischer Ausbildung und Auszeichnungen. Die Herstellung ei- ner gemeinsamen Kampfgemeinschaft stand vor dem Problem des Erfah- rungshorizonts vor allem der deutschen Soldaten. Grenzen konnten zwar propagandistisch verwischt, umgedeutet oder ausgeklammert werden. Das seit 1933 eingeübte und verinnerlichte Weltbild mit der Exklusion der »Ge- meinschaftsfremden« und dem Erbe der Schützengräbengemeinschaft des Ersten Weltkrieges als Volksgemeinschaft, ließ sich nicht beliebig erweitern.

104 Vgl. Wegner, Soldaten, S. 315.

105 Vgl. Berger an SSHA-D, Betr.: Tragen der Siegrunen, vom 26.2.1945, BArch NS 31/42, Bl. 60.

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