Sie sind auf Seite 1von 2

Mikrokosmos im Zug

Der Titel von Albrecht Selges Roman „Fliegen“ ist eine Dichotomie: Anstatt in einem Flugzeug zu
reisen, fliegt die Hauptfigur in einem ICE quer durch Deutschland. Anstelle der Wohnungsmiete
leistet sich eine Frau im Rentenalter eine Bahncard 100. Weder Zeit noch Raum existieren, bloß das
ewige Einerlei der ständigen Rundfahrt.

Modernes Nomadenleben im Zug

Das in Deutschland einzigartige Phänomen im Zug zu leben ist in den letzten Jahren in den Medien
aufgetaucht. Bereits im Jahr 1981 wurde diese Lebensart mit Sten Radolnys "Netzkarte" in der
Literatur erwähnt. Dieses ungewöhnliche Konzept, die Wohnung gegen eine Bahncard 100 zu
tauschen, wird von einigen als eine praktikable Alternative betrachtet. Dazu zählen in jüngster Zeit
der Videospielredakteur Eric Hoffmann und die Studentin Leonie Müllers, die eben auch in dem
Roman „Tausche Wohnung gegen Bahncard“ über ihre Erfahrungen vom Leben im Zug schreibt.
Allerdings erschien diese Bewegung schon 2001: der Pionier, als Friedhelm W. bekannt, hat sich
nach dem Tod seiner Freundin auf diese unendliche Reise begeben.

Nicht übersehen werden sollte die starke Ähnlichkeit zwischen Selges Hauptfigur und Friedhelm W.,
da auch sie aufgrund eines tiefgreifenden Verlustes unabsichtlich in ein Nomadenleben getrieben
wird. Die unbenannte Frau ist aber eine moderne Nomadin. Der Nomad wandert in der Welt herum
um sich zu ernähren ohne sesshaft zu werden. Demgegenüber wandert die Frau zwischen Wagen
und Sitzreihen, um Pfandflaschen zu sammeln. Es geht um das Überleben, doch auch das wird in
Frage gestellt.

Dostadning

Zart und einfühlsam zeichnet Selge ein Porträt einer Frau, die „am Rand ihres Lebens balanciert und
kippelt“. Sie lebt nicht nur in einem Zug, sie lebt in einer Dämmerung des Daseins – in einer
„Halbwelt, halb drin, halb nirgendwo“. Dieser Abschied von der Welt erinnert an den schwedischen
Begriff „Dostadning“, oder „Todreinigung“. Dem neuen Trend von minimalistischem Lebensstil
folgend – zum ersten Mal von Marie Kondo mit „The Life-Changing Magic of Tidying Up: The
Japanese Art of Decluttering and Organizing“ zur Aufmerksamkeit des Massenpublikums gebracht -
plädiert ‚Dostadning‘ für die achtsame Entrümpelung aller Besitztümer und Angelegenheiten vor
dem Tod. Auf diese Weise gibt die Frau ihre Wohnung auf, nachdem ihre Ehe mit einem Heidegger
lesenden Philosoph-Lockenkopf zerplatzt ist. Mit keiner anderen Erdenanhaftung außer ihrer besten
Freundin Lilo, entrümpelt die lebensmüde Frau ihr Leben „ordentlich und pingelig“.

Unbegrenzt von Raum und Zeit

Auch wenn wir durch die Landschaft hinter „Wänden, Wällen, Dämmen“ fliegen, gibt es das Gefühl,
dass wir im Weltall treiben. Schließlich sind „Züge innen hohl… auch die Zeit ist innen hohl“. Im Zug
gibt es kein Tag und Nacht – kein Sommer, Winter, Frühling, oder Herbst. „Zugleich ist der Raum in
der Nacht unbegrenzt, deshalb gibt es keine Zeit.“ Gleichzeitig transzendiert sie in einem
enthaltsamen Raum ohne alles Sinnliche – keine Geräusche, Gerüche, ohne Berührung, Schmecken,
und ohne Sicht. Es entsteht der Eindruck, dass der Leser sich durch ihre stumme Seelenlandschaft
schlängeln muss, um auf ihre Erinnerungen zuzugreifen. Dadurch erhält der Leser flüchtige Blicke
auf die verschmierten Linien ihrer Vergangenheit und ihres Verlustes. Es ist jedoch vielsagend, dass
die Frau innerhalb des engen Zeitplans von außen lebt. Einsteigen, Aussteigen – die gewohnte
Route.

Meta-Flaneur

Innerhalb der Seiten stecken eine Vielzahl von literarischen Bemerkungen. Wie in der unbenannten
Frau selbst, wird eine intelligente Natur verheimlicht. Wohin sie auch geht, verlässt ein dickes gelbes
Buch nie ihre Seite. Dieses gelbe Buch ist ein Reclam-Verlag Heftchen. Daraus werden Sätzen von
Romantikern wie Eichendorff: „Am Fenster ich einsam Stand“ oder Novalis Hymnen an die Nacht
zitiert.

Verständlicherweise sieht man Albrecht Selges romantische Muse in seinem Lebenslauf. Selge,
geboren in Heidelberg, studierte Germanistik und Philosophie. Sein erstes Literaturdebüt im Jahr
2011 war „Wach“, danach schrieb er „Die Trunkene Fahrt“ im Jahr 2016. In „Fliegen“ erfasst er „vor
dem Fenster die Welt auf Notenpapier“.

Rastlosigkeit in einer immer bewegenden doch hängengebliebenen Welt ist der rote Faden, der
sein Oeuvre verbindet. Aus der Perspektive einer Verschleppte stellt Selge das Dilemma des
gegenwärtigen Menschen dar: sich ständig nach Vorwärtsbewegung zu sehnen, ohne an der
Endstation anzukommen.