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DAS SEMINAR

VON JACQUES LACAN


Nach dem von Jacques-Alain Miller
hergestellten französischen Text

in deutscher Sprache
herausgegeben von Norbert Haas
DAS S E M IN A R
V O N J A C Q U E S LACAN
Buch I (1953-1954)

FREUDS
TECHNISCHE SCHRIFTEN
übersetzt von W erner Hamacher

W ALTE R -V ER LA G
O L T E N U N D F R E IB U R G IM B R E ISG A U
Alle Rechte der deutschen Ausgabe Vorbehalten
©Walter-Verlag AG Olten 1978
Gesamtherstellung in den grafischen Betrieben des Wal ter-Verlags
Printed in Switzerland

ISB N 3-530-50213-8
IN H A L T

Eröffnung des Seminars 7

M O M E N T DES W ID ER STA N D S

I
Einführung in die Kommentare zu den
technischen Schriften von Freud 13
II
Erste Ausführungen über die Frage des Widerstandes 28
III
Der W iderstand und die Abwehrhandlungen 41
IV
Das Ich und der andre 53
V
Einführung und Antwort zu einem Vortrag von Jean Hyppolyte
über die Verneinung von Freud 70
VI
Diskursanalyse und Ichanalyse 83

D IE T O P IK D ES IM A G IN Ä REN

VII
Die Topik des Imaginären 97
V III
Der Wolf! Der Wolf! 117
IX
Über den Narzißmus 140
X
Die zwei Narzißmen 154
XI
Ich-Ideal und Ideal-Ich 167
XII
Zeitlich —entwicklungsgeschichtlich 185

JE N S E IT S D ER PSY C H O LO G IE

X III
Die Schaukel des Begehrens 209
X IV
Die Fluktuationen der Libido 225
XV
Der Kern der V erdrängung 239

DIE SACKGASSEN DES M IC H A EL BALINT

XVI
Erste Beiträge über Balint 257
X V II
Objektbeziehung und intersubjektive Beziehung 263
XVIII
Die symbolische O rdnung 278

DAS S PR E C H E N IN D E R Ü B ER TR A G U N G

X IX
Die schöpferische Funktion des Sprechens 297
XX
De Locutionis Significatione 309
XXI
Aus dem Mißgriff taucht die W ahrheit au f 327
X X II
Der Begriff der Analyse 342

Anmerkungen des Übersetzers 361

Bibliographie 363
7 ERÖFFNUNG DES SEMINARS

Der Lehrer unterbricht das Schweigen durch gleichgültig was, einen


Sarkasmus, einen Fußtritt.
So geht auf der Suche nach einem Sinn ein buddhistischer Lehrer vor,
entsprechend der Technik des Zen. Es ist Sache der Schüler selbst, die
Antwort auf ihre eigenen Fragen zu suchen. Der Lehrer trägt nicht ex
cathedra eine abgeschlossene Wissenschaft vor, er bringt die Antwort
bei, wenn die Schüler in der Lage sind, sie selbst zu finden.
Diese Lehre ist eine Absage an jedes System. Sie deckt ein Denken in
Bewegung auf — gleichwohl fähig zum System, denn es zeigt notwen­
digerweise ein dogmatisches Gesicht. Freuds Denken hält sich durch­
weg geöffnet für Überprüfung und Überarbeitung. Ein Irrtum , es auf
abgenutzte Worte zu reduzieren. Jeder Begriff besitzt in ihm sein
eigenes Leben. U nd genau das heißt Dialektik.
Einige von diesen Begriffen waren in einem bestimmten Augenblick
für Freud unentbehrlich, denn sie enthielten die Antwort auf eine Fra­
ge, die er zuvor, in anderer Terminologie, formuliert hatte. Ihre Bedeu­
tung kann also nur erfassen, wer sie in ihren Kontext wieder einsetzt.
Doch es genügt nicht, Geschichte, Theoriengeschichte zu treiben und
zu sagen, daß Freud in einem szientistischen Jahrhundert aufgetreten
sei. M it der Traumdeutung wird nämlich eine qualitative Differenz, eine
konkrete psychologische Dichte wiedereingeführt, will heißen der
Sinn.
Vom szientistischen Gesichtspunkt aus schien nun Freud an das am
tiefsten archaische Denken anzuschließen— etwas in den Träum en zu
lesen. Später soll er auf kausale Erklärungen zurückgekommen sein.
Aber bei der Interpretation eines Traumes ist man immer in der Fülle
des Sinns. Was in Frage steht, ist die Subjektivität des Subjekts, in
seinen Begierden, seiner Beziehung zur Umwelt, zu den anderen, zum
Leben selbst.
8 Unsere Aufgabe ist es hier, das Register des Sinns wiedereinzufuhren,
ein Register, das selbst auf seinem eigenen Gebiet zu reintegrieren ist.
Brücke, Ludwig, Helmholtz, Du Bois-Reymond haben eine Art von
Treueschwur form uliert— alles lasse sich auf physische Kräfte zurück-
7
fuhren, die der Attraktion und der Repulsion. W enn man von diesen
Prämissen ausgeht, gibt es keinen Grund, sie zu verlassen. W enn Freud
sie verlassen hat, so weil er von anderen ausgegangen ist. Er hat es ge­
wagt, demjenigen Bedeutung beizumessen, was ihn selbst betraf, den
Antinomien seiner K indheit, seinen neurotischen Beschwerden, seinen
Träumen. Aus diesem Grunde ist Freud für uns alle ein Mensch, der
wie jeder andere im Schnittpunkt aller Kontingenzen steht— von Tod,
Frau und Vater.
Das bedeutet eine Rückkehr zu den Quellen und verdient nur kaum
den Titel Wissenschaft. Es geht m it der Psychoanalyse wie mit der
Kunst des guten Kochs, der das Tier richtig zu zerlegen weiß und die
Gelenksteilen mit dem geringsten W iderstand ablöst. Es ist bekannt,
daß es für jede Struktur eine ihr eigene Form der Konzeptualisierung
gibt. Doch da dies Verfahren geradewegs zu Komplikationen führt,
zieht m an’s vor, sich an den monistischen Begrifi einer Deduktion der
Welt zu halten. Und so geht m an denn in die Irre.
M an muß sich gegenwärtig halten, daß wir nicht m it dem Messer sezie­
ren, sondern mit Begriffen. Begriffe haben eine genuine Realitätsform.
Sie ergeben sich nicht aus der menschlichen Erfahrung — täten sie es,
so läge die Sache einfach. Die ersten Benennungen ergeben sich aus den
Worten selbst, es sind Instrumente, um die Dinge zu umreißen. Jede
Wissenschaft bleibt also, in die Sprache verstrickt, noch lange im dun­
keln.
Eis gibt zunächst eine ausgebildete Sprache, deren wir uns als eines
überaus unscharfen Instruments bedienen. Von Zeit zu Zeit ereignet
sich ein Umschwung— beispielsweise vom Phlogiston zum Oxigen. So
führt Lavoisier, zur gleichen Zeit wie sein Phlogiston, den besseren Be­
griff des Oxygen ein. Die ganze Schwierigkeit hat ihre Wurzel darin,
daß man mathematische oder andere Symbole nicht ohne die geläufige
Sprache einführen kann, denn man m uß mit dieser erklären, was man
mit jenen zu tun gedenkt. Folglich befindet man sich auf einer gewissen
Ebene der menschlichen Kommunikation, in diesem Fall auf der des
Therapeuten. Trotz seiner Verneinung befindet sich auf ihr auch
Freud. Doch wie Jones uns gezeigt hat, hat er von Anfang an gegen
seinen Hang, sich dem Gebiet der Spekulation zu überlassen, Askese
geübt. Er hat sich der Disziplin der Fakten und des Laboratoriums
unterworfen. Er hat sich von der unscharfen Sprache entfernt.
Betrachten wir nun den Begriff des Subjekts. Wenn m an ihn einfuhrt,
so führt man sich selbst ein. Der zu Ihnen spricht, ist ein Mensch wie die
8
andren— er bedient sich einer unscharfen Sprache. Er selbst steht also
in Frage.
Freud weiß nun von Anfang an, daß er auf dem Gebiet der Analyse von
Neurosen nur dann fortschreitet, wenn er sich selbst analysiert.
Die zunehmende Bedeutung, die man heutzutage der Gegenübertra­
gung zumißt, belegt die Einsicht in das Faktum, daß es in der Analyse
nicht allein den Patienten gibt. M an ist zu zweit — und nur zu zweit.
9 Phänomenologisch stellt die analytische Situation sich als eine Struk­
tur dar, das heißt, daß nur durch sie allein gewisse Phänomene isolier-
bar, abtrennbar werden. Die Subjektivität stellt dagegen eine andere
Î Struktur dar, eine, die den Menschen die Vorstellung ermöglicht, sie
könnten sich selber verstehen.
Neurotisch zu sein kann einem also dazu verhelfen, ein guter Psycho­
analytiker zu werden, und zu Beginn hat es Freud gute Dienste getan.
Wie Monsieur Jourdain mit seiner Prosa, so machen wir Sinn, Wider­
sinn und Un-Sinn. Doch noch kommt es darauf an, die Linien der
Struktur zu ßnden. Auch Ju n g entdeckt in den religiösen und den
Traumsymbolen, zu seinem Entzücken, bestimmt Archetypen, die der
menschlichen Gattung insgesamt eigen sind. Auch das ist eine Struktur
— doch eine andre als die der Analyse.
Freud hat den dieser Struktur eigenen Determinismus formuliert. Da­
her rührt die Ambiguität, die sich in seinem gesamten Werke wieder­
findet. Ist, zum Beispiel, der Traum Begehren oder Anerkennung des
Begehrens? Das Ego — um ein weiteres Beispiel zu zitieren — gleicht
einerseits einem leeren Ei, das sich auf seiner Oberfläche durch die Be­
rührung mit der Wahrnehmungswelt differenziert, doch es ist andrer­
seits, immer wenn wir ihm begegnen, auch dasjenige, was mein oder ich
(moi, je), was man sagt, von den anderen spricht und sich in verschiede­
nen Formen äußert.
Wir wollen den Techniken einer Kunst des Dialoges folgen. Wie der
gute Koch müssen wir wissen, auf welche Gelenkstellen und welche
Widerstände wir stoßen.
Das Super-Ego ist ein von allem Sinn entblößtes Gesetz, das sich gleich­
wohl allein vermöge der Sprache aufrechterhält. Wenn ich sage Du
hältst Dich rechts, so um dem andren zu ermöglichen, seine Sprache auf
die meine abzustimmen. Ich denk* an das, was sich in seinem Kopfe tut,
wenn ich zu ihm spreche. Diese Bemühung um Übereinstimmung
macht die der Sprache eigene Kommunikation aus. Dies Du ist derart
fundamental, daß es dem Bewußtsein voraufgeht. Die Zensur zum Bei-
9
spiel fungiert zwar intentional, arbeitet indessen vor dem Bewußtsein,
als dessen Wächter. Du ist kein Signal, sondern eine Beziehung auf den
andern, es ist Gebot und Liebe.
So ist auch das Ich-Ideal ein vom Ich aufrechterhaltener Abwehrorga­
nismus, der die Befriedigung des Subjekts prolongieren soll. Aber es ist
auch die im psychiatrischen Sinn des Wortes deprimierendste Funk­
tion.
Das Id läßt sich auf keine rein objektive Gegebenheit, auf die Triebe
Ides Subjekts reduzieren. Nie hat eine Analyse in der Bestimmung der
Aggressivitätsrate oder dem prozentualen Anteil von Erotik gegipfelt.
Der Punkt, auf den der analytische Progreß zufuhrt, der Extrempunkt
der Dialektik existentieller Anerkennung ist — Du bist es. Dies Ideal
wird tatsächlich nie erreicht.
Das Ideal der Analyse ist nicht vollkommene Selbstbeherrschung, Ab­
senz der Leidenschaft. Ihr Ziel ist die Fähigkeit des Subjekts, den analy­
tischen Dialog mit sich selbst zu unterhalten, weder zu früh noch zu
spät zu sprechen. Diese Fähigkeit ist es auch, die von einer Lehranalyse
visiert wird.
Die Einführung einer O rdnung von Bestimmungen in die menschliche io
Existenz, in die Domäne des Sinns, heißt Vernunft. Freuds Entdek-
kung ist die Wiederentdeckung der Vernunft, auf einem Brachfeld.

18. N ovember 1953

Die Fortsetzung dieser Vorlesung und alle anderen Vorlesungen vom Ende dis
Jahres 1953fehlen.

10
M O M E N T D ES W ID E R S T A N D S
13 I
E IN F Ü H R U N G IN D IE K O M M E N T A R E ZU D E N
T E C H N IS C H E N S C H R IF T E N V O N F R E U D

Das Seminar
Die Konfusion in der Analyse
Die Geschichte ist nicht die Vergangenheit
Theorien des Ego

Dies neue Jah r, für das ich Ihnen alles Gute wünsche, würde ich gern
mit dem Satz beginnen — Schluß mit dem Lachen!
W ährend des letzten Trimesters hatten Sie kaum etwas andres zu tun,
als mir zuzuhören. Hierm it kündige ich Ihnen feierlich an, daß ich in
dem Trimester, das jetzt beginnt, darauf rechne, hoffe, zu hoffen wage,
daß auch ich Ihnen ein wenig zuhören kann.
Es ist Gesetz und Tradition des Seminars, daß diejenigen, die daran
teilnehmen, mehr als bloß eine persönliche Anstrengung zu ihm beitra­
gen — nämlich eine M itarbeit, die sich in Redebeiträgen äußert. Sie
kann nur von denen kommen, die in der unmittelbarsten Weise an die­
ser Arbeit interessiert sind, von denen, für die diese Seminare über
Texte ihren vollen Sinn haben, von denen, die in verschiedener Weise
an unsrer Praxis beteiligt sind. Das schließt nicht aus, daß Sie von mir
diejenigen Antworten erhalten, die ich Ihnen zu geben in der Lage
bin.
Ich würde es ganz besonders begrüßen, wenn Sie alle, entsprechend Ih­
rem Vermögen, Ihr Äußerstes zum neuen Stadium des Seminars bei­
tragen würden. Ihr Äußerstes — das heißt, daß man, wenn ich den
einen oder andren anrufe, um ihm einen bestimmten Abschnitt unse­
rer gemeinsamen Aufgabe zuzuweisen, nicht mit gelangweilter Miene
antwortet, gerade in dieser Woche habe man besonders viele Verpflich­
tungen.
Ich wende mich hier an diejenigen, die der psychoanalytischen Gruppe
zugehören, die wir repräsentieren. Ich möchte, daß Sie sich Rechen­
schaft darüber ablegen, daß diese Gruppe, so wie sie ist, als autonome
sich etabliert hat um einer Aufgabe willen, die für jeden von uns nicht
weniger enthält als unsere Zukunft — den Sinn all dessen, was wir tun
13
und in der Folge noch zu tun haben werden. Wenn Sie nicht hierher­
kommen, um Ihre gesamte Aktivität einzusetzen, weiß ich nicht, war­
um Sie hier sind. W arum sollen diejenigen, die nicht den ganzen Sinn u
dieser Aufgabe erfassen, uns weiterhin anhängen, statt sich einer x-be­
liebigen Form von Bürokratie anzuschließen?

Diese Verweise sind nach meiner Auffassung in dem M oment beson­


ders triftig, wo wir uns daran machen, diejenigen Schriften Freuds zu
erörtern, die allgemein seine technischen genannt werden.
Technische Schriften ist ein Terminus, der bereits von einer bestimmten
Tradition festgelegt ist, seit nämlich noch zu Freuds Lebzeiten unter
dem Titel «Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre» ein klei­
ner Oktavband erschienen ist, der eine gewisse Zahl von Schriften
Freuds zwischen 1904 und 1919 zusammenfaßte und dessen Titel, Prä­
sentation und Inhalt anzeigten, daß sie die psychoanalytische Methode
behandeln.
Was diese Form motiviert und rechtfertigt, ist der Umstand, daß sich
darin ein bestimmter Typ von analytisch unerfahrenen praktischen
Ärzten gewarnt findet, der meint, sich in die Analyse hineinstürzen zu
können, und daß man ihm eine gewisse Zahl von Konfusionen erspa­
ren muß, die Anwendung und Wesen der M ethode betreffen.
Man findet in diesen Schriften Passagen, die von einer außerordentli­
chen Bedeutung für das Verständnis des Fortschritts sind, den in jenen
Jahren die Ausarbeitung der analytischen Praxis durchgemacht hat.
Man sieht in ihnen allmählich die Grundbegriffe sich herausbilden,
die die Arbeitsweise der analytischen Therapeutik verständlich ma­
ch en -d en Begriff des Widerstands, die Funktion der Übertragung, die
Art, in der Übertragung zu handeln und einzugreifen, und sogar, bis zu
einem bestimmten Punkt, die wesentliche Rolle der Übertragungsneu­
rose. Überflüssig, noch zu unterstreichen, daß diese kleine Gruppe von
Schriften ein ganz besonderes Interesse beansprucht.
Gewiß, diese Anordnung ist nicht völlig befriedigend und der Termi­
nus technische Schriften vielleicht nicht das, was ihnen ihre Einheit ver­
leiht. Diese Einheit ist gleichwohl eine Tatsache. Die Sammlung zeugt
von einer Etappe in Freuds Denken. U nter diesem Blickwinkel wollen
wir sie studieren.
14
Es gibt bei Freud eine Übergangsetappe. Sie folgt der ersten Entwick­
lung dessen, was ein Analytiker, dessen Feder nicht immer von der be­
sten Q ualität ist, der aber doch in diesem Falle einen glücklichen und
sogar schönen Fund gemacht hat, den Keim von Freuds Erfahrung ge­
nannt hat. Sie geht der Ausarbeitung der Strukturtheorie voraus.
Der Beginn dieser Übergangsetappe ist zwischen 1904 und 1909 anzu­
setzen.
1904 erscheint der Aufsatz über die psychoanalytische Methode, von
dem einige sagen, daß in ihm zum erstenmal das Wort Psychoanalyse
auftaucht —was zwar falsch ist, denn es wird von Freud auch früher
is schon gebraucht, aber immerhin, es wird dort ganz förmlich eingesetzt
und sogar im Titel des Aufsatzes. 1909 - das ist das J a h r der Vorlesun­
gen an der Clark University, der Reise nach Amerika, die Freud, begleitet
von seinem Sohne, Jung, unternommen hat.
Wenn wir die Entwicklung im Jahre 1920 beobachten, so sehen wir die
Ausarbeitung der Instanzentheorie, der Strukturtheorie oder, wie
Freud sie nannte, der Metapsychologie. Es ist dies eine andere Entwick­
lung, die er uns von seiner Erfahrung und seiner Entdeckung hinterlas­
sen hat.
Sie sehen, die technisch genannten Schriften stellen die Sprossen zwi­
schen diesen beiden Entwicklungsphasen dar. Das ist es, was ihren Sinn
ausmacht. Zu glauben, sie beziehen ihre Einheit aus dem Umstand,
daß Freud in ihnen von der Technik spricht, ist ein Irrtum.
In gewissem Sinn hat Freud nie aufgehört von der Technik zu spre­
chen. Ich brauche Ihnen nur d ie Studien über Hysterie*1in Erinnerung zu
rufen, die nichts andres sind als eine lange Abhandlung über die Ent­
deckung der analytischen Technik. W ir sehen sie dort in ihrer Ausbil­
dung begriffen, und das macht den W ert dieser Studien aus. Wollte
man eine vollständige, systematische Darstellung der Entwicklungsge­
schichte von Freuds Technik geben, so müßte man bei ihnen anfangen.
Der Grund, aus dem ich die Studien über Hysterie nicht gewählt habe, ist
einfach der, daß sie nicht leicht zugänglich sind, denn Sie lesen nicht
alle Deutsch und nicht einmal Englisch - aber gewiß, es gibt noch
andre als diese Opportunitätsgründe, aus denen meine W ahl auf die
Technischen Schrißen gefallen ist.
Sogar in der Traumdeutung geht es immer und unablässig um die Tech-

1 Die mit einem Sternchen versehenen Titel und Begriffe stehen deutsch im Original
(A.d.Ü.)
15
nik. Läßt man einmal die Schriften zu mythologischen, ethnographi­
schen, kulturellen Themen beiseite, so gibt es kaum ein Werk von
Freud, das nicht irgend etwas zum Problem der Technik beiträgt.
Überflüssig, noch zu unterstreichen, daß ein Aufsatz wie Die endliche
und die unendliche Analyse, 1937 erschienen, einer der wichtigsten über die
analytische Technik ist.
Ich möchte jetzt hervorheben, in welchem Sinne wir in diesem Trime­
ster den Kommentar dieser Schriften versuchen wollen. Es ist nötig,
das gleich heute festzulegen.

Wenn wir bedenken, daß wir uns hier versammelt haben, um uns mit
Bewunderung über die freudschen Texte zu beugen und uns an ihnen
zu ergötzen, sind wir in der T a t höchst befriedigt.
Diese Schriften sind von einer Frische, einer Lebhaftigkeit, die in nichts
den andren Schriften Freuds nachsteht. Seine Persönlichkeit offenbart
sich in ihnen zuweilen so unvermittelt, daß man nicht verfehlen kann,
ihr in ihnen wieder zu begegnen. Die Schlichtheit und die Offenheit
des Tons allein sind schon eine Art Lektion für uns.
Insbesondere die Leichtigkeit, m it der das Problem der zu beachtenden i«
praktischen Regeln abgehandelt wird, macht uns deutlich, daß es sich ■ ·
für Freud um ein Instrument gehandelt hat, im selben Sinn in dem
man sagt, ein H am m er liege einem gut in der Hand. Liegt gut in meiner
Hand— so sagt er alles in allem —, und so, sehen Sie, pflege ich ihn zu halten.
Andre ziehen vielleicht ein Instrument vor, das ein ganz klein wenig anders ist und
ihnen besser in der Hand liegt. Sie werden die Passagen kennenlernen, die
das, was ich hier metaphorisch formuliere, deutlicher ausdrücken.
Die Formalisierung der technischen Regeln ist also in diesen Schriften
mit einer Freiheit behandelt, die selbst schon eine ausreichende Lehre
ist und schon einer ersten Lektüre ihre Frucht und Entschädigung bie­
tet. Nichts, was heilsamer und befreiender wäre. Nichts, was besser
zeigte, daß das wirkliche Problem woanders liegt.
Das ist nicht alles. Es gibt in der Form, in der uns Freud das überliefert,
was man die Wege der W ahrheit seines Denkens nennen könnte, noch
ein anderes Gesicht, das m an in denjenigen Passagen entdeckt, die viel­
leicht in zweiter Linie stehen, die aber gleichwohl sehr spürbar sind. Es
ist der leidende Charakter seiner Persönlichkeit, das Gefühl, daß er
16
Autorität nötig hat, was bei ihm nicht ohne eine fundamentale Entwer­
tung dessen abgeht, was er, der etwas zu übermitteln oder zu lehren
hat, von denen erwarten kann, die ihn hören und ihm folgen. Ein ge­
wisses tiefes M ißtrauen gegen die Art und Weise, in der seine Regeln
angewandt und verstanden werden, wird an gar nicht wenigen Stellen
spürbar. Ich glaube sogar, daß man — wie Sie sehen werden -— bei ihm
einer ganz eigenartigen Entwertung des menschlichen Stoffs, der sich
ihm in der zeitgenössischen Welt darbot, begegnet. Es ist gewiß eben
diese Entwertung, die uns zu verstehen erlaubt, warum Freud — im
Gegenzug zu dem, was seine Schriften von ihm zeigen — das Gewicht
seiner Autorität eingesetzt hat, um, wie er glaubte, die Zukunft der
Analyse zu sichern. Gegen alle Arten von Abweichungen— und wirkli­
chen Abweichungen —, die auftraten, verhielt er sich exklusiv und zu­
gleich imperativ in der Form, wie er die W eitervermittlung seiner Leh­
re um sich organisieren ließ.
All das ist bloß eine Übersicht über das, was uns durch diese Lektüre
über den historischen Aspekt des Handelns und der Präsenz von Freud
enthüllt werden kann. Werden wir uns darauf beschränken wollen?
Gewiß nicht, und sei’s auch nur, weil es, trotz des Gewinns, der Anre­
gung, der Billigung, der Entspannung, die wir davon erwarten können,
ziemlich fruchtlos bleiben müßte.
Immer als Funktion der Frage Was machen wir, wenn wir eine Analyse ma-
rA^n?habe ich den Kommentar zu Freud bislang geführt. Die Untersu­
chung dieser kleinen Schriften wird im selben Stil fortgesetzt. Ich wer­
de also von der Aktualität der Technik ausgehen, von dem, was, die
analytische Technik betreffend, gesagt, geschrieben und getan wird.
Ich weiß nicht, ob die M ehrzahl von Ihnen — ich hoffe zumindest ein
Teil — sich folgenden Umstand bewußtgemacht hat. Wenn man ge-
i7 genwärtig — ich spreche von diesem Augenblick, diesem neuen und
noch ganz frischen Ja h r 1954 — beobachtet, wie verschiedene analy­
tisch Praktizierende von ihrer Technik denken, sie auffassen und dar­
stellen, so sagt man sich, daß die Lage der Dinge einen Punkt erreicht
hat, an dem es nicht übertrieben ist, von der radikalsten Konfusion zu
reden. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß unter den Analytikern,
und zwar denen, die denken — was den Kreis schon schrumpfen
läßt — , gegenwärtig vielleicht nicht ein einziger ist, der dieselbe Vor­
stellung wie einer von seinen Zeitgenossen oder Kollegen von dem hat,
was man in der Analyse tut, in ihr anstrebt, in ihr erreicht und worum
es in der Analyse überhaupt geht.
17
Die Verwirrung geht so weit, daß wir uns m it dem Spiel vergnügen
könnten, die extremsten Konzeptionen m iteinander zu vergleichen —
wir würden sehen, daß sie in völlig kontradiktorischen Formulierungen
münden. Und zwar, ohne daß man sich auf die Suche nach d en — übri­
gens nicht sehr zahlreichen — Liebhabern des Paradoxes machen wür­
de. Der Gegenstand ist ernst genug, daß verschiedene Theoretiker ihn
lust- und phantasielos abgehandelt haben, und der H um or bleibt ihren
Elaboraten über die therapeutischen Erfolge, ihre Formen, die Verfah­
ren und Wege, auf denen man sie erreicht, in aller Regel fern. M an be­
gnügt sich, an der Balustrade, dem Geländer irgendeines Teils der
Freudschen Theorie sich festzuklammern. Das allein gibt jedem die
Garantie, daß er noch in Verbindung mit seinen Amtsbrüdern und
Kollegen steht. Durch die Vermittlungsinstanz der Freudschen Spra­
che wird ein Austausch zwischen Analytikern aufrechterhalten, die
sich offenkundig ziemlich unterschiedliche Auffassungen von ihrer
therapeutischen Tätigkeit und, was weiter geht, von der allgemeinen
Form jener zwischenmenschlichen Beziehung gebildet haben, die sich
Psychoanalyse nennt.
Wenn ich zwischenmenschliche Beziehung sage, sehen Sie schon, in wel­
chem Zustand sich die analytische Theorie gegenwärtig befindet. Der
Weg, auf dem die modernen Doktrinen sich eine Unterlage zu ver­
schaffen suchen, die ihrer konkreten Erfahrung entspricht, ist tatsäch­
lich die Ausarbeitung des Begriffs der Beziehung zwischen dem Analy­
tiker und dem Analysierten. Es ist dies gewiß die fruchtbarste Rich­
tung, die nach Freuds Tod verfolgt worden ist. Balint nennt sie two-
bodies’psychology — ein Ausdruck, der übrigens nicht von ihm stammt,
sondern den er vom verstorbenen Rickman entlehnt hat, einem der we­
nigen Analytiker, die seit Freuds Tod ein bißchen theoretische Origi­
nalität entwickelt haben. Um diese Formel kann m an leicht sämtliche
Studien über Objektbeziehung, die Bedeutung der Gegenübertragung
und eine gewisse Anzahl dam it zusammenhängender Begriffe gruppie­
ren, unter denen an erster Stelle der des Phantasmas steht. Der ima­
ginären Wechselbeziehung zwischen dem Analysierten und dem Ana­
lytiker werden wir also Rechnung zu tragen haben.
Heißt das auch, daß wir dam it auf einem Weg sind, der uns erlaubt, die
Probleme richtig zu situieren? Einerseits ja. Andrerseits nein.
Forschungen in diese Richtung voranzutreiben, ist insofern von gro­
ßem Interesse, als in ihr sehr deutlich die O riginalität gegenüber einer
one-body’s psychology, der gewöhnlichen konstruktiven Psychologie her-
18
vortritt. Aber genügt es zu sagen, daß es sich um eine Beziehung zwi­
schen zwei Individuen handelt? M an erkennt hier die Sackgassen, in
denen sich gegenwärtig die Theorien über psychoanalytische Technik
befinden.
Ich kann Ihnen darüber im Augenblick mehr nicht sagen — nur noch
dies für diejenigen, die mit diesem Seminar vertraut sind, daß es wohl­
verstanden eine two-bodies* psychology nicht gibt, ohne daß ein drittes
Element interveniert. W enn das Sprechen,, wie.cs muß, als .Zentral­
punkt der Perspektive begriffen wird, so muß sich in einem Dreierver-
: bältnis und nicht in einer Zweierbeziehung die analytische Erfahrung
in ihrer Gänze formulieren.
Das soll nicht heißen, daß man davon nicht Fragmente, Stücke und
wichtige Seiten in einer anderen Form ausdrücken kann. M an bemerkt
hier, an welchen Schwierigkeiten sich die Theoretiker stoßen. Das ist
leicht zu verstehen — wenn das Fundament der inneranalytischen Be­
ziehung wirklich so strukturiert ist, daß wir es uns als triadisch vorzu­
stellen haben, gibt es mehrere Möglichkeiten, zwei Elemente aus dieser
Triade auszu wählen. Den Akzent kann man auf die eine oder andre der
drei dyadischen Beziehungen legen, die sich innerhalb der Trias bilden
lassen. Sie werden sehen, daß das eine praktische Form der Klassifika­
tion einer gewissen Zahl theoretischer Arbeiten über die analytische
Technik ist.

All das mag Ihnen im Augenblick ein wenig abstrakt erscheinen, und
ich will versuchen, Ihnen, um Sie in diese Diskussion einzufiihren, eini­
ge konkretere Hinweise zu geben.
Ich will schnell noch einmal auf den Keim von Freuds Erfahrung ver­
weisen, von dem ich eben gesprochen habe, denn alles in allem war
zum Teil er der Gegenstand unsrer Vorlesungen im letzten Trimester,
die völlig um diesen Begriff zentriert waren, daß es die vollständige R et
Konstitution der Geschichte des Subjekts sei, die das wesentliche, kon-
stitutive^stinkturierende Element des analytischen Vorgangs dar­
stellt.
Tch glaube Ihnen demonstriert zu haben, daß Freud davon ausgegan­
gen ist. Es geht ihm jedesmal darum, einen singulären Fall kennenzu­
lernen, Das macht den Wert einer jeden der fünf großen Psychoanaly­
sen aus. Die drei, die wir schon in den voraufgegangenen Jahren zu-
19
sammen betrachtet, durchgearbeitet, studiert haben, beweisen es
Ihnen. Freuds Fortschritt, seine Entdeckung verdankt sich seiner An- ■
strengung, einen Fall in seiner Einzigkeit zu erfassen.
In seiner Einzigkeit erfassen, was soll das heißen? Das heißt, für ihn, we­
sentlich dies, daß das Interesse, das Wesen, der G rund und die der Ana­
lyse eigene Dimension in der Reintegration der Geschichte durch das
Subjekt gelegen sind —: einer Reintegration bis zu den äußersten
Wahrnehmungsgrenzen, und das heißt bis in eine Dimension, die weit
die individuellen Grenzen übersteigt. Das zu begründen, abzuleiten 19
und aus tausend Stellen des Freudschen Texts zu belegen, war unsre ge­
meinsame Arbeit im Laufe der letzten Jahre.
Was diese Dimension eröffnet, ist der Akzent, den Freud in jedem Fall
auf die wesentlichen Punkte legt, die durch die Technik zu erobern
sind und die ich Situationen der Geschichte nennen möchte. Ist das,
wie es auf den ersten Blick erscheinen könnte, ein Akzent, der auf die
Vergangenheit gelegt ist? Ich habe Ihnen gezeigt, daß das so einfach
nicht ist. P ie Geschichte ist nicht die Vergangenheit. Die Geschichte ist
die Vergangenheit nur, sofern diese in der Gegenwart historisiert ist —
historisiert in der Gegenwart, weil sie in der Vergangenheit erlebt
worden ist..
Der Restitutionsprozeß der Geschichte des Subjekts nim m t die Form
einer Suche nach der Restitution der Vergangenheit an. Diese Restitu­
tion ist der Zielpunkt, den die Wege der Technik anvisieren.
Sic werden im Werk Freuds, wo technische Hinweise, wie ich Ihnen
gesagt habe, sich überall finden, durchweg bestätigt sehen, daß die Re­
stitution der Vergangenheit bis zum Schluß in der vordersten Reihe
seiner Beschäftigungen stand. Aus diesem G rund stellen sich um diese
Restitution des Vergangenen die Fragen, die durch Freuds Entdek-
kung eröffnet wurden und die nichtsdestoweniger die Fragen bleiben,
die sich, bislang gemieden und unausgearbeitet, in der Analyse hören
lassen — : diejenigen, die sich auf die Funktionen der Zeit in der Reali­
sierung des menschlichen Subjektes beziehen.
Wenn man zum Ursprung von Freuds Erfahrung zurückkehrt — und
wenn ich von Ursprung rede, so mein* ich keinen historischen Ursprung,
sondern den Quellpunkt —, wird man gewahr, daß sie es ist, die die
Analyse, trotz der gründlich verschiedenen Gewänder, die man ihr um­
hängt, immer lebendig erhält. A uf diese Restitution der Vergangen­
heit den Akzent zu setzen, hört Freud nicht auf, selbst als er mit dem
Begriff der drei Instanzen — Sie werden sehen, daß man gar von vieren
20
reden kann — dem strukturellen Gesichtspunkt zu einer beträchtli­
chen Entwicklung verholfen hat — wodurch er eine bestimmte Orien­
tierung favorisierte, die sich zunehmend auf die analytische Beziehung
in der Gegenwart, auf die Sitzung in ihrer ganzen Aktualität, zwischen
den vier Mauern der Analyse, konzentrieren wird.
Um das, was ich Ihnen vorzutragen im Begriffe bin, zu stützen, brauch*
ich mich nur auf einen Aufsatz zu berufen, den er im Ja h r 1937 publi­
zierte, Konstruktionen in der Analyse * wo es immer noch und wieder um
die Rekonstruktion der Geschichte des Subjekts geht. M an kann kein
charakteristischeres Beispiel für die Beharrlichkeit dieses Gesichts­
punkts im gesamten Freudschen Werk finden. Dieser Aufsatz erscheint
wie ein letztes Insistieren auf einem Kardinalthema. Er ist Extrakt,
Pointe und letztes W ort zu dem Problem, das die ganze Zeit über, in
einem so zentralen Werk wie dem über den «Wolfsmann», ins Spiel
gebracht wurde — welche Bedeutung hat das, was von der Ver­
gangenheit des Subjekts rekonstruiert worden ist?
Man kann behaupten, daß Freud hier— doch spürbar wird es auch an
vielen anderen Stellen seines Werkes — zu einem Begriff gelangt, der
20 im Laufe unserer Gespräche im vergangenen Trimester auftauchte
tmd der ungefähr der folgende ist — : das Faktum, daß das Subjekt die
seine, Existenz prägenden Erei^nisse wiedei^durchlebt^sie sich an­
schaulich wieder in Erinnerung ruft, ist an sich nicht so wichtig. Was
zählt ist, was es davon rekonstruiert.
Es gibt zu diesem Punkt ergreifende Formulierungen. Alles in allem,
schreibt Freud: Träumen istja auch ein Ennnem * Er geht sogar so weit zu
sagen, daß die Deckerinnerungen selber ein befriedigender Repräsen­
tant dessen sind, worum.es „uns g e h t Gewiß, unter der manifesten
Erinnerungsform sind sie es nicht, aber wenn wir sie hinreichend
durcharbeiten, geben sie uns das Äquivalent dessen, was wir suchen.
Können Sie erkennen, wohin wir kommen? W ir kommen, in Freuds
eigener Konzeption, zu der Vorstellung, daß es sich um die Lektüre, d ie
qualifizierte, erprobte_Obersetzung des Kryptogramms handelte als
das sich uns all das darstellt, was das Subjekt in seinem Bewußtsein —
was soll ich sagen? von sich selbst? nein, nicht bloß von sich selbst —
von sich selbst und allem^ und das heißt von der Gesamtheit seines
System s,aX tu^besitzjt
Die Resütutioii^erLVollständigkeit.des..Snhjekts bietet sich, wie ich
eben sagte, als eine W iederherstellung der Vergangenheit dar. Doch
der Akzent liegt durchweg stärker auf der Seite der Rekonstruktion als
21
auf der der Wiederbelebung, wie man sie als affektive zu bezeichnen ge­
wöhnt ist. Das exakt Wicderdurchlebte — daß das Subjekt sich an et­
was als ihm wirklich zugehörig erinnert, wirklich von ihm erlebt, daß es
den Zusammenhang mit ihm wiederherstellt und es annim m t —, wir
finden in den Texten von Freud den ausdrücklichen Hinweis, daß
nicht dies das Wesentliche ist. Das Wesentliche ist, nach dem Termi­
nus, den er bis zum Schluß verwendet — die Rekonstruktion.
Es gibt darin etwas außerordentlich Bemerkenswertes, das paradox er­
scheinen müßte, wenn wir nicht den Sinn wahrzunehmen verstünden,
den es im Bereich des Sprechens annehmen kann und den ich hier als
für das Verständnis unserer Erfahrung notwendig einzufuhren versu­
che. Ich will sagen, daß das, worauf es letzten Endes ankommt, weniger
ist, sich der Geschichte zu erinnern als sie noch einm al zuschreiben.
Ich rede von dem, was bei Freud steht. Das heißt nicht, daß er recht hat,
doch dieser Faden zieht sich gleichsam unterhalb der Entwicklung sei­
nes Denkens durch sein ganzes Werk. Zu keiner Zeit hat er aufgegeben,
was sich allein in der Form, die ich eben angegeben habe, formulieren
läßt — die Geschichte noch einmal schreiben — : eine Formel, die die ver­
schiedenen Hinweise, die er anläßlich kleiner Details der Erzählungen
in der Analyse gibt, zu situieren erlaubt.

Der Freudschen Konzeption, die ich Ihnen hier vorführe, lassen sich
völlig andere Konzeptionen der analytischen Erfahrung gegenüber­
stellen.
Einige halten die Analyse tatsächlich für eine Art homöopathischer
Entladung des Subjekts von seiner phantasmatischen Auffassung der
Welt. Ihnen zufolge soll sich innerhalb der aktuellen Erfahrung, deren
O rt das Behandlungszimmer ist, diese phantasmatische Auffassung
der W elt nach und nach reduzieren, verwandeln und in einer bestimm­
ten Beziehung zum Realen ihr Gleichgewicht finden. Der Akzent liegt
hier — wie Sie bemerken, ganz anders als bei Freud — au f der Trans­
formation der phantasmatischen Beziehung in eine zu dem, was man,
ohne noch weiter zu suchen, das Reale nennt.
Man kann das gewiß offener und nuancierter formulieren, um, wie der,
den ich hier schon zitiert habe und der über die analytische Technik
geschrieben hat, der Pluralität des Ausdrucks zu entsprechen. Das hin-
22
dert nicht, daß dabei, summa summarum, dasselbe herauskommt. Es
ergeben sich aber daraus eigentümliche Wirkungen, auf die wir beim
Kommentar zu den Freud-Texten hinweisen werden.
Wie konnte die Praxis, die Freud eingeführt hat, sich in eine solche Be­
handlung der Beziehung zwischen Analytiker und Analysiertem ver­
wandeln, wie ich sie Ihnen eben beschrieben habe?— das ist die grund­
legende Frage, der wir im Lauf unsrer Untersuchung immer wieder
begegnen werden.
Diese Transformation ist auf die Form zurückzufuhren, in der man die
Begriffe, die Freud in der den Technischen Schriften unm ittelbar folgen­
den Periode eingeführt hat; in der m an also die Lehre von den drei In­
stanzen aufgenommen, sich angeeignet und behandelt hat. Von den
dreien ist derjenige, der die größte Bedeutung bekommen hat, der des
Ego. Um diesen Begriff des Ego dreht sich als um ihre Angel seither die
ganze Entwicklung, die die analytische Technik erfahren hat. Und in
ihm m uß man den G rund aller Schwierigkeiten erkennen, die sich bei
der theoretischen Ausarbeitung dieser praktischen Entwicklung erge­
ben.
Gewiß liegt eine W elt zwischen unsrer tatsächlichen Praxis in dieser
Art Höhle, worin der Kranke zu uns und, von Zeit zu Zeit, wir zu ihm
sprechen — und andererseits der theoretischen Ausarbeitung, der wir
sie unterziehen. Selbst bei Freud, wo dieser Abstand unendlich redu­
ziert erscheint, haben wir den Eindruck, daß eine Distanz bestehen­
bleibt.
Ich bin bestimmt nicht der einzige, der sich die Frage gestellt h a t— was
hat Freud wirklich getan? Bergler stellt sich diese Frage schwarz auf
weiß und gibt die Antwort, daß wir darüber nicht viel wissen außer
dem, was Freud selbst uns hat sehen lassen, indem er— auch er schwarz
auf w eiß— die Frucht einiger seiner Erfahrungen und namentlich der
fünf großen Analysen niedergeschrieben hat. In ihnen finden wir die
beste Einführung in Freuds Verhalten. Doch m an hat den Eindruck,
22 daß die Züge seiner Erfahrung sich nicht in ihrer konkreten Realität
reproduzieren lassen. Aus einem sehr einfachen Grund, auf den ich
schon verwiesen habe — die Einzigkeit von Freuds analytischer Erfah­
rung.
Freud war derjenige, der diesen Weg der Erfahrung geöffnet hat. Das
allein schon verlieh ihm, wie der Dialog mit dem Patienten zeigt, eine
absolut einmalige Optik. Der Patient ist für ihn — man spürt das die
ganze Zeit über— bloß eine Art Stütze, Frage, Kontrolle zuweilen au f
23
dem Weg, den er, Freud, alleine beschreitet. Daher das Drama, im
eigentlichen Sinne des Wortes, seiner Forschung. Das Drama, das in
jedem der Fälle, die er uns vorfuhrt, bis zum Scheitern fuhrt.
Die Wege, die F reud im Lauf dieser Erfahrung eröffnet hat, hat er wäh­
rend seines ganzen Lebens verfolgt, um am Ende etwas zu erreichen,
das man ein verheißenes Land nennen könnte. M an kann allerdings
nicht sagen, daß er es betreten hat. Es genügt zu lesen, was man als sein
Testament betrachten könnte, Die endliche und die unendliche Analyse, um
zu sehen, daß, wenn er sich einer Sache bewußt war, dann der, daß
er dies verheißene Land nicht betreten hat. Dieser Aufsatz ist keine
Lektüre, die man einem x-beliebigen, der zu lesen versteht — glück­
licherweise gibt’s nicht viele, die zu lesen verstehen —, empfehlen
kann, denn er ist, zumindest für Analytiker, schwer zu verdauen —
wenn man nicht Analytiker ist, pfeift man darauf.
Denen, die sich in der Lage sehen, Freud zu folgen, stellt sich die Frage,
wie die Wege, die uns überkommen sind, aufgenommen, neu verstan­
den und durchdacht worden sind. Was wir dazu beitragen wollen, kön­
nen wir nicht anders als unter dem Titel einer Kritik zusammenfassen,
einer Kritik der analytischen Technik.
Die Technik taugt und kann nur taugen in dem M aße, wie wir verste­
hen, wo die fundamentale Frage für den Analytiker liegt, der sie an­
wendet. Nun — halten wir vorerst fest, daß wir gehört haben, das Ego
sei der Verbündete des Analytikers, und nicht bloß der Verbündete,
sondern die einzige Erkenntnisquelle. W ir kennen nur das Ego,
schreibt man gemeinhin. Anna Freud, Fenichel, fast alle, die seit 1920
über Psychoanalyse geschrieben haben, wiederholen — Wir wenden uns
nur ans Ich, wir stehen nur mit dem Ich in Verbindung, alles muß über das Ich
laufen.
Auf der anderen Seite, konträr, läßt sich der gesamte Fortschritt dieser
Ich-Psychologie in dem Satz zusammenfassen — das Ich ist genauso
wie ein Symptom strukturiert. Im Innern des Subjekts ist es bloß ein
privilegiertes Symptom. Es ist das menschliche Symptom par excellen­
ce, es ist die Geisteskrankheit des Menschen.
Das analytische Ich auf diese schnelle, verkürzte Formel zu bringen, ist
die beste Zusammenfassung der schlichten und einfachen Lektüre von
Anna Freuds Buch Das Ich und die A bwehrmechanismen. U nmöglich, nicht
betroffen zu sein von dem Umstand, daß das Ich sich aufb aut und in
der Gesamtheit des Subjekts genauso situiert wie ein Symptom. Durch
nichts ist es davon unterschieden. Dieser völlig einleuchtenden De-
24
monstration ist nichts entgegenzusetzen. Nicht weniger einleuchtend
ist die Tatsache, daß die Begriffe in ihr einer solchen Konfusion ausge­
liefert sind, daß der Katalog der Abwehrmechanismen, die das Ich kon-
stituieren, eine der heterogensten Listen ist, die man sich nur vorstellen
kann. Anna Freud selber unterstreicht das sehr g u t— die Verdrängung
Begriffen wie der W endung des Triebs gegen sein Objekt und der Ver­
kehrung seiner Ziele ins Gegenteil anzunähern, das heißt Seite an Seite
stellen, was in keiner Weise homogen ist.
An dem Punkt, wo wir uns jetzt noch befinden, können wir’s vielleicht
hier nicht besser machen. Doch wir können sehr wohl die tiefe Ambi­
guität im Ego-Begriff der Analytiker aufdecken — daß es alles sei, was
man erreichen könne, und im übrigen nur ein Stein des Anstoßes, eine
Fehlleistung, ein Lapsus bleibe.
Zu Beginn seiner Kapitel über die analytische Deutung spricht Feni-
chel vom Ego wie alle W elt und fühlt sich zu der Behauptung bewogen,
das Ego sei diejenige wesentliche Funktion, durch die das Subjekt den
Sinn der Worte lerne. Nun denn — Fenichel ist mit dem ersten Satz im
Herzen des Problems. Alles ist da. Es kommt darauf an, ob der Sinn des
Ego das Ich (moi) überbordet.
Wenn diese Funktion eine Funktion des Ego ist, bleibt die gesamte
Darstellung, die Fenichel in der Folge gibt, völlig unverständlich, und
im übrigen kommt er darauf auch nicht mehr zurück. Ich sage, das ist
ein Lapsus, weil das weiter nicht entwickelt wird und weil alles, was er
entwickelt, darauf hinausläuft, daß er das Gegenteil davon behauptet,
und ihn am Ende verführt, das Id und das Ego für ein und dasselbe zu
halten — was nicht gerade dazu angetan ist, die Lage der Dinge zu klä­
ren. Aber ich wiederhole: entweder ist die Fortsetzung von Fenicheis
Darstellung undenkbar, oder es ist nicht wahr, daß das Ego diejenige.
Funktion sei, vermöge deren das Subjekt den Sinn der Worte lernL
Was ist das, das Ego? Worin wird das Subjekt erfaßt, das, jenseits des
Sinns der Worte, noch etwas ganz anderes ist — die Sprache, die in sei­
ner Geschichte eine formative und fundamentale Rolle spielt. Anläß­
lich der Technischen Schrißen von Freud haben wir uns diese Fragen zu
stellen, die weit gehen werden — unter der einzigen Bedingung, daß sie
zuallererst im Dienste unsrer jeweiligen Erfahrung stehen.
Wenn wir, ausgehend vom gegenwärtigen Stand der Theorie und der
Technik, miteinander reden wollen, so müssen wir uns auch die Frage
stellen, was davon schon in Freuds Errungenschaften impliziert war.
Was ging vielleicht schon bei ihm in die Richtung derjenigen Formeln,
25
zu denen wir heutzutage in unsrer Praxis geführt werden? Welche
Schrumpfung hat vielleicht unsre Optik verkürzt? O der geht, was sich
seither realisiert hat, in Richtung auf eine Erweiterung, au f eine stren­
gere, realitätsgerechtere Systematisierung? Im Zusammenhang dieser
Fragen könnte unser Kommentar seinen Sinn erhalten.

Ich möchte Ihnen eine noch genauere Vorstellung von der Form ver­
mitteln, die ich diesem Seminar zu geben gedenke.
Sie haben am Ende der letzten Vorlesungen den Ansatz zu einer Lektü­
re dessen kennengelernt, was man den psychoanalytischen Mythos
nennen könnte. Diese Lektüre hat die Tendenz, nicht so sehr ihn zu kri­
tisieren, als den Umfang derjenigen Wirklichkeit auszumessen, mit der
er zusammenstößt und der er seine, mythische, Antwort gibt.
Nun denn, das Problem ist enger umgrenzt, aber um vieles dringlicher,
wenn es um die Technik geht.
Es ist die Gerichtsbarkeit unsrer eigenen Disziplin, unter die die Prü­
fung dessen fallt, was unsrer Technik zugehört. W enn man zwischen
Handlungen und Verhaltensweisen des Subjekts und dem zu unter­
scheiden hat, was es uns in der Sitzung darüber erzählt, so möchte ich
bemerken, daß unsere konkreten Verhaltensweisen in der analytischen
Sitzung von der theoretischen Ausarbeitung, die wir davon geben,
genausoweit entfernt sind.
Doch das ist bloß eine erste W ahrheit, die ihre Bedeutung nur hat, so­
fern sie sich umkehrt und zugleich sagen will — genauso nah. Die
gründliche Absurdität des zwischenmenschlichen Verhaltens ist ver­
ständlich nur als Funktion desjenigen Systems — wie Melanie Klein es
glücklich, aber wie gewöhnlich ohne zu wissen, was sie sagt, genannt
hat —, des Systems, das sich das menschliche Ich ( moi) nennt, das heißt
der Reihe von Abwehrformen, Verneinungen, Sperren, Hemmungen
und fundamentalen Phantasmen, die dem Subjekt die Richtung wei­
sen und es leiten. Nun denn, nicht weniger strukturiert und motiviert
unsre theoretische Konzeption der analytischen T echnik— auch wenn
sie nicht vollständig mit dem übereinstimmt, was wir machen — noch
den geringsten unsrer Eingriffe bei den besagten Patienten.
Und gerade das macht die Sache so schwierig. Denn wir erlauben uns
tatsächlich — so wie die Analyse gezeigt hat, daß wir uns Dinge erlau-
26
ben, ohne davon zu wissen — , wir erlauben uns, unser Ego bei der Ana­
lyse mit ins Spiel zu bringen. W enn man daran festhält, daß es auf die
Wiederanpassung des Patienten ans Reale ankommt, muß man doch
wohl wissen, ob es das Ego des Analytikers ist, das das M aß des Realen
darstellt.
Gewiß fuhrt ein bestimmter Begriff vom Ego nicht schon dazu, daß un­
ser Ego wie ein Elefant im Porzellanladen unsrer Beziehung zum Pa­
tienten auftritt. Doch eine bestimmte Vorstellung von der Funktion
des Ego in der Analyse bleibt nicht ohne Wirkung auf eine bestimmte
analytische Praxis, die man als verhängnisvoll qualifizieren darf,
Ich eröffne die Frage nur. Es ist Sache unsrer Arbeit, sie zu lösen. Die
Gesamtheit unsrer jeweiligen Weltsysteme — ich rede von dem konkre-
25 ten System, das, um dazusein, nicht nötig hat, auch schon formuliert zu
sein, und das, ohne der O rdnung des Unbewußten zuzugehören, sich in
der Weise, in der wir uns alltäglich ausdrücken, in der geringsten
Spontaneität unserer Rede am Werk ist — ist es allen Ernstes das, was,
ja oder nein, in der Analyse als M aßstab dienen soll?

Ich glaube diese Frage so hinreichend eröffnet zu haben, daß Sie jetzt
die Bedeutung dessen, was wir zusammen tun können, verstehen.
Mannoni, wollen Sie sich bitte mit einem Ihrer Nachbarn, zum Bei­
spiel Anzieu, zusammentun, um den Begriff des Widerstands in den
Schriften Freuds zu studieren, die Ihnen unter dem Titel De la technique
psychoanalytique1 bei den Presses Universitaires zugänglich sind? Achten
Sie auch auf die Fortsetzung der Vorlesungen zur Einführung in die Psycho­
analyse. Wenn zwei andre, Perrier und Granoff zum Beispiel, sich zum
selben Them a zusammentun würden? Wir werden sehen, wie wir Vor­
gehen werden. W ir werden uns von der Erfahrung selbst leiten lassen.

13.J a n u a r 1954

27
II
ERSTE A U S F Ü H R U N G E N
Ü B E R D I E FRA G E D E S W I D E R S T A N D S

Die Analyse zum erstenmal


Materialität des Diskurses
A nalyse der A nalyse
Freud größenwahnsinnig?

Nach dem Vortrag von 0 . Mannoni


Man kann sich sehr herzlich bei M annoni bedanken, der eben in der
glücklichsten Weise die W iederaufnahme des Seminardialogs eröffnet
hat. Nichtsdestoweniger ist seine Tendenz schlicht phänomenologisch,
und ich denke nicht, daß die Lösung ganz von der Form sein wird, die
er uns hat sehen lassen — er selbst hat das gespürt. Doch es ist gut, die
Frage so gestellt zu haben, wie er es getan hat, als er von einem interper­
sonellen Mechanismus sprach, obgleich das Wort M echanismus in die­
sem Fall nur Annäherungswert besitzt.

Unterbrechung im Lauf des Vortrags von D. A nzieu


Freud erklärt, beim Bericht über Lucy R., daß er sich des Drucks der
Hand bediente, als er eine nur unvollständige Hypnose erreichte. Er
sagt anschließend, daß er aufgehört habe, sich um diese Sache weiter zu
kümmern, und daß er sogar darauf verzichtet habe, vom Subjekt, ge­
mäß der klassischen Methode, die Antwort auf die Frage Schlafen Sie? zu
bekommen, denn er hatte die Unannehmlichkeit, als Antwort zu hören
Abernein, ich schlafe überhaupt nicht — w asihndann in eine ziemlich miß­
liche Situation brachte. Auf eine naive und charm ante Weise erklärt er,
daß er genötigt war, das Subjekt davon zu überzeugen, daß er nicht
vom selben Schlaf spreche wie von demjenigen, an den der andere
dachte, als er seine Antwort gab, und daß dieser gleichwohl ein wenig
28
eingeschlafen sein müsse. Am Rande der vollkommensten Ambiguität,
sagt er sehr offen, daß ihn all das in große Verlegenheit gebracht habe,
mit der er erst an dem Tag fertig geworden sei, an dem er sich nicht
mehr darum gekümmert habe.
Aber er hat den Druck der H and, sei’s auf die Stirn, sei’s auf die beiden
Seiten des Kopfes, beibehalten, und er forderte gleichzeitig den Patien­
ten auf, sich auf die Ursache des Symptoms zu konzentrieren. Es war
das ein Zwischenstadium zwischen dem Dialog und der Hypnose. Die
Symptome wurden eines nach dem andern als solche behandelt und
als vorgegebene Probleme direkt angegangen. Dem Patienten wurde
versichert, daß sich die Erinnerungen, die sich unter den Händen von
Freud einstellten, diejenigen waren, um die’s zu tun war, und daß er
sich ihnen nur anzuvertrauen hatte. Und Freud fugte noch dies Detail
hinzu, daß in dem Augenblick, wo er seine Hände heben würde —
Mimesis der Aufhebung der Sperre— der Patient vollkommen bewußt
würde und das, was sich seinem Geist darböte, nur aufzunehmen hätte,
um sicher zu sein, daß er das richtige Ende des Fadens in Händen
halte.
Es ist ziemlich bemerkenswert, daß sich diese Methode, in den uns von
Freud überlieferten Fällen, als vollkommen wirksam erwiesen hat. T at­
sächlich ist der hübsche Fall der Lucy R. vollkommen gelöst, und zwar
mit einer Leichtigkeit, welche die Schönheit der Werke von Primitiven
zeigt. In allem Neuen, das man entdeckt, gibt es einen glücklichen Zu­
fall, eine glückliche Konjunktion der Götter. M it Anna O. dagegen er­
leben wir eine lange Arbeit des working-through, die die ganze Bewegt­
heit und Dichte der modernsten Analyse-Fälle aufweist, trotz der ange­
wandten Methode — mehrmals ist die ganze Reihe der Ereignisse, die
ganze Geschichte wiederdurchlebt, wieder durchgearbeitet worden. Es
handelt sich um eine Arbeit von langer Dauer, die beinahe ein Jah r in
Anspruch nimmt. Im Fall der Lucy R. geht die Sache sehr viel schnel­
ler, mit einer Eleganz, die daraus etwas Ergreifendes macht. Ohne
Zweifel sind die Sachen zu gedrängt und erlauben uns nicht, wirklich
zu sehen, wo die Triebfedern liegen, aber das ist trotzdem sehr brauch­
bar. Diese Frau hatte das, was man Geruchshalluzinationen nennen
kann, hysterische Symptome, und ihre Bedeutung, Orte und Daten
werden auf sehr glückliche Weise aufgedeckt. Freud gibt uns bei dieser
Gelegenheit sämtliche Details zu seiner Vorgehensweise.

29
3
Idem
Ich habe schon den Akzent auf den vollkommen privilegierten Charak-
ter der von Freud behandelten Fälle gelegt, privilegiert aufgrund des
besonderen Charakters seiner Technik. Was sie war, können wir nach
einer gewissen Anzahl von Regeln, die er uns gegeben hat und die ge­
treulich angewandt worden sind, nur vermuten. Nach dem Einge­
ständnis der besten Autoren und derjenigen, die ihn gekannt haben,
kann man sich keine vollkommene Vorstellung von der Art machen,
wie er die Technik angewandt hat.
Ich lege Nachdruck auf den Umstand, daß Freud in einer Forschung
fortgeschritten ist, die nicht vom selben Stil geprägt war wie die ande­
ren wissenschaftlichen Forschungen. Sein Gebiet ist das der Wahrheit
des Subjekts. Die Erforschung der W ahrheit ist nicht vollkommen re-
duzibel auf die objektive und nicht einmal auf die objektivierende For­
schung der gewöhnlichen wissenschaftlichen Methode. Es handelt sich
um die Realisierung der W ahrheit des Subjekts als einer eigenen Di­
mension, die in ihrer Ursprünglichkeit noch vom Begriff der Realität
selbst abgelöst werden muß — ich habe darauf in allen Vorlesungen
dieses Jahres den Akzent gelegt.
Freud war mit der Erforschung einer W ahrheit beschäftigt, die ihn
selbst vollkommen bis in seine eigene Person anging, also auch bis in
seine Gegenwart beim Kranken, in seine Aktivität, sagen wir, als
Therapeut — auch wenn der Begriff vollkommen ungenügend ist, um
seine Haltung zu qualifizieren. Demzufolge, was Freud selbst sagte, hat
dieses Interesse seinen Beziehungen zu seinen Kranken einen absolut
einzigartigen Charakter verliehen.
Gewiß, die Analyse als Wissenschaft ist immer eine Wissenschaft des
Besonderen. Die Realisierung einer Analyse ist im m erein einzigartiger
Fall, selbst wenn diese einzigartigen Fälle sich einer gewissen Allge­
meinheit öffnen, sofern es mehr als einen Analytiker gibt. Doch die ana­
lytische Erfahrung bei Freud stellt die Einzigkeit im Extrem dar, weil
er im Begriff war, die Analyse selbst zu konstruieren und zu verifizie­
ren. Wir können diese Tatsache nicht ausblenden, daß es das erstemal
war, daß man eine Analyse machte. Die Methode leitete sich ohne
Zweifel daraus her, aber Methode ist sie nur für die anderen. Freud
selbst wandte nicht eine Methode an. Wollten wir den einzigartigen,
inauguralen Charakter seines Vorgehens vernachlässigen, würden wir
einen schweren Fehler machen.
30
Dic Analyse ist eine Erfahrung des Besonderen. Die wirklich ursprüng­
liche Erfahrung dieses Besonderen nimmt also einen noch einzigartige­
ren Wert an. W enn wir nicht die Differenz unterstreichen, die es zwi­
schen diesem ersten Mal und all dem gibt, was darauf folgte, können wir,
die wir überhaupt nicht so sehr an dieser W ahrheit als vielmehr an der
Konstitution der Wege des Zugangs zu dieser W ahrheit interessiert
sind, niemals den Sinn erfassen, den man gewissen Sätzen, gewissen
Texten geben muß, die in Freuds Werk auftauchen und die in der Fol­
ge, in anderen Zusammenhängen, einen ganz anderen Sinn anneh­
men, auch dann noch, wenn man annehmen könnte, daß einer sich im
andern durchgezeichnet hat.
Es ist das Interesse dieser Kommentare zu Freudschen Texten, uns zu
erlauben, bis ins Detail Fragen zu verfolgen, die — Sie werden es sehen,
Sie sehen es schon heute — von einem beträchtlichen Gewicht sind. Sie
sind zahlreich, verfänglich, es ist im eigentlichen Sin genau derjenige
Typ von Fragen, den ein jeder nur zu vermeiden besorgt ist, um sich
einer alten Leier, einer schematischen, verkürzten, anschaulichen For­
mel anzuvertrauen.

D. Anzieu zitiert eine Passage aus den Studien über Hysterie, die Seiten
291-293. Unterbrechung.
Was an der von Ihnen herangezogenen Passage frappiert, ist dies, daß
sie sich von der pseudo-anatomischen M etapher ablöst, die Freud be­
nutzt, wenn er von den Wortvorstellungen spricht, die an den Nerven­
bahnen entlanglaufen. Hier erinnert das, was sich um den pathogenen
Kern geschichtet hat, an ein Aktenbündel, eine Einteilung nach ver­
schiedenen Registern. Diese M etaphern neigen unbezwinglich dazu,
die Materialisierung des Sprechens zu suggerieren, nicht die mythische
Materialisierung der Neurologen, sondern eine konkrete Materialisie­
rung— das Sprechen beginnt in einem gedruckten M anuskriptblatt zu
fließen. Die M etapher des leeren Blatts, des Palimpsests kommt gleich­
falls vor. Sie ist seither unter der Feder von mehr als einem Analytiker
erschienen.
Es taucht hier der Begriff mehrerer linearer Schichten auf, das heißt
mehrerer Diskursfaden. In dem Text, der sie materialisiert, stellt man
sie unter der Form eines buchstäblich konkreten Faszikels vor. Es gibt
einen Strom paralleler Reden, und diese weiten sich in einem bestimm-
31
ten Augenblick aus, um jenen berühm ten pathogenen Kern zu um­
schließen, der wieder eine Geschichte für sich ist, weichen ihm aus, um
ihn einzuschließen, und treten ein wenig weiter wieder zusammen.
Das Phänomen des W iderstandes ist genau dort situiert. Es hat eine
doppelte Richtung, eine lineare und eine radiale. Der W iderstand wird
in der radialen Richtung wirksam, wenn man sich denjenigen Fäden
nähern will, die im Zentrum des Faszikels liegen. Er ist die Folge des
Versuchs, von den äußeren Schichten zum Zentrum zu gelangen. Es
geht ejne positive Repulsionskraft von dem verdrängten Kern aus, und
wenn man sich bem üht, diejenigen Diskursfaden, d ie ihm am nächsten
liegen, zu erreichen, stößt man au f W idersta n d . Freud geht, nicht in
den Studien, sondern in einem späteren Text, der unter dem Titel Meta­
psychologie veröffentlicht worden ist, so weit, zu sagen, daß die Stärke
des Widerstands sich umgekehrt proportional zur Distanz verhält, in
der man sich vom verdrängten Kern befindet.
Ich glaube nicht, daß das der exakte W ortlaut des Satzes ist, aber er ist
sehr treffend. Er macht die Materialisierung des W iderstandes einsich­
tig, wie man sie im Lauf der Erfahrung bemerkt, und zwar genau, wie
Mannoni eben gesagt hat, im Diskurs des Subjekts. Um zu wissen, wo
das vorgeht, wo der materielle, biologische Träger liegt, nimmt Freud
schlicht den Diskurs für eine Realität als solche, eine R ealität wie sie da
ist, Bündel, Faszikel von Korrekturbögen, wie m an auch sagt, Faszikel
nebeneinandergesetzter Diskurse, deren eine die anderen decken, die
einander folgen, eine Dimension bilden, eine Dichte, eine Akte.
Freud verfügte noch nicht über den Begriff des für sich isolierten, mate­
riellen Trägers des Sprechens. Heutzutage hätte er als Element seiner
Metapher die Folge der Phoneme gewählt, aus denen sich ein Teil des
Diskurses des Subjekts zusammensetzt. Er würde sagen, daß man auf
einen um so stärkeren W iderstand stößt, je näher das Subjekt einem
Diskurs kommt, welcher der letzte und der gute wäre, aber den es abso­
lut ablehnt.
Was bei Ihrer Bemühung um eine Synthese vielleicht nicht deutlich
genug herausgekommen ist, ist eine Frage, die, was den W iderstand an­
geht, allerdings in erster Linie steht — die Frage der Beziehungen zwi­
schen Unbewußtem und Bewußtem. Ist der W iderstand ein Phäno­
men, das allein in der Analyse auftaucht? O der ist er etwas, wovon wir
reden können, wenn sich das Subjekt außerhalb der Analyse bewegt,
und sogar bevor er in sie eintritt oder nachdem er sie verlassen hat? Hat
der Widerstand auch noch außerhalb der Analyse seinen Sinn?
32
Es gibt einen Text überden W iderstand in der Traumdeutung, auf den
keiner von Ihnen sich bezogen hat und der doch den Zugang zu be·
stimmten Problemen eröffnet, die Sie beide sich gestellt haben, denn
Freud fragt sich darin nach dem Charakter der Unzugänglichkeit des
Unbewußten. Die Begriffe des W iderstands sind außerordentlich alt.
Und von Anfang an, seit den ersten Untersuchungen von Freud, ist der
Widerstand an den Begriff des Ego gebunden. Doch wenn man im Text
der Studien gewisse ergreifende Sätze liest, in denen es sich nicht allein
um das Ego als solches handelt, sondern um das Ego als Repräsentant
der Vorstellungsmasse, dann bemerkt man, daß der Begriff des Ego
schon bei Freud alle Probleme ahnen läßt, die er nun uns aufgibt. Ich
möchte fast sagen, daß das ein Begriff mit Rückwirkung ist. Liest man
diese ersten Sachen im Lichte dessen, was sich seither um das Ego ent­
wickelt hat, scheint es sogar, als würden die jüngsten Formulierungen
eher maskieren als klarstellen.
Sie können in dieser Formel von der Vorstellungsmasse etwas nicht
übersehen, das in einzigartiger Weise der Formel, die ich Ihnen hab’
geben können, benachbart ist, nämlich daß die Gegenübertragung
nichts anderes als die Funktion des Ego des Analytikers ist, das, was ich
die Summe der Vorurteile des Analytikers genannt habe. Desglei­
chen findet man beim Patienten finp ganze Organisation von
Gewißheiten, Glaubenssätzen, Verknüpfungen, Bezügen,, die genau­
genom m en das e rg e h e n , w as Freud von Anfang an ein Vorstellungs.-

nennen können.
Kommt der W iderstand einzig von dort? Wenn ich, an der Grenze des
Gebietes des Sprechens, das eben diese Vorstellungsmasse des Ich ist,
Ihnen die Summe des Schweigens vergegenwärtigte, nach der ein
anderes Sprechen wieder zum Vorschein kam, dasjenige, das cs im
Unbewußten wiederzuerobern gilt, denn es ist derjenige Teil des Sub­
jekts, der von seiner Geschichte abgetrennt ist — liegt dort der WjdfiL·:
stand? Ist es, ja oder nein, schlicht und einfach, die Organisation des
Ich, die, als solche, den W iderstand konstituiert? Ist es das, was die
32 Schwierigkeit des Zugangs zum Inhalt des Unbewußten in radialer
Richtung ausmacht - um Freuds Ausdruck zu verwenden? Das ist die
Frage, eine ganze einfache, zu einfache Frage, und als solche unlösbar.
Glücklicherweise ist im Laufe der ersten dreißig Jahre dieses Jahrhun­
derts die analytische Technik genügend weit fortgeschritten, sie hat
genug experimentelle Phasen durchlaufen, um ihre Fragen zu differen-
33
zieren. Wie Sie sehen, sind wir auf Folgendes zurückgekommen — wo­
von ich Ihnen gesagt habe, daß es das Modell unserer Untersuchung
sein wird — daß man die Entwicklung, die Wechselfalle der analyti­
schen Erfahrung als das ansehen muß, was uns über die eigentliche Na­
tur dieser Erfahrung belehrt, sofern auch sie eine menschliche Erfah-
!rung ist, vor sich selber m ask iertes heißt das, auf die Analyse selbst das
: Schema anwenden, das sie uns gelehrt hat. Ist sie nicht letztlich selber
lein Umweg, um zum Unbewußten zu gelangen? Das heißt auch, das
Problem, das uns von der Neurose gestellt ist, in den zweiten Rang rük*
ken. Ich tu’ hier nichts anderes, als das zu behaupten. Sie werden den
Beweis dafür zugleich mit unserer Untersuchung erleben.
Was will ich?— wenn nicht diese wahrhafte Sackgasse, in die, in geisti­
ger wie in praktischer Hinsicht, gegenwärtig die Analyse mündet,
verlassen. Sie sehen, ich gehe weit in der Formulierung dessen, was ich
sage — es kommt darauf an, die Analyse selbst dem operationalen
Schema zu unterwerfen, das sie uns beigebracht hat und das darin
besteht, in den verschiedenen Phasen ihrer theoretisch-technischen
Ausarbeitung zu lesen, womit in der W iedereroberung der authenti­
schen Realität des Unbewußten durch das Subjekt weiter yoranzu-
kommen ist.
Diese Methode läßt uns den bloßen formalen Katalog von Verfahren
oder begrifflichen Kategorien weit überschreiten. Die Wiederaufnah­
me der Analyse in einer ihrerseits analytischen U ntersuchung ist ein
Vorgang, der seine Fruchtbarkeit an der Technik erweisen wird, wie er
sie schon an den klinischen Texten von Freud erwiesen hat.

Ausßihrungen im Lauf der Diskussion

Die psychoanalytischen Texte wimmeln von methodischen Unrichtig­


keiten. Es gibt da Themen, die schwierig zu behandeln, zu verbalisie-
ren sind, ohne dem Verb ein Subjekt zu geben, auch lesen wir die ganze
Zeit, daß das Ego das Signal der Angst ausstößt, den Lebenstrieb, den
Todestrieb ( l’instinct de vie, l ’instinct de mort) 2 in der H and hat — man
weiß nicht mehr, wo die Zentrale ist, der Weichensteller, die Weiche.
All das ist bedenklich. W ir sehen die ganze Zeit Maxwells kleine Dä­
monen im analytischen Text auftauchen, die von einer Weitsicht sind,
34
von einer Intelligenz... Das Ärgerliche ist, daß die Analytiker keine
ausreichend klare Vorstellung von der N atur der Dämonen haben.
Wir sind da, um zu sehen, was die Nennung des Begriffs des Ego vom
» einen Ende von Freuds Werk zum andern bedeutet. Es ist unmöglich,
das zu verstehen, was dieser Begriff repräsentiert, wie er mit den Wer­
ken von 1920 aufzutauchen beginnt, mit den Studien zur Gruppenpsy­
chologie und Das Ich und das Es * wenn man dam it beginnt, alles in
einer allgemeinen Summe zu versenken, unter dem Vorwand, es gehe
darum, eine bestimmte Seite des psychischen Apparats kennenzuler­
nen. Das Ego, im Werk Freuds, ist das durchaus nicht. Es hat eine funk­
tionelle Rolle, die an technische Notwendigkeiten gebunden ist.
Das Triumvirat, das in New York funktioniert, H artmann, Loewen-
stein und Kris, fragt sich bei seinem gegenwärtigen Versuch, eine Ich-
psychologie auszuarbeiten, unablässig — was hat Freud in seiner letz­
ten Theorie des Ego sagen wollen? H at man bislang wirklich die techni­
schen Implikationen daraus gezogen? Ich übersetze nicht, ich wieder­
hole bloß, was in den zwei oder drei letzten Aufsätzen von Hartmann
steckt. Im Psychoanalytic Quarterly von 1951 können Sie drei Aufsätze von
Loewenstein, Kris und H artm ann zu diesem Gegenstand finden, die
die Lektüre lohnen. M an kann nicht sagen, daß sie in einer wirklich
vollkommen zufriedenstellenden Formulierung münden, aber sie su­
chen in dieser Richtung und stellen theoretische Prinzipien auf, die
sehr wichtige technische Anwendungen zulassen, welche, ihnen zufol­
ge, nicht bemerkt worden sind. Es ist sehr aufschlußreich, diese Arbeit
zu verfolgen, die sich in Aufsätzen darstellt, die seit einigen Jahren, ins­
besondere nach dem Ende des Krieges, aufeinander folgen. Ich glaube,
daß sich darin ein sehr bezeichnendes Scheitern manifestiert, das für
uns lehrreich sein muß.
Jedenfalls liegt eine W elt zwischen dem Ego, wie man von ihm in den
Studien * als der Vorstellungsmasse, dem Vorstellungsinhalt spricht,
und der letzten Theorie des Ego, wie sie, für uns noch problematisch,
von Freud selbst seit 1920 geschmiedet worden ist. Zwischen beiden
erstreckt sich das zentrale Feld, das zu studieren wir im Begriff sind.
Wie ist sie entstanden, diese letzte Theorie des Ego? Das ist die Spitze
der theoretischen Arbeit Freuds, eine außerordentlich originelle und
neue Theorie. U nter der Feder H artm anns indessen stellt sie sich dar,
als suchte sie mit aller Kraft, sich der klassischen Psychologie anzu­
schließen.
Beides ist wahr. Diese Theorie, Kris schreibt das, läßt die Psychoanaly-
35
se in die allgemeine Psychologie eingehen und bringt zugleich eine bei*
spiellose Neuerung mit sich. Ein Paradox, das wir hier werden zur Gel­
tung bringen müssen, sei es, daß wir bis zu den Ferien mit den techni­
schen Schriften weitermachen, sei es, daß wir dasselbe Problem mit
den Schriften von Schreber angehen.

In dem Artikel von Bergmann, Germinal cell, ist das, was als Keimzelle
der analytischen Beobachtung dargestellt wird, der Begriff des Wieder­
gefundenen und der Restitution der Vergangenheit. E r bezieht sich auf *
die Studien über Hysterie * um zu belegen, daß Freud bis zum Ende seines
Werks, bis in die letzten Ausdrücke seines Denkens, diesen Begriff der
Vergangenheit unter tausend Formen, und vor allem unter der Form
der Rekonstruktion, in die erste Linie gerückt habe. In diesem Artikel
wird die Erfahrung des Widerstands also in keiner Weise als zentral an­
gesehen.

Hyppolite spielt auf die Tatsache an, daß die anatomischen Arbeiten
von Freud als Erfolge angesehen werden können und als solche bestä­
tigt worden sind. Als er sich hingegen daran machte, au f physiologi­
schem Gebiet zu operieren, scheint er ein gewisses Desinteresse emp­
funden zu haben. Das ist einer der Gründe, aus denen er die Tragweite
der Entdeckung des Kokains nicht weiterverfolgt hat. Seine physiologi­
sche Forschung war lax, weil sie ganz in der Nähe der Therapeutik ge­
blieben ist. Freud hat sich m it der Benutzung des Kokains als Analge­
tikum beschäftigt und hat seinen W ert für die Anästhesie beiseite gelas­
sen.
Aber damit sind wir endlich im Begriff, einen Zug der Persönlichkeit
Freuds zu bezeichnen. M an kann sich zweifellos die F rage stellen, ob er
sich, wie Z gesagt hat, für ein besseres Schicksal aufgehoben hat. Aber
bis zu der Behauptung zu gehen, daß er auf die Psychopathologie zuge­
steuert ist, sei für ihn eine Kompensation gewesen, halte ich für ein we­
nig übertrieben. Wenn wir die in dur den Anfängen der Psychoanalyse pu­
blizierten Arbeiten und das wiederentdeckte erste M anuskript mit der
Theorie des psychischen Apparats lesen, werden wir gewahr, daß er
sehr wohl auf dem Weg seiner Zeit zur theoretischen Ausarbeitung der
mechanistischen Funktionsweise des Nervenapparats ist — übrigens
hat alle Welt das erkannt.
Um so weniger braucht man darüber erstaunt zu sein, daß Elektrizi­
tätsmetaphern sich darein mischen. Aber man darf auch nicht verges-
36
sen, daß der elektrische Strom zum erstenmal auf dem Gebiet der Ner­
venbahnen experimentell untersucht worden ist, ohne daß man aber
gewußt hätte, welche Tragweite das hat.

Z: — Ich glaubt, daß vom klinischen Gesichtspunkt aus der Begriff des Wider­
stands eine Erfahrung darstellt, die wir alle das eine oder andere Mal mit beinahe
allen Patienten in unserer Praxis machen müssen — er sperrt sich, und das macht
mich wütend.

— Was? Was ist das?

Z :— Diese außerordentlich unangenehme Erfahrung, wo man sich sagt— er war


im Begriff, es zufinden, er konnte es selberfinden, er weiß es, ohne zu wissen, daß
er es weiß, er braucht sich nur die Mühe zu machen, dadrunterzu sehen, und dieser
Blödmann, dieser Idiot, sämtliche aggressiven undfeindseligen Wörter, die uns in
den Sinn kommen, er macht es nicht. Und die Versuchung, die man verspürt, ihn zu
zwingen, ihn zu nötigen,...

S5 — Bohren Sie nicht zuviel darin herum.

J. H yppoute : — Das einzige, was dem Analytiker intelligent zu sein erlaubt,


ist, daß der Widerstand den Analysierten als einen Idioten erscheinen läßt. Das
gibt ein hohes Selbstbewußtsein.

Gleichwohl ist die Falle der Gegenübertragung, denn so muß man sie
nennen, noch tückischer als diese erste Ebene.

Z:— Der direkten Macht über Menschen substituiert Freud die indirekte und eher
akzeptable Macht, welche die Wissenschaft über die Natur gibt. Man bemerkt
darin den Mechanismus der Intellektualisierung, die Natur verstehen und eben da­
durch sie sich unterwerfen, die klassische Formel des Determinismus, was dann
anspielend auf Freuds autoritären Charakter verweist, der seine ganze Geschichte
bestimmt und insbesondere seine Beziehungen zu den Häretikern wie zu seinen
Schülern.

Ich muß sagen, daß, wenn ich in diesem Sinne spreche, ich doch nicht
so weit gegangen bin, daraus den Schlüssel zur Freudschen Entdek-
kung zu machen.

37
Z: — Ich glaube auch nicht, den Schlüssel daraus zu machen, aber ein interessan­
tes Element, das ins rechte Licht gesetzt werden muß. In diesem Widerstand ist
Freuds Überempfindlichkeil gegen den Widerstand des Subjekts nicht ohne Bezie­
hung auf seinen eigenen Charakter.

Was erlaubt Ihnen, von der Uberempfindlichkeit Freuds zu sprechen?

Z: — Die Tatsache, daß er ihn entdeckt hat und nicht Breuer und weder Charcot
noch die anderen. Das ist immerhin ihm passiert, weil er ihn lebhafter empfunden
hat, und er hat das, was er »erspürt hat, aufgeklärt.

Sie glauben, daß eine Funktion wie den W iderstand herausgearbeitet


zu haben, auf eine besondere Intoleranz bei dem Subjekt gegen das,
was ihm widersteht, hindeutet? Ist es nicht im Gegenteil der Umstand,
daß er sie zu beherrschen, woandershin und weit darüber hinaus zu
gehen verstand, der Freud erlaubt hat, daraus eine der Triebfcdem der
Therapeutik gemacht zu haben, einen Faktor, den man objektivieren,
benennen und handhaben kann? Sie glauben, Freud sei autoritärer als
Charcot?— während doch Freud, soweit er kann, auf die Hypnose ver­
zichtet, um das Subjekt das integrieren zu lassen, wovon es durch den
Widerstand abgetrennt ist. M it anderen W orten, findet man bei de­
nen, die den Widerstand verkennen, einen weniger autoritären Cha­
rakter als bei dem, der ihn als solchen anerkennt? Ich wäre eher geneigt
zu glauben, daß jemand, der durch die Hypnose das Subjekt zu seinem
Objekt zu machen sucht, zu seiner Sache, ihn geschmeidig wie ein
Handschuh zu machen, um ihm die Form zu geben, die er will, um das
herauszuziehen, was er will, mehr als Freud von dem Bedürfnis getrie­
ben ist, zu herrschen und seine M acht auszuüben. Freud hingegen
scheint das, was man auch gemeinhin den Objektwiderstand nennt, zu
respektieren.

Z: — Gewiß.

Ich glaube, daß man hier außerordentlich vorsichtig sein muß. Wenn
ich Ihnen vom Analysieren des Freudschen Werkes spreche, so um da­
bei mit aller analytischen Vorsicht vorzugehen. Dabei darf man aus
einem Charakterzug keine Konstante der Persönlichkeit machen und
noch weniger eine Charakteristik des Subjekts. Es gibt darüber aus der
Feder von Jones sehr unvorsichtige Sachen, die aber doch nuancierter
38
sind als das, was Sie gesagt haben. Zu glauben, daß die Karriere Freuds
eine Kompensation seiner M achtbegier gewesen sei, will heißen seines
schlichten Größenwahns, wovon im übrigen noch Spuren in seinen Ge­
danken zu finden sind, ich glaube, das ist... Das Drama Freuds im
Augenblick, in dem er seinen Weg entdeckt, läßt sich so nicht zusam­
menfassen. W ir haben in der Analyse immerhin genug gelernt, um uns
nicht verpflichtet zu fühlen, einen Freud, der die Welt zu beherrschen
träumt, mit Freud, dem Initiator einer neuen W ahrheit, zu identifizie­
ren. Das scheint mir, wenn nicht von derselben Libido, ebensowenig
von derselben Cupido auszugehen.

J. H yppolite : — Mir scheint trotzdem — ohne vollständig die Formulierungen


von Z und die Schlüsse, die er daraus zieht, zu akzeptieren — daß es sich in der
Herrschaß, wie sie Charcot durch Hypnose ausübt, nur um die Beherrschung eines
auf ein Objekt reduzierten Wesens, um die Verfügung über ein Wesen, das seiner
nicht mehr Herr ist, handelt. Während die Freudsche Herrschaft darin besteht. ein
Subjekt, ein Wesen, das noch Selbstbewußtsein hat. zu besiegen. Es gibt also einen
stärkeren Herrschwillen in der Beherrschung des zu besiegenden Widerstandes als
in der schlichten und einfachen Unterdrückung dieses Widerstandes — ohne daß
man daraus den Schluß ziehen könnte, Freud habe die Welt beherrschen wollen.

Handelt es sich in Freuds Erfahrung um Herrschaft? Ich mache bei


einer ganzen Reihe von Dingen meine Vorbehalte, die nicht durch
seine Verfahrensweise bestätigt werden. Insbesondere überrascht uns
sein Interventionismus, wenn wir ihn mit gewissen technischen Prinzi­
pien vergleichen, denen wir heutzutage Bedeutung beilegen. Aber es
gibt in diesem Interventionismus keinerlei Befriedigung darüber, den
Sieg über das Bewußtsein des Subjekts davongetragen zu haben, im
Gegensatz zu dem, was Hyppolite sagt, weniger sicher als in den mo­
dernen Techniken, die den ganzen Nachdruck auf den Widerstand le­
gen. Bei Freud sehen wir eine differenziertere Haltung, das heißt eine
menschlichere.
Er definiert nicht immer das, was m an jetzt Deutung der Abwehr
nennt und was vielleicht nicht der beste Ausdruck ist. Aber unterm
37 Strich spielt d ie Inhaltsdeutung bei Freud die Rolle der Abwehr-
dcutung.
Sie haben Recht, darauf hinzuweisen, Z. Das heißt, das ist etwas für
Sie. Ich möchte versuchen, Ihnen zu zeigen, auf welchem Nebenweg
die Gefahr einer Nötigung des Subjekts durch die Eingriffe des Analyti-
39
kers sich einschleicht. Sie ist sehr viel deutlicher in den sogenannten
modernen Techniken - wie man sagt, wenn man von der Analyse
spricht als spräche man vom Schach und vom M a tt—als sie je bei Freud
gewesen ist. Und ich glaube nicht, daß die theoretische Entwicklung
des Begriffs vom Widerstand als Vorwand dafür dienen kann, im Hin­
blick auf Freud diese Anklage zu formulieren, die radikal gegen den
Strich der befreienden Wirkung seines Werks und seines therapeuti­
schen Handelns geht.
Das ist kein Gesinnungsprozeß, den ich Ihnen mache, Z. Was Sie zei­
gen, ist, sehr deutlich, tendenziös. Gewiß, m an m uß mit forschendem,
kritischem Geist selbst an originelle Werke herangehen, aber in dieser
Form kann das nur dazu dienen, das Geheimnis weiter zu verdunkeln,
und durchaus nicht, es ans Licht zu bringen.

20. und 27.J anuar 1954

40
Ill
DER W ID ER ST A N D U N D D IE A B W E H R H A N D L U N G E N

Ein Zeugnis von Annie Reich


Von Ego zu Ego
Realität und Phantasma des Traumas
Geschichte, erlebt, wiedererlebt

Beginnen wir dam it, M annoni und Anzieu zu ihren Vorträgen zu be­
glückwünschen, die bestimmt waren, Ihnen die brenzlichen Seiten der
Frage zu zeigen, die wir behandeln. Wie es Köpfen entspricht, die zwei­
fellos gebildet, aber doch erst vor kurzem wenn nicht in die Anwen­
dung der Analyse, so doch zumindest in ihre Praxis eingeführt worden
sind, war in ihren Vorträgen etwas ziemlich Scharfes, das heißt Polemi­
sches, was für die Einführung in die Lebendigkeit des Problems auf je­
den Fall seinen Nutzen hat.
Es ist eine sehr heikle Frage aufgeworfen worden, um so heikler, als sie,
wie ich in meinen EinwUrfen angezeigt habe, für einige von uns über­
aus aktuell ist.
Es ist im Hinblick auf Freud der implizit formulierte Vorwurf gemacht
worden, sein autoritärer C harakter müsse als konstitutiv für seine Me­
thode angesehen werden. Das ist paradox. Wenn etwas die Originalität
der anajytischen Behandlung ausm acht, so dies, am U rsprung und von
Anfang an die problematische Beziehung des Subjekts zu sich selbst
durchdrungen zu haben. JDer eigentliche F und, die Entdeckung, so ver­
standen, wie ich Sie Ihnen zu Beginn dieses Jahres dargestellt habe, jst
es, diese Beziehung in V erbindung m it dem Sinn der Symptome ge­
bracht zu haben.
Es ist die Ablehnung dieses Sinns durch das Subjekt, die für es ein Pro­
blem darstellt. Dieser Sinn darf ihm nicht enthüllt werden, er muß von
ihm aufgenommen werden. D arin ist die Psychoanalyse eine Technik,
die die menschliche Person respektiert — in dem Sinne, wie wir das
heute, nachdem wir festgestellt haben, daß das seinen Preis hatte, ver­
stehen — die sie nicht allein respektiert, sondern überhaupt nicht an­
ders möglich ist, als indem sie sie respektiert. Es wäre also paradox, in
41
vorderste Linie die Vorstellung zu setzen, daß die analytische Technik
zum Ziel hat, den W iderstand des Subjekts zu bezwingen. Was nicht
heißen soll, daß sich das Problem überhaupt nicht stellt.
In der Tat, wissen wir nicht, heutzutage, daß der und der Analytiker
nicht einen einzigen Schritt in der Behandlung tut, ohne seine Schüler
zu lehren, sich beim Patienten immer wieder die Frage zu stellen —
Was hat er denn noch als Abwehr erfinden können?
Diese Konzeption ist nicht eigentlich detektivisch, in dem Sinne, in
dem es sich darum handeln würde, etwas Verstecktes zu finden — das
ist vielmehr der Begriff, der auf die zweifelhaften Phasen der Analyse in
ihren archaischen Perioden angewandt werden müßte. Sie suchen viel­
mehr unablässig zu wissen, welche Stellung wohl das Subjekt hat ein­
nehmen können, welchen Fund es hat machen können, um sich in eine
solche Position zu begeben, daß alles, was wir ihm sagen, wirkungslos
bleibt. Es wäre nicht richtig zu sagen, daß sie dem Subjekt Unredlich­
keit unterstellen, denn Unredlichkeit ist zu eng m it Implikationen der
Ordnung der Erkenntnis verbunden, die diesem Geisteszustand voll­
kommen fremd sind. Das wäre noch zu subtil. Es ist da die Vorstellung
eines fundamentalen bösen Willens des Subjekts im Spiel. All diese Zü­
ge machen, daß ich glaube präzis zu sein, wenn ich diesen analytischen
Stil als inquisitorisch qualifiziere.

Bevor ich auf meinen Gegenstand eingehe, werde ich als Beispiel den
Aufsatz von Annie Reich über die Gegenübertragung vornehmen, der
in der ersten Nummer des InternationalJournal ojPsycho-analysis von 1951
erschienen ist.
Dieser Artikel nimmt seine Anknüpfungspunkte in einer Art, die Tech­
nik auszurichten, die in einem bestimmten Teil der englischen Schule
sehr weit geht. So kommt man, wie Sie wissen, dazu zu sagen, daß sich
jede Analyse im hic et nunc abspielen muß. Alles soll in Tuchfühlung mit
den Intentionen des Subjekts, hier und jetzt, während der Sitzung, ge­
schehen. Man erkennt ohne Zweifel an, daß m an flüchtig die Fetzen
seiner Vergangenheit bemerkt, aber man denkt, daß es am Ende der
Rechnung, bei der Probe — ich würde fast sagen der psychologischen
Kraftprobe — innerhalb der Behandlung sei, wo sich die ganze Aktivi­
tät des Analytikers entwickelt.
42
Genau das ist die Frage — die Aktivität des Analytikers. Wie handelt
er? Was von dem, was er tut, trägt?
Für die in Frage stehenden Autoren, für Annie Reich, zählt nichts
außer der Anerkennung der Intentionen seines Diskurses durch das
Subjekt, hic et nunc. U nd seine Intentionen haben anders keinen Wert
als in ihrer Tragweite hic et nunc, im gegenwärtigen Gespräch. Das Sub­
jekt kann ruhig beschreiben, wie es sich m it seinem Krämer oder sei­
nem Friseur in den H aaren liegt — in Wirklichkeit geht es derjenigen
Person auf den Wecker, an die es sich wendet, das heißt dem Analyti­
ker.
Daran ist etwas Wahres. Es genügt, die geringste Praxis im Eheleben zu
haben, um zu wissen, daß im m er ein Stück impliziter Rückforderung
in dem Umstand liegt, daß einer der Eheleute dem andern berichtet,
*i was ihn im Lauf des Tages geärgert hat — das eher als das Gegenteil.
Aber es kann dabei auch die Sorge im Spiel sein, ihn über irgendein
Ereignis zu informieren, worüber Bescheid zu wissen wichtig ist. Beides
ist wahr. Es kommt darauf an zu wissen, auf welchen Punkt man Licht
wirft.
Die Sachen gehen, wie die folgende Geschichte, die Annie Reich be­
richtet, zeigt, zuweilen noch weiter. Bestimmte Züge sind verwischt,
aber alles macht den Eindruck, daß es sich um eine Lehranalyse han­
delt, jedenfalls um eine Analyse von jem andem , dessen Handlungsfeld
der Psychoanalyse sehr nahe liegt.
Der Analysierte hatte im Radio einen Vortrag über einen Gegenstand
zu halten, der den Analytiker selber lebhaft interessiert — so was
kommt vor. Es ist so, daß er diesen Radiovortrag einige Tage nach dem
Ableben seiner M utter hält. N un deutet alles daraufhin, daß die fragli­
che Mutter eine höchst bedeutsame Rolle in den Fixierungen des Pa­
tienten spielt. Er ist von diesem Trauerfall sicher sehr erschüttert, aber
nichtsdestoweniger erfüllt er seine Verpflichtungen in einer besonders
brillanten Form. Zur folgenden Sitzung erscheint er in einem Zustand
der Erstarrung, der Verwirrung nahe. Nicht bloß, daß nichts aus ihm
herauszubringen ist, was er sagt, überrascht auch durch seine Zusam-
menhanglosigkeit. Der Analytiker deutet kühn — Sie sind in diesem Zu­
stand, weil Sieglauben, daß ich Sie um Ihren Erfolg sehr beneide, dm Sie gestern
am Radio gehabt haben, über dies Thema, das, wie Sie wissen, mich selbst im
höchsten Maß interessiert. Et voilà!
Die weitere Beobachtung zeigt, daß das Subjekt nicht weniger als ein
Jahr brauchte, um sich von diesem Deutungs-Schock zu erholen, der
43
übrigens eine gewisse Wirkung nicht verfehlt hat, denn es ist augen­
blicklich wieder zur Besinnung gekommen.
Das zeigt Ihnen, daß der Umstand, daß das Subjekt infolge des Ein­
griffs des Analytikers aus einer Art Nebelzustand auftaucht, absolut
nicht beweist, daß er im eigentlich therapeutischen, strukturierenden
Sinn des Wortes wirksam gewesen ist, will heißen, daß er, in der Analy­
se, wahr gewesen ist. Im Gegenteil.
Annie Reich hat das Subjekt auf den Sinn der Einheit seines Ich zu-
rückgeführt. Aus der Verwirrung, in der es sich befand, ist es unvermit­
telt herausgetreten, indem es sich sagte — Ich hob’da jemanden, der mich
daran erinnert, daß dem Wolf alles Wolf ist und daß wir im Leben sind. Und er
geht wieder los und setzt sich wieder in Gang — die W irkung erfolgt
unverzüglich. Es ist, nach analytischer Erfahrung, unmöglich, den
Umstand, daß das Subjekt seinen Stil ändert, als Beweis für die Rich­
tigkeit einer Interpretation anzusehen. Ich halte dafür, daß als Beweis
für die Richtigkeit einer Interpretation zu gelten hat, daß das Subjekt
bestätigendes Material liefert. Und auch das noch verdient, nuanciert
zu werden.
Nach Verlauf eines Jahres bemerkt das Subjekt, daß sein verworrener
Zustand an die Nachwirkung seiner Trauergefühle gebunden war, die
es nur durch Umkehrung hatte überwinden können. Ich verweise Sie
hier auf die Psychologie der Trauer, deren depressiven Aspekt einige
von ihnen zur Genüge kennen.
Ein Radiovortrag wird in der T at nach einem ganz besonderen Modus
des Sprechens gemacht, sofern er von einem unsichtbaren Sprecher an
eine unsichtbare Hörermasse gerichtet wird. M an kann sagen, daß er
sich in der Phantasie des Sprechers nicht zwangsläufig an diejenigen
richtet, die ihm zuhören, sondern auch an alle, an die Lebenden wie an
die Toten. Das Subjekt war dabei in einer Konfliktsituation — es
konnte bedauern, daß seine M utter nicht Zeugin seines Erfolgs wer­
den konnte, aber vielleicht war in seinem Diskurs, den es an seine
unsichtbaren Hörer richtete, zugleich etwas, das für sie bestimmt
war.
Wie dem auch sei, der Charakter der H altung des Subjekts wird nun
schlicht umgekehrt, pseudo-manisch, und seine enge Beziehung zum
rezenten Verlust seiner M utter, des privilegierten Objekts seiner Lie-
besbindungen, ist offenbar die Triebfeder seines kritischen Zustandes,
in dem es in der folgenden Sitzung angelangt war, nach seiner Großtat,
nachdem es trotz widerstreitender Um stände und in brillanter Weise
44
das realisiert hat, was es zu tun sich verpflichtet hatte. So legt Annie
Reich, die indessen von einer kritischen H altung gegenüber diesem Stil
des Eingriffs weit entfernt ist, selber Zeugnis davon ab, daß die Deu­
tung, die sich auf die intentionale Bedeutung des Diskursaktes im ge­
genwärtigen Augenblick der Sitzung gründet, sämtlichen Relativitä­
ten unterworfen ist, die der eventuelle Einsatz des Ego des Analytikers
impliziert.
Um alles zu sagen, wichtig ist nicht, daß der Analytiker selbst sich ge­
int hat, und nichts zeigt sogar an, daß die Gegenübertragung an dieser
im weiteren Verlauf der Behandlung offenkundig abgelehnten Deu­
tung schuld ist. Daß das Subjekt die Gefühle gehabt hat, die ihm der
Analytiker unterstellte, brauchen wir nicht bloß einzuräumen, son­
dern das ist überaus wahrscheinlich. D aß der Analytiker in der von ihm
gegebenen Deutung davon geleitet war, ist eine Sache, die an sich nicht
gefährlich ist. Daß das einzige analysierende Subjekt, der Analytiker,
sogar ein Gefühl der Eifersucht verspürt haben kann, ist seine Sache,
der es in geeigneter Weise R echnung tragen m uß, um sich davon wie
von einem Richtungsweiser m ehr leiten zu lassen. M an hat nie be­
hauptet, daß der Analytiker gegenüber seinem Patienten nie Gefühle
verspüren darf. Aber er m uß es verstehen, nicht nur sich ihnen nicht zu
überlassen, sie an ihren Platz zu stellen, sondern sich ihrer in seiner
Technik adäquat zu bedienen.
Was diesen Fall betrifft, so hat die Analytikerin den G rund für das
Verhalten des Patienten, weil sie glaubte, ihn zunächst im hic et nunc
suchen zu müssen, in dem gefunden, was ohne Zweifel tatsächlich auf
dem intersubjektiven Feld zwischen beiden Personen existierte. Sie
war sehr gut in der Lage, das zu erkennen, weil sie deutlich ein Gefühl
der Feindseligkeit oder zumindest des Ärgers über den Erfolg ihres Pa­
tienten verspürte. Was schwer wiegt, ist, daß sie sich durch eine be­
stimmte Technik autorisiert glaubte, davon ohne weiteres und in un­
vermittelter Weise Gebrauch zu machen.
Was halte ich dem entgegen? Ich werde sofort versuchen, es Ihnen an­
zudeuten.
Der Analytiker glaubt sich hier autorisiert zu dem,, was ich eine Deu­
tung von Ich zu. Ich nennen möchte »der — erlauben Sie mir das
Wortspiel — von gleich zu gleich, anders gesagt, eine Deutung, deren
Grund und Mechanismus in nichts von denen der Projektion unter­
schieden werden können.
Wenn ich sage Projektion, sage ich nicht irrige Projektion. Verstehen
45
Sie richtig, was ich Ihnen zu erklären im Begriff bin. Es gibt eine 43
Formel, die ich, bevor ich Analytiker war — m it meinen schwachen
psychologischen Gaben — dem kleinen K om paß zugrunde gelegt
habe, dessen ich mich bedient habe, um bestimmte Situationen einzu­
schätzen. Ich hab’ mir gern gesagt — Die Gefühle verhalten sich zueinander
immer reziprok. Das ist, trotz des Augenscheins, absolut wahr. Sobald Sie
zwei Subjekte — ich sage zwei, nicht drei — aufeinander sich beziehen
lassen, sind die Gefühle immer reziprok.
Daserklärt Ihnen, daß der Analytiker Grund hatte zu glauben, daß von
dem Augenblick an, wo er diese Gefühle hatte, die entsprechenden Ge­
fühle beim andern erweckt werden könnten. Der Beweis dafür ist, daß
der andere sie vollkommen akzeptiert hat. Es würde genügen, daß der
Analytiker ihm sagt — Sie sindfeindlich gestimmt, weil Sie glauben, ich sei
über Sie aufgebracht — damit sich dieses Gefühl einstellt. Das Gefühl war
also schon da, virtuell, da es genügte, einen kleinen Funken daranzu­
legen, damit es existiere.
Das Subjekt hatte guten Grund, die Deutung von Annie Reich zu ak­
zeptieren, aus dem einfachen Grund, daß es, in einer so intimen Bezie­
hung wie der zwischen Analysiertem und Analytiker, über die Gefühle
des Analytikers hinreichend unterrichtet war, um sich zu etwas Sym­
metrischem verleiten zu lassen.
Die Frage ist die, ob diese Art, die Abwehranalyse zu verstehen, uns
nicht zu einer Technik führt, die nahezu zwangsläufig eine bestimmte
Art von Irrtum erzeugt, einen Irrtum , der keiner ist, etwas, das dem
Wahren und dem Falschen vorausliegt. Es gibt Deutungen, die so rich­
tig und so wahr sind, so zwangsläufig richtig und wahr, daß man nicht
sagen kann, ob sie einer W ahrheit entsprechen oder nicht. Sie werden
auf jeden Fall verifiziert.
Dieser Abwehrdeutung, welche ich die von Ego zu Ego nenne, muß
man sich, was auch immer ihr gelegentlicher W ert sein mag, entschla-
gen. Es muß in den Deutungen der Abwehr immer mindestens einen
dritten Term geben.
Tatsächlich ist noch mehr nötig, wie ich hoffe. Ihnen zeigen zu können.
Aber ich bin heute erst dabei, das Problem zu öffnen.

46
2

Es ist spät. Das verbietet uns, so weit, wie ich wollte, in das Problem der
Beziehungen von W iderstand und Abwehrhandlungen einzudringen.
Ich möchte Ihnen gleichwohl einige Fingerzeige in diese Richtung
geben.
Nachdem wir die Vorträge von Mannoni und Anzieu gehört haben
und nachdem ich Ihnen die Gefahren, die eine bestimmte Technik der
Abwehranalyse mit sich führt, gezeigt habe, halte ich es für notwendig,
einige Prinzipien aufzustellen.
In der Traumdeutung hat Freud die erste Definition des Begriffs W ider­
stand im Zusammenhang mit der Analyse gegeben, Kapitel sieben, er­
ster Abschnitt. W ir finden darin einen entscheidenden Satz, diesen:
4« Was immer die Fortsetzung der A rbeit stört, ist ein Widerstand *— es handelt
sich dabei nicht um Symptome, es handelt sich dabei um die analyti­
sche Arbeit, um die Behandlung *, so wie man sagt, daß man ein Objekt
behandelt, das bestimmte Prozesse durchläuft —Was immer die Fortset­
zung der Arbeit stört, ist ein Widerstand.
Unglücklicherweise ist das ins Französische so übersetzt worden, als
stünde da — Was immer die Deutung behindert, rührt vom psychischen Wider­
stand her (Tout obstacle à l ’interprétation provient de la résistance psychique).
Ich weise Sie auf diesen Punkt hin, weil das denen, die bloß die sehr
sympathische Übersetzung des mutigen Meyerson besitzen, das Leben
nicht leichtmacht. Und der ganze voraufgehende Absatz ist in diesem
Stil übersetzt. Das soll Ihnen ein heilsames M ißtrauen gegen eine ge­
wisse Zahl von Freud-Übersetzungen eingeben. Dem Satz, den ich
zitiert habe, ist in der deutschen Ausgabe eine Fußnote angehängt, die
den folgenden Punkt zitiert — wenn der Vater des Patienten stirbt, ist
das ein Widerstand? Ich sage Ihnen nicht, wie Freud schließt, aber Sie
sehen, daß diese Fußnote zeigt, mit welcher Weite die Frage des Wi­
derstandes gestellt ist. Nun, diese Fußnote ist in der französischen Aus­
gabe unterdrückt.
Was immer die Kontinuität der Arbeit — selbst so kann man Fortsetzung *
übertragen — stört (suspend/détruit/interrompt), ist ein Widerstand. Von
solchen Texten m uß man ausgehen, sie ein wenig im Sinn behalten, sie
sieben und sehen, was das ergibt.
Worum — aufs Ganze gesehen — handelt es sich? Es handelt sich um
die Fortsetzung der Behandlung, der Arbeit. Und um das Tüpfelchen
aufs i zu setzen, Freud hat nicht Behandlung * gesagt, was auch Hei-
47
lung bedeuten könnte. Nein, es handelt sich um Arbeit *, die durch
ihre Form definiert werden kann als Wortassoziation, wie sie durch die
Regel, von der er zuvor gesprochen hat, die fundam entale Regel der
freien Assoziation, determiniert ist. Diese Arbeit nun, da wir bei der
Analyse von Träumen sind, ist offenkundig die Enthüllung des Un­
bewußten.
Das wird uns nun erlauben, eine gewisse Anzahl von Problemen anzu-
fuhren, insbesondere dasjenige, das Anzieu soeben erwähnt hat — die­
ser Widerstand, woher kommt der? W ir haben gesehen, daß es in den
Studien über Hysterie * keinen Text gibt, der uns die Annahme erlaubt, er
ginge, als solcher, vom Ich aus. Auch in der Traumdeutung * weist nichts
daraufhin, daß er aus dem Sekundärprozeß hervorgeht — dessen Ein­
führung eine so bedeutsame Etappe in Freuds Denken ausmacht.
Wenn wir in den Jahren um 1915 anlangen, wo Freud Die Verdrängung *
publiziert, die von den später in den metapsychologischen Schriften
zusammengefaßten Studien zuerst erschienene, so ist dort der Wider­
stand sicher als etwas aufgefaßt, was sich au f der Seite des Bewußten
produziert, doch dessen Identität wesentlich durch seine Distanz, Ent-
femung * gegenüber dem bestimmt ist, was ursprünglich verdrängt
worden ist. Die Verbindung des W iderstands m it dem Inhalt des Un­
bewußten selbst ist dort also noch außerordentlich deutlich spürbar.
Das bleibt so bis zu einer viel späteren Epoche als der dieses Aufsatzes,
der zur mittleren Periode von Freuds Entwicklung gehört.
Was ursprünglich verdrängt worden ist schließlich, was ist das, von der
Traumdeutung an bis zu jener Periode, die ich als interm ediär qualifi­
ziere? Das ist noch und wieder die Vergangenheit. Eine Vergangen­
heit, die restituiert werden m uß und angesichts deren wir nicht anders
können als einmal mehr ihre Ambiguität und die Probleme in Erin­
nerung zu rufen, die ihre Definition, ihre N atur und ihre Funktion
aufwerfen.
Diese Periode ist genau die Periode des Wolfsmanns, wo Freud die Frage
stellt, was das Traum a sei. Er bemerkt, daß das T raum a ein äußerst
zweideutiger Begriff ist, da es, aller klinischen Evidenz nach, klar ist,
daß seine phantasmatische Seite unendlich viel wichtiger ist als seine
realistische. Seither steht das Ereignis in der O rdnung der subjektiven
Bezüge an zweiter Stelle. Dagegen bleibt die D atierung des Traumas
für ihn ein Problem, an dem er, wenn ich so sagen darf, verbissen
festhält, wie ich denjenigen in Erinnerung gerufen habe, die meinem
Seminar über den Wolfsmann gefolgt sind. W er wird je wissen, was er
48
gesehen hat? Aber ob er es gesehen oder nicht gesehen hat, er kann es
nur zu dieser bestimmten Zeit gesehen haben, er kann es nicht später
gesehen haben, nicht einmal ein J a h r später. Ich glaube an Freuds
Denken nicht V errat zu üben— es genügt, wenn man zu lesen versteht,
es steht schwarz auf weiß geschrieben — wenn ich sage, daß allein die
Perspektive der Geschichte und der Anerkennung das zu definieren
erlaubt, was für das Subjekt zählt.

Ich möchte, fiir diejenigen, die mit dieser Dialektik, die ich schon aus­
giebig entwickelt habe, nicht vertraut sind. Ihnen eine bestimmte An­
zahl von Grundbegriffen geben. M an muß immer auf der Höhe des Al­
phabets sein. Ich werde auch ein Beispiel wählen, das Ihnen die Fragen,
die die Anerkennung, das Wiedererkennen aufwirft, leicht verständ­
lich macht und das Sie davon abbringt, sie in so verworrenen Begriffen
wie Gedächtnis und Erinnerung zu ertränken. Wenn, im Deutschen,
Erlebnis noch einen Sinn haben kann, gibt sich der französische Begriff
Souvenir vécu ou pas vécu (erlebte oder nicht erlebte Erinnerung) allen
Ambiguitäten preis.
Ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen.
Ich erwache am Morgen in meinem Vorhang, wie Semiramis, und öff­
ne das Auge. Das ist ein Vorhang, den ich nicht jeden Morgen sehe,
denn es ist der Vorhang meines Landhauses, wo ich nur alle acht oder
vierzehn T age hinfahre, und, in den Zügen, die der Saum des Vorhangs
wirft, bemerke ich, einmal mehr — ich sage einmal mehr, ich hab’ das
so in der Vergangenheit nur ein einziges Mal gesehen— das Profil eines
Gesichts, zugleich scharf, karikatural und ältlich, das fur mich vage den
Stil einer Marquisgestalt des 18. Jahrhunderts darstellt. Eine der ganz
albernen Spinnereien, denen sich der Geist beim Erwachen überläßt
und die sich aufgrund einer Gestalt-Kristallisierung ergeben, wie man
heutzutage sagen würde, um vom Wiedererkennen einer Gestalt zu
sprechen, die man seit langem kennt,
t« Dasselbe hätte mit einem Fleck auf der W and passieren können. Des­
halb kann ich sagen, daß der Vorhang sich seit genau acht Tagen vor­
her nicht um eine Spur bewegt hat. Eine Woche zuvor, beim Erwa­
chen, hab* ich dieselbe Sache gesehen. Ich hatte sie wohlgemerkt voll­
ständig vergessen. Aber deswegen weiß ich, daß der Vorhang sich nicht
bewegt hat. Er ist immer noch da, an genau demselben Platz.
Das ist nur ein Apolog, denn das spielt sich auf der Ebene des Imaginä­
ren ab, auch wenn es nicht schwierig wäre, die Koordinaten des Sym-
49
bolischen dazu zu ziehen. Die Albernheiten — M arquis des 18. Jahr­
hunderts usw. — spielen da eine sehr wichtige Rolle, denn hätte ich
nicht eine bestimmte Anzahl von Phantasien über das, was das Profil
darstellt, so hätte ich es im Saum meines Vorhangs gar nicht wiederer­
kannt. Doch lassen wir das.
Sehen wir zu, was das auf der Ebene des Wiedererkennens enthält. Der
Umstand, daß es vor acht Tagen genauso war, ist an ein Wiedererken­
nungsphänomen in der Gegenwart gebunden.
Das ist genau der Ausdruck, den Freud in den Studien über Hysterie ge­
braucht. Er sagt, er habe, in diesem Zeitraum, einige Studien über das
Gedächtnis gemacht, und er bezieht die erweckte Erinnerung, das Wie­
dererkennen, auf die aktuelle und gegenwärtige Stärke, die ihr zwar
nicht zwangsläufig Gewicht und Dichte verleiht, aber sie ganz einfach
erst möglich macht.
So geht Freud vor. Wenn er nicht mehr weiß, an welchen Heiligen er
sich wenden soll, um die Rekonstruktion des Subjekts zu erreichen, so
versucht er es immer mit dem Druck der H ände auf die Stirn und zählt
alle Jahre auf, alle Monate, alle Wochen, schließlich alle Tage, indem
er sie einzeln nennt— Dienstag, der 17., Mittwoch, der 18., usw. Er ver­
traut sich der impliziten Strukturierung des Subjekts durch das, was
seither als die sozialisierte Zeit definiert worden ist, hinreichend an, um
zu glauben, daß, wenn seine Aufzählung an dem Punkt anlangt, wo der
Uhrzeiger tatsächlich den kritischen Augenblick des Subjekts kreuzt,
dieses dann sagen w ird— Achja, genau, an dem Tag, ich erinnere mich an et-
um. Beachten Sie, daß ich nicht im BegriiTbin, zu behaupten, daß das
gelingt. Es ist Freud, der uns versichert, daß es gelingt.
Erfassen Sie die Tragweite dessen, was ich Ihnen gerade sage? Das
Gravitationszentrum des Subjekts ist diese gegenwärtige. Synthese der_
Vergangenheit, die man Geschichte nennt. U nd das ist es, dem wir ver­
trauen, wenn es darum geht, die Arbeit voranzubringen. Es ist das, was
die Analyse an ihrem Ursprung unterstellt. Seither gibt es keinen Hin­
weis darauf, daß es an ihrem Ende widerrufen worden ist. Die Wahr­
heit zu sagen— wenn es sich nicht so verhielte, ließe sich absolut nicht
einsehen, was die Analyse Neues gebracht hat.
Das ist eine erste Phase. K ann die genügen?
Nein, die genügt, wohlgemerkt, nicht. Der W iderstand des Subjekts
äußert sich ohne Zweifel auf dieser Ebene, aber er äußert sich auf eine
seltsame Weise, die untersucht zu werden verdient, und in absolut be­
sonderen Fällen.
50
Es gibt einen Fall, von dem Freud die ganze Geschichte kannte — die
M utter hatte sie ihm erzählt. Er teilt sie dann dem Subjekt mit und sagt
dazu — Das ist also passiert, das hat man Ihnen also angetan. Jedesmal rea­
gierte die Patientin, die Hysterikerin, mit einer kleinen hysterischen
Krise, der Reproduktion der charakteristischen Krise. Sie hörte zu und
antwortete, in ihrer Form der Antwort, die ihr Symptom war. Was eini­
ge kleine Probleme aufgibt, insbesondere dies — ist das Widerstand?
Das ist eine Frage, die ich heute öffnen möchte.

Ich möchte mit folgender Bemerkung schließen. Freud definiert am


Ende der Studien über Hysterie * den pathogenen Kern als das Gesuchte,
das aber den Diskurs abstößt — was der Diskurs flieht. Der Widerstand
ist diejenige K rümmung, die der Diskurs bei der Annäherung an diesen
Kern macht. Von nun an können wir die Frage des Widerstandes nicht
anders lösen, als indem wir unsre Überlegungen über den Sinn dieses
Diskurses vertiefen. W ir haben schon gesagt, daß es ein historischer
Diskurs ist.
Vergessen wir nicht, was die analytische Technik an ihrem Anfang
ist — eine Hypnosetechnik. Das Subjekt hält diesen historischen Dis­
kurs unter Hypnose. Es hält ihn sogar auf eine besonders ergreifende,
dramatisierte Weise— was die Gegenwart des Zuhörers impliziert. Aus
der Hypnose erwacht, kann sich das Subjekt an diesen Diskurs nicht
mehr erinnern. W arum liegt genau dort der Eingang zur analytischen
Technik? Weil sich hier die Wiederbelebung des Traumas, an sich, als
unvermittelt, wenn auch nicht dauerhaft, therapeutisch erweist. Es
stellt sich heraus, daß ein derart von jemandem, der ich (moi) sagen
kann, gehaltener Diskurs das Subjekt angeht.
Es bleibt zweideutig, vom erlebten, wiedererlebten Charakter des
Traumas im sekundären, hysterischen Zustand zu reden. Nicht weil
der Diskurs dramatisiert ist und sich in einer pathetischen Form dar­
stellt, kann uns das W ort wiedererlebt zufriedenstellen. Was soll das hei­
ßen, Aufnahme des von ihm selbst Erlebten durch das Subjekt?
Sie sehen, daß ich die Frage an den Punkt bringe, wo dieses Wiederer­
lebte das Doppeldeutigste ist, das heißt im sekundären Zustand des
Subjekts. Aber ist es nicht ganz genauso auf allen Ebenen der analyti­
schen Erfahrung? Überall stellt sich die Frage, was der Diskurs bedeu­
te, den wir das Subjekt in die Parenthese der fundamentalen Regel ein­
zusetzen zwingen. Diese Regel sagt ihm — Letzten Endes ist Ihr Diskurs
ohne Belang. Von dem M oment an, wo er sich dieser Übung überläßt.
51
glaubt er seinem Diskurs schon nur noch zur Hälfte, denn er weiß sich
in jedem Augenblick unter dem Kreuzfeuer unserer Deutung. Die Fra­
ge wird also zu dieser — Was ist das Subjekt des Diskurses?

Wir machen hier beim nächsten M al weiter und werden versuchen, im 48


Zusammenhang mit diesen fundamentalen Problemen die Bedeutung
und Tragweite des Widerstands zu diskutieren.

2 7.J anuar 1954

52
IV
DAS IC H U N D D E R A N D R E

Der Widerstand und die Übertragung


Das Gefühl der Anwesenheit
Verwerfung * φ Verdrängung *
Vermittlung und Enthüllung
Die Krümmungen des Sprechens

W ir sind beim letzten Mal an einen Punkt gelangt, an dem wir uns
nach der N atur des Widerstands gefragt haben.
Sie haben wohl gespürt, daß es eine Zweideutigkeit und nicht bloß
Komplexität in unserer Annäherung an dies Phänomen des Wider­
standes gibt. Mehrere Formulierungen bei Freud scheinen darauf hin­
zudeuten, daß der Widerstand von dem ausgeht, was zu enthüllen ist,
das heißt vom Verdrängten * oder auch Unterdrückten *.
Die ersten Übersetzer haben unterdrückt * m it étouffé übersetzt — das ist
ziemlich schwach. Ist das dasselbe, verdrängt * und unterdrückt *? W ir
werden uns nicht auf solche Details einlassen. W ir werden das erst dann
tun, wenn wir zu sehen begonnen haben, daß sich in der Erfahrung U n­
terschiede zwischen diesen Phänomenen ergeben.
Ich möchte Sie heute an einen der Punkte in den Technischen Schüßen
fuhren, an denen sich die Perspektive öfTnet. Vor dem Hantieren mit
dem Vokabular kommt es darauf an, zu verstehen zu suchen und sich,
zu diesem Zweck, an einer Stelle zu placieren, von der aus sich die Din­
ge ordnen.

Bei der Krankenvorstellung am Freitag habe ich Ihnen die Lektüre


eines bedeutsamen Textes angekündigt, und ich werde versuchen,
mein Versprechen zu halten.
Es gibt, mitten in der Sammlung der sogenannten technischen Schrif­
ten, einen Text mit dem Titel Zur Dynamik der Übertragung. Wie bei allen
Texten dieser Sammlung können wir auch hier nicht sagen, daß wir
Grund hätten, mit der Übersetzung vollkommen zufrieden zu sein. Es
gibt darin einzigartige Ungenauigkeiten, die bis an die Grenze der Ver­
fälschung gehen. Einige sind erstaunlich. Sie gehen sämtlich in die-
53
selbe Richtung — die Grate des Textes abzuschleifen. Denen, die
Deutsch können, kann ich nicht genug empfehlen, sich an den Origi­
naltext zu halten. Ich weise Sie auf einen Einschnitt in der Übersetzung
hin, einen Punkt, der in die zweitletzte Zeile gesetzt ist und einen ganz so
kleinen Satz isoliert, der so aussieht, als stünde er da aus einem uner­
findlichen Grund — Schließlich darf man nicht vergessen, daß niemand in
absentia oder in effigie erschlagen werden kann (Enfin, rappelons-nous, nul ne
peut être tue in absentia ou in effigie). Im deutschen Text steht — ..., denn
schließlich kann niemand in absentia oder in effigie erschlagen werden. Das ist an
den voraufgehenden Satz angeschlossen. Isoliert, ist der Satz unver­
ständlich, während der Freudsche Text vollkommen deutlich formu­
liert ist. Ich werde Ihnen die Passage des Aufsatzes, den ich Ihnen
angegeben habe, vorlesen. Sie finden ihn auf Seite 55 der französischen
Übersetzung3. Sie schließt direkt an jene wichtige Passage der Studien *
an, auf die ich Sie hingewiesen habe, in der es um den W iderstand geht,
auf den man bei der Annäherung in radialer Richtung — so Freuds
Ausdruck — stößt, um den Diskurs des Subjekts, wenn es sich der tiefen
Schicht nähert, die Freud pathogenen Kern nennt.
Verfolgt man nun einen pathogenen Komplex von seiner ( entweder als Symptom
auffälligen oder auch ganz unscheinbaren) Vertretung — so heißt es, weil es um
die.Form geht,jn_dCT rieh.der Komplex
plexübensetzung wird gesagt^ daß^m ganz unscheinbar
ist. Das ist nicht dasselbe, wie zu sagen, daß der Komplex selber so ist.
Es gibt in der französischen Übersetzung eine Verschiebung, die ge*
nügt, um ein Flattern zu erzeugen. Ich fahre fort — ... Vertretung im
Bewußten gegen seine Wurzel im Unbewußten hin, so wird man bald in eine
Region kommen, wo da Widerstand sich so deutlich geltend macht, daß der näch­
ste Einfall ihm Rechnung tragen und als Kompromiß zwischen seinen A nforderun-
gen und denen der Forschungsarbeit erscheinen muß. Der «nächste Einfalh ist
nicht, wie in der französischen Übersetzung, Vassociation qui surgit, son­
dern die nächste, die folgende Assoziation, aber der Sinn ist immerhin
gewahrt. Hier tritt nun— das ist der kardinale Punkt — nach dem Zeugnisse
der Erfahrung die Übertragung ein. Wenn irgend etwas aus dem Komplexstoff
(dem Inhalt des Komplexes) sich dazu eignet, auf die Person des A rztes übertragen
zu werden, so stellt sich diese Übertragung her, ergibt den nächsten Einfall und
kündigt sich durch die Anzeichen eines Widerstandes, etwa durch eine Stockung,
an. Wir schließen aus dieser Erfahrung, daß diese Übertragungsidee darum vor
allen anderen Einfallsmöglichkeiten zum Bewußtsein durchgedrungen ist, weil
sie auch dem Widerstande Genüge lut, Dieses letzte Satzglied ist von Freud
54
hervorgehoben. Ein solcher Vorgang wiederholt sich im Verlaufe einer Analyse
ungezählte Male. Immer wieder wird, wenn man sich einem pathogenen Komplexe
annähert, zuerst der zur Übertragung befähigte A nteil des Komplexes ins Bewußt­
sein vorgeschoben und mit der größten Hartnäckigkeit verteidigt
Die Elemente dieses Absatzes, die herausgearbeitet werden sollen, sind
folgende. Zunächst, wird man bald in eine Region kommen, wo der Widerstand
sich deutlich geltend machtLDieser W iderstand geht aus dem Prozeß des
Diskurses selbst hervor, aus seiner Annäherung, wenn ich so sagen darf.
Zweitens, hier tritt nun nach dem Zeugnisse der Erfahrung d iejf berpagungeiru
Drittens, die Übertragung stellt sich her, weil sie auchdemJVid^
nüge tut Viertens, ein solcher Vorgang wiederholt sich im Verlaufe einer Analyse
ungezählte Male. Es handelt sich da tatsächlich um ein in der Analyse
deutlich spürbares Phänomen. Und dieser Teil des Komplexe^
Form der Übertragung manifest wird, wird in diesem^Augenblick
Bewußtsein vorgeschoben und mit der größten Hartnäckigkeit verteidigt
Hier hängt sich eine Note an, die das Phänomen, um das es hier geht,
herausstellt, ein Phänomen, das sich in der T at und manchmal in einer
außerordentlichen Reinheit beobachten läßt. Diese Fußnote deckt sich
mit einem Hinweis, der aus einem anderen Text von Freud hervorgeht
— Schweigt der Patient, so deutet alles darauf hin, daß dieses Versiegen seines
Redeflusses einem Gedanken gilt, der sich auf den Analytiker bezieht
In einer H andhabung der Technik, die nicht sehen ist, aber die wir un-
sem Schülern trotzdem empfohlen haben, maßvoll zu gebrauchen,
einzuschränken, übersetzt sich das in eine Frage vom Typ — Bestimmt
haben Sie eine Vorstellung, die sich auf mich bezieht? Diese Nachfrage kristal­
lisiert zuweilen den Diskurs des Patienten zu einigen Bemerkungen, die
entweder das Aussehen oder die Figur oder das Mobiliar des Analyti­
kers betreffen, oder die Art, in der ihn der Analytiker an diesem Tag
empfangen hat, usw. Dies Verhalten hat seinen guten Grund. Etwas
von dieser Art kann in diesem Augenblick den Geist des Patienten
beschäftigen, und indem man auf diese Weise seine Assoziationen
bündelt, kann man daraus recht unterschiedliche Sachen entnehmen.
Aber es läßt sich zuweilen ein unendlich viel reineres Phänomen beob­
achten.
In dem Augenblick, woes bereit zu sein scheint, etwas Authentischeres,
Brennenderes, als es bis dahin je hat erreichen können, zu formulieren,
unterbricht sich, in bestimmten Fällen, das Subjekt und macht eine
Aussage wie diese — Ich realisiere plötzlich die Tatsache, daß Sie anwesend
sind.
55
Das ist etwas, das mir mehr als einmal passiert ist und was die Analyti­
ker leicht bestätigen können. Dies Phänomen stellt sich im Zusammen­
hang mit der konkreten Äußerung des Widerstandes her, der im Gewe­
be unsrer Erfahrung als Funktion der Ü bertragung auftritt. Wenn es
selektiven Wert annimmt, so, weil das Subjekt jetzt selbst so etwas wie
eine scharfe W endung verspürt, einen plötzlichen Wirbel, der es von
einer Strömung des Diskurses zu einer andern treibt, von einem Akzent
der Funktion des Sprechens zu einem andern.
Ich hab’ Ihnen sogleich dieses wohizentrierte Phänomen vorstellen
wollen, das heute unser Them a klarmachen soll. Das ist der Punkt, der
uns erlaubt, wiederaufzubrechen, um unsre Fragen zu stellen.
Bevor ich diesen Weg fortsetze, will ich einen M oment bei Freuds Text
verweilen, um Ihnen deutlich zu zeigen, wie sehr das, wovon ich Ihnen
spreche, dasselbe ist wie das, wovon er spricht. Sie müssen sich einen
Augenblick von der Vorstellung trennen, daß der W iderstand mit je­
ner Konstruktion zusammenhängt, derzufolge das Unbewußte in
einem gegebenen Subjekt, zu einem gegebenen Augenblick, enthalten
und, wie man sagt, verdrängt ist. Was auch die Ausdehnung sein mag,
die wir schließlich dem Begriff des W iderstands in seiner Verbindung
mit dem Ensemble der Abwehrhandlungen geben können — derW i- w
derstand ist ein Phänomen, das Freud in der analytischen Erfahrung
lokalisiert.
Das ist der Grund, aus dem die kleine Fußnote wichtig ist, die der Pas­
sage, die ich Ihnen vorgelesen habe, angehängt ist — Freud setzt darin
das Tüpfelchen aufs i.
Woraus man aber nicht allgemein auf eine besondere pathogene Bedeutsamkeit —
das ist genau das, was ich dabei bin. Ihnen zu sagen, es geht nicht um
den Begriff, den wir uns nachträglich von dem machen, was die Etap­
pen der Entwicklung des Subjekts, im tiefen Sinn des Wortes, motiviert
h a t— ... auf eine besondere pathogene Bedeutsamkeit des zum Übertragungswi­
derstandgewählten Elementes schließen darf Wenn in einer Schlacht um den Be­
sitz eines gewissen Kirchleins odereines einzelnen Gehöfts mit besonderer Erbitte-
rung gestritten wird, braucht man nicht anzunehmen, daß die Kirche etwa ein Na­
tionalheiligtum sei, oder daß das Haus den Armeeschatz berge. Der Wert der Ob­
jekte kann ein bloß taktischer sein, vielleicht nur in dieser einen Schlacht zur Gel­
tung kommen.
In derjenigen Bewegung, in der sich das Subjekt einbekennt, tritt ein
Phänomen auf, welches W iderstand ist. W enn dieser Widerstand zu
stark wird, taucht die Übertragung auf.
56
Es ist ein Faktum, daß der Text nicht sagt, ein Übertragungsphänomen.
Hätte Freud sagen wollen erscheint ein Übertragungsphänomen, so hätte er
es gesagt. Der Beweis dafür, daß dieser Unterschied bedeutungsvoll ist,
ist das Ende des Aufsatzes. Die entsprechende Wendung aus dem letz­
ten Satz, der mit Es ist unleugbar, daß... beginnt, hat man ins Französi­
sche übersetzt als vaincre les résistances (die Widerstände zu besiegen),
während im Originaltext steht die Bezwingung der Übertragungsphänome­
ne *, das heißt auf französisch leforçage des phénomènes de transfert. Ich be­
nutze diese Passage, um Ihnen zu zeigen, daß Übertragungsphänomene *
zu Freuds Vokabular gehört. W arum nun hat man das mit résistance
(Widerstand) überseht? Das ist kein Zeichen für große Bildung, ge­
schweige denn für tiefes Verständnis.
(Was Freud geschrieben hat, ist dies, daß an dieser Stelle nicht .das ΓΙ
:tïbertragungsphânom en selbst, aber ein Phänomen auftaucht, das in !
I.wesentlicher Beziehung zu ihm steht.
Im übrigen handelt es sich in diesem ganzen Artikel um die Dynamik
der Übertragung. Ich nehme nun nicht die Gesamtheit der darin ge­
stellten Fragen vor, denn sie betreffen die Spezifität der Übertragung
in der Analyse, in Kenntnis, daß sich die Übertragung darin nicht wie
überall sonst abspielt, sondern daß sie in ihr eine ganz und gar besondere
Funktion spielt. Ich rate Ihnen, diesen Artikel zu lesen. Ich führe ihn hier
nur zur Unterstützung unserer Untersuchung des Widerstands an.
Nichtsdestoweniger ist das, wie Sie sehen, der Angelpunkt dessen, wor­
um es in der Dynamik der Übertragung geht.
Was kann uns das über die N atur des Widerstandes lehren? Das kann
uns die Antwort auf die Frage erlauben, wer spricht? und uns wissen las­
sen, was die Wiedereroberung, die Wiederauffindung des Unbewußten,
bedeutet.
W ir haben die Frage gestellt, was Gedächtnis, Wiedererinnerung,
Technik der W iedererinnerung bedeutet, was die freie Assoziation be-
ss deutet, sofern sie uns erlaubt, zu einer Formulierung der Geschichte des
Subjekts zu gelangen. Aber was wird aus dem Subjekt? Handelt es sich
im Lauf dieses Vorgangs immer um dasselbe Subjekt?
Da stehen wir vor einem Phänomen, an dem wir einen Knoten in
diesem Vorgang erfassen, eine Verknüpfung, einen ursprünglichen
Druck oder eher, um genauer zu reden, einen Widerstand. W ir sehen,
daß sich an einem bestimmten Punktdieses. Widerstandes das hereteilt,
was Freud die.Übertragung nennt, das heißt hier die Aktualisierung
der Person des Analytikers, Ich habe Ihnen eben, von meiner Ërfah-
57
rung ausgehend, gesagt, daß an dem am deutlichsten spürbaren, wie
mir scheint, und bedeutsamsten Punkt des Phänomens das Subjekt es
als die jähe W ahrnehmung von etwas verspürt, was nicht leicht zu
definieren ist, der Anwesenheit.
Es ist das ein Gefühl, das wir nicht immer haben. Gewiß, wir sind von
allen möglichen Arten von Anwesenheiten beeinflußt, und unsre Welt
hat ihre Konsistenz, ihre Dichte, ihre erlebte Stabilität nur, weil wir,
auf eine bestimmte Weise, diesen Anwesenheiten Rechnung tragen,
aber wir realisieren sie nicht als solche. Sie spüren wohl, daß das ein
Gefühl ist, von dem ich sagen würde, daß wir es unablässig aus dem
Leben zu tilgen geneigt sind. Es wäre nicht leicht zu leben, wenn wir in
jedem Augenblick das Gefühl der Anwesenheit hätten mit alldem, was
es an Geheimnis mit sich führt. Das ist ein Geheimnis, das wir beiseite
schieben und mit dem wir uns, um alles zu sagen, abgefunden haben.
Ich glaube, daß das eine Sache ist, bei der wir uns nicht lange genug
aufhalten können. Und wir werden versuchen, sie von anderen Seiten
her anzugehen, denn das, was Freud uns gelehrt hat, die gute analyti­
sche Methode, besteht darin, immer ein und dieselbe Beziehung, ein
und dasselbe Verhältnis, ein und dasselbe Schema wiederzufinden, das
sich gleichzeitig in den Lebensformen, den Verhaltensweisen und ge­
nausogut auch innerhalb der analytischen Beziehung darstellt.
Für uns handelt es sich darum , eine Perspektive auszurichten, einen
Einblick in die Tiefe mehrerer Schichten. Begriffe wie das Es und das
Ich, die wir durch eine bestimmte H andhabung au f massive Weise auf­
zustellen gewöhnt sind, sind vielleicht nicht einfach ein Kontrastpaar.
Man muß da eine etwas komplexere Stereoskopie aufbauen.

Denen, die an meinem Kommentar zum Wolfsmann teilgenommen ha­


ben — schon so lang her jetzt, eineinhalb Jah re — , möchte ich einige
besonders frappante Punkte dieses Textes in Erinnerung rufen.
Als er die Frage des Kastrationskomplexes bei seinem Patienten an­
geht, eine Frage, die in der Strukturierung dieses Subjekts eine äußerst
eigentümliche Funktion einnimmt, formuliert Freud folgendes Pro­
blem. Als die Kastrationsangst bei diesem Subjekt zur Frage steht, er­
scheinen Symptome, die sich auf derjenigen Ebene ansiedeln, die wir
allgemein anal nennen, da es sich um Darmleiden handelt. All diese
Symptome nun interpretieren wir nach der analen Konzeption des Se- m
xualVerkehrs, wir nehmen an, daß sie von einer bestimmten Etappe der
infantilen Sexualtheorie zeugen. M it welchem Recht? H at sich nicht
58
das Subjekt allein aufgrund der Tatsache, daß die Kastration ins Spiel
gekommen ist, auf ein genitales Struktumiveau erhoben? Wie sieht
Freuds Erklärung aus?
Als das Subjekt, so sagt Freud, in eine erste Reifung oder Frühreifung
infantiler Art eingetreten und reif war, um, zumindest teilweise, eine
spezifisch genitale Strukturierung der Beziehung seiner Eltern wahrzu­
nehmen, hat er die in dieser Beziehung ihm zufallende homosexuelle
Position abgelehnt, er hat nicht die ödipale Situation realisiert, er hat
alles, was auf der Ebene der genitalen Realisierung liegt, abgelehnt,
verworfen *. Er ist zur vorausgehenden Verifizierung dieser affektiven
Beziehung zurückgekehrt, er hat sich zurückbegeben auf die Posi­
tionen der analen Sexualtheorie.
Das ist nicht einmal eine Verdrängung in dem Sinne, in dem ein Ele­
ment, das auf einer bestimmten Ebene realisiert worden ist, sich zu­
rückgestoßen findet. Verdrängung, sagt er auf Seite 111, ist etwas an­
dres — Eine Verdrängung ist etwas anderes als eine Verwerfung *. In der fran­
zösischen Übersetzung, die wir Personen verdanken, deren persönliche
Bekanntschaft mit Freud sie vielleicht ein wenig mehr hätte erleuchten
müssen — aber es genügt zweifellos nicht, die Reliquie einer hervorra­
genden Persönlichkeit getragen zu haben, um autorisiert zu sein, sich
zu seiner H üterin zu machen — da übersetzt man — un refoulement est
autre chose qu’un jugement qui rejette et choisit (eine Verdrängung ist etwas
anderes als ein Urteil, das verwirft und auswählt). Warum Verwerfung *
so übersetzen? Ich gebe zu, daß es schwierig ist, aber die französische
Sprache...

J . H yppolite : — Rejet?

Ja, rejet. Oder, gelegentlich, refus. W arum plötzlich da unjugement (ein


Urteil) einführen, wo es nirgendwo auch nur eine Spur von Urteil *
gibt? Da steht Verwerfung *. Drei Seiten weiter, in Zeile elf, nach der
Herausarbeitung der Konsequenzen dieser Struktur, zieht Freud den
Schluß und sagt — kein Urteil über ihre... * Das ist das erstemal, daß Ur­
teil * vorkommt, um eine Passage abzuschließen. Aber hier steht das
nicht. Kein Urteil ist über die Existenz des Kastrationsproblems gefallt
worden — aber es war so gut, als ob sie nicht existierte *.
Diese wichtige Verdeutlichung zeigt uns, daß ursprünglich, dam it eine
Verdrängung möglich sei, ein J enseits der Verdrängung existieren
muß, etwas Letztes, ursprünglich schon Konstituiertes, ein erster Kern
59
des Verdrängten, der sich nicht bloß nicht einbekennt, sondern der, weil
er sich nicht formuliert, buchstäblich so ist, als ob das nicht existierte— ich
folge da dem, was Freud sagt. U nd doch ist er in gewissem Sinn
irgendwo, weil er, Freud sagt es uns allenthalben, das Attraktionszen·
trum ist, das alle späteren Verdrängungen an sich zieht.
Ich möchte sagen, daß das die Essenz der Freudschen Entdeckung ist.
Um zu erklären, wie es zu einer Verdrängung dieses oder jenes Typs ss
kommt, zu einer hysterischen oder zwangsneurotischen, ist es letzten
Endes nicht nötig, auf eine hereditäre Disposition zurückzugreifen.
Freud räum t sie bei Gelegenheit als großen allgemeinen Rahmen ein,
aber nie als Prinzip. Lesen Sie dazu die Bemerkungen über Abwehr-
Neuropsychosen, den zweiten Aufsatz von 1898 über die Abwehmeuro-
sen.
Die Formen, die die Verdrängung annim m t, werden von diesem ersten.
Kern angezogen, den Freud nun einer bestimmten Erfahrung .zu­
schreibt. die er die ureprüngliche traumatische Erfahrung nennt. Wir
werden im folgenden die Frage nach der Bedeutung des Traumas wie­
deraufnehmen, dessen Begriff hat relativiert werden müssen, aber hal­
ten Sie dies fest, daß der erste Kern auf einem anderen Niveau liegt als
die Wechselfalle der Verdrängung. Er ist ihr G rund und ihr Träger.
In der Struktur dessen, was dem Wolfsmann begegnet, ist die Verwer­
fung * der Realisierung der genitalen Erfahrung ein ganz und gar be-
sonderes Moment, das Freud selbst von allen anderen unterscheidet.
Einzigartige Sache, die da aus der Geschichte des Subjekts ausgeschlos­
sen ist und die es auszusprechen unfähig ist; es bedurfte, um damit zu
einem Ende zu kommen, der Nötigung durch Freud. Erst jetzt hat die
wiederholte Erfahrung des kindlichen Traum s ihren Sinn angenom­
men und hat zwar nicht das Wiedererleben, aber die direkte Rekon­
struktion der Geschichte des Subjekts erlaubt.
Ich lasse für einen Augenblick das Them a des Wolfsmanns beiseite, um
die Sachen an einem andern Ende anzupacken. Nehmen wir die
Traumdeutung * das siebte Kapitel, das den Traumoorgängen * gewidmet
ist.
Freud beginnt damit, daß er resümiert, was sich von all dem, was er im
Verlauf seines Buches herausgearbeitet hat, abheben läßt.
Der fünfte Teil des Kapitels beginnt mit diesem großartigen Satz —
Die Gleichzeitigkeit eines so komplizierten Zusammenhangs durch ein Nachein­
ander in der Beschreibung wiederzugeben ... — denn er trägt einmal mehr
alles das vor, was er schon über den Traum erklärt hat — ... und dabei bei
60
jeder Aufstellung voraussetzungslos zu erscheinen, will meinen Kräften zu schwer
werden.
Dieser Satz zeigt gut dieselben Schwierigkeiten an, die auch ich hier
habe, dasselbe Problem, das unserer Erfahrung immer gegenwärtig ist,
unablässig wieder aufzunehmen, denn man muß es wohl in verschiede­
nen Formen und jedesmal unter einem neuen Blickwinkel zu erschaf­
fen suchen. Freud erklärt uns, daß es darauf ankommt, jedesmal wieder
den Unschuldigen zu spielen.
Eis gibt in diesem Kapitel einen Vorgang, bei dem wir mit dem Finger
auf etwas wirklich sehr Eigenartiges stoßen. Freud zählt alle Einwände
auf, die gegen die Brauchbarkeit der Traumerinnerungen erhoben
werden können. Was ist der Traum ? Ist seine vom Subjekt gemachte
Rekonstruktion exakt? Welche Garantie haben wir, daß nicht eine spä­
tere Verbalisierung sich dareingemischt hat? Ist nicht jeder Traum
eine Augenblickssache, der das Sprechen des Subjekts eine Geschichte
verleiht? Freud weist alle diese Einwände zurück und zeigt, daß sie
nicht begründet sind. Und er zeigt es, indem er unterstreicht — was
ganz einzigartig ist — daß je unsicherer der Text ist, den das Subjekt
μ uns gibt, er desto bedeutungsvoller ist. Durch den Zweifel selbst be­
zieht sich das Subjekt auf bestimmte Teile des Traumes, die er, Freud,
der ihm zuhört, der ihn erwartet, der da ist, um seinen Sinn zu enthül­
len, just als das Wichtige erkennt. Weil das Subjekt zweifelt, muß man
sicher sein.
Doch in dem Maße, wie das Kapitel fortschreitet, schrumpft der Vor­
gang zu einem solchen Punkt, daß, a limine, der bedeutungsvollste
! Traum der vollständig vergessene wäre, von dem das Subjekt nichts
sagen könnte. Das ist annähernd das, was Freud schreibt — Alles, was
\ das Vergessen am Trauminhalt gekostet hat, kann man oft durch die Analyse
wieder hereinbringen; wenigstens in einer ganzen Anzahl von Fällen kann man von
einem einzelnen stehengebliebenen Brocken aus zwar nicht den Traum — aber an
dem liegt ja auch nichts — doch die Traumgedanken alle auffinden. E inzelne
Brocken — das ist genau das, was ich Ihnen sage, vom Traum bleibt
nichts mehr übrig.
Was interessiert Freud im gleichen Maße? Hier stoßen wir auf die
Traumgedanken.
Der BegrifT Gedanke, es gibt für die Leute, die Psychologie gelernt ha­
ben, nichts, was schwieriger zu handhaben wäre. Und da wir Psycholo­
gie studiert haben, sind diese Gedanken etwas, das wir unaufhörlich in
unserm K opf rumrollen, als Leute, die zu denken gewohnt sind ...
«
61
Doch vielleicht sind wir über die Traumgedanken durch die ganze Traum­
deutung* genügend aufgeklärt, um zu bemerken, d aß das nicht das ist,
was man glaubt, wenn man Studien über die Phänomenologie des Ge­
dankens, des bildlosen oder des anschaulichen Gedankens usw. an­
stellt. Das ist nicht das, was man gewöhnlich den Gedanken nennt, da
das, worum es die ganze Zeit geht, ein Begehren ist.
Gott weiß, daß dies Begehren, wir haben im Lauf unserer Forschung zu
bemerken gelernt, daß es läuft wie ein Wiesel, das wir verschwinden
und wiedererscheinen sehen, in einem Taschenspielertrick. Am Ende
wissen wir noch immer nicht, ob es auf der Seite des Unbewußten oder
des Bewußten zu situieren ist. U nd Begierde wessen? U nd welchen
Mangels vor allem?
Freud illustriert das, was er sagen will, durch ein Beispiel, in einer klei­
nen Fußnote, die er aus den Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
entnimmt.
Eine Kranke, zugleich skeptisch und an ihm, Freud, sehr interessiert,
erzählt ihm einen längeren Traum , in dessen Verlauf, so sagt sie, gewis­
se Personen ihr von dem Buch über den «Witz* erzählen und es loben.
All das scheint nichts zu bringen. Dann ist von etwas anderem die Re­
de, und alles, was vom Traum e übrigbleibt, ist dies— Kanal. Vielleicht
ein anderes Buch, wo dieses W ort vorkommt, irgend etwas, wobei vom
Kanal die Rede is t... sie weiß es nicht, es ist ganz unklar.
Es bleibt also Kanal, und man weiß nicht, worauf sich das bezieht, nicht
woher das kommt, nicht wohin das weist. Nun genau das ist das Interes­
santeste, sagt er, dieser winzige Brocken und um ihn herum eine Aura
der Ungewißheit.
Und was kommt dabei heraus? Am folgenden Tag, nicht am selben,
erzählt sie, sie habe eine Idee, die sich an Kanal knüpfe. Genaugenom­
men ist es ein Witz. Eine Überfahrt von Dover nach Calais, ein Englän­
der und ein Franzose. Im Laufe der U nterhaltung zitiert der Engländer »
den berühmten Satz — Du sublime au ridicule, il n’y a qu’un pas. Und der
Franzose, höflich, wie er ist, gibt zur Antwort — Oui, le Pas-de-Calais,
was seinem Gesprächspartner gegenüber ganz besonders nett ist. Nun
ist der Pas-de-Calais doch der Ärmelkanal. M an findet also den Kanal
wieder und zugleich was? Passen Sie gut auf, denn das hat dieselbe
Funktion^wie das Auftauchen der Anwesenheit im Augenblick der Wi-
dersiände. Die skeptische Kranke hat zuvor lange das Verdienst von
Freuds Theorie über den Witz bestritten. Nach ihrer Diskussion, in
dem Augenblick, da ihr Diskurs zögert und nicht mehr weiß, wohin
62
sich wenden, erscheint genau dasselbe Phänomen — wie beim letzten
Mal Mannoni gesagt hat, der mir da sehr glücklich schien, denn er
sprach als Geburtshelfer, der Widerstand zeigt sich an seinem Übertragungs-
ende.
Du sublime au ridicule, il n’y a qu’un pas — das ist der Punkt, an dem der
Traum sich an den Zuhörer heftet, denn das, das gilt Freud.
So war denn Kanal nicht viel, aber nach den Assoziationen ist es unbe­
streitbar.
Ich möchte andere Beispiele nehmen.
Gott weiß, ob Freud in seiner Anordnung der Fakten bedacht vorge­
gangen ist, und es ist kein Zufall, daß die Sachen sich eben in bestimm­
ten Kapiteln gehäuft haben. So treten zum Beispiel im Traum, in dem
Augenblick, wo er eine bestimmte Richtung einschlägt, Phänomene
auf, die ganz speziell linguistischer Art sind. Ein Sprachfehler wird
vom Subjekt bei vollem Bewußtsein gemacht. Das Subjekt weiß, im
Traum , daß es ein Sprachfehler ist, weil sich in ihm eine Person ein­
schaltet, um ihn zu korrigieren. An einem kritischen Punkt gibt es hier
also eine schlecht vollzogene Anpassung, deren Funktion sich unter un-
sem Augen verdoppelt. Doch lassen wir das, für den Augenblick, bei­
seite.
Nehmen wir noch — ich hab’ es heute morgen, ein wenig zufällig, aus­
gewählt -je n e s berühmte Beispiel, das Freud nach 1898 im ersten Ka­
pitel seiner Psychopathologie des Alltagslebens veröffentlicht hat. Freud
bezieht sich, bei Gelegenheit des Vergessene von Namen, auf die
Schwierigkeit, die er eines Tages, in einem Gespräch mit einer Reisebe­
kanntschaft, hatte, sich an den Namen des Malers der berühmten Fres­
ken in der Kathedrale von Orvieto zu erinnern, die in einer umfangrei­
chen Komposition die für das Ende der Welt erwarteten Ereignisse dar­
stellen, die sich um das Erscheinen des Antichrists zentrieren. Der
Schöpfer dieses Freskos ist Signorelli, und es gelingt Freud nicht, sich
an seinen Namen zu erinnern. Er kommt auf andre — der ist es, der ist
es doch nicht — Botticelli, Boltraffto es gelingt ihm nicht, Signorelli
wiederzufînden.
Schließlich gelingt es ihm dank eines analytischen Vorgehens. Denn es
taucht nicht aus dem Nichts auf, dies kleine Phänomen, es ist eingelas­
sen in den Text einer Konversation. Sie fahren in diesem Augenblick
von Ragusa ins Innere von Dalmatien und sind nahe an der Grenze des
österreichischen Reichs, in Bosnien-Herzegowina. Dies Wort Bosnien
gibt einer bestimmten Reihe von Anekdoten Raum , und Herzegowina
63
gleichfalls. Dann folgen einige Bemerkungen übereine besonders sym­
pathische Disposition der islamischen Klientel, die, in gewisser Hin­
sicht, primitiv ist und hier von einer außerordentlichen Dezcnz zeugt, m
Wenn der Arzt eine sehr schlechte Nachricht mitzuteilen hat, daß die
Krankheit unheilbar ist — der Gesprächspartner scheint wirklich ein
Arzt zu sein, der in dieser Gegend eine Parxis hat — bekunden diese
Leute ihm gegenüber ein Gefühl der Feindseligkeit. Auch wenden sie
sich gleich anschließend an ihn und sagen — Herr * wenn da etwas zu
machen wäre, würden Sie sicher in der Lage sein, es zu tun. D ann stehen sie
einer Tatsache gegenüber, die akzeptiert werden muß, daher ihre
gemäßigte, höfliche, respektvolle H altung gegenüber dem Arzt, der,
im Deutschen, Herr genannt wird. All das bildet den G rund, auf dem
sich die Fortsetzung des Gesprächs abspielt, das vom bedeutsamen
Vergessen punktiert wird, welches Freud vor sein Problem stellt.
Freud bemerkt, daß er an dem Gespräch weiter teilnahm , aber daß von
einem bestimmten Augenblick an seine Aufmerksamkeit abgelenkt
worden w ar— noch während er sprach, dachte er an etwas anderes, auf
das ihn diese Arztgeschichte gebracht hatte.
Einerseits kam ihm der W ert in den Sinn, den insbesondere die islami­
schen Patienten allem beilegen, was m it den Sexualfunktionen zu tun
hat. Ein Patient, der ihn wegen Störungen der sexuellen Potenz konsul­
tiert hatte, hatte ihm wörtlich gesagt — Wenn das nicht mehr geht, hat das
Leben keinen Wert mehr. Andererseits erinnerte er sich, in einem der Orte,
in denen er sich aufgehalten hatte, vom Tod eines Patienten erfahren
zu haben, den er lange behandelt hatte, etwas, das man, wie er sagt,
nicht ohne Erschütterung erfahrt. Er hatte seine Gedanken zur Wert­
schätzung der Sexualvorgänge nicht ausdrücken wollen, weil er seines
Gesprächspartners nicht ganz sicher war. U nd dann hatte er sich nicht
gern bei dem Gedanken an den Tod jenes Kranken aufgehalten. Doch
indem er an all das dachte, hatte er seine Aufmerksamkeit von dem,
was er gerade sagte, abgezogen.
Freud gibt in seinem Text ein sehr hübsches kleines Bild - schauen Sie
in der Imago-Ausgabe nach— wo er sämtliche Namen ein trägt — Botti­
celli, Boltraffio, Herzegowina, Signorelli und unten die verdrängten Ge­
danken, den Laut Hen und die Frage. Das Resultat ist das, was übrigge­
blieben ist, der Rest. Das W ort Signor wurde durch das Hen der so höfli­
chen M ohammedaner abgerufen, Trqffio wurde durch den Umstand
abgerufen, daß er dort den Schock der seinen Patienten betreffenden
schlechten Nachrichten erfuhr. Das, was er in dem Augenblick, wo sein
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Diskurs den Schöpfer des Freskos von Orvieto suchte, wiederfinden
konnte, ist das, was zur Verfügung blieb, nachdem eine gewisse Anzahl
von Wurzelelementen von dem abgerufen worden waren, was er das
Verdrängte nennt, das heißt von den Vorstellungen, die die sexuellen Ge­
schichten der M ohammedaner betreffen und das Thema des Todes.
Was heißt das? Das Verdrängte war so sehr verdrängt nicht, denn wenn
er davon auch nicht zu seinem Reisegefährten gesprochen hat, gibt er
es uns sogleich in seinem Text. Aber alles läuft tatsächlich ab, als ob
diese W örter— man kann sehr wohl von Wörtern sprechen, auch wenn
59 diese Vokabeln Wortteile sind, denn sie verhalten sich wie individuelle
Wörter — als ob sie derjenige Teil des Diskurses wären, den Freud in
Wirklichkeit mit seinem Gesprächspartner zu führen hatte. Er hat ihn
nicht ausgesprochen, auch wenn er dam it angefangen hat. Das ist es,
was ihn interessierte, das, was er zu sagen bereit war, und da er es nicht
gesagt hat, sind ihm im weiteren Verlauf seiner Verbindung mit die­
sem Gesprächspartner nur Trümmer, Stücke, die Abfälle dieses Spre­
chens geblieben.
Sehen Sie daran nicht, wie sehr dieses Phänomen, das sich auf der Rea­
litätsebene abspielt, demjenigen komplementär ist, das sich auf der
Ebene des Traums abspielt? Es ist also das Auftauchen eines wahrhaf-
ten Sprechens, dem wir da beiwohnen.
Weiß Gott, ob es weithin widerhallen kann, dieses wahrhafte Sprechen,
Worum handelt es sich? — wenn nicht um das Absolute, will heißen
den Tod, der da gegenwärtig ist und zu dem Freud uns sagt, daß er, und
nicht allein wegen seines Gesprächspartners, vorgezogen hat, ihm nicht
zu sehr die Stirne zu bieten. Weiß Gott auch, daß das Problem des To­
des von einem Arzt als ein Problem der Herrschaft erlebt wird. Nun,
der erwähnte Arzt, Freud, hat, wie der andre, verloren — in dieser
Form erfahren wir immer den Verlust des Kranken, besonders dann,
wenn wir ihn lange behandelt haben.
Wer also enthauptet das Signorelli? Alles konzentriert sich in der T at um
den ersten Teil dieses Namens und seinen semantischen Widerhall. In
dem Maße wie das Sprechen, dasjenige, das das tiefste Geheimnis von
Freuds Sein zu enthüllen vermag, nicht gesagt wird, kann Freud sich an
den andern nur mit den Abfällen dieses Sprechens klammem. Nur die
Trümmer bleiben. Das Phänomen des Vergessens ist da, buchstäblich,
manifestiert durch die Degradation des Sprechens in seiner Beziehung
mit dem andern.
Nun — dahin will ich durch all diese Beispiele kommen — in dem Ma-
65
ße, wie die Bekundung des Seins ihr Ziel nicht erreicht, bezieht sich das
Sprechen vollständig auf diejenige Seite, wo sie sich an den andern
klammert.
Es ist dem Wesen des Sprechens nicht fremd, wenn ich so sagen darf,
‘sich an den andern zu klammern. Das Sprechen ist ohne Zweifel Ver-
jmittlung, Vermittlung zwischen dem Subjekt und dem andern, und es
.schließt in der Vermittlung selbst die Realisierung des anderen ein. Ein
wesentliches Element der Realisierung des andern ist dies, daß das
Sprechen uns mit ihm vereinigen kann. Das ist es vor allem, was ich Sie
bis jetzt gelehrt habe, weil dies die Dimension ist, in der wir uns unab­
lässig bewegen.
Doch es gibt eine andere Seite des Sprechens, die Enthüllungist.
Enthüllung, und nicht Ausdruck — das Unbewußte wird nicht ausge­
drückt, es sei denn durch Entstellung * Verdrehung, Umsetzung. Ich
habe in diesem Sommer Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache ge­
schrieben, ohne, absichtlich, darin den Term inus Ausdruck zu verwen­
den, denn Freuds gesamtes Werk entfaltet sich im Sinn der Enthüllung
und nicht in dem des Ausdrucks. Die Enthüllung ist der letzte Antrieb
dessen, was wir in der analytischen Erfahrung suchen,.
Der Widerstand stellt sich jn dem Augenblick her, wo sich das Spre­
chen der Enthüllung nicht sagt, wo — wie erstaunlicherweise Sterba
£m Ende eines scheußlichen, aber so treuherzigen Aufsatzes schreibt,
der die ganze analytische Erfahrung um die V erdopplung des Ego zen- «o
triert, dessen eine Hälfte uns gegen die andere zu Hilfe kommen
jmuß — wo das Subjekt nicht mehr^zu Rande kommen kann. Es
jklammert sich an den andern, weil das, was zum Sprechen drängte, es
[nicht erreicht hat. Die steckengebliebene Ankunft des Sprechens, so­
fern irgend etwas es vielleicht gründlich unmöglich m ach t— das ist der
Angelpunkt, auf dessen Kippe, in der Analyse, das Sprechen .vollkom-
men auf seiner ersten Seite steht und sich au f seine .Funktion der
Beziehung zum andern reduziert. Wenn dann das Sprechen als Ver-
I mittlung fungiert, so weil es sich nicht als Enthüllung erfüllt hat.
Die Frage ist noch immer, auf welcher Ebene sich die Anklammerung
an den andern herstellt. M an m uß schon so verdum m t sein, wie man es
durch eine bestimmte Art zu theoretisieren, zu dogmatisieren und sich
in der analytischen Technik einzurichten, sein kann, um uns eines
Tages gesagt zu haben, daß eine der vorgängigen Bedingungen der
analytischen Behandlung was sei? — daß das Subjekt eine bestimmte
W ahrnehmung des andern als solchen habe. Sicher doch, du Schlau-
66
berger. Es geht aber darum, auf welcher Ebene dieser; andre: realisiert
wird und wie, in welcher Funktion, in welchem K reis der Subjektivität,
in welcher Entfernung dieser andre steht^
Im Lauf der analytischen Erfahrung variiert diese Entfernung unauf­
hörlich. Welche Narrheit, anzunehmen, man könne sie als ein be­
stimmtes Stadium des Subjekts ansehen!
Das ist derselbe Geist, der Herrn Piaget vom egozentrischen Weltbe-
griff des Kindes reden läßt. Als wenn die Erwachsenen den Gören dar­
über irgend welche Vorhaltungen zu machen hätten! Und ich würde
gern wissen, welche W ahrnehmung des andern in den Waagschalen
des Ewigen besser befunden wird, diejenige, die Herr Piaget, auf seiner
Professorenstelle und in seinem Alter, haben kann, oder die eines
Kindes! Dies Kind sehen wir wunderbar offen für alles, was der Er­
wachsene ihm vom Sinn der Welt zuträgt. Bedenkt man jemals, was
diese wunderbare Durchlässigkeit für alles, was Mythos, Legende,
Märchen, Geschichte, was diese Leichtigkeit, mit der sie sich von Er­
zählungen mitnehmen lassen, für das Gefühl des andern bedeutet?
Glaubt man, das sei mit den kleinen Würfelspielen vergleichbar, mit
deren Hilfe H err Piaget uns zeigt, daß das Kind zu einer kopemikani-
schen Weltansicht gelangt?
Es geht darum , wie, in einem gegebenen Augenblick, dies geheimnis-
jvolle Gefühl der Anwesenheit auf den anderen zielt. V ie lle ic h t
(das integriert, wovon Freud in der Dynamik dttlLbtrixagmg spricht, das*
|teißt in sämtliche vorgängigen Strukturierungen, nicht bloß des Lie-

Wenn ich die erste Krümmung des Sprechens zu isolieren hätte, den
ersten Augenblick, wo sich die ganze Realisierung der W ahrheit des
Subjekts in seiner Kurve krümmt, die erste Schicht, wo das Einfangen
des andern seine Funktion übernimmt, so würde ich sie in der Formel
isolieren, die mir von einem von denen gegeben worden ist, die hier sind
und die ich kontrolliere. Ich fragte ih n — Wo ist ihr Patient nach ihrer Mei­
nung in dieser Woche? Er hat mir daraufhin einen Ausdruck gegeben, der
genau mit dem übereinstimmt, was ich in dieser Krümmung zu situie­
61 ren versucht habe — Er hat mich zum Zeugen genommen. Und tatsächlich
ist eben das eine der herausgehobensten, aber schon abgekrümmten
Funktionen des Sprechens — die Zeugennahme.
Ein wenig weiter, und es wird die Verführung sein. Und noch ein wenig
weiter der Versuch, deiLanderiiin eiaSpiel einzufangen, wo das Spre­
chen — die analytische Erfahrung hat uns das gut gezeigt — sogar in
67
eine symbolischere Funktion übergeht, in eine tiefere Triebbefriedi­
gung. Ohne den letzten Term zu erwähnen — die vollständige Desor­
ganisation der Funktion des Sprechens in den Übertragungsphänome­
nen, wo das Subjekt, notiert Freud, sich vollkommen befreit und ein­
fach das tut, wozu es Lust hat.
Ist das, wozu wir durch diese Überlegung geführt werden, nicht letzt­
lich das, wovon ich in meinem Bericht über die Funktionen des Spre­
chens ausgegangen bin? — das heißt die Opposition des leeren Spre­
chens und des vollen Sprechens, volles Sprechen, sofern es die Wahr­
heit des Subjekts realisiert, leeres Sprechen in Beziehung auf das, was es
hic et nunc mit seinem Analytiker zu tun gibt, wo sich das Subjekt in den
Machinationen des Sprachsystems, in dem Labyrinth der Referenz­
systeme verirrt, die ihm die kulturelle Verfassung gibt, an der er mehr
oder weniger teilhat. Zwischen diesen beiden Extremen entfaltet sich
die ganze Skala der Realisierung des Sprechens.
Diese Perspektive fuhrt uns genau hierzu— der W iderstand, um den es
sich handelt, projiziert seine Resultate auf das System des Ich, sofern
das System des Ich ohne das System, wenn m an so sagen kann, des an­
dern nicht einmal denkbar ist. Das Ich ist referentiell auf den andern
bezogen. Das Ich konstituiert sich in seiner Beziehung auf den andern.
Es ist ihm korrelativ. Die Ebene, auf der der andere erlebt wird, situiert
genau die Ebene, auf der, buchstäblich, das Ich für das Subjekt exi­
stiert.
Der Widerstand inkarniert sich tatsächlich in dem System des Ich und
des andern. Er realisiert sich darin in diesem oder jenem Augenblick
der Analyse. Aber er geht von woanders aus, nämlich von der Ohn­
macht des Subjekts, den Bereich der Realisierung seiner Wahrheit zu
betreten. Auf eine zweifellos durch die Fixierungen seines Charakters
und seiner Struktur mehr oder weniger definierte Weise projiziert sich
der Akt des Sprechens doch immer auf eine bestimmte Ebene, in einen
bestimmten Stil der Beziehung zum anderen.
Betrachten Sie, von diesem M oment aus, das Paradox der Position des
Analytikers. In dem Moment, wo das Sprechen des Subjekts das vollste
ist, kann ich, als Analytiker, eingreifen. Doch in was greif ich ein?— in
seinen Diskurs. Je innerlicher der Diskurs dem Subjekt ist, desto mehr
zentriere ich mich auf diesen Diskurs. Aber das Umgekehrte ist gleich­
falls wahr. Je leerer sein Diskurs ist, desto m ehr werde ich, auch ich, da­
zu gebracht, mich an den anderen zu halten, das heißt, das zu machen,
was man die ganze Zeit macht, in dieser berühm ten Widerstandsana-
68
lyse, wenn man das Jenseits seines Diskurses sucht — Jenseits, beden­
ken Sie recht, das nirgendwo ist, Jenseits, welches das Subjekt zu reali­
sieren hat, doch das es eben nicht realisiert hat und das nun aus meinen
eigenen Projektionen gemacht wird, auf der Ebene, wo das Subjekt es
in diesem Augenblick realisiert.
Ich habe Ihnen beim letzten Mal die Gefahren von gezielten Inter-
62 pretationen oder Unterschiebungen gezeigt, die, verifiziert oder nicht,
einer Verifikation fähig oder nicht, in W ahrheit nicht verifizierbarer
sind als ein beliebiges Projektionssystem. Und genau das ist die Schwie­
rigkeit der Analyse.
Wenn wir sagen, daß wir Widerstände interpretieren, stecken wir mit­
ten in dieser Schwierigkeit — wie auf einer bestimmten Ebene der ge­
ringsten Dichte der Sprechbeziehung operieren? Wie in dieser Inter­
psychologie, Ego und alter Ego, auf die uns die Degradation des
Sprechensprozesses selbst reduziert, operieren? In andern Worten, wel­
ches sind die möglichen Beziehungen zwischen diesem Eingriff des
Sprechens, den die Interpretation darstellt, und der Ebene des Ich, so­
fern diese Ebene immer die Korrelation von Analysiertem und Analy­
tiker impliziert? Da die Funktion des Sprechens so sehr in die Richtung
des anderen gewendet worden ist, daß sie nicht einmal mehr Vermitt­
lung ist, sondern nur noch implizite Gewalt, Reduktion des anderen
auf eine korrelative Funktion des Ich des Subjekts — was können wir
tun, um das Sprechen im analytischen Versuch noch tauglich zu hand­
haben?
^ Sie spüren den oszillierenden Charakter des Problems. Er führt uns zu
dieser Frage — was bedeutet diese im andern gesuchte Stütze? Warum
wird der andere um so viel weniger wirklich anderer, je ausschließli­
cher er die Funktion der Stütze übernimmt?
Es handelt sich darum, diesen circulus vitiosus in der Analyse zu verlas­
sen. Sind wir nicht, wie die Geschichte derTechnik zeigt, indem Maße
mehr in ihm befangen, wie der Akzent immer stärker auf die Ich-Seite
der W iderstände gelegt worden ist? Es ist dasselbe Problem, das sich
noch unter dieser Form ausdrückt — warum entfremdet sich das Sub­
jekt um so mehr, je mehr es sich als Ich afTirmiert?
Damit kommen wir auf die Frage der voraufgehenden Sitzung zu­
rück — was ist denn das, was sich, jenseits des Ich, Anerkennung zu ver­
schaffen sucht?

3. F ebruar 1954
69
V
E IN F Ü H R U N G U N D A N T W O R T
ZU E IN E M V O R T R A G
V O N JE A N H Y P P O L IT E Ü B E R
D IE V E R N E I N U N G * V O N F R E U D

Die linguistische Versehlungenheil


Die philosophischen Disziplinen
Struktur der Halluzination
In jedem Verhältnis zum anderen,
die Verneinung

Die beim letzten Mal dabei waren, haben eine Ausführung über die
zentrale Passage von Freuds Schrift Zur Dynamik der Übertragung hören
können.
Diese ganze Ausführung hat darin bestanden, Ihnen zu zeigen, daß das
hauptsächliche Phänomen der Ü bertragung von dem ausgeh t^ was ich
den Grund der Bewegung des W iderstands nennen könnte. Ich habe
dies Momem isoliert* das in der^ analyti^henJThep^ maskjfe^
in welchem der W iderstand sich in seinem w esentlichste!^
einejCippbewegung des Sprechens zurAnwesenheit des Zuhörers, des
Zcugç.n,._der derj\nalytiker ist, manifestiert. Der Augenblick, in dem
sich das Subjekt unterbricht, ist gewöhnlich der bedeutsamste Augen­
blick seiner Annäherung an die W ahrheit. W ir fassen hier den Wider­
stand im Reinzustand, der in dem häufig von Angst gefärbten Gefühl
der Anwesenheit des Analytikers gipfelt.
Ich habe Sie auch gelehrt, daß die Frage des Analytikers, wenn das
Subjekt sich unterbricht — die, weil Freud Sie daraufhingewiesen hat,
für einige fast automatisch geworden ist — Denken Sie nicht an etwas, das
mich, den Analytiker, betrifft?— bloßer Aktivismus ist, der die Orientie­
rung des Diskurses auf den Analytiker kristallisiert. Diese Kristallisie­
rung macht nur dies manifest, daß der Diskurs des Subjekts, sofern er
nicht bis zu demjenigen vollen Sprechen gelangt, wo sich sein unbe­
wußter Grund enthüllen müßte, sich schon an den Analytiker richtet,
schon geschaffen ist, ihn zu interessieren, und sich auf jene entfremdete
Form des Seins stützt, die man Ego nennt-
70
1

Das Verhältnis des Ego zum anderen, die Beziehung des Subjekts auf
diesen anderen selbst, auf diesen Gleichen, in bezug auf den es sich zu*
erst gebildet hat, ist eine wesentliche Struktur der menschlichen Kon­
stitution.
Von dieser imaginären Funktion aus können wir begreifen und erklä­
ren, was das Ego in der Analyse ist. Ich sage nicht das Ego in der Psycho­
logie, wo es eine Synthesenfunktion ist, sondern das Ego in der Analyse,
dynamische Funktion. Das Ego manifestiert sich hier als Abwehr, Zu­
rückweisung. H ier ist die ganze Geschichte der sukzessiven Oppositio­
nen eingeschrieben, die das Subjekt in der Integration dessen aufgewie­
sen hat, was man anschließend in der Theorie, erst anschließend, seine
tiefsten und verkanntesten Triebe genannt hat. Wirerfassen, mit ande­
ren Worten, in diesen von Freud so exakt bezeichneten Augenblicken
des Widerstands das, wodurch die Bewegung der analytischen Erfah­
rung selbst die fundamentale Funktion des Ego isoliert, das Verkennen.
Die Triebfeder, den bedeutsamen Punkt von Freuds Untersuchung,
habe ich Ihnen an der Traumanalyse gezeigt. Sie haben daran unter
einer fast paradoxen Form gesehen, wie sehr die Freudsche Analyse des
Traums unterstellt, daß er die Funktion des Sprechens hat. Das wird
durch den Umstand erwiesen, daß Freud d ie letzte Spur eines ver­
schwundenen Traum s in genau dem Augenblick erfaßt, wo sich das
Subjekt vollkommen ihm zuwendet. An genau dem Punkt, wo der
Traum nur noch eine Spur ist, ein Traum trum m i Cin isoliertes Wort,
finden wir seine Ubertragungsspitze wieder. Ich habe schon auf die be-
deutsame, isolierte, Unterbrechung hingewiesen, die der Wendepunkt
eines Moments der analytischen Sitzung sein kann. Der T raum formt
sich also über einer identischen Bewegung.
Ich habe Ihnen gleichfalls die Bedeutung des nicht-gesagten, weil zu­
rückgewiesenen, weil vom Subjekt verworfenen * Sprechens gezeigt. Ich
habe Sie das Gewicht spüren lassen, das dem Sprechen im Vergessen
eines Wortes eigen ist— das Beispiel war aus der Psychopathologie des A ll'
lagslebens entnommen — und wie sehr, auch darin, die Differenz zwi­
schen dem, was das Sprechen des Subjekts hätte formulieren müssen,
und dem, was ihm bleibt, um sich an den anderen zu wenden, spürbar
ist. In diesem bestimmten Falle fehlt, durch die Wirkung des Wortes
Herr, dem Sprechen des Subjekts das Wort Signorelli, das es in Gegen­
wart des Gesprächspartners nicht mehr auffinden kann, vor dem das
71
Wort Herr einen Augenblick zuvor, potentiell, mit seiner vollen Bedeu­
tung genannt worden war. Dieser enthüllende M oment der fundamen­
talen Widerstandsbeziehung und der Dynamik der analytischen Er­
fahrung fuhrt uns folglich auf eine Frage, die sich zwischen diesen zwei
Begriffen polarisieren kann — dem Ego, dem Sprechen.
Es ist dies eine so wenig erforschte Frage — für uns m uß sie allerdings
das Objekt einer wesentlichen U ntersuchung sein — daß wir irgendwo,
unter der Feder von Fenichel,zum Beispiel finden, es sei unbestreitbar,
daß der Sinn von W orten das Subjekt durch das Ego erreiche. Muß
man Analytiker sein, um zu denken, daß ein derartiger Gedanke zu- es
mindest bestreitbar ist? Kann man, selbst wenn man einräum t, daß das
Ego tatsächlich das ist, was, wie man sagt, unsere motorischen Äuße­
rungen leitet und folglich auch die Hervorbringung der Lautfolgen, die
man Worte nennt — kann man sagen, daß in unserm Diskurs tatsäch­
lich das Ego der H err alles dessen sei, was die Worte verbergen?
Das symbolische System ist großartig verschlungen, es ist von jener Ver-
schhmgenheit* gekennzeichnet, die die Übersetzung der technischen
Schriften mit complexité wiedergegeben hat, was, und wie!, zu schwach
ist. Verschlungenheit* bezeichnet linguistische U berkreuzung— jedes
noch so leicht isolierte linguistische Symbol ist nicht bloß der Gesamt­
heit verhaftet, sondern überschneidet sich mit ihr und konstituiert sich
durch eine ganze Serie von Zuflüssen, von gegensätzlichen Überdeter­
minierungen, die es in mehreren Bereichen zugleich situieren. Ist nicht
dies Sprachsystem, in dem sich unser Diskurs bewegt, etwas, das jede
Intention, die wir darein setzen können und die nur von der Dauer
eines Augenblicks ist, unendlich weit überschreitet?
Genau mit diesen Ambiguitäten, mit diesen jetzt und immer schon im
symbolischen System implizierten Reichtümern, wie es von der Tradi­
tion, in die wir uns als Individuen eher einfügen, als daß wir sie buch­
stabieren und lernen, geschaffen worden ist, m it diesen Funktionen
spielt die analytische Erfahrung. In jedem Augenblick besteht diese
Erfahrung darin, dem Subjekt zu zeigen, daß es mehr davon sagt, als
es zu sagen glaubt - um die Frage nur unter diesem Winkel anzu­
sehen.
Wir könnten dazu neigen, die Frage unter dem genetischen Aspekt zu
behandeln. Aber dann wären wir in eine psychologische Untersuchung
hineingezogen, die uns so weit fuhren würde, daß wir sie jetzt nicht
ausführen können. Es scheint indessen unbestreitbar, daß wir den
Spracherwerb als solchen nicht von dem Erwerb der motorischen Be-
72
herrschung her beurteilen können, die vom Auftauchen der ersten
Worte angezeigt wird. Die Wortzählungen, die die Beobachter zu ver­
zeichnen sich den Spaß machen, lassen das Problem vollkommen of­
fen, in welchem Maße die tatsächlich in der motorischen Repräsenta­
tion auftauchenden W örter nicht eben aus einer ersten Erfassung der
Gesamtheit des symbolischen Systems als solchem auftauchen.
Was zuerst auftritt, hat, wie die Klinik zeigt, eine ganz kontingente Be­
deutung. Jeder weiß, mit welcher Verschiedenheit in der Ausdrucks­
weise der Kinder die ersten Sprachfragmente auftauchen. Und man
weiß auch, wie erstaunlich es ist, ein Kind Adverbien, Partikeln, Wör­
ter, vielleicht und noch nicht aussprechen zu hören, noch bevor es ein sub­
stantivisches Wort, den geringsten Gegenstandsnamen ausgesprochen
hat.
Diese vorgängige Problemstellung scheint für die Situierung brauch­
barer Beobachtungen unverzichtbar. Wenn es nicht gelingt, die Auto­
nomie der symbolischen Funktion in der menschlichen Realisierung zu
erfassen, ist es unmöglich, von Fakten auszugehen, ohne dabei die
gröbsten Verständnisfehler zu begehen.
66 Da das hier kein Seminar über allgemeine Psychologie ist, werde ich
zweifellos keine Gelegenheit haben, diese Fragen wiederaufzunehmen.

Heute denke ich nur, das Problem des Ego und des Sprechens einfüh­
ren zu können, wobei ich wohlgemerkt von der Form ausgehe, in der cs
sich in unserer Erfahrung enthüllt.
Dieses Problem können wir nur von dem Punkt aus stellen, wo sich ge­
genwärtig seine Formulierung befindet. W ir können nicht so tun, als
würde die Freudsche Ich-Theorie nicht existieren. Freud hat das Ego
dem Es gegenübergestellt, und diese Theorie durchdringt unsre theore­
tischen und technischen Konzeptionen. Deshalb möchte ich heute Ihre
Aufmerksamkeit auf einen Text lenken, der den Titel Die Verneinung *
trägt.
Verneinung* ist, wie J.H yppolite mir eben zu verstehen gegeben hat,
im Französischen dénégation und nicht négation, wie man es übersetzt
hat. So hab’ auch ich in meinen Seminaren, immer wenn ich dazu
Gelegenheit hatte, diesen Begriff übersetzt.
Der Text ist von 1925. Er ist nach dem Erscheinen der Aufsätze über die
73
Psychologie des Ich und seine Beziehung zum Es veröffentlicht wor­
den. Er liegt insbesondere später als die Schrift Das Ich und das Es. Freud
nimmt in ihm die fur ihn immer lebendige Beziehung zwischen dem
Ego und der gesprochenen Darstellung des Subjekts in der Sitzung wie­
der auf.
M ir schien, aus Gründen, die Sie selbst noch sehen werden, daß
J. Hyppolite, der uns die große Ehre erweist, an unseren Arbeiten hier
durch seine Anwesenheit, das heißt durch seine Beiträge teilzuneh­
men, uns das Zeugnis einer Kritik mitteilen könnte, die durch alles, was
wir von seinen früheren Arbeiten kennen, getragen wird.
Das in Frage stehende Problem geht, Sie werden es sehen, nicht weni­
ger als die ganze Theorie, wenn nicht der Erkenntnis, doch zumindest
des Urteils an. Deshalb habe ich ihn, zweifellos mit ein wenig Nach­
druck, gebeten, nicht nur mich ergänzen, sondern das beitragen zu wol­
len, was allein er zu einem Text von der Strenge der Verneinung * beitra­
gen kann.
Ich glaube, daß es dam it für einen Kopf Schwierigkeiten geben könnte,
der nicht in diesen philosophischen Disziplinen ausgebildet ist, die wir
in der Funktion, die wir erfüllen, nicht entbehren können. Unsere
Erfahrung ist nicht die eines affektiven Aneinander-sich-Reibens. Wir
haben beim Subjekt keine solche Wiederkehr mehr oder weniger sich
verflüchtigender, verworrener Erfahrungen zu provozieren, in denen
die ganze Magie der Psychoanalyse bestehen soll. W ir sind also voll­
kommen bei unserer Aufgabe, wenn wir, über einen Text wie diesen,
die qualifizierten M einungen von jem andem hören, der in der Sprach-
kritik geübt und in den philosophischen Disziplinen ausgebildet ist.
Diese Schrift demonstriert einmal m ehr den fundamentalen Wert 67
sämtlicher Schriften von Freud. Jedes W ort verdient, nach seinem ge­
nauen Einfallswinkel, nach seinem Akzent, nach seiner besonderen
Wendung vermessen zu werden, verdient, der strengsten logischen
Analyse unterzogen zu werden. Das unterscheidet es von denselben
mehr oder weniger vage zusammengestellten Begriffen seiner Schüler,
die das Verständnis der Probleme sozusagen aus zweiter H and bezogen
und nie vollständig ausgearbeitet haben, woraus denn der Verfall der
analytischen Theorie resultiert, der sich unablässig in ihrem Zögern
manifestiert.
Bevor ich J. Hyppolite das W ort erteile, möchte ich Ihre Aufmerk­
samkeit auf den Beitrag lenken, der von ihm im Lauf dieser Art von De­
batte vorgetragen worden ist, die von einer bestimmten Weise, Freuds
74
Verhalten und seine Absichten gegenüber dem Kranken darzustellen,
provoziert worden ist. In dem Zusammenhang hat J.Hyppolite Z un­
terstützt ...

J .H yppolite : — . ..für einen Augenblick.

— ... ja, für einen Augenblick. Es ging, wenn Sie sich erinnern^ darum,
welche grundsätzliche Haltung, welche Intention gegenüber seinem
Patienten Freud charakterisiert, als er versucht, die Unterwerfung
durch Suggestion oder Hypnose mit der Widerstandsanalyse durch
Sprechen zu ersetzen.
Ich hab* mich dann sehr reserviert zu der Frage geäußert, ob es da bei
Freud eine kämpferische, das heißt eine auf Beherrschung angelegte
Haltung gebe, Rückstände des ambitiösen Stils, der sich in seiner J u ­
gend verrät.
Ich glaube, daß ein Text ziemlich entscheidend ist. Das ist eine Passage
aus Massenpsychologie und Ich-Analyse. Das Ich als autonome Funktion ist
in Freuds Werk zum erstenmal im Zusammenhang der Massenpsycho­
logie eingeführt worden, das heißt im Zusammenhang der Beziehun­
gen zum anderen — ein bloßer Hinweis, den ich Ihnen heute geben
will, weil er den Blickwinkel rechtfertigt, unter dem ich selbst Sie in
dieses Problem eingeführt habe. Diese Passage steht im Kapitel vier
unter dem Titel Suggestion und Libido.
Man wird sofür die Aussage vorbereitetdie Suggestion (richtiger die Suggerier·
barkeit) sei eben ein weiter nicht reduzierbares Urphänomen, eine Grundtatsache
des menschlichen Seelenlebens. So hielt es auch Bernheim, von dessen erstaunlichen
Künsten ich im Jahre 1889 Zeuge war. Ich weiß mich aber auch damals an eine
dumpfe Gegnerschaft gegen diese Tyrannei der Suggestion zu erinnern. Wenn ein
Kranker, der sich nicht gefügig zeigte, angeschrien wurde: Was tun Sie denn? Vous
vous contre-suggestionner! so sagte ich mir, das sei offenbares Unrecht und Gewalt­
tat. Der Mann habe zu Gegensuggestionen gewiß ein Recht, wenn man ihn mit
Suggestionen zu unterwerfen versuche. Mein Widerstand nahm dann später die
Richtung einer Auflehnung dagegen, daß die Suggestion, die alles erklärte, selbst
68 der Erklärung entzogen sein sollte. Ich wiederholte mit Bezug auf sie die alte
Scherzfrage:
Christoph trug Christum,
Christus trug die ganze Welt,
Sag\ wo hat Christoph
Damals hin den Fuß gestellt?
75
Eine wirkliche Gegnerschaft also empfand Freud gegen die Gewalt, die
das Sprechen ausüben kann. Diese mögliche Neigung der Wider­
standsanalyse, von der Z damals ein Zeugnis ablegte, bezeichnet die
gegenläufige Richtung, die in der Praktizierung der Analyse zu vermei­
den ist. Ich glaube, daß das ganze Gewicht dieser Passage in dieser
Hinsicht zu verstehen ist und sie deshalb zitiert zu werden verdiente.
Indem ich ihm noch einmal für die M itarbeit danke, die er uns zuteil
werden lassen will, möchte ich nun J.H yppolite, der, soweit ich ver­
standen habe, dem genannten Text eine längere Untersuchung gewid­
met hat, bitten, uns einfach seinen Eindruck mitzuteilen.

Der Vortrag vonJean Hyppolite ist abgedruckt in derfranzösischen Ausgabe von


J. Lacan, Ecrits, 879-887, und in dem Band Figures de la pensée philoso­
phique von Jean Hyppolite, Paris, 1971 — Band1,385-396. Eine deutsche
Übersetzung dieses Vortrags wird in J . Lacan, Schriften III veröffentlicht wer-
den.

W ir können J.H yppolite nicht genug dafür danken, uns durch eine
dem Freudschen Denken koextensive Bewegung Gelegenheit gegeben
zu haben, unm ittelbar dieses Jenseits der positiven Psychologie zu er­
reichen, das er ganz ausgezeichnet lokalisiert hat.
Beiläufig möchte ich Sie darauf hinweisen, daß, wenn wir in diesen Se­
minaren auf dem trans-psychologischen C harakter des psychoanalyti­
schen Feldes bestehen, wir nur das wiederfinden, was in unserer Praxis
Evidenz ist und was das Denken dessen, der uns die T üren dazu geöffnet
hat, unablässig und noch in der geringsten seiner Schriften bekundet.
Es ist aus der Reflexion über diesen Text vieles zu entnehmen. Die ex­
treme Dichte des Vortrags von J. Hyppolite ist vielleicht in gewissem
Sinn didaktischer als das, was ich selbst in meinem Stil, mit bestimm­
ten Intentionen formuliere. Ich sollte ihn zum Gebrauch derer, die
hierherkommen, verfielfaltigen lassen, denn m ir scheint, daß es kein
besseres Vorwort zu dieser Niveauunterscheidung geben kann, zu die­
ser Begriflsanalyse, in die ich, in der Absicht, Verwirrungen zu vermei­
den, Sie einzuführen mich bemühe.
Die Untersuchung des Textes von Freud durch J . Hyppolite hat uns
den Niveauunterschied zwischen der Bejahung * und der Negativität
gezeigt, sofern diese die Konstitution der Subjekt-Objekt-Beziehung
76
auf einer niedrigeren Ebene ansetzt — ich wähle diese viel klotzigeren
Ausdrücke absichtlich. Genau darin führt uns dieser allem Anschein
nach geringfügige Text von Anfang an ein und findet damit ohne Zwei­
fel Anschluß an die aktuellsten Arbeiten der philosophischen For­
schung.
Das erlaubt uns zugleich die Ambiguität zu kritisieren, die immer im
Umkreis der berühmten Opposition zwischen Intellektuellem und Af­
fektivem unterhalten wird — als ob das Affektive eine Art Einfärbung,
eine unaussprechliche Q ualität wäre, die an sich selbst untersucht wer­
den müßte, völlig unabhängig von der entleerten Haut, die dabei die
rein intellektuelle Realisierung einer Beziehung des Subjekts wäre.
Diese Auffassung, die die Analyse auf sonderbare Wege treibt, ist pue­
ril. Das geringste sonderbare, das heißt befremdliche Gefühl, das das
Subjekt im Text der Sitzung verrät, wird als ein sensationeller Erfolg
vermerkt. Das ist etwas, das sich aus diesem fundamentalen Mißver­
ständnis ergibt.
Das Affektive ist nicht so etwas wie eine besondere Dichte, die der intel­
lektuellen Verarbeitung fehlte. Es situiert sich nicht in einem mythi­
schen Jenseits der Symbolproduktion, das der diskursiven Formulie­
rung vorausläge. Diese Einsicht allein kann uns von Anfang an erlau­
ben, das, worin die volle Realisierung des Sprechens besteht, ich sage
nicht zu situieren, aber wahrzunehmen.
Wir haben noch ein wenig Zeit. Ich möchte gleich versuchen, durch
Beispiele zu pointieren, wie diese Frage sich stellt. Ich werde Ihnen das
von zwei Seiten zeigen.

Nehmen wir zuerst ein Phänomen, dessen Ansicht durch die Aus­
arbeitung des psycho-pathologischen Denkens vollständig erneuert
wurde — die Halluzination.
Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wurde die Halluzination als ein
kritisches Phänomen angesehen, an dem sich die Frage nach dem Un­
terscheidungswert des Bewußtseins stellte — es konnte nicht das Be­
wußtsein sein, das halluziniert wurde, es mußte etwas anderes sein. Es
genügt tatsächlich, sich mit der neuen Phänomenologie der W ahrneh­
mung, wie sie sich von dem Buch von M. Merleau-Ponty herschreibt,
zu beschäftigen, um zu sehen, daß die Halluzination im.Gegenteil als
wesentlich in die Intentionalität des Subjekts integrierüst.
77
Gewöhnlich begnügt man sich mit einer bestimmten Anzahl von Kon­
zepten, wie dem des Lustprinzips, um die Produktion der Halluzina­
tion zu erklären. So betrachtet man sie als die erste Bewegung in der
O rdnung der Befriedigung des Subjekts. W ir können uns mit einerder­
art einfachen Theoretisierung nicht begnügen.
Erinnern Sie sich an das Beispiel, das ich Ihnen beim letzten Mal aus
dem Wolfsmann zitiert habe. Der Fortgang der Analyse des fraglichen
Subjekts, die Widersprüche, welche die Spuren aufweisen, an denen
wir die Herausbildung seiner Situation in der menschlichen Welt ver- 70
folgen, zeigen eine Verwerfung * an — die genitale Ebene ist für ihn im­
mer so gewesen, als ob sie, buchstäblich, nicht existierte. W ir waren ver­
anlaßt, diese Verwerfung auf der Ebene, ich würde sagen der Nicht-Be-
jahung*zu situieren, denn wir können sie nicht, absolut nicht, auf die­
selbe Ebene stellen wie eine Verneinung.
Was erstaunlich ist, ist das Folgende. Im Lichte der Erklärungen, die
Ihnen heute zu Die Verneinung * gegeben worden sind, wird das viel ver­
ständlicher sein. Auf eine allgemeine Art und Weise ist die Bedingung
dafür, daß für das Subjekt irgend etwas existiert, die Bejahung * eine.
solche Bejahung * die nicht Negation der Negation ist. Was geschieht,
wenn diese Bejahung nicht stattfindet und in der symbolischen Ord­
nung folglich nichts manifest wird?
ί Betrachten wir den Wolfsmann. Für ihn gab es keine Bejahung * Reali­
sierung der genitalen Ebene. Es gibt in der symbolischen Ordnung
nicht eine Spur dieser Ebene. Die einzige Spur, die wir davon finden
können, ist das Auftauchen einer kleinen Halluzination in, durchaus
.inicht seiner Geschichte, sondern wirklich seiner Außenwelt. Die Ka­
stration, die genau das ist, was für ihn nicht existiert hat, manifestiert
sich unter der Form dessen, was er sich einbildet — sich in den kleinen
Finger geschnitten zu haben, so tief, daß das nur noch durch ein kleines
Häutchen hält. Er ist daraufhin von dem Gefühl einer so unsäglichen
Katastrophe überschwemmt, daß er nicht einmal wagt, der Person an
seiner Seite davon zu sprechen. Weshalb er nicht zu sprechen wagt, ist
dies — es ist, als ob diese Person, auf die er sofort all seine Emotionen
bezieht, annulliert wäre. Es gibt keinen anderen mehr. Es gibt eine Art
unmittelbarer Außenwelt, Erscheinungen, die als ein primitives Rea­
les, wie ich es nennen würde, wahrgenommen werden, als ein nicht-
symbolisiertes Reales, trotz der symbolischen Form, im gewöhnlichen
Sinn des Wortes, die dieses Phänomen annim m t.
Das Subjekt ist durchaus nicht psychotisch. Es hat nur eine Halluzina-
78
tion. Es hätte später psychotisch sein können, es ist es nicht in dem
Augenblick, wo es dies absolut begrenzte Kernerlebnis hat, das dem
Erlebnis seiner Kindheit fremd, vollkommen desintegriert gegenüber­
steht. In diesem Augenblick seiner Kindheit erlaubt nichts, ihn als
Schizophrenen einzuordnen, aber es handelt sich sehr wohl um ein psy­
chotisches Phänomen.
Es gibt also hier, auf der Ebene einer ganz und gar primitiven Erfah-
jrung, an diesem Quellpunkt, wo die Möglichkeit des Symbols das Sub­
jekt auf eine bestimmte Beziehung zur Welt hin öffnet, eine Korrela-
i tion, einen Ausgleich, den ich Sie zu verstehen bitte — was nicht aner-
. kannt wird, bricht ins Bewußtsein unter der Form des Gesehenen ein.
Wenn Sie diese besondere Polarisierung vertiefen, so wird es Ihnen sehr
viel leichter erscheinen, das zweideutige Phänomen anzugeben, das
sich déjà-vu nennt und sich zwischen diesen zwei Beziehungsformen
situiert, dem An- und W iedererkannten und dem Gesehenen (le reconnu
et le vu). M it dem déjà-vu findet sich etwas aus der Außenwelt an die
Grenze getrieben und taucht mit einer besonderen Vor-Bedeutung auf.
Die retrospektive Illusion überträgt das mit einer ursprünglichen Qua­
lität begabte W ahrgenommene auf das Gebiet des déjà-vu. .Vpn nichts
anderem spricht Freud, wenn er uns sagt, daß jeder Beweis der Außen^
7i weit sich implizit auf etwas bezieht, das schon einmal in der Vergangen­
heit wahrgenommen worden ist. Diese. Beobachtung ist ad infinitum
anzuwenden — auf gewisse Weise enthält jede Art von Wahrgenom-
menem notwendig einen Bezug auf ein zuvor Wahrgenommenes.
Deshalb kommen wir hier wieder auf die Ebene des Imaginären als sol­
chen zurück, auf die Ebene des Modellbildes der ursprünglichen Form.
Es handelt sich nicht um das symbolisierte und verbalisierte Wiederer­
kannte. W ir stoßen dam it viel eher wieder auf die Probleme, die von
der platonischen Theorie nicht der Rückerinnerung, sondern der Re-
\ miniszenz gestellt werden.
Ich habe Ihnen ein anderes Beispiel angekündigt, das ich von den Statt­
haltern der modern genannten Art zu analysieren entlehne. Sie werden
sehen, daß ihre Prinzipien schon 1925 in den Texten von Freud heraus­
gestellt werden.
Man macht eine große Sache daraus, daß wir zuerst, wie man sagt, die
Oberfläche analysieren. Das allerbeste wäre, wenn man dem Patienten
erlaubte, voranzukommen und dabei diese Art von Zufall zu ver­
meiden, den die intellektualisierte Sterilisierung des durch die Analyse
wiederheraufgerufenen Inhalts darstellt.
79
Nun, Kris stellt in einem seiner Aufsätze den Fall eines Patienten vor,
den er in Analyse nimmt und der übrigens schon einmal analysiert wor­
den ist. Dieser Patient hat schwere H emmungen in seinem Beruf,
einem intellektuellen Beruf, der, nach dem, was m an mitbekommt,
denjenigen Beschäftigungen sehr nah scheint, die die unseren sein kön­
nen. Dieser Patient hat alle Arten von Produktionsschwierigkeiten, wie
man sagt. Tatsächlich ist sein Leben wie eingeschnürt von dem Ge­
fühl — um es kurz zu machen, sagen wir, ein Plagiator zu sein. Er
tauscht ununterbrochen seine Gedanken m it einem aus, der ihm sehr
nahesteht, einem brillanten scholar, aber er fühlt sich immer versucht,
die Ideen, die ihm sein Gesprächspartner m itteilt, zu übernehmen, und
das ist für ihn eine dauernde Hem m ung für alles, was er herausbringen,
publizieren will.
Gleichwohl gelingt es ihm, einen bestimmten Text auf die Beine zu
stellen. Aber eines Tages kommt er an und erklärt mit beinahe trium­
phierendem Ton, seine ganze Arbeit befinde sich schon in der Biblio­
thek, in einem bereits publizierten Aufsatz. Diesmal also, wie man
sieht, ein Plagiator malgré lui.
Worin wird nun die angebliche Oberflächeninterpretation bestehen,
die Kris uns vorschlägt? Wahrscheinlich darin — Kris zeigt sich an
dem interessiert, was tatsächlich geschehen ist und was in dem Aufsatz
steht. Als er etwas genauer hinguckt, bemerkt er, daß das Wesentliche
der vom Patienten mitgeteilten Darstellung darin nicht liegt. Die Sa­
chen sind zwar angeschnitten, an die sich dieselben Fragen knüpfen,
aber nichts von den neuen Einsichten, die sein Patient vorgetragen hat,
dessen Arbeit also vollkommen original ist. Davon m uß man ausgehen,
sagt Kris, und das nennt er — ich weiß nicht warum — ein Ausgehen
von der Oberfläche.
Nun, sagt Kris, wenn der Patient daran festhält, ihm zu demonstrieren,
daß sein ganzes Verhalten gehemmt ist, so weil es seinem V ater nie ge­
lungen ist, etwas herauszubringen, und das, weil er von einem Groß­
vater — in jedem Sinn dieses W ortes— erdrückt wurde, der nun seiner­
seits eine äußerst konstruktive und äußerst fruchtbare Persönlichkeit
war. Er hat das Bedürfnis, in seinem V ater einen Großvater zu finden,
einen Vater, der groß wäre, der fähig wäre, etwas zu machen, und er n
befriedigt dieses Bedürfnis, indem er sich V orm ünder zulegt, die grö­
ßer sind als er selbst, von denen er sich durch die V erm ittlung eines Pla-
giarismus abhängig macht, den er sich dann wieder zum Vorwurf
macht und mit dessen Hilfe er sich zerstört. D am it m acht er nichts
80
andres, als ein Bedürfnis zu befriedigen, das ihn während seiner Kind­
heit gequält hat und folglich seine Geschichte beherrscht.
Unbestreitbar, daß die Deutung etwas taugt. Und es ist wichtig zu se­
hen, wodurch der Patient darauf reagiert. Was sieht Kris als die Bestä­
tigung der Tragweite dessen an, was er ins Spiel gebracht hat und was
übrigens sehr weit führt?
Man kann in der Folge sehen, wie sich die ganze Geschichte des Sub­
jekts entwickelt. M an kann sehen, daß die Symbolisierung, eine wirkli­
che Penissymbolisierung, dieses Bedürfnisses nach einem kreativen
und mächtigen realen V ater in der Kindheit durch alle möglichen Ar­
ten von Spielen gelaufen ist, den Angelspielen — wird der Vater einen
größeren oder kleineren Fisch angeln? usw. Doch die unmittelbare Re­
aktion des Patienten ist diese. Er schweigt, und in der folgenden Sit­
zung sagt er — Gestern, nachdem ich rausgegangen war, bin ich in die und die
Straße gegangen — das alles geschieht in New York, es handelt sich um
die Straße, in der die ausländischen Restaurants liegen und wo man
etwas ungewöhnliche Sachen ißt — und ich habe ein Lokal gesucht, wo ich
das Gerichtfinden könnte, das ich besonders gern esse, frisches Him.
Sie sehen daran, was eine Antwort ist, die durch eine treffende Deutung
heraufbefördert wird, das heißt eine Ebene eines Sprechens, das zu­
gleich paradox und in seiner Bedeutung voll ist.
Daß diese Deutung hier trifft, welchem Umstand verdankt sich das?
Handelt es sich um etwas, das auf der Oberfläche liegt? Was bedeutet
das? Das bedeutet gar nichts, wenn nicht dies, daß Kris, auf einem
zweifellos mühseligen Umweg, dessen Ziel er aber sehr wohl hat ab-
'sehen können, genau dies bemerkt hat — daß der Patient unter dieser
jbesonderen F o rm seiner Darstellung, d ie die Prod uktion eines organi-
;sierten Diskurses ist, worin er immer demjenigen Vorgang unterworfen
ist, der sich Verneinung nennt und in dem sich die Integration seines
Ego vollzieht, seine fundamentale Beziehung zu seinem Ideahlch nur
rin Form ihrer Umkehrung reflektieren kann.
; M it anderen Worten — die Beziehung zum anderen, sofern sich darin
:, das ursprüngliche Begehren des Subjekts zu manifestieren strebt, ent-
]; hält in sich immer dies fundamentale, originäre Element der Vemei-
[■nung, die hier die Form der Umkehrung annimmt.
Dies fuhrt uns, wie Sie sehen, nur auf neue Probleme.

Doch um fortzufahren, müßte die Niveaudifferenz zwischen dem Sym­


bolischen als solchem, der Möglichkeit des Symbolischen, die Öffnung
81
des Menschen auf Symbole und, andererseits, ihrer Kristallisation im
organisierten Diskurs, sofern er, grundsätzlich, den Widerspruch ent­
hält, situiert worden sein. Ich glaube, daß der Kommentar von
J.H yppolite sie Ihnen heute meisterlich vor Augen geführt hat. Ich 73
wünsche, daß Sie davon den A pparat und seine H andhabung in Hän­
den behalten, als Anhaltspunkt, auf den Sie sich immer zurückbezie­
hen können, wenn Sie, in der Folge unserer Darstellung, an schwierige
Kreuzungen kommen. Deshalb danke ich J. Hyppolite, uns die Unter­
stützung seiner hohen Kompetenz zur Verfügung gestellt zu haben.

10. F ebruar 1954

82
7Î VI
D ISK U R SA N A L Y S E U N D ICHANALYSE

Anna Freud oder Melanie Klein

Ich habe die Absicht anzufangen. Sie in das von den Überlegungen der
letzten Sitzung umrissene Gebiet zu führen. Es ist dies genau dasjenige
Gebiet, das zwischen der Symbolbildung und dem Diskurs des Ich ein­
geschlossen ist, und wir sind schon seit dem Beginn dieses Jahres auf
dem Weg dahin.
Ich habe dem Seminar, das wir heute gemeinsam veranstalten werden,
den Titel Diskursanalyse und Ichanalyse gegeben, aber ich kann nicht ver­
sprechen, einen derart ehrgeizigen Titel in einer einzigen Sitzung aus-
zufullen. W enn ich diese beiden Termini gegeneinanderstelle, so weil
ich sie dam it der klassischen Opposition von Materialanalyse und Wi­
derstandsanalyse substituieren will.
In dem Text über die Verneinung * die er so freundlich war, für uns zu
kommentieren, hat J.H yppolite den komplexen, geschmeidigen Sinn
| von A ußiebung * herausgestellt. Im Deutschen bedeutet dieser Terminus
I gleichzeitig negieren, tilgen, aber auch in der Tilgung bewahren, hoch-
j heben. W ir haben hieran das Beispiel eines Begriffs, der nicht genug
vertieft werden kann, um das zu reflektieren, was wir in unserm Dialog
mit dem Subjekt machen, wie seit einiger Zeit die Psychoanalytiker
bemerkt haben.

Wir haben, wohlgemerkt, mit dem Ich des Subjekts, mit seinen Begren­
zungen, seinen Abwehrhandlungen, seinem Charakter zu schaffen.
Wir haben es voranzubringen. Doch welche Funktion spielt es in dieser
Operation? JDie ganze analytische Literatur ist wie versperrt gegen ihre
exakte Definition.
Alle jüngeren Arbeiten, die das Ich des Analysierten für den Bundesge-
76 nossen des Analytikers beim analytischen opus magnum halten, ent­
halten offenkundige Widersprüche. Außer man gelangt zum Begriff,
nicht bloß der Bipolarität oder der Doppelfunktion des Ich, sondern
83
genaugenommen des splitting, der radikalen Unterscheidung zwischen
zwei Ich, ist es in er T at sehr schwierig, das Ich als eine autonome Funk-
tion zu definieren und dabei fortzufahren, es für den Herrn des Irrtums,
den Sitz der Illusionen, den O rt einer Leidenschaft zu halten, die ihm
eigen ist und wesentlich auf das Verkennen angelegt ist. Funktion des.
Verkennens, genau das ist es in der Analyse wie übrigens auch in einer
großen philosophischen Tradition.
Eis gibt in dem Buch von Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen,
Abschnitte, bei denen man das Gefühl hat, wenn m an über die manch·
mal durch ihren verdinglichenden Charakter verblüffende Sprache
hinweggeht, daß sie vom Ich in dem Stil des Verständnisses spricht,
den wir hier zu erhalten suchen. U nd gleichzeitig hat man das Gefühl,
sie spreche vom kleinen-Mann-im-Mann, der im Subjekt ein autonomes
Leben führe und bestimmt sei, es zu verteidigen — Vater, hatte Dich
rechts, Vater, halte Dich links — gegen das, was es von außen wie voh
innen angreifen könnte. Betrachten wir ihr Buch als eine moralistische
Beschreibung, so spricht sie unbestreitbar vom Ich als dem Sitz einer
bestimmten Zahl von Leidenschaften, in einem Stil, der dem nicht
unwürdig ist, was La Rochefoucauld als die unermüdlichen Listen der
Eigenliebe kennzeichnen kann.
Die dynamische Funktion des Ich im analytischen Dialog bleibt also
bis heute zutiefst widersprüchlich, weil sie nicht streng situiert worden
ist, und das macht sich jedesmal bemerkbar, wenn wir die Prinzipien
der Technik angehen.
Ich glaube, daß viele von Ihnen dies Buch von Anna Freud gelesen ha­
ben. Es ist außerordentlich lehrreich, und m an kann, weil es ziemlich
streng gearbeitet ist, sicher die Punkte herausheben, an denen die Brü­
che ihrer Beweisführung erscheinen, die deutlicher noch an den Bei­
spielen, die sie gibt, hervortreten.
Betrachten Sie die Passage, in der sie die Funktion des Ich zu definieren
versucht. In der Analyse, so sagt sie, stellt sich das Ich nur durch seine
Widerstände dar, das heißt, insofern e-ssich der analytischen Arbeit
entgegenstellt. Soll das heißen, daß alles, was sich der analytischen Ar­
beit entgegenstellt, Abwehr des Ich sei? Sie erkennt übrigens an, daß
sich das nicht aufrechterhalten läßt und daß es noch andere Elemente
des Widerstands als die Abwehrmechanismen des Ich gibt. Habe ich
nicht ebenso das Problem mit Ihnen anzugehen begonnen? Viele der
hier angegangenen Probleme figurieren hier in diesem Buch, und man
muß es lesen mit der Feder in der H and, denn es hat den Rang eines
84
wirklich gut übermittelten Vermächtnisses von Freuds letzter Arbeit
über das Ich.
Jem and, der uns in der Gesellschaß nahesteht, hat, ergriffen, ich weiß
nicht warum, von einem lyrischen Schwung — dieser liebe Freund —
auf dem Kongreß von 1950 Anna Freud das Bleilot der Psychoanalyse ge­
nannt. Nun, das Bleilot reicht zu einer Architektur nicht aus. Es bedarf
77 noch anderer Instrumente, und zum Beispiel ist eine Wasserwaage nö­
tig. Aber schließlich ist ein Bleilot nicht schlecht — es erlaubt uns die
Vertikale bestimmter Probleme zu bestimmen.
Ich möchte Mlle Gélinier bitten, Ihnen einen Aufsatz von Melanie
Klein vorzustellen, der den Titel trägt Die Bedeutung der Symbolbildungfür
die Ich-Entwicklung. Ich glaube, es ist keine schlechte Art, in ihn einzu-
fuhren, wenn ich Ihnen einen Text von Anna Freud vorlese, der die
Kinderanalyse betrifft und insbesondere die Abwehrmechanismen des
Ich.
Hierein kleines Beispiel, das sie uns liefert. Es handelt sich um eine von
ihren Patientinnen, die sich aufgrund von schweren Angstzuständen,
die ihr Leben und ihren Schulbesuch stören, auf Wunsch ihrer M utter
analysieren läßt.
Ihr Benehmen gegen die A nalytikerin, sagt Anna Freud, ist dabeifremdlich und
offen. Es wird nur auffällig, daß sie in ihren Berichten jede Anspielung auf ihr
Symptom sorgßltig vermeidet. Angstanfälle, die sich zwischen den Analysestun­
den abspielen, werden nicht erwähnt. Wenn die Analytikerin das Symptom eigen­
mächtig in die Analyse ziehen will oder Deutungen der Angst gibt, die sich auf
deutliche andere Mitteilungen in den Einfallen stützen, so verwandelt sich das
freundliche Verhalten der Patientin. Sie überschüttet die Analytikerin bei jedem
dieser Anlässe mit höhnischen und spöttischen Bemerkungen. Der Versuch, diese
Haltung der Patientin mit ihrem Verhältnis zur Mutter in Zusammenhang zu
bringen, mißlingt vollkommen. Die bewußte und unbewußte Beziehung desjungen
Mädchens zu seiner M utter zeigt ein ganz anderes B ild. Der immer wieder auftau­
chende Hohn und Spott macht die A nalytikerin ratlos und die Patientin unzugäng­
lich für die weitere analytische Hilfeleistung. Die eingehendere Analyse ergibt
dann, daß dieser Hohn und Spott gar keine Übertragungsreaktion im eigentlichen
Sinne und gar nicht an die analytische Situation gebunden ist. DiePatientin ver­
wendet ihn überall dort gegen sich selbst, wo in ihrem Affeklleben zärtliche, sehn­
süchtige und ängstliche Gefühle außauchen wollen. Je stärker das Andringen des
Affektes ist, desto lautet und abfälliger wird sie in ihren höhnischen Bemerkungen
über sich selbst. Die A nalytikerin zieht diese Abwehrreaktionen nur sekundär auf
sich, weil sie die Ansprüche der Angstgefühle auf bewußte Verarbeitung vertritt. Ÿ-
85
Die Deutung der Angstinhalte, auch wenn sie sich aus den übrigen Mitteilungen
richtig erraten läßt, bleibt wirkungslos, solangejede A nnäherung an den Affekt die
Abwehr nur steigert. Es ist in der Analyse erst möglich den Inhalt der Angst.be-
i wußtzumachen, wenn die A rt der Affektabwehr durch höhnische Entwertung, die
I bisher überall im Leben der Patientih automatisch wirksam ist, ins Bewußtsein
igehoben und damit außer Tätigkeit gesetzt ist. Historisch erklärt sich bei dieser
*■Patientin die Affektabwehr durch Spott und Hohn aus der Identifizierung mit dem
verstorbenen Vater, der das kleine Mädchen durch spöttische Bemerkungen bei Ge-
fiihlsausbrüchen zur Selbstbeherrschung erziehen wollte. Die Methode der Affekt­
abwehrfixiert hier also die Erinnerung an den sehr geliebten Vater. Technisch
Jiihrt der Weg zum Verständnis in diesem Fall von der Analyse der Affektabwehr
zur Erklärung des Widerstandes in der Übertragung und von hier aus erst zur
eigentlichen Analyse der Angst mit ihrer Vorgeschichte.
Worum handelt es sich bei dem, was sich hier als Notwendigkeit, die
Abwehr des Ich zu analysieren, darstellt? Eis handelt sich um nichts an­
deres als um das Korrelat eines Irrtums. Anna Freud hat ja tatsächlich
die Dinge sofort unter dem Blickwinkel einer Zweierbeziehung zwi­
schen der Kranken und ihr selbst aufgefaßt. Sie hat die Abwehr der
Kranken als das genommen, wodurch sie sich darstellte, das heißt als
eine Aggression gegen sie, Anna Freud. Also auf der Ebene ihres eige-,
nen, Anna Freuds, Ich, im Rahm en ihrer eigenen Zweierbeziehung mit.
sich, Anna Freud, hat sie die Abwehräußerungen des Ich wahrgenom-
jneii,. Zugleich hat sie darin eine U bertragungsbildung sehen wollen,
entsprechend der Formel, die aus der Ü bertragung die Reproduktion
einer Situation macht. Wenn auch inzwischen so oft wiederholt, daß
sie als klassisch gilt, ist diese Formel doch unvollständig, sofern sie nicht
präzisiert, wie diese Situation strukturiert ist. Was ich Ihnen hier sage,
schließt an das an, worauf ich in meinem Vortrag im College philosophi­
que hingewiesen habe.
Anna Freud hat damit angefangen, die analytische Situation nach dem
Urbild der Zweierbeziehung, der Beziehung der Patientin zu ihrer
Mutter, zu deuten. Sie befand sich alsbald in einer Position, die nicht
bloß nicht von der Stelle kam, sondern einfach vollkommen steril war.
Was nennt sie die Analyse da Affektabwehr? Es sieht nicht so aus, als könn­
te man, nach diesem Text, darin etwas anderes sehen als ihr eigenes
Verständnis. Auf diesem Wege konnte sie nicht vorankom men. Siehät-
te_zwischen der dualen Interpretation^ m it dec detA nalytiker in eine
Rivalität von Ich zu Ich mit dem Analysierten eintritt. und, änderet:,
seits, derjenigen Interpretation unterscheiden müssen, die im Sinn der
86
symbolischen Strukturierung des Subjekts fortschreitet, als welche jen-
seits der aktuellen Struktur seines Ich zu situieren ist.
Wir kommen dam it auf die Frage zurück, um welche Bejahung *, um
welche Aufnahme durch das Ich, um welchesJa es sich im analytischen
Vorgang handelt. Welche Bejahung * zu erreichen ist wichtig, welche
macht die wesentliche Enthüllung im Fortgang der Analyse aus?
Freud schreibt in einem Text, der im Abriß der Psychoanalyse enthalten
ist, Seite 98 im Band XVII der Gesammelten Werke, der aber doch
nicht außerhalb unseres Gebietes liegt, denn er trägt den Titel Die psy­
choanalytische Technik, sagt uns, es sei der Abschluß eines Vertrags, der
den Eintritt in die analytische Situation definiere. Das kranke Ich ver­
spricht uns vollste Aufrichtigkeit, das heißt, die Verfügung über allen Stoff, den
ihm seine Selbstwahmehmung liefert, wir sichern ihm strengste Diskretion zu und
stellen unsere Erfahrung in der Deutung des vom Unbewußten beeinflußten Mate­
rials in seinen Dienst. Unser Wissen soll sein Unwissen gutmachen, soll seinem
Ich die Henschafl über verlorene Bezirke des Seelenlebens wiedergeben. In diesem
Vertrag besteht die analytische Situation.
Nun — mein letzter Vortrag schloß das ein— wenn es wahr ist, daß un­
ser Wissen dem Unwissen des Analysierten zu Hilfe kommt, so gilt doch
79 nicht weniger, daß wir, a uch wir, unwissend sind, sofern wir nämlich
die symbolische K onstellation, die im IJnhew nßten des Suhjekts ruht,
nichtitennen. D arüber hinausm uß man diese KonstcllatLon immer als
strukturiert, und zwar nach einer Ordnung»_d.ie
riert begreifen.
Das Wort Komplex ist an die Oberfläche der analytischen Theorie ver­
möge einer Art innerer M acht getreten, denn es war, wie Sie wissen,
nicht Freud, der es erfunden hat, sondern Jung. Wenn wir uns der Ent-

Freud hat uns davon das


erste Modell, das Eichmaß, im Ödipuskomplex gegeben. Diejenigen
unter Ihnen, die lange genug meinem Seminar gefolgt sind, haben
durch meinen Kommentar zu den am wenigsten beachteten, weil von
Freud selbst am umfassendsten ausgefiihrten Fällen, das heißt zu drei
der fünf großen Psychoanalysen, feststellen können, wieviel Probleme
der Ödipuskomplex stellt und wieviel Doppeldeutigkeiten er enthält.
Die ganze Entwicklung der Analyse überhaupt vollzog sich aufgrund
der sukzessiven Herausarbeitung jeder in diesem Dreiecks-System im­
plizierten Spannungen. Das allein schon zwingt uns, in ihm ganz etwas
anderes zu sehen als diesen massiven Block, den man in der klassischen
87
Formel resümiert — sexuelle Neigung zur M utter, Rivalität mit dem
Vater.
Sie kennen den zutiefst asymmetrischen Charakter, der, von Anfang
an, jede der in der ödipalen Struktur enthaltenen Zweierbeziehungen
auszeichnet. Die Beziehung, die das Subjekt an die M utter bindet, ist
von der verschieden, die es an den V ater bindet, die narzißtische oder
imaginäre Beziehung zum V ater ist von der symbolischen Beziehung
verschieden und auch von derjenigen Beziehung, die wir wohl reale
nennen müssen— sie bleibt in bezug auf die Architektur, die uns in der
Analyse interessiert, hinter den anderen zurück. All das zeigt zur Genü­
ge die Komplexität der Struktur und daß es nicht undenkbar ist, daß
eine andere Ausrichtung der Forschung uns erlaubt, den Ödipusmy­
thos besser zu bearbeiten als es bisher geschehen ist.
Trotz des Reichtums an Stoff, der in die ödipale Beziehung einge­
schlossen worden ist, hat man sich noch kaum von dem von Freud gege­
benen Schema gelöst. Dieses Schema m uß als wesentlich festgehalten
werden, denn es ist. Sie werden sehen warum, wahrhaft fundamental,
nicht bloß für jedes Verständnis des Subjekts, sondern auch für jede
symbolische Realisierung des Es, des Unbewußten durch das Subjekt
— des.Unbewußten, das ein Selbst ist und keine Reihe unorganisierter
Triebe, wie ein Teil der theoretischen Ausarbeitungen Freuds es zu
denken suchte, so wo man liest, daß allein das Ich im Seelenleben über
eine Organisation verfuge.
W ir haben beim letzten Mal gesehen, daß die Zurückführung der Ver­
neinung auf das Verneinte uns gleichwohl, von seiten des Subjekts,
nicht seine Bejahung * verschafft. M an m uß die Tauglichkeit der von
uns geforderten K riterien— über die wir uns übrigens m it dem Subjekt
einig sind — einer genauen Prüfung unterziehen, um eine befriedigen­
de Bejahung zu erkennen.
Wo liegt die Quelle der Evidenz? Es ist die analytische Rekonstruktion, so
die das Subjekt beglaubigen muß. M it Hilfe der Leerstellen muß die
Erinnerung wiedererlebt werden. U nd zu R echt m ahnt Freud uns
daran, daß wir dem Gedächtnis nie vollkommen trauen können. Wo­
mit genau geben wir uns aber dann zufrieden, wenn uns der Patient
sagt, er habe den Klinkpunkt erreicht, an dem er das Gefühl der Wahr­
heit habe?
Diese Frage führt uns mitten ins Problem des Realitätsgefühls, das ich
beim letzten M al anhand der Genese der H alluzination des Wolfs­
manns angegangen bin. Ich habe diese quasi algebraische Formel, die
88
jsich fast allzu durchsichtig, zu konkret ausnimmt, aufgestellt — das
Reale oder das, was als solches wahrgenommen wird, ist das, was d er.
η
:/ Symbolisierung absolut widersteht. Stellt nicht letzten Endes das Rea-
Ο llitätsgefühl auf seinem Höhepunkt sich als flammende Erscheinung

einer irrealen, halluzinatorischen Realität dar?

jne verworfen * worden. W ir brauchen uns also durchaus nicht darüber


izu wundem, daß bestimmte Deutungen, die man Inhaltsdeutungen
inennt, vom Patienten nicht symbolisiert werden. Sie zeigen sich.in
einer Phase, wo sie ihm in keiner Weise enth üllen können, wie seine

'denn sie bewegen sich noch auf der Ebene der Negation oder der
[Negation der Negation. Etwas ist noch nicht iihersrhritten — und das
liegt eben jenseits des Diskurses und macht im Piskurs_einenJSprung
nötig. Die Verdrängung kann nicht schlicht und einfach verschwin­
den, man kann nur, im Sinne der Aufhebung * über sie hinausgehen.
Das, was Anna Freud Analyse der Affektabwehr nennt, ist nur eine
Phase in ihrem eigenen Verständnis, nicht in dem der Patientin. Nach­
dem sie erst einmal erkannt hat, daß sie auf dem Holzweg ist, wenn sie
glaubt^daß die Abwehr der Patientin eine Abwehr gegen sie sei, kann
sie den .Übertragungswiderstand analysieren.
Und das fuhrt wohin? — zu jemandem, der nicht da ist, zu einem Drit­
ten. Sie arbeitet etwas heraus, das in vielem der Position von Dora glei­
chen dürfte. Die Patientin hat sich mit ihrem Vater identifiziert, und
diese Identifizierung hat ihr Ich strukturiert. Diese Strukturierung des
Ich ist dabei als Abwehr gekennzeichnet. Das ist der künstlichste Teil
der Identifizierung, aber man kann auf diesem Nebenweg eine tiefere
Ebene erreichen und die Stellung des Subjekts in der symbolischen
Ordnung erkennen. Der Einsatz der Analyse jst nichts anderes —
: erkennen, welche Funktion das Subjekt in der Ordnung der symboli­
schen Bezüge .übernimmt, die das gesamte Feld der menschlichen
Beziehungen absteckt und deren Keimzelle der Ödipuskomplex ist, an
dem sich.die Übernahme des Geschlechts entscheidet.

Ich übergebe nun das Wort an Mlle Gélinier, die Ihnen den Gesichts­
punkt von Melanie Klein begreiflich machen wird. Dieser Gesichts-
8i punkt steht im Gegensatz zu dem von Anna Freud — es ist nicht zufäl­
lig, daß diese beiden Damen, die nicht ohne Analogie sind, sich in me-
rowingischen Rivalitäten gegeneinandergestellt haben.
89
Der Gesichtspunkt von Anna Freud ist intellektualistisch, er führt sie
zu der Forderung, daß in der Analyse alles von einer mittleren, gemä­
ßigten Position aus geführt werden muß, welche diejenige des Ich wäre.
Alles geht bei ihr von der Erziehung oder der Überzeugung des Ich aus,
alles muß dahin zurückkehren. Sie werden gleich sehen, von wo, im Ge­
gensatz dazu, Melanie Klein ausgeht, um einen besonders schwierigen
Patienten zu behandeln, bei dem man sich fragt, wie Anna Freud von
ihren Kategorien eines starken Ich und eines schwachen Ich hätte
Gebrauch machen können, die doch die Position einer vorgängigen
Umerziehung unterstellen. Sie können dann zugleich beurteilen,
welche von beiden der Achse der Freudschen Entdeckung am näch­
sten ist.

Der Aufsatz von Melanie Klein, The importance of symbol-formation in


the developement of the ego, 1930 veröffentlicht, ist in dem Sammelband
Contributions to Psycho-Analysis, 1921—1945, enthalten, der 1948 er­
schien. Der deutsche Text ist in dem Auswahlband Das Seelenleben des Klein­
kindes enthalten, der 1962 und, als Taschenbuch, 1972 veröffentlicht wurde.

Sie schmeißt ihm die Symbolik mit der letzten Brutalität an den Kopf,
Melanie Klein, dem kleinen Dick! Sie langt sofort an, ihm die klotzig­
sten Deutungen zuzuschieben. Sie schiebt sie ihm in einer brutalen
Verbalisierung des Ödipusmythos zu, beinah genauso empörend für
uns wie für irgendeinen anderen Leser — Du bist der kleine Zug, Du willst
Deine Mutterficken.
Diese Vorgehensweise fordert selbstverständlich zu theoretischen Dis­
kussionen heraus — die nicht von der Diagnostik des Falls abgetrennt
werden können. Aber es ist sicher, daß sich in Folge dieses Eingriffs et­
was tut. Alles ist da.
Sie haben die Kontaktlosigkeit hervorgehoben, unter der Dick leidet.
Es ist das die schwache Seite seines Ego. Sein Ego ist nicht ausgebildet.
Auch unterscheidet Melanie Klein Dick von den Neurotikern, bis in
seine tiefe Indifferenz, seine Apathie, seine Abwesenheit. Es ist tatsäch­
lich klar, daß bei ihm das, was_nicht symbolisiert .ist,, die R ealität is t
Dieses junge. Subjekt ist vollkommen in d e r .Realität, jm . Reinzustand,
inkonstituiert. Es ist vollkommen im Undifferenzierten. Was aber kon-
90
stituiert cine menschliche Welt? — wenn nicht das den Objekten als < 7
unterschiedenen entgegengebrachte Interesse, den Objekten, sofern sie
äquivalent sind. Die menschliche Welt ist, was die Objekte betrifft,
eine unendliche Welt. In dieser Hinsicht lebt Dick in einer nicht·
menschlichen Welt.
Dieser Text ist wertvoll, weil er von einer Therapeutin ist, einer erfahre­
nen Frau. Sie spürt die Dinge, sie drückt sie schlecht aus, man kann ihr
jäaraus keinen Vorwurf machen. Die Theorie des Ego ist hier unvoll-
gtändig, weil sie vielleicht nicht entschlossen ist, eine zu geben^doch sie
82 zeigt sehr gut dies — wenn sich in der menschlichen Welt die Objekte
Vervielfältigen, sich entwickeln, mit dem Reichtum, der ihre.Qriginali-
tat ausmach t, so in dem M aße, wie sie in einem Ausstoßungsprozeß er- I

Es handelt sich da um eine primitive, in der Wurzel gelegene, triebfor-


mige Beziehung des menschlichen Wesens. In dem M aße, wie sichdie-
se Auswürfe aus
noch nicht nach
zierbaren W elt organisiert ist, ta ucht jedesmal ein neuer Identifika-
tionstyp auf. Das ist es, was unerträglich ist, und gleichzeitig taucht die
Angst auf.
Die Angst ist keine Form von Energie, die das Subjekt auszuschütten
hätte, um die Objekte zu konstituieren, und es gibt in dem Text von
Melanie Klein keine Satzwendung, die in diese Richtung weist. Die
Angst ist immer definiert als auftauchend, arising. Jeder Objektbezie­
hung korrespondiert ein Identifikationsmodus, dessen Signal die Angst
ist. Die Identifizierungen, um die es sich hier handelt, gehen der Ich-
identifizierung voraus. Doch selbst nachdem diese sich eingestellt hat,
läßt jede neue Re-identifizierung des Subjekts Angst auftauchen —
Angst in dem Sinn von Versuchung, Schwindel, Verlust des Subjekts,
das sich auf extrem primitiven Stufen wiederfindet. Die Angst ist eine
Konnotation, ein Signal, wie Freud immer sehr gut formuliert hat, eine
subjektive Q ualität, subjektive Einfärbung.
Diese Angst nun ist genau das, was sich bei dem fraglichen Subjekt
nicht einstellt. Dick kann nicht einmal die erste Art von Identifizierung
erreichen, die schon eine Skizze der Symbolik wäre. Er steht, so para­
dox das klingen mag, der Realität gegenüber, er lebt in der Realität. In
dem Arbeitszimmer von Melanie Klein gibt es für ihn weder den
anderen noch das Ich, es gibt eine reine Realität. Der Türzwischen­
raum, das ist der Körper seiner M utter. Die Züge und alles, was daraus
91
folgt, das ist zweifellos etwas, aber etwas, das weder nennbar noch be­
nannt ist.
Da wagt Melanie Klein, mit diesem Instinkt eines Rohlings, der ihr üb­
rigens erlaubt hat, eine bis dahin undruchdringliche Masse von Er­
kenntnissen zu durchstoßen — wagt zu ihm zu sprechen — zu einem
Wesen zu sprechen, das sich allerdings als eines ansehen läßt, das, im
symbolischen Sinn des Terminus, nicht antwortet. Er ist da, als würde
sie nicht existieren, als wäre sie ein Möbelstück. Und trotzdem spricht
sie zu ihm. Sie gibt dem, was, ohne Zweifel, am Symbol teilhat,
buchstäblich Namen, denn es kann unvermittelt genannt werden,
doch bis dahin war es, für dies Subjekt, bloß reine Realität.
In diesem Zusammenhang erlangt der Begriff Frühreife seine Bedeu­
tung, den sie verwendet, um zu sagen, daß Dick in gewisser Weise be­
reits das genitale Stadium erreicht hatte.
Normalerweise gibt das Subjekt den Objekten seiner ersten Identifizie­
rung eine Reihe von imaginären Äquivalenten, die seine Welt verviel­
fachen — es skizziert Identifizierungen mit bestimmten Objekten,
zieht sie zurück, macht dasselbe mit anderen, usw. Jedesm al bringt die
Angst eine endgültige Identifizierung, die Fixierung der Realität, zum u
Stocken. Doch dieses Hin und Her wird den Rahm en für dieses unend­
lich viel komplexere Reale abstecken, welches das menschliche Reale
ist. Nach dieser Phase, in deren Verlauf die Phantasm en symbolisiert
werden, kommt das sogenannte genitale Stadium , in dem die Realität
dann fixiert wird.
Nun, für Dick ist die Realität schon fixiert, aber weil er zu diesem Hin
und Her nicht fähig ist. Er ist unvermittelt in einer R ealität, die keine
Entwicklung kennt.
Es ist das indessen keine absolut entmenschlichte Welt. Sie bedeutet,
auf seiner Ebene. Sie ist schon symbolisiert, da m an ihr einen Sinn ge­
ben kann. Aber da sie vor allem in der Bewegung von Kommen und
Gehen besteht, handelt es sich nur um eine antizipierte, erstarrte Sym-
bolisierung und um eine einzige primäre Identifizierung, die Namen
hat — die Leere, das Dunkel. Diese Kluft ist genau das, was in der dem
Subjekt eigenen Struktur menschlich ist, und ist das, was in ihm ant­
wortet. Er hat Kontakt nur mit dieser Kluft.
In dieser Kluft verfügt er nur über eine sehr beschränkte Anzahl von
Objekten, die er nicht einmal, wie Sie sehr richtig bemerkt haben, be­
nennen kann. Gewiß, er verfügt bereits über eine bestimmte Auffas­
sungsgabe für Wörter, aber er hat nicht die Bejahung * dieser Wörter
92
vollzogen— er nim m t sie nicht an. Gleichzeitig existiert bei ihm, so pa­
radox das scheinen mag, eine sehr viel größere Fähigkeit zum Mitge­
fühl als normal, denn er hat ein besonders enges, nicht angsterzeugen­
des Verhältnis zur Realität. Als er auf dem Rock von Melanie Klein
einige Holzstückchen vom Bleistiftspitzen sieht, sagt e r— Arme Melanie
Klein.
Beim nächsten Mal nehmen wir das Problem der Beziehung zwischen
Symbolisierung und dem Realen unter dem schwierigsten Blickwinkel
vor, an seinem Ursprungspunkt. Sie werden ihre Beziehung m it dem
sehen, worauf wir beim letzten Mal in dem Kommentar von J. Hyp-
polite hingewiesen haben — die Funktion des Destruktionstriebes in
der Konstitution der menschlichen Realität.

17. F ebruar 1954

93
D IE T O P IK D E S IM A G IN Ä R E N
V II
D IE T O P IK D ES I M A G I N Ä R E N

Meditation über die Optik


Einführung in den umgekehrten Blumenstrauß
Realität: das ursprüngliche Chaos
Imaginäres: die Geburt des Ich
Symbolisches: die Positionen des Subjekts
Funktion des Ödipusmythos in der Psychoanalyse

Die kleinen Überlegungen, die ich Ihnen heute vortragen werde, sind
unter dem Titel die Topik des Imaginären angekündigt worden. Ein sol­
cher Gegenstand wäre umfassend genug, mehrere Lehrjahre zu bean­
spruchen, doch da bestimmte Fragen, die den Platz des Imaginären in
der symbolischen Struktur betreffen, auf der Linie unseres Diskurses
liegen, kann unsre heutige Plauderei diesen Titel beanspruchen.
Nicht ohne vorgefaßte Absicht, von deren Gesamtheit ich hoffe, daß sie
Ihnen ihre Berechtigung zeigt, habe ich Sie beim letzten Mal auf einen
besonders bedeutsamen Fall geführt, denn er zeigt in reduzierter Form
das Wechselspiel der drei großen Terme, deren Gewicht hervorzuhe­
ben wir schon Gelegenheit hatten — das Imaginäre, das Symbolische
-undjdasReale.
Ohne diese drei Bezugssysteme — unmöglich irgend etwas von der
analytischen Technik und der Freudschen Erfahrung zu verstehen.
Viele Schwierigkeiten zeigen ihre Berechtigung und klären sich, wenn
man diese Unterscheidungen anwendet. So steht es auch mit den Ver­
ständnisschwierigkeiten, die Mlle Gélinier beim letzten Mal an dem
Text von Melanie Klein markiert hat. Das, was zählt, wenn man eine
Erfahrung herauszuarbeiten sucht, ist nicht so sehr das, was man ver­
steht, als vielmehr das, was man nicht versteht. Das Verdienst des
Vortrags von Mlle Gélinier liegt genau darin, das herausgehoben zu
haben, was sich an diesem Text nicht verstehen läßt.
Daran erweist sich die Methode von Kommentaren als fruchtbar.
Einen Text kommentieren ist wie eine Analyse machen. Wie oft schon
habe ich nicht diejenigen, die ich kontrolliere, darauf hingewiesen,
wenn sie mir sagen — Ich glaubte zu verstehen, daß er das und das sagen wollte
97
— daß eines der Dinge, vor denen wir uns am meisten hüten müssen,
dies ist, zu viel zu verstehen, mehr zu verstehen als im Diskurs des Sub­
jekts gesagt ist. Deuten und sich einbilden, daß man versteht, ist ganz
und gar nicht dasselbe. Das ist genau das Gegenteil. Ich würde sogar
sagen, daß wir die T ü r des analytischen Verstehens erst auf der Basis
einer bestimmten Verständnisverweigerung aufstoßen.
Es genügt, bei einem Text, nicht, daß es so aussieht, als ließe er sich hal­
ten. Sicher, er läßt sich halten im Rahmen der alten Leier, an die wir
gewöhnt sind — Triebreife, primitiver Aggressionstrieb, oraler, analer
Sadismus, usw. Und doch taucht in dem Schema, das Melanie Klein
einfuhrt, eine bestimmte Anzahl von Kontrasten auf, die ich im einzel­
nen vornehmen will.
Alles dreht sich um das, was Mlle Gélinier an der Funktion des Ego son­
derbar, paradox, widersprüchlich erschienen ist — allzu entwickelt,
bringt es jede Entwicklung zum Stocken, doch indem es sich entwik-
kelt, öffnet es die T ür zur Realität. Wie kommt es, daß die T ü r der Rea­
lität durch die Entwicklung des Ego wieder geöffnet wird? Welche
Funktion hat die Kleinsche Deutung, die sich mit einem Charakter des
Einbruchs, des Aufklatschens auf das Subjekt präsentiert? Das sind die
Fragen, die wir heute noch einmal durchgehen werden.
Sie müssen jetzt schon bemerkt haben, daß im Fall dieses jungen Sub­
jekts Reales, Imaginäres und Symbolisches deutlich wahrnehmbar
sind, zutageliegen. Das Symbolische habe ich Sie m it der Sprache zu
identifizieren gelehrt>— denn geschieht nicht bloß in dem M aße etwas,
als Melanie Klein, sagen wir, spricht? W enn Melanie Klein uns andrer­
seits sagt, daß die Objekte durch ein Spiel von Projektionen, Intro-
jektionen, Ausstoßungen, Re-introjektionen von bösen Objekten kon­
stituiert werden und daß das Subjekt, nachdem es seinen Sadismus
projiziert hat, ihn aus seinen Objekten zurückkommen sieht und sich,
aufgrund dieses Umstands, durch Angst blockiert findet, spüren Sie
nicht, daß wir im Bereich des Imaginären sind?
Das ganze Problem ist von nun an das der Fuge zwischen dem Symboli­
schen und dem Imaginären in der Konstitution des Realen.

Um zu versuchen. Ihnen die Dinge ein wenig zu erklären, hab’ ich ein
kleines Schema fur Sie ausgeheckt, einen V ertreter des Spiegelsta-
diums.
98
Das Spiegelstadium, das habe ich oft unterstrichen, ist nicht einfach
ein Moment der Entwicklung. Es hat auch eine exemplarische Funk­
tion, weil es bestimmte Beziehungen des Subjekts zu seinem Bild als
dem Urbild * des Ich enthüllt. Dieses Spiegelstadium nun, das zu
verneinen unmöglich ist, hat eine optische Darstellung, auch das läßt
sich nicht verneinen. Ist das ein Zufall?
Die Wissenschaften, und vor allem kreißende Wissenschaften wie die
unsre, entleihen häufig anderen Wissenschaften ihre Modelle. Sie kön­
nen sich nicht vorstellen, meine armen Freunde, was Sie der Geologie
schulden. Gäbe es keine Geologie, wie könnte man auf den Gedanken
kommen, daß man, auf ein und der selben Höhe, von einer rezenten
Schicht zu einer sehr frühen gelangen kann? Es wäre nicht schlecht, das
sag’ ich so nebenbei, wenn jeder Analytiker sich ein kleines Geologie-
Buch kaufen würde. Früher gab es einen Analytiker, der Geologe war,
Leuba, der eins geschrieben hat, dessen Lektüre ich Ihnen nicht genug
empfehlen kann.
Auch die Optik könnte ein W ort mitreden. Ich befinde mich dabei
ganz im Einklang mit der Tradition des Meisters — mehr als einer von
Ihnen hat in der Traumdeutung * im Kapitel Zur Psychologie der Traumvor­
gänge bestimmt das berühmte Schema bemerkt, in das Freud den gan­
zen Prozeß des Unbewußten einträgt.

W Er Er' Er" M

Freuds Schema

Ins Innere setzt Freud die verschiedenen Schichten, die sich von der
W ahrnehmungsebene unterscheiden, das heißt vom augenblicklichen
Eindruck — Er. Er'. Er", usw. sind zugleich Bild und Gedächtnis. Die
darin eingetragenen Spuren werden schließlich ins Unbewußte ver-
drängt. Das ist ein sehr hübsches Schema, das wir wieder aufnehmen
werden, weil es uns gute Dienste leisten wird. Aber ich weise Sie darauf
99
hin, daß es von einem Kommentar begleitet wird, der noch nie das
Auge von irgend jemandem sonderlich auf sich gezogen zu haben
scheint, auch wenn es in anderer Form in das quasi letzte Werk von
Freud, den Abriß der Psychoanalyse, aufgenommen worden ist.
Ich lese ihn Ihnen, so wie er in der Traumdeutung * steht, vor. Die Idee, die
uns so zur Verfügung gestellt wird, ist die einer psychischen Lokalität — es han­
delt sich genaugenommen um das Feld der psychischen Realität; das
heißt all dessen» was sich zwischen der W ahrnehmung und dem moto­
rischen Jch-Bewußtsem abspielt. Wir wollen ganz beiseite lassen, daß der
seelische Apparat, um den es sich hier handelt, uns auch als anatomisches Präpa­
rat bekannt ist,und wollen der Versuchung sorgfältig aus dem Wege gehen, die psy­
chische Lokalität etwa anatomisch zu bestimmen. Wir bleiben auf psychologi­
schem Boden undgedenken nur der A ufforderung zufolgen, daß wir uns das Instru­
ment, welches den Seelenleistungen dient, vorstellen wie etwa ein zusammengesetz­
tes Mikroskop, einen photographischen Apparat u dgi Die psychische Lokalität
eiiLspdchijlann dnmJ)Tte i ^ eines Apparats* an demzine der Vorstufen
des Bildes zustande kommt. Beim Mikroskop und Fernrohr sind dies bekanntlich
zum Teil ideelle Örtlichkeiten, Gegenden, in denen kein greifbarer Bestandteil des
Apparats gelegen ist Für die Unvollkommenheiten dieser und aller ähnlichen
Bilder Entschuldigung zu erbitten, halte ich für uberfiüssig. Diese Gleichnisse
sollen uns nur bei einem Versuch unterstützen, der es unternimmt, uns die Kompli­
kation derpsychischen Leistung verständlich zu machen, indem wir diese Leistung
zerlegen, und die Einzelleistung den einzelnen Bestandteilen des Apparats zuwei­
sen. Der Versuch, die Zusammensetzung des seelischen Instruments aus solcher »
Zerlegung zu erraten, ist meines Wissens noch nicht gewagt worden. Er scheint mir
harmlos. Ich meine, wir dürfen unseren Vermutungenfreien Lauf lassen, wenn wir
dabei nur unser kühles Urteil bewahren, das Gerüste nichtfür den Bau halten. Da
wir nichts anderes benötigen als Hilfsvorstellungen zur ersten Annäherung an
etwas Unbekanntes, so werden wir die rohesten und greifbarsten Annahmen
zunächst allen anderen vorziehen.
Überflüssig Ihnen zu sagen, daß wir, da die Ratschläge nur gegeben
wurden, um nicht befolgt zu werden, seither nicht verfehlt haben, das
Gerüst für den Bau zu halten. Andererseits hat die Autorisierung, die
Freud uns gibt, Hilfskonstruktionen zu verwenden, um uns an etwas
Unbekanntes anzunähem, mich bewogen, meinerseits den Beweis für
eine gewisse Zwanglosigkeit bei der Konstruktion eines Schemas zu lie­
fern.
Etwas beinahe Kindliches wird uns heute helfen, ein optischer Appa­
rat, der sehr viel einfacher ist als ein kompliziertes Mikroskop - nicht,
100
als ob es nicht am üsant wäre, den fraglichen Vergleich zu verfolgen,
aber das würde uns ein wenig weit führen.
Ich kann Ihnen die M editation über die O ptik nicht genug empfehlen.
Eine seltsame Sache, man hat ein ganzes System der Metaphysik auf
Geometrie und Mechanik gegründet und darin Verständnismodelle
gesucht, doch es scheint nicht, als hätte man bislang aus der Optik den
ganzen durch sie möglichen Nutzen gezogen. Sie sollte gleichwohl zu
einigen Träum en herhalten, diese wunderliche Wissenschaft, die sich
befleißigt, mit Apparaten diese eigenartige Sache zu produzieren, die
sich Bilder nennt, im Unterschied zu anderen Wissenschaften, die einen
Schnitt in die N atur legen, eine Abtrennung, eine Anatomie.
Ich versuche, wenn ich das sage, wohlverstanden, nicht, Ihnen ein X fur
ein U vorzumachen und die optischen Bilder nicht für diejenigen Bil­
der, die uns interessieren. Aber es ist doch nicht zufällig, daß sie densel­
ben Namen tragen.
Die optischen Bilder weisen eigenartige Verschiedenheiten au f— eini­
ge sind rein subjektiv, das sind die, die man virtuell nennt, während an­
dere real5sind, das heißt, sich, von bestimmten Seiten, wie Objekte ver­
halten und als solche behandelt werden können. Noch viel eigenartiger
— diese Objekte, die die realen Bilder sind, wir können von ihnen vir­
tuelle Bilder geben. Das Objekt, das das reale Bild ist, bekommt in die­
sem Fall zu recht den Namen eines virtuellen Objekts.
Eine Sache ist tatsächlich noch überraschender, nämlich die, daß die
O ptik vollständig auf einer mathematischen Theorie beruht, ohne die
es absolut unmöglich ist, sie zu strukturieren. D am it es eine Optik gebe,
m uß jedem gegebenen Punkt eines realen Raumes ein und nur ein
Punkt in einem anderen Raum korrespondieren, der der imaginäre
Raum ist. Das ist die grundlegende strukturelle Hypothese. Sie sieht
außerordentlich einfach aus, aber ohne sie kann man nicht die gering­
ste Gleichung schreiben, noch irgend etwas symbolisieren— ist dieO p-
9i tik unmöglich. Selbst diejenigen, die davon nichts wissen, könnten in
der Optik nichts machen, wenn diese Hypothese nicht existierte.
Der imaginäre Raum und der reale Raum mischen sich auch hier. Das
hindert nicht, daß sie als verschiedene gedacht werden müssen. In der
Optik hat man häufig Gelegenheit, sich in bestimmten Unterscheidun­
gen zu üben, die Ihnen zeigen, wieviel der symbolische Bereich in der
Erscheinung eines Phänomens zählt.
Andererseits gibt es in der O ptik eine Reihe von Phänomenen, die man
ohne weiteres reale nennen kann, denn es ist die Erfahrung, die uns
101
auch in diesem Bereich leitet, wo allerdings aber in jedem Augenblick
die Subjektivität beteiligt ist. Wenn Sie einen Regenbogen sehen, se­
hen Sie etwas vollkommen Subjektives. Sie sehen ihn in einer bestimm­
ten Entfernung, die zur Landschaft hinzukommt. E r ist nicht da. Das
ist ein subjektives Phänomen. Und dennoch stellen Sie ihn, vermöge
eines photographischen Apparats, vollkommen objektiv fest. Nun, was
hat es dam it auf sich? W ir wissen nicht mehr so recht, nicht wahr, wo
das Subjektive, wo das Objektive ist. O der sollte es nicht vielmehr so
sein, daß wir die Angewohnheit haben, in unserm kleinen Gehirnka­
sten eine zu summarische Unterscheidung zwischen dem Objektiven
und dem Subjektiven zu treffen? Sollte der photographische Apparat
nicht ein subjektiver Apparat sein, ganz und gar mit Hilfe eines x und
eines y konstruiert, die den Bereich bewohnen, wo das Subjekt lebt, das
heißt den der Sprache?
Ich möchte diese Fragen offenlassen, um geradewegs zu einem kleinen
Beispiel überzugehen, das ich versuchen will, Ihnen in den Kopf zu
bringen, bevor ich es auf die Tafel bringe, denn es gibt nichts Gefähr­
licheres als die Sachen auf der Tafel — die sind immer ein bißchen
platt.
Es handelt sich um ein klassisches Experiment, das zu der Zeit ange­
stellt wurde, wo die Physik noch amüsant war, zur Zeit der wahren
Physik. Genauso leben wir in dem M oment, wo die Psychoanalyse
wahrhaft Psychoanalyse ist. Je näher wir der amüsanten Psychoanalyse
sind, um so mehr ist es wirklich die Psychoanalyse. Später wird sich das
einschleifen, wird sich durch Annäherung und Tricks erledigen. Man
wird absolut nicht mehr verstehen, was m an macht, so wie es schon
nicht mehr nötig ist, irgend etwas von O ptik zu verstehen, um ein Mi­
kroskop zu machen. Freuen wir uns also, wir machen noch Psychoana­
lyse.
Setzen Sie also an meinen Platz einen großartigen Kessel — der mich,
an bestimmten Tagen, als Resonanzraum vorteilhaft vertreten könnte
— einen Kessel, der einer Halbkugel so nah wie möglich kommt und
innen blank poliert ist, kurz einen sphärischen Spiegel. W enn er unge­
fähr bis zum Tisch rückt, können Sie sich darin nicht m ehr sehen — so
würde sich, wenn ich auch noch so sehr in einen Kessel verwandelt wä­
re, das Spiegelphänomen, das sich zuweilen zwischen m ir und meinen
Schülern herstellt, hier nicht herstellen. Ein sphärischer Spiegel produ­
ziert ein reales Bild. Jedem Punkt eines Lichtstrahls, der von einem be­
liebigen Punkt eines in bestimmter Entfernung, am besten in der Zen-
102
tralebene der Kugel aufgestellten Objekts ausgeht, entspricht auf der-
92 selben Ebene, durch Konvergenz der auf der Kugeloberfläche reflek­
tierten Strahlen, ein anderer Lichtpunkt — was ein reales Bild des O b­
jekts ergibt.
Ich bedaure, daß ich heute weder den Kessel, noch die Experimentier-
apparate habe mitbringen können. Sie müssen sie sich vorstellen.
Nehmen Sie an, das hier sei ein Kasten, der von dieser Seite hohl ist,
und daß er im Zentrum der Halbkugel auf einen Fuß gestellt ist. Auf
den Kasten setzen Sie eine Vase, eine reale. Darunter ist ein Blumen­
strauß angebracht. Nun, was passiert?

Das Experiment mit dem umgekehrten Blumenstrauß -

Der Strauß reflektiert sich auf der sphärischen Oberfläche und gelangt
an den zur Spiegelachse symmetrisch gelegenen Lichtpunkt. Sie müs­
sen verstehen, daß sich sämtliche Strahlen genauso verhalten, und
zwar vermöge der Eigenart der sphärischen Oberfläche — alle von
einem gegebenen Punkt ausgehenden Strahlen gelangen an den dazu
symmetrischen Punkt. Auf diese Weise kommt ein reales Bild zustan­
de. Beachten Sie, daß sich die Strahlen in meinem Schema nicht ganz
genau überschneiden, aber das ist auch in der Realität so, und zwar bei
allen optischen Instrumenten — man hat nie mehr als eine Näherung.
Die Strahlen setzen ihren Weg jenseits vom Auge fort und zerstreuen
sich wieder. Aber für das Auge sind sie konvergent und ergeben ein rea­
les Bild, denn das Charakteristikum von Strahlen, die in konvergenter
Form auf das Auge treffen, ist, daß sie ein reales Bild ergeben. Konver­
gent, wenn sie ins Auge fallen, laufen sie auseinander, wenn sie daran
Vorbeigehen. Wenn die Strahlen in entgegengesetzter Richtung auf das
103
Auge treffen, ergibt sich ein virtuelles Bild. Das passiert, wenn Sie ein
Bild in einem Spiegel betrachten — sie sehen es dort, wo es nicht ist. In
diesem Fall dagegen sehen Sie es dort, wo es ist — unter dieser einzigen
Bedingung, daß Ihr Auge innerhalb des Feldes der Strahlen ist, die sich
schon im Korrespondenzpunkt überschnitten haben.
In diesem Augenblick, während Sie den realen Strauß, der versteckt ist,
nicht sehen, sehen Sie, wenn Sie sich im richtigen Feld befinden, wie
ein sehr seltsamer imaginärer Strauß erscheint, der sich genau über
dem Hals der Vase bildet. Da sich Ihre Augen entlang der selben Linie
verschieben können, haben Sie ein Gefühl von Realität, obgleich Sie
spüren, daß irgend etwas sonderbar, verschwommen ist, weil sich die
Strahlen nicht genau überschneiden. Je weiter Sie entfernt sind, desto
mehr spielt die Parallaxe hinein, desto vollkommener wird die Illusion
sein.
Das ist ein Apolog, der uns sehr helfen wird. Sicher, dies Schema soll
nichts von dem berühren, was substantiell mit dem in Beziehung steht,
was wir in der Analyse behandeln, die real oder objektiv genannten Be­
ziehungen, oder die imaginären Beziehungen. Aber es erlaubt uns, auf
besonders einfache Weise das zu illustrieren, was aus der innigen Ver­
schränkung der imaginären Welt und der realen W elt in der psychi­
schen Ökonomie resultiert — Sie werden jetzt sehen, wie.

Dies kleine Experiment hat mir gefallen. N icht ich hab’ es erfunden, es
ist seit langem unter dem Namen Experiment vom umgekehrten Blumen­
strauß bekannt. So, wie es ist, in seiner Unschuld — seine Urheber
haben es nicht für uns angestellt — h at es für uns bis in seine zufälligen
Details, die Vase und den Strauß, einen verführerischen Reiz.
Das dem Ur-Jch* oder Lust-Ich* eigene Gebiet konstituiert sich tatsäch­
lich durch Spaltung, durch Unterscheidung von der A ußenwelt— was
im Innern eingeschlossen ist, unterscheidet sich von dem, was im Pro­
zeß der A usstoßung * und der Projektion abgewiesen worden ist. Wenn es
deshalb Begriffe gibt, die in die vorderste Linie sämtlicher analytischer
Konzeptionen des ersten Stadiums der Ich-Bildung gestellt werden, so
sind es die von Behälter und Inhalt. Deshalb kann uns die Beziehung
der Vase zu den Blumen, die sie enthält, als M etapher, und als eine der
kostbarsten, dienen.
104
Sie wissen, daß der Vorgang der physiologischen Reifung es dem Sub­
jekt, in einem bestimmten Augenblick seiner Geschichte, erlaubt, seine
motorischen Funktionen wirklich zu integrieren und zu einer realen
Beherrschung seines Körpers zu gelangen. Nur wird sich noch vor die­
sem Augenblick, wenn auch in entsprechender Form, das Subjekt sei­
nes Körpers als einer Totalität bewußt. Das ist es, worauf ich in meiner
Theorie des Spiegelstadiums insistiere — der bloße Anblick der voll­
ständigen Form des menschlichen Körpers verschafft dem Subjekt eine
imaginäre Beherrschung seines Körpers, die gegenüber der realen Be­
herrschung verfrüht ist. Diese Bildung ist vom Vorgang der Reifung
selbst abgelöst und vermischt sich mit ihm nicht. Das Subjekt antizi­
piert die Vollendung der psychologischen Beherrschung, und diese An­
tizipation wird ihren Stil jeder späteren Ausübung der wirklichen mo­
torischen Beherrschung aufdrücken.
94 Das ist das ursprüngliche Abenteuer, in dem der Mensch zum ersten­
mal die Erfahrung macht, daß er sich sieht, sich reflektiert und sich als
anders begreift als er ist — die wesentliche Dimension des Menschli­
chen, die sein ganzes Phantasieleben strukturiert.
Wir unterstellen am Ursprung all das, Objekte, Triebe, Begierden,
Strebungen, usw. Das ist also schlicht und einfach die Realität, die sich
in nichts begrenzt, die das Objekt irgendeiner Definition noch nicht
werden kann, die weder gut ist, noch böse, aber zugleich chaotisch und
absolut, ursprünglich. Das ist die Ebene, auf die sich Freud in Die Ver­
neinung* bezieht, wenn er von den Existenzurteilen spricht— entweder
das ist oder aber das ist nicht. U nd auf dieser Ebene gibt das Körperbild
dem Subjekt die erste Form, die ihm erlaubt, das zu situieren, was Ich
ist, und das, was es nicht ist. Nun, sagen wir, daß das Körperbild, wenn
man es in unser Schema einsetzt, wie die imaginäre Vase ist, die den
realen Blumenstrauß enthält. So also können wir uns das Subjekt vor
der Geburt des Ich vorstellen und das Auftauchen dieses Ich.
Ich schematisiere, Sie spüren es wohl, aber die Entwicklung einer Me­
tapher, eines Denkapparats, macht es nötig, daß man zu Anfang mer­
ken läßt, wozu das dient. Sie werden sehen, daß dieser Apparat hier
eine Handlichkeit besitzt, die erlaubt, in allen Bewegungsarten auf
ihm zu spielen. Sie können die Bedingungen des Experiments umkeh­
ren —der Topf könnte genausogut unten sein und die Blumen oben. Sie
können, nach Ihrem Belieben, das imaginär machen, was real ist, unter
der einzigen Bedingung, daß Sie die Beziehung der Zeichen beibehal­
ten, + —+ oder - +
105
Damit sich die Illusion einstellt, damit sich, vor dem betrachtenden
Auge, eine Welt konstituiert, in der das Imaginäre das Reale ein­
schließt und, gleichzeitig, formen kann, in der auch das Reale das Ima­
ginäre einschließen und, gleichzeitig, situieren kann, m uß eine Bedin­
gung erfüllt sein — das Auge muß, wie ich Ihnen gesagt habe, in einer
bestimmten Position sein, es m uß im Innern des Kegels sein.
Wenn es außerhalb des Kegels ist, wird es nicht mehr das sehen, was
imaginär ist, aus dem einfachen Grund, daß nichts vom Rückstrahlke­
gel auf es treffen wird. Es wird die Dinge in ihrem realen Zustand se­
hen, das heißt das Innere des Mechanismus, und einen armen leeren
Topf oder vereinsamte Blumen, je nachdem.
Sie werden mir sagen — Wir sind kein A uge, was ist dasßir ein A uge, das da
rumhängt?
Der Kasten soll Ihren eigenen Körper bedeuten. Der Strauß, das sind
die Triebe und Begierden, die umherspazierenden Objekte des Begeh­
rens. Und der Kessel, was ist der? Der könnte ganz gut der Kortex sein.
Warum nicht? Das wäre amüsant — davon sprechen wir ein andermal.
In der Mitte davon spaziert Ihr Auge nicht herum, es ist dort fixiert, wie
ein kleiner Reizanhang des Kortex. Nun, warum erzähle ich Ihnen
dann, daß es herumspaziert und daß das, je nach seiner Position, mal
geht und mal nicht geht?
Das Auge ist hier, wie sehr oft, das Symbol des Subjekts.
Die ganze Wissenschaft beruht darauf, daß m an das Subjekt auf ein %
Auge reduziert, und deshalb ist sie vor Sie hin projiziert, das heißt ob­
jektiviert — ich erkläre Ihnen das ein andermal. Im Zusammenhang
mit der Triebtheorie, in einem anderen Ja h r, hat jem and eine sehr
schöne Konstruktion vorgeführt, die paradoxeste, die ich je vortragen
gehört habe, die die Triebe vergegenständlichte. Am Ende blieb nicht
ein einziger stehen, und insofern war das eine nützliche Demonstra­
tion. U m uns für einen kleinen Augenblick auf ein bloßes Auge zu redu­
zieren, müßten wir uns in die Position des Weisen versetzen, der dekre­
tieren kann, daß er ein Auge ist, und einen Zettel an die T ü r hängen
mit der Aufschrift — Den Experimentator nicht stören. Im Leben liegen die
Dinge ganz anders, denn wir sind kein Auge. Was soll dann aber das
Auge da in dem Schema bedeuten?
Das soll bedeuten, daß in der Beziehung zwischen dem Imaginären
und dem Realen und in der Konstitution der Welt^wie sie daraus resul­
tiert, alles von der Stellung des Subjekts abhängL U nd die Stellung des
Subjekts — Sie müßten es wissen, seit ich es Ihnen wiederhole — ist we-
106
sentlich durch seinen Platz in der symbolischen Welt charakterisiert^
anders gesagt in der Welt des Sprechens. Dieser Platz ist das, wovon ab­
hängt, ob jem and sich zu Recht oder Unrecht Pedro nennt. J e nachdem,
ob dies der Fall ist oder jenes, befindet er sich im Feld des Kegels oder
befindet sich nicht darin.
Das also müssen Sie im Kopf behalten, auch wenn es Ihnen ein wenig
starr erscheint, um zu verstehen, was jetzt folgt.

Wir müssen den Text von Melanie Klein als das nehmen, was er ist, das
heißt als den Bericht übereine Erfahrung.
Da ist ein Junge, der, so sagt man uns, ungefähr vier Jahre alt ist, dessen
allgemeines Entwicklungsniveau zwischen fünfzehn und achtzehn
Monaten liegt. Das ist eine Definitionsfrage, und man weiß nie, was
man dazu sagen soll. Was ist das Meßinstrument? M an versäumt häu­
fig, das zu präzisieren. Eine affektive Entwicklung zwischen fünfzehn
und achtzehn M onaten, diese Bestimmung bleibt noch verschwomme­
ner als das Bild der Blume in dem Experiment, das ich Ihnen eben vor-
geführt habe.
Das Kind hat einen sehr begrenzten Wortschatz, und mehr als be­
grenzt, inkorrekt. Es entstellt die W örter und benutzt sie meistens un­
richtig, während man in anderen Augenblicken gewahr wird, daß es
ihren Sinn kennt. Melanie Klein legt Nachdruck auf die erstaunlichste
Tatsache — dieses Kind hat nicht das Begehren, sich verständlich zu
machen, es sucht nicht zu kommunizieren, die einzigen mehroderweni-
ger spielerischen Tätigkeiten bestehen in der Bildung von Lauten und
darin, daß es sich in Lauten ohne Bedeutung, in Geräuschen beklagt.
Trotz alledem verfügt dieses Kind über etwas Sprache — anders könn-
96 te sich Melanie Klein ihm nicht verständlich machen. Es verfügt über
bestimmte Elemente des symbolischen Apparates. Andererseits cha­
rakterisiert Melanie Klein seine Einstellung vom ersten, so sehr wichti­
gen Kontakt mit dem Kind an als apathisch, gleichgültig. Gleichwohl
ist es nicht ohne Orientierung. Es macht nicht den Eindruck eines De­
bilen, weit entfernt. Melanie Klein unterscheidet es von allen kindli­
chen Neurotikern, die sie vorher gesehen hat, indem sie darauf hin­
weist, daß es keinerlei sichtbare Angstreaktion zeigt, selbst nicht unter
der verschleierten Form, unter der sie sich bei Neurotikern als Aus-
107
bruch oder aber Rückzug, Starre, Schüchternheit zeigt. Das kann je­
mandem mit der besagten therapeutischen Erfahrung nicht entgehen.
Es ist da, dieses Kind, als würde nichts geschehen. Es betrachtet Me­
lanie Klein, wie es ein Möbelstück betrachten würde.
Ich unterstreiche diesen Aspekt, weil ich den für es einförmigen Cha­
rakter der Realität hervorheben will. Alles ist für es gleichermaßen
real, gleichermaßen gleichgültig.
An dieser Stelle setzt die Verwunderung von Mlle Gélinier ein.
Die Welt des Kindes, so sagt uns Melanie Klein, produziert sich von
einem Behälter — das wäre der Körper der M utter — und von einem
Inhalt des Körpers dieser M utter her. Im V erlauf der Entwicklung
seiner Triebbeziehungen zu diesem privilegierten Objekt, das die
Mutter ist, wird das Kind dazu geführt, zu einer Reihe von imaginären
Einverleibungsbeziehugen fortzuschreiten. Es kann den Körper seiner
M utter beißen, ihn aufsaugen. Der Stil dieser Einverleibung ist ein Stil
der Destruktion. / »
In diesem mütterlichen Körper erwartet das Kind eine bestimmte An­
zahl von Objekten anzutreffen, die selbst noch mit einer gewissen Ein­
heit ausgestattet sind, solange sie von ihm eingeschlossen werden, O b­
jekte, die für es gefährlich werden können. W arum gefährlich? Aus ge­
nau demselben Grund, aus dem es für sie gefährlich ist. Spiegelbildlich,
das kann man mit gutem Recht behaupten, bekleidet es sie mit densel­
ben destruktiven Fähigkeiten, als deren Trägeres sich selbst empfindet.
In diesem Sinne wird es ihre Äußerlichkeit in bezug auf die ersten Be­
grenzungen seines Ich akzentuieren und sie als böse Objekte, als gefähr­
liche, als Kacke verwerfen.
Diese Objekte werden ausgestoßen, isoliert werden von diesem ersten
universellen Behälter, von diesem ersten großen Ganzen, das das phan­
tasmatische Bild des Körpers der M utter, das vollkommene Reich der
ersten kindlichen Realität ist. Aber sie werden ihm gleichwohl immer
mit diesem selben unheilvollen Akzent versehen erscheinen, der seine
ersten Beziehungen zu ihnen geprägt haben wird. Aus diesem Grund
wird es sie wieder int rejizieren und sein Interesse anderen, weniger
gefährlichen Objekten zuwenden. Es wird zum Beispiel die sogenannte
Gleichung Fäz— Urin aufstellen. Verschiedene Objekte der Außenwelt,
die einen neutraleren Charakter haben, werden als Äquivalente der
ersten gewählt werden, werden durch eine — ich unterstreiche —
imaginärejGleichung mit ihnen verknüpft. So geht die_symbolische
Gleichung, die wir zwischen diesen Objekten wiederentdecken, aus
108
einem alternierenden Mechanismus der Ausstoßung und Introjektion,
der Projektion und Einverleibung hervor, das heißt aus einem Spiel des
Imaginären.
97 Genau dieses Spiel ist es, das ich für Sie in meinem Schema durch die
imaginäre Einschließung realer Objekte oder, umgekehrt, durch die
Aufnahme imaginärer Objekte in das Innere einer realen Umgrenzung
zu symbolisieren versuche.
Bei Dick bemerken wir wohl die Skizze der Imaginifizierung, wenn ich
so sagen darf, der Außenwelt. W ir finden sie bereit, hervorzutreten,
aber sie ist bloß vorbereitet.
Dick spielt mit dem Behälter und dem Inhalt. Er hat schon ganz natür­
lich in bestimmten Objekten, dem kleinen Zug zum Beispiel, eine be­
stimmte Anzahl von Strebungen, das heißt von Personen vergegen­
ständlicht — sich selbst als kleinen Zug im Verhältnis zu seinem Vater,
der großer Zug ist. Die Zahl der Objekte, die für ihn bedeutungsvoll
sind, ist übrigens, ein erstaunlicher Umstand, extrem reduziert, redu­
ziert auf Minimalzeichen, die ihm erlauben, das Innen und Außen,
den Inhalt und den Behälter auszudrücken. So wird der dunkle Raum
sofort dem Innern des Körpers der M utter gleichgesetzt, in den er sich
flüchtet. Was sich nicht einstellt, ist das freie Spiel, die Verbindung
zwischen den verschiedenen Formen, der imaginären und der realen,
der Objekte.
Das ist der Grund dafür, daß, als er sich ins leere und dunkle Innere des
mütterlichen Körpers flüchtet, die Objekte, zum großen Erstaunen
von Mlle Gélinier, nicht darin sind. Aus einem einfachen Grund — in
seinem Fall können Strauß und Vase nicht gleichzeitig da sein. Das ist
der Schlüssel.
Das Erstaunen von Mlle Gélinier beruht darauf, daß für Melanie Klein
alles auf einer Ebene gleicher Realität liegt— einer unreal reality, wie sie
sich ausdrückt, was in der T at nicht erlaubt, die Dissoziation der ver­
schiedenen sets der primitiven Objekte zu begreifen. Deshalb gibt es bei
Melanie Klein weder eine Theorie des Imaginären noch eine Theorie
des Ich. Es ist an uns, diese Begriffe einzufuhren und zu verstehen, daß
in dem M aße, wie ein Teil der Realität eingebildet (imaginée), der
andere real ist, und, umgekehrt, in dem Maße, wie der eine Teil Reali­
tät ist, der andere imaginär wird. Auf diesem Wege wird man begrei­
fen, warum die Verbindung der verschiedenen Teile, der sets, nie voll­
ständig sein kann. .
Wir sind hier bei der Spiegelbeziehung. I -j
109
W ir nennen das die Projektionsfläche. Aber wie soll man das Korrelat
von Projektion bezeichnen? M an müßte ein anderes W ort als Introjek­
tion finden. So wie wir es in der Analyse verwenden, ist das W ort Intro-
jektion nicht das Gegenteil von Projektion. Es wird. Sie werden das be­
merken, praktisch nur in dem Augenblick verwendet, wo es sich um
eine symbolische Introjektion handelt. Es wird immer von einer sym­
bolischen Benennung begleitet. Die Introjektion ist immer Introjektion
des Sprechens des andern, was eine von der der Projektion vollkommen
verschiedene Dimension einfuhrt. Vom Umkreis dieser Unterschei­
dung aus können Sie sondern zwischen dem, was zur Funktion des Ich
und zur Ordnung des Zweierverhältnisses gehört, und dem, was Funk­
tion des Uber-Ich ist. Man unterscheidet nicht umsonst zwischen ihnen
in der analytischen Theorie, so wie man auch nicht annim m t, daß das
Über-Ich, das authentische Uber-Ich, eine im Verhältnis zur Funktion
des Ideal-Ich sekundäre Introjektion sei.
Das sind beiläufige Bemerkungen. Ich komme auf den von Melanie
Klein beschriebenen Fall zurück.
Da ist das Kind. Es verfugt über eine gewisse Anzahl bedeutsamer Ka­
tegorien. Melanie K lein— darin können wir ihr folgen— unterstreicht
die extreme Enge einer von ihnen — des imaginären Bereichs. Norma­
lerweise kann die progressive W ertschätzung der Objekte über die
Möglichkeiten des Spiels imaginärer Transpositionen stattfinden, auf
einer Ebene, die man gemeinhin affektiv nennt, durch eine Vervielfa­
chung, durch eine Auflacherung sämtlicher imaginärer Gleichungen,
die es dem menschlichen Wesen gestatten, unter den Tieren das einzige
zu sein, das eine nahezu unendliche Anzahl von Objekten zu seiner
Verfügung hat — von Objekten, die von der Q ualität der Gestalt * in
ihrer Umwelt * geprägt sind, von in ihrer Form isolierten Objekten.
Melanie Klein unterstreicht die Ärmlichkeit der imaginären Welt und
zugleich die Unmöglichkeit für dieses Kind, in eine wirkliche Bezie­
hung mit den Objekten als Strukturen einzutreten. Wechselbeziehung,
die zu erfassen wichtig ist.
Wenn man nun alles zusammenfaßt, was Melanie Klein vom Verhal­
ten dieses Kindes beschreibt, so ist der bedeutsame Punkt einfach die­
ser — es adressiert keinen Appell.
Appell, dies ein Begriff, den ich Sie festzuhalten bitte. Sie werden sich
sagen — Natürlich, damitführt er seine Sprache wieder ein, der Doktor Lacan.
Aber das Kind hat schon sein Sprachsystem, und zwar zur Genüge. Der
Beweis dafür ist, daß es m it ihr spielt. Es bedient sich ihrer sogar, um
110
ein Spiel der Opposition gegen die Einbruchsversuche der Erwachse­
nen zu fuhren. So beträgt es sich zum Beispiel in einer Weise, die im
Text auf einen Gegenwillen zurückgeführt wird. Wenn ihm seine M utter
einen Namen nennt, den es korrekt zu wiederholen fähig ist, wiederholt
es ihn in einer unverständlichen, entstellten Form, die zu nichts nutze
ist. W ir finden hier die Unterscheidung wieder, die zwischen Negativis­
mus und Verneinung zu machen ist — was uns J. Hyppolite in Erin­
nerung gerufen hat, der dam it nicht nur seine Bildung, sondern auch
daß er schon Kranke gesehen, bewiesen hat. Dick bedient sich der Spra­
che in einer entschieden negativistischen Form.
Und folglich führe ich, wenn ich den Appell einführe, nicht insgeheim
auch die Sprache ein. Ich würde sogar noch mehr sagen — nicht nur ist
das nicht die Sprache, es ist auch nicht auf einer Ebene über der Spra­
che. Das ist sogar unterhalb der Sprache, wenn man denn von Höhen­
lagen reden will. Sie brauchen nur ein Haustier zu beobachten, um zu
sehen, daß ein mit Sprache nicht begabtes Wesen sehr wohl fähig ist,
Appelle an Sie zu richten, Appelle, um Ihre Aufmerksamkeit auf etwas
zu lenken, das ihm, in gewissem Sinn, fehlt. Dem menschlichen Appell
ist eine weitere, reichere Entwicklung Vorbehalten, weil er sich eben bei
einem Wesen bildet, das die Ebene der Sprache schon erreicht hat.
Seien wir schematisch.
99 Ein gewisser Karl Bühler hat eine Sprachtheorie aufgestellt, die nicht
die einzige ist und nicht die vollständigste, aber in ihr findet sich etwas,
das nicht ohne Interesse ist — er unterscheidet drei Stufen in der Spra­
che. Unglücklicherweise hat er sie mit Kategorien belegt, durch die sie
nicht sehr verständlich werden.
Zuerst die Ebene der Aussage als solcher, die beinahe eine Ebene der
Naturgegebenheit ist. Ich bin auf der Ebene der Aussage, wenn ich zu
einer Person die einfachste Sache sage, ein Gebot zum Beispiel. Auf die­
ser Ebene der Aussage muß all das, was die N atur des Subjekts betrifft,
angesiedelt werden. Ein Offizier, ein Lehrer wird seinen Befehl nicht in
derselben Sprache geben wie ein Arbeiter oder ein Vorarbeiter. Auf der
Ebene der Aussage, in ihrem Stil und bis in ihre Intonation hinein, be-
zieht sich alles, was wir erfahren, auf die N atur des Subjekts.
In jedem beliebigen Imperativ gibt es eine andere Ebene, die des Ap­
pells. Es geht um den Ton, in dem dieser Imperativ ausgesprochen
wird. Derselbe Text kann, je nach dem Ton, vollkommen verschiedene
Werte haben. Die einfache Aussage Halten Sie an kann, je nach den Um-
ständen, vollkommen verschiedene Appellwerte haben.
Il l
Der dritte Wert ist die eigentliche M itteilung — das, worum’s geht,
und sein Bezug zur Gesamtheit der Situation.
Wir befinden uns bei Dick auf der Ebene des Appells. Der Appell be­
zieht seine Geltung aus dem Innern des Systems der schon erworbenen
Sprache. Das nun, worum es sich hier handelt, ist, daß das Kind keiner­
lei Appell hervorbringt. Das System, durch das das Subjekt sich noch
eben in der Sprache angesiedelt hat, ist unterbrochen, auf der Ebene
des Sprechens. Das ist nicht das gleiche, Sprache und Sprechen — die­
ses Kind beherrscht, bis zu einem gewissen Grad, die Sprache, aber es
spricht nicht. Es ist ein Subjekt, das da ist und das, buchstäblich, nicht
antwortet.
Das Sprechen ist nicht bis zu ihm vorgedrungen. Die Sprache hat sich
nicht an sein imaginäres System geheftet, dessen Umfang extrem eng
ist — Besetzung von Zügen, Türknöpfen, des dunklen Raumes. Seine
Fähigkeiten, nicht der M itteilung, sondern des Ausdrucks, sind darauf
beschränkt. Für es sind Reales und Imaginäres äquivalent.
Melanie Klein muß hier also auf alle Technik verzichten. Sie hat ein
Minimum an Material. Sie hat nicht einmal ein Spiel — dieses Kind
spielt nicht. Wenn es ein wenig den kleinen Zug in die H and nimmt,
dann spielt es nicht, es macht das, wie wenn es durch Luft geht— als ob
es ein Unsichtbarer wäre oder eher noch als ob alles, au f bestimmte
Weise, unsichtbar für es wäre.
Melanie Klein geht hier, dessen ist sie sich lebhaft bewußt, zu keinerlei
Deutung über. Sie geht, so sagt sie, von den Vorstellungen aus, die sie,
und sie sind bekannt, von dem hat, was in diesem Stadium passiert. Ich
geh’ direkt darauf los und ich sag’ ihm — Dick kleiner Zug, großer Zug Pa­
pa-Zug.
Darüber beginnt das Kind mit seinem kleinen Zug zu spielen und sagt
das Wort station, das heißt Bahnhof. Kritischer Augenblick, in dem sich
das Anheften der Sprache ans Imaginäre des Subjekts andeutet.
Melanie Klein gibt ihm zurück— Bahnhofist Mutti. Dickfahrt in die Mut­
ti. Von da an geht alles los. Sie macht ihm darüber nur Bemerkungen
wie diese, keine anderen. Und sehr schnell m acht das Kind Fortschrit­
te. Das ist eine Tatsache.
Was hat sie also gemacht, Melanie Klein? — nichts andres als die Ver­
balisierung beizusteucm. Sie hat eine wirkliche Beziehung symboli­
siert, die eines, benannten, Wesens zu einem andren. Sie hat die Sym-
bolisierung des Ödipusmythos, um ihn bei seinem Namen zu nennen,
angelegt. Von da an, nach einer ersten Zeremonie, die darin bestand,
112
sich in den dunklen Raum zu flüchten, um den Kontakt mit dem Be­
hälter zu suchen, erwacht für das Kind das Neue.
Das Kind verbalisiert einen ersten Appell — einen gesprochenen Ap­
pell. Es fragt nach seiner Nurse, mit der es gekommen war und die es
hatte Weggehen lassen, als wäre das nichts. Zum erstenmal produziert
es eine Appell-Reaktion, die nicht einfach ein affektiver Appell ist, wie
er vom ganzen Wesen mimisch vollzogen wird, sondern ein verbalisier-
ter Appell, der insofern auch eine Antwort enthält. Das ist, im eigentli­
chen, technischen Sinn des Begriffs, eine erste Mitteilung.
Die Dinge entwickeln sich weiter bis zu dem Punkt, an dem Melanie
Klein alle anderen Elemente einer inzwischen organisierten Situation
und sogar den V ater selbst ins Spiel bringt, der schon eine Rolle ge­
spielt hat. Außerhalb der Sitzungen, so sagt Melanie Klein, entwickeln
sich die Beziehungen auf der Ebene des Ödipus. Das Kind symbolisiert
die Realität, die es umgibt, von diesem Kern, von dieser kleinen po­
chenden Zelle der Symbolik her, die Melanie Klein ihm gegeben hat.
Das ist es, wovon sie später sagt, sie habe die Türen zu seinem Unbewußten
geöffnet.
Womit hat Melanie Klein, was es auch sei, getan, was irgendein Ver­
ständnis von ich weiß nicht welchem Vorgang beweist, der, in dem
Subjekt, sein Unbewußtes wäre? Sie unterstellt es von Anfang an, aus
Gewohnheit. Lesen Sie alle diese Beobachtung noch einmal und Sie
werden die sensationelle Darstellung der Formel erkennen, die ich Ih­
nen immer wieder gebe — das Unbewußte ist der Diskurs des andren.
Das ein Fall, in dem das absolut manifest ist. Es gibt keinerlei Art von
Unbewußtem in dem Subjekt. Es ist der Diskurs von Melanie Klein,
der brutal die ersten Symbolisierungen der ödipalen Situation auf die
anfängliche Ich-Trägheit des Kindes aufpfropft. Melanie Klein macht
es mit ihren Patienten immer so, mehr oder weniger implizit, mehr
oder weniger willkürlich.
In diesem dramatischen Fall, bei diesem Subjekt, das die menschliche
Realität nicht erreicht hat, weil es keinen Appell hören läßt — wie sei­
hen die Wirkungen der von der Therapeutin eingeführten Symbolisie­
rungen aus? Sie determinieren eine Ausgangsposition, von der aus das
Subjekt Imaginäres und Reales spielen lassen und seine Entwicklung
meistern kann. Es stürzt sich in eine Reihe von Äquivalenzen, in ein
System, in dem sich die Objekte einander substituieren. Es durchläuft
eine ganze Folge von Gleichungen, die es von diesem Türzwischen­
raum, in den es sich wie in das absolute Dunkel des totalen Behälters
113
geflüchtet hat, zu Objekten übergehen läßt, die es ihm substituiert — 101
das Waschbecken zum Beispiel. Es entfaltet und artikuliert so seine
ganze Welt. Vom Waschbecken geht es dann zum elektrischen Ofen
über, zu immer komplizierteren Objekten. Es gelangt zu immer reiche­
ren Inhalten wie zu der Fähigkeit, Inhalt und Nicht-Enthaltenes zu un­
terscheiden.
Warum in diesem Fall von Ich-Entwicklung sprechen? Das heißt, wie
immer, Ego und Subjekt verwechseln.
Die Entwicklung findet nur in dem M aße statt, wie sich das Subjekt in
das symbolische System integriert, sich darin übt, sich darin durch die
Ausübung eines wahrhaften Sprechens bejaht. Es ist nicht einmal
nötig, Sie werden das bemerken, daß dieses Sprechen das seine ist. In
dem, wenngleich in seiner affektlosesten Form, augenblicklich gebil­
deten Paar von Therapeut und Subjekt kann ein wahrhaftes Sprechen
beigebracht werden. Zweifellos nicht irgendeines — und darin sehen
wir die Tauglichkeit der symbolischen Ödipussituation.
Das ist wirklich der Schlüssel— ein sehr reduzierter Schlüssel. Ich habe
Ihnen schon angedeutet, daß es sich sehr wahrscheinlich um einen gan­
zen Schlüsselbund handelt. Vielleicht werde ich Ihnen eines Tages
einen Vortrag darüber halten, was uns in dieser Hinsicht der Mythos
der Primitiven geben kann— ich sage nicht der minderwertigen Primitiven,
denn sie sind nicht minderwertig, sie wissen darüber viel mehr als wir.
Wenn wir eine Mythologie studieren, diejenige zum Beispiel, die viel­
leicht im Zusammenhang einer Arbeit über einen sudanesischen
Stamm erscheint, dann sehen wir, daß der Ödipuskomplex für sie bloß
eine winzige Lächerlichkeit ist. Das ist ein ganz kleines Detail in einem
immensen Mythos. Der Mythos erlaubt, eine Reihe von Beziehungen
zwischen den Subjekten in einem Reichtum und einer Komplexität zu
kollationieren, gegen den der Ödipus nur als eine derart gekürzte Aus­
gabe erscheint, daß er am Ende nicht immer brauchbar ist.
Aber das macht nichts. Was uns, die Analytiker betrifft, haben wir uns
bislang dam it zufrieden gegeben. Sicher, man versucht schon, ihn ein
wenig auszuarbeiten, aber ziemlich ängstlich. M an fühlt sich immer
fürchterlich befangen, weil man kaum zwischen Imaginärem, Symbo­
lischem und Realem zu unterscheiden weiß.
Ich möchte Sie jetzt auf Folgendes hinweisen. W enn M elanie Klein
ihm das Ödipusschema liefert, ist die imaginäre. Beziehung^ die das
Subjekt, wenn auch extrem dürftig, lebt, bereits genügend, komplex,
daß man sagen kann, es habe seine eigene Welt. Doch dieses primitive
114
Reale ist für uns buchstäblich unaussprechlich. Sofern er uns darüber
nichts sagt, haben wir überhaupt kein Mittel, da einzudringen, wenn
nicht durch symbolische Extrapolationen, wie sie die ganze Zweideu­
tigkeit aller Systeme wie desjenigen von Melanie Klein ausmachen —
sie sagt uns zum Beispiel, daß das Subjekt im Innern des Reichs des
mütterlichen Körpers mit all seinen Brüdern sich befindet, ganz zu
schweigen vom Penis des Vaters usw. Wahrhaftig?
Es kommt nicht drauf an, denn wir können auf diese Weise jedenfalls.
begreifcni jwie__diese.Welt_in Bewegung kommt, w ie.Irn^inäres und
Symbolisches sich zu strukturieren beginnen, wie sich die aufeinander-
102 folgenden Besetzungen entwickeln,, d ie . die Verschiedenheit der
menschlichen, das heißt der nennbaren Objekte umgrenzen. Dieser
ganze Prozeß nim m t seinen Ausgang von diesem ersten Fresko, das ein
bedeutsames Sprechen konstituiert, indem es ein e' fundamentale.
: Struktur formuliert, die, im Gesetz des Sprechens, den Menschen zum
Menschen macht.
Wie soll ich Ihnen das noch auf andere Weise sagen? Fragen Sie sich,
was der Appell im Feld des Sprechens darstelit. Nun, das ist die
Möglichkeit der Verweigerung. Ich sage die Möglichkeit Der Appell
impliziert die Verweigerung nicht, er impliziert keinerlei Dichotomie,
keine Zweiteilung. Aber Sie können feststellen, daß sich in dem Augen­
blick, wo sich der Appell produziert, beim Subjekt Abhängigkeitsbe­
ziehungen einstellen. Von nun an wird er seine Nurse mit offenen Ar­
men empfangen, und wenn er sich hinter der Türe versteckt, absicht­
lich, so wird er ganz plötzlich gegenüber Melanie Klein das Bedürfnis
verspüren, sie als Gefährtin in seiner engen Ecke zu haben, die er für
einen Augenblick bezogen hat. Die Abhängigkeit wird anschließend
folgen.
In dieser Beobachtung sehen Sie also, wie sich beim Kind, unabhängig
voneinander, die Reihen der präverbalen und der postverbalen Bezie­
hungen abspielen. U nd Sie werden bemerken, daß die Außenwelt —
was wir die reale Welt nennen und was nichts anderes ist als die
vermenschlichte, symbolisierte Welt, geschaffen durch die vom Sym­
bol in die primitive Realität eingeführte Transzendenz — daß also
die Außenwelt sich nur konstituieren kann, wenn, am rechtem Platz,
eine Reihe von Zusammentreffen stattgefunden haben.
Diese Positionen sind von derselben O rdnung wie diejenigen, die, in
meinem Schema, eine bestimmte Strukturierung der Situation von
einer bestimmten Position des Auges abhängig machen. Ich möchte
115
mich dieses Schemas noch einmal bedienen. Ich wollte heute bloß
einen Blumenstrauß einfuhren, aber man kann auch noch den anderen
einfuhren.
Ausgehend von Dicks Fall und unter Verwendung der Kategorien des
Realen, des Symbolischen und des Imaginären, habe ich Ihnen gezeigt,
daß es möglich ist, daß ein Subjekt, das über alle Elemente der Sprache
verfugt und die Möglichkeit hat, eine bestimmte Anzahl von imaginä­
ren Verschiebungen zu machen, die ihm erlauben, seine W elt zu struk­
turieren, nicht im Realen ist. W arum ist er nicht darin? — einzig und
allein, weil die Dinge nicht in eine bestimmte O rdnung gekommen
sind. Die Figur insgesamt ist entstellt. Kein M ittel, dieser Gesamtheit
die geringste Entwicklung zu geben.
Handelt es sich um die Entwicklung des Ego? Nehmen Sie den Text
von Melanie Klein noch einmal vor. Sie sagt, daß das Ego so sehr ver­
früht sich entwickelt habe, daß das K ind einen zu realen Bezug zur
Realität hat, weil sich das Imaginäre nicht einfuhren kann — und
dann, im zweiten Teil ihres Satzes, sagt sie, daß es das Ego sei, das die
Entwicklung aufhalte. Das will einfach besagen, daß das Ego als Appa­
rat in der Strukturierung dieser Außenwelt nicht vollwertig brauchbar
ist. Aus einem einfachen Grund — auf G rund der falschen Position des
Auges kann das Ego, schlicht und einfach, nicht erscheinen.
Nehmen wir an, die Vase sei virtuell. Die Vase erscheint nicht, und das
Subjekt bleibt in einer reduzierten Realität, mit einem gleichfalls redu­
zierten imaginären Gepäck.
Der Bezirk dieser Beobachtung, das ist es, was Sie verstehen müssen —
die Eigenschaft des Sprechens, als Akt des Sprechens, ist ein Funktio­
nieren, das einem schon bestehenden, typischen und bedeutungsvollen
Symbolsystem koordiniert ist.
Das verdiente, daß Sie dazu Fragen stellten, daß Sie den Text noch ein­
mal läsen, daß Sie auch dies kleine Schema ausprobierten, um selbst zu
sehen, wie es Ihnen nützen kann.
Das, was ich Ihnen heute gegeben habe, ist eine theoretische Ausarbei­
tung, die ganz gegen den Text der beim letzten M al von Mlle Gelinier
hervorgehobenen Probleme gerichtet ist. Ich kündige Ihnen den Titel
der nächsten Sitzung an, die in vierzehn Tagen stattfinden wird — Die
Übertragung, auf den verschiedenen Ebenen, auf denen sie studiert werden muß.

24. F ebruar 1954


116
105 V III
D E R W O LF! D E R W O LF!

Der Fall Robert


Theorie des Über-Ich
Der Strunk des Sprechens

Sie haben sich, durch unseren Dialog, mit der Ambition vertraut ma­
chen können, die unserem Kommentar präsidiert, der, die funda­
mentalen Texte der analytischen Erfahrung neu zu durchdenken. Die
Seele unserer Beschäftigung ist die folgende Idee - was in einer Erfah­
rung immer am besten gesehen wird, ist das, was in einer bestimmten
Distanz steht. Auch ist es nicht überraschend, daß wir jetzt, und hier,
dazu kommen, um die analytische Erfahrung zu verstehen, wieder von
dem auszugehen, was in ihrer unmittelbarsten Gegebenheit impliziert
ist, das heißt von der symbolischen Funktion^oder. von dem, was in un­
serem Vokabular genau dasselbe ist — der Funktion des Sprechens..
Dies zentrale Gebiet der analytischen Erfahrung finden wir im Werk
Freuds allenthalben angedeutet, niemals benannt, aber angedeutet in
all seinen Schritten. Ich glaube nichts zu forcieren, wenn ich sage, daß
das es ist, was sich aus einem beliebigen Freud-Text unmittelbar, fast
algebraisch, übersetzen läßt. Und diese Übersetzung gibt die Lösung
für zahlreiche Antinomien, die sich bei Freud mit einer solchen Ehr­
lichkeit bekunden, daß kein Text von ihm je so geschlossen ist, als ob
das ganze System da wäre.
Für die nächste Sitzung würde ich sehr wünschen, daß jemand den
Kommentar eines Textes übernimmt, der exemplarisch ist für das, was
ich Ihnen eben sagte. Die Abfassung dieses Textes liegt zwischen Erin­
nern, Wiederholen und Durcharbeiten und den Bemerkungen über die Übertra­
gungsliebe, den zwei wichtigsten Texten der Sammlung der Technischen
Schrißen. Es handelt sich um Zur Einführung des Narzißmus.
Das ist ein Text, den wir unmöglich nicht in unsere Untersuchung ein­
beziehen können, wenn wir uns der Situation des analytischen Dialogs
zuwenden. Sie werden das zugeben, wenn Sie die in diesen Begriffen Si­
tuation und Dialog — Dialog in Anführungszeichen — implizierten Li­
nienverlängerungen kennen.
117
Wir haben versucht, auf seinem eigenen Feld den W iderstand zu defi- ioe
nieren. Sodann haben wir eine Definition der Übertragung formuliert.
Nun, Sie spüren wohl die ganze Distanz, die zwischen — dem Wider­
stand auf der einen Seite, der das Subjekt von dem vollen Sprechen
trennt, das von ihm der Analytiker erwartet und das eine Funktion die­
ser angsterregenden Krümmung ist, die in ihrer radikalsten Form, auf
der Ebene des symbolischen Tausches, die Ü bertragung darstellt —
und auf der anderen Seite demjenigen Phänomen liegt, mit dem wir
in der Technik der Analyse umgehen und das uns als die Triebkraft,
wie Freud sich ausdrückt, der Übertragung erscheint, das heißt der
Liebe.
In den Bemerkungen über die Ubertragungsliebe zögert Freud nicht, der
Übertragung den Namen Liebe zu geben. Freud geht dem Liebes-, dem
Leidenschaftsphänomen in seinem konkretesten Sinn so wenig aus dem
Weg, daß er sich nicht scheut zu sagen, daß es zwischen Übertragung
und dem, was wir im Leben Liebe nennen, keinerlei wirklich wesentli-
! chen Unterschied gibt. Die Strukturen dieses künstlichen Phänomens,
! das die Ü bertragung ist, und des spontanen Phänomens, das wir Liebe
! nennen, und sehr genau Liebesleidenschaft, sind, au f der psychischen
f Ebene, äquivalent.
Es gibt, bei Freud, kein Ausweichen vor diesem Phänomen, keinen
Versuch, das Heikle an dem aufzulösen, was zur Symbolik, in dem Sin­
ne, in dem man sie gemeinhin versteht, gehört — das Illusorische, das
Irreale. Die Übertragung, das ist Liebe.
Unsre Unterhaltungen werden sich jetzt um die Ubertragungsliebe
zentrieren, um damit das Studium der Technischen Schriften abzuschlie­
ßen. Das wird uns ins Herz jenes andren Begriffs bringen, den ich hier
einzufiihren suche und ohne den es auch nicht möglich ist, eine triftige
Einteilung dessen zu erreichen, womit wir in unserer Erfahrung zu tun
haben — die Funktion des Imaginären.
Glauben Sie nicht, diese Funktion des Imaginären fehle in Freuds Tex­
ten. Sie fehlt darin so wenig wie die symbolische Funktion. Freud hat
sie ganz einfach nicht in die vorderste Reihe gestellt und hat sie nicht
überall hervorgehoben, wo man sie finden kann. W enn wir Zur Einfüh­
rung des Narzißmus studieren, werden Sie sehen, daß Freud selbst, um die
Differenz zwischen Dementia praecox, Schizophrenie, Psychose und
Neurose zu bezeichnen, keine andere Definition findet als folgende, die
einigen von Ihnen überraschend erscheinen wird .Auch der Hysteriker und
Zwangsneurotiker hat, soweit seine Krankheit reicht, die Beziehung zur Realität
118
aufgegeben. Die Analyse zeigt aber, daß er die erotische Beziehung zu Personen
und Dingen keineswegs aufgehoben hat. Er hält sie noch in der Phantasiefest, das
heißt er hat einerseits die realen Objekte durch imaginäre seiner Erinnerung ersetzt
oder sie mit ihnen vermengt — erinnern Sie sich an unser Schema vom letz­
tenmal — anderseits daraufverzichtet, die motorischen Aktionen zur Erreichung
seiner Ziele an diesen Objekten einzuleiten. Für diesen Zustand der Libido sollte
man allein den vonJung ohne Unterscheidung gebrauchten A usdruck: Introversion
io7 der Libido gelten lassen. A nders der Paraphreniker. Dieser scheint seine Libido von
den Personen und Dingen der Außenwelt wirklich zurückgezogen zu haben, ohne
diese durch andere in seiner Phantasie zu ersetzen. Das heißt, daß er jene ima­
ginäre Welt wiederbelebt. Wo dies dann geschieht, scheint es sekundär zu sein
und einem Heilungsversuch anzugehören, welcher die Libido zum Objekt zurück-
fuhren will.
Wir treten da in die wesentliche Unterscheidung ein, die, im Hinblick
auf das Funktionieren des Imaginären, zwischen Neurose und Psychose
zu machen ist, eine Unterscheidung, die die Analyse von Schreber, die
wir, ich hoffe, vor Ablauf des Jahres beginnen können, uns zu vertiefen
erlauben wird.
Für heute überlasse ich das W ort Rosine Lefort, meiner Schülerin,
die hier zu meiner Rechten sitzt, von der ich gestern abend erfahren
habe, daß sie in unserer Untergruppe für Kinder-Analyse die Beob­
achtung an einem Kind mitgeteilt hat, von dem sie mir seit langem
erzählt hat. Das ist einer jener schweren Fälle, die uns in große
Schwierigkeiten bringen, was die Diagnostik betrifft, in große nosolo­
gische Unsicherheit. Doch jedenfalls hat Rosine Lefort es verstan­
den, ihn mit großer Tiefe zu beobachten, wie Sie selber werden fest­
stellen können.
So wie wir, vor zwei Sitzungen, von der Beobachtung von Melanie
Klein ausgegangen sind, so überlasse ich heute das Wort Rosine Lefort.
Sie wird, im ganzen Umfang, in dem die Zeit es uns erlaubt, Fragen
aufwerfen, denen ich dann beim nächsten Mal, im Zusammenhang
dessen, was ich unter der Rubrik Übertragung im Imaginären vortragen
werde, ihre Antwort zu geben mich bemühe.
Liebe Rosine, tragen Sie uns den Fall Robert vor.

119
1

D er F all R obert

R. L efort: — Robert wurde am 4. März 1948geboren. Seine Geschichte konnte


unter Schwierigkeiten rekonstruiert werden und es ist vor allem dem in den
Sitzungen produzierten Material zu verdanken, daß man die traumatischen Ereig­
nisse, denen er ausgesetzt war, kennenlemen konnte.
Sein Vater ist unbekannt. Seine Mutter ist gegenwärtig als Paranoikerin inter­
niert. Sie hat ihn bis zum Alter vonfünf Monaten bei sich behalten, ist während­
dessen von Wohnung zu Wohnung geirrt. Sie hat die wesentliche Pßege soweit
vernachlässigt, daß sie ihn zu nähren vergaß. Man hat sie unablässig daran
erinnern müssen, daß ihr Kind versorgt werden müsse: Kleidung, Waschen,
Nahrung. Es hat sich herausgestellt, daß dies vernachlässigte Kind sogar Hunger
leiden mußte. Es mußte im A Iter vonßmfMonaten im Zustand schwerer Hypotro­
phie und Unterernährung ins Hospital eingeliefert werden.
Kaum im Hospital, hatte es eine beidseitige Mittelohrentzündung, die eine
doppelte Mastoidektomie nötig machte. Es wurde anschließend in Paul Paquet
eingeliefert, dessen strenge Praktizierung der Prophylaxe jedermann bekannt ist.
Dort wird es isoliert und auf Grund seiner A norexie mit der Sonde ernährt. Es wird
mit neun Monaten entlassen und, beinahe wieder bei Kräften, zu seiner Mutter
zurückgebracht. Man weiß nichts von denfolgenden zwei Monaten, die es bei ihr
verbringt. Seine Spurfindet man wieder nach seiner Einlieferung ins Hospital mit ιοβ
elf Monaten, wo es sich wieder in einem Zustand schwerer Unterernährung
befindet. Einige Monate später wird es endgültig und legal von einer Mutter im
Stich gelassen, die es seither nicht wiedergesehen hat.
Um den Zeitraum bis zum Alter von dreiJahren und neun Monaten zu beschrei­
ben — funfundzwanzigmal mußte das Kind den Aufenthaltsort, Kinderheime
und Hospitäler, wechseln, ohne je eine eigentliche Pflegestelle zu haben. Die
Hospitalisierungen waren nötig wegen Kinderkrankheiten, wegen einer Adeno­
tomie, wegen neurologischer Untersuchungen, einer Ventrikulographie, einer Elek-
tro-Enzephalographie, der man es unterzogen hat — die Ergebnisse waren
normal. Die gesundheitliche Begutachtung ergibt schwere somatische Leiden,
dann, nachdem die somatischen behoben sind, psychologische Störungen. Das letzte
Gutachten von Denfert über den dreieinhalbjährigen Robert empfiehlt, aufgrund
seines, wenngleich nicht offen definierten, para-psychotischen Zustands, eine
Internierung, die nur endgültig sein könnte. Der Gesell-Test ergibt einen QD.
von 43.
Er kommt also mit dreiJahren und neun Monaten in das Institut, die Dependance
120
der Anstalt υοη Denfert, wo ich ihn in Behandlung nehme. Zu diesem Zeitpunkt
stellt sich sein Zustand wie folgt dar.
Körper- und Gewichtszustand waren, von einer chronischen beidseitigen Otorrhöe
abgesehen, sehr gut. Was die Motorik betrifft, so hatte er einen schwankenden
Gang, grobe Inkoordination der Bewegungen, konstante Hyperkinese. Was die
Sprache angeht, völlige Abwesenheit eines koordinierten Sprechens, häufige
Schreie, gutturales und mißtönendes Lachen. Er konnte nur zwei Worte sagen, die
er sehne — Madame! und Le loup! Dies Wort, Le loup! wiederholte er den
ganzen Tag lang, weshalb ich ihn das Wolfskind genannt habe, denn das war
wirklich die Vorstellung, die er von sich selber hatte.
Was sein Verhalten betrifft, so war er hyperaktiv, dauernd von ruckartigen, unbe­
herrschten, ziellosen Bewegungen geschüttelt. Inkohärente Greiflätigkeit — er
warfseinen Arm nach vom, um ein Objekt zufassen und wenn er es nicht erreichte,
konnte er die Bewegung nicht korrigieren und mußte sie von Anfang an wiederho­
len. Verschiedene Schlafstörungen. Bei diesem Dauerzustand hatte er Krisen von
konvulsivischen Zuckungen,, ohne wirkliche Konvulsionen zu haben, mit Rötungen
im Gesicht, kreischendem Geheule, während der gewohnten Szenen seines Lebens
— der Topf, und insbesondere das Leeren des Topfes, das Entkleiden, die Nah­
rung, die geöffneten Türen, die er nicht ertragen konnte, so wenig wie die Dunkel­
heit, die Schreie anderer Kinder und, wie wir sehen werden, den Wechsel von einem
Zimmer ins andere.
Seltener hatte er diametral entgegengesetzte Krisen, in denen er vollkommen nieder­
geschlagen war, ziellos stierte, wie depressiv.
Bei einem Erwachsenen war er hyperkinetisch, undifferenziert, ohne wirklichen
Kontakt, Die Kinder schien er zu ignorieren, doch wenn eines von ihnen schrie oder
weinte, trat bei ihm eine konvulsivische Krise auf In diesen Momenten der Krise
wurde ergefährlich, wurde er stark, würgte die anderen Kinder und man mußte ihn
für die Nacht undfur die Mahlzeiten isolieren. Dann bemerkte man an ihm weder
Angst, noch irgendeine Emotion.
109 Wir wußten nicht recht, in welche Kategorie wir ihn einordnen sollten. Aber eine
Behandlung wurde trotzdem versucht, wobei wir unsfragten, ob dabei etwas her­
auskommen könne.
Ich werde Ihnen vom erstenJahr der Behandlung berichten, die dannfür einJahr
unterbrochen wurde. Die Behandlung hatte mehrere Phasen.

Im Verlauf der vorbereitenden Phase behielt er das Verhalten, das er alltäglich


zeigte, bei. Gutturale Schreie. Er betrat das Zimmer, indem er ohne einzuhalten
rannte, heulte, in die Luft sprang und gebückt zurückfiel, den Kopf zwischen die
Hände nahm, die Tür öffnete und schloß, das Licht an und aus machte. Objekte
121
nahm er oder aber warf sie weg oder häufte sie auf mich. Sehr deutlicher Progna­
thismus.
Das einzige, was ich aus den ersten Sitzungen entnehmen konnte, war, daß er es
nicht wagte, sich der Milchßasche zu nähern, oder wenn er sich ihr ein wenig
näherte, dann blies er darauf Ich habe auch ein Interesse fur das Wasch­
becken bemerkt, das, mit Wasser gefüllt, eine wahre Krise von Panik auszulösen
schien.
Am Ende dieser Vorbereitungsphase, während einer Sitzung, nachdem er in einem
Zustand großer Erregung alles mögliche auf mich gehäuß hat, lief er weg und ich
hörte, wie er oben von einer Treppe, die er nicht alleine heruntersteigen konnte, in
einem pathetischen Ton, mit sehr tiefer Stimme, die an ihm ungewöhnlich war,
M ama sagte, ins Leere.
Diese vorbereitende Phase fand außerhalb der Behandlung ihr Ende. Eines
Abends, nach dem zu Bett gehen, auf seinem Bett stehend, hat er, mit einem Pla­
stikmesser, versucht, vor den erschreckten anderen Kindern seinen Penis abzu­
schneiden .

Im zweiten Teil der Behandlung hat er angefangen, das darzustellen, wasfür ihn
Der Wolf! war: Er schrie das die ganze Zeit.
Zu Anfang hat er eines Tages versucht, ein Mädchen zu würgen, das ich in Be­
handlung hatte. Man mußte sie trennen und ihn in ein anderes Zimmer bringen
Seine Reaktion war wütend, seine Enegung intensiv. Ich mußte kommen und ihn in
das Zimmer zurückbringen, in dem er gewöhnlich lebte. Sobald er dort war, hat er
— Der Wolf! geheult und angefangen, alles durch den Raum zu schleudern, es
war der Speisesaal — Nahrung und Teller. Jedesmal, wenn er in denfolgenden
Tagen an dem Raum vorbeikam, in den er gebracht worden war, heulte er — Der
Wolf!
Das erklärt auch sein Verhalten gegen Türen, die er nicht ertragen konnte, offen zu
sehen, er verbrachte seine Zeit während der Sitzung damit, sie zu öffnen, um mich
sie schließen zu lassen und zu heulen — Der Wolf!
Man muß sich dabei seiner Geschichte erinnern — die Wechsel der Wohnungen,
der Räume warenfür ihn eine Zerstörung, weil er ohne Unterbrechung Wohnungen
wie Erwachsene gewechselt hatte. Das warfür ihn zu einem wahrhaßen Destruk­
tionsprinzip geworden, das die frühen Lebensäußerungen im Bereich der Nah­
rungsaufnahme und der Exkretion intensiv geprägt hatte. Er hat es vor allem m
zwei Szenen ausgedrückt, in einer mit der Milchßasche, in einer anderen mit dem
T °P f
Er hatte am Ende die Flasche genommen. Eines Tages ging er die Tür öffnen und uo
hat die Flaschejemandem Imaginären hingehalten— wenn er mit einem Erwach-
122
senen allein in einem Zimmer war, verhielt ersieh weiterhin so, als ob noch andere
Kinder um ihn wären. Er hat die Flasche hingehalten. Er ist zurückgekommen und
hat dabei den Schnuller abgerissen, ließ mich ihn wieder aufstecken, hat die
Flasche wieder nach draußen gehalten, hat die Tür offen gelassen, mir den Rücken
zugekehrt, hat zwei Schluck Milch getrunken und, mit dem Gesicht zu mir, den
Schnuller abgerissen, den Kopf zurückgelegt, hat sich mit Milch übergossen, hat
den Rest auf mich geschüttet. Und von Panik ergriffen ist er hinausgelaufen,
bewußtlos und blind. Ich mußte ihn auf der Treppe auffangen, wo er zu stürzen
begann. Ich hatte in diesem Augenblick den Eindruck, daß er die Zerstörung
verschlungen hatte und daß die offene Tür und die Milch miteinander verknüpf
waren.
Die Szene mit dem Topf, diefolgte, war vom selben Charakter der Destruktion ge­
prägt. Er glaubte sich zu Beginn der Behandlung verpflichtet, während der Sitzung
zu kacken, weil er dachte, er würde mich halten, wenn er mir etwas gäbe. Er konnte
es nur machen, wenn er eng an mich gepreßt auf dem Topfsaß und dabei mit einer
Hand meinen Kittel, mit der anderen die Flasche oder einen Stift hielt. Er aß vorher
und mehr noch nachher. Und zwar nicht Milch, sondern Bonbons und Kekse.
Die emotionale Intensität zeugte von großer Furcht. Die letzte dieser Szenen hat die
Beziehung zwischen dem Stuhlgang und der Zerstörung durch die Umzüge aufge­
klärt.
Im Verlauf dieser Szene hatte er begonnen, an meiner Seite sitzend zu kacken.
Dann, seine Kacke neben sich, blätterte er in einem Buch, blätterte die Seiten um.
Dann hat er draußen ein Geräusch gehört. Irre vor Angst ist er mit seinem Topf
rausgelaufen, h^t ihn vor die Tür der Person gestellt, die eben in das Zimmer neben­
an eingetreten war. Dann ist er in den Raum zurückgekommen, in dem ich war, hat
sich an die Tür gedrückt und geheult — Der Wolf! Der Wolf!
Ich hatte den Eindruck, es handle sich um einen Versöhnungsritus. Er war unfä­
hig, mir seine Kacke zu geben. Er wußte in einem gewissem Maße, daß ich sie
nichtforderte. Er hat sie nach draußen gestellt, er wußte sehr wohl, daß sie wegge­
worfen, also zerstört werden würde. Ich deutete ihm dann seinen Ritus. Daraufhin
hat erden Topf wieder geholt, hat ihn neben mich ins Zimmer gestellt, hat ihn mit
einem Papier verdeckt und dabei *tinkt, linkt »gesagt, wie um ihn mir nicht geben
zu müssen.
Dann begann er aggressiv gegen mich zu werden, als hätte ich ihm auf dem Weg
über die Kacke, über die er selbst verfügen konnte, erlaubt, sich selbst zu besitzen,
ich hatte ihm die Möglichkeit gegeben, aggressiv zu sein. Da er bis zu diesem Zeit­
punkt nicht besitzen konnte, kannte er offenbar nicht die Richtung der Aggressivi­
tät, sondern nur die der Selbstzerstörung, und das, indem er die anderen Kinder an-
griff-
123
Von diesem Tage an,fühlte er sich nicht mehr verpflichtet, während der Sitzung zu
kacken. Er verwendete symbolische Substitute, den Sand. Seine Verwirrung war
groß zwischen ihm selbst, seinen Körperinhalten, den Objekten, den Kindern, den
Erwachsenen in seiner Umgebung. Sein Angst-, sein Erregungszustand wurde zu­
nehmend größer. Im Leben wurde er unhaltbar. Ich selbst wohnte in der Sitzung
wahrhaften Räuschen bei, in die einzugreifen ich ziemliche Mühe hatte.
An diesem Tag schüttete er; nachdem er ein wenig Milch getrunken hatte, davon ns
etwas auf den Boden, warfdann Sand in das Waschbecken, füllte die Flasche mit
Sand und Wasser, machte Pipi in den Topf, gab Sand darein. Dann sammelte
er die mit Sand und Wasser vermischte Milch, füllte das Ganze in den Topf und
legte die Plastikpuppe und die Flasche darauf. Und das Ganze vertraute er
mir an.
In dem A ugenblick ging er die Tür öffnen und kam zurück mit einem vor Furcht ver­
zerrten Gesicht. Er nahm die Flasche, die im Topflag, wieder heraus und zerbrach
sie, indem er daraufverbissen herumtrat, bis sie nur noch aus kleinen Splittern be­
stand. Anschließend hat erste sorgfältig aufgesammelt und sie in den Topfmit dem
Sandgesteckt. Er war in einem solchen Zustand, daß ich ihn hinausbringen mußte,
weil ich merkte, daß ich nichtsfür ihn tun konnte. Er hat den Topf mitgenommen.
Ein Klumpen Sand ist auf den Boden gefallen, was bei ihm eine unwahrscheinli­
che Panik auslöste. Er mußte den kleinsten Sandbrocken auflesen, als wäre das ein
Stück von ihm selbst, und er heulte — Der Wolf! Der Wolf!
Er konnte nicht ertragen, in der Gruppe zu bleiben, er konnte nicht ertragen, daß
irgendein Kind sich seinem Topfnäherte. Man mußte ihn in einem Zustand großer
Spannung zu Bett bringen, der erst auf spektakuläre Weise ein Ende nahm nach
einem Ausbruch von Diarrhöe, die er mit seinen Händen über das ganze Bett und
über die Wände verschmierte.
Diese ganze Szene war so leidenschaftlich, mit einer sdlchen Angst erlebt, daß ich
sehr beunruhigt war und anfing, die Vorstellung, die er von sich selber hatte, zu er­
kennen.
Er hat sie amfolgenden Tag präzisiert, als er, nachdem ich ihn hatte enttäuschen
müssen, zum Fenster gelaufen ist, es geöffnet und geschrien hat — Der Wolf!
Der Wolf! und als er sein Bild auf der Scheibe sah, es schlug und dabei schrie —
Der Wolf! Der Wolf!
Das war die Vorstellung, die Robert von sich selber hatte, er war Der Wolf! Es ist
sein eigenes Bild, das er schlägt oder das er mit solcher Spannung heraufbeschwört.
Jener Topf in den er das gelegt hat, was er auf nimmt und was aus ihm heraustritt,
Pipi und Kacke, dann das menschliche Bild, die Puppe, dann die Trümmer der
Flasche, das war wirklich ein Bild von ihm selbst, ähnlich dem des Wolfs, wie die
Panik bezeugt, als ein wenig Sand auf den Boden gefallen ist. Nacheinander und
124
gleichzeitig ist er alle Elemente, die er in den Topfgelegt hat Er war nur die Reihe
der Objekte, durch die er in Kontakt mit dem alltäglichen Leben trat, Symbole sei­
ner Körperinhalte. Der Sand ist das Symbol der Fäkalieny das Wasser das Symbol
des Urins, die Milch Symbol dessen, was in seinen Körper eintritL Aber die Szene
mit dem Topf zeigt, daß er all das kaum unterschiedFür ihn sind alle Inhalte in
dem selben Gefühl der dauernden Zerstörung seines Körpers vereinigt, der, im Ge­
gensatz zu diesen Inhalten, den Behälter darstellt, den er in der zerbrochenen Fla­
sche symbolisiert hat, deren Stücke zujenen zerstörerischen Inhalten geworfen wur­
den.

In derfolgenden Phase trieb er Den Wolf! aus. Ich sage Austreibung, weil mir
dieses Kind den Eindruck eines Besessenen machte. Dank meiner Beständigkeit
hat er, mit ein wenig Milch, die er getrunken hatte, die Szenen des Alltagslebens,
die ihm so viel Schmerzen machten, austreiben können.
Zu diesem Zeitpunkt waren meine Deutungen vor allem daraufangelegt, die affek-
112 tive Besetzung der Körperinhalte zu differenzieren Die Milch ist das, was man
empfängt. Die Kacke ist das, was man gibt, und ihr Wert hängt ab von da Milch,
die man empfangen hat. Das Pipi ist aggressiv.
Zahlreiche Sitzungen sind so abgelaufen. In dem Augenblick, wo a Pipi in den
Topf machte, kündigte a mir an — Nicht Kacke, das Pipi. Er war niederge­
schlagen. Ich beruhigte ihn, indem ich ihm sagte, daß a zu wenig aufgenommen
hat, um etwas zu geben, ohne daß es ihn zerstörte. Das beruhigte ihn. Er konnte nun
den Topf in die Toilette entleaen gehen.
Das A usleeren des Topfes war mit vielen Schutzriten umgeben. Er begann den Urin
in das Waschbecken des WC zu entleaen, indem a den Wassakran so laufen ließ,
daß a den Urin durch das Wassa ersetzen konnte. Erfüllte den Topf, ließ ihn weit
übalaufen, als ob ein Behälta nur durch seinen Inhalt existiate und übaßießen
mußte, um ihn zu enthalten. Das war eine synkretistische A nschauung des Seins in
da Zeit als Behälta und Inhalt, ganz wie im intra-uterinen Leben.
Erfand darin jenes verworrene Bild wieda, das a von sich selba hatte. Er leate
sein Pipi aus und versuchte, es wieder einzufangen, davon übazeugt, daß a selbst
es sei, da davonschwamm. Er heulte — Der Wolf! und da Topf konntefür ihn
nun als gefüllter Realität haben. Mein ganzes Vahalten bestand darin, ihm die
Realität des Topfes zu zeigen, die blieb, nachdem a sein Pipi ausgeleat hatte; so
wie a, Robat, blieb, nachdem a Pipi gemacht hatte, und wie da Wassakran
nicht vom Wassa, das aus ihm floß, mitgezogen wurde.
Durch diese Deutungen und meine Beständigkeit sichaer gemacht, legte Robat
eine zunehmend größere Zeitspanne zwischen Entleerung und Auffüllung, bis a
eines Tages triumphiaend mit einem leaen Topf unta dem Arm zurückkommen
125
konnte. Er hatte sichtbar die Vorstellung von der Fortdauer seines Körpers akzep­
tiert. Seine Kleider warenfür ihn sein Behälter und wenn sie ihm ausgezogen wer­
den sollten, dann war das der sichere Tod. Die Szene der Entkleidung warfür ihn
der A nlaß zu wahrhaßen Krisen, die letzte hatte drei Stunden gedauert, während
deren er sich, nach der Beschreibung des Personals, wie ein Besessener aufführte.
Er heulte — Der Wolf!, indem er von einem Zimmer ins andere lief und dabei die
anderen Kinder mit dem Kot beschmierte, den er in den Töpfen fand. Nur ein
einziges Mal beruhigte er sich erst, nachdem erfestgebunden worden war
Amfolgenden Tag ist er in die Sitzung gekommen, hat sich in einem Zustand gro­
ßer Angst ausgezogen und ist, ganz nackt, ins Bett gestiegen. Es brauchte drei Sit­
zungen bis es ihm gelang ein wenig Milch zu trinken, ganz nackt im Bett Erzeigte
auf das Fenster und die Tür und schlug auf sein Bild ein, indem er heulte — Der
Wolf!
Währenddessen war, in seinem Alltagsleben, das Entkleiden einfach, war aber
gefolgt von einer tiefen Depression. Am Abend begann er ohne weiteren Grund zu
schluchzen, stieg aus dem Bett, um sich von der Wächterin trösten zu lassen und
schlief in ihren Armen ein.
Am Ende dieser Phase halte er mit mir die A usleerung des Topfs und auch die Ent­
kleidungsszene vermöge meiner Beständigkeit, die die Milch zu einem konstrukti­
ven Element gemacht hatte, ausgetrieben. Aber, von der Notwendigkeit gezwungen,
ein Minimum zu konstruieren, rührte er nicht an die Vergangenheit, er rechnete nur
mit der Gegenwart seines alltäglichen Lebens, als wäre er der Erinnerung beraubt.

In derfolgenden Phase war ich es, die Der Wolf! wurde. 113
Er macht sich das Wenige an Konstruktion, das ihm zu erreichen gelungen war,
zunutze, um aufmich all das Schlimme, das ergeschluckt hatte, zu projizieren und,
in gewisser Weise, seine Erinnerung wiederzufinden. So wird er zunehmend ag­
gressiv werden können. Das wird tragisch werden. Von der Vergangenheit getrie­
ben, muß er aggressiv gegen mich sein und doch bin ich gleichzeitig in der
Gegenwart diejenige, die er braucht. Ich muß ihn durch meine Deutungen beruhi­
gen, ihm von der Vergangenheit reden, die ihn zwingt, aggressiv zu sein, und ihm
versichern, daß das weder mein Verschwinden zur Folge hat, noch einen Ortswech­
sel, der von ihm immer als eine Strafe aufgefaßt wird.
Wenn er aggressiv gegen mich gewesen war, versuchte er sich selbst zu zerstören. Er
stellte sich in einer Flasche dar und versuchte sie zu zerbrechen. Ich nahm sie ihm
wiederaus den Händen, weil er nicht in der Lage war, ihre Zerstörung zu ertragen.
Er ließ sich dann wieder aufden Verlaufder Sitzung ein und verfolgte weiter seine
Aggressivität gegen mich.
In diesem Augenblick ließ er mich die Rolle seiner ihn hungern lassenden Mutter
126
spielen. Er brachte mich dazu, mich auf einen Stuhl zu setzen, auf dem er seinen
Milchbecher stehen hatte, so daß ich ihn umkippen mußte und ihn damit seiner
guten Nahrung beraubte. Dannfing er an zu heulen Der Wolf!, nahm die Wiege
und die Puppe und warf sie aus dem Fenster: Dann wandte er sich wieder gegen
mich und zwang mich mit großer Kraft, schmutziges Wasser herunterzuschlucken,
und heulte dabei Der Wolf! Der Wolf! Diese Flasche stellte hier die böse Nah­
rung dar und verwies auf die Trennung von seiner Mutter, die ihn der Nahrung be­
raubt hatte, und auf all die Wohnungswechsel, denen man ihn ausgesetzt hatte.
Parallel dazu wies er mir eine andere Rolle der bösen Mutter zu, die Rolle derjeni­
gen, die fortgeht. Eines Abends sah er mich die Anstalt verlassen. Am nächsten
Tag hat er darauf reagiert, während er mich schonfrüher hatte Weggehen sehen,
ohnefähig gewesen zu sein, das Gefühl auszudrücken, das er dabei empfunden ha­
ben mochte. An diesem Tag hat er in einem Zustand großer Aggressivität und auch
Angst Pipi auf mich gemacht.
Diese Szene war nur das Vorspiel zu einer Sch lußszene, die zum Ergebnis hatte, all
das Schlimme endgültig auf mich zu laden, das er hatte ertragen müssen, und auf
mich zu projizieren, was Der Wolf! war.
Ich hatte also, weil ichfortging, die Flasche mit dem schmutzigen Wasser trinken
und das aggressive Pipi abbekommen müssen. Ich war also Der Wolf! Robert
trennte sich von ihm im Verlauf einer Sitzung, indem er mich in die Toilette ein-
sperrie, dann kehrte er in das Behandlungszimmer zurück, allein, stieg in das leere
Bett undfing an zu wimmern. Er konnte mich nicht zu sich rufen und doch war es
nötig, daß ich käme, denn ich war die Person, die Beständigkeit garantierte. Ich
bin zurückgekommen. Robert lag ausgestreckt da, pathetisch, hielt den Daumen
zwei Zentimeter vom Mund. Und, zum ersten Mal in einer Sitzung, hat er mir die
Arme entgegengestreckt und sich trösten lassen.
Von dieser Sitzung an beobachtet man in der A nstalt eine völlige Veränderung sei­
nes Verhaltens.
Ich hatte den Eindruck, daß er Den Wolf! ausgetrieben hatte.

μ Von diesem Zeitpunkt an hat er nicht mehr von ihm gesprochen und konnte zurfol­
genden Phase übergehen — der intra-uterinen Regression, das heißt der Konstruk­
tion seines Körpers, des ego-body, die ihm bis dahin nicht hatte gelingen können.
Um die Dialektik zu verwenden, die er selbst immer verwendet hatte, die von Be­
hälter und Inhalt, mußte Robert, um sich zu konstruieren, mein Inhalt sein, doch
dabei mußte er sich meines Besitzes vergewissern, das heißt seines künftigen Be­
hälters.
Er hat diese Periode damit begonnen, daß er einen mit Wasser gefüllten Kübel
nahm, dessen Henkel ein Strick war. Er konnte durchaus nicht ertragen, daß dieser
127
Strick an den beiden Enden befestigt war. Er mußte an einer Seite herunterhängen.
Ich war betroffen von dem Umstand, daß, als ich den Strick wieder anbinden
mußte, um den Kübel zu tragen, er einen Schmerz empfand, der beinahe physisch
schien. Eines Tages hat erden mit Wasser gefüllten Kübel zwischen seine Beine
gestellt, hat den Strick genommen und sein äußerstes Ende an seinen Nabel geführt.
Ich hatte dabei den Eindruck, daß der Kübel ich war und daß er sich an mir mit
einer Nabelschnur befestigte. Anschließend hat er den Inhalt des Wasserkübels
ausgegossen, sich ganz nackt ausgezogen und sich dann, in der Position eines Fötus,
zusammengekrümmt, in dieses Wasser gelegt, sich darin von Zeit zu Zeit zusam­
mengezogen und sogar seinen Mund über der Flüssigkeit geöffnet und geschlossen,
so wie ein Fötus, nach den letzten amerikanischen Experimenten, das Fruchtwas­
ser trinkt. Ich hatte den Eindruck, daß er sich so selbst konstruierte.
Zu Beginn außerordentlich erregt, wurde ersieh einer gewissen Realität der Lust
bewußt und alles gipfelte in zwei zentralen Szenen, die mit einer außergewöhnli­
chen Weihe und einerfür sein A Iter und seinen Zustand erstaunlichen Fülle vorge­
tragen wurden.
In der ersten dieser Szenen hat Robert, nackt vor mir stehend, in die zusammenge-
legten Hände Wasser genommen, es auf die Höhe seiner Schultern gehoben und es
seinen Körper herabfließen lassen. Er hat das mehrere Male wiederholt und zu mir
dann, leise, gesagt — Robert, Robert.
Diese Wassertaufe — denn eine Taufe war es durch die Weihe, die er darein legte
— wurde gefolgt von einer Milchtaufe.
Er hat damit begonnen, im Wasser mit mehr Lust als Weihe zu spielen. Dann hat
er sein Glas Milch genommen und hat getrunken. Dann hat er den Schnuller wieder
auf die Flasche gesetzt und angefangen, die Milch daraus seinen Körper entlang
laufen zu lassen. Als ihm das nicht schnell genug ging, hat er den Schnuller abge­
nommen und wiederangefangen, die Milch über seine Brust, seinen Bauch und sei­
nen Penis entlang laufen zu lassen — mit einem intensiven Lustgefühl. Dann hat
er sich zu mir gewandt und mir seinen Penis gezeigt, den er mit vergnügter Miene in
der Hand hielt. Dann hat er Milch getrunken und sie sich so über den Körper und in
den Körpergegeben, so daß der Inhalt gleichzeitig Inhalt und Behälter war und er
dieselbe Szene, die er zuvor mit dem Wasser gespielt hatte, hier mit der Milch wie­
derholte.

In denfolgenden Phasen geht er in das Stadium der oralen Konstruktion über.


Dieses Stadium ist außerordentlich schwierig, sehr komplex. Erstens ist er vier
Jahre alt und erlebt das primitivste der Stadien. Weiterhin sind die anderen
Kinder, die ich zu der Zeit in dieser Anstalt in Behandlung habe, Mädchen, was
fur ihn ein Problem darstellt. Schließlich sind die patterns von Roberts Verhalten Π5
128
nicht vollkommen verschwunden und haben die Tendenz, sich beijeder Frustration
wiedereinzustellen.
Nach der Taufe mit Wasser und Milch hat Robert begonnen, jene Symbiose zu le­
ben, die die ursprüngliche Mutter-Kind-Beziehung charakterisiert Doch wenn
das Kind sie wirklich erlebt existiert normalerweise keinerlei Sexualproblem, zu­
mindest nicht in der Richtung des Neugeborenen zu seiner Mutter. In diesem Fall
dagegen gab es eines.
Robert mußte eine Symbiose mit einer weiblichen Mutter eingehen, was also das
Problem der Kastration stellte. Das Problem war dies, ihn die Nahrung aufnehmen
zu lassen, ohne daß dasfür ihn die Kastration mit sich brachte.
Er hat diese Symbiose zuerst in einer einfachen Form erlebt Beim Essen saß er auf
meinen Knien. Dann nahm er meinen Ring und meine Uhr und legte sie sich an,
oder aber er nahm einen Stift aus meiner Bluse und zerbrach ihn mit seinen Zähnen.
Ich habe ihm das anschließend gedeutet Diese Identifizierung mit einer kastrati-
ven phallischen Mutter blieb von nun an auf der Ebene der Vergangenheit und war
von einer reaktiven Aggressivität begleitet, die sich in seinen Motivationen ausbrei­
tete. Er zerbrach die Mine seines Stiftes nur noch, um sichfür diese Aggressivität
zu bestrafen.
In der Folge konnte er die Milch aus der Flasche trinken, während er in meinen A r-
men lag, aber die Flasche hielt er dabei selbst Erst später konnte er es haben, daß
ich die Flasche hielt, so als würde ihm die ganze Vergangenheit verbieten, von mir
den Inhalt eines so wesentlichen Objekts zu empfangen.
Sein Begehren nach einer Symbiose stand noch in Konflikt mit der Vergangenheit
Deshalb nahm er den Umweg, sich selber die Flasche zu geben. Doch in dem Ma­
ße, wie er an anderen Nahrungen, wie Brei und Kuchen, die Erfahrung machte,
daß die Nahrung, die er von mir in dieser Symbiose empfing, ihn nicht zu einem
Mädchen machte, konnte er endlich auch die Flasche von mir nehmen.
Zuerst hat er versucht, sich von mir zu unterscheiden, indem er mit mir teilte. Ergab
mir zu essen und sagte dabei, indem ersieh anfaßte — Robert, indem er mich an­
faßte — Nicht Robert. Ich habe mich dessen in meinen Deutungen häufig be­
dient, um ihm zu helfen, sich zu unterscheiden. Die Situation hörte dann auf, bloß
eine zwischen mir und ihm zu sein, und er zog auch die Mädchen hinzu, die ich in
Behandlung hatte.
Das war ein Kastrationsproblem, denn er wußte, daß vor ihm und nach ihm ein
Mädchen zu mir in die Sitzung ging. Die emotionelle Logik wolltefolglich, daß er
sich zu einem Mädchen machte, da es ein Mädchen war, das die Symbiose mit mir,
die er brauchte, zerbrach. Es war eine Konfliktsituation. Er hat sie in verschiede­
nen Formen gespielt, indem er im Sitzen Pipi in den Topfmachte oder aber indem er
stehend machte, sich dabei aber aggressiv zeigte.
129
Robert war nunfähig, zu empfangen, undfähig, zu geben. Ergab mir seine Kacke
ohne Furcht, durch diese Gabe kastriert zu werden.
Wirerreichen damit eine Stufe der Behandlung, die man wiefolgt zusammenfassen
kann — der Inhalt seines Körpers ist nicht mehr destruktiv, böse, Robert istfähig,
seine Aggressivität dadurch auszudrücken, daß er im Stehen Pipi macht und zwar
ohne daß dabei die Existenz und die Integrität des Behälters, das heißt des Kör­
pers, in Frage gestellt würden.
Der Q. D. nach dem Gesell-Test ist von 43 auf 8 0 gestiegen und nach Terman-
Merill hat er einen Q. I von 75. Das klinische Erscheinungsbild hat sich gewan­
delt, die motorischen Störungen sind verschwunden, der Prognathismus gleichfalls.
Mit anderen Kindern geht erfreundschaftlich um und ist oft der Beschützer der
Kleineren. Man kann beginnen, ihn in die Gruppenbeschäftigungen einzubeziehen.
Einzig die Sprache bleibt rudimentär, Robert bildet nie Sätze, gebraucht nur die
wesentlichen Wörter.

Ichfahre dann in die Ferien. Ich bin zwei Monate lang abwesend.
Bei meiner Rückkehr spielt er eine Szene, die die Koexistenz von pattern der Ver­
gangenheit und der gegenwärtigen Konstruktion in ihm zeigt.
Während meiner Abwesenheit war sein Verhalten so geblieben, wie es war — er
drückte in seiner alten A rt, aber in einer durch das Neuerworbene sehr reichen Form
das aus, was die Trennungfür ihn darstellte, seine Angst, mich zu verlieren.
A Is ich zurückgekommen bin, hat er, wie um sie zu zerstören, die Milch, sein Pipi,
seine Kacke ausgeleert, hat dann seine Schürze ausgezogen und sie ins Wasser ge­
worfen. So hat erseine alten Inhalte und seinen alten Behälter zerstört, die er durch
das Trauma meiner Abwesenheit wiedergefunden hatte.
Am nächsten Tag, überwältigt von seiner psychischen Reaktion, drückte sich Ro­
bert aufder somatischen Ebene aus — starke Diarrhöe, Erbrechen, Ohnmacht. Er
leerte vollständig sein vergangenes Bild aus. Nur mein Bleiben konnte die Verbin­
dung zu einem neuen Bild von sich selbst hersteilen — gleichsam einer neuen Ge­
burt.
In dem A ugenblick hat er ein neues Bild von sich selbst bekommen. Wir sehen ihn in
der Sitzung alte Traumen wiederspielen, von denen wir nichts wußten. Robert
trinkt aus der Flasche, steckt den Schnuller in sein Ohr und zerbricht anschließend
die Flasche im Zustand größter Enegung.
Er ist aber in der Lage gewesen, das zu machen, ohne daß die Integrität seines Kör­
pers darunter hätte leiden müssen. Er hat sich von seiner Flasche als Symbol ge­
trennt und hat sich durch die Flasche als Objekt ausdrücken können. Diese Sitzung
war so übenaschend, er hat das zweimal wiederholt, daß ich eine Nachfrage einge­
leitet habe, um zu erfahren, wie sich die A ntrotomie abgespielt habe, der er im A lier
130
vonfü n f Monaten unterzogen wurde. Dabei konnte in Erfahrung gebracht werden,
daß er in der H. N. O.-Station, in der man ihn operiert hatte, nicht anästhesiert
worden war und daß man ihm während dieser schmerzhaßen Operation mit Ge­
walt eine Flasche mit Zuckerwasser in den Mund gehalten hatte.
Diese traumatische Episode hat das Bild erklärt, das Robert von einer Mutter kon­
struiert hatte, die ihn hungern ließ, paranoisch, gefährlich war und ihn mit Sicher­
heit auch geschlagen hat Dann die Trennung, eine Flasche, die mit Gewalt in den
Mund gesteckt wird, ihn seine Schreie zu verschlucken zwingt Die Ernährung
durch den Schlauch, fünfundzwanzig Wohnungswechsel nacheinander. Ich hatte
den Eindruck, daß das Drama von Robert war, daß all seine oral-sadistischen
Phantasien sich in seinen Lebensumständen realisiert hatten. Seine Phantasien
waren Realität geworden.

Schließlich habe ich ihn mit einer Realität konfrontieren müssen. Ich binfur ein
Jahr weg gewesen, und als ich zurückkam, war ich im achten Monat schwanger.
Er sah, daß ich schwanger war. Er hat angefangen, mit Phantasien über die Zer­
störung dieses Kindes zu spielen.
117 Ich verschwandfür die Niederkunß. Während meiner A bwesenheit hat mein Mann
ihn in Behandlung genommen und er hat die Zerstörung dieses Kindesgespielt A Is
ich zurückkam, sah er, daß ichflach war und ohne Kind. Er war also überzeugt,
daß seine Phantasien Realität geworden waren und daß er das Kind getötet hätte
und also ich nun ihn töten würde.
Er war in diesen vierzehn Tagen extrem erregt, bis zu dem Tag, an dem er es mir
sagen konnte. Da nun hab3ich ihn mit der Realität konfrontiert Ich hob3ihm mei­
ne Tochter mitgebracht, so daß erjetzt den Schnitt machen konnte. Seine Erregung
ist abgeklungen und als ich ihn am nächsten Tag wieder in die Sitzung nahm, hat
er schließlich begonnen, ein Gefühl der Eifersucht auszudrücken. Er hatte sich an
etwas Lebendiges gehängt und nicht an den Tod.
Dieses Kind war immer in dem Stadium geblieben, in dem die Phantasien Realität
waren. Das erklärt, daß seine Phantasien über seine intra-utenne Konstruktion im
Verlauf der Analyse Realität waren und daß er eine so erstaunliche Konstruktion
hat bilden können. Hätte er dieses Stadium überwunden gehabt, dann hätte ich eine
solche Konstruktion von ihm selbst nicht bekommen können.
Wie ich gestern gesagt habe, ich habe den Eindruck, daß dieses Kind unter dem
Realen dahingedämmert hat, daß es zu Beginn der Behandlung keine symbolische
Funktion bei ihm gab, und eine imaginäre Funktion noch weniger:

Er hatte gleichwohl zwei Wörter.

131
2

J, H yppolite : — Zu dem Wort Der Wolf möchte ich eine Frage stellen. Wo
kommt Der Wolf her?

R. L efort: — In den Kinderheimen sieht man oft, daß die Wärterinnen mit dem
WolfAngst machen. ln der Anstalt, in der ich ihn in Behandlung genommen habe,
hat man eines Tages, als die Kinder unerträglich geworden waren, sie in den
Kindergarten eingesperrt und eine Wärterin ist hinausgegangen und hat geheult
wie ein Wolf damit sie wieder brav würden.

J . H yppolite : — Bleibt noch zu erklären, warum sich die Angst vor dem Wolf
bei ihm, wie bei so vielen anderen Kindern, fixiert hat

R. L efort: — Der Wolf war offensichtlich, zum Teil, die verschlingende


Mutter.

J. H yppolite : — Glauben Sie, daß der Wolf immer die verschlingende Mutter
ist?

R. L efort: — In den Kindergeschichten sagt man immer, daß der Wolf einen
fressen wird Im sadistisch-oralen Stadium hat das Kind Lust, seine Mutter zu
fressen und es glaubt, daß seine Mutter es fressen wird. Seine Mutter wird der
Wolf Ich glaube, daß das wahrscheinlich die Genese ist, ich bin aber nicht sicher.
Es gibt in der Geschichte dieses Kindes viel Unbekanntes, das ich nicht habe erfah- ue
ren können. Wenn er aggressiv gegen mich sein wollte, stellte er sich nicht auf alle
Viere und bellte nickt. Gegenwärtig macht er das. Jetzt weiß er, daß er ein
menschliches Wesen ist, aber er hat, von Zeit zu Zeit, das Bedürfnis, sich mit einem
Tier zu identifizieren, wie es ein Kind von achtzehn Monaten tut.. Und wenn er
aggressiv sein will, stellt er sich auf alle Viere und macht wau, wau, ohne die ge­
ringste A ngst. Dann erhebt er sich und setzt die Sitzungfort Er kann seine Aggres-
sivität noch nicht anders als in diesem Stadium ausdrücken.

J. H yppolite : — Ja, das liegt zwischen zwingen * und bezwingen *. Das ist
die ganze Differenz zwischen dem Wort, wo es den Zwang gibt, und dem Wort, wo
es den Zwang nicht gibt. Der Zwang * ist der Wolf der ihm A ngst macht, und die
überwundene Angst, Bezwingung *, ist der Augenblick, wo er den Wolf spielt.

R. L e fo rt: — Ja, ich bin ganz einverstanden.


132
Der Wolf stellt natürlich sämtliche Probleme der Symbolik: das ist kei-
jne Funktion, die sich einschränken ließe, denn wir sind gezwungen, ih-
_[ren Ursprung in einer allgemeinen Symbolisierung ,zu_suchen.
Warum der Wolf? Das ist keine Gestalt, die uns in unseren Gegenden
dermaßen vertraut wäre. Die Tatsache, daß gerade der Wolf gewählt
wird, um jene Wirkungen zu erzeugen, bringt uns direkt mit einer um­
fassenderen Funktion auf der mythischen, folkloristischen, religiösen,
primitiven Ebene in Verbindung. Der Wolf steht in Zusammenhang
mit einer ganzen Geschlechterfolge, durch die wir zu den Geheimge­
sellschaften gelangen, mit all dem, was sie an Initiationsriten enthal­
ten, sei’s in der Annahme eines Totem, sei’s in der Identifizierung mit
einer Gestalt.
Es ist schwierig, solche Unterscheidungen angesichts eines derart ele­
mentaren Phänomens zu machen, aber ich möchte Ihre Aufmerksam­
keit auf die Differenz zwischen dem Uber-Ich im Determinismus der
Verdrängung und dem Ich-Ideal lenken.
Ich weiß nicht, ob Sie sich darüber klar geworden sind — es gibt da
zwei Konzeptionen, die, sobald man sie in eine beliebige Dialektik ein­
setzt, um das Verhalten eines Kranken zu erklären, in einander genau
entgegengesetzte Richtungen zu verlaufen scheinen. Das Uber-Ich ist
zwingend und das Ich-Ideal exaltierend.
Das sind Sachen, die man zu verwischen geneigt ist, weil man vom
einen Begriff zum andern geht, als wären die beiden synonym. Das ist
eine Frage, die verdiente, im Zusammenhang der Ubertragungsbezie­
hung gestellt zu werden. W enn man das Fundament der therapeuti­
schen Tätigkeit sucht, so sagt man, der Patient identifiziere den Analy­
tiker mit seinem Ich-Ideal oder im Gegenteil mit seinem Uber-Ich und
substituiert im selben Text das eine dem andern, ganz nach dem Belie­
ben der Entwicklung der Beweisführung, ohne die Differenz wirklich
zu erklären.
Ich werde sicher noch dazu kommen, die Frage des Uber-Ich zu unter-·
suchen. Ich will gleich sagen, daß, wenn wir uns nicht auf einen blin-
119 den, mythischen Gebrauch dieses Terms, Schlüsselwortes, Idols be­
schränken, sich das Uber-Ich_wesentlich-auf der symbolischen Ebene
des Sprechens situiert, im U nterschied zum Ich-Ideal.
Das Uber-Ich ist ein Imperativ. Wie der richtige Sinn und der Ge­
brauch, den m an davon macht, andeutet, hängt es mit der Kategorie
und dem Begriff des Gesetzes zusammen, das heißt mit der Gesamtheit
des Sprachsvstemsr sofern es die Situation des Menschen als solchen^
133
definiert, das heißt als eines solchen, der nicht nur biologisches Indivi­
duum ist. Andererseits m uß man auch und im Gegenzug seinen unsin­
nigen, blinden Charakter des reinen Imperativs, der schlichten Tyran­
nei akzentuieren. In welcher Richtung können wir die Synthese dieser
Begriffe hersteilen?
Das Über-Ich hat eine Beziehung zum Gesetz und gleichzeitig ist es ein
unsinniges Gesetz, das bis zur Verkennung des Gesetzes geht* In die­
ser Weise sehen wir das Über-Ich immer beim Neurotiker wirken.
Und mußte nicht in der Analyse die Funktion des Über-Ich deshalb
herausgearbeitet werden, weil die Moral des Neurotikers eine unsin­
nige, destruktive, rein unterdrückende, fast immer anti-legale Moral
ist?
Das Über-Ich ist gleichzeitig das Gesetz und seine Zerstörung. Darin ist
es das Sprechen selbst, das Gebot des Gesetzes, sofern von ihm nur mehr
die Wurzel übrigbleibt. Das Gesetz reduziert sich ganz und gar auf et­
was, das man nicht einmal ausdrücken kann, wie das Du sollst, das ein
jeden Sinns beraubtes Sprechen ist. In diesem Sinne identifiziert sich
das Über-Ich schließlich m it dem, was es nur an Verheerendstem, Fas­
zinierendstem in den primitiven Erfahrungen des Subjekts gibt. Es
identifiziert sich schließlich mit dem , was ich dit reißende Gestalt nen-
ne, mit denjenigen Gestalten, die wir m it den ursprünglichen Trau­
men, gleich welchen, verbinden können, denen das K ind ausgesetzt
war.
j In diesem privilegierten Fall sehen wir hier^inkarniert, diese Funktion
I der Sprache, wir rühren m it dem Finger an ihre_reduzierteste Form,
reduziert auf ein W ort, dessen Sinn und Tragweite für das Kind zu de­
finieren wir außerstande sind, doch das es gleichwohl m it der menschli­
chen Gemeinschaft verbindet. Wie Sie eindringlich gezeigt haben, ist
es nicht ein Wolfs-Kind, das in der bloßen W ildnis gelebt hätte, es ist
ein sprechendes Kind, und durch dieses Der Wolf! haben Sie von An­
fang a n die Möglichkeit gehabt, den Dialog einzuführen.
Was an dieser Beobachtung bewundernswert ist, das ist der Augen­
blick, wo nach einer Szene, die Sie beschrieben haben, der Gebrauch
des Wortes Der Wolf! verschwindet. Um diesen Angelpunkt der
Sprache, der Beziehung zu diesem W ort, das für Robert das Resümee
eines Gesetzes ist, geht die Drehung von der ersten zur zweiten Phase
vor sich. Beginnt daran anschließend diese außerordentliche Verarbei­
tung, die in dieser erschütternden Selbst-Taufe endet, als er seinen
eigenen Vornamen ausspricht. W ir rühren da m it dem Finger an den
134
fundamentalen Bezug des Menschen zur Sprache in seiner reduzierte-
sten Form. Das ist außerordentlich bewegend.
Welche Fragen haben Sie noch zu stellen?

R. L efort : — Welche Diagnose?

120 Nun, es gibt Leute, die dazu schon Stellung genommen haben. Lang,
man hat m ir gesagt, daß Sie gestern abend etwas zu diesem Gegenstand
gesagt haben, das mir interessant schien. Ich glaube, daß die Diagnose,
die Sie aufgestellt haben, nur analogisch ist. Indem Sie sich auf die T a­
fel bezogen, die es in der Nosographie gibt, benutzten Sie das W ort...

Dr. L ang: — Halluzinatorisches Delirium. Man kann immerhin versuchen,


zwischen tiefeneichenden Verhaltensstörungen von Kindern und dem, was wir bei
Erwachsenen kennen, eine Analogie zu suchen. Und meistens spricht man von in­
fantiler Schizophrenie, wenn man nicht recht versteht, was passiert. Hierfehlt ein
wesentliches Moment, um von Schizophrenie sprechen zu können, die Dissoziation.
Es gibt hier keine Dissoziation, weil es kaum eine Konstruktion gibt. Das schien
mir an bestimmte Organisationsformen des halluzinatorischen Deliriums zu erin­
nern. Ich habe gestern abend große Vorbehalte geltend gemacht, weil es zwischen
der direkten Beobachtung des Kindes in diesem A Iter und dem, was wir aus derge­
wohnten Nosographie kennen, noch einen Unterschied gibt. Es müßte in diesem
Falle noch ziemlich viel geklärt werden.

Ja. So habe ich auch das, was Sie gesagt haben, verstanden, als man mir
davon berichtet hat. Ein halluzinatorisches Delirium, in dem Sinne, in
dem Sie es im Fall einer chronischen halluzinatorischen Psychose ver­
stehen, hat nur eines mit dem gemein, was sich bei diesem Subjekt ab­
spielt, das ist jene Dimension, die Mme Lefort präzis bemerkt hat, daß
, dieses Kind nur .das Reale erlebt». Wenn das Wort Halluzination etwas
bedeutet, dann dies Realitätsgeiuhl. Es gibt in der Halluzination e t­
was, das der Patient wirklich als Reales annimmt.
Sie wissen, wie sehr das problematisch bleibt, selbst in einer halluzina­
torischen Psychose. Es gibt in der chronischen halluzinatorischen Psy­
chose des Erwachsenen eine Synthese von Imaginärem und Realem,
die das ganze Problem der Psychose ausmacht. M an findet hier eine
sekundäre imaginäre Bearbeitung, die Mme Lefort herausgehoben
hat und die buchstäblich die Nicht-Inexistenz im Geburtszustand
ist.
135
Diese Beobachtung, ich bin ihr seit langem nicht mehr begegnet. Und
dennoch, als wir letztesmal zusammengetroffen sind, habe ich Ihnen
das große Schema der Vase und der Blumen vorgestellt, in dem die
Blumen imaginär, virtuell, illusorisch sind und die Vase real, oder um­
gekehrt, denn man kann den Apparat im entgegengesetzten Sinn ein­
stellen.
Ich kann Sie, bei dieser Gelegenheit, nur noch einmal auf die Zweck­
mäßigkeit dieses Modells hinweisen, das auf der Beziehung zwischen
enthaltenen Blumen und enthaltender Vase aufgebaut ist. Denn das
System Behälter-Inhalt, das ich schon in die erste Linie der Bedeutung,
die ich dem Spiegelstadium gebe, gestellt habe, sehen wir hier in ganzer
Fülle und Reinheit im Spiel. W ir sehen, wie sich das Kind zur mehr
oder weniger mythischen Funktion des Behälters verhält und wie es ihn
erst am Ende leer ertragen kann, wie Mme Lefort bemerkt hat. Seine.
L eert ertragen können, _das_Jieißt_.ihn ;schließlich, als ein. eigentlich
menschliches O bjekt identifizieren, das heißt als ein Instrument,, das 121
von seiner Funktion abgelöst werden kann. Und das ist insofern wesent­
lich, als es in der menschlichen Welt nicht nur Nützliches (de rutile),
sondern auch Werkzeug (de l ’outil) gibt, das heißt Instrumente, die als
unabhängige Dinge existieren.

J . H yppolite : — Universelle.

Dr. L ang: — Der Übergang von der vertikalen Stellung des Wolfs zur horizonta-
len ist sehr amüsant. Mir scheint, daß der Wolf am Anfang eben gelebt wird.

Das ist weder er, noch ein andrer, zu Anfang.

D r. L ang: — Das ist die Realität.

Nein, ich glaube, daß das wesentlich das Sprechen auf seinen Strunk
reduziert ist. Das ist weder er, noch jem and anders. Er ist offenkundig
Der Woiß, sofern er das sagt. Aber Der Woiß, das ist irgend etwas, sofern
es genannt werden kann. Sie sehen da den Knotenzustand des Spre­
chens. Das Ich ist hier vollkommen chaotisch, das Sprechen zum
Stillstand gekommen. Doch von diesem Der Woiß aus kann es seinen
Platz beziehen und sich konstruieren.

Dr. Bargues: — Ich habe daraufhingewiesen, daß in dem A ugenblick eine Än-
136
derung eintrat, als das Kind mit seinen Exkrementen spielte. Es hat Sand und
Wasser gegeben, getauscht und genommen. Ich glaube, daß es das Imaginäre ist,
das begonnen hat, sich zu konstruieren und zu äußern. Er konnte schon eine größere
Distanz zum Objekt, seinen Exkrementen beziehen, und erging in der Folge immer
weiter. Ich glaube nicht, daß man von Symbol in dem Sinne, wie Sie es verstehen,
reden kann. Gestern halte ich aber den Eindruck, daß Mme Lefort davon wie von
Symbolen sprach.

Das ist eine schwierige Frage. Es ist diejenige, an der wir uns hier üben
in dem Maße, wie das der Schlüssel zu dem sein kann, was wir als Ich
bezeichnen. Das Ich, was ist das? Das sind keine homogenen Instanzen.
Die einen sind Realitäten, die anderen sind Bilder, imaginäre Funktio­
nen. Das Ich selbst ist eine davon.
D arauf wollte ich noch zu sprechen kommen, bevor wir uns trennen.
Was man nicht vernachlässigen darf, ist das, was Sie uns zu Beginn so
erregend beschrieben haben — das motorische Verhalten dieses Kin­
des. Dies Kind scheint keinerlei Beschädigung des Bewegungsapparats
gehabt zu haben. Es hat jetzt welche Art von motorischem Verhalten?
Wie sind seine Greifbewegungen?

R. L efort : — Sicher, er ist nicht mehr wie am Anfang.

122 Als er am Anfang, wie Sie ihn beschrieben haben, ein Objekt erreichen
wollte, konnte er es nicht mit bloß einer Geste ergreifen. Wenn er diese
Geste verfehlte, mußte er sie noch einmal von Anfang an beginnen. Er
kontrolliert also die visuelle Auffassung, doch er leidet an Störungen
des Begriffs der Entfernung. Dieses wilde Kind kann jedenfalls, wie ein
kleines wohlorganisiertes Tier, das, was es begehrt, einfangen. Aber
wenn es einen Fehler oder Lapsus in diesem Akt gibt, kann es ihn nur
dadurch korrigieren, daß es ihn noch einmal vollständig wiederholt.
Wir können folglich sagen, daß es nicht so scheint, als gäbe es bei die­
sem Kind ein Defizit oder eine Hemmung im pyramidalen System,
aber wir stehen vor den Äußerungen eines Sprungs in den Synthese­
funktionen des Ich, in dem Sinne, wie wir das Ich in der analytischen
Theorie verstehen.
Der Aufmerksamkeitsmangel, die unartikulierte Erregung, die Sie
ebenfalls zu Anfang vermerkt haben, müssen gleichennassen auf den
Ausfall von Ich-Funktionen zurückgefuhrt werden. M an muß übrigens
darauf hinweisen, daß die analytische Theorie, in gewisser Hinsicht,
137
so weit geht, sogar die SchlafTunktion zu einer Funktion des Ich zu
machen.

R .L efort : — Dies Kind, das nicht schlief und nicht träumte — von jenem
berühmten Tag an, an dem es mich eingesperrt hat, haben sich seine motorischen
Störungen gemildert, es hat in der Nackt zu träumen begonnen und hat im Traum
nach seiner Mutter gerufen.

Darauf wollte ich hinaus. Ich versäume nicht, die Atypie seines Schlafs
in direkte Verbindung mit dem anomalen C harakter seiner Entwick-
lung zu bringen, deren Hemmung sich genau auf der Ebene des Imagi­
nären, auf der Ebene des Ich als imaginärer Funktion ansiedelt. Diese
Beobachtung zeigt uns, daß aus der Verspätung an diesem bestimmten
Punkt der Entwicklung des Imaginären Störungen bestimmter Funk­
tionen resultieren, die offenbar niedriger stehen als das, was wir die su­
perstrukturelle Ebene nennen können.
Es ist die Beziehung zwischen der strikt sensomotorischen Reifung und
den Funktionen der imaginären Beherrschung bei dem Subjekt, die die
sehr große Bedeutung dieser Beobachtung ausmacht. Da steckt das
ganze Problem. Es handelt sich darum , in welchem M aße es diese Ge­
lenkstelle hier ist, die an der Schizophrenie beteiligt ist.
Wir können, entsprechend unserer Neigung und der Vorstellung, die
jeder von uns sich von der Schizophrenie, ihrem Mechanismus und ih­
rer wesentlichen Triebfeder macht, diesen Fall im Rahm en einer schi­
zophrenen Affektion ansiedeln oder auch nicht.
Sicher ist, daß es keine Schizophrenie im Sinn eines Zustandes ist, nach
dem zu urteilen, wie Sie uns seine Bedeutung und seine Abfolge zeigen.
Aber es liegt da eine schizophrene Struktur der Beziehung zur W elt vor
und eine ganze Reihe von Phänomenen, die wir strenggenommen der
katatonischen Reihe annähem können. Gewiß, es gibt genaugenom­
men kein Symptom von der Art, daß wir den Fall in einem solchen
Rahmen situieren könnten, wie es Lang m acht, um ihn auch nur an­
näherungsweise einzuordnen. Aber bestimmte M ängel, bestimmte
Ausfälle menschlicher Anpassung fuhren a u f etwas, das sich später,
analog, als eine Schizophrenie darstellen wird.
Ich glaube, daß man dazu mehr nicht sagen kann, wenn es nicht bloß
das sein soll, was man einen Demonstrationsfall nennt. Jedenfall haben
wir keinen Grund zu glauben, daß die nosologischen Rahm en für alle
Ewigkeit da sind und auf uns warten. Wie Péguy gesagt hat, die kleinen
138
Schrauben gehen immer in die kleinen Löcher, aber es gibt ungewöhn­
liche Situationen, in denen die kleinen Schrauben nicht mehr in die
kleinen Löcher passen. Daß es sich um Phänomene aus der psychoti­
schen Gruppe, genauer um Phänomene, die in einer Psychose enden
können, handelt, das scheint mir unzweifelhaft. Was nicht besagen
will, daß jede Psychose analoge Anfänge aufweist.

Leclaire, Sie sind es ganz besonders, den ich bitten will, uns für das
nächste M al etwas über Zur Einführung des Narzißmus herauszuarbeiten;
Sie finden den Text im Band IV der Collected Papers oder im Band X der
Gesammelten Werke. Sie werden sehen, es handelt sich um Fragen, die
von der Kategorie des Imaginären aufgeworfen werden, die wir hier zu
studieren im Begriff sind.

10. M ärz 1954


IX I»
Ü B E R D E N N A R Z IS S M U S

Von dem, was bewirkt


Sexualität und Libido
Freud oderJung
Das Imaginäre in der Neurose
Das Symbolische in der Psychose

Für diejenigen, die beim letzten Mal nicht da waren, will ich den
Nutzen darstellen, den ich darin sehe, jetzt Freuds Aufsatz Zur Einfüh­
rung des Narzißmus * heranzuziehen.

Wie könnten wir den Punkt, an dem wir angelangt sind, zusammenfas·
sen? Ich habe in dieser Woche, und nicht ohne Befriedigung, bemerkt,
daß es unter Ihnen einige gibt, die sich über den von mir seit einiger
Zeit vorgeschlagenen systematischen Gebrauch der Kategorien des
Symbolischen und des Realen ernsthaft zu beunruhigen beginnen. Sie
wissen, daß ich auf dem Begriff des Symbolischen insistiere, indem ich
Ihnen sage, daß es immer gut ist, von ihm auszugehen, um das zu ver­
stehen, was wir tun, wenn wir in der Analyse eingreifen, und insbeson­
dere wenn wir positiv eingreifen, das heißt durch eine Deutung.
Wir hatten Anlaß, diejenige Seite des W iderstandes zu unterstreichen,
die sich auf der Ebene der Emission des Sprechens ansiedelt. Das
Sprechen kann das Sein des Subjekts ausdrücken. doch es erreicht cs,
bis zu einem bestim mten Punkt, nie. Damit sind wir an einem Moment
angelangt, an dem wir uns die Frage stellen — wie situieren sich im Be­
zug zum Sprechen all diese Affekte, all diese imaginären Referenzen,
die gemeinhin heraufbeschworen werden, wenn m an die Ubertra­
gungsaktion in der analytischen Erfahrung definieren will? Sie haben
wohl gemerkt, daß sich das nicht von selbst versteht.
Das volle Sprechen ist dasjenige, das die W ahrheit so visiert, so bildet,
wie sie sich in der Anerkennung des einen durch den anderen herstellt.
140
126 Das volle Sprechen ist Sprechen, das bewirkt. Eines der Subjekte befin­
det sich, nachher, anders als es vorher war. Deshalb kann diese Dimen­
sion in der analytischen Erfahrung nicht übergangen werden.
Wir können das analytische Experiment nicht als ein Spiel, einen Kö­
der, ein illusorisches Ränkespiel, eine Suggestion denken. Es setzt das
volle Sprechen in Gang. Das vorausgesetzt. Sie haben das schon erken­
nen können, bekommt vieles eine Richtung und klärt sich auf, aber es
ergeben sich zugleich viele Paradoxien und Widersprüche. Das Ver­
dienst dieser Konzeption ist eben dies, jene Paradoxien und Wider­
sprüche hervortreten zu lassen, die gleichwohl keine Dunkelheiten und
Verdunkelungen sind. O ft ist es im Gegenteil das, was harmonisch und
verständlich erscheint, was manche Dunkelheit verdeckt. Und es ist
umgekehrt die Antinomie, die Kluft, die Schwierigkeit, worin wir die
Möglichkeit zur Transparenz finden. Auf diesem Gesichtspunkt be­
ruht unsre Methode und, ich hoffe, auch unser Fortschritt.
Der erste von diesen Widersprüchen, der auftritt, ist dieser, daß es ge­
wiß seltsam ist, daß die analytische Methode, wenn sie das volle Spre­
chen zu erreichen sucht, insofern von einem strikt entgegengesetzten
Weg ausgeht, als sie dem Subjekt als Weisung gibt, ein Sprechen zu
umreißen, das so weit wie möglich von jeder Unterstellung von Verant­
wortung abgelöst ist, und als sie es sogar von jeder Forderung nach Au­
thentizität befreit. Sie erlegt ihm auf, alles zu sagen, was ihm durch den
Kopf geht. Dadurch schon, das ist das Wenigste, was man sagen kann,
erleichtert sie ihm die Rückkehr zur Stimme dessen, was, im Sprechen,
unterhalb der Ebene der Anerkennung liegt und das Dritte angeht, das
Objekt.
W ir haben immer zwei Ebenen unterschieden, auf denen sich dexAus-
tausch des menschlichen Sprechens vollzieht — die Ebene der Aner­
kennung, sofern das Sprechen zwischen den Subjekten jenen Vertrag
stiftet, der sie verwandelt und sie als kommunizierende menschliche
Subjekte erweist -—die Ebene der M itteilung, auf der man alle mögli­
chen Stufungen unterscheiden kann, den Appell, die Diskussion, die
Erkenntnis, die Information, die aber, in letzter Instanz, die Uberein-
kunft über das Objekt zu jealisieren .bestrebt isL Den Begriff Überein­
kunft gibt es da noch, aber der Akzent ist hier auf das als dem Sprechakt
äußerlich angesehene Objekt gelegt, das vom Sprechen ausgedrückt
wird.
Wohlgemerkt, das Objekt ist nicht ohne Bezug zum Sprechen. Es ist
immer schon teilweise im objektalen, oder objektiven, System gegeben.
141
wo man die Summe der Vorurteile zählen m uß, die eine kulturelle Ge­
meinschaft konstituieren, bis hin zu und einbegriffen jene Hypothesen,
will heißen psychologischen Vorurteile, von den in wissenschaftlicher
Arbeit entwickelten bis zu den naivsten und spontansten, die gewiß
nicht ohne enge Verbindung zu wissenschaftlichen Referenzen sind
und sie sogar durchdringen.
Hier also das Subjekt, eingeladen, sich diesem System rückhaltlos zu
überlassen — auch den wissenschaftlichen Kenntnissen, über die es
verfugt, oder dem, was es sich von denjenigen Informationen ausge­
hend vorstellen kann, die es über seinen Zustand hat, über sein Pro­
blem, seine Situation, wie seinen naivsten Vorurteilen, au f denen seine
Illusionen ruhen, einschließlich seine neurotischen Illusionen, sofern u;
sie einen wichtigen Anteil am Aufbau der Neurose ausmachen.
Es könnte scheinen — und da liegt das Problem — daß dieser Akt des
Sprechens allein auf dem Weg der intellektuellen Überzeugung verlau­
fen kann, die vom erzieherischen, das heißt überlegenen Eingriff des
Analytikers ausginge. Die Analyse würde durch Indoktrination Vor­
gehen.
Es ist diese Indoktrination, die man ins Auge faßt, wenn m an von der
ersten Phase der Analyse, die die intellektualistische gewesen sein soll,
redet. Sie können sich vorstellen, daß sie nie existiert hat. Vielleicht gab
es später intellektualistische Konzeptionen der Analyse, aber das heißt
nicht, daß man tatsächlich intellektualistische Analysen gemacht hat
— diejenigen Kräfte, die authentisch im Spiel sind, gab es von Anfang
an. H ätte es sie nicht gegeben, dann hätte die Analyse keine Gelegen­
heit gehabt, sich unter Beweis zu stellen und sich als eine evidente
Methode psychotherapeutischer Intervention durchzusetzen.
Was man bei dieser Gelegenheit Intellektualisierung nennt, ist alles
andere als jene Konnotation, es handle sich um etwas Intellektuelles. Je
besser wir die verschiedenen Schichten dessen analysieren, was im
Spiele ist, desto besser können wir unterscheiden, was unterschieden
werden muß, und vereinigen, was vereinigt werden m uß, und desto
wirkungsvoller wird unsere Technik sein. Das ist es, was wir versuchen
wollen.
Es muß also wohl etwas anderes als die Indoktrination sein, was die
Wirksamkeit der Eingriffe des Analytikers erklärt. Es ist das, was die
Erfahrung als in der Übertragungsaktion wirksam erwiesen hat.
Da ist es, wo die Dunkelheit beginnt — was ist, letzten Endes, die
Übertragung?
142
In ihrem Wesen ist die wirkungsvolle Übertragung, um die es geht,
ganz einfach der Akt des Sprechens, jedesm al, wenn ein Mensch zu
einem anderen in authentischer und voller Weise spricht, gibt es, im
eigentlichen Sinn, Übertragung, symbolische Ü bertragung— es ge­
schieht etwas, das die N atur der beiden anwesenden Menschen verän­
dert.
Aber es handelt sich dabei um eine andere Übertragung als diejenige,
die sich in der Analyse zuerst nicht nur als ein Problem, sondern als ein
Hindernis dargestellt hat. Diese Funktion ist, in der Tat, auf der
imaginären Ebene anzusiedeln. Um sie zu präzisieren, hat man die
Begriffe geschmiedet, die Sie kennen, Wiederholung früherer Situatio­
nen, unbewußte Wiederholung, Anbahnung einer Reintegration der
Geschichte — Geschichte im entgegengesetzten Sinn zu der, von der
ich gesprochen habe, da es sich um eine imaginäre Reintegration
handelt, in der die vergangene Situation, in Unkenntnis des Subjekts,
in der Gegenwart nur gelebt wird, sofern die historische Dimension von
ihm verkannt wird — ich habe nicht gesagt unbewußt ist, wie Sie bemer­
ken werden. All diese Begriffe sind eingefuhrt worden, um das zu defi­
nieren, was wir beobachten, und sie haben den Wert einer gesicherten
empirischen Feststellung. Gleichwohl enthüllen sie nicht den Grund,
die Funktion, die Bedeutung dessen, was wir im Realen beobachten.
Fordern, daß man den Grund dessen, was man beobachtet, angibt, so
128 werden Sie mir vielleicht sagen, ist zu anspruchsvoll, beweist zu viel
theoretischen Appetit. Gewisse brutale Geister wünschten vielleicht,
uns hier eine Schranke zu setzen.
Mir scheint indessen, daß sich die analytische Tradition in dieser Ecke
nicht durch die Abwesenheit von Ambition auszeichnet — es muß da­
für Gründe geben. Im übrigen, gerechtfertigt oder nicht, in der Nach­
folge von Freuds Beispiel oder nicht, gibt es kaum Psychoanalytiker,
die nicht auf die Theorie der mentalen Evolution hereingefallen sind.
Dies metapsychologische Unternehmen ist in W ahrheit vollkommen
unmöglich, aus Gründen, die sich später enthüllen werden. Aber man
kann nicht, nicht einmal eine Sekunde, die Psychoanalyse praktizie­
ren, ohne in metapsychologischen Begriffen zu denken, wie M .Jour-
dain wohl gezwungen war, in Prosa zu sprechen, ob er wollte oder
nicht, sobald er sich ausdrückte. Dieser Umstand ist für unsre Tätigkeit
wirklich strukturierend.
Ich habe letztesmal auf Freuds Aufsatz zur Ubertragungsliebe ange­
spielt. Sie kennen die strenge Ökonomie des Freudschen Werks und wie
143
sehr man sagen kann, daß er nie einen Gegenstand wirklich angegan­
gen ist, wenn es nicht dringlich, unerläßlich war, ihn zu behandeln —
im Verlauf eines Werdegangs, der kaum nach dem M aß des menschli­
chen Lebens war, besonders, wenn man bedenkt, zu welcher Zeit seines
konkreten, biologischen Lebens er mit seiner Lehre begonnen hat.
Wir können nicht übersehen, daß eine der wichtigsten Fragen der ana­
lytischen Theorie die ist, welche Beziehung zwischen den U bertra­
gungsbindungen und den Charakteristika, den positiven und den ne­
gativen, der Liebesbeziehung besteht. Davon zeugt die klinische Erfah­
rung und zugleich die Theoriengeschichte der Diskussionen, die zu
dem, was man den therapeutischen Wirkungsgrund nennt, geführt
worden sind. Dieser Gegenstand steht insgesamt ungefähr seit den
zwanziger Jahren auf der Tagesordnung — Berliner Kongreß zuerst,
Salzburger Kongreß, Kongreß von M arienbad. Seit dieser Epoche hat
man sich immer nur nach der Nützlichkeit der Übertragungsfunktion
in unserm Umgang mit der Subjektivität des Patienten gefragt. Wir
haben sogar etwas isoliert, das sich tatsächlich nicht nur Ubertragungs­
neurose— ein nosologisches Etikett, das bezeichnet, woran der Patient
leidet — sondern Sekundärneurose nennt, künstliche Neurose, Aktua­
lisierung der Übertragungsneurose, die in ihre Fäden die imaginäre
Person des Analytikers einspinnt.
Das alles wissen wir. Aber die Frage bleibt dunkel, was die Triebfeder
dessen ausmacht, was in der Analyse wirkt. Ich rede nicht von den We­
gen, auf denen wir zuweilen handeln, sondern von der Quelle der the­
rapeutischen Wirkungsmacht selbst.
Das Mindeste, was man sagen kann, ist, daß sich auf diesen Gegenstand
in der analytischen Literatur die größte Verschiedenheit von Meinun­
gen häuft. Um auf die alten Diskussionen zurückzugehen, brauchen
Sie sich nur auf das letzte Kapitel des Buchs von Fenichel zu beziehen.
Es passiert mir nicht oft, daß ich Ihnen die Lektüre von Fenichel emp­
fehle, aber für diese historischen Gegebenheiten ist er ein sehr instrukti­
ver Zeuge. Sie sehen die Verschiedenheit der M einungen —Sachs, Ra­
do, Alexander— als die Frage auf dem Salzburger Kongreß verhandelt
wurde. Sie sehen darin auch den Träger des Namens R ado ankündi- m
gen, in welche Richtung er die Theoretisierung des analytischen Wir­
kungsgrundes zu führen gedenkt. Seltsame Geschichte, nachdem er die
Lösung dieser Probleme schwarz auf weiß zu geben versprochen hat,
hat er es nie getan.
Es scheint, als wirkte irgendein geheimnisvoller W iderstand, um die
144
Frage in einem relativen Schatten zu halten, der nicht allein von ihrer
eigenen Dunkelheit herrührt, denn zuweilen erscheinen noch Licht­
blitze bei dem einen oder anderen Forscher, dem einen oder anderen
nachdenklichen Subjekt. M an hat wirklich das Gefühl, daß die Frage
oft, aus der größtmöglichen Nähe, flüchtig erkannt wird, aber daß sie
ich weiß nicht welche Abstoßung ausübt, die ihre begriffliche Fassung
verbietet. Da vielleicht mehr als anderswo sonst ist es möglich, daß die
Ausarbeitung der Theorie und selbst ihr Fortschritt als eine Gefahr
empfunden werden. Das ist nicht ausgeschlossen. Das ist ohne Zweifel
die wahrscheinlichste Hypothese.
Die Meinungen, die sich im Verlauf der Diskussionen über die in der
Übertragung hergestellte imaginäre Bindung äußern, haben den eng­
sten Bezug zum Begriff der Objektbeziehung.
Dieser letzte Begriff ist inzwischen in«die erste Linie der analytischen
Ausarbeitung gerückt. Aber Sie wissen, wie sehr die Theorie auch an
diesem Punkt zögert.
Nehmen Sie zum Beispiel den grundlegenden Aufsatz von James Stra-
chey, erschienen im InternationalJournal of Psycho-Analysis, über den the­
rapeutischen Wirkungsgrund. Das ist einer der am besten ausgearbei­
teten Texte, der den ganzen Akzent auf die Rolle des Über-Ich legt. Sie
sehen, zu welchen Schwierigkeiten diese Konzeption und die Zahl der
zusätzlichen Hypothesen führen, die besagter Strachey einzufiihren
gezwungen ist, um sie aufrechtzuerhalten. £ r stellt den Satz auf, daß,
in bezug auf das Subjekt, der Analytiker die Funktion des Ober-Ich ein­
nimmt. Aber die Theorie, derzufolge der Analytiker schlicht und ein­
fach der Träger der Funktion des Über-Ich ist, kann nicht standhalten,
da diese Funktion genau eine der entscheidendsten Triebfedern der
Neurose ist. Es gibt also einen Zirkel. Um ihn zu verlassen, ist der Autor
gezwungen, den Begriff parasitäres Über-Ich einzuführen — Zusatz­
hypothese, die durch nichts gerechtfertigt ist, die aber von den Wider­
sprüchen seiner Ausarbeitung motiviert wird. Übrigens ist er gezwun­
gen, noch weiter zu gehen. Um die Existenz dieses parasitären Über-
Ich im Analytiker aufrechtzuerhalten, m uß er zwischen das analysierte
Subjekt und das analysierende Subjekt eine Reihe von Tauschen, In-
trojektionen und Projektionen einschieben, die uns auf die Ebene der
Konstitutionsmechanismen von guten und bösen Objekten bringen —
wie sie von Melanie Klein in die Praxis der englischen Schule einge­
führt worden sind. Das geht nicht ab, ohne dieselbe Gefahr ohne Unter­
brechung zu reproduzieren.
145
Man kann die Frage der Beziehungen zwischen Analysiertem und
Analytiker auf einer ganz anderen Ebene ansiedeln — auf der Ebene
des Ich und des Nicht-Ich, das heißt auf der Ebene der narzißtischen
.Ökonomie des Subjekts.
Auch ist, seit jeher, die Frage der Übertragungsliebe allzu eng an die
analytische Ausarbeitung des Begriffs der Liebe gebunden worden. Es
handelt sich nicht um die Liebe als Eros— universelle Gegenwart einer
Bindemacht zwischen den Subjekten, der ganzen R ealität zugrunde­
liegend, in der sich die Analyse bewegt— sondern um die Licbesleiden-
schaft, wie sie vom Subjekt konkret erlebt wird, als eine Art psychologi­
sche Katastrophe. Es stellt sich, Sie wissen, die Frage, worin diese Lie-
besleidenschaft, in ihrem Grunde, mit der analytischen Beziehung ver­
bunden ist.
Nachdem ich Ihnen etwas Gutes über das Buch von Fenichel gesagt
habe, m uß ich Ihnen etwas Schlechtes darüber sagen. Es ist ebenso
amüsant wie überraschend, die Art von Revolte, will heißen von Auf­
stand zu bemerken, die die außerordentlich treffenden Bemerkungen
zweier Autoren über die Beziehung zwischen Liebe und Übertragung
bei Fenichel zu provozieren scheinen. Sie legen den Akzent auf den
narzißtischen Charakter der imaginären Liebesbeziehung und zeigen,
wie und wie sehr das Liebesobjekt, mit einer ganzen Seite seiner Eigen­
schaften, seiner Attribute und auch seines Handelns in der psychischen
Ökonomie, sich mit dem Ich-Ideal des Subjektes vermischt. M an sieht
nun den allgemeinen Synkretismus von Fenichels Denken sich wun­
derlich anschließen an jenen ihm eigenen Mittelweg, der ihn einen Ab­
scheu, eine wahrhafte Phobie vor dem Paradox dieser imaginären Lie­
be empfinden läßt. Die imaginäre Liebe hat in ihrem G rund an der Il­
lusion teil und Fenichel empfindet eine Art Schauder davor, die Funk­
tion selbst der Liebe derart entwertet zu sehen.
Genau darum handelt es sich — was ist diese Liebe, die als imaginäre
Triebkraft in der Analyse auftritt? Fenichels Schauder belehrt uns über
die subjektive Struktur der fraglichen Person.
Nun, was wir zu erkunden haben, ist die Struktur, die die narzißtische
Beziehung artikuliert, die Funktion der Liebe in ihrer ganzen Allge­
meinheit und die Übertragung in ihrer praktischen Wirksamkeit.
Um Ihnen zu erlauben, sich durch die Am biguitäten, die sich bei je­
dem Schritt in der analytischen L iteratur erneuern und die, wie ich
hoffe, von Ihnen bemerkt worden sind, hindurchzufinden, gibt es nur
eine Methode. Ich denke daran, Ihnen neue Kategorien vorzuschlagen,
146
welche wesentliche Unterscheidungen einführen. Es sind das keine
äußerlichen, scholastischen und ausweitenden Unterscheidungen —
keine, die dies eine Feld jenem anderen Feld entgegensetzen, die Zwei­
teilungen ins Unendliche vervielfältigen, keine Vorgehensweise, die
darin besteht, immer weitere Zusatzhypothesen einzuführen. Diese
Methode ist ohne Zweifel erlaubt, aber ich für meinen Teil beabsichti­
ge einen Fortschritt im Verstehen.
Es geht darum , das herauszuarbeiten, was die einfachen, schon vor­
handenen Begriffe implizieren. Es kommt nicht darauf an, unbegrenzt
zu zerlegen, wie man es auch machen kann — wie es gemacht worden
ist in einer bemerkenswerten Arbeit über den Begriff der Übertragung.
Ich ziehe es vor, dem Begriff der Übertragung seine empirische Totali­
tät zu belassen, kehre dabei aber hervor, daß er mehrdeutig ist und sich
gleichzeitig in verschiedenen Ordnungen realisiert, dem Symboli­
schen, dem Imaginären und dem Realen.
Es sind das nicht drei Felder. Sie haben sehen können, daß bis ins Tier-
131 reich hinein sich aufgrund derselben Handlungen, desselben Verhal­
tens genau diese Funktionen des Imaginären, des Symbolischen und
des Realen unterscheiden lassen, weil sie sich nicht in derselben Be­
zugsordnung ansiedeln lassen.
Es gibt mehrere Arten, diese Begriffe einzuführen. Die meine hat, wie
jede dogmatische Darstellung, ihre Grenzen. Aber ihre Brauchbarkeit
liegt in ihrem kritischen Charakter, das heißt darin, daß sie an dem
Punkt hervortritt, wo die empirische Anstrengung der Forscher auf
eine Schwierigkeit im Umgang mit der schon existierenden Theorie
stößt. Deshalb ist es wichtig, auf dem Weg der Text-Kommentare vor­
zugehen.

Doktor Leclaire beginnt mit Lektüre und Kommentar der ersten Seiten von Zur
Einführung des Narzißmus. Unterbrechung.

Was Leclaire da sagt, ist vollkommen richtig. Es gibt für Freud eine Be­
ziehung zwischen einer Sache x, die auf die Ebene der Libido getreten
ist, und dem Abzug der Besetzung von der Außenwelt, der charakteri­
stisch für die Formen der Dementia praecox ist — verstehen Sie diesen
Begriff im weitestmöglichen Sinn. Nun, das Problem in diesen Begrif-
147
fen zu stellen, erzeugt in der analytischen Theorie, wie sie zu dem Zeit·
punkt ausgebildet ist, die äußersten Schwierigkeiten.
Um das zu verstehen, m uß man sich auf die Drei Abhandlungen zw Se­
xualtheorie beziehen, auf die der Begriff des prim ären Autoerotismus
verweist. Was ist dieser primäre Autocrotismus, dessen Existenz Freud
voraussetzt? Es handelt sich um eine Libido, die die Objekte des Inter­
esses konstituiert und sich, durch eine Art Evasion, Verlängerung, von
Pseudopodien, ausdehnt. Von dieser Ausschickung libidinöser Be­
setzungen durch das Subjekt soll seine Triebentwicklung ausgehen
undLgemäß seiner eigenen Triebstruktur, seine Welt sich gestalten.
Diese Konzeption macht keine Schwierigkeiten, solange Freud alles,
was einer anderen O rdnung als der des Begehrens als solchem ange­
hört, aus dem Mechanismus der Libido herausläßt. Die O rdnung des
Begehrens ist für ihn eine Ausdehnung konkreter Äußerungen der Se­
xualität, ein wesentlicher Bezug, den das animalische Wesen mit seiner
Umwelt * unterhält. Sie sehen also, daß diese Konzeption zweipolig ist
— auf der einen Seite das libidinose Subjekt, auf der anderen die Welt.
Diese Konzeption nun, Freud wußte das sehr genau, scheitert, wenn
man den Begriff der Libido bis zum Exzeß verallgemeinert, denn
indem man das tut, neutralisiert man ihn. Ist es nicht überdies auch
evident, daß er nichts Wesentliches zur Bearbeitung der Fakten der
Neurose beizutragen hat, wenn die Libido ungefähr so funktioniert wie
das, was Janet die Funktion des Realen genannt hat? Die Libido hat im
Gegenteil darin_ihren_Sinn,.sich von den reaIen__CKler realisjerenclen
Beziehungen, von allen Funktionen zu unterscheiden, die .mil -der
Funktion des Begehrens nichts zu t un haben, .von Allem,- was die
Beziehungen des Ich zur Außenwelt berührt. Sie hat nichts zu schaffen im
mit anderen Triebkategorien als der sexuellen, wie derjenigen zum
Beispiel, die den Bereich der Nährung, der Assimilation, des Hungers
berührt, sofern sie der Selbsterhaltung des Individuum s dienen. Wenn
die Libido nicht von der G esam theitder Selbsterhaltungsfunktionen
d « Individuumi.isQliertJwird,verliert sie je d en Sinru_
In der Schizophrenie nun geschieht etwas, das die Beziehungen des
Subjekts zum Realen vollkommen verwirrt und den G rund mit der
Form ertränkt. Dieser Umstand stellt m it einem Schlag die Frage, ob
die Libido nicht sehr viel weiter geht als das, was von der sexuellen Ord­
nung als dem organisierenden, zentralen Kern her definiert worden ist.
An dieser Stelle beginnt die Libidotheorie, Probleme zu machen.
Sie macht so sehr Probleme, daß sie tatsächlich in Frage gestellt wor-
148
den ist. Ich werde es Ihnen zeigen, wenn wir Freuds Kommentar zu
dem Text des Präsidenten Schreber analysieren. Im Lauf dieses Kom-
mentars legt sich Freud Rechenschaft über die Schwierigkeiten ab, die
das Problem der libidinösen Besetzung in den Psychosen macht. Er
verwendet nun Begriffe, die so zweideutig sind, daß Jung sagen kann,
er habe darauf verzichtet, die N atur der Libido als ausschließlich se­
xuell zu definieren. Ju n g vollzieht diesen Schritt mit großer Entschie­
denheit und führt den Begriff Introversion ein, der für ih n — das ist die
Kritik, die Freud ihm entgegenhält — ein Begriff ohne Unterscheidung *
ist. U nd er gelangt zum vagen Begriff psychisches Interesse, der in eine
einzige Kategorie mischt, was der O rdnung der Selbsterhaltung des
Individuums und was der O rdnung der sexuellen Polarisierung des In­
dividuums in seinen Objekten zugehört. Was bleibt, ist nicht mehr als
eine gewisse Beziehung des Subjekts zu sich selbst, die Jung der libidi­
nösen O rdnung zuweist. Es geht für das Subjekt darum, sich als Indivi­
duum , das im Besitz der genitalen Funktionen ist, zu realisieren.
Seither hat sich die psychoanalytische Theorie einer Neutralisierung
der Libido geöffnet, die darin besteht, einerseits nachdrücklich zu beto­
nen, daß es sich um Libido handelt, und andererseits zu sagen, daß es
sich ganz einfach um eine Eigenschaft der Seele, der Schöpferin ihrer
Welt, handelt. Eine Konzeption, die äußerst schwierig von der analyti­
schen Theorie zu unterscheiden ist, sofern die Freudsche Vorstellung
eines prim ären Autoerotismus, von dem aus sich nach und nach die

nahe äquivalent ist.


Das also ist der Grund dafür, daß Freud, im Aufsatz über den Narziß­
mus, auf die Notwendigkeit zurückkommt, egoistische Libido und se­
xuelle Libido zu unterscheiden. Sie verstehen nun einen der Gründe,
aus denen er diesen Aufsatz geschrieben hat.
Das Problem ist für ihn äußerst schwierig zu lösen. W ährend er die Un­
terscheidung der beiden Libidotypen aufrechterhält, dreht er sich
während des gesamten Aufsatzes um den Begriff ihrer Äquivalenz. Wie
können diese beiden Termini streng unterschieden werden, wenn man
den Begriff ihrer energetischen Äquivalenz beibehält, der zu sagen
133 erlaubt, daß die Libido, sofern sie vom Objekt abgezogen wird, sich
wieder auf das Ego zurückgezogen hat? Dies ist das Problem, das zur
Lösung ansteht. Durch diesen Umstand wird Freud dazu gebracht,
den Narzißmus als einen sekundären Prozeß aufzufassen. EinejAemlch-
Vergleichbare Einheit besteht nicht von Anfang *. ist nicht von Beginn an
149
im . Individuum präsent und das Ich * m uß entwickelt werden *. Die
autoerotischenJTriebe dagegen sind von Anfang an da.
Diejenigen, die ein wenig auf das eingestellt sind, was ich dazu beige·
tragen habe, werden einsehen, daß diese Vorstellung die Brauchbar­
keit meiner Konzeption des Spiegelstadiums bestätigt. Das Urbild *
das eine dem Ich vergleichbare Einheit ist, konstituiert sich in einem
bestimmten Augenblick der Geschichte des Subjekts, von dem an das
Ich seine Funktionen zu übernehmen beginnt. Will heißen, daß das
menschliche Ich sich auf dem G rund der imaginären Beziehung konsti­
tuiert. Die Ich-Funktion, schreibt Freud, m uß eine neue psychische... Ge­
stalt * haben. In der Entwicklung des psychischen Apparats erscheint
etwas Neues, dessen Funktion es ist, dem Narzißmus Form zu geben.
Heißt das nicht, den imaginären Ursprung der Ichfunktion vermer­
ken?
In den folgenden zwei oder drei Vorträgen möchte ich präzisieren, wel­
cher zugleich begrenzte und vielfältige Gebrauch vom Spiegelstadium
zu machen ist. Ich werde Ihnen zum ersten M al, im Lichte von Freuds
Text, zeigen, daß zwei O rdnungen in diesem Stadium impliziert sind.
Schließlich — wenn ich Ihnen letztesmal angedeutet habe, daß die
imaginäre Funktion die Vielfalt des vom Individuum Erlebten enthält
— werde ich Ihnen darlegen, daß man sie darauf nicht einschränken
kann— auf Grund der Notwendigkeit, Psychosen und Neurosen zu un­
terscheiden.

Was nun vom Anfang des Aufsatzes festzuhalten wichtig ist, ist Freuds
Schwierigkeit, die Originalität der psychoanalytischen Dynamik ge­
gen die Jungianische Auflösung des Problems zu verteidigen.
Nach dem Jungschen Schema kann das psychische Interesse kommen,
gehen, ausgehen, zurückkehren, einfarben usw. Es ertränkt die Libido
in dem universellen Magma, das der W eltkonstitution zugrundeliegt.
Das heißt ein sehr traditionelles Denken wiederaufnehmen, dessen Dif­
ferenz zum orthodoxen analytischen Denken man leicht erkennt. Das
psychische Interesse ist da nichts anderes als eine wechselnde Beleuch­
tung, die kommen kann und gehen, sich auf die R ealität projizieren,
sich von ihr zurückziehen, je nach dem Pulsschlag des Seelenlebens des
Subjekts. Das ist eine hübsche M etapher, aber sie erklärt nichts an der
150
Praxis, wie Freud unterstreicht. Sie erlaubt nicht, die Differenzen zwi­
schen gerichtetem, sublimiertem Rückzug des Interesses von der Welt,
zu dem es der Anachoret bringen kann, und dem des Schizophrenen,
dessen Resultat doch strukturell verschieden ist, sofern sich bei ihm das
134 Subjekt vollkommen verklebt findet. Es sind zweifellos viele klinische
Bemerkungen durch die Jungschen Forschungen geliefert worden, die
interessant sind durch ihre Bildhaftigkeit, ihren Stil, durch die Annä­
herungen, die sie zwischen den Produktionen jener geistigen oder reli­
giösen Askese und denen der Schizophrenen herbeifuhrt. Es ist das viel­
leicht ein Zugang, der den Vorteil hat, dem Interesse der Forscher Far­
be und Leben zu geben, doch der gewiß nichts in der Ordnung der Me­
chanismen aufgeklärt hat — Freud verfehlt nicht, das beiläufig ziem­
lich grausam zu unterstreichen.
Worum es für Freud geht, ist, die Strukturdifferenz zwischen dem
Rückzug von der Realität, die wir bei den Neurosen konstatieren, und
demjenigen, den wir in den Psychosen konstatieren, zu erfassen. Einer
der Hauptunterschiede ergibt sich auf eine überraschende Weise —
überraschend jedenfalls für solche, die mit diesen Problemen nicht auf
Tuchfühlung sind.
In der Verkennung, der Ablehnung, der Sperre, die der Realität vom
Neurotiker entgegengesetzt wird, konstatieren wir einen Rückgriff auf
die Phantasie. Darin ist eine Funktion wirksam, was im Vokabular von
Freud nur auf die imaginäre O rdnung verweisen kann. Wir wissen, wie
sehr Personen und Sachen in der Umgebung des Neurotikers ihren
Wert völlig ändern, und das in bezug auf eine Funktion, die nichts —
ohne jenseits des allgemeinen Sprachgebrauchs zu suchen — hindert,
als imaginäre zu bezeichnen. Imaginär verweist hier — erstens aufdie
Beziehung des Subjekts zu seinen strukturierenden Identifikationen,
das ist der volle Sinn desTerm inus .B U dind^ zweitensauf
die Beziehung des Subjekts zum Realen, deren Charakteristikum ist,
illusorisch zu sein, das ist diejenige Seite der imaginären Funktion, die
am häufigsten hervorgekehrt wird.
Nun, ob zu Recht oder zu Unrecht geht uns im Augenblick wenig an,
Freud unterstreicht, daß es nichts dergleichen in der Psychose gibt.
Wenn das psychotische Subjekt die^ RealitätswahrnchmungAreriiert,
findet es keinerlei imaginären Ersatz. Das ist es, was es vom Neurotiker
unterscheidet.
Diese Konzeption kann auf den ersten Blick außerordentlich erschei­
nen. Sie werden deutlich spüren, daß man da, um Freuds Denken zu
151
folgen, einen weiteren Schritt in der Konzeptualisierung tun muß.
Eine der am weitesten verbreiteten Konzeptionen ist die, daß das deli­
rierende Subjekt träum t, daß es voll im Imaginären ist. Es m uß also so
sein, daß, in Freuds Konzeption, die Funktion des Imaginären nicht
die Funktion des Irrealen ist. Ohne diese Bedingung läßt sich nicht ein-
sehen, warum er dem Psychotiker den Zugang zum Imaginären ver­
wehrt. Und da Freud im Allgemeinen weiß, was er sagt, müssen wir das
herauszuarbeiten suchen, was er zu diesem Punkt hat sagen wollen.
Das ist es, was uns zu einer kohärenten Bearbeitung der Beziehungen
des Imaginären zum Symbolischen fuhrt, denn das ist einer der Punk­
te, an denen Freud mit der größten Energie diese Strukturdifferenz an­
siedelt. Wenn der Psychotiker seine Welt rekonstruiert, was wird dann
zuerst besetzt? Sie werden sehen, auf welchen Weg, unerw artet für viele
unter Ihnen, uns das fuhrt — das sind die Wörter. Unmöglich, daß Sie
darin nicht d ie Kategorie des Symbolischen wiedererkennen.
W ir werden das weitertreiben, was diese K ritik anschneidet. W ir wer- ns
den sehen, daßsichdiedeniLPsychotischen eig en eS tru k tu rin ein em
symbolischen Irrealen oder einem vom Irrealen geprägten Symboli­
schen situiert. Die Funktion des Imaginären liegt ganz woanders.
Ich hoffe, Sie beginnen die Differenz zu sehen, die zwischen der Auffas­
sung der Stellung der Psychosen zwischen Ju n g und Freud besteht. Für
Jung sind dabei die beiden Bereiche des Imaginären und des Symboli­
schen vollkommen vermischt, während eine der ersten Artikulationen,
die uns erlaubt, den Aufsatz von Freud ins rechte Licht zu setzen, die
strikte Unterscheidung der beiden ist.
Das sei heute nur angeschnitten. Aber derart wichtige Sachen kann
man nicht langsam genug anschneiden. Ich habe nur — wie übrigens
der Titel des Aufsatzes selbst es ausdrückt — eine bestimmte Anzahl
von Fragen eingefuhrt, die bislang nie gestellt worden sind. Das wird
Ihnen Zeit geben, von diesem bis zum nächsten Mal ein wenig zu
köcheln und zu arbeiten.

Ich würde mir, diesen Text zu kommentieren, beim nächsten Mal eine
möglichst fruchtbare M itarbeit unsres Freundes Leclaire wünschen.
Ich wäre nicht böse, wenn sich dieser Arbeit Granoff anschließen woll­
te, der eine besondere Neigung zu haben scheint, sich für Freuds Auf­
satz über die Übertragungsliebe zu interessieren — das könnte für ihn
die Gelegenheit sein, etwas zu sagen, um diesen Aufsatz vorzustellen.
Es gibt da einen dritten Aufsatz, den ich gern für ein nächstes Mal je-
152
mandem anvertrauen würde. Es handelt sich um einen Text, der in die
Métapsychologie derselben Epoche gehört und unseren Gegenstand
unmittelbar angeht — Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre, was
man ins Französische mit Theorie des rêves (Traum theorie) übersetzt hat.
Ich überlasse ihn jedem, der Lust hat, ihn zu übernehmen — zum Bei-
spiel unserm lieben Perrier, dem das Gelegenheit geben würde, sich
über die Schizophrenen zu äußern.

17. M ärz 1954

153
X 137
D IE Z W E I N A R Z IS S M E N

Der Triebbegriff
Das Imaginäre bei Tier und Mensch
Die sexuellen Verhaltensweisen sind wesentlich köderbar
Das Ur-Ich*

Zur Einführung des Narzißmus datiert von Beginn des Krieges von 1914
und der Gedanke ist ziemlich bewegend, daß Freud zu dieser Zeit einer
solchen Arbeit nachging. Alles, was wir unter der Rubrik Metapsycho­
logie einordnen, entwickelt sich zwischen 1914 und 1918, nach der Ar­
beit von Jung, die 1912 unter dem Titel Wandlungen und Symbole der
Libido erschien.

Jung ist an die Geisteskrankheiten unter einem Blickwinkel herange­


gangen, der von dem Freuds völlig verschieden war, denn seine Erfah­
rung hat sich auf die Skala der Schizophrenien zentriert, während die
Freuds auf die Neurosen zentriert war. Sein Werk von 1912 stellt eine
grandiose unitarische Konzeption der psychischen Energie dar, in ih­
rem Ansatz und sogar in ihrer Definition grundsätzlich verschieden
von dem BegrifT den Freud unter dem Namen Libido erarbeitet hat.
Nichtsdestoweniger ist die theoretische Differenz noch so mühsam aus­
zumachen, daß Freud mit Schwierigkeiten, die im gesamten Aufsatz
spürbar sind, doch zu ringen hat.
Es geht für ihn um die Erhaltung eines wohlbegrenzten - wir würden
heutzutage sagen operationalen — Gebrauchs des Libidobegriffs, was
wesentlich fur die Erhaltung seiner Entdeckung ist. Worauf, insge­
samt, ist die Freudsche Entdeckung gegründet? — wenn nicht auf diese
grundlegende Auffassung, daß die Symptome des Neurotikers eine ab­
gewandelte Form sexueller Befriedigung enthüllen. Die sexuelle Funk­
tion der Symptome hat Freud anhand der Neurotiker auf eine ganz
konkrete Weise bewiesen, durch eine Reihe von Äquivalenten, deren im
letztes eine therapeutische Sanktion ist. Auf dieser Basis hat er immer
154
daran festgehalten, daß es keine neue Totalphilosophie der Welt sei,
die er liefere, sondern eine wohldefinierte Theorie, gegründet auf
einem vollkommen umgrenzten Feld, aber ganz und gar neu, enthal­
tend eine bestimmte Anzahl menschlicher, insbesondere psychopatho-
logischer Realitäten — die subnormalen Phänomene, das heißt solche,
die die normale Psychologie nicht studiert, die Träume, die Verspre­
cher, die Fehlleistungen, die einige der sogenannten höheren Funktio­
nen stören.
Das Problem, das sich zu diesem Zeitpunkt für Freud stellt, ist das der
Struktur der Psychosen. Wie die Struktur der Psychosen im Rahmen
der allgemeinen Theorie der Libido herausarbeiten?
Jung gibt folgende Lösung — die tiefe Umwandlung der Realität, die
sich in den Psychosen manifestiert, geht auf eine Metamorphose der
Libido zurück, analog derjenigen, in die Freud anhand der Neurosen
Einblick bekommen hat. Nur, so sagt Jung, ist die Libido beim Psycho-
tiker introvertiert in die Innenwelt des Subjekts — ein Begriff, der in
der größten ontologischen Vagheit bleibt. Aufgrund dieser Introver­
sion versinkt die Realität für ihn in einer Dämmerung. Der Mechanis­
mus der Psychosen liegt also vollkommen auf der Linie des Mechanis­
mus der Neurosen.
Freud, dem sehr daran lag, ausgehend von der Erfahrung, äußerst
scharf umrissene Mechanismen herauszuarbeiten, immer besorgt um
ihre empirische Referenz, sieht die analytische Theorie bei Jung in
einen allumfassenden psychischen Pantheismus sich verwandeln, eine
Reihe imaginärer Sphären, deren eine die andre umhüllt, der auf eine
allgemeine Klassifikation von Gehalten, Ereignissen, des Erlebnisses *
des individuellen Lebens und schließlich dessen hinausläuft, was Jung
die Archetypen nennt. Nicht auf diesem Weg kann eine klinische,
psychiatrische Bearbeitung der Gegenstände seiner Forschung verlau­
fen. Und deshalb versucht er nun, die Beziehung aufzustellen, welche
die Sexualtriebe, denen er eine solche Bedeutung zugemessen hat, weil
sie verborgen waren und seine Analyse sie enthüllte, mit den Ich-
Trieben unterhalten können, die er bislang nicht in den Vordergrund
gerückt hatte. K ann man sagen, ja oder nein, daß die einen der
Schatten der anderen sind? Wird die Realität durch jene universelle
Libidoprojektion konstituiert, die der Jungianischen Theorie zugrun­
deliegt? O der gibt es vielmehr konträr eine Gegensatzrelation, eine
Konfliktbeziehung, zwischen den Ich-Trieben und den libidinösen
Trieben?
155
Mit seiner gewohnten Ehrlichkeit macht Freud deutlich, daß die Hart­
näckigkeit, mit d erer diese Unterscheidung festhält, auf seiner Erfah­
rung der Neurosen basiert und daß das, genaugenommen, eine be­
grenzte Erfahrung ist. Deshalb sagt er nicht weniger entschieden, daß
man, in einem früheren Stadium, vor demjenigen, das uns die psychoa­
nalytische Forschung zu erreichen erlaubt, einen Zustand des Narziß­
mus annehmen kann, wo es unmöglich ist, die beiden fundamentalen
Richtungen, die Sexuallibido * und die Ich-Triebe *, zu unterscheiden.
Dort sind sie unentwirrbar beisammen * vermengt und fiir unsre grobe 139
Analyse nicht unterscheidbar *. Er erklärt gleichwohl, warum er versucht,
die Unterscheidung aufrechtzuhalten.
Zunächst ist da die Erfahrung der Neurosen. Sodann, sagt er, ist der
Umstand, daß die Unterscheidung zwischen Ich-Trieben und Sexual­
trieben gegenwärtig der Klarheit entbehrt, vielleicht nur dem anderen
Umstand zuzuschreiben, daß die Triebe für unsre Theorie der letzte
Bezugspunkt sind. Die Triebtheorie steht nicht an der Basis unsres Ge­
bäudes, sondern ganz oben. Sie ist überaus abstrakt und Freud wird sie
später unsere Mythologie nennen. Deshalb, immer im Hinblick auf das
Konkrete und immer bemüht, seinen spekulativen Ausarbeitungen
ihren Platz zuzuweisen, unterstreicht er ihren begrenzten Wert. Er be­
zieht den Triebbegriff auf die obersten Begriffe der Physik, Materie,
Kraft, Attraktion, die sich erst im Lauf der historischen Evolution der
Wissenschaft herausgebildet haben und deren erste Gestalt ungewiß,
will heißen verworren war, bevor sie gereinigt und dann angewandt
wurden.
Wir folgen Freud nicht, wir begleiten ihn. D aß irgendwo in Freuds
Werk ein Begriff figuriert, beruhigt uns noch nicht darüber, daß man
ihn im Geist der Freudschen Forschung verwendet. W ir für unsem Teil
versuchen, dem Geist, der Losung, dem Stil dieser Forschung zu gehor­
chen.
Freud lehnt seine Libidotheorie an das an, w orauf ihn die Biologie sei­
ner Zeit hinweist. Die Triebtheorie kann nicht anders, als der grund­
legenden Zweiteilung zwischen den Zielen der Erhaltung des Indivi­
duums und denen des Fortbestandes der G attung Rechnung zu tragen.
Was da im Hintergrund steht, ist nichts andres als die Theorie von
Weißmann, an die Sie noch einige Erinnerungen aus ihrer Philosophie-
Klasse bewahrt haben müssen. Diese Theorie, die nicht endgültig be­
wiesen ist, behauptet die Existenz einer unsterblichen Substanz der Se­
xualzellen. Sie sollen durch kontinuierliche Reproduktion eine einzige
156
sexuelle Fortpflanzungslinie bilden. Das Keimplasma wäre das, was
den Fortbestand der Gattung bewirkt und von einem Individuum zum
andern fortdauert. Dagegen wäre das somatische Plasma einem indivi­
duellen Parasiten vergleichbar, der, vom Gesichtspunkt der Reproduk­
tion der Gattung, einen Seitentrieb darstellte, mit dem einzigen
Zweck, das ewige Keimplasma fortzubewegen. Freud stellt von Anfang
an klar, daß seine eigene Konstruktion nicht die Absicht hat, eine bio­
logische Theorie zu sein. Was immer der Wert ist, den er dieser Refe­
renz zumißt, auf die er sich bis zur Herausbildung einer neuen O rd­
nung und unter Vorbehalt näherer Prüfung zu stützen gedenkt, er wür­
de nicht zögern, sie preiszugeben, wenn die Untersuchung der Fakten
in dem der analytischen Forschung eigenen Bereich sie als nutzlos und
schädlich erweisen sollte.
Gleichwohl ist das, so sagt er, kein Grund, die Sexualenergie * im noch
unerforschten Feld der psychischen Fakten zu versenken. Es geht nicht
darum, an der Libido eine universelle Verwandtschaft mit sämtlichen
psychischen Manifestationen zu finden. Das wäre, sagt er, wie wenn in
im einer Erbschaftsangelegenheit jem and, um vor der Erbschaftsbehörde
den Nachweis seiner Rechte zu fuhren, sich auf die universelle Ver­
wandtschaft beriefe, die, nach der monogenetischen Hypothese, alle
Menschen verbindet.
Ich möchte hier eine Bemerkung einführen, die Ihnen vielleicht von
denen abzustechen scheinen wird, die wir gewöhnlich machen. Sie
werden aber sehen, daß sie uns bei unsrer Aufgabe helfen wird, die Dis­
kussion zu klären, die Freud aufnimmt und deren Dunkelheiten und
Sackgassen er uns keineswegs verbirgt, wie Sie schon beim Kommentar
bloß der ersten Seiten dieses Aufsatzes sehen. Er liefert keine Lösung,
sondern öffnet eine Reihe von Fragen, in die wir uns einzuschalten su­
chen müssen.
Zu der Zeit, da Freud schreibt, gibt es, wie er uns irgendwo sagt, keine
Triebtheorie ready-made, gebrauchsfertig. Sie ist noch heutzutage nicht
abgeschlossen, aber sie hat seit den Arbeiten von Lorenz und Tinbergen
einige Fortschritte gemacht — das rechtfertigt die — vielleicht ein
wenig spekulativen — Bemerkungen, die ich Ihnen nun vortragen
will.
Wenn wir den Weißmannschen Begriff der Unsterblichkeit des Kei­
mes akzeptieren, was folgt daraus? Wenn das sich entwickelnde Indivi­
duum von der grundlegenden Lebenssubstanz, die der Keim darstellt,
der nicht vergeht, verschieden ist und wenn das Individuelle parasitär
157
ist, welche Funktion hat es dann in er Fortpflanzung des Lebens? Kei­
ne. Vom Gesichtspunkt der Gattung sind die Individuen, wenn man so
sagen kann, schon tot. £in Individuum ist nichts an der unsterblichen
Substanz, die in seinem Busen verborgen ist und die allein sich fort­
pflanzt und das authentisch, substantiell repräsentiert, was als Leben
existiert.
Ich präzisiere meinen Gedanken. Vom psychologischen Gesichtspunkt
aus betrachtet, wird dieses Individuum von dem berühm ten Sexual­
trieb geleitet, um was fortzupflanzen?— die unsterbliche Substanz, die
im Keimplasma, in den Genitalorganen eingeschlossen ist und auf der
Ebene der Wirbeltiere von Spermatozoen und Samenzellen repräsen­
tiert wird. Das ist alles? — sicher nicht, denn das, was sich tatsächlich
fortpflanzt, ist sehr wohl ein Individuum. N ur reproduziert es sich
nicht als Individuum, sondern als Typus. Es reproduziert nur den von
der Geschlechterlinie seiner Vorfahren bereits realisierten Typus. In
dieser Hinsicht ist es nicht bloß sterblich, sondern schon gestorben, da
es keine Zukunft im eigentlichen Sinn hat. Es ist nicht dies oder jenes
Pferd, sondern der Träger, die Inkarnation von etwas, das das Pferd ist.
Wenn das Konzept der Gattung begründet ist, wenn eine Natur­
geschichte existiert, so gibt es nicht bloß Pferde, sondern das Pferd.
Das ist es, worauf uns die Triebtheorie führt. Was in der T at trägt den
Sexualtrieb auf der psychologischen Ebene?
Welche Kraft determiniert das Funktionieren der enormen sexuellen
Mechanik? Welches ist ihr Auslöser, wie sich Tinbergen nach Lorenz
ausdrückt? Es ist nicht die Realität des sexuellen Partners, die Beson­
derheit eines Individuums, sondern etwas, das die engste Beziehung
zu dem hat, was ich eben den Typus genannt habe, das heißt ein
Bild.
Die Ethologen beweisen am Funktionieren der Paarzeit-Mechanismen
die Prävalenz eines Bildes, das unter der Form eines transitorischen hi
Phänotyps in den Modifikationen der äußeren Erscheinung hervor­
tritt, und dessen Erscheinen als Signal dient, als konstruiertes Signal,
das heißt als Gestalt * und das die Reproduktionsverhalten in Aufruhr
versetzt. Die mechanische Schaltung des Sexualtriebs ist also wesent­
lich auf eine Bilderbeziehung kristallisiert, a u f eine Beziehung — ich
komme zum Terminus, den Sie erwarten — des Imaginären.
Dies also der Rahmen, in dem wir die Libido- Triebe * und die Ich- Triebe *
zu gliedern haben.
Der Libido-Trieb ist auf die Funktion des Im aginären zentriert.
158
Das bedeutet indessen nicht, wie eine idealistische und moralisierende
Umwandlung der analytischen Lehre hat glauben machen wollen, daß
das Subjekt im Imaginären zu einem idealen Zustand der Genitalität
fortschreiten würde, der Sanktion und letzte Triebfeder der Aufrich­
tung des Realen wäre. Wir haben jetzt also die Beziehungen der Libido
mit dem Imaginären und dem Realen zu präzisieren und das Problem
der realen Funktion, die das Ego in der psychischen Ökonomie spielt,
zu lösen.

O. M annoni: — Darf man ums Wort bitten? Ich bin seit einiger Zeit mit einem
Problem beschäftigt, das mir die Dinge zugleich zu komplizieren und zu vereinfa­
chen scheint. Es ist dies, daß die libidinose Besetzung von Objekten im Grunde eine
realistische Metapher ist, weil sie nur das Bild der Objekte besetzt. Während die
Besetzung des Ich ein inlrapsychisches Phänomen sein kann, bei dem es die ontolo­
gische Realität des Ich ist, die besetzt wird. Ist die Libido Objektlibido geworden,
kann sie nur noch etwas besetzen, was sich zum Bild des Ich symmetrisch verhält.
So nämlich, daß wir zwei Narzißmen hätten, und zwar, weil es eine Libido gibt,
die intrapsychisch das ontologische Ich besetzt, und eine Objektlibido, die etwas
besetzt, das vielleicht das Ich-Ideal, injedem Fall aber ein Bild des Ich sein wird.
Derart hätten wir eine gut begründete Unterscheidung zwischen primärem Nar­
zißmus und sekundärem Narzißmus.

Sie spüren ganz richtig, daß ich Lust habe, Sie, Schritt für Schritt, ir­
gendwohin zu führen. Wir gehen nicht ganz auf Abenteuer aus, auch
wenn ich bereit bin, die Entdeckungen zu begrüßen, die wir im Verlauf
unsres Weges machen werden. Ich freu* mich zu sehen, daß unser
Freund M annoni einen eleganten jump in den Gegenstand macht —
von Zeit zu Zeit ist das nötig— aber ich komme vorerst auf meinen letz­
ten Schritt zurück.
W orauf bin ich aus? — an jene grundlegende Erfahrung anzuschlie­
ßen, die uns die aktuelle Ausarbeitung der Triebtheorie im Zusam­
menhang des Zyklus des Sexualverhaltens liefert und die zeigt, daß das
Subjekt darin wesentlich köderbar ist.
Zum Beispiel m uß der männliche Stichling, auf dem Bauch oder dem
Rücken, schöne Farben angenommen haben, damit der Kopulations­
tanz mit dem Weibchen beginnen kann. Aber wir können genausogut
M2 eine, wenn auch nur grobe, Schnitzerei machen, die genau dieselbe
Wirkung auf das Weibchen haben wird, unter der Bedingung, daß sie
bestimmte Merkzeichen * trägt. Die sexuellen Verhaltensweisen sind ins-
159
besondere köderbar. Das ist eine Lehre, die für uns wichtig ist, um die
Struktur der Perversionen und der Neurosen herauszuarbeiten.

Da wir hier angekommen sind, werde ich eine Ergänzung zu dem Sehe«
ma einfuhren, das ich Ihnen in jenem kleinen Kurs über die Topik des
Imaginären gegeben habe.
Dies Modell, ich habe Sie darauf hingewiesen, d aß es au f der Linie von
Freuds Wünschen liegt. Er hat an mehreren Stellen, insbesondere in
der Traumdeutung * und im Abriß * erklärt, daß die fundamentalen psy­
chischen Instanzen in ihrer M ehrzahl aufgefaßt werden müssen, als
repräsentierten sie etwas, das sich in einem photographischen Apparat
abspielt, das heißt als die, sei’s virtuellen, sei’s realen, Bilder, die sein
Funktionieren erzeugt. Der organische A pparat repräsentiert den Me­
chanismus des Apparats und was wir aufnehmen, sind Bilder. Ihre
Funktionen sind nicht homogen, denn ein reales Bild und ein virtuelles
Bild sind nicht dasselbe. Die Instanzen, die Freud herausgearbeitet
hat, dürfen nicht für substantiell gehalten werden, für epiphänomenal
im Verhältnis zur Modifikation des Apparates selbst. Also durch ein
optisches Schema müssen die Instanzen interpretiert werden. Eine
Konzeption, auf die Freud vielfach hingewiesen hat, aber die er nie ma­
terialisiert hat.
Sie sehen links den Konkavspiegel, auf dem sich das Phänomen des
umgekehrten Blumenstraußes herstellt, den ich hier, weil es bequemer
ist, in das der umgekehrten Vase verwandelt habe. Die Vase ist in dem
Kasten, der Strauß darauf.
Die Vase wird durch das Spiel der Strahlenreflexion in einem realen,
und nicht einem virtuellen, Bild reproduziert, a u f das sich das Auge
einstellen kann. W enn sich das Auge auf die Höhe der Blumen einstellt,
die wir aufgestellt haben, wird es das reale Bild der Vase sehen, wie sie
den Strauß umgibt und ihm Stil und Einheit verleiht — Reflex der
Einheit des Körpers.
Damit das Bild eine gewisse Konsistenz hat, m uß es wirklich ein Bild
sein. Wie wird das Bild in der O ptik definiert? — jedem Punkt des Ob­
jekts muß ein Punkt des Bildes korrespondieren und alle von einem
Punkte ausgehenden Strahlen müssen sich irgendwo in einem einzigen
Punkt schneiden. Ein optischer A pparat definiert sich durch die bloße
160
Konvergenz eindeutiger oder zweieindeutiger Strahlen — wie man in
der Axiomatik sagt.
Wenn der konkave Apparat hier steht, wo ich bin, und der kleine Auf­
bau für dies Gaukelspiel vor dem Tisch, kann das Bild nicht mit zurei-
143 ehender Deutlichkeit gesehen werden, um die Illusion von Realität,
eine reale Illusion zu erzeugen. Sie müssen in einem bestimmten
Winkel plaziert sein. Zweifellos könnten wir nach den verschiedenen
Stellungen des Auges, das betrachtet, eine bestimmte Anzahl von
Fällen unterscheiden, die uns vielleicht erlauben würden, die verschie­
denen Stellungen des Subjekts zur Realität zu begreifen.
Gewiß, ein Subjekt ist kein Auge, ich habe Ihnen das gesagt. Doch die­
ses Modell läßt sich anwenden, weil wir uns beim Imaginären aufhal­
ten, wo das Auge eine große Bedeutung hat.
Jem and hat die Frage der zwei Narzißmen eingeführt. Sie merken ganz
richtig, daß es sich eben darum handelt — um die Beziehung zwischen
Realitätskonstitution und dem Bezug zur Körperform, den Mannoni
mehr oder weniger angemessen ontologisch genannt hat.
Nehmen wir vorerst den Konkavspiegel noch einmal vor, auf den wir,
ich habe Sie daraufhingewiesen, wahrscheinlich alle möglichen Dinge
projizieren können, die organische Bedeutung haben, und insbesonde­
re den Kortex. Doch substantifizieren wir nicht zu schnell, denn es han­
delt sich hier nicht, Sie werden es in der Folge besser sehen, um eine
schlichte Ausarbeitung der Theorie des kleinen-Menschen-der-im-
Menschen-steckt. Wäre ich dam it beschäftigt, den kleinen-Menschen-
der-im-Menschen-steckt wiederherzustellen, dann sehe ich nicht, war­
um ich ihn die ganze Zeit kritisiert haben sollte. Und wenn ich darauf
verzichte, dann weil es guten Grund gibt, daß ich darauf verzichte.
Das Auge nun, dies hypothetische Auge, von dem ich Ihnen gesprochen
habe, wollen wir irgendwo zwischen den Konkavspiegel und das O b­
jekt bringen.
Damit dies Auge die vollkommene Illusion der umgekehrten Vase ha­
be, das heißt dam it es sie unter optimalen Bedingungen sehe, genauso
144 gut als stünde sie am Saalende, ist nur eines vonnöten und ausrei­
chend — daß es zur M itte des Saals hin einen ebenen Spiegel gebe.
Mit anderen Worten, wenn man in der Mitte des Saals einen Spiegel
aufstellte, würde ich, den Rücken zum Konkavspiegel gekehrt, das Bild
der Vase genauso gut sehen, wie wenn ich am Saalende stünde, auch
wenn ich es nicht direkt sehe. Was werde ich in dem Spiegel sehen? Er­
stens, meine eigene Gestalt dort, wo sie nicht ist. Zweitens, an einem
161
symmetrischen Punkt desjenigen Punktes, an dem das reale Bild steht,
werde ich dieses reale Bild als virtuelles erscheinen sehen. Kommen Sie
mit? Das ist nicht schwer zu verstehen, wenn Sie nach Hause kommen,
stellen Sie sich vor einen Spiegel, halten Sie die H and vor sich...

* \

> r'
Zwei Spiegel-Schema

Dies kleine Schema ist nur eine sehr einfache Bearbeitung dessen, was
ich Ihnen seit Jahren mit dem Spiegelstadium zu erklären versuche.
Eben sprach Mannoni von den zwei Narzißmen. Es gibt, in der Tat, zu­
erst einen Narzißmus, der sich auf das Körperbild bezieht. Dies Bild ist
identisch fur die Gesamtheit der M echanismen des Subjekts und gibt
seiner Umwelt *seine Form, sofern es Mensch ist und nicht Pferd. Es bil­
det die Einheit des Subjekts, und wir sehen es sich auf tausenderlei Wei­
se projizieren, bis zu dem, was man die imaginäre Quelle der Symbolik
nennen kann, die das ist, wodurch sich die Symbolik a u f das Selbstge-
fiihl * bezieht, das der Mensch * von seinem eigenen K örper hat.
Dieser erste Narzißmus siedelt sich, wenn Sie so wollen, au f der Ebene
des realen Bildes in meinem Schema an, sofern es erlaubt, die Gesamt­
heit der Realität in einer bestimmten Zahl präform ierter Rahm en zu
organisieren.
Dies Funktionieren ist, wohlgemerkt, bei Mensch und T ier vollkom­
men verschieden, denn das Tier ist einer einförmigen Umwelt * ange­
paßt. Es gibt bei ihm bestimmte vorgeprägte Korrespondenzen zwi-
162
sehen seiner imaginären Struktur und dem, was es in seiner Umwelt *
interessiert, das heißt was für die Fortpflanzung der Individuen wichtig
ist, die ihrerseits eine Funktion der typischen Fortpflanzung der Gat­
tung sind. Beim Menschen dagegen stellt die Reflexion im Spiegel eine
ursprüngliche noetische Möglichkeit dar und fuhrt einen zweiten Nar-
zißmus ein. Sein grundlegendes pattem ist sogleich die Beziehung zum
andern.
Der andere hat für den Menschen verhaftenden Charakter, vermöge
der Antizipation, die das einheitliche Bild repräsentiert, wie es, sei’s im
Spiegel, sei’s in jeder Realität von Seinesgleichen, wahrgenommen
wird.
Der andre, das alter ego, vermischt sich mehr oder weniger, je nach den
Etappen des Lebens, mit dem Ick-Ideal *, das in Freuds Aufsatz dau­
ernd beschworen wird. Die narzißtische Identifizierung — das Wort
Identifizierung ist, unbestimmt, unbrauchbar— diejenige des zweiten
Narzißmus, ist die Identifizierung mit dem andern, der, im Normalfall,
dem Menschen erlaubt, seinen imaginären und libidinösen Bezug zur
Welt überhaupt präzis zu situieren. Sie erlaubt ihm, an seinem O rt sein
Sein zu sehen und es als Funktion dieses Ortes und seiner Welt zu struk­
turieren. M annoni hat eben ontologisch gesagt, einverstanden. Ich wür-
14$ de, genau, sagen — sein libidinöses Sein. Das Subjekt sieht sein Sein in
einer Reflexion im Bezug auf den andern, das heißt im Bezug auf das
Ich-Ideal *.
Sie sehen hier, daß es nötig ist, zwischen den Funktionen des Ich zu un­
terscheiden — einerseits spielen sie für den Menschen wie fur alle Lebe­
wesen eine fundamentale Rolle in der Strukturierung der Realität —
andrerseits müssen sie beim Menschen jene fundamentale Entfrem­
dung durchlaufen, die das reflektierte Bild seines Selbst, das das Ut-
Ich * ist, bewirkt, die ursprüngliche Form des Ich-Ideals * wie der Bezie­
hung zum andern.
Ist Ihnen das klar genug? Ich habe Ihnen schon ein erstes Element des
Schemas gegeben, ich gebe Ihnen heute ein weiteres— die reflexive Be­
ziehung zum andern. Sie werden sogleich sehen, wozu das dient, dies
Schema. Sie werden wohl glauben, daß es nicht aus Spaß an lustigen
Konstruktionen ist, daß ich es Ihnen vorgestellt habe. Es wird äußerst
nützlich sein, nämlich Ihnen erlauben, fast alle konkreten klinischen
Fragen einzuordnen, die die Funktion des Imaginären stellt, und ganz
besonders nützlich bei jenen Libido-Besetzungen, wo man am Ende,
wenn man sie behandeln soll, nicht mehr versteht, was sie bedeuten.
163
Antwort auf einen Beitrag von Doktor Granoff über die A nwendung des optischen
Schemas auf den Zustand der Verliebtheit.

Die strenge Äquivalenz von Objekt und Ich-Ideal in der Liebesbezie­


hung ist einer der fundamentalsten Begriffe in Freuds Werk, und man
begegnet ihr auf Schritt und Tritt. Das geliebte Objekt ist in der Lie-
bes-Besetzung, durch die Fesselung, die sie am Subjekt vollzieht, dem
Ich-Ideal streng äquivalent. Aus diesem G rund gibt es in der Sugge­
stion, in der Hypnose jene überaus wichtige ökonomische Funktion, die
der Zustand der Abhängigkeit darstellt, eine wahrhafte Perversion der
Realität durch die Faszination am geliebten Objekt und seine Über­
schätzung. Sie kennen diese Psychologie des Liebeslebens, die schon
von Freud so fein entwickelt worden ist. Daran haben wir ein wichtiges
Stück, so groß, wie Sie sehen, daß wir es noch heute kaum in den Griff
bekommen. Aber davon gibt es welche in allen Schattierungen zu dem,
was er Objektwahl nennt.
Nun, Sie können den Widerspruch nicht übersehen, der sich zwischen
diesem Begriff von Liebe und gewissen mythischen Konzeptionen der
Libido-Askese in der Psychoanalyse auftut. M an gibt als Realisierung
der affektiven Reife ich weiß nicht welche Fusion, Kommunion, zwi­
schen Genitalität und der Konstitution des Realen aus. Ich sage nicht,
daß an der Konstitution der R ealität nicht etwas Wesentliches dran
wäre, aber noch m uß man verstehen, wie es dazu kommt. Denn entwe­
der oder — entweder ist die Liebe das, was Freud beschreibt, in ihrem
Grunde imaginäre Funktion, oder aber sie ist G rund und Basis der
Welt. So wie es zwei Narzißmen gibt, so m uß es zwei Lieben geben, U6
Eros und Agape.

Antwort auf eine Frage von Doktor Leclaire über die Aquivokationen zwischen
Ich-Ideal und Ideal-Ich in dem Text von Freud.

Wir sind hier in einem Seminar, wir verkünden nicht ex cathedra eine
Lehre. W ir suchen uns zu orientieren und den größtmöglichen Nutzen
aus einem Text und vor allem aus einem Denken in Entwicklung zu
ziehen.
Gott weiß, wie die andern, und darunter die besten, A braham und Fe-
renczi einbegriffen, versucht haben, m it der Ich-Entwicklung und ih­
rer Beziehung zur Entwicklung der Libido zurechtzukommen. Diese
Frage ist der Gegenstand des letzten Aufsatzes aus der Schule von New
164
York, aber bleiben wir dam it auf der Ebene von Ferenczi und Abra­
ham.
Freud stützt sich auf einen Aufsatz von Ferenczi über den Wirklich­
keitssinn, der 1913 veröffentlicht wurde. Das ist sehr dürftig. Ferenczi
ist derjenige, der angefangen hat, aller Welt die berühmten Stadien in
den Kopf zu setzen. Freud bezieht sich darauf. Wir sind zu diesem Zeit­
punkt erst bei den allerersten theoretischen Versuchen, die Konstitu­
tion des Realen zu artikulieren, und es ist fur Freud eine ziemlich große
Hilfe, darauf eine Antwort bekommen zu haben. Ferenczi hat ihm da
etwas geliefert und dessen bedient er sich.
Der besagte Aufsatz hat einen entscheidenden Einfluß ausgeübt. Das
ist wie das Verdrängte, das ein um so größeres Gewicht hat, weil man es
nicht kennt. Genauso, wenn ein Typ irgendwelchen Blödsinn geschrie­
ben hat, dann hat der noch längst nicht deshalb keine Auswirkungen,
weil niemand ihn gelesen hat. Denn, ohne ihn gelesen zu haben, wie­
derholt ihn alle Welt. Auf diese Weise gibt es weitverbreitete Dumm­
heiten, die mit der Verwirrung von Ebenen spielen, auf die die Leute
nicht achten. So ist die erste analytische Theorie der Konstitution des
Realen von zu jener Zeit herrschenden Ideen durchdrungen, die sich
über die Entwicklungsstufen des menschlichen Geistes in mehr oder
weniger mythischen Begriffen ausdrücken. Überall, auch bei Jung,
spukt die Idee herum, daß der menschliche Geist in den allerletzten
Zeiten entscheidende Fortschritte gemacht habe und daß man sich
vorher noch in prälogischer Verwirrung befand — als wäre es nicht
klar, daß es keine strukturelle Differenz zwischen dem Denken des
Herrn Aristoteles und dem einiger anderer gibt. Diese Vorstellungen
fuhren die Kraft der Verworrenheit mit sich und streuen ihr Gift aus.
M an sieht das gut an der Scham, die Freud selber bezeugt, als er sich
auf den Aufsatz von Ferenczi bezieht.
Wenn man von den Primitiven spricht, den sogenannten Primitiven,
und den Geisteskranken, das geht sehr gut. Doch wo sich der Gesichts­
punkt der Entwicklung kompliziert, das ist bei den Kindern. Und da ist
Freud gezwungen zu sagen, daß die Entwicklung weit entfernt ist, so
transparent zu sein.
147 Vielleicht wäre es tatsächlich besser, sich in diesem Punkt nicht auf
falsch entwicklungsgeschichtliche Begriffe zu beziehen. Ohne Zweifel
hat nicht an dieser Stelle die, übrigens fruchtbare, Idee der Evolution
ihren Platz. Es geht vielmehr darum, die strukurellen Mechanismen zu
klären, die in unsrer analytischen Erfahrung, um Erwachsene zentriert,
165
cine Rolle spielen. Rückwirkend kann m an, auf hypothetische und
mehr oder weniger kontrollierbare Weise, das aufklären, was sich bei
den Kindern tun könnte.
Indem wir diesem strukturellen Gesichtspunkt folgen, sind wir ganz
auf der Linie von Freud, denn der ist es, zu dem er gelangt. Die letzte
Entwicklung seiner Theorie hat sich von den analogischen, entwick­
lungsgeschichtlichen Ausflügen entfernt, die auf einem künstlichen
Gebrauch bestimmter Losungen beruhten. In W ahrheit ist das, worauf
Freud immer insistiert, genau das Gegenteil, das heißt die Erhaltung
dessen, was man als verschiedene Etappen ansehen kann, au f allen Stu­
fen.
Wir werden beim nächsten Mal versuchen, einen weiteren Schritt zu
tun. Sehen Sie all das als Ansätze, Köder an. Sie werden die enge Bezie­
hung zu dem Phänomen der imaginären Ü bertragung noch sehen.

24. M ärz 1954

166
149 XI
IC H -ID E A L U N D ID E A L -IC H

Freudy Zeilefür Zeile


Köder der Sexualität
Die symbolische Beziehung definiert die Stellung des Subjekts
im Imaginären

Leclaire, der für uns den schwierigen Text Zur Einführung des Narzißmus
durchgearbeitet hat, wird heute seine Überlegungen und Fragen fort­
setzen. Nehmen Sie den zweiten Teil vor und versuchen Sie, viel zu zu
tieren.

D r. L e c la ire : — Das ist ein Text, der sich nicht resümieren läßt. Man müßte
ihnfast vollständig zitieren. Der erste Teilformuliert den grundlegenden Unter­
schied der Libidoy mit Argumenten, auf die Sie ihre Überlegungen überdas Keim­
plasma aufgebaut haben. Im zweiten Teil sagt uns Freud, daß zweifellos das Stu­
dium der Dementia praecox, dessen, was er die Gruppe der Paraphrenien nennt, der
beste Zugang zum Studium der Ich-Psychologie bleibt. Aber nicht sie ist es, mit
deren Untersuchung erfortfährt. Erzeigt uns mehrere andere Wege, die zu Refle­
xionen über die Psychologie des Ich führen können. Er geht aus vom Einfluß der
organischen Krankheiten auf die Libidoverteilung, was als eine hervorragende
Einführung in die psychosomatische Medizin gelten kann. Er bezieht sich aufein
Gespräch, das er mit Ferenczi über diesen Gegenstand hatte, und geht von der Be­
merkungaus, daß im Lauf einer Krankheit, eines Leidens, der Kranke seine libidi­
nose Besetzung auf sein Ich zurückzieht, um sie nach seiner Genesung wiederfrei­
zusetzen. Erfindet, das sei eine banale Erwägung, die abergleichwohl eine Unter­
suchungfordert. Während der Phase, in der er seine Libidobesetzung von den Ob­
jekten zurückzieht, werden Libido und Ich-Interesse wieder miteinander vermischt,
haben wieder das gleiche Schicksal und sind voneinander nicht unterscheidbar.

iso Kennen Sie Wilhelm Busch? Das ist ein Humorist, von dem Sie ge­
nährt sein sollten. Es gibt von ihm eine unvergeßliche Schöpfung, die
sich Balduin Bählamm nennt, der verhinderte Poet. Die Zahnschmerzen,
167
die er bekommt, lösen alle seine idealistischen und piatonisierenden
Träumereien und auch seine verliebten Gedanken auf. Er vergißt den
Börsenkurs, die Steuern, die Rechentafel usw. Alle gewohnten Lebens­
formen sind mit einem Schlag ohne Interesse, vernichtet. Und nun
wohnt, in dem kleinen Loch, der Backenzahn. Die symbolische Welt
der Börsenkurse und der Rechentafel wird gänzlich in den Schmerz
investiert.

Dr. L eclaire: — Freud wendet sich sodann einem andern Punkt zu, dem Schlaf-
zustand, in dem es ebenfalls ein narzißtisches Zurückziehen der Libidopositionen
gibt. Er kommt anschließend auf die Hypochondrie in ihren Unterschieden und
Gemeinsamkeiten mit der organischen Krankheit zu sprechen. Dabei kommt er zu
der Auffassung, daß die Differenz zwischen beiden, die vielleicht ohne Bedeutung
ist, in der Existenz einer Organbeschädigung liegt. Die Untersuchung der Hypo­
chondrie und der organischen Krankheiten erlaubt ihm vor allem zu präzisieren,
daß sich ohne Zweifel auch beim Hypochonder Organveränderungen, vaso-motori-
sche Störungen, Kreislaufstörungen bilden, und er entwickelt eine Ähnlichkeit
zwischen der Erregung eines beliebigen Körperteils und der sexuellen Erregung. Er
fuhrt den Begriff Erogenität ein, erogene Zonen, die, so sagt er, das Genital
vertreten und sich ihm analog verhalten, das heißt, der Sitz von Erregungs- und
Entspannungserscheinungen sein können. Und er sagt uns, daßjede Änderung die­
ses Typs von Erogenität in einem Organ einer Veränderung der Libidobesetzung im
Ich parallel sein könne. Was noch einmal das Problem des Psychosomatischen
stellt. Jedenfalls kommt er anschließend an die Untersuchung der Erogenität und
der Möglichkeiten einer Erogenisierung beliebiger Körperteile zu der Annahme,
daß die Hypochondrie klassifiziert werden könne in solche Neurosen, die von der
Ich-Libido abhängen, und solche Aktualneurosen, die von der Objekt-Libido ab-
hängen. Ich hatte den Eindruck, daß diese Passage, die innerhalb des zweiten
Teils eine Art Abschnitt bildet, weniger wichtig ist als der zweite Abschnitt des
zweiten Teils, in dem er die zwei Typen der Objektwahl definiert.

Die wesentliche Bemerkung von Freud ist diese, daß es nahezu gleich­
gültig ist, ob sich eine Libidoverarbeitung — Sie wissen, wie schwie­
rig es ist, Verarbeitung* zu übersetzen, und élaboration trifft es nicht
ganz — ob sie sich an realen oder an imaginären Objekten bildet. Die
Differenz erscheint erst später, wenn die R ichtung der Libido auf
irreale Objekte geht. Das führt zu einer Stauung* der Libido, was uns
in den imaginären Charakter des Ego einfuhrt, da es um seine Libido
sich handelt.
168
Ο. Μ αννονι: — Dieses deutsche Wort soll die Konstruktion eines Damms be-
deuten,. Es sieht so aus, als hätte es einen dynamischen Sinn, und bedeutet zugleich
ist auch Hebung des Niveaus undfolglich eine zusehends größere Energie der Libido,
was im Englischen ganz gut durch damming wiedergegeben wird.

Damming up, sogar. Freud zitiert beiläufig vier Verse von Heinrich Hei­
ne aus den Schöpfungsliedem * die in der Sammlung der Lieder *6stehen.
Das ist eine sehr merkwürdige kleine Gruppe von sieben Gedichten,
durch deren Ironie, Hum or vieles von dem erscheint, was die Psycholo­
gie der Bildung * berührt. Freud stellt sich die Frage, warum der
Mensch aus dem Narzißmus heraustritt. Warum ist der Mensch unbe­
friedigt? An dieser wahrhaft heiklen Stelle seiner wissenschaftlichen
Beweisführung gibt uns Freud die Verse von Heine. Es ist Gott, der
spricht, und er sagt —
Krankheit ist wohl der letzte Grund
Des ganzen Schöpferdrangs gewesen:
Erschaffend konnte ich genesen,
Erschaffend wurde ich gesund.

D r. L e c la ire : — Das heißt, daß diese innere Arbeit, fur die die realen und die
imaginären Objekte äquivalent sind. ..

Freud sagt nicht, daß das äquivalent ist. Er sagt, daß es an dem Punkte,
an dem wir in der Formierung der Außenwelt stehen, gleichgültig ist,
sie als real oder als imaginär anzusehen. Die Differenz erscheint erst
hinterher, in dem Augenblick, wo die Stauung ihre Wirkungen zeitigt.

D r. L e c la ire : — Ich komme damit also zum zweiten Unterkapitel des zweiten
Teils, wo Freud uns sagt, daß ein weiterer wichtiger Punkt der Erforschung des
Narzißmus in der A nalyse der Formverschiedenheit des Liebeslebens bei Mann und
Frau liegt. Er kommt dabei zur Unterscheidung von zwei Typen der Objektwahl,
die man mit anaklitisch und narzißtisch übersetzen kann, und er untersucht ihre
Genese. Er kommt dabei zu diesem Satz — W ir sagen, der Mensch habe zwei
ursprüngliche Sexualobjekte: sich selbst und das pflegende Weib. Da­
von könnte man ausgehen.

Sich selbst, das heißt sein Bild. Das ist vollkommen klar.

169
D r. L eclaire : — Er detailliert etwas früher die Genese, die Form selbst jener
Wahl. Er konstatiert, daß die ersten sexuellen autoerotischen Befriedigungserleb­
nisse eine Funktion in der Selbsterhaltung haben. Sodann konstatiert er, daß die
Sexualtriebe sich zunächst an die Befriedigung der Ich-Triebe anlehnen und erst
später autonom werden. So liebt das Kind zunächst dasjenige Objekt, das seine
Ich-Triebe befriedigt, das heißt die Person, die sich mit ihm befaßt. Schließlich
kommt er zur Definition des narzißtischen Typs der Objektwahl, der, so sagt er, bei
denjenigen besonders ausgeprägt ist, deren Libidoentwicklung eine Störung erfah­
ren hat.

Das heißt bei den Neurotikern.

D r. L e c la ire : — Diese beiden grundlegenden Typen entsprechen— das hatteer im


uns angekündigt — den beiden grundlegenden Typen männlich und weiblich.

Die beiden Typen — der narzißtische und der Anlehnungstypus *.

D r. L eclaire: — Anlehnung * hat die Bedeutung von Stütze.

Der Begriff der A nlehnung * ist nicht ohne Beziehung zu dem seither ent­
wickelten Begriff der Abhängigkeit. Aber es ist ein weiterer und reiche­
rer Begriff. Freud stellt eine Liste von verschiedenen Typen der Liebes-
fixierung zusammen, die jede Verbindung zu dem , was m an eine reife
Beziehung— diesen Mythos der Psychoanalyse— nennen könnte, aus­
schließt. Es gibt im Felde der Liebesfixierung, der Verliebtheit *, zu­
nächst den narzißtischen Typus. E r wird dadurch fixiert, daß man
liebt — erstens, was man selbst ist, das heißt, Freud präzisiert es in
Parenthese, sich selbst — zweitens, was m an gewesen ist — drittens,
was man sein möchte — viertens, die Person, die ein Teil des eigenen
Selbst war. Das ist der Narzißmustypus *.
Der Anlehnungstypus * ist nicht weniger imaginär, denn auch er ist auf
eine Umkehrung der Identifikation gegründet. Das Subjekt orientiert
sich dabei an einer ursprünglichen Situation. Was es liebt, ist die Frau,
die nährt, und der M ann, der schützt.

D r. L eclaire: — An dieser Stelle trägt Freud eine Reihe von Erwägungen vor,
die als indirekte Bestätigungen der Auffassung des primären Narzißmus des Kin­
desgelten körmen, und erfaßt dabei— das ist sehr amüsant — wesentlich die Art
und Weise ins Auge, in der die Eltern ihr Kind sehen.
170
Es handelt sich da um die Verführung, die der Narzißmus ausübt«
Freud verweist auf das für jedes menschliche Wesen Faszinierende und
Befriedigende der W ahrnehmung eines Wesens, das die Charakteristi­
ka einer solchen geschlossenen, in sich gerundeten, befriedigten, vollen
Welt aufweist, die der narzißtische Typus darstellt. Er setzt es in die
Nähe der souveränen Verführung, die ein schönes Tier ausübt.

D r. L e c la ire : — Er sagt — His Majesty the Baby. Das Kind ist das, was
seine Eltern aus ihm machen, sofern sie auf es das Ideal projizieren. Freud präzi­
siert, daß er die Störungen des primären Narzißmus des Kindes beiseite läßt, auch
wenn es sich dabei um einen sehr wichtigen Gegenstand handelt, da sich daran die
Frage des Kastrationskomplexes knüpft. A us diesem Umstand zieht er seinen Nut­
zen, um den Begriffdes «männlichen Protests* bei Adler besser situieren, anseinen
richtigen Platz stellen zu können...

... der gleichwohl nicht gering ist.

153 D r. L e c la ire : — ... ja, der sehr wichtig ist, aber den er mit denfrühen Störun­
gen des primären Narzißmus verknüpft. Damit kommen wir zu derfolgenden wich­
tigen Frage— was wird aus der Ich-Libido beim normalen Erwachsenen?Müssen
wir annehmen, daß sie sich vollkommen in die Objektbesetzungen gemischt hat?
Freud weist diese Hypothese zurück und erinnert daran, daß die Verdrängung mit
einer, alles in allem, normalisierenden Funktion existiert. Die Verdrängung, so
sagt er, und das ist das Wesentliche an seiner Darstellung, geht vom Ich, unter
dem Druck seiner ethischen und kulturellen Anforderungen aus. Die­
selben Eindrücke, Erlebnisse, Impulse, Wunschregungen, welche der
eine Mensch in sich gewähren läßt oder wenigstens bewußt verarbeitet,
werden vom anderen in voller Empörung zurückgewiesen oder bereits
vor ihrem Bewußtwerden erstickt. Es gibt darin einen Unterschied im Ver­
halten der Individuen, der Personen. Freud sucht diesen Unterschiedfolgenderma­
ßen zu formulieren — W ir können sagen, der eine habe ein Ideal in sich
aufgerichtet, an welchem er sein aktuelles Ich mißt, während dem an­
deren eine solche Idealbildung abgehe. Die Idealbildung wäre von sei­
ten des Ich die Bedingung der Verdrängung, Diesem Ideal-Ich gilt nun
die Selbstliebe, welche in der Kindheit das wahrhafte Ich (le veritable
moi) genoß. Und erfahrt fort...

Das ist nicht das wahrhafte Ich, das ist das reale, das wirkliche Ich *

171
Der Textfahrtfort— Der Narzißmus erscheint a u f dieses neue ideale Ich
verschoben, welches sich wie das infantile im Besitz aller wertvollen
Vollkommenheiten befindet. Der Mensch hat sich hier, wie jedesmal
auf dem Gebiete der Libido, unfähig erwiesen, au f die einmal genosse­
ne Befriedigung zu verzichten. Freudgebraucht zum erstenmal den Terminus
Ideal-Ich in dem Satz— Diesem Ideal-Ich gilt nun die Selbstliebe, welche
in der Kindheit das wirkliche Ich genoß. Aber er sagt anschließend — Er
will die narzißtische Vollkommenheit seiner K indheit nicht entbeh­
ren, und (...) sucht sie in der neuen Form des Ich-Ideals wieder zu ge­
winnen. Hierfigurieren also die zwei Termini Ideal-Ich und Ich-ldeai

Wenn man von der Strenge der Freudschen Schrift ausgeht, ist eines
der Rätsel dieses Textes, das Leclaire sehr gut hervorgehoben hat, der
Umstand, daß beide Begriffe, im selben Paragraphen, nebeneinander­
stehen.

D r. L e c la ir e : — Es ist amüsant zu bemerken, daß das Wort Formfür das Wort


Ich substituiert wird.

Ganz genau. Und Freud gebraucht hier Ich-Ideal * was dem Ideal-Ich *
genau symmetrisch und entgegengesetzt ist. Das ist das Zeichen dafür,
daß Freud hier zwei verschiedene Funktionen bezeichnet. Was hat das
zu bedeuten? W ir werden sogleich versuchen, das zu präzisieren.

D r. L e c la ire : — Was mir auffallt ist, daß in dem Augenblick, wo er den Ter- im
minus Ideal-Ich dem Ich-Ideal substituiert, er dem Ich-Ideal vorausgehen
läßt — neue Form.

Sicher.

D r. L e c la ir e : — Die neue Form seines Ich-Ideals ist das, was er als sein Ideal
vor sich hinprojiziert.

Der folgende Abschnitt klärt diese Schwierigkeit auf. Zum einzigen


Mal, die Ausnahme in seinem Werk, setzt Freud die i-Tüpfelchen bei
der Differenz zwischen Sublimierung und Idealisierung. Fahren Sie
fort.

D r. L e c la ir e : — Freud hat also die Existenz des Ideal-Ich gesetzt, das er in der
172
Folge Ideal-Ich oder Form des Ideal-Ich nennt. Er sagt, daß von da aus die Bezie­
hungen dieser Idealbildung zur Sublimierung zu untersuchen, nur eines Schrittes
bedarf. Die Sublimierung ist ein Prozeß an der Objektlibido. Die Idealisierung
dagegen ist ein Vorgang mit dem Objekt, das so ohne Änderung seiner Natur ver­
größert und psychisch erhöht wird. Die Idealisierung ist sowohl auf dem Gebiete
der Ich-Libido wie auch der Objektlibido möglich.

Das heißt, daß Freud, einmal mehr, die beiden Libidoformen auf der­
selben Ebene lokalisiert.

D r. L e c la ire : — Die Ich-Idealbildung kann mit einer mißlungenen Sublimie­


rung Zusammengehen. Die Idealbildung steigert die Anforderungen des Ich und ist
die stärkste Begünstigung der Verdrängung.

Das eine liegt auf der Ebene des Imaginären und das andere auf der
Ebene des Symbolischen — sofern die Forderung des lch-ldeals * ihren
Platz in der Gesamtheit der Forderungen des Gesetzes einnimmt.

D r. L e c la ire : — Die Sublimierung eröffnet also den Umweg zur Befriedigung


dieser Forderung, ohne die Verdrängung nach sich zu ziehen.

Es handelt sich um die gelungene Verdrängung.

D r. L eclaire : — Darüber schreibt er am Ende dieses kurzen A bschnittes, der die


Beziehungen des Ich-Ideals und der Sublimierung behandelt. Es wäre nicht zu
verwundern, sagt er anschließend, wenn wir eine besondere psychische
Instanz auflinden sollten, welche die Aufgabe erfüllt, über die Siche-
155 rung der narzißtischen Befriedigung aus dem Ich-Ideal zu wachen, und
in dieser Absicht das aktuelle Ich unausgesetzt beobachtet und am
Ideal mißt. Diese Hypothese einer besonderen psychischen Instanz, die eine
Wach- und Schutzfunktion zu erfüllen hat, fuhrt uns in der Folge zum Über-Ich.
Und Freud stützt seine Darstellung aufdas Beispiel eines Falls von Psychose, wo,
wie er sagt, diese Instanz im Beeinflussungssyndrom besonders sichtbar ist. Bevor
er von diesem Beeinflussungssyndrom spricht, stellt er klar, daß, wenn eine derarti­
ge Instanz existiert, wir sie nicht entdecken, sondern als solche nur vermuten kön­
nen. Es erscheint mir außerordentlich wichtig, daß er in dieser ersten Form einer
Einführung des Über-Ich sagt, diese Instanz existiere nicht, man könne sie nicht
entdecken, man könne sie nur vermuten. Erfugt hinzu, daß das, was wir unser Ge­
wissen nennen, diese Funktion, diese Charakteristik erfüllt. Die paranoische Sym-
173
ptomatologie wird durch die Anerkennung dieser Instanz erklärt. Die Kranken die­
ses Typs klagen darüber, daß man sie überwacht, daß sie Stimmen hören, daß man
ihre Gedanken kennt, daß man sie beobachtet. Sie haben recht, sagt Freud, diese
Klage hat recht. Eine solche M acht, die alle unsere Absichten beobach­
tet, erfährt und kritisiert, besteht wirklich, und zwar bei uns allen im
normalen Leben. Man findet dann...

Das entspricht nicht ganz dem Sinn. Freud sagt, d aß wenn eine solche
Instanz existiert, es nicht möglich ist, daß sie etwas sei, was wir noch
nicht entdeckt hätten. Denn er identifiziert sie m it der Zensur, die Bei­
spiele, die er wählt, zeigen das. Er findet diese Instanz im Beeinflus­
sungswahn wieder, wo sie sich mit dem vermengt, was die Akte des
Subjekts kommandiert. Er erkennt es sodann in dem wieder, was von
Silberer als das funktionelle Phänomen definiert worden ist. Nach Sil-
berer spielt die innere W ahrnehmung seiner eigenen Zustände, seiner
mentalen Mechanismen im Sinne von Funktionen, durch das Subjekt
selbst, in dem Augenblick, wo es in den T raum hinübergleitet, eine for­
mative Rolle. Der Traum gebe von dieser W ahrnehm ung eine symboli­
sche Umsetzung in dem Sinne, daß symbolisch einfach bildlich meint.
Man sehe hier eine spontane Form der V erdoppelung des Subjekts.
Freud hat gegenüber dieser Konzeption von Silberer immer eine ambi­
valente Haltung eingenommen, indem er sagte, d aß dieses Phänomen
sehr wichtig sei, und zugleich trotzdem sekundär gegenüber der Dar­
stellung des Begehrens im Traum. Vielleicht, so präzisiert er irgendwo,
liegt das daran, daß dies Phänomen in seinen eigenen Träum en nicht
die Bedeutung hat, die es bei anderen Personen haben kann. Diese
Wachsamkeit des Ich, die Freud hervorhebt, die im T raum dauernd
gegenwärtig ist, ist der W ächter des Schlafs, der wie am Rande der
Traumaktivität situiert und sehr häufig, auch er, in der Lage ist, sie zu
kommentieren. Diese résiduelle Teilnahm e des Ich ist, wie alle Instan­
zen, von denen Freud an dieser Stelle unter dem Titel Zensur handelt,
eine Instanz, die spricht, das heißt eine symbolische Instanz.

D r.L eclaire: — Anschließend gibt es eine Art Versuch einer Synthese, wodie
Diskussion des Selbstgejuhls beim Normalen und beim Neurotischen angegangen
wird. Das Selbstgefühl hat drei Ursprünge, nämlich — die primäre narzißtische
Befriedigung, das Kriterium des Erfolgs, das heißt die Befriedigung des All­
machtsbegehrens, und die von den Liebesobjekten empfangene Zuwendung. Das
sind die drei Wurzeln, die Freud vom Selbstgejuhl festzuhalten scheint. Es ist
174
nicht nötig, glaube ich, hier in eine detaillierte Diskussion einzutreten. Ich würde
es vorziehen, auf die erste der ergänzenden Bemerkungen zurückzukommen. Folgen­
des scheint mir außerordentlich wichtig — Die Entwicklung des Ich besteht
in einer Entfernung vom primären Narzißmus und erzeugt ein intensiv
ves Streben, diesen wieder zu gewinnen. Diese Entfernung geschieht
vermittels der Libidoverschiebung auf ein von außen aufgenötigtes
Ich-Ideal, die Befriedigung durch die Erfüllung dieses Ideals. Das Ich
durchläuft also eine Art Entfernung, einen terminus medius, der das Ideal ist, und
kehrt sodann in seine primitive Position zurück. Das ist eine Bewegung, die mir
das Bild der Entwicklung selbst zu sein scheint.

O. M annoni: — Die Strukturierung.

Ja, die Strukturierung, das ist sehr richtig.

D r. L e c la ir e :— Diese Libidoverschiebung aufein Ideal erfordert eine Präzisie­


rung, denn, aus zwei Dingen eins — entweder geht diese Libidoverschiebung ein­
mal mehr auf ein Bild, auf ein Bild des Ich, das heißt auf eine Form des Ich, die
man Ideal nennt, weil sie nicht derjenigen entspricht, die dort gegenwärtig gegeben
ist oder gegeben war — oder aber man nennt Ich-Ideal etwas, dasjenseits einer
Form des Ich ist, das im eigentlichen Sinne Ideal ist und das sich weiter der Idee,
der Form annähert.

Einverstanden.

D r. L e c la ire : — In diesem Sinne, so scheint mir, wird man des ganzen Reich­
tums dieses Satzes gewahr. Aber auch einer gewissen Zweideutigkeit, in dem Ma­
ße, wo, wenn man von Strukturierung spricht, man das Ich-Ideal als Form des Ich-
Ideals auffaßt. Aberdas wird im Text nicht präzisiert.

J. H yppolite : — Können Sie den Satz von Freud noch einmal lesen?

D r. L e c la ire : — Die Entwicklung des Ich besteht in einer Entfernung


(éloignement) vom primären Narzißmus und erzeugt ein intensives
Streben, diesen wieder zu gewinnen.

J. H yppolite : — Eloignement heißt Entfernung*?

Ja, das heißt genau Entfernung *


175
J. H yppolite : — Aber soll man das als Erzeugung des leh-Ideals verstehen? 157

D r. L e c la ire : — Nein. Vom Ich-Ideal spricht Freud vorher. Die Entfernung


geschieht in einer Libidoverschiebung auf ein von außen aufgenötigtes Ich-Ideal.
Und die Befriedigung resultiert aus der Erfüllung dieses Ideals. Offensichtlich ist
in dem Maße, in dem die Erßillung dieses Ideals...

J . H yppolite : — ..,, das unerfüllbar ist, weil es letzten Endes der Ursprung der
Transzendenz ist, destruktiv und anziehend.

D r. L e c la ire : — Das ist allerdings nicht explizit gesagt. Das erstemal spricht
er vom Ich-Ideal, um zu sagen, daß sich diesem idealen Ich nun die Selbstliebe zu­
wendet.

O. M annoni: — Alan hat nach meiner Meinung oft den Eindruck, daß man
mehrere Sprachen spricht. Ich glaube, man muß vielleicht unterscheiden zwischen
einer Entwicklung der Person und einer Strukturierung des Ich. Etwas von der Art
könnte uns erlauben, einanderzu verstehen, denn es ist doch ein Ich, das strukturiert,
aber in einem Wesen, das sich entwickelt.

Ja, wir sind bei der Strukturierung. Genau da, wo sich die ganze analy·
tische Erfahrung entwickelt, an der Fuge zwischen dem Imaginären
und dem Symbolischen. Eben hat Leclaire die Frage gestellt, welche
Funktion das Bild und welche Funktion das hat, was er Idee genannt
hat. Von der Idee wissen wir, daß sie nie ganz alleine lebt. Sie lebt mit
allen anderen Ideen, schon Platon hat uns das gelehrt.
Um ein wenig Klarheit darein zu bringen, lassen Sie uns anfangen, den
kleinen Apparat in Gang zu setzen, den ich Ihnen seit einigen Sitzun­
gen vorführe.

Fangen wir beim Tier an, einem Tier, das seinerseits ideal ist, das heißt
gelungen — das mißlungene ist dasjenige Tier, das wir haben einfan­
gen können. Dieses ideale Tier gibt uns eine Anschauung der Vollkom­
menheit, der Erfülltheit, weil es die perfekte Einfügung voraussetzt,
will heißen die Identität von Innenwelt * und Umwelt *. Das ist es, was
das Verführerische an dieser lebendigen Form ausm acht, die harmo­
nisch ihre Erscheinung entfaltet.
176
Was zeigt uns die Entwicklung des instinktiven Funktionterens in die­
ser Hinsicht? Das ist die außerordentliche Bedeutung des Bildes. Was
iss fungiert in der Einleitung des komplementären Verhaltens des männli­
chen und des weiblichen Stichlings? Gestalten *.
Vereinfachen wir und betrachten dieses Funktionieren nur in einem
gegebenen Augenblick. Das männliche oder weibliche Tiersubjekt ist
wie gefangen von einer Gestalt * Das Subjekt identifiziert sich buch­
stäblich mit dem Auslöserstimulus. Das Männchen ist in dem Zick­
zack-Tanz begriffen durch das Verhältnis, das sich zwischen ihm selbst
und dem Bild einstellt, das die Auslösung seines sexuellen Verhaltens­
zyklus kommandiert. Das Weibchen ist gleichfalls in einem reziproken
Tanz begriffen. Es ist das nicht allein die äußerliche Erscheinung von
etwas, das immer einen tänzerischen Charakter hat, den Charakter der
Gravitation zweier Körper. Das ist bis heute eines der am schwierigsten
zu lösenden Probleme in der Physik, aber es ist in der natürlichen Welt
durch das Paarungsverhältnis harmonisch realisiert. In diesem Augen­
blick findet sich das Subjekt vollkommen mit dem Bild identisch, das
die totale Auslösung eines bestimmten motorischen Verhaltens kom­
mandiert, das seinerseits, in einem bestimmten Stil, dasjenige Kom­
mando produziert und dem Partner übermittelt, welches ihn den ande­
ren Teil des Tanzes ausführen läßt.
Die natürliche Erscheinung dieser geschlossenen Zweierwelt gibt uns
das Bild der Konjunktion von Objektlibido und narzißtischer Libido.
In der T at ist die Bindung eines jeden Objekts an das andre aus der nar­
zißtischen Fixierung an dieses Bild gemacht, denn es ist dieses Bild,
und nur dieses, was er erwartet hat. Das ist das Fundament dieses Um­
stands, daß in der O rdnung der Lebewesen allein der Partner derselben
Gattung — man bemerkt es nie zur Genüge — jene spezielle Form, die
man das sexuelle Verhalten nennt, auslösen kann. Von einigen Aus­
nahmen abgesehen, die in jener Öffnung auf den Irrtum zu situieren
sind, die die Naturerscheinungen darstellen.
Sagen wir, daß in der Tierwelt der ganze Zyklus des sexuellen Verhal­
tens vom Imaginären beherrscht ist. Andrerseits sehen wir, daß sich im
sexuellen Verhalten die größte Verschiebungsmöglichkeit, und das
auch beim Tier, zeigt. W ir bedienen uns dieses Umstandes schon im
Experiment, wenn wir dem Tier einen Köder anbieten, ein falsches
Bild, einen männlichen Partner, der nur ein die Hauptcharakteristika
desselben tragender Schatten ist. Während derjenigen Erscheinungen
am Phänotyp, die sich bei zahlreichen Gattungen in dem biologischen
177
Moment herstellen, der das sexuelle Verhalten wachruft, genügt es,
diesen Köder zu präsentieren, um das Sexualgebaren auszulösen. Die
Verschiebungsmöglichkeit, die imaginäre Dimension, die illusorische,
ist allem, was zur O rdnung des sexuellen Verhaltens gehört, wesent­
lich.
Ist das beim Menschen, ja oder nein, ebenso? Jenes Bild, das könnte es
sein, jenes ldeal-lch * von dem wir eben gesprochen haben. Warum
nicht? Nichtsdestoweniger denkt man nicht daran, jenen Köder das
ldeal-lch *zu nennen. Wo sonst es lokalisieren? H ier offenbaren sich die
Vorteile meines kleinen Apparats.
Was leistet er? Ich habe Ihnen bereits das physikalische Phänomen des
realen Bildes erklärt, das vom sphärischen Spiegel produziert, an
seinem O rt gesehen werden, sich in die W elt der realen Objekte
eingliedern, gleichzeitig mit den realen Objekten aufgenommen wer­
den kann, will heißen diesen realen Objekten eine imaginäre Anord­
nung geben, das heißt sie einschließen, sie ausschließen, sie lokalisie­
ren, sie ergänzen kann.
Es ist das nichts anderes als das imaginäre Phänom en, das ich Ihnen
beim Tier im Detail gezeigt habe. Das Tier läßt ein reales Objekt mit
dem Bild, das in ihm ist, koinzidieren. U nd, mehr noch, ich würde sa­
gen, wie es in den Texten von Freud angedeutet ist, daß die Koinzidenz
des Bildes mit dem realen Objekt es stärkt, ihm Körper verleiht, Inkar­
nation. In diesem Moment lösen sich die Verhaltensweisen aus, die das
Subjekt zu seinem Objekt leiten werden, über die V erm ittlung des
Bildes.
Beim Menschen, geht derartiges auch bei ihm vor ?
Beim Menschen sind, wir wissen das, die Erscheinungen der sexuellen
Funktion durch eine eminente U nordnung charakterisiert. Es gibt da
nichts, was sich anpaßt. Das Bild, um das wir Psychoanalytiker uns
bewegen, präsentiert, ob es sich nun um Neurosen oder Perversionen
handelt, eine Art von Fragmentierung, von Zersplitterung, von Zer­
stückelung, von Unangepaßtheit, von Unangeglichenheit. Es gibt da
so etwas wie ein Versteckspiel zwischen dem Bild und seinem normalen
Objekt — wenn es so ist, daß wir das Ideal einer Norm im Funktionie­
ren der Sexualität übernehmen. Wie können wir uns von nun an den
Mechanismus vorstellen, durch den diese in U nordnung geratene Ima­
gination schließlich trotzdem dazu kommt, ihre Funktion zu erfüllen?
Ich versuche, einfache Begriffe zu verwenden, um Sie sicher in den Ge­
danken hineinzuführen. M an könnte kompliziertere verwenden. Aber
178
Sie sehen, daß genau das die Frage ist, die sich bestürzt die Analytiker
stellen und sich dabei vor aller Welt heftig den Kopf kratzen.
Nehmen Sie sich einen x-beliebigen Aufsatz vor, zum Beispiel den letz­
ten, den ich zu Ihrem Nutzen gelesen habe, von Michael Balint— des­
sen Besuch bei unsrer Gesellschaft ich Ihnen demnächst werde ankün­
digen können. Er stellt die Frage, was das Ende der Behandlung sei. In
der letzten Sitzung unsres Kreises in diesem Trimester möchte ich —
vielleicht werde ich es nicht, ich weiß es nicht, das hängt von meiner
Laune ab — möchte ich zu Ihnen von der Beendigung der Analyse
sprechen. Das ist ein Sprung, doch erlaubt ihn nicht unsre Untersu­
chung der Widerstandsmechanismen und der Übertragung?
Nun denn, was ist das Ende der Behandlung? Ist es dem Ende eines Na­
turprozesses analog? Die genitale Liebe — dieses den Analytikern ver­
heißene Eldorado und das wir, unklug genug, unsern Patienten verhei­
ßen — ist das ein Naturprozeß? Handelt es sich nicht im Gegenteil nur
um eine Reihe von kulturellen Approximationen, die nur in bestimm­
ten Fällen realisiert werden können? Die Analyse, ihre Beendigung,
wäre also von allen möglichen Arten von Kontingenzen abhängig?

---------------------r
Vereinfachtes Schema der zwei Spiegel

W orum handelt es sich? — wenn nicht darum, zu sehen, welche Funk­


tion der andere hat, der menschliche andere, in der Adäquation von
Imaginärem und Realem.
179
Hier finden wir das kleine Schema wieder. Ich habe ihm in der letzten
Sitzung eine Verbesserung hinzugefugt, die einen wesentlichen Teil
dessen ausmacht, was ich zu demonstrieren versuche. Das reale Bild
kann auf konsistente Weise nur in einem bestimmten Feld des realen
Raums des Apparates gesehen werden, in dem Feld vor dem Apparat,
der vom sphärischen Spiegel und dem umgekehrten Strauß gebildet
wird.
Wir haben das Subjekt am Rand des sphärischen Spiegels situiert.
Aber wir wissen, daß die Ansicht eines Bildes a u f dem ebenen Spiegel
demjenigen Bild des realen Objekts vollkommen äquivalent ist, das ein
Beschauer sehen würde, der jenseits vom Spiegel stünde, an genau dem
Platz, wo das Subjekt sein Bild sieht. W ir können also das Subjekt
durch ein virtuelles Subjekt, VS, ersetzen, das im Innern des Kegels lo­
kalisiert ist, der die Illusionsmöglichkeit begrenzt — das ist das Feld
x'y'. Der Apparat, den ich erfunden habe, zeigt also, d aß man, auch
wenn man an einem dem realen Bild sehr nahen Punkt placiert ist, es
gleichwohl in einem Spiegel, im Zustand eines virtuellen Bildes, sehen
kann. Das ist es, was beim Menschen geschieht.
Was resultiert daraus? £ine ganz besondere Symmetrie. Tatsächlich ist
das virtuelle Subjekt, der Reflex des mythischen Auges, das heißt der
andere, der wir sind, dort, wo wir zuerst unser Ego gesehen haben —
außerhalb von uns, in der menschlichen Gestalt. Diese Gestalt ist
außerhalb von uns, nicht als eine, die dazu da ist, ein sexuelles Verhal­
ten zu erschleichen, sondern als eine, die fundam ental an die ursprüng­
liche Ohnmacht des Menschenwesens gebunden ist. Das Menschenwe­
sen sieht seine Gestalt realisiert, vollkommen, die Spiegelung seiner
selbst, nur außerhalb seiner selbst. Dieser Begriff figuriert noch nicht in i«
dem Aufsatz, den wir studieren, er taucht erst später in Freuds Werk
auf.
Was das Subjekt, dasjenige, das existiert, in dem Spiegel sieht, ist ein
Bild, klar oder fragmentiert, inkonsistent, unvollständig. Das hängt
von seiner Position gegenüber dem realen Bild ab. Allzusehr an den
Rändern, sieht man schlecht. Alles hängt von dem besonderen Winkel
des Spiegels ab. Nur im Kegel kann man ein klares Bild haben.
Von der Neigung des Spiegels hängt es also ab, ob Sie das Bild mehr
oder weniger vollkommen sehen können. Was den virtuellen Betrach­
ter angeht, denjenigen, den Sie sich durch die Fiktion des Spiegels sub­
stituieren, um das reale Bild sehen zu können, so genügt es, daß der ebe­
ne Spiegel auf eine bestimmte Weise geneigt ist, dam it er in dem Feld
180
stehe, wo m an sehr schlecht sieht. Nur deswegen sehen auch Sie das
Bild im Spiegel sehr schlecht. Sagen wir, daß das die schwierige
Akkommodierung des Imaginären beim Menschen darstellt.
Wir können nun annehmen, daß die Neigung des ebenen Spiegels von
der Stimme des anderen kommandiert wird. Das gibt es nicht auf der
Ebene des Spiegelstadiums, sondern wird erst anschließend durch uns­
re Beziehung zum andern in seiner Gesamtheit verwirklicht — durch
die symbolische Beziehung. Sie können jetzt begreifen, daß die Regu­
lierung des Imaginären von etwas abhängt, das transzendent situiert
ist, wie J. Hyppolite sagen würde — wobei das Transzendente in die­
sem Falle nichts andres wäre als die symbolische Verbindung zwischen
den menschlichen Wesen.
Was ist das— die symbolische Verbindung? Sic ist, um das Tüpfelchen
aufs i zu setzen, was wir gesellschaftlich als die Vermittlung des Geset­
zes definieren. Durch Symboltausch situieren wir unsere verschiede­
nen Ich in Beziehung aufeinander— Sie da sind Mannoni und ich Jac­
ques Lacan, und wir stehen in einer bestimmten symbolischen Bezie­
hung, die komplex ist, entsprechend den verschiedenen Ebenen, auf
denen wir uns placieren, je nachdem ob wir zusammen beim Polizei­
kommissar sind, zusammen in diesem Saal, zusammen auf Reisen.
Mit anderen Worten, es ist die symbolische Beziehung, die die Position
des Subjekts als eines sehenden definiert. Es ist das Sprechen, die sym­
bolische Funktion, die den mehr oder weniger hohen Grad von Perfek­
tion, von Vollständigkeit, von Näherung, des Imaginären bestimmt.
Die Unterscheidung wird in dieser Darstellung zwischen dem Ideal-
Ich * und dem Ich-Ideal * gemacht. Das Ich-Ideal kommandiert das Be­
ziehungsspiel, von dem die ganze Beziehung zum andern abhängt.
Und von dieser Beziehung zum andern hängt der mehr oder weniger
befriedigende Charakter der imaginären Strukturierung ab.
Ein solches Schema zeigt Ihnen, daß das Imaginäre und das Reale auf
der selben Ebene spielen. Um das zu verstehen, genügt es, eine weitere
kleine Verbesserung an diesem Apparat vorzunehmen. Stellen Sie sich
vor, dieser Spiegel sei eine Glasscheibe. Sie sehen sich selbst in der
Scheibe, und Sie sehen die Objekte jenseits davon. Genau darum han­
delt es sich — um eine Koinzidenz zwischen bestimmten Bildern und
162 dem Realen. Wovon sonst sprechen wir, wenn wir eine orale, anale, ge­
nitale Realität, das heißt eine bestimmte Beziehung zwischen unseren
Bildern und den Bildern evozieren? Das ist nichts andres als Bilder des
menschlichen Körpers und die Vermenschlichung der Welt, deren
181
W ahrnehmung von Bildern abhängig ist, die an die Strukturierung des
Körpers gebunden sind. Die realen Objekte, die durch die Vermittlung
des Spiegels und durch ihn hindurch gehen, stehen am selben O rt wie
das imaginäre Objekt. Die Eigenheit des Bildes ist seine Besetzung
durch Libido. M an nennt Libidobesetzung das, wodurch ein Objekt
begehrenswert wird, das heißt dasjenige, wodurch es sich mit jenem
Bild vermischt, das wir, verschieden und mehr oder weniger struktu­
riert, in uns tragen.
Dieses Schema erlaubt Ihnen also, sich die Differenz vorzustellen, die
Freud immer sorgfältig im Auge behält und die den Lesern oft ein Rät­
sel bleibt, diejenige zwischen topischer Regression und genetischer,
archaischer Regression, der Regression in der Geschichte, wie man sie
auch zu nennen lehrt.
Je nach der Neigung des Spiegels ist das Bild im sphärischen Spiegel
mehr oder weniger gut im Zentrum oder an den Rändern gelungen.
Man kann sogar bemerken, daß es modifiziert werden kann. Wie ver­
wandelt sich der ursprüngliche M und am Ende in den Phallus? — es
wäre vielleicht ganz einfach, bei dieser Gelegenheit ein amüsantes klei­
nes physikalisches Modell aufzubauen. Das führt Ihnen vor Augen,
daß sich beim Menschen keine imaginäre Regulierung, die tatsächlich
wirkungsvoll und vollständig wäre, einstellen kann, außer durch den
Eingriff einer anderen Dimension. Was, zumindest mythisch, die
Analyse versucht.
Was ist mein Begehren? Welche Position nehme ich in der imaginären
Strukturierung ein? Diese Position ist begreiflich nur in dem Maße, wie
ein Führer sich jenseits des Imaginären befindet, auf der Höhe der sym­
bolischen Ebene, des gesetzlichen Tausches, der sich einzig im verbalen
Tausch zwischen menschlichen Wesen inkarnieren kann. Dieser Füh­
rer, der das Subjekt kommandiert, ist das Ich-Ideal.
Die Unterscheidung ist absolut wesentlich, und sie erlaubt uns das zu
begreifen, was sich in der Analyse auf der imaginären Ebene, welche
sich Übertragung nennt, abspielt.
Um das zu erfassen — da liegt das Verdienst von Freuds Text — muß
man begreifen, was Verliebtheit * ist. Die Liebe ist ein Phänomen, das
sich auf der Ebene des Imaginären abspielt und eine wahrhafte Unter­
wanderung des Symbolischen, eine Art Annullierung, Verwirrung der
Funktion des Ich-Ideals provoziert. Die Liebe eröffnet wieder — wie
Freud schreibt, der nicht mit dem Löffelrücken darangeht — die Tür
zur Vollkommenheit.
182
Das Ich-Ideal * ist der andere als einer, der spricht, der andere als einer,
der mit dem Ich eine symbolische, sublimierte Beziehung unterhält,
die, in unsrer dynamischen Behandlung, der imaginären Libido zu­
gleich ähnlich und von ihr verschieden ist· Der symbolische Austausch
ist das, was die Menschenwesen miteinander verbindet, soll heißen das
Sprechen, als welches erlaubt, das Subjekt zu identifizieren. Das ist
keine M etapher — das Symbol zeugt intelligente Wesen, wie Hegel
sagt.
Das Ich-Ideal * kann sich, als ein sprechendes, in der Welt der Objekte
163 auf der Ebene des ideal-Ichs * das heißt auf einer Ebene situieren, wo
sich jene narzißtische Verhaftung einstellt, mit der uns Freud den gan­
zen Text lang in den Ohren liegt. Sie sehen ein, daß es in dem
Augenblick, wo sich diese Vermischung einstellt, keinerlei Möglichkeit
gibt, den Apparat zu regulieren. Anders gesagt, wenn man verliebt ist,
ist man närrisch, wie der Volksmund sagt.
Ich möchte hier die Psychologie der Liebe auf den ersten Blick illustrie­
ren. Erinnern Sie sich an W erther, wie er zum erstenmal Lotte sieht, die
eben im Begriff ist, ein Kind zu päppeln. Das ist ein vollkommen
befriedigendes Bild des Anlehnungstypus * auf der anakli tischen Ebene.
Diese Koinzidenz des Objekts mit dem fundamentalen Bild für Goe­
thes Helden ist das, was seine tödliche Bindung auslöst — man muß
bei einem nächsten Mal klären, warum diese Bindung fundamental
tödlich ist. Das ist sie, die Liebe. Es ist das eigene Ich, das man in der
Liebe liebt, sein eigenes Ich, wie es auf der imaginären Ebene reali­
siert ist.
Man bringt sich um mit diesem Problem — wie sich wohl bei den Neu­
rotikern, die auf dem Gebiet der Liebe derart behindert sind, eine
Übertragung einstellen könne. Die Erzeugung der Übertragung hat
einen absolut universellen, wahrhaft automatischen Charakter, wäh­
rend die Forderungen der Liebe im Gegenteil, wie jeder weiß, ganz spe­
zifische sind... Nicht alle Tage begegnet man dem, was so beschaffen
ist, daß es Ihnen das genaue Bild Ihrer Begierde zu geben vermag. Wie
also kommt es, daß in der analytischen Beziehung die Übertragung,
die von der selben Art ist wie die Liebe — Freud sagt uns das in dem
Text, den ich Granoff zum Durcharbeiten gegeben habe — sich
herstellt, man könnte sagen sogar bevor die Analyse begonnen hat?
Gewiß, sie ist vielleicht nicht ein und dasselbe vor und während der
Analyse.
Ich sehe, daß die Zeit vorrückt, und ich möchte Sie nicht länger als ein-
183
dreiviertel Stunden aufhalten. Ich nehme die Sachen an diesem Punkt
wieder a u f— wie die fast automatisch ausgelöste Funktion der Über­
tragung in der Beziehung Analysierter/Analytiker— und das noch be­
vor sie durch die Gegenwart und die Funktion der Analyse begonnen
hat — uns erlaubt, die imaginäre Funktion des Ideal-lch * spielen zu
lassen?

31. M ärz 1954

184
XII
Z E IT L IC H -E N T W IC K L U N G S G E S C H IC H T L IC H

Das Bild des Todes


Die eigene Person des Schläfers
Der Name, das Gesetz
Von der Zukunft zur Vergangenheit

Alain hat unterstrichen, daß man die Säulen auf dem geistigen Bild,
das man vom Pantheon hat, nicht zählt. W orauf ich ihm gerne antwor­
ten möchte — abgesehen vom Architekten des Pantheon. Damit sind
wir schon, durch diese schmale Pforte, in die Beziehungen zwischen
Realem, Imaginärem und Symbolischem eingeführt.

J. H yppolite : — Kann man Ihnen eine Frage zur Struktur des optischen Bildes
stellen? Ich möchte Sie um materielle Präzisierungen bitten. Wenn ich die ma­
terielle Struktur richtig verstanden habe, gibt es einen sphärischen Spiegel und das
Objekt hat sein umgekehrtes reales Bild im Zentrum des Spiegels. Dieses Bild wä­
re auf einem Schirm. A nstatt daß es auf einem Schirm erscheint, können wir es mit
dem bloßen Auge betrachten.

Vollkommen. Weil es ein reales Bild ist, sofern sich das Auge auf eine
bestimmte Ebene einstellt, die vom realen Objekt bezeichnet wird. In
dem amüsanten Experiment, an dem ich mich inspiriert habe, handel­
te es sich um einen umgekehrten Strauß, der sich in der Umfassung
einer realen Vase lokalisiert hatte. Sofern sich das Auge auf das reale
Bild einstellt, sieht es dieses. Es bildet sich vollständig in dem Maße,
wie die Lichtstrahlen sämtlich in einem einzigen virtuellen Raum ­
punkt konvergieren, das heißt in dem Maße, wie jedem Punkt des O b­
jekts ein Punkt des Bildes korrespondiert.

J. H yppolite : — Wenn das Auge im Lichtkegel steht, sieht es das Bild. Wenn
nicht, sieht es es nicht.
185
Die Erfahrung zeigt, daß, damit es wahrgenommen werden kann, der ιββ
Betrachter ein klein wenig von der Achse des sphärischen Spiegels ent-
femt sein muß, in einer Art Verlängerung der Öffnung dieses Spiegels.

J . H yppolite : — Wenn wir in diesem Fall einen ebenen Spiegel auf stellen, gibt
der ebene Spiegel von dem realen Bild\ das als Objekt angesehen wird, ein virtuelles
Bild.

Alles, was direkt gesehen werden kann, kann auch in einem Spiegel ge­
sehen werden. Das ist genauso, wie wenn es so gesehen würde, als ob es
ein aus einem realen und einem symmetrischen virtuellen Teil zusam­
mengesetztes Ganzes bilden würde, die beide einander genau entspre­
chen. Der virtuelle Teil entspricht dem gegenüberstehenden realen
Teil und umgekehrt, derart, daß das virtuelle Bild im Spiegel gesehen
wird, als wäre es ein reales Bild, das in diesem Fall die Funktion des Ob­
jekts übernimmt, gesehen von einem imaginären, virtuellen Betrach­
ter, der im Spiegel, an der symmetrischen Stelle steht.

J. H yppolite : — Ick habe wieder mit den Konstruktionen angefangen, wie zur
Zeit des Bac oder des PCB. Aber hier gibt es noch das Auge, das in den Spiegel
blickt, um das virtuelle Bild des realen Bildes wahrzunehmen.

Von dem Augenblick an, wo ich das reale Bild wahmehmen kann,
könnte ich es genauso gut, indem ich den Spiegel auf halbem Wege auf­
stelle, dort erscheinen sehen, wo ich bin, das heißt an einem Platz, der
sich zwischen dem realen Bild und dem sphärischen Spiegel verschie­
ben und sogar hinter diesem liegen kann. Ich könnte im Spiegel, zu­
mindest, wenn er entsprechend placiert ist, das heißt wenn er senkrecht
zur eben genannten Scheitellinie steht, dasselbe reale Bild von einem
verschwommenen Grund sich abheben sehen, das auf einem ebenen
Spiegel die konkave Krümmung eines sphärischen Spiegels wiederge­
ben würde.

J . H yppolite : — Wenn ich in diesen Spiegel blicke, nehme ich zugleich den
virtuellen Blumenstrauß und mein virtuelles Auge wahr.

Ja, zumindest wenn mein reales Auge existiert und nicht seinerseits ein
abstrakter Punkt ist. Denn ich habe unterstrichen, daß wir nicht ein
Auge sind. Und ich fange da an, in die Abstraktion einzutreten.
186
J. H y ppo u te : — Das Bild habe ich also verstanden. Es bleibt die symbolische
Korrespondenz.

Das ist es, was ich eben versuchen will, Ihnen ein wenig zu erklären,

J. H y ppo ute : — Wie sieht das Spiel der Konespondenzen zwischen dem realen
Objekt, den Blumen, dem realen Bild, dem virtuellen Bild, dem realen Auge und
dem virtuellen Auge aus? Beginnen wir mit dem realen Objekt — was stellenfür
Sie die realen Blumen dar?

167 Das Ziel dieses Schemas liegt, wohlgemerkt, darin, zu verschiedenen


Zwecken verwendbar zu sein, Freud hat bereits etwas Ähnliches kon­
struiert und uns insbesondere in der Traumdeutung * und im Abriß * an­
gedeutet, daß die psychischen Instanzen von den Bilderphänomenen
her begriffen werden müssen. Er hat in der Traumdeutung * das Schich­
tenschema aufgestellt, in das sich W ahrnehmungen und Erinnerungen
einschreiben, wobei die einen das Bewußte, die anderen das Unbewuß­
te bilden, das sich mit dem Bewußtsein projiziert und eventuell den
Kreis von stimulus und response geschlossen hat, mit dem man seiner­
zeit versuchte, sich den Kreislauf des Lebendigen verständlich zu
machen. Wir können es als eine Überlagerung photographischer Filme
ansehen. Aber es ist sicher, daß dieses Schema unvollkommen ist.
D enn...

J. H yppolite : — Ich habe mich bereits Ihres Schemas bedient. Ich suche nach
den ersten Konespondenzen.

Den ursprünglichen Korrespondenzen? W ir können, um die Vorstel­


lungen zu fixieren, dem realen Bild, das die Funktion hat, eine be­
stimmte Anzahl realer Objekte zu enthalten und zugleich auszuschlie­
ßen, die Bedeutung von Ich-Grenzen geben. Nur, wenn Sie diese Funk­
tion einem Element des Modells geben, wird zwangsläufig jenes andere
eine bestimmte andere Funktion übernehmen. Alles hängt hier vom
Gebrauch der Relationen ab.

J .H yppolite : — Könnte man, zum Beispiel, annehmen, daß das reale Objekt
das Gegenbild * bedeutet, den sexuellen Widerpart des Ich? Im animalischen
Schemafindet das Männchen das Gegenbild *, das heißt sein ergänzendes Ge­
genstück in der Struktur.
187
Weil ein Gegenbild * nötig ist ...

J. H yppolite : — Das Wort ist von Hegel.

Der Begriff des Gegenbilds * impliziert die Korrespondenz mit einem


Innenbild * was auf die Korrespondenz von Innenwelt * und Umwelt *
hinausläuft.

J. H yppolite : — Das ist es, was mich zu der Überlegungführt, daß wenn das
reale Objekt, die Blumen, dasjenige reale Objekt repräsentiert, das dem wahmeh-
menden animalischen Subjekt korrelativ ist, so repräsentiert das reale Bild des Blu­
mentopfes die imaginäre Struktur, die diese reale Struktur reflektiert.

Sie könnten es nicht besser sagen. Das ist genau das, was passiert, wenn
es sich bloß um das Tier handelt. Und es ist das, was in meiner ersten
Konstruktion passiert, worin es nur den sphärischen Spiegel gibt, wo
das Experiment sich darauf beschränkt zu zeigen, daß das reale Bild m
sich mit den realen Dingen vermischt hat. Es ist das in der Tat eine
Form, in der wir uns das Innenbild * vergegenwärtigen können, das dem
Tier erlaubt, seinen spezifischen Partner auf die Weise zu suchen, wie
der Schlüssel ein Schloß oder wie das Schloß den Schlüssel sucht, seine
Libido dahin zu lenken, wo sie zur Fortpflanzung der Gattung sein
muß. Ich habe Sie daraufhingewiesen, daß wir schon in dieser Perspek­
tive, auf impressionistische Art und Weise, den wesentlich transitori­
schen Charakter des Individuums im Bezug zum Typ erfassen können.

J . H yppolite : — Den Zyklus der Gattung.

Nicht allein den Zyklus der Gattung, sondern den Umstand, daß das
Individuum dermaßen dem Typus verhaftet ist, daß es sich, im Bezug
zu diesem Typus, vernichtet. Es ist, wie Hegel sagen würde — ich weiß
nicht, ob er es gesagt hat — schon tot im Bezug zum ewigen Leben der
Gattung.

J. H yppolite : — Ich habe Hegel diesen Satz sagen lassen, um Ihr Bild zu
kommentieren — daß tatsächlich das Wissen, das heißt die Menschheit, der Un­
tergang der Sexualität ist.

Da machen wir ein bißchen schnell.


188
J. H yppolite : — Wasfur mich wichtig ist, istdies, daß das reale Objekt als das
reale Gegenstück aufgefaßt werden kann, das zur Ordnung der Gattung des realen
Individuums gehört. A ber dann stellt sich eine Entwicklung im Imaginären ein, die
erlaubt, daß jenes Gegenstück in dem einen sphärischen Spiegel auch ein reales
Bild wird, ein Bild, das, als solches, fasziniert, sogar bei Abwesenheit des realen
Objektes, das sich ins Imaginäre projiziert hat, ein Bild, das das Individuum
fasziniert und es sogar auf den ebenen Spiegel einfängt.

Sie wissen, wie heikel es ist, zu messen, was vom Tier wahrgenommen
wird und was nicht, denn bei ihm wie beim Menschen scheint die
W ahrnehmung sehr viel weiter zu gehen, als man in seinem Verhalten
unter experimentellen, das heißt künstlichen Bedingungen feststellen
kann. So läßt sich bemerken, daß es eine W ahl mit Hilfe von Dingen
treffen kann, die wir nicht in Betracht gezogen haben. Nichtsdesto­
weniger wissen wir, daß wenn es in einem Verhaltenszyklus vom in­
stinktiven Typus befangen ist, sich bei ihm eine Verdichtung, eine
Kondensierung, eine Verdunkelung in der W ahrnehmung der Außen­
welt einstellt. Das Tier ist dann dermaßen in bestimmte imaginäre Be­
dingungen eingeklebt, daß wir es genau dort, wo es für es am nützlich­
sten wäre, sich nicht zu täuschen, am leichtesten ködern. Die libidinose
Fixierung auf bestimmte Ziele stellt sich dabei als eine Art Trichter
dar.
169 Von da gehen wir aus. W enn es aber nötig ist, für den Menschen einen
etwas komplexeren und raffinierteren Apparat aufzubauen, so weil
sich das bei ihm nicht so abspielt.

Da Sie es gewesen sind, der heute die Freundlichkeit gehabt hat, mich
zu bedrängen, sehe ich nicht, warum ich nicht anfangen soll, das fun­
damentale Hegelsche Them a in Erinnerung zu rufen — das Begehren
des Menschen ist das Begehren des anderen.
Es ist genau das, was in dem Modell durch den ebenen Spiegel ausge­
drückt wird. Ebenfalls finden wir darin das klassische Spiegelstadium
von Jacques Lacan wieder, jenes Drehmoment, das in der Entwicklung
dort erscheint, wo das Individuum aus seinem eigenen Bild im Spiegel,
aus sich selbst, eine trium phale Ü bung macht. W ir können durch be­
stimmte Korrelationen seines Verhaltens verstehen, daß es sich dabei
zum ersten Mal um ein antizipiertes Ergreifen der Herrschaft handelt.
Wir rühren da mit dem Finger auch an etwas anderes, an das, was ich
Urbild *, Bild * genannt habe in einem andern Sinn als er Ihnen eben
189
diente— das erste Modell, wo sich der Verzug, die Ablösung des Men­
schen von seiner eigenen Libido bemerkbar macht. Diese Kluft läßt
eine radikale Differenz zwischen der Befriedigung eines Begehrens und
dem Lauf nach der Erfüllung des Begehrens entstehen — das Begehren
ist wesentlich eine Negativität, eingeführt in einem M oment, der nicht
eigentlich ursprünglich, aber eine Kreuzungsstelle, ein Drehpunkt ist.
Das Begehren wird vorerst im andern erfaßt und in der verworrensten
Form. Die Relativität des menschlichen Begehrens in Beziehung zum
Begehren des andern kennen wir aus jeder Reaktion, in der Rivalität,
Konkurrenz mitspielt, und bis hin zur ganzen zivilisatorischen Ent­
wicklung, eingeschlossen jene sympathische und fundamentale Aus­
beutung des Menschen durch den Menschen, deren Ende zu sehen wir
nicht bereit sind, weil sie absolut strukturell ist und, ein für allemal von
Hegel eingesehen, die eigentliche Struktur des BegrifTs der Arbeit aus­
macht. Gewiß, es handelt sich da nicht mehr um Begehren, doch um
die vollständige Vermittlung des Handelns als eines eigentlich
menschlichen, wie es sich auf dem Weg der menschlichen Begierden
befindet.
Das Subjekt sichtet und erkennt ursprünglich das Begehren durch die
Vermittlung, nicht allein seines eigenen Bildes, sondern des Körpers
von seinesgleichen an. Genau in diesem M oment isoliert sich beim
menschlichen Wesen das Bewußtsein als Selbstbewußtsein. Sofern er
sein Begehren im Körper des andern anerkennt, vollzieht sich der
Wechsel. Sofern sein Begehren auf die andere Seite übergegangen ist,
assimiliert es sich den Körper des andern und erkennt sich selber als
Körper.
Nichts erlaubt die Behauptung, daß das Tier ein Bewußtsein habe,
welches von seinem Körper in der Weise abgetrennt ist, daß seine Kör­
perlichkeit für es ein objektivierbares Element w äre...

J . H yppolite : — Ein statutarisches, im doppelten Sinn.

Genau. Nun, da es sicher ist, daß, wenn es für uns eine fundamentale i»
Gegebenheit noch vor jedem Auftauchen der O rdnung des unglückli­
chen Bewußtseins gibt, dann ist es die Unterscheidung zwischen un-
serm Bewußtsein und unserm Körper. Diese Unterscheidung macht
aus unserm Körper etwas Künstliches, wovon sich abzulösen unser Be­
wußtsein ganz unfähig ist, aber wovon es sich — diese Termini sind
vielleicht nicht die angemessensten — als unterschieden begreift.
190
Die Unterscheidung zwischen Bewußtsein und Körper vollzieht sich in
jenem schroffen Rollenwechsel, der, wenn es sich um den andern han­
delt, in der Erfahrung des Spiegels stattfindet.
Mannoni sagte uns gestern abend, daß in die interpersonalen Bezie­
hungen immer etwas Künstliches eindringt, das die Projektion des an­
deren auf uns selbst ist. Das rührt zweifellos von dem Umstand her, daß
wir uns insofern als Körper erkennen, als auch diese andern, unver­
zichtbar für die Anerkenntnis unsres Begehrens, einen Körper haben,
oder genauer, daß wir ihn wie sie haben.

J .H yppolite : — Was ich nicht so gut verstehe, ist nicht so sehr die Unter­
scheidung zwischen sich selbst und dem Körper, als die Unterscheidung zwischen
zwei Körpern.

Sicher.

J. H yppolite : — Weil das Selbst sich als idealen Körper vorstellt und es den
Körper gibt, den ich empfinde, sind es zwei...?

Nein, bestimmt nicht. An dieser Stelle bekommt die Freudsche Ent­


deckung ihre wesentliche Dimension — der Mensch bringt es in seinen
ersten Phasen auf Anhieb in keiner Weise zu einem überwundenen Be­
gehren. Was er in jenem Bild des andern erkennt und fixiert, ist ein zer­
stückeltes Begehren. U nd die offenkundige Beherrschung des Spiegel­
bildes ist ihm, zumindest virtuell, als totale gegeben. Das ist eine ideale
Herrschaft.

J .H yppolite : — Das ist das, was ick den idealen Körper nenne.

Das ist das Ideal-lch *. Sein Begehren hingegen hat sich nicht konsti­
tuiert. Was das Subjekt im andern findet, ist vorerst eine Reihe von am­
bivalenten Ebenen, von Entfremdungen seines Begehrens — eines Be­
gehrens, das noch zerstückelt ist. Alles, was wir von der Instinktevolu­
tion kennen, gibt uns sein Schema, denn die Libidotheorie bei Freud ist
aus der Erhaltung, der progressiven Zusammensetzung einer bestimm­
ten Anzahl von Partial trieben gemacht, denen es gelingt oder nicht ge­
lingt, in einem reifen Begehren zu münden.

J. H yppolite : — Ich glaube, dann sind wir ganz einig. Ja? Sie haben aller-
191
dings eben nein gesagt. Wir sind darin ganz einig. Wenn ich sage zwei Körper, so
will das einfach heißen, daß was ich, set's im andern, set’s in meinem eigenen i;i
Spiegelbild sich bilden sehe, das ist, was ich nicht bin und tatsächlich das, was
jenseits von mir ist. Das ist es, was ich den idealen, statutarischen Körper oder Sta­
tue nenne. Wie Valéry in der Jungen Parze sagt — Doch meine Statue frö­
stelt zugleich, das heißt sie zerfallt. Ihr Zerfall ist das, was ich den anderen Kör­
per nenne.

Der Körper als zerstückeltes Begehren, das sich sucht, und der Körper
als Ideal des Selbst reprojizieren sich au f die Seite des Subjekts als des
zerstückelten Körpers, während er den andern als vollständigen Kör­
per sieht. Für das Subjekt ist ein zerstückelter K örper ein wesentlich
zergliederbares Bild seines Körpers.

J . H yppolite : — Die zwei reprojizieren sich aufeinander in dem Sinne, daß es


sich als Statue sieht und sich zugleich zergliedert, die Zergliederung auf die Statue
projiziert, und das in einer nicht abschließbaren Dialektik. Ich entschuldige mich,
das wiederholt zu haben, was Sie gesagt haben, um sicher zu sein, daß ich richtig
verstanden habe.

Wir machen, wenn Sie wollen, sogleich einen weiteren Schritt.


Das Reale ist schließlich, wohlverstanden, diesseits des Spiegels da.
Aber was gibt es jenseits? Es gibt vorerst, wir haben es schon gesehen,
das primitive Imaginäre der spekularen Dialektik mit dem anderen.
Diese fundamentale Dialektik fuhrt bereits die tödliche Dimension des
Todestriebs ein, im doppelten Sinn. Erstens enthält die libidinose Ver­
haftung für das Individuum einen unheilbar tödlichen W ert, sofern es
dem X des ewigen Lebens unterworfen ist. Zweitens — und das ist der
Punkt, der vom Denken Freuds unterstrichen wird, der aber in Jenseits
des Luslprinzips nicht klar unterschieden ist — nim m t der Todestrieb
beim Menschen insofern eine andere Bedeutung an, als seine Libido
ursprünglich gezwungen ist, eine imaginäre Phase zu durchlaufen. -
Darüber hinaus ist dieses Bild des Bildes das, was die Reife der Libido
beeinträchtigt, die Angleichung der R ealität an das Imaginäre, die es
im Prinzip, hypothetisch— denn, was wissen wir schließlich davon?—
beim Tier geben soll. Die Sicherheit der Steuerung ist bei ihm so viel
evidenter, daß von da das große Phantasm a der natura mater hat ausge­
hen können, die Idee der N atur, im Verhältnis zu der sich der Mensch
seine ursprüngliche Inadäquation darstellt, die er auf tausenderlei
192
Weise ausdrückt. M an kann sie, auf eine vollkommen objektivierbare
Weise, in seiner ganz besonderen O hnm acht am Ursprung seines
Lebens feststellen. Diese Frühreife der Geburt haben nicht Psychoana­
lytiker erfunden. Histologisch ist der Apparat, der im Organismus die
Rolle des Nervenapparats spielt, noch ein Gegenstand der Diskussion,
bei der Geburt unausgebildet. Der Mensch hat die Ausbildung seiner
Libido erreicht noch bevor er deren Objekt erreicht. Durch diesen U m ­
stand führt sich jener besondere Spalt ein, der sich bei ihm in der Bezie­
hung zu einem für ihn unendlich viel tödlicheren anderen perpetuiert,
172 unendlich viel tödlicher als für jedes andere Tier. Dieses Bild des
Herrn, der das ist, was er unter der Form des spekularen Bildes sieht,
mischt sich bei ihm mit dem Bild des Todes. Der Mensch kann in der
Gegenwart des absoluten Herrn sein. Er ist ursprünglich darin, ob man
es ihm beigebracht hat oder nicht, sofern er jenem Bild unterworfen ist.

J. H yppolite : — Das Tier ist dem Tod unterworfen, wenn es liebt, oberes weiß
nichts davon.

Während der Mensch es weiß. Er weiß es und spürt es.

J. H yppolite : — Das geht soweit, daß er selbst es ist, der sich den Tod gibt. Er
will durch den anderen seinen eigenen Tod\

Wir sind darin ganz einig, daß die Liebe eine Form des Selbstmords ist.

D r. L ang: — Es gibt einen Punkt, auf dem Sie insistiert haben, und ich habe die
Bedeutung dieser Insistenz nicht recht begriffen Das ist der Umstand, daß man im
Verhältnis zur fraglichen Apparatur innerhalb eines bestimmten Feldes stehen
muß.

Ich verstehe, daß ich nicht genug vom Ohrläppchen gezeigt habe, denn
Sie haben das Ohrläppchen gesehen, aber nicht seinen Ansatzpunkt.
Das, worum es sich handelt, kann sich ebenfalls auf mehreren Ebenen
abspielen. W ir können die Dinge auf dem Niveau der Strukturierung
oder der Beschreibung oder der H andhabung der K ur interpretieren.
Es ist besonders bequem, ein solches Schema zu haben, daß die Er­
scheinung des Bildes in einem gegebenen Augenblick von der Bewe­
gung einer Reflexionsfläche abhängt — wobei das Subjekt immer an
derselben Stelle bleibt. M an kann das Bild in zureichender Vollständig-
193
keit nur von einem bestimmten virtuellen Beobachtungspunkt aus se­
hen. Sie können diesen virtuellen Punkt ganz nach Ihrem Belieben ver­
ändern. Wenn nun der Spiegel sich dreht, was verändert sich dann?
Das wird nicht nur der Hintergrund sein, das heißt das, was das Subjekt
auf dem Hintergrund sieht, zum Beispiel sich selbst — oder ein Echo
seiner selbst, wie J. Hyppolite bemerkt hat. W enn m an den ebenen
Spiegel bewegt, gibt es in der T at einen Augenblick, in dem eine be­
stimmte Anzahl von Objekten aus dem Gesichtsfeld verschwindet. Es
sind offenbar die am nächsten gelegenen, die zuletzt verschwinden,
was schon zur Erklärung bestimmter Arten dienen kann, wie sich das
Ideal-Ich * im Verhältnis zu etwas anderem situiert, das ich für den
Augenblick noch im Dunkeln lasse und das ich den Beobachter ge­
nannt habe. Sie werden denken, daß es sich nicht nur um einen Beob­
achter handelt. Es handelt sich letzten Endes um den symbolischen Be­
zug, das heißt um den Punkt, von dem aus man spricht, von dem aus
gesprochen wird.
Aber es ist nicht nur dies, was sich ändert. W enn Sie den Spiegel neigen,
ändert sich das Bild selbst. Ohne daß sich das reale Bild durch den in
bloßen Umstand, daß sich der Spiegel verändert, bewegt, wird das
Bild, welches das Subjekt, das auf der Seite des sphärischen Spiegels
placiert ist, sieht, von der Form eines Mundes in die Form eines Phal­
lus, oder von der Form eines mehr oder weniger vollständigen Begeh­
rens zu demjenigen Typ des Begehrens übergehen, das ich eben zer­
stückelt genannt habe. M it anderen W orten, diese Funktionsweise er­
laubt zu zeigen, was Freuds Gedanke war, nämlich die möglichen
Korrelationen des Begriffs der topischen Regression mit derjenigen
Regression, die er zeitlich-entwicklungsgeschichtlich * nennt — was gut
zeigt, wie sehr er selbst sich mit dem zeitlichen Bezug zu schaffen
gemacht hat. Er sagt zeitlich *, macht dann einen Gedankenstrich
und — entwicklungsgeschichtlich, während Sie doch gut wissen, welchen
inneren Widerspruch es zwischen dem Begriff Entwicklung * und dem
Begriff Geschichte * gibt. Er stellt diese drei Term ini zusammen und
dann, finden Sie sich zurecht.
Aber wenn wir uns nicht zurechtzufinden hätten, brauchten wir gar
nicht dazusein. Das wäre ganz schön schade.
Fangen Sie an, Perrier, mit der Metapsychologischen Ergänzung zur Traum-
lehre.

194
2

D r. P errier : — Ja, dieser Texi...

Dieser Text schien Ihnen ein wenig ärgerlich?

D r. P errier : — Tatsächlich. Ich denke, es wäre zweifellos das beste, sein


Schema zu skizzieren. Das ist ein A ufsatz, den Freud mit der Bemerkung einleitet,
es sei lehneich, eine Parallele zwischen bestimmten krankhaßen Symptomen und
den normalen Prototypen aufzustellen, die uns erlauben, jene zu untersuchen, zum
Beispiel Trauer und Melancholie, den Traum, den Schlaf und bestimmte narzißti­
sche Zustände.

A propos, er gebraucht den Begriff des Vorbildes * der ganz in die Rich­
tung des Begriffs Bildung * geht, um die normalen Prototypen zu be­
zeichnen.

D r. P errier: — Freud wendet sich dem Studium des Traumes zu mit dem Ziel,
das am Ende des Aufsatzes hervortritt, die Untersuchung bestimmter Phänomene
zu vertiefen, denen man in den narzißtischen Affektionen, in der Schizophrenie zum
Beispiel, begegnet.

Die Normalvorbilder * in einer Krankheitsaffektion *

D r. P errier : — Nun, er sagt uns, der Traum sei ein Zustand psychischer Ent­
kleidung, der den Schläfer auf einen Zustand zurückfuhrt, der dem ursprünglichen
174 fötalen Zustand analog sei und ihn auch dahin bringe, sich eines ganzen Teils sei­
ner psychischen Organisation zu entkleiden, so wie man eine Perücke, seinefa l­
schen Zähne, seine Kleider ablegt, bevor man zu Bett geht.

Es ist sehr amüsant, daß anläßlich dieses Bildes, das er uns vom Narziß­
mus des Subjekts gibt, in dem er die fundamentale Essenz des Schlafes
sieht, Freud jene Bemerkung, die nicht so ganz in eine physiologische
Richtung weist, hinzufügt, daß das nicht für alle Menschen zutrifft.
Ohne Zweifel ist es üblich, seine Kleider abzulegen, aber man zieht an­
dere an. Sehen Sie sich das Bild an, das da plötzlich herausspringt, seine
Brille ablegen — einige von uns sind von gewissen Schwächen befallen,
die sie nötig machen — aber auch seine falschen Zähne, seine falschen
Haare. Das häßliche Bild eines Wesens, das sich zerlegt. So gelangt
195
man zu jenem teilweise zerlegbaren, demontierbaren Charakter des
menschlichen Ich, dessen Grenzen so ungenau gezogen sind. Die fal­
schen Zähne machen gewiß keinen Teil meines Ich aus, aber bis zu wel­
chem Punkt machen meine richtigen Zähne einen Teil davon aus? —
wenn sie derart ersetzbar sind. Die Vorstellung des zweideutigen, unge­
wissen Charakters der Ich-Grenzen ist dam it in den Vordergrund ge­
stellt, als ein Portal zur Einführung in die metapsychologische Unter­
suchung des Traums. Die Vorbereitung auf den Schlaf gibt uns seine
Bedeutung.

D r. P e rrie r: — Imfolgenden A bschnitt kommt Freud zu etwas, was der A briß


all dessen zu sein scheint, was er im Folgenden untersuchen wird' Er erinnert dar­
an, daß man beim Studium der Psychosenfeststellt, daß man jedesmal zeitlichen
Regressionen gegenübersteht, das heißt denjenigen Punkten, auf die als die Etap­
pen seiner eigenen Entwicklung jeder Fall zurückgreiß. Er fahrt fort, daß man
zwei solcher Regressionen unterscheidet, eine in der Entwicklung des Ich, eine an­
dere in der Entwicklung der Libido. Die Regression der Libidoentwicklung reicht
im Traum, so sagt er, bis zur Wiederherstellung des primitiven Narzißmus zurück
Die Regression der Ich-Entwicklung im Traum reicht gleicherweise bis zur hallu­
zinatorischen Befriedigung des Begehrens. Das scheint, a priori, nicht vollkommen
klar, zumindest mir nicht.

In unserm Schema wäre das vielleicht ein wenig klaren

D r. P e rrie r: — Das läßt sich schon ahnen, wenn man bemerkt, daß Freud von
zeitlichen Regressionen, von Regressionen in der Geschichte des Subjekts ausgeht.
So würde die Regression in der Ich-Entwicklung zu jenem vollkommen elementa­
ren, ursprünglichen, unentfalteten Zustandführen, den die halluzinatorische Be­
friedigung des Begehrens darstellt. Er läßt uns zuerst mit ihm das Studium des
Traumvorgangs durchlaufen und insbesondere das Studium des Narzißmus des
Schlafzustandes, unter der Perspektive dessen, was in ihm passiert, nämlich des
Traumes. Er spricht zuerst vom Egoismus des Traums, und das ist ein Begriff, den
mit dem Narzißmus gleichzusetzen ein wenig schockiert

Wie rechtfertigt er den Egoismus des Traums? 175

D r. P e rrie r: — Er sagt, daß im Traum die Person des Schläfers die Hauptper­
son sei

1%
Und die Hauptrolle spiele. W er kann mir sagen, was genau agnoszieren *
heißt? Das ist ein deutscher Begriff, den ich nicht gefunden habe. Aber
sein Sinn ist nicht zweifelhaft — es handelt sich um diejenige Person,
die immer als die eigene Person zu erkennen ist, als die eigene Person zu
agnoszieren *. K ann mir irgendjemand einen Hinweis auf den Gebrauch
dieses Wortes geben? Freud verwendet nicht anerkennen *, was die Di­
mension der Anerkennung in dem Sinn implizieren würde, in dem wir
ihn unablässig in unsrer Dialektik verstehen. Die Person des Schläfers
ist anzuerkennen, auf welcher Ebene, auf der Ebene unserer Deutung
oder unsrer Mantik? Das ist nicht ganz dasselbe. Zwischen anerkennen *
und agnoszieren *, die ganze Differenz zwischen dem, was wir verstehen,
und dem, was wir wissen, eine Differenz, die gleichwohl das Mal einer
fundamentalen Ambiguität trägt. Sehen Sie zu, wie Freud selbst uns
den berühmten Traum von der botanischen Monographie in der
Traumdeutung * analysiert. Je weiter wir fortschreiten, desto mehr sehen
wir das Geniale in diesen ersten Annäherungen an die Bedeutung des
Traums und seines Szenarios.
M me X, vielleicht können Sie uns einen Hinweis auf dieses agnoszieren *
geben?

M me X :— Manchmal verwendet Freud Worte, die in Wien gebräuchlich waren.


Dieses Wort wird im Deutschen nicht mehr verwendet, aber der Sinn, den Sie ange­
geben haben, ist richtig.

Interessant, diese Bedeutung des W iener Milieus.


Freud zeigt uns bei dieser Gelegenheit eine sehr tiefe Auffassung seiner
Beziehung zur brüderlichen Person, zu jenem Freund-Feind, von dem
er uns sagt, es sei eine absolut fundamentale Gestalt in seinem Leben,
und es müsse immer einen geben, der von dieser Art Gegenbild * über­
deckt sei. Doch zugleich projiziert Freud durch die Vermittlung dieser
Gestalt, die durch seinen Laboratoriumskollegen verkörpert wird —
ich habe auf seine Person in meinen früheren Seminaren hingewiesen,
ganz zu Anfang, als wir ein wenig über die ersten Etappen in Freuds
wissenschaftlichem Leben gesprochen haben — anläßlich und durch
die Vermittlung dieses Kollegen, seiner Handlungen und seiner Ge­
fühle projiziert Freud und läßt in dem Traum das aufleben, was dabei
sein latentes Begehren ist, das heißt die Forderungen seiner eigenen Ag­
gression, seinen eigenen Ehrgeiz. Derart, daß diese eigene Person * voll­
kommen zweideutig ist. Im Innern des Traumbewußtseins, genauer im
197
Innern der Traumspiegelung, müssen wir, in der Person, die die
Hauptrolle spielt, die eigene Person des Schlafenden suchen. Aber da
genau ist es nicht der Schlafende, es ist der andere.

D r. P errier: — Er fragt sich dann, ob Narzißmus und Egoismus nicht in i76


Wahrheit ein und dasselbe sind Und er sagt uns, daß das Wort Narzißmus nur
dazu diene, den libidinösen Charakter des Egoismus zu unterstreichen. Anders ge­
sagt, der Narzißmus kann als libidinose Ergänzung des Egoismus angesehen wer­
den. Beiläufig spricht er von der diagnostischen Fähigkeit des Traums, wobei er
uns daran erinnert, daß man in den Träumen oft bestimmte, im Wachleben absolut
unbemerkbare organische Veränderungen wahmimmt, die eine Diagnose künftiger
Krankheiten erlauben In dem Zusammenhang stellt sich das Problem der Hypo­
chondrie.

Da nun liegt etwas Raffinierteres, Durchtriebeneres. Überlegen Sie


sich gut, was das heißt. Ich habe Ihnen vom Austausch gesprochen zwi­
schen dem Bild des Subjekts und dem Bild des andern, als einem in der
imaginären Situation libidinös, narzißtisch besetzen. Zugleich und auf
dieselbe Weise wie beim Tier werden bestimmte Teile der Welt ver­
dunkelt und werden faszinierend, und es wird es auch. W ir können die
eigene Person des Schlafenden im Traum im Reinzustand agnoszieren *
Die Erkenntnisfähigkeit des Subjekts ist im gleichen M aße angewach­
sen. Im Wachzustand dagegen, zumindest wenn es nicht die Traumdeu-
lung * gelesen hat, nimmt es seine Körperempfindungen, die, wenn es
schläft, etwas Inneres, Koenästhesisches ankündigen können, nicht zur
Genüge wahr. Genau in dem Maße, wie die libidinose Verdunkelung
im Traum auf der anderen Seite des Spiegels steht, wird sein Körper
nicht weniger deutlich empfunden, aber besser wahrgenommen, besser
vom Subjekt erkannt.
Begreifen Sie da den Mechanismus?
Im Wachzustand wird der Körper des andern auf das Subjekt bezogen,
auch verkennt er vieles an sich selbst. Daß das Ego eine M acht des
Verkennens sei, ist das eigentliche Fundam ent der ganzen analytischen
Technik.
Das führt sehr weit. Bis hin zur Strukturierung, zur Organisation und
zugleich zur Skotomisierung — hier würde ich den Gebrauch des Ter­
minus ganz gut einsehen — und zu allem möglichen, was zu den Infor­
mationen gehört, die von uns selbst zu uns selbst kommen können —
besonderes Spiel, das uns jene Körperlichkeit, auch sie fremden Ur-
198
Sprungs, zuweist. U nd das führt bis hin zu — Sie haben Augen, um nicht zu
sehen. M an m uß die Sätze des Evangeliums immer buchstäblich neh­
men, anders versteht man davon offenkundig nichts— man glaubt, das
sei Ironie.

D r. P e rrie r: — Der Traum ist auch eine Projektion, Veräußerlichung eines in­
neren Vorganges. Freud erinnert daran, daß die Veräußerlichung eines inneren
Vorgangs ein Mittel der A bwehr gegen das Erwachen ist. In der hysterischen Pho­
biefinden wir dieselbe Projektion, die gleichfalls ein Mittel der Abwehr ist und
eine innere Funktion ersetzt. Nur, sagt er, warum kann die A bsicht zu schlafen eine
Störung erfahren? Sie kann gestört werden entweder durch einen von außen kom-
177 menden Reiz oder durch eine von innen kommende Erregung. Der Fall der inneren
Störung ist der interessantere, und er ist es, den er untersuchen wird.

Man muß dieser Passage aufmerksam folgen, denn sie erlaubt, den Ge­
brauch, in der Analyse, des Terminus Projektion ein wenig strenger zu
fassen. W ir machen davon andauernd den verworrensten Gebrauch.
Insbesondere gleiten wir ständig im klassischen Gebrauch aus, wenn
wir von der Projektion unsrer Gefühle auf Unsresgleichen reden. Das
ist nicht ganz das, worum es geht, wenn wir, unter dem Druck der Um­
stände, das heißt durch das Gesetz der Kohärenz des Systems, von die­
sem Terminus in der Analyse Gebrauch machen müssen. Wenn wir im
nächsten Trimester dazu kommen, uns dem Fall Schreber und der Fra­
ge der Psychosen zuzuwenden, haben wir der Bedeutung, die wir der
Projektion geben können, die letzten Präzisierungen hinzuzufügen.
Wenn Sie dem gefolgt sind, was ich eben gesagt habe, so müssen Sie se­
hen, daß das, was man hier den inneren Vorgang nennt, zunächst im­
mer von außen kommt. Anerkannt wird er zunächst durch die Ver­
mittlung des Außen.

D r. P e rrie r: — Das ist eine Schwierigkeit, auf die ich mit Pater Beimaert und
A ndrée Lehmann gestoßen bin, die mir gestern abend geholfen haben — der vorbe-
wußle Traumwunsch (désir du rêve)7, was ist das?

Was Freud den Traumwunsch nennt, ist das unbewußte Element.

D r. P errier : — Genau. Freud sagt, daß es zunächst, ich nehme an im Wachzu­


stand, eine Bildung des vorbewußten Traumwunsches gibt, die dem unbewußten
Trieb erlaubt, sich vermittels des Materials, das heißt der vorbewußten Tagesreste,
199
auszudrücken. Da taucht die Frage auf, die mich beschäftigt hat. Nachdem er den
Terminus vorbewußter Traumwunsch verwendet hat, sagt Freud, er brauche im
Wachzustand nicht bestanden zu haben und kann bereits den irrationellen Charak­
ter tragen, der allem Unbewußten eigen ist, wenn man es in Begriffe des Bewußten
übersetzt

Was wichtig ist.

D r. P e rrie r: — Man muß sich hüten, sagt er, den Traumwunsch mit dem zu
verwechseln, was der Ordnung des Vorbewußten angehört

Voilà!
Bedenken Sie, wie man das gewöhnlich, nachdem m an’s gelesen hat,
versteht. Man sagt — es gibt das, was manifest ist, und das, was latent
ist. Dann gerät man in eine Reihe von Komplikationen. Was manifest
ist, ist die Komposition. Die Bearbeitung des Traum s fuhrt — eine
hübsche Drehung seines ersten Aspekts, der Erinnerung — dahin, daß
das Subjekt fähig ist, Ihnen das zu nennen, was manifest ist. Doch das,
was den Traum komponiert, ist etwas, was wir zu suchen haben und
was wahrhaft dem Unbewußten angehört. Jen er Wunsch (désir), wir ne
finden ihn oder wir finden ihn nicht, aber wir sehen ihn nie anders als
so, wie er sich dahinter abzeichnet. Der unbewußte Wunsch (désir) ist
wie die Richtungskraft, welche sämtliche Tagesreste *, vage durchsich­
tige Besetzungen, gezwungen hat, sich auf bestimmte Weise zu organi­
sieren. Diese Komposition mündet im manifesten Inhalt, das heißt in
einem Trugbild, das in nichts dem entspricht, was wir zu rekonstruie­
ren haben und was der unbewußte Wunsch (désir) ist.

Wie kann man sich das mit meinem kleinen Schema vorstellen?
J.H yppolite hat mich, angemessenerweise, gezwungen, alles in den
Beginn dieser Sitzung zu investieren. W ir werden diese Frage heute
nicht mehr regeln können. Aber wir müssen noch ein wenig vorankom­
men.
Es ist an dieser Stelle unumgänglich, das einzufiihren, was man die
Schaltungen des Apparats nennen kann.
Also, das Subjekt wird sich seines Begehrens im andern bewußt, durch
200
die Vermittlung des Bildes des andern, das ihm das Phantom seiner
eigenen Herrschaft gibt. Auch wenn es in unseren wissenschaftlichen
Überlegungen ziemlich häufig vorkommt, daß wir das Subjekt auf ein
Auge reduzieren, können wir es doch genausogut auf eine Gestalt redu­
zieren, die unvermittelt im Bezug zum antizipierten Bild von sich
selbst, unabhängig von seiner Entwicklung, begrifFen ist. Aber es
bleibt, daß es ein menschliches Wesen ist, daß es geboren ist in einem
Zustand der Ohnm acht und daß, sehr verfrüht, die Wörter, die Spra­
che ihm als Appell gedient haben, und zwar als einer der jämmerlich­
sten, da es von seinen Schreien abhing, ob er genährt würde. M an hat
bereits diese primitive Bemutterung in Beziehung zu den Zuständen
der Abhängigkeit gebracht. Aber schließlich ist das kein Grund, zu ver­
schleiern, daß diese Beziehung zum andern, ebenso verfrüht, vom Sub­
jekt benannt wird.
Daß ein Name, wie konfus auch immer, eine bestimmte Person be­
zeichnet, genau darin besteht der Übergang zum menschlichen Zu­
stand. W enn man definieren soll, in welchem Augenblick der Mensch
menschlich wird, so kann man sagen, daß es in dem Augenblick ist, wo
er, wenn auch noch so wenig, in die symbolische Beziehung eintritt.
Die symbolische Beziehung, ich habe das schon unterstrichen, ist ewig.
Und nicht einfach deshalb, weil es nötig ist, daß es wirklich immer drei
Personen gebe — sie ist ewig dadurch, daß das Symbol ein Drittes ein­
führt, ein Vermittlungselement, das die zwei Personen einander gegen­
wärtig macht, sie auf eine andere Ebene übergehen läßt und sie modifi­
ziert.
Ich will noch einmal, und aus der Feme, diesen Punkt vornehmen,
auch wenn ich deshalb heute auf halbem Wege stehenbleiben muß.
i79 Herr Keller, der ein Gestalt-Philosoph ist und sich deshalb den mecha­
nistischen Philosophen weit überlegen fühlt, macht alle möglichen
ironischen Bemerkungen über das Them a stimulus-response. Er sagt
irgendwo Folgendes — es ist doch lustig, von einem Herrn Soundso,
New Yorker Verleger, die Bestellung eines Buches zu bekommen, denn
wenn wir uns im stimulus-response-System befinden, könnte man glau­
ben, ich werde von dieser Bestellung stimuliert und mein Buch sei die
Antwort. Oh! là! là! sagt Keller und appelliert auf die berechtigtste
Weise an die lebendige Anschauung, so einfach ist das nicht. Ich geb*
mich nicht damit zufrieden, auf diese Einladung zu antworten, ich bin
in einem Zustand fürchterlicher Spannung. Mein Gleichgewicht — ge-
staltpsychologischer Begriff — wird sich erst dann wieder einstellen.
201
wenn diese Spannung die Form der Realisierung des Textes angenom­
men hat. Jener Appell, den ich empfangen habe, erzeugt bei mir einen
dynamischen Zustand des Ungleichgewichts. Er wird erst befriedigt
sein, wenn er erfüllt ist, das heißt, wenn der durch die bloße Tatsache
jenes Appells immer schon antizipierte Kreis sich in einer vollen Ant­
wort geschlossen haben wird.
Das ist durchaus keine befriedigende Beschreibung. Keller unterstellt
im Subjekt das präformierte Modell einer richtigen Antwort und führt
ein Element des déjà-là ein. Im Grenzfall heißt das, durch das bloße
Schlafvermögen auf alles eine Antwort haben. M an gibt sich mit der
Setzung zufrieden, das Subjekt habe das Modell einer O rdnung gene­
rativer Beziehungen jeder Tätigkeit, die ihm schon vollkommen ein­
beschrieben sei, nicht realisiert. Es ist das nichts anderes als die Tran­
skription, auf einer ausgearbeiteteren Stufe, der mechanistischen
Theorie.
Nein, man darf hier nicht die symbolische O rdnung verkennen, die
diejenige ist, durch die sich das menschliche Wesen als solches konsti­
tuiert. Von dem Augenblick an, wo H err Keller die Bestellung empfan­
gen, mit Ja geantwortet, einen Vertrag signiert hat, ist H err Keller in
der T at nicht mehr derselbe H err Keller. Es ist ein anderer Keller, ein
engagierter Keller, und es ist auch ein anderes Verlagshaus, ein Ver­
lagshaus, das einen Vertrag mehr hat, ein Symbol mehr.
Ich nehme dieses grobe, griffige Beispiel, weil es uns voll in die Dialek­
tik der Arbeit bringt. In der bloßen Tatsache, d aß ich mich in Bezie­
hung auf einen bestimmten H errn als seinen Sohn definiere und daß
ich ihn als meinen Vater definiere, liegt etwas, das, so immateriell es er­
scheinen mag, genauso schwer wiegt, wie die fleischliche Zeugung, die
uns verbindet. Und, praktisch, in der menschlichen Ordnung, wiegt
das sogar schwerer. Denn, selbst bevor ich fähig wäre, die W örter Vater
und Sohn auszusprechen, und selbst wenn er vertrottelt ist und jene
Worte nicht mehr aussprechen kann, definiert uns schon das ganze
menschliche System rundum , mit all den Konsequenzen, die es mit
sich fuhrt, als Vater und Sohn.
Die Dialektik vom Ich zum andern wird also transzendiert, auf einer
höheren Ebene lokalisiert, durch die Beziehung zum andern, durch die
bloße Funktion des Sprachsystems, sofern es mehr oder weniger mit
dem, was wir die Regel, oder noch besser das Gesetz nennen, identisch,
in jedem Fall fundamental verknüpft ist. Dieses Gesetz schafft, in je­
dem Augenblick seines Eingreifens, etwas Neues. Jed e Situation wird
202
durch seinen Eingriff, wie er auch aussieht, transformiert, es sei denn,
wir sprechen, um nichts zu sagen,
iso Doch selbst das noch, ich habe es an anderer Stelle erklärt, hat seine Be­
deutung. Diese Realisierung der Sprache, in der sie nur mehr als abge­
griffene Münze, die man sich stillschweigend zusteckt, fungiert — ein Satz, der
in meinem Bericht von Rom zitiert ist und von Mallarmé stammt —
zeigt die reine Funktion der Sprache — uns zu vergewissern, daß wir
sind, und nichts mehr. Daß man sprechen kann, um nichts zu sagen, ist
genauso bedeutsam, wie der Umstand, daß, wenn man spricht, so im
allgemeinen, um etwas zu sagen. Was frappierend ist, ist dies, daß man
in vielen Fällen spricht, während man genauso gut schweigen könnte.
Aber dann zu schweigen, ist genau das Schwierigste.
Damit nun sind wir auf diejenige elementare Ebene geführt, wo die
Sprache unm ittelbar den ersten Erfahrungen anhaftet. Denn es ist eine
vitale Notwendigkeit, die es bewirkt, daß das Milieu des Menschen ein
symbolisches Milieu ist.
In meinem kleinen Modell genügt, um den Einfall der symbolischen
Beziehung zu erfassen, die Annahme, es sei der Eingriff der Sprachbe-
züge, der die Drehungen des Spiegels bewirkt, welche dem Subjekt, im
andern, im absolut andern, die verschiedenen Figuren seines Begeh­
rens vergegenwärtigen. Es gibt eine Verknüpfung zwischen der imagi­
nären Dimension und dem symbolischen System, soweit sich darin die
Geschichte des Subjekts, nicht die Entwicklung * sondern die Geschich­
te *einschreibt, und sei’s die, in der sich das Subjekt wechselweise in der
Vergangenheit und in der Zukunft wiedererkennt.
Ich weiß, daß ich diese Worte rasch sage, aber ich werde sie noch ein­
mal langsamer wiederaufnehmen.
Vergangenheit und Zukunft entsprechen einander genau. Und nicht
in einem willkürlichen Sinn — nicht in der Richtung, die Sie von der
Analyse angegeben glauben könnten, das heißt von der Vergangenheit
in die Zukunft. Im Gegenteil, eben in der Analyse geht’s, weil ihre
Technik wirksam ist, in die richtige R ichtung— von der Zukunft in die
Vergangenheit. Sie könnten glauben, Sie seien im Begriff, die Vergan­
genheit des Kranken in einem Abfallhaufen zu suchen, während es im
Gegenteil so ist, daß Sie aufgrund des Umstands, daß der Kranke eine
Zukunft hat, in regressive Richtung gehen können.
Ich kann Ihnen nicht sogleich sagen, warum. Ich fahre fort.
Alle menschlichen Wesen haben am Universum der Sprache teil. Sie
sind darin eingeschlossen und lassen es mehr über sich ergehen, als daß
203
sie es konstituieren. Sie sind sehr viel mehr seine Träger als seine Agen-
ten. Abhängig von den Symbolen, der symbolischen Konstitution sei­
ner Geschichte, stellen sich jene Variationen her, unter denen das Sub­
jekt variable, zerbrochene, zerstückelte, das heißt gelegentlich unaus-
gebildete, regressive Bilder seiner selbst auswählen kann. Das ist es, was
wir in den normalen Vorbildern * des Alltagslebens des Subjekts wie
auch, in gerichteterer Weise, in der Analyse erfahren.
Was nun darin ist das Unbewußte und das Vorbewußte?
Ich muß Sie heute hungrig lassen. Aber soviel sollen Sie doch wissen,
daß die erste Annäherung, die wir davon, in unsrer Perspektive von iai
heute, geben können, die ist, daß es sich dabei um bestimmte Differen­
zen, oder genauer um bestimmte Unmöglichkeiten handelt, die mit
der Geschichte des Subjekts genau insofern verbunden sind, als es seine
Entwicklung in sie einschreibt.
W ir werten Freuds doppeldeutige Formel zeillich-entwicklungsgeschicht-
lich * nun auf. Doch beschränken wir uns auf die Geschichte und sagen,
daß es auf Grund gewisser Besonderheiten der Geschichte des Subjekts
bestimmte Teile des realen Bildes oder bestimmte schroffe Phasen gibt.
Auch handelt es sich um eine mobile Beziehung.
In dem inneranalytischen Spiel können bestimmte Phasen (phases)
oder bestimmte Seiten (faces) — zögern wir nicht, Wortspiele zu ma­
chen — des realen Bildes nie im virtuellen Bild gegeben sein. Im
Gegenteil, alles was durch bloße Beweglichkeit des Spiegels im virtuel­
len Bild zugänglich ist, was Sie vom realen Bild im virtuellen Bild se­
hen können, wäre eher im Vorbewußten zu situieren. W ährend dieje­
nigen Teile des realen Bildes, die nie zu sehen sind, die Winkel, in de­
nen der Apparat klemmt oder blockiert— wenn wir es so weit getrieben
haben, können wir die M etapher auch ein wenig weiter treiben — die,
die sind das Unbewußte.
Wenn Sie glauben verstanden zu haben, haben Sie gewiß unrecht. Sie
werden die Schwierigkeiten, die dieser Begriff des Unbewußten macht,
noch sehen, und ich habe keinen anderen Ehrgeiz, als sie Ihnen zu zei­
gen. Einerseits ist das Unbewußte, wie ich eben definiert habe, etwas
Negatives, im Idealfall Unzugängliches. Andererseits ist es etwas quasi
Reales. Endlich ist es etwas, das im Symbolischen realisiert werden
wird, oder, genauer, vermöge des symbolischen Prozesses in der Analy­
se, gewesen sein wird. Ich könnte Ihnen an den Texten von Freud zei­
gen, daß der Begriff des Unbewußten allen drei Term ini entsprechen
muß.
204
Aber ich werde Ihnen sofort den dritten von ihnen illustrieren, dessen
Einbruch Ihnen überraschend erscheinen könnte.
Vergessen Sie dies nicht — Freud erklärt die Verdrängung zunächst als
eine Fixierung. Aber im Augenblick der Fixierung gibt es nichts, das
die Verdrängung wäre — die des Wolfsmanns stellt sich erst nach der
Fixierung her. Die Verdrängung * ist immer eine Nachdrängung *. Und wie
dann die Wiederkehr des Verdrängten erklären? So paradox das schei­
nen mag, es gibt nur eine Art, sie zu erklären — das kommt nicht aus
der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft.
Um Ihnen eine rechte Vorstellung von dem zu geben, was die Wieder­
kehr des Verdrängten in einem Symptom ist, m uß ich wieder eine Me­
tapher vornehmen, die ich bei den Kybernetikern aufgelesen habe —
dadurch kann ich vermeiden, sie selber zu erfinden, denn man soll
nicht zu viel erfinden.
Wiener nim m t zwei Personen an, deren jeweilige Zeitdimension in ge­
genläufiger Richtung zur je anderen liegt. Wohlverstanden, das hat
nichts zu bedeuten, und es ist nun einmal so, daß die Dinge, die nichts
zu bedeuten haben, auf einmal etwas bedeuten, aber auf einem ganz
anderen Gebiet. W enn der eine dem andern eine Botschaft übersendet,
zum Beispiel ein Viereck, so wird die Person, die in gegenläufige Rich-
182 tung geht, zunächst sehen, wie das Viereck verschwindet, bevor sie das
Viereck sieht. Das ist es, was auch wir sehen. Das Symptom stellt sich
uns zuerst als eine Spur dar, die nie etwas anderes sein wird als eine
Spur und die solange unverstanden bleiben wird, bis die Analyse weit
genug fortgeschritten ist, daß wir ihren Sinn realisiert haben. M an
kann auch, so wie die Verdrängung * immer nur eine Nachdrängung * ist,
sagen, daß das, was wir als Wiederkehr des Verdrängten sehen, das ge­
tilgte Signal von etwas sei, das seinen W ert erst in der Zukunft, durch
seine symbolische Realisierung, seine Integration in die Geschichte des
Subjekts bekommen wird. Eis wird, buchstäblich, nie etwas anderes
sein als etwas, das, in einem gegebenen Augenblick der Erfüllung, gewe­
sen sein wird.
Sie werden es dank meinem kleinen Apparat besser sehen. Ich werde
Ihnen etwas an vertrauen — ich fuge jeden Tag ein kleines Stückchen
hinzu. Ich bringe es Ihnen nicht vollständig, wie Minerva aus dem
Schädel von Jup iter springt, der ich nicht bin. W ir werden ihm Schritt
für Schritt folgen, bis zu dem Tag, an dem er uns zu ermüden beginnt,
dann lassen wir ihn. Bis dahin wird er uns die Konstruktion der zum
Begriff des Unbewußten notwendigen drei Seiten zeigen, dam it wir ihn
205
besser verstehen, und dabei alle Widersprüche eliminieren, denen Per­
rier in dem Text begegnet, den er uns vorstellt.
Für heute wollen wir dabei stehenbleiben. Ich habe Ihnen noch nicht
gezeigt, warum der Analytiker sich an der Stelle des virtuellen Bildes
befindet. An dem Tag, an dem Sie verstanden haben werden, warum
sich der Analytiker dort befindet, werden Sie ungefähr alles verstanden
haben, was in der Analyse geschieht.

7. A pril 1954

206
J E N S E IT S D E R P S Y C H O L O G IE
X III
D IE S C H A U K E L D E S B E G E H R E N S

Die Sprachverwirrung in der Analyse


Geburt des Ich (je)
Verkennung ist nicht Unwissenheit
Mystik der Introjeklion
Über den primären Masochismus

Wir beginnen ein drittes Trimester, das, Gott sei Dank, kurz sein
wird.
Ich hatte daran gedacht, den Fall Schreber anzugehen, bevor wir uns
dieses J a h r trennen. Das hätte m ir sehr gefallen, zumal ich zu allen
nützlichen Zwecken das Originalwerk des Präsidenten Schreber eben
übersetzen lasse, über das Freud gearbeitet hat und an das er sich zu
halten bittet. Eine eitle Empfehlung bis jetzt, denn das ist ein unauf­
findbares W erk— ich kenne davon in Europa nur zwei Exemplare. Ich
habe eines davon bekommen können, von dem ich zwei Mikrofilme
habe hersteilen lassen, einen zu meinem Gebrauch, den anderen habe
ich der Bibliothek der Sociétéfrançaise de psychanalyse überlassen.
Schreber lesen ist aufregend. M an kann darüber eine vollständige Ab­
handlung über die Paranoia schreiben und einen reichen Kommentar
über den Mechanismus der Psychosen liefern. J . Hyppolite sagte, mei­
ne Erkenntnis sei Teil der paranoischen Erkenntnis, von der sie aus­
gegangen — wenn sie davon, ein Teil, ausgegangen ist, so hoffe ich, sie
ist nicht darin geblieben.
Es gibt da ein Loch. Aber wir werden nicht gleich dareinfallen, denn
wir könnten gar als Gefangene darin bleiben müssen.
Bis jetzt sind wir in den Technischen Schüßen von Freud vorangeschrit­
ten. Ich glaube, es ist jetzt unmöglich, die Annäherung an die aktuelle
Technik der Analyse nicht weiterzutreiben, die ich implizit unablässig
versucht habe, an das, was man, in Anführungszeichen, ihre neuesten
Fortschütte nennen kann. Ich habe mich implizit auf die Lehre bezogen,
die Ihnen in den Kontroll-Analysen gegeben wird, wonach die Analyse
die Analyse von W iderständen, von Abwehrsystemen des Ich ist. Diese
Konzeption bleibt schlecht zentriert, und wir können uns ausschließ-
209
lieh auf konkrete, aber nicht systematisierte und, manchmal sogar,
nicht formulierte Lehren beziehen.
Obwohl sich jedes Signal der analytischen Literatur zur Technik rar im
macht, hat sich eine gewisse Anzahl von Autoren zu diesem Gegen­
stand geäußert. W enn sie kein Buch im eigentlichen Sinn daraus ge­
macht haben, so haben sic Aufsätze geschrieben - wovon einige, sehr
merkwürdigerweise, auf der Strecke geblieben sind, die zu den interes­
santesten gehören. Es ist da, in der T at, ein ziemlich ausgedehnter Kor­
pus zu durchlaufen. Ich hoffe hier auf die M itarbeit einiger von Ihnen
zählen zu können, denen ich einige von diesen Texten leihen könnte.
Es gibt da zunächst die drei Aufsätze von Sachs, Alexander und Rado,
die aus dem Berliner Symposium hervorgegangen sind. Sie müssen sie
kennen, wenn Sie in dem Buch von Fenichel gestöbert haben.
Dann auf dem Kongreß von M arienbad finden Sie das Symposium
über die Resultate— wie sie sagen— der Analyse. Tatsächlich handelt
es sich weniger um das Resultat als um die Prozedur, die zu solchen
Resultaten hinfuhrt. Sie können hier sehen, wie anhebt und sich aus­
breitet, was ich die Sprachverwirrung in der Analyse nenne, das heißt
die extreme Verschiedenheit der Konzeptionen über die aktiven Wege
im psychoanalytischen Prozeß.
Der dritte Moment ist der gegenwärtige. Es ist an der Zeit, die jüngst
erschienenen Arbeiten zur Ich-Theorie von der amerikanischen Troika
Hartmann, Loewenstein und Kris in den Vordergrund zu rücken. Die­
se Schriften sind zuweilen ziemlich erstaunlich durch die Multiplika­
tion der Konzepte. Sie reden unaufhaltsam von der desexualisierten
Libido — das ist ganz richtig, wenn m an nicht delibidinalisiert sagt —
oder der desaggressivierten Aggressivität. Die Ich-Funktion spielt da zu­
nehmend jene problematische Rolle, die sie schon in den Schriften der
dritten Periode von Freud gespielt hat — die ich aus unserm Feld her­
ausgelassen habe, das von mir au f die mittlere Periode von 1910-1920
begrenzt worden ist, in deren Verlauf sich, m it dem Begriff des Narziß­
mus, das auszubilden beginnt, was die letzte Theorie des Ich sein wird.
Lesen Sie den Band, der in der französischen Ausgabe den Titel Essais
de psychanalyse heißt und Jenseits des Lustprinzips, Massenpsychologie und
Jch-Analyse und Das Ich und das Es enthält. W ir können ihn in diesem
Ja h r nicht untersuchen, aber das wäre unerläßlich für jem anden, der
die Entwicklungen verstehen will, die die von m ir genannten Autoren
der Behandlungstheorie gegeben haben. Die Behandlungstheorien, die
seit 1920 entwickelt worden sind, haben sich immer um die letzten For-
210
mulierungen von Freud zentriert. In der Mehrzahl der Fälle mit extre­
mer Unbeholfenheit, die von der großen Schwierigkeit herrührt zu ver­
stehen, was Freud in diesen wirklich monumentalen drei Aufsätzen
sagt, wenn man nicht die Genese des Narzißmus-BegrifTs selbst durch­
gearbeitet hat. D arauf habe ich Sie bei Gelegenheit der Widerstands­
analyse und der Übertragung in den Technischen Schüßen hinzuweisen
versucht.

187 J

Mein Weg ist, im Grunde, diskursiv. Ich versuche Ihnen hier eine Pro­
blematik zu vergegenwärtigen, indem ich von Freuds Texten ausgehe.
Doch von Zeit zu Zeit ist es nötig, eine didaktische Formulierung zu
konzentrieren und die verschiedenen Formulierungen dieser Probleme
in der Geschichte der Analyse zu verbinden.
£s ist ein mittlerer Weg, den ich wähle, wenn ich Ihnen ein Modell vor­
stelle, das nicht die Absicht hat, ein System zu sein, sondern nur ein Re­
ferenzbild. Das eben ist der Grund, aus dem ich Sie nach und nach zu
dem optischen Schema geführt habe, das wir hier zu konstruieren be­
gonnen haben.
Dies Schema fangt jetzt an. Ihnen vertraut zu werden. Ich habe Ihnen
gezeigt, wie man verstehen kann, daß sich das reale Bild, das sich ver­
möge des Konkavspiegels herstellt, im Innern des Subjekts produziert,
an einem Punkt, den wir O nennen. Das Subjekt sieht dieses reale Bild
als ein virtuelles Bild im ebenen Spiegel, in O', sofern es an einer im Ver­
hältnis zum ebenen Spiegel symmetrischen virtuellen Stelle steht.
ebener Spiegel

Vereinfachtes Schema der zwei Spiegel

Wir haben hier zwei Punkte, O und O '. W arum O und O'? Ein kleines
Mädchen — eine virtuelle Frau, also ein im Realen sehr viel engagier-
211
teres Wesen als die Jungen — hat eines Tages einen sehr schönen Witz
gemacht— Ah! man soll nickt glauben, daß sich mein ganzes Leben zwischen 0
und 0 ' abspielen wird. Armer Schatz! Es wird sich, dein Leben, zwischen
O und O ' abspielen, wie für alle Welt. Aber schließlich sagt sie uns da,
worauf sie aus ist. Ihr zu Ehren möchte ich diese Punkte O und O ' nen­
nen.
Damit muß man sich schon abfinden.
M an muß, trotz allem, mit O und O ' anfangen. Sie wissen schon, daß es
sich um das handelt, was sich auf die Konstitution des Ideal-Ich * nicht
des Ich-ldeals * bezieht — anders gesagt den fundam ental imaginären, iss
spekularen Ursprung des Ich. Das habe ich Ihnen mit einer bestimm­
ten Anzahl von Texten, deren gewichtigster Zur Einführung des Narziß­
mus * ist, verständlich zu machen gesucht.
Ich hoffe. Sie haben die enge Beziehung erfaßt, die es, in diesem Text,
zwischen Objektbildung und Ichbildung gibt. Weil sie einander streng
korrelativ sind und wahrhaft gleichzeitig erscheinen, entsteht das Pro­
blem des Närzißmus. In diesem M oment von Freuds Denken erscheint
die Libido einer anderen Dialektik als ihrer eigenen unterworfen, und
zwar deijenigen, würde ich sagen, des Objekts.
Der Narzißmus, das ist nicht die Beziehung des biologischen Indivi­
duums zu seinem natürlichen Objekt, die angereichert und auf ver­
schiedenste Weise kompliziert würde. Es gibt eine besondere narzißti­
sche Besetzung. Das ist eine libidinose Besetzung dessen, was als etwas
anderes denn als Bild des Ego aufgefaßt werden kann.
Ich sage das hier ganz grob. Ich könnte es in einer ausgearbeiteten, phi­
losophischen Sprache sagen, aber ich will, daß Sie es einsehen. Es ist
vollkommen sicher, daß, von einem bestimmten M om ent in der Ent­
wicklung von Freuds Erfahrung an, die Aufmerksamkeit au f die imagi­
näre Funktion des Ich konzentriert ist. Nach Freud verwirrt sich die
ganze Geschichte der Psychoanalyse m it einer Rückkehr zur nicht tra­
ditionellen, sondern akademischen Konzeption des Ich als einer psy­
chologischen Synthesenfunktion. Nun, wenn das Ich in der mensch­
lichen Psychologie ein W ort mitzureden hat, so kann es erfaßt werden
nur auf einer transpsychologischen Ebene, oder, wie Freud Buchstabe
für Buchstabe sagt— denn Freud hat, trotz der Schwierigkeiten, die er
bei der Formulierung des Ich hatte, nie den Faden verloren — auf einer
metapsychologischen.
Was hat das zu bedeuten, wenn nicht dies, daß das jenseits der Psycho­
logie liegt?
212
2

Was heißt es. Ich (Je) zu sagen? Ist es dasselbe wie das Ego, der
analytische Begriff? Von da m uß man ausgehen.
Wenn Sie sich seiner bedienen, dann können Sie nicht verkennen, daß
das ich vor allem eine psychologische Referenz ist in dem Sinne, in dem
es Psychologie ist, wenn es sich um die Beobachtung dessen handelt,
was sich beim Menschen abspielt. Wie lernt er, das zu sagen, dies ich?
Ich ist ein Verbalterm, dessen Gebrauch in einer bestimmten Referenz
auf den anderen, die eine gesprochene Referenz ist, erlernt wird. Das
ich wird in der Referenz auf du geboren. Jeder weiß, was für großartige
Sachen die Psychologen darüber ausgeheckt haben, die Wechselbezie­
hung zum Beispiel, die sich einstellt oder nicht einstellt und die ich
t89 weiß nicht welche Phase in der inneren Entwicklung des Kindes deter­
miniert. Als könnte man dessen, so einfach, sicher sein und es aus jener
ersten Unbeholfenheit des Kindes im Umgang mit den Personalprono­
men deduzieren. Das Kind wiederholt den Satz, den man zu ihm sagt,
mit dem du, anstatt die Inversion mit dem ich zu bilden. Es handelt sich
um eine Verzögerung im Spracherwerb. W ir haben nicht das Recht,
darüber hinauszugehen. Aber das genügt, uns darauf aufmerksam zu
machen, daß das ich sich zunächst in einer Spracherfahrung, in der Re­
ferenz zum du bildet, und das in -einer Beziehung, wo der andere ihm
was zeigt? — Befehle, Wünsche (désirs), die es anerkennen muß, von
seiten seines Vaters, seiner M utter, seiner Erzieher oder von seinesglei­
chen und seinen Kameraden.
Es ist klar, daß zu Beginn die Chancen extrem gering sind, daß es sei­
nen Wünschen (désirs), seinen eigenen, Anerkennung verschafft, wenn
nicht auf die unvermitteltste Weise. W ir wissen nichts, zumindest am
Ursprung, über den genauen Resonanzpunkt, an dem sich, in der Vor­
stellung des kleinen Subjekts, das Individuum ansiedelt. Eben das
macht es so unglücklich.
Wie übrigens sollte es seinen Wünschen (désirs) Anerkennung ver­
schaffen? Es weiß nichts davon. Sagen wir, wir haben allen Grund zu
der Annahme, daß es davon nichts weiß. Das ist, was uns, uns Analyti­
kern, die Erfahrung mit dem Erwachsenen zeigt. Der Erwachsene hat,
in der T at, seine Wünsche (désirs) zu suchen. Anders bedürfte er der
Analyse nicht. Was uns zur Genüge anzeigt, daß er von dem getrennt
ist, was ihn m it seinem Ich verbindet, das heißt von dem von sich selbst,
dem er Anerkennung verschaffen kann.
213
Ich sage — es weiß nichts davon. Vage Formulierung, aber die Analyse
lehrt uns die Dinge nach und nach — das ist es übrigens, was unser
Interesse ausmacht, wenn wir den Prozeß von Freuds Werk verfolgen.
Erklären wir nun diese Formulierung.
Was ist Unwissenheit? Es ist das ein gewiß dialektischer Begriff, denn
allein in der Perspektive der W ahrheit konstituiert sie sich als solche.
Wenn sich das Subjekt nicht in bezug zur W ahrheit setzt, gibt es keine
Unwissenheit. Wenn das Subjekt nicht anfängt, sich die Frage zu stel­
len, was es sei und was es nicht sei, gibt es keinen Grund, aus dem es ein
Wahres und ein Falsches, nicht einmal, darüber hinaus, Wirklichkeit
und Erscheinung geben kann.
Vorsicht. W ir fangen an, voll in die Philosophie zu geraten. Sagen wir,
die Unwissenheit konstituiert sich polar zur Beziehung auf die virtuelle
Position einer zu erreichenden W ahrheit. Das ist also ein Zustand des
Subjekts, sofern es spricht.
In der Analyse beginnen wir, von dem Augenblick an, wo wir das Sub­
jekt, implizit, in die Suche nach der W ahrheit hineinziehen, seine Un­
wissenheit zu konstituieren. W ir sind es, die diese Situation erzeugen,
und also auch jene Unwissenheit. W enn wir sagen, das Ich wisse nichts
von den Wünschen (désirs) des Subjekts, so weil die Ausarbeitung der
Erfahrung im Denken Freuds es uns lehrt. Jene Unwissenheit ist also
nicht schlicht und einfach Unwissenheit. Es ist das, was konkret im Pro­
zeß der Verneinung * ausgedrückt wird und was sich, im statischen En­
semble des Subjekts, Verkennung nennt.
Verkennung ist nicht Unwissenheit. Die Verkennung stellt eine be­
stimmte Organisation von Affirmationen und Negationen dar, denen
das Subjekt verhaftet ist. Sie läßt sich also nicht ohne eine ihr korrelati­
ve Erkenntnis begreifen. Wenn das Subjekt etwas verkennen kann, so
muß es wohl wissen, worum diese Funktion tätig geworden ist. Es muß
wohl so sein, daß es hinter seiner Verkennung eine gewisse Erkenntnis
dessen gibt, was da zu verkennen ist.
Nehmen wir einen Delirierenden, der in der Verkennung des Todes
einer ihm nahestehenden Person lebt. M an hätte U nrecht zu glauben,
daß er ihn mit einem Lebenden verwechselt. Er verkennt, oder verwei­
gert anzuerkennen, daß er tot ist. Doch die ganze Aktivität, die er in
seinem Verhalten entwickelt, zeigt an, daß er erkennt, daß es da etwas
gibt, was er nicht anerkennen will.
Was also ist diese Verkennung, die hinter der Ich-Funktion impliziert
ist, welche wesentlich eine der Erkenntnis ist? Das ist der Punkt, von
214
dem aus wir die Frage des Ich angehen werden. Da liegt, vielleicht, der
wirkliche, konkrete Ursprung unserer Erfahrung — wir werden dazu
gebracht, uns, angesichts dessen, was analysierbar ist, einer mantischen
Operation zu überlassen, anders gesagt einem Ubersetzungsakt, der,
jenseits der Sprache des Subjekts, die auf der Ebene der Erkenntnis
zweideutig bleibt, eine W ahrheit zu entbinden visiert. Um in dieser
Richtung voranzukommen, muß man sich fragen, was die Erkenntnis,
die die Verkennung orientiert und leitet, sei.
Beim Tier ist Erkenntnis Koadaptation, imaginäre Koadaptation. Die
Strukturierung der Welt zur Form der Umwelt * geschieht durch die
Projektion einer gewissen Anzahl von Beziehungen, von Gestalten * die
sie organisieren und sie für jedes Tier spezifizieren.
Tatsächlich definieren die Psychologen des tierischen Verhaltens, die
Ethologen, gewisse Strukturierungsmechanismen, gewisse Abfuhrbah­
nen als dem Tier angeboren. Seine Welt ist das Milieu, in dem es sich
èntwickelt, das im Ununterschiedenen der Realität jene zunächst vor­
gezogenen Wege durchziehen und teilen, an die sich sein Verhalten
anknüpft.
Beim Menschen, nichts dergleichen. Die Anarchie seiner elementaren
T riebe ist uns durch die analytische Erfahrung bewiesen. Seine Partial­
verhaltensweisen, seine Objektbeziehung — zum libidinösen Objekt
— sind den verschiedensten Zufallen unterworfen. Die Synthese schei­
tert.
Was also entspricht beim Menschen jener angeborenen Erkenntnis, die
für das Tier gut und gern ein Führer durchs Leben ist?
M an m uß hier die Funktion isolieren, die beim Menschen das Bild sei­
nes eigenen Körpers spielt — und dabei sehr wohl festhalten, daß sie
auch beim Tier von höchster Wichtigkeit ist.
Ich mache hier einen kleinen Sprung, weil ich annehme, daß wir dar­
über schon zusammen eine gewisse Wegstrecke zurückgelegt haben.
Sie wissen, daß uns die H altung des Kindes zwischen sechs und acht­
zehn Monaten angesichts eines Spiegels über die fundamentale Bezie-
191 hung des menschlichen Individuums zum Bild Aufschluß gibt. Den
Jubel des Kindes vor dem Spiegel während dieser ganzen Periode
konnte ich Ihnen im letzten Ja h r in einem Film von Herrn Gsell zeigen,
der allerdings nie von meinem Spiegelstadium hat reden hören und
sich nie irgendeine Frage analytischer Art gestellt hat, bitte glauben Sie
mir das. Das gibt der Tatsache, daß er das bedeutsame Moment so gut
isoliert hat, nur noch größeren Wert. Gewiß, er selbst unterstreicht
215
nicht wirklich den Grundzug, der in seinem exaltierenden Charakter
liegt. Denn das Wichtigste ist nicht das Erscheinen dieses Verhaltens
mit sechs Monaten, sondern sein Verschwinden m it achtzehn Mona­
ten. Ganz schroff wechselt das Verhalten vollständig, wie ich im letzten
Ja h r gezeigt habe, um nur noch eine Erscheinung * eine Erfahrung unter
den andern zu sein, auf die sich seine Kontrolle und sein instrumentel-
les Spiel erstrecken. Alle so deutlich akzentuierten Zeichen der voran­
gehenden Periode verschwinden.
Um das zu erklären, was sich da abspielt, möchte ich mich auf einen
Terminus beziehen, den einige Lektüre Ihnen zumindest vertraut ge­
macht haben muß, einen jener Term ini, die wir verschwommen ge­
brauchen, aber die gleichwohl bei uns einem mentalen Schema ent­
sprechen. Sie wissen, daß sich im Augenblick des Untergangs des Ödi­
puskomplexes das herstellt, was wir Introjeklion nennen.
Ich bitte Sie inständig, diesem Terminus nicht übereilt eine allzu be­
grenzte Bedeutung zu geben. Sagen wir, daß m an ihn verwendet, wenn
sich so etwas wie eine Umkehrung herstellt — was draußen war, wird
das Innere, was der V ater war, wird das Über-Ich. Es ist au f der Ebene
dieses unsichtbaren, undenkbaren Subjekts, das man so nie benennt,
etwas geschehen. Liegt es auf der Ebene des Ich, des Es? Es liegt zwi­
schen den beiden. Deshalb nennt man es das Super-Ego.
Nun wirft man sich in jene Quasi-Mythologie von Spezialisten, in der
sich unser Geist gewöhnlich verausgabt. Es sind, am Ende, akzeptable
Schemata, wir leben immer inmitten von Schemata, die akzeptabel
sind. Aber wenn man einen Psychoanalytiker fragen würde — Glauben
Sie wirklich, daß das Kind nun seinen Vaterfrißt, daß der in seinen Bauch kommt
und daß das das Über-Ich wird?
Wir verhalten uns, als sei all das selbstverständlich. Es gibt unschuldige
Arten, den Terminus Introjektion zu gebrauchen, die weit gehen. Neh­
men wir an, ein Ethnologe, der nie etwas von dieser verdammten Ana­
lyse gehört haben soll, käme plötzlich hierher, um zu erfahren, was da
geschieht. Er würde sagen — Sehr sonderbare Primitive, diese Analysierten,
die ihren Analytiker in kleinen Stücken auffressen.
Schauen Sie in die Abhandlung von Baltasar Graciän, den ich für einen
fundamentalen Autor halte— die Herren Nietzsche und La Rochefou­
cauld sind klein an der Seite von Der Hofmann und vom Criticon. In dem
Augenblick, wo man an die Kommunion glaubt, gibt es keinen Grund,
nicht zu denken, daß man Christus ißt und also auch sein delikates
Ohrläppchen. Warum nicht aus der Kommunion eine Kommunion e
216
la carte machen? Das, das geht für diejenigen, die an die Transsubstan-
192 tiation glauben, ganz gut. Aber für uns anderen, Analytiker, skrupulös
durch Wissenschaft und verständig? Was wir unter der Feder von
Herrn Stekel und anderen Autoren finden, das ist, letzten Endes, bloß
eine dosierte Introjektion des Analytikers, und ein Beobachter von
außen könnte es nur auf die mystische Ebene der Kommunion transpo­
nieren.
Immerhin liegt das ziemlich weit ab von unserm wirklichen Denken —
sofern wir denn denken. Gott sei Dank, denken wir nicht, das ist’s, was
uns entschuldigt. Das ist der große dauernde Irrtum — sich vorzustel­
len, daß die Wesen denken, was sie sagen.
Wir denken nicht, aber das ist kein Grund, warum man nicht ver­
suchen sollte zu verstehen, warum man so offenkundig unsinnige Sätze
aufgestellt hat.
Machen wir weiter. Der Augenblick, in dem das Spiegelstadium ver­
schwindet, bildet eine Analogie zu jenem Augenblick des Schaukelns,
das sich in bestimmten M omenten der psychischen Entwicklung ein­
stellt. W ir können das an Phänomenen des Transitivismus feststellen,
wo man sieht, wie für das Kind seine H andlung und die des andern
gleichwertig werden. Es sagt — François hat mich gehauen, während doch
es François gehauen hat. Es gibt da einen instabilen Spiegel zwischen
dem Kind und seinesgleichen. Wie diese Phänomene erklären?
Es gibt einen Augenblick, wo sich beim Kind durch die Vermittlung
des Bildes des andern die jubelnde Annahme einer Herrschaft einstellt,
die es noch nicht erreicht hat. Nun, diese Herrschaft, das Subjekt zeigt
sich vollkommen fähig, sie ins Innere aufzunehmen. Schaukel.
Wohlverstanden, es kann das übernehmen nur im Zustand einer leeren
Form. Diese Form, diese Hülle von Herrschaft, ist eine so sichere Sache,
daß Freud, der auf von den meinigen ziemlich verschiedenen Wegen
daraufgekommen ist, auf den Wegen der Dynamik der libidinösen Be­
setzung, sich nicht anders ausdrücken kann — lesen Sie Das Ich und das
Es. Wenn Freud vom Ego spricht, dann handelt es sich keineswegs um
etwas ich weiß nicht wie Einschneidendes, Determinierendes, Impera­
tives, wodurch es sich mit dem vermengen könnte, was man in der aka­
demischen Psychologie höhere Instanzen nennt. Freud unterstreicht, daß
es die alierengste Beziehung zur Körperoberfläche haben muß. Es geht
nicht um die sensible, sensorische, eindrucksfähige Oberfläche, son­
dern um diese Oberfläche, sofern sie in einer Form reflektiert ist. Es gibt
keine Form, die nicht eine Oberfläche hätte, eine Form ist durch ihre
217
Oberfläche definiert — durch die Differenz im Identischen, das heißt
die Oberfläche.
Das Bild der Form des andern wird vom Subjekt aufgenommen. Es ist,
in seinem Innern lokalisiert, diese Oberfläche, vermöge deren sich in
die menschliche Psychologie derjenige Bezug auf das Draußen des
Drinnen einfiihrt, durch den das Subjekt sich als Körper weiß und
erkennt.
Das ist übrigens auch die einzige wirklich fundam entale Differenz zwi-
sehen der menschlichen Psychologie und der tierischen Psychologie.
Der Mensch weiß sich als Körper, während es letzten Endes keinen
Grund für ihn gibt, sich zu wissen, da er darin steckt. Auch das Tier i»
steckt darin, aber wir haben keinen G rund zu der Annahme, daß es sich
das vorstellt.
In einer Schaukelbewegung, einer Bewegung des Austauschs mit dem
andern lernt sich der Mensch als Körper, als leere Form des Körpers
kennen. Ebenso wird alles, was dann in ihm im Zustand des bloßen Be­
gehrens, des ursprünglichen, unausgebildeten und verworrenen Be­
gehrens ist, das sich im Wimmern des Kindes ausdrückt — wird er all
das, in den andern umgekehrt, anzuerkennen lernen. Er wird lernen,
weil er es noch nicht gelernt hat, solange wir die Kommunikation noch
nicht ins Spiel gebracht haben.
Diese Vorzeitigkeit ist nicht chronologisch, sondern logisch, und wir
gehen hier nur deduktiv vor. Sie ist dadurch nicht weniger fundamen­
tal, denn sie erlaubt uns, die Ebenen des Symbolischen, des Imaginären
und des Realen zu unterscheiden, ohne die man in der analytischen Er­
fahrung nur vorankommen kann, indem m an Begriffe verwendet, die
an Mystik angrenzen.
Bevor das Begehren nicht lernt, sich — sagen wir nun dies Wort —
durch das Symbol anzuerkennen, wird es nur im andern gesehen.
Am Ursprung, vor der Sprache, existiert das Begehren nur auf der ein­
zigen Ebene der imaginären Beziehung des Spiegelstadiums, pro­
jiziert, entfremdet im andern. Die Spannung, die es erzeugt, ist dann je­
den Auswegs beraubt. Das heißt, sie hat keinen anderen Ausweg— wie
Hegel uns lehrt — als die Zerstörung des andern.
Das Begehren des Subjekts kann sich in dieser Beziehung allein durch
absolute Konkurrenz bestätigen, allein durch absolute Rivalität mit
dem anderen, wenn es um das Objekt geht, dem es zustrebt. Und jedes­
mal, wenn wir uns, bei einem Subjekt, dieser prim ären Entfremdung
nähern, erzeugt sich die allerradikalste Aggressivität — das Begehren
218
nach dem Verschwinden des andern, sofern er das Begehren des Sub­
jektes trägt.
Wir begegnen hier dem, was auch der simple Psychologe vom Verhal­
ten des Subjekts beobachten kann. Der Heilige Augustinus, zum Bei­
spiel, weist, in einem von mir oft wiederholten Satz, auf die verheeren­
de, losgelassene Eifersucht hin, die das kleine Kind gegen seinesglei­
chen empfindet, und vor allem dann, wenn dieses an der Brust seiner
M utter hängt, das heißt an dem Objekt des Begehrens, das für es we­
sentlich ist.
Es ist das eine zentrale Funktion. Die Beziehung, die zwischen dem
Subjekt und seinem Urbild * seinem Ideal-Ich * besteht, durch das es in
die imaginäre Funktion eintritt und sich als Form zu erkennen lernt,
kann immer schwanken. Jedesmal wenn das Subjekt sich als Form und
als Ich auffaßt, jedesmal wenn es sich in seinem Status, in seiner Statur,
in seiner Statik konstituiert, projiziert sich sein Begehren nach außen.
Woraus die Unmöglichkeit jeder menschlichen Koexistenz folgt.
Aber, Gott sei Dank, das Subjekt ist in der Welt des Symbols, das heißt
in einer Welt von anderen, die sprechen. Deshalb ist sein Begehren der
Vermittlung der Anerkennung fähig. Anders könnte sich jede mensch­
liche Funktion nur in dem unbeschränkten Wunsch nach der Destruk­
tion des andern als solchen erschöpfen.
Umgekehrt, jedesmal wenn, im Phänomen des anderen, etwas er-
194 scheint, was dem Subjekt aufs neue erlaubt, sich zu re-projizieren, zu
re-komplettieren, das Bild des Ideal-Ich * wie Freud sagt, zu nähren, je­
desmal wenn sich in analoger Weise die jubelnde Aufnahme des Spie­
gelstadiums wiederholt, jedesmal wenn das Subjekt durch einen sei­
nesgleichen gefesselt wird, nun, kehrt im Subjekt das Begehren wieder.
Aber es kehrt verbalisiert wieder.
Anders gesagt, jedesmal wenn sich die Objektidentifikationen des
Ideal-Ich *herstellen, erscheint jenes Phänomen, auf das ich von Anfang
an Ihre Aufmerksamkeit gezogen habe, die Verliebtheit * Die Differenz
zwischen der Verliebtheit *und der Übertragung liegt darin, daß sich die
Verliebtheit * nicht automatisch herstellt — es bedarf dazu gewisser Be­
dingungen, die durch die Entwicklung des Subjekts determiniert sind.
In dem Aufsatz über Das Ick und das Es — den man schlecht liest, weil
man nur an das berühmte Schema à la con denkt, mit seinen Stufen, der
kleinen Linse, den Seiten, dem Ding, das sich zurückzieht und das er
das Super-Ego nennt, was für eine Idee, das aus der Tasche zu ziehen,
wo er gewiß noch andere Schemata hatte — schreibt Freud, daß das Ich
219
aus der Folge seiner Identifizierungen mit den geliebten Objekten ge­
macht ist, die ihm erlaubt haben, seine Form anzunehmen. Das Ich,
das ist ein Objekt, das wie eine Zwiebel gebaut ist, man könnte es pellen
und man fände die aufeinanderfolgenden Identifikationen, die es kon­
stituiert haben. Das steht ebenfalls in den Aufsätzen geschrieben, von
denen ich Ihnen eben gesprochen habe.
Die beständige Umwendung des Begehrens zur Form und der Form
zum Begehren, anders gesagt des Bewußtseins und des Körpers, des Be­
gehrens als eines partialen zum geliebten Objekt, in dem sich das Sub­
jekt buchstäblich verliert und mit dem es sich identifiziert, ist der
Grundmechanismus, um den alles, was sich auf das Ego bezieht, kreist.
Wir müssen verstehen, daß dies Spiel, als solches, eines von Flamme
und Feuer ist und, sobald das Subjekt fähig ist, etwas zu tun, in der un­
vermittelten Vernichtung gipfelt. Und, Sie können mir glauben, es ist
dazu sehr schnell fähig.
Das kleine Mädchen, von dem ich Ihnen eben gesprochen habe und das
gar nicht besonders wild war, befleißigte sich ganz ruhig, in einem
Alter, in dem sie noch kaum auf ihren eigenen Füßen gehen konnte, in
einem Garten auf dem Lande, wo sie sich aufhielt, einen Stein von
ziemlicher Größe auf den Schädel eines benachbarten kleinen Kame­
raden zu hauen, auf den sich ihre ersten Identifizierungen bezogen. Die
Geste des Kain bedarf keiner sehr großen Vollständigkeit der Motorik,
um sich auf das spontanste, ich m uß sogar sagen in der triumphierend-
sten Weise zu realisieren. Sie zeigte nicht das geringste Schuldgefühl—
Ich hauen Francis Kopf. Sie formulierte es mit Sicherheit und Ruhe. Ich
prophezeie ihr gleichwohl nicht die Zukunft einer Kriminellen. Sie
stellte bloß die fundamentalste Struktur des menschlichen Wesens auf
der Ebene des Imaginären d a r— den zu zerstören, der der Sitz der Ent­
fremdung ist.
Was möchten Sie sagen, Granoff?

D r. G ranoff: — Wie ist in diesem Augenblick der masochistische Ausgang im


Spiegelstadium zu verstehen?

Lassen Sie mir Zeit. Ich bin da, um Ihnen das zu erklären. Sobald man
anfangt, das als masochistischen Ausgang zu bezeichnen, findet die
Katze ihre Jungen nicht mehr wieder.
220
Der masochistische Ausgang — ich weise Einwürfe nie zurück, auch
wenn sie meine Entwicklung ein wenig unterbrechen — wir können
ihn nicht ohne die Dimension des Symbolischen verstehen. Er siedelt
sich am Punkt der Fuge zwischen dem Imaginären und dem Symbo­
lischen an. In dieser Fuge siedelt sich, in seiner strukturierenden Form,
das, was man allgemein den primären Masochismus nennt, an. An
dieser Stelle muß man auch ansiedeln, was man den Todestrieb nennt,
der für die fundamentale Stellung des menschlichen Subjekts konstitu­
tiv ist.
Vergessen Sie nicht, daß Freud, nachdem er den primären Masochis­
mus isoliert hat, ihn genau in einem Kinderspiel inkarniert sieht. Es ist,
genau, achtzehn M onate ah, dieses Kind. Es substituiert, so sagt uns
Freud, der schmerzhaften Spannung, die von der unvermeidlichen Er­
fahrung der Anwesenheit und Abwesenheit des geliebten Objekts er­
zeugt wird, ein Spiel, durch das es selbst Anwesenheit und Abwesenheit
als solche in die Hand nimmt, und Lust daraus zieht, sie zu beherr­
schen. Es macht das vermittels einer kleinen Spule am Ende eines Fa­
dens, die es fortwirft und wieder zurückholt.
Da ich hier nicht selber eine Dialektik vortragen will, sondern versu­
che, Freud zu entsprechen, die Grundlagen seines Denkens zu erhellen,
möchte ich das akzentuieren, was Freud selbst nicht unterstreicht,
doch was offenkundig ist — wie immer erlaubt seine Beobachtung,
seine Theoretisierung zu ergänzen. Dies Spulenspiel wird begleitet von
einer Vokalisierung, die insofern charakteristisch ist, als sie vom Stand­
punkt der Linguisten das Fundam ent der Sprache bildet, und sie allein
erlaubt, das Problem der Sprache, das heißt eine einfache Opposition,
zu begreifen.
Wichtig ist nicht, daß das Kind die Worte Fort /Da * sagt — es spricht
sie übrigens nur ungefähr so aus. Das heißt, daß es da, von Anfang an,
eine erste Sprachäußerung gibt. In dieser phonematischen Opposition
transzendiert das K ind, hebt auf eine symbolische Ebene, das Phäno­
men von Anwesenheit und Abwesenheit. Es macht sich zum Herrn des
Dings genau insofern, als es es zerstört.
Da wir ja von Zeit zu Zeit ein Textstück von Freud lesen, werden wir
uns zum erstenmal einem Text von Jacques Lacan zuwenden. Ich habe
ihn kürzlich wieder gelesen und ich fand, daß er verständlich war. Aber
es ist wahr, daß ich in einer privilegierten Position war.
196 Ich habe geschrieben — Freud hat uns in genialer Intuition diese Verdunke­
lungsspiele vor Augen geführt, damit wir in ihnen erkennen, daß der Moment, in
221
dem das Begehren sich vermenschlicht, zugleich da ist, in dem das Kind zur Spra­
chegeboren wird. Wir können heute begreifen, daß das Subjekt in diesem Vorgang
nicht nur einen Verlust bewältigt, indem es ihn aufsich nimmt — das ist cs, was
Freud sagt — sondern daß es sein Begehren durch ihn zur zweiten Potenz erhebt.
Denn sein Handeln zastört das Objekt, das es in da antizipiaenden Provoka­
tion — im eigentlichen Sinn dieses Wortes, durch die Stimme — in da
Provokation seiner Anwesenheit und seina Abwesenheit ascheinen und vaschwin-
den läßt. Dieses Handeln negativiat damit das Kräßefeld des Begehrens, um sich
selbst zum eigenen Objekt zu waden. Und dieses Objekt, das sogleich in dem sym­
bolischen Paar zweia elementara Jakulationen Gestalt annimmt, vakündet im
Subjekt die diachronische Integration einer Dichotomie von Phonemen — das be­
deutet einfach, daß sie die Eingangstür dessen bilden, was bereits exi­
stiert, sofern die Phoneme eine Sprache bilden — daen synchronische
Struktur eine bestehende Sprache ihm zur Assimilation anbietet; so beginnt das
Kind sich auf den konkreten Diskurs seina Umgebung einzulassen, indem es mehr
oda weniga näherungsweise in seinem Fort * und seinem Da * die Vokabeln
reproduziat, die es ausjener Umgebung ahält — es erhält es also von außen,
das Fort/Da *— Schon in seina Einsamkeit ist das Begehren des Menschenjun­
gen das Begehren eines anderen geworden, eines alta ego, von dem es beherrscht
wird und dessen Begiadeobjekt von jetzt an sein eigena Schmaz ist.
Ob das Kind sich nun an einen imaginären oda realen Partna wendet, es wird ihn
gleichermaßen da Negativität seines Diskurses gehorchen sehen, und da sein Ap­
pell — denn vergessen Sie nicht, daß wenn er Fort * sagt, sein Objekt da
ist, und wenn er sagt Da * ist es abwesend — und da sein Appell die Wir­
kung hat, diesen Partna vaschwinden zu lassen, wird es in vabannenda Affirma­
tion — es wird sehr bald die M acht der Verweigerung kennenlernen —
die Provokation da Rückkehr suchen, die diesem Begehren sein Objekt wieder
zuführt.
Sie sehen daran, daß — noch vor der Einführung des Nein, der Ableh­
nung des andern, mit der das Subjekt zu konstituieren lernt, wie
J.Hyppolite uns kürzlich gezeigt hat — die Negativierung des bloßen
Appells, die Äußerung eines einfachen Symbolpaares vor dem Kon­
trastphänomen von Anwesenheit und Abwesenheit, das heißt die Ein­
führung des Symbols die Positionen verkehrt- Die Abwesenheit wird in
der Anwesenheit evoziert, und die Anwesenheit in der Abwesenheit.
Das scheinen Naseweisheiten zu sein, die sich von selbst verstehen.
Aber noch ist es nötig, sie auszusprechen und darüber nachzudenken.
Denn nur sofern das Symbol diese Inversion erlaubt, das heißt das exi­
stierende Ding annulliert, eröffnet es die Welt der Negativität, die den
222
Diskurs des menschlichen Subjekts und zugleich die Realität seiner
Welt als einer menschlichen konstituiert.
Der primäre Masochismus ist um diese erste Negativierung, diesen ur­
sprünglichen M ord am Ding zu situieren.

197 4

Ein kleines Wort zum Abschluß.


Wir sind nicht so weit gekommen, wie ich gehofft hatte. Nichtsdestowe­
niger habe ich Ihnen begreiflich gemacht, daß das Begehren, entfrem­
det, beständig aufs neue reintegriert wird und dabei das Idtal-lch *nach
außen reprojiziert. Auf diese Weise verbalisiert sich das Begehren. Es
gibt da ein Schaukelspiel zwischen zwei inversen Beziehungen. Die
Spiegelbeziehung des Ego, die das Subjekt aufnimmt und realisiert,
und die immer zur Erneuerung fähige Projektion ins Ideal-Ich *.
Die primäre imaginäre Beziehung gibt den fundamentalen Rahmen
jeder möglichen Erotik ab. Das ist eine Bedingung, der das Objekt des
Eros als solches unterworfen werden muß. Die Objektbeziehung m uß
sich immer dem narzißtischen Rahmen unterwerfen und in ihn sich ein-
schreiben. Sie transzendiert ihn gewiß, aber auf eine Weise, die auf der
imaginären Ebene zu realisieren unmöglich ist. Das macht für das Sub­
jekt die Notwendigkeit dessen aus, was ich die Liebe nennen würde.
Eine Kreatur hat irgendeine Referenz zum Jenseits der Sprache, zu
einem Vertrag, zu einer Verbindlichkeit nötig, die sie, eigentlich zu
reden, als einen andern konstituiert, eingeschlossen in das generelle,
oder genauer universelle, System von zwischenmenschlichen Symbo­
len. Es gibt keine funktionell realisierbare Liebe in der menschlichen
Gemeinschaft, es sei denn durch die Vermittlung eines bestimmten
Vertrags, der, wie auch immer die Form aussehen mag, die er an­
nimmt, immer dazu tendiert, sich in einer bestimmten Funktion, die
der Sprache zugleich innerlich und äußerlich ist, zu isolieren. Sie ist
das, was man die Funktion des Heiligen nennt, die jenseits der imagi­
nären Beziehung liegt. W ir werden darauf zurückkommen.
Vielleicht geh’ ich ein bißchen schnell voran. H alten Sie dies fest, daß
das Begehren nie anders als unter einer verbalen Form, durch symboli­
sche Benennung reintegriert wird — das ist das, was Freud den sprach­
lichen Kern des Ego genannt hat.
Man versteht durch diesen Umstand die analytische Technik. M an löst
in ihr tatsächlich alle Vertäuungen der gesprochenen Beziehung, man
223
bricht das Verhältnis der Höflichkeit, des Respekts, des Gehorsams
zum andern. Freie Assoziation, dieser Terminus definiert extrem
schlecht, worum es da geht — das sind die Vertäuungen der Konver­
sation mit dem andern, die wir zu kappen versuchen. Von nun an be­
findet sich das Subjekt in einer gewissen Beweglichkeit in seiner Be­
ziehung zu jenem Universum der Sprache, auf das wir es verpflichten.
Solange es sein Begehren in Gegenwart des andern anpaßt, stellt sich
auf der imaginären Ebene jene Oszillation des Spiegels ein, die den
imaginären und realen Dingen, die gewöhnlich fur das Subjekt nicht
koexistieren, erlaubt, sich in einer bestimmten Gleichzeitigkeit oder in
bestimmten Kontrasten zu treffen.
Es ist das eine wesentlich zweideutige Beziehung. Was versuchen wir,
in der Analyse, dem Subjekt zu zeigen? Wo suchen wires in das authen­
tische Sprechen zu fuhren? All unsre Versuche und Anweisungen
haben das Ziel, dem Subjekt, in dem Augenblick, wo wir seinen Dis­
kurs befreien, die ganze wahrhafte Funktion des Sprechens zu entrei­
ßen — durch welches Paradox werden wir sie dann aber wiederfinden
können? Dieser paradoxe Weg besteht darin, aus der Sprache das Spre­
chen zu extrahieren. Was nun wird, aufgrund dieses Umstands, die
Tragweite derjenigen Phänomene sein, die sich in der Zwischenzeit
abspielen? Das ist der Horizont der Frage, die ich vor Ihnen zu entwik-
keln suche.
Ich möchte Ihnen beim nächsten Mal das Resultat jener Erfahrung
eines enttäuten Diskurses zeigen, die Oszillation des Spiegels, die das
Schaukelspiel zwischen O und O ' am Ende von korrekt durchgeflihr-
ten Analysen ermöglicht. Balint gibt uns eine sensationelle Definition
dessen, was man gewöhnlich am Ende der wenigen A nalysen, die man als ab­
geschlossen betrachten kann, erreicht — er selbst ist es, der sich so aus­
drückt. Balint ist einer der wenigen, die wissen, was sie sagen, und was
er von dem schildert, was passiert, ist, wie Sie sehen werden, ziemlich
bestürzend. Nun, es handelt sich dabei eben um die korrekt durchge-
fuhrte Analyse...
Übrigens gibt cs eine Analyse, wie sie gemeinhin praktiziert wird und
von der ich Ihnen gezeigt habe, daß sie inkorrekt ist. Widerstandsanalyst,
das ist ein legitimer Begriff, aber das ist keine Praxis, die, ich möchte
Ihnen das. noch zeigen, in den Prämissen der Analyse impliziert wäre.

5. M ai 1954
224
XIV
D IE F L U K T U A T IO N E N D E R L IB ID O

Aggressivität φ Aggression
Das Wort Elephant
Die Vertäuungen des Sprechens
Übertragung und Suggestion
Freud und Dora

Nehmen wir die Dinge an der Stelle wieder auf, wo wir waren. Könnte
jemand mit einer Frage anfangen?

D r. P ujols: — Sie sagen das Begehren des anderen. Das ist das Begehren,
das beim andern ist? Oder das Begehren, das ichfür den anderen empfinde? Für
mich ist das nicht dasselbe. In dem, was Sie am Ende der letzten Sitzung gesagt
haben, war es das Begehren, das beim anderen ist und das das Ego wiedererlangen
kann, indem es den anderen zerstört Aber zugleich ist es ein Begehren, das erfitr
den anderen empfindet

Ist es nicht das ursprüngliche, spekulare, Fundament der Beziehung


zum andern, sofern sie sich im Imaginären einwurzelt?
Die erste Entfremdung des Begehrens ist an dieses konkrete Phänomen
geknüpft. Wenn das Spiel für das Kind einen W ert hat, so weil es die
Reflexionsebene bildet, auf der es sich beim andern eine Aktivität
darstellen sieht, welche die seine antizipiert, sofern sie, wenn auch nur
ein wenig, perfekter, beherrschter ist als die seine, ihre ideale Gestalt.
Dies erste Objekt wird fortan geschätzt.
Die Vor-Entwicklung des Kindes zeigt schon, daß das menschliche O b­
jekt fundamental von dem Objekt des Tieres verschieden ist. Das
menschliche Objekt ist ursprünglich vermittelt über den Weg der Ri­
valität, durch die Überreizung der Beziehung zum Rivalen, durch ein
Verhältnis des Prestiges und der Prästation. Schon das ist eine Bezie­
hung von der O rdnung der Entfremdung, da das Subjekt sich als Ich
zunächst im Rivalen erfaßt. Der erste Begriff von der Totalität des Kör-
225
pers als unaussprechlich, erlebt, die erste Regung von Appetit und Be*
gehren durchläuft beim Subjekt die Verm ittlung einer Form, die er zu­
nächst projiziert, ihm selbst äußerlich sieht, und das, zunächst, in sei­
nem eigenen Reflex.
Zweitens. Der Mensch weiß, daß er ein Körper ist — auch wenn er es
nie vollständig wahmimmt, da er drinsteckt, aber er weiß es. Dieses
Bild ist der Ring, der Hals, durch den das wirre Bündel von Begehren
und Bedürfnissen hindurch muß, um er zu sein, das heißt, um seine
imaginäre Struktur zu erreichen.
Die Formel das Begehren des Menschen ist das Begehren des andern muß, wie
jede andere Formel, an ihren Platz gestellt werden. Sie ist nicht in bloß
einem Sinne gültig. Sie gilt auf der Ebene, von der wir ausgegangen
sind, derjenigen der imaginären Verhaftung. Doch sie ist, wie ich Ih­
nen am Ende der letzten Sitzung gesagt habe, auf sie nicht beschränkt.
Anders, so habe ich Ihnen auf mythische Weise angedeutet, gäbe es kei­
ne andere mögliche zwischenmenschliche Beziehung als die wechsel­
seitige und radikale Intoleranz gegen die Koexistenz der Bewußtseine,
wie Herr Hegel sich ausdrückt — wobei jeder andere wesentlich der
bleibt, der das menschliche Wesen nicht bloß um sein Objekt, sondern
um die Form seines Begehrens verkürzt.
So gibt es zwischen den menschlichen Wesen eine destruktive und töd­
liche Beziehung. Sie ist übrigens immer da, unterschwellig. Der politi­
sche Mythos des strugglefor life hat dazu dienen können, eine ganze Rei­
he von Dingen unterzubringen. W enn H err Darwin ihn geschmiedet
hat, so weil er einer Nation von Korsaren angehörte, für die der Rassis­
mus die fundamentale Industrie war.
Tatsächlich, diese These vom Überleben der stärksten Gattungen, alles
spricht dagegen. Das ist ein Mythos, der gegen den Strich der Tatsa­
chen geht. Alles beweist, daß es Konstanz- und Gleichgewichtspunkte
gibt, die jeder Gattung eigen sind, und daß die Gattungen in einer Art
Koordination, sogar von Fressern und Gefressenen, leben. Das geht nie
bis zu einem destruktiven Radikalismus, der ganz einfach in der Ver­
nichtung der Fresser-Gattung münden würde, die nichts mehr zu fres­
sen hätte. Die enge Inter-Koadaptation, die im Bereich des Lebens exi­
stiert, ist im K am pf auf Leben und Tod nicht möglich.
Man muß den Begriff der Aggressivität, von dem wir einen brutalen
Gebrauch machen, vertiefen. M an glaubt, Aggressivität sei Aggression.
Sie hat damit absolut nichts zu tun. Im Grenzfall, virtuell, löst sich die
Aggressivität in Aggression auf. Aber die Aggression hat nichts zu
226
schaffen mit der Lebensrealität, sie ist ein existentieller Akt, gebunden
an eine imaginäre Beziehung. Das ist ein Schlüssel, der eine ganze
Menge von Problemen, nicht nur die unseren, auf einer vollkommen
verschiedenen Basis neu zu durchdenken erlaubt.
Ich hatte Sie gebeten, eine Frage zu stellen. Sie haben gut daran getan,
sie zu stellen. Sind Sie damit aber zufrieden? M ir scheint, daß wir beim
letzten Mal weiter waren.
Das Begehren wird, beim menschlichen Subjekt, im andern, durch den
andern — beim andern, wie Sie sagen, realisiert. Es ist das die zweite
201 Phase, die spekulare Phase, der Augenblick, wo das Subjekt die Form
des Ich integriert hat. Aber es hat sie integrieren können erst nach
einem ersten Schaukelspiel, in dem es eben sein Ich gegen jenes Begeh­
ren, das es im anderen sieht, ausgetauscht hat. Fortan tritt das Begeh­
ren des andern, das das Begehren des Menschen ist, in die Vermittlung
der Sprache ein. Im andern, durch den andern wird das Begehren be­
nannt. Es tritt in die symbolische Beziehung des ich und des du ein, in
ein Verhältnis wechselseitiger Anerkennung und Transzendenz, in die
Ordnung eines Gesetzes, das schon bereit ist, die Geschichte eines jeden
Individuums einzuschließen.
Ich habe Ihnen vom Fort und vom Da gesprochen. Das ist ein Beispiel
für die Art und Weise, wie ein Kind ganz natürlich in dieses Spiel ein-
tritt. Es beginnt, mit dem Objekt zu spielen, genauer mit der einzigen
Tatsache seiner Anwesenheit und seiner Abwesenheit. Es ist also ein
transformiertes Objekt, ein Objekt mit symbolischer Funktion, ein ent-
lebendigtes Objekt, das bereits ein Zeichen ist. Ist das Objekt da, so ver­
treibt das Kind es, und ist es nicht da, so ruft es nach ihm. Durch diese
ersten Spiele geht das Objekt wie von N atur auf die Ebene der Sprache
über. Das Symbol taucht auf, und wird wichtiger als das Objekt.
Ich habe das schon soundsooft wiederholt. W enn Sie das nicht in Ihren
Kopf kriegen...
Das Wort oder der Begriff ist für das menschliche Wesen durchaus
nichts anderes als das Wort in seiner M aterialität. Es ist die Sache
selbst. Es ist nicht bloß ein Schatten, ein Hauch, eine mögliche Illusion
der Sache, es ist die Sache selbst.
Überlegen Sie einen kleinen Augenblick im Realen. Durch den Um ­
stand, daß das W ort Elephant in ihrer Sprache existiert, und daß der
Elephant auf diese Weise in ihre Überlegungen eintritt, haben die
Menschen, was die Elephanten betrifft, noch bevor sie sie berührten,
sehr viel einschneidendere Entscheidungen über diese Dickhäuter fal-
227
len können, als irgendetwas, was ihnen in ihrer Geschichte passiert
ist— die Durchquerung eines Flusses oder die natürliche Sterilisierung
eines Waldes. Durch nichts andres als das W ort Elephant und die Art,
wie die Menschen es gebrauchen, geschehen den Elephanten Sachen,
günstige oder ungünstige, prunk- oder verhängnisvolle — jedenfalls
katastrophale— noch bevor man begonnen hat, einen Bogen oder eine
Flinte auf sie zu richten.
Übrigens, das ist klar, genügt es, daß ich von ihnen spreche, es ist nicht
nötig, daß sie da sind, um, vermöge des Wortes Elephant, wirklich da zu
sein, und wirklicher als kontingente Elephanten-Individuen.

J . H y ppo ute : — Das ist hegelsche Logik.

Als solche wäre sie angreifbar?

J . H yppolite : — Nein, sie ist nicht angreifbar. Mannoni sagte eben, das sei
Politik.

O. M annoni: — Das ist die Seite, von der die menschliche Politik eintritt. Im
weiten Sinne. Wenn die Menschen nicht wie Tiere handeln, so weil sie ihre Er­
kenntnisse durch Sprache austauschen. Folglich ist es Politik. Politik im Hinblick
auf Elephanten ist möglich durch das Wort.

J . H yppolite : — Aber nicht nur. Der Elephant selbst ist betroffen. Das ist die
hegelsche Logik.

All das ist präpolitisch. Ich will Sie ganz einfach m it dem Finger an die
Wichtigkeit des Namens rühren lassen.
Wir treten dam it einfach au f die Ebene der Benennung. Es ist nicht
einmal die der Syntax. Aber schließlich, diese Syntax, es ist klar, daß sie
gleichzeitig geboren wird. Das K ind, ich habe Sie schon daraufhinge­
wiesen, artikuliert taxische Elemente noch vor den Phonemen. Das
wenn mal erscheint manchmal ganz allein. Gewiß, das erlaubt uns nicht
über logische Vorgängigkeit zu entscheiden, denn es handelt sich im
eigentlichen Sinne nur um ein phänomenal Auftauchendes.
Ich fasse zusammen. Der Projektion des Bildes folgt konstant die des
Begehrens. Dementsprechend gibt es eine Re-introjektion des Bildes
und eine Re-introjektion des Begehrens. Schaukelspiel, Spiegelspiel.
Wohlverstanden, diese Artikulation stellt sich nicht bloß ein einziges
228
Mal her. Sie wiederholt sich. U nd seine Wünsche (désirs) werden, im
Lauf dieses Zyklus, vom Kind re-integriert, wiederaufgenommen.
Ich möchte nun den Akzent auf die Art legen, in der die symbolische
Ebene sich auf der imaginären Ebene verzweigt. In der T at laufen die
Wünsche (désirs) des Kindes, wie Sie sehen, zunächst über den spekula-
ren anderen. Dort werden sie gebilligt oder mißbilligt, angenommen
oder zurückgewiesen. Und über ihn vollzieht sich beim Kind der Er­
werb der symbolischen Ordnung, und über ihn gelangt es zu ihrem
Fundament, das das Gesetz ist.
Auch dazu findet man experimentelle Belege. Suzan Isaacs weist in
einem ihrer Texte daraufhin — und auch in der Schule von Koehler
hat man es nachgewiesen — daß sehr frühzeitig, noch im Kleinkind­
alter, zwischen acht und zwölf M onaten, das Kind absolut nicht in der­
selben Weise auf eine zufällige Verletzung, auf einen Sturz, auf eine
durch Ungeschicklichkeit verursachte mechanische H ärte und ande­
rerseits auf einen Klapps, der zur Strafe gegeben wird, reagiert. Wir
können da bei einem ganz kleinen Kind zwei vollkommen verschiede­
ne Reaktionen noch vor dem veräußerlichten Erscheinen der Sprache
unterscheiden. Das heißt also, daß das Kind schon eine erste Auflas­
sung von der Symbolik der Sprache hat. Von der Symbolik der Sprache
und ihrer Vertragsfunktion.
Wir werden nun zu begreifen suchen, welche Funktion, in der Analyse,
das Sprechen hat.

203 2

Das Sprechen ist das M ühlrad, durch das sich das menschliche Begeh­
ren unablässig vermittelt, indem es ins System der Sprache zurück­
kehrt.
Ich hebe das Feld der symbolischen O rdnung hervor, weil wir die Be­
ziehung auf sie nie verlieren dürfen, während sie doch die vergessendste
ist, und man sich in der Analyse von ihr abwendet. Denn wovon, sum­
ma summarum, sprechen wir gewöhnlich? Wovon wir ohne Unterlaß,
auf eine oft verworrene Weise, kaum artikuliert, sprechen, das sind die
imaginären Beziehungen des Subjekts zu der Konstruktion seines Ich.
Wir sprechen unablässig von den Gefahren, den Erschütterungen, den
Krisen, die das Subjekt auf der Ebene der Konstruktion seines Ich
durchzustehen hat. Das ist der Grund, aus dem ich damit begonnen
229
habe, Ihnen die Beziehung O — O ' zu erklären, die imaginäre Bezie­
hung zum andern.
Das erste Auftauchen des genitalen Objekts ist nicht weniger verfrüht
als alles andere, was man in der Entwicklung des Kindes beobachten
kann, und es scheitert. Nur, die Libido, die sich aufs genitale Objekt
bezieht, gehört nicht zur selben Ebene wie die primitive Libido, deren
Objekt das eigene Bild des Subjekts ist. Das ist ein kardinales Phäno­
men.
Insoweit, als das Kind, strukturell, von oben bis unten und vom einen
Ende zum andern, in einer vorreifen Verfassung auf der Welt erscheint,
hat es eine primitive libidinose Beziehung zu seinem Bild. Die Libido,
die hier zur Diskussion steht, ist die, deren W iderhall Sie kennen, und
die zur Ordnung der Liebe * gehört. Sie ist das große X der gesamten
analytischen Theorie.
Sie glauben, das geht ein wenig zu weit, wenn m an sie das große X
nennt? Ich hätte nicht die geringste Schwierigkeit, Ihnen Texte, und
zwar von den besten Analytikern, vorzulegen — denn wenn es um
einen Beleg geht, kann man sich nicht auf Leute berufen, die nicht wis­
sen, was sie sagen. Ich möchte jem anden dam it betrauen, Baiint zu le­
sen. Was ist das, diese angeblich vollendete genitale Liebe? Das bleibt
vollkommen problematisch. Die Frage, ob es sich um einen Natur-oder
um einen kulturellen Prozeß handle, ist, sagt uns wortwörtlich Bahnt,
von den Analytikern noch nicht gelöst worden. Das ist eine ziemlich
außergewöhnliche Zweideutigkeit im Herzen dessen, was unter uns das
am offensten Angenommene zu sein scheint.
Wie dem auch sei, wenn die primitive Libido von der Vorreife abhän­
gig ist, so ist die sekundäre Libido andrer N atur. Sie geht darüber hin­
aus, sie entspricht einer ersten Reifung des Begehrens, wenn nicht gar
der Lebensentwicklung. Das ist zumindest, was wir unterstellen müs­
sen, um unsre Theorie aufrecht erhalten und die Erfahrungen erklären
zu können. Es vollzieht sich da ein vollständiger Niveauwechsel in der
Beziehung des menschlichen Wesens zum Bild, zum anderen. Das
ist der Angelpunkt dessen, was m an Reifung nennt, um den sich das
ganze ödipale Drama dreht. Das ist das Triebkorrelat zu dem, was sich
im Ödipus auf der situativen Ebene abspielt.
Was aber spielt sich ab? In dem M aße, wie die primitive Libido zur
Reifung kommt, geht, um Freuds letzte Terminologie zu verwenden,
die narzißtische Beziehung zum Bild auf die Ebene der Verliebtheit *
über. Das narzißtische, verhaftende, auf der imaginären Ebene ent-
230
fremdende Bild wird von der Verliebtheit * besetzt, die phänomenolo­
gisch aus der O rdnung der Liebe hervorgeht.
Die Dinge so erklären, heißt behaupten, daß die Ausfüllung, nämlich
die Überbordung, der anfänglichen Kluft in der Libido des unreifen
Subjekts von einer internen Reifung abhängt, die an die Lebensent­
wicklung des Subjekts gebunden ist. Die prägenitale Libido ist der
empfindliche Punkt, der Punkt des Trugbilds zwischen Eros und Tha-
natos, zwischen Liebe und Haß. Das ist die einfachste Art und Weise,
die heikle Rolle verständlich zu machen, die die sogenannte desexuali-
sierte Ich-Libido für die Möglichkeit der Umkehrung, der unvermittel­
ten W endung von H aß in Liebe, von Liebe in H aß spielt. Das ist das
Problem, das Freud die größten Schwierigkeiten aufgegeben zu haben
scheint — lesen Sie seine Schrift Das Ich und das Es. In dem Text, von
dem ich hier spreche, scheint er sogar einen Einwand gegen die Theorie
zu erheben, die Todestriebe und Lebenstriebe als verschieden ansetzt.
Ich glaube dagegen, daß sich das vollkommen verträgt— unter der Be­
dingung, daß wir über eine korrekte Theorie der imaginären Funktion
des Ich verfugen.
Wenn Ihnen das zu schwierig erschienen ist, kann ich Ihnen sofort eine
Illustration geben.
Die aggressive Reaktion auf die ödipale Rivalität ist an einen dieser Ni­
veauwechsel gebunden. Der V ater stellt zunächst eine der deutlichsten
imaginären Figuren des Ideal-Ich * dar, als solche von einer, von Freud
vollendet isolierten, benannten und beschriebenen Verliebtheit * be­
setzt. Das Subjekt erreicht, zwischen drei und fünf Jahren, die ödipale
Phase dadurch, daß eine Regression von der libidinösen Position er­
folgt. Das Gefühl der Aggression, der Rivalität, des Hasses gegen den
Vater erscheint. Eine sehr geringe Änderung der libidinösen Ebene im
Verhältnis zu einer gewissen Schwelle verwandelt Liebe in H aß — das
oszilliert übrigens während einer bestimmten Zeitspanne.
Nehmen wir nun den Faden wieder auf an der Stelle, an der ich ihn
beim letzten Mal hab’ fallen lassen.
Ich habe Sie darauf hingewiesen, daß die imaginäre Beziehung die
Rahmen, in denen die libidinösen Fluktuationen verlaufen, definitiv
festlegt. Und ich habe die Frage der symbolischen Funktionen in der
Behandlung offen gelassen. Welchen Gebrauch machen wir in der Be­
handlung von der Sprache und vom Sprechen? Eis gibt in der analyti­
schen Beziehung zwei miteinander durch einen Vertrag verbundene
Subjekte. Dieser Vertrag wird auf sehr verschiedenen Ebenen, will hei-
231
ßen unter anfänglich sehr verworrenen Bedingungen abgeschlossen. Er
ist darum nicht weniger, wesentlich, ein Vertrag. Und wir tun alles,
um, durch vorgängige Regeln, diesen Charakter von Anfang an klar zu
machen.
Im Innern dieser Beziehung handelt es sich zunächst darum , die Ver­
täuungen des Sprechens zu lösen. In seiner Art zu sprechen, seinem Stil,
in seiner Weise, sich an seinen Gesprächspartner zu wenden, ist das
Subjekt von den Banden, nicht nur der Höflichkeit, des Benehmens,
sondern sogar der Kohärenz befreit. M an läßt eine bestimmte Anzahl
von Vertäuungen des Sprechens fahren. W enn wir bedenken, daß es
eine enge, dauerhafte Verbindung zwischen der Art, in der sich ein
Subjekt ausdrückt, sich Anerkennung verschafft, und der tatsächli­
chen, erlebten Dynamik seiner Beziehungen zum Begehren gibt, so
müssen wir einsehen, daß allein das in die Spiegelbeziehung zum an­
dern eine gewisse Entlastung, ein Schweben, eine Möglichkeit für Os­
zillationen einführt.
Das der Grund für mein kleines Modell.
Für das Subjekt läßt die Entlastung seiner Beziehung zum andern das
Bild seines Ich variieren, schillern, oszillieren, sie vervollständigt und
verunvollständigt es. Es geht darum , daß es es in seiner Vollständigkeit
wahmimmt, zu der es nie Zugang gehabt hat, dam it es alle Phasen sei­
nes Begehrens, alle Objekte, die diesem Bild seine Konsistenz, seine
Nahrung, seine Inkarnation gegeben haben, erkennen kann. Es geht
darum, daß das Subjekt durch W iederaufnahmen und sukzessive Iden­
tifikationen die Geschichte seines Ich konstituiert.
Die gesprochene, gleichschwebende Beziehung zum Analytiker ten­
diert dazu, im Bild von sich selbst ziemlich oft wiederholte, ziemlich
weite Variationen, selbst wenn sie infinitesimal und begrenzt sind, zu
produzieren, damit das Subjekt die verhaftenden Bilder gewahrt, die
am Fundament der Konstitution seines Ich liegen.
Ich habe von kleinen Oszillationen gesprochen. Ich brauche im Augen­
blick mich nicht darüber zu verbreiten, was ihre Kleinheit ausmacht.
Es gibt da offenkundig Bremsungen, Sperren, die uns die Technik zu
überschreiten, zu steigern, das heißt, zuweilen, zu rekonstruieren lehrt.
Freud hat uns Hinweise in diese Richtung gegeben.
Eine ähnliche Technik produziert im Subjekt eine imaginäre Spiegel-
beziehung zu sich selbst, jenseits dessen, was das alltäglich Erlebte ihm
zu erreichen erlaubt. Sie tendiert zur künstlichen, spiegelformigen,
Schaffung der fundamentalen Bedingung aller Verliebtheit *.
232
Es ist der Bruch der Vertäuungen des Sprechens, der dem Subjekt, zu­
mindest nach und nach, die verschiedenen Teile seines Bildes zu sehen
und das zu erreichen erlaubt, was wir eine maximale narzißtische Pro­
jektion nennen können* Die Analyse ist in dieser Hinsicht noch ziem­
lich rudimentär, denn das besteht anfangs, man m uß das so sagen, dar­
in, alles zu lösen, um zu sehen, was dabei herauskommt. Die Dinge hät­
ten anders, könnten anders geführt werden — das ist nicht undenkbar*
Immer ist es so, daß das nur zur Produktion eines Maximums an nar­
zißtischer Enthüllung auf der imaginären Ebene tendieren kann. Und
das genau ist die fundamentale Bedingung der Verliebtheit *
Die Verliebtheit, wenn sie sich einstellt, ist von ganz anderer Art. Dazu
bedarf es einer überwältigenden Koinzidenz, denn sie stellt sich nicht
bei einem beliebigen Partner oder für ein beliebiges Bild ein. Ich habe
bereits auf die Maximalbedingungen von Werthers Liebe au f den er­
sten Blick angespielt.
In der Analyse ist der Punkt, an dem die Identifikation des Subjekts auf
206 der Ebene des narzißtischen Bildes sich wie in einem Fokus verdichtet,
das, was man Übertragung nennt. Die Übertragung, nicht in dem dia­
lektischen Sinn, in dem ich sie Ihnen am Fall Dora erklären möchte
zum Beispiel, sondern die Übertragung, wie man sie gemeinhin als
imaginäres Phänomen versteht.
Ich werde Ihnen zeigen, bis zu welchem zugespitzten Punkt die H and­
habung der Übertragung geht. Sie geht bis zur Wasserscheide in der
Technik*
Balint ist einer der bewußtesten Analytiker. Die Darstellung dessen,
was er macht, gehört zu den luzidesten. Sie ist gleichzeitig eines der be­
sten Beispiele der Tendenz, der sich nach und nach die gesamte analy­
tische Technik verschrieben hat. Er sagt einfach in einer kohärenteren
und offneren Weise das, was sich bei den andern in eine Scholastik ver­
wickelt findet, in der keine Katze ihre Jungen mehr findet. Nun, Balint
sagt genau das — der ganze Fortschritt der Analyse besteht in der Ten­
denz des Subjekts, das wiederzufinden, was er die primäre Liebe, prima·
iy love, nennt. Das Subjekt zeigt das Bedürfnis, das Objekt der Liebe,
der Sorge, der Neigung, des Interesses eines anderen Objekts zu sein,
ohne seinerseits irgendeine Rücksicht auf die Bedürfnisse oder sogar
die Existenz dieses Objekts zu nehmen. Das ist es, was Balint ausdrück­
lich feststellt, und ich bin ihm dankbar dafür, daß er es artikuliert —
das will nicht heißen, daß ich es billige.
Das ganze Spiel der Analyse auf einer solchen Ebene anzusiedeln, ohne
233
irgendein Korrektiv, ohne ein weiteres Element, wird schon Erstaunen
wecken. Eine Konzeption, die indessen sehr genau auf der Linie jener
Entwicklung der Analyse liegt, die mehr und mehr den Akzent auf die
Abhängigkeitsverhältnisse, auf die Triebbefriedigungen, das heißt auf
die Frustration legt — was dasselbe ist.
Wie beschreibt, unter diesen Bedingungen, Balint das, was man am
Ende der Analyse beobachtet, am Ende einer vollendeten, wirklich ab­
geschlossenen Analyse, wie es sie, nach seiner eigenen Einschätzung,
nur zu einem Viertel gibt? Es stellt sich bei dem Subjekt, so sagt er wort­
wörtlich, ein Zustand des Narzißmus her, der auf eine ungebremste
Exaltation der Wünsche (désirs) hinausläuft. Das Subjekt berauscht
sich an einem Gefühl absoluter Realitätsbeherrschung, die vollkom­
men illusorisch ist, aber deren es in der Periode nach dem Abschluß be­
darf. Es muß sich davon befreien und die N atur der Verhältnisse pro­
gressive wieder an ihren Platz rücken. Was die letzte Sitzung angeht, so
verläuft sie nicht, ohne daß sich, bei dem einen wie dem andern Part­
ner, die größte Lust zu weinen einstellt. Das schreibt Balint und es hat
den Wert eines äußerst kostbaren Zeugnisses für das, was an der Spitze
einer ganzen Tendenz der Analyse liegt.
Haben Sie nicht den Eindruck, daß das ein außerordentlich wenig be­
friedigendes Spiel, ein utopisches Ideal ist? — das mit Sicherheit
irgendetwas in uns enttäuscht.
Eine bestimmte Art, die Analyse zu verstehen, oder genauer bestimmte
ihrer wesentlichen Triebkräfte nicht zu verstehen, m uß mit Sicher­
heit zu einer derartigen Konzeption und zu derartigen Resultaten
fuhren.
Ich lasse diese Frage für den Augenblick in der Schwebe. W ir werden
die Texte von Balint später kommentieren.

Ich werde nun ein Beispiel vornehmen, das Ihnen schon vertraut ist, da
ich schon zwanzigmal darauf zu sprechen gekommen bin — den Fall
Dora.
Was man in der Analyse vernachlässigt, ist offenbar das Sprechen als
Funktion der Anerkennung. Das Sprechen ist diejenige Dimension,
durch die das Begehren des Subjekts auf der symbolischen Ebene
authentisch integriert wird. N ur indem es sich formuliert, sich vor dem
234
andern benennt, wird das Begehren, welches auch immer, im vollen
Sinn des Begriffs anerkannt. Es geht nicht um die Befriedigung des
Begehrens, noch um was weiß ich fur eine primary love, sondern, ganz
genau, um die Anerkennung des Begehrens.
Rufen Sie sich ins Gedächtnis, was Freud mit Dora macht. Dora ist eine
Hysterikerin. Freud kannte, zu der Zeit, noch nicht ausreichend — er
hat es geschrieben, wiedergeschrieben, wiederholt in allen möglichen
Anmerkungen, und sogar im Text — was er als homosexuelle Komponente
bezeichnet — was nichts heißt, aber es ist, immerhin, ein Etikett. Das
läuft darauf hinaus — er hat Doras Position nicht erkannt, das heißt
das, was Doras Objekt war. Er hat, um alles zu sagen, nicht erkannt,
daß in O ' für sie Frau K. steht.
Wie lenkt Freud seinen Eingriff? Er wendet sich Dora auf deijenigen
Ebene zu, die er selbst die des Widerstands nennt. Was heißt das? Ich
habe es Ihnen schon erklärt. Freud läßt — das ist ganz manifest — sein
Ego intervenieren, die Auffassung, die er, er, von dem hat, wozu ein
Mädchen geschaffen ist — ein M ädchen, das ist dazu geschaffen, die
Jungen zu lieben. Wenn es etwas gibt, das nicht geht, das sie quält, das
verdrängt ist, dann kann das in Freuds Augen nichts anderes sein als
dies — sie liebt H errn K. Und sie liebt vielleicht ein wenig, bei dieser
Gelegenheit, Freud. W enn man in diese Linie tritt, ist das vollkommen
evident.
Aus bestimmten Gründen, die gleichfalls an seinen irrigen Ausgangs­
punkt gebunden sind, interpretiert Freud Dora nicht einmal die Äuße­
rungen ihrer angeblichen Übertragung auf ihn — was ihm zumindest
erspart, sich auch hierin zu täuschen. Er spricht zu ihr ganz einfach von
Herrn K. Was heißt das? — wenn nicht dies, daß er zu ihr auf der
Ebene der Erfahrung der andern spricht. Auf dieser Ebene hat das
Subjekt seine Wünsche (désirs) anzuerkennen und ihnen Anerkennung
zu verschaffen. Und wenn sie nicht anerkannt werden, so sind sie als
solche untersagt, und an dieser Stelle beginnt in der T a t die Ver­
drängung. Nun ja, während Dora noch in dem Stadium ist, wo sie,
wenn ich so sagen darf, gelernt hat, nichts zu verstehen, interveniert
Freud auf der Ebene der Anerkennung des Begehrens, auf einer Ebene,
welche in allen Punkten mit der Erfahrung der chaotischen, das heißt
abgetriebenen Anerkennung homogen ist, die ihr Leben schon be­
stimmt hat.
Da ist Freud, der zu Dora sagt — Sie lieben Herrn K. Es trifft sich, daß er
es überdies so ungeschickt sagt, daß Dora sofort dam it aufhört. Wäre er
235
in diesem Augenblick in das eingeweiht gewesen, was man Wider­
standsanalyse nennt, dann hätte er es sie in kleinen H appen zu kosten
gegeben, er hätte angefangen ihr beizubringen, daß die und die Sache
bei ihr eine Abwehr ist, und er hätte bei ihr zwangsläufig eine Reihe
von kleinen Abwehrvorgängen ausgelöst. Er hätte auf diese Weise, ge­
nau genommen, eine suggestive Aktion ausgeführt, das heißt, er hätte
in ihr Ego ein Element, eine zusätzliche M otivation eingeführt.
Freud hat irgendwo geschrieben, daß eben das Ü bertragung sei. Und
auf gewisse Weise hat er recht, das ist es. Nur, man m uß wissen, auf wel­
cher Ebene. Denn er hätte Doras Ego progressiv so weit modifizieren
können, daß es eine Heirat — genauso unglücklich wie irgendeine
andere Heirat — mit Herrn K. zugelassen hätte.
Wenn die Analyse hingegen korrekt durchgefiihrt worden wäre, was
hätte dann passieren müssen? Was wäre passiert, wenn Freud, anstatt
sein Sprechen in O ' intervenieren zu lassen, das heißt sein eigenes Ego
in der Absicht, das von Dora umzuformen, zu modellieren, ins Spiel zu
bringen, ihr gezeigt hätte, daß es Frau K. ist, in die sie verliebt ist?
In der Tat, Freud interveniert in dem Augenblick, wo, in dem Schau­
kelspiel, Doras Begehren in O ' steht, wo sie Frau K. begehrt. Doras gan­
ze Geschichte bewegt sich in dieser Oszillation, in der sie nicht weiß, ob
sie nur sich selbst liebt, ihr vergrößertes Bild in Frau K., oder ob sie
Frau K. begehrt. Und eben weil diese Oszillation sich unaufhörlich
wiederherstellt, weil diese Schaukel ein perpetuum ist, wird Dora da­
mit nicht fertig.
Freud muß das Begehren in dem Augenblick benennen, wo es in O' ist,
denn in diesem Augenblick kann es sich realisieren. Ist die Intervention
genügend oft wiederholt worden und zureichend vollständig, so kann
die Verliebtheit *, die verkannt, gebrochen, kontinuierlich zurückgewor­
fen wird wie ein Bild auf dem Wasser, das es nicht zu greifen gelingt,
sich realisieren. In diesem Punkt könnte Dora ihr Begehren, das Objekt
ihrer Liebe wirklich als Frau K. anerkennen.
Das ist eine Illustration dessen, was ich Ihnen eben gesagt habe— wenn
Freud Dora enthüllt hätte, daß sie in Frau K. verliebt ist, so hätte sie
sich wirklich in sie verliebt. Ist das das Ziel der Analyse? Nein, das ist
erst ihre erste Etappe. Und wenn Sie die vermasselt haben, dann haben
Sie entweder die Analyse verbaut, wie Freud, oder Sie machen was an­
dres, nämlich Ego-Orthopädie. Aber Sie machen keine Analyse.
Es gibt keinen Grund, aus dem die Analyse, als ein Prozeß der Abdek*
kung, des Häutens der Abwehrsysteme betrachtet, nicht funktionieren
236
sollte. Das ist das, was die Analytiker als im gesunden Teil des Ich einen Ver­
bündetenfinden bezeichnen. Es gelingt ihnen tatsächlich, die Hälfte vom
Ego des Subjekts auf ihre Seite zu ziehen, dann die Hälfte von der Hälf­
te und so weiter. U nd warum sollte das mit dem Analytiker nicht funk­
tionieren, da das der Weg ist, auf dem sich das Ego Existenz verschafft?
Es geht nur darum zu wissen, ob es das ist, was Freud uns gelehrt hat.
Freud hat uns gezeigt, daß das Sprechen in der Geschichte des Subjekts
209 selbst verkörpert sein muß. Wenn das Subjekt es nicht verkörpert hat,
wenn dieses Sprechen geknebelt ist und sich in den Symptomen dem
Subjekt verborgen hält, müssen wir es dann erlösen, wie das schlafende
Schneewittchen, oder nicht?
Wenn wir es nicht erlösen sollen, dann machen wir eine Analyse vom
Typ der Widerstandsanalyse. Aber es ist nicht das, was Freud hat sagen
wollen, als er, am Anfang, davon gesprochen hat, die Widerstände zu
analysieren. Wir werden sehen, welches der legitime Sinn ist, den man
diesem Ausdruck geben muß.
Wenn Freud so vorgegangen wäre, daß er dem Subjekt erlaubt hätte,
sein Begehren zu nennen — denn es war nicht nötig, daß er selbst es
ihm nannte — dann hätte sich, in O ', der Zustand der Verliebtheit * ein­
gestellt. Aber man darf nicht übersehen, daß das Subjekt sehr gut ge­
wußt hätte, daß Freud es war, der ihm dieses Objekt der Verliebtheit *
gegeben hätte. Nicht an dieser Stelle kommt der Prozeß zu einem Ab­
schluß.
Nachdem sich dieses Schaukeln eingestellt hat, durch das das Subjekt
zugleich mit seinem Sprechen das Sprechen des Analytikers reinte­
griert, ist ihm eine Anerkennung seines Begehrens erlaubt. Das stellt
sich nicht mit einem Mal her. Weil das Subjekt jene Vollständigkeit,
die kostbare, sieht, die sich nähert, geht es in diesem Gewölk wie in
einem Trugbild voran. U nd in dem Maße, wie er sein Ideal-Ich * wie­
dererobert, kann Freud seinen Platz auf der Ebene des Ich-Ideals * ein­
nehmen .

Für heute werden wir es dabei belassen.


Die Beziehung zwischen Analytiker und Ich-Ideal *stellt die Frage nach
dem Uber-Ich. Sie wissen ja übrigens, daß Ich-Ideal * manchmal als Sy­
nonym des Uber-Ich aufgefaßt wird.
Ich habe mich entschieden, den Berg hinaufzuklettern. Ich hätte den
hinunterfuhrenden Weg wählen und sofort die Frage stellen können —
was ist das, das Uber-Ich? Dahin kommen wir erst jetzt. Die Antwort
237
scheint sich von selbst zu verstehen, aber sie versteht sich nicht von
selbst. Alle Analogien, die man dazu bisher gebildet hat, die Hinweise
auf den kategorischen Imperativ, auf das moralische Gewissen, sind
äußerst verworren. Aber lassen wir es vorerst dabei.
Die erste Phase der Analyse besteht im Übergang von O nach O '— von
dem, was vom Ich dem Subjekt unbekannt ist, zu demjenigen Bild, in
dem er seine imaginären Besetzungen wiedererkennt. Jedesmal er­
weckt dieses projizierte Bild beim Subjekt das Gefühl einer ungebrem­
sten Exaltation, der Beherrschung aller Ausgänge, das schon ursprüng­
lich, in der Erfahrung des Spiegels gegeben ist. Aber hier kann es sie be­
nennen, weil es seither zu sprechen gelernt hat. Andernfalls wäre es
nicht in der Analyse.
Es ist das eine erste Etappe. Sie stellt eine sehr nahe Analogie zu dem
Punkt dar, an dem uns Herr Balint stehen läßt. Was ist dieser unge­
bremste Narzißmus, diese Exaltation der Wünsche (désirs)! — wenn
nicht der Punkt, den Dora hätte erreichen können. W erden wir sie dort,
in dieser Kontemplation lassen? Irgendwo in der Beobachtung sieht
man sie in die Kontemplation vor einem Gemälde versenkt — dem
Bild der Madonna, vor der anbetend ein M ann und eine Frau stehen.
Wie müssen wir die Fortsetzung des Prozesses auffassen? Um den fol­
genden Schritt zu tun, muß man die Funktion des Ideal-Ich * vertiefen,
dessen Stelle, wie Sie sehen, für einige Zeit der Analytiker einnimmt,
sofern er seine Intervention an der richtigen Ecke, im richtigen Augen­
blick, am rechten O rt vornimmt.
Das nächste Kapitel wird sich also auf die H andhabung der Übertra­
gung beziehen. Ich lasse das offen.

12. M ai 1954

238
211 XV
DER K ERN D ER VERDRÄNGUNG

Das Begehren benennen


Die Prägung* des Traumas
Das Vergessen des Vergessens
Das Subjekt in der Wissenschaß
Das Uber-Ich, diskordante Aussage

In dem Maße, wie wir in diesem J a h r voranschreiten, das die Form


eines Jahres anzunehmen beginnt, indem es zur Neige geht, ist es eine
Befriedigung fiir mich, durch die Fragen, die m ir gestellt worden sind,
den Beweis bekommen zu haben, daß eine Reihe von Ihnen zu verste­
hen beginnt, daß es in dem, was ich Ihnen beizubringen im Begriffe
bin, ums Ganze der Psychoanalyse, um den Sinn Ihres Handelns zu tun
ist. Die, von denen ich spreche, sind diejenigen, die verstanden haben,
daß sich allein vom Sinn der Analyse her eine technische Regel aufstel­
len läßt.
In dem, was ich nach und nach vor Ihnen buchstabiere, erscheint noch
nicht alles vollkommen klar. Aber Sie werden nicht daran zweifeln,
daß es sich hier um eine grundlegende Stellungnahme zur N atur der
Psychoanalyse handelt, die Ihr H andeln künftig beleben wird, weil sie
Ihr Verständnis des existentiellen Orts der analytischen Erfahrung und
ihrer Ziele verwandelt.

Beim letzten Mal habe ich versucht, Ihnen den Prozeß zu veranschau­
lichen, den man auf immer rätselhafte Weise in die Analyse eingreifen
läßt und den man im Englischen working-through nennt. M an übersetzt
ihn ins Französische, nicht ohne Schwierigkeit, durch élaboration oder
travail. Das ist diejenige, auf den ersten Blick mysteriöse, Dimension,
die uns zwingt, zusammen mit dem Patienten hundertmal neu unser Werk
aufden Rahmen zu spannen8 bis gewisse Fortschritte, subjektive Übergän­
ge erreicht sind.
Was sich in dieser Mühlenbewegung verkörpert, die jene beiden Pfeile,
239
von O nach O ' und von O ' nach O ausdrücken, in diesem Spiel von Hin
und Zurück, ist die Spiegelung vom Diesseits zum Jenseits des Spiegels,
die das Bild des Subjektes durchläuft. Es geht, im V erlauf der Analyse,
um seine Vervollständigung. Zu gleicher Zeit reintegriert das Subjekt
sein Begehren. Und jedesmal, wenn ein neuer Schritt zur Vervollstän­
digung dieses Bildes getan wird, sieht das Subjekt unter der Form einer
besonders scharfen Spannung in sich selbst sein Begehren auftauchen.
Diese Bewegung erschöpft sich nicht in einer einzigen Revolution. Es
gibt genau so viele Revolutionen, wie nötig sind, bis die verschiedenen
Phasen der imaginären, narzißtischen, spekularen Identifizierung —
diese drei Wörter sind in der Art, wie sie die Dinge in der Theorie
repräsentieren, äquivalent — ein genaues Bild ergeben.
Das erschöpft das Phänomen noch nicht, sofern ja nichts begreiflich
wird ohne die Intervention jenes dritten Elements, das ich beim letzten
Mal eingefuhrt habe — das Sprechen des Subjekts.
In diesem Augenblick wird das Begehren, vom Subjekt, gespürt — das
kann es nicht ohne die Konjunktion des Sprechens. U nd das ist ein
Augenblick der reinen Angst und von nichts andrem. Das Begehren
taucht auf in einer Konfrontation mit dem Bild. Sobald dieses Bild, das
unvollständig geworden war, sich vervollständigt, sobald die imaginä­
re Seite, die nicht integriert, zurückgedrängt, verdrängt war, auf­
taucht, erscheint die Angst. Das ist der fruchtbare Punkt,
Bestimmte Autoren haben ihn präzisieren wollen. Strachey hat ver­
sucht, das herauszuschälen, was er die Interpretation der Übertragung,
und genauer die mutierende Interpretation nennt. Lesen Sie Band XV
des InternationalJournal of Psychoanalysis, 1934, die Num m ern 2 und 3. Er
unterstreicht in der Tat, daß nur in einem bestimmten Moment der
Analyse die Interpretation den W ert eines Fortschritts haben kann. Die
Gelegenheiten sind nicht häufig und sie lassen sich nicht bloß nähe­
rungsweise erfassen. Nicht um, noch ungefähr, weder vor noch nach,
sondern genau in dem bestimmten Augenblick, wo das, was im Imagi­
nären aufzublühen bereit ist, zugleich auch in der verbalen Beziehung
zum Analytiker da ist, m uß die Deutung gegeben werden, damit ihr
entscheidender Wert, ihre mutierende Funktion sich realisieren kann.
Was heißt das? — wenn nicht dies, daß das der Augenblick ist, wo das
Imaginäre und das Reale der analytischen Situation sich mischen. Das
ist es, was ich Ihnen zu erklären im Begriff bin. Das Begehren des Sub­
jekts ist da, in der Situation, zugleich präsent und unausdrückbar. Es
zu benennen, das ist es, worauf sich, nach dem W ort von Strachey, der
240
Eingriff des Analytikers beschränken soll. Das ist der einzige Punkt, wo
sein Sprechen sich dem hinzuzufügen hat, das der Patient im Lauf sei­
nes langen Monologes aufbläst, Sprechmühle, deren M etapher durch
die Bewegung der Pfeile auf dem Schema hinreichend gerechtfertigt
ist.
Um Ihnen das zu illustrieren, habe ich Ihnen beim letzten Mal die
Funktion von Freuds Deutungen im Fall Dora in Erinnerung gerufen,
ihren unangemessenen Charakter und die Sperre, die daraus resultier­
te, die mentale Mauer. Es war das nur eine erste Phase der Freudschen
213 Entdeckung. M an m uß ihr noch weiter folgen. H aben einige von Ihnen
meinen Kommentar zum Wolfsmann vor zwei Jahren verfolgt?... nicht
sehr viele. Ich hätte gerne, daß einer von ihnen — Pater Beimaert? —
sich den Spaß macht, diesen Text von Freud noch einmal zu lesen. Sie
werden sehen, wieviel das Schema, das ich Ihnen anbiete, zur Erklä­
rung beiträgt.
Der Wolfsmann weist das auf, was man heutzutage eine Charaktemeu-
rose oder auch eine narzißtische Neurose nennen würde. Als solche
setzt diese Neurose der Behandlung einen großen Widerstand entge­
gen. Freud hat sich, wohlbedacht, dazu entschlossen, uns einen Teil
davon vorzustellen. In der T at war ihm die infantile Neurose — das ist
der Titel der Studie über den Wolfsmann in der deutschen Ausgabe —
damals von großem Nutzen, um bestimmte Fragen seiner Theorie, die
die Funktion traumatischer Erlebnisse betreffen, neu zu stellen.
W ir sind da im J a h r 1913, also im Herzen der Periode zwischen den
Jahren 1910und 1920, die in diesem J a h r den Gegenstand unsres Kom­
mentars bilden.
Der Wolfsmann ist unverzichtbar fur das Verständnis dessen, was Freud
in diesem Augenblick ausarbeitet, nämlich der Theorie des Traumas,
die nun durch Jungs starrköpfige Bemerkungen in Bewegung gesetzt
werden. Es gibt in dieser Beobachtung vieles, was Freud uns an keiner
anderen Stelle mitteilt und gewiß nicht in seinen rein theoretischen
Schriften, es finden sich darin wesentliche Ergänzungen zu seiner
Theorie der Verdrängung.
Ich möchte Ihnen zunächst in Erinnerung rufen, daß die Verdrän­
gung, im Fall des Wolfmanns, an eine traumatische Erfahrung, die des
Schauspiels einer Kopulation zwischen den Eltern in der Position a ter­
go, gebunden ist. Diese Szene hat vom Patienten nie direkt evoziert,
erinnert werden können, und sie wird von Freud rekonstruiert. Die
Stellung bei der Kopulation konnte allein durch ihre traumatischen
241
Konsequenzen für das aktuelle Verhalten des Patienten restituiert wer­
den.
Es gibt dabei, gewiß, geduldige historische Rekonstruktionen, die völ­
lig überraschend sind. Freud verfahrt hier wie m it Monumenten, Ar­
chivdokumenten, auf dem Weg der K ritik und der Exegese von Texten.
Wenn ein Element in irgendeinem Punkt ausgearbeitet erscheint, ist er
sicher, daß der Punkt, an dem es weniger ausgearbeitet erscheint, frü­
her liegt. Auf diese Weise kommt Freud dazu, das D atum der fragli­
chen Kopulation festzulegen. Er situiert es, ohne Zweifel zu lassen, mit
absoluter Strenge, an einem D atum , das definiert ist als n + %Jakr.
Nun, das n kann nicht größer sein als 1, weil die Sache nicht mit zwei­
einhalb Jahren vorgefallen sein kann, aus gewissen Gründen, die wir
einzuräumen gezwungen sind und die mit den Konsequenzen für das
junge Subjekt dieser spektakulären Enthüllung zu tun haben. Es ist
nicht ausgeschlossen, daß es sich im Alter von sechs Monaten abge­
spielt hat, aber Freud nimmt von diesem Datum Abstand, weil es ihm,
an dem Punkt, wo er sich gerade befindet, ein wenig gewaltsam er­
scheint. Ich möchte beiläufig bemerken, daß er nicht ausschließt, daß
es sich im sechsten Monat abgespielt hat. U nd, die W ahrheit zu sagen,
auch ich schließe es nicht aus. Ich m uß sagen, daß ich geneigt bin zu
glauben, daß das das richtige Datum ist, eher als eineinhalb Jahre. Ich
werde Ihnen vielleicht gleich sagen, warum.
Kommen wir aufs Wesentliche zurück. D er traumatische Wert des tu
durch dieses Schauspiel erzeugten imaginären Einbruchs ist keinesfalls
unmittelbar nach dem Ereignis zu situieren. Die Szene nim m t trauma­
tischen Wert für das Subjekt im Alter zwischen drei Jah ren drei Mona­
ten und vier Jahren an. W ir verfügen über das genaue Datum , weil das
Subjekt, eine übrigens entscheidende Koinzidenz in seiner Geschichte,
am Weihnachtstag geboren ist. In Erwartung der Weihnachtsereignis­
se, die für ihn wie für alle K inder von Geschenken begleitet sind, die
von einem hemiedersteigenden Wesen gebracht werden sollen, hat er
zum erstenmal den Angsttraum, der zum Angelpunkt der ganzen Be­
obachtung wird. Dieser Angsttraum ist die erste Darstellung des trau­
matischen Charakters dessen, was ich eben den imaginären Einbruch
genannt habe. Das ist, um einen BegrifT der Instinkttheorie zu entleh­
nen, wie sie in unseren Tagen, gewiß weiter als zu Freuds Zeiten, insbe­
sondere für das Verhalten der Vögel, ausgearbeitet worden ist, die Prä­
gung *— dieser Begriff führt Anklänge an die Geldprägung mit sich —
die Prägung * des originativen traumatischen Ereignisses.
242
Diese Prägung * — Freud erklärt es uns aufs klarste — situiert sich zu­
nächst in einem nicht-verdrängten Unbewußten — wir werden diesen
approximativen Ausdruck später präzisieren. Sagen wi'r, die Prägung *
ist nicht ins verbalisierte System des Subjekts integriert worden, nicht
einmal zur Verbalisierung und nicht einmal, man kann das sagen, zur
Bedeutung gelangt. Diese Prägung * streng auf das Gebiet des Imaginä­
ren begrenzt, taucht im Lauf des Fortschritts des Subjekts in einer im­
mer organisierteren symbolischen Welt wieder auf. Eben dies erklärt
Freud, wenn er unsdie ganze Geschichte des Subjekts erzählt, wie sie sich
nun von seinen Äußerungen ablöst, zwischen dem ursprünglichen Au­
genblick X und jenem Alter von 4J ahren, wo er die Verdrängung situiert.
Die Verdrängung findet nur deshalb statt, weil die Ereignisse der
frühen Jahre des Subjekts historisch ziemlich bewegt sind. Ich kann
Ihnen nicht die ganze Geschichte erzählen — seine Verführung durch
die ältere Schwester, die viriler als er, Objekt zugleich der Rivalität
und der Identifizierung ist — sein Rückzug und seine Verweigerung
vor dieser Verführung, zu der er, in diesem frühen Alter, weder den An­
trieb noch die M ittel hat — dann sein Versuch einer Annäherung und
aktiven Verführung der Gouvernante, der berühmten Nania, eine Ver­
führung, normativ im Sinn einer Ödipalen, prim är genitalen Entwick­
lung gerichtet, aber durch die erste verhaftende Verführung durch die
Schwester verfälscht. Von dem Feld, auf das es sich begibt, wird das
Subjekt also auf sado-masochistische Positionen zurückgestoßen, deren
Ordnung und sämtliche Elemente Freud uns vorführt.
Ich gebe Ihnen jetzt zwei Bezugspunkte an.
Zunächst können von der Einführung des Subjekts in die symbolische
Dialektik sämtliche Ausgänge, die günstigsten Ausgänge, erhofft wer­
den. Die symbolische Welt wird übrigens nicht aufhören, ihre rich­
tungweisende Anziehung in der ganzen Folge der Entwicklung dieses
Subjekts auszuüben, da es ja, wie Sie wissen, später Momente einer
215 glücklichen Lösung insofern gibt, als in sein Leben im eigentlichen
Sinn lehrende Elemente eintreten werden. Die ganze Dialektik der, ihn
zur Passivität verurteilenden, Rivalität mit dem V ater wird, in einem
bestimmten Augenblick, durch das Eintreten von mit Prestige ausge­
statteten Gestalten, diesem oder jenem Lehrer, oder, noch früher,
durch die Einführung der religiösen O rdnung vollkommen entspannt.
Was also Freud uns zeigt, ist dies — daß das Subjekt sich in dem Maße
realisiert, wie das subjektive D ram a in einen Mythos integriert wird,
der ausgedehnten, will heißen universellen menschlichen Wert hat.
243
Andererseits, was passiert während dieser Periode, zwischen drei Jah­
ren ein Monat und vier Jah ren ?— wenn nicht dies, daß das Subjekt die
Ereignisse seines Lebens in ein Gesetz, in ein Feld symbolischer Bedeu­
tungen, in ein universalisierendes menschliches Feld von Bedeutungen
zu integrieren lernt. Deshalb ist zumindest an diesem Datum diese in-
fantile Neurose genau dasselbe wie eine Psychoanalyse. Sie spielt dieselbe
Rolle wie eine Psychoanalyse, das heißt sie vollendet die Reintegration
der Vergangenheit und bringt in dem Spiel der Symbole die Prägung *
selbst in Gang, die dabei nur an ihrer äußersten Grenze berührt ist,
durch ein rückwirkendes Spiel, nachträglich *, schreibt Freud.
Sofern sie sich, durch das Spiel der Ereignisse, in die Form des Symbols,
in die Geschichte integriert findet, ist die Prägung eben ganz nahe am
Auftauchen gewesen. Dann, als sie tatsächlich auftaucht, genau zwei­
einhalb Jahre nachdem sie ins Leben des Subjekts eingetreten ist —
und vielleicht, wie ich Ihnen gesagt habe, auch dreieinhalb Jahre da­
nach — nimmt sie auf der imaginären Ebene, wegen der für das Sub­
jekt besonders erschütternden Form der ersten symbolischen Integra­
tion, traumatischen Charakter an.
Das Traum a, sofern von ihm eine Verdrängungshandlung ausgeht,
tritt nachträglich * ein. In diesem Augenblick löst sich vom Subjekt in
der symbolischen Welt, die er zu integrieren im Begriff ist, etwas ab.
Fortan wird das ein nicht mehr zum Subjekt Gehöriges sein. Das Sub­
jekt wird es nicht mehr aussprechen, es nicht m ehr integrieren. Nichts­
destoweniger wird es da, irgendwo, bleiben, gesprochen, wenn man so
sagen kann, von etwas, worüber das Subjekt keine Herrschaft ausüben
kann. Das wird der erste Kern dessen sein, was m an in der Folge seine
Symptome nennen wird.
Mit andern Worten, zwischen diesem M oment der Analyse, den ich
Ihnen beschrieben habe, und dem vermittelnden M oment, zwischen
der Prägung und der symbolischen V erdrängung gibt es keinerlei we­
sentliche Differenz.
Es gibt nur eine einzige Differenz, nämlich die, daß in diesem Augen­
blick niemand da ist, um ihm das W ort zu geben. Die Verdrängung be­
ginnt, sobald sie ihren ersten Kern gebildet hat. Von nun an gibt es
einen zentralen Punkt, um den sich in der Folge die Symptome, die
sukzessiven Verdrängungen organisieren können und zugleich — da
die Verdrängung und die Wiederkehr des V erdrängten dasselbe ist —
die Wiederkehr des Verdrängten.

244
2)6 2

Das erstaunt Sie nicht, daß die Wiederkehr des Verdrängten und die
Verdrängung dasselbe sind?

D r.X .: — Oh! mich erstaunt nichts mehr.

Es gibt Leute, die das erstaunt. Auch wenn X. uns erzählt, daß ihn
nichts mehr erstaunt.

O .M annoni: — Das eliminiert den Begriff der gelungenen Verdrängung, den


man manchmalfindet.

Nein, das eliminiert ihn nicht. Um Ihnen das zu erklären, müssen wir
in die gesamte Dialektik des Vergessenseintreten. Die ganze gelungene
symbolische Integration enthält eine Art von normalem Vergessen.
Aber das würde uns ziemlich weit von der Freudschen Dialektik weg­
fuhren.

O. M annoni: — Ein Vergessen ohne Wiederkehr des Verdrängten also?

Ja, ohne W iederkehr des Verdrängten. Die Integration in die Ge­


schichte enthält offenbar das Vergessen einer ganzen Welt von Schat­
ten, die nicht zur symbolischen Existenz gelangt sind. U nd ist diese
symbolische Existenz einmal gelungen und vom Subjekt vollkommen
aufgenommen, so läßt sie keinerlei Druck zurück. M an muß hier Hei-
deggersche Begriffe intervenieren lassen. Es gibt in jedem Eintritt des
Seins in sein Haus des Sprechens einen Rand von Vergessen, eine λήθη,
die jeder άλήθεια komplementär ist.

J. H yppolite : — Was ich an der Formulierung von Mannoni nicht verstehe, ist
das Wort gelungen.

Das ist ein Therapeuten-Ausdruck. Die gelungene Verdrängung, das


ist wesentlich.

J. H y ppo u te : — Gelungen könnte bedeuten dasfundamentalste Vergessen,

Das ist es, wovon ich spreche.


245
J. H y ppo ute : — Dies gelungen bedeutet also, in gewisser Hinsicht, das am
gröbsten Verfehlte. Um dahin zu kommen, daß das Sein integriert werde, muß der
Mensch das Wesentliche vergessen. Dies gelungen ist ein verfehlt. Heidegger
würde das Wort gelungen nicht akzeptieren. Gelungen kann man nur vom
therapeutischen Standpunkt aus sagen.

Das ist ein therapeutischer Gesichtspunkt. Nichtsdestoweniger ist, so «?


scheint es, dieser Irrtumsrand, den es in jeder Realisierung des Seins
gibt, von Heidegger einer Art fundamentaler λήθη, einem Schatten der
Wahrheit Vorbehalten.

J . H yppolite : — Das Gelingen des Therapeuten, das ist Jur Heidegger das
Schlimmste. Das ist das Vergessendes Vergessene. Die Heideggersche Eigentlich­
keit bedeutet, nicht einzutauchen in das Vergessen des Vergessens.

Ja , weil Heidegger eine Art von philosophischem Gesetz aus diesem


Rückgang zu den Quellen des Seins gemacht hat.
Nehmen wir die Frage wieder auf. In welchem M aße kann ein Verges­
sen des Vergessens gelungen sein? In welchem M aße m uß jede Analyse
in den Rückstieg ins Sein münden? O der in einen bestimmten Rück­
gang ins Sein, das vom Subjekt an der Stelle seines eigenen Geschicks
ergriffen wird? Weil ich den Ball immer im Sprung fange, werde ich
den Fragen, die gestellt werden könnten, ein wenig vorgreifen. Wenn
das Subjekt vom Punkt O, dem Punkt der Verwirrung und der Un­
schuld, ausgeht, worauf wird dann die Dialektik der symbolischen Re­
integration des Begehrens hinauslaufen? Genügt es einfach, daß das
Subjekt seine Wünsche (désirs) benennt, daß ihm erlaubt ist, sie zu
nennen, dazu, daß die Analyse beendet ist? Das ist die Frage, die ich
mir dazu vielleicht am Ende dieser Sitzung stellen werde. Sie werden
auch sehen, daß ich dabei nicht stehenbleibe.
Am Ende, ganz am Ende der Analyse, nachdem es eine gewisse Anzahl
von Durchgängen vollendet und eine vollständige Reintegration seiner
Geschichte geleistet hat, ist dann das Subjekt noch immer in O? Oder
aber ein bißchen weiter, nach A hin? M it andern W orten, bleibt etwas
vom Subjekt auf der Ebene jenes Leimpunktes, den man sein Ego
nennt? H at die Analyse nur mit dem zu tun, was m an als ein Gegebenes
betrachtet, das heißt mit dem Ego des Subjekts, dieser internen Struk­
tur, die man durch Übung perfektionieren könnte?
Das ist der Weg, auf dem ein Balint und eine ganze Richtung in der
246
Analyse zu dem Gedanken kommen, das Ego sei entweder stark oder es
sei schwach. U nd wenn es schwach ist, kommen sie, durch die innere
Logik ihrer Position, auf den Gedanken, man müsse es stärken. Sobald
man das Ego für die einfache Ausübung der Herrschaft des Subjekts
über sich selbst, an der Spitze der Hierarchie der Nervenfunktionen,
hält, begibt man sich geradewegs auf die Bahn, wo es sich darum han­
delt, ihm beizubringen, stark zu sein. Daher der Begriff einer Erzie­
hung durch Einübung, durch learning, sogar, wie ein so klarer Kopf wie
Bahnt schreibt, durch Leistung.
Bei Gelegenheit der Stärkung des Ego im Verlauf der Analyse kommt
Balint zu nicht weniger als zu der Bemerkung, wie sehr das Ich doch
perfektionierbar sei. Was erst vor einigen Jahren, so sagt er, in dieser
oder jener sportlichen Übung als Weltrekord angesehen wurde, ist jetzt
gerade gut genug, um einen mittleren Athleten zu qualifizieren. Das
heißt also, daß das menschliche Ich, wenn es sich in Konkurrenz mit
218 sich selber begibt, zu immer außerordentlicheren Leistungen kommt.
Weshalb man deduzieren kann — wir haben dazu keinen Beweis, und
aus guten Gründen — daß eine Übung wie die der Analyse das Ich
strukturieren, in seine Funktionen ein Erlernen einführen könnte, das
es stärkte und es fähig machen würde, eine größere Erregungssumme
zu ertragen.
Aber worin könnte die Analyse — ein Spiel mit Worten — wozu auch
immer in der Art dieses Lernens dienen?
Das fundamentale Faktum, das uns die Analyse beibringt und das ich
im Begriff bin, Sie zu lehren, ist dies, daß das Ego eine imaginäre Funk­
tion ist. Wenn man sich gegen dieses Faktum blind macht, fallt man
auf diejenige Bahn, auf die sich in unsem Tagen die gesamte Analyse
oder fast mit einem einzigen Schritt begibt.
Wenn das Ego eine imaginäre Funktion ist, vermischt es sich nicht mit
dem Subjekt. Was nennen wir ein Subjekt? Ganz genau das, was, in der
Entwicklung der Objektivierung, außerhalb des Objekts ist.
Man kann sagen, daß das Ideal der Wissenschaft ist, das Objekt auf das
zu reduzieren, was sich in einem Interaktionssystem von Kräften
schließen und runden kann. Das Objekt ist, letzten Endes, ein solches
nur für die Wissenschaft. Und es gibt immer nur ein einziges Subjekt—
den Wissenschaftler, der die Gesamtheit betrachtet und hofft, einesTa-
ges alles auf ein determiniertes Spiel von Symbolen zu reduzieren, das
sämtliche Interaktionen zwischen Objekten einschließt. Nur, wenn es
sich um organisierte Wesen handelt, ist der Wissenschaftler sehr wohl
247
gezwungen, immer mitzubedenken, daß es ein H andeln gibt. Ein orga-
nisiertes Wesen, man kann es sicher als ein Objekt ansehen, aber sobald
man ihm den Charakter eines Organismus beilegt, erhält man, und
sei’s implizit, den Begriff, daß es ein Subjekt ist.
Während der Analyse, zum Beispiel eines instinktiven Verhaltens,
kann man für gewisse Zeit die subjektive Position vernachlässigen.
Aber diese Position kann absolut nicht vernachlässigt werden, wenn es
sich um ein sprechendes Subjekt handelt. Das sprechende Subjekt, wir
müssen es zwangsläufig als Subjekt anerkennen. U nd warum? Aus
einem einfachen Grund, und zwar, weil es fähig ist zu lügen. Das heißt,
daß es von dem verschieden ist, was es sagt.
Nun, die Dimension des sprechenden Subjekts, des sprechenden Sub-
jekts als eines täuschenden, ist das, was uns Freud im Unbewußten
entdeckt.
In der Wissenschaft wird das Subjekt am Ende nur noch auf der Ebene
des Bewußtseins behauptet, da das in der Wissenschaft subjek'tierte x
im Grunde der Wissenschaftler ist. Es ist derjenige, der das System der
Wissenschaft besitzt, der die Dimension des Subjekts behauptet. Er ist
das Subjekt, sofern er der Reflex, der Spiegel, der Träger der Objekt­
welt ist. Freud hingegen zeigt uns, daß es im menschlichen Subjekt et­
was gibt, das spricht, das im vollen Sinn des Wortes spricht, das heißt
etwas, das, in Kenntnis der Ursachen und ohne den Beitrag des Be­
wußtseins, lügt. Das heißt — im offenbaren, notwendigen, experi­
mentellen Sinn des Begriffs — die Dimension des Subjekts reinte­
grieren.
Gleichzeitig vermischt sich diese Dimension nicht mehr mit dem Ego.
Das Ich ist von seiner absoluten Position im Subjekt abgesetzt. Das Ich
nimmt den Status eines Trugbildes an, es ist, wie der Rest, nur noch ein
Element der Objektrelationen des Subjekts.
Sind Sie mitgekommen?
Deswegen also habe ich beiläufig hervorgehoben, was M annoni einge-
fuhrt hat. Die Frage stellt sich tatsächlich, ob es, in der Analyse, allein
darum geht, die dem Ego korrelativen Objektivationen auszudehnen,
wobei jenes als ein vollständig gegebenes Zentrum , aber als mehr oder
weniger geschrumpft angesehen wird — so drückt sich Frau Anna
Freud aus. Wenn Freud schreibt — Wo Es war, soll Ich werden (Là où le fa
était, Vego doit être) — muß man dann verstehen, daß es darum geht, das
Feld des Bewußtseins auszudehnen? O der vielmehr, d aß es um eine
Verschiebung geht? Wo Es war— glauben Sie nicht, daß es da ist. Es ist
248
an vielerlei Orten. In meinem Schema, zum Beispiel, betrachtet das
Subjekt das Spiegelspiel in A. Identifizieren wir für einen Augenblick
das Es mit dem Subjekt. M uß man das so verstehen, daß da, wo Es war,
in A, das Ego sein soll? Daß das Ego sich nach A verschieben und, am
Ende der Enden einer idealen Analyse, überhaupt nicht mehr da sein
soll?
Das ist sehr begreiflich, denn alles, was zum Ego gehört, m uß in dem,
was das Subjekt von sich selbst anerkennt, realisiert sein. Das ist jeden­
falls die Frage, in die ich Sie einflihre. Ich hoffe, das zeigt Ihnen zur Ge­
nüge die Richtung an, der ich folge. Das ist nicht erschöpft.
Wie dem auch sei, an dem Punkt, den ich mit der Bemerkung über den
Wolfsmann erreicht habe, sehen Sie, denke ich, die Nützlichkeit des
Schemas. Es vereinigt, entsprechend der besten analytischen Tradi­
tion, die ursprüngliche Bildung des Symptoms, die Bedeutung der Ver­
drängung selbst, mit dem, was sich in der analytischen Bewegung, zu­
mindest an ihrem Anfang, als ein dialektischer Prozeß angesehen, ab­
spielt.
Mit diesem einfachen Ansatz möchte ich Ehrwürden Pater Beimaert
die Sorge überlassen, sich die Zeit zur nochmaligen Lektüre des Wolf­
manns zu nehmen, an einem T ag ein kleines Resume zu geben und da­
bei bestimmte Fragen hervorzuheben, wenn er die Elemente zusam­
mengestellt hat, die ich Ihnen zu diesem Text beibringe.

Da wir hier beim Wolfsmann bleiben werden, will ich ein wenig im Ver­
ständnis dessen vorangehen, was in der Analyse das therapeutische
Verfahren, der Wirkungsgrund der therapeutischen Handlung dar­
stellt. Was genau bedeutet die Benennung, die Anerkennung des
Begehrens, an dem Punkt, den sie erreicht hat, in O? M uß dort alles
anhalten? O der aber läßt sich noch ein Schritt darüber hinaus fordern?
Ich werde versuchen, Ihnen den Sinn dieser Frage verständlich zu ma­
chen.
Es gibt eine absolut wesentliche Funktion im Prozeß der symbolischen
Integration seiner Geschichte durch das Subjekt, eine Funktion, bezüg-
220 lieh deren, alle W elt hat es seit langem bemerkt, der Analytiker eine be­
deutsame Stellung einnimmt. Diese Funktion hat man das Über-Ich
genannt. Es ist unmöglich, davon irgend etwas zu verstehen, wenn man
249
sich nicht auf seine Ursprünge bezieht. Das Uber-Ich ist in der Ge­
schichte der Freudschen Theorie zuerst unter der Form der Zensur er­
schienen. Ich hätte Ihnen auch eben schon sogleich die Bemerkung ver­
anschaulichen können, die ich gemacht habe, als ich Ihnen sagte, daß
wir, von Anfang an, mit dem Symptom und auch m it allen andern un­
bewußten Funktionen des Alltagslebens, in der Dimension des Spre­
chens sind. Die Zensur hat die Aufgabe, vermittels der Lüge zu täu­
schen. Und nicht ohne Grund hat Freud den Term Zensur gewählt. Es
handelt sich dabei um eine Instanz, die die symbolische Welt des Sub­
jekts spaltet, sie entzweischneidet, in einen zugänglichen, anerkannten
Teil und in einen unzugänglichen, untersagten Teil. Es ist dieser Be­
griff, den wir, kaum verändert, mit fast demselben Akzent, in der Ord­
nung des Uber-Ich wiederfinden.
Ich will sogleich den Akzent auf das setzen, was den Begriff des Über-
Ich, wie ich Ihnen eine seiner Seiten in Erinnerung rufe, demjenigen
entgegensetzt, von dem man gemeinhin Gebrauch macht.
Gemeinhin wird das Uber-Ich immer in der O rdnung einer Spannung
gedacht und das ist vollkommen richtig, wenn diese Spannung nicht
auf rein instinktive Bezüge zurückgeführt wird, wie zum Beispiel den
primären Masochismus. Diese Konzeption ist Freud nicht fremd.
Freud geht sogar weiter. In dem Aufsatz Das Ich und das Es * behauptet
er, daß je mehr das Subjekt seine Triebe unterdrücke, das heißt, wenn
man will, je moralischer sein Verhalten ist, und je weiter das Uber-Ich
seinen Druck treibt, desto strenger, fordernder, beherrschender werde
es. Das ist eine klinische Beobachtung, die nicht universell wahr ist.
Aber Freud läßt sich da von seinem Gegenstand, der Neurose, verfüh­
ren. Er geht soweit, das Uber-Ich als eines jener toxischen Produkte zu
betrachten, die, vermöge ihrer vitalen Aktivität, andere toxische Sub­
stanzen entbinden, welche unter bestimmten Bedingungen dem
Zyklus ihrer Reproduktion ein Ende setzen sollen. Das heißt die
Dinge sehr weit treiben. Aber man findet diese Vorstellung, implizit,
in der ganzen Konzeption des Uber-Ich wieder, die in der Analyse
herrscht.
Im Gegensatz zu dieser Konzeption ist es nötig, Folgendes zu formulie­
ren. Auf ganz allgemeine Art und Weise ist das Unbewußte im Subjekt
eine Spaltung des symbolischen Systems, eine Begrenzung, eine durch
das symbolische System induzierte Entfremdung. Das Uber-Ich ist
eine analoge Spaltung, die sich in dem vom Subjekt integrierten sym­
bolischen System herstellt. Die symbolische W elt ist nicht auf das Sub-
250
jekt beschränkt, denn sie realisiert sich in einer Sprache, die die allge­
meine Sprache, das universelle symbolische System insofern ist, als es
sein Reich auf eine gewisse Gemeinschaft gründet, der das Subjekt zu­
gehört. Das Uber-Ich ist diese Spaltung, sofern sie sich für das Subjekt
— aber nicht allein für dies — in seinen Beziehungen zu dem herstellt,
was wir das Gesetz nennen.
Ich werde Ihnen das durch ein Beispiel veranschaulichen, denn Sie
sind an diese Kategorie durch das, was man Sie in der Analyse lehrt, so
wenig gewöhnt, daß Sie glauben werden, ich würde ihre Grenzen über­
schreiten. Dem ist durchaus nicht so.
22 ! Da ist einer meiner Patienten. £ r hat schon eine Analyse mit einem an­
dern gemacht, bevor er sich an mich gewendet hat. Er hatte ganz eigen­
artige Symptome im Bereich der Handbewegungen, signifikantes O r­
gan für bestimmte vergnügliche Aktivitäten, auf die die Analyse leb­
hafte Lichter geworfen hat. Eine nach der klassischen Linie durchge-
fiihrte Analyse hätte sich, ohne Erfolg, bemüht, um jeden Preis seine
verschiedenen Symptome um die, aufgepaßt, frühkindliche M asturba­
tion und die Verbote und Repressionen, die sie in ihrer Umgebung
nach sich gezogen hatte, zu organisieren. Diese Verbote hat es gegeben,
weil es sie immer gibt. Unglücklicherweise hatte das nichts erklärt und
nichts gelöst.
Der Patient gehörte — man kann dieses Element seiner Geschichte
nicht verschweigen, auch wenn es immer heikel ist, einzelne Fälle in
einer Lehrveranstaltung mitzuteilen — der islamischen Religion an.
Aber eines der überraschendsten Elemente der Geschichte seiner sub­
jektiven Entwicklung war seine Entfernung, seine Aversion gegen das
Gesetz des Koran. Dieses Gesetz nun ist etwas unendlich viel Umfas­
senderes, als wir es uns in unserm Kulturkreis vorstellen können, der
durch das Gib dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist definiert
worden ist. Auf islamischem Gebiet dagegen hat das Gesetz einen
totalitären Charakter, der absolut nicht erlaubt, den juristischen
Bereich vom religiösen zu isolieren.
Bei diesem Patienten lag also eine Verkennung des koranischen Geset­
zes vor. Bei einem Subjekt, das durch seine Vorfahren, seine Funktio­
nen, seine Zukunft diesem Kulturkreis angehört, war das etwas, was
mich beiläufig überrascht hat aufgrund der Vorstellung, die ich für
ziemlich gesund halte, daß man die symbolischen Zugehörigkeiten
eines Subjekts nicht verkennen sollte. Das hat uns geradewegs auf das
geführt, worum es ging.
251
Tatsächlich enthält das Gesetz des Koran für diejenige Person, die sich
des Diebstahls schuldig gemacht h a t, folgende Vorschrift — Man
schneide die Hand ab.
Nun, das Subjekt war, während seiner Kindheit, in einen privaten und
öffentlichen Strudel geraten, der ungefähr darauf Zurückzufuhren war,
daß er gehört hatte — und das war ein ganzes Drama, sein Vater war
Beamter gewesen und hatte seinen Posten verloren — daß sein Vater
ein Dieb sei und daß man ihm also die H and abschneiden müsse.
Wohlgemerkt, es ist lange her, daß diese Vorschrift nicht mehr ausge-
führt w ird— ebensowenig wie das Gesetz des M anu, derjenige, der Inzest
mit seiner Mutter begangen hat, reiße sich die Geschlechtsorgane heraus, nehme sie
in seine Hand undgehe nach Westen. Aber darum bleibt es nicht weniger in
die symbolische Ordnung eingeschrieben, die die zwischenmensch­
lichen Beziehungen fundiert und die sich das Gesetz nennt.
Diese Aussage war also für dieses Subjekt auf privilegierte Weise vom
Rest des Gesetzes isoliert. Und sie ist eingezogen in seine Symptome.
Der Rest der symbolischen Bezüge meines Patienten, jener primitiven
Arkana, um die sich für dieses Subjekt seine fundamentalsten Bezie­
hungen zum Universum des Symbols organisieren, wurde von der Ab­
setzung betroffen wegen der besonderen Prävalenz, die für ihn diese
eine Vorschrift angenommen hatte. Sie steht bei ihm im Zentrum einer
ganzen Reihe von symptomatischen, unannehm baren, konfliktuellen
unbewußten Äußerungen, die an jene fundamentale Erfahrung seiner
Kindheit geknüpft sind.
Im Fortgang der Analyse, so habe ich Ihnen angedeutet, stellen sich mit
der Annäherung an traumatische Elemente — die in einem Bild be­
gründet sind, das nie integriert worden ist — Löcher, Bruchstellen in
der Vereinheitlichung, der Synthese, der Geschichte des Subjekts her.
Ich habe Ihnen angedeutet, daß von diesen Löchern her das Subjekt in
den verschiedenen symbolischen Determinationen, die aus ihm ein
Geschichte habendes Subjekt machen, sich regruppieren kann. Nun,
ebenso situiert sich für jedes menschliche Wesen alles, was ihm persön­
lich zustoßen kann, in der Beziehung auf das Gesetz, an das es sich hält.
Seine Geschichte ist durch das Gesetz, durch das symbolische Univer­
sum, das nicht für alle dasselbe ist, vereinheitlicht.
Die Tradition und die Sprache diversifizieren die Referenz des Sub­
jekts. Eine diskordante Aussage, im Gesetz unbekannt, eine Aussage,
die durch ein traumatisches Ereignis, welches das Gesetz auf eine Spit­
ze von unannehmbarem, unintegrierbarem Charakter reduziert, in
252
den Vordergrund gerückt worden ist — das ist jene blinde, repetitive
Instanz, die wir gewöhnlich im Term des Uber-Ich definieren.
Ich hoffe, daß diese kleine Beobachtung überraschend genug ist,
um Ihnen die Vorstellung einer Dimension zu geben, auf die sich die
Reflexion der Analytiker nicht häufig richtet, aber die vollständig zu
ignorieren Ihnen nicht gelingt. In der T at bezeugen sämtliche Analyti­
ker, daß es keine mögliche Lösung einer Analyse gibt, wie groß ihre Di-
versität, der Reiz der archaischen Ereignisse, die sie ins Spiel bringt,
auch sei, die nicht am Ende sich um jene legale, legalisierende Koordi­
nate knüpft, die sich Ödipuskomplex nennt.
Der Ödipuskomplex ist für die der analytischen Erfahrung eigene Di­
mension so wesentlich, daß seine hervorragende Stellung seit dem Be­
ginn von Freuds Werk hervortritt und bis zu seinem Ende festgehalten
wird. Was daher rührt, daß der Ödipuskomplex eine in der gegenwärti­
gen Etappe unsrer K ultur privilegierte Stellung in der abendländi­
schen Zivilisation einnimmt.
Ich habe eben auf die Teilung in verschiedene Ebenen der Ordnung
des Gesetzes in unserm Kulturkreis angespielt. Gott weiß, daß die Viel­
heit der Ebenen dem Individuum das Leben nicht leichtmacht, denn
sie setzen sich in Konflikten unablässig einander entgegen. In dem Ma­
ße, wie die verschiedenen Sprachen einer Zivilisation komplex werden,
reduziert sich das Band, das sie mit den primitiven Formen des Geset­
zes verknüpft, auf diesen wesentlichen Punkt — das ist die streng
Freundsche Theorie — den Ödipuskomplex. Er ist das, was, im indivi­
duellen Leben, von der O rdnung des Gesetzes, wie man es in den Neu­
rosen sieht, zurückbleibt. Das ist der konstanteste Einschnitt, derjeni­
ge, der am wenigsten einholbar ist.
Was nicht heißt, daß er der einzige ist und daß es das Feld der Psycho­
analyse verlassen heißt, wenn man sich auf die Gesamtheit der symboli­
schen Welt des Subjekts bezieht, die außerordentlich komplex, will
heißen antinomisch sein kann, und auf die ihm persönlich eigene Stel-
225 lung, die eine Funktion seines sozialen Niveaus, seiner Zukunft, seiner
Entwürfe, im existentiellen Sinn des Terms, seiner Erziehung, seiner
Tradition ist.
Wir sind durchaus nicht der Probleme ledig, welche die Beziehungen
des Begehrens des Subjekts — das sich da, im Punkt O herstellt — mit
der Gesamtheit des symbolischen Systems aufwerfen, in dem an das
Subjekt der Appell, im vollen Sinn dieses Terms, ergeht, seinen Platz
einzunehmen. Der Umstand, daß die Struktur des Ödipuskomplexes
253
immer einhol bar ist, dispensiert uns freilich nicht von der Einsicht, daß
andere Strukturen desselben Niveaus, der Ebene des Gesetzes, in einem
je bestimmten Fall, eine genauso entscheidende Rolle spielen kön­
nen. Das ist es, was wir in diesem letzten klinischen Fall angetroiTen
haben.
Einmal die Zahl der Wiederholungen erfüllt, die notwendig sind, um
die Objekte des Subjekts zum Vorschein kommen zu lassen und seine
imaginäre Geschichte zu komplettieren, einmal die sukzessiven, span­
nenden, aufgeschobenen, ängstigenden Wünsche (désirs) des Subjekts
benannt und reintegriert, ist doch noch nicht alles erreicht. Was zuerst
da, in O, dann hier, in O ', dann wieder in O gewesen ist, m uß sich wie-
dey in das vollständige System der Symbole zurückübertragen. Der
Ausgang der Analyse fordert das.
Wo soll diese Rückverweisung zu einem H alt kommen? Müssen wir die
analytische Intervention bis in grundsätzliche Dialoge über die Ge­
rechtigkeit und den M ut, in der großen dialektischen Tradition, trei­
ben?
Das ist eine Frage. Sie ist nicht leicht zu lösen, denn die W ahrheit zu
sagen, der zeitgenössische Mensch ist besonders ungeschickt geworden,
diese großen Themen anzugehen. Er zieht es vor, die Sachen in Begrif­
fen des Verhaltens, der Anpassung, der G ruppenm oral und anderer
Albernheiten aufzulösen. Daher die Schwierigkeit des Problems, das
die menschliche Bildung des Analytikers stellt.
Damit verlass' ich Sie für heute.

19. M ai .1954

254
D IE SA CK G A SSEN D E S M IC H A E L B A LIN T
227 XVI
E R S T E B E IT R Ä G E Ü B E R BA LIN T

Theorie der Liebe


Definition des Charakters
Die Objekiivation

Es ist sehr schön zu sagen, daß Theorie und Technik dasselbe sind. Nun,
profitieren wir davon. Suchen wir die Technik eines jeden zu verstehen,
soweit seine theoretischen Vorstellungen genügend artikuliert sind, um
uns zu erlauben, darüber einige Annahmen zu formulieren.
Nur, die theoretischen Vorstellungen, die von einer bestimmten Reihe
von Köpfen, und sogar guten Köpfen, vorangetrieben worden sind,
sind deshalb nicht auch schon brauchbar. Diejenigen, die die Begriffe
handhaben, wissen nicht immer so recht, was sie sagen. In bestimmten
Fällen dagegen hat man das lebhafte Gefühl, daß die Begriffe sehr wohl
etwas von der Erfahrung ausdrücken. Das ist der Fall bei unserm
Freund Bahnt.
Ich habe die Unterstützung von jemandem wählen wollen, der uns, in
verschiedenster Hinsicht, nahe, will heißen sympathisch ist und der
unzweifelhaft Orientierungen zeigt, die mit einigen der Forderungen
konvergieren, die wir hier über das formulieren, was die intersubjektive
Beziehung in der Analyse zu sein hat. Zugleich gibt uns die Art, in der
er sich ausdrückt, das Gefühl, daß er dem Einfluß des herrschenden
Denkens unterliegt.
Um Ihnen das bemerklich zu machen, was ich ein gewisses aktuelles
Abweichlertum in Beziehung auf die grundlegende analytische Erfah­
rung nennen würde, auf die ich mich unablässig beziehe, wäre es zu
einfach, grobschlächtige, will heißen schlechterdings delirierende Leu­
te zu wählen. Da, wo sie subtil sind und wo sie weniger von einer radika­
len Abirrung als von einer bestimmten Art, das Ziel zu verfehlen, zeu­
gen, muß man sie packen.
Auf diese Weise wollte ich die Probe darauf machen, was die Tragweite
einer Lehre sein müsse, ich wollte, daß man dem nachgeht. Darin hab*
ich Granoff Vertrauen geschenkt, von dem ich das Zeugnis besitze, daß
er einer der an dem Weg, den ich Sie zu führen suche. Interessiertesten
257
ist, uns heute mitzuteilen, was er bei der Lektüre des Buches von Bahnt, m
das den Titel Primary love and psycho-analytic technics trägt, hat Zusam­
mentragen können.
Nach seinem eigenen Zeugnis hat Balint seine Karriere gegen 1920 be­
gonnen. Dies Buch versammelt die Artikel, die er zwischen 1930 und
1950 geschrieben hat. Das ist ein höchst interessantes Buch, außeror­
dentlich angenehm zu lesen, klar, luzide, oft kühn, voller Humor. Sie
alle haben ein Interesse, sich dam it zu befassen — wenn Sie Zeit dazu
haben, denn es ist ein Ferienbuch, wie ein Preis am Jahresende. Schen­
ken Sie es sich selbst, denn unsre Gesellschaß ist in diesem Ja h r nicht
reich genug, es an Sie zu verteilen.

Unterbrechungen im Lauf des Vortrags von Doktor Granoff.

Der Gegensatz findet zwischen zwei Formen der Liebe statt. Es gibt zu­
nächst die prägenitale Form. Ein ganzer Aufsatz, mit dem Titel Pregeni-
tal Love, dreht sich um den Begriff, daß es sich um eine Liebe handelt,
für die das Objekt absolut kein eigenes Interesse hat. Absolute unselfish­
ness — das Subjekt erkennt ihm keinerlei Forderung, kein eigenes Be­
dürfnis zu. Alles, was für mich gut ist, ist right für Sie— das ist die impli­
zite Formel, die das Verhalten des Subjekts ausdrückt. Die primary love,
ein späteres Stadium, ist immer als Ablehnung der gesamten Realität,
als Weigerung, die Forderungen des Partners anzuerkennen, charak­
terisiert. Das ist es, was sie der genital love entgegensetzt. Sie werden
sehen, daß ich dieser Konzeption massive Einwände entgegenzuhalten
habe, die Ihnen zeigen werden, daß sie buchstäblich alles vertut, was
die Analyse beigebracht hat.
Sie haben vollkommen recht, Granoff, darauf hinzuweisen, daß die
Konzeption von Balint sich auf eine Theorie der Liebe zentriert, die
mehr als normativ, die moralisierend ist. Zu Recht heben sie hervor,
daß er bei dieser Frage landet— was wir als normal ansehen, ist das ein
Naturzustand oder ein kulturelles, artifizielles Resultat, will heißen
das, was er a happy chance, .einen glücklichen Zufall nennt? Und weiter­
hin stellt er die Frage — was können wir als Gesundheit, nach dem
Ende der Analyse, bezeichnen? Ist die analytische K ur ein natürlicher
oder ein künstlicher Prozeß? Sind Prozesse vorstellbar, die, wenn sie
258
nicht aufgehalten, gestört werden, die Entwicklung zu einem Gleichge­
wicht fuhren? Ist die Gesundheit, konträr, ein glücklicher Zufall, ein
unwahrscheinliches Ereignis? Darüber, bemerkt Bahnt, ist die Ambi­
guität im analytischen Chor total. Was zu denken geben kann, daß die
Frage nicht richtig gestellt ist.

Sie heben nicht genug die doch sehr interessante Balintsche Definition
des Charakters hervor.
229 Der Charakter kontrolliert die Beziehungen des Menschen zu seinen
Objekten. Der Charakter bezeichnet immer eine mehr oder weniger
ausgedehnte Begrenzung der Möglichkeiten von Liebe und Haß. Also
der Charakter bezeichnet die Begrenzung der Fähigkeit for love and
enjoyment, zu Liebe und Vergnügen. Die Dimension des Vergnügens,
die sehr weit geht, reicht über die Dimension des Genusses auf eine
Weise hinaus, die man hervorheben muß. Das Vergnügen enthält eine
subjektive Fülle, die eine Darstellung verdiente.
Wenn der Aufsatz nicht von 1932 wäre, würde ich sagen, daß man ihm
die Verbreitung eines gewissen puritanischen Moralideals zu verdan­
ken hat. Es gibt in Ungarn historische protestantische Traditionen, die
genaue historische Verzweigungen mit der Geschichte des Protestan­
tismus in England aufweisen. So sieht man eine einzigartige Konver­
genz zwischen dem Denken dieses Ferenczi-Schülers, der von seinem
Lehrer auf die Spuren geführt worden ist, denen ich Sie heute nachge­
hen lasse, und seinem Schicksal, das ihn am Ende in die englische Ge­
meinschaft so vorzüglich integriert hat.
Der Charakter ist ihm lieber in seiner starken Form, deijenigen, die all
jene Begrenzungen einschließt. Der weak character, das ist einer, der sich
überborden läßt. Überflüssig, hinzuzufugen, daß daraus eine vollkom­
mene Ambiguität zwischen dem, was er Charakteranalyse nennt, und
dem, was er nicht zögert, im selben Kontext ins Spiel zu bringen, dem
logischen Charakter, resultiert. Er scheint nicht zu sehen, daß es sich
dabei um vollkommen verschiedene Charaktere handelt — auf der
einen Seite ist der Charakter die Reaktion auf die libidinose Entwick­
lung des Subjekts, die Verkettung, in die diese Entwicklung hineinge­
raten und von der sie begrenzt ist, auf der anderen handelt es sich um
angeborene Elemente, die, für die Charakterologen, die Individuen in
Klassen einteilen, die konstitutionell sind.
Bahnt denkt, daß die analytische Erfahrung uns darüber mehr mittei-
len wird. Ich meinerseits bin auch geneigt, das zu denken, aber unter
259
der Bedingung, daß man einsieht, daß die Analyse den Charakter tief­
greifend modifizieren kann.

Sie heben sehr zu Recht die Bemerkung von Balint hervor, daß von
1938-1940 an ein ganzes Vokabular aus den analytischen Aufsätzen
verschwindet, während sich die O rientierung, die die Psychoanalyse
auf die Objektbeziehung zentriert, verstärkt. Dies Vokabular ist das­
jenige, dessen Konnotation, sagt Balint, zu libidinös ist — der Begriff
sadistisch, zum Beispiel, verschwindet.
Dies Geständnis ist sehr bezeichnend. Genau darum handelt es sich,
um den zunehmenden Puritanismus der analytischen Atmosphäre.

Balint legt sich sehr wohl Rechenschaft darüber ab, daß es etwas geben
muß, was zwischen zwei Subjekten existiert. Da ihm der Begriffsappa­
rat, der nötig wäre, um die intersubjektive Beziehung einzuführen,
vollkommen fehlt, kommt er darauf, von two bodies’psychology zu spre­
chen. Dadurch glaubt er, die one body ’s psychology zu verlassen. Aber es ist
evident, daß die two bodies’ psychology noch immer eine Beziehung von
Objekt zu Objekt ist.
Theoretisch wäre das nicht schlimm, wenn es nicht technische Konse­
quenzen im konkreten, therapeutischen Austausch mit dem Subjekt
hätte. Tatsächlich ist es so, daß das keine Beziehung von Objekt zu Ob­
jekt ist. Balint ist, wie Sie eben richtig gesagt haben, in einer Zweierbezie­
hung befangen und negiert sie. M an könnte keine glücklichere Formulie­
rung finden, und ich beglückwünsche Sie dazu, um zu sagen, wie man
sich gewöhnlich äußert, um die analytische Situation zu erklären.
Jede Erkenntnis muß, um voranzukommen, diejenigen Teile objekti­
vieren, die objektivierbar sind. Wie kommt eine Analyse voran? —
wenn nicht durch Eingriffe, die das Subjekt drängen, sich zu objekti­
vieren, sich selbst zum Objekt zu nehmen.
Balint objektiviert das Subjekt, aber in einen anderen Sinn. Er cmp-
fiéhlt, was ich einen Rekurs auf die Appellationsinstanz des Realen
nennen möchte, der eine bloße Tilgung der symbolischen Ordnung
durch Verkennen, wie Sic eben gesagt haben, darstellt. Diese Ordnung
verschwindet tatsächlich vollkommen in der Objektbeziehung und zu­
gleich die imaginäre O rdnung auch. Das ist der G rund, aus dem die
Objekte einen absoluten W ert annehmen.
Balint sagt uns, wie wir uns verhalten sollen — eint Atmosphäre schaffen,
seine eigene A tmospkäre, eine angemessene A tmosphäre. Das ist alles, was er zu
260
sagen hat. Das ist ganz außerordentlich unsicher, das zögert am Rande
des Unsagbaren, und nun läßt er die Realität eintreten, das, was er das
Ereignis nennt. Die Analyse ist offensichtlich genau dazu nicht ge­
macht, daß wir uns dem Patienten an den Hals werfen und er sich an
den unsern. Die Begrenztheit der Mittel des Analytikers stellt das Pro­
blem, auf welcher Ebene sich seine Tätigkeit abspiele. Bahnt verlegt
sich darauf, seinen Weckappell an sämtliche Register des Realen zu
richten.
Nicht umsonst steht das Reale immer im Hintergrund und bezeichne
ich es Ihnen in dem, was wir hier kommentieren, nie direkt. Es ist eben,
im eigentlichen Sinn, ausgeschlossen. Und Balint wird es, so wenig wie
irgendein andrer, nicht wieder hereinbringen. Aber dahin fuhrt sein
appellativer Rekurs. Scheitern der Theorie, das jener technischen Ab­
weichung entspricht.

Es ist jetzt spät. Ich will die eindreiviertel Stunden nicht überschreiten.
Ich glaub’, man kann Granoff eine gute Note geben. Er hat vollkom­
men realisiert, was ich von ihm erwartet habe, und Ihnen sehr gut die
Gesamtheit der Probleme vorgestellt, die von diesem Buch Balints ge­
stellt werden, seinem einzigen Buch und einem, das aus seinem Nach­
denken wie gleichzeitig aus seinem Werdegang resultiert.
Eine bestimmte Anzahl von Fragen können sich davon für Sie ablösen.
Ich werde sie beim nächsten M al wiederaufnehmen. Was ich hier noch
hervorheben will, ist der Aufsatz, von dem Sie nicht gesprochen haben,
23! Transference of emotions, von 1933. Sind es Emotionen, die übertragen
werden? Ein Titel wie dieser scheint niemanden zu skandalisieren.
Das war kein ausschließlich für Analytiker bestimmter Aufsatz, er wen­
det sich zum Teil auch an die, die es nicht sind, um das Phänomen der
Übertragung begreiflich zu machen, das, so sagt er, viele Mißverständ­
nisse erweckt und das die wissenschaftliche Welt zu diesem Zeitpunkt
weniger gut als das Phänomen des Widerstands kannte. Er gibt einige
Beispiele. Sie werden sehen, das ist sehr amüsant.
Ich möchte von diesem Loch im Zentrum von Granoffs Vortrag ausge­
hen, um den Rest von neuem zu erklären. Durch den Umstand, daß
Balint eine richtige Definition des Symbols verfehlt, ßndet sich jenes
Loch gezwungenermaßen überall.
261
In demselben Aufsatz sagt er uns, daß die Interpretation ihrer Erfah­
rung durch die Analytiker natürlich eine Psychologie oder eine Cha­
rakterologie des Psychoanalytikers selbst ist. Nicht also ich sage das, er
ist es, der das bemerkt. Der Autor selbst liefert uns dieses Zeugnis, daß
man die Psychoanalyse des theoretischen Analytikers machen muß,
um bestimmte aktuelle Tendenzen der Theorie wie der Technik zu ver-
orten.
Auf nächsten Mittwoch.

26. M ai 1954

262
XVII
O B JE K T B E Z IE H U N G U N D IN T E R S U B JE K T IV E
B E Z IE H U N G

Balint und Ferenczi


Die Bedürfnisbefriedigung
Die Karte des Zarten
Die Intersubjektivität in den Perversionen
Die Sartresche Analyse

Sehen wir uns jene Konzeption an, die wir Balint zuschreiben, der sich
in der T at auf eine ganz besondere Tradition bezieht, eine, die man die
ungarische nennen könnte, sofern sie zufällig durch die Persönlichkeit
von Ferenczi beherrscht worden ist. W ir werden sicher von tausend
kleinen anekdotischen Seiten die Beziehungen zwischen Ferenczi und
Freud berühren. Das ist sehr amüsant.
Ferenczi wurde vor 1930 ein wenig als enfant terrible der Psychoanalyse
angesehen. Im Verhältnis zum Konzert der Analytiker bewahrte er
sich in seinem Verhalten große Freiheit. Seine Art, Fragen zu stellen,
folgte nicht der Sorge, sich so auszudrücken, wie es, schon zu jener Zeit,
orthodox war. So hat er zu wiederholten Malen Fragen aufgeworfen, die
sich um den Ausdruck aktive Psychoanalyse gruppieren lassen — und
wenn man das gesagt hat, was als SchlüsselbegrifT gilt, glaubt man,
man habe etwas verstanden.
Ferenczi hat angefangen, sich nach der Rolle zu fragen, die, in diesem
Augenblick der Analyse, die Initiative des Analytikers zunächst, so­
dann sein Sein zu spielen hätten. M an m uß Zusehen, mit welchen Ter­
men, und nicht jede Art von Eingriff als aktiv qualifizieren. Sie haben
zum Beispiel gestern abend gehört, daß die Frage der Verbote an­
hand eines Falls gestellt worden ist, den uns Dr. Morgan mitgeteilt
hat. Es ist das eine Frage, ich habe darauf gestern abend hingewiesen,
die schon in den Technischen Schüßen von Freud angeschnitten wird.
Freud hat es immer für vollkommen klar gehalten, daß man, in gewis­
sen Fällen, aktiv einzugreifen wissen müsse, indem man Verbote auf­
stellt. — Ihre Analyse kann nichtfortgesetzt werden, wenn Sie sich dieser oder
jener Aktivität hingeben, welche, weil sie in gewisser Weise ihre Situation
263
saturiert, das, was in der Analyse geschehen könnte, im eigentlichen IVortsinn
sterilisiert.
Von da ausgehend, wo wir uns befinden, und von Bahnt aus in der Ge­
schichte zurückgehend, werden wir zu verstehen suchen, was bei Fe-
renczi der Begriff der aktiven Psychoanalyse meint, dessen Einführung
auf sein Konto zu schreiben ist.
Ich weise Sie beiläufig daraufhin, daß Ferenczi im Lauf seines Lebens 234

mehrmals seine Position geändert hat. Er hat sich von einigen seiner
Versuche abgewandt und erklärt, die Erfahrung habe sie als übertrie­
ben, wenig fruchtbar, will heißen schädlich erwiesen.
Bahnt gehört also jener ungarischen Tradition an, die sich um diejeni­
gen Fragen entfaltet, welche die Beziehung von Analysiertem und
Analytiker stellt, aufgefaßt als eine zwischen-menschliche Situation,
die sich auf Personen bezieht und deshalb eine gewisse Reziprozität
enthält. Diese Fragen stellen sich heute in Termen der Übertragung
und Gegenübertragung.
W ir können den persönlichen Einfluß von Ferenczi um 1930 als
abgeschlossen ansehen. In der Folge ist es der seiner Schüler, der sich
äußert.
Bahnt situiert sich in der Periode, die sich von 1930 bis auf unsre Tage
erstreckt und die charakterisiert ist von einem progressiven Anstieg des
Begriffs der Objektbeziehung in der Analyse. Ich glaube, daß das der
zentrale Punkt der Konzeption von Bahnt, seiner Frau und ihren
M itarbeitern ist, die sich um die Tierpsychologie gekümmert haben.
Das ist es, was sich in einem Buch äußert, das, auch wenn es nur eine
Sammlung von ziemlich weit auseinanderflatternden, disparaten Auf­
sätzen ist, die sich übereinen Zeitraum von zwanzig Jah ren erstrecken,
gleichwohl durch eine bemerkenswerte Einheit charakterisiert ist, die
man abheben kann.

Ich gehe davon aus, daß der Horizont abgesteckt ist, denn der Vortrag
von Granoff hat Ihnen die Probleme von Baiint in ihrer Gesamtheit zu
situieren erlaubt. Gehen wir also von der Objektbeziehung aus. Sie
werden sehen, sie steht im Herzen aller Probleme.
Wenden wir uns sogleich dem K notenpunkt zu. Balints perspektivi­
sches Zentrum in der Ausarbeitung des Begriffs der Objektbeziehung
264
ist Folgendes — die Objektbeziehung ist diejenige, die mit einem
Bedürfnis ein Objekt verbindet, das es befriedigt.
Ein Objekt ist, in seiner Konzeption, vor allem ein Befriedigungsob­
jekt. Das kann uns nicht erstaunen, denn die analytische Erfahrung be­
wegt sich in der O rdnung libidinöser Beziehungen, in der O rdnung des
Begehrens. Heißt das, daß ein Objekt, in der menschlichen Erfahrung,
als das definieren, was ein Bedürfnis sättigt, ein brauchbarer Ausgangs­
punkt ist, von dem aus wir das, wovon uns die Erfahrung lehrt, daß es in
der Analyse Zusammentritt, entwickeln, gruppieren und erklären kön­
nen?
Die fundamentale Objektbeziehung genügt für Balint dem, was man
die volle Form, die typische Form nennen kann. Sie ist ihm in typischer
Form in dem gegeben, was er primary love, primäre Liebe nennt, das heißt
in den Beziehungen des Kindes und der M utter. Der wesentliche Auf­
satz zu diesem Punkt ist Mother's love and lovefor the mother, von Alice Ba-
235 lint. Ihr zufolge liegt das Eigentümliche der Beziehung des Kindes zur
M utter darin, daß die M utter als solche alle Bedürfnisse des Kindes be­
friedigt. Das bedeutet wohlverstanden nicht, daß das immer verwirk­
licht wird. Aber das ist strukturierend für die Situation des menschli­
chen Kindes.
Der ganze tierische Hintergrund ist hier impliziert. Das menschliche
Junge ist, wie für einige Zeit das Tierjunge, jener mütterlichen Beglei­
tung koadaptiert, die, von den ersten Schritten an, die es in seiner Le­
benswelt tut, manches primitive Bedürfnis stillt. Aber es ist es aufgrund
der Zurückgebliebenheit seiner Entwicklung viel mehr als ein andres.
Wie Sie wissen, kann man sagen, daß das menschliche Wesen mit föta­
len Zügen geboren wird, das heißt solchen, die auf eine verfrühte Ge­
burt zurückgehen. Balint berührt diesen Punkt nur kaum und am Ran­
de. Aber er weist darauf hin, und es gibt gute Gründe dafür.
Wie dem auch sei, die Mutter-Kind-Beziehung ist für ihn derart funda­
mental, daß er so weit geht zu sagen, daß, wenn sie sich auf glückliche
Weise vollzieht, es eine Störung nur durch einen Zufall geben kann.
Dieser Zufall kann die Regel sein, das ändert nichts, das ist, im Hin­
blick auf die in ihrem wesentlichen Charakter aufgefaßte Beziehung
ein Zufall. Wenn es Befriedigung gibt, hat das, was das Begehren dieser
primären Beziehung darstellt, die primary love, nicht einmal mehr zu er­
scheinen. Nichts erscheint. Alles, was sich davon äußert, ist also einfach
ein Riß in der fundamentalen Situation, der geschlossenen Zweierbe­
ziehung.
263
Ich kann mich dabei nicht aufhalten, aber ich m uß sagen, daß der Auf­
satz von Alice Bahnt diese Konzeption bis in ihre heroischen Konse­
quenzen entwickelt. Folgen wir ihrem Gedankengang.
Für das Kind versteht sich alles, was, von der M utter kommend, gut fur
es ist, von selbst. Nichts impliziert die Autonomie dieses Partners,
nichts impliziert, daß das ein anderes Subjekt sei. Das Bedürfnis for­
dert. Und alles in der Objektbeziehung orientiert sich von selbst auf die
Befriedigung des Bedürfnisses. W enn es derart eine prästabilierte Har­
monie, eine Geschlossenheit der ersten Objektbeziehung des menschli­
chen Wesens, eine Tendenz auf vollkommene Befriedigung gibt, dann
muß es sich, mit strengster Konsequenz, genauso auch auf der anderen
Seite, auf seiten der M utter verhalten. Ihre Liebe zu ihrem Sprößling
hat genau denselben Charakter prästabilierter Harmonie auf der pri­
mitiven Ebene des Bedürfnisses. Auch bei ihr befriedigen die Pflege,
der Kontakt, das Stillen, all das, was sie animalisch an ihren Sprößling
bindet, ein Bedürfnis, das dem ersten komplementär ist.
Alice Balint verpflichtet sich also zum Nachweis — und darin liegt das
heroische Extrem ihrer Darstellung — daß das mütterliche Bedürfnis
genau dieselben Grenzen wie jedes vitale Bedürfnis aufweist, das heißt,
wenn man nichts mehr zu geben hat, nun, dann nimmt man eben. Eines der be­
weiskräftigsten Elemente, die sie beibringt, ist dies, daß in einer soge­
nannten primitiven Gesellschaft — dieser Term spielt weniger auf die
soziale oder Gemeinschaftsstruktur dieser Gesellschaften als auf den
Umstand an, daß sie den fürchterlichen Krisen au f der vitalen Ebene
des Bedürfnisses sehr viel ungeschützter ausgesetzt sind, ob es sich nun
um Eskimos oder um die in einem elenden Zustand durch die australi­
schen Wüsten irrenden Stämme handelt — wenn man nichts mehr zu
beißen hat, man sein Kleines ißt. Das ist Teil desselben Systems, das ist
in der O rdnung der vitalen Befriedigung, da gibt es keine Kluft zwi- at
sehen nähren und essen — man gehört ihm ganz, aber zugleich gehört
es ganz Ihnen. Wenn es deshalb kein M ittel m ehr gibt, sich da anders
herauszuziehen, kann es sehr wohl verschlungen werden. Das Einsau­
gen ist Teil der zwischen-tierischen Beziehungen, der Objektbeziehun­
gen. In normalen Zeiten nährt sich das Kind von seiner M utter, saugt
sie, soweit es kann, ein. Das Umgekehrte ist wahr. W enn die Mutter
nicht mehr anders kann, kippt sie sich’s hinter die Binde.
Balint geht sehr weit in außerordentlich eindrucksvollen ethnographi­
schen Details. Ich weiß nicht, ob sie exakt sind — m an m uß sich bei Be­
richten, die aus der Ferne kommen, immer in acht nehmen. Nichtsde-
266
stoweniger, die Ethnographen berichten, daß in Perioden der Not, bei
jenen gräßlichen Hungersnöten, die einen Teil des Rhythmus isolier­
ter, in sehr primitiven Stadien gebliebener Bevölkerungen bilden, in
bestimmten australischen Stämmen zum Beispiel, die schwangeren
Frauen, mit jener merkwürdigen Gewandtheit, die gewisse primitive
Verhaltensweisen charakterisiert, fähig sind, abzutreiben, um sich vom
Objekt der Schwangerschaft, das derart vor seiner Ausreifung zur Welt
gebracht wird, zu nähren.
Um zusammenzufassen, die Mutter-Kind-Beziehung wird da als Aus­
gangspunkt einer Komplementarität des Begehrens dargestellt. Es gibt
eine direkte Koadaptation der Wünsche (désirs), die sich ineinanderfü-
gen, sich gegenseitig umgürten. Die Mißstimmigkeiten, die Klüfte sind
nie etwas anderes als Zufälle.
Diese Definition, Ausgangspunkt und Angelpunkt der Balintschen
Konzeption, steht in einem wesentlichen Punkt zur analytischen T ra­
dition in Widerspruch, im Punkte der Triebentwicklung. Tatsächlich
widersetzt sich die Definition der Mutter-Kind-Beziehung der Annah­
me eines ursprünglichen Stadiums, der sogenannten Autoerotik, das
indessen, zu einem großen Teil, die Texte von Freud annehmen, wenn
auch nicht ohne Nuancen — sehr wichtige Nuancen, welche die Sache
immer in einer gewissen Zweideutigkeit belassen.
In der, klassischen, W iener Konzeption der Libidoentwicklung gibt es
eine Etappe, wo das kindliche Subjekt nur sein Bedürfnis kennt, in dem
Sinne, daß es keine Beziehung zum Objekt hat, das es befriedigt. Es
kennt nur seine eigenen Empfindungen und reagiert auf der stimulus-
response-Ebene. Es gibt für es keine prädeterminierte primäre Bezie­
hung, es gibt nur die Empfindung seiner Lust oder seiner Unlust. Die
Welt ist Empfindungswelt. U nd diese Empfindungen lenken, leiten
und beherrschen seine Entwicklung. M an hat von seiner Beziehung zu
einem Objekt keine Rechenschaft abzulegen, denn ein Objekt existiert
für es noch nicht.
Das ist jene klassische These — die Bergler in seinem Aufsatz Earliest
stages vorführt, erschienen im InternationalJournal von 1937, Seite 416—
die das Wiener Milieu so besonders undurchlässig für das machte, was
im englischen Milieu aufzutauchen begann. Sie würdigte das, was sich
später in der Kleinschen Theorie entwickelt hat, das heißt die Vorstel­
lung früher traumatischer Elemente, die an den Begriff vom guten und
bösen Objekt, von primitiven Projektionen und Introjektionen gebun­
den sind.
267
Welche Konsequenzen hat die Balintsche Konzeption der Objektbe­
ziehung? Steilen wir zunächst fest — es ist klar, daß Balint und die, die
ihm folgen, in Richtung auf eine W ahrheit gehen. Wer, der einen Säug­
ling von fünfzehn bis zwanzig Tagen beobachtet hat, kann ernsthaft
abstreiten, daß er ein Interesse an ausgewählten Objekten hat? Die tra­
ditionelle Vorstellung also, daß die Autoerotik das ursprüngliche
Schicksal der Libido sei, m uß interpretiert werden. Sie hat gewiß ihren
Wert, doch wenn wir sie auf der behavioristischen Ebene der Bezie­
hung des Lebendigen zu seiner Umwelt * situieren, ist sie falsch, da die
Beobachtung uns zeigt, daß es sehr wohl Objektbeziehungen gibt. Der­
artige theoretische Entwicklungen, die sich an die Theorie der Analyse
anschließen, stellen, in bezug au f den grundlegenden Gedanken des
Libidokonzepts, eine Abweichung dar. Im Augenblick folgt ihr ein be­
trächtlicher, der größere Teil der analytischen Bewegung.
Balint definiert also die Objektbeziehung durch die Befriedigung eines
Bedürfnisses, dem das Objekt auf eine geschlossene, vollkommene Wei­
se, in der Form der prim ären Liebe korrespondiert, deren erstes Modell
in der Mutter-Kind-Beziehung gegeben ist. Ich hätte Sie in das Denken
von Balint auf einem anderen Weg einführen können. Aber durch wel­
chen Eingang Sie auch an dieses Denken herangehen, Sie werden im­
mer dieselben Sackgassen und dieselben Probleme wiederfinden, denn
es ist ein kohärentes Denken. W enn man von einer solchen Objektbe­
ziehung ausgeht, gibt es kein M ittel, sie zu verlassen. Die libidinose Be­
ziehung, wie auch immer ihre Fortschritte, ihre Etappen, ihre Über­
gänge, ihre Stadien, ihre Phasen, ihre M etamorphosen aussehen, wird
immer auf dieselbe Weise definiert werden.

Einmal eine derartige Definition des Objektes gesetzt, in welcher Weise


Sie auch immer die Verfassungen des Begehrens, vom oralen zum
analen und weiterhin zum genitalen übergehend, variieren, ist es uner­
läßlich, daß es ein Objekt gibt, um es zu befriedigen und zu sättigen.
Auch die genitale Beziehung wird in dem, was sie an Vollständigem
hat, in ihrer Erfüllung auf der Triebebene, in derselben Weise theoreti-
siert wie die Mutter-Kind-Beziehung. In der vollständigen genitalen
Befriedigung, ich sage nicht, sorgt sich die Befriedigung des einen um
die Befriedigung des anderen, sondern sättigt sich an dieser Befriedi-
268
gung. U nd es versteht sich von selbst, daß der andere in dieser wesentli­
chen Beziehung befriedigt ist. Das ist die Achse der Balintschen Kon­
zeption der genital love. Es ist dieselbe wie die der primary love.
Balint kann die Verhältnisse nicht anders denken, nachdem das O b­
jekt als ein Befriedigungsobjekt definiert ist. Da es klar ist, daß das viel
komplizierter wird in dem Augenblick, wo das menschliche Subjekt,
238 erwachsen, seine Fähigkeiten zu genitaler Verfügung wirklich auszu­
üben hat, ist er genötigt, da einen Zusatz anzufugen. Aber das ist nie
mehr als nur ein Zusatz, das heißt man versteht nicht, woher die In­
itiative des Subjekts, seine W ahrnehmung der Existenz oder, wie er
sagt, der Realität des Partners hat auftauchen können.
Was den Unterschied zwischen Act genital love und der primary love aus­
macht, das ist der Zugang zur Realität des andern als Subjekt. Das
Subjekt trägt der Existenz des andern Subjekts als solchen Rechnung.
Es kümmert sich nicht nur um den Genuß seines Partners, sondern um
eine Reihe anderer Forderungen, die rundum existieren. All das ver­
steht sich nicht von selbst. Für Balint gehört das zum Gegebenen. Das
ist so, weil ein Erwachsenereben sehr viel komplizierter ist alsein Kind.
Grundsätzlich ist die O rdnung der Befriedigung dieselbe. Es gibt eine
abgeschlossene Befriedigung, zu zweit, deren Ideal ist, daß jeder im an­
dern das Objekt findet, welches sein Begehren befriedigt.
Aber diese Fähigkeiten zur Einschätzung der Bedürfnisse und Forde­
rungen des andern, die im genitalen Stadium erworben werden, wo sie
herholen? Was kann in das geschlossene System der Objektbeziehung
die Anerkennung des andern einführen? Nichts kann sie darin einfüh-
ren, und das ist das Erstaunliche.
Sie müssen aber doch irgendwoher kommen, diese Elemente, die er die
Zärtlichkeit, die Idealisierung nennt und die die Trugbilder der Liebe
sind, die den genitalen Akt umhüllen — die Karte des Zarten9. Balint
kann diese Dimension nicht verleugnen, da die klinische Beobachtung
sie belegt. Nun, sagt e r— und an dieser Stelle reißt, von oben bis unten,
seine ganze Theorie — der Ursprung von all dem ist prägenital.
Das ist enorm. Das bedeutet, daß er gezwungen ist, eine dem genitalen
Stadium entspringende Dimension, welche diese überaus komplexe
Beziehung zum andern enthält, vermöge deren die Kopulation Liebe
wird, auf die primary love zu gründen. Aber, er hat bisher seine Zeit da­
mit verbracht, die primary love als eine in sich geschlossene Objektbezie­
hung, ohne Intersubjektivität, zu definieren. Nun, beim Genitalen an­
gelangt, will er aus dieser selben primary love das aufsteigen lassen, wor-
269
aus sich die intersubjektive Beziehung zusammensetzt. Das ist er, der
Widerspruch in seiner Lehre.
Bahnt faßt das Prägenitale als durch eine, sagen wir animalische, Ob­
jektbeziehung gebildet auf, in der das Subjekt nicht selfish, nicht Sub­
jekt ist. Der Term wird nicht verwendet, doch diejenigen Formulierun­
gen, die er verwendet, zeigen recht gut, worum es sich handelt. Im Prä­
genitalen gibt es absolut kein seifaußer dem, das lebt. Das Objekt ist da,
um seine Bedürfnisse zu stillen. Kom m t m an auf der Ebene der genita­
len Beziehung an, kann man die solcherart definierte Objektbeziehung
nicht verlassen, gibt es kein M ittel, sie voranzubringen, denn wie sich
das Begehren auch wandelt, das Objekt bleibt ihm immer komplemen­
tär. Bahnt ist indessen zu sagen genötigt — ohne die Kluft, die daraus
entsteht, schließen zu können — daß die Intersubjektivität, das heißt
die Erfahrung der selfishness des andern, aus diesem prägenitalen Sta­
dium herkommt, aus dem er sie zuvor ausgeschlossen hat. Das ist wahr.
Es ist das eine vollkommen deutliche Tatsache, die m an in der analyti­
schen Erfahrung sich verraten sieht. Aber das widerspricht der gesam­
ten Theorie der primary love. U nd hier, auf der Ebene der theoretischen
Aussage selbst, sieht man, in welche Sackgasse m an gerät, wenn man
die Objektbeziehung unter die O rdnung der Befriedigung befaßt.

D r. L ang: — M ir scheint, daß es noch einen anderen Widerspruch gibt, der sich
auch in der Darstellung, die Sie gegeben haben, sehen läßt. In der geschlossenen
Welt der primary love gibt es in der Tat eine vollkommene Vermengung von Be­
dürfnis und Begehren. Und Sie selbst haben übrigens mal den einen, mal den andern
Term verwendet. Vielleicht indem man seine Aufmerksamkeit auf diesen Punkt
lenkt, kann man sehen, wo der Spalt liegt.

Baiint verwendet abwechselnd die beiden. Die Grundlage seines Den­


kens ist need, das Bedürfnis, und zufällig, in Mangelfallen, äußert der
need sich als wish. Und genau darum handelt es sich — ist der menschli­
che wish einfach ein dem need auferlegter Mangel? Entspringt das Be­
gehren nur aus der Frustration? Die Analytiker haben sich auf diesen
Weg sehr weit eingelassen, und au f eine sehr viel weniger kohärente
Weise als Bahnt, so weit, aus der Frustration den Angelpunkt der ana­
lytischen Theorie zu machen — die prim äre, die sekundäre, die primi­
tive Frustration, die komplizierte usw. M an m uß sich von dieser Faszi­
nation lösen, um wieder auf die Füße zu fallen. Das ist es, was ich jetzt
versuchen will, Ihnen in Erinnerung zu rufen.
270
3

Wenn die Analyse eine positive Entdeckung über die Libidoentwick­


lung gemacht hat, dann wohl die, daß das Kind ein Perverser ist und
sogar ein polymorph Perverser.
Vor der Phase der genitalen Normalisierung, deren erster Entwurf sich
um den Ödipuskomplex dreht, ist das Kind einer ganzen Reihe von
Phasen ausgesetzt, die man mit dem Term Partialtriebe konnotiert.
Das sind seine ersten libidinösen Beziehungen zur Welt. Die Analyse ist
heutzutage im Begriff, auf diesen Entwurf den Begriff der Objektbezie­
hung zu applizieren, der — da ist die Bemerkung von Lang außer­
ordentlich fruchtbar — in dem der Frustration einbegriffen ist.
Was ist jene primäre Perversion? M an m uß sich daran halten, daß die
analytische Erfahrung von einer gewissen Anzahl klinischer Äußerun­
gen ausgegangen ist, darunter der der Perversionen. Wenn man ins
Prägenitale die Perversionen einfuhrt, m uß man sich daran erinnern,
daß sie da sind, wo man sie in klarer und abgelöster Form sieht.
Läßt sich der Balintsche Begriff der Objektbeziehung in der Phänome­
nologie der Perversion, in die die prägenitale Phase impliziert ist, und
in der Phänomenologie der Liebe anwenden?
Es ist genau umgekehrt. Es gibt nicht eine einzige Form perverser
Äußerungen, deren Struktur sich nicht, in jedem Augenblick ihrer
Erfahrung, auf die intersubjektive Beziehung stützen würde.
240 Lassen wir die voyeuristischen und exhibitionistischen Beziehungen
beiseite — es ist zu einfach, das daran zu belegen. Nehmen wir als Bei­
spiel die sadistische Beziehung, gleichgültig ob als imaginäre Form
oder als paradoxe klinische Form.
Eines ist sicher— die sadistische Beziehung erhält sich nur insofern, als
der andere genau an der Grenze ist, wo er noch ein Subjekt ist. Wenn es
nur noch ein Fleisch ist, das reagiert, eine molluskenhafte Form, deren
Ränder man kitzelt und die zuckt, ist es keine sadistische Beziehung
mehr. Da hält das sadistische Subjekt inne, und begegnet mit einem
Schlag der Leere, der Kluft, der Höhlung. Die sadistische Beziehung
impliziert in der Tat, daß die Zustimmung des Partners feststeht— sei­
ne Freiheit, seine Einwilligung, seine Erniedrigung. Der Beweis dafür
ist manifest in den Formen, die man die gnädigen nennen kann. Ist es
nicht so, daß die Mehrzahl der sadistischen Äußerungen, weit entfernt,
sich bis zum Äußersten zu treiben, eher an der Pforte zur Exekution
bleiben? — mit der Erwartung, der Angst des anderen, dem Druck, der
271
Drohung spielend und die mehr oder weniger geheimen Formen der
Teilnahme des Partners beobachtend.
Sie wissen, wie sehr der größte Teil der klinischen Summe, als Perver·
sionen bekannt, auf der Ebene einer bloß spielerischen Ausführung
bleibt. W ir haben hier nicht mit Subjekten zu tun, die einem Bedürfnis
unterworfen sind. Im Trugbild des Spiels identifiziert sich ein jeder mit
dem anderen. Die Intersubjektivität ist die wesentliche Dimension.
Ich kann mich hier nur auf einen Autor beziehen, der dieses Spiel in der
meisterlichsten Weise beschrieben hat — ich spiele dam it auf Jean-
Paul Sartre und die Phänomenologie der Auffassung des andern im
zweiten Teil von Das Sein und das Nichts an. Es ist das ein Werk, das man,
vom philosophischen Standpunkt, manchem kritischen Einwand un­
terwerfen kann, doch das, in dieser Beschreibung, und sei’s auch nur
durch ihr Geschick und ihr Brio, mit Sicherheit eine ganz besondere
Überzeugungskraft erreicht.
Der Autor läßt seine ganze Darstellung um das grundlegende Problem
kreisen, das er den Blick nennt. Das menschliche Objekt unterscheidet
sich ursprünglich, ab initio, im Feld meiner Erfahrung, es ist keinem an­
deren wahrnehmbaren Objekt vergleichbar, und zwar, weil es ein Ob­
jekt ist, das mich anblickt. Sartre legt außerordentlich feine Akzente
darauf. Der Blick, um den es geht, ist durchaus nicht mit dem Umstand
zu verwechseln, zum Beispiel, daß ich seine Augen sehe. Ich kann mich
von jemandem angeblickt fühlen, von dem ich nicht einmal die Augen
und nicht einmal die Erscheinung sehe. Es genügt, daß etwas mir an­
zeigt, daß der andere da sein kann. Dieses Fenster, wenn es ein wenig
dunkel ist und wenn ich Gründe habe anzunehm en, daß jemand da­
hinter ist, ist immer schon ein Blick. Von dem Augenblick an, wo dieser
Blick existiert, bin ich schon etwas andres, und zwar dadurch, daß ich
selbst mich zu einem Objekt für den Blick des andern werden fühle.
Doch in dieser Position, die reziprok ist, weiß auch der andre, daß ich
ein Objekt bin, das sich gesehen weiß.
Die ganze Phänomenologie der Schmach, der Scham, des Ansehens,
der Furcht, wie sie als besondere durch den Blick erzeugt wird, ist da
bewundernswert beschrieben und ich empfehle Ihnen, sich mit diesem
Werk von Sartre zu befassen. Das ist eine für einen Analytiker wesentli­
che Lektüre, insbesondere an dem Punkt, wo die Analyse angekommen
ist, die Intersubjektivität bis in die perverse Erfahrung hinein zu ver­
gessen, die indessen im Innern einer O rdnung gewirkt ist, in der Sie die
Ebene des Imaginären anerkennen müssen.
272
In den Äußerungen, die man pervers nennt, beobachten wir in der T at
Nüancen, die weit entfernt sind, sich mit dem zu vermengen, was ich
Sie auf den Angelpunkt der symbolischen Beziehung zu setzen lehre,
das heißt mit der Anerkennung. Das sind außerordentlich zweideutige
Formen— nicht umsonst habe ich Ihnen von der Schmach geredet. Bei
der feineren Analyse des Ansehens würden wir auch auf lächerliche
Formen stoßen, auf den Stil zum Beispiel, den es bei den Kindern an­
nimmt, wo es eine Form der Erregung ist, usw.
Ein Freund erzählte m ir eine Anekdote über jenen joke, der den
Stierkämpfen vorangeht, an denen man, in Spanien, die Tölpel be­
teiligt. Er hat mir eine außerordentlich schöne Szene von kollekti­
vem Sadismus beschrieben. Sie werden sehen, wie weit die Ambiguität
reicht.
Man hatte also einen von diesen Halb-Idioten vorbeimarschieren las­
sen, den man unter diesen Umständen in den schönsten Matadoren-
Schmuck gekleidet hatte. Er marschierte durch die Arena, bevor die
Tierchen reinkamen, die an diesen Spielen teilnehmen. Sie sind, wie
Sie wissen, nicht ganz harmlos. Und die Menge fangt an zu schreien -
Aber der da, da Schöne! Diese Gestalt, mit ihrer Halb-Idiotie ganz in der
Tradition der großen Hofspiele des alten Spanien, bekommt eine pani­
sche Angst und beginnt, sich für unzuständig zu erklären. Die Kamera­
den sagen— Geh ’schon. Du siehst doch, alle wollen Dich haben. Alle nehmen
an dem Spiel teil. Die Panik der Person wird größer. Er weigert sich, er
will sich entziehen. M an stößt ihn vor die Schranken und, endlich,
stellt das Schaukeln sich ein. M it einem Schlag löst er sich von denen,
die ihn stoßen, ab und, getragen von der wachsenden Insistenz der Zu­
rufe des Volkes, verwandelt er sich in eine Art von heroischem Buffo.
Eingefangen in die Struktur der Situation, geht er mit allen Charakte­
ristika der Opferhaltung auf das Tier zu, aber doch so, daß es trotzdem
auf der Ebene der Buffonerie bleibt. Er läßt sich sofort auf den Boden
werfen. Und man trägt ihn weg.
Diese sensationelle Szene scheint mir vollkommen die zweideutige Zo­
ne, in der die Intersubjektivität wesentlich ist, zu veranschaulichen. Sie
könnten sagen, das symbolische Element — der Druck der Zurufe —
spiele da eine wesentliche Rolle, aber es ist durch den Charakter des
Massenphänomens, den es bei dieser Gelegenheit annimmt, quasi an­
nulliert. Die Gesamtheit des Phänomens wird derart auf jenes Niveau
von Intersubjektivität gebracht, das wir, provisorisch, als das perverser
Äußerungen bezeichnen.
273
Man kann weiter gehen. U nd Sartre geht weiter, indem er von der Phä­
nomenologie der Liebesbeziehung eine Strukturierung gibt, die mir
unwiderlegbar scheint. Ich kann sie Ihnen nicht vollständig wiederge- «j
ben, denn es wäre nötig, sämtliche Phasen der Dialektik des Für-sich
und des An-sich zu durchlaufen. Sie müssen sich ein wenig Mühe ge­
ben und sich selbst m it dem Werk befassen.
Sartre bemerkt sehr zu Recht, daß das, was wir im Erlebnis der Liebe
von dem Objekt, von dem wir geliebt zu werden begehren, fordern, kei­
ne vollkommen freie Verbindlichkeit ist. Der Ausgangsvertrag, das Du
bist meine Frau oder Du bist mein Mann, auf den ich oft anspiele, wenn ich
Ihnen von der symbolischen O rdnung rede, hat in seiner corneilleschen
Abstraktion wahrhaft nichts, was unsre fundamentalen Forderungen
sättigen könnte. In einer Art körperlichen Festklebung der Freiheit
drückt sich die N atur des Begehrens aus. W ir wollen für den andern ein
Objekt werden, das für ihn denselben Grenzwert hat wie, in bezug auf
seine Freiheit, sein eigener Körper. W ir wollen für den andern nicht
nur das, worin sich seine Freiheit entfremdet, werden — ohne jeden
Zweifel m uß die Freiheit im Spiel sein, denn die Verbindlichkeit ist ein
wesentliches Element unsrer Existenz als geliebtes W esen— sondern es
ist ebenso nötig, daß es sehr viel mehr sei als freie Verbindlichkeit. Es ist
nötig, daß eine Freiheit akzeptiere, au f sich selbst zu verzichten, um
fortan auf all das Launische, Unvollkommene, will heißen Niedrige
begrenzt zu ein, das die Bahnen haben können, auf die die Verhaftung
durch jenes Objekt, das wir selber sind, sie zieht.
So, durch unsre Kontingenz, durch unsre besondre Existenz in dem,
was sie für uns selbst, für unsre eigene Freiheit an Fleischlichstem, an
Begrenzendstem hat, die gebilligte Grenze, die Form der Aufkündi­
gung der Freiheit des andern zu werden, das ist die Forderung, welche
phänomenologisch die Liebe in ihrer konkreten Form situiert — die
genital love, wie unser guter Freund Bahnt eben sagte. Das ist es, was sie
in jener, zweideutigen, Zwischenzone zwischen dem Symbolischen
und dem Imaginären einsetzt.
Wenn die Liebe in jener imaginären Intersubjektivität, auf die ich Ihre
Aufmerksamkeit zu konzentrieren wünsche, ganz befangen und festge­
klebt ist, so fordert sie in ihrer vollständigen Form die Teilnahme an
der symbolischen Ordnung, den Tausch Freiheit-Vertrag, der sich im
gegebenen Sprechen verkörpert. Es schichtet sich da stufenförmig eine
Zone auf, an der Sie, wie wir in unsrer oft ungenauen Sprache sagen,
die Identifikationsebenen unterscheiden können und eine ganze Skala
274
von Nuancen, einen ganzen Fächer von Formen, die zwischen dem
Imaginären und dem Symbolischen spielen.
Sie sehen daran zugleich, daß wir, in der Umkehrung der Perspektive
von Balint, und das ist unserer Erfahrung sehr viel angemessener, von
einer radikalen Intersubjektivität ausgehen müssen, von der vollständi­
gen Annahme des Subjekts durch das andere Subjekt. Nachträglich *
von der erwachsenen Erfahrung her, müssen wir die unterstellten ur­
sprünglichen Erfahrungen angehen und dabei die Abstufungen
schichtweise sondern, ohne je das Gebiet der Intersubjektivität zu ver­
lassen. Solange wir in der analytischen Ordnung bleiben, müssen wir
die Intersubjektivität am Ursprung annehmen.
Es gibt keinen möglichen Übergang zwischen diesen beiden Ordnun-
243 gen, der des tierischen Begehrens, wo der Bezugspunkt Objekt ist, und
der der Anerkennung des Begehrens. Die Intersubjektivität muß, da sie
am Ende steht, am Anfang stehen. U nd wenn die analytische Theorie
dieses Symptom oder jene Verhaltensweise des Kindes als polymorph
pervers qualifiziert hat, so insoweit, als die Perversion die Dimension
der imaginären Intersubjektivität impliziert. Ich habe eben versucht,
sie Ihnen an jenem doppelten Blick begreiflich zu machen, vermöge
dessen ich sehe, daß der andre mich sieht und daß ein hinzutretender
Dritter mich gesehen sieht. Es gibt nie eine einfache Termenduplizität.
Es ist nicht nur so, daß ich den andern sehe, ich sehe ihn mich sehen,
was den dritten Term impliziert, das heißt, daß er weiß, daß ich ihn
sehe. Der Kreis ist geschlossen. Es gibt jeweils drei Terme in der
Struktur, auch wenn diese drei Terme nicht ausdrücklich gegenwärtig
sind.
Wir kennen beim Erwachsenen den empfindlichen Reichtum der Per­
version. Die Perversion ist, alles in allem, die privilegierte Exploration
einer existentiellen Möglichkeit der menschlichen N atu r— ihre innere
Zerreißung, ihre Kluft, durch die die über-natürliche Welt des Symbo­
lischen hat eintreten können. Doch wenn das Kind ein polymorph Per­
verser ist, heißt das, daß man auf es den qualitativen Wert der Perver­
sion, wie sie beim Erwachsenen erlebt wird, projizieren muß? Müssen
wir beim Kind eine Intersubjektivität desselben Typs suchen, den wir
als konstitutiv für die Perversion beim Erwachsenen erkennen?
Also nein. W orauf stützen sich die Balints, um uns von jener primären
Liebe zu reden, die der selfishness des andern keinerlei Rechnung tragen
soll? Auf Worte wie diejenigen, die ein Kind, das seine M utter wirklich
liebt, ihr ganz kalt sagen kann — Wenn du tot bist, Mama, nehm ’ ich deinen
275
HuL O der — Wenn Großvater tot ist, usw. Worte, die beim Erwachsenen
eine Lobrede auf das Kind Hervorrufen, denn das erscheint ihnen dann
als ein kaum begreifliches, göttliches Wesen, dessen Gefühle sich ihm
entziehen. Wenn man auf derart paradoxe Phänomene stößt, wenn
man nicht mehr versteht und die Frage des Transzendenten zu lösen
hat, denkt man vor einem Gott oder einem Tier zu stehen. Die Kinder,
man hält sie viel zu sehr für Götter, als daß m an’s eingestehen würde, so
sagt man, daß man sie für Tiere hält. U nd das ist es, was Balint tut,
wenn er denkt, das Kind erkenne den andern nicht an, es sei denn in
bezug auf sein eigenes Bedürfnis. Totaler Irrtum .
Dies einfache Beispiel des Wenn du tot bist zeigt uns an, worin sich die
fundamentale Intersubjektivität beim K ind tatsächlich äußert — sie
äußert sich in der Tatsache, daß es sich der Sprache bedienen kann.
Granoffhat recht gehabt, als er vor kurzem sagte, daß man bei Balint
den Platz dessen ahnt, was ich nach Freud in jenen ersten Kinderspie­
len unterstreiche, die darin bestehen, die Gegenwart in der Abwesen­
heit hervorzurufen, ich sage nicht: einen Appell an sie zu richten, und
das Objekt der Gegenwart zurückzuweisen. Doch Balint verkennt, daß
das ein Phänomen der Sprache ist. E r sieht nur eines, nämlich daß das
Kind dem Objekt nicht Rechnung trägt. Dabei ist das Wichtige dies,
daß dieses kleine menschliche Tier fähig ist, sich der symbolischen
Funktion zu bedienen, dank deren wir, wie ich’s Ihnen erklärt habe, »<
Elephanten hier können eintreten lassen, wie eng die T ü r auch sei.
Die Intersubjektivität ist zunächst durch den Gebrauch des Symbols
gegeben und das von Anfang an. Alles geht aus von der Möglichkeit zu
benennen, die zugleich Zerstörung der Sache und Übergang von der
Sache auf die symbolische Ebene ist, vermöge dessen die im eigentli­
chen Sinne menschliche O rdnung sich installiert. Von daher ergibt
sich, auf immer komplizierter werdende Weise, die Verkörperung des
Symbolischen im imaginär Erlebten. Das Symbolische wird sämtliche
Krümmungen modellieren, denen, im Erlebten des Erwachsenen, die
imaginäre Bindung, die originäre V erhaftung folgen kann.
Vernachlässigt man die intersubjektive Dimension, so verfallt man in
die Ordnung jener Objektbeziehung, aus der es keinen Ausweg gibt
und die uns in theoretische sowie technische Sackgassen führt.
H ab’ ich heute morgen gut genug einen Kreis geschlossen, um Sie nun
so zu verlassen? Das bedeutet nicht, daß es keine Fortsetzung gibt.
Für das Kind gibt es zunächst das Symbolische und das Reale, im Ge­
gensatz zu dem, was man glaubt. Alles, was wir in der imaginären Ord*
276
nung sich zusammensetzen, sich anreichern und diversifizieren sehen,
geht von diesen beiden Polen aus. Wenn Sie glauben, das Kind sei dem
Imaginären verhafteter als dem Rest, dann haben Sie in gewissem
Sinne recht. Das Imaginäre ist da. Aber es ist uns absolut unzugänglich.
Es ist uns zugänglich nur von seinen Realisierungen beim Erwachse­
nen aus.
Die vergangene, erlebte, Geschichte des Subjekts, die wir in unsrer Pra­
xis zu erreichen suchen, ist nicht das, was der, den Sie gestern abend ge­
hört haben, als die Nickerchen, die Schwindeleien des Subjekts wäh­
rend der Analyse darstellte. W ir können sie erreichen — und das ist es,
was wir tun, ob wir es wissen oder nicht — nur durch die kindliche
Sprache beim Erwachsenen. Ich werde es Ihnen beim nächsten Mal
beweisen.
Ferenczi hat meisterlich die Bedeutung dieser Frage gesehen — was in
einer Analyse bewegt das Kind im Innern des Erwachsenen zur Teil­
nahme? Die Antwort ist vollkommen klar — das, was auf irruptive
Weise verbalisiert wird.

2 .J unj 1954

277
X V III
D IE S Y M B O L IS C H E O R D N U N G

Das perverse Begehren


Der Herr und der Knecht
Numerische Strukturierung des intersubjektiven Feldes
Die Holophrase
Das Sprechen in der Übertragung
Angelus Silesius

Ich habe Sie beim letzten Mal über der Zweierbeziehung in der prima«
ren Liebe verlassen. Sie haben sehen können, daß Balint dahin kommt,
nach diesem Modell die analytische Beziehung selbst aufzufassen —
was er, allen Ernstes, die two bodies’-psychology nennt. Ich hoffe. Sie ha­
ben verstanden, in welchen Sackgassen man endet, wenn man einen
zentralen Begriff aus der als hamonisch unterstellten und das natürli­
che Begehren stillenden imaginären Beziehung m ach t
Ich habe Ihnen das in der Phänomenologie der perversen Beziehung zu
demonstrieren versucht. Ich habe den Akzent au f den Sadismus und
die Skoptophilie gelegt, dabei die homosexuelle Beziehung beiseite ge­
lassen, die eine unendlich nuancierte U ntersuchung der imaginären
Intersubjektivität, ihrer Unsicherheit, ihres instabilen Gleichgewichts,
ihres kritischen Charakters fordern würde. Ich habe also die Untersu­
chung der imaginären intersubjektiven Beziehung um das Phänomen,
im eigentlichen Sinne, des Blicks kreisen lassen.
Der Blick situiert sich nicht einfach auf dem Niveau der Augen. Die
Augen können sehr wohl nicht erscheinen, maskiert sein. Der Blick ist
nicht gezwungenermaßen das Gesicht von Unseresgleichen, sondern
genausogut das Fenster, hinter dem wir einen Späher vermuten. Er ist
ein X, das Objekt, vor dem das Subjekt Objekt wird.
Ich habe Sie in die Erfahrung des Sadismus eingeführt, die ich ausge­
wählt habe, um Ihnen diese Dimension vorzuführen. Ich habe Ihnen
gezeigt, daß ich in dem Blick des Wesens, das ich quäle, in jedem
Augenblick mein Begehren durch eine Herausforderung, ein challenge
aufrechterhalten muß. Wenn es nicht über die Situation erhaben,
wenn es nicht glorreich ist, stürzt das Begehren in Schmach. Genauso
278
wahr ist das fürdieskoptophile Beziehung. Nach der Analyse von Jean-
Paul Sartre ändert sich für den, den man beim Blicken überrascht, die
ganze Farbe der Situation in einem Drehmoment und ich werde eine
bloße Sache, ein Irrer.

246 1

Was ist die Perversion? Sie ist keine einfache Abirrung im Verhältnis
zu gesellschaftlichen Kriterien, keine Anomalie, die gegen die guten
Sitten verstößt, auch wenn diese Kategorie nicht abwesend ist, oder
Atypie im Verhältnis zu natürlichen Kriterien, das heißt, daß sie mehr
oder weniger gegen die Reproduktionsbestimmtheit der sexuellen Ver­
bindung verstoße. Sie ist, ihrer Struktur nach, etwas andres.
Nicht umsonst hat man von einer bestimmten Anzahl perverser Nei­
gungen gesagt, daß sie einem Begehren entspringen, das nicht seinen
Namen zu nennen wagt. Die Perversion situiert sich in der T at an der
Grenze zur O rdnung der Anerkennung und das ist es, was sie fixiert, sie
als solche stigmatisiert. Strukturell kann sich die Perversion, wie ich sie
Ihnen auf der imaginären Ebene skizziert habe, nur in einer prekären
Stellung aufrechterhalten, die für das Subjekt, in jedem Augenblick,
aus dem Innern, in Abrede gestellt wird. Sie ist jederzeit zerbrechlich,
einer Umkehrung, einer Subversion preisgegeben, die an jenen Zei­
chenwechsel denken läßt, den man bei bestimmten mathematischen
Funktionen vornimmt — in dem Augenblick, wo man von dem Wert
einer Variablen zu einem unm ittelbar folgenden Wert übergeht, geht
das Korrelat von plus zu minus Unendlich über.
Diese fundamentale Unsicherheit der perversen Beziehung, die in kei­
ner befriedigenden H andlung einen Stillstand findet, stellt eine Seite
des Dramas der Homosexualität dar. Doch diese Struktur ist es zu­
gleich, die der Perversion ihren Charakter gibt.
Die Perversion ist eine Erfahrung, die das, was man in vollem Wortsinn
die menschliche Leidenschaft, um den spinozistischen Term zu ge­
brauchen, nennen kann, das heißt das zu vertiefen erlaubt, worin der
Mensch jener Teilung in sich selber offen steht, die das Imaginäre, das
heißt, zwischen O und O ', die spekulare Beziehung strukturiert. Sie ist
in der T at insofern vertiefend, als in dieser Kluft des menschlichen
Begehrens sämtliche Nuancen erscheinen, und sich von der Schmach
bis zum Ansehen, von der BufTonnerie bis zum Heroismus stufen-
279
weise schichten, durch die das menschliche Begehren dem Begehren
des anderen vollkommen, und im tiefsten Sinn des Terms, exponiert
ist.
Erinnern Sie sich an die großartige Analyse der Homosexualität, die
sich bei Proust im Mythos von Albertine entwickelt. Unerheblich, daß
diese Gestalt weiblich ist — die Struktur der Beziehung ist in hervorra­
gendem Maße homosexuell. Die Forderung dieses Stils von Begierde
kann sich einzig durch eine unerschöpfliche Verhaftung des Begehrens
des andern befriedigen, der bis in seine Träum e hinein von den Träu­
men des Subjekts verfolgt wird, was in jedem Augenblick eine vollkom­
mene Abdankung des eigenen Begehrens des andern impliziert. Unab­
lässiges Schaukeln des Köderspiegels, der, in jedem Augenblick, eine
vollständige Drehung um sich selbst m acht — das Subjekt erschöpft
sich in der Verfolgung des Begehrens des andern, den es nie als sein
eigenes Begehren erfassen kann, weil sein eigenes Begehren das Begeh­
ren des andern ist. Es selbst ist der, den es verfolgt. Darin beruht das 2«
Drama jener eifersüchtigen Leidenschaft, die auch eine Form der ima­
ginären intersubjektiven Beziehung ist.
Die intersubjektive Beziehung, die das perverse Begehren unterspannt,
unterhält sich allein auf Grund der Vernichtung, entweder des Begeh­
rens des andern, oder aber des Begehrens des Subjekts. Sie ist greifbar
allein im Grenzfall, in jenen Umkehrungen, deren Sinn sich blitzhaft
wahrnehmen läßt. Das heißt, d a ß — bedenken Sie wohl — beim einen
wie beim andern diese Beziehung das Sein des Subjekts auflöst. Das an­
dre Subjekt reduziert sich darauf, ein bloßes Instrum ent des ersten zu
sein, das folglich das einzige Subjekt als solches bleibt, aber selbst dieses
noch reduziert sich darauf, bloß ein dem Begehren des andern dargebo­
tenes Idol zu sein.
Das perverse Begehren stützt sich auf das Ideal eines unbelebten
Objekts. Aber es kann sich m it der Realisierung dieses Ideals nicht
zufriedengeben. Sobald es es realisiert, in genau dem Augenblick, wo
es es erreicht, verliert es sein Objekt. Seine Befriedigung ist derart
durch seine eigene Struktur verdammt, sich vor der Umarmung durch
das Verlöschen des Begehrens oder aber das Verschwinden des Objekts
zu realisieren.
Ich unterstreiche Verschwinden, denn Sie finden in Analysen wie diesen
den geheimen Schlüssel zu jener Aphanisis, von der Jones spricht, wenn
er das, was, jenseits des Kastrationskomplexes, an die Erfahrung gewis­
ser kindlicher Traum en rührt, zu fassen versucht. Aber wir verlieren
280
uns da in eine Art von Mysterium, denn wir finden darin die Ebene des
Imaginären nicht wieder.
Letzten Endes ist ein ganzer Teil der analytischen Erfahrung nichts
andres als dies — die Erforschung von Sackgassen der imaginären Er­
fahrung, ihrer Verlängerungen, die nicht unzählig sind, weil sie auf
derselben Struktur des Körpers beruhen, wie er als solcher eine kon­
krete Topographie definiert. In der Geschichte des Subjekts, oder eher
in seiner Entwicklung, erscheinen bestimmte fruchtbare, verzeitlichte
Momente, in denen sich die verschiedenen Frustrationsstile enthüllen.
Das sind die Höhlungen, die Spalten, die Klüfte, die in der Entwick­
lung erscheinen und die diese fruchtbaren Momente definieren.
Irgend etwas fallt immer aus, wenn man Ihnen von der Frustration
spricht. Aufgrund ich weiß nicht welcher naturalistischen Neigung der
Sprache versäumt der Beobachter, wenn er die Naturgeschichte von
Seinesgleichen schreibt. Sie darauf hinzuweisen, daß das Subjekt die
Frustration verspürt. Die Frustration ist kein Phänomen, das wir im
Subjekt unter der Form einer Ablenkung vom Akt, der es mit jenem
Objekt vereinigte, objektivieren könnten. Das ist keine animalische
Aversion. Wie vorreif es auch sei, das Subjekt selbst verspürt das böse
Objekt als eine Frustration. U nd gleichzeitig wird die Frustration im
andern verspürt.
Es gibt da eine reziproke Vernichtungsbeziehung, eine tödliche Bezie­
hung, die von diesen beiden Abgründen strukturiert ist — entweder
erlischt das Begehren, oder das Objekt verschwindet. Deshalb nehme
ich in vielfachen W endungen die Dialektik von H err und Knecht zum
Anhaltspunkt und erkläre sie noch einmal.

Die Beziehung von H err und Knecht ist ein Grenzbeispiel, denn, wohl­
gemerkt, die imaginäre Ordnung, in der sie sich entfaltet, erscheint nur
an der Grenze unsrer Erfahrung. Die analytische Erfahrung ist nicht
vollständig. Sie wird auf einer andern als der imaginären Ebene defi­
niert — auf der symbolischen Ebene.
Hegel legt Rechenschaft ab über das zwischenmenschliche Band. Er
hat nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der Geschichte zu entspre­
chen. Er kann keine seiner Seiten vernachlässigen. Es gibt nun eine die­
ser wesentlichen Seiten, die weder die Zusammenarbeit zwischen den
281
Menschen, noch der Vertrag, noch das Liebesband ist, sondern der
Kampf und die Arbeit. Und auf diesen Aspekt konzentriert ersieh, um
in einem Ursprungsmythos die fundam entale Beziehung zu strukturie­
ren, auf derjenigen Ebene, die er selbst als negativ, von Negativität ge­
prägt definiert.
Was die animalische Gesellschaft — dieser Term macht mir keine
Angst — von der menschfischen Gesellschaft unterscheidet, ist, daß
diese auf keinem objektivierbaren Band fundiert werden kann. Die
intersubjektive Dimension m uß als solche in sie eintreten. Es handelt
sich also, in der Beziehung zwischen H err und Knecht, nicht um die
Domestizierung des Menschen durch den Menschen. Das kann nicht
genügen. Nun, was begründet diese Beziehung? Nicht dies, daß der,
der sich geschlagen gibt, um Gnade bittet und schreit, es ist dies, daß
der Herr sich auf diesen K am pf aus G ründen reinen Ansehens eingelas­
sen und sein Leben gewagt hat. Dieses Wagnis m acht seine Überlegen­
heit aus und in seinem Namen, nicht dem seiner Stärke, wird er vom
Sklaven als Herr anerkannt.
Diese Situation beginnt mit einer Sackgasse, denn seine Anerkennung
durch den Sklaven gilt dem Herrn nichts, da es bloß ein Sklave ist, der
ihn anerkennt, das heißt einer, den er nicht als einen Menschen aner­
kennt. Die Struktur des Anfangs dieser hegelschen Dialektik scheint
ohne Ausweg. Sie sehen daran, daß sie nicht ohne Verwandtschaft mit
der Sackgasse der imaginären Situation ist.
Indessen, diese Situation wird sich entwickeln. Ihr Ausgangspunkt ist
mythisch, weil imaginär. Doch ihre Verlängerungen führen uns auf die
symbolische Ebene. Diese Verlängerungen, Sie kennen sie— sie sind es,
die einen von Herr und Knecht reden lassen. In der T at organisiert sich
von der mythischen Situation her eine Aktion und ergibt sich die Bezie­
hung von Genuß und Arbeit. Ein Gesetz drängt sich dem Knecht auf,
das lautet, das Begehren und den Genuß des andern zu befriedigen. Es
genügt nicht, daß er Gnade erbittet, er m uß sich an die Maloche ma­
chen. Und wenn man sich an die M aloche m acht, gibt es Regeln, Ar­
beitszeit — wir betreten das Gebiet des Symbolischen.
Wenn Sie näher hinschauen, so steht dies Gebiet des Symbolischen
nicht in einem einfachen Folgeverhältnis zum imaginären Gebiet, des­
sen Eckstein die tödliche intersubjektive Beziehung ist. Wir gehen vom
einen zum andern nicht mit einem Sprung über, der vom Früheren
zum Späteren führte, zur Folge von Vertrag und Symbol. Tatsächlich
»st der Mythos selbst nicht anders zu begreifen denn als schon von der
282
Ordnung des Symbolischen zerniert, aus dem Grund, den ich eben
unterstrichen habe — die Situation kann nicht in ich weiß nicht wel­
cher biologischen Panik beim Nahen des Todes begründet sein. Der
Tod, nicht wahr, wird nie als solcher erfahren, er ist niemals real. Der
Mensch hat nie eine andere als imaginäre Angst. Doch das ist nicht
alles. Im Hegelschen Mythos ist der Tod nicht einmal als Furcht, er ist
als Wagnis strukturiert und, um alles zu sagen, als Spieleinsatz. Wes­
halb es, von Anfang an, zwischen Herrn und Knecht, eine Spielregel
gibt.
Ich will das heute dahingestellt sein lassen. Ich sage es nur für diejeni­
gen, die am offensten sind— die intersubjektive Beziehung, die sich im
Imaginären entwickelt, ist gleichzeitig, sofern sie eine menschliche
Handlung strukturiert, implizit in einer Spielregel impliziert.

Nehmen wir noch einmal, unter einem andern Gesichtspunkt, die Be­
ziehung zum Blick vor.
Es ist Krieg. Ich gehe auf einer Ebene vorwärts und ich vermute mich
unter einem Blick, der mich belauert. Wenn ich das vermute, so ist cs
nicht so sehr eine Äußerung meines Feindes, ein Angriff, was ich fürch­
te, denn sofort würde sich die Lage entspannen und ich wüßte, mit
wem ich es zu tun habe. Was mich am meisten beschäftigt, ist zu wis­
sen, was der andre von meinen eigenen Absichten sich für ein Bild
macht, entdeckt, denn ich m uß ihm meine Bewegungen verbergen. Es
geht um List.
Auf dieser Ebene hält sich die Dialektik des Blicks. Was zählt, ist nicht,
daß der andre sieht, wo ich bin, das ist, daß er sieht, wo ich hingeh’, das
heißt, ganz genau, daß er sieht, wo ich nicht bin. In der ganzen Analyse
der intersubjektiven Beziehung ist das Wesentliche nicht, was da ist,
was gesehen wird. Was sie strukturiert, ist das, was nicht da ist.
Die Spieltheorie, wie man sie nennt, ist eine grundlegende Untersu­
chungsform dieser Beziehung. Durch den bloßen Umstand, daß es eine
mathematische Theorie ist, sind wir schon auf der symbolischen Ebe­
ne. So einfach Sie auch das Feld einer Intersubjektivität definieren, sei­
ne Analyse setzt immer eine gewisse Anzahl numerischer Gegebenhei­
ten voraus, die als solche symbolisch sind.
Wenn Sie das Buch von Sartre lesen, auf das ich beim letzten Mal ange­
spielt habe, werden Sie sehen, daß es etwas äußerst Verwirrendes er­
scheinen läßt. Nachdem es so gut die Intersubjektivitäts-Beziehung
definiert hat, scheint es zu implizieren, daß, wenn es eine Vielheit in
283
dieser Welt imaginärer Wechselbeziehungen gibt, diese Vielheit nicht
abzählbar ist, sofern jedes Subjekt definitorisch das einzige Zentrum
der Bezüge ist. Das läßt sich halten, wenn man auf der phänomenologi­
schen Ebene der Analyse des An-sich und Für-sich bleibt. Aber es folgt
daraus, daß Sartre nicht bemerkt, daß das intersubjektive Feld unmög­
lich nicht in einer numerischen Strukturierung m ünden kann, in der
Drei, in der Vier, die unsere Anhaltspunkte in der analytischen Erfah­
rung sind.
Diese Symbolik, so primitiv sie auch sei, versetzt uns sogleich auf die
Ebene der Sprache, sofern außerhalb ihrer ein Numerieren nicht denk­
bar ist.

Noch eine kleine Parenthese. Ich las, vor nicht m ehr als drei Tagen, ein
altes Werk vom Anfang des Jahrhunderts, Histoiy of the New World of
America, Geschichte der Neuen Well, Amerika genannt. Es ging um den Ur­
sprung der Sprache, ein Problem, das die Aufmerksamkeit nicht weni­
ger Linguisten angezogen, will heißen ihre Ratlosigkeit provoziert
hat.
Jede Diskussion überden Ursprung der Sprache ist von einer heillosen
Albernheit, und sogar von einem gewissen Schwachsinn befleckt. Je­
desmal versucht man, die Sprache aus ich weiß nicht welchem Fort­
schreiten des Denkens herausspringen zu lassen. Das ist offenbar ein
Zirkel. Das Denken soll sich daran machen, in einer bestimmten
Situation das Detail zu isolieren, die Besonderheit herauszuschälen,
das kombinatorische Element. Das Denken soll von selbst das Sta­
dium des Umwegs, das die tierische Intelligenz prägt, überschreiten,
um zu dem des Symbols überzugehen. Aber wie, wenn es nicht zu­
erst das Symbol gibt, das die dem menschlichen Denken eigene Struk­
tur ist.
Denken, das ist den Elephanten das W ort Elephanten substituieren, und
der Sonne einen Kreis. Sie werden wohl zugeben, daß zwischen jener
Sache, die phänomenologisch die Sonne ist — Zentrum dessen, was die
Welt der Erscheinungen durchläuft, Einheit des Lichts — und einem
Kreis ein Abgrund liegt. U nd selbst wenn m an ihn überschritte, wel­
cher Fortschritt in der tierischen Intelligenz? Keiner. Denn die Sonne,
als das was durch einen Kreis bezeichnet ist, gilt nichts. Sie gilt erst in­
sofern etwas, als dieser Kreis zu anderen Formalisierungen in Bezie­
hung gesetzt wird, die zusammen m it ihm jenes symbolische Ganze
konstituieren, in dem sie ihren Platz einnim m t, im Zentrum der Welt
284
zum Beispiel, oder an der Peripherie, das ist gleichgültig. Das Symbol
gilt nur, wenn es sich in einer Welt von Symbolen organisiert.
Diejenigen, die über den Ursprung der Sprache spekulieren und versu­
chen, Übergänge zwischen der Einschätzung der Gesamtsituation und
der symbolischen Fragmentierung zu schaffen, waren immer betroffen
von dem, was man die Holophrasen nennt. Im Gebrauch bestimmter
Völker, und Sie brauchen nicht weit zu suchen, um ihren allgemeinen
Gebrauch zu Finden, gibt es Sätze, Ausdrücke, die nicht zerlegbar sind
und die sich auf eine in ihrer Gesamtheit erfaßte Situation beziehen —
das sind die Holophrasen. M an glaubt da einen Verbindungspunkt
zwischen dem Tier, das die Situationen durchläuft ohne sie zu struktu­
rieren, und dem Menschen zu fassen, der eine symbolische Welt be­
wohnt.

In dem Werk, das ich eben zitiert habe, hab’ ich gelesen, daß die Fid­
schi in einer bestimmten Anzahl von Situationen den folgenden Satz
sagen, der kein Satz ihrer Sprache und auf nichts reduzibel ist — Ma mi
25i la pa ni pa ta pa. Die Phonetisierung ist im Text nicht angegeben und ich
kann Ihnen das nur so sagen.
In welcher Situation wird die fragliche Holophrase gesprochen? Unser
Ethnograph schreibt es in aller Unschlud — Stale of evenis of two persons
looking at the other hoping that the other will offer to do something which both par­
ties desire but are unwilling to do. Das heißt — Situation zweier Personen, die
einander in der Hoffnung anschauen, daß der andere etwas zu tun anbieten wird,
was beide Teile wünschen, aber nicht zu tun bereit sind’
Wir Finden hier mit exemplarischer Genauigkeit einen Zustand des
Blickwechsels deFiniert, in dem jeder vom andern erwartet, daß er sich
für etwas entscheide, was beide tun müssen, was zwischen den beiden
liegt, aber wo keiner von beiden ein treten will. Und gleichzeitig sehen
Sie gut, daß die Holophrase nicht die Vermittlerin zwischen einer pri­
mitiven Aufnahme der Situation als ganzer, die zur Ordnung der tieri­
schen Aktion gehörte, und der Symbolisierung ist. Sie ist nicht ich weiß
nicht welche erste Einklebung der Situation in einen verbalen Modus.
Es handelt sich im Gegenteil um etwas, worin das, was der Ordnung
der symbolischen Komposition angehört, an der Grenze, an der Peri­
pherie definiert wird.
Ich überlasse Ihnen die M ühe, mir eine Reihe von Holophrasen liefern,
die bei uns geläufig sind. Hören Sie der Konversation Ihrer Zeitgenos­
sen zu, und Sie werden sehen, wie viele sie davon enthält. Sie werden
285
auch sehen, daß sich jede Holophrase an Grenzsituationen heftet, in
denen das Subjekt in einer spekularen Beziehung zum andern suspen­
diert ist.

Diese Analyse hatte zum Ziel, bei Ihnen die psychologische Perspektive
umzukehren, die die intersubjektive Beziehung au f eine inter-objektale
Beziehung, gegründet auf die komplementäre, natürliche Befriedi­
gung, reduziert. Damit kommen wir nun zum Aufsatz von Bahnt On
transference of emotions. Zur Übertragung von Emotionen10, dessen Titel das
ankündigt, was ich die delirierende Ebene nennen kann, auf der ersieh
entwickelt — im technischen, ursprünglichen Sinn des Terms delirie­
rend.
Es geht um die Übertragung. Erster Abschnitt, man ruft die zwei
fundamentalen Phänomene der Analyse au f — den Widerstand und
die Übertragung. Der W iderstand, m an definiert ihn, hervorragend
übrigens, indem man ihn m it dem Phänom en der Sprache in Verbin­
dung bringt — das ist alles, was bremst, verändert, den geschuldeten
Vortrag aufschiebt oder sogar vollkommen unterbricht. Weiter geht
man nicht. M an zieht keine Schlußfolgerung, und man geht zum
Phänomen der Übertragung über.
Wie kann ein so subtiler Autor wie Balint, ein so feiner und heikler
Praktiker, ich würde sogar sagen ein so bewundernswerter Schriftstel­
ler, eine Studie von fünfzehn Seiten entwickeln und dabei von einer
derart psychologischen Definition der Ü bertragung ausgehen? Sie 252
läuft auf folgendes hinaus — es m uß sich um etwas handeln, was im
Innern des Patienten existiert, also sind es zwangsläufig, man weiß
nicht recht, Gefühle, Emotionen — das W ort Emotion gibt ein besseres
Bild. Das Problem ist nun, zu zeigen, wie diese Emotionen sich verkör­
pern, sich projizieren, sich disziplinieren, sich schließlich symbolisie­
ren. Nun, die Symbole dieser angeblichen Emotionen haben offenkun­
dig keinerlei Beziehung zu ihnen. M an spricht uns also von der Natio­
nalflagge, dem britischen Löwen und dem Einhorn, den Epauletten
der Offiziere, von allem was Sie wollen, von zwei Ländern mit ihren
zwei Rosen von verschiedener Farbe, Richtern, die Perücke tragen.
Ich bin gewiß nicht derjenige, der bestreiten will, d aß man in diesen an
der Oberfläche des britischen Gemeinschaftslebens gesammelten Bei­
spielen Gegenstände der M editation finden könnte. Aber das ist, für
286
Balint, der Vorwand, das Symbol allein unter dem Blickwinkel der
Verschiebung zu betrachten. U nd aus gutem Grund — denn er setzt,
definitorisch, die sogenannte Emotion an den Anfang, ein Phänomen
psychologischer Herkunft, das da das Reale wäre, so daß das Symbol,
wo es seinen Ausdruck zu finden und sich zu realisieren hat, in Bezie­
hung auf es nur verschoben sein kann.
Er läßt keinen Zweifel daran, daß das Symbol in jeder Verschiebung
eine Funktion spielt. Aber die Frage ist, ob es sich, als solches, in dieser
vertikalen O rdnung, als Verschiebung definiert. Das ist ein falscher
Weg. Die Bemerkungen von Balint haben an sich nichts Irriges, nur der
Weg wird in verquere Richtung beschritten — statt in die Richtung,
wo er weitergeht, in diejenige, wo alles stillesteht.
Balint ruft nun in Erinnerung, was eine M etapher ist — der Bergrük-
ken, das Tischbein, usw. W ird man nun endlich die N atur der Sprache
untersuchen? Nein. M an wird sagen, daß die Operation der Übertra­
gung dies ist — Sie sind wütend, es ist der Tisch, dem Sie einen Faust­
schlag versetzen. Als würde ich wirklich dem Tisch einen Faustschlag
versetzen ! Da liegt ein fundamentaler Irrtum.
Nichtsdestoweniger geht es genau darum — wie verschiebt sich der Akt
in seinem Ziel? Wie verschiebt sich die Emotion in ihrem Objekt? Die
reale Struktur und die symbolische Struktur treten in ein zweideutiges
Verhältnis, das in vertikaler Richtung liegt, jedes der beiden Universen
korrespondiert dem andern, nur daß der Begriff des Universums darin
fehlt, so daß es kein M ittel gibt, den der Korrespondenz hier einzufüh­
ren.
Balint zufolge ist die Übertragung Übertragung von Emotionen. Und
worauf überträgt sich die Emotion? In all seinen Beispielen, auf ein
unbelebtes Objekt — halten Sie beiläufig fest, daß wir dies Wort, unbe­
lebt, eben an der Grenze der imaginären dialektischen Beziehung ha­
ben erscheinen sehen. Das findet Balint lustig, diese Übertragung auf
das U nbelebte— ich frage Sie nicht, sagt er, was das Objekt davon hält.
Wohlgemerkt, setzt er hinzu, wenn man denkt, daß die Übertragung
auf ein Subjekt stattfindet, begibt man sich in eine Komplikation, aus
der herauszukommen es kein M ittel gibt.
O ja! das ist genau das, was seit einiger Zeit passiert — es gibt kein
Mittel, Analyse zu machen. M an macht uns einen ganzen Gang aus
253 dem Begriff der Gegenübertragung, man tut sich dicke, man reißt das
Maul auf, man verspricht das Blaue vom Himmel, ich weiß nicht
welche Scham äußert sich aber doch, was das denn wohl heißen möge,
287
am Ende — es gibt kein M ittel, da herauszukommen. Mit der two·
bodiespsychology langen wir bei dem berühm ten, in der Physik unge­
lösten, Problem der zwei Körper an.
In der Tat gibt es, wenn man auf der Ebene der zwei Körper bleibt, kei­
ne befriedigende Symbolisierung. Erfaßt m an also, indem man sich auf
diesen Weg begibt und die Ü bertragung wesentlich für ein Verschie­
bungsphänomen hält, die N atur der Übertragung?
Baiint erzählt uns nun eine sehr hübsche Geschichte. Ein Herr besucht
ihn. Er ist am Rande der Analyse — wir kennen diese Situation gut—
und er entscheidet sich nicht. Er hat mehrere Analytiker besucht und
schließlich besucht er Baiint. Er erzählt ihm eine lange Geschichte,
sehr reich, sehr kompliziert, mit Details über das, was er fühlt, was er
leidet. Und da erweist sich unser Balint — dessen theoretische Positio­
nen ich übrigens zu lästern im Begriff bin, und Gott weiß, daß ich es
nur mit Bedauern tue — erweist er sich als die wunderbare Person, die
er ist.
Balint verfallt nicht in die Gegenübertragung — das heißt, im Klar­
text, er ist kein Blödmann — in die Schlüsselsprache, in der wir ver­
sumpfen, man nennt Ambivalenz den U m stand, daß man jemanden
haßt, und Gegenübertragung den U m stand, d aß man ein Blödmann
ist. Balint ist kein Blödmann, er hört diesem T yp zu, als Mann, der
schon ganz schön viele Sachen, ganz schön viele Leute gehört hat, der
gereift ist. Und er versteht nicht. Das kommt vor. Es gibt solche
Geschichten, man versteht sie nicht. W enn Sie eine Geschichte nicht
verstehen, machen Sie sich nicht gleich einen Vorwurf daraus, sagen
Sie sich — daß ich nicht verstehe, das m uß einen Sinn haben. Balint
versteht nicht nur nicht, er nim m t an, daß er zu Recht nicht versteht.
Er sagt nichts zu seinem Typ und läßt ihn wiederkommen.
Der Typ kommt wieder. Er fahrt fort, seine Geschichte zu erzählen.
Und Balint versteht immer noch nicht. Was der andre ihm erzählt, das
sind Sachen, die genauso wahrscheinlich sind wie andere, nur dies, sie
passen nicht zusammen. Das kommt vor, Erfahrungen wie diese, das
sind klinische Erfahrungen, bei denen m an im m er am meisten achtge­
ben muß, und manchmal führen sie uns zu der Diagnose, daß es da et­
was Organisches geben muß. Aber hier, da handelt es sich nicht darum.
Nun, Balint sagt zu seinem Klienten — Das ist seltsam. Sie erzählen mir
eine Menge sehr interessanter Sachen, aber ich muß Ihnen sagen, daß ich von Ihrer
Geschichte nichts verstehe. Da heitert sich der Typ auf, lacht über das gan­
ze Gesicht. — Sie sind der erste emstzunehmende Mensch, den ich treffe, dem
288
diese ganzen Sachen hab’ ich einer Reihe von Ihren Kollegen erzählt, die darin
sofort den Hinweis auf eine interessante, raffinierte Struktur gesehen haben. Ich
habe Ihnen das alles erzählt, um Sie zu testen, um zu sehen, ob Sie wie alle andern
ein Scharlatan und Lügner sind.
Sie müssen spüren, welche Skala diese beiden Register von Balint un­
terscheidet, wenn er uns an der Tafel die Emotionen der englischen
2M Bürger vorfuhrt, die sich auf den British Lion und die beiden Einhörner
verschoben haben, und wenn er in seiner Funktion ist und verständig
von dem spricht, was er erfahrt. M an kann sagen — Dieser Typ ist sicher
im Recht, aber ist das nicht ziemlich uneconomic? Ist das nicht ein sehr weiter
Umweg? Nun, da begibt man sich auf einen Irrweg. Denn es geht nicht
darum, ob das ökonomisch ist oder nicht. Das Verhalten des Typs hält
sich sehr hoch in seinem Register, sofern am Anfang der analytischen
Erfahrung das Register des lügenhaften Sprechens steht.
Es ist das Sprechen, das in der Realität die Lüge aufrichtet. Und eben,
weil es das einfuhrt, was nicht ist, kann es auch das einfiihren, was ist.
Vor dem Sprechen ist weder nichts, noch ist nicht nichts. Alles ist schon
da, zweifellos, aber allein mit dem Sprechen gibt es Dinge, die sind —
die wahr oder falsch sind, das heißt, die sind — und Dinge, die nicht
sind. Mit der Dimension des Sprechens gräbt sich ins Reale die W ahr­
heit. Es gibt weder wahr noch falsch vor dem Sprechen. M it ihm fuhrt
sich die W ahrheit ein, und auch die Lüge, und noch andere Register.
Placieren wir sie, bevor wir heute auseinandergehen, in einer Art von
Triangel mit drei Spitzen. Dort, die Lüge. Hier, der Mißgriff und nicht
der Irrtum, ich komme darauf zurück. Und nun, was noch?— die Am­
biguität, für die, seiner N atur nach, das Sprechen bestimmt ist. Denn
der Akt des Sprechens selbst, der die Dimension der W ahrheit begrün­
det, bleibt, durch diesen Umstand, immer dahinter, jenseits. Das
Sprechen ist wesentlich zweideutig.
Symmetrisch dazu, gräbt sich ins Reale das Loch, die Kluft des Seins
als solchen. Der BegrifT des Seins erweist sich, sobald wir ihn zu fassen
versuchen, als genauso unfaßbar wie das Sprechen. Denn das Sein, das
Wort selbst, existiert nur in der O rdnung des Sprechens. Das Sprechen
fuhrt die Höhlung des Seins in die Textur des Realen ein, das eine und
das andre halten sich die Balance, sie sind genau korrelativ.
Gehen wir zu einem andern Beispiel über, das Balint uns liefert, nicht
weniger bezeichnend als das erste. Wie hat er sie an jenes Register der
Verschiebung heften können, in dem die Übertragung abgehandelt
worden ist? Das ist eine andre Geschichte.
289
Es handelt sich diesmal um eine charm ante Patientin, die den, in be­
stimmten englischen Filmen gut veranschaulichten, Typ des chatter
aufweist, reden-redm-reden-reden um nichts zu sagen. So verstreichen die Sit­
zungen. Sie hat schon lange Analysenstrecken bei andern zurückgelegt,
bevor sie in die Hände von Balint gekommen ist. Dem ist wohl klar—
und es wird sogar von der Patientin eingestanden — daß, wenn etwas
sie ärgert, sie es ausfullt, indem sie etwas X-beliebiges erzählt.
Wo liegt die entscheidende Wendung? Eines Tages, nach einer be­
schwerlichen Stunde des chatter, schließt Balint, indem er den Finger
auf das legt, was sie nicht sagen will. Sie will nicht sagen, daß sie von
einem Arzt unter ihren Freunden ein Empfehlungsschreiben für eine
Anstellung bekommen hat, das besagte, sie sei eine Person, die voll­
kommen trustworthy sei. Drehmoment, von dem aus sie sich um sich sel­
ber dreht und sich auf die Analyse wird einlassen können. Balint ge­
lingt es in der T at, die Patientin zum Eingeständnis zu bringen, daß es ns
für sie seit jeher genau darum geht — man darf sie nicht fur trustworthy
halten, das heißt für jem anden, für den sein Sprechen verbindlich ist.
Denn wenn ihre Worte für sie verbindlich sind, so wird es nötig werden,
daß sie sich an die Maloche macht, wie vorhin der Sklave, daß sie in die
Welt der Arbeit eintritt, das heißt der homogenen erwachsenen Bezie­
hung, des Symbols, des Gesetzes.
Das ist klar. Seit jeher hat sie sehr gut den Unterschied verstanden, den
es zwischen der Art gibt, wie man das Sprechen eines Kindes auf­
nimmt, und der Art, wie man das Sprechen eines Erwachsenen auf­
nimmt. Um nicht gebunden zu sein, situiert in der Welt der Erwachse­
nen, wo man immer mehr oder weniger a u f Sklaverei reduziert ist,
schwätzt sie, um nichts zu sagen, und möbliert ihre Sitzungen mit
Wind.
Wir können hier für einen Augenblick innehalten und über die Tatsa­
che meditieren, daß auch das Kind ein Sprechen hat. Es ist nicht leer.
Es ist genauso voll von Sinn wie das Sprechen des Erwachsenen. Es ist
sogar so voll von Sinn, daß die Erwachsenen ihre Zeit dam it verbingen,
sich darüber zu verwundern — Wie ist er doch intelligent, der liebe Kleine!
Haben Sie mitgekriegt, was er vor kurzem gesagt hat? Eben, alles ist da.
Es gibt da in der Tat, wie vorhin, jenes Element der Idolisierung, das in
der imaginären Beziehung auftritt. Das bewundernswerte Sprechen
des Kindes ist vielleicht transzendentes Sprechen, Offenbarung des
Himmels, Orakel des kleinen Gottes, aber es ist klar, daß es ihn zu
nichts verpflichtet.
290
Und man macht, wenn das nicht geht, alle Anstrengungen, ihm Worte
zu entlocken, die verbindlich sind. Gott weiß, ob die Dialektik des Er­
wachsenen ins Schleudern kommt! Es geht darum, das Subjekt an seine
Widersprüche zu binden, es das, was es sagt, unterschreiben zu lassen,
und derart sein Sprechen in eine Dialektik einzubinden.
In einer Ubertragungssituation — nicht ich sage das, sondern Balint,
und er hat recht, auch wenn sie etwas ganz andres als eine Verschie­
bung ist — geht es um den W ert des Sprechens, diesmal nicht mehr,
sofern es die fundamentale Ambiguität schafft, sondern sofern es Funk­
tion des Symbolischen, des Vertrags ist, der die Subjekte miteinander
in einer H andlung verbindet. Die menschliche Handlung par excellence
ist ursprünglich begründet in der Existenz der Welt des Symbols, das
heißt in den Gesetzen und den Kontrakten. U nd um eben diese O rd­
nung läßt Balint, wenn er beim Konkreten, in seiner Funktion als
Analytiker ist, die Situation zwischen ihm und dem Subjekt sich
drehen.
Von jenem Tag an kann er ihr alles Mögliche bemerkiich machen —
die Art zum Beispiel, wie sie sich an ihren Orten verhält, das heißt, daß
sie sich, sobald sie das allgemeine Vertrauen auf sich zu versammeln
beginnt, genau so einrichtet, daß sie aufgrund einer Kleinigkeit vor die
T ür gesetzt wird. Sogar die Form der Arbeiten, die sie findet, ist be­
zeichnend — sie ist am Telephon, sie empfangt Sachen oder schickt die
andern, irgendwelche Sachen zu erledigen, kurz sie macht Weichen­
steller-Arbeiten, die ihr erlauben, sich außerhalb der Situation zu füh­
len, und schließlich richtet sie sich immer so ein, daß sie entlassen wird.
256 Das also ist die Ebene, auf der sich die Ubertragungsbeziehung abge­
spielt hat — sie spielt um die symbolische Beziehung, ob es sich nun um
ihre Einrichtung, ihre Verlängerung oder ihre Aufrechterhaltung han­
delt. Die Übertragung enthält Einwirkungen, Projektionen imaginärer
Artikulationen, aber sie situiert sich vollständig in der symbolischen
Beziehung. Was impliziert das?
Das Sprechen entfaltet sich nicht auf einer einzigen Ebene allein. Das
Sprechen hat immer per definitionem seine zweideutigen Hinter­
grundsebenen, die bis zum M oment des Unsagbaren gehen, wo es sich
nicht mehr aussagen, nicht mehr selbst als Sprechen begründen kann.
Doch dieses Jenseits ist nicht dasjenige, das die Psychologie im Subjekt
sucht und findet in was weiß ich für welchen Gebärden, Krämpfen,
Erregungszuständen, in sämtlichen emotionalen Korrelaten des Spre­
chens. Das sogenannte psychologische Jenseits ist tatsächlich auf der
291
anderen Seite, es ist ein Diesseits. Das Jenseits, um das es geht, ist in der
Dimension des Sprechens selbst.
U nter Sein des Subjekts verstehen wir nicht seine psychologischen Eigen­
schaften, sondern das, was sich höhlt in der Erfahrung des Sprechens, in
der die analytische Situation besteht.
Diese Erfahrung wird in der Analyse durch sehr paradoxe Regeln kon­
stituiert, sofern es sich um einen Dialog handelt, aber um einen Dialog
so monologisch wie möglich. Sie entwickelt sich gemäß einer Spielre­
gel, und vollständig in der symbolischen O rdnung. Sind Sie mitgekom­
men? Was ich heute exemplifizieren wollte, ist die symbolische Ord­
nung in der Analyse, indem ich den K ontrast herausgestellt habe, der
zwischen den konkreten Beispielen, die Balint anfuhrt, und seiner
Theoretisierung herrscht.
Was sich für ihn von seinen Beispielen ablöst, ist die Triebkraft der Si­
tuation, ist der Gebrauch, den jede der beiden Personen, der Typ und
die Dame, vom Sprechen machen. N un, das ist eine mißbräuchliche
Extrapolation. Das Sprechen in der Analyse ist durchaus nicht dassel­
be, wie das zugleich triumphierende und unschuldige, welches das
Kind gebrauchen kann, bevor es in die W elt der Arbeit eintritt. Spre­
chen in der Analyse ist nicht äquivalent m it in der Welt der Arbeit
einen absichtlich bedeutungslosen Diskurs halten. N ur durch Analogie
kann man die beiden m iteinander verbinden. Ihr Fundam ent ist ver­
schieden.
Die analytische Situation ist nicht einfach eine Ektopie der kindlichen
Situation. Sie ist sicher eine atypische Situation, und Balint versucht
dem Rechnung zu tragen, indem er in ihr einen Versuch sieht, das Re­
gister der primary love zu bewahren. Das ist unter gewissen Blickwinkeln
wahr, aber nicht unter allen. Sich auf diesen Winkel beschränken, heißt
sich auf für das Subjekt vom Weg abführende Eingriffe einlassen.
Das Faktum beweist es. Indem er zu der Patientin sagte, sie reprodu­
ziere eine bestimmte Situation ihrer K indheit, hat der Analytiker, der
Balint voranging, die Situation nicht gewendet. Dieser hat sich nur um
das konkrete Faktum gewendet, daß die Dame an jenem Morgen einen
Brief in ihrem Besitz hatte, der ihr eine Stelle zu finden erlaubte. Ohne
es zu theoretisieren, ohne es zu wissen, intervenierte Balint hier in der
symbolischen Ordnung, die durch die gegebene Garantie, durch den 2j?
einfachen Umstand von jemandes Entsprechen ins Spiel gebracht wor­
den ist. U nd eben weil er auf dem Plan war, hat er seine Wirkung
getan.
292
Seine Theorie ist verschoben, auch degradiert. Und doch, wenn man
seinen Text liest, findet man, wie Sie eben gesehen haben, wunderbar
erleuchtende Beispiele. Balint, hervorragender Praktiker, kann, trotz
seiner Theorie, die Dimension nicht verkennen, in der er sich bewegt.

Unter den Hinweisen von Balint gibt es einen, den ich hier hervorhe­
ben möchte. Das ist ein Distichon von jemandem, den er einen unsrer Kol­
legen nennt — warum nicht? — Johannes Scheffler.
Er, der, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, weit vorangetriebene medizi­
nische Studien gemacht hat — das hatte in jener Epoche wahrschein­
lich mehr Sinn als heutzutage — hat unter dem Namen Angelus
Silesius eine Reihe der ergreifendsten Distichen geschrieben. Mysti­
sche? Das ist vielleicht nicht der treffendste Term. Da ist die Rede von
der Gottheit, und von ihren Beziehungen zur Kreativität, die wesent­
lich an das menschliche Sprechen geknüpft ist und genausoweit geht
wie das Sprechen, sogar bis zu dem Punkt, wo es mit Schweigen endet.
Die wenig orthodoxe Perspektive, in der sich Angelus Silesius immer
behauptet hat, ist in der T a t ein Rätsel für die Historiker des religiösen
Denkens.
Daß er im Text von Balint auftaucht, ist gewiß kein Zufall. Die zwei
Verse, die er zitiert, sind sehr schön. Es geht um nicht weniger als um
das Sein, sofern es, in der Realisierung des Subjekts, ans Kontingente
oder Akzidentelle geknüpft ist, und das bildet fur Balint das Echo zu
dem, was er als das letzte Ende einer Analyse ansieht, das heißt zu je­
nem Zustand narzißtischer Eruption, von dem ich Ihnen schon bei
einer unsrer U nterhaltungen gesprochen habe.
Das ist auch für mein O hr ein Echo. Nur, ich fasse das Analysenende
nicht in dieser Weise auf. Freuds Formel — Wo Es war, soll Ich werden (là
où le ça était, le moi doit être) — wird gewöhnlich gemäß einer groben Ver-
räumlichung verstanden, und die analytische Wiedereroberung des Es
reduziert sich letzten Endes auf einen Trugspiegelakt. Das Ego sieht
sich in einem Selbst, das bloß eine letzte Entfremdung seiner selbst ist,
nur perfektionierter als all diejenigen, die es bis dahin gekannt hat.
Nein, es ist der Akt des Sprechens, der konstitutiv ist. Der Fortschritt
einer Analyse ist nicht von der Vergrößerung des Ego-Feldes abhängig,
es ist nicht die W iedereroberung seines Saums von Unbekanntem
293
durch das Ego, es ist eine wahrhafte Umkehrung, eine Verschiebung,
wie ein zwischen Ego und Id exekutiertes M enuett.
Es ist nun Zeit, Ihnen das Distichon von Angelus Silesius zu geben, das j»
dreißigste des zweiten Buches des Cherubinischen Wandersmanns.

Zufall und Wesen


Mensch werde wesentlich: denn wenn die Welt vergeht
Sofallt der Zufall weg, das Wesen das besteht.

Genau darum geht es, am Ende der Analyse, um eine Dämmerung,


einen imaginären W eltuntergang, und sogar um eine Erfahrung an der
Grenze der Depersonalisierung. Sofällt der Zufall weg— das Akzidentel­
le, das Traum a, die Löcher der Geschichte — Und es ist das Sein, das sich
nun eben konstituiert hat.
Angelus hat das offenkundig geschrieben, als er seine medizinischen
Studien machte. Das Ende seines Lebens war von den Glaubenskriegen
der Reformation und der Gegenreformation gestört, in denen er eine
außerordentlich leidenschaftliche H altung eingenommen hat. Aber
die Bücher des Cherubinischen Wandersmanns geben einen transparenten,
kristallinischen Ton. Das ist einer der bedeutungsvollsten Momente
der menschlichen M editation über das Sein, für uns ein resonanzrei­
cherer Moment noch als die Dunkle Nacht des Johannes vom Kreuz, die
alle Welt liest und niemand versteht.
Ich kann jemandem, der eine Analyse m acht, nicht genug empfehlen,
sich mit den Werken des Angelus Silesius zu versehen. Sie sind nicht
sehr lang, und sie sind ins Französische übersetzt bei Aubier erschie­
nen. Sie werden darin noch viele andere Gegenstände der Meditation
Finden, zum Beispiel das Wortspiel von Wort * und Ort * und vollkom­
men treffende Aphorismen über die Zeitlichkeit. Ich habe vielleicht
Gelegenheit, bei einem nächsten M al einige dieser außerordentlich ge­
schlossenen und gleichwohl öffnenden, w underbaren Formulierungen
zu berühren, die sich der M editation anbieten.

9. J uni 1954

294
DAS S P R E C H E N IN D E R Ü B E R T R A G U N G
261 X IX
D IE S C H Ö P F E R IS C H E F U N K T IO N
DES SPR E C H E N S

Jede Bedeutung verweist auf eine andere Bedeutung


Die Gefährten des Odysseus
Übertragung und Realität
Der Begriff ist die Zeit der Sache
Hieroglyphen

Unser Freund GranofT hat einen Vortrag für uns, der auf der Linie un­
serer letzten Überlegungen zu liegen scheint. Ich finde es sehr erfreu­
lich, daß sich derartige Initiativen äußern, vollkommen entsprechend
dem Geist des Dialogs, den ich in dieser Veranstaltung wünsche, die —
vergessen wir das nicht— vor allem ein Seminar ist. Ich weiß nicht, was
er uns heute morgen vorträgt.

Der Vortrag von Doktor Granojfbezieht sich aufzwei Aufsätze der Aprilnummer
der Psycho-analytic Review von 1954: Emotion, Instinct and Pain-pleas-
ure von A. Chapman Isham und A study of the dream in depth, its corollary
and consequences von C. Bennitt.

Diese beiden Aufsätze, weitreichend, von hohem theoretischen Rang,


konvergierend m it dem, was ich hier mache. Aber beide zentrieren die
Aufmerksamkeit auf verschiedene Punkte.
Der erste legt den Akzent auf die Information über die Emotion, die die
letzte Realität, mit der wir zu tun haben, und, genaugenommen, das
Objekt unserer Erfahrung sein soll. Diese Konzeption entspricht dem
Begehren, irgendwo ein Objekt zu fassen zu kriegen, das, soweit wie
möglich, den Objekten anderer Ordnungen ähnelt.
Alexander hat einen großen Aufsatz geschrieben, von dem wir viel­
leicht irgendwann einmal sprechen können, Logic of emotions betitelt,
womit er ohne Zweifel im Herzen der analytischen Theorie ist.
297
Es geht, genauso wie in dem neuen Aufsatz von Chapm an Isham, dar- »!
um, in das, was wir gewöhnlich als affektive O rdnung ansehen, eine
Dialektik einzufuhren. Alexander geht vom bekannten logisch-symbo­
lischen Schema aus, in dem Freud die verschiedenen Formen von
Wahnvorstellungen nach den verschiedenen Weisen, Ich liebe ihn zu
negieren, deduziert — Ich bin es nicht, der ihn liebt — Nicht er ist es, den ich
liebe— Ich liebe ihn nicht— Er haßt mich— Er ist es, der mich liebt— was die
Genese der verschiedenen W ahnvorstellungen ergibt — die eifersüch­
tige, die leidenschaftliche, den Verfolgungswahn, die Liebestollheit,
usw. In einer symbolischen Strukturierung also, und zwar einer hoch­
stufigen, da sie sehr entwickelte grammatikalische Variationen ent­
hält, erfassen wir die Transformationen, sogar den Metabolismus, die
sich in der vorbewußten O rdnung herstellen.
Der erste Aufsatz, den Granoff kommentiert hat, hat so den Vorzug,
gegen den Strom der gegenwärtig in der Analyse herrschenden theore­
tischen Tendenz zu schwimmen. Der zweite erscheint mir noch interes­
santer, sofern er untersucht, auf welches Jenseits, a u f welche Realität,
auf welches Faktum, wie man sich in dem Aufsatz ausdrückt, sich die
Bedeutung bezieht. Das ist ein entscheidendes Problem.
Nun ja. Sie ließen sich auf Wege ein, die im m er ohne Ausweg bleiben,
was sich sehr gut an den gegenwärtigen Sackgassen der analytischen
Theorie sehen läßt, wenn Sie nicht w üßten, daß sich die Bedeutung im­
mer nur auf sich selbst bezieht, das heißt auf eine andere Bedeutung.
Jedesmal, wenn wir in der Sprachanalyse die Bedeutung eines Wortes
suchen, ist die einzig korrekte M ethode die, die Summe seiner Verwen­
dungen zu ziehen. W enn Sie die Bedeutung des Wortes main in der
französischen Sprache kennenlemen wollen, müssen Sie den Katalog
seiner Verwendungen aufstellen, und nicht nur, wenn es das Organ
Hand repräsentiert, sondern auch, wenn es in main-d’œuvre, mainmise,
mainmorte, usw. figuriert. Die Bedeutung ist durch die Summe dieser
Verwendungen gegeben.
In der Analyse haben wir genau dam it zu tun. W ir haben uns keines­
wegs darin zu erschöpfen, supplem entäre Referenzen zu finden. Was
für ein Bedürfnis, von einer R ealität zu reden, die die sogenannten me­
taphorischen Verwendungen stützte? Jede Verwendungsweise ist es, in
gewissem Sinn, immer, metaphorisch. Die M etapher ist nicht, wie
Jones es, zu Anfang seiner Theorie der Symbolik, glaubt, vom Symbol
selbst und seinem Gebrauch zu unterscheiden. So daß, wenn ich mich
an ein beliebiges, geschaffenes oder ungeschafTenes, Wesen wende und
298
es Sonne meines Herzens nenne, es ein Irrtum ist zu glauben, wie Jones,
daß cs sich da um einen Vergleich handle, zwischen dem, was Du für
mein Herz bist, und dem, was die Sonne ist, usw. Der Vergleich ist nur
eine sekundäre Entwicklung des ersten Auftauchens zum Sein der me­
taphorischen Beziehung, die unendlich viel reicher ist als alles, was ich
im Augenblick davon erhellen kann.
Dies Auftauchen impliziert alles, was sich in der Folge daranheften
kann, und was ich nicht gesagt zu haben glaubte. Durch den bloßen
Umstand, daß ich diese Beziehung formuliert habe, bin ich es, mein
263 Sein, mein Wille, meine Anrufung, die das Gebiet des Symbols betritt.
Impliziert in dieser Formulierung sind der Umstand, daß die Sonne
mich wärmt, der Umstand, daß sie mich leben läßt, und auch, daß sie
mein Gravitationszentrum ist, und ebenso, daß sie jene düstere Schatten-
hälße produziert, von der Valéry spricht, daß sie es auch ist, die blendet,
die allem falsche Evidenz und trügerischen Glanz verleiht. Denn, nicht
wahr, das M aximum des Lichts ist auch die Quelle aller Verdunke­
lung. All das ist schon impliziert in der symbolischen Anrufung. Das
Auftauchen des Symbols schafft buchstäblich eine neue Seinsordnung
in den Beziehungen zwischen den Menschen.
Sie werden mir sagen, daß es gleichwohl irreduzible Ausdrücke gibt.
Und Sie werden überdies einwenden, daß wir die schöpferische Aus­
sendung dieses symbolischen Appells immer auf die faktische Ebene
reduzieren können, und daß man für die Metapher, die ich Ihnen bei­
spielshalber gegeben habe, einfachere, organischere, animalischere
Formulierungen finden könne. M achen Sie selbst den Versuch — Sie
werden sehen, daß Sie die W elt des Symbols niemals verlassen.
Gehen wir davon aus, daß Sie auf den organischen Index rekurrieren,
auf jenes Leg Deine Hand aufmein Herz, das am Anfang des Cid die Infan­
tin zu Léonor sagt, um die Liebesgefühle auszudrücken, die sie für den
jungen Ritter empfindet. Nun, wenn der organische Index angerufen
wird, so liegt auch darin ein Bekenntnis, etwas wie ein Zeugnis, ein
Zeugnis, das seinen Akzent erst insofern trägt, als — Ich denke daran so
genau, daß ich mein Blut vergösse Bevor ich mich doch beugte und meinen Rang
vergäße. Tatsächlich ruft sie in genau dem Maße, wie sie sich dieses
Gefühl untersagt, ein faktisches Element auf. Die Tatsache ihres Herz­
klopfens bekommt Sinn erst im Innern der symbolischen Welt, die
eingezeichnet ist in die Dialektik des Gefühls, das sich verweigert oder
dem implizit die Anerkennung derjenigen, die es empfindet, verwei­
gert wird.
299
Wir sind, wie Sie sehen, auf denjenigen Punkt zurückgekommen, an
dem sich unser Diskurs beim letzten M al schloß.

Immer wenn wir in der O rdnung des Sprechens sind, nimmt alles, was
in die Realität eine andre R ealität einsetzt, a limine, seinen Sinn und
seinen Akzent nur als Funktion dieser O rdnung selbst an. Wenn die
Emotion verschoben, invertiert, gehemmt werden kann, wenn sie an
eine Dialektik gebunden ist, so weil sie in eine symbolische Ordnung
eingebunden ist, von der aus die anderen O rdnungen, die imaginäre
und die reale, ihren Platz einnehm en und sich anordnen.
Ich werde einmal mehr versuchen. Ihnen das deutlich zu machen. Er­
zählen wir eine kleine Fabel.
Eines Tages wurden die Gefährten des Odysseus — wie Sie wissen ist
ihnen tausenderlei Mißgeschick passiert, und ich glaube, fast keiner
von ihnen hat die Spazierfahrt beendet — au f G rund ihrer leidigen
Neigungen, in Schweine verwandelt. Das T hem a der Metamorphose
ist wohl geeignet, uns zu interessieren, weil es die Frage nach der
Grenze zwischen Mensch und T ier stellt.
Also, sie sind in Schweine verwandelt worden, und die Geschichte geht
weiter.
M an muß wohl annehmen, daß sie gleichwohl einige Verbindungen
mit der menschlichen Welt bewahren, denn im Schweinestall — aber
der Schweinestall ist eine Gesellschaft — kommunizieren sie einander
durch Gegrunz ihre verschiedenen Bedürfnisse, Hunger, Durst, Wol­
lust, will heißen den Gruppengeist. Aber das ist nicht alles.
Was läßt sich von jenem Gegrunz sagen? 1st es nicht auch eine an die
andere Welt gerichtete Botschaft? Nun, hier das, was ich höre. Die Ge­
fährten des Odysseus grunzen Folgendes — Wir bedauern Odysseus, wir
bedauern, daß er nicht unter uns ist, wir bedauern seine Lehre, das was er durch sei­
ne Existenzfür uns war.
Woran läßt sich erkennen, daß ein Grunzen, das uns aus der im ge­
schlossenen Raum des Schweinestalls versammelten seidigen Masse
erreicht, ein Sprechen ist? D aran, daß sich darin ein ambivalentes Ge­
fühl ausdrückt?
Es gibt in diesem Fall sehr wohl das, was wir, in der O rdnung der Emo­
tionen und Gefühle, Ambivalenz nennen. Denn Odysseus ist für seine
300
Gefährten ein eher beschämender Führer. Einmal in Schweine ver­
wandelt, haben sie allerdings zweifellos Grund, seine Gegenwart zu be­
dauern. Daher ein Zweifel über das, was sie kommunizieren.
Diese Dimension ist nicht zu vernachlässigen. Doch genügt sie, aus
einem Grunzen ein Sprechen zu machen? Nein, denn die emotio­
nale Ambivalenz des Grunzens ist eine Realität, wesentlich inkonsti­
tuiert.
Das Grunzen des Schweins wird ein Sprechen erst dann, wenn jemand
sich die Frage stellt, was es glauben machen will. Ein Sprechen ist Spre­
chen nur in genau dem M aße, wie jem and daran glaubt.
Und was wollen, grunzend, die in Schweine verwandelten Gefährten
des Odysseus glauben machen? — daß sie noch etwas Menschliches
sind, ln diesem Fall das Heimweh des Odysseus ausdrücken, heißt for­
dern, sie selbst, die Schweine, als die Gefährten des Odysseus aner­
kennen.
In dieser Dimension vor allem siedelt sich ein Sprechen an. Das Spre­
chen ist wesentlich das M ittel, anerkannt zu werden. Es ist da, vor al­
lem, was es dahinter gibt. U nd, dadurch, ist es ambivalent, und absolut
unerforschlich. Was es sagt, ist das wahr? Ist das nicht wahr? Es ist ein
Trugbild. Es ist jenes erste Trugbild, das Ihnen versichert, daß Sie im
Bereich des Sprechens sind.
Ohne diese Dimension ist eine Mitteilung nur etwas, das übermittelt,
ungefähr von derselben O rdnung wie eine mechanische Bewegung. Ich
habe eben das seidige Rascheln, die Mitteilung des Rascheins im In­
nern des Schweinestalls evoziert. Das ist es — das Gegrunz ist vollstän-
265 dig analysierbar mit Termen der Mechanik. Aber, sobald es glauben
machen will und Anerkennung fordert, existiert das Sprechen. Deshalb
kann man, in gewissem Sinn, von der Sprache der Tiere reden. Es gibt
eine Sprache der Tiere in genau dem Maße, wie es jemanden gibt, der
sie versteht.

Nehmen wir ein anderes Beispiel, das ich einem Aufsatz von Nun­
berg entlehnen möchte, der 1951 erschienen ist, Transference and reality,
der die Frage stellt, was die Übertragung sei. Das ist dasselbe Pro­
blem.
Es ist sehr lustig zu sehen, wie weit der Autor geht und wie schwer er
sich zugleich tut. Alles geschieht für ihn auf der imaginären Ebene. Das
301
Fundament der Übertragung ist, so denkt er, die Projektion von etwas,
das nicht da ist, in die Realität. Das Subjekt verlangt, daß sein Partner
eine Form, ein Model) sei, sein V ater zum Beispiel.
Er ruft zunächst den Fall einer Patientin herauf, die ihre Zeit damit
verbringt, den Analytiker hart herzunehmen, will heißen ihn auszu­
schimpfen, ihm vorzuwerfen, nie gut genug zu sein, nie einzugreifen
wie es nötig wäre, sich zu irren, nicht den richtigen Ton zu treffen. Ist
das ein Fall von Übertragung? fragt sich Nunberg.
Seltsam genug, doch nicht ohne Grund, antwortet e r — nein, es ist eher
Bereitschaft — readiness — zur Übertragung. Im Augenblick, in seinen
Anschuldigungen, läßt das Subjekt eine Forderung vernehmen, die
primitive Forderung nach einer realen Person, und es ist die Diskor­
danz, welche die reale Welt in bezug auf dieses Erfordernis präsentiert,
die ihre Unbefriedigung motiviert. Das ist nicht die Übertragung, son­
dern ihre Bedingung.
Von wann an gibt es wirklich eine Übertragung? Wenn das Bild, das
das Subjekt fordert, sich für das Subjekt mit der Realität, in der es ange­
siedelt ist, vermischt. Der ganze Fortschritt der Analyse liegt darin, ihm
den Unterschied dieser beiden Ebenen zu zeigen, Imaginäres und Rea­
les voneinander abzulösen. Klassische Theorie — das Subjekt hat ein
sogenanntes illusorisches Verhalten, von dem man ihm zeigt, wie
wenig es der wirklichen Situation angepaßt ist.
Nur, wir verbringen unsre Zeit dam it, wahrzunehmen, daß die Über­
tragung durchaus kein illusorisches Phänom en ist. Das heißt nicht, das
Subjekt analysieren, wenn man ihm sagt — Aber mein armer Freund, das
Gefiihl, das Siefür mich empfinden, das ist nur eine Übertragung. Das hat nie
etwas in Ordnung gebracht. Glücklicherweise geben die Autoren,
wenn sie in ihrer Praxis richtig orientiert sind, Beispiele an, die ihre
Theorie dementieren und die beweisen, daß sie ein gewisses Gefühl für
die W ahrheit haben. Das ist der Fall bei Nunberg. Das Beispiel, das er
als für die Erfahrung der Ü bertragung typisch angibt, ist besonders
lehrreich.
Er hatte einen Patienten, der ihm ein M axim um an Material lieferte
und sich mit einer Authentizität ausdrückte, einer Detailgenauigkeit,
einer Sorge um Vollständigkeit, einer H in g a b e... Und doch bewegte
sich nichts. Nichts bewegte sich bis zu dem Augenblick, als Nunberg
bemerkte, daß die analytische Situation für den Patienten eine Situa­
tion reproduzierte, nämlich diejenige seiner K indheit, in der er sich
möglichst vollständigen vertraulichen M itteilungen überließ, die auf
302
das totale Vertrauen gegründet waren, das er zu seiner Gesprächspart­
nerin hatte, die niemand anders als seine M utter war, die jeden Abend
kam und sich an das Fußende seines Bettes setzte- Der Patient, wie
Scheherazade, fand Gefallen daran, ihr einen erschöpfenden Bericht
seines Tagesablaufes zu geben, aber auch seiner Handlungen, seiner
Wünsche, seiner Neigungen, seiner Skrupel, seiner Gewissensbisse, oh­
ne je etwas zu verbergen- Die warme Präsenz seiner Mutter, im Nacht­
hemd, war für ihn die Quelle einer vollkommen als solche sich durch­
haltenden Lust, die darin bestand, unter ihrem Hemd die Konturen
der Brüste und ihres Körpers zu erraten. So überließ er sich den ersten
sexuellen Forschungen an seiner geliebten Partnerin.
Wie das analysieren? Versuchen wir, ein ganz klein wenig kohärent zu
sein. Was hat das zu bedeuten?
Zwei sehr verschiedene Situationen werden hier evoziert — der Patient
mit seiner M utter, der Patient mit dem Analytiker.
In der ersten Situation empfindet das Subjekt vermittels des gesproche­
nen Austausche eine Befriedigung. W ir können hier mühelos zwei Ebe­
nen unterscheiden, die Ebene der symbolischen Beziehungen, die sich
hier mit Sicherheit untergeordnet, von der imaginären Beziehung
subvertiert finden. Auf der anderen Seite, in der Analyse, verhält sich
das Subjekt mit einer vollkommenen Hingabe, und unterwirft sich mit
einem vollkommenen guten Willen der Regel. M uß man daraus schlie­
ßen, daß da eine der primitiven ähnliche Befriedigung gegenwärtig ist?
Für viele ist der Schritt leicht getan— aberja, genau das ist es, das Subjekt
sucht eine ähnliche Befriedigung. Ohne zu zögern, wird man von Wie­
derholungszwang reden. Und von allem, was Sie sonst noch wollen.
Der Analytiker wird sich brüsten, hinter jenem Sprechen ich weiß
nicht welches Gefühl, welche Emotion aufgedeckt zu haben, die die
Präsenz eines psychologischen Jenseits, das über die Sprache konsti­
tuiert worden ist, enthüllen soll.
Aber denken wir doch endlich nach! Zunächst, die Position des Analy­
tikers verhält sich genau umgekehrt zur Position der Mutter, er ist nicht
am Fußende des Bettes, sondern hinter der Liege, und er ist weit davon
entfernt, zumindest in den gewöhnlichsten Fällen, die Reize des ur­
sprünglichen Objekts aufzuweisen, und denselben Gelüsten darbieten
zu können. Das jedenfalls ist nicht der Weg, auf dem man den Analo­
gieschritt tun kann.
Das sind blöde Sachen, die ich Ihnen da sage. Aber nur indem wir ein
wenig die Struktur buchstabieren, und einfache Sachen sagen, können
303
wir uns beibringen, an unsern Fingern die Elemente der Situation, in
der wir handeln, abzuzählen.
Das, was zu verstehen ist, ist dies — warum folgt, sobald die Beziehung
der beiden Situationen dem Subjekt enthüllt worden ist, eine vollstän­
dige W andlung der analytischen Situation? W arum werden dieselben
Worte jetzt wirksam und markieren einen wahrhaften Fortschritt in
der Existenz des Subjekts? Bemühen wir uns, ein wenig zu denken.
Das Sprechen setzt sich als solches in die Struktur der semantischen
Welt ein, die die der Sprache ist. Das Sprechen hat nie einen einzigen
Sinn, das Wort eine einzige Verwendung. Jedes Sprechen hat immer
ein Jenseits, unterhält mehrere Funktionen, umschließt mehrere Be­
deutungen. H inter dem, was ein Diskurs sagt, gibt es das, was er
bedeutet, und hinter dem, was er bedeutet, gibt es noch eine andre
Bedeutung, und nichts davon kann je ausgeschöpft werden — es sei
denn, man gelangt dahin, daß das Sprechen schöpferische Funktion
hat, und daß es die Sache selbst auftauchen läßt, die nichts anderes ist
als der Begriff.
Erinnern Sie sich an das, was Hegel über den Begriff sagt — Der Begriff
ist die Zeit der Sache. Sicher, der Begriff ist nicht die Sache als solche, aus
dem einfachen Grund, daß der Begriff im m er da ist, wo die Sache nicht
ist, er sich einstellt, um die Sache zu ersetzen, wie der Elephant, den ich
kürzlich vermittels des Wortes Elephant in den Saal hab’ eintreten
lassen. Wenn das einige von Ihnen so betroffen gemacht hat, so weil der
Elephant tatsächlich da war, sobald wir ihn genannt haben. Was kann
dasein, von der Sache? Es ist weder ihre Form, noch ihre Realität, denn
im Augenblick sind alle Plätze besetzt. Hegel sagt es mit großer Stren­
ge— der Begriff ist das, was die Sache dasein läßt, während sie nicht da
ist.
Diese Identität in der Differenz, die das Verhältnis des Begriffs zur Sa­
che charakterisiert, ist auch das, was m acht, daß die Sache Sache ist
und daß das fact symbolisiert wird, wie m an uns eben gesagt hat. Wir
sprechen von Sachen und nicht von etwas X-beliebigem, das immer
unidentifizierbar bleibt.
Heraklit überliefert es uns — wenn wir die Existenz der Sachen in eine
absolute Bewegung setzen, so daß der Strom der W elt nie zweimal die
selbe Situation durchfließt, so genau darum , weil die Identität in der
Differenz schon in der Sache gesättigt ist. Daraus leitet Hegel ab, daß
der Begriff die Zeit der Sache ist.
W ir befinden uns hier im Herzen des Problems dessen, was Freud vor-
304
bringt, wenn er sagt, das Unbewußte sei außerhalb der Zeit angesie­
delt. Das ist wahr, und das ist nicht wahr. Es siedelt sich außerhalb der
Zeit an genau wie der Begriff, weil es von selbst die Zeit ist, die reine
Zeit der Sache, und weil es als solche die Sache in einer bestimmten
Modulation reproduzieren kann, deren materielle Stütze gleichgültig
was sein kann. U m nichts anderes geht es im Wiederholungszwang.
Diese Bemerkung wird uns sehr weit fuhren, bis zu den Problemen der
Zeit, die die analytische Praxis mit sich bringt.
Nehmen wir also wieder unser Beispiel auf— warum verändert sich die
Analyse in dem Augenblick, wo die Ubertragungssituation durch die
Evokation der ehemaligen Situation analysiert ist, in der sich das Sub­
jekt in Gegenwart eines ganz anderen, mit dem gegenwärtigen nicht
vergleichbaren Objekts befand? Weil das aktuelle Sprechen, wie das
ehemalige Sprechen, in eine Zeitparenthese, in eine Zeitform, wenn ich
268 mich so ausdrücken darf, gesetzt worden ist. Da die Zeitmodulation
identisch ist, findet es sich, daß das Sprechen des Analytikers denselben
Wert hat wie das ehemalige Sprechen.
Dieser Wert ist W ert des Sprechens. Da gibt es kein Gefühl, keine
imaginäre Projektion, und Nunberg, der sich anstrengt, sie zu kon­
struieren, befindet sich also in einer unentwirrbaren Situation.
Für Loewenstein gibt es nicht Projektion, sondern Verschiebung. Es ist
das eine Mythologie, die alle Aspekte eines Labyrinths hat. Man findet
heraus nur, wenn m an anerkennt, daß das Zeit-Element eine konstitu­
tive Dimension der O rdnung des Sprechens ist.
Wenn wirklich der Begriff die Zeit ist, müssen wir das Sprechen etagen­
weise analysieren, seine vielfachen Bedeutungen zwischen den Zeilen
suchen. Ist es endlos? Nein, es ist nicht endlos. Nur, was sich letztlich
enthüllt, das letzte W ort, der letzte Sinn, ist jene zeitliche Form, mit
der ich Sie unterhalte, und die für sich ganz allein ein Sprechen ist. Der
letzte Sinn des Sprechens des Subjekts vor dem Analytiker, das ist seine
existentielle Beziehung vor dem Objekt seines Begehrens.
Jenes narzißtische Trugbild nimmt bei dieser Gelegenheit keinerlei
besondere Form an, es ist nichts andres als das, was die Beziehung des
Menschen zum Objekt seines Begehrens unterhält, und läßt ihn immer
in dem isoliert, was wir Vorlust nennen. Diese Beziehung ist spekular,
und sie versetzt hier das Sprechen in eine Art von Suspension im Ver­
hältnis zu jener tatsächlich rein imaginären Situation.
Diese Situation hat nichts gegenwärtiges, nichts emotionales, nichts
reales. Aber einmal berührt, ändert sie den Sinn des Sprechens, sie ent-
305
hüllt dem Subjekt, daß sein Sprechen nur das ist, was ich in meinem
Bericht von Rom leeres Sprechen genannt habe, und daß es als solches oh·
ne jede Wirkung bleibt.
All das ist nicht einfach. Sind Sie mitgekommen? Sie müssen verstehen,
daß das Jenseits, auf das wir verwiesen sind, im m er ein anderes, tieferes
Sprechen ist. Was die unaussprechliche Grenze des Sprechens betrifft,
hängt sie davon ab, daß das Sprechen die Resonanz all seiner Bedeu­
tungen erschafft. Letzten Endes ist es der Akt des Sprechens selbst, auf
den wir verwiesen sind. Es ist der W ert seines aktuellen Aktes, der das
Sprechen leer oder voll macht. W orum es in der Übertragungsanalyse
geht, ist dies, daß man weiß, an welchem Punkt seiner Präsenz das
Sprechen voll ist.

Wenn Sie diese Deutung ein wenig spekulativ finden, will ich Ihnen
eine Referenz liefern, da ich hier bin, um die Texte von Freud zu kom­
mentieren, und es nicht unzweckmäßig ist, bemerkt ich zu machen, daß
das, was ich Ihnen erkläre, streng orthodox ist.
In welchem Augenblick erscheint in Freuds Werk das Wort Übertra­
gung VD as ist nicht in den Technischen Schriften und im Zusammenhang
mit den realen, gleichgültig, imaginären oder auch symbolischen Be­
ziehungen mit dem Subjekt. Das ist nicht im Falle Dora, noch im Zu­
sammenhang der ganzen Schwierigkeiten, die sie ihm gemacht hat,
weil er ihr, selbstverständlich, nicht rechtzeitig zu sagen wußte, daß sie
beginnt, zärtliche Gefühle für ihn zu empfinden. Das ist im siebten
Teil, Z w Psychologie der Traumvorgänge betitelt, der Traumdeutung *.
Das ist ein Buch, das ich vielleicht eines nahen Tages vor Ihnen kom­
mentieren könnte, und in dem es nur darum geht, in der Funktion des
Traumes die Überlagerung der Bedeutungen eines Signifikantenmate-
rials vor Augen zu fuhren. Freud zeigt uns, wie sich das Sprechen, das
heißt die Übermittlung des Begehrens, durch etwas Gleichgültiges An­
erkennung verschaffen kann, vorausgesetzt, daß dies Gleichgültige in
einem symbolischen System organisiert ist. Das ist die Quelle des lange
Zeit unentzifferbaren Charakters des Traumes. Und aus demselben
Grund hat man lange Zeit die Hieroglyphen nicht verstanden — man
fugte sie nicht in dem ihnen eigenen symbolischen System zusammen,
man bemerkte nicht, daß eine kleine menschliche Silhouette ein Mensch
bedeuten kann, aber daß das auch den L aut Mensch repräsentieren und
306
als solcher zur Silbe eines Wortes werden kann. Der Traum ist wie die
Hieroglyphen gebildet. Freud zitiert, wie Sie wissen, den Stein von Ro­
sette.
Was nennt Freud Übertragung *? Das ist, sagt er, das Phänomen, das da­
durch zustande kommt, daß für einen bestimmten verdrängten
Wunsch (désir) eine direkte Übersetzung nicht möglich ist. Dieser
Wunsch ist seiner Diskursform untersagt, und kann sich keine Aner­
kennung verschaffen. W arum? Weil es unter den Elementen der Ver­
drängung etwas gibt, das am Unaussprechlichen teilhat. Es gibt we­
sentliche Beziehungen, die kein Diskurs zur Genüge ausdrücken kann,
es sei denn in dem, was ich eben das Zwischen-den-Zeilen nannte.
Ich möchte Ihnen ein nächstes Mal vom Führer der Unschlüssigen des
Maimonides reden, einem esoterischen Werk. Sie werden sehen, daß er
absichtlich seinen Diskurs so organisiert, daß das, was er bedeutet, was
nicht sagbar ist — er ist es, der spricht — sich gleichwohl enthüllen
kann. Durch eine bestimmte Unordnung, bestimmte Brüche, be­
stimmte absichtliche Diskordanzen sagt er das, was nicht gesagt wer­
den kann oder darf. Nun, die Lapsus, die Löcher, die Spannungen, die
Wiederholungen des Subjekts drücken gleichfalls, aber hier spontan,
unschuldig, die Art aus, in der sich sein Diskurs organisiert. Und das ist
es, was wir zu lesen haben. W ir werden darauf zurückkommen, denn
diese Texte sind es wert, nebeneinandergehalten zu werden.
Was sagt Freud uns in seiner ersten Definition der Übertragung *? Er
spricht uns von Tagesresten * von denen, so sagt er, vom Standpunkt des
Wunsches (désir) aus die Besetzungen abgezogen sind. Das sind im
Traum die umherirrenden Formen, die, für das Subjekt, von minde­
rem Gewicht geworden sind — und sich ihres Sinns entledigt haben.
Das ist also ein Signifikantenmaterial. Dies Signifikantenmaterial, es
270 kann phonematisch, hieroglyphisch, usw. sein, ist aus Formen zusam­
mengesetzt, die von ihrem eigentlichen Sinn abgefallen und in einer
neuen Organisation wieder aufgenommen sind, durch die hindurch
ein anderer Sinn sich ausdrücken kann. Genau das nennt Freud Über­
tragung *.
Der unbewußte Wunsch (désir), das heißt derjenige, den auszudrücken
unmöglich ist, findet trotz allem ein Mittel zum Ausdruck im Alpha­
bet, der Phonematik der Tagesreste, die ihrerseits vom Wunsch (désir)
nicht besetzt sind. Das ist also ein Phänomen der Sprache als solcher.
Ihm gibt Freud, als er ihn zum ersten Mal gebraucht, den Namen Über­
tragung *.
307
Gewiß, es gibt in dem, was sich in der Analyse herstellt, in bezug auf
das, was sich im Traum herstellt, jene wesentliche supplementäre Di­
mension, daß der andere da ist. Aber beachten Sie auch, daß die Träu­
me in dem Maße klarer und analysierbarer werden, wie die Analyse
vorankommt. Das liegt daran, daß der T raum immer mehr im Hin­
blick auf den Analytiker spricht. Die besten Träum e, die Freud uns
überliefert, die reichsten, die schönsten, die kompliziertesten, sind die­
jenigen, die im Verlauf einer Analyse stattfinden und darauf angelegt
sind, zum Analytiker zu sprechen.
Das ist es auch, was Sie über die eigentliche Bedeutung des Terms act­
ing-out aufklären muß. W enn ich eben vom Wiederholungszwang ge­
sprochen habe, wenn ich davon wesentlich im Zusammenhang der
Sprache gesprochen habe, so weil jedes H andeln in der Sitzung, acting-
out oder acting-in, in einen Kontext des Sprechens eingeschlossen ist.
M an qualifiziert alles Mögliche, was in der Behandlung geschieht, als
acting-out. Und nicht zu Unrecht. W enn sich so viele Patienten wäh­
rend der Analyse in eine Unmenge erotischer H ändel stürzen, wie zum
Beispiel sich verheiraten, so offenkundig durch acting-out. Wenn sie
handeln, so an die Adresse ihres Analytikers.
Das genau ist der Grund, aus dem m an eine Analyse des acting-out und
eine Analyse der Ü bertragung machen m uß, das heißt in einem Akt
seinen Sinn als den Sinn eines Sprechens auffinden. Sofern es für das
Subjekt darum geht, sich Anerkennung zu verschaffen, ist ein Akt ein
Sprechen.
Damit möchte ich Sie für heute verlassen.

16. J uni 1954

308
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DE L O C U T IO N IS S IG N IF IC A T IO N E

Nach dem sehr interessanten Beitrag, den unser Freund GranofTgelie­


fert hat und der sich wie ein Ring dem Fortgang, den das voraufgehen­
de Seminar eröffnet hatte, angeschmiegt hat, habe ich auf die bequem­
ste Weise meinen Gedanken weiter verfolgen und Sie bis zu einer Präzi­
sierung führen können, die, bis dahin, in der Folge von Fragen, die ich
vor Ihnen gestellt hatte, offengeblieben war.
Diese Präzisierung besteht darin, daß die Funktion der Übertragung
einzig und allein auf der Ebene des Symbolischen verstanden werden
kann. Um diesen zentralen Punkt ordnen sich sämtliche Äußerungen
an, in denen wir sie uns erscheinen sehen, und so bis ins Gebiet des Ima­
ginären hinein.
Um sie begreiflich zu machen, meinte ich nicht besser verfahren zu
können, als den Akzent auf die erste von Freud gegebene Definition der
Übertragung zu legen.
Worum es sich in der Übertragung im Grunde handelt, das ist die Be­
sitzergreifung eines erscheinenden Diskurses durch einen maskierten
Diskurs, den Diskurs des Unbewußten. Dieser Diskurs bemächtigt sich
der entleerten, disponiblen Elemente, die die TagesresU *sind, und alles
dessen, was, in der O rdnung des Vorbewußten, durch eine geringere
Besetzung jenes fundamentalen Bedürfnisses des Subjekts, sich Aner­
kennung zu verschaffen, disponibel gemacht worden ist. In dieser Lee­
re, in dieser Höhlung, mit dem, was derart zum. Material wird, drückt
sich der geheime, tiefe Diskurs aus. W ir sehen ihn im Traum, aber wir
finden ihn auch im Lapsus und in der gesamten Psychopathologie des
Alltagslebens wieder.
Von daher hören wir den, der zu uns spricht. Und wir haben uns nur
auf unsere Definition des Diskurses des Unbewußten zu beziehen, daß
er der Diskurs des andern ist, um zu verstehen, wie er authentisch die
Intersubjektivität in jene volle Realisierung des Sprechenseinfugt, die
der Dialog ist.
Das fundamentale Phänomen der analytischen Enthüllung ist dieser
Bezug eines Diskurses auf einen anderen, der ihn als Stütze nimmt. W ir
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finden darin jenes fundamentale Prinzip der Semantik manifestiert,
das darin besteht, daß jedes Semantem a u f die Gesamtheit des semanti­
schen Systems, auf die Polyvalenz seiner Verwendungen verweist.
Auch gibt es für alles, was der Sprache eigentlich zugehört, sofern sie
menschlich, das heißt im Sprechen brauchbar ist, nie eine Eindeu­
tigkeit des Symbols. Jedes Semantem hat immer mehrere Bedeu­
tungen.
Von daher stoßen wir auf jene in unserer Erfahrung absolut manifeste
W ahrheit, die auch die Linguisten gut kennen, daß jede Bedeutung
immer nur auf eine andere Bedeutung verweist. Auch haben die Lin­
guisten in dieser Sache ihre Partei ergriffen, und es ist im Innern dieses
Feldes, daß sie fortan ihre Wissenschaft entwickeln.
M an darf nicht glauben, daß sich das ohne Am biguität verfolgen ließe,
und daß, fiir einen Ferdinand de Saussure, der es klar gesehen hat, die
Definitionen immer auf eine vollkommen befriedigende Weise gege­
ben worden wären.
Der Signifikant, das ist das hörbare M aterial, was allerdings nicht
heißt, der Laut. Alles, was zur O rdnung der Phonetik gehört, ist nicht
schon in die Linguistik als solche eingeschlossen. Um das Phonem han­
delt es sich, das heißt um den Laut, wie er sich, innerhalb einer Gesamt­
heit von Oppositionen, einem anderen Laut entgegensetzt.
Wenn man vom Signifikat spricht, so denkt m an an die Sache, wäh­
rend es sich doch um die Bedeutung handelt. Nichtsdestoweniger sa­
gen wir, immer wenn wir sprechen, durch das Signifikat hindurch, die
Sache, das Bedeutbare. Da liegt ein Köder, denn es ist wohlverstanden
so, daß die Sprache nicht gemacht ist, die Sachen zu bezeichnen. Aber
dieser Köder ist in der menschlichen Sprache strukturierend und, in
gewissem Sinn, ist er es, auf den die Verifizierung jeder Wahrheit ge­
gründet ist.
Bei einer Unterhaltung, die ich kürzlich m it der hervorragendsten Ge­
stalt hatte, die wir auf diesem Gebiet in Frankreich besitzen, und die
vielleicht zu Recht als Linguist eingeschätzt wird, Herrn Benveniste,
hat man mich auf eine Sache hingewiesen, die nie klargestellt worden
ist. Sie werden vielleicht davon überrascht sein, weil Sie keine Lingui­
sten sind.
Gehen wir von dem Begriff aus, daß die Bedeutung eines Terms durch
die Gesamtheit seiner möglichen Verwendungen zu definieren ist. Das
kann sich auch auf Termengruppen ausdehnen, und es gibt, die Wahr­
heit zu sagen, keine Sprachtheorie, wenn m an die Verwendung von
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Gruppen, das heißt von Redewendungen, syntaktischen Formen nicht
gleichfalls in Rechnung stellt. Aber es gibt eine Grenze, und das ist die­
se — der Satz, er, hat keine Verwendung. Es gibt also zwei Zonen der
Bedeutung.
Diese Bemerkung ist von größter Wichtigkeit, denn diese beiden Zonen
der Bedeutung, das ist vielleicht etwas, auf das wir uns beziehen, denn
das ist vielleicht eine Art und Weise, die Differenz von Sprechen und
Sprache (langage) zu definieren.
Ein so hervorragender M ann wie Herr Benveniste hat diese Entdek-
kung kürzlich gemacht. Sie ist ungedruckt, und er hat sie mir als einen
273 aktuellen Schritt seines Denkens anvertraut. Das ist etwas, das geschaf­
fen ist, uns zu tausend Überlegungen zu inspirieren.
In der Tat, Pater Beirnaert hatte die Idee, mir zu sagen — A lies, was Sie
zum Thema der Bedeutung gesagt haben, wird das nicht illustriert in der Dispu­
tatio de locutionis significatione, die den ersten Teil von De magistro bildet?
Ich habe ihm geantwortet — Das sind goldene Worte. Dieser Text hat in
der Tat einige Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen, und auch in
dem, was ich Sie beim letzten Mal gelehrt habe. Man darf nicht die
Tatsache vernachlässigen, daß die Worte (les paroles), die ich Ihnen
sende, solche Antworten erhalten, das heißt solche Erinnerungen (com­
mémorations), wie sich der Heilige Augustinus ausdrückt, was im Latei­
nischen das genaue Äquivalent der Wiedererinnerung (remémoration)
ist.
Die W iedererinnerung durch Ehrwürden Pater Beirnaert kommt ge­
nauso zur rechten Zeit wie die Aufsätze, die uns Granoff mitgeteilt hat.
Und es ist ziemlich exemplarisch zu bemerken, daß die Linguisten,
wenn wir denn durch die Zeitalter hindurch eine große Familie ver­
sammeln können, die sich mit diesem Namen, die Linguisten, bezeich­
nen kann, fünfzehnhundert Jahre gebraucht haben, um, wie eine
Sonne, die von neuem aufgeht, wie eine Morgendämmerung, Ideen
wiederzuentdecken, die schon im Text des Heiligen Augustinus expo­
niert sind, der einer der bewundernswertesten ist, die man lesen kann.
Und ich hab’ mir das Vergnügen gemacht, ihn bei dieser Gelegenheit
wiederzulesen.
Alles, was ich Ihnen über den Signifikanten und das Signifikat gesagt
habe, ist da, entwickelt mit einer sensationellen Klarheit, so sensatio­
nell, daß ich furchte, die geistlichen Kommentatoren, die sich seiner
Exegese überlassen haben, haben nicht immer seine ganze Subtilität
gesehen. Sie ßnden, daß der profunde doctor ecclesiae sich in ziemlichen
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Belanglosigkeiten verirrt. Diese Belanglosigkeiten sind nichts anderes
als das, was es im modernen Denken über die Sprache an Schärfstem
gibt.

P. B eirnaert:— Ich hatte nur sechs oder sieben Stunden, um diesen Text ein we­
nig zu untersuchen, und ich kann Ihnen nur eine kleine Einführung geben.

Wie übersetzen Sie De locutionis signißcatione?

P. B eirnaert: — Von der Bedeutung des Sprechens.

Einwandfrei. Locutio ist Sprechen.

P. B eirnaert: — O ratio ist der Diskurs.

Wir könnten sagen — Von der Bedeutungsfunktion des Sprechens, denn wir 2«
haben im weiteren einen Text, in dem significatio selbst gerade diesen
Sinn hat. Sprechen ist hier im weiten Sinn gebraucht, das ist die im Vor­
trag, in der Eloquenz in Gang gesetzte Sprache. Es ist weder das volle
Sprechen, noch das leere Sprechen, es ist die Gesamtheit des Sprechens.
Das volle Sprechen, wie übertragen Sie das ins Lateinische?

P. Beirnaert: — Es gibt diesen Ausdruck — sententia plena. Die volle Aus­


sage ist diejenige, in der es nicht nur ein Verb, sondern ein Subjekt, ein Nomen
gibt.

Das heißt einfach der vollständige Satz, das ist nicht das Sprechen. Der
Heilige Augustinus versucht da nachzuweisen, daß alle Wörter Nomen
sind. Er gebraucht mehrere Argumente. Er erklärt, daß jedes Wort in
einem Satz als Nomen gebraucht werden kann. Wenn ist eine subordi­
nierende Konjunktion. Aber in dem Satz das wenn gefallt mir nicht ist
dieses Wort als Nomen gebraucht. Der Heilige Augustinus geht mit
aller Strenge und dem analytischen Geist eines modernen Linguisten
vor, und er zeigt, daß es die Verwendung im Satz ist, die die Qualifi­
zierung eines Wortes als Diskursteil definiert. Gut. Haben Sie dar­
über nachgedacht, wie volles Sprechen ins Lateinische zu übersetzen
ist?
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P. B eirnaert: — Nein. Vielleicht wird man dem im Laufe des Textes begegnen.
Wem Sie erlauben, werde ichjetzt den Dialog De Magistro situieren. Er ist von
Augustinus 389 verfaßt worden, einigeJahre nach seiner Rückkehr nach Afrika.
Er trägt den Titel Vom Lehrer, und es nehmen zwei Gesprächspartner an ihm
teil — Augustinus und sein Sohn Adeodatus, der zu diesem Zeitpunkt siebzehn
Jahre alt war. Dieser Adeodatus war sehr intelligent, es ist Augustinus, der das
sagt, und er versichert, daß die Worte des Adeodatus wirklich von diesem siebzehn­
jährigen Jungen gesprochen worden sind, der sich also als ein Disputant ersten
Ranges erweist.

Das Kind der Sünde.

P. B eirnaert: — Das zentrale Thema, das die Richtungfestlegt, in die sich der
Diskurs wendet, ist dies, daß die Sprache die Wahrheit des Außen durch die Worte
(paroles), die draußen ertönen, übermittelt, aber daß der Schüler die Wahrheit
immer innen sieht
Bevor er diesen Schluß erreicht, auf den die Diskussion zueilt, schlängelt sich der
Dialog lange hin und liefert eine Lehre von der Sprache und vom Sprechen, aus der
wir einigen Nutzen ziehen können.
Ich gebe seine zwei großen Teile an— der erste ist die Disputatio de locutionis
significatione, Diskussion über die Bedeutung des Sprechens, der zweite Teil
trägt den Titel Veritatis magister solus est Christus, Christus ist der einzige
Lehrer der Wahrheit.
Der erste Teil teilt sich seinerseits in zwei Abschnitte. Der erste ist vereinheitli­
chend mit De signis betitelt. Man übersetzt ziemlich schlecht — Vom Wert der
Worte. Es geht um etwas ganz anderes, denn man kann signum und verbum
275 nicht identifizieren. Der zweite Abschnitt trägt den Titel Signa ad discendum
nihil valent, die Zeichen taugen nichtfürs Lernen. Beginnen wir mit Uber die
Zeichen.
Frage des Augustinus an seinen Sohn — Was beabsichtigen wir, wenn wir spre­
chen? Antwort — Wir wollen lehren oder lernen, je nach der Stellung als Lehrer
oder als Schüler. Der Heilige A ugustinus wird zu zeigen versuchen, daß man selbst
dann noch lehrt, wenn man lernen will undfragt, um zu lernen. Warum? Weil man
den, an den man sich wendet, darüber belehrt, in welche Richtung man wissen will.
Die allgemeine Definition also — Du siehst also, mein Lieber, daß man mit der
Sprache nichts anderes tut, als den andern zu belehren.

Erlauben Sie mir eine Bemerkung? Sie begreifen, wie sehr wir von die­
sem Anfang an im Herzen dessen sind, was ich Ihnen hier zu erklären
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versuche. Er handelt sich um die Differenz, die zwischen der Kommu­
nikation durch Signale und dem Austausch des zwischenmenschlichen
Sprechens liegt, Augustinus ist sofort im Element der Intersubjektivi­
tät, da er den Akzent auf docere und dicere legt, die zu unterscheiden un­
möglich ist. Jede Frage ist wesentlich ein Einverständigungsversuch
zweier Sprechakte, was impliziert, daß es zunächst ein Einverständnis
der Sprachen gebe. Kein Austausch ist möglich, es sei denn vermittels
der reziproken Identifikation zweier vollständiger Sprachuniversen.
Deshalb ist jedes Sprechen schon als solches ein Lehren. Es ist kein Zei­
chenspiel, es siedelt sich nicht auf der Ebene der Information, sondern
auf derjenigen der W ahrheit an.

P. B eirnaert: — Adeodatus — Ich denke nicht, daß wir irgend etwas Uhren
wollen, wenn niemand da ist, um zu lernen.

Jede dieser Repliken verdiente, für sich isoliert zu werden.

P. B eirnaert: — Nachdem er den Akzent auf das Lehren gelegt hat, geht er über
zu einer hervorragenden Weise des Lehrens, per commemorationem, das heißt
durch Wiedererinnern. Es gibt also zwei Motive der Sprache. Wir sprechen, ent­
weder um zu Uhren, oder um entweder andre oder uns selbst wiederzuerinncm. Im
Anschluß an diesen Beginn des Dialogs stellt A ugustinus die Frage, ob das Spre­
chen nur eingesetzt worden sei, um zu lehren oder sich zu erinnern. Hier dürfen wir
die religiöse Atmosphäre, in der sich der Dialog ansiedelt, nicht vergessen. Der
Gesprächspartner antwortet, daß es immerhin noch das Gebet gebe, in dem man mit
Gott Zwiesprache halte. Kann man glauben, daß Gott von uns über etwas belehrt
oder an etwas erinnert würde? Unser Gebet hat Worte nicht nötig, antwortet darauf
Augustinus, es sei denn, die andern sollen wissen, daß wir beten. Im Gespräch mit
Gott versucht man nicht, sich zu erinnern oder das Subjekt, mit dem man Zwiespra­
che hält, zu belehren, sondern vielmehr die andern darauf aufmerksam zu machen,
daß man im Begriff ist zu beten. Man drückt sich also nur in bezug auf diejenigen
aus, die uns bei diesem Dialog sehen können.

Das Gebet rührt hier ans Unsagbare. Es ist nicht im Felde des Spre­
chens.

P. B eirnaert: — Das heißt, das Lehren geschieht durch Worte. Die Wörter
sind Zeichen. Wirfinden hier eine ausführliche Reflexion über verbum und si­
gnum, Um seinen Gedanken zu entwickeln und zu erklären, wie er das Verhältnis
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des Zeichens zum Bedeutbaren auffaßt, schlägt Augustinus seinem Gesprächspart­
ner einen Vers aus der Àneis vor.

Er hat bedeutbar noch nicht definiert.

P. Beirnaert: — Nein, noch nicht — es geht darum zu bezeichnen, aber was?


Man weiß es noch nicht Er nimmt also einen Vers aus der Äneis— Buch II, Vers
659— Si nihil ex tanta Superis placet urbe relinqui. Wenn es den Göt­
tern gefallt, daß von einer so großen Stadt nichts übrigbleibt. Und er
wird versuchen, duch maieutisches Vorgehenjenes aliquid zufinden, das bezeich­
net ist. Erfängt an, indem er seinen Gesprächspartnerfragt

A ug. — Wie viele Wörter enthält dieser Vers?


A d. — Acht
A ug. — Es sind also acht Zeichen?
A d. — So ist es,
A ug. — Verstehst du diesen Vers?
Ad. — Ich verstehe ihn.
A ug. — Sage mir jetzt, was die einzelnen Wörter bezeichnen.

Was das si betrifft, so hat Adeodatus einige Schwierigkeiten. Er müßte ein Äqui­
valentfinden. Er findet keines,

A ug. — Was auch immer durch dieses Wort bezeichnet wird, weißt du we­
nigstens, wo es sich befindet?
A d. — AIir scheint, daß si einen Zweifel bezeichnet Und wo ist ein Zweifel
sonst, außer in der Seele?

Das ist interessant, weil wir unmittelbar sehen, daß das Wort aufetwas Geistiges
verweist, auf eine Reaktion des Subjekts als solchen.

Sie sind sicher?

P. B eirnaert: — Ich glaube.

Schließlich spricht er da von einer Lokalisierung.

P. Beirnaert: — Die man nicht verräumlichen darf Ich sage in der Seele im
Gegensatz zum Materiellen, Dann geht erzürnfolgenden Wort über. Das ist nihil,
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das heißt nichts. Adeodatus sagt — Offensichtlich ist das das, was nicht exi­
stiert. Augustinus hält ihm entgegen, daß das, was nicht existiert, aufkeine Weise
etwas sein kann. A Iso ist das zweite Wort kein Zeichen, weil es nichts bezeichnet
Und zu Unrecht habe er gefolgert, daß jedes Wort ein Zeichen sei, oder daßjedes w
Zeichen etwas bezeichne. Adeodatus ist ratlos, wenn wir nichts zu bezeichnen ha­
ben, ist es Wahnsinn, zu sprechen. Also muß es da etwas geben.

A ug. — Gibt es nicht eine gewisse Reaktion der Seele, wenn sie, ohne etwas
zu sehen, doch herausgefunden hat oder herausgefunden zu haben glaubt, daß
die Sache nicht existiert? Warum sollen wir nicht sagen, daß dies, vielmehr
als die Sache selbst, die nicht existiert, das vom Wort nichts bezeichnete
Objekt ist?

Das also, was hier bezeichnet wird, ist die Reaktion der Seele vor einer Abwesen­
heit von etwas, das da sein könnte.

Der Wert dieses ersten Teils liegt genau darin, daß er die Unmöglich­
keit zeigt, mit der Sprache so zu verfahren, daß man Wort für Wort das
Zeichen auf die Sache bezieht. Das ist für uns hervorstechend, wenn
man nicht vergißt, daß die Negativität zur Zeit des Heiligen Augusti­
nus noch nicht ausgearbeitet war. U nd Sie sehen, daß er gleichwohl
durch die Macht der Zeichen, oder der Sachen -— wir sind da, um es
herauszufinden — in diesem sehr schönen Vers an dem nihil anstößt.
Die Wahl ist nicht vollkommen gleichgültig. Freud kannte Vergil mit
Sicherheit sehr gut, und dieser Vers, der das verschwundene Troja her­
aufbeschwört, gibt seltsamerweise ein Echo au f die Tatsache, daß
Freud, als er, in Das Unbehagen in der Kultur, das Unbewußte definieren
will, von den M onumenten des verschwundenen Rom spricht. Hier
wie dort handelt es sich um etwas, das in der Geschichte verschwindet,
aber das gleichzeitig, abwesend, anwesend bleibt.

P. B eirnaert: — Augustinus geht sodann zum dritten Term, ex, über. In diesem
Fall nennt ihm sein Schüler ein anderes Wort, um zu erklären, was es bedeutet. Das
ist das Wort de, ein Term der Trennung von einer Sache, in der sich das Objekt be­
findet, von dem man sagt, daß es daher stamme. Anschließend weist Augustinus
ihn darauf hin, daß er Worte durch Worte erklärt habe — ex durch de, ein sehr
bekanntes Wort durch andere sehr bekannte. Er drängt ihn nun, die Ebene zu ver­
lassen, auf da a sich ständig bewegt.

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A ug. — Ich möchte, daß du mir, wenn du kannst, die Dinge selbst zeigst,
deren Zeichen diese Wörter sind.

Als Beispiel wählt er die Mauer.

A ug. — Kannst du sie mit dem Finger zeigen? Und zwar derart, daß ich die
Sache selbst sehen kann, deren Zeichen dies zweisilbige Wart ist. Und du
sollst sie zeigen, ohne dabei zu sprechen.

Es folgt nun eine Darstellung der gestischen Sprache. Augustinus fragt seinen
Schüler, ob er die Tauben genau beobachtet hat, die mit ihren Leidensgefährten
durch Gesten kommunizieren. Und er zeigt, daß es, in dieser Sprache, nicht nur
sichtbare Dinge sind, die gezeigt werden, sondern auch Laute, Geschmäcke, usw.

278 O. Mannoni: — Das erinnert mich an das kleine Spiel, das wir am Sonntag in
Guitrancourt gemacht haben. Und auch ans Theater, die Schauspieler machen
Stücke verständlich und entwickeln sie, ohne zu sprechen, durch ihren Tanz. ..

Was Sie da ansprechen, ist in der T at sehr instruktiv. Das ist ein kleines
Spiel, bei dem es zwei Lager gibt, deren eines das andere, so schnell wie
möglich, ein Wort zu raten ermöglichen muß, das insgeheim vom
Spielleiter ausgegeben worden ist. Man macht dabei genau das klar,
woran uns der Heilige Augustinus in dieser Passage erinnert. Denn was
hier gesagt wird, ist nicht so sehr die Dialektik der Geste, als die Dialek­
tik der Anzeige (indication). Daß er die Mauer als Beispiel nimmt,
erstaunt uns nicht, denn mehr als an der realen Mauer wird er sich an
der M auer der Sprache stoßen. Auf diese Weise macht er bemerklich,
daß nicht nur die Dinge bezeichnet werden können, sondern auch die
Qualitäten. W enn jede Anzeige ( indication) ein Zeichen ist, so ist es ein
zweideutiges Zeichen. Denn wenn man uns die Mauer zeigt, wie sollen
wir wissen, ob es eben die M auer ist und nicht, zum Beispiel, die
Eigenschaft, die sie hat, wenn sie rauh ist, grün, grau, usw.? So hat in
dem kleinen Spiel vor kurzem jemand, der Efeu auszudrücken hatte,
Efeu geholt. M an hat ihm gesagt — Sie haben gemogelt. Das ist ein
Irrtum. Die Person brachte drei Efeublätter. Das konnte die Farbe
grün oder die Heilige Dreifaltigkeit oder noch anderes bezeichnen.

O. Mannoni: — Ich möchte eine Bemerkung machen. Ich will das Wort Stuhl
sagen Wenn mir das Wort selbst fehlt und ich einen Stuhl schwenke, um meinen
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Satz zu vervollständigen, so ist es nicht wirklich die Sache, die ich verwende, son­
dern das Wort. Es ist also nicht möglich, durch eine Sache zu sprechen, man spricht
immer mit Wörtern.

Ihr Beispiel veranschaulicht vollkommen, wie die Deutung in der Ana­


lyse vorgeht — wir deuten immer aktuelle Reaktionen des Subjekts,
wie sie in den Diskurs eingehen, wie ihr Stuhl, der ein Wort ist. Wenn
Freud Bewegungen, Gesten und angeblich Emotionen deutet, so han­
delt es sich genau darum.

P. B eirnaert: — Es gibt nichts, was ohne Zeichen gezeigt werden könnte. Adeo-
datus wird nun allerdings versuchen zu zeigen, daß es Sachen gibt, die es wohl wer­
den können. Augustinus stellt diefolgende Frage.

Aug. — Wenn ich dichfragte, was wandeln ist, und du dich erheben undes
vorführen würdest, würdest du dann nicht vielmehr die Sache selbst benutzen,
um sie mich zu lehren, als Wörter oder andere Zeichen?
Ad. —Ja, und ich schäme mich, daß ich eine so auf der Hand liegende Sache
nicht gesehen habe.
A ug. — Wenn ich dich, während du wandelst, fragte, was ist wandeln?
Wie würdest du es mich lehren?
Ad. — Ich würde dieselbe Handlung ein wenig schneller verrichten, so daß
deine A ufmerksamkeit nach deiner Frage durch etwas Neues angezogen wür­
de und doch nichts anderes geschähe als das, was gezeigt werden mußte.

Aberdas wäre eilen, was nicht dasselbe ist wie wandeln. Man wird glauben, am­
bulare sei festinare. Eben streifte man mit dem nihil die Negativität, jetzt, mit
diesem Beispiel, weist man darauf hin, daß ein Wort wie festinare sich auf alle
möglichen anderen Handlungen beziehen kann. Man sieht, genauer, daß das Sub­
jekt, wenn es eine beliebige Handlung in der ihr eigenen Zeit zeigt, verfügt es nicht
über Worte, keinerlei Mittel besitzt, die Handlung selbst zu konzeptualisieren,
denn es kann glauben, daß es sich um diese bestimmte Handlung nur in dieser be­
stimmten Zeit handelt. Wirfinden den Satz wieder — Die Zeit ist der Begriff.
Nur wenn die Zeit der Handlung selbst, abgetrennt von der bestimmten Handlung,
genommen wird, kann die Handlung als solche konzeptualisiert, das heißt in einem
Nomen bewahrt werden. Damit gelangen wirjetzt übrigens zur Dialektik des No­
mens.
Adeodatus erkennt also, daß wir eine Sache nicht ohne ein Zeichen zeigen können,
wenn wir sie in dem Augenblick, da wir danach gefragt werden, verrichten. Aber
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wenn wir nach einer Handlung gefragt werden, die wir verrichten können, aber die
wir in dem Augenblickt da man uns danachfragt. nicht schon verrichten, so können
wir durch die Sache selbst antworten, jWrm wir uns daran machen, diese Hand-
/uftg vorzuführen. W7r könnenfolglich ohne Zeichen zeigen, </rr Bedingung,
daß wir die Handlung nicht schon verrichten, wenn man uns danachfragt.

Adeodatus macht für eine einzige Handlung eine Ausnahme, nämlich


fur das Sprechen, Der andere fragt mich — Was ist sprechen? — Was ich
auch sage, um es ihn zu lehren, sagt das Kind, ich muß sprechen. Daher werde
ich meine Erklärungen so langefortsetzen, bis ihm klargeworden ist, was er wissen
will. Dabei werde ich von der Sache selbst, die er aufgezeigt haben möchte, nicht
ablassen und außer der Sache selbst nicht nach Zeichen suchen, mit deren Hilfe ich
sie ihm zeigen könnte. Das ist die einzige Handlung, die in derTat sich sel­
ber zeigen kann, weil sie wesentlich die Handlung ist, die sich durch die
Zeichen zeigt. Die Bedeutung allein wird in unserm Appell wiederge­
funden, denn die Bedeutung verweist immer auf die Bedeutung.

P. Bkirnaert: — Augustinus nimmt nun sämtliche angesprochenen Punkte noch


einmal vor, um sie zu vertiefen. Nehmen wir den ersten Purdct, daß die Zeichen sich
durch Zeichen zeigen lassen.

Auu. — Sind allein die Wörter Zeichen?


Ad. — Nein.
Aue. — Mir scheint also, daß wir durch Sprechen entweder die Wörter
selbst oder aber andere Zeichen durch Wörter bezeichnen.

280 Augustinus zeigt dann, daß man durch Sprechen andere Zeichen als das Sprechen
bezeichnen und benennen kann, zum Beispiel Gesten, Buchstaben usw.

Zwei Beispiele von Zeichen, die nicht verba sind — gestus und littera.
Hier zeigt sich der Heilige Augustinus heiler als unsere Zeitgenossen,
von denen einige tatsächlich annehmen, daß die Geste nicht der sym­
bolischen O rdnung angehört, sondern sich zum Beispiel auf der Ebene
einer tierischen Reaktion ansiedelt. Die Geste würde so einen Einwand
gegen unsere These darstellen, daß sich die Analyse vollkommen im
Sprechen abspielt. Und die Gesten des Subjekts? sagen sie. Nun, eine
menschliche Geste steht auf der Seite der Sprache und nicht auf der der
motorischen Äußerung. Das ist evident·

319
P. B eirnaert: — Ich setze die Lektürefort,

Aue. — A uf welches Sinnesorgan beziehen sich die Zeichen, die Wörter


sind?
A d. — A uf das Gehör.
A ug. — Und die Geste?
A d. — A uf das Gesicht.
A ug. — Und wenn wir auf geschriebene Wörter stoßen? Sind das keine
Wörter, oder versteht man darunter besser Zeichenfür Wörter? Derart, daß
ein Wort dasjenige wäre, was als Laut einer artikulierten Stimme mit einer
Bedeutung vorgebracht wird, die von keinem anderen Sinnesorgan ab dem
Gehör aufgenommen werden kann.

Also dies geschriebene Wort verweist auf das Wort, das sich ans Ohr richtet, der­
art, daß dieses sich dann an den Geist richtet. Nachdem er das gesagt hat, spricht
Augustinus nun von einem bestimmten verbum, vom nomen, dem Nomen.

A ug. — Wir bezeichnen sehr wohl etwas mit jenem verbum, das nomen
ist, denn wir können damit Romoius, Roma, fluvius, virtus, unzählige
Dinge bezeichnen — es ist nur ein Zwischenglied. Aber es besteht ein großer
Unterschied zwischen diesem Namen und dem Objekt, das er bezeichnet.
Worin besteht dieser Unterschied?
A d. — Die Namen sind Zeichen, die Dinge aber nicht.

Immer am Horizont also, ganz und gar an der Grenze, die Objekte, die keine Zei­
chen sind. In diesem Zusammenhang taucht zum erstenmal der Term significabi­
lia auf. Man wird bezeichenbar diejenigen Objekte nennen, die durch ein Zeichen
bezeichnet werden können, ohne selber Zeichen zu sein.

M an kann jetzt ein wenig schneller vorangehen. Die letzten Fragen be­
ziehen sich sämtlich auf die Zeichen, die sich selber bezeichnen. Es geht
darum, den Sinn des verbalen Zeichens zu ergründen, der um nomen
und verbum spielt— wir haben verbum m it Wort übersetzt, während Bru­
der Thonnard es in einem Fall mit Sprechen (parole) übersetzt.
Bei der Gelegenheit möchte ich bemerken, d aß es sein könnte, daß ein
isoliertes Phonem in einer Sprache nichts bedeutet. M an kann es nur
durch den Gebrauch und die Verwendung wissen, das heißt durch sei­
ne Integration in das Bedeutungssystem. Verbum wird so verwendet,
und darum dreht sich die Beweisführung, die sich darauf bezieht, ob
320
jedes Wort als ein nomen betrachtet werden kann. Die Frage stellt sich
tatsächlich. Selbst in denjenigen Sprachen, in denen der substantivi·
sehe Gebrauch des Verbs außerordentlich rar ist, wie im Französi­
schen, wo wir gemeinhin nicht sagen le laisser; lefaire, le se trouver, ist die
Scheidung von Nomen und Verb schillernder, als Sie glauben können.
Was hat Augustinus im Sinn, wenn er nomen und verbum identifizieren
will? Und welchen W ert geben Sie dem nomen in der Sprache des Semi­
nars?
Das ist genau das, was wir hier das Symbol nennen. Das nomen, das ist
die Totalität Signifikant-Signifikat, insbesondere sofern es zum Aner­
kennen dient, da sich auf es der Vertrag und das Einverständnis grün­
det. Es ist das Symbol im Sinn vom Vertrag. Das nomen wirkt auf der
Ebene der Anerkennung. Diese Übersetzung entspricht dem linguisti­
schen Geist des Lateinischen, wo es eine Vielzahl juristischer Verwen­
dungen des Wortes nomen gibt, das zum Beispiel im Sinn von Beglaubi­
gungstitel gebraucht werden kann.
Wir können uns also auf das Hugosche Wortspiel nomen, numen bezie­
hen — und man darf nicht glauben, Hugo sei ein Irrer gewesen. Das
Wort nomen hat in der T a t eine usprüngliche Form, die es mit numen,
dem Heiligen, in Beziehung bringt. Gewiß, die linguistische Entwick­
lung des Wortes ist vom nocere erwischt worden, was solche Formen wie
agnomen ergeben hat, bei dem es schwierig ist, nicht zu glauben, daß es
aus einer Verhaftung von nomen durch cognoscere hervorgegangen ist.
Aber die juristischen Verwendungen zeigen uns deutlich genug, daß
wir uns nicht täuschen, wenn wir darin eine Funktion von Anerken­
nung, Vertrag, zwischenmenschlichem Symbol wiedererkennen.

P .B eirnaert: — Tatsächlich. Der Heilige Augustinus erklärt das ausdrücklich


in einer Passage, wo er von Ausdrücken wie das heißt, das nennt sich spricht.
Das geschieht im Hinblick auf den intersubjektiven Bereich.

An einer anderen Stelle formuliert er eine phantastische Etymologie


von verbum und nomen — verbum ist das Wort, sofern es ans Ohr schlägt,
was unserm Begriff verbaler M aterialität entspricht, und nomen das
Wort, sofern es zu erkennen gibt. Nur, was nicht beim Heiligen Augu­
stinus steht— weil er nicht Hegel gelesen h a t— ist die Unterscheidung
zwischen Erkenntnis, agnoscere, und Anerkennung. Die Dialektik der
Anerkennung ist wesentlich menschlich, und da der Heilige Augustinus
seinerseits in einer Dialektik angesiedelt ist, die nicht atheistisch ist...
321
P. B eirnaert: — Wenn es aber das gibt, was heißt, sich erinnert, sich
nennt, so handelt es sick dabei um Anerkennung.

Zweifellos, aber er isoliert sie nicht, weil es für ihn, letzten Endes, nur
eine Anerkennung gibt, die Christi. Nichtsdestoweniger ist soviel si­
cher, daß zumindest das Them a erscheint. Selbst die Fragen, die er auf
eine von der unsern verschiedene Weise löst, sind zumindest angedeu­
tet — so ist es mit jeder kohärenten Sprache.

P. B eirnaert: — Sie wissen, eben das ist das Wesentliche.

Gehen Sie zum zweiten Kapitel über, das von dem handelt, was Sie die
Macht der Sprache genannt haben.

P. B eirnaert: — Sein Titel ist — D aß die Zeichen nicht taugen fürs Ler­
nen. Diesmal handelt es sich nicht mehr um das Verhältnis von Zeichen zu Zeh
chen, wir beschäftigen uns mit dem Verhältnis der Zeichen zu den bezeichenbaren
Dingen

Des Zeichens zur Lehre. (Du signe à renseignement.)

P. B eirnaert: — Das ist schlecht übersetzt, es heißt eher zum Bezeichenba­


ren.

So also übersetzen Sie dicendum. Ja, aber der Heilige Augustinus hat uns
andererseits gesagt, daß dicere, der wesentliche Sinn des Sprechens, doce­
re ist.

P. B eirnaert: — Ich überspringe zwei, drei Seiten Augustinus behauptet nun,


daß das Zeichen, sobald man es vernehme, die A ufmerksamkeit aufdie bezeichnete
Sache lenke. Wogegen er einen Einwand erhebt, der vom analytischen Standpunkt
aus interessant ist, denn man begegnet ihm von Zeit zu Zeit. Was würdest du sagen,
fragt er Adeodatus, wenn ein Gesprächspartner im Scherz den Schluß zöge, daß,
wennjemand von einem Löwen spricht, aus dem Mund dessen, der spricht, ein Lö­
we herausgekommen sei? Es ist, antwortet Adeodatus, das Zeichen, das aus dem
Mund herauskommt, und nicht die Bedeutung, nicht der Begriff, sondern sein Ve­
hikel. Nun will uns der Heilige A ugusiinus dahin lenken, daß, im Grunde, die Er­
kenntnis von den Dingen ausgehe. Erfragt zunächst, was vorzuziehen sei, die be­
zeichnete Sache oder das Zeichen. Nach einem injener Epoche vollkommen univer-
322
seilen Prinzip hat man die bezeichnelen Sachen höher zu schätzen als die Zeichen,
da die Zeichen sich nach der bezeickneten Sache richten, und da alles, was sich
nach etwas anderem richtet, weniger wert ist als das, wonach es sich richteL Es sei
denn, du urteilst anders darüber, sagt der Heilige Augustinus zu Adeodatus. Der
anderefindet einen Einwand.

A d. — Wenn wir Kot sagen, so ist, nach meiner Meinung, dieses Nomen viel
edler als die von ihm bezeichnete Sache»Denn wir hören es lieber als daß wir
mit ihm in Berührung kommen»

Das erlaubt, zwischen die Sache in ihrer Materialität und das Zeichen die Er­
kenntnis der Sache, das heißt die Wissenschaft, einzuführen. Was ist das Ziel,
283 fragt Augustinus, derjenigen, die einer so scheußlichen und verächtlichen Sache
einen Namen gegeben haben? Es geht darum, die andern über das Verhalten zu be­
lehren, das man dieser Sache gegenüber einnehmen muß. Und man muß eine höhne
Wertschätzung als der Sache der Erkenntnis der Sache entgegenbringen, die das
Wort selbst ist.

A ug. — Die Erkenntnis des Kotes muß in der Tatfür wertvoller gehalten
werden als der Name selbst, der seinerseits dem Kot selbst vorgezogen werden
muß. Denn es gibt keinen anderen Grund, die Erkenntnis dem Zeichen vorzu­
ziehen, als den, daß dieses wegen jener und nicht jene wegen dieses da ist.

Man spricht, um zu erkennen, und nicht umgekehrt. Andres Problem — ist die Er­
kenntnis der Zeichen der Erkenntn is der Sachen vorzuziehen? A ugustinus schneidet
die Antwort nur an. Schließlich beendet er diese Entwicklung mit den Worten:

A ug. — Die Erkenntnis der Sachen ist nicht besser als die Erkenntnis der
Zeichen, aber besser als die Zeichen selbst.

Dann kommt er auf das im ersten Teil angesprochene Problem zurück.

Aug. — Untersuchen wir des nähern diejenigen Dinge, die man durch sich
selbst, ohne ein Zeichen, zeigen kann, wie Sprechen, Gehen, sich Setzen und
dergleichen mehr. Gibt es Dinge, die ohne Zeichen gezeigt werden können?
A d. — Keines, außer dem Sprechen.
Aug. — Bist du dessen, was du sagst, ganz sicher?
Ad. — Ich bin durchaus nicht sicher.

323
A uguslinusführt als Beispielfür eine Sache, die sich ohne Zeichen zeigt, etwas an,
das mich an die analytische Situation hat denken lassen.

Aug. —Jemand»dem das Fangen von Vögeln, die man mit Ruten und Leim
zufassen sucht, nicht bekannt ist, begegnet einem Vogelfänger, der sein Fang­
zeug bei sich trägt und' ohne noch auf derJagd zu sein, seines Weges gebt,
sieht ihn, schließt sich ihm an undfragt sich erstaunt, was es mit dieser Aus­
rüstung auf sich habe; der Vogelsteller würde nun, sobald er sähe, daß die
Aufmerksamkeit des andern auf ihn gerichtet ist, um sich zu zeigen, seine
Leimrutenfertigmachen und ein in unmittelbarer Nähe beobachtetes Voglein
mit Flöte und Falken bewegungslos machen, sich ihm nähern und es einfan­
gen: würde er dann nicht seinen Zuschauer ohnejedes Zeichen, sondern durch
sein Handeln selbst lehren, was jener zu wissen begehrte?
Ad. — Ichfurchte, daß es hier wie mit dem steht, was ich in bezug aufden­
jenigen gesagt habe, derfragt, was wandeln ist. Ich sehe nämlich nicht, daß
die Kunst des Vogelfängers hier in ihrer Gesamtheit gezeigt worden ist
Aue. — Es ist leicht, dir diese Sorge zu nehmen. Ich setze nämlich hinzu —
vorausgesetzt, daß der Zuschauer genügend Einsicht besitzt, um mit dem,
was er gesehen hat, jene Kunst in ihrer Vollständigkeit zu erkennen. Es ge­
nügt nämlichfür unsem Zweck, daß eine Belehrung ohne Zeichen möglich ist
bei bestimmten, wenn auch nicht bei allen Dingen, und zumindest bei einigen
Menschen.
Ad. — Den Zusatz kann auch ich machen, daß wenn jener andere wirklich
einsichtig ist, er, wenn man ihm mit wenigen Schrittengezeigt hat, was wan­
deln ist, auch erkennen wird, was wandeln im ganzen ist.
Aug. — Ich gebe dir dazu die Erlaubnis, und mit Vergnügen. Du siehst, wir
erbringen beide den Beweis, daß es möglich ist, ohne die Verwendung von Zei­
chen einige Menschen einige Dinge zu lehren! Die Unmöglichkeit, ohne
Zeichen etwas zu lehren, ist alsofalsch. Nach diesen Bemerkungenfallen mir
nicht ein oder zwei Dinge, sondern tausende ein, die ohnejedes Zeichen sich
selbst zu zeigenfähig sind. Nicht zu reden von den unzähligen Schauspielen,
in denen die Menschen die Sachen selbst vorführen.

Woraufman antworten könnte, daß das, was sich ohne Zeichen zeigen kann, jeden­
falls schon bezeichnend ist, denn die Handlungen des Vogelfängers nehmen einen
Strm immer erst im Schoß eines Universums an, in dem die Subjekte schon lokali­
siert sind.

324
2

Pater Beirnaert erspart mir durch das, was er mit großer Genauigkeit
ausspricht, Sie darauf hinzuweisen, daß die Kunst des Vogelfängers
nur in einer schon durch die Sprache strukturierten Welt existieren
kann. Es ist nicht nötig, dabei noch zu verweilen.
Worum es für den Heiligen Augustinus geht, ist nicht, den Vorrang der
Sachen vor den Zeichen wiederherzustellen, sondern den Vorrang der
Zeichen in der wesentlich sprachlichen Funktion des Lehrens in Zwei­
fel zu ziehen. Hier öffnet sich der Spalt zwischen signum und verbum, no-
met%das Instrument der Lehre als Instrument des Sprechens.
Der Heilige Augustinus beruft sich auf dieselbe Dimension wie wir an­
deren Psychologen. Denn die Psychologen sind — im technischen, reli­
giösen Sinn des Wortes — geistlichere Leute als man glaubt. Sie glau­
ben, wie der Heilige Augustinus, an die Erleuchtung, an die Einsicht.
Das ist es, was sie, wenn sie Tierpsychologie treiben, mit dem Namen
Instinkt, Erlebnis bezeichnen — ich weise Sie beiläufig daraufhin.
Weil uns der Heilige Augustinus in die eigentliche Dimension der
Wahrheit hineinziehen will, verläßt er das Gebiet des Linguisten, um
jenen Köder zu nehmen, von dem ich Ihnen eben gesprochen habe. Das
Sprechen bewegt sich, sobald es sich einsetzt, in der Dimension der
Wahrheit. Nur, das Sprechen weiß nicht, daß es es ist, das die Wahrheit
macht. Und der Heilige Augustinus weiß es auch nicht, deshalb sucht
er die W ahrheit als solche, und durch Erleuchtung zu erreichen. Daher
eine vollständige Umkehrung der Perspektive.
Wohlverstanden, sagt er uns, letzten Endes sind die Zeichen völlig ohn­
mächtig, denn wir selbst können ihren Zeichenwert nicht erkennen, und
daß sie W örter sind, wissen wir erst, wenn wir wissen, was sie in der kon­
kret sprechenden Sprache bedeuten. Von daher fallt es ihm leicht, eine
dialektische Rückdrehung zu vollziehen und zu sagen, daß wir im Um­
gang mit den einander wechselweise definierenden Wörtern nie etwas
lernen. Entweder wir wissen schon die Wahrheit, um die es geht, und es
sind also nicht die Zeichen, die sie uns lehren, oder wir wissen sie nicht,
und wir können die Zeichen, die sich auf sie beziehen, nicht situieren.
Er geht noch weiter und verortet bewundernswert das Fundament der
Dialektik der W ahrheit, die im Herzen der analytischen Entdeckung
ist. In Gegenwart der Worte, die wir vernehmen, sagt er, befinden wir
uns in sehr paradoxen Situationen — nicht wissen, ob sie wahr sind
oder nicht, ihrer W ahrheit beipfiichten oder nicht, sie zurückweisen
325
oder akzeptieren, oder daran zweifeln. Aber in bezug auf die Wahrheit
situiert sich die Bedeutung alles dessen, was ausgesprochen wird.
Das Sprechen, das belehrte wie das lehrende, ist also in der Ordnung
des Mißgriffs, des Irrtums, der Täuschung, der Lüge situiert. Er geht
sehr weit, denn er stellt es sogar unter das Zeichen der Ambiguität, und
nicht nur der semantischen Am biguität, sondern der subjektiven Am­
biguität. Er nim m t an, daß das Subjekt selbst, das uns etwas sagt, sehr
häufig nicht weiß, was es uns sagt, und m ehr oder weniger sagt, als es sa­
gen will. Sogar der Lapsus wird eingeführt.

P. B eirnaert: — Aber er erklärt nicht, daß der Lapsus etwas heißen könnte.

Das ist ganz richtig, denn er nim m t an, daß er bedeutungsvoll ist, aber
ohne zu sagen wofür. Ein Lapsus findet für ihn dann statt, wenn das
Subjekt etwas anderes — aliud — bezeichnet, als es sagen will. Ein
anderes Beispiel, das die Ambiguität des Diskurses vollkommen erfaßt,
der Epikuräer. Der Epikuräer führt uns auf die Wahrheitsfunktion von
Argumenten, die er zu widerlegen glaubt. Doch diese haben an sich
selbst ein Wahrheitsvermögen, das sie befähigt, beim Hörer eine Über­
zeugung zu bestätigen, genau entgegengesetzt derjenigen, die der Epi­
kuräer ihm einzugeben wünschte. Sie wissen darüber hinaus, in wel­
chem M aße ein maskierter Diskurs,ein Diskursdes verfolgten Sprechens
— wie Leo Strauss sagt — unter einer politischen Zwangsherrschaft
zum Beispiel, bestimmte Sachen durchbringen und dabei so tun kann,
als würde er die Ansichten, die sein wahres Denken sind, ablehnen.
Kurz, um diese drei Pole, den Irrtum , den Mißgriff, die Ambiguität des
Sprechens, läßt Augustinus seine ganze Dialektik kreisen. Nun, als
Funktion dieser O hnm acht der Zeichen, zu lehren — um einfach die
Begriffe von Peter Beirnaert aufzugreifen— werden wir beim nächsten
Mal die begründende Dialektik der W ahrheit des Sprechens angehen.
In dem Dreifuß, den ich Ihnen überlasse, werden Sie ohne Mühe die
drei großen symptomatischen Funktionen wiedererkennen, die Freud
in den Vordergrund seiner Entdeckung des Sinns gestellt hat — die
Verneinung * die Verdichtung *, die Verdrängung *. Denn das, was im Men­
schen spricht, geht so weit über das Sprechen hinaus, daß es seine Träu­
me, sein Sein und sogar seinen Organismus durchdringt.

23. J uni 1954


326
XXI
A US D EM M IS S G R IF F
T A U C H T D IE W A H R H E IT A UF

Mißlungen ä gelungen
Das Sprechen von Jenseits des Diskurses
Mir fehlt das Wort
Der Traum von der botanischen Monographie