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Ontologie der griechischen Götter

Zusammengestellt aus Vlassis G. Rassias’ Artikel «Über die Natur der ethnischen Götter»
und aus seinem Buch «Thyrathen: Das Philosophie-Lexikon» (Athen 2006). Aus dem
Griechischen ins Deutsche von Stilian K. Ariston.

Die Götter sind ewige Wesen, die die materielle Welt umgeben, durchdringen und auf sie
einwirken. Sie beteiligen sich an der ewigen Synthese und Aposynthese
(Zusammensetzung und Zersetzung) der Formen. Sie greifen nicht in die Einflusssphären
anderer Götter ein. Sie sind den Gesetzen der physikalischen Welt untergeordnet und
dienen ihnen. Sie wirken auf ewig und ziehen sich nie zurück. Sie verbinden sich nicht zu
einer Person; sie werden nicht ersetzt und hören nicht auf zu existieren. Sie sind Wesen
und keine Personen. Alles ist vervielfachtes Eines (peplēthēsménon hen). Die
Bezeichnungen Eins und Monade haben nur einen vergleichenden arithmetischen Wert
und setzen die Existenz von Vielheit voraus. Alles ist vervielfältigte Einheit. Doch unter all
diesen [Entitäten] kann ein autonomes Eines niemals existieren ... Die Götter sind nicht
aus Körpern gebildet, denn die Mächte (dynámeis) sind unkörperlich, aber leider versteht
der menschliche Geist darunter die uns bekannten «Naturkräfte», wie zum Beispiel die
Schwerkraft, was aber nicht die Götter sind.

Deshalb halten wir am Begriff «Wesen» fest [ta onta]. Jede «Person» ist zweifellos
eingeschränkter als das wirklich Seiende [to óntos on] und zwangsläufig wirkt sie statt
einfach zu sein. Die Götter sind keine Personen, denn das würde Grenzen implizieren, die
die Götter nicht haben. Hier sind die sich selbst widersprechenden Theologen der
jüdischstämmigen Religionen gezwungen, ihren vernunftwidrig aufgefassten persönlichen
Gott außerhalb des manifestierten Kosmos zu setzen ... Für uns Ethniker jedoch sind die
Götter imstande, die Gesamtheit des wirklich existierenden Seins wie auch sich
gegenseitig zu durchdringen, jedoch ohne die jeweils eigene Natur zu verändern. Sie sind
nirgendwo eingeschlossen und vor allem werden sie durch nichts aufgezehrt, wie zum
Beispiel die vergänglichen Dinge, die mit der Zeit vergehen. Darüber hinaus, und das ist
sehr wichtig, besitzen sie weder ein Geschlecht noch irgendein anderes Charakteristikum
von sterblichen Wesen.
Die Götter sind vollkommene ONTA (Wesen), die aus dem «EN» (dem Einen) – durch
einfache Vervielfältigung seiner selbst zu einer Vielzahl – hervorgehen und damit alle
seine Eigenschaften bewahren. Die Götter bilden die intellektuelle Essenz des SYMPAN
(Universum). Die Götter repräsentieren das EINAI (Sein), die Ordnung, Ewigkeit und
MAKARIOTIS (Glückseligkeit) des höchsten ON [Seienden] als unvergängliche,
unzerstörbare, unwandelbare, unveränderliche Reflexionen und Repräsentationen seiner
selbst. Das Wirken der THEOI (Götter) unterliegt und dient dem Naturgesetz.

Die Götter bilden die erste aktive Vervielfältigung des ONTOS (Seienden), das
fälschlicherweise als THEOS (Gott) bezeichnet wird, darum unterscheiden sich Theologie
und Ontologie voneinander und werden von den Monotheisten absichtlich in Verbindung
gesetzt, um ihrer Theologie zu dienen. Die Götter sind ungeboren, vollkommen,
unsterblich, gerecht, formlos, allweise, ewig, immateriell, aber von feiner Substanz,
unveränderlich, unendlich und kohäsiv.