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Ethik 9/10 Sokrates

eva müller

Das Reden über Dinge, die man nicht sehen Mögliche Lösung:
kann ….

2 3
5

Aufgabe:
Was geschieht anschließend? – Streit darüber, wer Recht hat?
Ergänze, was jeder der Blinden sagt:
Wer hat Recht????
Ein Elefant ist wie …

1. ………………………..
2. ………………………..
3. ………………………..
4. ………………………..
5. ………………………..
… ist nicht leicht !
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Ethik 9/10 Sokrates
eva müller

Was ist Philosophie?


Liebe Sofie! Viele Menschen haben unterschiedliche Hobbys. Manche Alle kleinen Kinder haben diese Fähigkeit, das ist ja wohl klar. Nach weni-
sammeln alte Münzen oder Briefmarken, andere handarbeiten gern, noch gen Monaten werden sie in eine nagelneue Wirklichkeit geschubst. Aber
andere widmen fast all ihre Freizeit einer bestimmten Sportart. wenn sie dann heranwachsen, scheint diese Fähigkeit abzunehmen. Woher
Viele lesen auch gern. Aber was wir lesen, ist sehr unterschiedlich. Einige kann das kommen? Kann Sofie Amundsen diese Frage beantworten?
lesen nur Zeitungen oder Comics, andere mögen Romane, noch andere Also: Wenn ein kleines Baby reden könnte, würde es sicher erzählen, in was
ziehen Bücher über verschiedene Themen wie Astronomie, Tierleben oder für eine seltsame Welt es gekommen ist. Denn obwohl das Kind nicht spre-
technische Erfindungen vor. chen kann, sehen wir, wie es um sich zeigt und neugierig die Gegenstände
Wenn ich mich für Pferde oder Edelsteine interessiere, kann ich nicht ver- im Zimmer anfasst.
langen, dass alle anderen diese Interessen teilen. Wenn ich wie gebannt vor Wenn die ersten Wörter kommen, bleibt das Kind jedes Mal stehen, wenn es
allen Sportsendungen im Fernsehen sitze, muss ich mich damit abfinden einen Hund sieht und ruft: »Wauwau!« Wir sehen, wie es in der Kinderkarre
können, dass andere Sport öde finden. auf- und abhüpft und mit den Armen herumfuchtelt: »Wauwau! Wauwau!«
Gibt es trotzdem etwas, das alle interessieren sollte? Gibt es etwas, das alle Wir, die schon ein paar Jahre hinter uns haben, fühlen uns von der Begeis-
Menschen angeht- egal, wer sie sind oder wo auf der Welt sie wohnen? Ja, terung des Kindes vielleicht ein wenig überfordert. »Ja, ja, das ist ein Wau-
liebe Sofie, es gibt Fragen, die alle Menschen beschäftigen sollten. Und um wau!« sagen wir weiterfahren, »aber setz dich jetzt schön wieder hin.« Wir
solche Fragen geht es in diesem Kurs. sind nicht so begeistert. Wir haben schon früher Hunde gesehen.
Was ist das wichtigste im Leben? Wenn wir jemanden in einem Land mit Vielleicht wiederholt sich diese wüste Szene einige hundert Male, bis das
Hungersnot fragen, dann lautet die Antwort: Essen. Wenn wir dieselbe Fra- Kind an einem Hund vorbeikommen kann, ohne außer sich zu geraten. Oder
ge an einen Frierenden stellen, dann ist die Antwort: Wärme. Und wenn wir an einem Elefanten oder einem Nilpferd. Aber lange bevor das Kind richtig
einen Menschen fragen, der sich einsam und allein fühlt, dann lautet die sprechen lernt - oder lange bevor es philosophisch denken lernt-, ist die
Antwort sicher: Gemeinschaft mit anderen Menschen. Welt ihm zur Gewohnheit geworden.
Aber wenn alle diese Bedürfnisse befriedigt sind - gibt es dann immer noch Schade, wenn Du mich fragst. (...)
etwas, das alle Menschen brauchen? Ich präzisiere: Obwohl die philosophischen Fragen alle Menschen angehen,
Die Philosophen meinen ja. Sie meinen, dass der Mensch nicht vom Brot al- werden nicht alle Menschen Philosophen. Aus unterschiedlichen Gründen
lein lebt. Alle Menschen müssen natürlich essen. Alle brauchen auch Liebe werden die meisten vom Alltag dermaßen eingefangen, dass die Verwunde-
und Fürsorge. Aber es gibt noch etwas, das alle Menschen brauchen. Wir rung über das Leben weit zurückgedrängt wird. (Sie kriechen tief ins Kanin-
haben das Bedürfnis, herauszufinden, wer wir sind und warum wir leben. chenfell, machen es sich dort gemütlich und bleiben für den Rest des Le-
Sich dafür zu interessieren, warum wir leben, ist also kein ebenso »zufälli- bens da unten.)
ges« lnteresse wie das am Briefmarkensammeln. Wer sich für solche Fra- Für Kinder ist die Welt - und alles, was es darauf gibt - etwas Neues, etwas,
gen interessiert, beschäftigt sich mit etwas, das die Menschen schon fast so das Erstaunen hervorruft. Alle Erwachsene sehen das nicht so. Die meisten
lange diskutieren, wie wir auf diesem Planeten leben. Wie Weltraum, Erdball Erwachsenen erleben die Welt als etwas ganz Normales.
und das Leben hier entstanden sind, ist eine größere und wichtigere Frage Und genau da bilden die Philosophen eine ehrenwerte Ausnahme. Ein Phi-
als die, wer bei den letzten Olympischen Spielen die meisten Goldmedaillen losoph hat sich nie richtig an diese Welt gewöhnen können. Für einen Philo-
gewonnen hat. (...) sophen oder eine Philosophin ist die Welt noch immer unbegreiflich, ja, so-
gar rätselhaft und geheimnisvoll. Philosophen und kleine Kinder haben also
Da wären wir wieder. Du hast sicher schon begriffen, dass dieser kleine Phi- eine wichtige gemeinsame Eigenschaft. Du kannst sagen, dass ein Philo-
losophiekurs in passenden Portionen kommt. Hier ein paar weitere ein lei- soph sein ganzes Leben lang so aufnahmefähig bleibt wie ein kleines Kind.
tende Bemerkungen. Und jetzt musst Du Dich entscheiden, liebe Sofie: Bist Du ein Kind, das sich
Habe ich schon gesagt, dass die Fähigkeit, uns zu wundern, das einzige ist, an die Welt noch nicht »gewöhnt« hat? Oder bist Du eine Philosophin, die
was wir brauchen, um gute Philosophen zu werden? Wenn nicht, dann sage beschwören kann, dass ihr das auch nie passieren wird?
ich das jetzt: DIE FÄHIGKEIT UNS ZU WUNDERN, IST DAS Einzige, WAS Jostein Gardner, Sofies Welt
WIR BRAUCHEN, UM GUTE PHILOSOPHEN ZU WERDEN.
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Hauptperioden der griechischen Philoso-


phie in der Antike

600 bis 4.Jh. v. Chr. Vorsokratiker / ältere Naturphilosophie


Versuch, die Natur zu verstehen, ohne auf
mystische Erklärungen zurückzugreifen
Loslösung der Philosophie von der Religion
Beginn einer wissenschaftlichen Untersu-
chung der Welt

5. Jh. v. Chr. Sophisten


lehren Bildung und Beredsamkeit (Rhetorik)
gegen Entgelt
Mensch als Maß aller Dinge, ethischer Relat-
vismus

Mitte 5. Jh. v. Chr. Blütezeit der griechischen Philosophie


bis 322 v. Chr. Sokrates, Plato, Aristoteles

322 v. Chr. Hellenistische Phase


bis 6. Jh. nach Chr. Hauptinteresse verlagert sich von der Naturer-
forschung hin zum Menschen und der Ethik
Stoa, Epikur

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Gespräch zwischen Sokrates und Kriton im Kerker ze Stadt, zerstören?' Was könnten wir dann auf solche
Worte antworten? Werden wir dann antworten, dass
»Warum bist du so früh gekommen, mein guter Kri- uns vor der Flucht eine ungerechte Strafe auferlegt
ton?« worden ist?«
»Ich bin hier, o Sokrates, um dir eine traurige Bot- »Gewiss, so werden wir antworten.«
schaft zu bringen«, antwortet Kriton mit gramerfüllter
Stimme. »Einige Freunde haben mir berichtet, dass »Und wenn die Gesetze mir dann sagten: Wisse, o Wie lautet Sokrates*
Sokrates, dass man alle Urteile annehmen muss, ge- Argument 2 ?
das Schiff von Delos schon Kap Sunion umrundet hat.
Heute oder spätestens morgen wird es in Athen lan- rechte wie ungerechte, da die ganze Existenz des
den.« Menschen durch die Gesetze geregelt ist. Verdankst
du dein Leben vielleicht nicht uns? Hat dein Vater dei-
»Was soll daran merkwürdig sein? Früher oder später Welche Bedeutung ne Mutter vielleicht nicht kraft Gesetzes geheiratet und
musste es doch ankommen«, erwidert Sokrates. »Das haben die Götter für
dich gezeugt? Und haben nicht wir dich stets gelehrt,
bedeutet, den Göttern hat es so gefallen.« Sokrates?
das Vaterland zu ehren und vor dem Feind nicht zu-
»Sprich nicht so, und lass dich überreden, dein Leben rückzuweichen?' Wenn sie solche Fragen stellen wür-
zu retten. Ich habe mich mit den Gefängniswärtern den, was könnten wir dann antworten: dass sie die
schon abgesprochen, sie verlangen nicht einmal so Wahrheit sagen oder die Unwahrheit?«
viel Geld von mir, um dir die Flucht zu ermöglichen. »dass sie die Wahrheit sagen.«
Außerdem haben sich auch Simmias von Theben, Ke-
bes und viele andere angeboten, dir mit Geld zur »Und dennoch möchtest du, dass ich mich mit einem
Flucht zu verhelfen. Niemand soll mir einst vorwerfen komischen Umhang, womöglich sogar mit Frauensa-
können: 'Kriton hat Sokrates nicht zur Flucht verholfen, chen, verkleide und aus Athen fliehe, um vielleicht
weil er sein Geld nicht ausgeben wollte.'« nach Thessalien zu gehen, wo die Menschen gemein-
hin in Unordnung und Ausschweifungen leben, nur um
»Ich bin bereit zur Flucht. Vorher aber sollten wir ge- Nach welchem Krite- ein Leben, das sich ohnehin dem Ende zuneigt, um
meinsam überlegen, ob es wirklich richtig ist, dass ich rium entscheidet Sok- ein paar Jährchen zu verlängern! Wie könnte ich,
gegen den Willen der Athener versuche, aus dem Ge- rates, ob er Kritons
nachdem ich damit gegen die Gesetze verstoßen ha-
fängnis zu fliehen. Wenn es richtig ist, werden wir es Angebot annehmen
wird? be, noch über Tugend und Gerechtigkeit reden!«
tun, wenn es aber nicht richtig ist, werden wir es nicht Wonach richtet er sich
tun.« »Das könntest du, ehrlich gesagt, nicht.«
bei seiner Entschei- Wie lautet Sokrates*
»Wohl gesprochen, o Sokrates.« dung nicht? »Wie du siehst, guter Freund, kann ich wirklich nicht Fazit
flüchten; wenn du aber glaubst, mich noch überzeu-
»Glaubst du nicht, o Kriton, dass man im Leben nie- GANG DER ARGU- gen zu können, so rede, und ich werde dir mit größter s.o. Frage 2
mals, aus welchem Grund auch immer, eine Unge- MENTATION
Wie lautet Sokrates* Aufmerksamkeit zuhören.«
rechtigkeit begehen darf?«
These? »O mein Sokrates, ich habe nichts zu sagen!«
»Aus keinem Grund.«
»Dann finde dich damit ab, o Kriton, dass dies der s.o. Frage 1
»Auch nicht, wenn vorher eine Ungerechtigkeit be- Weg ist, den die Götter für uns bestimmt haben.«
gangen worden ist?«
»Auch dann nicht.«
Luciano De Crescenzo, Geschichte der griechischen Philosophie
»Und wenn wir nun annehmen, dass genau in dem Wie lautet Sokrates*
Augenblick, in dem ich mich davonmachen will, die Argument 1? Band 2: Von Sokrates bis Plotin, S. 35 f.
Gesetze kämen und uns fragen würden: 'Sag mal, o
Sokrates, was hast du denn vor? Du willst doch wohl
nicht uns, die wir die Gesetze sind und damit die gan-
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Erarbeitung des Textes


Welche Bedeutung haben die Götter für Sokrates? GANG DER ARGUMENTATION

Glaubt an das Schicksal, das von den Göttern vorbestimmt ist


Allgemeine Wahrheit

Nach welchem Kriterium entscheidet Sokrates, ob er Kritons Man darf unter keinen Umständen ungerecht handeln, auch
Angebot annehmen wird? dann nicht, wenn man selbst ungerecht behandelt worden ist.

Das Kriterium für eine Flucht ist, ob sich diese Handlung in ei- ò
ner vernünftigen Überlegung als die richtige erweist.
Anwendung
ò auf den konkreten Fall
1. Sokrates glaubt, dass man das Richtige mit Hilfe der Vernunft o Würde S. fliehen, würde er die Gesetze missach-
erkennen kann. ten, die Grundlage für den Staat sind. adurch
würde er den Staat schädigen, auch wenn dieser
sich im konkreten Fall ungerecht verhalten hat.
Wonach richtet er sich bei seiner Entscheidung nicht?
o S. hat bislang von den Gesetzen profitiert und
Er versucht nicht, die für ihn angenehmste Lösung zu finden. kann deswegen nicht jetzt, wo sie ihm schaden,
Er richtet sich nicht danach, was die andren sagen. die Gesetze missachten.
Nicht vom Gefühl oder Interessen leiten lassen, sondern von
vernünftigen Argumenten.
ò
Fazit
ò keine Flucht
2. Das Richtige ist also nicht das, was "die Leute" (Freunde, die
Mehrheit der Gesellschaft, die Tradition, irgendeine Autorität,
etc.) sagen, sondern nur das, was man selbst in einer der Ver- 4. In einer Entscheidungssituation tut man also dann das Richti-
nunft gehorchenden Überlegung herausgefunden hat. ge, wenn man auf den speziellen Einzelfall die allgemeine ver-
nünftige Erkenntnis anwendet.

3. Das Richtige ist damit nicht abhängig von äußeren Umständen,


etwa dem persönlichen Schicksal, Ängsten oder Neigungen.

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rates wieder zum Bewusstsein zu kommen.


Maieutik
Sokrates hat also, wie er betont, n i c h t s g e l e h r t , s o n d e r n nur
Dies Meisterstück der sokratischen Methode in Form der sokratischen Mai- richtig gefragt. Damit nun die wieder geweckte Erkenntnis geistiger Besitz
eutik (maieutike techne = Hebammenkunst) hat z.B. folgenden Gang: Me- werde, muss man das Problem ständig wiederholen und mit andern ver-
non und Sokrates unterhalten sich über das Wesen der Tugend. Da Menon knüpfen. Dass wir hier den ersten Versuch der arbeitsunterrichtlichen Me-
zunächst ratlos ist, fordert Sokrates seinen Partner auf, durch gemeinsames thode haben, sei nur nebenbei erwähnt. So, meint Sokrates, ist es auch bei
Suchen das Wissen von der Tugend zu finden. Aber Menon entgegnet: Man der Auffindung philosophischer Wahrheiten mit Hilfe der heuristischen Me-
könne das, was man nicht kenne, nicht suchen. Da weist ihn der Meister auf thode des Lehrers. Aber er erwähnt nicht, dass in diesem Fall die Illustration
die Lehre von der A n a m n e s i s (der Wiedererinnerung): Die Seele wurde durch Zeichnungen wegfällt. Philosophische Wahrheiten muss man ohne
in ihrer Präexistenz mit allem Wissen von dem Wesen der Tugend und an- Vordemonstrierung durch Zeichnungen finden!
derer Begriffe vertraut; aber durch die leibliche Geburt ging dieses Wissen
verloren; man könne es aber durch eine richtige Art des Fragens im Rah- Sokrates betont an der Theaetetstelle und auch sonst, dass er selbst kein
men des Dialoges wieder aufspüren. Wissen habe, dass er nur die andern von dem Wissen, m i t d e m s i e s
c h w a n g e r ge h e n, entbinde. Es ist nicht möglich. das Wissen und die
So holt Sokrates z.B. auch aus einem ungebildeten Sklaven die richtige Lö- Erkenntnis einzupflanzen; denn in Wahrheit ist d a s W i s s e n (Episteme)
sung eines mathematischen Problems heraus. Die Aufgabe lautet: Es ist ein s c h o n a p r i o r i i n d e r S e e l e. Viele verstanden ihn nicht und
V i e r e c k zu konstruieren, in diesem Falle ein Quadrat, das doppelt so verließen ihn; wenn dann aber manche wieder reuevoll zurückkehren woll-
groß ist wie das Quadrat ( A B C D) von 4 Fuß Inhalt; jede Seite beträgt also ten, riet das Daimonion davon ab, den Verkehr wieder aufzunehmen. Dieses
2 Fuß. Das gesuchte Quadrat muss also einen Inhalt von 8 Quadratfuß ha- i n d i r e k t e Wirken des Sokrates wird von allen seinen Schülern als ein
ben. Wie groß ist die Seite des gesuchten Quadrates? Antwort: 4 Fuß. An Hauptwesenszug herausgestellt. Er wird dadurch zum Vermittler positiver
Hand der Zeichnung wird aber klar gemacht, dass man so das Vierfache Erkenntnisse.
des gegebenen Vierecks erhält, ein Quadrat von 16 Quadratfuß ( A B1 C1
D1). Der Sklave rät nun auf 3 Fuß für die Seite, da die neue Seite größer als Das Ziel der Prüfung und des Aufspürens (El e n x i s) der Widersprüche im
2, aber kleiner als 4 sein muss; abc so bekommt man einen Inhalt von 9 Leben und in den Meinungen der Menschen ist das W i s s e n d e s N i c
Quadratfuß. h t w i s s e n s. Obwohl das Orakel den Sokrates als den Weisesten be-
zeichnet hat, ist er nur darin weise, zu wissen, dass er ein Nichtwissender
Nun sagt der Sklave, er wisse die Lösung nicht. Das ist für Sokrates, wie er ist. Darin liegt seine Überlegenheit über alle Zeitgenossen. Er misst sein
gegenüber Menon betont, der Anfang zum rechten Weg; denn N i c h t w i s Wissen nur an den Bürgern, Handwerkern und Politikern. Um das Wissen
s e n i s t b e s s e r a l s F a l s c h w i s s e n. Mit dem Nichtwissen (A von Himmel und Erde kümmert er sich nicht. Das technische Wissen kann
p o r i a) ist zugleich das Verlangen nach dem wahren Wissen geweckt. Der man lehren und anerziehen, das Denken (Phronein) kann man n i c h t an-
Grund des Irrtums muss erkannt werden; dann kommt man auf das Richtige. erziehen. Sein Grundsatz ist, die Menschen zu belehren, dass der Mensch
Es soll ja die Fläche des Quadrates verdoppelt werden, nicht die Seite. Der nur das weiß, wovon er Rechenschaft ablegen kann. Das gilt in erhöhtem
Sklave bekam den vierfachen Inhalt heraus, gesucht ist aber der doppelte. Maße für die sublimsten Fragen der Ethik, für alles, w a s d i e S e e l e u
Also muss man das Vierfache halbieren; man braucht also nur jedes einzel- n d d a s A g a t h o n b e t r i f f t.
ne der 4 Quadrate zu halbieren; dann bekommt man die Hälfte des Ganzen.
Man kann aber jedes der 4 Quadrate halbieren, indem man die Diagonalen
(BD, DE, EF, FB) zieht. Diese bilden wieder ein Quadrat; das ist die Hälfte
des vierfachen, also das gesuchte doppelte; also ist die Diagonale des ge-
gebenen Quadrates die gesuchte Seite des doppelten Viereckes. Sokrates
hat, wie er zu Menon sagt, nur die Wiedererinnerung an das geweckt, was
als Wissen in der Seele des Sklaven bereit lag; so kam der Sklave von
selbst durch geschickte Fragen auf die Lösung. Das Suchen und Lernen war
eine Wiedererweckung des Wissens, das in der Seele des Gefragten latent
vorhanden war und nur darauf wartete, durch die Hebammenkunst des Sok-
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Tafel

Aufgabe ( an einen Nicht-Mathematiker L):


Konstruiere das Quadrat mit der doppelten Fläche!

z.B.

Richtig !!!!
Falsch !!!!

Anleitung: s.o.

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Sokrates modern: Selbst entdeckendes Lernen


»Sokrates' Fragen sind in Wahrheit auch alles andere als Bitten um Bedürftiger ist; erst danach fängt er an, sich selbst etwas zu fragen;
Belehrung. Der Fragende [also Sokrates, E.M.] beherrscht deutlich erst danach begreift er überhaupt, dass an dem gestellten Problem
das Gespräch (...). Die sokratischen Fragen zwingen den Partner, etwas fraglich ist, und beginnt, sich dafür zu interessieren.«
sich zu decouvrieren, zu sagen, was er glaubt und für richtig hält, Be-
hauptungen aufzustellen und nachher sie zu begründen.« (...) Aber Klaus Draken, Das Unterrichtsgespräch
»Der Typ Sokrates» erschöpft sich nicht in dieser Beobachtung: »Der in: Ethik und Unterricht 3 / 2000, S. 19
Lehrer, der nichts lehrt: Sokrates hat mit diesem Paradox einen neu-
en Typ von Pädagogik erfunden. Man nennt sie, seinen eigenen Wor-
ten folgend, mäeutische Pädagogik, d.h. geburtshelfende Pädagogik.
Die Idee besteht darin, dass der Lehrer dem Schüler kein Wissen mit-
teilt, sondern ihm vielmehr bei der Produktion von Wissen Hebam-
mendienste leistet.« - Selbst entdeckendes Lernen ist wohl das ent-
sprechende pädagogische Schlagwort unserer Tage. - »Der Vorzug, Ich weiß, dass ich nichts weiß
der mäeutischer Pädagogik gegenüber gewöhnlicher Wissensvermitt-
lung zukommt, bestehe darin, sagt man, dass das Wissen auf diese Als sein Schulfreund Chairephon vom Orakel in Delphi wissen wollte,
Weise dem Schüler nicht äußerlich bleibe, sondern als selbst produ- wer unter den Menschen der weiseste sei, gab die sonst mehrdeutige
ziertes seiner Persönlichkeit integriert werde. Wenn man die Einheit Pythia eine scheinbar klare Antwort: "Von allen Menschen ist Sokra-
von Wissen und Person als das entscheidende Charakteristikum phi- tes der Weiseste."
losophischen Wissens bezeichnet, also ein typisch philosophischer
Effekt.« Das wollte der Philosoph nicht so ohne weiteres auf sich sitzen las-
sen. Was konnte Apollon, der Herr des Orakels, mit seinem Spruch
Dies ist eine positive Seite des sokratischen Fragens, wie sie der Phi- meinen? Sokrates machte sich an Menschen heran, die im Ruf der
losoph wahrnimmt. »Das sokratische Gespräch ist also Anregung Weisheit standen, um so vielleicht das Orakel zu widerlegen - an sich
und Anleitung zur selbstständigen Produktion von Wissen und als E- schon ein ketzerisches Unterfangen. Sokrates fing bei einem Politiker
lenktik Kontrolle und Überprüfung des Ergebnisses.« an, mit dem Ergebnis, dass jener sich wohl weise vorkomme, es aber
keineswegs sei. Ähnlich erging es ihm bei den Intellektuellen, bei
Diese Überprüfung wiederum hat es in sich! »Der Vorgang enthält ei- Dichtern und Schriftstellern, bei den Handwerkern, die er auf ihre
ne typische Figur sokratischen Vorgehens: Er unterstellt bei seinen "Weisheit" abklopfte. Laut Platon (Apologie) kommt Sokrates zu den
Gesprächspartnern zunächst, dass sie die Dinge wissen, wonach er Ergebnis, dass nur der Gott weise sei, die menschliche Weisheit aber
sie fragt. (...) Sokrates prüft dann die Antworten und verwirft sie als nur wenig wert sei oder gar nichts. Der Spruch des Orakels habe da-
Fehlgeburten. Dieser Vorgang wiederholt sich meistens mehrere Ma- her zu besagen, dass am weisesten sei, wer wie Sokrates erkannt
le, in der Regel mit wachsender Raffinesse der Antwort, aber auch hat, dass er, recht betrachtet, nichts wert ist, was seine Weisheit be-
mit wachsender Unruhe des Befragten. Schließlich gerät der Befragte trifft. Eine Erkenntnis, die nicht ganz korrekt zu dem Satz popularisiert
in die Ausweglosigkeit, in die Aporie. (...) Der Schock, in den der Zög- wurde "ich weiß, dass ich nichts weiß".
ling durch das Scheitern versetzt wird, die Verwirrung, die Aporie ist
überhaupt der entscheidende Effekt der sokratischen Methode. Erst
aufgrund dieser Erfahrung wird nämlich dem Zögling klar, dass er ein
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Zum Begriff des Daimonion


In der Apologie erwähnt Sokrates, was man ihn oft und an vielen Or-
ten habe sagen hören:
„… dass mir etwas Göttliches und Dämonisches begegnet. Dies be-
gegnete mir von Kindheit an schon, eine Stimme, die, wenn ich sie
höre, mich jedes Mal abhält, das zu tun, was ich eben vorhabe - nie-
mals redet sie zu. Das ist es, was mich daran hinderte, mich politisch
zu betätigen."
In seiner letzten Rede nach dem Todesurteil fragt er nach dem Sinn
dieses Todesurteils und führt aus:
,,Die gewohnte weissagende Stimme, mein Vorzeichen, erklang mir
in der letzten Zeit ganz besonders häufig, und sie widerstand mir
auch bei ganz geringen Anlässen, wenn ich etwas nicht richtig tun
wollte. Jetzt aber ist mir, wie ihr selber seht, das geschehen, was
mancher wohl als das äußerste Übel ansehen könnte. Aber weder als
ich heute morgen das Haus verließ, widerstand mir das Zeichen des
Gottes, noch in dem Augenblick, als ich hier die Gerichtsstätte betrat,
noch auch irgendwo in der Rede, wenn ich etwas sagen wollte. Hielt
es mich doch bei anderen Gesprächen mitten im Satz an. Heute aber
hat es in der ganzen Verhandlung weder meinem Tun noch meinem
Reden irgendwo widerstanden. Was für eine Ursache nun soll ich mir
dafür denken? Ich will es euch sagen: Es muss wohl so sein, dass es
etwas Gutes ist, das mir zustieß, und unmöglich können wir recht ha-
ben, wenn wir annehmen, der Tod sei ein Übel. Dafür ist mir dies ein
großer Beweis. Denn unmöglich würde mir das gewohnte Zeichen
nicht widerstanden haben, wenn ich nicht im Begriff gewesen wäre,
etwas Gutes zu tun.

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Ethik 9/10 Sokrates
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Was ist „fromm“?


Sokrates diskutiert mit dem Priester Euthyphron über das Wesen der Euth.: So scheint es. (. ..)
Frömmigkeit.
Sokr.: Also ist das Gottgefällige nicht das Fromme, o Euthyphron.
Der Hintergrund: Die beiden Gesprächspartner treffen sich zufällig (...) Dann erkläre mir doch, was das Wesen des Frommen
vor dem Amtsgebäude des Anklagevertreters - Sokrates, weil er we- sei, als das es von den Göttern geliebt wird. (...)
gen Verführung der Jugend angeklagt ist, der Priester Euthyphron in
Euth.: Aber ich weiß nicht, wie ich dir sagen soll, was ich denke.
der Absicht, seinen Vater wegen Mordes an einem Tagelöhner zu
Denn wovon wir ausgehen, das geht uns ja immer im Kreise
verklagen. Euthyphron istt sich verbittert darüber, dass seine Umge-
herum und will nicht bleiben, wohin wir es gestellt haben. (...)
bung für dieses Vorgehen kein Verständnis zeigt..
Sokr.: Ich will mich mit dir bemühen zu zeigen, wie du mich beleh-
ren könntest über das Fromme; und werde mir nur nicht vor-
Euth.: Man behauptet es sei ruchlos, dass der Sohn den Vater des her müde. Sieh also zu, ob du nicht für notwendig hältst,
Totschlags anklage. Aber schlecht, o Sokrates, wissen Sie, dass alles Fromme auch gerecht sei?
wie das Göttliche sich verhält, was Frommes und Ruchloses
Euth.: Allerdings.
betrifft. (...)
Sokr.: (. . .) Ist aber dort, wo Gerechtes ist, immer auch Frommes?
Sokr.: So sage also, was du behauptest, was das Fromme sei und
was das Ruchlose. (...) Euth.: Nein.
Euth.: Ich möchte behaupten, das sei das Fromme, was alle Götter Sokr.: Und das darum weil nämlich das Fromme ein Teil des Ge-
lieben, und gegenteils, was alle Götter hassen, sei ruchlos. rechten ist. (...)
...
Sokr.: Wie nun? Wird das Fromme von den Göttern geliebt, weil es
fromm ist oder ist es fromm, weil es geliebt wird?
Euth.: Ich verstehe nicht, was du meinst, Sokrates.
Sokr.: So will ich versuchen, es dir deutlicher zu erklären. Wir nen-
nen doch etwas bewegt und bewegend, getrieben und trei-
bend, gesehen und sehend, und du siehst doch ein, dass
es voneinander verschieden ist und wie es verschieden ist.
Euth.: Dies glaube ich einzusehen.
Sokr.: Gibt es nicht ebenso auch ein Geliebtes und von diesem
verschieden das Liebende?
Euth.: Wie sollte es nicht? (...)
Sokr.: Was sagen wir also von dem Frommen, Euthyphron? (...)
Weil es fromm ist, deshalb wird es geliebt, und nicht, weil es
geliebt wird, deshalb ist es fromm.
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Gespräch Sokrates‘ mit Menon über die Tu-


gend
SOKRATES: »Kannst du mir sagen, O Menon, was die Tugend ist?« SOKRATES: »Und wenn du wüsstest, dass der Freund, dem du
Geld gibst, dieses Geld für eine böse Tat verwendet,
MENON: »Was soll daran schwierig sein? Die Tugend des Man-
hättest du auch dann noch eine gute Tat vollbracht?«
nes besteht darin, dass er die staatlichen Angelegen-
heiten gut verwaltet, den Freunden hilft und den Fein- MENON: »Nein, in dem Fall sicher nicht.«
den schadet. Die Tugend der Frau dagegen besteht
SOKRATES: »Also fassen wir zusammen: Einem Freund Geld zu
darin, das Haus in Ordnung zu halten und ihrem Man-
geben, kann eine gute Tat sein oder auch keine gute
ne treu zu sein. Dann gibt es da noch die Tugend des
Tat, während es eine gute Tat sein könnte, einem Geld
Kindes, die des Greises, die. .. «
zu geben, der kein Freund ist.«
SOKRATES: »Sieh mal an, welch ein Glück ich heute früh habe! Ich
MENON: »Nun weiß ich nicht mehr weiter ...«
suchte nur eine einzige Tugend und habe einen gan-
zen Schwarm gefunden... Apropos Schwarm, O Me-
non, gibt es deiner Meinung nach viele Arten von Bie-
nen?«

Das Gespräch zwischen Sokrates und Menon zum Beweis, dass die
MENON: »Viele, gewiss, und jede Art unterscheidet sich von der
Wurzel aus 2 existiert.:
anderen durch Größe, Schönheit und Farbe.«
http://mathematik.ph-weingarten.de/~ludwig/Vorlesungen/ss2006/didalgebra/Sokrates_Menon.pdf
SOKRATES: »Und bei all dieser Verschiedenheit gibt es aber etwas,
das dich veranlasst zu sagen: Oh, hier eine Biene?«
MENON: »Ja, die Tatsache, dass sie eine Biene ist und sich
darin von den anderen Bienen nicht sehr unterschei-
det.«
SOKRATES: »Also bist du fähig, eine Biene, egal welcher Art, als
eine solche zu erkennen. Und wenn ich dich nun frag-
te, was Güte ist?«
MENON: »Dann würde ich dir antworten, Güte ist, wenn man
seinem Nächsten hilft und einem Freund Geld gibt,
wenn er keines hat.«
SOKRATES: »Ach, aber wenn du einem hilfst, der nicht dein Freund
ist, bist du nicht gut?«
MENON: »Doch, doch, auch wenn ich einem helfe, der nicht
mein Freund ist, vollbringe ich eine gute Tat.«
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