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Kulturfaktoren

Die Neuordnung der Rundfunkverteilung bei der GEMA


von Mathias Lehmann
Dass die Verteilung der GEMA-Tantiemen für Musik im bringen, indem die Relevanz und kulturelle Bedeutung
Rundfunk neu geregelt wurde, ist eine Nachricht, die au- der Musik im Sendekontext mit Rücksicht auf die Inhalte
ßer für die direkt beteiligten Urheber und Verlage nor- der einzelnen Programme berücksichtigt wird. Zu die-
malerweise nicht von großem Interesse ist. Anders ver- sem Zweck werden [...] aufgrund objektiver Kriterien so-
hält es sich jedoch bei der in diesem Jahr beschlossenen genannte Kulturfaktoren für alle Hörfunkwellen des öf-
Neuordnung der Rundfunkverteilung, bei der erstmals fentlich-rechtlichen und privaten Hörfunks gebildet.“ 2
der besonderen Förderung der Kultur eine zentrale Be- Zur Ermittlung der Kulturfaktoren wurden insgesamt
deutung zukommt. Ist die Förderung der Kultur auch in zehn Kriterien erarbeitet, die nicht nur die kulturelle Be-
diesem Bereich ganz grundsätzlich zu begrüßen, liefert deutung der gesendeten Musik berücksichtigen, sondern
die Neuregelung zudem auch objektivierte Daten über auch den Anteil von Eigenproduktionen und Live-Mit-
die Rundfunksender, die gerade für den öffentlich-recht- schnitten, den Anteil von redaktionell betreuten Beiträ-
lichen Rundfunk eine kulturpolitische Relevanz haben, gen mit Musikbezug, den Anteil eigener musikalischer
die bisher kaum beachtet worden ist. Ereignisse wie Festivals, Konzerte et cetera oder die Pro-
Die grundlegende Neuerung der Rundfunkverteilung grammvielfalt. In die Kulturfaktoren fließen also glei-
ist, dass nicht mehr jedes gesendete Musikstück im öf- chermaßen die gesendete Musik wie auch der journalisti-
fentlich-rechtlichen Rundfunk einheitlich mit dem Fak- sche Anspruch in der Präsentation dieser Musik sowie
tor 1 gewichtet wird, sondern mit einem individuellen das kulturelle Engagement der Wellen im Sendegebiet
Faktor, der sich aus der Größe der jeweiligen Sender (dem mit ein. Inwieweit hier wirklich „objektive Kriterien“ ge-
sogenannten „Senderkoeffizienten“) und der kulturellen schaffen wurden, um die kulturelle Bedeutung der Wel-
Bedeutung der jeweiligen Hörfunkwelle (dem sogenann- len zu berechnen, sei dahingestellt und kann sicherlich
ten „Kulturfaktor“) errechnet. diskutiert werden. Allerdings wurden diese nicht nur un-
Während die „Senderkoeffizienten“ sich im Wesent­ ter Einbezug möglichst vieler GEMA-Mitglieder erarbei-
lichen aus dem Inkasso der Sendeunternehmen errech- tet, sondern auch von der Mitgliederversammlung der
nen, also deren „Größe“ abbilden, sind die neu geschaffe- GEMA im April 2014 mit großer Mehrheit beschlossen –
nen „Kulturfaktoren“ der einzelnen Hörfunkwellen auch besitzen also durchaus eine gewisse Legitimation. Vor al-
kulturpolitisch von einiger Brisanz. Denn sie führen zu- lem aber wurden so erstmals konkret berechnete Zahlen
sammen mit den Senderkoeffizienten zu einer deut­ geschaffen – die rechnerisch zwischen 1 und 6 liegen
lichen Umverteilung bei der Verteilung der Rundfunk- können –, die die kulturelle Bedeutung der Hörfunkwel-
einnahmen der GEMA zugunsten von Kompositionen, len ausdrücken!
die auf Sendern mit hohem Kulturfaktor gespielt werden. Wenn man die Kulturfaktoren für 2013 betrachtet,
So bekommen die Komponisten für ein Musikstück, dann sind die niedrigsten Kulturfaktoren erwartungsge-
wenn es bei einem kleinen Sender mit niedrigem Kultur- mäß bei den Infokanälen zu finden, bei denen Musik le-
faktor gesendet wird, deutlich weniger Tantiemen als zu- diglich als Pausenfüller dient, sowie bei den Wellen, die
vor, bei einem großen Sender mit hohem Kulturfaktor vorwiegend unkommentiert die aktuellen Pop-Charts
aber deutlich mehr. Wird zum Beispiel eine Komposition spielen. Unter den Wellen mit den höchsten Kulturfakto-
auf „Bremen 1“ gesendet, erhält der Komponist nur noch ren befinden sich, wiederum nicht überraschend, die
rund ein Viertel der Tantiemen, die er im vergangenen meisten „Kulturwellen“ der öffentlichen Sender. Ledig-
Jahr dafür bekommen hätte. Wird dasselbe Stück aber lich zwei „Kulturwellen“ fallen hier etwas ab.
auf WDR 3 gesendet, bekommt der Komponist im Ver- Die Verteilung der Kulturpunkte lässt sich am Beispiel
gleich zum Vorjahr mehr als das Dreieinhalbfache. eines großen Senders wie zum Beispiel dem WDR gut
Über die Einführung dieser Kulturfaktoren schreibt die demonstrieren: Da hat die Informationswelle WDR 5 im
GEMA: „Im Rahmen der Reform der Rundfunkvertei- Sender mit 2,25 den niedrigsten Kulturfaktor, es folgen
lung hat die Mitgliederversammlung auch beschlossen,
entsprechen, dass kulturell bedeutende Werke und Leistun-
das Prinzip der kulturellen Förderung gem. § 7 Satz 2 gen zu fördern sind.“
UrhWg 1 im Hörfunk stärker als bisher zur Geltung zu   2 Diese und alle weiteren Zahlen und Zitate der GEMA sind
der Broschüre „Informationen zur Verteilung im Hörfunk“
  1 In § 7 Satz 2 des Urheberrechtswahrnehmungsgesetzes entnommen, die als PDF auf den Internetseiten der GEMA
heißt es: „Die Verwertungsgesellschaft hat die Einnahmen frei herunterzuladen ist (https://www.gema.de/fileadmin/
aus ihrer Tätigkeit nach festen Regeln (Verteilungsplan) user_upload/Musikurheber/Informationen/information_
aufzuteilen [...]. Der Verteilungsplan soll dem Grundsatz verteilung_hoerfunk.pdf).

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WDR 2 mit dem Kulturfaktor 3,0, das Funkhaus Europa Die Kulturfaktoren der Wellen werden von der GEMA
mit 4,0, 1LIVE mit 4,05, WDR 4 mit 4,35, und die Kultur- jedes Jahr neu berechnet. Auch dies ist kulturpolitisch
welle WDR 3 hat mit 5,0 den höchsten Kulturfaktor. spannend, da so nicht nur die Hörfunkwellen der ver-
Aufschlussreich ist es vor allem, einmal die Kulturfak- schiedenen Sender in ihrer kulturellen Bedeutung mit­
toren der verschiedenen Kulturwellen zu vergleichen: ein­ander vergleichbar werden, sondern auch, weil jede
Änderung im Sendeprofil einer Welle auch gleich Aus-
Kulturradio vom rbb (5,45)
wirkungen auf ihren Kulturfaktor haben kann. Argumente
BR-Klassik (5,25)
für oder gegen die Reformen der Rundfunksender können
hr 2-Kultur (5,0)
in Zukunft dadurch untermauert oder entkräftet werden,
MDR Figaro (5,0)
dass der Kulturfaktor im folgenden Jahr gesunken oder
WDR 3 (5,0)
gestiegen ist.
Deutschlandradio Kultur (4,95)
Ich würde mir wünschen, dass die Kulturfaktoren aller
SR 2 KulturRadio (4,8)
Sender jedes Jahr einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt
SWR 2 (4,8)
und von allen Rundfunksendern zur Kenntnis genom-
Nordwestradio (4,3)
men werden. Sie sollten die Sender motivieren, regelmä-
NDR Kultur (4,0)
ßig ihr Programm zu reflektieren und ihr kulturelles Pro-
Angesichts dieser Zahlen stellen sich mir mehrere Fra- fil zu schärfen, um die kulturelle Bedeutung jeder einzel-
gen: Warum hat NDR Kultur den mit Abstand niedrigs- nen Welle sukzessiv zu erhöhen.
ten Kulturfaktur (der sogar noch um 0,1 hinter dem des Ohne dass das von der GEMA vielleicht intendiert war,
NDR Jugendsenders n-joy liegt!)? Und was wird getan, gibt es nun – fernab von den bisher im Vordergrund ste-
damit die Kultur dort wieder den Stellenwert bekommt, henden rein quantitativen Zahlen der Reichweite und der
den die Welle im Namen trägt? Warum will der Bayeri- Einschaltquote – auch qualitative Zahlen über die kultu-
sche Rundfunk mit BR Klassik gerade die Welle aus dem relle Bedeutung der Rundfunksender. Die gilt es in Zu-
analogen Netz nehmen, die den höchsten Kulturfaktor kunft in ihrer Entwicklung zu beobachten, zu interpretie-
im Sender und den zweithöchsten Kulturfaktor aller Wel- ren und in den kulturpolitischen Diskurs um die Ent-
len in Deutschland hat? Und welche kulturpolitische wie wicklung des Hörfunks in Deutschland einfließen zu
gesellschaftliche Haltung steht dahinter? lassen.

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