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Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Lichte der Senatsuntersuchungen 1935/36

Von Wolf Heberlein

Die folgende Darstellung bezweckt aus der Fülle zusammen­ hangloser Presseberichte, die über dieses Thema erschienen sind, ein geschlossenes und zusammenhängendes Bild zu vermitteln über

Ergebnisse der Washingtoner Senats­

untersuchung. Als Quellen dienten die Sifjungsprotokolle des Senatsaus­ schusses, die von den großen Nachrichtenagenturen seinerzeit ver­ öffentlicht wurden. Vor dem Munitionsuntersuchungsausschuß des amerikanischen Senats in Washington wurde bei Jahresbeginn 1936 ein Thema verhandelt, daß zwar schon lange zurückliegt, aber bia in unsere Zeit hinein stets brennendes Interesse er­ regt hat: aus welchen Gründen gingen die Vereinigten Staaten in den Weltkrieg? Zwei Meinungen haben sich bisher in dieser Frage gegenübergestanden. Die eine Seite behauptet, ea sei allein der uneingeschränkte U-Bootkrieg gewesen, der seinerzeit Amerika in den Krieg gegen Deutschland trieb, während die andere Ansicht dahin ging, daß wirtschaftliche Interessen von Wall-Street Wilson zur Aufgabe seiner Neutralität gezwungen hätten. Die augenblicklichen Ver­ handlungen des oben erwähnten Untersuchungsausschusses lassen jefct aber keinen Zweifel mehr darüber offen, daß die amerikanischen Finanzkreise, vor allem das Bankhaus Morgan, entscheidenden Einfluß auf die damalige Kriegserklärung der Vereinigten Staaten auBgeübt haben. Es ist bemerkenswert, daß die Vereinigten Staaten nach einer solchen Reihe von Jahren gewissen Tatbeständen noch so reges Interesse entgegenbringen, Tat­ beständen, die immerhin gerade auch für Amerika von schicksalhafter Bedeutung gewesen sind. Eine Erklärung dafür bietet allerdings die Tatsache der Neuorien­ tierung der amerikanischen Neutralitätspolitik, die augenblicklich im Kongreß zur Debatte steht. Und es ist bestimmt auch kein Zufall, daß Präsident Roose­ velt gerade jegt, moralisch unterstützt durch die beschämenden Enthüllungen der SenatsunterBuchung, mit seiner neuen Neutralitätsdoktrin einen völligen Bruch mit dem vollzieht, was in den Tagen des Weltkrieges und bisher in den Ver­ einigten Staaten politisches Dogma war. Es ist ungemein aufschlußreich zu sehen, wie nach Aufdeckung mancher Tat­ bestände durch die Senatsuntersuchung sich die amerikanischen Rüstungs- und Finanakreise während des Krieges und zwar vor Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg in Wahrheit verhalten haben. Daß man damals unter führender Beteiligung des Bankhauses Morgan riesenhafte Kriegslieferungen tätigte, entsprach nur der allgemeingültigen Auffassung, die jedem neutralen Staat den Handel mit kriegführenden Ländern gestattete. Niemand dachte also daran, Kriegslieferungen und Gewinne in Amerika zu verurteilen. Aus den Verhandlungen vor dem Ausschuß geht sogar hervor, daß Präsident Wilson des

die

Bedeutung

und

die

Heberlein, Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten

315

Alliierten bezüglich einer Neuverteilung Europas bei Kriegseintritt Amerikas nichts gewußt zu haben. Demgegenüber betont Nye und das Ausschußmitglied Clark, daß gewisse Schriftstücke des Staatsdepartements, die sie eingesehen hätten, die aber nicht veröffentlicht werden könnten, den Beweis liefern, daß Wilson und sein Staatssekretär Lansing von den Verträgen gewußt hätten. Aus den eingesehenen Dokumenten geht einwandfrei hervor, daß die alli­ ierten Mächte der amerikanischen Regierung 6 Wochen nach Eintritt Amerikas in den Krieg offiziell Kenntnis von dem Inhalt der zwischen ihnen abgeschlos­ senen Verträge über die Verteilung der Kriegsbeute im Falle eines Sieges über

die Mittelmächte gegeben haben. Das eine Dokument stellt die wörtliche Niederschrift einer Debatte im briti­ schen Kriegarat über die Gebietaverteilung dar, die die alliierten Mächte den vorher abgeschlossenen Geheimverträgen zufolge im Falle des Sieges über Deutschland vornehmen wollten. Diese Niederschrift ist dem amerikanischen Staatsdepartement am 18. Mai 1917 zugestcllt worden. Das zweite Dokument behandelt eine Tagebucheintragung des damaligen Staatssekretärs Lansing, in der dieser zugibt, 1919 nicht die Wahrheit gesprochen zu haben, als er damals ableugnete, Kenntnis von dem Beutcverteilungsplan gehabt zu haben.

Am 20.

Januar

1936 ist dann das bisher aufs strengste geheimgehaltene

Memorandum Balfours vom 18. Mai 1917 in der Hearst-Presse veröffentlicht worden13); eben das Memorandum, von dem Lansing noch 1919 vor dem Senats­ ausschuß erklärt hatte, er habe erst in Versailles 1918 von dessen Inhalt Kenntnis erhalten; das gleiche erklärte damals Wilson, obwohl die Vermutung nahe liegt, daß Lansing seinem Vorgesehen dieses wichtige Dokument, das die Kriegsziele der Alliierten enthielt, kaum verschwiegen haben dürfte. Die Veröffentlichung des Balfour-Memorandums hat in Amerika begreif­ licherweise starke Erregung ausgelöst. Staatssekretär Hüll gab eine scharfe Er­ klärung ab, in der es heißt, daß die amerikanische Regierung es als ihre Pflicht betrachten müsse, das Vertrauen anderer Mächte nicht zu mißbrauchen. Wenn der Kongreß hierbei nicht mitarbeite, sondern die Schweigepflicht verlebe, 80 sei die Regierung der Vereinigten Staaten gezwungen, den Mitgliedern des Kongresses den Einblick in diese Dokumente zu verweigern.

7

Von der Senatsuntersuchung vom 17. Januar seien noch einige wichtige

Tatsachen nachgetragen M). Aus einem Auszug aus dem Tagebuch von Oberst House, der dem Ausschuß an diesem Tage vorgelegt wurde, ergibt sich, daß Staatssekretär Lansing bereits Anfang Januar 1917 wünschte, daß Präsident Wilson die Beziehungen zu Deutsch­ land abbräche. Der vom 4. Januar 1917 datierte Auszug hat folgenden Wortlaut: „Lansing wünscht, daß der Präsident die Entscheidung über die U-Boot-Frage beschleunige und den deutschen Botschafter Graf Bernstorff heimsende.0 Mitglieder des Ausschusses wiesen darauf hin, daß die Vereinigten Staaten von Amerika die Beachtung der Rechte der Neutralen durch Großbritannien nicht erzwungen hätten und daß deshalb die deutsche Regierung keinen anderen Ausweg gehabt habe, als den unbeschränkten U-Bootkrieg zu erklären!

,3)

Deutsches Nachrichtenbüro, 20. Januar 1936.

*•)

Deutsches Nachrichtenbüro, 17. Januar 1936.

316 Heberlein, Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten

Unter­

suchungsausschusses gesprochen, irgendein erläuternder Kommentar hätte die Wirksamkeit der Darstellung nur beeinträchtigen können!

Absichtlich

hat

nur

der

nüchterne

Wortlaut

der

Protokolle

des

Danach sind drei Tatsachen mit aller Deutlichkeit sichtbar geworden; 1. Die unbedingte und schwerwiegende Mitschuld der amerikanischen Finanz*

kreise (besonders Morgans)

am Kriegseintritt der Vereinigten Staaten.

2. Die mit den Verpflichtungen eines neutralen Staates in keiner Weise zu

vereinbarende Haltung der Washingtoner Regierung unter der Leitung Wilsons und Lansings. Gleichzeitig muß bei dieser Gelegenheit aber auch die unheilvolle Rolle des Obersten House erwähnt werden und die für einen neutralen Bot­ schafter gänzlich unmögliche Handlungsweise von Botschafter Page in London.

3. Ergibt sich, und das ist für uns bei der nunmehr abgeschlossenen Senats­

untersuchung in Washington von besonderer Bedeutung, erneut eine Recht­ fertigung der deutschen Haltung im Kriege gegenüber Amerika, und gleichzeitig ein Beweis mehr für die Unhaltbarkeit der ja an sich schon erledigten Lüge von der „Alleinschuld Deutschlands1* am Kriege. Die durch die Washingtoner Senatsuntersuchung ans Tageslicht getretenen Tatsachen aus den Jahren des Weltkrieges haben wir Deutsche allerdings schon immer geahnt und auch offen ausgesprochen, jetjt sind sie aber durch eine staat­ liche Kommission ausdrücklich bestätigt und bekräftigt worden und zwar in einem Maße, das weit über das hinausgeht, was wir vorher vermuteten.

Heberlein, Der Kriegeeintritt der Vereinigten

Staaten

307

öfteren und mit Erfolg bemüht wurde, wenn eich diesen Kriegelieferungen

etwaige Hindernisse in den Weg stellten. Theoretisch konnte also diese Inanspruchnahme der amerikanischen

Regie*

rung durch den damals herrschenden Neutralitätsbegriff gedeckt werden; die juristische Möglichkeit, trotj der Kriegslieferungen die eigene Neutralität zu bewahren, bestand damals zweifellos. Aber bewegte man sich dabei nicht nur im Reiche leerer abstrakter Formulierungen, und mußte man bei einer solchen Politik nicht im Endeffekt die gesicherte moralische Position aufgeben, auf die allein ein neutraler Staat sich zu stufen vermag? Denn mit der Unterstützung kriegführender Mächte und das zeigt die Senatsuntersuchung ganz deutlich wurden in der Praxis automatisch Interessen und Sympathien ausgelöst, die jeden Staat und damit auch Amerika schließlich auf die schiefe Ebene brachten, von der er dann zwangsläufig in den Krieg abgleiten mußte.

Das Wort Morgans bei der Untersuchung, daß „die Sympathien seiner Ge­ sellschaft von vornherein auf Seiten der Alliierten lagen, ist bezeichnend genug. Damit ist auch die antideutsche Schwenkung der amerikanischen Presse zur Ge­ nüge erklärt, die ihre ganze „Sympathiedann natürlich den Mächten zuwandte, die infolge der Blockade gegen Deutschland, allein für die amerikanischen Kriegs­ lieferungen und Kredite in Frage kamen. Man wird nach Betrachtung dieser Gesichtspunkte nicht mehr leugnen können, daß damit der unangreifbare, unpar­ teiische Ncutralitätszustand der Vereinigten Staaten durchlöchert, ja aufgehoben war. Die Verhandlungen vor dem Untersuchungsausschuß zeigen klar, daß da»

neutrale Amerika

unter

dem

Druck

von

materiellen

Bindungen

und

Privat­

interessen

in

den

Krieg

ging

und

für

alles

andere

als

für „Humanitätund

„Demokratiekämpfte! Als der Ausschuß, der unter dem Vorsitj des Senators Nye zur Untersuchung der amerikanischen Rüstungsindustrie vor etwaB mehr als einem Jahr zum ersten­ mal tagte, ging man mit einem solchen Eifer zu Werke, daß auswärtige Regie­ rungen diplomatische Vorstellungen in Washington erhoben, weil sie selbst, ihre Staatsoberhäupter und ihre Industrien angeklagt wurden, aus ihren Rüstungen ein einträgliches Geschäft und eine verwerfliche Politik gemacht zu haben. Den diplomatischen Gepflogenheiten mußten sich dann auch Senator Nye und seine Mitarbeiter fügen. So wurde bei der Veröffentlichung weiterer Dokumente stet» das State Departement zu Rate gezogen, besonders sollte dies der Fall sein bei der Untersuchung der Korrespondenz zwischen Morgan und den englischen Regierungsstellen. (Das Bankhaus Morgan ist nämlich während des Krieges Handelsbevollmächtigter der amerikanischen Regierung gewesen.) Was also jetjt an Einzelheiten über die Verbindung zwischen der damaligen englischen Regie­ rung und Morgan an die Öffentlichkeit kommt, ist schon vorher einer gründ­ lichen, politischen Durchsicht unterzogen worden.

Es ist kein Zweifel, daß bei dem Kriegseintritt Amerikas auch falsche Vor­ stellungen über Deutschland stark mitgewirkt haben; auch wird man den unein­ geschränkten U-Bootkrieg als Faktor mit in Rechnung zu stellen haben. Doch darf man auf Grund der nunmehr vorliegenden Untersuchungsergebnisse des Ausschusses sicherlich soviel behaupten, daß da6 Bankhaus Morgan für den Ein­

Über

tritt Amerikas in den Krieg die schwerste Verantwortung zu tragen hat.

den Einfluß von Wall-Street für die Entscheidung

Jahre 1917 wurde die Welt wohl erstmalig durch den amerikanischen Historiker Harry Eimer Barnes unterrichtet. In seinem Buch: „Die Entstehung des Weltkriegeshat Barnes das Treiben der amerikanischen Finanzkreise zum Kriege genügend beleuchtet. Die Lage der Wall-Streetbankiers war wie

der Vereinigten

Staaten im

308 Heberlein, Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten

Barnes nachwies im Jahre 1917 fast erschöpft, und die einzige Hoffnung, den Staat an den Riesenlasten zu beteiligen, bestand darin, die Regierung dazu zu bewegen, selbst aktiv in den Krieg einzugreifen. In dieser Beziehung war die deutsche U-Bootnote vom 31. Januar 1917 eine „wahre Himmelsgabe4'. Barnes teilt dann weiter die interessante Tatsache mit, daß zur Zeit des Kriegseintritts Amerikas England sein Guthaben bei den amerikanischen Banken bereits um 400 Mill. Dollar überschritten hatte; und nur dadurch, daß das Bankhaus Morgan diese Summe zur Verfügung stellte, wurde England vor dem Zusammenbruch seines Kredits gerettet. Um den Unterschied zu erkennen zwischen der Art und Weise, wie das Bank­ haus Morgan den Eintritt Amerikas in den Krieg förderte oder gar bewerk­ stelligte, der das amerikanische Volk immerhin 360 000 Tote und Verwundete kostete, und den Idealen, mit denen Wilson, der über die Maßnahmen Morgans unterrichtet war, sein Volk für den Krieg zu begeistern verstand, genügt es, sich einige Äußerungen des Präsidenten ins Gedächtnis zurückzurufen. Am 31. Januar 1917 erfolgte der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland auf Grund der Mitteilung der deutschen Regierung über den uneingeschränkten U-Bootkrieg. In der Proklamation, die Wilson aus diesem Anlaß am 3. Februar 1917 an den Kongreß richtete, hieß es:

„Die Amerikaner hätten keine egoistischen Absichten, sondern sie suchten nur den uralten Grundsägen ihres Volkes treu zu bleiben und ihr Recht auf Freiheit. Gerechtigkeit und ein unbelästigtes Leben zu schüfen.Die Feststellungen des Munitionsausschusses beweisen heute, daß 1917 doch „egoistische Absichtenin hohem Maße in Washington bestanden haben. In der Botschaft, die der Präsident am 6. April an den Kongreß richtete und in der er das Bestehen des Kriegszustandes mit Deutschland bekanntgab, erwähnte Wilson auch u. a., daß Amerika nunmehr den Regierungen, die sich im Kriege mit Deutschland befänden, finanzielle Kredite gewähren werde, um ihren Kriegs­ bedarf zu vervollkommnen, ohne auch nur mit einer Silbe anzudeuten, in welch hohem Maße diese finanzielle Unterstützung bereits vorher erfolgt war! Die Vorgeschichte der amerikanischen Einmischung in den Krieg ist nach den bisherigen Ergebnissen des Untersuchungsausschusses bereits so klar, daß an der Hauptverantwortung der führenden Bankiers und Kriegslieferanten nicht mehr zu zweifeln ist. Es verdient für alle Zeiten festgehalten zu werden, was in der Sitzung vom 7. Januar 1936 Senator Nye auf eine Behauptung Morgans erwiderte:

„Wer behauptet, der deutsche Unterseebootkrieg und nicht die Handelsinteressen hätten legten Endes Amerikas aktive eilige Teilnahme herbeigeführt, der sollte lieber Romane schreiben, denn er verkenne vollkommen die Tatsachen und sei blind gegenüber dem einwandfreien Beweismaterial.Die von I. P. Morgan und Co. geführten Firmen haben bi» zu dem Eintritt Amerikas in den Krieg „Warenim Werte von 363 Mill. Dollar an die Alli­ ierten verkauft, dazu kamen die in bar gewährten Kredite und Anleihen. Durch dieses System riesenhafter Unterstützung an die Mächte der Entente wurden die Interessen Finanzamerikas unter Duldung der Washingtoner Regierung an die Alliierten gefesselt; das steht fest, nachdem die Archive der Morganbank vorher wochenlang nach Aktenmaterial durchsucht worden sind. Wie eng die Zusammenarbeit Morgans mit den verantwortlichen politischen Stellen war, zeigt die vor dem Ausschuß ans Licht gekommene Tatsache, daß Morgan, also eine ausländische Privatperson, während des Krieges an einer offiziellen Sigung

*)

Siehe A. v. Wegerer, „Wallstreet, Berl. Börsenzeitung, 15. Januar 1936.

Heberlein, Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten

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des britischen Kriegsrates teilnahm. Es wirft auch ein eigenartiges Licht auf die Methoden der Wilsonregierung, daß z. B. eine britische Note, die das damals noch nicht sehr kriegsbegeisterte amerikanische Volk hätte warnen können, vom 27. Oktober bis 14. November 1916 gcheimgehaltcn und erst nach den in der Zwischenzeit durchgeführten Wahlen veröffentlicht wurde. Es ist niemand anders als Wilson selbst gewesen, der die ganze Entwicklung nach Aussagen Morgans gefördert hat, denn er gestattete den Bankinstituten ausdrücklich, den krieg­ führenden Mächten der Entente Kredite zu geben. Die Arbeit des Ausschusses erfährt noch eine bemerkenswerte Ergänzung durch die Enthüllungen, die der damalige Minister des Äußeren, Robert Lansing, in seinen „Kriegserinnerungen" macht, die jetjt 17 Jahre nach seinem Tode ver­ öffentlicht wurden. Morgan behauptete vor dem Ausschuß, Deutschland hätte die Vereinigten Staaten in den Krieg gezogen „durch eine Reihe von Beleidi­ gungen und Vertragsverlcfcungen, die den Tod vieler amerikanischer Staats­ bürger mit sich brachten." Was sagen uns aber die Erinnerungen Lansings? Schon im Juli 1915, also nahezu 2 Jahre vor der Kriegserklärung Amerikas, hat er zu seinem eigenen Gebrauch, wie er schreibt, eine Denkschrift angefertigt, worin er zu folgender Schlußfolgerung kommt: es könne nicht geduldet werden, daß Deutschland den Krieg gewinnt oder auch nur, daß der Krieg unentschieden endige, selbst wenn die Vereinigten Staaten gezwungen wären, aktiv in ihn einzugreifen, um solches zu verhindern. Diese endgültige Notwendigkeit müsse die amerikanische Regierung bei allen ihren Streitigkeiten mit den Kriegführen­ den ständig im Auge behalten; sie müsse die öffentliche Meinung vorbereiten für die Stunde, die einmal kommen könne, wo die Vereinigten Staaten ihre Neutralität aufgeben müßten! Bevor wir uns mit den Sitzungsberichten des Ausschusses selbst beschäftigen, sei zur Illustration noch ein Beispiel zitiert, wie und mit welchen Mitteln das amerikanische Bankhaus Morgan und die ihm hörige Rüstungsindustrie in

Regierungen der Ententemächte bei seinen

engster

Gemeinschaft

mit

den

Kriegsgeschäften

„In den legten Dezembertagen des Jahres 1914 ließ sich bei General Ja­ riuschke witsch, dem Chef des Stabes im russischen Hauptquartier Barano-

w

Rüstungsfirmen vor und bot seine Vermittlung für Lieferungen von Kriegs­ material an die russische Armee an. Den russischen Militärbehörden war das Angebot außerordentlich willkommen, da der Munitionsmangel zum größten Mißvergnügen der westlichen Verbündeten bereits zu einer ganz defensiven Haltung gezwungen hatte. Der Kriegsminister Suchomlinow beeilte sich daher mit Allison und dessen Gehilfen Mackie zu einem Vertragsabschluß zu gelangen.

England war nm die Jahreswende 1914/15 nicht in der Lage, Rußland mit Kriegsmaterial zu versorgen. Am 31. Dezember 1914 hatte Benckendorß (russi­ scher Botschafter in London) eine lange Unterredung mit Kitchener, der bei dieser Gelegenheit betonte, „daß es für England materiell unmöglich sei, die Bedürfnisse der rutsischen Armee an Kriegsmaterial zu befriedigen", und am gleichen Tage meldete auch der russische Militärattache in Paris, lgnatiew, „daß die französische Industrie noch lange Zeit nicht imstande sein werde, Bestellungen von uns (Rußland) anzunehmen." So 6tand es in den Entente­

Oberst Allison melden, stellte «ich als Beauftragter kanadischer

arbeitete2):

i t e c h i ,

ein

2)

Vgl. A. Wroblewski, „Morgan, der Kriegslieferant", Berl. Börsenzeituug,

18. Januar 1936.

Zauchrift fax Politik.

26.

21

310 Heberlein, Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten

ländern um die Munitionsfrage, als Rußland den Vertrag mit dem kanadischen Obersten Allison abschloß. Der Vertragsabschluß erregte aber in London einen Sturm der Entrüstung! Die Engländer machten den Russen die heftigsten Vorwürfe wegen ihres eigen­ mächtigen Vorgehens und Kitchener forderte schlankweg die Annullierung des Vertrages mit Allison. Woher piögiich diese Entrüstung über den Allison-Vertrag? Was war ge­ schehen? Nichts weniger und nichts mehr, als sich der amerikanische Bankier Morgan in das Kriegslieferungsgeschäft einzuschalten begann und jede Kon­ kurrenz auszu8chalten wünschte! Den Kern der Sache erfahren wir aus Ignatiews Bericht vom 13. Februar 1915:

„Unser Finanzministcr hat während seines Aufenthalts in Paris mich als den Vertreter unseres Militärressorts gebeten, der Konferenz zwischen den Ministern der 3 verbündeten Mächte beizuwohnen zur Beratung der von Eng­ land angeregten Frage des Abschlusses eines Kontraktes mit dem Hause Morgan über Bestellungen in Amerika, entsprechend dem Vorgehen Englands selbst, das alle seine Aufträge in Amerika in den Händen Morgans vereinigt hat.England hatte sich somit schon ganz auf die Vermittlung Morgans festgelegt, und nun sollten auch die Kriegslieferungen für die anderen verbündeten Länder

dem amerikanischen Bankier zugeschanzt werden; der russische Vertragsabschluß mit Allison drohte diese ganze Kombination zu Fall zu bringen. Daher das Kesseltreiben gegen den Kanadier.In der Folge wird sich diese Darstellung nunmehr mit den Sitzungsberichten

des Untersuchungsausschusses selbst befassen3)

tokollen alles das bestätigt finden, was schon vorher im Zusammenhang gesagt wurde:

1

Washington, 8. Januar 1936**). In der heutigen Sigung des Senatsausschusses für die Rüstungsuntersuchung sagt I. P. Morgan aus, daß sein Bankgeschäft den Alliierten im Jahre 1915 Dar­ lehen gewährt habe, nachdem Präsident Wilson seine Einwilligung dazu erteilt hätte. Obwohl Morgan zuvor behauptet hat, daß „die deutschen Handlungen“ und

nicht die internationalen Geldgeschäfte Amerika in den Weltkrieg hineingezogen hätten, erklärt er jefct, daß die Sympathien seiner Firma von Anfang an auf

Seiten der Alliierten gewesen

Kabeltelegramme aus dem Archiv der Morganbank ergeben, daß kaum drei Tage nach Kriegseintritt Frankreich bei Morgan und Co. wegen einer Anleihe oder eines Handelskredits angefragt habe. Aussagen und Schriftwechsel aus der fraglichen Zeit ergeben jedoch, daß das Staatsdepartement unter William Bryan diese Finanzpolitik der Morganbank unter Duldung offizieller Regierungsstellen seiner Zeit scharf gemißbilligt bat. In einem Schreiben vom 10. August 1914 an Präsident Wilson erklärt Bryan u. a.: „Wir sind die einzige große Nation, die in den Krieg nicht verwickelt ist und unsere Weigerung, irgendeinem der Kriegführenden Gelder zu leihen, würde das Kriegsende beschleunigen.Präsident Wilson jedoch, unter völliger Nichtachtung dieser Äußerung des

Wir werden dabei in den Pro­

seien.

3) Aus der Fülle der Protokolle sind nur die herausgegriffen worden, die für das Ergebnis und den Verlauf der Untersuchung besonders charakteristisch sind. •) Deutsches Nachrichtenbüro, 8. Januar 1936.

Heberlein, Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten

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gesunden Menschenverstandes, ändert die Lage, indem er einen weitgehenden Unterschied macht und Kredite gestattet, die Gewährung von Anleihen an Krieg­ führende aber verwirft! Die Mitglieder des Ausschusses stellen dazu fest, daß die Wirkung von Anleihen und Krediten für alle praktischen Zwecke dieselbe sei. Aus der Verhandlung geht hervor, daß die eben erwähnte Änderung der Wilsonschen Politik in einem Geheimschreiben des damaligen Anwalts des Staatsdepartements, Lansing, vom 23. Oktober 1914 dargelegt ist. Lansing schreibt darin, daß Wilson die Beseitigung der „Hindernissegutgeheißen habe, auf die Morgan und andere Bankiers bei ihren Geldgeschäften mit den Alliierten gestoßen seien.

2

Washington, 9. Januar 1936.

Die Verhandlungen vom 9. Januar3) ergeben zunächst einige •ehr interessante Zahlenangaben: Die Gesellschaften, an denen Morgan beteiligt war, lieferten vor Kriegseintritt der Vereinigten Staaten an die Alliierten Kriegs­ material, Nahrungsmittel und sonstige Waren bis zu einem Betrage von 363 Mill. Dollar. Das Bankhaus Morgan war Einkaufsagent für insgesamt etwa 3 Mil­ liarden Dollar. Auch sei folgende Tatsache, die am 9. Januar in Washington zum erstenmal bekannt wurde, erwähnt*). Eine englisch-russische Ceseilschaft hatte ein großes Paket Aktien der amerikanischen Edistone-Gewehrfabrik erworben, zu einer Zeit, als Amerika noch neutral war. Zu diesem Geschäft bewilligte die britische Regierung ihrerseits 10 Mill. Dollar. Die Ausschußmitglieder bemerken hierzu, daß sie es als „ungewöhnlichempfinden, daß eine kriegführende Regierung in einem neutralen Lande Mu­ nitionsfabriken kontrolliert! Im weiteren Verlauf der Untersuchung kommt es zu einem längeren Verhör der Bankiers Morgan und Lamont7). Dabei stellt es sich heraus, daß Morgan während des Krieges einer Siftung des britischen Kriegsrates im Unterhaus beigewohnt hat. Morgan gibt diese Tatsache zu und erklärt, daß er sich an jene Sigung besonders genau erinnern könne, da „die Engländer stets das Thema gewechselthätten. Der Gegenstand jener britischen Sitjung war die Herstellung von Gewehren für die Alliierten in den Vereinigten Staaten! Gegen Ende der Verhandlung kommen einige bisher nicht veröffentlichte Tagebucheintragungen des Obersten House zur Sprache8). Eine Eintragung, datiert vom 27. Oktober 1916, enthält die Feststellung, daß die britische Regierung der amerikanischen eine Note übersandt habe, die eine „schwarze Listeverschiedener Handelsartikel enthält. (Dieses Verzeichnis der Konter­ bandewaren ist schon in den ersten Kriegsmonaten von den Alliierten aufgestellt

Zu dieser „schwarzen Listeder britischen Regierung, bei deren sofor­

tiger Veröffentlichung die brutale Seekriegführung der Engländer dem amerika­ nischen Volke offensichtlich geworden wäre, vermerkte Oberst House in seinem Tagebuch, daß „das Staatsdepartement versuchen wird, die Note bis nach den Wahlenzu unterdrücken! Bei den folgenden Zeugenaussagen konnte dann ermittelt werden, daß die

worden.)

6)

Deutsches Nachrichtenbüro, 9. Januar 1936.

*)

United PreBS, 9. Januar 1936.

')

United Press, 9. Januar 1936.

)

United Press, 9. Januar 1936.

21*

312 Heberlein, Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten

Note spätestens am 27. Oktober der amerikanischen Regierung vorlag und daß sie nicht vor dem 14. November zur Kenntnis der Öffentlichkeit gelangt ist das war aber bereits nach den Wahlen, den Wahlen, die bekanntlich unter der Devise „Haltet uns aus dem Kriege herausdurchgeführt worden sind!

3

Washington, 10. Januar 1936fl). Am 10. Januar kommen Geheimdokumente des Weißen Hauses, des Staats­ departements und des Schatzamts zur Verlesung, aus denen der plö&iiche Um­ schwung der Neutralitätspolitik Präsident Wilsons zugunsten Englands im Jahre 1915 hervorgeht. Das bemerkenswerteste Ergebnis des Tages ist die Be­ kanntgabe eines Briefe« des ehemaligen Staatssekretärs Mc Adoo an Wilson, in dem dieser erklärt, daß sich der gesamte amerikanische Handel infolge des ständigen Fallens des Sterlingkurses in schwerster Gefahr befinde. Er billige daher eine sofortige Aufhebung des Verbots der Gewährung von Anleihen an Kriegführende. Der Brief endigt mit dem Sa^: „Großbritannien ist und war immer unser bester Kunde.Das Verhör an diesem Tage ergibt noch die beachtenswerte Tatsache, daß die britischen Kriegsschulden im April 1917 ihren höchsten Stand mit etwa 27 Milliarden Dollar erreicht hatten!, und zweitens, daß die Morganbank die Ver­ senkung des englischen Dampfers „A r a b i kam 19. August 1915 durch U-Boote als propagandistischen Hintergrund für die Auflegung einer weiteren ungedeckten englischen Anleihe in den Vereinigten Staaten auanutyte. Eine Woche nach der Versenkung der „Arabikund zwei Wochen nach der Stützungsaktion des eng­ lischen Pfundes durch die Morganbank hob Wilson entgegen dem Widerstand des Außenministers Bryan das Anleiheverbot an Kriegführende auf,

4

Washington, 14. Januar 1936°).

ent­

hüllten heute die Tatsache, daß Wilson« Vertrauter, Oberst E. A. House, ein

Geheimabkommen mit England getroffen hatte und planmäßig die Verständigung

zwischen

Auf direktes Ersuchen von House wurden die Verhandlungen mit Deutsch­ land abgebrochen, obwohl oder vielleicht gerade, weil sie einen günstigen An­

Weitere

Geheimdokumente

au8

den

Archiven

des

Staatsdepartements

den Vereinigten Staaten und Deutschland hintertrieb.

lauf genommen hatten.

An ihre Stelle trat ein „Friedensplan, den House

mit

dem englischen Außenminister Sir Edward Grey ausarbeitete und der die

Ver­

einigten Staaten verpflichtete, auf die Seite der Alliierten in den Krieg zu gehen, sollte Deutschland den Plan ablehnen. Soweit war die Verständigung mit den Alliierten bereits zu einer Zeit gediehen, in der die Vereinigten Staaten nach außen ihre Neutralität beteuerten.

Die

zu

Protokoll

genommenen

Dokumente

brachten

u.

a.

folgende

Er­

gebnisse:

Das

Staatsdepartement

unter

Robert

Lansing

hat

„niemals

ernsthaft

bei

England gegen die Behinderung des amerikanischen Handels mit den Mittel­ mächten protestiert. Wurde schon protestiert, so „wurde der Protest absichtlich in einem Wortschwall ertränkt.

•) Deutsches Nachrichtenbüro, 10. Januar 1936.

,0)

Associated Press, 14. Januar 1936.

Heberlein, Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten

313

Bemerkenswert sind ferner weitere Feststellungen an diesem Verhandlung.«)*

tage:

Schon während des Weltkrieges wurde die Forderung laut, daß amerika* nieehe Bürger nicht die Schiffe von Kriegführenden benutjen sollten, da sie das in Gefahr bringen könnte. Staatssekretär Lansing versicherte jedoch England, daß die Regierung der Vereinigten Staaten diese Forderung nicht unterstütze. Oberst House, der mit Grey verhandelte, forderte energisch in einem Kabel die sofortige Einstellung der Verhandlungen mit Deutschland über die Frage der Einschränkung des U-Bootkrieges. Nachdem das geschehen war, kabelte der amerikanische Botschafter in Berlin, Gerard, daß Deutschland gerade im Begriffe gestanden habe, völlig zufriedenstellende