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VON AMERIKA NACH EUROPA:

NACHRICHTEN, MEDIEN UND VERNETZUNG IM JESUITISCHEN IN-


FORMATIONSAUSTAUSCH

Galaxis Borja González

“As I think it is only through the medium of letters that we shall see one another again in this life – in the next
it will be face to face with many embraces – it remains for us during the little time left here below to secure
these mutual glimpses by frequent writing”.1

Ende der 1530er Jahre, als die ersten Jesuiten die italienischen Gebiete durchreisten und der Missionar
Francisco Xaver den Reiseweg nach Ostindien antrat, wurden die in Rom gebliebenen Ordensgründer be-
auftragt, die Satzung zu verfassen, die das Bestehen der jüngst gegründeten Gesellschaft Jesu regeln soll-
ten. Zwei Hauptfragen waren damals Gegenstand der jesuitischen Überlegungen. In erster Linie ging es
darum, die missionarischen Aufgaben und Verpflichtungen zu reglementieren, die als Folge des apostoli-
schen Zielgedankens des Ordens entstanden waren. Die zweite Frage betraf die Regierbarkeit der Gesell-
schaft Jesu und beinhaltete den Zusammenhalt und die Einheit des Ordens. Eine Antwort auf diese Fra-
gen boten die 1551-1552 von Ignatio de Loyola ausgearbeiteten Constituciones der Gesellschaft Jesu, in de-
rem achten Teil auch die Überlegungen zur Ordenseinheit und zum Austausch von Informationen ange-
stellt wurden.2
Zwei Jahrhunderte später, am Vorabend der Ordensaufhebung, hatte sich aus den Anforderungen an eine
kontinuerliche Kommunikation ein Netz entwickelt, innerhalb dessen unterschiedliche Arten von Nach-
richten mit jeweils diversen Funktionen und mittels unterschiedlicher Medien transkontinental, transkultu-
rell und mehrsprachig erfasst und weitergegeben wurden. 3 An dieser kommunikativen Verflechtung waren
über 22.000 Mitglieder der Gesellschaft Jesu angeschlossen, die auf insgesamt vier Kontinenten in 39 Pro-
vinzen und 1.538 Niederlassungen verteilt waren.4 Das Nachrichtennetz wuchs nicht nur parallel mit der
1
Franz Xaver an Ignatz von Loyola, Bologna 31. März 1540. Zitiert in: John CORREIA-AFONSO, Jesuit Letters and Indian History.
Oxford 1969, 11.
2
Da die Originalsprache der Constituciones Spanisch war, wurde auch der spanische Text der Satzungen für den vorliegenden Bei -
trag herangezogen. Vgl. Santiago ARZUBIALDE, Constituciones de la Compañía de Jesús: introducción y notas para su lectura. Bil -
bao 1993.
3
Unter dem jesuitischen Nachrichtennetz soll hier das historisch bedingte Beziehungsgeflecht aus Ordensmitgliedern, Nachrich-
ten und Kommunikationsmedien verstanden werden. Im Blick einer netzanalytischen Perspektive stehen jedoch nicht nur die Ele -
mente des Netzes, sondern vielmehr die Formen und Funktionen der Verbindungen zueinander. Vgl. die anregenden Beiträge
von Steven J. Harris zur Untersuchung der Interdependenz zwischen Nachrichtennetz und Wissensproduktion innerhalb der Ge -
sellschaft Jesu. Steven J. HARRIS, Jesuit Ideology & Jesuit Science: Scientific Activity in the Society of Jesus, 1540-1773. Madison
1988; Ibid, „Confession-Building, Long-Distance Networks, and the Organization of Jesuit Science“, in: Early Science and Medi -
cine. (1996), Bd. 1, 287-318; Ibid, „Mapping Jesuit Science: The Role of Travel in the Geography of Knowledge“, in: John W. O'
MALLEY [et. al.], The Jesuits: Cultures, Sciences and the Arts, 1540-1773. Toronto 1999, 212-240.
4
Ludwig KOCH, „Geschichte des Jesuitenordens“, in: Jesuiten-Lexikon, Die Gesellschaft Jesu einst und jetzt. Paderborn 1934, Bd.
1, 671. Siehe auch „Erklärung eines Geographischen Baums, welcher die Besitzungen der Jesuiten in der ganzen Welt und die An -
2

Expansion des Jesuitenordens in den überseeischen Gebieten, sondern war selbst eine entscheidende Vor-
aussetzung dafür, dass die Gesellschaft Jesu – unabhängig von der geografischen Zerstreuung und der kul-
turellen Vielfalt ihrer Mitglieder – als ein organisch agierender Körper auftreten und vor allem sich trans-
kontinental und transkulturell ausbreiten konnte.5
Der folgenden Erörterung liegt die These zugrunde, dass die jesuitische Informationsvermittlung als ein
vernetztes System anzusehen ist. Die Verflechtung innerhalb des Jesuitenordens stellte sich als eine grund-
legende Bedingung für die Expansion des jesuitischen Missionssystems dar, indem diese 1. die Verwaltung
von Ressourcen ermöglichte und 2. die Regierbarkeit und den Zusammenhalt des Ordens unterstützte.
Der folgende Beitrag will die Bedeutung der überseeischen Gebiete für das Funktionieren des jesuitischen
Nachrichtennetzes ansatzweise ergründen: Wie funktionierte der Transfer von Nachrichten und Wissens-
beständen innerhalb des Jesuitenordens? Welche Formen von Berichterstattungen wurden durch welche
Vermittler und anhand welcher Mittel erstellt, weitergegeben und aufbewahrt? Welche Verbindungen wies
das Netz auf und wie setzten sich diese zu einem transkontinental und transkulturell agierenden System
zusammen?6 Um diese Fragen zu beantworten, wird sich die Studie auf zwei unterschiedliche Arten von
jesuitischen Quellen stützen. Zum einen werden die Constituciones sowie weitere Gründungsdokumente
herangezogen, um den normativen Rahmen bei der Erfassung und Weitergabe der Nachrichten zu erläu-
tern. Anhand ausgewählter Fallbeispiele werden zum anderen die Verbindungen im Nachrichtennetz auf-
gezeigt und ihre Akteure, Funktionen und Zielrichtungen diskutiert. Das Augenmerk wird sich auf die
kommunikativen Verflechtungen zwischen den jesuitischen Missionen im spanischen Amerika und den
Niederlassungen in der Assistenz Germanica richten. Dagegen werden die aus den Missionsgebieten nach

zahl aller Glieder dieser Gesellschaft vorstellet. Hergenommen aus einem im Jahre 1762 von Rom abgesandten Verzeichniß“ in:
NEUE NACHRICHTEN von den Missionen der Jesuiten in Paraguay. Hamburg 1768. Angegeben werden hier folgende Zahlenverhält-
nisse: „Diese fünf Aßistenzen enthalten 39 Provinzen, 24 Prozeß-Häuser, 669 Colegien, 61 Noviciat-Häuser. 176 Seminarien, 335 Residenzen,
222 Mißionen, 22588 Jesuiten, worunter 10790 Priester.“ Seite nicht paginiert (im Anschluss an die Vorrede).
5
Die territoriale und administrative Organisation der Gesellschaft Jesu, an deren Spitze sich der Ordensgeneral befand, gliederte
sich in Assistenzen. Diese bestanden jeweils aus mehreren Provinzen. Eingruppiert in den Ordensprovinzen waren wiederum No -
vizenhäuser, Kollegs, Universitäten (die sog. Hohen Schulen) und schließlich die Missionen. Letztere waren Gebiete, die vorwie-
gend an der Grenze der katholischen Welt lagen und von Heiden oder Andersgläubigen bewohnt waren. 1558 wurden die ersten
Assistenzen gegründet, die mit den wichtigen Sprachgebieten des christlichen Europas übereinstimmten. So bildeten das Deut -
sche Reich, Spanien, Italien und Portugal jeweils eine Assistenz. Zu den Provinzen der Assistenz Germanica gehörten zunächst
Belgien, Böhmen, England, Frankreich, Kroatien, Litauen, Oberdeutschland, Oberrhein, Österreich, Niederrhein, Polen, Schweiz,
Skandinavien, Slowakei, das heutige Slowenien und Ungarn. 1608 wurde die französische Assistenz gegründet und 1759 folgte die
polnische. Die spanische Assistenz bestand aus elf Provinzen, darunter vier in Spanien (Andalusien, Aragon, Kastilien und Tole-
do) und sieben in Übersee (Mexiko, Peru, Neu Granada, Philippinen, Paraguay, Chile und Quito). Die ersten Jesuiten im kolonia -
len Amerika wurden 1540 unter Karl V. entsandt. Für die Expansion in den spanischen Gebieten war die andalusische Orden-
sprovinz mit Sitz in Sevilla zuständig. Die ersten Missionare brachen zwischen 1566 und 1572 nach Florida, 1567 nach Peru und
1571 nach Mexiko auf. Die jeweiligen Provinzen wurden aber erst im Laufe des 17. Jahrhunderts errichtet: 1595 in Mexiko, 1605
in Peru, Neu Granada und auf den Philippinen, 1607 in Paraguay, 1624 in Chile und 1694 in Quito. Im spanischen Amerika er-
richtete die Gesellschaft Jesu bis zum Zeitpunkt ihrer Ausweisung insgesamt 26 Missionsgebiete. Einige von ihnen wurden ver -
gleichsweise spät gegründet, wie etwa die Mission von Maynas (1638), Chiquitos (1672), Tarahumara Alta (1673), Moxos (1674),
Orinoko (1679), Kalifornien (1697), Nayarit (1722) und Chaco (1740). Auch die Missionierung des portugiesischen Amerikas und
Asiens begann Mitte des 16. Jahrhunderts. 1601 gründete die Assistenz von Portugal die Provinzen von Goa und Malabar, 1615
folgten die Provinzen von Maragnon und Japan. Zu der territorialen Expansion der Gesellschaft Jesu siehe: Daril ALDEN, The Ma-
king of an Enterprise. The Society of Jesus in Portugal, Its Empire, and Beyond, 1540-1750. Stanford 1996; William V. BANGERT,
A History of the Society of Jesus. St. Louis 1986; Pedro BORGES MORÁN, El envío de misioneros a América durante la época es-
pañola. Salamanca 1977; Anton HUONDER, Deutsche Jesuitenmissionäre des 17. und 18. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Missionsge-
schichte und zur deutschen Biographie. Freiburg 1899; Ángel SANTOS HERNÁNDEZ, Los Jesuitas en América. Madrid 1992.
6
Trotz der Bedeutung der Gesellschaft Jesu für die Geschichte der transatlantischen Expansion hat sich die Historiografie kaum
mit der Untersuchung jesuitischer Berichterstattung aus den überseeischen Gebieten, den hiermit verbundenen Medien, Struktu-
ren und Verbindungen beschäftigt. Die jesuitischen Nachrichten werden überwiegend als Quellenmaterial zur Erforschung der
Geschichte des Ordens oder auch der missionierten Gebiete herangezogen, nicht aber als Bestandteil eines transkontinentalen
und transkulturellen Nachrichtennetzes erörtert.
3

Rom gesandten Schriften nur dann berücksichtigt, wenn diese in direktem Bezug zu den amerikanischen
Missionen stehen. Auf diese Weise soll im Folgenden der Versuch unternommen werden, das jesuitische
Nachrichtennetz nicht aus der Perspektive Roms zu erörtern, sondern im Gegenteil, dieses vor dem Hin-
tergrund der Anforderungen und Bedürfnisse der überseeischen Mission zu erkunden.

1. DAS PRINZIP DER HIERARCHIE UND DIE VERNETZUNG VON INFORMATIONEN

Anders als bei den herkömmlichen religiösen Körperschaften der Frühen Neuzeit, die überwiegend sess -
hafte und kontemplative Kongregationen bildeten, verstand sich die Gesellschaft Jesu von Beginn an als
eine missionarische Gemeinschaft, die sich die offensive Propagierung und Verteidigung der christlichen
Religion als Ziel setzte. Inspiriert vom Wind der christlichen Erneuerung, nahmen die Jesuiten es auf sich,
sich in all jenen Bereichen des menschlichen Lebens zu betätigen sowie in jene Regionen der Welt zu rei -
sen, in denen der katholische Glaube gefährdet oder noch unbekannt war. Denn so setzten die Ordens-
gründer in die jesuitische Satzung fest, „porque el bien cuanto más universal es más divino“.7 Diese Aufgabe, für
deren Vorbild die Apostel Christi vorangegangen waren, setzte keinen monastischen, sondern einen wan -
dernden und missionarischen Lebensstil voraus und erstrebte, der Welt mit den Werkzeugen derselben in
allen Lebensbereichen zu begegnen. Von den Ordensmitgliedern erforderte das jesuitische Apostolatspro-
jekt somit, universell zu denken und weltweit zu agieren.
Die militante Verkündung des Katholizismus sollte sowohl in das konfessionsgeteilte Europa als auch in
die überseeischen Gebiete getragen werden. Dabei konzentrierte sich die Gesellschaft Jesu auf zwei strate-
gische Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie richtete zum einen ihre Anstrengungen auf
die akademische und priesterliche Erziehung der vornehmlich städtischen Eliten Europas und in Übersee;
zum anderen beteiligte sie sich an der Missionierung der an den Grenzgebieten der katholischen Welt le -
benden Völker. Auf diese Weise übernahmen die Jesuiten die Ausbildung der geistigen und größtenteils
politischen Eliten der christlichen Welt, sie beteiligten sich zugleich an der Überwachung des religiösen
und gesellschaftlichen Geschehens in den kolonialen Grenzgebieten. Geografisch breitete sich die Gesell-
schaft Jesu von Rom und mittels der sog. Assistenzen – die in Mitteleuropa wiederum den jeweiligen
Sprachkulturräumen entsprachen – in die europäischen und überseeischen Länder aus. 8 So befand sich die
jesuitische Provinz Andalusien, die zunächst für die Gründung und Finanzierung der jesuitischen Provin-
zen in Süd- und Mittelamerika verantwortlich gewesen war, unter der Zuständigkeit der spanischen Assis-
tenz. Dies gilt ebenfalls für die Assistenz Portugal, deren Provinzen die Expansion in den portugiesischen
Kolonien Asiens und Amerikas steuerten. Die jesuitische Mission in Übersee wirkte in permanenter Ver-

7
ARZUBIALDE, Constituciones, Satz 622-d, 258.
8
Die weltweite Expansion des Jesuitenordens wurde von Athanasius Kircher symbolisch in Form eines Olivenbaums dargestellt.
Das Bild trägt den Titel Horoscopium Catholicum Societatis Ies und erschien 1646 in Kirchers Werk Ars magna lucis et umbrae. Darin
wird Rom als der Baumstamm dargestellt. Aus dem Stamm wachsen fünf Äste, welche die fünf Assistenzen repräsentieren, aus
denen sich wiederum die Provinzen in Europa und Übersee entwickeln. Die Verzweigung in Kirchers Darstellung zeigt nicht nur
die Chronologie, sondern vor allem die Hierarchie in der jesuitischen Expansion. Steven J. HARRIS, „Mapping Jesuit Science“, 219-
221.
4

handlung mit den kirchlichen Patronaten Spaniens und Portugals und sollte – so der Anspruch der Or-
densgründer – stets der Autorität des Papstes unterworfen sein. 9
Die auf vier Kontinenten agierende Mission ließ jedoch die Gefahr der geistlichen und organisatorischen
Zersplitterung aufkommen. Dessen waren sich die Ordensgründer bewusst, als sie mit dem achten Teil
der Constituciones „De lo que ayuda para unir los repartidos con su cabeza y entre sí“ die notwendigen Vorkehrun-
gen trafen, um sowohl den Zusammenhalt als auch die Leitung der jesuitischen Gemeinschaft zu garantie-
ren.10 Drei Grundsätze im jesuitischen Gründungstext sollten für die Einheit und Regierbarkeit des Or-
dens sorgen. Als erster galt das Prinzip der Folgsamkeit. Der zweite Grundsatz betraf die Unterordnung,
die auf der Grundlage des gemeinsamen Glaubens beruhte bzw. durch den Glauben legitimiert wurde. Als
dritter und letzter Grundsatz wurde der Austausch von Nachrichten festgehalten, um der großen Gefähr-
dung zu begegnen, die wegen der zu großen räumlichen Entfernungen für den Zusammenhalt des Ordens
bestand.11 In einem Schreiben an Ignatio de Loyola führte der Generalsekretär Francisco Polanco drei
Gründe für die Weitergabe und den Austausch von schriftlichen und mündlichen Nachrichten innerhalb
der jesuitischen Gemeinschaft aus. Die Berichterstattung – so Polanco – fördere den Zusammenschluss
unter den Ordensmitgliedern; zweitens böten die Mitteilungen aus den jeweiligen Niederlassungen (im Be -
sonderen jene aus Übersee) den Jesuiten exemplarischen Beistand; und drittens begünstigten diese das öf -
fentliche Ansehen der Gesellschaft Jesu. 12 Die Berichterstattung sollte somit den Einzelnen mit seiner
Körperschaft verbinden und dabei die Zusammengehörigkeitsgefühle festigen. Jene sollte aber vor allem
eine konkrete Art der apostolischen Praxis gewähren lassen, die sich sowohl aus individuellem Eifer als
auch korporativen Werten und Glaubensvorstellungen zusammensetzte. 13
Dem Bedarf nach regelmäßiger Kommunikation wurde durch die Constituciones umfassend und detailliert
Rechnung getragen. Wie keine andere Organisation in der Frühen Neuzeit erkannte die Gesellschaft Jesu
vom Beginn ihrer Existenz an den Wertzuwachs, die die Erfassung, Verwaltung und Verbreitung von In-
formationen für das Bestehen der Gemeinschaft mit sich bringen würde. Als Träger der Nachrichten
agierten die Jesuiten selbst, vor allem jene, die als Bindeglied zwischen den jeweiligen Niederlassungen und
der Ordensleitung sowie zwischen den städtischen Ausbildungszentren und den Missionen wirkten. 14 Die
Mittel der Berichterstattung waren schriftliche, mündliche und bildliche Informationen; in manchen Fällen
wurden auch exotische Gegenstände aus Übersee gesandt. Die Berichterstattung sollte – so die Anweisun-
gen der Ordensgründer – nicht nur regelmäßig stattfinden, sondern auch in geregelter Reihenfolge. Das in
den Constituciones formulierte Selbstbild eines organischen Lebewesens, dessen Kopf für die Entschei-
dungsfindung und dessen Körperteile für die Durchführung der Ordensziele zuständig waren, beschrieb

9
ARZUBIALDE, Constituciones, Satz 603, 254; Satz 618, 267. Siehe auch HARRIS, Jesuit Ideology & Jesuit Science, Fußnote 34, 69.
10
„Cuanto es más difícil unirse los miembros de esta Congregación con su cabeza y entre sí, por ser tan esparcidos en diversas partes del mundo entre fie -
les y entre infieles, tanto más se deben buscar las ayudas para ello; pues ni conservarse puede ni regirse, ni por consiguiente conseguir el fin que pretende la
Compañía a mayor gloria divina, sin estar entre sí y con su cabeza unidos los miembros de ella.“ Ebd., Satz 655, 289.
11
Ebd., Satz 659, 289; Satz 662, 291; Satz 671, 293; Satz 672, 293 und Satz 821, 348.
12
CORREIA-AFONSO, Jesuit Letters, 3-4.
13
Diese Art der apostolischen Praxis bezeichnete Steven J. Harris mit „Jesuit way of proceeding“. HARRIS, „Mapping Jesuit Science”,
230. Siehe auch Dominique BERTRAND, La politique de Saint Ignace de Loyola. Paris 1985 und Fernando TORRES LONDOÑO, La ex-
periencia religiosa jesuita y la crónica misionera de Pará y Maranhão en el siglo XVII, in: Sandra NEGRO und Manuel M. MARZAL
(Hrsg.), Un reino en la frontera. Las misiones jesuitas en la América colonial. Quito 2000, 1-15.
14
HARRIS, „Mapping Jesuit Science”, 229-233.
5

am ehesten die Art und Weise, wie der Austausch von Nachrichten innerhalb des Ordens erfolgen sollte.
Dieses Bild legte fest, wer die Adressaten und Empfänger der jeweiligen Nachrichten sein sollten. Eben-
falls statuierte es die Art von Informationen, mittels welcher (handschriftlichen, mündlichen oder gedruck-
ten) Medien diese Informationen verbreitet werden sollten, mit welchen zeitlichen Abständen die Bericht-
erstattungen zu erfolgen hatten und schließlich, welche Zwecke die jeweiligen Nachrichten zu erfüllen hat-
ten. So sollten alle Jesuiten – unabhängig von der jeweiligen Stellung in der Ordensgemeinschaft und dem
Einsatzort in der transkontinentalen Mission – am Nachrichtennetz teilnehmen; mit welcher Intensität
und über welche Schnittstellen die Kommunikation stattfinden sollte, hing indessen von der jeweiligen
Position im Netz ab. (siehe Grafik 1).

GRAFIK 1: DAS PRINZIP DER HIERARCHIE IM JESUITISCHEN NACHRICHTENNETZ

Im jesuitischen Nachrichtennetz war das Prinzip der Hierarchie bestimmend. Die Weitergabe der Infor-
mationen erfolgte im Einklang mit den Regeln der Gehorsamkeit und Subordination; die Informations-
übertragung verlief demzufolge vertikal. 15 Von unten nach oben sollte jedes Ordensmitglied bei seinem je-
weiligen Hausleiter, Universitätsrektor oder dessen Vertreter Bericht erstatten; die in der Mission tätigen
Jesuiten sollten wiederum an ihre Missionsoberen und Prokuratoren berichten. Die mittleren Ordensleiter
hatten sich an ihre Provinzialen zu wenden und diese wiederum an den Ordensgeneral. 16

15
In außerordentlichen Fällen durfte jedoch die Hierarchie durchaus unterbrochen werden, und die Missionare konnten sich di-
rekt an das Provinzialat oder Generalat wenden.
16
„En manera que los particulares que están en alguna Casa o Colegio, hagan recurso a su prepósito local o Rector, y se rijan por él en todas cosas. Los
que están esparcidos por la provincia, recurran al Provincial o algún otro local más vecino, según les fuere ordenado. Y todos los Prepósitos o Rectores se
comuniquen mucho con el Provincial, y así mismo se rijan por él en todo. Y de la misma manera se habrán los Provinciales con el General porque así
guardada la subordinación mantendrá la unión que muy principalmente en ella consiste, mediante la gracia de Dios nuestro Señor.“ ARZUBIALDE, Con-
stituciones, Satz 662, 291.
6

Die hierarchisch konzipierte Berichterstattung gewährleistete, dass die jesuitischen Instanzen in permanen-
ter Kommunikation miteinander verbunden blieben. Eine Verfügung des Provinzials aus Neu Granada
und Quito aus dem Jahr 1668 lässt beispielsweise die konkrete Handhabung der von der römischen Zen-
trale angeordneten Informationsvermittlung erkennen. Darin weist der Provinzial Hernando Cavero den
Missionsoberen von Archidona und Maynas an, ihm jährlich von den jeweiligen Arbeitsgebieten der
Missionare, der Ausführung geistlicher Übungen und der Existenz von Hindernissen und Konflikten in-
nerhalb der Mission schriftlich zu informieren.17 Das Prinzip der Vertikalität stellte überdies sicher, dass
die Ordensleitung – mit dem Jesuitengeneral an der Spitze, welcher in den Zwischenstellen von den Pro-
vinzialen, Hausleitern, Missionsoberen und Universitätsrektoren vertreten wurde – die notwendigen Infor-
mationen erhielt, die sie für ihre Führungsaufgaben benötigte. Dabei waren die Zwischenstellen in der je-
suitischen Hierarchie nicht nur für die Einsammlung und Weitergabe der eingetroffenen Berichte zustän-
dig, sondern auch für deren Zusammenfassung, Auswertung und Anwendung in der Entscheidungsfin-
dung bei lokalen Angelegenheiten. Bevor die Mitteilungen in Rom eintrafen, wurden sie durch die jeweili-
gen Zwischenstellen bearbeitet und für die lokalen Bedürfnisse angewendet. 18 Die Beförderung der Nach-
richten verlief somit zwar in hierarchischer Reihenfolge; das Kopf-Körperteile-Prinzip der jesuitischen
Gemeinschaft wurde jedoch bei jeder Instanz, sei es in Europa oder in Übersee, stets wiederholt. Es er -
laubte einerseits das organische Wachstum des Netzes und garantierte andererseits, dass alle Teilnehmer –
von der Basis bis zur Spitze der jesuitischen Hierarchie – an die Vernetzung angeschlossen wurden.

2. UNTERSCHIEDLICHE NACHRICHTEN, DIFFERENZIERTE VERBINDUNGEN UND GE-


REGELTE MEDIEN

Das Prinzip der Hierarchie regelte nicht nur den Verlauf der Berichterstattung, sondern auch ihre Funkti -
on, ihr Medium und ihre Häufigkeit. Zwar nahmen grundsätzlich alle Jesuiten am Nachrichtennetz teil,
der Zugang zu den Informationen wurde jedoch durch die Position in der Ordenshierarchie geregelt. Die
Inhalte der Berichterstattung sowie das Medium und der Zeitabstand ihrer Verbreitung wurden wiederum
durch die Funktion bestimmt, welche die jeweilige kommunikative Verbindung im Netz zu erfüllen hatte.
Die Relation zwischen Verbindung und Funktionalität lässt sich am deutlichsten am Beispiel des jesuiti-
schen Schriftverkehrs veranschaulichen. Die Constituciones differenzierten zwischen drei unterschiedlichen
Arten von schriftlichen Nachrichten: die letras misivas, die informaciones und die nuevas.

17
José JOUANEN, Historia de la Compañía de Jesús en la antigua Provincia de Quito. Quito 1941, Bd. 1, Anhang F, 623.
18
In diesem Sinne waren die jesuitischen Instanzen für die Verwaltung der von Steven J. Harris als in-coming und out-going bezeich-
neten Schriften zuständig. Während die in-coming-Meldungen der Entscheidungsfindung administrativer Angelegenheiten zugeord-
net wurden und daher in Richtung des jesuitischen Nachrichtennetz-Zentrums verliefen, verbreiteten sich die out-going-Schriften
vom Zentrum zum äußeren Rand des Netzes. HARRIS, „Confession-Building”, 299-303. Bei dieser Kategorisierung bezieht sich
Harris lediglich auf die Ämter des Ordensgenerals und seiner Provinziale. Die Constituciones unterstreichen, dass die Verwaltung
von Informationen und die Entscheidungsfindung auch von diversen Ordensleitern, z. B. Hausleitern, Missionsoberen und Uni -
versitätsrektoren, übernommen werden sollten. So etwa fordert der Satz 791, die Befugnisse und Aufgaben des Ordensgenerals zu
dezentralisieren: „Porque aunque entienda [gemeint ist der Ordensgeneral, G.B.G.] inmediatamente algunas veces en ellas, no puede dejar de
tener Prepósitos inferiores, que deberán ser personas escogidas,a quienes pueda dar mucha autoridad y remitir las tales cosas particulares comúnmente. Y
su trato más ordinario entre los tales Prepósitos inferiores, será con los Provinciales, como el de éstos con los Rectores y Prepósitos locales, para que la sub-
ordinación mejor se guarde.“ ARZUBIALDE, Constituciones, Satz 791, 330.
7

Die letras misivas erfüllten eine exekutive Funktion, indem sie amtliche Informationen mit überwiegend or-
denspolitischem und vertraulichem Charakter lieferten. 19 Aufgrund ihrer Bedeutung für das Tagesgeschäft
wurden die Zeitabstände für die Anfertigung der letras misivas in den Constituciones in detaillierter Weise fest-
gelegt. So hatten die Provinziale wöchentlich nach Rom Berichte abzugeben, während die Leiter der jewei-
ligen Niederlassungen – wie etwa Missionsobere, Universitätsrektoren und Novizenleiter – monatlich und
die Hausassistenten – beispielsweise die Generalsyndiken aus den Universitäten – jährlich den Ordensge-
neral benachrichtigen sollten. Die Berichterstattung zwischen Provinzial und Hausleitern sollte monatlich
stattfinden, wobei die jesuitische Satzung stets an die lokalen Bedingungen anzupassen waren. Die Priester
und Laienbrüder hatten sich grundsätzlich an ihren Oberen zu richten, auch wenn in extremen Fällen eine
unmittelbare Verbindung zum römischen Generalat möglich war. Die Rückmeldung von Seiten des Or-
densgenerals erfolgte wiederum in Abwärtsbewegung: von der Zentrale über das Provinzialat bis zu den
Ordensmitgliedern an der Basis der jesuitischen Gemeinschaft. 20
Die unterschiedlichen Vorschriften hinsichtlich der Zeitabstände im Umlauf der letras misivas beruhten auf
dem Grundsatz, dass je näher sich die jeweiligen Instanzen in der Ordenshierarchie befanden, desto häufi-
ger hatten sie amtlich zu korrespondieren (siehe Grafik 2). Die vertikale Weitergabe der letras misivas sollte
auf diese Weise bewirken, dass die Verbindungen zwischen den Ordensleitern und den eigenen Unterge -
benen dicht verknüpft blieben. Damit wurde eine durchgehende, effiziente und vor allem flexible Weiter-
gabe von Informationen bezweckt, auf deren Grundlage die missionspolitischen Entscheidungen zu tref-
fen waren. Der vertikale Verlauf stellte sich als eine entscheidende Voraussetzung für die Stabilität und
Funktionalität des jesuitischen Netzes dar, und zwar weil dadurch der Grad der Intensität und Dichte der
Verbindungen bestimmt wurde, und weil dieser die Straffheit in der Weitergabe der Informationen ermög -
lichte und die Entscheidungsfindung unterstützte.21

19
„(… ) para que en todo se proceda con más circunspección y cuidado de hacer lo que cada uno debe“. Ebd., Satz 504 und Satz 507, 200.
20
„Los Prepósitos locales o Rectores que son en una Provincia, y los que son enviados para fructificar in agro Domini, deben escribir a su Prepósito Pro-
vincial cada semana, si hay forma para ello; y el Provincial y los otros al General, si se halla cerca, asimismo cada semana; y siendo en reino diverso,
donde no hay aquella comodidad, así los particulares que se dijo enviados a fructificar, y Prepósitos locales y Rectores, como Provinciales, escribirán una
vez al mes al General. El cual General les hará escribir a ellos comúnmentea una vez al mes, a lo menos a los Provinciales; y ellos a los locales y Recto -
res y particulares que fuere menester, asimismo una vez al mes; y más de una parte y otra, según las ocurrencias en el Señor nuestro “. Ebd., Satz 674,
293.
21
Die Dichte und Straffheit in der Informationsvermittlung erlaubten ferner die Überwachung der Post an den Zwischenstellen
im Netz. Beispielsweise verfügte 1696 der Provinzial von Santa Fe, dass die aus den Missionen in Maynas und Archidona gesand -
te Korrespondenz zunächst vom Rektor im jesuitschen Kolleg in Quito begutachtet werden sollte: “Nadie escriba a Tribunal alguno
así secular como eclesiástico, sin registrarlo y consentir en ello el Superior, el cual no despachará tales cartas inmediatamente, sino por medio del Rector de
Quito, el cual las verá primero y las remitirá o no remitirá, según que, consultado, pareciere conveniente. Y al señor Virrey o Tribunal de Lima, ninguno
escribirá sino enviando primero las cartas al P. Provincial”. Disposiciones del P. Diego Francisco Altamirano, Provincial de la Provincia
del Nuevo Reino de Granada y Quito, Año 1696, publicados por el P. Lorenzo Lucero en estas Misiones del Marañon, al visitarlas
en 30. de Setiembre de 1696, zitiert in José JOUANEN, Historia de la Compañía de Jesús, Bd. 1, Anhang F, 628.
8

GRAFIK 2: VERTIKALE VERBINDUNGEN IN DER VERBREITUNG AMTLICHER NACH-


RICHTEN

stark geregelte Verbindungen


mittelstark geregelte Verbindungen
schwach bzw. nicht geregelte Verbindungen

Eine weitere Gruppe von Schriften, deren Anfertigung durch die Constituciones vorgeschrieben wurde und
deren Verbreitung vertikal verlief, stellten die sog. informaciones dar. Es handelte sich dabei um quantitative
Aufzählungen der jeweiligen Häuser mit Angaben über die Anzahl der Mitglieder, ihre jeweiligen Ämter
und Aufgaben.22 Ursprünglich sollten die informaciones in einem Zeitabstand von vier Monaten, jeweils als
doppelte Kopie verfasst und über das Provinzialat in die jesuitische Zentrale nach Rom verschickt werden.
Da sie aber für die Entscheidungsfindung jesuitischer Angelegenheiten von besonderem Belang waren,
sollten sie – zusammen mit den Gründungsdokumenten und Papstbullen – dem General jederzeit und in
aktualisierter Fassung zugänglich sein.23
Die dritte Gruppe von schriftlichen Nachrichten stellten die sog. nuevas dar. Anders als bei den amtlichen
Schriften und quantitativen Aufzählungen, die die richtungweisende Funktion des Kopfes unterstützten,
handelte es sich bei den nuevas um Schriften, die erbauliche Nachrichten enthielten und allen Ordensmit-

22
„Para más información de todos se envié cada cuatro meses al Provincial de cada Casa y Colegio una lista breve duplicada de todos lo que hay en la
tal Casa, y los que faltan por muerte o por otra causa, desde la última enviada hasta la data de la presente, diciendo en breve sus partes “. ARZUBIALDE,
Constituciones, Satz 675, 294.
23
Ebd., Satz 792, 331.
9

gliedern zugänglich sein sollten.24 Ursprünglich stellten die Constituciones eine Verfügung dar, dass die nuevas
alle vier Monate ausgearbeitet werden sollten, spätestens aber seit der zweiten Generalkongregation 1565
entwickelten sich die nuevas jedoch zu Jahresberichten, den sog. litterae annuae. Die regelmäßigen Berichte
sollten ein Gesamtbild der jeweiligen Niederlassungen bieten, in dem über die katechetischen und missio-
narischen Tätigkeiten, nicht selten aber auch über Wunder und Martyrien informiert wurde. 25 Die sowohl
in Latein als auch in der jeweiligen Landessprache verfassten Jahresberichte wurden als doppelte Kopie
aus den jesuitischen Häusern an das Provinzialat verschickt. Der Provinzial oder gegebenenfalls seine As-
sistenten werteten sie aus, fassten sie zusammen und gaben sie samt einem Begleitbrief dem Ordensgene-
ral weiter.26 In Rom eingetroffen, wurden die Berichte mehrfach abgeschrieben und unter den verschiede-
nen Provinzen verteilt.27 Die litterae annuae gelangten auf diese Weise jeweils in die Niederlassungen ande-
rer Provinzen, wobei sowohl Inhalte als auch Umlaufwege stets durch die Ordensleitung überwacht blie-
ben.
Die Verfügungen in den Constituciones zur Abfassung und Weitergabe von erbaulichen Nachrichten wur-
den ferner durch die Anordnungen der lokalen Ordensleiter bekräftigt. So wies die bereits zitierte Anord-
nung des Provinzials aus Neu Granada und Quito (1668) den Missionsoberen in Maynas an, jährlich an
den Rektor des Jesuitenkollegs in Quito die litterae annuae der Mission zu verschicken. Der Rektor sollte die
Jahresberichte an den Provinzial in Santa Fe weiterleiten, der wiederum die litterae annuae der Provinz zu
verfassen hatte.28 Im lokalen Kontext übernahm der Missionsobere die leitenden Aufgaben des Kopfes,
denn seine Instruktionen sorgten dafür, dass die Anweisungen aus Rom vor Ort durchgeführt wurden.
Zugleich bildete er eine Zwischenstelle im Netz, die die hierarchische und reglementierte Weitergabe der
Nachrichten in Richtung römisches Generalat förderte. Es darf jedoch nicht aus dem Blick verloren wer-
den, dass im jesuitischen Geflecht die jeweiligen Nachrichten an jeder Stelle ausgewählt, bearbeitet und
zusammengefasst wurden. Das Zentrum in Rom agierte somit als die zentripetale Kraft im Netz, war aber
nicht notwendigerweise der Empfänger aller Schriften und Mitteilungen.
Zusätzlich zu den Bestimmungen der nuevas und litterae annuae lässt sich aus der aus den amerikanischen
Missionsgebieten überlieferten Korrespondenz feststellen, dass die Ordensleitung weitere Schriften erhielt,
die ebenso einen exemplarischen und andachtsvollen Charakter hatten. Diese Schriften wurden meist in
der Form von Reisebeschreibungen, Tagebüchern und Missionsberichten verfasst und zirkulierten haupt-
sächlich innerhalb der jeweiligen Herkunftsprovinz der Missionare. Die Missionsschriften enthielten meis-
tens praktische Ratschläge für die Vorbereitung und Entsendung zukünftiger Missionare. Demzufolge be-
24
Den nuevas wurden nicht selten die sog. hijuelas angehängt. Es handelte sich hier um geheim zu haltende Mitteilungen, die nur
der Ordensleitung zugänglich sein sollten. Die hijuelas sind jedoch nicht unbedingt mit der amtlichen Korrespondenz gleichzuset-
zen, da sie in nicht geregelten Zeitabständen erfolgten und nicht von den Constituciones reglementiert wurden. Josef WICKI, „Von
den gelegentlichen Veröffentlichungen der Missionsbriefe aus Übersee zu den offiziellen Litterae Annua der Gesellschaft Jesu
(1545-1583)“, in: Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft, (1976), Bd. 32, 95.
25
Ebd., 96. Siehe auch Franz LÖHER, Über handschriftliche Annalen und Berichte der Jesuiten, in: Sitzungsberichte der Bayeri -
schen Akademie der Wissenschaften, Band 2, (1874), 157-158; José Jesús HERNÁNDEZ PALOMO, Las Cartas Anuas del Perú en el Ar-
chivum Romanum Societatis Iesu: valoración y catálogo (1603-1765), (Separata del Tomo XLVIII, Num. 2 del Suplemento de
Anuario de Estudios Americanos). Sevilla 1991, 2.
26
„ … y envién la una y la otra duplicada al Provincial, para que envíe la una copia latina y vulgar al General con otra suya, donde diga lo que nota -
ble o de edificación que no tocan los particulares.“ ARZUBIALDE, Constituciones, Satz 675, 294.
27
„Pero para que lo de una provincia se sepa en otra, dará orden el General que de las letras que se envían de las provincias, se hagan tantas copias que
basten para proveer a todos los otros Provinciales; y ellos asimismo las harán copiar para los de su Provincia“. Ebd., Satz 675, 294.
28
JOUANEN, Historia de la Compañía de Jesús, Bd. 1, Anhang F, 620.
10

richteten diese u.a. über die Mühseligkeiten der Überseereise, die Einsamkeit des Arbeitsalltags, die prekä-
re materielle Situation und nicht zuletzt, über den seelischen und gesundheitlichen Zustand der Entsand -
ten. Weitere wichtige thematische Gegenstände waren die Vielfalt von Völkern und Sprachen in den
Missionsgebieten, die Undurchdringlichkeit der fremden Natur, die erfüllten religiösen Aufgaben und die
Erschließung neuer Territorien. Mit ihren erbaulichen Schriften beabsichtigten die Briefschreiber ferner zu
bekunden, dass trotz der als fremd, bedrohlich und sogar aussichtslos empfundenen Gegebenheiten in
Übersee, die Jesuiten durchaus ihrer apostolischen Pflichten nachzukommen wussten. Demzufolge tendie-
ren diese dahin, die loci comuni des jesuitischen Diskurses über den amerikanischen Kontinent und dessen
Einwohner zu wiederholen und zu bekräftigen. Insgesamt sollten die litterae annuae und andere erbauliche
Schriften weniger Probleme aufzeigen, als vielmehr die überseeische Mission als die bildhafte, erstrebens-
werte und vor allem greifbare Verwirklichung des universalen Apostolatsprojekts Loyolas darstellen. Die
Mission präsentierte sich als ein begehrter Ort, an dem Opfermut und Nächstenliebe der Jesuiten die Ret-
tung sowohl der Seelen der amerikanischen Heiden als auch der eigenen bringen würden. Auf diese Weise
wurde der apostolische Eifer des Einzelnen – unabhängig vom geografischen Standort – bekräftigt und
seine Identität als Bestandteil einer universalen Kirche gefestigt. 29
Anders als die administrativen Nachrichten, die vertikal entlang der Ordensleitung verliefen, waren sowohl
die geregelten litterae annuae als auch die gelegentlichen Reise- und Missionsbriefe grundsätzlich allen Or-
densmitgliedern zugänglich. Diese Schriften kursierten zunächst aufwärts in der jesuitischen Hierarchie, d.
h. vom Missionar bis zum Ordensgeneral. Nach der Auswertung und Zusammenfassung in den jeweiligen
Zwischeninstanzen wurden die erbaulichen Nachrichten in zweigartiger Abfolge unter den Ordensmitglie-
dern aus den anderen Provinzen – meistens jedoch innerhalb der Grenzen der eigenen Assistenz – ver-
breitet und den Gönnern und Gelehrten zur Lektüre angeboten (siehe Grafik 3). In einigen Fällen zirku -
lierten die erbaulichen Nachrichten sogar innerhalb der Niederlassungen dreier Kontinente, so etwa der
Brief von Joannes Ginsol aus Bahia an seinen Vorgesetzten im Prager Professenhaus. 30 Die zweigartige
Verbreitung von Ginsols Brief erlaubte, dass seine Mitteilungen aus den Missionen in China und Ostindi-
en über den amerikanischen Weg in die europäischen Niederlassungen gelangten.

29
Galaxis BORJA GONZÁLEZ, „Die jesuitische Berichterstattung über die Neue Welt. Zur Verbreitungsgeschichte von Ameri -
ka-Nachrichten im Alten Reich am Beispiel der Briefe des Dominikus Mayr“, in: Johannes MEIER (Hrsg.), Franz Xaver, die Gesell-
schaft Jesu und die katholische Weltkirche im Zeitalter des Barock. Wiesbaden 2005, 355-382; Peter DOWNES, „Die Wahrnehmung
des Anderen. Jesuitenmissionare und Indios im Neuen Welt-Bott“, in: Ebd., 341-354.
30
Im Brief des Jesuiten Joannes Ginsol wurde über die Ankunft von zwei Schiffen jeweils aus Goa und Ost-Indien berichtet, die
sich auf dem Weg nach Lissabon befänden. Ein Schiff trüge eine portugiesische Flagge, während das andere ein gefangenes „ ara-
bisches Raub-Schiff“ sei. Im ersten Schiff würden sich der Vizekönig von Indien sowie der jesuitische Prokurator aus China befin-
den. Letzterer hätte den Jesuiten in Bahia über Folgendes benachrichtigt. 1. Über die Erlaubnis des Herrschers Camhi (Kaiser
Kangxi), im chinesischen Kaiserreich die christliche Religion zu lehren; 2. Über die Enthauptung von Joannes de Brito in Madura;
3. Über das Reisetagebuch des in Persien gestorbenen China-Missionars Grimaldi, das der Prokurator bei sich gehabt habe; 4.
Über den Schiffbruch, welcher der indische Vizekönig samt zwölf Jesuiten auf dem Reiseweg nach Goa 1691 erlitten habe. Der
Vizekönig und sechs Jesuiten hätten allerdings dieses Unglück überlebt; 5. Über die holländische Eroberung eines französischen
Postens in Ostindien, in deren Folge der belgische Jesuit Guidone Tachard als Gefangener nach Holland geschickt worden sei.
„Brief des Paters Joannes Ginsol aus Bahía“ vom 05.06.1694 in: Joseph STÖCKLEIN, Der Neue Welt-Bott oder Allerhand so Sehr
als Geistreiche Brief/Schrifften und Reisbeschreibungen, welche von denen Missionaris der Gesellschaft Jesu aus Indien und an-
dern weit-entfernen Ländern [...] in Europa angelangt seynd, Brief Nr. 49, Band 2, (Wien 1748-1761), 61-62. Im folgenden wird
die jesuitische Publikation als Der Neue Welt-Bott bezeichnet.
11

GRAFIK 3: ZWEIGARTIGE VERBINDUNGEN IN DER VERBREITUNG VON ERBAULICHEN


NACHRICHTEN

Vor Ort angelangt, wurden die nuevas und weitere erbauliche Schriften bei den Mahlzeiten und ähnlichen
Zusammenkünften der jesuitischen Gemeinschaft vorgelesen und als Lehrmittel für die Novizenausbil -
dung eingesetzt.31 Beispielsweise wählte der im Augsburger Jesuitenkolleg St. Salvator tätige Praefectus lec-
torum ad mensam, der für die Lektüre bei Tisch zuständig war, vorrangig die Jahresberichte als Vorlesestoff
aus.32 Schließlich wurden die erbaulichen Nachrichten in den jeweiligen Bibliotheken und Archiven der Je-
suitenhäuser aufbewahrt und fügten sich in das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft Jesu ein. Als zu
vervielfältigendes Material, das prinzipiell allen Ordensmitgliedern zugänglich war und das als Erziehungs-
und Tischlektüre die loci comuni der jesuitischen Weltanschauung reproduzierten, nahmen die erbaulichen
Nachrichten einen festen Platz im jesuitischen Alltag ein. Ihr Verbreitungsraum war somit nicht nur grö-
ßer, sondern vor allem beständiger und ergiebiger als der der amtlichen Informationen. 33
Die jesuitischen Constituciones regelten nicht nur den schriftlichen Verkehr innerhalb des Ordens, sondern
beschäftigten sich – wenn auch im kleineren Umfang als mit den Briefen – mit den mündlichen Berichter-
stattungen. So sollten die regelmäßigen Zusammenkünfte zwischen den Vertretern der jeweiligen Provin -
zen und der römischen Ordensleitung einen Raum für den direkten Meinungsaustausch bieten. In Bezug
auf die Mission in Übersee, verfügte die jesuitische Satzung, dass alle vier bis sechs Jahre die Prokuratoren

31
„ [...] y entre tanto que se come, dándose alguna refección asimismo al ánima, con leerse algún libro pío más que difícil que todos puedan entender, y de
él aprovecharse, o con predicar alguno en el tal tiempo, según fuere ordenado por los Superiores o con cosa semejante a gloria de Dios nuestro Señor “. So-
wie im nächsten Satz „Cosas semejantes son como leer letras de edificación [...] “. ARZUBIALDE, Constituciones, Satz 251 und 252,
144. (Hervorgehoben von der Autorin).
32
Paul RUPP, „Aufbau und Ämter des Jesuitenkollegs Augsburg“, in: Wolfram BAER und Hans Joachim HECKER, (Hrsg.), Die Jesui-
ten und ihre Schule St. Salvator in Augsburg in 1582. Ausstellungskatalog. München 1982, 23-24.
33
HARRIS, „Confession-Building”, 300-301.
12

aus den Provinzen in Rom zusammenzutreffen hatten. 34 Jede Provinz sollte jeweils zwei Vertreter senden,
wobei einer der beiden in den Missionen tätig sein musste. Die doppelte Besetzung bei den Prokuratoren -
versammlungen sicherte, dass mindestens einer der beiden Vertreter aus der überseeischen Provinz die
Gelegenheit hatte, über die Zustände in den Missionen mündlich zu berichten sowie über die Gründung
neuer Niederlassungen zu verhandeln und deren Finanzierung zu koordinieren. 35 Die Zusammenkünfte
mit den lokalen Entscheidungsträgern der jesuitischen Körperschaft ließen jedoch nicht nur die Pflege
und Kontrolle der Beziehungen über längere Zeit und Distanz zu, sondern stellten sich überdies als ein
besonders einflussreicher Raum dar, an der mittels des persönlichen Kontaktes ordenspolitische Richtlini-
en debattiert wurden.36
Von den Jesuiten aus Übersee befördert, kamen außerdem diverse exotische Gegenstände in Europa an.
So bedankte sich 1717 der Ordensgeneral Tamburini beim Prokurator Ignaz Aleman „per la pretiosa taba-
chiera, e el pretioso tabaco que vi era dentro“. 37 Tabak schien ein besonderes Geschenk gewesen zu sein, dessen
Beliebtheit ebenfalls dem chilenischen Prokurator Balthasar Hueber bekannt war. In einem Schreiben an
den deutschen Provinzial Albert Hofreitter bedauert dieser, „dass von den 7 Pfund erstklassigen Spaniols, den er
für ihn mitgebracht habe, ihm nur noch 3 Pfund verblieben seien, weil an der Curia in Rom sich alles über den seinen Na-
senschmais hergemacht habe“.38 Auch andere Exotika wurden verschickt. 1727 sandte beispielsweise der in der
Mission Moxos tätige Jesuit Dominikus Mayr einige Papageienfedern sowie ein Musterstück aus der Be -
kleidung eines bekehrten Indianers an seinen oberdeutschen Provinzial. 39 Ebenso fügte Joannes Ginsol
seinem Brief aus Bahia zwölf Rosenkränze hinzu, die aus brasilianischem Balsamholz hergestellt waren.
Mit diesem Geschenk erhoffte er sich die Fürbitte für die Einwohner seiner Mission. 40 Ähnlich wie bei
den Erbauungsschriften zielte auch die Entsendung von überseeischen Gegenständen darauf hin, die reli-
giösen Gefühle und die apostolische Bereitschaft der in der Heimat gebliebenen Ordensbrüder zu bekräf-
tigen. Demzufolge kursierten die Objekte zunächst vertikal, d.h. sie bewegten sich entlang der Hierarchie
von den Missionsgebieten in Richtung römisches Zentrum. Bei ihrem Empfänger angelangt, wurden die
Objekte anschließend in den Kollegien, Bibliotheken und Kuriositätenkabinetten zur Schau gestellt, in ei-
nigen Fällen wurden sie auch abgebildet. 41 In derselben Weise wie die erbaulichen Nachrichten, wurden sie
in zweigartiger Form schriftlich oder grafisch reproduziert, innerhalb des jesuitischen Netzes weitergetra-
gen und in den Bibliotheken, Museen und weiteren Orten der Wissensproduktion aufbewahrt.

34
ARZUBIALDE, Constituciones, Satz 679, 295.
35
KOCH, „Berichterstattung“, 194 und „Brieflicher Verkehr“, 262.
36
Die geografischen Entfernungen und die Knappheit an Ressourcen machten es jedoch den Überseeprovinzen nicht immer
möglich, regelmäßig einen Vertreter zu entsenden. So etwa der Fall der malabarischen Mission, die – laut einem Brief vom 2. Juli
1698 – im Zeitraum von achtzehn Jahren keinen Prokurator nach Rom schicken konnte. Anton HUONDER, Die Missionsprokura-
toren der Gesellschaft Jesu in alter Zeit, in: Die katholischen Missionen (1925), 406.
37
Ebd., 410.
38
Ebd., 410.
39
Dominikus MAYR, Neu-Aufgerichtet Mayerhof, Augsburg 1747, 173-174.
40
„Brief des Joannes Ginsol aus Bahia vom 05.06.1694“, in: STÖCKLEIN, Der Neue Welt-Bott, Bd. 1, Teil 2, Nr. 49, 60-62.
41
Siehe u.a. Marcus HELLYER, “Jesuit Physics in Eigthteen-Century Germany”, in: J. W. O' MALLEY [et. al.] (Hrsg.), The Jesuits:
Cultures, Sciences, and the Arts, 1540-1773. Toronto 1999, S. 538-554; Roswitha KRAMER, “… ex ultimo angulo orbis”: Atanasio
Kircher y el Nuevo Mundo, in: Karl KOHUT und Sonia V. ROSE (Hrsg.), Pensamiento Europeo y Cultura Colonial. Frankfurt/Ma-
drid 1997, Bd. 4, 320-377; Domingo LEDEZMA, “Una legitimación imaginativa del Nuevo Mundo: La Historia naturae, maxime
peregrinae del jesuita Juan Eusebio Nieremberg, in: Luis MILLONES FIGUEROA und Domingo LEDEZMA (Hrsg.), El saber de los jesui-
tas, historias naturales y el Nuevo Mundo. Frankfurt/Madrid 2005, 53-83.
13

3. WISSENSCHAFTLICHER AUSTAUSCH UND HORIZONTALE VERBINDUNGEN IM NETZ

Zusätzlich zu den amtlichen und erbaulichen Schriften zirkulierten im jesuitischen Netz wissenschaftliche
Nachrichten, die in der Form von Texten, Objekten und mündlichen Mitteilungen weitergegeben und ver-
breitet wurden. Der wissenschaftliche Austausch innerhalb des Ordens bildete – so Harris – ein long-distan-
ce network42, mit dem die hochausgebildeten Jesuiten aus den städtischen Zentren Europas und den über-
seeischen Missionen verbunden wurden.43 Anders als die von der jesuitischen Satzung genau geregelten
nuevas, letras misivas und informaciones, wurden die Erfassung und Weitergabe von wissenschaftlichen Nach-
richten in den Constituciones jedoch kaum reglementiert, wohl aber explizit erwünscht. Denn – daran waren
sich die Ordensgründer einig – das Wissen über die Natur, die Geografie und das Klima sowie über die in
den fernen Ländern lebenden Menschen, ihre Lebensstile, ihre Sprachen und ihre religiösen Praktiken
könnten das apostolische Projekt der Gesellschaft Jesu nur unterstützen. Des Weiteren würden die wis-
senschaftlichen Bemühungen der Jesuiten die Beziehungen mit den traditionellen Machtstrukturen verstär-
ken und dem Orden intellektuelles Ansehen und gesellschaftliche Autorität zuerkennen. 44
Die Anregungen der jesuitischen Ordensgründer, mit den zeitgenössischen Gelehrten über Beobachtun-
gen, Experimente und Erkenntnisse der Naturwelt zu kommunizieren, zeigen, dass die Erfassung und
Weitergabe von wissenschaftlichen Informationen nicht abgesondert von den Bedürfnissen der Expansi-
on in Übersee zu betrachten ist. Zwar war die jesuitische Wissenschaftspraxis experimentell, pragmatisch
und nutzanwendend orientiert, es darf jedoch nicht vergessen werden, dass das wissenschaftliche Ver-
ständnis des Ordens dem gegenreformatorischen Vorhaben entsprungen war und demzufolge die Aus-
breitung und Verstärkung der katholischen Konfession anstrebte. Ebenso wie ihre europäischen Zeitge-
nossen vertraten die Jesuiten die Position, dass das Wissen über die Natur den Kenntnissen über Gott
dienlich sein sollte. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den überseeischen Gebieten sowie die daraus
resultierende Korrespondenz sind daher in diesem Zusammenhang zu verstehen, nämlich als intellektuelle
Leistungen der Ordensmitglieder, anhand von Wissensbeständen über die außereuropäischen Wirklichkei-
ten den Zwecken der Mission zu dienen.45 Wissenschaft und Mission waren daher eng miteinander ver-
bunden.

42
Der Begriff long-distance network wurde von John Law und Bruno Latour formuliert. Siehe Steven J. HARRIS, „Confession-Buil-
ding”, 293-296.
43
Zu erwähnen sei hierzu der innerhalb der jesuitischen Lehranstalten regelmäßig praktizierte Austausch des Bildungspersonals,
beispielsweise lehrten die Professoren des Dillinger Kollegs einige Zeit in Ingolstadt und Freiburg. Die Zirkulation von humanen
Ressourcen unterstützte letzten Endes auch den Transfer von Informationen und Nachrichten aus den Missionsgebieten. Zu je -
suitischer Unterrichtspraxis siehe Laetitia BOEHM, „Universität in der Krise?“, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, 54,
Heft 1, (1991), 138. Siehe auch HARRIS, „Mapping Jesuit Science“, 215.
44
In einem Brief von 24. Februar 1554 schrieb Ignatio de Loyola an seinen Kollegen in Indien, dass „ Some leading figures who in this
city [gemeint ist Rom, G.B.G.] read with much edification for themselves the letters from India, are wont to desire, and the request me repeatedly, that
something should be written regarding the cosmography of those regions where ours [die Ordensmitglieder, G.B.G.] live. They want to know, for in-
stance, how long are the days of summer and of winter; when summer begins; whether the shadows move towards the left or towards the right. Finally, if
there are other things that may seem extraordinary, let them be noted, for instance, details about animals and plants that are either not known at all, or
not of such a size, etc. And this news - sauce for the taste of a certain curiosity that is not evil and is wont to be found among men - may come in the
same letters or in other letters separately.“ Zitiert in: CORREIA-AFONSO, Jesuit Letters, 14. Siehe auch ARZUBIALDE, Constituciones, Satz
823-824, 348-349.
45
Siehe hierzu die anregenden Beiträge von Luis MILLONES FIGUEROA, „La intelligentsia jesuita y la naturaleza del Nuevo Mundo en
el siglo XVII“, in: Luis MILLONES FIGUEROA und Domingo LEDEZMA (Hrsg.), El saber de los jesuitas, historias naturales y el Nuevo
Mundo. Frankfurt/Madrid 2005, 27-51; sowie KRAMER, “… ex ultimo angulo orbis”, 320-377.
14

Die wissenschaftliche Kommunikation innerhalb der Gesellschaft Jesu bediente sich auch der netzartigen
Verflechtungen. Die Verbindungen zwischen den Ausbildungsstätten und den Missionsgebieten begüns-
tigten den Zugang zu den Informationen, Medien, Gegenständen und Orten der Wissensproduktion und
Aufbewährung. Der transkontinentale Austausch von wissenschaftlichen Nachrichten stellte einen ent-
scheidenden Faktor dar, dass nämlich die Jesuiten an den zeitgenössischen Debatten über Naturphiloso-
phie und Naturgeschichte erfolgreich und fortschrittlich teilnahmen. Er bedeutete jedoch auch, dass an je-
der Stelle des Nachrichtennetzes – sei es im Zentrum oder in den überseeischen Missionsgebieten – Wis-
sen produziert wurde.
In der Historiografie wird jedoch allgemein die Ansicht vertreten, dass die europäischen Niederlassungen
des Ordens für die Aufarbeitung und Systematisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse zuständig waren,
während die überseeischen Missionen lediglich als Sammler und Lieferanten von „rohen“ und „unbearbei-
teten“ Nachrichten dienten.46 Diese in Wirklichkeit eurozentristische Sicht der Teilung der wissenschaftli-
chen Abläufe läßt meines Erachtens die Tatsache außer Acht, dass die jesuitischen Erfassung und Weiter -
gabe von Wissensbeständen zwar ordenspolitischen Zielen unterlagen, dennoch lokal verankert waren. In
Europa und in Übersee ging es in erster Linie darum, die wissenschaftlichen Erkenntnisse den missionari-
schen Erfordernissen vor Ort zu unterwerfen.47 Einer der von der Forschung am meisten untersuchte Fall
ist der des Jesuiten Samuel Fritz, dessen kartografische Aufzeichnungen zu Beginn des 18. Jahrhunderts
als unerlässliches Informationsmaterial zur Erschließung der missionarischen Gebiete an der spanisch-
portugiesischen Grenze des kolonialen Amerikas galten. 48 Ein weniger bekanntes Beispiel stellt der Missi-
onsbericht des Grazer Jesuiten Franz Xaver Veigl dar, der kurz vor der Ausweisung des Jesuitenordens
verfasst wurde.49 In seiner Abhandlung präsentierte Veigl die Maynas-Mission im Südosten des Vizekönig-
reiches von Quito als eine Wasserlandschaft, die er mit einer Karte des Flusses Maragnon und seiner Ne-
benflüsse illustrierte, um den Lesern seine Beschreibung anschaulicher zu vermitteln. Ebenso wie Fritz’
Landkarte, war auch Veigls Schrift zunächst für Zwecke der Mission gedacht. Seine Abhandlung bot den
46
Angeregt durch John Laws und Bruno Latours Ansätze unterscheidet Harris zwischen zwei Räumen in der wissenschaftlichen
Wissensproduktion der Gesellschaft Jesu. Er differenziert zwischen den Standorten an der Peripherie der jesuitischen Organisati-
on und den akademischen Zentren. Die Randstandorte – etwa jene in den überseeischen Missionen – dienten hauptsächlich der
Beobachtung und Ansammlung von Informationen. Die akademisch-zentralen Standorte – vor allem die Hohen Schulen und
Kollegien in den urbanen Zentren Deutschlands, Frankreichs und Italiens – waren für die Auswertung, Ausarbeitung und Archi -
vierung der Informationen sowie für das Niederschreiben und Veröffentlichen der Manuskripte zuständig. Die Existenz dieser
beiden Räume ermöglichte der Gesellschaft Jesu lokales Wissen (beispielsweise die Nachrichten aus den Missionen) mit den trans -
kontinentalen Netzwerken der Wissensproduktion zu verbinden. HARRIS, „Mapping Jesuit Science“, 224-228.
47
1762 bot beispielsweise die XVI. Kongregation der Provinzialen beim Römischen Generalat um die Erlaubnis, einen Lehrstuhl
für Mathematik an der Universität Córdoba zu errichten. Ihren Antrag begründeten die Jesuiten mit dem Argument, dass u.a. die
mathematischen Kenntnisse unentbehrlich für die Flussnavigation und den Transport innerhalb der Missionen sei. Auch für die
„mechanischen Künste“ – wie etwa die Architektur und der Kanalbau – sei die Mathematik nötig. Guillermo FURLONG, Los Jesuitas y
la Cultura Rioplatense. Buenos Aires 1984, 95.
48
Samuel Fritz (1654-1725) kam 1685 als Missionar ins Amazonastiefland. Er war 42 Jahre beim Volk der Omaguas tätig, welches
zwischen dem Fluss Napo und der Einmündung des Río Negro angesiedelt war. Zwischen 1704 und 1712 wirkte Fritz als Superi-
or der Mission Maynas. Samuel Fitz bemühte sich als Vermittler in den Grenzkonflikten zwischen Spanien und Portugal am obe-
ren Amazonas. Im Anschluss einer Reise nach Lima 1707 fertigte er die erste moderne Karte des Amazonas-Stromes, auf der der
gesamte Verlauf des Amazonas-Flusses – von seiner Quelle in der Laguna di Lauricocha bis zur Mündung – gezeichnet war.
Überdies wurde der Missionar durch seine Missionstagebücher bekannt. Josef GICKLHORN und Renée GICKLHORN, Im Kampf um
den Amazonas: Das Forscherschicksaal des P. Samuel Fritz. Prag 1943.
49
Es handelte sich hier um die Abhandlung Gründliche Nachrichten über die Verfassung der Landschaft von Maynas, die in den fünfziger
Jahren des 18. Jahrhunderts verfasst wurde. Der Text wurde jedoch erst 1785 in Nürnberg vom protestantischen Jesuitenfreund
Christoph Gottlieb von Murr veröffentlicht. Franz Xaver VEIGL, Gründliche Nachrichten über die Verfassung der Landschaft von
Maynas in Süd-Amerika bis zum Jahre 1768, in: Christoph Gottlieb VON MURR (Hrsg.), Reisen einiger Missionarien der Gesell-
schaft Jesu in Amerika. Nürnberg 1785, 3-324.
15

zukünftigen Missionaren die notwendigen Informationen, um die zu bekehrenden indigenen Völker zu-
nächst auf der Grundlage der beschriebenen Wasserlandschaft geografisch einzuordnen und erst dann sie
nach ihren jeweiligen Sprachen – d.h. nach ihren kulturellen Eigenschaften – zu unterscheiden. 50
Die lokale Aufarbeitung von Wissensbeständen trug weiterhin selbst zur Vernetzung bei. Franz Xaver
Veigls Nachrichten vernetzten die Mission Maynas mit den jesuitischen Ausbildungszentren in Europa.
Die wissenschaftliche Berichterstattung regte somit den Meinungsaustausch zwischen Professen, Schülern
und Missionaren auf beiden Seiten des Ozeans und beförderte die Entstehung horizontaler Verbindungen
innerhalb des Netzes. So etwa pflegten die berühmten Jesuiten Athanasius Kircher in Rom und Juan Eu-
sebio Nieremberg in Madrid den kollegialen Meinungsaustausch mit ihren Ordensbrüdern in Übersee. 51 In
den politischen und wissenschaftlichen Zentren des Ordens wirkend, hatten beide Gelehrten stets Zugang
zu den diversen schriftlichen und bildlichen Nachrichten aus Übersee, die – wie bereits dargelegt – entlang
der vertikalen Verbindungen im Netz vom Äußeren zum Inneren angelangt waren. Die Aufbewahrung
von mehrsprachigen Werken, Landkarten, Verzeichnissen, exotischen Gegenständen und Geräten unter-
schiedlicher Art in den jeweiligen Kollegien der Gesellschaft Jesu wäre somit ohne den intellektuellen und
materiellen Austausch mit den Kollegen in den außereuropäischen Gebieten nicht zustande gekommen. 52
Der kollegiale Meinungsaustausch beförderte überdies die Vernetzung im regionalen Kontext. So etwa un-
terstützte der Austausch über pflanzenheilende Erkenntnisse und Erfahrungen in der peruanischen Pro-
vinz die Verflechtung zwischen jesuitischen Apotheken, Kräutergärten, Bibliotheken und weiteren Räu-
men der wissenschaftlichen Produktion.53
Die jesuitische Wissenschaftspraxis in ihrer Vollständigkeit zu ergründen, erfordert die Analyse anhand
epistemologischer, ordenspolitischer und organisationstheoretischer Faktoren zu vertiefen, was allerdings
den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde. Wichtig an dieser Stelle ist jedoch meiner Meinung nach zu
betonen, dass die wissenschaftliche Berichterstattung zwei Formen der kommunikativen Verflechtungen
ermöglichte. Der kollegiale Meinungsaustausch zwischen den Jesuiten erfolgte zum einen vertikal und
stützte sich dabei auf die existierenden Netzstrukturen und Kommunikationsmedien. Zum anderen be-
günstigte dieser die Entstehung direkter Verbindungen auf horizontaler Ebene, so etwa zwischen Gelehr-
ten innerhalb und außerhalb der Region, sowie zwischen den Missionaren in Übersee und den Jesuiten-

50
Galaxis BORJA GONZÁLEZ, Die jesuitische Berichterstattung über die Neue Welt. Zur Veröffentlichungs-, Verbreitungs- und Re-
zeptionsgeschichte jesuitischer Americana auf dem deutschen Buchmarkt im Zeitalter der Aufklärung. (Diss. Univ. Hamburg,
Nov. 2005), 233-235.
51
FURLONG, Los Jesuitas y la Cultura Rioplatense, 49. LEDEZMA, “Una legitimación imaginativa del Nuevo Mundo“, 53-83, sowie
MILLONES FIGUEROA „La intelligentsia jesuita y la naturaleza del Nuevo Mundo en el siglo XVII“, 33.
52
Der Austausch von Nachrichten aus Übersee sowie ihre Aufbewahrung und Archivierung bedeutete aber noch lange nicht, dass
dadurch die Jesuiten in den europäischen Ausbildungsstätten besser in der Lage waren, die amerikanischen Wirklichkeiten zu ver -
stehen. Im Gegenteil hat die historische Forschung der letzten Jahre darauf hingewiesen, dass es den Gelehrten in Europa haupt-
sächlich darum ging, die Fremdheit und Besonderheit der überseeischen Gebiete in ihre christlichen Weltordnung einzugliedern.
Amerika fungierte dabei nicht als Wissensgegenstand an sich, sondern vielmehr als eine allegorische Figur, anhand derer die ge -
sellschaftlichen (Macht-)Verhältnisse in der transatlantischen Welt gedeutet, legitimiert oder verfochten wurden. Ein gutes Beispiel
stellt hier die Reaktion der Gelehrten Neu Spaniens auf A. Kirchers Auslegung der indigenen Codices dar. Die Art und Weise, wie
der deutsche Jesuit mit seinen Quellen und Informanten umging, seine abwertende Beurteilung der mexikanischen Piktogramme
und die hieraus resultierenden Konsequenzen für die Stellung Mexikos in der christlichen Weltordnung wurden sogar von den ei -
genen Ordensbrüdern kritisiert. So lehnten u.a. die in Neu Spanien wirkenden Jesuiten wie etwa Francisco Ximénez, José de
Acosta, und Carlos Singuenza y Góngora Kirchers Thesen ab. Die Debatte hielt bis in die Jahre nach der Aufhebung der Gesell -
schaft Jesu an, als im Zusammenhang mit der aufgeklärten Polemik über Amerika der Ex-Jesuit Francisco Xavier Clavijero die
Theorien seines deutschen Kollegen erneut widerlegte. KRAMER, “… ex ultimo angulo orbis”, 342-364.
53
Luis MARTÍN, The Intellectual Conquest of Peru. The Jesuit Colleg of San Pablo, 1568-1767. New York 1968.
16

schülern in den europäischen Niederlassungen. Diese horizontalen Verflechtungen waren zwar von den
Constituciones erwünscht, jedoch kaum reglementiert, sie erfolgten vielmehr aus der Initiative des Einzelnen
sowie dank der direkten Vermittlung von Dritten und in einigen Fällen sogar auch als Folge publizistischer
oder verlegerischer Aufforderung.

4. ADMINISTRATIVE EINHEITEN ALS BINDEGLIED IM NACHRICHTENNETZ

Regelten die Constituciones Inhalt, Umlauf und Funktion der jesuitischen Korrespondenz, so benötigte das
jesuitische Nachrichtennetz ferner funktionierende Verwaltungseinheiten, die als Bindeglied zwischen Eu-
ropa und Übersee agierten und für die Beförderung und Aufarbeitung der Nachrichten zuständig waren.
Eine dieser Zwischenstellen war der Indienprokurator, der als Vermittler zwischen seiner Herkunftspro-
vinz und dem Ordensgeneralat wirkte.54
Das Amt eines Prokurators, das bereits mit der Gründung des Jesuitenordens eingerichtet wurde, gehörte
zusammen mit den Provinzialen und Assistenten zu den grundlegenden Verwaltungseinheiten in der jesui-
tischen Organisation. Ein für die amerikanische Mission speziell eingesetzter Prokurator existierte jedoch
erst seit den siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts. Die Vorkehrungen hierfür wurden in engem Zusam-
menhang mit den Bedürfnissen der transatlantischen Expansion getroffen, als der Bedarf nach regelmäßi-
ger Berichterstattung aus Übersee unentbehrlich wurde. Der Indienprokurator arbeitete eng mit dem Pro-
kurator derjenigen Provinz zusammen, in der er auch diente. Zu Beginn der überseeischen Mission wur-
den hauptsächlich die spanischen Indienprokuratoren mit Dienstort in Sevilla und Cádiz ernannt. Der In-
dienprokurator sollte daher seine Aufgaben und Bemühungen mit dem Prokurator der spanischen Provinz
koordinieren und diese von ihm teilweise sogar bewilligen lassen. Ein Konkurrenzzustand zwischen bei-
den Leitungsposten, der oftmals zu Unstimmigkeiten und Entscheidungsvakuen führte, war somit vorpro-
grammiert.55 Die Befugnisse des Indienprokurators wurden jedoch in dem Maße erweitert, wie die ameri-
kanischen Belange für die ordenspolitischen Ziele der Gesellschaft Jesu an Gewicht gewannen. Als im
Laufe des 17. Jahrhunderts die amerikanischen Ordensprovinzen ihre eigenen Missionsprokuratoren nach
Europa sandten, sollten diese ihre Tätigkeiten zwar noch mit dem spanischen Provinzialat abstimmen,
konnten jedoch auch eigenständige Verhandlungen – beispielsweise mit den deutschen Provinzen – auf -
nehmen.

54
In der jesuitischen Hierarchie gab es weitere administrative Posten, die zum Zwecke der Kommunikation zwar ebenso von Be -
deutung waren, dennoch nicht ausschließlich den Bedürfnissen der Mission untergeordnet waren, beispielsweise das Amt des Or-
denssekretärs. Der Sekretär, dessen Rolle von den Constituciones als „memoria y manos para todo lo que se ha de escribir y tratar“ beschrie-
ben wurde, war einerseits mit der Verwaltung und Aufbewahrung der eingehenden Korrespondenz beauftragt, andererseits betei -
ligte er sich auch an deren Konzeption und übernahm somit die Funktion eines Informationsmanagers. So führte etwa Loyolas
erster Sekretär, Francisco Polanco, in einem Sendschreiben an seine Ordensbrüder nicht weniger als zwanzig Gründe an, weshalb
sie untereinander zu korrespondieren hätten, und ermahnte die Briefschreiber, auf ihren Schreibstil zu achten sowie auch Wieder -
holungen und Überflüssiges zu vermeiden. In seiner Studie zu den indischen Missionen erwähnt der Historiker John Correia-A-
fonso ferner den Posten des hebdomarius im Jesuitenorden. Dieser war eine Art Schriftführer, der während der Anfangszeit der In-
dienmission für die wöchentliche Erledigung der Korrespondenz verantwortlich war. (Das lateinische Wort hebdomas bedeutet die
Anzahl von sieben Tagen). In den Constituciones lassen sich jedoch keine Hinweise auf diesen Posten des hebdomarius finden, auch
die jesuitische Amerika-Korrespondenz erwähnt sie nicht. CORREIA-AFONSO, Jesuit Letters, 3-5; ARZUBIALDE, Constituciones, Satz
800, 332 und Mario SCADUTTO, Uno scritto ignaziano inedito il „Del officio del secretario“ del 1547, in: Archivum Historicum So -
cietatis Iesu, Vol. XXIX (1960), 305-328.
55
Felix ZUBILLAGA, „El procurador de las Indias Occidentales de la Compañía de Jesús (1574)“, Etapas históricas de su erección,
in: Archivum Historicum Societatis Iesu, Vol. XXII, (1953), 367-417.
17

Die Aufgaben des Indienprokurators änderten sich im Laufe des jesuitischen Expansionsprozesses. Ur-
sprünglich bestanden diese in der Beförderung der Briefe und weiterer schriftlicher Mitteilungen aus den
Missionsgebieten. Der Prokurator sollte dafür sorgen, dass der Postweg zwischen Europa und Übersee
funktionsfähig blieb. Während seiner Reisen durch die europäischen Niederlassungen galt der Aufenthalts-
ort des Prokurators als die Zustelladresse für die nach Amerika zu entsendende Korrespondenz. Beispiels-
weise baten am Anfang des 18. Jahrhunderts die in der Chilemission wirkenden Jesuiten Andreas Supetti
(aus Böhmen) und Michael Choller (aus Österreich) ihre Briefpartner darum, ihre schriftliche Antwort
nicht direkt nach Chile, sondern in zweifacher Ausfertigung an den spanischen Assistenten in Rom zu
adressieren. Dieser würde dann die Post über den chilenischen Generalprokurator in Sevilla bzw. Cádiz
nach Chile weiterschicken.56 Der österreichische Jesuit Nikolaus Schindler (der dank der Rückkehr eines
„Wälschen“ eine Nachricht aus Quito versenden konnte) bat den Empfänger seines Briefes, Pater Jakob
Rospichler, ebenfalls darum, sein Antwortschreiben an die Adresse des Prokurators zu versenden. 57 Wur-
de die Europareise des Prokurators aufgrund seiner Amtsgeschäfte verzögert oder traten unerwartete Hin-
dernisse auf, so verspätete sich dementsprechend auch die Beförderung der Amerika-Post. Es war eben-
falls möglich, dass der Prokurator auf das Eintreffen mehrerer Briefe wartete und erst dann die Zustellung
erledigte.58
Im Laufe des 17. Jahrhunderts gewannen die administrativen und organisatorischen Aufgaben des Indien-
prokurators zunehmend an Bedeutung. Als Vertreter der überseeischen Provinz war er für die Überfahrt
und die materielle Versorgung der in die Missionen reisenden Jesuiten verantwortlich. 59 Sein Amt war fer-
nerhin mit ordenspolitischen Funktionen verbunden, die infolge des spanischen und portugiesischen Kir-
chenpatronats meistens in gegenseitiger Abstimmung mit den jeweiligen Höfen durchzuführen waren.
Dementsprechend trat der Indienprokurator in Madrid und Lissabon als Unterhändler auf, bemühte sich
um die Erlaubnis für die Entsendung von Missionaren, kümmerte sich um die Beschaffung von finanziel-
len Mitteln und pflegte die Patronagebeziehungen mit den jeweiligen Herrschern. 60 So ersuchte beispiels-
weise im September 1720 der Jesuit Joannes Ginsol, der als Prokurator der brasilianischen Mission zur

56
„Brief des Paters Andreas Supetti aus Santiago” vom 15.12.1701, in: STÖCKLEIN, Der Neue Welt-Bott, Bd. 1, Teil 3, Nr. 70, 31;
„Brief des Paters Michael Choller aus Kintschao“ vom 03.01.1725, in: STÖCKLEIN, Der Neue Welt-Bott, Bd. 2, Teil 10, Nr. 249, 2.
57
„Brief des Paters Nikolaus Schindler“ aus Quito vom 13.02.1725, in: Ebd., Bd. 2, Teil 11, Nr. 282, 86. Die Übergabe der abge -
schickten Post galt auch in der umgekehrten Richtung, nämlich aus den Missionen nach Europa. Zehn Jahre später meldete sich
wieder Pater Schindler bei Jakob Rospichler und teilte ihm mit, dass er trotz schlechten Briefpapiers und mangelnder Zeit die Rei -
se seines Ordensbruders nach Rom ausnutze, um durch ihn einen Brief für Wien abzugeben. „Brief des Paters Nikolaus Schind -
ler“ aus Quito vom 10.01.1736, in: Ebd., Bd. 2, Teil 11, Nr. 282, 83.
58
In diesem Sinne schrieb Pater Joannis Rossi an seinen Ordenskollegen in Graz, Sebastian Kayser: „ Wann auch mein erster Brieff
bißhero nicht eingeloffen ist, folgt nicht daß er zu Grund gegangen seye: er kann vielleicht später ankommen dann unter General-Procurator zu Genua
lässt zur Verringerung dern Unkosten mehr zusammen kommen biß sie zu einem Päckel werden“. Pater Rossi verschickte seinen Brief aus Cá-
diz, als er auf die Überfahrt nach Amerika wartete. „Brief des Paters Joannis Rossi“ aus Cádiz vom 31.07.1730, in: Ebd., Bd. 3,
Teil 21, Nr. 448, 101.
59
ZUBILLAGA, „El procurador“, 367-417.
60
Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts hatte die spanische Krone grundsätzlich eine restriktive Politik bei der Entsendung nichtspa-
nischer Jesuiten verfolgt. Der spanische Staat lockerte seine restriktive Ausländerpolitik erst im Jahre
1664 und ließ dann die Entsendung nichtspanischer Missionare nach Amerika zu. Zehn Jahre später durften u.a. auch die Mitglie-
der der oberdeutschen Provinzen in die überseeischen Kolonien reisen. Der Anteil ausländischer Missionare in den Überseegebie-
ten musste aber lediglich einem Viertel der gesamten Anzahl von Jesuiten entsprechen. 1674 wurde der Anteil auf ein Drittel er-
höht. Im Kontext des Spanischen Erbfolgekrieges erfolgte ein erneutes Verbot. Dies galt noch in den Jahren nach dem Krieg für
Neapolitaner und Mailänder sowie für österreichische und böhmische Untertanen. 1734 wurde in einem weiteren königlichen Er -
lass der Anteil ausländischer Jesuiten in den Kolonien auf ein Viertel beschränkt. 1750 wurde die Entsendung wieder zugelassen,
jedoch 1760 abermals verboten. Vgl. BORGES MORÁN, El envío de misioneros a América, 35-127.
18

Teilnahme an der Provinzialkongregation nach Europa gereist war, um eine Audienz beim portugiesischen
König. Bei diesem Anlass – an dem auch die Königin, der Kardinal und mehrere Staatsminister teilnah-
men – trug der gebürtige Böhme sein Anliegen vor, in welchem es um die Entsendung eines böhmischen
Jesuiten und Apothekers in die brasilianische Mission ging. 61 Zum Zwecke ihrer Verhandlungen rekurrier-
ten die Prokuratoren auch auf die gedruckten Kommunikationsmedien. Die von ihnen beförderten lateini-
schen nuevas und litterae annuae wurden nicht selten in die jeweiligen Landessprachen übersetzt und veröf-
fentlicht, um über diesen Kommunikationsweg neue Missionare und finanzielle Mittel zu erwerben. Zum
Beispiel wurden die vom Indienprokurator Francisco de Figueroa überbrachten Briefe niederländischer Je-
suiten aus den Missionen in Mexiko, Peru und Paraguay zusammen mit einem Brief an Philipp III. ge-
druckt. Das Buch erschien 1620 in Augsburg unter dem in deutscher Sprache übersetzten Titel Auß Ame-
rica, das ist, auß der Newen Welt. Die niederländischen Briefe informierten über den apostolischen Eifer und
die Mühen der Missionare, fügten sogar die Porträts der in der mexikanischen Provinz als Märtyrer umge-
kommenen Jesuiten hinzu und bezweckten auf diese Weise, die Öffentlichkeitsarbeit des Prokurators Fi -
gueroa in den jesuitischen Niederlassungen der oberdeutschen Provinz zu unterstützen. Auch die Litterae
Annuae der peruanischen Provinz wurden 1604 in Mainz nach dem Besuch des Prokurators Diego de
Torres Bollo im Deutschen Reich veröffentlicht. 62 Durch die Vermittlung des Prokurators wurden
ebenso die paraguayischen Missionsschriften des Tiroler Jesuiten Anton Sepp der deutschen Leserschaft
näher gebracht. 1701 übergab Sepp dem nach Spanien reisenden Prokurator Francisco Burgos ein Bündel
mit unterschiedlichen Briefen, darunter auch die Manuskripte mit dem zweiten Teil seiner auf Latein und
Deutsch verfassten Reißbeschreibung.63 Die Sendung – so die Anweisung von Anton Sepp – sollte dem Jesui-
ten Andreas Waibl, dem deutschen Assistenten in Rom und ehemaligen Ausbilder des Missionars in Ingol-
stadt, ausgehändigt werden. Von hier aus sollte sie weiter nach Trient verschickt und anschließend der Fa-
milie Sepp überbracht werden.64
Dem Amt des Indienprokurators kam somit eine maßgebliche Rolle für die Durchführung der überseei-
schen Mission zu. Er sorgte u.a. auch dafür, dass die amtlichen und erbaulichen Nachrichten aus Grenzge-
bieten der kolonialen Welt in den jesuitischen Niederlassungen Europas bekannt und verbreitet wurden,
wofür er nicht nur mündliche und handschriftliche Kommunikationsmedien wählte, sondern sich auch
des Buchdruckes bediente. Unter der Ägide des Indienprokurators wurden unterschiedliche Arten von
Nachrichten mittels diverser Medien verbreitet und auf diese Weise materielle, finanzielle und humane
Ressourcen rekrutiert und von Europa nach Übersee, aber auch in umgekehrter Richtung, befördert. 65 Wie
sehr die Ausstattung der Missionen vom Geschick des jeweiligen Prokurators abhängig war, zeigt das Bei-
spiel des für die Chilemission designierten Münchener Prokurators, Carolis Haimhausen. Während einer

61
„Brief des R. P. Joannes Ginsol an R. P. Christian Holtzbecher aus Lissabon vom 07.09.1720“, in: STÖCKLEIN, Der Neue Welt-
Bott, Bd. 1, Teil 8, Nr. 207, 31-32.
62
Diego de TORRES BOLLO, Brevis Relatio Historica Rerum In Provincia Peruana Apud Indos à Patribus Societatis Iesu gestaru,. A.
R. P. Iacobo Torrensi Societatis Iesu Per Eandem Prouinciam Procuratore […] Accessere Annuae Literae rerum ab iisdem gesta -
rum in insulis Phiilippinis. Mainz 1604.
63
Anton SEPP, Continuation oder Fortsetzung der Beschreibung der denckwürdigsten Paraquarischen Sachen. Ingolstadt 1710.
64
Ebd., Vorwort 3-3 Kehrseite.
65
Über die Bedeutung der Rekrutierung finanzieller, materieller und humaner Ressourcen für die Expansion des Jesuitenordens
siehe auch die bereits zitierten Beiträge von Steven J. Harris.
19

Reise durch Europa 1740 gelang es ihm, nicht zuletzt dank seiner Beziehungen zur deutschen Assistenz,
für die Entsendung neuer Jesuiten nach Chile zu sorgen. Die Gruppe der Reisenden bestand hauptsäch-
lich aus Laienbrüdern, die aus Augsburg, München und Nürnberg stammten und sich u. a als Schreiner,
Goldschmiede, Uhrenmacher, Maler, Bildhauer und Apotheker in der Mission betätigen sollten. Die süd-
deutschen Laienbrüder förderten die Errichtung von Handwerksbetrieben und trugen entscheidend zum
wirtschaftlichen Aufschwung der chilenischen Mission in den letzten Jahren vor der Ausweisung der Ge-
sellschaft Jesu bei.66
Die Aussagen aus dem überlieferten Briefmaterial lassen jedoch erkennen, dass sich trotz der Normierung
zur regelmäßigen Berichterstattung und der hierfür eingerichteten administrativen Stellen der Nachrich-
tenaustausch zwischen den amerikanischen Missionen und den Niederlassungen in Europa eher schwierig
gestaltete. In ihren Schriften beklagen die Missionare, über mehrere Jahre hinweg keine Nachricht aus ih-
rer Herkunftsprovinz erhalten zu haben. So etwa der böhmische Pater Matthias Cuculini aus den Philippi-
nen:

„Wann ich nach dem vierdten Jahr als ich in Indien bin entweders von Eu. Ehrwürden oder von einem andern aus

unserer Provinz nur ein einziges Brieflein erhalten hätte, wie würde mich solches nicht freuen?“ 67

Ebenso beklagte sich 1725 Pater Franz Xaver Zephyris über die fehlende Post aus Österreich und äußerte
seine Befürchtung darüber, dass der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714) den Briefverkehr behindern
würde.68 Wurden die spanischen Schiffe aufgrund der kriegerischen Ereignisse oder durch die Angriffe der
Freibeuter auf hoher See behindert, mussten Alternativwege für die Postbeförderung gefunden werden.
Nicht selten wurden dann deutsche Handelsvertreter um die Weitergabe der Nachrichten gebeten, die
über die notwendigen Mittel und Beziehungen verfügten, um die Post weiter zu befördern. In diesem Sin -
ne berichtete der Österreicher Anton Speckbacher aus Neu Granada, seine Briefe schicke er nun „ mit ei-
nem Hamburger-Schiff dessen Capitaine der teutschen Nation bey denen Spaniern grosse Ehr erworben / uns teutschen Je-
suitern aber viel Höflichkeiten erwiesen hat.“69
Die Aussagen der Jesuiten vermitteln das Bild eines nichtfunktionierenden Netzes. Gewiss: die Unterbre-
chung des Briefverkehrs dürfte für einzelnen Jesuiten den in den abgelegenen Missionsgebieten einen
schwierigen Umstand bedeutet haben, im Besonderen wenn es sich dabei um einen europäischen Missio-
nar handelte, der Nachrichten von der anderen Seite des Ozeans erwartete. Diese Unregelmäßigkeiten in
der Informationsvermittlung sollen dennoch relativiert werden. Zum einen stellen sie den Grundsatz nicht
in Frage, dass die Vernetzung der Nachrichten eine notwendige Bedingung für die Expansion der Gesell-
schaft Jesu darstellte. Die unregelmäßige Postzustellung zwischen Amerika und Europa muss zum ande-
ren nicht bedeuten, dass innerhalb der Provinz die Berichterstattung nicht funktionieren würde. Sowohl
die hierarchischen Strukturen als auch die Anpassungsfähigkeit der Zwischenstellen im Netz garantierten

66
Die in den Missionswerkstätten hergestellten kunstgewerblichen Gegenstände wurden innerhalb und außerhalb Chiles vertrie-
ben und brachten der Mission Ansehen und materielle Stabilität. Diese Phase der Prosperität ging 1767 mit der Vertreibung der
Jesuiten zu Ende. SANTOS HERNÁNDEZ, Los Jesuitas en América, 168-169.
67
„Brief des Paters Matheo Cuculini aus Philippinen vom 20.05.1685“, in: STÖCKLEIN, Der Neue Welt-Bott, Bd. 1, Teil 1, Nr. 7,
15.
68
„Brief des Paters Franz Xaver Zephyris aus Quito vom 15.04.1725“, in: Ebd., Bd. 2, Teil 14, Nr. 331, 83.
69
„Brief des Paters Anton Speckbacher aus Sta. Fe vom 05.08.1685“, in: Ebd., Bd.1, Teil 1, Nr. 19, 56.
20

meines Erachtens, dass die verschiedenen Ebenen in der jesuitischen Organisation durch die Vermittlung
von Informationen miteinander verbunden blieben. In diesem Zusammenhang zeigt sich auch die beson-
dere Bedeutung der erbaulichen Nachrichten, indem diese geistlichen Rückhalt für den Einzelnen boten.
Denn – wie bereits erörtert – verstärkten die Erbauungsschriften die Identität des einzelnen Jesuiten und
gewährten ihm exemplarische Vorbilder, die zeit- und ortsunabhängig seine missionarischen Handlungen
leiteten.

5. SCHLUSS

Die Anweisungen in den jesuitischen Constituciones zeigen, dass der Gesellschaft Jesu bereits von Beginn an
die Bedeutung einer funktionierenden Berichterstattung für den Zusammenhalt und das Wachstum ihrer
Körperschaft bewusst war. Wie wohl Steven J. Harris bemerkt hat, ist es dem frühneuzeitlichen Jesuiten-
orden gelungen, ein long-distance network aufzubauen, dessen transkontinentale Dimensionen sowie trans-
kulturellen und mehrsprachigen Eigenschaften zunächst nichts Vergleichbares hatten. 70 Im Zeitalter von
Informationsmanagement und corporate identity weist die Analyse des jesuitischen Nachrichtennetzes gerade
auf die Modernität im Denken und Handeln der Jesuiten hin. Denn die differenzierte, effiziente und ratio -
nale Handhabung der Informations-Ressourcen gewährleistete die erfolgreiche Partizipation des Ordens
am transatlantischen Expansionsprozess.
Im jesuitischen Netz zirkulierten unterschiedliche Arten von Nachrichten, die jeweils differenzierte Funk-
tionen erfüllten und sich demzufolge unterschiedlicher Kommunikationsmedien bedienten. Kraft der Ver-
mittlung der administrativen Stellen gelangten die schriftlichen Berichterstattungen innerhalb unterschied-
licher Ebenen der jesuitischen Körperschaft; in einigen Fällen zirkulierten sie überdies außerhalb der jesui-
tischen Reihen. Die Informationsvermittlung beförderte ferner die Entsendung exotischer Gegenstände
aus Übersee, welche die Fremdheit der weit entfernten Länder bekunden und den Glauben der Empfän -
ger verstärken sollten. Zusätzlich zu den schriftlichen Nachrichten boten die Constituciones die Möglichkeit
des mündlichen Meinungsaustauschs, der hauptsächlich in der Form von Zusammenkünften zwischen
den leitenden Vertretern des Ordens aus Europa und Übersee – beispielsweise den Prokuratoren – ge-
handhabt wurde.
Die kommunikative Verflechtung im Jesuitenorden war hierarchisch aufgebaut. Die Erfassung und Wei-
tergabe amtlicher und erbaulicher Schriften verliefen vertikal der Ordenshierarchie. Anders als die letras
misivas, die zum Zwecke der Entscheidungsfindung und -anwendung abgefasst wurden und dementspre-
chend lediglich der Ordensleitung zugänglich waren, sollten die nuevas in zweigartiger Form innerhalb des
Ordens verbreitet werden. Auf diese Weise trugen die erbaulichen Schriften – unabhängig von Raum und
Zeit – entscheidend für den Zusammenhalt und die Gruppenidentität des Ordens bei. Das jesuitische
Netz beförderte auch die Vermittlung wissenschaftlicher Nachrichten. Diese Form des Austausches be-
diente sich zwar der existierenden Verflechtungen zur Erfassung, Verwaltung und Aufbewahrung von

70
HARRIS, „Confession-Building“, 317.
21

Nachrichten, sie beförderte zugleich die Entstehung horizontaler Netzbeziehungen zwischen den jesuiti-
schen Kollegen, im Besonderen zwischen denen in Europa und den außereuropäischen Gebieten.
Unabhängig von ihrer Funktion und ihrer Verbindung zueinander, flossen insgesamt die jesuitischen
Nachrichten in Richtung des Netzzentrums hin. Die vom äußeren Rande nach Innen gerichtete Bewegung
des Informationsflusses implizierte aber zugleich, dass nicht alle Nachrichten ins römische Generalat ge -
langten, denn diese wurden an jeder Stelle bearbeitet, zusammengefasst und somit in der Form eines neu-
en Textes weitergegeben. Rom agierte daher als die zentripetale Kraft im Netz, war aber nicht notwendi-
gerweise der Empfänger aller Nachrichten. Diese Feststellung ist meiner Ansicht nach erforderlich, um
erstens die jesuitische Berichterstattung nicht nur anhand der in Rom eingetroffenen Anzahl von Nach -
richten und deren Häufigkeit zu erfassen. Zweitens soll damit die aktive Rolle der Zwischenstellen in der
Weitergabe der Nachrichten betont werden. Den in der Literatur häufig angenommenen Ausgangspunkt,
laut dem Rom als die aktive Kraft erfasst wird, während die jesuitischen Niederlassungen in Übersee dage-
gen lediglich als reagierende Bestandteile der Informationsvermittlung interpretiert werden, soll hiermit in
Frage gestellt werden.
Der Beitrag soll zeigen, dass die kommunikative Verflechtung im Jesuitenorden nicht nur differenzierte
Nachrichten und Beziehungen, sondern darüber hinaus, unterschiedliche Grade der Bindung zwischen
den Teilnehmern zuließ. Prinzipiell galt, dass je näher sich die jeweiligen Instanzen in der Ordenshierar -
chie befanden, sie desto häufiger zu korrespondieren hatten. Die daraus resultierenden dichten Verbin-
dungen gewährten, dass die Ordensleitung bzw. deren Vertretungen im lokalen und regionalen Kontext –
also: Prokuratoren, Missionsobere oder auch Professoren – flexibel und anpassungsfähig Entscheidungen
treffen und durchsetzen konnten. Auf diese Weise waren die jesuitischen Entscheidungsträger in der Lage,
situationsabhängig zu agieren, ohne dabei die Hierarchie des römischen Generalats in Frage zu stellen.
Das Kopf-Körperteile-Prinzip im jesuitischen Handeln und Denken wiederholte sich an jeder Stelle, sei es
in Europa oder in Übersee, und sorgte dafür, dass ordenspolitische Entscheidungen effizient getroffen
und Gruppenidentitäten befestigt wurden.
Die jesuitische Informationsvermittlung erwies sich somit mehr als nur die Summe der verfassten, gesand-
ten und aufbewahrten Schriften und Mitteilungen. Jene bildete vielmehr ein Netz, das sowohl aus diffe -
renzierten Nachrichten, Medien und Verbindungen bestand, als auch – über die geografischen Entfernun-
gen und die kulturelle und sprachliche Vielfalt hinaus – imstande war, in unvergleichbarer Form eines or-
ganischen Ganzes effizient und dauerhaft – bis zur Auflösung im Jahre 1773 – aufzutreten sowie trans-
kontinental und transkulturell zu expandieren.
22

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