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BeNeLux € 6,40 Finnland € 8,30 Griechenland € 7,30 Norwegen NOK 86,– Polen (ISSN00387452) ZL 33,– Slowakei € 6,80 Spanien

33,– Slowakei € 6,80 Spanien € 6,80 Tschechien Kc 195,- Printed in


Dänemark dkr 57,95 Frankreich € 6,80 Italien € 6,80 Österreich € 6,00 Portugal (cont) € 6,80 Slowenien € 6,50 Spanien/Kanaren € 7,00 Ungarn Ft 2670,- Germany

Kanzler-Hype
Robert Habeck
Die Angst vor dem
Pflegeheime

hier fast krepiert«


»Meine Mutter wäre
der
Wahrheit
Im Dienst

Von Watergate bis Trump:

Übergewicht
Macht und Tragik der Whistleblower

ist abzunehmen
Warum es so schwer
Nr. 47 / 16.11.2019
Deutschland € 5,30
EQC 400 4MATIC: Stromverbrauch kombiniert: 20,8–19,7 kWh/100 km; CO2-Emissionen kombiniert: 0 g/km.1
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Ab 10. November

Warum wir hassen


Das Dokuserien-Highlight von Steven Spielberg und Alex Gibney
Volle
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Transparenz?
Hausmitteilung
Betr.: Hongkong, Pflege, Ostdeutschland Durch digitale Zusammenarbeit

mit meinem Steuerberater.


Der Campus der Baptist University von Hongkong
wird von einer Straße durchschnitten, über die sich
eine Fußgängerbrücke spannt. Sie ist ein idealer Ort,
um anrückende Polizisten von oben zu attackieren, mit
Pflastersteinen, Molotowcocktails, mit Pfeil und Bogen.
Diese Brücke war ein Schauplatz von vielen, die
SPIEGEL-Redakteur Georg Fahrion besuchte, um mit
Demonstranten in Hongkong zu sprechen und sich ein
Bild von der Situation zu machen, die man nur verfah-
ren nennen kann. Um bei den gewaltsamen Auseinan-
dersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei
Fahrion nicht verletzt zu werden, trägt Fahrion eine neonfar-
bene Weste, die ihn als Journalisten kenntlich macht,
dazu einen Helm und eine Gasmaske. Er hofft, dass das ausreicht. »Teile der Protest-
bewegung haben sich radikalisiert und greifen zu militanten Mitteln, wie die Hong-
konger Polizei agieren sie zunehmend enthemmt«, urteilt Fahrion, der die Aktionen
der Protestierenden seit mehr als einer Woche aus der Nähe beobachtet. »Regierung
und Demonstranten stehen sich unversöhnlich gegenüber.« Seite 84

Einen Platz in einem Pflegeheim für die


Eltern zu finden ist meist anstrengend,
und oft fragen sich die Suchenden mit
schlechtem Gewissen, ob es den Senioren
dort tatsächlich besser geht als zu Hause.
Was aber kann man tun, wenn man ir-
JESCO DENZEL / DER SPIEGEL

gendwann feststellen muss, dass man das


falsche Heim gewählt hat? Dass die
eigene Mutter nicht genug zu trinken be-
kommt, dass sie sich wund liegt und dass
sie mit anhören muss, wie die Pflegekräf-
te über den Flur rufen: »Die Alte soll sich
selber füttern!« Barbara Freitag hat das Mutter und Tochter Freitag, Schmergal
mit ihrer Mutter Ruth erlebt – und musste
erfahren, wie aufmerksame und widerständige Angehörige ausgebremst wurden.
SPIEGEL-Redakteurin Cornelia Schmergal hat die Geschichte ihres Kampfes recher-
chiert. Ihr Fazit fällt ernüchternd aus: »Wer im Alter keine Angehörigen um sich hat,
die regelmäßig schauen, ob man im Heim gut versorgt wird, der hat vermutlich schon
verloren.« Seite 76

Lübtheen, eine Kleinstadt in Mecklenburg-Vor-


pommern, ist in ganz Ostdeutschland der Ort
Mit den digitalen DATEV-Lösungen haben Sie jederzeit
mit den wenigsten Frauen zwischen 20 und
den Überblick über Ihre aktuellen Geschäftszahlen.
39 Jahren. Auf jede Frau in diesem Alter
MARIA FECK / DER SPIEGEL

kommen fast zwei Männer. Warum bleiben Und sind direkt mit Ihrem Steuerberater verbunden. So
Männer, wenn Frauen gehen? Und wie leben können Sie anstehende Investitionen sicher entschei-
diese Männer dann? Das fragten sich SPIEGEL- den. Informieren Sie sich im Internet oder bei
Mitarbeiterin Cathrin Schmiegel und Fotogra- Ihrem Steuerberater.
fin Maria Feck. Viele Male fuhren sie nach
Lübtheen, sprachen mit den Menschen dort –
Schmiegel, Fahrer Heiko Antworten fanden sie schließlich an einer Shell-
Digital-schafft-Perspektive.de
Tankstelle im Ort, wo Heiko, 31 Jahre alt, re-
gelmäßig seinen Golf III GTI parkt, um sich mit Freunden zu treffen. Viele Gespräche
fanden im Auto statt, Schmiegel fuhr auf dem Beifahrersitz durch den Ort, zuvor
wurden allerdings die Regeln klargemacht. Kein Kaffee im Pappbecher, keine ange-
steckte Kippe im Auto. Und Feck durfte den Golf erst fotografieren, nachdem Heiko
dafür gesorgt hatte, dass der Wagen blitzblank war. Seite 58

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 5


Inhalt
73. Jahrgang | Heft 47 | 16. November 2019

Titel Notfälle Rettungshubschrauber


heben bei schlechtem
Enthüllungen Wie Wetter oft nicht ab – Satelliten-
Whistleblower durch die navigation könnte helfen . . . 50
Digitalisierung und die
Ära Trump zu modernen Rechtsextremismus In einem
Helden wurden . . . . . . . . . . . . . 12 Internetforum bereiten
sich Hunderte Nutzer auf
In den Impeachment- einen Bürgerkrieg vor . . . . . . 52
Ermittlungen gegen Präsident
Donald Trump ist die Polizei Wie weit dürfen
Beweislage erdrückend . . . . . 20 verdeckte Ermittler gehen? 54

JANINE SCHMITZ / PHOTOTHEK / IMAGO IMAGES


Deutschland Reporter

Leitartikel Das Rennen Familienalbum / Wie


ums Kanzleramt ist völlig viel Platz braucht man
offen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 zum Leben? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56

Meinung Der gesunde Eine Meldung und ihre


Menschenverstand / So Geschichte Die Polizei in
gesehen: Endlich gleich . . . . . 10 Colorado zerstört das
Haus eines Unschuldigen . . . 57
Nato im Weltraum / Finanz-
minister Scholz stattet
Im Wartestand Heimat Der mecklenburgischen
Vereine besser aus / Neuer Seit zwei Jahren ist Robert Habeck Grünenchef, Kleinstadt Lübtheen fehlen
Berliner Verleger mit junge Frauen, dafür sitzt die
Interessenskonflikten . . . . . . . 24 und aller Voraussicht nach wird er jetzt NPD im Stadtrat – Einblicke
im Amt bestätigt. Will er irgendwann mehr sein in den Alltag der Zurück-
CDU Merkel, Merz, Kramp- als ein erfolgreicher Parteivorsitzender, gebliebenen . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
Karrenbauer – ein seltsames reichen Charisma und Begeisterungsfähigkeit
Trio bestimmt die Gemüts- Kolumne Leitkultur . . . . . . . . . 63
lage der Union vor ihrem
allein aber nicht aus. Seite 34
Parteitag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Wirtschaft
Grüne Robert Habeck
gefällt sich in der Rolle des Zehn Milliarden mehr für
unkonventionellen den Bund / Können Ferkel
Politikers – aber kann er Grundrechte einklagen? . . . . 64
auch Kanzler? . . . . . . . . . . . . . . 34
Autoindustrie Tesla-Chef
Auslandseinsätze Verteidigungs- Elon Musk bewundert
ministerin Annegret Kramp- die Deutschen und sagt ihnen
Karrenbauer plant neue den Kampf an . . . . . . . . . . . . . . . 66
JAE C. HONG / AP

Einsätze der Bundeswehr in


Afrika und Asien . . . . . . . . . . . 38 Haushalt Die reine Lehre
der Schuldenbremse hat
Klima Das Gesetz zum ausgedient . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
Kohleausstieg wackelt – will
der Wirtschaftsflügel Tesla – made in Germany Finanzwelt Das Milliarden-
der CDU die Energiewende Casino des Großinvestors
bremsen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 Elon Musk und die deutsche Autoindustrie Softbank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
haben sich jahrelang nur aus der Ferne belauert.
Bauskandale Kostenexplosion Pflegeindustrie Warum An-
bei der Sanierung
Nun will der Tesla-Chef eine Gigafabrik in gehörige so machtlos
der Kölner Oper und des Brandenburg bauen. Ein kluger Zug – denn beide gegenüber Heimanbietern
Schauspielhauses . . . . . . . . . . . 44 Seiten können voneinander lernen. Seite 66 sind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76

6 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Ausland Ernährung Der US-Reporter
Tommy Tomlinson ist fett-
Die Eskalation in Gaza hilft leibig, alle Diäten scheitern,
Israels Premier Netanyahu / er ficht einen Kampf
Nordkorea profitiert vom Streit gegen seinen Körper –
wer gewinnt? . . . . . . . . . . . . . . 110

SOPHIE MUTEVELIAN / NETFLIX


zwischen Tokio und Seoul . . . 82

Hongkong Die Demonstra- Umwelt Wissenschaftler


tionen sind zum Straßenkampf erforschen die Bedeutung
geworden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 von Aas für Ökosysteme 114

Diplomatie Frankreichs Medizin Eltern kämpfen


Präsident Macron verärgert die dafür, dass ihr Baby ein millio-
europäischen Verbündeten nenteures nicht zugelassenes
mit seinen Alleingängen . . . . 88 Einsame Königin Medikament bekommt . . . . 116

Proteste Was die vielen Die neue Staffel der Serie »The Crown« schildert
Aufstände in Lateinamerika neben Psychodramen im britischen Königshaus auch Kultur
miteinander verbindet . . . . . . 92 die Krisen des Landes in den Sechzigern
und Siebzigern – und wirkt oft wie ein Lehrstück Jasna Fritzi Bauer in der Serie
Irak Wie Tuk-Tuk-Fahrer »Rampensau« / Fortsetzung
den Protest gegen die für die politische Gegenwart. Seite 126 des Blockbusters »Die Eisköni-
Regierung unterstützen . . . . . 94 gin« / Kolumne: Zur Zeit 120

Literatur Ein Hausbesuch


Sport Der Opernskandal bei Mario Vargas Llosa,
dem letzten Großbürger der
Entwicklung der DFB-Fantrikot- Köln wird für die Sanierung von Oper und Weltliteratur . . . . . . . . . . . . . . . 122
preise / Magische Momente: Schauspielhaus wohl knapp 850 Millionen Euro
Marathonläufer Girma Bekele Serien Das britische Drama
ausgeben – fast so viel, wie die Hamburger
Gebre über das Rennen seines geht weiter – die neue Staffel
Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Elbphilharmonie kostete. Dabei ist längst nicht von »The Crown« . . . . . . . . . . 126
sicher, wann der Bau fertig wird.
Athleten Warum viele Rekonstruktion eines Desasters. Seite 44 Populismus Im SPIEGEL-
Sportler ihre Verbände Gespräch erläutert der
satthaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Politikwissenschaftler Jan-
ANZEIGE Werner Müller, warum
Doping Der russische die Spaltung der Gesellschaft
Funktionär Jurij Ganus der Rechten nützt . . . . . . . . . 128
kämpft für einen sauberen Wie kann Stromerzeugung
Sport in seinem Land . . . . . . 100 nachhaltiger werden? Künstler André Heller hat
sich einen Traumgarten
gebaut – in der marokkani-
Wissenschaft schen Halbwüste . . . . . . . . . . 134

FDP will Blutspendeverbot Filmkritik »Marriage Story«,


für Schwule aufheben / Ohne ein Scheidungsdrama mit
Speicher keine Energiewende / Toller Trend: Der Anteil erneuerbarer Energien bei der Scarlett Johansson . . . . . . . . . 138
Kommentar: Was Deutschland Stromerzeugung wächst. Er stieg auf 40,4 Prozent im Jahr
vom neuen Tempolimit in den 2018 und lag vor 10 Jahren noch bei 16,2 Prozent. Zwar
Niederlanden lernen kann 104 sind auch die vielen Sonnenstunden 2018 ein Grund für
den Anstieg, doch die Tendenz stimmt. Auch die Rabobank
Computer Ein Informatiker aus fördert den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie sowie Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
Bad Schwalbach-Hettenhain Energie aus Biomasse. Wer bei uns Geld anlegt, hilft uns Impressum, Leserservice . . . 140
sammelt alte Analogrechner – dabei, solche Projekte zu finanzieren. Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
und kam dabei auf eine Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 142
Idee, die die Welt verändern www.rabodirect.de Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
könnte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 146

Fotos: [M] Yuriy Chichkov; Cliff Owen/AP Photo; Andy Hall/The Guardian; Chris J. Ratcliffe/Bloomberg/Getty Images; Saul Loeb/AFP/Getty Images; Wikileaks.org/AFP Photo 7
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Kanzleramt zu haben
Leitartikel Warum sogar die SPD im Rennen um die Merkel-Nachfolge wieder eine Chance haben könnte

E
rschöpft, vergiftet, kaputt. Das sind die gängigen Für Scholz selbst kann die Einbindung der Mitglieder
Beschreibungen der SPD, auch von Journalisten. jedoch ein Vorteil sein. Verliert er mit Geywitz, hat er es
Während die CDU die Merkel-Nachfolge aus- schriftlich, dass seine Dienste nicht erwünscht sind. Gewin-
knobelt, geht nach landläufiger Meinung die gut nen die beiden, besitzt Scholz eine weit höhere Legitima-
150 Jahre alte Sozialdemokratie ihrem Ende entgegen. Die tion, als wenn er im Hinterzimmer ausgekungelt worden
These von der sterbenden SPD klingt immer irgendwie wäre. Die Kanzlerkandidatur dürfte ihm dann niemand
richtig. Aber stimmt sie auch noch in Zeiten, in denen die streitig machen, auch nicht die linken Genossen, deren
alten Gesetzmäßigkeiten der bundesrepublikanischen Poli- Rufe nach höheren Mindestlöhnen, Rentengarantie und
tik zerbröseln? Man kann es auch so sehen: Das Rennen Vermögensteuer er längst selbst anstimmt.
ums Kanzleramt ist wieder völlig offen. Denn die Konser- Ausgerechnet die SPD, in der selten etwas geklärt ist,
vativen zerlegen sich, die Wirtschaft schwächelt, das politi- steht also kurz davor, als erste Partei mit gelöster Führungs-
sche System zerfranst. Weil inzwischen sieben Parteien im frage auf die nächste Wahl zu steuern. Damit hat sie der
Bundestag sitzen, könnten in Konkurrenz etwas voraus,
einem Dreierbündnis wie der vor allem der CDU.
Ampel- oder der Linkskoali- Wenn die Christdemokra-
tion künftig sogar gut 20 Pro- ten am Freitag in Leipzig
zent genügen, um den Kanz- zum Parteitag zusammen-
ler zu stellen. Ja, der SPD kommen, werden sie viel
geht es schlecht. Aber in die- über sich selbst diskutieren.
sem Klima sollten 20 Prozent Sie werden feststellen, dass
selbst für sie noch drin sein. sie in den zwei Jahren Gro-
Ab Dienstag dürfen die Ko kaum etwas durchge-
SPD-Mitglieder abstimmen, setzt haben, was in Erinne-
welches der zwei Finalteams rung bleibt. Und dass die
sie als Vorsitzende haben Autorität ihrer Parteichefin
möchten. Olaf Scholz und Annegret Kramp-Karren-
KAY NIETFELD / DPA

seine Partnerin Klara Gey- bauer schweren Schaden


witz haben Chancen auf den genommen hat. Seit ihrem
Sieg. Man mag das für irre knappen Sieg hat sie ver-
halten, weil Scholz erstens sucht, es allen Flügeln
einer der langweiligsten Ver- irgendwie recht zu machen,
treter seiner Zunft ist und es nur leider vergaß sie dabei
zweitens in der Partei eine Sehnsucht nach echter Verände- zu zeigen, was sie selbst will. Sie steht im Ruf, die Macht
rung gibt. Aber dann hätten die Freunde der Revolte Kan- von Angela Merkel vererbt bekommen zu haben. Charis-
didaten finden müssen, die diese Rolle auch füllen können. ma, Aufbruch, Entschiedenheit – all das versprüht auch sie
Gefunden haben sie nur Norbert Walter-Borjans und Sas- nicht. Die Bürger spüren das und geben ihr in Umfragen
kia Esken, die schon Probleme haben, eine klare Aussage miserable Noten. Aber weil sie vor einem Jahr in einem,
zur Zukunft der Großen Koalition zu treffen. zumindest für CDU-Verhältnisse, demokratischen Prozess
Scholz hingegen ist dieser Tage umtriebiger denn je. Er gewählt wurde, wird man sie nicht so einfach wieder los.
bringt die Bankenunion voran, boxt die Grundrente durch. Das Problem ist, dass sich bei Abstimmungen die unter-
Für ihn, den männlichen Merkel, der Volk und Parteifreun- legene Hälfte heute nicht mehr einfach so befrieden lässt,
de schon so oft narkotisiert hat, ist der Offensivdrang schon gar nicht, wenn das Ergebnis knapp war. Das hat die
bemerkenswert. Aber eben auch überlebenswichtig. Wahl zum CDU-Vorsitz gezeigt, ebenso das Brexit-Votum.
Denn am Beispiel der SPD zeigt sich, dass es tückisch Insbesondere hinter farblosen Führungskräften mögen sich
sein kann, die Suche nach einem Chef den eigenen Mit- Verlierer nicht versammeln. Im Gegenteil: Sie fordern oft
gliedern zu überlassen. So gut sich der demokratische Pro- eine Kompensation für die gefühlt »unechte« Niederlage.
zess innerparteilich anfühlen mag, er kann auch zur Offen- Das sollte vor allem den Christdemokraten eine War-
barung werden. Dann nämlich, wenn er vor aller Augen nung sein, ihren nächsten Kanzlerkandidaten per Mitglie-
darlegt, dass die verbleibende Führungsreserve nicht wirk- derentscheid zu küren. Mit mehr Beteiligung haben sie
lich charismatisch ist. Bloß weil die Auswahl bei den Grü- schon bei der Vorsitzendenwahl schlechte Erfahrungen
nen zuletzt gut funktioniert hat, heißt das noch lange gemacht. Wer Wahlen gewinnen will, braucht charismati-
nicht, dass alle sich ein Duo Habeck / Baerbock backen sche Figuren an der Spitze. Da kann innerparteiliche
können. Demokratie helfen, die Rettung ist sie nicht. Veit Medick

8 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


TISSOT gentleman.
PURISTISCH UND ELEGANT.

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TISSOT, INNOVATORS BY TRADITION
Meinung So gesehen

Mein Verein,
Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand
kein Verein
Hooligan im Parlament
Endlich Gleichberechtigung!
G Mit einer bahnbrechenden
Ankündigung hat das Bundesfinanz-
Die Abgeordneten des Bun- besteht darin, der AfD ihre Ämter zu las- ministerium den Kampf gegen die
destags haben im Um- sen und trotzdem nicht jeden Rüpel zu schlimmste Ungerechtigkeit in unse-
gang mit der AfD schon wählen, mit dem sie diese besetzen will. rer Gesellschaft aufgenommen.
manche Eselei begangen. Im Fall von Stephan Brandner ist daher Denn Olaf Scholz will endlich
Selten dämlich war es, nicht die Frage, warum er in dieser Schluss machen mit der Benachteili-
wie sie verhinderten, dass Woche als Vorsitzender des Rechtsaus- gung von Frauen – und zwar dort, wo
ein AfD-Politiker als Altersprä- schusses abgewählt wurde, sondern: dieses Problem am drängendsten ist.
sident die Eröffnungsrede zur neuen Wie konnte er es überhaupt werden? Vorbei die Zeit, in der man über
Legislaturperiode hält. Die hatte tradi- Schon als Mitglied des Landtags von Kleinigkeiten wie die ungleiche
tionell dem »ältesten« Abgeordneten Thüringen trat Brandner wie ein Hooli- Bezahlung der Geschlechter stritt
zugestanden. Weil dies aber nun ein gan im Parlament auf. Der Rekord von oder über Kinkerlitzchen wie den
AfD-Mann sein würde, änderte man 32 Ordnungsrufen zeugt davon. Er Umstand, dass viele Frauen im Alter
das Kriterium in »dienstältesten«. nannte Angela Merkel zum Beispiel wenig Rente bekommen, weil sie
Mit solch durchsichtigen Tricks eine »Fuchtel«, die man für mindestens ihre Zeit mit Kindererziehung oder
bekämpft man nicht den Rechtspopu- 35 Jahre »in den Knast schicken« solle,
lismus. Man erweckt nur den hilflosen und bezeichnete Demonstranten als
Eindruck, dem Gegner lieber das »Ergebnis von Sodomie und Inzucht«.
Mikro abzudrehen, statt ihn mit Argu- Brandner war für den Rechtsausschuss,
menten zu bekämpfen. was Ernst August Prinz von Hannover
Dass die anderen Parteien inzwi- für den europäischen Hochadel war:
schen den vierten AfD-Kandidaten für eine Zumutung.
das ihr zustehende Amt eines Vize- Natürlich müssen die Abgeordneten
präsidenten scheitern ließen, ist eben- einen solchen Vorsitzenden nicht dul-
falls nicht klug. Einzelne Kandidaten, den. Den Dorfproll, der bei helllichtem
die weder ein Vorstrafenregister haben Tage auf den Marktplatz pinkelt und
noch mit rassistischem Tourettesyn- abends in der Kneipe rauft, will nie- Altenpflege verbracht haben. Nein,
drom unterwegs sind, fanden sich näm- mand als Ortsvorsteher. Eine gewisse jetzt wird es ernst: Der Minister
lich selbst in der AfD-Fraktion. Restwürde steht dem Parlament wagt sich ans Gemeinnützigkeits-
Sie alle gleich zu behandeln, als stün- ebenso zu wie der AfD ihre Posten. recht. Vereine, die keine Frauen auf-
de jedes Mal Björn Höcke persönlich zur nehmen, sollen bald keine Spenden-
Wahl, hilft der Partei nur, sich als Klub An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen quittungen mehr ausstellen können.
von Märtyrern zu stilisieren. Die Kunst und Alexander Neubacher im Wechsel. Da kann man nur gratulieren.
Denn wie viele Millionen Frauen
rüttelten bisher vergebens an den
Toren von Männergesangsvereinen?
Wie viele Milliarden Steuergeld feh-
len dem Fiskus, weil die Herren der
Schöpfung biertrinkend unter sich
bleiben und sich dafür auch noch
gegenseitig Spendenquittungen aus-
stellen? Es müssen ungezählte sein.
Wir alle erinnern uns an die legen-
däre feministische Kampagne »Dein
Verein ist auch meiner« und an die
zahlreichen Demos zur Änderung
des Gemeinnützigkeitsrechts. End-
lich sind sie erhört worden.
Nun sollen die Damen überall
beitreten dürfen, oder die Herrenver-
eine verlieren ihre Steuerprivilegien
und können bald dichtmachen. Was
wird dann aus ihren ehemaligen Mit-
gliedern? Sie werden daheim hocken
und sich bei der Gattin beschweren.
Die kann sich beim Finanzminister
bedanken. Stefan Kuzmany

10 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Titel

Die fünfte Macht


Enthüllungen Im Zentrum der Impeachment-Ermittlungen gegen Donald Trump steht ein
Informant der CIA. Der Fall unterstreicht die Bedeutung von Whistleblowern, die aus dem Inneren
von Behörden und Unternehmen berichten. Über den Aufstieg einer Figur der Zeitgeschichte.

Z
u den Vorteilen eines Familien- an dieser Story dran sind«, wütete der Prä- teipolitisches Manöver diskreditieren und
clans gehört, dass man als Boss sident. »Ihr wisst genau, wer es ist«, bellte vom Kern der Affäre ablenken kann. Die
die Scheißjobs nach unten dele- Trump in die Kameras. »Ihr wollt nur nicht Demokraten wollen dagegen nachweisen,
gieren kann. Im Clan von Do- darüber berichten!« dass der Präsident von einer fremden Re-
nald Trump landen solche Auf- Der Zorn des Präsidenten zeigt, wie ver- gierung politischen Schmutz gegen einen
gaben häufig bei Donald Junior, seinem sessen Trump darauf ist, die Impeachment- Rivalen erpressen wollte.
ältesten Sohn. Anfang November twitterte Ermittlungen als Machwerk enttäuschter Am Mittwoch fanden die ersten öffent-
daher Donald Junior einen Link zu einem Demokraten zu charakterisieren. Seine lichen Impeachment-Anhörungen im US-
Artikel der rechten Krawallplattform Breit- Anhänger feuern aus vollen Rohren mit. Repräsentantenhaus statt, damit ist der
bart. Es ging um den Mann, der Ende Au- Seit zwei Wochen dreschen rechte Nach- Whistleblower endgültig auf der großen
gust mit seinen Enthüllungen ein mögli- richtenseiten und Blogger auf den Whistle- Bühne angekommen. Vorgeladen sind US-
ches Amtsenthebungsverfahren gegen den blower ein, veröffentlichen biografische Diplomaten, frühere Regierungsbeamte,
Präsidenten ins Rollen gebracht hatte: den Details und verbreiten, er habe für John Trump-Gehilfen. Es wird eine gigantische
Whistleblower. Trump hält den Mann für Brennan gearbeitet, einst CIA-Chef unter wochenlange Show, auch wenn es im Mo-
einen Spion, den er am liebsten wegsper- Obama, und für Susan Rice, einst Obamas ment unwahrscheinlich ist, dass der Präsi-
ren würde. Sicherheitsberaterin. Der Trump-freund- dent seinen Job verliert. Dafür brauchten
Die Breitbart-Story enthielt nicht nur liche Fernsehsender OAN schickte einen die Demokraten eine Zweidrittelmehrheit
den angeblichen Namen des Whistle- Reporter zum angeblichen Elternhaus des im Senat, wo die Republikaner in der
blowers. Sie bot den Lesern auch gleich Whistleblowers in Connecticut. Mehrheit sind und den Präsidenten noch
eine Deutung an, warum der Mann sein Es hat eine regelrechte Hetzjagd begon- unterstützen (siehe Seite 20).
Wissen mit dem US-Kongress geteilt hat nen auf einen Mann, von dem niemand Den Urknall der Affäre bildet die Be-
und damit in Kauf nahm, dass die Öffent- genau weiß, ob er tatsächlich der Infor- schwerde des CIA-Mitarbeiters vom 12. Au-
lichkeit davon erfährt: Der Whistleblower, mant ist. Trump-Unterstützer wie der frü- gust, der sich mit einer »dringlichen An-
heißt es in dem Breitbart-Stück, sei ein here Staatsanwalt Joseph diGenova rü- gelegenheit« an den Generalinspekteur
CIA-Analyst und habe regelmäßig mit cken den Whistleblower allen Ernstes in der US-Geheimdienste wandte. Er habe
Funktionären der Demokraten in Kontakt die Nähe jenes Attentäters, der Abraham Informationen erhalten, schrieb der Autor
in einem sieben Seiten langen Brief an den
Inspekteur, dass der Präsident sein Amt
missbrauche, um eine fremde Regierung
»Ich weiß nicht, warum die Medien nicht an dieser Story zu Ermittlungen gegen einen politischen
sind. Ihr wisst, wer es ist. Ihr wollt nur nicht berichten.« Widersacher zu bewegen, Ex-Vizepräsi-
denten Joe Biden.
Donald Trump habe, so der CIA-Mann,
gestanden, ein Karrierebeamter, der unter Lincoln erschoss. Zuvor hatten Trump- in einem Telefonat Ende Juli den ukraini-
Barack Obama im Weißen Haus gearbeitet Fans 50 000 Dollar Kopfgeld für Hinweise schen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj
habe und später damit beschäftigt gewesen geboten, die zur Identifizierung führen. gedrängt, gegen Joe Biden und dessen
sei, Schmutz gegen den Präsidentschafts- Welche Rolle spielt der Whistleblower Sohn Hunter zu ermitteln. Außerdem
kandidaten Donald Trump zu beschaffen. in dem Verfahren? Ist es überhaupt wich- habe Trump verlangt, Selenskyj solle da-
»Natürlich hat er es getan!!!«, schrieb tig, wer er ist? Dürfte der US-Präsident bei helfen zu belegen, dass nicht Russland,
Donald Junior auf Twitter. »Der angeb- die Identität eines Hinweisgebers, der ano- sondern die Ukraine sich in den US-Wahl-
liche Whistleblower hat eng mit der Anti- nym bleiben möchte, offenlegen? kampf 2016 eingemischt habe.
Trump-Schmutzkampagne zusammenge- Gesichert scheint, dass der Mann als Anfang Oktober meldete sich ein zwei-
arbeitet.« Es dauerte nicht lange, bis sich Analyst bei der CIA arbeitet und Ukraine- ter Informant, ebenfalls aus Geheimdienst-
der Name des Mannes bis in die letzten experte ist, so berichtete es die »New York kreisen. Im Gegensatz zum ersten Whistle-
Winkel des Netzes verbreitet hatte. Times« unter Berufung auf mehrere Quel- blower soll er über Informationen aus »ers-
Trumps Twitter-Armeen blasen den Na- len. Auf Fotos, die rechte Blogs verbreiten, ter Hand« verfügen. Viel mehr weiß man
men unablässig in die Welt hinaus, wohl ist ein junger Mann mit Brille und Fünfta- über die Person nicht.
in der Hoffnung, den Zeugen in einem Im- gebart zu sehen, meistens lächelt er. Auf Es ist nicht unwichtig für die Erzählung
peachment-Verfahren zu demontieren. eine Textnachricht, die ihm der SPIEGEL dieser turbulenten Wochen und Monate,
Schon zuvor hatte sich Trump Senior schickte, reagierte er nicht. dass die beiden Whistleblower wohl aus
selbst darüber beschwert, dass der Name Für Trump ist die angebliche Nähe des der CIA stammen – aus jener Behörde, die
des CIA-Mitarbeiters es noch immer nicht Whistleblowers zu den Demokraten vor gewöhnlich alles dafür tut, die unautori-
in die Abendnachrichten geschafft hatte. allem deshalb hilfreich, weil er damit das sierte Weitergabe von Informationen an
»Ich weiß nicht, warum die Medien nicht mögliche Impeachment-Verfahren als par- die Öffentlichkeit aufs Härteste zu bestra-

12 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Name ehem. Arbeitgeber Zeit
Unbekannt CIA August 2019

7
Der Whistleblower ist Ukraineexperte und arbeitete bei der CIA, Seiten lang war der Brief, den
als er Ende Juli über Kollegen von einem Telefonat zwischen ein CIA-Mitarbeiter an den US-
Kongress schickte und damit
Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten hörte. Es war die Impeachment-Ermittlungen
der Urknall der Ukraineaffäre. auslöste.
Titel

fen. Diejenigen, die bislang gegen Whistle- amte Werner Pätsch, angestellt beim Bun- maligen US-Präsidenten Richard Nixon
blower vorgingen, werden jetzt selbst zu desamt für Verfassungsschutz, der 1963 ging.
Whistleblowern – insofern haben die bei- die Öffentlichkeit über die fragwürdige Ellsberg wurde wegen Landesverrats an-
den Geheimdienstler mehr mit dem frü- Überwachung von deutschen Staatsbür- geklagt, der Prozess platzte aber, weil die
heren FBI-Chef James Comey gemein als gern informierte. In jüngerer Zeit haben Regierung Nixon illegal beschafftes Mate-
mit dem wohl bekanntesten Whistle- europäische Whistleblower Informationen rial gegen Ellsberg vorgelegt hatte. Bei Felt
blower unserer Zeit: Edward Snowden. über Steuerhinterzieher in Luxemburg enthüllte der Anwalt der Familie erst 2005
Comey hatte nach seinem Rauswurf in- oder in der Schweiz geliefert, so kam es dessen Rolle als ominöse Quelle »Deep
terne Memos seiner Gespräche mit Trump zu den sogenannten Luxleaks oder zur Throat«, die dazu beitrug, Richard Nixon
über Dritte an die Presse weitergegeben, Enttarnung von Steuerbetrügern bei der zu Fall zu bringen.
sein Motiv dafür war dasselbe wie mut- Genfer Filiale der Bank HSBC. Whistle-
maßlich das der beiden Informanten im blower haben beim Mautbetreiber Toll Es ist kein Wunder, dass seit 2001 deutlich
möglichen Impeachment-Verfahren: Sie Collect überhöhte Rechnungen enthüllt. mehr Fälle von Whistleblowing bekannt
alle wollen einen Präsidenten stürzen, den Und Whistleblowerinnen haben im Zuge wurden. Die Anschläge von 9/11 veränder-
sie für unfähig und korrupt halten. des #MeToo-Skandals dafür gesorgt, dass ten alles: die seelische Statik der Vereinig-
Das Amtsenthebungsverfahren gegen der Filmmogul Harvey Weinstein wegen ten Staaten genauso wie das Gefühl der
Trump zeigt einmal mehr, wie wichtig in sexueller Belästigung und Vergewaltigung Unangreifbarkeit einer Nation. Der Sicher-
diesen politisch aufgewühlten Zeiten Leu- angeklagt wurde. heitsapparat wurde ausgebaut, seine Auf-
te aus dem Innern von Regierungen oder Die Geschichte der Vereinigten Staaten gaben wurden in weiten Teilen privatisiert.
Behörden geworden sind, die auf illegales seit den Sechzigerjahren kennt viele pro- Immer fragwürdigere Methoden fanden
oder unethisches Verhalten hinweisen. Als minente Fälle. Daniel Ellsberg, ein Mili- Einsatz gegen die Bedrohung durch den
Figuren der Aufklärung sind Whistle- täranalyst der Rand Corporation, eines Terror. Das Land der Freiheit schien bereit,
blower kaum wegzudenken, dazu zählen Thinktanks, gab 1971 die sogenannten Pen- seine Freiheit erheblich einzuschränken.
auch Angestellte von Unternehmen, die tagon Papers an die Presse und machte so Es war, so hat es der Harvard-Rechts-
auf Missstände aufmerksam machen. die Aussichtslosigkeit des Vietnamkriegs professor Yochai Benkler gesagt, als wäre
Die Informanten sind zu unwahrschein- und die Lügen der Regierenden öffentlich: Amerika von einer rätselhaften Autoim-
lichen Helden der Gegenwart geworden. Die Papiere zeigten, dass die USA bereits munerkrankung erfasst worden, bei der
Unwahrscheinlich deshalb, weil es häufig Kriegsvorbereitungen getroffen hatten, als das Abwehrsystem eines Körpers überrea-
die Unauffälligen sind, die Alarm schlagen, der damalige Präsident Lyndon B. John- giert auf eine feindliche Bedrohung und
die Nerds, die Außenseiter. Viele Whistle- son noch behauptete, nicht in Vietnam in- vor lauter Panik dabei den eigenen Körper
blower sind gewöhnliche Männer und Frau- tervenieren zu wollen. angreift und zerstört. Die Whistleblower
en, die in Unternehmen, Vereinen und Äm- Mark Felt, einst Nummer zwei des FBI, Manning oder Snowden hätten dem Land
tern sitzen und dort Missstände anpran- spielte der »Washington Post« Informa- nach diesem Bild eine Schocktherapie ver-
gern, die andere übersehen oder übersehen tionen über die Watergate-Affäre zu, in passt, um diese mysteriöse Erkrankung zu
wollen. Bis heute gibt es auf Deutsch keine der es um den Machtmissbrauch des da- bekämpfen.
Übersetzung, die das Phänomen zurei- Auch die technologische Revolution hat
chend beschreibt: Hinweisgeber wäre eine Whistleblowing begünstigt: Daniel Ells-
neutrale, wenn auch sperrige Variante. Filmografie berg musste noch nächtelang die mehr als
Die gängige Definition eines Whistle- 7000 Seiten der »Pentagon Papers« ko-
blowers ist die des Insiders, der in seiner
Whistleblower im Kino pieren. In einer digitalen Welt aber, in der
Firma oder Organisation auf illegales, un- alles gespeichert wird, ist es viel einfacher,
ethisches oder unangemessenes Verhalten an Material zu kommen und gigantische
stößt und dies über interne oder öffentli- Datensätze weiterzugeben. Der Begriff
che Kanäle meldet. Keiner von außen also, Leaking machte seither eine ähnliche Kar-
sondern einer von innen, der in eine Pfeife riere wie Whistleblowing.
UNITED ARCHIVES / SZ PHOTO

bläst wie ein Schiedsrichter bei einem Foul. Die Fälle von Manning, Snowden und
Dass er von innen kommt, gehört zum Di- anderen zeigen, dass Einzelne dazu bei-
lemma des Whistleblowers. Am Anfang tragen können, staatliches Handeln zu
steht der Verrat an der eigenen Umgebung. kontrollieren und transparenter zu ma-
Edward Snowden, einst Mitarbeiter von chen. Einerseits.
CIA und Vertragsfirmen der Lauschbehör- Andererseits hat das Whistleblowing
de NSA, zählt ebenso zu den Stars dieser Staaten dazu gebracht, immer härter ge-
Spezies wie Chelsea Manning, früher Serpico (1973) Ein New Yorker gen Datenlecks und Geheimnisverräter
Bradley Manning, der als Soldat bei der Polizist wird Zeuge von Misshandlun- vorzugehen. Ausgerechnet unter der libe-
US Army im Irak von einem Massaker an gen und meldet das Journalisten. ralen Lichtgestalt Barack Obama, einem
Zivilisten hörte. Manning leitete Doku- Bürgerrechtsanwalt mit dem Fachgebiet
mente aus dem Inneren der US-Armee Die Unbestechlichen (1976) Mithilfe Verfassungsrecht, der Whistleblower vor
und des Außenministeriums an Julian des Informanten »Deep Throat« ent- seiner Wahl noch als wichtige Korrektive
Assange weiter, den Gründer von Wiki- hüllen zwei Reporter den Watergate- gepriesen hatte, reagierte der Staat uner-
Leaks – von dort gelangten sie unter an- Skandal (Foto). bittlich, wann immer sicherheitsrelevante
derem zum SPIEGEL. Dokumente geleakt wurden.
Assange ist nach der gängigen Definition Insider (1999) Ein Chemiker der In den USA ist eine Grundlage dafür
zwar kein Whistleblower, er stellte aber Tabakindustrie stößt auf Suchtstoffe der sogenannte Espionage Act aus dem
seine Enthüllungsplattform zur Verfügung in Zigaretten – und schlägt Alarm. Jahr 1917, mit dem noch während des Ers-
und unterstützte Snowden logistisch. ten Weltkriegs die Spionage für feindliche
Auch in Deutschland gibt es Whistle- Intrige (2019) Roman Polanskis Mächte als Landesverrat unter Strafe ge-
blower. Einer der frühen Fälle war der Be- große Erzählung der Dreyfus-Affäre. stellt wurde. Das Gesetz ist nur selten an-

14
gewendet worden. Es war beispielsweise
die Grundlage, auf der Daniel Ellsberg an-
geklagt wurde.
13 Fälle wurden in diesen 102 Jahren ver- Name ehem. Arbeitgeber Zeit
folgt, das ist nicht viel. Das Interessante da- Chelsea Manning U. S. Army 2010
ran: 8 der 13 Fälle fielen in die beiden Amts-
zeiten Obamas. Manning und Snowden
wurden genauso als Spione verfolgt wie
John Kiriakou oder Thomas Drake, der Jah-
re vor Snowden öffentlich vor der Sammel-
wut der NSA warnte.
Nie wurde dabei jemand mit der Be-
gründung angeklagt, seine Informationen
seien falsch. Stattdessen ging es darum, ob
das Enthüllen meist geheimer Dokumente
die nationale Sicherheit gefährde und als
Landesverrat zu bewerten sei. Dahinter
stand natürlich die Sorge des Sicher-
heitsapparates und der Regierung, dass
Snowden und Manning Nachahmer finden
könnten. Es war eine Politik der Abschre-
ckung.
Wenn nun Donald Trump den CIA-
Whistleblower als »Verräter« beschimpft,
liegt der Gedanke nicht fern, dass er sich
damit in die Tradition seines Vorgängers
Obama einreiht.
Ob Trump die Geschichte von Esek
Hopkins kennt, dem allerersten Oberkom-
mandierenden der amerikanischen Mari-
ne? Hopkins war zugleich der erste Amts-
träger in der Geschichte Amerikas, der
sein Amt verlor, weil seine Untergebenen
sagten: Jetzt ist mal gut.
Es war das Jahr 1776, die amerikani-

250000
schen Kronkolonien befanden sich im
Krieg mit dem britischen Imperium. Com-
modore Esek Hopkins befehligte vier Manning war als IT-Spezialist
Schiffe auf Seiten der Rebellen, die für der U. S. Army in Bagdad statio-
die Unabhängigkeit kämpften. Offensicht- niert und kopierte dort ver-
lich war er ein übler Bursche, dessen
trauliche Dokumente auf CDs,

DAVID VINTINER / EYEVINE / INTERTOPICS


Reichtum und Ansehen darauf fußte, dass
er Sklaven aus Afrika über den Atlantik die sie herausschmuggelte. diplomatische Depeschen
gesegelt hatte und als Freibeuter über an- Ein Militärgericht verurteilte sowie Hunderttausende
dere Schiffe hergefallen war. Außerdem sie zu 35 Jahren Haft, Obama Kriegsberichte aus Afgha-
weigerte er sich, Befehle zu befolgen, ein nistan und dem Irak spielte
Folterer, ein Staatsdiener, der seinen pri- begnadigte sie nach vier Jahren. Manning der Enthüllungs-
vaten Vorteil über seinen Dienst als Ad- Derzeit sitzt sie in Beugehaft. plattform WikiLeaks zu.
miral stellte.
Er sei untauglich für sein Amt, schrieb
eine Gruppe seiner Offiziere an den Kon-
gress. Hopkins wurde entlassen, zwei Jah-
re nach der Unabhängigkeitserklärung ver- Trump«. Es ist Anfang Oktober in den blower selbst nur wenig Schutz genießen,
abschiedete diese junge Nation ihr erstes USA erschienen, sie hat sieben Jahre lang vor allem wenn sie aus den Kreisen der
Whistleblower-Gesetz. dafür recherchiert. Dass nun ein Whistle- Geheimdienste stammen.
241 Jahre ist das her. Es gab damals blower Machenschaften Trumps enthüllt Was rief Michael Hayden, ehemaliger
weder das Wort Whistleblowing noch ei- und damit eine Impeachment-Ermittlung Chef von CIA und NSA, dem Whistle-
nen Präsidenten der Vereinigten Staaten. ausgelöst hat, kommt in ihrem Buch nicht blower Edward Snowden hinterher, der in
George Washington wurde erst elf Jahre mehr vor. Dennoch lässt sich Stangers Ge- Moskau Asyl gefunden hatte? »Edward
später in das neue Amt gewählt. Aber die schichte der Whistleblower lesen wie eine Snowden wird in Moskau sterben. Er wird
Idee, dass Freiheit geschützt werden muss Erklärung der aktuellen Vorgänge. niemals zurückkehren in seine Heimat.«
vor denen, die sie bedrohen, die gab es Stanger beschäftigt sich mit dem Para- In Lissabon konnte man vorige Woche
schon. doxon, dass die Idee des Whistleblowings einen Eindruck davon bekommen, wie ein-
Die Geschichte des untauglichen Offi- zwar zum Gründungsmythos Amerikas flussreich die Whistleblower-Bewegung ge-
ziers erzählt die Politikprofessorin Allison zählt, damals praktiziert und juristisch fi- worden ist. Dort trafen sich 70 000 Pro-
Stanger in ihrem Buch »Whistleblowers. xiert wurde, weil die Mächtigen kontrol- grammierer, Start-up-Gründer, Techfans
Honesty in America from Washington to liert werden müssen – aber dass Whistle- und Investoren zum Web Summit, der

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 15


der alles riskierte, um der staatlichen Über-
wachung entgegenzutreten, Freundin, Fa-
milie, Geld, ein bequemes Leben auf
Name ehem. Arbeitgeber Zeit Hawaii, wo er zuletzt in einem geheimen
Katharine Gun GCHQ 2003 NSA-Objekt arbeitete.

Snowden schildert seine Jugend als


glücklich. Er zähle zu der letzten Genera-
tion, die als Kinder lediglich analoge Spu-
ren hinterlassen haben, Fotoalben aus
Papier statt Instagram. Es geht ihm um das
Grundrecht des Vergessens, was inzwi-
schen kaum noch vorstellbar scheint, wie
eine Idee längst vergangener Tage. Der
junge Ed taucht bald in die Computerwelt
ein. Sie wird sein Leben, er braucht keinen
Universitätsabschluss, weil er so viel Ta-
lent beim Programmieren hat, dass ihn
erst die CIA und dann eine NSA-Vertrags-
firma mit Kusshand anstellen.
Seine Biografie ist die eines Puristen,
der am Verfassungstag im Büro tatsächlich
die amerikanische Verfassung liest und er-
kennt: Was wir hier tun, die massenhafte
Überwachung von US-Bürgern ist illegi-
tim, es verstößt gegen die Grundsätze der
Vereinigten Staaten. Es habe keinen Erwe-
ckungsmoment gegeben, sagt Snowden,
der Erkenntnisprozess zog sich über Jahre.
Irgendwann wurde ihm klar, dass er han-
deln musste, er ging systematisch vor wie
ein Juwelendieb, der sich zum geheimsten
Safe der Welt vorarbeitet.

1
In Lissabon lautet seine Botschaft an
die Fortschrittsgläubigen im Saal: Das In-
ternet ist in Gefahr, von Geheimdiensten
und Konzernen unterwandert und kontrol-
Gun arbeitete als Analystin beim E-Mail leitete Gun liert zu werden, von den Institutionen des
britischen Abhördienst GCHQ, weiter, aus der »Überwachungskapitalismus«, wie er Face-
hervorging, dass book und andere Firmen gern nennt. Es
sie war 27 Jahre alt, als sie
sechs Uno-Mit- sei verdammt schwer, so Snowden sinnge-
beschloss, den Irakkrieg auf gliedstaaten abge- mäß, sich der Überwachung zu entziehen.
eigene Faust zu verhindern. Die hört werden soll- Am besten, man schütze sich selbst und
Regierung klagte sie wegen ten, um ihr Abstim- hoffe nicht auf andere.
GENE GLOVER / DER SPIEGEL

mungsverhalten Snowden war bei Weitem nicht der ers-


Geheimnisverrats an, ließ die beim Krieg gegen te Whistleblower, der über Missstände in
Vorwürfe aber fallen. Heute den Irak zu mani- US-Geheimdiensten berichtete. Auch
lebt Gun in der Türkei. pulieren. beim geheimsten aller US-Nachrichten-
dienste, der NSA, hat Whistleblowing
Tradition. Da waren Männer wie William
Binney, ein Mathematiker und einst Tech-
nischer Direktor weit oben in der Hierar-
größten und wohl wichtigsten Digitalkon- über den Ausbau der Geheimdienste nach chie, der 2001 gemeinsam mit seinem
ferenz weltweit. Bislang wehte durch die 9/11, über digitale Spionage und sein ei- Kollegen Kirk Wiebe den Dienst verließ.
Veranstaltung Optimismus. Wer den Gip- genes schlechtes Gewissen. »Sie fingen Binney und Wiebe wollten die wahllose
fel in den vergangenen Jahren verfolgte, an, jeden zu überwachen, überall, im- Ausweitung der Überwachung nicht hin-
gewann den Eindruck, dass sich die Pro- mer«, sagte er. nehmen. Sie legten Beschwerde beim Ge-
bleme der Menschheit mit wenig mehr als Fast sechseinhalb Jahre ist es her, dass neralinspekteur ein, unter anderem wegen
Technik und etwas Programmiergeschick der ehemalige Spion mit seinen Enthüllun- massiver Geldverschwendung. Im Som-
lösen ließen. gen die Weltöffentlichkeit über die Macht mer 2007 stand das FBI bei ihnen vor der
Doch dieses Jahr war es anders, die der NSA ins Bild setzte. Er ist der bekann- Tür.
Stimmung war nachdenklicher, fast pes- teste, einflussreichste Whistleblower un- Snowden studierte die Geschichte sei-
simistisch. Der Auftaktredner am Eröff- serer Zeit, und noch immer taugt er zum ner Vorgänger. Er sah, wie sie mit der Stra-
nungsabend war Edward Snowden, per Stargast. Vor wenigen Wochen erschienen tegie scheiterten, über interne Wege die
Videolink zugeschaltet aus seinem Mos- seine Memoiren »Permanent Record«. Arbeit des Geheimdienstes zu verändern.
kauer Exil, sein Kopf auf der Leinwand Das Buch steht in den Bestsellerlisten. Es Auch deshalb wandte er sich nicht an den
groß wie ein Garagentor. Snowden redete ist die Autobiografie eines jungen Mannes, Generalinspekteur, sondern an die Jour-

16 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Titel

nalistin Laura Poitras, die einen kurzen die 2003 im Alleingang versuchte, den dafür einen hohen Preis zahlt. Die briti-
Film über Binney gedreht hatte. Irakkrieg zu verhindern. Gun beschloss sche Regierung klagte sie wegen des Ver-
Es gebe keinen einzigen Whistleblower damals, eine E-Mail des US-Geheimdiens- dachts der Spionage an und ließ sie dann
aus der Welt der Geheimdienste, sagte tes an die Presse weiterzugeben. Die be- lange zappeln. Zwar wurde sie nie verur-
Snowden dem SPIEGEL vor drei Jahren, legte, wie die Regierung von George W. teilt. Aber bis heute gilt Gun beim Geheim-
dessen Enthüllungen nicht zu drastischen Bush damals versuchte, das Abstim- dienst, im Beamtenapparat und in Teilen
Strafen geführt hätten. Er fordert »eisen- mungsverhalten von Uno-Mitgliedern zu des Landes als Frau, die die nationale
harte, einklagbare Schutzmaßnahmen« manipulieren, um eine Resolution für ei- Sicherheit gefährdete.
für Beamte und Mitarbeiter von Sicher- nen Einmarsch in den Irak durchzuboxen. Sie bereue trotzdem nichts, sagt sie.
heitsbehörden. Für Leute, die bereit sind, Es ist eine fast wahnwitzig mutige Ge- Gun sitzt in Berlin, wo sie am Dienstag
sich gegen eine Behörde aufzulehnen, die schichte. den Film vorstellte, eine leise, fast schüch-
gegen das Gesetz verstößt, gebe es noch Gespielt wird Gun von Keira Knightley. terne Frau. »Wir müssen Whistleblowing
immer keinen Anreiz, das zu tun. »Das Es ist die Erzählung einer Frau, die zur neu definieren«, meint sie, »und die Art,
muss sich ändern.« Zeugin einer staatlich sanktionierten Ma- wie die Gesellschaft mit Whistleblowern
Snowden ist zum Vorbild für eine ganze nipulation wird, ihrem Gewissen folgt und umgeht.« Die Verfolgung von Informanten
Generation von Nerds und Technikkriti-
kern geworden, was ihn aus Sicht von Re-
gierungen, Geheimdiensten und Mächti-
gen in aller Welt gefährlich macht. Wenn
man Systemadministratoren fürchten
muss, die auf ihr Gewissen hören, was ist Name ehem. Arbeitgeber Zeit
dann noch sicher? Edward Snowden CIA / Booz Allen Hamilton / NSA 2013
Es gebe keinen »typischen« Whistle-
blower, sagt der US-Autor Tom Mueller
in seiner Abhandlung über die Spezies, für
die er mehr als 200 von ihnen interviewt
hat. Wenn es eine gemeinsame Charakter-
eigenschaft gebe, dann Furchtlosigkeit und
die Unabhängigkeit des Geistes. »Whistle-
blower begreifen, dass Menschen in Grup-
pen Dinge tun, die einzelne Menschen nie
wagen würden.« Hinzu komme eine ge-
sunde Skepsis gegenüber großen Organi-
sationen.
Längst ist die Figur des Whistleblowers
zu einem Mythos geworden, verewigt in
Filmen aus Hollywood, die von tragischen
Helden erzählen – bereit, für ein hohes
Gut alles zu riskieren. Von schwierigen
Menschen, Querulanten, Fanatikern, die
sich auflehnen gegen dunkle Mächte. Neu-
artige Helden in zunehmend posthero-
ischen Zeiten, einsame Kämpfer für eine
bessere Welt.
Es gibt viele solcher Filme. Sydney Lu-
mets Film »Serpico« aus dem Jahr 1973 er-
zählt die wahre Geschichte eines jungen
New Yorker Polizisten, der miterlebt, wie
Kollegen Verdächtige misshandeln und sich
bestechen lassen. Der seine Geschichte einer
Zeitung erzählt und selbst in der Stunde des
Sieges ein Verlierer ist und den Polizeidienst
quittiert. Michael Manns »The Insider« von
1999 handelt von einem Chemiker der Ta-

10000
Snowden war als Systemadminis- Mehrere
bakindustrie, der einem Fernsehmagazin
von den suchtfördernden Zusatzstoffen be- trator für die NSA tätig, der Job
richtet, die den Zigaretten beigemischt sind. gab ihm Zugriff auf riesige Mengen
Ein einsamer Aufklärer, der im Stich gelas-
sen wird, vom FBI und von seiner Ehefrau, geheimer Daten. Die Dokumente,
die ihn mit den beiden Töchtern verlässt. die später bei Journalisten lande-
geheime Dokumente
YURIY CHICHKOV / DER SPIEGEL

Oder Oliver Stones Film »Snowden«, der ten, schmuggelte er auf einem
vor drei Jahren in die Kinos kam und seiner übergab Snowden an
Speicherchip aus dem Büro – den
Hauptfigur ein Denkmal setzt. Journalisten, die er bei der
Nächste Woche kommt der Spielfilm er in einem Rubik-Zauberwürfel NSA kopiert und heimlich
»Official Secrets« in die deutschen Kinos, versteckt hatte. mitgenommen hatte.
der die Geschichte einer britischen
Whistleblowerin erzählt, Katharine Gun,

17
mit Spionagegesetzen sei nicht mehr zeit-
gemäß. Es müsse Wege geben, in die
Alarmpfeife zu pusten, ohne dass Strafen
drohten. Name ehem. Arbeitgeber Zeit
Sie habe sich nie schuldig gefühlt, sagt Reality Winner Pluribus / NSA 2017
Gun dann noch. »Ich habe gegen die Buch-
staben des Gesetzes verstoßen, aber ich
hatte dafür einen legitimen Grund.«
Brittany Kaiser verkörpert einen ganz
anderen Typus Whistleblower als Katha-
rine Gun, mit einem sprühenden Tem-
perament, vielen Ideen und Geschichten,
eine atemlose Frau von 32 Jahren mit
Strohhut, einer knallroten Karojacke und
einer Plastiktüte mit Exemplaren ihres
druckfrischen Buchs. Kaiser war wie
viele Whistleblower Gast beim Web Sum-
mit in Lissabon, gab Interviews, schüttel-
te Hände und genoss ihre Auftritte
sichtlich.
Dreieinhalb Jahre lang arbeitete sie bei
der britischen Firma Cambridge Analytica,
einer Agentur, die unter anderem für das
Team von Donald Trump im US-Wahl-
kampf 2016 aktiv war. Kaiser war die Di-
rektorin für Geschäftsentwicklung. Es ge-
hörte zu ihren Aufgaben, Neukunden zu
gewinnen. Erst nach der US-Wahl geriet
die Firma in die Schlagzeilen, weil heraus-
kam, dass sie sich teils hochpersönliche
Daten von mehr als 80 Millionen Face-
book-Nutzern besorgt hatte – um sie für
ihre softwaregestützte Wählermanipulati-
on zu nutzen.

1
Kaiser war für die Agentur im Vorfeld
des Brexit-Referendums mit einer der
Leave-Kampagnen in Kontakt. Sie lernte
Steve Bannon kennen, Trumps einstigen
Chefideologen und führenden Kopf in des- Winner arbeitete als Linguistin für geheimen NSA-
sen Präsidentschaftswahlkampf. Sie saß die NSA, ihr Leak geschah aus Bericht über

MICHAEL HOLAHAN / PICTURE ALLIANCE / AP IMAGES


mit Trumps Sprecherin Kellyanne Conway Einflussversu-
dem Affekt heraus – am selben che russischer
auf Podien und war Gast auf Trumps
Wahlparty, wo sie mit dem konservativen Tag, an dem Donald Trump den Hacker auf die
Trump-Unterstützer Robert Mercer feierte damaligen FBI-Chef James Comey US-Präsident-
und mit dessen Tochter Rebekah, der feuerte. Sie wurde zu 63 Monaten schaftswahl
Milliardärsfamilie hinter Cambridge Ana- leitete Winner
lytica.
Haft wegen Spionage verurteilt. an das Enthül-
Warum machte sie das alles so lange Heute sagt sie, sie bereue ihre lungsportal The
mit? Unter anderem aus Geldsorgen, Tat. Intercept weiter.
schreibt sie in ihrem Buch, sie habe ihre
Familie unterstützen müssen. Tatsächlich
stieg sie erst aus, als ihre Firma schon tief
in den negativen Schlagzeilen steckte und
es mit Christopher Wylie einen ersten pro- Ihre Kernvorwürfe lauten: Trumps wird, sondern mit der öffentlichen Bloß-
minenten Aussteiger gab. Wylie, ein Ka- Wahlkampfteam habe mit negativen Face- stellung ihrer früheren Firma nur gegen
nadier mit Vorliebe für bunte Frisuren, hat- book-Anzeigen versucht, potenzielle den Arbeitsvertrag verstoßen hat. Ihr Le-
te bereits 2018 einen Datenskandal bei der Wähler von Hillary Clinton davon abzu- ben hat sich eher verbessert, seit sie an die
Firma enthüllt. bringen, zur Wahl zu gehen. »Voter sup- Öffentlichkeit ging, was man von vielen
Vorher habe Kaiser mit ihrem Chef Ale- pression« heißt diese Taktik. Inzwischen anderen nicht behaupten kann.
xander Nix über ihre Bezahlung gestritten. hat Kaiser eine Organisation mitgegrün- Die staatliche Reaktion auf Whistle-
Letztlich hätten die negativen Pressebe- det, die den Schutz privater Daten voran- blowing, vor allem in den Vereinigten
richte über ihre Firma sie dazu veranlasst, treiben will, etwa durch Kampagnen an Staaten, scheint nur Extreme zu kennen.
auszubrechen und sich selbst an die Me- Schulen. Für Informanten, die dem Staat dabei hel-
dien zu wenden, erzählt sie. Kaiser hat zu- Der Unterschied zwischen ihr und fen, Steuerhinterzieher zu fassen, gibt es
erst mit dem britischen »Guardian« ge- Whistleblowern wie Snowden oder Tho- erhebliche finanzielle Anreize. Die bis-
sprochen, später packte sie bei der Netflix- mas Drake ist, dass sie nicht wegen des lang höchste Belohnung bekam der ehe-
Dokumentation »The Great Hack« aus. Verrats von Staatsgeheimnissen angeklagt malige US-Banker Bradley Birkenfeld,

18
Titel

der 104 Millionen Dollar dafür einstrich, Alle bisherigen Strafen, Anklagen und Haus einen Film machen. Der unbekann-
dass er umfassend über seine ehemaligen Kampagnen gegen Whistleblower haben te CIA-Whistleblower dürfte darin nur
Chefs bei der Schweizer Bank UBS aus- allerdings nicht dazu geführt, dass es we- eine Rolle von vielen spielen. Es wäre
sagte, es ging um groß angelegten Steuer- niger von ihnen gibt oder dass Menschen tatsächlich eine überraschende Geschich-
betrug. davon abgehalten wurden, ihre Stimme zu te, weil diesmal die Guten jene sind,
Whistleblower, die systematische Miss- erheben. Das Gegenteil ist der Fall, wie die sonst die Bösen sind: die Geheim-
stände offenlegen, werden dagegen oft die Whistleblower in der Ukraineaffäre be- dienstler.
hart bestraft. Chelsea Manning wurde legen. Aufrechte Agenten gegen einen Hoch-
2013 von einem US-Militärgericht zu 35 Ehemalige Regierungsangestellte wie stapler mit autoritären Neigungen. Klingt
Jahren Haft unter anderem wegen Spio- John Tye, der für das US-Außenministeri- interessant. Die heute noch unbeantwor-
nage und Diebstahl verurteilt. Kurz vor um arbeitete, werben deshalb für einen tete Frage ist, wie das Ganze ausgeht.
Ende seiner Amtszeit verkürzte Obama neuen Umgang mit Whistleblowern. Tye Allison Stanger beschließt ihr Buch mit
zwar den Rest der Strafe auf vier Monate. kennt die Risiken aus eigener Erfahrung, ein paar grundsätzlichen Überlegungen.
Allerdings sitzt Manning inzwischen in vor Jahren wandte er sich selbst mit einer Sie schlägt vor, dass bisherige Whistle-
Beugehaft, weil sie sich weigert, gegen Ju- Beschwerde an eine interne Stelle. Es ging blower-Gesetze zum Schutz von Informan-
lian Assange auszusagen. um die Überwachung amerikanischer ten auch auf die Welt der Geheimdienstler
Staatsbürger im Ausland. Als der interne übertragen werden, obwohl damit mögli-
Und noch ein Fall illustriert, wie unbarm- Dienstweg nicht fruchtete, schrieb Tye cherweise die nationale Sicherheit gefähr-
herzig Staaten jene verfolgen, die Geheim- über das Thema für die »Washington Post« det werden könnte. Sie findet: Jemand wie
nisse offenbaren. Die Frau mit dem echten und kündigte seinen Job. Edward Snowden sollte nicht in Moskau
Namen Reality Winner wuchs nahe der Nun will er mit seiner NGO »Whistle- leben müssen.
mexikanischen Grenze auf, machte eine blower Aid« helfen, Informanten mehr Si- Und die Geheimdienste? Sie müssten
Übersetzerausbildung und arbeitete sechs cherheit zu geben. Die Organisation un- die Finger wieder von der Politik lassen,
Jahre lang bei der US-Luftwaffe, bevor terstützt unter anderem die beiden Ukrai- wenn Donald Trump eines Tages aus dem
sie für die NSA als Linguistin anheuerte, ne-Enthüller in Washington. Tye sagt, er Amt verschwunden sei. »Das ungewöhn-
für die Sprachen Paschtu, Dari und Farsi. wolle Whistleblowing sicherer, einfacher liche Verhalten der Geheimdienste muss«,
Allerdings hatte sie mit ihrem Oberbefehls-
haber Probleme, jedenfalls nannte sie
Donald Trump auf Twitter einen »orange-
nen Faschisten«. »Edward Snowden wird in Moskau sterben. Er wird nie
Winner hasste Trump, sie fühlte sich
nicht mehr an die Geheimhaltungspflicht
wieder zurückkehren in seine Heimat.«
gebunden, zu der sie sich beim Eintritt in
die NSA verpflichtet hatte. und effektiver machen. Vor allem will er schreibt sie, »verurteilt werden, um genau
Am selben Tag im Mai 2017, als jener dafür werben, dass es für Beamte und An- wieder zu den Werten zurückzukehren,
Präsident den damaligen FBI-Chef James gestellte gesetzeskonforme Wege gibt, um die Donald Trump abschaffen wollte.«
Comey entließ, druckte Winner an ihrem auf Korruption und Missstände hinzuwei- In einer idealen Welt würden dann auch
Arbeitsplatz einen streng geheimen NSA- sen. Sein Ratschlag für Whistleblower: im- die Whistleblower nicht mehr auftauchen.
Bericht über russische Einflussversuche mer zuerst mit einem Anwalt reden, auf Denn ein Geheimdienst, der hilft, seinen
auf die US-Wahlen aus. Als sie ihr Büro keinen Fall Computer verwenden. eigenen Präsidenten aus dem Weißen
verließ, nahm sie ihn mit, versteckt in ihrer Es gibt immer mehr Whistleblower, Haus zu kegeln, das wäre ein Akt gefähr-
Strumpfhose. Dann schickte sie das Doku- aber in einer Welt, in der immer mehr licher Selbstermächtigung. Was ist, wenn
ment an das Nachrichtenportal »The In- Trennlinien die Gesellschaft durchziehen, der nächste Präsident den Geheimen auch
tercept«. Fünf Seiten, nicht mehr. polarisieren sie auch. nicht gefällt?
Als die Geschichte dort wenige Wochen Die einen sehen in der Figur des getrie- Wie und ob der Präsident aus dem Amt
später erschien, befand sich Reality Win- benen Enthüllers von Geheimnissen einen ausscheidet, wird zeigen, welche Nation
ner bereits in Polizeigewahrsam. FBI-Be- Helden, die anderen sehen einen Denun- die USA werden wollen. Das Impeach-
amte hatten ihr Haus im Bundesstaat zianten und Vaterlandsverräter. So wie die ment mithilfe der Whistleblower ist ein
Georgia gestürmt. Nur sechs Mitarbeiter einen in einem Terroristen einen Volkshel- Versuch mit hohem Risiko. Er kann schei-
hatten das Dokument ausgedruckt, zudem den sehen, so ändert sich auch der Blick tern, was Trump nutzen würde. Er kann,
enthielt der veröffentlichte Scan des Ori- auf die Menschen, die Verborgenes ans auch wenn das eher unwahrscheinlich ist,
ginaldokuments Markierungen, die auf Tageslicht bringen, wenn man politisch auf gelingen, was den Demokraten helfen,
einen bestimmten Drucker deuteten. So- der anderen Seite steht. aber das Land nicht einen würde.
gar die Uhrzeit des Drucks war ablesbar. Aber in den Zeiten von Fake News ist Vielleicht wäre es das Beste, einen Prä-
Offenbar hatten die US-Journalisten das keineswegs sicher, was aus ihren Informa- sidenten auf die gleiche Weise loszuwer-
Dokument vorab Quellen mit Kontakten tionen wird. Man muss sich das Impeach- den, wie man ihn bekommen hat: durch
zu US-Geheimdiensten vorgelegt, um sei- ment-Verfahren gegen Richard Nixon an- freie und geheime Wahlen.
ne Echtheit zu verifizieren. sehen, die Clips gibt es auf YouTube, wo Lothar Gorris, Rene Pfister, Marcel
Vor Gericht bekannte sich Winner schul- sich Abgeordnete der Republikaner nach Rosenbach, Christoph Scheuerman
dig und gestand die »unautorisierte Wei- immer neuen Enthüllungen von ihrem Prä- Mail: christoph.scheuermann@spiegel.de
tergabe« des als geheim eingestuften Be- sidenten abwenden. Sie ließen sich damals
richts. Im vorigen August verurteilte ein von Argumenten überzeugen. Das ist in-
Bundesgericht sie zu 63 Monaten Haft – zwischen fast unvorstellbar geworden; Animation
Wer schützt die
wegen der Weitergabe eines einzigen Do- jeder schmiedet sich heute mehr denn je Whistleblower?
kuments, das dazu noch das Fehlverhalten seine eigene Wirklichkeit. spiegel.de/sp472019whistleblower
der russischen Regierung offenbarte, nicht Hollywood wird wohl auch aus dem oder in der App DER SPIEGEL
das der eigenen. Stoff dieser Tage und Monate im Weißen

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 19


Titel

Im Paralleluniversum
USA In der Ukraineaffäre wird die Beweislage gegen Donald Trump immer erdrückender. Die Republikaner
haben sich dafür entschieden, dies einfach zu ignorieren. Wie lange kann das gut gehen?

E
s war ein großer Moment, als am Kent. Der sehnige Diplomat Taylor ist Ab- Bidens anzukündigen. Anfangs dachte
Mittwoch im US-Kongress die bei- solvent der Militärakademie West Point Taylor noch, Trump verweigere dem neu-
den Männer ihre Hand zum und kämpfte als Offizier der 101. US-Luft- en ukrainischen Präsidenten nur ein Tref-
Schwur hoben. George Kent und landedivision im Vietnamkrieg. Kent ver- fen im Weißen Haus. Doch es gab noch
William Taylor, zwei Diplomaten mit edel gaß bei seiner Vorstellung nicht zu erwäh- ein zweites Druckmittel: Anfang Septem-
ergrautem Haar, waren die ersten Zeugen, nen, dass sein Vater einst ein U-Boot mit ber erfuhr Taylor von EU-Botschafter
die öffentlich bei den Impeachment-Ermitt- Atomraketen befehligt hat. Beide Männer Sondland, dass deshalb auch US-Militär-
lungen gegen den amerikanischen Präsi- betonten, dass sie sowohl von republi- hilfen in Höhe von fast 400 Millionen
denten aussagten. Sie versprachen, nur die kanischen als auch von demokratischen Euro auf Eis lägen. »Er sagte, Präsident
Wahrheit zu sagen, nichts als die Wahrheit. Präsidenten auf Posten entsandt worden Trump wolle, dass Selenskyj auf offener
Aber schnell wurde klar, wie hohl dieser seien. Damit wollten sie jeden Verdacht Bühne solche Ermittlungen ankündigt«, so
Begriff in der Ära Trump geworden ist. In ersticken, ihre Aussagen könnten von par- Taylor vor dem Kongress.
Washington können sich die politischen teipolitischen Motiven getrieben sein. Der zweite Zeuge, George Kent, der
Lager nicht einmal mehr darauf verständi- selbst lange an der Botschaft in Kiew ge-
gen, was er überhaupt bedeuten soll. Das Vor allem Detailtiefe machte die mehr als arbeitet hat und nun im US-Außenminis-
zeigte sich schon in den Eingangsstate- fünfstündige Anhörung der beiden Männer terium als stellvertretender Staatssekretär
ments von Adam Schiff, dem Chefermittler so eindrücklich. Taylor berichtete, wie er für das Land zuständig ist, stellte das Trei-
der Demokraten, und Devin Nunes, sei- im Mai 2019 mit sich rang, die Nachfolge ben Trumps und Giulianis in einen größe-
nem republikanischen Gegenspieler. Schiff von Maria Yovanovitch an der US-Bot- ren politischen Zusammenhang. Er be-
verkündete, es gehe nun um nichts Gerin- schaft in Kiew anzutreten. Taylor hatte mit schrieb die Ukraine als eine junge hoff-
geres als die Verteidigung der mehr als ansehen müssen, wie die geschätzte Kolle- nungsvolle Nation, die versucht habe, sich
200 Jahre alten amerikanischen Demo- gin demontiert und schließlich vom Präsi- aus dem Sumpf der Korruption zu erhe-
kratie. Nunes dagegen giftete: »Dies ist denten gefeuert worden war. Dennoch wil- ben – und dann erleben musste, wie aus-
eine sorgfältig orchestrierte mediale ligte Taylor ein, das Angebot von Außen- gerechnet der Führer der freien Welt jene
Schmutzkampagne.« Damit war der Ton minister Mike Pompeo anzunehmen. Die- politisch motivierte Willkürjustiz einfor-
für den Tag gesetzt – und nach Lage der ser hatte ihm versichert, die USA würden derte, von der sich das Land befreien will.
Dinge auch für den weiteren Verlauf des die ukrainische Demokratie weiter unter- Kent scheute sich nicht, Trump und sei-
Impeachment-Verfahrens. stützen. Aber kaum war Taylor in Kiew ne Machenschaften bei der Anhörung di-
Nichts spricht im Moment dafür, dass gelandet, musste er feststellen, wie ein in- rekt anzuprangern: »Es ist falsch, wenn
Republikaner und Demokraten auch nur formeller Zirkel seine Bemühungen hin- die Vereinigten Staaten fremde Regierun-
den Versuch unternehmen, gemeinsam der tertrieb. gen dazu auffordern, politisch motivierte
Frage nachzugehen, ob Trump seine Macht Dazu gehörten neben Giuliani auch Ermittlungen aufzunehmen. Denn dies un-
missbraucht hat. Die Republikaner, so hat Trumps Stabschef Mick Mulvaney und tergräbt den Glauben in den Rechtsstaat.«
es den Anschein, haben sich in ein Univer- Gordon Sondland, der US-Botschafter bei Wohl noch nie in der Geschichte der USA
sum verabschiedet, in dem zwei plus zwei der Europäischen Union. Im Laufe des hat sich ein aktiver Diplomat öffentlich so
fünf ergibt und der Präsident so lange im Sommers wurde Taylor immer klarer, dass eindeutig gegen den Präsidenten gestellt.
Recht ist, wie er Donald Trump heißt. Die sich das Weiße Haus vor allem aus einem Die gute Nachricht für die Demokraten
Demokraten versuchen nun, wenigstens Grund für die Ukraine interessierte: weil ist, dass in der Beweiskette gegen Trump
die Bürger auf ihre Seite zu ziehen. Auch Trump dort Munition für den aufziehen- kaum noch ein Glied fehlt. Schon vor gut
deshalb haben sie öffentliche Vernehmun- den Präsidentschaftswahlkampf in den einer Woche hatte Sondland in einer spek-
gen angesetzt. USA finden wollte. takulären Wende seine erste Aussage vor
Die Faktenlage erscheint ihnen klar Der neue ukrainische Präsident Wolo- dem Kongress revidiert. Noch am 17. Ok-
genug. Es gibt kaum noch einen Zweifel dymyr Selenskyj befand sich bald in einer tober hatte der Botschafter ausgesagt, nie-
daran, dass der Präsident und sein persön- delikaten Lage: Einerseits brannte er da- mals seien Militärhilfen für die Ukraine
licher Anwalt Rudy Giuliani eine Art Ne- rauf, Trump im Weißen Haus besuchen zu dazu benutzt worden, Ermittlungen gegen
benaußenpolitik betrieben haben. Sie dürfen. Andererseits wollte er verhindern, Joe Biden zu erzwingen. Aber am 5. No-
diente allein dem Zweck, die ukrainische zum Spielball der amerikanischen Innen- vember erklärte er in einem schriftlichen
Regierung dazu zu nötigen, Ermittlungen politik zu werden. Selenskyj zögerte des- Statement, er habe seine Erinnerung in-
gegen die Demokraten und gegen Joe Bi- halb offenbar, Trumps Forderung nach- zwischen »aufgefrischt« und könne nun
den aufzunehmen, den für Trump gefähr- zukommen, eine Untersuchung gegen die sagen, dass genau dies der Fall gewesen
lichsten Präsidentschaftsbewerber. Das hat sei. Offenkundig wurde Sondland von der
inzwischen ein halbes Dutzend Zeugen Angst erfasst, wegen Meineid hinter Gitter
hinter verschlossenen Türen ausgesagt. zu wandern.
Hätten die Demokraten Zeugen für die In ihrer Not wechseln die Taylor wiederum berichtete vor dem
erste Vernehmung vor laufenden Kameras
schnitzen können, sie hätten vermutlich
Republikaner ständig Kongress von einem Telefongespräch
Sondlands mit Trump, das ein Mitarbeiter
kaum anders ausgesehen als Taylor und die Verteidigungsstrategie. der Kiewer US-Botschaft mitgehört habe.

20
OLIVIER DOULIERY / AFP
Präsident Trump: Eine knappe Mehrheit ist für das Impeachment-Verfahren

Am 26. Juli habe Sondland den US-Präsi- Trump zu verdanken hat. Nun steht er men, ob Trump der dritte Präsident in der
denten von einem Restaurant aus ange- inmitten eines politischen Sturms, der US-Geschichte wird, der sich einem Amts-
rufen. Der Präsident habe sich erkundigt, erkennbar an seinen Nerven zerrt. Er wird enthebungsverfahren stellen muss. Es gibt
ob Selenskyj nun endlich die versproche- am kommenden Mittwoch vor laufenden kaum einen Zweifel daran, dass sich dafür
nen Ermittlungen einleite, was Sondland Kameras aussagen. eine Mehrheit findet. Aber nur der Senat
bejaht habe. Als der Mitarbeiter Sondland Und dann ist da noch John Bolton, hat die Macht, die Amtszeit eines US-Prä-
später fragte, was Trump über die Ukraine Trumps ehemaliger Sicherheitsberater, der sidenten vorzeitig zu beenden. Dort haben
denke, erwiderte Sondland: »Der Präsi- mit einen lauten Knall das Weiße Haus die Republikaner die Mehrheit.
dent interessiert sich mehr für die Ermitt- verlassen hat. Der knorrige Haudegen der Sie werden sich nur dann gegen Trump
lungen gegen Biden.« amerikanischen Außenpolitik hält sich wenden, wenn es auch ihre eigenen Wähler
In ihrer Not wechseln die Republikaner zwar noch an die Anweisung des Präsiden- tun. Zwar ist inzwischen eine knappe
ständig ihre Verteidigungsstrategie. Zuerst ten, nicht vor dem Kongress auszusagen. Mehrheit der Amerikaner für das Impeach-
behaupteten sie, Trump werde unfair be- Aber er wartet auf einen ehemaligen Kol- ment-Verfahren, aber der Graben verläuft
handelt, weil Zeugen in einem »Geheim- legen, der die Order von einem Gericht genau entlang der parteipolitischen Linien.
verfahren« vernommen würden. Nun, überprüfen lässt. Das erklärt, warum die Republikaner noch
da alles im Licht der Öffentlichkeit statt- das absurdeste Argument bemühen, um
findet, werfen sie Kent und Taylor vor, nur Doch selbst ein Kronzeuge aus dem in- ihren Präsidenten zu verteidigen. Die Kon-
vom Hörensagen zu wissen, was die Ab- nersten Zirkel der Macht wird Trumps gressabgeordneten haben gerade mit anse-
sichten des Präsidenten seien. »Und Sie Leibgarde im Kongress kaum erschüttern. hen dürfen, wie es einem Kollegen erging,
sind deren Starzeuge!«, rief der repu- Sie hat sich schon ein Argument zurecht- der sich eine eigene Meinung leistete. Mitte
blikanische Abgeordnete Jim Jordan ver- gelegt, auch wenn es nicht sonderlich Oktober hatte der Abgeordnete Francis
ächtlich Taylor zu. schmeichelhaft für das Weiße Haus ist. Die Rooney erklärt, in der Ukraineaffäre müss-
Aber wie lange kann diese Linie halten? Zustände dort seien so chaotisch, dass es ten »alle Fakten auf den Tisch«. Schon die-
Sondland zum Beispiel hat häufig mit gar nicht in der Lage sei, die Ukraine unter ser banale Satz reichte, um die Trump-
Trump gesprochen und darüber auch be- Druck zu setzen, sagte Anfang der Woche treue Basis in seinem Wahlkreis in Florida
reits hinter verschlossenen Türen ausge- Lindsey Graham, der Senator aus South auf die Barrikaden zu treiben. Derweil hat
sagt. Der amerikanische EU-Botschafter Carolina: »Die scheinen unfähig zu sein, Rooney angekündigt, seine politische Kar-
ist ein reicher Hotelier aus Oregon, der ein Quidproquo zu organisieren.« riere zu beenden. René Pfister
seinen Posten in Brüssel ausschließlich Womöglich noch vor Weihnachten wird Mail: rene.pfister@spiegel.de
seinen üppigen Wahlkampfspenden an das Repräsentantenhaus darüber abstim-

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 21


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»Ich habe hier nicht den Oberverantwortungshut auf.« ‣ S. 44

JOSE LUIS STEPHENS / EYEEM / GETTY IMAGES


Satellit im Orbit (Simulation)

Militärstrategien

Die Nato will hoch hinaus


Russland und China entwickeln Waffensysteme zur Störung von Satelliten.
 Die Nato will künftig den Weltraum stärker in ihre Militär- China längst Waffensysteme zur Störung von Satelliten entwi-
planungen einbeziehen. Einen entsprechenden Beschluss sollen ckeln. China beispielsweise hat bereits 2007 eine spezielle Anti-
die Nato-Außenminister bei ihrem Treffen am Mittwoch in Satelliten-Rakete getestet. Vor allem die USA, aber auch Frank-
Brüssel fassen und die Staats- und Regierungschefs Anfang reich drängen daher auf verstärkte militärische Anstrengungen
Dezember in London bestätigen. Damit hätte der Weltraum in im Weltall; US-Präsident Donald Trump sprach sogar von einer
der Nato den gleichen Status wie Land, Wasser, Luft und der eigenständigen »US-Space Force«. Derzeit gibt es rund 2000
Cyberspace. Hintergrund der Entscheidung ist, dass der Welt- aktive Satelliten im Weltraum, eine Zahl, die weiterhin stetig
raum nicht nur für die zivile Kommunikation oder die Wirt- wächst. Die Nato selbst unterhält derzeit keine Satelliten, son-
schaft immer wichtiger wird. Auch Militäreinsätze hängen heu- dern nutzt die ihrer Mitglieder. 2016 hatte das transatlantische
te stärker vom Einsatz von Satelliten ab. In der Nato betrachtet Bündnis erstmals den Cyberspace als sogenannte Operational
man schon länger mit Sorge, dass Länder wie Russland oder Domain anerkannt. MP

Gemeinnützigkeit die zum Beispiel Trainer bei Amateur- erst ab 45 000 Euro Umsatz Steuern auf
Steuerbonus fürs Ehrenamt sportvereinen in Anspruch nehmen dür-
fen, von derzeit 2400 Euro auf 3000 Euro
die Gewinne zahlen müssen. Bislang liegt
die Freigrenze bei 35 000 Euro. Scholz
 Bei der Reform des Gemeinnützigkeits- im Jahr angehoben werden. Die Ehren- übernimmt dabei Vorschläge der Länder,
rechts zeigt sich Bundesfinanzminister amtspauschale soll von 720 Euro auf die diese bereits im Bundesrat vorge-
Olaf Scholz (SPD) großzügig. Ehrenamtli- 840 Euro steigen. Auch gemeinnützige bracht haben. Die Maßnahmen werden
ches Engagement will er steuerlich beloh- Institutionen, die Erlöse erwirtschaften, den Fiskus jährlich einen mittleren drei-
nen. So soll die Übungsleiterpauschale, will Scholz begünstigen. Künftig sollen sie stelligen Millionenbetrag kosten. REI

24 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Petitionen China und die Bundesregierung nicht zu Zeitungsverleger
Pro Taiwan, kontra China brüskieren, hatte der Petitionsausschuss In höchst eigener Sache
anfangs die Veröffentlichung der Petition
 Eine Petition beim Bundestag bringt untersagt. Sie sei »geeignet, die internatio-  Der neue Eigentümer der »Berliner
die Bundesregierung in die Defensive. nalen Beziehungen zu belasten«. Auf Zeitung«, Holger Friedrich, muss sich
Deutschland wird darin aufgefordert, Tai- Kreuzbergs Bitten hin hatten die Grünen vorhalten lassen, seine geschäftlichen
wan diplomatisch anzuerkennen und mit veranlasst, dass die Petition doch online Interessen als Zeitungsverleger und als
der sogenannten Ein-China-Politik zu bre- gestellt wurde. Sie erhielt mehr als Aktionär einer Diagnostikfirma nicht
chen. Angesichts der massiven Menschen- 50 000 Unterschriften; nun kommt es am transparent gemacht zu haben. Am
rechtsverstöße des kommunistischen 9. Dezember zu einer öffentlichen An- 8. November vermeldete sein Blatt auf
Regimes in Peking sei es unverständlich, hörung im Bundestag. Dort muss das Aus- der Titelseite eine »Ostdeutsche Erfolgs-
warum die Bundesregierung das demo- wärtige Amt seine Ein-China-Politik recht- story in der Medizin«. Darin erfuhren
kratische Taiwan nicht diplomatisch aner- fertigen. Jhy-Wey Shieh, Taiwans Reprä- die Leser vom Börsengang der Firma
kenne, heißt es in der Petition. Initiator ist sentant in Deutschland, glaubt nicht, dass Centogene aus Rostock, nach Angaben
der Rostocker Michael Kreuzberg. »Als sich durch die Petition die deutsche China- des Blattes »Weltmarktführer in der
früherer DDR-Bürger weiß ich, was eine politik ändert. »Aber ich verspreche mir gentechnischen Analyse seltener Krank-
Diktatur ist«, sagt der 71-Jährige. »Es davon, dass Taiwan als Leuchtturm der heiten«. Nun habe das Unternehmen
ärgert mich, dass die Bundesregierung lie- Freiheit gegenüber China wahrgenommen erneut einen »großen Schritt« getan,
ber das Unrechtsregime in China unter- wird und die Protestierenden in Hong- hieß es weiter: Mit dem Gang an die US-
stützt als die Demokratie in Taiwan.« Um kong gestärkt werden.« CSC, DK Börse Nasdaq sollten rund 60 Millionen
US-Dollar in die Unternehmenskasse
fließen. Was die Leser nicht erfuhren:

Doping oder Speerwerferin Christina Obergföll,


ausgespäht wurden. Die Ermittler
Deutschland ermittelt schreiben den Angriff der Hackergruppe
gegen russische Hacker APT28 zu, auch bekannt unter dem

HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL


Namen »Fancy Bear«. Die Gruppe wird
 Der Hackerangriff auf die Welt-Doping- dem russischen Militärgeheimdienst GRU
Agentur Wada im Jahr 2016 hat ein juris- zugerechnet. Auf das Konto der Hacker
tisches Nachspiel in Deutschland. Gene- sollen weltweit zahlreiche Angriffe auf
ralbundesanwalt Peter Frank hat nach hochrangige Ziele gehen. In Deutschland
SPIEGEL-Informationen in dem Zusam- werden ihnen unter anderem die Attacke
menhang ein Ermittlungsverfahren wegen auf den Deutschen Bundestag 2015,
»geheimdienstlicher Agententätigkeit« Angriffe auf politische Stiftungen und
eingeleitet. Hintergrund ist, dass bei dem Medien vorgeworfen. Bei dem Angriff auf Paar Friedrich
Angriff vor drei Jahren auch die bei der die Wada hatten die Hacker Daten über
Wada hinterlegten Daten deutscher Sport- Dopingkontrollen zahlreicher Athleten Verleger Friedrich ist selbst Aktionär
ler, etwa von Tischtennisprofi Timo Boll entwendet (SPIEGEL 3/2017). FIS, JDL von Centogene. Laut US-Börsenaufsicht
hielt er im Juni über eine in Berlin ansäs-
sige Firma 3,27 Prozent an dem Unter-
nehmen. Zudem ist Friedrich Mitglied
Morde kräftig freigesprochen worden waren. des Centogene-Aufsichtsrats. Dafür
Das hat Bundesjustizministerin Christine erhielt er den Angaben zufolge 2018
Verurteilung nach Lambrecht (SPD) bei einem Gespräch mit eine Vergütung von 23 000 Euro. Auch
Freispruch? Rechtspolitikern der Koalition zugesi- bei dem IT-Unternehmen Core ist Fried-
chert. Voraussetzung dafür soll den Anga- rich aktiv, als Managing Director. Auf
 Die Bundesregierung will prüfen, wie ben zufolge sein, dass Beweisstücke, die der Core-Homepage finden sich Sätze,
Mörder unter bestimmten Umständen zum Zeitpunkt der Hauptverhandlung die an die »Berliner Botschaft« erinnern,
künftig nachträglich noch verurteilt wer- bereits vorgelegen haben, durch neue die Friedrich und seine Frau Silke kürz-
den können, obwohl sie zuvor rechts- technische Möglichkeiten ausgewertet lich in ihrer neuen Zeitung veröffentlich-
werden können. Eine Wiederauf- ten: »Durch eine eingeschränkte Teil-
nahme und möglicherweise nach- nahme der Vermarktungs- und Medien-
trägliche Verurteilung soll nur industrie am politischen Diskurs«, heißt
bei Mord und Völkermord mög- es etwa auf der Core-Homepage, »wer-
lich sein. »Wir können einen den kurzfristige Kursänderungen der
Mörder nicht unbestraft lassen, politischen Meinung nicht frühzeitig
wenn ihm nach dem Freispruch wahrgenommen und eine Beeinträchti-
ANGELIKA VON STOCKI / FACE TO FACE

die Tat durch neue DNA-Unter- gung von Wirtschaftlichkeit riskiert.«


suchungsmethoden doch nach- Vom SPIEGEL zu möglichen Interessen-
gewiesen werden kann«, sagt der konflikten befragt, ließ Friedrich über
rechtspolitische Sprecher der einen Medienanwalt mitteilen, dass er
SPD-Fraktion, Johannes Fechner. »gegenwärtig keine Veranlassung« sehe,
»Ich freue mich, dass wir uns »sich zu geschäftlichen Interna zu
darauf verständigt haben, das im äußern«.Vor Kurzem hatten Holger und
kommenden Jahr gesetzlich zu Silke Friedrich den Verlag der »Berliner
Lambrecht regeln.« RAN Zeitung« erworben. SRÖ, STB

25
Forschungsmittel
Pkw weit vor ÖPNV
 Die Bundesregierung hat von 2009
bis 2019 20-mal mehr Geld in die Erfor-
schung des Kraftfahrzeugverkehrs inves-
tiert als in die Entwicklung des öffent-
lichen Personennahverkehrs (ÖPNV).
Das ergibt sich aus Antworten des Bun-
desforschungsministeriums und des
Bundesverkehrsministeriums auf Anfra-
gen der Grünenfraktion. Insgesamt gab
der Bund rund 2,2 Milliarden Euro für
die Optimierung von Technik und Mate-
rial für Kfz sowie Infrastruktur und Len-
kung des Pkw- und Lkw-Verkehrs in
diesen elf Jahren aus; in die Entwick-
lung von Bussen, Bahnen oder Fähren
investierte er dagegen nur 112,5 Millio-
nen Euro. Dabei sollen die Mittel für
den ÖPNV sogar noch stark schrump-
fen: 2019 sind 18,4 Millionen Euro für

FABIAN MELBER
dessen Entwicklung eingeplant, für
2020 lediglich 8,3 Millionen Euro.
Davon soll der Löwenanteil (5 Millio-
Feiernde im Berliner Klub SchwuZ nen Euro) in die Erforschung des »auto-
matisierten und vernetzten Fahrens«
Musik und ein Anspruch auf Vertragsverlänge- gehen. Für genau diese Verwendung

Grüne Klubretter
rung genannt. Außerdem solle der Bund sind 2020 im Bereich des Kfz-Verkehrs
Kommunen und Länder finanziell dabei allerdings 44 Millionen Euro vorgese-
unterstützen, den Schallschutz von hen. »Die Bundesregierung vernachläs-
 Die Grünen wollen Spielstätten für Musikkneipen auszubauen. Bislang, sigt massiv die Weiterentwicklung von
Livemusik unter besonderen gesetzlichen bemängeln die Grünen, würden Klubs Bus- und Bahnangeboten«, kritisiert
Schutz stellen. Solche Klubs seien Kultur- baurechtlich mit Bordellen und Spielhal- Grünenverkehrsexperte Stefan Gelb-
einrichtungen und müssten auch als sol- len gleichgestellt. Der Staat müsse schüt- haar. »Anders als Automobilkonzerne
che behandelt werden, heißt es in einem zend Szenarien verhindern, die ein Klub- haben die städtischen Bus- und Bahnun-
Antrag der Grünenbundestagsfraktion. sterben zur Folge hätten. Besonders in ternehmen keine eigenen Mittel für For-
Dazu gehöre ein mietrechtlicher Schutz. Großstädten haben viele Musikklubs mit schung und Entwicklung.« Aus ökologi-
Als Beispiele werden eine Begrenzung Mieterhöhungen sowie Klagen von scher Perspektive sei dies unverantwort-
von Mieterhöhungen, ein besserer Kündi- Anwohnern gegen Lärmbelastungen zu lich und im Vergleich zu Aktivitäten in
gungsschutz der Mietverträge von Klubs kämpfen. RAN anderen Ländern »einfach nur pein-
lich«. Erst am Donnerstag forderten die
Fraktionen von CDU/CSU und SPD in
einem sechsseitigen Antrag »nachhalti-
Menschenschmuggel 2500 Dollar betrage, gerieten die Migran- ge Mobilitätsforschung« – freilich ohne
Devisenbringer für Hanoi ten oft in Abhängigkeit der Schleuser.
Legal leben hierzulande rund 100 000
zugleich die Schaffung neuer Haushalts-
titel oder eine Umschichtung der beste-
 Per Lkw, in Kleintransportern und Vietnamesen; die Gesamtzahl ist unbe- henden zu fordern. AB
sogar mit Kleinflugzeugen gelangen ver- kannt, da Geschleuste laut Gasim nur in
mehrt Vietnamesen illegal nach Deutsch- Ausnahmefällen Asyl beantragen. Zoll-
land. Im vergangenen Jahr entdeckten fahnder und Polizisten, die in Berlin den
Beamte etwa 2000 vietnamesische illegalen Zigarettenhandel bekämpfen,
Staatsbürger, die sich illegal in Deutsch- berichten, dass festgenommene Vietna-
land aufhielten. Sorge bereitet dem deut- mesen so gut wie nie ihren tatsächlichen
schen Gemeinsamen Analyse- und Strate- Namen verraten. Die Ermittler gehen
giezentrum illegale Migration (Gasim) davon aus, dass illegal erzielte Gewinne
der Verdacht, dass diese Einwanderer- aus dem Zigarettenschmuggel in Nagel-
gruppe auf Dauer in die Fänge Organi- studios und Restaurants gewaschen wer-
sierter Kriminalität gerät. Laut Gasim den. Vietnamesen weltweit schicken
RALPH PETERS / IMAGO IMAGES

schmuggeln vietnamesische Schleuser- jedes Jahr rund 16 Milliarden Dollar nach


banden meist per Flugzeug Menschen aus Hause. Die Erfurter Forscherin Trang
Vietnam direkt oder via Moskau in die Nguyen unterstellt der Regierung in
EU. Hauptzielländer seien Deutschland Hanoi ein »vitales Interesse« an dieser
und Großbritannien. Der Preis pro Devisenquelle des Landes. Die »dunkle
Schleusung liege zwischen 10 000 und Seite« der Migration, etwa Ausbeutung
20 000 Dollar. Da das Jahresdurch- und Korruption, werde vom Regime
schnittseinkommen in Vietnam nur rund bewusst ignoriert. AUL, SMS U-Bahn-Fahrgäste in München

26 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


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In anderen PLZ-Gebieten können die Preise abweichen.
Deutschland

Streit im Wartesaal
CDU Kurz vor dem Parteitag in Leipzig bestimmt ein seltsames Trio die Gemütslage der
Christdemokraten: Angela Merkel, Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz. Sie sind Rivalen um
die Macht in einer Zeit des Machtvakuums. Die Union stürzt das in eine Zeit der Instabilität.

D
as Schöne an Endphasen ist
manchmal die wachsende Unab-
hängigkeit. Man muss nicht mehr
jeden Mist mitmachen, kann sich
Freiheiten nehmen. Angela Merkel ist jetzt
in diesem Modus.
Am Donnerstagabend zum Beispiel, als
sie eine Rede zur Nachhaltigkeit im Berli-
ner Zukunftsmuseum Futurium gehalten
hatte, gab sie dem Moderator Markus
Lanz vor, nur eine Frage stellen zu dürfen.
Lanz zerfloss auf der Bühne fast vor Be-
wunderung für die Bundeskanzlerin, ver-
lor sich dabei in langen, liebedienerischen
Ausführungen, womit er sich von Merkel
den knappen Hinweis einfing, sie warte
auf die Frage.
Als die Bundeskanzlerin geantwortet
hatte, schüttelte sie Lanz, der gern weiter-
bewundern wollte, rasch ab, verließ die
Bühne und setzte sich zufrieden auf ihren
Platz an einen der Tische. Abendessen.
Früher hätte sie vielleicht an Wähler-
stimmen gedacht, Lanz hat ein Millio-
nenpublikum mit seiner Fernsehshow,
aber Merkel wird sich keiner Wahl mehr
stellen.
Auf dem Parteitag Ende nächster Wo-
che in Leipzig wird sie sich wahrscheinlich
auf ein Grußwort gleich zu Beginn be-
schränken. Dann setzt sie sich auf ihren
Platz und hört zu. Sie ist jetzt Bundeskanz-
lerin, nicht mehr Vorsitzende der CDU.
Sie kann die Dinge entspannter angehen.
Andere werden da mehr Stress haben.
Denn diese Trennung der Ämter, vor
ziemlich genau einem Jahr auf dem Ham-
burger Parteitag vollzogen, ist ein Problem
für die CDU geworden. Zum einen ist die
gesamte Konstruktion fragwürdig. In der
Union gehören Kanzlerschaft und Partei-
vorsitz zusammen, das war bei Konrad
Adenauer so, auch bei Helmut Kohl. Zum
anderen hat es Annegret Kramp-Karren-
bauer seit Hamburg nicht vermocht, als
Parteivorsitzende zu überzeugen.
Geteilte Macht bedeutet mitunter dop-
pelten Autoritätsverlust. Genau das ist der
CDU passiert. Nun gibt es ein gewisses
Machtvakuum, und so kommt wieder
Friedrich Merz ins Spiel. Er war bei der
Wahl vor einem Jahr knapp unterlegen
und wittert eine neue Chance. Auf dem
Parteitag in Leipzig will er zeigen, dass er Vorsitzende Kramp-Karrenbauer, Kanzlerin Merkel:

28
die bessere Nummer eins wäre, vor allem nis haben sie zueinander? Und was haben Die CDU hatte bei der Landtagswahl
der bessere Kanzlerkandidat. sie vor? heftig verloren und stritt um die Ausrich-
So wie das ganze Land hockt die CDU Wer Angela Merkel nach der Wahl in tung: Sollte man mit den Linken reden,
im Wartesaal. Wer kommt nach Merkel? Thüringen erlebte, wer sich in ihrem Um- gar mit der AfD? Zudem hatte Merz die
Aber man sitzt nicht still, man streitet und feld nach dem Gemütszustand der Bun- Gelegenheit genutzt, um Merkel vorzu-
kämpft, man zerfleddert sich nach Art der deskanzlerin umhörte, bekam einen dop- werfen, sie führe eine »grottenschlechte«
SPD. Dafür sind Merkel, Kramp-Karren- pelten Eindruck vermittelt. Einerseits Koalition und habe mit ihrer Art des Re-
bauer und Merz verantwortlich, jeder auf Gelassenheit, wie üblich, andererseits ein gierens einen »Nebelteppich« über das
seine Weise. Sie sind das maßgebliche Trio bisschen innerer Aufruhr, wie ganz und Land gelegt.
der Übergangszeit, ein seltsames Trio. Wie gar nicht üblich. Sie schien angefasst von Merkel steht da nicht drüber. Sie fragt
füllen sie ihre Rollen aus, welches Verhält- dem, was gerade passiert war. sich, was Merz mit diesem persönlichen
Angriff im Sinn hat. Die Antwort? Kann
nur er selbst geben.
Die Kanzlerin wollte Deutschland mit
ihrer dritten und letzten Großen Koalition
noch einmal Stabilität verleihen, in Zeiten
der allgemeinen Unsicherheit, national
wie international, aber das ist schiefgegan-
gen. Schuld daran soll Bundesinnenminis-
ter Horst Seehofer sein, der 2018 mehr-
mals auf die Bundeskanzlerin losging,
beim Thema Flüchtlingspolitik und bei
den Einlassungen des damaligen Verfas-
sungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maa-
ßen zu angeblichen Hetzjagden in Chem-
nitz. Statt einer Aura der Stabilität hing
Endzeitstimmung über der Großen Koali-
tion. Nach einer heftigen Niederlage ihrer
Partei bei einer Landtagswahl gab Merkel
den Vorsitz auf, um wenigstens die CDU
zu stabilisieren – und die eigene Kanzler-
schaft. Auch das ist schiefgegangen, jeden-
falls für die CDU.
Die Kanzlerin schaut recht kühl auf die
Anstrengungen von Annegret, wie sie die
Kollegin nennt. Sie hat ihr ein Sprungbrett
verschafft, indem sie Kramp-Karrenbauer
als Generalsekretärin der CDU von Saar-
brücken nach Berlin holte. Springen und
dabei eine gute Figur machen, das muss
die neue Vorsitzende allerdings selbst, fin-
det Merkel.
Ihre nahezu einzige Form der Unterstüt-
zung heißt Zurückhaltung. Die Bundes-
kanzlerin hat sich weitgehend aus den ver-
gangenen Wahlkämpfen rausgehalten, sie
besteht in den Gremien der Partei nicht auf
langen Redezeiten, sie widerspricht Kramp-
Karrenbauer öffentlich nicht, auch wenn
sie der Meinung ist, dass ein Vorschlag nicht
umsetzbar ist, wie der zu Nordsyrien. Platz,
sich zu entfalten, habe die Vorsitzende, fin-
det man im Kanzleramt. Dann soll sie es
auch tun. Im Umfeld Kramp-Karrenbauers
hingegen wird beklagt, dass sich die Kanz-
lerin verhalte, als hätte sie mit der Partei
nichts mehr zu schaffen.
Wenn Kramp-Karrenbauer unter Druck
gerät, hilft Merkel ihr nicht. Das hat weni-
ger damit zu tun, wie die Kanzlerin diesen
MICHAEL KAPPELER / DPA

Vorschlag bewertet. Es geht um Bezie-


hungsfragen: Eine Intervention ihrerseits
könnte übergriffig wirken und würde die
Nachfolgerin kleiner machen.
Umgekehrt unternimmt Kramp-Karren-
bauer wenig, um Merkel gegen ihre Kriti-
Die einzige Form der Unterstützung heißt Zurückhaltung ker zu unterstützen. Als Friedrich Merz

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 29


Deutschland

Die Parteichefin tritt kaum noch in Erschei-


nung.
Es ist das Eingeständnis eines Schei-
terns. Kramp-Karrenbauer war mit dem
Ziel angetreten, die CDU wieder erkenn-
bar zu machen, nach 13 Jahren merkel-
schem Regierungspragmatismus.
Das Konrad-Adenauer-Haus sollte un-
ter der neuen Vorsitzenden zur Denk-
fabrik der Partei ausgebaut werden. Statt-
dessen steht es schlechter da als zu Zeiten
Merkels. Nachdem Kramp-Karrenbauer
im Sommer zusätzlich Verteidigungsminis-
terin geworden ist, fällt sie in zentralen
politischen Fragen als Ideengeberin für die
Partei aus. Als die Union über das Klima-
paket diskutierte, bestimmte CSU-Chef
Markus Söder die gemeinsamen Positio-
nen. In der Debatte um die Grundrente
war bis zur Einigung wenig von Kramp-

HANS CHRISTIAN PLAMBECK / LAIF


Karrenbauer zu hören.
Mehrere Präsidiumsmitglieder beklagen,
dass sie nicht in Entscheidungen einbezo-
gen würden und die Vorsitzende weitge-
hend allein agiere. Nach dem schwachen
Abschneiden der Partei bei der Wahl in
Thüringen ließ sie die Debatte in Präsidium
Merkel-Gegner Merz*: Ein bisschen Gift streuen und Vorstand laufen. Als der Vorsitzende
der Jungen Union, Tilman Kuban, im Par-
teivorstand monierte, die CDU habe ein
vor zwei Wochen »Untätigkeit und man- Aufgaben, Parteivorsitzende und Bundes- Führungsproblem, sprang ihm zwar nie-
gelnde Führung« Merkels beklagte, sagte kanzlerin, sie definieren verschiedene In- mand zur Seite. Es gibt aber nicht wenige
Kramp-Karrenbauer nichts zur Verteidi- teressen, die auch mal kollidieren können. in der Führung, die ihm zustimmen.
gung der Kanzlerin. Es ist eine recht Das leuchtet Merkel vollkommen ein. Die Im baden-württembergischen CDU-
komplexe Partnerschaft, die die beiden da Divergenzen können nerven, sollen aber Landesverband zum Beispiel wird Kramp-
haben. Merkels Sympathie für Kramp-Karren- Karrenbauer oft als »saarländische Land-
Merkel, so ist zu hören, denkt nun bauer bislang nicht geschadet haben. Auf rätin« geschmäht, das ist das Äquivalent
manchmal an die ersten Jahre ihres Par- persönlicher Ebene, heißt es, sei die Be- zur Zonenwachtel. Eine Woche vor dem
teivorsitzes. Die CDU hat sie 2000 ge- ziehung intakt. Bundesparteitag in Leipzig übt der Frak-
wählt, nachdem der Spendenskandal Wolf- Am Dienstag steht Annegret Kramp- tionsvorsitzende im Stuttgarter Landtag,
gang Schäuble von der Parteispitze gespült Karrenbauer vor dem Reichstag. Der Him- Wolfgang Reinhart, in einer zweiseitigen
hatte. Aber für einige Herren sollte sie nur mel ist grau, im Novemberwind frösteln Polemik massiv Kritik an der Parteifüh-
eine Übergangsvorsitzende sein, und sie Rekruten. »Die Bundeswehr ist unver- rung in Berlin. In der Klimadebatte sei die
taten alles, um Merkel zu demontieren. zichtbarer Teil unserer Gesellschaft«, ruft CDU »lange kaum sprechfähig« gewesen.
Friedrich Merz war einer von ihnen. die Verteidigungsministerin aus. Ein deut- Die Debatten in der Digitalpolitik seien
Wegen des ungeheuren Drucks musste scher Standardsatz. »fast unbemerkt« an der Union vorbei-
Merkel 2002 die Kanzlerkandidatur der Sie hat sich dieses öffentliche Gelöbnis gelaufen. Zwar beschwöre die CDU auf
Union dem CSU-Vorsitzenden Edmund gewünscht. Nicht nur die Bundeswehr soll Parteitagen »tapfer ihre Narrative von der
Stoiber überlassen. Erst nach dessen Nie- sichtbar werden, sondern vor allem die großen Volkspartei«, schreibt Reinhart.
derlage gegen Gerhard Schröder war der Ministerin selbst. Das neue Amt soll ihr Doch in Wahrheit sei sie »erschöpft vom
Weg frei für Merkel, die aber noch Jahre politisch zu dem Respekt verhelfen, den radikalen Pragmatismus der letzten Jah-
brauchte, um wirklich anerkannt zu sein. sie als Parteivorsitzende verspielt hat. re«. Sie habe »keine Entwürfe«, weder für
Noch 2005 wurde sie in der CSU als Es ist ein fundamentaler Richtungswech- die Gesellschaft noch für sich selbst: »Die
»Zonenwachtel« verhöhnt. sel. Von der Partei, die sich von der Regie- CDU ist inhaltlich insolvent.«
Solche Erinnerungen enthalten aus Mer- rung emanzipieren müsse, spricht sie nicht Er fordert seine Partei dazu auf, »über
kels Sicht eine Botschaft für Kramp-Kar- mehr. Stattdessen heißt es nun, die Bun- das kleine Karo der Großen Koalition«
renbauer: Es ist hart, niemand bekommt deswehr habe »die höchste politische Prio- hinauszudenken. Man müsse »wieder
etwas geschenkt, man muss sich halt durch- rität, den vollen Einsatz verdient«. Kramp- mehr über Wirtschaft und über Wett-
setzen. Dann mach mal, Annegret. Karrenbauer will als Ministerin glänzen. bewerbsfähigkeit sprechen«. Die soziale
Dass es manchmal knirscht zwischen Marktwirtschaft brauche »ein Update«,
den beiden Frauen, ist für Merkel kein Pro- das Steuersystem eine »echte Rundum-
blem, da sie vor allem einen analytischen erneuerung«. Das Thema Sicherheit solle
Blick auf diese Beziehung wirft, keinen Kramp-Karrenbauer ist von der CDU wieder so repräsentiert wer-
sentimentalen. Es sind zwei verschiedene jetzt Teil der Regierung den, dass die Menschen das Vertrauen in
einen starken Rechtsstaat behielten.
* Im Juli bei einer Wahlkampfveranstaltung im bran-
und auf Merkels Zustim- Was für eine Bilanz – nach einem Jahr
denburgischen Zeuthen. mung angewiesen. Kramp-Karrenbauer. Einige der Vorwürfe

30 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


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betreffen eher Merkel, aber ihrer Nachfol- Als er Merkel so harsch kritisierte, er- würde – in eine gute Zukunft.« Merz stand
gerin ist es eben nicht gelungen, der Partei wähnte er Kramp-Karrenbauers Verant- daneben mit verschränkten Armen und
eine neue Perspektive zu geben. wortung an der Misere der CDU nur am rotem Kopf, den Blick verschämt lächelnd
Das liegt auch daran, dass sie es nicht Rande. Später wies er darauf hin, sie sei zu Boden gerichtet.
schafft, ihre Förderer aus der Partei einzu- es gewesen, die mal gesagt habe, es liege So geht das schon seit Wochen. Wo er
binden. Sie hört fast nur auf ihren engsten Mehltau über Deutschland. »Das waren auch hinkommt, wird ihm gespiegelt, was
Vertrauten Nico Lange, der nicht gerade ihre Worte, nicht meine«, sagte er vor ei- er selbst manchmal durchblicken lässt:
als Kenner der Partei und des Berliner Be- ner Woche auf einer Parteiveranstaltung dass er die bessere Wahl für den Partei-
triebs gilt. im Hochsauerlandkreis. Ein bisschen Gift vorsitz gewesen wäre. Die Junge Union
Lange ist Kramp-Karrenbauer ins Mi- streuen gehört bei ihm dann doch dazu. stimmte auf ihrem Jahrestreffen im Okto-
nisterium gefolgt. Dort droht sich der glei- ber sogar Fangesänge für ihn an.
che Prozess zu wiederholen. Dass die Merz hat aus seiner Niederlage gelernt.
Ministerin ihre Forderung, eine Sicher- Die CDU erwartet keinen Er lässt sich jetzt nicht mehr von einer
heitszone in Nordsyrien unter deutscher turbulenten Parteitag. externen Agentur beraten, sondern hat
Beteiligung einzurichten, mit niemandem sich ein eigenes Unterstützerteam auf-
abgestimmt hat, wird im Ministerium und Das heißt, dass die gebaut, im Sauerland und im Wirtschafts-
in der Partei auch Lange angelastet. Nicht Machtfrage offen bleibt. rat, dessen Vizepräsident er seit dem Som-
einmal die Experten des Ministeriums mer ist.
seien um Rat gefragt worden. Er will jetzt strategischer vorgehen, und
Als Parteichefin wollte sich Kramp-Kar- Wenn es eine Urwahl um die Spitzen- er hat auch den Kopf dafür, aber nicht das
renbauer gegen die Regierung profilieren. kandidatur gäbe, sähe es für Merz ganz Gemüt. Sosehr er bei Teilen der Basis ge-
Jetzt ist sie Teil der Regierung und auf Mer- gut aus. An der Parteibasis fliegen ihm die schätzt wird, so skeptisch wird er bei an-
kels Zustimmung angewiesen. Wie will sie Herzen zu. Er hat in den vergangenen deren betrachtet. Sein Ausbruch gegen die
da an Autorität in der CDU gewinnen? Wochen viele Vorträge darüber gehalten, Kanzlerin kam bei vielen nicht gut an.
Mit Friedrich Merz hingegen kommt was sich in Deutschland ändern soll. Und »Wir sind doch nicht die SPD«, heißt es
Kramp-Karrenbauer derzeit überraschend er hat kräftigen Applaus erhalten, zum nun häufig in der Partei. Für Leipzig wird
gut aus. Das heißt vor allem: Er greift sie Beispiel bei der Mittelstandsunion vorige in vielen Sitzungen die Losung ausge-
nicht direkt an. Die beiden haben sich ar- Woche in Frankfurt. geben: Ruhe bewahren, Einigkeit zeigen.
rangiert, in einem Zweckbündnis. Sie hat Ein euphorisierter Parteifreund rief Ob das gelingt, hängt stark von Merz’
Ruhe an dieser Front, er hat einen Beleg aus: »Das war eine Rede, die uns zeigt, Rede ab. Wahrscheinlich wird er – wie bei
dafür, dass er nicht nur destruktiv arbeitet. wohin Friedrich Merz Deutschland führen all seinen Reden in letzter Zeit – eine Kurs-

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korrektur in innen- und außenpolitischen CDU-Basis in dieser Frage geht. Damit Träte die Kanzlerin einfach zurück, könnte
Fragen fordern. Aber wie radikal? will man die Chancen von Merz verbes- Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
Seine Fans in der Jungen Union und in sern. Die Empfehlung der Antragskommis- eventuell eine Neuwahl ausrufen, da die
der Mittelstandsvereinigung rechneten bis sion lautet für sechs Anträge, diese gemein- SPD Annegret Kramp-Karrenbauer nicht
zuletzt damit, dass er den Kompromiss sam zu behandeln und abzulehnen. Einzig zur Bundeskanzlerin wählen würde.
zur Grundrente nutzen würde, um sich ein der Antrag auf Beteiligung der Mitglieder Neben dem persönlichen Motiv, Kanz-
Rededuell mit der Parteiführung zu liefern. ohne bindendes Votum soll in einer Kom- lerin zu bleiben, weil ihr das noch immer
Seit Wochen fordert er, dass die Union auf mission geprüft werden. viel Freude macht, will Merkel eine Neu-
eine Bedürftigkeitsprüfung bestehen müs- Kramp-Karrenbauer wird in den kom- wahl unbedingt vermeiden, da die CDU
se. Als die Koalition am Sonntag zu einer menden Monaten versuchen, sich als Ver- in keiner guten Verfassung ist und die
Einigung fand, ohne Bedürftigkeitsprü- teidigungsministerin für Höheres zu emp- Kanzlerschaft verlieren könnte, vielleicht
fung, begannen bei der Mittelstandsunion fehlen. Merz wird sich als großer Weltver- an ein grün-rot-rotes Bündnis. Und nie-
erste Überlegungen, wie man auf dem Par- besserer profilieren und darauf hoffen mand weiß, wie stark die AfD derzeit ab-
teitag einen Antrag einbringen kann, der müssen, dass sein innerer Teufel Ruhe be- schneiden würde. Zudem glaubt Merkel
den Kompromiss nachschärft. wahrt und ihn nicht in weitere Wutausbrü- nicht, dass die Probleme für Kramp-Kar-
Merz’ Fans sahen ihr Idol schon an der che treibt. Gesundheitsminister Jens renbauer verschwinden, sollte sie jetzt
Spitze einer Bewegung gegen den Grund- Spahn und der nordrhein-westfälische Mi- Kanzlerin werden. Auch Merkels erstes
rentenkompromiss. Das, so die Hoffnung, nisterpräsident Armin Laschet werden in Jahr in diesem Amt begann turbulent.
hätte sich mit der Machtfrage verknüpfen der Stille darauf hoffen, dass sich die bei- Nach ein paar Monaten schien sie reif für
lassen. Doch Merz lobte die Einigung auf den Rivalen mit großen Fehlern um alle den Abschuss.
Twitter. Seine Fans sind entsetzt, der Rest Chancen bringen. Ihre abgeklärte Devise sieht daher un-
ist erleichtert. Und Angela Merkel wird sich den gefähr so aus: Man muss nicht eilig han-
Die CDU erwartet nun keinen beson- Kampf um ihren Job mit der Genugtuung deln, um die Probleme von heute zu lösen,
ders turbulenten Parteitag. Das heißt aber anschauen, dass man ihr diesen Job gar denn die würden nur durch die Probleme
auch, dass die Machtfrage offen bleibt. Sta- nicht nehmen kann. von morgen ersetzt. Mit anderen Worten:
bile Verhältnisse sind nicht zu erwarten. Sie ist jetzt in der bemerkenswerten Da kann sie genauso gut bleiben.
Wer wird Kanzlerkandidat? Lage, selbst nicht zu wissen, wie man sie Felix Bohr, Florian Gathmann,
Im Antragsbuch zum Parteitag tauchen auf einem guten Weg loswird. Es ist leicht, Konstantin von Hammerstein,
sieben Anträge auf, in denen es um eine den Parteivorsitz aufzugeben. Es ist schwer, Dirk Kurbjuweit, Ralf Neukirch,
Urwahl, eine Mitgliederbefragung oder eine Kanzlerschaft abzuschütteln, wenn Lydia Rosenfelder
wenigstens eine stärkere Einbindung der einem nicht egal ist, was danach kommt.

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zusammen.
JULIEN DANIEL / M.Y.O.P. / LAIF

Parteichef Habeck in Paris: »Jo, wird ’ne knappe Kiste«

34
Deutschland

Der Quasi-Kanzler
Grüne Seit zwei Jahren ist Robert Habeck Parteivorsitzender und einer der beliebtesten
Politiker des Landes. Doch seine Methode, möglichst anders
als die anderen zu sein, nutzt sich spürbar ab. Von Julia Amalia Heyer

R
obert Habeck schultert seinen Während Baerbock ausnehmend beliebt er sich darauf einließ, stellte er ein paar
Rucksack, schwarz, wasserdicht, ist in der Partei, gehört Habeck mittlerwei- Bedingungen, machte sich noch ein biss-
mit dem Aufkleber der SG Flens- le zu den beliebtesten Politikern des Lan- chen rar.
burg-Handewitt, und tritt hinaus des, je nach Umfrage ist er manchmal Aber jetzt, da süddeutsche Schrauben-
in den Pariser Nachmittag. Es ist der 3. Ok- sogar der beliebteste. Bei der Frage, wen milliardäre dazu aufrufen, die Grünen zu
tober, blaugrauer Himmel, zaudernde die Deutschen gern als Kanzler hätten, wählen, und Siemens-Chef Joe Kaeser
Sonne. Habeck hat einen Termin bei Bru- schneidet Habeck meist besser ab als auch mal in der Parteizentrale in Berlin-
no Le Maire, dem französischen Finanz- andere Kandidaten. Mitte vorbeischaut, hat sich ziemlich viel
minister. Es gab einen Moment im Frühsommer, geändert: Robert Habeck ist offiziell auf
Er ruckelt mit dem Oberkörper, justiert da nahm die Faszination über ihn skurrile dem Kanzlerradar.
erst die Tragegurte an den Schultern, dann Züge an. Es entbrannte eine Polemik um Trotz allem wirkt es immer noch so, als
die Ärmel seines Sakkos, das wirkt, als seine durchlöcherten Socken, über die in wollte Habeck am liebsten nach wie vor
hätte es sich bis vor Kurzem selbst im einem Porträt berichtet wurde, und es gab der sein, als der er sich seit je gern be-
Rucksack befunden. eine Exklusivmeldung mit Sperrfrist, die schreibt: ein Typ, der zu einem Kreisver-
Es ist Habecks zweiter Tag in Paris, am Habecks morgendliche Verweildauer im bandstreffen schlappt und dann gleich zum
Abend fliegt er weiter nach Rom, davor Bad zum Inhalt hatte. Kreisvorsitzenden bestimmt wird. Einfach
war er kurz in Brüssel. Bevor er Chef der Grünen wurde, war so, weil er ein guter Typ ist.
Fragt man ihn nach dem Grund seiner er fast sechs Jahre lang Umwelt- und Land- Es ist nur so, dass das Guter-Typ-Sein
Reise, sagt er: »Wir versuchen, uns einzu- wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, irgendwann an seine Grenzen gelangt.
bringen in die Prozesse, die in Europa zuletzt regierte er als stellvertretender Denn anders als früher hat man ihn jetzt
schon laufen.« Jetzt werde das Eisen ge- Ministerpräsident im Jamaikabündnis. Sei- auf dem Schirm. Der Generalsekretär der
schmiedet, mit dem in den kommenden nem Verhandlungsgeschick verdanken sie CDU, Paul Ziemiak, warnt vor einem
Jahren gearbeitet werde. dort den »Muschelfrieden von Tönning«, Kanzler Habeck. Der bayerische Minister-
Fragt man in der Partei nach der Europa- aber das ist schon eine Weile her. präsident Markus Söder hat die Grünen
tournee des Chefs, hört man: »Der Robert Jetzt, im Herbst 2019, geht es um einen zum Hauptkonkurrenten auserkoren, wie
möchte vor allem lernen.« »anderen Schnack«, wie er es wohl formu- zuvor auch AfD-Chef Alexander Gauland.
Stimmt das, Herr Habeck? lieren würde. Und wenn einer aus den eigenen Reihen,
Er führe hier in Paris »andere Gesprä- Denn seit diesem Jahr ist Robert Ha- wie neulich Winfried Kretschmann, laut
che, um einen anderen Blick« zu bekom- beck nicht mehr, was er lange und gern sagt, Habeck könne Kanzler, dann ist das
men, sagt Habeck, sein Zeigefinger malt war: der Underdog. Ein Typ, der irgendwo aus Habecks Sicht der Worst Case.
eine Schlangenlinie auf den Tisch. Es gehe aus der nordischen Tiefebene auftauchte, Kretschmann musste umgehend zurück-
darum, »Alliierte zu suchen, Weichen zu sympathisch, engagiert, der bei der Ur- rudern, öffentlich.
stellen, Kraftzentren zu bilden«. wahl für die Spitzenkandidatur zur Bun- Im Berliner Betrieb stellt man ihm
Alles klar. destagswahl 2017 gegen damalige Größen schon länger die K-Frage, erst eher amü-
Seit knapp zwei Jahren führt Robert Ha- wie Cem Özdemir antrat und sie viel knap- siert, dann eher ernsthaft.
beck, 50, die Partei, gemeinsam mit An- per verlor als angenommen. Und über den Jetzt aber ist er auch ins Visier der euro-
nalena Baerbock, 38. Beide werden an die- schon damals, als Provinzpolitiker, ein Do- päischen Nachbarn gerückt. Ein Deutscher,
sem Wochenende auf der Bundesdelegier- kumentarfilm gedreht wurde: »Following der bereit ist, mehr Geld für Europa aus-
tenkonferenz in Bielefeld wahrscheinlich Habeck«. Eine Art Geheimfavorit für die- zugeben. Der die schwarze Null infrage
mit großen Mehrheiten wiedergewählt. sen oder jenen Spitzenposten, am Ende stellt. Ein Grüner, aber trotzdem pragma-
Denn der Erfolg ihrer Partei in den ver- wurde es eben der Parteivorsitz. Bevor tisch!
gangenen Monaten ist auch ihr Erfolg. Er verspüre dort einen »gewissen Er-
Die Halbzeit der Parteispitze fällt zu- wartungsdruck«, sagt Habeck über seine
sammen mit der Halbzeit der Legislatur- Sympathieträger Aug. 2019 Reise in die europäischen Metropolen. Er
periode. Doch anders als für die Regie- Umfragen zur Zufriedenheit 40 % ist, so sieht es aus, jetzt auch hier Hoff-
rungskoalition fällt die Bilanz bei Habeck mit der politischen Arbeit nungsträger. Er selbst wäre wohl viel
Nov. 2019
und Baerbock um einiges freundlicher aus. von Robert Habeck lieber 2021, oder wann auch immer, Über-
So gut wie kein Gezänk, im Gegenteil: Die 36 % raschungssieger.
beiden scheinen sich derart perfekt zu er- Für die Reise nach Paris gab es eine Ein-
Dez. 2018
gänzen, man mag kaum glauben, dass sie ladung in den Élysée-Palast. Sie wurde
zufällig zusammengewürfelt wurden, um 31 % aus terminlichen Gründen kurz vorher
ihre Partei zu führen. Man weiß allerdings, wieder abgesagt. Als das geplante Treffen
dass es so war. mit Emmanuel Macron öffentlich wird, ist
Es ist müßig auszuklamüsern, wer von man bei den Grünen entsetzt.
beiden welchen Anteil am Erfolg hat, für Quelle: Infratest dimap für ARD-Deutschlandtrend; mindestens
Eine Erklärung könnte sein, dass die
den Moment zumindest sieht es so aus: 1000 Befragte; Schwankungsbreite zwischen 1,4 und 3,1 Prozent Parteifreunde in Frankreich vorher nicht

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 35


eingeweiht wurden. Eine andere, tiefer lie-
gende: die Angst vor dem Hype. Dass der
Erfolg der Partei mit der nächsten Bundes-
tagswahl in sich zusammenfallen könnte
wie ein Soufflé. Wie oft schon in der Ge-
schichte der Grünen.
Es muss anstrengend sein, fast zwang-
haft gegen die Erwartungen zu arbeiten.
So zu tun, als beachtete man die Um-
fragen nicht, dabei aber jede einzelne zu
kennen.
So zu tun, als sähe man alles easy, dabei
aber doch ganz schön angespannt zu sein.
Ein Fototermin im Juni, Baerbock und
Habeck stehen unter der Linde vor der
Parteizentrale.
»Nicola, kommst du mal?«, ruft Habeck
seine Sprecherin. »Sieht das jetzt zu ma-
chohaft aus, wenn ich mich hier so abstüt-
ze?« Er lehnt mit einem Arm am Baum.
»Ja«, sagt die Sprecherin. Der Arm muss
runter.
Am Ende steht Baerbock auf hohen
Hacken in der Wiese, den Arm am Baum.
Habeck daneben wie ein schüchterner
Pennäler, die Hände am Hosenbund.
Die Grünen hatten gerade die Europa-
wahl gewonnen, ihre Zustimmungswerte
in den Umfragen waren hoch wie nie. Auf
die Frage, wie sich das anfühle, wird fol-
gende Antwort autorisiert: »Man kann je-
denfalls nicht sagen, dass es schlecht läuft.«
Dabei war die eigentliche Antwort nur Grünendoppelspitze Baerbock, Habeck: »Wir haben noch lange nicht fertig«
um Nuancen kühner. Die »FAZ« schrieb
einmal: Kaum ein Politiker traue sich, bei
der Autorisierung von Interviews derart nicht lange gedauert, viele haben geholfen. wandelte er über einen Friedhof, läse laut
weitgehende Änderungen vorzunehmen Auch deswegen leuchtet Habeck: weil die- Namen auf Grabsteinen. Hier ruhen die
wie die Grünen. jenigen, die da sonst noch sind, so grau Opfer der Medien, die Opfer des Hypes,
Dieses Vorgehen konterkariert auf selt- und müde wirken. ist er das nächste?
same Weise den Appell, »angreifbar zu An einem brüllend heißen Tag im Juni Seine Strategie dagegen erklärt er so:
bleiben«, den Habeck so gern anführt. rumpelt ein Kleinbus über brandenburgi- »Ich schütze mich nicht, sondern ich mache
Wird tatsächlich einmal angegriffen, ist er sches Kopfsteinpflaster, auf dem Weg mich so angreifbar wie möglich. Politik
schnell beleidigt. zu einem »Dorfspaziergang mit Robert geht nicht im Panzerkorsett.«
Die Angst vor dem Hype, so wirkt es, Habeck«. Es gelte, sagt er, sich seine Naivität zu
ist Habecks Urangst. Deshalb das dauern- Kurz zuvor hat Andrea Nahles über- erhalten.
de Understatement, das bei ihm schon zur raschend ihre Ämter niedergelegt. Es wird Die Frage ist nur, wie lange er es sich
rhetorischen Figur geworden ist. »Darf ich jetzt viel geredet und geschrieben über leisten kann, die Pendlerpauschale nicht
das überhaupt sagen?«, »Darf ich da mal die Unerbittlichkeit der Politik, ihre Grau- richtig erklären zu können.
reingrätschen, oder soll ich lieber die Klap- samkeit. Ankunft in Groß Leuthen, Dorfspazier-
pe halten?« Wie denken Sie darüber, Herr Habeck? gang.
In Thüringen, während eines Wahl- Habeck überlegt. Spricht über Angst Er hört sich dort freundlich interessiert
kampfauftritts, beginnt er einen Satz da- und Mut und Teilhabe, darüber, wie sich an, wie es um die Dorfgemeinschaft steht,
mit, dass er erst jetzt begriffen habe, dass … Politik seit Gerhard Schröder und Joschka die untereinander verkracht ist, wegen des
und fügt dann allen Ernstes hinzu: »Wenn Fischer gewandelt habe. Wie sich im Au- Wolfs und wegen verschiedener Bauver-
ich das überhaupt so formulieren darf, dass genblick alles neu sortiere. Die Mehrhei- ordnungen. Bei kalter Gurkencremesuppe
ich was begreife.« ten, das Parteiensystem. Dass nach 14 Jah- im Mehrgenerationenhaus sagt Habeck:
Die Frage ist, wie lange er für sich in ren Merkel die »Methode der Normalität« »Die Frage beim Wolf ist ja auch die, wie
Anspruch nehmen kann, nicht so zu sein nicht mehr funktioniere. man gesellschaftlichen Frieden schafft.«
wie andere Politiker. Weder könne man ihn einfach wieder aus-
Anders zu sprechen und vielleicht auch Nahles also. »Unser Beruf findet in einem rotten, noch könne man eine Willkom-
anders zu denken. Sympathien verbrau- eher missgünstigen Umfeld statt«, sagt er menskultur für den Wolf ausrufen. Jetzt
chen sich irgendwann. dann. Dankbarkeit sei keine Kategorie, da nickt nicht nur der brandenburgische Spit-
Es wird bald nicht mehr darum gehen, gehe es Politikern wie den Trainern von zenkandidat, jetzt nicken auch die Bauern
wie Habeck spricht. Sondern was er zu Fußballbundesligisten. Es wirkt, als müsste und Jäger, die um den Tisch sitzen.
sagen hat. er sich selbst manchmal sagen: Du hast Irgendwann fragt jemand: »Was können
Sein Ziel, die SPD als sogenannte Volks- das gewollt, jetzt bloß nicht jammern. Er Sie hier jetzt eigentlich so machen, als Grü-
partei abzulösen, scheint erreicht. Es hat sagt »Andrea Nahles, Martin Schulz«, als nenvorsitzender?«

36
Deutschland

zu sein; das hätte ihr niemand krumm- was lustlos, tritt ein Mann zu ihm: »Herr
genommen. Habeck, also die Bohrmaschinenanekdote,
Bei Habeck liegt die Sache anders; und die fand ich klasse. So richtig klasse.«
er weiß das. In seinem Bewerbungsbrief »Hab ich die hier etwa auch schon er-
verzeichnet er die Erfolge der vergange- zählt?«, fragt Habeck und zieht einen
nen beiden Jahre unter »wir«, bei dem, Flunsch.
was nicht so gut lief, schreibt er »ich«. »Die hab ich im Fernsehen gesehen«,
Er sagt: Wir wollen regieren. sagt der Mann.
Dieses grüne Wir gleicht manchmal Ach so, sagt Habeck.
einem Korsett, es soll die Macht einhegen: Die Bohrmaschinenanekdote stammt
durch Doppelspitze, durch Flügelproporz, noch aus dem Bayern-Wahlkampf 2018.
aber auch durch die Quotierung der Rede- Sie beginnt wie eine typische Grünenein-
beiträge oder dadurch, dass es laut Sat- lassung, die so in etwa auch von Toni
zung nur 20 Mitglieder braucht, um einen Hofreiter vorgetragen werden könnte. Es
Antrag für den Parteitag einzureichen. Im geht darum, dass es summa summarum zu
Zweifel wird dann mehr über Homöopa- viele Bohrmaschinen in deutschen Haus-
thie diskutiert als über Außenpolitik. halten gibt. Dass man die Bohrmaschinen-
Dieses Korsett kann so manchem den dichte doch ressourcenschonend verrin-
Ehrgeiz abschnüren. Zu viel Ambition ist gern könnte, indem man sich die Geräte
bei den Grünen nach wie vor verpönt, das teilt. Die Anekdote endet damit, dass Ha-
gilt insbesondere für die Männer. Hat man beck erzählt, jedem seiner vier Söhne zum
sie – wie Habeck – darf man sie nicht zu Geburtstag eine Bohrmaschine geschenkt
MICHAEL KAPPELER / PICTURE ALLIANCE / DPA

sehr ausstellen. Das ist die Bedingung. zu haben.


Und das ist manchmal schwierig. Es ist eine sehr gute Anekdote, sie trans-
Am Wahlabend Anfang September, als portiert Habecks Persönlichkeit, so wie er
die Stimmen in Sachsen und Brandenburg sich das wünscht: Grüner sein, aber
ausgezählt werden, steht Habeck in der Mensch bleiben. Fehler machen, aber da-
Berliner Parteizentrale auf der Bühne, um rüber nachdenken. Noch dazu steckt in ihr
den Kopf ein Headset für die Fernsehschal- auch der Kern seiner politischen Botschaft:
te, und spricht von einem »fantastischen Wir müssen bessere Bedingungen schaffen,
Ergebnis«. Er klingt, wie Politiker klingen, nicht bessere Menschen.
wenn sie ein halbwegs okayes Wahlergeb- Die Sache ist nur, man kennt das jetzt
nis kommentieren. Später kassiert er langsam. Weiß, dass Habeck der eher un-
das »fantastisch« wieder: Es sei Quatsch konventionelle Grüne ist, der eher unkon-
gewesen. ventionelle Politiker sein möchte.
»Also: nichts«, sagt Habeck. »Außer zu- »Nicht alles gelang, ich habe Fehler ge- Er scheint sich in dieser Rolle so wohl-
hören, ein paar Gedanken reinbringen.« macht, das Wahlergebnis in Thüringen zufühlen, dass es manchmal den Anschein
Über Habecks Talent zuzuhören, hat blieb unter den Erwartungen«, schreibt er macht, er richte sich bleibend darin ein.
am treffendsten seine Frau geschrieben. in seiner Bewerbung um die Wiederwahl, Er klagt jetzt öfters laut darüber, dass
Also nicht direkt über ihn, aber er ähnelt es ist der Ich-Teil. er in Berlin ja immerzu als der Schriftstel-
dem Protagonisten in ihrem Roman »Zwi- ler, der Philosoph beschrieben werde. Sei-
schen den Jahren« ziemlich: »Nicht dass Ein Nachmittag in Jena, Ende Oktober. ne Vergangenheit als schleswig-holsteini-
er ein schlechter Zuhörer wäre«, heißt es Habeck steht vor dem alten Volksbad, um- scher Superminister für Energiewende,
da. »Aber meistens redet er. Sagen wir so: gebaut zur Veranstaltungshalle, gleich soll Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digi-
Er hört zu, um danach besser reden zu er dort gemeinsam mit den thüringischen talisierung findet für sein Empfinden zu
können.« Spitzenkandidaten auftreten. wenig Beachtung. Seine Regierungserfah-
Dass Robert Habeck mittlerweile einen »Robert, du solltest jetzt vielleicht da rung. Er beginnt Sätze sehr oft damit, »Als
Bekanntheitsgrad erreicht hat, der als oben mal Hallo sagen«, sagt sein Sprecher ich Landwirtschaftsminister in Schleswig-
deutschlandweit zu bezeichnen ist, auch und bewegt den Kopf Richtung Eingang. Holstein war«.
das zeigt sich an diesem Tag. Selbst in Habeck, die Hände in den Taschen, rea- Was allerdings nicht bedeutet, dass er
einem 400-Seelen-Kaff südöstlich von giert nicht. Er wirkt wie ein Schüler, der seinen Ruf als Philosoph nicht weiter kul-
Königs Wusterhausen, wo nichts auf grü- auf dem Pausenhof trödelt und keine Lust tiviert; er weiß um sein Alleinstellungs-
nes Stammmilieu hindeutet, kommt ir- auf den Gong hat. merkmal.
gendwann der Besitzer des Camping- »Ah, Robert, sag doch noch was kurzes An einem eisigen Aprilabend stellt er in
platzes auf ihn zu und will ein Foto: Sympathisches in die Kamera«, ein Orts- der Buchhandlung Uslar & Rai in Prenzlau-
»Mein Vater sagt, Sie seien der nächste grüner stürmt mit Stativ auf ihn zu. er Berg seine sechs Lieblingsbücher vor. Ei-
Kanzler.« »Es wär jetzt ganz gut, wenn du da oben gentlich sollten es fünf sein. Alle Plätze sind
Habeck schüttelt verzückt den Kopf und Hallo sagst«, wiederholt der Sprecher. belegt, die Veranstaltung ist ausverkauft,
schaut der einzig anwesenden Journalistin »Mach ich«, sagt Habeck zum Orts- am Eingang drängen sich Menschen, die
tief in die Augen: »Na gut.« grünen, der die Kamera einrichtet. Er tritt stehend zuhören wollen. Habeck beginnt
»Ich verspreche Euch: Wir haben noch zwei Schritte zurück, legt den Kopf ein mit »Homo faber«. Im Exemplar seien
lange nicht fertig«, schreibt Annalena bisschen schief, kneift die Augen auf. noch seine Anstriche aus der elften Klasse,
Baerbock in ihrem Bewerbungsschreiben »Jo, Jena«, sagt er. »Geht wählen Sonn- erzählt er, mit Brille vor dem Mikrofon ste-
für den Bundesvorstand, der an diesem tag. Wird ’ne knappe Kiste!« Dann geht hend. Wahrscheinlich könnte er das Buch
Wochenende neu gewählt wird. Ver- er Hallo sagen. Kurz vor Beginn der Ver- gleich hier meistbietend versteigern. Nach
mutlich hätte sie auch schreiben können: anstaltung, er steht fast versteckt hinter Frisch gibt es den »Mythos des Sisyphos«:
Ich hab weiter Bock drauf, Eure Chefin einem Transparent, wirkt immer noch et- Camus würde »einfach sagenhaft gut erzäh-

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 37


Deutschland

len«, ruft Habeck, als hätte er gerade ein


vielversprechendes Debüt entdeckt.
Dann wird es richtig sperrig, ausgewählt
hat Habeck die Büchner-Preis-Rede des
Operation »Säbel«
Dichters Paul Celan und ein Werk des Phi-
losophen Emmanuel Levinas. »Ich ver- Auslandseinsätze Auf die Bundeswehr könnten zwei neue Missionen
such’s noch mal in eigene Worte zu fassen«, zukommen, in Afrika und vor China. Beide sind riskant.
sagt er nach dem Vorlesen und wirkt selbst
ganz erschöpft: »Für mich wichtig ist der
Neigungswinkel der Kreatürlichkeit.« Kurz
vor Ende, er hat überzogen, was ihm aber
selbstverständlich niemand übel nimmt,
spricht er über Bücher an sich. Oder besser:
D ie Ministerin blieb im Ungefähren.
Lieber nicht so genau festlegen. Ja,
berichtete Annegret Kramp-Karren-
bauer (CDU) am Mittwoch dem Vertei-
schen Taiwan und dem chinesischen Fest-
land zu schicken.
Das Gebiet reklamiert Peking größten-
teils für sich und ignoriert damit ein Urteil
über die »Ahnungsräume, die sie auf- digungsausschuss, es gebe Anfragen aus des Internationalen Schiedsgerichts in Den
stoßen«. Schwärmt von ihrer »Haptik«. Indien, Japan und Australien. Und ja, Haag. Wie viele andere Staaten pocht
»Manchmal möchte man mit den Seiten Deutschland habe als große Exportnation auch Deutschland auf die Freiheit der Na-
schmusen, so schön ist ein Buch«, sagt er. natürlich ein Interesse an der Freiheit der vigation. Schon mehrfach ist Berlin des-
Spätestens jetzt wirken einige aus dem Pu- Seewege. halb gefragt worden, ob es sich an einer
blikum, als würden sie am liebsten sofort Aber das war’s dann auch schon fast. »Freedom of Navigation Operation« betei-
mit Robert Habeck schmusen. Sehr viel konkreter wollte die Verteidi- ligen würde, also an dem, was die Militärs
Bücher, Literatur ist das eine. Das an- gungsministerin nicht werden, und die kurz Fonops nennen.
dere ist die Politik: Besucht man jetzt, im Abgeordneten fragten nicht nach. Dabei Immerhin war ein deutscher Offizier im
Herbst 2019, Veranstaltungen mit ihm hatte »AKK« eine Woche zuvor in ihrer vergangenen Jahr an Bord, als ein franzö-
oder begleitet ihn zu Terminen, dann sind »sicherheitspolitischen Grundsatzrede« sisches Kriegsschiff demonstrativ durch
seine Einlassungen zur Windkraft oder an der Bundeswehruniversität München ein Gebiet fuhr, das China für sich bean-
zum Nitratgehalt in Böden – dem »Wahn- gleich zwei neue Auslandseinsätze ange- sprucht. Geht es nach den Diplomaten im
sinn der Düngeverordnung« – nach wie deutet: einen in Afrika, um den Franzo- Auswärtigen Amt, würden die Deutschen
vor überzeugender als die zur Sicherung sen bei der Terrorbekämpfung in der nun mit einem eigenen Kriegsschiff zeigen,
der Pflegesysteme. Sahelregion zu helfen; den anderen im dass sie den chinesischen Machtanspruch
Die Frage ist, ob sich das – oder besser: Fernen Osten. »Unsere Partner im indo- nicht akzeptieren.
ob er das irgendwann ändert. »Quasi- pazifischen Raum fühlen sich von Chinas Das deckt sich mit den Interessen der
Regierungspartei im Wartestand« hat Machtanspruch zunehmend bedrängt. Marineführung, die schon länger einen sol-
Habeck die Grünen im Sommer genannt. Sie wünschen sich ein klares Zeichen chen Einsatz wünscht. Schon als Signal an
Ist er der Quasi-Kanzler? der Solidarität«, sagte die Ministerin, »es die eigenen Soldaten, dass es für die Mari-
Dieser Quasi-Kanzler wird sich jeden- ist an der Zeit, dass Deutschland auch ein ne »nicht nur die Ostsee und das Mittel-
falls bald sehr gut auskennen müssen, nicht solches Zeichen setzt, indem wir mit meer gibt«, wie ein hoher Offizier sagt.
nur bei Landwirtschaft und Energie, son- unseren Verbündeten Präsenz in der Re- Ausnahmsweise gäbe es sogar eine Fregat-
dern auch in der Wirtschafts-, Sozial- und gion zeigen.« te, die von Mitte des Jahres an für sechs
der Außenpolitik. Es wird bald nicht mehr Die Rede produzierte die erwünschte Monate in einen solchen Einsatz geschickt
reichen, Probleme und Fragen in schönen öffentliche Aufmerksamkeit, doch die Pas- werden könnte.
Worten und großen Bögen zu umschrei- sage, in der es um mögliche neue Einsätze Diskutiert wird schon seit Ende letzten
ben, es wird ums Detail gehen müssen. der Bundeswehr ging, fand kaum Beach- Jahres über das Projekt, nach einer gemein-
In Jena, Ende Oktober, ist Habeck noch tung. Dabei treibt das Ministerium beide samen Reise der Politischen Direktoren
ganz der Alte: Während er sich bei der Wind- Projekte schon seit Monaten in aller Stille des Auswärtigen Amts und des Verteidi-
energie kenntnisreich in die Details proble- voran. Eine endgültige Entscheidung könn- gungsministeriums nach Japan. Inzwischen
matischer Abstandsmessung verlieren kann, te Anfang nächsten Jahres fallen, falls die scheinen sich Diplomaten und Militärs
laviert er bei der Frage einer Krankenschwes- beiden Koalitionspartner Union und SPD weitgehend einig zu sein, auch wenn SPD-
ter zum Pflegekräftemangel herum, spricht ihre internen Machtkämpfe bis dahin ge- Fraktionschef Rolf Mützenich gegenüber
von der »Allgemeinverbindlichkeit in Tarif- klärt haben. den Zeitungen des »Redaktionsnetzwerks
verträgen« und sagt schließlich: »Generell Worum geht es? Für die Asienmission Deutschland« kritisierte, die Idee eines
gilt: Die Bezahlung Mensch–Mensch ist viel reklamiert das Auswärtige Amt unter SPD- deutschen Engagements im Indopazifik
schlechter als die Mensch–Maschine.« Die Minister Heiko Maas die Urheberschaft für erinnere ihn »an das wilhelminische Welt-
Krankenschwester ist mit dieser Antwort sich. Deutschland sitzt in diesem und im bild eines ›Platzes an der Sonne‹«.
nur halb zufrieden. nächsten Jahr als nicht ständiges Mitglied Allen ist klar, dass die Chinesen über
Es sei ihr bei der Frage gar nicht um die im Uno-Sicherheitsrat, außerdem haben einen deutschen Fonops-Einsatz erbost wä-
Bezahlung gegangen, sagt sie später. Son- die Deutschen bis Ende des Jahres den Vor- ren. Bisher scheint die Kanzlerin nicht be-
dern wie man in Zukunft in Krankenhäu- sitz im Nordkorea-Sanktionsausschuss reit zu sein, das in Kauf zu nehmen. Schon
sern arbeiten solle, es gebe ja kein Personal übernommen. vor ihrer letzten Reise nach China im Som-
mehr. Ansonsten, sagt sie dann, möge sie Da lag die Idee nahe, international Flag- mer drückte Angela Merkel auf die Bremse,
Robert Habeck aber. ge zu zeigen und sich eine Zeit lang an der um ihre Gespräche nicht zu belasten.
Sanktionsüberwachung zu beteiligen. In Inzwischen hat es einen Temperatur-
Wahrheit wäre ein Einsatz vor Nordkorea sturz in den gegenseitigen Beziehungen
Video aber nur der Anlass für eine politisch sehr gegeben, nachdem Außenminister Maas
Wenn Habeck
spricht viel heiklere Mission: ein deutsches Kriegs- im September den Hongkonger Aktivisten
spiegel.de/sp472019habeck
schiff auf den Weg zur koreanischen Halb- Joshua Wong traf. Im Kanzleramt will man
oder in der App DER SPIEGEL insel durch das Südchinesische Meer oder nun erst einmal abwarten, bis sich die Lage
die 180 Kilometer breite Meerenge zwi- wieder beruhigt. Eine deutsche Fregatte,

38 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


ULRICH BAUMGARTEN / VARIO IMAGES
KSK-Soldat beim Training: International Flagge zeigen

die im Südchinesischen Meer die Freiheit Weltweite Missionen heute Kampfschwimmer und Elitesoldaten
der Seewege verteidigt, wäre da wenig Auslandseinsätze der Bundeswehr und Zahl der des »Kommandos Spezialkräfte« (KSK)
hilfreich, heißt es. aktuell eingesetzten Soldatinnen und Soldaten Kameraden in anderen Sahelländern aus,
Für das andere Projekt der Ministerin allerdings immer im gut geschützten Lager.
stehen die Chancen besser. Schon im Spät- EUROPA Das französische Konzept dagegen sieht
sommer haben die Franzosen in Berlin an- echte Einsätze vor. Trainer und Schüler
Kosovo: Kfor (Friedensmission) . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
gefragt, ob sich die Bundeswehr in Mali sollen zusammen in den Kampf ziehen.
stärker engagieren könne. Paris fühlt sich Mittelmeer: Sea Guardian »Mentoring« nennt man diese riskante
(Sicherungsmission) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
schon seit Langem allein gelassen. Zwar Zusammenarbeit.
beteiligen sich andere Europäer und auch In ihrer Münchner Rede hat Kramp-Kar-
ASIEN
die Deutschen in dem afrikanischen Kri- renbauer angedeutet, dass sie der franzö-
senland an Ausbildungsprogrammen für Libanon: Unifil (Seewegkontrolle und sischen Bitte nachkommen will. Noch et-
Ausbildung der libanesischen Marine) . . . . . . . . . . 121
die marode Armee und an der weitgehend was vage hatte sie am Tag zuvor in der
zahnlosen Uno-Mission »Minusma«. Für Syrien und Irak: Unterstützung der »Süddeutschen Zeitung« angekündigt, die
Luftaufklärung und Ausbildung irakischer
den gefährlichen Kampf gegen muslimi- Sicherheitskräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 430 Bundeswehr müsse in Mali »für zusätzli-
sche Terroristen aber sind allein die Fran- che Einsätze die entsprechenden Fähigkei-
Afghanistan: Resolute Support
zosen zuständig. (Ausbildung, Beratung und Unterstützung ten, das Material und das Personal zur Ver-
Die wollen das ändern. Wie in Afgha- der afghanischen Armee). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1227 fügung stellen«. Im Ministerium haben die
nistan will Paris mit ausländischen Trai- Jemen: UNMHA (Friedensmission) . . . . . . . . . . . . . . . 1 Planungen bereits begonnen. In Paris hofft
nern eine kleine, schlagkräftige Komman- man, dass Berlin KSK-Ausbilder und eine
doeinheit aus malischen Soldaten aufbau- OSTAFRIKA Truppe zum Schutz der Mission schicken
en. Diese gut ausgebildeten Spezialkräfte wird. Im Gespräch ist ein Kontingent von
Sudan: Unamid (Friedensmission). . . . . . . . . . . . . . . . 3
sollen dann auf Terroristenjagd gehen und bis zu 500 Soldaten.
die Franzosen allmählich ersetzen. Schon Südsudan: Unmiss (Friedensmission) . . . . . . . . . . . 14 So ganz traut Paris den Ankündigungen
2020 solle es gemeinsam mit Partnern Horn von Afrika: Atalanta der Ministerin allerdings nicht. Eine offi-
aus der EU losgehen, kündigte die fran- (Schutz von Seerouten) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 zielle Anfrage jedenfalls will Frankreich
zösische Verteidigungsministerin Florence erst nach Berlin schicken, wenn Kramp-
Parly vor Kurzem in Mali an. »Tacouba« WESTAFRIKA Karrenbauer signalisiert, dass sie für die
(»Säbel«) heißt die Mission. Schon der Mali: Minusma (Blauhelmmission) . . . . . . . . . . . . . 861 Mission ein entsprechend robustes Man-
Name deutet an, dass es dabei robust zu- Mali: EUTM (Ausbildungsmission) . . . . . . . . . . . . . . 168 dat des Bundestags organisieren kann.
gehen könnte. Westsahara: Minurso (Friedensmission) . . . . . . . . . . 3 Matthias Gebauer, Konstantin von
Für die Bundeswehr wäre die Mission Hammerstein, Gerald Traufetter
ein Quantensprung. Zwar bilden schon Stand: 4. November

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Deutschland

OLIVER TJADEN
Braunkohletagebau Garzweiler: Gewaltige Lücken im Paragrafendschungel

wählen, die am wenigsten Geld fordern –

Konservative Handschrift vorausgesetzt, ihre Kraftwerke sind nicht


entscheidend für die Versorgungssicher-
heit.
Die anderen Konzerne müssen damit
Klima Im Gesetzentwurf zum Kohleausstieg wimmelt es von merk-
rechnen, dass ihre Kraftwerke später mit
würdigen Fallstricken, die das Jahrhundertprojekt verzögern. Ver- geringerer Entschädigung – oder gar kei-
sucht der Wirtschaftsflügel der CDU, die Energiewende zu sabotieren? ner – zwangsweise dichtgemacht werden.
Doch der Referentenentwurf, den das
Wirtschaftsministerium in dieser Woche

E s sollte das Ende einer Epoche wer-


den. Besiegelt durch ein Gesetz mit
17 Artikeln, 40 Paragrafen, insge-
samt 165 Seiten stark: Es regelt den Koh-
Tatsächlich wächst ausgerechnet im fe-
derführenden Wirtschaftsministerium von
Peter Altmaier (CDU) die Zahl der Uni-
onsleute, die sich freuen würden, wenn
zur Abstimmung an Ministerien, Industrie
und Verbände verschickte, weist gewaltige
Lücken auf. In einer internen Bewertung
des Umweltministeriums listen die Beam-
leausstieg. der Kohleausstieg verlangsamt würde. ten 16 Kritikpunkte auf und kommen zu
Das historische Gesetz sollte eigentlich Gründe finden sich in dem Paragrafen- dem Ergebnis, das Ministerium stimme
am Montag im Kabinett beschlossen wer- dschungel genug. »auf der Basis der vorliegenden Fassung
den. Doch daraus wird wohl nichts. Die rund 60 noch laufenden Steinkoh- nicht zu«.
Denn in dem Regelwerk wimmelt es lekraftwerke sollen eigentlich in einem Eine Frage lautet: Warum sollte ein Kon-
von Fallstricken, dringend nötige Details Ausschreibungsverfahren stillgelegt wer- zern überhaupt mitbieten? Er ist nicht ge-
fehlen, das Umweltministerium stellt sich den: Jeder Energiekonzern soll sagen, wie zwungen, an der Ausschreibung teilzuneh-
deshalb quer und mit ihm die SPD-Frak- viel Entschädigung er für jedes stillgelegte men. Für diesen Fall war vorgesehen, den
tion. Von einem »Kohleausstiegs-Verhinde- Gigawatt Leistung vom Staat verlangt. Betreibern damit zu drohen, dass Kraft-
rungsgesetz« ist die Rede, mit dem die Das Wirtschaftsministerium und die Bun- werke notfalls auch mithilfe des Ordnungs-
Energiewende sabotiert werden solle. desnetzagentur sollen die Konzerne aus- rechts geschlossen werden könnten.

42 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Doch die Zwangsandrohung fehlt nun Jobangst dem sie eigentlich abgeschaltet werden
im Entwurf. Eine ordnungsrechtliche Re- Beschäftigte in der deutschen müssen.
gelung, so heißt es dort, solle erst bis Ende Windkraft- und Kohleindustrie Veränderung Denn laut Kohleausstiegsgesetz
2022 geschaffen werden. seit 2010 gegenüber muss vor jeder Ausschreibungsrun-
Heikel sind zudem die Paragrafen, die 160 000 2016:
de geklärt werden, ob die Strom-
sich mit dem Ausbau der erneuerbaren
Energien beschäftigen. Das Ziel ist im Ge-
– 25% versorgung durch die Stilllegung
eines Kraftwerks gefährdet wäre.
setz zwar formuliert: Sie sollen bis zum Fehlt der Strom aus sauberen Energie-
Jahr 2030 einen Anteil von 65 Prozent am ca. 120 000 quellen, könnte der Kohleausstieg ver-
Strommix erreichen. Doch das ist eher ein schoben werden.
frommer Wunsch, zumindest solange kei- 96 000 Windkraftindustrie Möglicherweise auch deshalb wurde in
ne konkreten Ausbauziele für jedes der dem Gesetz eine entscheidende Frage aus-
kommenden Jahre in das Gesetz geschrie- gespart: Wohin mit den freiwerdenden CO2-
ben werden. Zertifikaten? Werden Kohlekraftwerke vor-
Doch das unterblieb – ganz offensicht- zeitig stillgelegt, werden CO2-Mengen frei.
lich auf Wunsch einer Gruppe wirtschafts- 47 000 Der Preis für Zertifikate würde sinken, der
freundlicher CDU-Politiker, darunter der Stein- und 25 000* positive Effekt aufs Klima bliebe aus. Um
einflussreiche Abgeordnete Carsten Lin- Braunkohleindustrie *vorläufig das zu verhindern, müsste die Bundesregie-
nemann. Sie hadern mit der Energiewende 2010 Quellen: BWE, Statistik der Kohlenwirtschaft 2019
rung die Zertifikate für viele Millionen Euro
und sollen verhindert haben, dass ein jah- vom Markt kaufen. Doch genau das ist in
resgenauer Ausbaupfad in das geplante dem Gesetz bislang nicht geregelt.
Gesetz aufgenommen wird. Folgen. Mit dieser Definition schrumpft Ausgeklammert wurden auch jene rund
Mitarbeiter der Bundesregierung und das Gebiet, auf dem in Deutschland Wind- 40 Kraftwerke, die nicht mit Stein-, son-
Abgeordnete der Großen Koalition, die räder gebaut werden dürfen, drastisch zu- dern mit Braunkohle befeuert werden.
sich der Energiewende verpflichtet sehen, sammen. Weil sie besonders viel CO2 ausstoßen und
glauben, dass der Umbau des Energiesys- Befürworter in der Union argumentie- an der Braunkohleförderung viele Arbeits-
tems gezielt sabotiert werden soll. Vor al- ren, damit solle die Akzeptanz für die plätze hängen, sollen sie nicht per Aus-
lem von einer Person, die seit Kurzem an Windkraft erhalten bleiben. Das sieht man schreibung stillgelegt werden. Stattdessen
einer Schaltstelle im Wirtschaftsministeri- beim Koalitionspartner SPD anders. »Wenn sollte es direkte Verhandlungen mit den
um sitzt: Stephanie von Ahlefeldt, die zu- sich diese Regelung durchsetzt, wird der Betreibern der Dreckschleudern geben.
ständige Abteilungsleiterin Energiepolitik Zubau von Windkraftanlagen empfindlich Die Rahmenbedingungen sollten im Ge-
und bis zum Sommer Mitarbeiterin Lin- ausgebremst und das Erreichen des 65-Pro- setz festgehalten werden.
nemanns. zent-Ziels nahezu unmöglich gemacht«, Doch die Verhandlungen sind offenbar
Der mächtige Wirtschaftsflügel der Uni- sagt SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch. ins Stocken geraten, sowohl mit dem Ener-
on, dem Linnemann vorsteht, soll Altmai- »Dabei steht die Windkraftindustrie bereits giekonzern RWE als auch mit dem tsche-
er gedrängt haben, die Energieexpertin mit dem Rücken zur Wand.« chischen Konzern EPH, der die Anlagen
zur Nachfolgerin des bisherigen, ökolo- Auch dahinter könnte eine CDU-Stra- in Ostdeutschland samt Tagebau betreibt.
gisch angehauchten Abteilungsleiters zu tegie stecken: Stockt der Ausbau der er- Die Vorstellungen, was die vorzeitige Still-
machen. CDU-Mann Altmaier soll noch neuerbaren Energien, könnte der Kohle- legung der Kohlemeiler den Bund und da-
verzweifelt nach anderen Kandidaten ge- ausstieg ebenfalls vertagt werden. Selbst mit die Steuerzahler kosten soll, liegen
fahndet haben, weil er Ahlefeldt als Emis- Atomkraftwerke könnten dann womög- noch weit auseinander. Die Betreiber gehen
särin des ihm nicht gerade wohlgesinnten lich über das Jahr 2022 hinaus laufen, in von drei bis vier Milliarden Euro aus. Das
Wirtschaftsflügels verhindern wollte. Wirtschaftsministerium denkt an zwei Mil-
So wird es im Ministerium kolportiert, liarden Euro und ist bislang offenbar auch
im Umfeld des Ministers allerdings wird nicht bereit, von dieser Linie abzuweichen.
vehement widersprochen. Abteilungslei- »Wie man sich vor diesem Hintergrund
terin Ahlefeldt setze in dem Kohleaus- mit uns bis November oder Dezember die-
stiegsgesetz lediglich um, was eine Regie- ses Jahres einigen will, bleibt für uns ein
rungskommission Anfang des Jahres zum Rätsel«, sagt ein hochrangiger Konzern-
Ende der Kohleverstromung ausgearbeitet manager.
habe. Gelingt der Bundesregierung keine Ei-
Kritiker jedoch sehen eine Reihe zum nigung mit den Tschechen, droht sogar
ABDULHAMID HOSBAS / ANADOLU AGENCY / GETTY IMAGES

Teil subtiler Formulierungen im Gesetz, eine Auseinandersetzung vor einem inter-


die die Handschrift des konservativen Uni- nationalen Schiedsgericht.
onsnetzwerks tragen. Vor allem in den Ka- Wirtschaftsminister Altmaier hat die
piteln, die sich mit dem Ausbau der Wind- SPD bereits um Geduld gebeten. Man wol-
kraft beschäftigen. le das Braunkohlekapitel für das Kohle-
Künftig müssen Windräder einen Ab- ausstiegsgesetz nachreichen, sobald sich
stand von mindestens 1000 Metern zur dieses Anfang nächsten Jahres im Parla-
nächsten Bebauung haben. Doch wie wird mentsverfahren befinde. Die SPD aber
diese Bebauung definiert? will Altmaier diesen Gefallen nicht tun.
Der Kompromiss, auf den sich SPD und »Da steckt noch viel Arbeit drin, bis wir
Union Ende September verständigt hat- diesem Gesetz zustimmen können«, sagt
ten, sprach von »dörflichen Strukturen« – SPD-Umweltpolitiker Miersch.
ein dehnbarer Begriff. Das Ministerium Frank Dohmen, Gerald Traufetter
legte ihn fest: auf nur fünf Häuser. Was Minister Altmaier Mail: gerald.traufetter@spiegel.de
zunächst unverdächtig wirkt, hat große Um Geduld gebeten

43
Der Horror von Schacht 11
Bauskandale Seit sieben Jahren versucht die Stadt Köln, Oper und Schauspielhaus zu sanieren.
Doch massive Fehlplanungen führten zum Stillstand. Und die
Kosten sind explodiert auf 841 Millionen. Die Eröffnung? 2024. Wenn’s gut läuft.

Rhein

Kölner Dom

Oper Offenbachplatz

Schauspiel Köln

zum Vergleich:
Gesamtkosten
Elbphilharmonie
Bauzaun (Hamburg):
866 Mio. €

Sanierung der technische


Gebäude- Ausrüstung Bauneben- gesamte
Sonstiges konstruktion der Gebäude kosten Zinsen Umbaukosten
Stadtpanorama:
Google Maps 16 148 182 208 287 841 Mio. €
44
Deutschland

D
ie neue Bühne kann alles, was Baujahr 1962, auf Vordermann zu bringen? hagen ist seit 1999 kulturpolitischer Spre-
das Herz einer Opernintendantin Für zwei Gebäude, denen es nie gelang, in cher der FDP im Kölner Stadtrat.
begehrt. Sie kann sich drehen, der an großen Kirchen und altertümlichen Schon damals gelten Oper und Schau-
auch gegenläufig in zwei Kreisen. Fundstücken reichen Stadt die Herzen der spielhaus als marode. Mit Rechtsanwalt
Sie kann sechs Meter in die Höhe und Bewohner zu gewinnen? Wackerhagen diskutiert zur Jahrtausend-
sechs Meter ins Untergeschoss fahren. Die Köln reiht sich damit ein in die Folge wende eine illustre Allianz aus Unterneh-
beiden vorderen Podien können 56 Ton- aus dem Ruder gelaufener Großprojekte mern, Bankern und Politikern über den
nen tragen, Zugstangen 700 Kilogramm wie des Berliner Flughafens, des Stuttgar- Abriss der beiden Häuser, die auf einem
schwere Kulissenteile in den Bühnenturm ter Bahnhofs oder der Elbphilharmonie in Filetgrundstück der Stadt stehen. Mitten
hieven. Auf den Zentimeter und die Se- Hamburg, die mit 120 Millionen Euro Kos- hinein in diese Debatte tritt Bernd Streit-
kunde genau gesteuert über eine Software. ten startete und bei 866 Millionen landete. berger seinen Dienst als Baudezernent der
Opernhäuser in aller Welt, in Berlin, Immerhin bekamen die Hanseaten dafür Stadt Köln an. Der gelernte Raumplaner
Wien oder Moskau, nutzen die gleiche Ge- ein schickes Haus, das auch international und Westfale schaut mit der Distanz des
rätschaft eines Herstellers aus dem Spes- etwas hermacht. Unbeteiligten auf die Profitträume des
sart. Bühnentechnisch wird Köln künftig Gespannt schauen die Baudezernenten Kämmerers und möglicher Investoren.
also in der Champions League spielen. etlicher deutscher Städte nach Köln. Denn Köln wurde im Zweiten Weltkrieg weitge-
Die Frage ist nur, wann. was am Rhein in einem Debakel mündete, hend zerstört, nichts hat die Stadt archi-
Seit sieben Jahren umstellt ein Bauzaun, haben die Gesangshäuser etwa in Frank- tektonisch mehr geprägt als die Fünfziger-
600 Meter lang, die beiden Häuser am Of- furt, Stuttgart und Mannheim noch vor jahre.
fenbachplatz: die mächtige Oper und das sich: die Sanierung alter Bausubstanz, den Der monumentale Opernbau des Archi-
eher filigrane, zurückgesetzte Schauspiel- Einbau modernster Technik, das Befolgen tekten Wilhelm Riphahn ist 1957, zwischen
haus. Die Sanierung des Ensembles sollte verschärfter Vorschriften. In Stuttgart leg- all den Ruinen und Lücken, ein Statement
2015 abgeschlossen sein, aber für die Kultur. So ein Zeugnis
seit jenem Jahr ruht die Bau- des Kölner Wiederaufbaus,
stelle. meint Streitberger, dürfe nicht
Alle zwei Wochen, immer abgerissen werden.
dienstags, veranstaltet die Stadt Ein Gutachten hat jedoch
für ihre Bürger eine Führung die Oper und auch das neben-
durch die hohen Hallen. Sie ist an errichtete Schauspielhaus
Teil einer Transparenzoffen- zum Sanierungsfall erklärt:
sive, mit der man bei den Köl- Den Aufwand beziffert die
nern um Entschuldigung und Machbarkeitsstudie auf 90 bis
Verständnis bitten will. Die 145 Millionen Euro.

OLIVER BERG / PICTURE ALLIANCE / DPA


Besucher wandern durch zwei Viel Geld für den Erhalt al-
Kulturtempel, deren Foyers, ter Gemäuer mit strukturellen
Flure und Treppenhäuser sich Schwächen, befindet der Rat
im Zustand eines Rohbaus be- der Stadt und verordnet sich
finden, durch Katakomben, größeres Denken: die Bühnen-
in denen Kabel aus Decken- werkstatt aus der Peripherie
öffnungen baumeln. Nur die in die City holen, eine Kinder-
neue Opernbühne ist praktisch oper bauen und zwei weitere
spielbereit. Betriebsleiter Streitberger Säle für Tanz und experi-
Auch das birgt Probleme. »Wir fühlten uns sehr sicher« mentelles Theater – alles in
Damit die Apparatur nicht vor einem Neubau am Offenbach-
der Ouvertüre kaputtgeht, das platz. Baudezernent Streitber-
Öl in den Leitungen nicht verharzt, muss ten Stadt und Land vor einigen Tagen eine ger stimmt dem Abriss des Schauspiel-
die Hydraulik einmal im Monat bewegt erste Kosteneinschätzung vor – sie liegt hauses zu. Hauptsache, die Oper bleibt,
werden. Das gebe Gelegenheit, die Mann- knapp unter einer Milliarde Euro. wo sie ist.
schaft in Ruhe mit der Technik vertraut zu Mindestens doppelt so teuer wie ur- 2008 gewinnt das Büro des Kölner Ar-
machen und Kinderkrankheiten zu kurie- sprünglich geplant, mindestens neun Jahre chitekten Frederik Jaspert zusammen mit
ren, erklärt die Leitung der städtischen verspätet – das Kölner Desaster ist in vie- einem Pariser Partner den Wettbewerb für
Bühnen. lerlei Hinsicht ein Lehrstück: fürs politisch den Neubau des Schauspielhauses und die
Es gehört zu den Stärken kölschen Ge- motivierte Kleinreden der Kosten, fürs Sanierung der Oper. Der Entwurf stapelt
müts, aus schier ausweglosen Situationen Bauen unter Zeitdruck, für den Irrsinn der vier Bühnen übereinander und platziert
das Beste zu machen. Anders wäre das Dra- Normen, für das Wegducken von Amtsträ- neben die Oper im rechten Winkel ein wei-
ma, das sich im Zentrum der Domstadt ab- gern, wenn Verantwortung gefragt ist. Eine teres großes Gebäude. Der Clou: Wo bis-
spielt, auch kaum zu ertragen. Jeden Tag Rekonstruktion in drei Akten und einer lang der Theatereingang ist, sollen Passan-
kostet die Baustelle 80 000 Euro. 40 Jahre langen Pause. ten künftig über Lichtschächte einen Blick
lang wird die Stadt für die Sanierung des in die Werkstätten im Untergrund werfen
Ensembles 20 Millionen Euro jährlich ab- können. Jasperts Team beginnt mit der
1. Akt
stottern. Als sie jüngst, um die ganze Wahr- Entwurfsplanung.
Abreißen oder erhalten?
heit auf den Tisch zu legen, die aktuelle Doch dann passiert das nach Baudezer-
Kostenrechnung inklusive Finanzierung in Wenn es nach Ulrich Wackerhagen gegan- nent Streitberger »einschneidendste Ereig-
Höhe von 841 Millionen Euro bekannt gab, gen wäre, stünde am rechten Rheinufer nis der jüngeren Kölner Geschichte«: Am
übte sich die Kölner Bürgerschaft in kol- längst ein Opernneubau, »der Europas 3. März 2009 stürzt im Zuge von U-Bahn-
lektivem Kopfschütteln. 841 Millionen, um Touristen anlocken würde«, wie in Sydney, Bauarbeiten das Kölner Stadtarchiv ein,
eine Oper, Baujahr 1957, und ein Theater, dem Tagtraum vieler Stadtplaner. Wacker- zwei Menschen sterben, jahrhundertealte

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 45


Deutschland

HEINZ HERING / SÜDDEUTSCHER VERLAG

JO SCHWARTZ / DER SPIEGEL


Eröffnung der Kölner Oper 1957, Versorgungsschacht: Ein Fall von organisierter Verantwortungslosigkeit

Urkunden, Handschriften werden unter So stolpert Köln ins nächste Desaster. Im Jahr 2011 wird geplant. Es ist jene
den Trümmern begraben. »Das Klima in Die Bühnenplaner entwerfen eine Zeit, in der die Stadt Köln davon ausgeht,
der Stadt änderte sich komplett, die Bevöl- Machbarkeitsstudie, assistiert von Exper- alles richtig gemacht zu haben: aufs Geld
kerung traute Rat und Verwaltung nichts ten für Hochbau und Haustechnik. Man geachtet, den Bürgerwillen erhört, das his-
mehr zu«, erinnert sich Streitberger. ermittelt Kosten in Höhe von 253 Millio- torische Erbe der Stadt gewahrt – und in
Als Jaspert für die Neubaupläne und die nen Euro. »Wir fühlten uns damit sehr si- vier Jahren wird sie ein hochmodernes
Opernsanierung Kosten von 360 Millio- cher«, sagt Streitberger heute. Eine detail- Opernhaus besitzen.
nen Euro errechnet, verhängt Oberbürger- lierte Kalkulation, so räumt er ein, war das Kaum jemand weiß indes, dass die Pla-
meister Fritz Schramma einen Planungs- freilich nicht. »Das Dilemma beim öffent- nung schnell in Verzug gerät. Wer kennt
stopp. Doch der CDU-Politiker verliert die lichen Bauen ist immer, dass der Stadtrat schon Brandbriefe wie jenen vom 13. Fe-
folgende Wahl, und Jürgen Roters, das wissen will: Worum geht es, wie viel kostet bruar 2012, in dem das Ingenieurbüro
neue Stadtoberhaupt von der SPD, will es, und wann ist es fertig? – zu einem Zeit- Schmidt Reuter darüber klagt, dass bis Mit-
Tatkraft und Aufbruchstimmung demons- punkt, wo es noch keine belastbare Pla- te des Jahres »die genauen Maße der In-
trieren: Das Projekt müsse eben abspe- nung gibt.« stallationsschächte und der Installations-
cken, 295 Millionen seien das Maximum. Große Firmen und Institutionen wür- ebenen« nicht ermittelt werden könnten.
Jasperts Team speckt ab, die Werkstatt den die Sanierung zweier so komplexer Auch die Bausubstanz sei bis dahin nicht
bleibt in der Peripherie, keine spektakulä- Gebäude wahrscheinlich einem General- zu analysieren. Der Grund: Der Spielbe-
ren Lichtschächte, kein Orchesterproben- unternehmer übertragen. Die öffentliche trieb laufe ja noch.
raum – das Haus soll wirtschaftlicher wer- Hand soll das nicht, das ist politisch so ge- Solange aber keiner ins Mauerwerk
den. Im Prinzip ist der Neubau damit tot. wollt. Dahinter steckt der Gedanke, die reinschauen oder die Maße auf den Zenti-
Zwar spricht sich der Stadtrat, jetzt un- mittelständische Wirtschaft vor Ort zu stär- meter genau erheben kann, beruhen alle
ter Roters, ein zweites Mal für die große ken. Ein Auftrag aus dem Rheinland soll Berechnungen von Architekten und Stati-
Lösung aus, aber gleichzeitig strengt die nicht Arbeitsplätze in München oder Stutt- kern auf Annahmen. Die Ausführungspla-
Initiative »Mut zur Kultur« ein Bürgerbe- gart sichern. Da Generalunternehmer nung – also die konkrete Zeichnung, nach
gehren an. Ihre Begründung ist einfach: meist mit Subunternehmen aus der Region der sich Monteure auf der Baustelle zu rich-
Wenn die Vorteile eines Neubaus wegge- arbeiten, ist das zwar ein eher theoreti- ten haben – könne erst Anfang 2013 begin-
spart werden müssen, warum soll das sches Gedankenmodell. Aber es hält sich nen, rechnet das Ingenieurbüro der Stadt
Schauspielhaus dann abgerissen werden? hartnäckig in den Vorgaben für die Ver- vor. Der aktuelle Terminplan sehe für diese
Außerdem könnten mit der Variante einer waltungen. Tätigkeit »jedoch einen um ca. 1 Jahr frü-
Sanierung von Oper und Theater mindes- Streitberger denkt sich deshalb ein be- heren Arbeitsbeginn« vor.
tens 30 Millionen Euro eingespart werden. sonderes Konstrukt aus. Bauherr werden Vier Monate später fällt der vorerst letz-
Mehr als 50 000 Kölner folgen der Bür- die Bühnen der Stadt Köln, deren Geschäf- te Vorhang, die Häuser werden den Bau-
gerinitiative, der sich die populäre Thea- te von zwei Intendanten und einem kauf- firmen übergeben, die Sanierung beginnt.
terintendantin Karin Beier anschließt. Sie männischen Direktor geführt werden; als Auch für Baudezernent Streitberger fällt
alle votieren für das Bürgerbegehren. Und Berater steht die städtische Gebäudewirt- der Vorhang, er wechselt innerhalb der
so fügt sich die Stadtregierung dem Willen schaft zur Seite. Da arbeiten Fachleute für Verwaltung auf einen anderen Posten, als
des Volkes. Schulen, Kitas und Verwaltungsbauten, Stadtplaner. Es scheint, als übergäbe er sei-
mit Theatersälen hatten sie noch nie zu nem Nachfolger ein bestelltes Haus.
tun. Eine externe Firma soll als Projekt- Im Jahr darauf fängt Klaus Schäfer als
2. Akt
steuerer die Koordination zwischen Archi- kulturpolitischer Sprecher der Kölner
Schnell muss es gehen
tekten, Baufirmen und den Planern der SPD-Fraktion an. 25 Jahre lang hat der Pä-
Bernd Streitberger, der Baudezernent, soll Haustechnik übernehmen. Streitberger dagoge für die Landesregierung gearbeitet,
quasi über Nacht ein Konzept entwerfen. spricht seinerzeit im »Kölner Stadt-Anzei- zuletzt als Staatssekretär im Ministerium
Die Intendanten drängen darauf, nicht län- ger« von einer »exzellenten Projektsteue- für Familie und Jugend. Offiziell ist er im
ger als drei Jahre an einem Ersatzort spie- rung, zu der auch ein sauberes Kostencon- Ruhestand, aber in Köln will er seine Er-
len zu müssen. Mehr sei dem Publikum trolling« gehöre. Eine »zweite Elbphilhar- fahrung noch einbringen. Er ahnt kaum,
nicht zuzumuten. Alle haben es eilig. monie« sei nicht zu befürchten. wie aufreibend der Kulturjob werden wird.

46 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


JSWD / CHAIX & MOREL

JO SCHWARTZ
Abgelehnter Neubauentwurf des Schauspielhauses, Vertreter der Initiative »Mut zur Kultur«*: Dem Willen der Bürger gefolgt

Schäfer erfährt ja auch nicht, was die Strom, durch dasselbe Nadelöhr wollen, rauf er sich angesichts des völlig verhakten
für die umfangreiche Haustechnikplanung spricht der Fachmann von einer Kollision. Projekts einlässt.
zuständige Firma Deerns der städtischen In der Oper gibt es mehr als 800 davon. »Meine Vorstellung war, einen Stau auf
Gebäudewirtschaft meldet. Nachdem De- Das sei über viele Monate bei den Ver- der Autobahn aufzulösen, indem man die
cken abgehängt und Schächte freigelegt antwortlichen bekannt gewesen, sagt Schä- havarierten Autos einfach zur Seite
worden sind, zeigt sich: Die Grundrisse fer heute, während den Stadträten im zu- schafft«, erinnert sich Zarinfar. Aber das
auf den Plänen und die Wirklichkeit stim- ständigen Bühnenausschuss wiederholt ver- Problem der Oper ist größer als ein Stau.
men nicht überein. sichert wurde: »Wir schaffen das.« Von den Jeder Raum, jeder Schacht wird mit den
Deerns-Geschäftsführer Lars Schuma- Eingeweihten habe keiner gewagt, so der Handwerkern inspiziert, und nach zwei
cher schlägt, damit keine weitere Zeit ver- Sozialdemokrat, »auf den roten Knopf zu Monaten hat Zarinfar »die Dimension des
streicht, »eine baubegleitende Planung« drücken und in einer, meinetwegen nicht Ganzen begriffen«. Er geht zum Bauherrn
vor. Soll heißen: In den Ingenieurbüros öffentlichen, Sitzung Tacheles zu reden«. und erklärt, dass die Probleme auf der
wird geplant, als wüsste man alles genau. Das Projekt erreicht das Jahr der geplan- Baustelle nicht gelöst werden können.
Und wenn die Realität auf der Baustelle ten Fertigstellung, 2015. Kabel, Trassen, Dass erst einmal alles gestoppt und dann
eine andere ist, dann werden die Pläne Rohre werden im Akkord und am Wochen- neu geplant werden müsse.
eben angepasst. Dazu brauchte er erneut ende verlegt, zuweilen stehen sich die Der Baudezernent fragt, wann der Bau
fünf bis sechs Planer und eine zusätzliche Monteure buchstäblich auf den Füßen. denn fertig werde. Zarinfar sagt: »Ich weiß
Beauftragung, erklärt Schumacher. Häufig führen zwei Rohre nicht zueinan- es nicht.« Aber Sie müssen es sagen, insis-
Die Gebäudewirtschaft der Stadt meint, der, sondern aneinander vorbei, enden tiert der Dezernent, so schildert es Zarin-
diese Planung gehöre bereits zu Deerns’ Trassen im Nirgendwo, finden Kabel kei- far. »Nein, ich bin nicht Jesus, und die
Pflichten. Es gibt keinen weiteren Auftrag. nen Anschluss. Oper ist ein Unikat.«
In gewöhnlichen Bürogebäuden mit Es ist das blanke Chaos. Die Stadt sucht Wenig später meldet sich ein Whistle-
standardisierten Räumen ist baubegleiten- einen Verantwortlichen und kündigt dem blower beim »Kölner Stadt-Anzeiger«.
des Planen möglich – wenn der Austausch externen Projektsteuerer. Niemand denkt Der Informant zeigt Unterlagen, die bele-
zwischen Planern und Bauleuten funktio- daran, die Eröffnung im November abzu- gen, dass seit Monaten eines klar ist: Die
niert. Aber in einem ein halbes Jahrhun- blasen. Es ist wie dereinst in Berlin, beim Eröffnung des Ensembles kann niemals
dert alten Komplex mit 12 Geschossen, Großflughafen. Die Haustechnik, der am 7. November stattfinden. »Der Bauab-
2300 Räumen, 66 000 Quadratmetern? In Brandschutz, nichts funktioniert, aber die lauf ist massiv gestört«, heißt es in den Pa-
der die Haustechnikgewerke um den Platz Einladungen werden verschickt. pieren. Etliche der Würdenträger, so geht
in den Versorgungsschächten buhlen? »Da Am 1. April fährt der geschasste Pro- aus den Dokumenten hervor, wissen da-
ist baubegleitendes Planen eine toxische jektsteuerer nach Köln-Braunsfeld. Dort von, aber keiner will es wahrhaben oder
Kombination«, sagt einer, der jeden Tag sitzt die Firma Zarinfar, sie hat bereits ein gar öffentlich machen.
auf der Baustelle ist. paar Arbeiten für die Bühnen erledigt. Als die Redaktion die Stadt mit ihren
Das Ergebnis sieht SPD-Mann Schäfer Jetzt soll sie die gesamte Sanierung retten. Recherchen konfrontiert, gehen die Dezer-
erstmals im Herbst 2013. Er wird in die Der Projektsteuerer liefert seine Akten- nenten für Bau und Kultur in die Offensive:
Kellerflure der Oper geführt, es habe ihm ordner bei Turadj Zarinfar ab, besser: Er Am 23. Juli, auf einer eilends einberufenen
beinahe die Sprache verschlagen. »Ich knallt sie seinem Nachfolger auf den Tisch, Pressekonferenz, verkünden sie, der Er-
habe nur gesagt: Wie kann das entstehen? mit einem ironischen »Viel Spaß«, so schil- öffnungstermin sei nicht zu halten.
Es war unvorstellbar.« dert Zarinfar diesen Moment.
Vor allem Schacht 11 wird zu einem Zarinfar hat in Dortmund Bauingenieur- Pause
Wallfahrtsort des Horrors. Zu einem Zeug- wesen studiert, seit zehn Jahren lotst seine
Der Oberverantwortungshut
nis des Scheiterns. Unmengen roter und Firma Bauherren vom Projektstart bis
grauer Kabel baumeln in einem urwald- zum Bezug. Trotzdem ahnt er nicht, wo- Auf der Baustelle, auf der Planung und
ähnlichen Chaos durcheinander, sie füllen Realität immer weiter auseinanderklaffen,
den Raum des Schachts größtenteils aus. * Bei der Übergabe von mehr als 30 000 Unterschriften
stoppt die Arbeit. So, wie Strom, Wasser,
Wenn Gewerke, die getrennt voneinander für das Bürgerbegehren gegen den Abriss des Schau- Luft bislang eingebaut worden sind,
verlegt werden müssen, etwa Wasser und spielhauses am 2. März 2010 im Kölner Rathaus. wird die Haustechnik niemals funktionie-

47
Deutschland

HORST GALUSCHKA / PICTURE ALLIANCE / DPA

JO SCHWARTZ
Kulturdezernentin Laugwitz-Aulbach, Baukomplex Kölner Oper am Offenbachplatz: »Keiner wagt es, Tacheles zu reden«

ren. Der Versuch, einem VW Käfer die politiker Schäfer. »Er antwortete: ›Wenn bau bereits installierter Technik vor. Die
Technik eines Porsche Cayenne zu im- ich das wüsste, wäre ich schlauer.‹« Elektroversorgung etwa muss komplett
plantieren, ist gescheitert. Die Monteure Die öffentliche Fahndung nach Schuldi- neu organisiert und verlegt werden, ähn-
rücken ab. gen geht einher mit dem Wahlkampf ums lich wird mit Lüftung und Brandschutz ver-
Eine Schockstarre erfasst Stadt, Politik, Oberbürgermeisteramt. Die SPD verliert fahren. Rasch ist ein weiteres Jahr vorüber.
Bühnenpersonal. Die Suche nach dem die Macht am Rhein. Die parteilose Sozial- Parallel legt Bernd Streitberger im Juli
Schuldigen überlagert die Suche nach dezernentin Henriette Reker, gemeinsame 2017 eine Bestandsaufnahme vor, nach gut
einer Lösung auf dem Bau. Niemand will Kandidatin von CDU, FDP und Grünen, einem Jahr der Sondierung. »33 Haupt-
etwas falsch gemacht haben, auch Kultur- zieht ins Rathaus ein. probleme« seien identifiziert worden, fast
dezernentin Susanne Laugwitz-Aulbach Sie braucht jemanden, der bereit ist, alle in der Haustechnik. Mit der Fertigstel-
nicht. Sie ist zwar für Kölns Kulturbauten Verantwortung zu übernehmen, und in lung sei wohl erst Ende 2022 zu rechnen,
sowie für die städtischen Bühnen zustän- der Lage, das Chaos aufzulösen. Im Fe- außerdem habe man bei den Baukosten
dig. Aber da sie Germanistin und Theater- bruar 2016 ruft sie Bernd Streitberger an – jetzt eine neue Schätzung: 545 bis 570 Mil-
wissenschaftlerin sei und vom Bauen keine jenen ehemaligen Baudezernenten, der da- lionen Euro. Also mehr als das Doppelte
Ahnung habe, sagt sie, könne man sie mals das Organigramm ausgetüftelt hat. der fünf Jahre zuvor veranschlagten.
nicht zur Rechenschaft ziehen: »Ich habe Er sagt spontan zu, aus Pflichtgefühl. Wer diese schlechten Nachrichten zu
hier nicht den Oberverantwortungshut Die Personalie ist umstritten. Auf der verantworten hat, bleibt diffus.
auf.« So einfach ist das in Köln. Ratssitzung, in der Streitberger zum »Tech- Der FDP-Kulturpolitiker Wackerhagen
Das Organigramm zur Sanierung der nischen Betriebsleiter« der Bühnen beru- sieht nach dem Baustopp Akten ein, etwa
Bühnen, so stellt der »Kölner Stadt-Anzei- fen wird, fragt ein SPD-Mann, ob hier »der die Jour-fixe-Protokolle der Leitungskräf-
ger« fest, »drückt vornehmlich den Bock zum Gärtner gemacht« werde. Reker te. »Es gab keinen richtigen Bauherrn, kei-
Wunsch aus, Verantwortung auf weite sieht sich zu einem Ordnungsruf genötigt, ne verantwortliche Bauleitung und ein To-
Wege zu schicken«. Wer bei diesem Multi- doch Streitberger nimmt nicht übel: »Ich talversagen der Verwaltung«, urteilt der
millionenprojekt das Sagen habe, bleibe stelle mich meiner persönlichen Verant- Jurist. In jedem Unternehmen hätte das
offen: ein Fall von »organisierter Verant- wortung bis zum 30. Juni 2012.« personelle Konsequenzen nach sich gezo-
wortungslosigkeit«. Streitbergers neuer Vertrag ist datiert gen: »In Köln geschieht da nichts.«
Die Stadt identifiziert als Hauptverur- bis 2019. »Ich hatte gedacht, das sollte rei- Zweimal stellt die FDP-Fraktion den
sacher der Havarie einen Externen, sie chen, um die Oper zu eröffnen«, sagt er Antrag, ein unabhängiger Gutachter möge
kündigt dem Haustechnikplaner Deerns, heute. Es war ein Irrtum. die Frage der Verantwortung für den Bau-
offenbar weil dieser vor allem seiner Ko- Allein die mehr als hundert Gespräche skandal prüfen. Doch sowohl der Kultur-
ordinierungsaufgabe nicht gerecht gewor- mit den am Bau beteiligten Firmen erstre- ausschuss als auch der Rat lehnen den An-
den sei. Deerns klagt gegen die Kündigung: cken sich über zwei Jahre. Die Suche nach trag ab. Wackerhagens Erklärung: »Keiner
»Als Hauptursache für den bestehenden einem neuen Haustechnikplaner scheitert will dem anderen wehtun – weil man sich
chaotischen Ablauf beim Bauprojekt ist zunächst. Ein halbes Jahr lang dauert die wechselseitig braucht.«
das Fehlen einer koordinierten Terminpla- Ausschreibung, doch niemand bewirbt Es ist die Zeit, in der in Köln Zweifel
nung durch den Bauherrn anzusehen.« sich, der den Anforderungen genügt – au- laut werden, ob das Ensemble jemals in
Deerns sieht sich, bis heute, als »politi- ßer der Firma Deerns, aber die will man Betrieb genommen werden kann. Ohne
sches Bauernopfer«. ja gerade loswerden. ein Absenken der Ansprüche werde es
Die für die Bühnen zuständigen Stadträte Erst im September 2016 wird ein neuer nicht gehen, raten die Sanierer der Sanie-
treffen sich zum Ortstermin auf der verlas- Planer für Strom, Wasser, Luft gefunden. rung. Bislang wollten die Haustechniker
senen Baustelle. Turadj Zarinfar, der neue Ein Jahr lang benötigen mehr als 30 Inge- dem Altbau implantieren, was auf Indus-
Projektsteuerer, führt sie zu Schacht 11. nieure der Firma Innius, um das Knäuel triemessen als letzter Schrei verkauft wird.
Acht Gewerke haben ihn benutzt, jedes aus Leitungen und Rohren zu entwirren. Jetzt sagt Betriebsleiter Streitberger auch
für sich hat alles richtig gemacht. Nur hat Ein 3-D-Scan aller Räume wird erstellt, mal Nein, fragt nach, ob es eine Nummer
niemand die Pläne übereinandergelegt. mit Nischen, Vorsprüngen, Hindernissen. kleiner oder preiswerter sein dürfe.
»Ich fragte Herrn Zarinfar, welche Leitung Im Jahr 2017 legt Innius eine neue Pla- Für alles gibt es Normwerte, Richtwerte,
zu was gehöre«, erinnert sich der Kultur- nung vor. Sie sieht erst einmal den Rück- Grenzwerte, die Zahl solcher Normen, sa-

48 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


gen Experten, hat sich in den vergangenen
20 Jahren vervierfacht, selbst für den
Biegeradius eines Kabels gibt es eine. Auf-
Jetzt im
gestellt werden die Normen von Sachver-
ständigen, die damit auch ein Gutteil ihrer Handel
Existenz rechtfertigen. Muss die Frischluft-
zufuhr eines Theaters 25 Dezibel leise sein,
also praktisch kaum hörbar? Oder sind
auch 27 Dezibel okay, also immer noch
praktisch kaum hörbar?
Für die Sanierung von Oper und Schau-
spielhaus liegt seit diesem Sommer de facto
eine zweite Planung vor. Leider muss die
noch derart nachgearbeitet werden, dass
die Stadt am Donnerstag eine erneute Ver-
zögerung von zehn Wochen bekannt gab.
Kern der neuen Planung ist der Bau ei-
nes 16. Schachts. Einmal vom Keller hoch,
durch zwölf Decken. Ein Bypass für Lei-
tungen, Kabel, Rohre, ein statischer Ge-
waltakt. Ein Rettungsschacht.
Im Herbst 2020 will Streitberger die Ge-
werke neu vergeben. Die Frage ist, wie vie-
le Betriebe sich angesichts der überhitzten
Baukonjunktur das Projekt antun wollen.
Es gibt Handwerker, die arbeiten grundsätz-
lich nicht mehr für die öffentliche Hand.
In 2021 sollen die Bauarbeiten dann wie-
der aufgenommen werden. Nach mehr als
fünf Jahren des Stillstands.

3. Akt
Erst planen, dann bauen!
Dass in Deutschland große Bauten sowohl
den Kosten- als auch den Zeitrahmen
sprengen, ist peinliche Normalität. Das
Bundesministerium für Verkehr und digi-
tale Infrastruktur hat von hochkarätigen
Experten deshalb einen »Leitfaden Groß-
projekte« erstellen lassen. Eine der wich-
tigsten Botschaften lautet: »Erst planen,
dann bauen«. www.spiegel-wissen.de
Eigentlich, sagt Projektsteuerer Zarinfar,
sei das zum Totlachen: »Das ist, als würde
man dem Bäcker empfehlen: erst den Teig
machen, dann in den Ofen schieben. Und
nicht die Zutaten in den Ofen schmeißen
und hoffen: wird schon fertig werden.«
Aber der 2018 veröffentlichte Leitfaden
reagiert nur auf die Wirklichkeit. Planen
während der Bauphase, so Zarinfar, finde
heute für 99 Prozent der Baustellen statt:
»Wir haben da einen Systemfehler. Wir ge-
ben den Planern nicht die Kapazitäten und
Lesen Sie in diesem Heft:
die Zeit, die sie benötigen.« Bei den Kölner
Bühnen sei nichts Besonderes schiefgelau-
fen, »es hat sich in den letzten 20 Jahren
Zeitmanagement
bei öffentlichen Bauten so eingebürgert«.
Doch wer in der öffentlichen Verwaltung
Effizienter und entstresst arbeiten
traut sich schon, einem Minister, Bürger-
meister oder Fraktionschef zu sagen: Es Coaching
geht nicht. »›Geht nicht‹ gibt’s nicht«, kriege
der Beamte dann zu hören, sagt Zarinfar, Tipps und Tricks für gesunde Ernährung
»es ist der politische Wille, also bitte!«
Alfred Weinzierl
Lebenszufriedenheit
49 Wie viel Vermögen brauche ich wirklich?
Deutschland

Punkt im
tig mit einem speziellen satellitengestütz- Die DRF Luftrettung wirbt beim Bun-
ten Verfahren anfliegen, erstmalig in desverkehrsministerium dafür, das endlich
Deutschland. zu tun. Sie hat ihr PinS-Projekt für Nord-

Raum
Das Verfahren heißt »Point in Space«, friesland Fachleuten des Ministeriums vor
kurz »PinS«. Über einen festen Landeplatz fast einem Jahr vorgestellt. Auch Vertreter
wird dazu in der Luft ein GPS-Anflugpunkt des ADAC nahmen an dem Treffen teil,
gesetzt, die Bordinstrumente lotsen den ihre Luftretter seien ebenfalls daran inte-
Notfälle Bei schlechtem Wetter Piloten auch bei mangelnder Sicht dorthin. ressiert, das System zu nutzen, heißt es dort.
dürfen Rettungshelikopter Dieser virtuelle Punkt im Raum liegt meist Auf mehrfache Nachfrage gibt das Bun-
unter den Wolken, sodass der Pilot ab dort desverkehrsministerium (BMVI) keine
in Deutschland oft nicht fliegen. im gewohnten Sichtflug landen kann. Gründe an, woran es bei der Einführung
Andere Länder nutzen längst Die Norweger haben PinS schon 2006 hapert, sondern schreibt nur: »Das BMVI
Satellitenverfahren. eingeführt, als erstes Land in Europa. In setzt sich kontinuierlich für die Weiter-
der Schweiz gibt es PinS seit 2011, die dor- entwicklung des Luftrettungssystems in
Deutschland ein. Hierzu zählt auch

D ass der Hubschrauber nicht


kommen kann, weil mal wie-
der Schietwetter herrscht, ist
Alltag für die Ärztin auf der Nord-
die Einführung von Helicopter-
Point-in-Space-Verfahren.« Für die
Luftrettung seien im Übrigen die
Länder zuständig.
seeinsel Amrum. Im vergangenen Das sei zwar richtig, sagt der Chef
Dezember saß Claudia Derichs mit der Luftfahrtbehörde Schleswig-
einem schwer verletzten Kind ne- Holsteins, Torsten Conradt. Den-
ben der Landewiese, zwei Stunden noch: »Der Ball liegt erst mal beim
lang, in denen sie um das Leben ih- Bund: Wir wünschen uns, dass er
res kleinen Patienten fürchtete. Der schnellstmöglich die nötigen Vor-
Dreijährige hatte eine Hirnblutung, schriften für PinS erlässt.«
sie musste ihn im Rettungswagen Kritiker fürchten eine erhöhte Ge-
künstlich beatmen. »Alles, was fahr von Zusammenstößen in der
schlimm ist, muss aufs Festland«, Luft, wenn es keine Radarerfassung
sagt Derichs, »und zwar schnell.« gibt und deshalb auch keine Flug-
Kürzlich setzten bei einer lotsen, die Piloten warnen könnten.
Schwangeren vorzeitig die Wehen Conradt hält das nicht für stichhaltig.
ein. Es dauerte Stunden, bis sie end- »Andere Staaten beweisen, dass der
lich eine Klinik erreichte. Der Ret- Instrumentenflug im unkontrol-
tungshubschrauber »Christoph 42« lierten Raum keine Probleme macht.
konnte wegen Nebel nicht fliegen, Es kommt dort nicht zu mehr Kolli-
der Seenotrettungskreuzer auf dem sionen.«
SUSANNE SCHMIDT / DRF LUFTRETTUNG

Festland in Dagebüll wegen Ebbe Der Streit betrifft weit mehr Men-
nur tief unten im Hafen anlegen. schen als nur Insulaner und Bewoh-
Der Höhentrupp der Feuerwehr ner abgelegener Regionen. »Zu un-
musste helfen. »Die seilen sich von seren typischen Einsätzen gehört es,
der Kaimauer zum Schiff ab, legen Patienten aus kleinen Krankenhäu-
meine Kranken in einen Korb und sern in größere zu bringen«, sagt der
hieven sie per Drehleiter hoch«, er- Kieler Notarzt Florian Reifferscheid.
zählt Derichs, für die Patienten sei Komplexe Eingriffe dürfen nur noch
das »die Hölle«. in Häusern durchgeführt werden,
Amrums Notärztin weiß, dass et- Luftretter bei Übung die diese oft vornehmen – eine Maß-
was weiter nördlich die Retter »Dass wir flugtechnisch hinterherhinken, ist ein Unding« nahme, um die Qualität der Versor-
schneller und öfter kommen. Däni- gung zu verbessern.
sche Helikopter fliegen noch bei Bedin- tige Luftrettung Rega musste nach eigener Das führt dazu, dass Patienten häufiger
gungen, bei denen die deutschen nicht ab- Auskunft nur noch halb so viele Einsätze transportiert werden müssen. »Neulich ha-
heben dürfen, etwa wenn die Sicht zu wegen schlechten Wetters absagen, ein Se- ben wir einen Mann aus Stade an der Elbe
schlecht ist oder bei niedrigen Temperatu- gen für verunglückte Wintersportler. Dä- abgeholt«, so Reifferscheid. »Er war dort
ren die Vereisungsgefahr zu groß. Nach nemark zog 2015 nach. mit Verdacht auf Herzinfarkt eingeliefert
deutschen Regeln müssen vor allem nachts Doch bislang ist in Deutschland ein sol- worden – in Wirklichkeit war seine Schlag-
die Helikopter oft am Boden bleiben. cher Instrumentenflug für Rettungshub- ader eingerissen.« Reifferscheid flog den
2017 konnten die für die nordfriesischen schrauber nur über einer Höhe von rund Patienten nach Lübeck. Erst hier gab es das
Inseln und Halligen zuständigen Luftretter 760 Metern erlaubt, ab dort werden Hub- Know-how für die lebensrettende Opera-
mehr als jeden zehnten angeforderten Ein- schrauber und Flugzeuge vom Radar der tion. Auf der Straße hätte der Transport
satz wetterbedingt nicht antreten. »Wir ha- Flugüberwachung erfasst. Darunter ist Sicht- zwei Stunden gedauert, in der Luft nur gut
ben eine hochtechnische Medizin in flug Pflicht, was dazu führt, dass Helikopter eine halbe. Bei einem Aortenriss zählt jede
Deutschland«, sagt Derichs. »Dass wir flug- etwa bei tief hängenden Wolken nicht lan- Minute. PinS-Anflugpunkte über Kranken-
technisch hinterherhinken, ist ein Unding.« den dürfen. Nachts ist eine Sichtweite von häusern wie in Dänemark hält Reiffer-
In Deutschland kümmern sich vor allem drei Kilometern Vorschrift. Um den Instru- scheid für geboten: »Die meisten Notfälle
zwei Dienste um Rettungsflüge, der ADAC mentenflug für Luftretter zu genehmigen, sind zeitkritisch.« Annette Bruhns
und die DRF Luftrettung. Die DRF will müsste Deutschland sein Luftraumrecht an Mail: annette.bruhns@spiegel.de
mehrere Inseln und Krankenhäuser künf- europäische Regularien anpassen.

50 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


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Deutschland

Eine Uzi für den »Tag X«


Rechtsextremismus In einer »Überlebensgruppe« wappnen sich
Tausende für den Untergang des Landes. Sie geben sich Tipps zum Waffenkauf
und drohen, Migranten und Muslime zu töten.

A
uf den ersten Blick wirkt die Polizei und Verfassungsschutz taten schen mehrere vertrauliche Analysen
»Überlebensgruppe« harmlos. sich bislang schwer im Umgang mit Men- erstellt. In den Papieren listen die Beamten
Ein bisschen schräg vielleicht – schen, die sich auf das Ende der Welt vor- etliche Waffenfunde auf. So hortete ein Prep-
denn wer legt schon Packlisten bereiten. Solange diese sogenannten Prep- per – ein Rentner aus Sachsen-Anhalt – ne-
an für einen »Fluchtrucksack«, der allzeit per nur Raviolidosen in ihren Kellern hor- ben Unmengen an säuberlich beschrifteten
bereitsteht, falls Deutschland den Bach ten und Bunker bauen für den Fall eines Lebensmitteln, ein Kilogramm Schwarzpul-
runtergeht? Meteoriteneinschlags, geht es den Staat ver, eine alte Maschinenpistole und mehrere
»4 Hühneraugenpolster« empfiehlt der wenig an. selbst gebaute Schusswaffen. Sie lagen teils
Autor der sechsseitigen Survival-Liste, und Skurriles Verhalten an sich ist nicht ver- geladen in seiner Wohnung bereit.
zwar »selbstklebend«. Dazu Bratkartoffeln boten, und die private Vorsorge für Krisen Im Allgäu fiel ein Prepper mit Schieß-
und Katenspeck sowie »48 Teebeutel«, va- ist sogar regierungsamtliche Linie. Vor drei übungen im Garten auf, bei einer Woh-
kuumverpackt. Außerdem, sicher ist sicher, Jahren stellte der damalige Bundesinnen- nungsdurchsuchung fand die Polizei zwei
ein Paar »Combat-Handschuhe Defender minister Thomas de Maizière (CDU) ein Taschen voller Funkgeräte sowie Tier-
Blei« und einen Elektroschocker samt Ta- entsprechendes Konzept vor: Es wurde abwehrsprays. Er rechne fest damit, dass
schenlampe. Wichtig auch: fünf Kondome, empfohlen, Lebensmittel für zehn Tage der Islam Deutschland »überrollen« wer-
»als wasserfester Überzug über Wundver- einzulagern, dazu Kerzen, Taschenlampen de, sagte der Mann.
bände«, sowie ein Flachmann mit 60-pro- und zehn Liter Wasser als Notvorrat. In rund 20 Fällen haben Verfassungs-
zentigem Schnaps – als »Desinfektionsmit- In den vergangenen Jahren aber wur- schützer und Polizisten inzwischen Prep-
tel und Stimulans für trübe Stunden«. den Prepper-Gruppen bekannt, deren Trei- per ausgemacht, die sie dem Reichsbürger-
Doch das Internetforum, in dem die ben offenbar weit über die persönliche milieu oder der rechtsextremen Szene
skurrile Notfallpackliste auftaucht, ist bei Vorsorge hinausgeht. In Mecklenburg-Vor- zurechnen. Unter ihnen ist etwa ein Mit-
näherer Betrachtung alles andere als harm- pommern zum Beispiel hatte sich ein rech- glied der »Identitären Bewegung« aus
los. Die Mitglieder der »Überlebensgrup- tes Prepper-Netzwerk namens »Nord- Sachsen, der Beamten seinen gepackten
pe« wappnen sich nicht nur für Natur- kreuz« gebildet, dem ausgerechnet auch Trekkingrucksack mit Utensilien zum
katastrophen oder Stromausfälle. Das Überleben präsentierte: Man werde schon
Szenario, für das sie sich vor allem rüsten, sehen, was in Deutschland noch passieren
ist eine Endzeitschlacht, ein Bürgerkrieg Während die Behörden werde, kommentierte er.
zwischen Deutschen auf der einen Seite über Begrifflichkeiten Immer wieder halten Neonazigruppen
und Migranten und Muslimen auf der auch Schulungen zur »Krisenvorsorge« ab.
anderen. Oder, im menschenverachtenden debattieren, rüsten In einem Leitfaden schreibt die rechts-
Ton der Gruppe: den »Millionen Asyl- gewaltaffine Prepper auf. extreme Gruppe »Der III. Weg«, man solle
invasoren«. »so bald wie möglich mit der Vorbereitung
»Dass es zu einem Krieg zwischen Mu- anfangen«, noch sei »alles frei erhältlich«.
sels und Einheimischen kommen wird«, so Polizisten und Bundeswehrreservisten an- Trotzdem bleiben die Sicherheitsbehör-
schreiben die Betreiber des Forums, »das gehörten. den bei ihrer Linie: Die heterogene Szene
sollte wohl mittlerweile auch dem letzten Mitte September hat die Staatsanwalt- der Prepper sei an und für sich nicht ver-
Dussel klar geworden sein.« An jenem schaft Schwerin einen der Männer ange- fassungsfeindlich – lediglich ein kleiner
»Tag X«, so ergänzt ein Administrator, wür- klagt, ein Ex-Mitglied eines Spezialeinsatz- Teil sei radikal.
den die »muslimischen Ausländer aus den kommandos. Er soll teils illegal mehr als Eine Expertenkommission in Mecklen-
Deutschen Dönerfleisch machen« – es sei 55 000 Schuss Munition gehortet und eine burg-Vorpommern schlug laut der Berliner
denn, man bereite sich vor. Uzi-Maschinenpistole samt Schalldämpfer »Tageszeitung« vor, für den gefährlichen
Wenige Klicks weiter finden sich Anlei- besessen haben, die aus Bundeswehr- Teil unter den Endzeitverschwörern das
tungen zum Aufrüsten: Man solle einen beständen stammt. Gegen einen weiteren Kürzel »RadiPre« zu verwenden. Andere
Jagdschein machen oder in den Schützen- Polizisten und einen Anwalt ermittelt der Bezeichnungen wie »Prepper Plus«, »Doo-
verein gehen, um legal an Pistolen und Ge- Generalbundesanwalt wegen des Ver- mer« oder »Black Prepper« wurden ver-
wehre zu kommen, rät ein Nutzer. Oder dachts, sie hätten Überlegungen angestellt, worfen.
aber man baue sich selbst eine Flinte oder am »Tag X« Linke zu internieren und um- Während die Behörden über Begrifflich-
Maschinenpistole, empfehlen andere – zubringen. Die Beschuldigten bestreiten keiten debattieren, rüsten die gewaltaffi-
wie der Attentäter von Halle. »Aus- das. »Viel zu lange haben die Sicherheits- nen Prepper auf und organisieren sich in
reichend Munition einlagern«, raten die behörden Gruppierungen wie die Prepper Gruppen, deren Existenz den Behörden
Forenbetreiber und liefern Tipps für die pauschal als harmlose Spinner abgetan«, teils gar nicht bekannt sein dürfte – auch
»sinnvollen Kaliber für den Systemzusam- kritisiert der Grünen-Innenpolitiker Kon- weil sie ihre Kommunikation über Online-
menbruch oder Bürgerkrieg«. stantin von Notz. »Hier muss sich ihre anbieter im Ausland laufen lassen.
Die »Überlebensgruppe« ist keine klei- Analysefähigkeit dringend verbessern.« Das Forum der »Überlebensgruppe«
ne Truppe: Rund 3500 Mitglieder haben Um die Abgründe der Szene auszuleuch- zum Beispiel wird über das soziale Netz-
sich in dem Forum registriert. ten, haben die Sicherheitsbehörden inzwi- werk VK betrieben, was wohl kein Zufall

52
Screenshots aus rechtem Prepper-Forum: »Ausreichend Munition einlagern«

ist: Der russische Internetdienst ist längst malt sich aus, wie er sich einen Flammen- platz. An einem Dienstagabend, es ist
zum Treffpunkt auch für deutsche Ver- werfer baut, »damit fackelt man schon schon dunkel, steht ein älterer Herr auf
schwörungsideologen und Rechtsextremis- eine Horde Nigger und Ziegenficker ab«. seinem Balkon, er wirkt schüchtern. Nach
ten geworden, zum Hort der schier unbe- Ein Mann, der 2018 in dem Forum stolz einigem Zögern kommt er in den Innen-
grenzten Hetze. eine Präzisionsarmbrust mit Zielfernrohr hof und lässt sich in ein Gespräch ver-
Viele der Nutzer der Gruppe agieren präsentierte, wohnt in einem weiß gestri- wickeln. »Karl Martell« sage ihm nichts,
unter falschen Namen, allerdings nicht alle. chenen Reihenhaus in der Nähe von Darm- behauptet er, er schreibe auch nichts in
Und so findet man unter den Preppern stadt. Im normalen Leben ist er Mitinhaber irgendwelche Internetforen. Ansonsten
einen Personalberater aus Brandenburg, einer Firma, die Werkzeuge verkauft. aber ist er ganz auf Prepper-Linie.
einen Schmied aus dem Schwäbischen, Er sagt, er sei zwar in der »Überlebens- Der Blackout stehe bevor, raunt er und
einen gelernten Metallbauer aus Hessen gruppe«, habe aber »nie richtig teilgenom- zeigt mit dem Finger auf die umliegenden
und einen, der behauptet, er sei Bundes- men«. Anfangs sei er neugierig gewesen, Häuser: Bald werde überall das Licht
wehrreservist. dann aber sei ihm aufgefallen, was für ein ausgehen. Ein »Kampf aller gegen alle«
Die Forennutzer tauschen sich über »komischer Laden« das sei. Ihm sei das werde ausbrechen, nicht einmal Nudeln
Mittel zur Desinfektion des Trinkwassers Forum zu radikal: »Ich glaube, das sind könne man sich dann kochen, und auch
aus und empfehlen die besten Bücher zur alles Nazis, ganz Rechte.« die Klospülung werde nicht mehr funk-
nahenden Apokalypse (»Countdown zum Wer hinter der »Überlebensgruppe« tionieren.
Finale der Welt«). Wenige Klicks weiter steckt, ist nicht abschließend geklärt. Einer Dann verabschiedet sich der Mann,
ergehen sich Mitglieder in Tötungsfan- der Forenadministratoren nennt sich on- ganz höflich.
tasien: Man müsse sich auf einen »Gue- line »Karl Martell« – nach dem Bezwinger Maik Baumgärtner, Felix Bohr,
rillakrieg« in Deutschland einrichten, eines arabischen Heeres im Jahr 732. Roman Höfner, Roman Lehberger,
schreibt ein Administrator und empfiehlt Eine Spur führt nach Sachsen, in einen Timo Lehmann, Wolf Wiedmann-Schmidt
»Angriffe aus dem Hinterhalt«. Ein Nutzer kleinen Ort mit mittelalterlichem Markt-

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 53


Deutschland

Kripo. Ausgestattet mit falschen Papieren,

Aus der Schattenwelt erfundenen Biografien, verwanzten Woh-


nungen, geliehenen Autos und vermeint-
lichen Freundinnen bilden sie die Speer-
spitze des Rechtsstaats im Kampf gegen
Polizei Ein verdeckter Ermittler hat einen Drogenhändler überführt. Schwerverbrecher.
Der Prozess zeigt: Er hat dabei womöglich Verdeckte Ermittler bewegen sich unter
die Justiz getäuscht. Wie weit dürfen Undercoveragenten gehen? Kriminellen und dürfen doch nicht werden
wie sie. Sie müssen lügen und sollen trotz-
dem grundehrliche Charaktere sein, die

D er Mann ist nicht zu erkennen. Auf


der Leinwand zeichnet sich nur ein
Schatten ab, seine Stimme wird
elektronisch verzerrt. Der Mann ist ein
Kollege. Denn er gewährte den Anwälten
Einblicke in Details, die nur ein Insider
aus dem LKA kennen kann. Über Tage
versorgte der Hinweisgeber die Verteidiger
vor Gericht die Wahrheit sagen. Viele die-
ser Toppolizisten sind – so beschreiben es
andere Beamte – psychisch robust und
mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein
Phantom – und er soll es bleiben. Auch in mindestens acht Mails mit internen In- gesegnet, das allerdings in Selbstüberschät-
wenn er an diesem Freitag im Juli vor formationen und Dokumenten. Die Poli- zung umschlagen kann.
der Großen Strafkammer des Landge- zei erfuhr davon erst, als die Anwälte das Die speziell geschulten Ermittler schlei-
richts Stuttgart per Videoschalte aussagen Material in den Prozess einführten. Inzwi- chen sich in das Leben ihrer Zielpersonen
muss. schen ermittelt sie gegen den Unbekann- und greifen tief in deren Grundrechte ein.
Der Mann ist ein verdeckter Ermittler ten wegen Geheimnisverrats. Weil Details ihres Vorgehens in Prozessen
des Landeskriminalamts (LKA) Baden- Für Kriminalbeamte ist es ein ungeheu- geheim gehalten werden können, ist der
Württemberg und hat einen Großdealer erlicher Vorgang. Da unterstützt ein Ver- Spielraum für Manipulationen groß. Zur

DANIEL REINHARDT / PICTURE ALLIANCE/ DPA


DANIEL NAUPOLD / PICTURE ALLIANCE / DPA

LKA-Gebäude in Stuttgart,
sichergestelltes Kokain,
Justizvollzugsanstalt Stammheim
Lügen und grundehrlich sein

überführt. Auf der Anklagebank sitzt räter aus den eigenen Reihen die Verteidi- Wahrheit wird, was in den Akten landet.
Abdelkarim A., 39, Marokkaner, Auto- ger eines mutmaßlichen Drogendealers. Ob diese Angaben stimmen, lässt sich oft
händler aus Bonn und mutmaßlicher Warum tut er das? Der Mann muss ein kaum überprüfen. Umso wichtiger ist die
Kontaktmann eines südamerikanischen starkes Motiv haben, denn sein Handeln Integrität der eingesetzten Beamten.
Drogenkartells. Laut Staatsanwalt hat ist strafbar. Den Anwälten schrieb er, es Die Hinweise des LKA-Insiders werfen
A. mithilfe des Undercoverermittlers mehr gehe ihm darum, die »Machenschaften« daher die Frage auf, ob der Rechtsstaat bei
als hundert Kilogramm Kokain nach des Undercoverkollegen aufzudecken. der Bekämpfung der Organisierten Krimi-
Deutschland gebracht. Doch das Geschäft Ob das stimmt, lässt sich nicht sagen, nalität Grenzen überschritten hat. Ob er
war eine Falle, und A. landete vor Gericht. denn noch agiert der Hinweisgeber völlig für den Erfolg des Stuttgarter Verfahrens
Der Prozess schien eine Routineangele- im Verborgenen. Doch seine Informationen in Kauf nahm, dass ein Beamter den Fall
genheit zu sein. Doch dann geschah etwas, belasten den verdeckten Ermittler schwer. manipulierte und die Justiz täuschte.
was in der deutschen Justizgeschichte ein- Es kann sein, dass VE 1 Akten gefälscht und Einiges deutet darauf hin, dass der ver-
malig sein dürfte: Während einer kurzen vor Gericht gelogen hat. Dies und nicht der deckte Ermittler VE 1 zu weit ging.
Pause erhielt einer der Verteidiger des Ab- Verrat wäre dann der eigentliche Skandal. Seinen Angaben zufolge begann alles
delkarim A. eine mysteriöse Mail von Die Unterlagen und Hinweise des In- mit einer WhatsApp-Nachricht: Alexan-
einem unbekannten Absender: »Fragen siders, die der SPIEGEL einsehen konnte, der V., ein Kontakt des Undercoverbeam-
Sie VE 1, ob er entscheidet, was sich in der erlauben einen ungewöhnlichen Einblick ten aus der Unterwelt, bat demnach im
Akte befindet«, schrieb die geheimnisvolle in die Schattenwelt verdeckter Ermittler, Frühjahr 2018 um ein Treffen in Frankfurt
Quelle und sagte voraus: »Irgendwann deren Wirken so geheim ist wie kaum et- am Main. Warum, das habe V. ihm nicht
wird er die Fassung verlieren.« was bei der Polizei: Ihre Namen tauchen gesagt, so der Polizist. Erst vor Ort habe
VE 1 – das ist die Abkürzung für den nicht in Verfahrensakten auf, schließlich er erfahren, dass noch eine dritte Person
verdeckten Ermittler auf der Leinwand. ist ihre Arbeit lebensgefährlich. Die erscheinen werde: ein »Araber« mit guten
Und der anonyme Informant ist wohl ein Undercoverbeamten gelten als Elite der Verbindungen zu einem Kartell. »Der Ara-

54 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


A B 21. NOV EMBER
IM K INO
ber wollte auch sogleich auf den Punkt dercoverauftritt fehlte also womöglich die
kommen, das heißt, über eine Einfuhr von juristische Grundlage.
Kokain verhandeln«, notierte VE 1 in den Nach monatelangen Ermittlungen –
Akten, die dem Prozess zugrunde liegen. Codename »Stark« – nahmen Drogen-
Die Version des »Arabers« ist indes eine fahnder im Dezember vergangenen Jahres
andere: Abdelkarim A., der derzeit in der Abdelkarim A. in Hamburg fest. In seinem
Justizvollzugsanstalt Stammheim in Unter- Rollkoffer fanden sie zehn Kilogramm Ko-
suchungshaft sitzt, sagt, er sei von dem Un- kain. Der Stoff war Teil einer Ladung von
dercoverbeamten in den Kokaindeal »hi- insgesamt 101,8 Kilogramm, die mit dem
neingedrängt« worden. Im Glauben, über Schiff aus Ecuador angekommen war, Stra-
mögliche Autogeschäfte reden zu können, ßenverkaufswert knapp neun Millionen
sei er der Einladung nach Frankfurt gefolgt. Euro. Den Deal hatte A. unter den Augen
Dann habe der Beamte, der sich »Lopez« des verdeckten Ermittlers eingefädelt.
nannte und aus Brüssel zu kommen vorgab, Laut Anklage war er Mittelsmann »poten-
das Gespräch auf seine angeblich guten ter Rauschgifthändler aus aller Welt«.
Verbindungen zum Zoll gelenkt: Damit sei Der Verdacht aber bleibt, dass der
auch die Einfuhr von Kokain möglich. Undercoverbeamte über den Beginn sei-
Sollte A.s Version stimmen, hätte der nes Einsatzes die Unwahrheit gesagt hat.
verdeckte Ermittler ihn womöglich zu Klarheit könnte die ursprüngliche Whats-
einer Straftat angestiftet – was verboten App-Nachricht schaffen, die ihm Alexan-
ist. Denn die Undercoverpolizisten dürfen der V. vor dem Treffen in Frankfurt schick-
im Einsatz zwar lügen und täuschen, aber te. Doch die hat der Kripomann gelöscht.
Ob er etwas zu dem Inhalt der Nachricht
sagen könne, fragte ihn der Richter im Pro-
zess. Nein, antwortete VE 1, hierzu habe
er keine Aussagegenehmigung, er dürfe
darauf nicht antworten. Ob er Alexander
V. schon länger kenne oder früher mit ihm
Geschäfte gemacht habe, wollte der Rich-
ter wissen. Erneut musste VE 1 passen: kei-
ne Aussagegenehmigung.
Die Behörden äußern sich nicht zu
MARIJAN MURAT / PICTURE ALLIANCE / DPA

dem Fall und auch nicht zu den Aussagen


des Hinweisgebers. Der machte in seinen
Mails Andeutungen, der verdeckte Ermitt-
ler genieße beim LKA Freiheiten wie ein
Superbulle in einem Spielfilm. Er verhalte
sich »mehr oder weniger unkontrolliert«,
schreibt der Informant. Er sei »mächtig«.
Der Verteidiger solle sich erkundigen, ob B A S I E R E N D A U F WA H R E N B E G E B E N H E I T E N
VE 1 »eng mit dem LKA-Präsidenten be-
freundet« sei »und mit ihm ins Ausland«
reise. Die Quelle zeichnete das Bild eines
Ermittlers, für den Vorgesetzte auch mal „ K EIR A K NI G H T L E Y
sie dürfen niemanden zu einer kriminellen beide Augen zudrückten. SP IELT SEN S AT I O NEL L“
Handlung verleiten. Und sie dürfen erst Die Verteidigung will nun im Prozess ver- THE TIMES
in ihre Rolle schlüpfen, wenn es bereits suchen, den Undercoverpolizisten der Lüge
ein Ermittlungsverfahren gibt. Es sei denn, zu überführen. Der Mann hat vor Gericht
es ist Gefahr im Verzug wie vor einem be- ausgesagt, seine Videobefragung werde we-
fürchteten Terroranschlag. der aufgezeichnet, noch seien andere Per-
Der LKA-Insider zweifelt offenbar an sonen mit ihm im Raum. Interne Protokolle,
der Glaubwürdigkeit seines verdeckt täti- die der Insider lieferte, belegen jedoch nach
gen Kollegen: Alexander V., der Mann, der Ansicht der Anwälte das Gegenteil: Das
den Marokkaner und den Beamten in LKA habe sehr wohl wörtlich mitgeschrie-
Frankfurt zusammengebracht haben soll, ben, was VE 1 vor Gericht sagte, so der
sei nicht irgendein Krimineller. Sondern Bonner Strafverteidiger Carsten Rubarth.
eine VP, eine Vertrauensperson der Polizei, Es geht zwar nur um einen Randaspekt
ein Spitzel, der mit dem verdeckten des Verfahrens, aber für den Beamten
Ermittler zusammenarbeite. »Fragen Sie steht viel auf dem Spiel, nämlich seine „ D ER F E S SEL ND S T E
VE 1, ob er versucht, eine VP zu schützen«, Glaubwürdigkeit.
schrieb der Insider den Verteidigern. Rubarth und seine Kollegen Markus T HR IL L ER 2 019 “
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DEADLINE
Demnach wäre der Angeklagte einem Bessler und Hans Steffan haben Anzeige
Schauspiel mit verteilten Rollen zwischen gegen den verdeckten Ermittler erstattet –
Polizist und Vertrauensperson auf den wegen uneidlicher Falschaussage.
Leim gegangen. Das Problem dabei: Zu Jörg Diehl, Roman Lehberger
diesem Zeitpunkt ermittelte das LKA noch Mail: joerg.diehl@spiegel.de
nicht gegen Abdelkarim A., für den Un-

55
Reporter
»Es ist ja scheißegal, was ich wähle.« ‣ S. 58

Ordnung
wurde geschlagen. Wenn Wie viel Platz
man beim Cicero nicht
mehr die richtige Zeile
braucht man zum
wusste, wenn die Über- Leben, Frau Hinz?
setzung nicht korrekt
war. Das reichte schon. SPIEGEL: Frau Hinz, Sie sind mit Ihrem
Ich spüre diese Hand Mann gerade in ein Kleinsthaus gezogen.
noch immer. In der Warum?
Volksschule gab es einen Hinz: Wir haben in einer Mietwohnung
Lehrer, bei dem konnte gelebt, auf 100 Quadratmetern. Wir
man sich Gutschriften haben gemerkt, dass wir viele Dinge
abholen, fünf Schläge besaßen, die wir nicht brauchten. Eine
auf Vorrat. Das war da- große Wohnung lädt ja dazu ein, Dinge
mals so. Mehr wehgetan zu kaufen. Die stehen dann rum oder lie-
hat die psychische Ge- gen in Kisten. Besitz beschwert einen
walt. Die Sprüche, wenn irgendwie. Wir wollten die Dinge, die
man vorn an der Tafel wir besitzen, auch kennen und nutzen.
stand. Den Eltern hat Wir wollten einfach fokussierter leben.
man nichts gesagt, SPIEGEL: Wie groß ist Ihr neues Haus?
die hätten uns nicht ge- Hinz: 28 Quadratmeter.
glaubt. Unsere Lehrer SPIEGEL: Was haben Sie aus Ihrer alten
waren ja alles Humanis- Wohnung mitgenommen? Wie sieht bei-
ten mit einem Dr. vor spielsweise Ihre Küche aus?
dem Namen. Das waren Hinz: Was wir lernen mussten: den Platz
Respektspersonen bei geschickt zu nutzen. Statt eines ganzen
uns auf dem Land, Geschirrservice brauchen wir nur noch
Familienalbum wie Ärzte. Wir wollten diesen Lehrer vier Bowls.

Kopfnuss, 1969
irgendwie zur Rechenschaft ziehen, SPIEGEL: Und wenn Freunde kommen,
deswegen das Foto. Als Beweis, damit müssen die Teller mitbringen?
er später bestraft würde. Aber es ist Hinz: Nein, dann leihen wir uns was bei
Theodor Lüpke-Narberhaus, 65: nie etwas passiert. Wir wären sofort den Nachbarn. Wir leben ja in einer
Das Foto hat immer auf einem Regal in von der Schule geflogen, wenn wir Tiny-House-Siedlung. Da kann man sich
meinem Arbeitszimmer gestanden, damit zum Direktor gegangen wären. sehr gut gegenseitig unterstützen.
zwischen den Büchern. Vielleicht, weil Nach dem Abi hatte ich die Nase ge- SPIEGEL: Haben Sie Platz für Bücher?
es mein Leben verändert hat. Es muss strichen voll von Schule. Aber dann Hinz: Für ein paar. Aber ich lese jetzt vor
1969 gewesen sein, neunte Klasse, bin ich selbst Lehrer geworden, Haupt- allem auf einem Kindle.
mein Kumpel Reinhard hatte die Voigt- und Realschule, wo die Schüler am SPIEGEL: Sie leben zu zweit auf
länder-Kamera unter dem Lateinbuch ehesten Hilfe brauchen. Ich wollte 28 Quadratmetern. Fehlt Ihnen
versteckt. Wir waren ja in der Foto- wohl zeigen, dass es auch anders geht. die Möglichkeit, sich zurückzuziehen?
Hinz: Manchmal schon. Wir haben unser
DIGITALVISION VECTORS / GETTY IMAGES
AG. In Cloppenburg war das einzige Exakt 42 Jahre lang bin ich dann als
Gymnasium weit und breit das Cle- Lehrer in der Schule gewesen, bis vor Tiny House gebraucht gekauft. Wenn wir
mens-August, mit externem katholi- einem Vierteljahr, als sich die Pensio- es selbst geplant hätten, würde es hier
schem Internat. Da war ich drauf und nierung nicht mehr hinausschieben wohl eine Tür geben, die man hinter sich
sollte möglichst Priester werden. Als ließ. Wirtschaft, Sport und Werken, zumachen kann. Aber mein Mann arbei-
Bauernkind konnte man froh sein, auf das waren meine Fächer. Und die tet außerhalb, er ist den Tag über nicht da.
das Gymnasium zu kommen. Es war Foto-AG. Dass dieser Lehrer auf dem SPIEGEL: Können Sie sich Kinder in
völlig normal, geschlagen zu werden. Foto damals damit durchgekommen einem Tiny House vorstellen?
Dabei waren wir ausgewachsene Kerle, ist, treibt mich immer noch um. Er Hinz: Auf jeden Fall. Das Praktische
aber das hat die Lehrer nicht interes- ist inzwischen verstorben. an Tiny Houses ist, dass sie mo-
siert. Der Lateinlehrer hatte seine eige- Aufgezeichnet von Alexander Smoltczyk dular erweiterbar sind. Wir
ne Technik. Der packte mit zwei Fin- können je nach Bedarf
gern der linken Hand das Haar ober- ‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie
ein weiteres Haus
halb der Schläfe und schlug mit der uns Ihre Geschichte erzählen möchten? dazustellen. UBU
rechten hinter den Kopf. Lange Haare Schreiben Sie an:
waren nicht erlaubt. Immer wieder familienalbum@spiegel.de Martina Hinz, 30,
ist Hotelmanagerin
im Fichtelgebirge.

56
sicher zu transportieren. Man kann mit einem BearCat aber
Eine Meldung und ihre Geschichte
auch durch Wände fahren.
Die Einsatzleitung gab den Befehl, mit dem BearCat die

Eindringlinge Haustür zu durchbrechen, außerdem je eine Tür an der West-


und an der Ostseite des Gebäudes. Die Polizisten hatten nun
einen schönen Blick ins Innere des Hauses. Seacat war nir-
gends zu sehen.
Warum die Polizei in Colorado Gegen 20.30 Uhr schossen Polizisten Tränengas ins Haus.
das Haus eines Unschuldigen zerstörte Als im ersten Stock ein Fenster geöffnet wurde, feuerten
sie weitere 40-Millimeter-Geschosse ab, möglicherweise
wollten sie Seacat aus dem Haus treiben. Scharfschützen

D ie Kette von Ereignissen, die dazu führte, dass Leo


Lech, 58 Jahre alt und von Beruf Elektroingenieur, erst
sein Haus und dann den Glauben an das Justizsystem
der USA verlor, begann vor etwas mehr als vier Jahren mit
gingen in Stellung.
Um Viertel vor zwei in der Nacht hatte die Einsatzleitung
das Warten offenbar satt. Um einen noch besseren Einblick
ins Hausinnere zu haben, sprengten die Beamten einen Teil
einem Diebstahl. Robert Jonathan Seacat soll in einem Wal- der Wand im ersten Stock weg. Über Lautsprecher forderten
mart in Aurora, Colorado, ein Hemd und zwei Gürtel geklaut sie Seacat auf, die Verhandlungen wieder aufzunehmen.
haben. Er flüchtete in einem goldfarbenen Lexus. Seacat schwieg.
Der Wagen wurde schnell entdeckt, abgestellt und fahrer- Die Polizei setzte erneut Tränengas ein.
los. Wenig später wurde auch Seacat gesichtet: Er lief quer Seacat reagierte nicht.
über acht Spuren der Interstate 225, kletterte auf der ande- Daraufhin wurde ein Teil der Ostwand weggesprengt.
ren Seite über einen Zaun und rannte weiter. In seinem Der Einsatz an der South Alton Street dauerte mittler-
Hosenbund, sagte eine Zeugin der Polizei, habe sie eine Waf- weile 17 Stunden. Die Polizei entschloss sich, die Sache zu
fe gesehen, wahrscheinlich Ende zu bringen. Sie ver-
Kaliber .380. mutete, dass Seacat sich im
Um 13.54 Uhr wurde un- hinteren Teil des Gebäudes
weit der Straße in einem aufhielt. Um einen »takti-
Wohnhaus an der South Al- schen Vorteil« zu bekom-

KATHRYN SCOTT OSLER / THE DENVER POST / GETTY IMAGES


ton Street ein Alarm ausge- men, so nannte es die Poli-
löst. Das Haus gehörte Leo zei später, durchbrach der
Lech. »Ich hatte es an mei- BearCat die Rückwand des
nen Sohn und seine Lebens- Hauses mehrmals mit einer
gefährtin vermietet«, sagt Ramme, bis alle Zimmer gut
Lech am Telefon. einsehbar waren.
Zwei Polizisten inspizier- Kurze Zeit später wurde
ten das Haus von außen, Seacat von Mitgliedern des
ebenso den Garten. Aus der Swat-Teams festgenommen.
Garage hörten sie Geräu- Als Leo Lech vor den Res-
sche. Die Lebensgefährtin ten seines Hauses stand, war
von Lechs Sohn meldete sich er fassungslos. Der Polizei-
bei der Polizei. Ihr neunjäh- chef von Greenwood Village
riger Sohn sei im Haus, er Lech sagte im Fernsehen: »Meine
habe sie angerufen und ge- Aufgabe ist es, den Eindring-
sagt, jemand sei eingebro- ling unverletzt aus dem Haus
chen. Die Polizei riet, der zu holen und sicherzustellen,
Junge solle sich aus dem dass auch meine Kollegen
Haus schleichen; das gelang. und die Nachbarn sicher
Als sich wenige Minuten nach Hause zurückkehren.«
später beide Garagentore Von der Website Globalnews.ca Er fügte hinzu: »Manchmal
öffneten und anschließend wird dabei Eigentum beschä-
wieder senkten, blockierten digt, ich bedauere das.«
Polizisten die Einfahrt des Hauses mit Streifenwagen. Nun Leo Lech wandte sich an die Stadtverwaltung. Er ver-
schoss Seacat das erste Mal. Die Kugel durchschlug das Ga- langte eine Entschädigung. Die Stadt nannte das Verhalten
ragentor und dann die Haube eines Polizeiwagens. der Polizei »verhältnismäßig«, erklärte sich jedoch bereit,
Die Beamten forderten Verstärkung an, unter anderem das 5000 Dollar zu zahlen, eine Summe, die Lech als »Unver-
Swat-Team von Greenwood Village, eine taktische Spezial- schämtheit« bezeichnet. Er klagte, verlor aber. Die Polizisten
einheit der Polizei. Dem Team zugeordnet war Mic Smith, hätten lediglich die Aufgabe erfüllt, die ihnen aufgetragen
geschult unter anderem in Verhandlungen mit Geiselnehmern. worden sei, argumentierte das Gericht – die Stadt sei für
In den folgenden drei Stunden telefonierte Smith mehrmals eventuelle Schäden nicht haftbar zu machen. Lech ging in
mit Seacat. Sie versuchte, ihn davon zu überzeugen, dass Berufung und verlor erneut. Am Telefon spricht er von
es besser sei, sich zu ergeben. Seacat weigerte sich. Gegen »Tyrannei«, vom »Ende der Demokratie«, die Sache regt
18 Uhr stellte er die Kommunikation ein. ihn noch immer auf.
Die Einsatzleitung entschloss sich daraufhin, das Vorgehen Er wolle weiter klagen, sagt er, wenn nötig bis zum Obers-
zu ändern. Durch die Fenster feuerten Polizisten zwei 40-Mil- ten Gerichtshof. »Ich fordere ja keine Millionen«, sagt er,
limeter-Geschosse ins Haus. Als Seacat nicht reagierte, ord- »ich will nur mein Geld zurück.«
nete die Einsatzleitung an, den BearCat einzusetzen. Das Haus hat er inzwischen wiederaufgebaut, mit dem
Ein BearCat ist ein gepanzertes Einsatzfahrzeug. Es wiegt Geld seiner Versicherung. Den Rest, rund 400 000 Dollar,
acht Tonnen und dient üblicherweise dazu, Einsatzkräfte hat Lech sich bei der Bank geliehen. Uwe Buse

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 57


Reporter

Ortskontrollfahrt
Heimat Lübtheen in Mecklenburg ist bekannt für Waldbrände, die NPD im Stadtrat und einen
Mangel an jungen Frauen. Die Zurückgelassenen treffen sich an der Tankstelle
und hoffen, dass sich nichts verändert. Von Cathrin Schmiegel und Maria Feck (Fotos)

E
s gingen weg: die Tochter vom ne Kratzer im Lack. Er nennt diese Fahr- saden, weg von dem Zwang, diesen Ort
Hotelbesitzer Behrend, die Toch- ten »Ortskontrollfahrten«, kurz OKF. im Elbtal für den Rest ihres Lebens aus-
ter vom Tischler Zwar, die Enkelin Mit dem Auto erkundet er die Straßen zuhalten.
von der Bäckerin Straßer, die von Lübtheen, will wissen, ob sich irgend- Vor allem die Frauen sind verschwun-
Tochter von Frau Paetow aus dem Heimat- was verändert hat in den vergangenen den, verschwinden immer noch. Heute ist
museum, die die Geschichte von Lübtheen 24 Stunden. Heiko will den Überblick Lübtheen der Ort mit den wenigsten Frau-
in Klarsichtfolien konserviert. Sie wurden behalten, über die kleinen Dinge, die in en zwischen 20 und 39 Jahren in ganz Ost-
Polizistin, Zahnärztin, Steuerberaterin, sie Lübtheen ganz groß sein können, und deutschland. Auf jede Frau in diesem Alter
gingen nach Schwerin, nach Bayern, nach die wirklich großen, die es in die Nach- kommen in Lübtheen fast zwei Männer.
Schweden. richten schaffen wie der schlimmste Was machen junge Männer in einer
Diejenigen, die geblieben sind, treffen Waldbrand in der Nachkriegsgeschichte Stadt, aus der die jungen Frauen fortgehen?
sich an der Shell-Tankstelle, sie taucht Mecklenburgs in diesem Sommer, bei Heiko fährt durch Lübtheen, der Polizei
an der nördlichen Zufahrt so plötzlich auf dem erst der stillgelegte Lübtheener Trup- hinterher, redet mit Gabi von der Tank-
wie die Ortstafel von Lübtheen. Vor der penübungsplatz Feuer fing und dann in stelle, fährt vorbei an Rauputzhäusern,
Kasse steht Heiko, er ist 31 Jahre alt, die einer Woche 1200 Hektar Wald brannten. vorbei am Motocrossklub, am Ringerver-
Schläfen kurz rasiert. Er hat die Hände in Heiko wusste davon, kurz nachdem er ein, wo andere junge Männer ihre Körper
der Jogginghose und fragt, was er fast je- den Rauch über der Stadt hatte schweben über Matten wuchten. Er hebt bei seinen
den Samstag fragt: »Hast du noch ’ne sehen. Fahrten immer wieder kurz die rechte
Knack da, Gabi?« Lübtheen, eine Kleinstadt in Mecklen- Hand vom Lenkrad. Die Leute sollen ihn
Und Gabi, Kassiererin, hebt den Deckel burg-Vorpommern, 4898 Einwohner, eine sehen, sollen wissen, Heiko ist da, Heiko
vom Wurstwärmer, schaut hinein, die Luft Autostunde von Schwerin entfernt. Von schaut nach dem Rechten.
riecht nach Salz, und sagt: Heikos Beifahrersitz aus betrachtet, ein Von Heikos Beifahrersitz aus betrach-
»Eine noch. Mit Brötchen?« Ort mit zig Linden, die Wahrzeichen sind tet, ist Lübtheen: Netto, Nahkauf, Lidl,
»Nee, auf Pappe bitte.« und ihm doch bloß die Autofenster zu- drei Wirtshäuser und die Schenke »Stadt-
»Senf?« kleistern. krug«, in denen sich die Alten und manch-
»Beides.« Als die Mauer fiel und Heiko ein Jahr mal auch Junge zu Bier und Skat verab-
Heiko geht rüber zu seinem Stamm- alt war, sind viele Menschen von hier reden.
platz, hockt sich auf die rote Kunstleder- weggezogen. Sie sind über die nur wenige Fragt man dann die, die geblieben sind,
bank, tunkt die Wurst in Senf und Ketch- Kilometer entfernte Grenze in den deut- warum sie geblieben sind und wie es ih-
up, die sich zu einer orangenen Masse schen Westen oder ins Ausland. Sie gin- nen hier geht, antworten sie gern mit
vermischen, beißt ab und schaut aus den gen weg von den bröckelnden Hausfas- »Muss ja«, als wäre das Leben bloß ein
Fenstern vorbei an den Zapfsäulen, vor- Schulterzucken und Lübtheen einem nun
bei an seinem VW Golf, der an der Seite mal passiert.
parkt, über die Rudolf-Breitscheid-Straße Es sind diese Menschen, um die sich die
ins Nichts. Politik sorgt. Bei denen sie fürchtet, dass
Man schaut hinterher und fragt: »Was sie der Demokratie abhandenkommen
passiert heute noch?« könnten. Die den anderen hinterhersehen,
»In Lübtheen passiert immer irgend- die gegangen sind, die vom Staat nichts er-
was«, sagt er. warten. Denen der Staat egal ist, weil sie
Bevor Heiko seinen Beifahrersitz frei- das Gefühl haben, dass sie dem Staat egal
gibt, kennt man ihn schon einige Tage, er sind. Die dann AfD wählen – oder gleich
stellt Regeln auf: kein Kaffee im Papp- die NPD, die hier in Lübtheen im Stadtrat
becher, keine angesteckte Kippe. Seine sitzt.
Ex habe deswegen schon mal an der Land- Bei seiner Ortskontrollfahrt kommt
straße aussteigen müssen, »draußen fer- Heiko vorbei am Marktplatz, einem mit
tigrauchen«. Hecken eingezäunten Parkplatz, wo das
Heiko lässt den Motor an, »Golfried«, ehemalige »Hotel Stadt Hamburg« steht.
so steht es in roten Klebebuchstaben an Das Backsteinhaus mit den Fenstern,
seiner Windschutzscheibe, ist 28 Jahre alt, die keiner mehr putzt, war früher mal ein
ein VW Golf III GTI in der Farbe Dusty Hotel, dann machte es Udo Pastörs, der
Mauve, ein verwaschenes Aubergine. damalige Landtagsabgeordnete der NPD,
Wie an fast jedem Tag im Jahr fährt zu seiner Wahlkampfzentrale. Jetzt ist es
Heiko durch Lübtheen, Strich 50. Heiko Seitenstraße in Lübtheen ihr inoffizielles Büro. Vor 13 Jahren hat
will keinen Ärger mit der Polizei, will kei- »Muss ja« sich die Partei so in den Ort geschlichen,

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Golf-Fahrer Heiko
Reporter

machte ihn deutschlandweit bekannt als fergelegt und sich gerade Porschefelgen Pascal arbeitet als Konstruktionsme-
NPD-Hochburg, die Funktionäre haben gekauft hat. chaniker, Tobi als Kfz-Mechatroniker und
Wohnungen und Häuser gekauft, sind für Heiko erzählt gern von »Golfried«. Heiko als Maschinen- und Anlagenbedie-
die Lübtheener von Fremden zu Nachbarn Knapp 7000 Euro habe er in die »220- ner in einer Firma, die Abwasser- und
geworden, an die man sich bei jedem Müll- Euro-Karre« schon gesteckt, bis sie so Trinkwassertanks produziert, fünf Tage
raustragen und jedem »Guten Morgen« aussah, wie er es wollte. Er erzählt, er und 40 Stunden, jede Woche, ein paar
ein bisschen mehr gewöhnte. Heiko sagt, habe drei andere Golf dafür ausgeschlach- Orte weiter.
er kenne diese Leute, wie man sich halt tet, dass er Originalteile verbauen kann An ihren freien Tagen fahren sie zu Tu-
kennt in einer Kleinstadt. von 1992, »keinen Zubehörscheiß oder so ningtreffen wie dem »OneDay«, das nur
Bei der Kommunalwahl im Mai kam die was«. »Golfried« sei ein Liebhaberstück, wenige Kilometer von Lübtheen entfernt
NPD auf elf Prozent der Stimmen. nichts zum Rasen. stattfindet. Dort parken sie ihre Autos
Geht er wählen? Heiko erzählt gern davon, wie er mit neben Menschen auf Campingstühlen,
»Ja, wenn ich es zeitlich schaffe.« seinem Cousin den roten Streifen auf Shishas und aufgemotzten VW, Porsche
Und wen? die Karosserie geklebt habe, der so ty- Carreras und alten Mercedes, auf deren
»Verrat ich nicht.« pisch sei für das Modell, und wie er sei- Windschutzscheibe oder Heck sie Sticker
NPD? nen Wagen tiefergelegt habe, so tief, dass kleben: »Tiefenentspannt« steht da dann,
»Nein. Es ist ja scheißegal, was ich noch nicht mal eine Dose Red Bull drun- »Attraktief«, »Tiefseetaucher« oder »flach-
wähle. Jede Partei hat irgendwie positive terpasste. Neunmal, sagt er, sei er beim gelegt«.
Eigenschaften und schlechte.« TÜV gewesen. Heiko parkt an solchen Tagen außer-
Heiko schaltet seine Anlage an, 5000 Immerhin, die originalen Hella-Lin- halb des Geländes, später sagt er, er habe
Watt, elektronische Musik wummert senscheinwerfer hat der TÜV ihm durch- es halt nicht nötig, diesen Fame, also die
aus den Boxen. Der Bass aufs Minimum gehen lassen, die »nur kurz für den Golf Aufmerksamkeit. Was er nicht sagt, ist,
gedreht, minus acht. Sonst haue es ihm III hergestellt« wurden und die ein Faden- dass die meisten der anderen Autos viel
die Heckscheibe raus, sagt Heiko. Einmal kreuz werfen, als würde er einen Panzer teurer sind als »Golfried«.
sei ihm das passiert, und die Gummidich- mit Zielfernrohr fahren und keinen GTI. Bei seiner OKF durch Lübtheen fährt
tung, die das Glas halte, sei ja eh schon »Du musst das nachts sehen«, sagt er. »Das Heiko vorbei am »Imbiß Alladin«, in dem
wieder porös. Der Bass ist eines seiner ist so scheißegeil.« Heiko holt, wenn er da- auf einer Tafel Fotos von Pizzen, Burgern,
größten Probleme. Das andere tut sich von erzählt, sein Handy raus, zeigt Fotos, Dürüm abgebildet sind und bei dem Heiko
immer mal wieder vor ihm auf: Kopfstein- auf seiner Runde immer vorbeikommt.
pflaster. Heiko muss runterschalten, sonst Manchmal kommen Heiko und Wilko her,
seien die Stoßdämpfer bald hinüber, der »Wir reden reden ein wenig mit Ali, kaufen sich eine
Motor gluckert beim Schalten. »Hörst du 60 Prozent über Currywurst mit viel Curryketchup und ein
das?«, fragt er. »Das ist das geilste Ge- paar Pommes und versuchen, während sie
räusch der Welt.« Autos und kauen, mit dem Wechselgeld am Spiel-
Früher, als Heiko noch ein kleiner Jun- 40 über Weiber.« automaten ihre nächste Currywurst zu ge-
ge war, lebte er ein paar Orte weiter. Dort winnen. Heiko sagt, es gebe nur einen Aus-
hatte sein Vater ein Haus, den Hof voller länder, dem er den Job wirklich gönne,
ausgeschlachteter Autos. Der Vater, ein sagt, er fotografiere ihn oft, nachdem er weil der so hart arbeite für sein Geld. Und
Heizungsbauer, schraubte herum. Heiko ihn geparkt habe. Wenn die Sonne weg das sei Ali.
schaute zu. Die Mutter ging fort. sei, falle das Licht manchmal so schön auf Und was sagt er zu den Arbeitern aus
Heiko blieb zurück. Seine Mutter be- den Lack. Bulgarien und Slowenien im Ort?
kam weitere Kinder, sein Vater auch. Hei- Immer wenn man sich mit Heiko und »Die leben da in ihren Plattenbauten
ko hat heute neun Geschwister. Mit 15 leb- den anderen trifft, sprechen sie über Ver- unter sich, keiner integriert.«
te er allein. Wegen einer Frau zog er nach gaser, Auspuffrohre, Felgen, oder sie rei- Stört ihn das?
Lübtheen, auch sie ging, er blieb. chen Anzeigen für Ersatzteile bei Ebay- »Irgendwann musst du das akzeptieren,
Heiko mag keine Veränderung. Heiko Kleinanzeigen herum wie andere ihre Ur- du kannst als Einzelner ja nichts machen.«
mag Lübtheen. laubsbilder. »Was meinste«, fragt einer Heiko fährt weiter zum Skatepark am
Er fährt vorbei am Kirchplatz. Wenn dann den anderen über einen Motor, Kiebitzweg, wo keiner ist, den er mehr als
sie nicht an der Tankstelle sind, stehen »kriegt man den eingebaut?« nur vom Sehen kennt. Ein grauer Hyundai
Heiko und seine Jungs dort, hin und wie- Dabei hocken sie seitlich auf ihren blinkt hinter ihm auf. Tobi zieht seinen
der verabreden sie sich mit Sprachnach- Fahrersitzen bei offenen Türen, das eine Wagen neben Heikos Fahrertür. »Hey, na«,
richten. Meistens sind sie einfach da und Bein hängt aus dem Wagen, das andere sagen sie. »Na, ihr«, sagt Heiko. »Wir ma-
stellen sich neben ihre aufpolierten Egos steht auf der Karosserie. Oder sie lehnen chen OKF.« »Aha«, sagt Tobi. »Wir quat-
aus Blech. sich dagegen, wenn sie nichts tragen, was schen später.«
Hier in Lübtheen ist Heiko nicht einer den Lack ruinieren könnte, vorzugsweise Es gibt Leute in Lübtheen, die nennen
von vielen, er ist einer von ihnen. Jogginghose, rauchen selbst gestopfte Heiko »Gott«. Weil Heiko immer alles
Da gibt es Pascal, 23, mit seinem Seat Kippen, trinken Veltins V+ in den Ge- fragt, weil ihm jeder immer alles anver-
Leon 1P FR mit goldenen Felgen und ei- schmacksrichtungen »Lemon Grapefruit« traut, weil Heiko fast jeden kennt.
nem Airride-Fahrwerk, weswegen er ihn oder »Berry«. Einmal fährt einer von der AfD vorbei,
auf normaler Höhe fahren und beim Par- Hiergeblieben sind die, die ihr Geld im Heiko nickt, sagt: »Das ist mein Vermieter,
ken absenken kann. Pascals Bruder Tobi, Schichtbetrieb und im Handwerk verdie- früher war der bei der NPD.« Er lässt den
27, mit seinem Hyundai i30, der auch so nen, manche bei den zwei großen Arbeit- Nachsatz beiläufig fallen, »natürlich« habe
ein Fahrwerk eingebaut hat. Wilko, 29, gebern im Ort: beim Kosmetikartikel- er davon gewusst, damals bei seinem Ein-
Vater von zwei Kindern, gerade in einer hersteller Dankwardt oder bei Brüggen, zug. Aber er fragt auch, warum er das
Beziehung mit einer jüngeren Frau, die die Lkw-Trailer produzieren, wo sie sich nicht hätte machen sollen, denn eine Mei-
nicht ihre Mutter ist, und einer von Hei- die Schichten mit Zeitarbeitern aus Bul- nung habe ja jeder, den Mann nennt er
kos besten Freunden, der seinen Golf tie- garien und Slowenien teilen. einen »Topvermieter«.

60 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


die nicht wirklich zu der Gruppe gehören,
die aber auch nicht weggescheucht wer-
den. »Tiger« ist einer von ihnen, er ist
Mitte vierzig, arbeitslos, mit Thoranhän-
ger, kaputten Zähnen, der in seinem
WhatsApp-Status zwei Billardkugeln mit
der Zahl 8 und zwei Deutschlandflaggen
stehen hat.
Tiger hat keine Lust, mit fremden Leu-
ten zu reden, er sagt bei der ersten Be-
gegnung, dass einem die Ausländer die
Jobs wegnähmen. Bei einem zweiten
zufälligen Treffen erzählt er von seiner
Ex-Freundin, mit der er um das Sorge-
recht für seinen kleinen Sohn streite.
Beim dritten Mal, an der Kasse im Super-
markt, lädt er ein in seine Wohnung.
Tiger bittet auf die Eckcouch, stellt
pinkfarbenes Brausewasser auf den Glas-
tisch, wo eine Packung Hülsen liegen, eine
Tabakdose aus Plastik, ein Zierdeckchen
mit Sonnenblumen. An der Wand gegen-
über hängt ein Messingschild, DIN-A4-
groß, mit dem Aufdruck »Deutsches
Reich«, in der Ecke stehen zwei Ariel-Kar-
tons mit der Zahl 88, die Tiger sich 2014
bei Netto gekauft hat, bevor der Wasch-
mittelhersteller merkte, dass die 88 unter
Rechten auch als Code für »HH« steht,
»Heil Hitler«.
Tiger raucht Kette, selbst gestopfte Pall
Mall, nimmt einen Schluck von seinem
Bier, das er sich vorhin im Supermarkt
gekauft hat. Dann spricht er darüber, wie
er damals ein Asylbewerberheim ange-
zündet habe. Er spricht fast keinen Satz
zu Ende, setzt neu an, doch irgendwann
im Gespräch wird klar, er meint den An-
schlag in Rostock-Lichtenhagen, 1992. Da-
nach habe er von dort weggemusst, sagt
er, mit seiner Mutter sei er nach Lüb-
theen gezogen.
Er sagt nichts mehr dazu, erzählt von
seinem Wunsch, um Deutschland eine
Kampfhund Addi bei Messe in Lübtheen: »Wir haben ja Vereine« Mauer zu ziehen, weil Deutschland reich
genug sei, um sich selbst zu versorgen, mit
dem Salzvorkommen und der Möglichkeit,
Wenn was kaputtgehe, sagt Heiko, habe Er wolle einmal überallhin reisen und Kartoffeln zu ernten.
der einen Handwerker, der alles sofort re- gucken, »Lübtheen, sag ich jetzt mal, ist Er sei kein NPD-Mitglied, sagt er, ma-
pariere. Die Wohnung sei schön und güns- ja nicht alles«, sagt er. Heiko träumt vom che sein »eigenes Ding«.
tig und so groß, dass er seine Felgen im Machu Picchu in Peru. Doch der Moment, Heiko und die Jungs sind bei diesem
Wohnzimmer lagern könne und manch- sagt er, sei jetzt noch nicht da. Und wenn Treffen nicht dabei, sie seien nie in Tigers
mal im Winter auch einen Satz Reifen. Vor man ihn fragt, was ihn zurückhält, warum Wohnung, sagen sie, begegneten ihm nur
einiger Zeit habe er sich von einer Frau er nicht fährt, weicht er aus und sagt: »Ich zufällig. Auf ihn angesprochen, sagt Heiko:
getrennt, die mit ihm dort lebte. Und Hei- kann ja nicht einfach meine Arbeit kün- »Wir machen nur Small Talk und hängen
ko sagt über den Vermieter, wenn er dem digen.« ja nicht mit ihm rum.«
mal zufällig begegne, dann könne er mit Heiko bleibt in Lübtheen, schraubt Ute Lindenau, SPD, ist seit 18 Jahren
ihm über alles reden, vor allem, sagt er, weiter an seinem Auto herum und klickt Bürgermeisterin von Lübtheen, was hat
»über Geschichte«. sich in YouTube-Videos durch eine Zeit, sie anzubieten für die jungen Männer,
Heiko schaut ständig Dokumentationen, in der die Männer alles in der Welt be- die am Kirchplatz herumhängen? Was sagt
im Fernsehen, auf YouTube, sucht dort stimmten. sie den Menschen, an denen sie auf der
nach dem Begriff »Geschichte«, Maya, Az- Bei seiner Ortskontrollfahrt kommt er Handwerkermesse vorbeiläuft, die ihren
teken, Inka. Er gucke überall und fast an am Kirchplatz vorbei, an manchen Tagen weißen Kampfhund »Addi« rufen, kurz
jedem Tag, sagt er, weil er es faszinierend endet seine Fahrt auch dort, er schaut rü- für Adolf?
finde, wie sie mit den einfachsten Werk- ber, es steht gerade keiner da, er fährt wei- Fragt man sie, was Lübtheen für jün-
zeugen Pyramiden gebaut haben. ter. Manchmal, wenn er und die Jungs am gere Leute mache, dann sagt sie: »Wir
Etwas, das bleibt. Kirchplatz stehen, kommen Leute dazu, haben ja Vereine« und meint vor allem

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Reporter

dem ruhigen Leben, und er fängt an, von


der NPD zu erzählen. »Die machen we-
nigstens was für einen«, sagt er.
Was sie machen, kann er nicht sagen,
auch nach der dritten Nachfrage nicht, er
sagt nur: »Die lassen einen leben, wie man
will.«
Kurz darauf geht er, lallt »White
Power«, Gruß zwischen Neonazis, keiner
von den anderen zuckt, und da ist keiner,
der widerspricht.
Heiko will gar nicht darüber reden,
meint nur: Man solle die Gespräche
über die NPD doch lassen. Er sagt: »Wir
grillen jetzt.«
Fast nie lässt sich Heiko zu einer poli-
tischen Aussage hinreißen. Doch als es
ein letztes Mal darum gehen soll, ob es
Parteien gibt oder Meinungen, die er
befürwortet oder die er ablehnt, sagt er,
von wem er gar nichts hält: von Greta.
Ihr Denken sei egoistisch und ihr Wunsch,
die Klimakrise abzuwenden, irgendwie
verlogen.
Treffpunkt Tankstelle in Lübtheen, Heiko (M.): »Die lassen einen leben, wie man will« Auch von den Grünen halte er nichts,
sagt er. Weil Elektroautos, die die Partei
gut findet, gar nicht besser für die Umwelt
den Ringerverein und die Motocross- Warum bleibst du hier? seien. Weil die Grünen Fahrverbote in
Strecke. Dazu, warum so viele gehen, »Keine Ahnung, weil ich zu faul bin, um Städten und Tempolimits auf der Auto-
sagt sie: »Das ist normal, das machen jun- wegzuziehen?« bahn wollten. Er sagt, er lasse sich seinen
ge Leute. Irgendwann kommen sie zu- Vor Jahren hat Heiko auch mal überlegt, Golf ganz sicher nicht verbieten.
rück.« Und zur NPD? »Die sind in der aus Lübtheen wegzugehen. In Berlin konn- Es wird spät, die Würste und die Steaks
Unterzahl.« te er sich die Stadtteile nicht merken. Zu sind gegessen, Tobi fängt an, alte Holzbän-
Fragt man die Jungs, was sie von überlaufen. In Hamburg lebten seine Be- ke in die Tonne zu stecken und sie darin
Ute Lindenau halten, sagt Heiko: »Was kannten hinter Sicherheitstüren und hät- zu verbrennen.
bringen mir als Autotuner denn bitte diese ten zu kleine Toiletten. Sie reden über Lederbalsam fürs Auto,
Vereine?« Zur Bundespolitik: »Die sind Also ist Heiko in Lübtheen geblieben. welcher gut ist und welcher nicht, aber
doch korrupt.« Pascal zuckt mit den Schul- Feiert Weihnachten allein, weil er sich nie- eigentlich reden sie über etwas anderes.
tern. Wilko sagt: »Ich interessier mich mandem aufdrängen möchte. Geht stun- Sie sagen: Ich bin noch da, du bist noch
nicht für so was.« denlang an die Tanke, redet mit Gabi, da. Sie reden, weil nur Reden ihnen die
Nach der Ortskontrollfahrt, sie endet zockt am Abend Computerspiele, die an Gewissheit gibt, das noch jemand da ist.
am Nahkauf, sagt Heiko: »Heute ist es Indiana Jones erinnern. Dass es ein Leben jenseits von Groß-
ruhig gewesen«, und steigt aus seinem Wa- Wie findet er die Frauen, die gehen? städten, Parteienstreit und Aufstiegshoff-
gen. Er will noch einen Sixpack Veltins »Mutig.« nung gibt – ein Leben zwischen Tankstelle,
kaufen. Steaks bei Lidl hat er schon be- Wenn er sich mit seinen Jungs trifft, Wurstwärmer und Grillrost.
sorgt, fürs Grillen bei Tobi, wo er seine klingt Heiko anders. »Wir reden 60 Pro- Um kurz vor elf Uhr, als die meisten ge-
Jungs trifft, es kommen heute auch andere, zent über Autos und 40 über Weiber«, gangen sind, steht Heiko auf, geht zu sei-
die ihre Freundinnen mitbringen und man- sagt er dann, korrigiert sich, lacht sein bel- nem Auto, fährt zurück nach Lübtheen.
che auch ihre Kinder. lendes Lachen, »äh, ’tschuldigung. Frauen, Er sagt, als er am Ortschild vorbei ist, was
Irgendwann will auch Heiko zwei Kin- meine ich.« er am besten findet an Lübtheen: »Na ja,
der. Einen Jungen, ein Mädchen, damit Um 18 Uhr fährt Heiko zu Tobi, der man kann fast alles machen, was man will,
der große Bruder auf das Mädchen auf- Himmel ist grau, als hätte jemand im hat seine Ruhe, und trotzdem weiß man
passen kann. Eine echte Familie, nicht so Tuschkasten alle Farben durchgemischt. über alles Bescheid.«
wie bei den anderen im Ort, die sich tren- 15 Kilometer lang kommt man hier vorbei Dann zieht er vorbei am »Hotel Stadt
nen, noch vor der Geburt. Heiko will hei- an Feldern mit Mais und mit Raps und Hamburg«, rattert über das Kopfsteinpflas-
raten, und auf seiner Hochzeit soll »No- an Bäumen, die krumm und anmutig sind ter. Er blinkt rechts, sein Motor gluckert,
vember Rain« von Guns N’ Roses gespielt wie Greise. er rollt langsam auf den Kirchplatz. Ein
werden. Bei Tobi steht, in einem kleinen Garten Typ in einem weißen Transporter steht da
Heiko hat gelegentlich Frauen von au- hinter Sperrholzwänden und vor einer mit zwei anderen, die Scheinwerfer sind
ßerhalb gedatet, die er über Facebook ken- Wellblechhütte, eine 200-Liter-Tonne mit aus, das Fenster an der Fahrertür ist offen.
nengelernt hatte, jetzt suche er die Richti- Grillrost darauf. Tobi lehnt darüber, dreht Heiko fragt ihn: »Geht heute noch was?«
ge, sagt er. Steaks und Bratwürste über den Flammen. Und der andere sagt: »Was soll denn ge-
Eine, die für immer bleibt. Pascal spielt Fangen mit einem fünf Jahre hen?«
Wie sind die Frauen in Lübtheen? alten Mädchen. Wilko kommt zu spät, Dann bleibt Heiko mit seinem Golf III
»Die sind gar nicht mein Fall.« und Heiko nimmt sich aus seinem Sixpack GTI noch eine Weile mit laufendem Motor
Warum gehst du nicht? eine Flasche Bier. Man fragt einen Typen, bei ihnen sitzen.
»Ich bin sesshaft.« den man nicht kennt, was ihm gefalle an

62 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Balagan
Kind durch den Fleischwolf gedreht hat, daraus Buletten ge-
macht hat, ihrem Mann vorgesetzt hat, weil sie sich bei dem
rächen wollte«. Dazu sah man das erschrockene Gesicht von
Ben Beckers Tochter Lilith, die ebenfalls Gast in der Talk-
show war.
Leitkultur Alexander Osang über In ein paar Jahren wird der Mauerfall so etwas wie Hallo-
Raketen zum Mauerfall ween sein. Mit den Blättern fällt die Mauer. Kinder ziehen
sich lustige Jeansanzüge an und gehen als Ostdeutsche auf
Süßigkeitenjagd. Wie hieß der erste Staatsratsvorsitzende

A m Dienstagmorgen wurde ich zum ersten Mal in mei-


nem Leben durch Raketenalarm geweckt. Es war kurz
nach sieben und sowieso Zeit aufzustehen. Ich schaltete
die Kaffeemaschine ein, meine Frau telefonierte mit unserer
der DDR? Heinz Rühmann? Fritz Haarmann? Adolf Hitler?
Nicht ganz. Kriegst trotzdem ein Snickers, du kleines Mauer-
kind, du. Irgendwann wird alle Geschichte zum Denkmal
oder zum Musical.
Nachbarin, die vielleicht gleich mit ihrer Tochter zu uns kom- Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und hörte einem
men würde. Wir haben keinen Bunkerraum, wohnen aber israelischen General zu, der mir am Telefon erklärte, die
nicht direkt unterm Dach wie sie. Ich stand ein bisschen län- Hamas sei jetzt ein verlässlicher Partner, Gaza gehöre ei-
ger vorm Kleiderschrank, weil ich angemessen gekleidet sein gentlich nicht mehr zu Israel, die Ermordung des Dschiha-
wollte. Was auch immer passierte, ich hatte das Gefühl, besser disten sei kein Abschiedsgruß von Netanyahu, sie sei lange
lange Hosen zu tragen. Die Raketen kamen aus Gaza. Eine geplant gewesen. Es klang so, als hätten sie alles im Griff,
hatte es bis nach Holon geschafft, das ist fünf Kilometer von aber während er sprach, summte meine Raketen-App wie
uns entfernt. Der Islamische Dschihad reagierte auf die Er- eine Hummel. Gegen zehn gingen die Sirenen wieder an.
mordung seines Anführers in Gaza. Baha Abu al-Ata war Die Einschläge kamen näher. Diesmal traf es unseren Nach-
tot, in Jaffa fiel die Schule aus. barbezirk Bat Jam, wo meine Kollegin Hanin wohnt. Sie
Die Raketen-App auf saß am Schreibtisch neben
meinem Handy summte un- mir. Sie rief ihre Kinder an,
unterbrochen. Sie zeigt an, die von einer Babysitterin
wo es gerade knallt. Jede betreut wurden. Man hörte
einzelne Rakete. Geschrei. Die Kinder stan-
Unsere Nachbarin kam den im Treppenhaus ihres
dann doch nicht. Sie fuhr Wohnblocks, weil dort die
mit ihrer Tochter zum Flug- Konstruktion wohl am sta-
hafen und floh nach Ams- bilsten ist.
terdam. Sie komme zurück, Für den nächsten Tag bot
wenn der Balagan vorbei mir eine Medienagentur an,
ist, schrieb sie nach der mich an die Grenze zu Gaza
Landung. Balagan ist ein zu fahren, Abfahrt um acht
schönes Wort, das sie in Is- ALEXANDER OSANG / DER SPIEGEL
in Jerusalem. Das machen
rael oft benutzen. Heilloses sie gern, wenn Raketen flie-
Durcheinander. gen. Ich war im Mai dabei.
Ich dachte an die Canna- Man kann in Einschlagslö-
bisfarmer im Grenzgebiet cher starren, gelegentlich
zu Gaza, die ich am Vortag wackelt der Boden. Man be-
besucht hatte. Junge Men- kommt Gefahr geboten. Im
schen in weißen Kitteln, Hochzeitspaar, Brautjungfer nahe dem Strand von Tel Aviv Süden filmte eine Verkehrs-
die in blitzsauberer Umge- kamera eine Rakete, die auf
bung zwischen prächtigen eine Straßenkreuzung fiel.
Grasbüscheln herumwandelten. Sie würden in diesem satten In einem anderen kurzen Film konnte man dem neuen
Weedgeruch stehen, während über ihnen die Raketen flogen, israelischen Verteidigungsminister Naftali Bennett dabei
die mir meine App anzeigte. zusehen, wie er einen Verteidigungsminister spielte. Er stand
Und dann dachte ich an den Text, den ich heute Morgen in einem Waldstück. In Gaza starben die ersten Palästinenser.
eigentlich schreiben wollte. Einen Text über das heillose, Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Balagan irgend-
entrückte Durcheinander, mit dem sich Deutschland in den wann vorbei ist, aber am Abend hörte wenigstens meine Ra-
vergangenen Tagen an den Mauerfall erinnert hatte. Neben keten-App kurz auf zu summen. Ich fühlte mich, als wirkten
dem Brandenburger Tor drehte sich ein Ballon mit einer an- die Kopfschmerztabletten. Ich lief mit meiner Frau zum
tiisraelischen Botschaft. Am 9. November. Hertha BSC hatte Strand. Es war ein unwirklich schöner Sonnenuntergang. Bis
im Olympiastadion eine Pappmauer aufbauen lassen, durch wir am Wasser waren, trafen wir drei Hochzeitspaare, die
die vorm Bundesligaspiel gegen Leipzig ein Trabant fuhr. sich im Abendrot fotografieren ließen. Vielleicht wollten sie
Für das ZDF ließ sich Dunja Hayali auf einem Hocker im ihren Kindern später sagen können: Wir haben an dem Tag
Stasigefängnis Hohenschönhausen filmen und erklärte ihrem geheiratet, als der Krieg anfing. Aber das ist ein sehr deut-
Studiogast Katarina Witt später, die habe im falschen Land scher Gedanke, glaube ich.
gelebt. Markus Lanz erinnerte sich in seiner Talkshow an In Bat Jam fiel nur noch die Sonne ins Meer. Es war ganz
einen Besuch in Schwerin kurz nach dem Mauerfall. Es war still und friedlich. Ich dachte an die Cannabisfarmer an der
ein Sonntagnachmittag, und er wollte Kuchen kaufen. Er Grenze zu Gaza. Ich genoss die Stille. Sie war nur vorüber-
bekam keinen Kuchen. »Trotz des guten Geldes, das man gehend. Irgendwann rief jemand vom Deutschlandradio an
dabeihatte«, sagte Markus Lanz. Bei den Kollegen der ARD und wollte von mir wissen, wie ich die Sonderausgabe der
erklärte eine ehemalige DDR-Fernsehansagerin, dass sie im »Berliner Zeitung« fand. Zum Mauerfall.
Frauenknast neben einer Mörderin schlafen musste, »die ihr Am nächsten Morgen weckten mich dann wieder Raketen.

63
Wirtschaft
Elon Musk ist ruhiger geworden. Man könnte fast sagen: deutscher. ‣ S. 66

HENNER ROSENKRANZ
Landwirtschaft

»Tiere sind Träger von Grundrechten«


Gegen die Ferkelkastration ohne Betäubung ziehen Tierschützer vor das Verfassungsgericht.

Cornelia Ziehm, 50, auf gab dann aber dem Druck der Landwirt- werden können, läuft dieses Recht ins
Umweltrecht spezialisier- schaftslobby nach und schob das Verbot Leere. Weder das Grundgesetz noch
te Rechtsanwältin aus noch zwei Jahre raus. Wir halten das für sonstige Gesetze begrenzen die Rechts-
H. HOLLEMANN / DPA

Berlin, zieht kommende verfassungswidrig. trägerschaft explizit auf Personen.


Woche in Vertretung der SPIEGEL: Gegen welche Normen verstößt Wenn Vereine oder Unternehmen Rechte
Ferkel vor das Bundes- diese Praxis? haben und diese einklagen können,
verfassungsgericht. Ge- Ziehm: Zum einen gegen Artikel 20a sollten Tiere das erst recht können.
meinsam mit der Tier- des Grundgesetzes, in dem der Tierschutz SPIEGEL: Könnte ein Klagerecht der
rechtsorganisation Peta fordert sie in einer als Staatsziel formuliert ist. Aber auch Tiere nicht ausufern? Warum sollten
Verfassungsbeschwerde die körperliche gegen Artikel 2, der die körperliche Un- dann nicht auch Bienen gegen die
Unversehrtheit der Tiere ein. versehrtheit garantiert. Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen
SPIEGEL: Aber können Tiere das ein- klagen können?
SPIEGEL: Frau Ziehm, warum legen Sie klagen? Ziehm: Es geht im Moment nur um das
Verfassungsbeschwerde ein? Ziehm: Wir meinen: ja. Aus unserer Recht auf Schmerzfreiheit. Wer Tieren
Ziehm: Es geht um die verlängerte Zu- Rechtsordnung kann man folgern, dass vorsätzlich erhebliche Schmerzen zufügt,
lassung der betäubungslosen Ferkel- Tiere in bestimmtem Umfang Träger von der kann schon heute mit einer Freiheits-
kastration. Die Bundesregierung wollte Grundrechten sein können. Wenn es ein strafe belegt werden. Das Argument
diese tierquälerische, extrem schmerz- solches Schutzrecht gibt, Tieren aber »Wo kommen wir denn da hin?« greift
hafte Praxis bis Ende 2018 abschaffen, trotzdem folgenlos Schmerzen zugefügt also nicht. Interview: Nils Klawitter

64
Bundeshaushalt sogenannte Flüchtlingsrücklage, aus der
Kräftiges Plus er für laufende Ausgaben sechs Milliar-
den Euro entnehmen wollte, auch in die-
 Trotz schwächer verlaufender Kon- sem Jahr unangetastet lassen. Die ver-
junktur wird der Bundeshaushalt auch bleibenden vier Milliarden Euro Über-
2019 wieder einen erheblichen Über- schuss fließen in die Rücklage, die damit
schuss aufweisen. Nach vorläufigen auf etwa 40 Milliarden Euro anwächst.
Berechnungen wird Finanzminister Olaf Grund für die gute Haushaltslage sind
Scholz (SPD) am Ende des Jahres knapp die stärker als geplant wachsenden Steuer-
zehn Milliarden Euro mehr in der Kasse einnahmen sowie niedrigere Zinsauf-
haben als geplant. Deshalb kann er die wendungen des Bundes. REI

BERNHARD SCHMERLIBLOLA / IMAGO IMAGES


Bundes-IT Projektleitung im Innenministerium nun
Rechnungshof zerpflückt »auf fünf Stellen verteilt werden«. Damit
drohten »Abstimmungsprobleme und
Rettungsplan Fehlentwicklungen«. Das »Megaprojekt«
brauche eine übergeordnete, durchset-
 Gerade hat die Bundesregierung zungsfähige Organisationseinheit. Auch
beschlossen, die chaotisch verlaufende die Sicherheit der neuen Bundes-IT sorgt Bürogebäude in Frankfurt am Main
und immer teurer werdende IT-Moder- die Prüfer. Noch immer fehle dafür eine
nisierung von Bundesbehörden und Richtlinie, das sei nicht angemessen und
Ministerien neu zu ordnen – schon gibt müsse »zügig« behoben werden. Der Arbeitsmarkt
es neuen Ärger. Der Bundesrechnungs- Haushaltsexperte der Linken, Victor Perli, Brückenteilzeit wird
hof, auf dessen drastische Rügen die fürchtet: »Die vollmundige Ankündigung
Notoperation maßgeblich zurückgeht der Bundeskanzlerin, bis Ende 2022 alle kaum genutzt
(SPIEGEL 38/2019), zerpflückt in einem Verwaltungsleistungen auch online anzu-
vertraulichen Bericht nun auch den Ret- bieten, wird angesichts dieses Chaos nicht  Die 2019 eingeführte Brückenteilzeit
tungsplan. Insbesondere kritisieren die zu halten sein – dafür dürfen die Steuer- sollte Arbeitnehmern ermöglichen,
Prüfer, dass die Aufgaben der bisherigen zahler die Mehrkosten bezahlen.« ROM vorübergehend in Teilzeit zu gehen und
danach auf eine Vollzeitstelle zurück-
zukehren. Doch knapp ein Jahr nach
Inkrafttreten des Gesetzes zeigt sich:
Finanzskandale und die Differenz als Gewinn vereinnah- Die erhoffte Wirkung ist bisher nicht
Angebot an P&R-Anleger men zu können. Zudem stelle York Anle- eingetreten. Arbeitnehmer erheben
ger von etwaigen Rückforderungsansprü- kaum Anspruch auf die befristete
 Der US-Finanzinvestor York Capital chen frei, die der Insolvenzverwalter Reduktion ihrer Arbeitszeit, wie eine
bietet geschädigten Anlegern des Contai- gegen sie richten könnte, teilte die Berli- Umfrage des Ifo-Instituts unter gut
neranbieters P&R an, ihnen ihre Insol- ner Kanzlei Schirp & Partner mit. Sie 800 Personalleitern zeigt. In zwei Drit-
venzansprüche abzukaufen. Damit könn- unterbreitet P&R-Anlegern entsprechen- teln der befragten Unternehmen nutz-
ten die Anleger erstmals einen Teil ihres de Angebote. P&R hatte jahrzehntelang ten Mitarbeiter die Brückenteilzeit gar
Geldes zurückholen und aus dem lau- Frachtcontainer an Kleinanleger verkauft. nicht. Nur drei Prozent gaben an,
fenden, womöglich Jahre dauernden Viele davon existierten nicht, Altkunden Arbeitnehmer hätten »häufig« von der
Insolvenzverfahren aussteigen. York will wurden mit neu eingeworbenen Geldern Regelung Gebrauch gemacht. »Das
14 Prozent der Forderungen, die die P&R- bezahlt. Erst 2018 flog das Schneeballsys- Brückenteilzeitgesetz hat bislang weder
Insolvenzverwalter ermittelt haben, in bar tem auf, der bisher größte Anlegerskan- als Jobmotor noch als Geschäftshemm-
auszahlen – und hofft, selbst später mehr dal auf dem grauen Kapitalmarkt. Rund nis gewirkt«, schreiben die Wissen-
aus der Insolvenzmasse herauszulösen 54 000 Anleger sind betroffen. BAZ schaftler. Seit dem 1. Januar 2019 haben
Arbeitnehmer einen rechtlichen An-
spruch darauf, in einem Zeitraum von
ein bis fünf Jahren weniger zu arbeiten,
danach aber auf eine Vollzeitstelle
HOLGER WEITZEL / IMAGEBROKER / PICTURE ALLIANCE / DPA

zurückzukehren. Vor allem Frauen soll-


ten davon profitieren, weil sie beson-
ders häufig in Teilzeit arbeiten. Über
die Hälfte der vom Ifo-Institut befrag-
ten Betriebe ermöglichten ihren Mit-
arbeitern schon vor Einführung des
Gesetzes, befristet in Teilzeit zu
gehen – aus Kulanz. 15 Millionen der
37 Millionen Beschäftigten in Deutsch-
land können die Regelung nicht in
Anspruch nehmen, weil sie in kleinen
Unternehmen mit weniger als 46 Be-
schäftigten arbeiten, für die das Gesetz
Containerabwicklung im Hamburger Hafen nicht gilt. LMD

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 65


Tesla-»Gigafactory« in Shanghai

Elon und die Deutschen


Autoindustrie Der Elektroautohersteller Tesla kündigt an, eine Großfabrik in Brandenburg
zu bauen – und die Republik ist begeistert. Der Erfolg des Angreifers
aus den USA ist längst nicht sicher, aber er gibt das Tempo vor. Es ist enorm.

E
lon Musk hat eine Menge Post aus sich »die transeuropäischen Transport- Die Deutschen überschlugen sich in Eil-
Deutschland bekommen in der wege«, das Land weise »den Weg bei Elek- fertigkeit. Musk spielte hart – und alle ge-
letzten Zeit. Minister wanzten sich tromobilität, Verkehrstelematik und auto- geneinander aus. Bis heute wissen die
an ihn heran, umschmeichelten nomem Fahren«. Gern, antichambrierte Beteiligten nicht, wer ihre Konkurrenten
ihn, machten Reklame für ihr Bundesland. der Minister, würde er all die Vorteile »in waren und wie viele es waren. Es habe eu-
Kaum hatte der Chef von Tesla bekannt einem persönlichen Gespräch« erläutern. ropaweit 30 Bewerber gegeben, lautet die
gegeben, dass er eine »Gigafabrik« in Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona gängige Schätzung, aber niemand weiß,
Europa bauen wolle, stürzten sich deut- Pop (Grüne) war auch nicht faul. Die ob die Zahl stimmt.
sche Landesregierungen auf Musk wie Hauptstadt verfüge über »zahlreiche Test- Auch Brandenburg hatte sich beworben.
eine Horde Immobilienmakler auf einen strecken für autonomes Fahren« und sei Im Juli begann die heiße Verhandlungs-
solventen Käufer. der »deutsche Hotspot für internationale phase, Wirtschaftsminister Jörg Steinbach
»Niedersachsen«, schrieb der dortige Unternehmen«. Pop stellte Formulierungs- (SPD) telefonierte im Schnitt zweimal pro
Wirtschaftsminister Bernd Althusmann hilfen bei Förderanträgen in Aussicht und Woche mit Tesla. Musk selbst verhandelte
(CDU), »gehört weltweit zu den Top-Regio- schlug Standorte vor, die »wir Ihnen gern nicht. Er wurde im Abstand von vier bis
nen der Automobilindustrie«, hier kreuzten persönlich präsentieren möchten«. sechs Wochen informiert. Dann entschied

66 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Wirtschaft

Adlon. Der Termin war erst am selben Tag Das Massenfahrzeug Model 3, an des-
verabredet worden, so kurzfristig, dass sen Produktion Tesla beinahe gescheitert
Woidke nicht teilnehmen konnte. Also traf wäre, gehört jetzt zu den meistverkauften
Steinbach den Tesla-Chef, für eine Stunde. E-Autos Deutschlands. In elektroaffinen
Als der Wirtschaftsminister den Letter of Märkten wie Norwegen oder den Nieder-
Intent unterschrieb, war Musk schon wie- landen liegt das Model 3 sogar vor den
der weg. Ein Stellvertreter unterzeichnete beliebtesten Verbrennerfahrzeugen. Und
in seinem Namen. die nächsten Produkte stehen bald bereit:
Was war das nun? Eine Machtdemons- Ende November will Musk einen neuen
tration oder geniales Understatement? Pick-up vorstellen, Mitte nächsten Jahres
Ähnlich merkwürdig ging es zu, als Musk soll die Produktion des Kompakt-SUV
ein paar Stunden später den Zuschlag für Model Y beginnen, ein halbes Jahr früher
Brandenburg bekannt gab, mitten in der als ursprünglich geplant.
»Autobild«-Show »Das goldene Lenkrad«. In Shanghai beginnt in diesen Wochen
Er sprach so leise, fast verschämt, als ginge die Produktion in einer neuen Gigafabrik,
es um eine Kleinigkeit. Deutschland wie- die Tesla in nur 168 Tagen hochgezogen
derum reagierte wie Moderatorin Barbara hat. Und nicht nur das ist rekordverdäch-
Schöneberger: kreischend, fast hysterisch. tig. Es ist die erste Autofabrik in China,
Die politischen Statements in den nach- an der kein chinesischer Partner beteiligt
folgenden Stunden, am nächsten Tag, folg- ist. Bis zu 250 000 Autos sollen dort jähr-
ten alle demselben Muster – große, große lich von den Bändern rollen und Tesla auf
Erleichterung, fast so, als hätte Musk die dem größten E-Auto-Markt der Welt nach
mit sich selbst hadernde Autonation aus vorn bringen.
ihrer Verzweiflung gerissen: »Meilen- Andererseits ist Musk für großspurige
stein«, tönte es, »vorgezogenes Weih- Versprechen bekannt, er wandelt auf
nachtsfest«, »große Chance«. dem schmalen Grat zwischen Genie und
Als sei Musks Entscheidung für diese Größenwahn. So hat er angekündigt, ab
eine Fabrik der Beweis dafür, dass sich 2025 den Mars zu bereisen. Und er hat
Deutschland immer noch Autoland versprochen, vollautonome Fahrzeuge
nennen darf. Dabei ist sie das Gegenteil: auf den Markt zu bingen. Mal sollte es
eine Demütigung für die deutsche Auto- 2017 sein, das klappte nicht, jetzt soll es
branche, deren wichtigster Manager, VW- 2020 gelingen, aber auch das ist kaum
Boss Herbert Diess, brav bewundernd da- realistisch. Wie glaubwürdig ist also seine
VCG / IMAGO IMAGES

nebenstand, als Musk allen die Show stahl: Zusage, eine Großfabrik in Brandenburg
»Ich bin froh, dass Elon uns antreibt.« zu bauen, ausgerechnet am Standort
Doch Show ist Show. Und Business ist Deutschland mit seinen vergleichsweise
Business. Nur wenige Stunden vor Musks hohen Personal- und Energiekosten?
Auftritt hatte der US-Konzern bereits eine Das Interessante an Musks hochtraben-
E-Mail an die Investitionsbank des Landes den Plänen ist, dass sie nicht ohne die Old
er, mit welchen Kandidaten weitergeredet Brandenburg geschickt – Teslas ersten An- Economy, ohne die alte Ingenieurskunst,
wurde. trag auf staatliche Förderung. Damit die auskommen. Um seine Ziele zu erreichen,
Tesla baute Druck auf, allein durch die Banker den Antrag prüfen können, muss braucht Musk qualifizierte Mechaniker
Geschwindigkeit. Immer wieder kamen er aber in Papierform vorliegen, da macht und Maschinenbauer, die ihm dabei helfen,
Teams für ein, zwei Tage eingeflogen. Deutschland auch für Musk keine Aus- seine futuristischen Ideen in massenmarkt-
Nicht ein Mal reiste eine Delegation oder nahme. Und auch die EU-Kommission fähige Produkte zu verwandeln.
ein Vertreter des Landes in die USA. Kein muss das Ganze absegnen. »Deutschland hat verdammt gute In-
Wort, das machten die Tesla-Leute schnell Wie hoch die von Musk geforderten genieure«, sagte Musk 2014 in einem
klar, dürfe nach außen dringen. Subventionen für das Brandenburger In- SPIEGEL-Gespräch. Und er verkündete
Anfang September reduzierte sich das vestment sind, will die Bank nicht verra-
Bewerberfeld auf zehn Kandidaten. Meh- ten. Orientiert sich Musks Forderung aber
rere Tesla-Teams verhandelten parallel. an dem Satz, der Siemens für seinen Inno- Stromspitze
Etwa zwei Wochen später gab es einen vationscampus in Berlin in Aussicht ge- Neu zugelassene E-Pkw in Deutschland
Workshop, in dem die Brandenburger mit stellt wurde, dürfte der Steuerzahler etwa nach Herstellern, 2019* Auswahl
25 Leuten saßen. Tesla-Leute reisten für jeden dritten Euro bezahlen. Die Subven-
zwei Tage an, mit langen Checklisten, mit tionen für Tesla könnten dann womöglich Tesla 9301
Anforderungskatalogen und Zeichnungen. bei mehr als einer Milliarde Euro liegen.
Renault 8330
Und sie verlangten Antworten, sofort und Musk und die Deutschen pflegen ein selt-
nicht erst in vier Wochen. sames Verhältnis zwischen Bewundern und BMW 7957
Musk selbst meldete sich zum ersten Belauern. Sie bewundern den Tech-Unter-
Mal am Mittwoch vor der Entscheidung nehmer aus dem Silicon Valley, weil er be- VW 6208
in einer Telefonkonferenz mit Ministerprä- sessen ist, genial, und weil er nie aufgibt.
Smart 5862
sident Dietmar Woidke (SPD) und Minis- Nach vielen Jahren, in denen Tesla teil-
ter Steinbach. »Er wollte wissen, mit wem weise knapp an der Pleite vorbeischramm- Hyundai 4497
er es zu tun hat – zumindest per Stimme«, te, nach einer Menge Unmut der Aktionäre
sagt Steinbach. in diesem Frühjahr, als vieles nicht mehr Audi 3204
Zum persönlichen Treffen kommt es zu funktionieren schien, erleben Musk und Nissan 2747 * Januar bis Oktober
erst am Dienstag um 17.30 Uhr im Hotel seine Firma gerade einen Höhenflug. Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt

67
Wirtschaft

einen Plan, den damals noch niemand Fahrt aufgenommen 52882


einem belastbaren Standard. In der mehr
so richtig ernst nahm: »Ich gehe davon Neuzulassungen von E-Pkw bis Oktober
als hundertjährigen Geschichte der Auto-
aus, dass Tesla auf lange Sicht eine Batte- in Deutschland mobilindustrie, sagt Niedermeyer, »gab
riefabrik in Deutschland errichten wird«, es Tausende von Unternehmen, die wie-
36062
so Musk. Nach seiner Schätzung: »in fünf, Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt der verschwunden sind«. Man hat die
sechs Jahren«. Eine ziemlich exakte Pro- allermeisten von ihnen vergessen, weil
gnose. sie niemals eine kritische Marktgröße er-
Das Ziel, in der Autonation Fuß zu fas- reichten.
sen und sich ihre Kompetenzen zu sichern, In der Tat ist das die entscheidende Fra-
hat Musk seither systematisch umgesetzt. ge – und sie ist nicht leicht zu beantworten.
2016 kaufte Tesla den Mittelständler Groh- Auf dem globalen E-Auto-Markt steht Tes-
mann Engineering aus Prüm in der Eifel, 8 la gewaltig da. Wenn man den gesamten
ein weltweit führendes Unternehmen für 2007 2019
Automarkt betrachtet, ist das Unterneh-
hoch spezialisierte Automatisierungstech- men aber ein Winzling. Wer also rollt hier
nik, das Konzerne wie Bosch, BMW und wessen Markt auf?
Daimler zu seinen Kunden zählte. Musk ten, erwartet sofortige Reaktionen und Es ist ein Zusammenprall zweier Welten
sorgte dafür, dass Tesla Grohmann Auto- schnelles Handeln. Betroffene kritisieren, und bis heute ist nicht entschieden, wer
mation, wie die Firma heute heißt, mitt- der Tesla-Chef propagiere zwar eine tolle den technischen Wandel besser managt:
lerweile nur noch ein Unternehmen be- Mission, habe aber keine passende Kultur, erfahrene Großkonzerne wie Volkswagen,
liefert: Tesla. mit den Mitarbeitern umzugehen. deren Stärken in der Massenproduktion
Für die Massenproduktion seiner Mo- Einer der besten Kenner und zugleich und der Qualität liegen. Oder Neueinstei-
delle holte sich Musk auch personelle Hilfe profiliertesten Kritiker Teslas ist der US- ger wie Tesla, die für sich beanspruchen,
aus Deutschland. In seiner US-Fabrik in Autor Edward Niedermeyer. Er schreibt das Auto neu erfunden zu haben – mit al-
Fremont herrschte Chaos. Musk wollte zu seit Jahren über Musks Firma und hat sich ternativen Antrieben, leistungsstarken
viel auf einmal, die hoch automatisierte damit den Zorn vieler Tesla-Fans zugezo- Computern und einer engen Vernetzung
Produktion funktionierte nicht richtig. Pe- gen. Deren »Flut an Beleidigungen füllt mit dem Internet.
ter Hochholdinger, ein Ex-Audi-Manager, meine E-Mail-Box und Social-Media-Ka- VW-Chef Diess hatte eine Zeit lang die
sollte Abhilfe schaffen. Drei Jahre lang näle«, erzählt Niedermeyer beim Ge- Idee, dass sich alte und neue Autowelt wo-
wirkte er als Produktionschef, vereinfach- spräch in Portland, seiner Heimatstadt. möglich gut verbinden ließen: hier der
te die Abläufe und steigerte die Model-3- Kürzlich erschien sein Buch »Ludicrous – Weltmarktführer VW mit seiner Expertise
Produktion auf täglich etwa tausend Autos. The Unvarnished Story of Tesla Motors« beim Bau der Hardware, dort Tesla mit
Doch Hochholdinger ist mittlerweile (etwa: »Die aberwitzige, ungeschminkte seiner überlegenen Software. Bei Treffen
zum E-Auto-Start-up Lucid Motors ge- Geschichte von Tesla«) in den USA. mit Musk soll Diess vor längerer Zeit eine
wechselt. Auch andere Topleute suchten Niedermeyer sieht seit Längerem An- Zusammenarbeit eruiert haben, verbun-
das Weite. Chefingenieur Doug Field ging zeichen dafür, dass sich Tesla »dem End- den mit einem möglichen Einstieg bei den
zu Apple. Jüngst hat Technikchef Jeffrey spiel nähert«, also der Entscheidung, ob Kaliforniern. Doch der Deal kam nicht zu-
Brian Straubel, einer der engsten Mitstrei- der E-Auto-Konzern nachhaltig profita- stande, wohl auch, weil die Unterschiede
ter Musks, das Unternehmen verlassen. bel wird. Oder untergeht – und verkauft der beiden Konzerne und ihrer Chefs noch
Die Fluktuation im Management ist ge- wird. Die Expansion nach Deutschland immer schwer zu überwinden sind.
waltig, was auch damit zusammenhängt, und China habe »zum jetzigen Zeitpunkt Musk habe sich geändert, sagen die, die
dass Musk seine Mitstreiter oft über- keinen Sinn«, meint er. Dazu sei der Pro- auf ihn setzen. Er habe gelernt, dass er se-
fordert – bis hin zur Schikane. Er schickt duktionsprozess des Model 3 immer noch riöser auftreten müsse. Kollegen, die bei
ihnen bis spät in die Nacht Textnachrich- zu unausgereift, meilenweit entfernt von Tesla eng mit ihm zusammengearbeitet
haben, beobachten, dass Musk ruhiger
geworden sei. Man könnte fast sagen: deut-
scher. Dank eines Sparprogramms hat Tes-
la ein Finanzpolster von gut fünf Milliar-
den Dollar aufgebaut.
Dass Musk künftig auch Fahrzeuge
»made in Germany« verkaufen will, ist in
seiner Logik mehr als nur ein Marketing-
Gag. Es geht ihm um den Kampf auf Au-
genhöhe mit den Etablierten. Die heraus-
geforderten Autokonzerne kopieren vieles,
was bis dahin noch als Alleinstellungs-
merkmal Teslas galt. VW beispielsweise
bot sein neues E-Auto ID.3 schon zur Vor-
bestellung an, als der Konzern den Kun-
TESLA / UPI PHOTO / IMAGO IMAGES

den noch gar kein fertiges Fahrzeug prä-


sentieren konnte.
Das wäre im VW-Konzern bis vor Kur-
zem undenkbar gewesen. Und es erinnert
stark an die Methode Musk.
Markus Brauck, Markus Dettmer,
Simon Hage, Guido Mingels,
Andreas Wassermann
Tesla-Chef Musk, Modell Roadster: »Deutschland hat verdammt gute Ingenieure«

68 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


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GESUNDE HAUT BRAUCHT FEUCHTIGKEIT

Schadstoffe Schadstoffe Haut-


Bakterien feuchtigkeit

Intakte Hornschicht mit Gestörte Hornschicht lässt


natürlichem Hautschutz Schadstoffe und Bakterien
eindringen und trocknet aus

WOHLTUENDE PFLEGE:
Hautmilch mit
Linolsäure ver-
schafft Linderung
bei trockener,
juckender Haut

Eine Haut zum Wohlfühlen


Anhaltender Juckreiz ist ähnlich qualvoll wie Schmerzen. Eine Ursache: Die Haut schafft es
nicht mehr, sich vor dem Austrocknen zu schützen. Dann hilft eine medizinische Hautpflege.

W
enn die Haut juckt, kann das die Haut geschmeidig halten (siehe Illustra- reifer oder beanspruchter Haut wurden in
weit über 100 verschiedene Ur- tion oben). Doch wenn die Haut austrocknet, klinischen Studien bestätigt. Nicht von un-
sachen haben. Oft legt sich der zum Beispiel durch Heizungsluft oder häu- gefähr gehört Linola Hautmilch zu den füh-
Juckreiz, in der Fachsprache Pruritus, figes Baden und Duschen, verschwindet die- renden medizinischen Hautpflegeprodukten
schnell wieder. Doch bisweilen hält er sich se linolsäurereiche Schicht. Schadstoffe kön- in der Apotheke. Denn die medizinische
hartnäckig – und wird durch Kratzen nur nen eindringen, die natürliche Regeneration Hautmilch sorgt dafür, dass sich die Men-
noch schlimmer. Als chronisch gilt er, wenn ist gestört. Kratzen verletzt die obere Haut- schen wieder rundum wohlfühlen können
er länger als sechs Wochen andauert, rund schicht zusätzlich – ein Teufelskreis. in ihrer Haut.
15 Prozent der Bundesbürger leiden darun-
ter. Solch dauerhaftes Jucken ist ähnlich Studien belegen die Wirksamkeit
quälend für die Betroffenen wie anhaltende Weil unsere Haut nicht in der Lage ist, die
Schmerzen. benötigte Linolsäure selbstständig herzu-
stellen, muss diese – ähnlich wie ein Vita-
Härtetest Kälte und Heizungsluft min – regelmäßig zugeführt werden. Die
Credit: mauritius images/Westend61/Mareen Fischinger

Ein Grund für den Juckreiz können verän- linolsäurehaltige medizinische Hautmilch
derte Hautpartien sein, etwa bei Schuppen- von Linola sorgt dafür, dass sich die Haut
flechte oder Neurodermitis. Aber auch tro- regeneriert. Zum einen bildet sie einen was-
ckene oder reife Haut neigt zu Pruritus. serabweisenden Film um die Hornzellen und
Gerade im Winter sind die kalte Luft drau- schützt die Haut vor weiterer Austrocknung.
ßen und trockene Heizungsluft drinnen ein Zum anderen unterstützen die darin enthal-
echter Härtetest für unser größtes Organ. tenen Hautaktivstoffe wie das wertvolle Dis-
Denn eigentlich schützt die obere Haut- telöl mit seinem hohen Gehalt an Linolsäu-
l l)
schicht vor Feuchtigkeitsverlust, Bakterien re die Wiederherstellung der schützenden
ette 00 m ltlich
und Schadstoffen. Dafür sorgen Hornzellen Barrierefunktion der Haut. k z ( 2 r hä
er milch eke e 82
r M ut th 7
sowie linolsäurereiche Strukturlipide, die Die Verträglichkeit und Wirkung bei al-
sich zwischen den Hornzellen befinden und len Formen von trockener, juckender sowie Ih a Ha Apo 4024
o l er :
Lin in d PZN
r
Nu
Abgehängt Ungarn 5,8
Bruttoanlageinvestitionen Frankreich 3,4
des Staates im OECD-
Ländervergleich, 2018 USA 3,2
in Prozent des BIP
Deutschland 2,4

Auswahl; Quelle: OECD


Portugal 1,9
KLAUS-DIETMAR GABBERT / PICTURE ALLIANCE / DPA

Bauarbeiten an der Bundesstraße 189 in Sachsen-Anhalt

Einfach Atem holen


schaft nur knapp an einer Rezession vor-
beigeschrammt, und so fordert nun BDI-
Hauptgeschäftsführer Joachim Lang, »fi-
nanzpolitisch umzuschalten«.
Das Institut der deutschen Wirtschaft
Haushalt Die Schuldenbremse hat viel Gutes bewirkt, doch nun (IW), das dem BDI nahesteht, hat ein ent-
plädieren selbst einstige Befürworter der strengen Regel für sprechendes Programm konzipiert. Meh-
eine Reform. Der Erfinder des Konzepts hat schon einen Vorschlag. rere Hundert Milliarden Euro soll der
Staat in den nächsten zehn Jahren ausge-
ben, um Verkehrswege auszubauen, die

E
ltern sind für gewöhnlich stolz auf
ihre Kinder, doch Christian Kastrop
hat an seiner Schöpfung neuerdings
einiges auszusetzen. Vor gut zehn Jahren
ten Bürger begrüßten den Verfassungs-
artikel, der es der Bundesregierung nur in
sehr bescheidenem Umfang erlaubt, auf
Pump zu leben.
Kommunen zu entlasten sowie Ganztags-
schulen und Universitäten zu fördern. Von
»mangelhafter oder sogar fehlender Infra-
struktur« ist in der Studie die Rede.
brachte der Ökonom als Unterabteilungs- Nun aber formiert sich eine breite Ge- In der vergangenen Woche hatten sich
leiter im Bundesfinanzministerium jene genbewegung. Selbst ehemalige Befürwor- auch zwei der fünf Wirtschaftsweisen für
Regel auf den Weg, die Bund und Ländern ter der Schuldenbremse rücken inzwi- »konzeptionelle Verbesserungen« der Schul-
Zügel bei der Kreditaufnahme anlegt. Kas- schen von ihr ab. Dazu zählt nicht bloß denbremse ausgesprochen. Und die Grünen
trop gilt in Fachkreisen als »Vater der Kastrop. Der Widerstand sorgt für er- haben kürzlich ein »Impulspapier« vorge-
Schuldenbremse«. staunliche Allianzen: In der kommenden legt. Ihr Vorschlag: Die Kreditregel müsse
Der 59-Jährige leitet, nach einer Station Woche wollen der Bundesverband der um Vorschriften ergänzt werden, die für
bei der OECD, inzwischen das Programm Deutschen Industrie (BDI) und der Deut- mehr öffentliche Investitionen sorgen.
»Europas Zukunft« der Bertelsmann-Stif- sche Gewerkschaftsbund eine gemein- Dabei ist unbestritten, dass die Schulden-
tung in Berlin. Als Wissenschaftler blickt same Initiative zur Modernisierung des bremse in den vergangenen Jahren viel
Kastrop heute nüchtern auf das wichtigste Standorts Deutschland vorstellen. Zusam- Gutes bewirkt hat. Nach der Finanzkrise
Erbe seiner Beamtenzeit. »Die Sanierung men fordern sie ein milliardenschweres war der deutsche Schuldenstand durch
der Bundesfinanzen ist gelungen«, sagt er. Ausgabenprogramm, das der Staat vor- wuchtige Konjunktur- und Hilfsprogram-
»Doch die ökonomischen Verhältnisse ha- nehmlich über Kredite finanzieren soll. me auf über 80 Prozent der Wirtschafts-
ben sich geändert, die Schuldenbremse Für den BDI ist der Vorstoß eine Kehrt- leistung emporgeschnellt. Die neue Regel
braucht eine Modernisierung.« wende. Lange Zeit hatte der Unternehmer- sorgte dafür, dass Bund und Länder ihre
Dass der Staat im Großen und Ganzen verband auch die schwarze Null verteidigt, Ausgaben zusammenstreichen mussten.
mit seinen Einnahmen auszukommen hat, das Etatprinzip des früheren Finanzminis- Die Schuldenquote sank damit auf rund
galt jahrelang als heilsame Fessel für die ters Wolfgang Schäuble (CDU), das die 60 Prozent der Wirtschaftsleistung.
notorischen Schuldenmacher in Minister- Aufnahme jeglicher Kredite vermeidet. In Während die Sozialetats nahezu unan-
büros und Staatskanzleien. Auch die meis- den vergangenen Monaten ist die Wirt- getastet blieben, wurde bei den Zukunfts-

70 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Wirtschaft

ausgaben allerdings gekürzt wie kaum je de Schuldenbremse« vor, nach dem Motto:
zuvor. Steckte der Staat in den Siebziger- Einfach mal Luft holen.
jahren fast fünf Prozent der Wirtschafts- Dabei richtet sich die Höhe der Neu-
leistung in den Ausbau seiner Infrastruktur, verschuldung nach dem Erfolg beim
liegt der Anteil heute bei nur 2,4 Prozent. Schuldenabbau. Je niedriger die Schul-
268 Milliarden Euro wurden zwischen denquote, desto mehr neue Kredite darf
2014 und 2017 in Straßen, Brücken und der Finanzminister aufnehmen. Sinkt die
Schienenwege investiert, doch der Wert- Quote unter 50 Prozent, könnte sich das
verlust durch Verschleiß belief sich nach zulässige Schuldenlimit von derzeit 0,35
Angaben des Statistischen Bundesamts Prozent des BIP verdoppeln. Liegt sie un-
im selben Zeitraum auf rund 272 Milliar- ter 40 Prozent, könnte es auf gut 1 Pro-
den Euro. Anders gesagt: Deutschland lebt zent steigen.
von der Substanz. Allein bei den Kommu- Umgekehrt würde die zulässige Neuver-
nen beläuft sich der Nachholbedarf Schät- schuldung schrumpfen, wenn der Schul-
zungen zufolge aktuell auf rund 138 Mil- denstand explodiert. Übersteigt er zum
liarden Euro. Beispiel 80 Prozent, wäre der Bund ge-
Wenn es um Wachstumsfelder der Zu- zwungen, ohne neue Kredite auszukom-
kunft geht, fällt die Bilanz noch trüber aus. men, bis er wieder sinkt. »Eine solche at-
In kaum einem anderen Industrieland sind mende Schuldenbremse wäre keine Locke-
so wenig Haushalte ans Glasfasernetz an- rung«, sagt Kastrop. »Im Gegenteil, bei
geschlossen wie in der Bundesrepublik, Erfolg erhält die Regierung eine Beloh-
kaum irgendwo sonst ist der Zugang zu nung, weil sie mehr Schulden aufnehmen
Taschenbuch. € (D) 11,–
schnellem mobilen Internet so schlecht. darf, bei hohem Schuldenstand werden die
Der »Modernitätsgrad des staatlichen Ka- Vorgaben verschärft.« Den gewonnenen Verfügbar auch als E-Book
pitalstocks« habe sich »kontinuierlich ver- Spielraum will er vor allem für solche
ringert«, heißt es in der IW-Studie. Staatsausgaben genutzt wissen, die das

IM
Dabei könnte sich der Staat wegen der Wachstumspotenzial erhöhen.
niedrigen Zinsen aktuell günstig finanzie- Die Grünen haben bereits ähnliche
ren: Wenn sich der Bund derzeit 100 Euro Vorschläge vorgelegt. Auch sie wollen die
leiht, muss er dafür in zehn Jahren nur Schuldenbremse nicht schleifen, sondern
97 Euro zurückzahlen. »Das Geld liegt auf
der Straße«, sagt IW-Direktor Michael
Hüther, »wir müssen es nur aufheben.«
durch »eine Regel für zusätzliche Kredit-
finanzierung ergänzen«, wie die grüne Fi-
nanzexpertin Anja Hajduk sagt. Liegt der
ZICKZACK
DURCH
Am Konsolidierungskurs festzuhalten öffentliche Schuldenstand unter 60 Pro-
birgt dagegen Gefahren. Die deutsche Schul- zent, darf der Staat Zukunftsausgaben
denquote, so prognostiziert das Finanz- von bis zu einem Prozent der Wirtschafts-

DIE
ministerium, wird in den nächsten Jahren leistung auf Pump finanzieren. Dadurch
auf die 50-Prozent-Marke zustreben, eine lasse sich der Umfang der Bundesinvesti-
Entwicklung, die Finanzexperten wie Kas- tionen »in etwa verdoppeln«, sagt
trop mit Sorge betrachten. Hajduk.
Doch was soll gefährlich daran sein,
wenn der Schuldenberg schrumpft? Gibt
Manches Konzept hat nur einen Haken:
Für eine Neufassung der Schuldenbremse
brauchte es eine Zweidrittelmehrheit in
WELT-
»Das Geld liegt
auf der Straße.
Bundestag und Bundesrat. Um eine Ver-
fassungsänderung zu umgehen, suchen
Reformbefürworter deshalb nach anderen
GESCHICHTE
Instrumenten. Auch dazu hat sich Kastrop
Wir müssen es nur Gedanken gemacht. Das geeignete Vehikel
aufheben.« wäre eine Investitionsgesellschaft, an der In sieben Schritten
sich der Staat als Minderheitseigner mit
etwa 50 Milliarden Euro beteiligt. Die entstehen die verblüffendsten
der Staat zu wenig Geld aus, fehlt die Mehrheit an dem Fonds sollen private An-
Nachfrage, die das Wachstum treiben
könnte. Zudem beeinträchtigt ein Mangel
leger stellen.
Die Konstruktion ist rechtlich unpro-
Zusammenhänge – so
an erstklassigen Schuldtiteln die Funk-
tionsfähigkeit der Finanzmärkte: Baut
blematisch. Selbst wenn der Bund seinen
Anteil über Schulden finanzierte, würde
überraschend, vergnüglich
Deutschland seinen Schuldenberg ab, in-
dem es Bundesanleihen tilgt, verknappt
die Summe nicht als Defizit gezählt, weil
er im Gegenzug Vermögen in gleicher
und unterhaltsam war
es damit hochbegehrte Sicherheiten, mit Höhe erwirbt. Kastrop zweifelt nicht da-
denen Banken und Versicherungen ihr ran, dass genügend private Kapitalgeber Geschichte noch nie.
Geschäft unterlegen. Fehlen solche Sicher- Interesse hätten.
heiten, können die Banken weniger Kre- Vor allem wenn der Staat ihnen bessere
dite vergeben – im Extremfall würden so Renditen garantieren würde als bei klassi-
nicht nur öffentliche, sondern auch private schen Bundesanleihen. Das, sagt Kastrop,
Investitionen ausgebremst. wäre dann »ein gutes Geschäft«.
Was lässt sich dagegen tun? Kastrop hat Michael Sauga, Christian Reiermann
da einige Ideen. Ihm schwebt eine »atmen-

71 www.spiegel.de www.kiwi-verlag.de
Wirtschaft

Globale Luftpumpe
Finanzwelt Der japanische Softbank-Konzern lenkt den weltgrößten Risikokapitalfonds. Doch nicht
nur beim Bürovermieter WeWork hat sich die Firma um Milliarden Dollar verzockt. Schuld daran
ist auch eine Truppe von Fondsmanagern, die schon bei der Deutschen Bank viel Geld verspielt hat.

W
ie entspannt kann man sein, Der bevorstehende Börsengang von Sie eint, dass sie zu »Anshu’s Army« ge-
wenn man gerade 6,5 Milliar- Bytedance, der Firma hinter der beliebten hörten, jener legendären Händlertruppe,
den Dollar Verlust melden Video-App TikTok, könnte dafür zum Test die ab Mitte der Neunzigerjahre unter
musste, in nur einem Quartal? werden. Das Start-up ist derzeit mit sagen- Anshu Jain die Deutsche Bank dominier-
Sehr entspannt offenbar. haften 75 Milliarden Dollar bewertet. te – und das Institut später fast ruinierte.
Mittwoch voriger Woche, Munish Var- Platzt hier die nächste große Investi- Masayoshi Son hat das Schicksal von Soft-
ma, Manager der Investmentfirma Soft- tionsblase? bank damit in die Hände von Leuten ge-
bank, sitzt auf der Bühne einer Konferenz Zu viel, zu schnell: Softbank hat das legt, die im Ruf stehen, zu den größten
in Lissabon. Kurz zuvor hat sein Unter- »blitzscaling« – Silicon-Valley-Sprech für Kapitalmarktzockern der vergangenen
nehmen in Tokio die katastrophalen Zah- blitzartiges Wachstum – besonders aggres- Jahre zu gehören.
len kommuniziert. Und Varma, weißes siv betrieben. Allein war die Firma damit Rajeev Misra, Kopf der Truppe, war als
Hemd, offener Kragen, lässig in einen Ses- nicht. Über 200 Milliarden Dollar haben Chef des Deutsche-Bank-Kredithandels mit
sel gelehnt, sagt: »Wir sind bullish.« Wagniskapitalgeber im vergangenen Jahr gewaltigen Wetten auf riskante Wertpapie-
Bullenhaft, das Börsen-Codewort für in Start-ups gesteckt, mehr als auf dem Hö- re aufgefallen. Er verließ das Geldhaus im
zuversichtlich, auf steigende Kurse set- hepunkt der Dotcom-Blase um die Jahr- Sommer 2008, wenige Wochen vor dem
zend. Kein Zeichen der Unsicherheit bei tausendwende. Der mit rund 100 Milliar- Lehman-Crash. Misra habe, so erinnert sich
ihm, keinerlei Irritation. Als wäre nichts den Dollar gefüllte Vision Fund war aller- ein früherer Vorgesetzter, konzernintern
gewesen, als liefe alles prima. dings mit weitem Abstand der größte Topf, eine Art eigenen Hedgefonds aufgebaut,
Varma ist bei Softbank etwa für das Ge- und er wurde in Rekordzeit geleert. der in der Spitze bis zu 23 Milliarden Euro
schäft in Indien zuständig. Sein Auftritt ist An den offenen Schleusen des Geldspei- in gefährliche Wertpapiere investiert habe.
ganz so, wie seine Firma sich die Gründer chers stand dabei ausgerechnet ein Team »Hätten wir uns nicht von ihm getrennt, das
wünscht, deren Projekte sie mit Geld be- von Ex-Deutsche-Bank-Managern um Ra- Portfolio schnell drastisch abgebaut und
wirft: selbstbewusst, entschlossen. Alles, jeev Misra, den schillernden Chef des Vi- Gegenpositionen zu seinen Wetten aufge-
nur nicht zögerlich. sion Fund. Mindestens sieben ehemalige baut, wäre uns die Bank in der Krise um
Softbank galt bis vor Kurzem als unan- Wertpapierhändler der Bank haben in den die Ohren geflogen«, erinnert sich der frü-
gefochtener Leitbulle der Wagniskapital- vergangenen Jahren beim Vision Fund an- here Spitzenmann der Deutschen Bank.
szene. Die japanische Firma hat über ihren geheuert. Eine Anfrage des SPIEGEL an den Vision
Hochrisikofonds Vision Fund, der in Lon- Es sind Namen, die man sich nicht mer- Fund blieb ohne Antwort.
don sitzt, Milliarden in alle Ecken der glo- ken muss, aber ihre Zahl und ihr herden- Misra setzte seine Karriere als Risiko-
balen Digitalwirtschaft gepumpt. artiger Karriereverlauf sind vielsagend. Da Trader beim Vision Fund fort, unterstützt
Gestützt mit Geld aus Saudi-Arabien, ist Colin Fan, Ex-Chef des Kredithandels; von ehemaligen Deutsche-Bank-Kollegen
hat sich der Vision Fund in etliche der da ist Akshay Nikita, Ex-Chef des Eigen- und von der Londoner Investmentbouti-
höchstbewerteten Tech-Firmen der Welt handels; Saleh Romeih, ehemals Deutsche que Centricus. Ihr Büro liegt zehn Minu-
eingekauft: Uber, Slack, WeWork, TikTok. Bank Singapur; Ioannis Pipilis, Ex-Chef ten Fußweg vom Softbank-Büro im Lon-
»Go Big or Go Home«, alles oder nichts – des Anleihehandels; Faisal Rahman, Co- doner Stadtteil Mayfair entfernt. Auch hier
nach dieser Losung verfuhr Softbank- Chef für Saudi-Arabien. Und eben Munish hat sich eine Garde früherer Deutsch-Ban-
Gründer und -Chef Masayoshi Son bei sei- Varma, jener Mann mit dem Auftritt in Lis- ker zusammengefunden. Sie stellte für
nen großen Wetten auf schnelles Wachs- sabon, der schon für die Deutsche Bank Softbank unter anderem den Kontakt zum
tum. Wo immer der Vision Fund einstieg, Milliarden in Indien bewegte. saudischen Königshaus her.
schnellten die Bewertungen in den vergan- »Misra ist ein Trader durch und durch«,
genen Jahren in astronomische Höhen. sagt Klaus Hommels, dessen Wagniskapi-
Doch der Bulle hat ein Schlachtfeld hin- Von Riad bis Tokio talfonds Lakestar von Zürich aus investiert.
terlassen. Mit dem spektakulär gescheiter- Die größten Investoren in Softbanks Vision Fund, Bei einem Treffen in London habe er Mis-
ten Börsengang des Büroraumvermieters Anteile in Prozent ra einmal gesagt, dass er mit dem Vision
WeWork ging die gewagteste von Sons Fund und seinen Beziehungen zum saudi-
Wetten verloren. Diverse weitere Unter- Public Softbank schen Königshaus ein »geopolitisches
nehmen im Softbank-Portfolio haben mas- Investment 33 Werkzeug« in den Händen halte. Misra –
Fund Saudi-
siv an Wert verloren, allein der Fahrdienst- Arabien Fondsvolumen: Füße auf dem Tisch, in der einen Hand
vermittler Uber hat seit dem Börsengang eine E-Zigarette, in der anderen eine rich-
40 Prozent eingebüßt. Spätestens seit dem
45
100 Mubadala tige – habe kurz innegehalten, gelacht und
WeWork-Debakel fragen sich nervöse Mrd. Dollar Investment
schließlich freudig festgestellt: »Stimmt!«
Company
Investoren, wie wertvoll der Rest der gut (Abu Dhabi) 15 So erinnert sich Hommels.
80 Firmen wohl ist, auf die der Vision Auch die letzte, absurd hohe Finanzie-
Quellen:
Fund sein Kapital verteilt hat. Eine Implo- Unternehmensangaben, rungsrunde für WeWork, die den Wert des
Wall Street Journal
sion des Superfonds könnte den Tech-Ak- Apple, Qualcomm, Start-ups auf dem Papier auf 47 Milliarden
tien rund um den Globus schwer zusetzen. Foxconn, Sharp u. a. 7 Dollar wuchtete, wird Misra angelastet.

72
IMAGO IMAGES
Softbank-Gründer Son: »Ein Monster geschaffen«

Zögerliche Unternehmer aus dem Port- Das Drama lenke ab vom eigentlich Pro- Son galt fortan als Investmentgenie. Zu-
folio des Vision Fund soll er schon mal mit blem, findet Len Sherman von der Colum- käufe finanzierte er schon damals bevor-
dem Spruch abgekanzelt haben: »Du ver- bia Business School: »Okay, Neumann hat zugt mit Schulden. Den saudischen Kron-
brennst nicht genug Geld.« Marihuana in seinem Privatjet geraucht, prinzen Mohammed bin Salman lud Son
Bei WeWork war diese Art von Ermah- aber wen kümmert das? Er ist nur ein vor Jahren zum Speeddating in das Gäste-
nung nicht nötig. Das Debakel um den Symptom. Es hätte keinen Adam Neu- haus der japanischen Regierung in Tokio
Bürovermieter, dessen Wert nach dem ge- mann geben können ohne Softbank und ein, um ihn zu einer Kapitalspritze zu über-
scheiterten Börsengang jäh um 40 Milliar- Masayoshi Son. Es hätte auch kein Uber reden – »45 Milliarden in 45 Minuten«,
den Dollar abstürzte, hält der New Yorker gegeben, kein Slack.« rühmte sich Son später.
Marketingprofessor Scott Galloway für Son, in Japan geboren, studierte Wirt- Wie Sons Alles-oder-nichts-Strategie
»eine unternehmerische Katastrophe«. schaft und Computerwissenschaften an funktioniert, zeigt das Beispiel Wag.
WeWork werde Studenten an den Wirt- der University of California in Berkeley, Die Plattform für Hundespaziergänge
schaftsuniversitäten »noch in Jahrzehnten trotz anfänglich lausiger Englischkennt- gehört zu den kuriosesten Investments
als Fallbeispiel dienen«. Galloway ist ein- nisse. Noch auf der Uni erfand er, kaum des Vision Fund, über den Tech-Insider
flussreicher Kommentator der Tech-Indus- 20 Jahre alt, ein elektronisches Wörter- in San Francisco inzwischen sagen, er
trie. Das WeWork-Drama nennt er am Te- buch, das er für 1,7 Millionen Dollar an sei die »dümmste Geldquelle des Silicon
lefon ein »total fucking disaster«. den Elektronikkonzern Sharp verkaufte – Valley«.
WeWorks exzentrischer Chef, Adam sein erster großer Deal. Wag ist eine App, über die man jeman-
Neumann, der Einhornreiter mit dem wal- Einige Jahre später gründete er eine den bestellen kann, der den Hund aus-
lenden Haar, ist abgesetzt, 4000 Angestell- Vertriebsfirma für Computerprogramme: führt. Kurze Zeit später steht Priscilla vor
te sollen entlassen werden, der Börsen- Softbank. 1994 brachte er das Unterneh- der Tür. Sie ist Profi. Für den Hund, den
gang ist geplatzt. Softbank musste einen men an die Börse und machte bald das sie an diesem Tag in einem kalifornischen
9,5 Milliarden Dollar teuren Rettungs- Investment seines Lebens: Mit 20 Millio- Vorort zum Gassigehen abholt, hat die
schirm spannen. Gegenüber Vertrauten ge- nen Dollar kaufte er sich im Jahr 2000 in Amerikanerin schon ein Leckerli in der
stand Masayoshi Son, Softbank habe mit ein Unternehmen ein, das im Westen da- Hand, als sich die Haustür öffnet.
WeWork »ein Monster geschaffen«. Man mals niemand kannte: Alibaba. Heute Für Priscilla ist Wag-Walking einer von
wolle künftig nur noch in Firmen mit ei- ist sein Anteil an der chinesischen Han- mehreren Teilzeitjobs. Über die Plattform
nem »klareren Weg in die Profitabilität« delsplattform mehr als 100 Milliarden zahlen Hundehalter, die keine Zeit haben,
investieren. Dollar wert. ihr Tier selbst auszuführen, 20 Dollar pro

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 73


Staatsanleihen von hoch verschuldeten
Staaten für Minizinsen. Selbst Pleitefir-
men werden mit Krediten zu sensationell
günstigen Konditionen über Wasser gehal-
ten. Softbank ist nur ein besonders krasses
Symbol für die riskante Jagd nach Rendite.
Für Start-ups hieß das jahrelang, dass
sie nicht mehr an die Börse gehen mussten,
um an das große Geld zu kommen. Damit
blieben sie unreguliert und mussten auch
nicht alle drei Monate über Gewinn und
Verlust Rechenschaft ablegen. Auch das
begünstigte das irre Tech-Dorado.

JACKAL PAN / VCG / GETTY IMAGES


Große Geldgeber des Vision Fund aber,
vor allem aus dem arabischen Raum, wer-
den nervös. Bei der Future Investment Ini-
tiative, einer Art Weltwirtschaftsforum im
saudischen Riad, treffen sich jeden Herbst
Vertreter der großen Staatsfonds aus der
Region, aber auch Wall-Street-Banker,
WeWork-Chef Neumann 2018: »Total fucking disaster« Politiker und Vorstände deutscher Kon-
zerne. Im vergangenen Jahr war der Mord
an dem saudi-arabischen Journalisten
halbe Stunde. Priscilla verdient in ihren Die großen Schecks von Softbank »ver- Dschamal Kaschoggi das große Thema
besten Wochen 400 Dollar. derben manchmal die Disziplin in den vor Ort. Beim Treffen vor zwei Wochen
Ein Uber für Hundespaziergänge: eine Unternehmen«, glaubt auch Kurt Müller, redeten alle über Softbank und die Pro-
nette, kleine Idee. Co-Gründer der Venture-Capital-Firma bleme des Vision Fund.
Der Vision Fund stieg im Januar 2018 Target Partners in München. Zu den größten Geldgebern der ersten
wie ein Überfallkommando bei der Dog- In Deutschland hat sich Softbank unter Stunde gehört der Staatsfonds von Abu
Walking-App ein – mit 300 Millionen Dol- anderem in die Gebrauchtwagenplattform Dhabi, der 15 Milliarden Dollar in den ers-
lar. Dabei hatte das Start-up auf der Suche Auto1 eingekauft, in den Dax-Konzern ten Vision Fund investiert hat. Dort ist
nach Geldgebern nicht mehr als 75 Mil- Wirecard sowie die Digitale-Stadtfüh- man verärgert, dass sich Misra und seine
lionen aufgerufen. Die Leute von Wag hät- rungs-Firma Get Your Guide aus Berlin. Gefährten bei WeWork und anderen Be-
ten das Geld »mehr aus Angst denn aus Der Vision Fund steckt gern mal 100 Mil- teiligungen verspekuliert haben. Man
Begeisterung« genommen, sagt ein US- lionen Euro in seine Firmen. Doch wer zu fürchtet, dass der Reputationsschaden
Wagniskapitalgeber, der den Fall kennt. leicht an zu viel Geld komme, der rechne auch auf Abu Dhabi durchschlagen könnte.
Sie hätten nicht riskieren wollen, dass nicht mehr so gründlich, sagt Müller. Erst Im Umfeld des Staatsfonds gilt es als un-
Softbank sein Geld beim Rivalen Rover Wachstum um jeden Preis – um Profit wahrscheinlich, dass er in den geplanten
investiert, der ebenfalls eine App für Hun- kümmern wir uns später. zweiten Vision Fund noch investiert.
dedienstleistungen betreibt. Wissenschaft- Das Phänomen ist nicht auf Softbank In Saudi-Arabien sieht man die Sache
ler Sherman: »Jede Firma wusste: Wenn beschränkt. Die niedrigen Zinsen und ho- dem Vernehmen nach etwas entspannter.
wir das Geld nicht nehmen und auf den hen Ersparnisse in vielen reichen Volks- Kein Wunder, das Königreich erwartet aus
Softbank-Dampfer aufspringen, wird eben wirtschaften haben dazu geführt, dass zu dem Börsengang von Saudi Aramco einen
der Konkurrent eingeladen.« Die Soft- viel Geld da ist für zu wenig werthaltige wahren Geldregen. Ein wenig davon dürf-
bank-Millionen sollten Wag zum Allein- Anlagen. Große Private-Equity-Fonds zah- te in den neuen Vision Fund fließen.
herrscher auf dem Hundemarkt machen. len Rekordsummen, um Konzerne von der Die nächste Softbank-Geldlawine, der
Duncan Davidson gehörte zu den ersten Börse zu holen. Pensionsfonds kaufen Vision Fund 2, soll noch mal 100 Milliar-
Kapitalgebern von Wag, lange vor Soft- den Dollar stark werden. Len Sherman al-
bank. Er sah große Wachstumsmöglichkei- lerdings hält das Vorhaben für bereits »tot
ten für die junge Firma. Mit Hundesitting, Sammlung von Einhörnern und vorbei«: »Einen zweiten Vision Fund
Hundepflege, Hundezucht, Hundefutter Investitionen des Softbank Vision Fund wird es nicht geben. Zumindest für die
und tierärztlichen Diensten hätte die Platt- in Mrd. Dollar Auswahl nächsten paar Jahre nicht«, sagt Sherman.
form die ganze Palette an Service rund um WeWork Bürodienste, USA Den größten Schaden dürften fürs Erste
den Hund bieten können, sagt Davidson. 13,0 * jene Firmen haben, die in Kürze an die
Softbank aber lieferte mit seinen Millio- DiDi Fahrdienste, China Börse wollen, ob aus dem Softbank-Reich
11,8
nen auch gleich ein neues Management. oder darüber hinaus. Dazu zählen neben
Arm Halbleiter, Großbritannien
Die Gründer verließen die Firma, Wag ge- 8,2 Bytedance/TikTok etwa Doordash, eine
riet rasch aus dem Tritt und soll nun zum Uber Fahrdienste, USA Plattform für Essenslieferungen, oder Post-
Verkauf stehen, offenbar für einen Preis 7,7 mates, ein Start-up für Kurierdienste. »Die
weit unterhalb seiner Bewertung aus der Coupang Internethandel, Südkorea sind verloren. Keine Chance, dass sie an
3,0
Zeit der Vision-Fund-Investition. die Börse kommen«, glaubt Sherman. Der
Grab Fahrdienste, Singapur
Len Sherman zieht aus solchen Beispie- 3,0 Appetit der Wall Street auf Wachstum
len einen harten Schluss: »Es gibt nieman- Wirecard Zahlungsabwickler, Deutschland ohne Profit sei vorbei.
den, der dem Unternehmertum, dem In- 0,9**
Tim Bartz, Martin Hesse, Guido Mingels,
novationsgeist und der Start-up-Welt mehr Slack Software, USA Marcel Rosenbach
0,3
Schaden zugefügt hat als Son und sein Vi- * davon 8,6 Mrd. Dollar durch Softbank direkt **Direktinvestment Softbank Mail: guido.mingels@spiegel.de
sion Fund.« Quellen: Unternehmensangaben, Reuters, Wall Street Journal

74 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Dr. Jennifer Geffers
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Heimbewohnerin Freitag im August: »Ich dachte, wir hätten das goldene Los gezogen«

Ausgeliefert
Pflegeindustrie Barbara Freitag bringt ihre greise Mutter ins Heim. Sie wird dort so schlecht
versorgt, dass die Tochter um das Leben der Seniorin fürchtet. Es beginnt ein zermürbender
Kampf – gegen Hausleitung, Konzern und Aufsichtsbehörden. Von Cornelia Schmergal

U
m 23.35 Uhr in einer Samstag- Die Seniorin kann nicht schlafen, sie wälzt gebens. Die beiden Pfleger, die die Senio-
nacht wählt Barbara Freitag die sich unruhig hin und her. Im Badezimmer ren zu Bett gebracht haben, bleiben un-
Nummer der Polizei. Sie fleht die entdeckt Freitag das mobile Telefon für auffindbar.
Beamten an, einen Streifenwa- die Pflegekräfte der Station. Ein Mitarbei- Barbara Freitag schießt Fotos mit ihrem
gen zum Seniorenheim am Zernsee zu ter muss es vergessen haben. Niemand Handy. Sie ahnt, dass sie diese Beweise
schicken. Es ist ein Akt der Notwehr. scheint es zu vermissen. einmal brauchen wird. Es ist nicht das erste
Mehr als eine Stunde lang ist sie schon Nach einer Weile blinkt die erste Zim- Mal, dass etwas schiefläuft im Heim. Dann
durch die Gänge gelaufen, auf der Suche mernummer auf dem Display auf. Wer in ruft sie die Polizei. »Ich wollte die Verant-
nach einer Pflegekraft. Das Stationszim- der Nacht Schmerzen hat oder Unterstüt- wortung nicht allein tragen.«
mer im Erdgeschoss ist verwaist, die Ter- zung beim Toilettengang braucht, kann Der Vorfall im November 2018 ist der
rassentür in den Garten steht weit offen, die Pflegekräfte per Knopfdruck rufen. Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die
die Medikamentenschränke sind unver- Als Barbara Freitag in den Flur läuft, be- Freitag über Monate mit dem Heim ge-
schlossen. Kein Angestellter ist zu sehen. merkt sie, dass auch auf einem Monitor führt hat. Vor zweieinhalb Wochen, end-
Barbara Freitag ist an diesem Abend an der Decke immer mehr Zimmernum- lich, griff die staatliche Aufsicht durch und
noch spät in das Haus am Zernsee gekom- mern leuchten. Sie sucht im Erdgeschoss, bestellte das Betreiberunternehmen ein,
men, um ihre Mutter Ruth zu besuchen. in der Eingangshalle und im Garten, ver- das zum größten europäischen Pflegekon-

76 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Wirtschaft

zern Korian gehört. Dem Haus am Zern- nehmen sich Zeit, auch im Oktober 2016 immer wieder im Stationszimmer aufzu-
see nahe Potsdam legten die Kontrolleure ist erst knapp die Hälfte der 115 Betten tauchen. Schließlich geht es um ihre Mut-
einen Aufnahmestopp nahe. Korian hat belegt. Es ist die Zeit, in der Barbara Frei- ter. Wenn sie es einrichten kann, kommt
zugesagt, dort zunächst keine Bewohner tag eine emotionale Mail an das Heim sie auch spätabends noch ins Haus.
mehr aufzunehmen. »Proaktiv und frei- schickt. Sie sei sehr glücklich über die »ge- Doch je häufiger sie auf Mängel hin-
willig«, wie der Konzern jetzt erklärt. duldige Zuwendung und Pflege, die mei- weist, desto ruppiger reagiert das Heim.
Es war ein langer Weg dahin, und für ne willensstarke Mutter vom Pflegeteam Im Januar 2018 eskaliert der Streit zum
Barbara Freitag war es ein zäher Kampf. erfährt«, schreibt sie. ersten Mal. Ein Pfleger hinterlässt eine
Mehr als drei Jahre lang hat ihre Mutter Es wird ihr letztes Lob sein. Nachricht auf dem Festnetzanschluss von
im Haus am Zernsee gewohnt – und geht Barbara Freitag: Ihrer Mutter gehe es nicht
es nach Barbara Freitag, dann war fast je- Die Zweifel gut, sie möge sich melden.
der Tag einer zu viel. »Meine Mutti«, sagt Keine zwei Jahre später ist das Heim ein Das Problem: Barbara Freitag ist nicht
sie, »wäre hier fast krepiert.« anderes. In Internetforen häufen sich kri- zu Hause in Werder. Sie liegt in einer Ham-
Der Fall könnte sich jeden Tag, fast tische Einträge. »Personalmangel ohne burger Klinik, um ihre Nierensteine be-
überall in Deutschland, genau so wieder- Ende!« ist dort zu lesen. Der alte Heimlei- handeln zu lassen, fast 300 Kilometer ent-
holen. Vernachlässigung ist trauriger Stan- ter hat das Haus verlassen. Auch Freitag fernt. Im Heim hat sie ihre Mobilnummer
dard in vielen Pflegeheimen. Es mangelt gewinnt das Gefühl, dass sich niemand ge- hinterlegt. Als sie am Abend anruft, er-
an Personal, in der Alten- und Kranken- nug Zeit für ihre Mutter nimmt. zählt ein Pfleger, ihre Mutter habe seit
pflege fehlen in Deutschland 40 000 Kräf- Die alte Dame kann störrisch sein, es mehr als 30 Stunden nichts zu sich genom-
te. Die Lücken stopfen die Heime mit stän- braucht viel Geduld, sie zu Bett zu bringen. men und verhalte sich »nicht kooperativ«.
dig wechselnden Leiharbeitskräften, die Mehr Geduld, als der Dienstplan zulässt. Barbara Freitag bittet darum, einen Arzt
immer wieder eingearbeitet werden müs- Manchmal schläft Ruth Freitag nach der einzuschalten. Dringend. Ihre Mutter sei
sen. Auch ihnen bleibt kaum Zeit, sich aus- Abendtoilette mit dem Kopf im Wasch- psychisch krank. Wenn sie nichts trinke
reichend um alle Bewohner zu kümmern. becken ein und wird erst am frühen und ihre Pillen nicht schlucke, falle sie in
Kontrolleure berichten, sie wüssten von Morgen ins Bett gebracht. So berichtet tiefe Angstzustände.
Dutzenden Heimen im ganzen Land, in de- es ein Pfleger der Tochter. Ihre Medika- Der Hausarzt sei nicht erschienen, ent-
nen die Zustände desaströs seien: Senioren mente bekommt die alte Dame nicht gegnet der Pfleger, der Bereitschaftsarzt
dehydrieren, liegen sich wund, verküm- pünktlich, ihre eitrige Augenentzündung lehne es ab zu kommen. Als nach Schicht-
mern. Dem alten Pflege-TÜV ist kaum zu heilt nicht ab. wechsel die Nachtschwester erscheint, bit-
trauen – und das neue Bewertungssystem Barbara Freitag wird die Sache unheim- tet Barbara Freitag erneut darum, einen
für Heime läuft in diesen Wochen erst an. lich, sie spricht auf dem Flur die Pflege- Mediziner einzuschalten. Am Telefon hört
Nur was tun, wenn ein alter Mensch im kräfte an. Doch nichts ändert sich. Selbst sie die Schreie ihrer Mutter über den Flur
Heim schlecht versorgt wird? Wann sollen um die Pflegeakte ihrer Mutter einzuse- bis in das Stationszimmer hallen. Freitag
Angehörige einschreiten und sich zur hen, muss sie kämpfen. Darin muss das droht mit einer Anzeige wegen »unterlas-
Wehr setzen? Und vor allem: wie? Personal festhalten, wie es den Bewohnern sener Hilfeleistung«. Schließlich ruft die
geht, wann sie gewaschen werden oder Nachtschwester eine Notärztin.
Der Einzug ihre Pillen bekommen. Angehörige haben
Alles fing so gut an. Als Ruth Freitag im ein Recht darauf, diese Unterlagen zu le- Die Suche nach Hilfe
Dezember 2015 in das Haus am Zernsee sen. Die Heimleiterin versichert zwar: Barbara Freitag ist verzweifelt – und ratlos,
in Werder zieht, ist sie eine der ersten Be- »Ihre Sorgen und Beschwerden nehmen an wen sie sich wenden soll. Den Heim-
wohnerinnen. Die alte Dame ist seit sieben wir sehr ernst«, doch es dauert Wochen, beirat, in dem die Bewohner ihre Interes-
Jahren pflegebedürftig. Ihre Unabhängig- bis ein Termin zur Akteneinsicht zustande sen vertreten, hält sie für nicht mehr
keit verlor sie durch einen Schlaganfall, kommt. Ein langer Austausch von Mails als »ein dekoratives Blatt«. Sie beschließt,
ihr Stilempfinden ist geblieben. Die grauen beginnt, der Ton wird rauer. die Heimaufsicht einzuschalten. Freitag
Haare hat sie zum Pagenkopf frisiert, ge- Barbara Freitag ist hartnäckig, sie kann schickt eine erste Mail an eine Sachbear-
legentlich schätzt sie ein Gläschen Sekt. laut sein, sie wehrt sich. Die 63-Jährige beiterin im Potsdamer Landesamt für So-
Tags zuvor sind ihre Möbel angekom- mit ihren ungebändigten Locken spricht ziales und Versorgung. Kurz darauf er-
men: die kleine Designercouch, der Ess- so schnell, dass es schwer ist, sie zu un- scheint diese zum Ortstermin.
tisch aus Nussbaum und die Biedermeier- terbrechen. Die Beraterin und ehemalige Ein paar Tage lang hofft Barbara Freitag,
kommode mit den Familienfotos darauf. Verlagsmanagerin hat keine Hemmungen, dass ihre Beschwerde etwas bewirkt haben
Das Heim am Zernsee scheint gut zu könnte. Bis sie das Schreiben der Aufsichts-
der alten Dame zu passen: Das Ambiente Auf Hilfe angewiesen behörde erhält: Man habe im Fall ihrer
erinnert an ein Hotel. Im Sommer spannen Wie die 3,4 Millionen Pflegebedürftigen in Mutter keine Mängel festgestellt.
sich weiße Schirme über der Terrasse, die Deutschland versorgt werden Bei der Behörde heißt es auf Anfrage,
hauseigene Küche gilt als vorzüglich. »Ich zu Hause, vollstationär sie müsse in jedem Fall »alle Seiten an-
dachte damals, wir hätten das goldene Los allein durch in Heimen hören«. Für Angehörige könne das »frus-
gezogen«, sagt Barbara Freitag. Angehörige trierend« sein.
Das Haus am Zernsee wird von der Un- Im Heim hat sich allerdings herumge-
ternehmensgruppe Casa Reha betrieben, 24 % sprochen, dass Barbara Freitag sich bei der
die wenig später vom börsennotierten Aufsicht beschwert hat. Bei den Pflegekräf-
Konzern Korian übernommen wird, mit 52 % ten gilt sie ab jetzt »als Hassobjekt«, so er-
28 000 Plätzen der größte Heimanbieter zählt es eine Angehörige einer anderen
in Deutschland. 24 % Bewohnerin. Einige Angestellte meiden
In der Gegend ist das Haus schnell zu Hause, es, mit ihr zu sprechen.
beliebt. Der Heimleiter persönlich küm- Quellen: zusätzlich Der Zustand ihrer Mutter verschlechtert
Statistisches
mert sich um die Bewohner, manchmal Bundesamt, BiB; durch ambulante sich derweil zusehends. Als Barbara Frei-
bringt er sie selbst zu Bett. Die Pfleger Stand: 2017 Pflegedienste tag an einem Tag im Februar 2018 ins

Fotos: Jesco Denzel für den SPIEGEL 77


Seniorin Freitag, Tochter: »Meine Mutti wäre fast krepiert«

Heim kommt, stellt sie fest, dass ihre Mut- mit dem Handy, das erschütternde Video überbrücke Personalengpässe mit einer
ter allein in den vergangenen Tagen zwei ist fast neun Minuten lang. »Ich habe mei- Vielzahl von Leasingfirmen.
Kilogramm abgenommen hat. Wieder bit- ne Mutter noch nie so gesehen«, sagt sie. Der fragwürdige Ruf des Hauses hat
tet sie um Einsicht in die Akten und er- Der behandelnde Neurologe hat Ruth sich in der Branche herumgesprochen. Es
schrickt. Seit dem Einzug hat ihre Mutter Freitag ein schnell wirkendes Medika- wird immer schwieriger, Personal zu fin-
17 Kilogramm verloren. Die Aufzeichnun- ment verordnet, das akute Angstzustände den. Eine Pflegefachkraft, die für kurze
gen fotografiert Freitag mit ihrem Handy. vertreibt. Doch das Personal habe sich Zeit im Haus am Zernsee eingesetzt wird,
Die Pflegekräfte halten den Gewichts- geweigert, ihr das Präparat zu geben, so erlebt die Stimmung als »bedrückend«.
verlust nicht für bedenklich. Barbara Frei- erinnert es Barbara Freitag – wegen »un- Das Personal sei durch Ausfälle chro-
tag schickt eine Mail an das Beschwerde- kalkulierbarer Nebenwirkungen«. Außer- nisch unterbesetzt gewesen, Leihkräfte hät-
management des Korian-Konzerns. dem, sagt eine Pflegekraft, habe ihre Mut- ten die Lücken kaum schließen können.
Mitarbeiter des Heims zweifeln inzwi- ter solche Angstanfälle »nur, wenn Sie da »Die Kollegen waren am Limit«, sagt die
schen an, wie weit Barbara Freitag sich sind«. Freitag erschrickt. Sie fürchtet, ehemalige Casa-Reha-Mitarbeiterin. Sie
überhaupt für ihre senile Mutter einsetzen dass das Heim tatsächlich einen Grund hat sich einen neuen Arbeitgeber gesucht.
darf. Im Zweifel, so versteht es die Tochter, sucht, um ihr die Vorsorgevollmacht ent- Würde sie ihre eigene Mutter im Haus am
muss dies ein Betreuungsgericht entschei- ziehen zu lassen. Zernsee unterbringen?
den. Man behalte sich vor, »bei einer wei- Dabei ist sie nicht mehr die Einzige, die »Auf keinen Fall«, sagt sie.
teren Eskalation diesen Schritt zu gehen«, sich beschwert. Auch Mitarbeiter machen Für den Konzern Korian sind die Vor-
droht Korian schriftlich. Es klingt wie ein auf die Zustände im Heim aufmerksam. gänge unangenehm. Man habe die Zahl der
Versuch, sie mundtot zu machen. Die staatliche Aufsicht erscheint zu unan- Leiharbeitskräfte deutschlandweit deutlich
Als die Tochter wenige Wochen später gemeldeten Besuchen, der Medizinische reduziert, erklärt das Unternehmen in ei-
ins Heim kommt, trifft sie ihre Mutter in Dienst der Krankenversicherung (MDK) ner Stellungnahme. Das Haus am Zernsee
einem erschreckenden Zustand an. Die Se- rückt im Frühjahr 2018 zur Prüfung an. sei »eine der wenigen Einrichtungen, in de-
niorin sitzt zusammengesunken im Roll- Auf mehr als hundert Seiten führen die nen dies aufgrund des starken Fachkräfte-
stuhl, Panik steht in ihrem Blick. »Angst Kontrolleure viele Mängel auf. Die Pflege- mangels in der Region bislang nicht mög-
hab ich«, wimmert sie, »Angst. Solche dokumentation sei fehlerhaft, Medikamen- lich war«. Der anhaltend starke Fachkräf-
Angst.« Barbara Freitag filmt ihre Mutter te würden nicht verabreicht, das Heim temangel und die angespannte Situation

78 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Wirtschaft

auf dem Arbeitsmarkt würden »weiterhin Sekunden«, hört man Freitag sagen. Ihre siert« und »letztendlich die Leitungsstruk-
eine große Herausforderung bleiben«. Mutter ist völlig entkräftet. tur verändert«.
Die Angehörige einer Zimmernachbarin
Ein neues Heim? erlebt wenig später, wie die Angestellten Die Flucht
Monatelang sperrt sich Barbara Freitag ge- mit Ruth Freitag umgehen. Als ein Pfleger Ruth Freitag hat sich chic gemacht – für
gen den Gedanken, ein anderes Heim für der zitternden Seniorin das Abendessen den besonderen Anlass. Sie trägt ein Jäck-
ihre Mutter zu suchen. Die damals 92-Jäh- reichen will, ruft ein anderer Mitarbeiter: chen im Chanel-Stil, als sie am 23. Januar
rige hasst Veränderungen. Sie spricht da- »Die Alte soll sich selber füttern.« 2019 in das St. Franziskus Seniorenheim
von, dass sie »nicht mehr will«, sie redet Im Heim gibt es zu dem Zeitpunkt in Potsdam umzieht. Dort ist im zweiten
vom Sterben. Einen Umzug, glaubt die längst andere Sorgen. In der ersten Etage Stock ein Balkonzimmer frei geworden.
Tochter, würde sie nicht durchstehen. hat sich ein ansteckendes Magen-Darm- Der Ton im Haus ist freundlich, viele
Im August 2018 gerät die Lage außer Virus ausgebreitet. Doch der Betrieb läuft Führungskräfte sind seit Jahrzehnten im
Kontrolle. Ein Notarzt weist Ruth Freitag weiter. Bis die Situation in jener Nacht es- Betrieb, der Pflegedienstchef ist seit acht
in eine psychiatrische Fachklinik ein. Sie kaliert, in der Barbara Freitag die Polizei Jahren dabei. Es gibt vielleicht nicht mehr
schreit. In ihrem Zimmer fühle sie sich ruft, weil kein Pfleger zu finden ist. Im Personal als anderswo, aber deutlich we-
von Ziegen belagert, wie ein Arzt proto- Heim heißt es, es habe technische Proble- niger Wechsel.
kolliert. me mit der Telefonanlage gegeben. Von ihrem Bett aus kann Ruth Freitag
Das Krankenhaus stellt fest, dass die Dieses Mal reagiert das Landesamt sofort. auf den antiken Kleiderschrank aus Nuss-
alte Dame so dehydriert ist, dass sie an Am Dienstag erscheint die Aufsicht im baum schauen, an dem ihr Hochzeitskleid
den Tropf gelegt werden muss. Ihre Augen Heim. »Die fehlende Erreichbarkeit des von 1950 hängt. Die Rüschen über der
haben sich durch Eiter zu Schlitzen ver- Personals in der Nacht ist nicht tolerierbar«, rechten Schulter lassen sich an- und ab-
engt, unter ihrer linken Brust nässt die schreibt sie in ihrem vertraulichen Bericht. knöpfen. »Wenn ich die abgemacht habe,
Haut, das Gesäß ist blutig gescheuert. Nie- Das Urteil der Kontrolleure ist vernichtend: war ich fast nackig«, sagt sie und kichert.
manden im Heim scheint es gekümmert Das Heim biete noch immer keine Gewähr, Die alte Dame hat sich zum Mittags-
zu haben, dass die alte Dame im Rollstuhl »dass Gefahren für Leib, Leben und Freiheit schlaf ausgestreckt. Sie ist zufrieden, ihr
über Wochen auf einem Dekubituskissen der Bewohnerinnen und Bewohner« abge- Lieblingspfleger hat ihr den Kartoffelbrei
saß, das nicht aufgepumpt war. Die Gum- stellt würden. Es habe auch die Hinweise angereicht, das weiß sie noch. An die Zeit
miausbuchtungen des Kissens hatten Wun- von Barbara Freitag nicht ernst genommen. am Zernsee erinnert sie sich nicht. Manch-
den in das Fleisch gedrückt. Zwei Tage später trennt sich der Kon- mal kann das Gedächtnis gnädig sein.
Barbara Freitag weiß jetzt, dass sie nach zern von der Heimleiterin. Ihre Tochter steht neben ihr und zupft
einem anderen Heimplatz suchen muss, Barbara Freitag erhält noch am selben die Bettdecke zurecht. Rückblickend kann
es geht nicht mehr. In den nächsten Wo- Tag Post von einem Anwalt, den der Heim- Barbara Freitag es nicht fassen, dass sie
chen besichtigt sie ein Dutzend Senioren- betreiber Casa Reha eingeschaltet hat: »In nicht eher nach einem neuen Heimplatz
heime. Einige Unterkünfte sind überfüllt, Anbetracht der Gesamtsituation rege ich gesucht hat. »Ich hatte immer diese Angst,
von anderen ist die Tochter nicht über- an, dass für Ihre Mutter eine andere Pfle- dass meine Mutter stirbt, wenn sie umzie-
zeugt. Der Pflege-TÜV ist keine Hilfe, geeinrichtung gesucht wird«, heißt es. hen muss«, sagt sie. »Aber vielleicht wäre
auch fragwürdige Heime schneiden gut ab. Zwei Wochen später folgt die offizielle sie gestorben, wenn sie geblieben wäre.«
Selbst das Haus am Zernsee bekommt dort Kündigung, wegen der »Rückstände beim
die Schulnote 1,4. Die Suche zieht sich hin. Heimentgelt«. Das Nachspiel
Als ihre Mutter nach drei Wochen aus Korian erklärt, dass sich der Konzern Das Haus am Zernsee kommt nicht zur
der Klinik entlassen wird, wird sie zurück aus Datenschutzgründen nicht zu Einzel- Ruhe. Weil sich lange keine Fachkraft für
in das Haus am Zernsee gebracht. Barbara fällen äußern könne. Man bedaure, »dass die Heimleitung findet, erbarmt sich zu-
Freitag bleibt keine Wahl, als auf andere es zu Konflikten zwischen einer Ange- nächst ein Pensionär, dessen Schwiegerva-
Weise Druck zu machen: Sie kürzt den Ei- hörigen und der Einrichtungsleitung kam, ter – ein ehemaliger SPD-Landesminister –
genanteil für das Heim, es sind rund 1400 die vor Ort nicht gelöst werden konnten«. im Heim lebt, als Ansprechpartner bereit-
Euro, die sie jeden Monat überweist. Zur Das entspreche nicht dem Anspruch des zustehen. Im Sommer 2019 übernimmt
Begründung listet sie alle »Pflegemängel« Unternehmens, mit Angehörigen und Be- eine neue Heimleiterin die Position. Kori-
auf – es werden vier DIN-A4-Seiten. wohnern einen offenen und selbstkri- an spricht von »einer kompetenten Ein-
An die Heimaufsicht schickt sie eine tischen Austausch zu pflegen. Aufgrund richtungsleiterin und Ansprechpartnerin«,
neue Beschwerde. Die Kontrolleure, die der »Vorkommnisse« habe man »die Situa- die das Team ausbauen solle – »mit dem
zur Ermittlung erscheinen, notieren in ih- tion im Haus am Zernsee gründlich analy- Ziel, ab dem Jahr 2020 auf Leiharbeits-
rem Bericht, es gebe »Abweichungen« von kräfte verzichten zu können«.
den Vorgaben des Pflege- und Betreuungs- Personalmangel Doch die Lage bleibt ernst: Bei einer
gesetzes. Das Heim sei »zur Mängelbesei- Offene Stellen in der Alten- Prüfung im September stellt die Heimauf-
tigung beraten« worden. und Krankenpflege
38000 39 600 sicht erneut Mängel fest.
»Beraten« steht im Protokoll. 34300 Am letzten Montag im Oktober erschei-
Nicht: »aufgefordert«. 30400 nen auch Kontrolleure des MDK im Haus
So will es das Gesetz. am Zernsee, für denselben Tag haben die
24000 Aufseher im Landesamt für Soziales den
Die Implosion Heimbetreiber zum Gespräch einbestellt.
Am 2. November 2018 nimmt Barbara Das Unternehmen muss versprechen, eine
Freitag erneut ein Video ihrer Mutter auf. »stabile Fachkräftebasis« zu schaffen. Es
Sie zoomt auf eine Falte auf dem linken hat keine andere Wahl.
Handrücken. Je dehydrierter ein Mensch Bis Januar 2020 wird das Heim keine
ist, desto länger bleibt die Haut stehen, Quelle: Bundesagentur für Arbeit neuen Bewohner aufnehmen.
wenn man sie mit Daumen und Zeigefin- Mail: cornelia.schmergal@spiegel.de
ger anhebt. »Die Falte steht jetzt seit 22 2014 2015 2016 2017 2018

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Ausland
»Zehn sterben, hundert sterben, wir machen weiter für die Heimat.« ‣ S. 94

MARCO BERTORELLO / AFP


Für Venezianer gehört das Acqua alta im November zur Routine. Mit 1,87 Metern über der Nullmarke erreichte
die Flut nun Ausmaße wie seit mehr als 50 Jahren nicht. Das Wasser überschwemmte den Markusplatz und
drang in Gebäude ein – wie hier in das Gritti-Palace-Hotel. Venedig liegt heute etwa 20 Zentimeter tiefer als vor
hundert Jahren; der steigende Meeresspiegel und der Hafenausbau steigern das Überflutungsrisiko zusätzlich.

Analyse

Raketen auf Bestellung


Israels Premier Netanyahu lässt einen Terroristen töten – und will damit wohl seine Regierungsbeteiligung sichern.

Benjamin Netanyahu hat lange gewartet. Zwar ist es schon zwei sichtslos. Militante Palästinenser antworten auf die Tötung mit
Jahre her, dass Teile des Sicherheitsapparates empfahlen, den Raketenbeschuss, Israel ist im Ausnahmezustand. Gantz unter-
Chef der Kuds-Brigaden im Gazastreifen töten zu lassen. Doch stützt öffentlich die Tötung des Islamistenchefs; ein wichtiges
erst am 12. November griffen die israelischen Streitkräfte tat- Koalitionsgespräch musste er nun jedoch verschieben.
sächlich an. Der Mann mit dem Namen Baha Abu al-Ata starb, Dabei läuft ihm die Zeit davon: Sein Mandat zur Regierungs-
als sein Haus von einer Präzisionsrakete getroffen wurde. bildung endet am 20. November. Kommt danach keine Koalition
Netanyahu hatte es in der Vergangenheit abgelehnt, ihn liqui- zustande, muss Israel neu wählen, es wäre das dritte Mal dieses
dieren zu lassen, obwohl er Drahtzieher zahlreicher Raketenan- Jahr. Der Angriff auf Abu al-Ata ist deshalb als Botschaft von
griffe auf Israel gewesen sein soll. Dass er sich ausgerechnet jetzt Netanyahu an Gantz zu verstehen. Er will seinen Herausforderer
dafür entschied, hat auch innenpolitische Gründe. Netanyahus dazu bringen, einer großen Koalition zuzustimmen. Bislang
Versuch, nach der Wahl im September eine Koalition zu bilden, lehnt Gantz das ab, solange der unter Korruptionsverdacht
ist gescheitert. Derzeit versucht sein Kontrahent Benny Gantz stehende Netanyahu nicht abtritt. Der Konflikt könnte Gantz
vom Mitte-Links-Bündnis Blau-Weiß, eine Mehrheit zu formen. zwingen, seine Position aufzugeben. Ein Land im Krieg ist
Gantz’ Chancen standen schon vor dem Angriff auf Abu schlimm. Ein führungsloses Land im Krieg – so sehen es viele
al-Ata schlecht. Seit Dienstag scheint sein Unterfangen fast aus- Israelis – ist noch schlimmer. Alexandra Rojkov

82 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Nordkorea Katastrophenschutz
Funkstille zwischen »Hilfe kommt häufig
Seoul und Tokio zu spät«
 Wenn Nordkoreas Diktator Kim Jong Die aktuellen Buschfeuer in Australien
Un derzeit Raketen testet, alarmiert sind überraschend früh und heftig ausge-
das vor allem zwei Staaten: Südkorea brochen. Weltweit werden Fluten und
und Japan. Entsprechend ausgerichtet, Stürme zerstörerischer. Was bedeutet das
könnten die Geschosse eines der für Feuerwehren und das internationale
beiden Länder treffen. Anfang Oktober Hilfssystem? Alice Hill beschäftigt sich

REUTERS
etwa flog eine Rakete von Nordkoreas damit in ihrem Buch »Building a Resilient
Ostküste 450 Kilometer weit und Tomorrow«. Sie arbeitete sowohl für
stürzte vor Japan ins Meer. Anschlie- US-Präsident Barack Obama als Sonder- Fliehende vor Buschfeuer in Australien
ßend forderte die Regierung in Seoul beraterin für Fragen der nationalen
von Tokio Informationen dazu an. Sicherheit im Bereich Klimawandel als Verletzten. Besonders schwierig ist es,
Doch mit dem direkten Austausch über auch für den Nationalen Sicherheitsrat. Feuer zu bekämpfen, die an der Grenze
Kims Waffen ist künftig Schluss. Kom- zwischen Wäldern und Siedlungen
mende Woche – am 23. November SPIEGEL: Frau Hill, die riesigen Brände stattfinden, da werden immer wieder
um 00.01 Uhr – läuft das sogenannte in Australien und Kalifornien, Wirbel- Häuser vernichtet.
GSOMIA-Abkommen zum Informa- stürme wie »Dorian« in Amerika – SPIEGEL: Was passiert, wenn es an meh-
tionsaustausch zwischen Japan und Einzelfälle oder sehen Sie da einen reren Orten auf der Welt gleichzeitig so
Südkorea aus. Beide Länder sind seit Trend? heftig brennt?
Monaten in einen Streit um die gemein- Hill: Diese Ereignisse sind im Einklang Hill: Es ist schon lange so, dass sich Län-
same Vergangenheit verwickelt. Die mit dem, was wir als Folgen des Klima- der gegenseitig helfen. Aber diese Hilfs-
Entscheidung Südkoreas, GSOMIA wandels kennen. Wir müssen die wissen- vereinbarungen geraten unter Druck,
nicht zu verlängern, bildete nun einen schaftliche Bewertung abwarten, aber wenn verschiedene Staaten gleichzeitig
neuen Tiefpunkt. Tokio nennt das sie entsprechen dem Trend hin zu höhe- mit Großbränden zu kämpfen haben.
»extrem bedauerlich«. Auch der gemein- ren Meeresspiegeln, zerstörerischen Oftmals dauert es bis zu 24 Stunden, um
same Verbündete USA ist verärgert Waldbränden und Stürmen. Hilfe in ein anderes Land zu schicken.
und befürchtet, dass die Allianz der drei SPIEGEL: Was bedeutet das für die Arbeit So schnell, wie die Brände sich mittler-
Staaten an Stärke verliert. Mit einer von Feuerwehren? weile ausbreiten, kommt die Hilfe häufig
diplomatischen Offensive versuchen Hill: Die Feuer brennen wegen der Tro- zu spät.
die Amerikaner, Seoul diese Woche ckenheit heißer, sie breiten sich schneller SPIEGEL: Was können Regierungen tun?
noch umzustimmen. Es gebe schon Leu- aus. Weltweit führt das zu gewaltigen Hill: Es ist vor allem wichtig, die Treib-
te, die diese angespannte Situation Belastungen für das Equipment, die Ein- hausgasemissionen zu reduzieren.
glücklich stimme, erklärte der US-Regie- satzkosten sind immens. Dazu kommen Darüber hinaus müssen wir überdenken,
rungsbeamte Marc Knapper einer japa- die Strapazen für Feuerwehrleute, die wo wir bauen. Wir dürfen nicht mehr
nischen Zeitung. »Aber die sitzen in unter gefährlichen Bedingungen arbeiten in Gebieten bauen, in denen das Brand-
Peking, Moskau und Pjöngjang.« KGP müssen. Immer wieder kommt es zu risiko ansteigt. RTH

Völkermord für Islamische Zusammenarbeit ein. Gam- Mitgliedstaaten gegen andere Mitglied-
bia fordert in der Klage eine Bestrafung staaten vorgehen, sobald internationales
Gambia klagt gegen der Täter, Entschädigung für die Opfer Recht gebrochen wird. Eine erste An-
Myanmar und ein sofortiges Ende der Angriffe auf hörung vor dem ICJ könnte bereits im
die in Myanmar verbliebenen Rohingya. Dezember stattfinden. Die Strafverfolgung
 Die Rohingya in Myanmar bekommen Gemäß den Statuten des Internationalen im Fall der Rohingya ist juristisch kom-
Hilfe von unerwarteter Seite: Der west- Gerichtshofs – Hauptrechtsprechungs- plex, aber nicht aussichtslos: Auch der
afrikanische Staat Gambia hat eine 46-sei- organ der Vereinten Nationen – können Internationale Strafgerichtshof (ICC), der
tige Klageschrift beim Internatio- ebenfalls in Den Haag sitzt, hat
nalen Gerichtshof (ICJ) in Den sich bereits eingeschaltet. Das
Haag eingereicht. Darin werden Strafgericht hat erste Vorermitt-
der Regierung in Myanmar Völ- lungen aufgenommen. Zwar hat
kermord an den Rohingya vorge- Myanmar den Internationalen
worfen. Das Militär Myanmars Strafgerichtshof nicht aner-
wird beschuldigt, im Oktober kannt – da die Mehrheit der
2016 Angehörige der muslimi- Rohingya aber in das Mitglieds-
ALLISON JOYCE / GETTY IMAGES

schen Minderheit im Bundes- land Bangladesch vertrieben


staat Rakhine massenhaft verge- wurde, haben die Juristen des
waltigt und ermordet zu haben. ICC eine legale Handhabe. Die
Gambia, das mehrheitlich musli- Zukunft der rund eine Million
misch ist, sieht sich in diesem Rohingya, die in Camps in Bang-
Fall als Verfechter der Menschen- ladesch ihr Leben fristen, ist
rechte; das Land reichte die Kla- trotz der juristischen Anstren-
ge im Namen der Organisation Rohingya in Bangladesch bei Gedenkfeier gungen ungewiss. KUK

83
Ausland

Gemeinsam
verbrennen
Hongkong Fünf Monate nach Beginn der Proteste eskaliert
die Gewalt. Die Polizei schlägt härter zu denn je. Und
die Demonstranten basteln Waffen, die ursprünglichen Ziele
der Bewegung treten zunehmend in den Hintergrund.

D
as Licht der Hochhäuser schim- Während sich Proteste bislang wieder auf-
mert durch den Nachthimmel, als lösten, haben die Regierungsgegner diese
sich die Hong Kong Baptist Uni- Woche Territorien besetzt und gehalten.
versity auf die Schlacht vorberei- Was vor einigen Wochen noch an Aus-
tet. In einem Treppenhaus füllen junge einandersetzungen wie bei Feiern zum
Frauen Molotowcocktails ab. Sie sitzen 1. Mai in Berlin erinnerte, wächst sich nun
auf dem Boden zwischen zerrissenen zu etwas aus, das sich eher mit der Revo-
Küchenhandtüchern, leeren Bierflaschen lution auf dem Maidan in Kiew vor fünf
und Kunststoffkanistern. Sie arbeiten rou- Jahren vergleichen lässt.
tiniert, schweigend. Glas klappert, es stinkt Die Gewalt ist in Szenen bislang noch
nach Benzin. Ab und zu kommt ein nicht gesehener Brutalität ausgeartet. Am
Schwarzgekleideter und trägt einen Papp- Montag schoß ein Polizist aus nächster
karton mit einer neuen Ladung davon, die Nähe einen Aktivisten nieder und verletz-
stillstehende Rolltreppe hinauf, Richtung te ihn schwer. Ein zweiter lenkte sein Mo-
Fußgängerbrücke. torrad gezielt in die Menge. Ein Randalie-
Die Brücke spannt sich über die Junction rer übergoss einen vermeintlich regie-
Road, die den Campus in zwei Teile trennt. rungstreuen Bauarbeiter mit Benzin und
Hier soll eine Kampfzone entstehen. Von zündete ihn an. Der Mann überlebte mit
oben schaut man auf Barrikaden aus Me- schweren Verbrennungen.
tallzäunen, Bambuspfählen und Blumen- Die Ausschreitungen haben ein solches
kübeln, dazwischen Stolperfallen aus Zie- Ausmaß erreicht, dass mehrere Universi-
gelsteinen, wie in einem Steinbruch hallen täten das Semester vorzeitig beendeten.
die Hammerschläge. Sämtliche Schulen stellten am Donnerstag
Einige Studenten haben das Depot der den Betrieb ein.
Sportanlage geplündert. Baseballschläger. Die Stadt, sagt ein führender Polizei-
Tennisschläger. Stahlkugeln. Unter einem offizier, stehe »am Rande des totalen Zu-
Vordach übt eine kleine Truppe maskierter sammenbruchs«. Regierungschefin Carrie
Bogenschützen – ganz offensichtlich un- Lam bezeichnet die Radikalen unter den
erfahren mit ihrem Gerät. Sie zielen auf Demonstranten als »Feinde des Volkes«.
eine Dose »Monster«-Energydrink, die je- Sie denke nicht daran, ihren Forderungen
mand ein paar Schritte weiter platziert hat. nachzugeben. Aus Peking sind unterdes-
In den Fluren des Hauptgebäudes sam- sen ominöse Warnungen zu hören: »Wir
meln sich die Kämpfer, es sind Tausende. werden niemals zulassen, dass die Gewalt
Junge Frauen und Männer in ihrer zur Uni- in Hongkong wuchert und dass die Ver-
form gewordenen Ninja-Kluft: Sportschu- schwörer gegen China Erfolg haben«, sagt
he, schwarze Kleidung, ein Tuch, das man ein Regierungssprecher. Die »Aufrührer«
sich übers Gesicht ziehen kann. Und Gas- seien »streng zu bestrafen«.
masken, mit deren pinkfarbenen Filtern Beide Seiten, Staat wie Demonstranten,
sie so selbstverständlich hantieren, als sei- haben sich inzwischen so sehr verhakt,
en es Pausenbrotdosen. Die Regierungs- dass eine friedliche Lösung des Konflikts
gegner haben die Hong Kong Baptist Uni- immer unwahrscheinlicher scheint.
versity zu einer Festung umgebaut. Span- Am 24. November sollen in Hongkong
nung liegt in der Luft. Alle warten darauf, die Bezirksräte gewählt werden, der erste
dass in den kommenden Tagen der Gegner Wahlgang seit Beginn der Proteste. Vieles
eintrifft: die Polizei. deutet darauf hin, dass das Protestlager gut
Hongkong, im sechsten Monat der Pro- abschneiden und damit auch seinen Einfluss
testbewegung. Zum ersten Mal endet die in dem von Peking dominierten Gremium
Gewalt nicht mit dem Wochenende, son- ausdehnen könnte, das den Regierungschef
dern artet auch in der Arbeitswoche aus. kürt. Doch wer gehofft hatte, dass sich die

84 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


JEROME FAVRE / EPA-EFE / REX

Regierungsgegner an der Chinese University beim Kampftraining: »Wir müssen die Gewalt steigern«

85
Ausland

Lage vorher beruhigen würde, sieht sich ge- telefon zu benutzen«. Nicht nur die Poli- Drei Tage später, als sich Zehntausende
täuscht. Die Polizei geht härter denn je ge- zei, auch Unternehmen mit Verbindungen vor dem Parlament versammelten, um die
gen die Regierungsgegner vor, und selbst in die Volksrepublik seien legitime Ziele. Debatte über das Gesetz zu verhindern,
wenn die Zahl der Demonstranten schwin- Die wenigsten Demonstranten sind so war sie ebenfalls dabei. An jenem Tag
det: Der Kern der Bewegung ist so geschlos- naiv zu glauben, den Kampf gegen die schoss die Polizei erstmals mit Tränengas.
sen wie nie zuvor. Die Demonstranten or- Polizei gewinnen zu können. Sie wollen Alle seien in Panik geflüchtet. Sie habe
ganisieren sich dezentral über soziale Me- die Regierung durch ihre Radikalität zu Zu- sich gefragt: »Warum sind wir so schwach?
dien. Sie akzeptieren keine Autoritäten, die geständnissen zwingen. »Die Polizei glaubt, Sobald die Polizei auftaucht, rennen wir
eine Richtung vorgeben oder gar ein Macht- dass sie straflos mit allem davonkommt«, davon. Wie können wir zurückschlagen?«
wort sprechen könnten. Eine Mehrheit der sagt Fischer. »Also müssen auch wir die Heute sagt K, es berühre sie, welche Ge-
Regierungsgegner in Hongkong weigert Gewalt steigern. Reine Spieltheorie.« fahren ihre Mitstreiter auf sich nähmen.
sich, Gewaltbereite auszugrenzen. Mode- Die Hemmschwelle ist im Verlauf der Sie wolle sie beschützen. Und sie wolle,
rate Kräfte, die noch im Sommer das Bild vergangenen Wochen drastisch gesunken. dass die Polizei für ihre Brutalität bezahle.
der Proteste bestimmten, halten sich zu- Im Juni debattierten Aktivisten noch da- Früher habe sie die Position vertreten, Pro-
rück. Pazifisten, Familien, Zögernde blei- rüber, ob es angemessen sei, statt Tomaten bleme ließen sich am besten durch Kom-
ben zu Hause. Die sogenannten Frontliner oder Eiern Ziegelsteine zu werfen. Im Juli munikation lösen – aber es höre ja nie-
bestimmen zunehmend die Agenda. rechtfertigten sich Frontliner damit, dass mand zu. Heute schaue sie sich Fotos von
Einer dieser Frontliner nennt sich Irving sie nur öffentliches, aber kein privates verletzten Frontlinern an, bevor sie in den
Fisher. »Ein berühmter amerikanischer Eigentum zerstörten, im August, dass sie Einsatz gehe. Häufig nehme sie sich vor,
Ökonom«, sagt er. »Ich liebe seine Zins- nur Sachschaden anrichteten, aber nie sich zurückzuhalten, finde sich dann aber
theorie.« Am Sonntag leitet er über den Menschen angriffen. Für den Übergriff auf doch stets in der ersten Reihe wieder.
Messenger-Dienst Telegram die Verwüs- einen Polizeisympathisanten, der sich dann K wird meist eingesetzt, um Tränengas-
tung eines Starbucks-Cafés in einer Shop- als chinesischer Journalist erwies, entschul- kanister zu löschen. Sie besitzt ein Paar
ping Mall an, am Dienstag zieht er mit digten sich einige aus der Bewegung. Feuerwehrhandschuhe, mit denen sie die
Freunden an die umkämpfte Chinese Uni- Die Unnachgiebigkeit der Regierung hat heißen Kanister aufhebt, dann steckt sie
versity im Norden der Stadt, am Donners- die Demonstranten radikalisiert. Es dau- sie in einen wassergefüllten Beutel. Ande-
tag an die Polytechnic University im Stadt- erte drei Monate lang, bis Regierungs- re Frontliner, erzählt sie, begännen mit
teil Kowloon. Er ist 26 Jahre alt und trägt chefin Lam das umstrittene Auslieferungs- Sprengstoff zu experimentieren. Es kur-
eine Zahnspange. Die hohen Wangen- gesetz zurückzog. Einer unabhängigen Un- sieren Geschichten über junge Hongkon-
knochen geben seinem Gesicht etwas Har- tersuchung der Polizeigewalt, schon Ende ger, die an Schießständen in Thailand den
tes, aber mit seinem in die Jeans gestopften Juni eine der Kernforderungen der Bewe- Umgang mit Schusswaffen üben.
Pullover sieht er nicht wie ein Krieger aus. gung, hat sie bis heute nicht zugestimmt. »Es gibt einen kantonesischen Aus-
Fisher arbeitet an einer Universitäts- Wie sehr sich viele Protestierende von druck«, sagt K, »laam caau – gemeinsam
karriere, neben seinem Job als Projektma- der Regierung verraten fühlen, zeigt eine verbrennen.« Für einen kurzen Moment
nager studiert er ein wirtschaftsnahes Fach. junge Frau, die sich schlicht als »K« vor- huscht ein giftiger, hasserfüllter Ausdruck
Seinen Schulabschluss hat er erst im zwei- stellt. Sie ist ein Teammitglied von Fisher. über ihr Gesicht. Würden chinesische
ten Anlauf geschafft, als Jugendlicher war K ist 22 Jahre alt. Sie trägt brünette Ex- Truppen einmarschieren, sagt sie, bedeute
er von der Schule geflogen. Er hat ein Pro- tensions. Das letzte Buch, das sie gelesen das das Ende des Finanzplatzes Hongkong.
blem mit Autoritäten. Was immer die Hong- hat, handelte von Yoga. Politisch hat sie All die internationalen Unternehmen, die
konger in den vergangenen Jahren auf die sich zuvor noch nie engagiert. Als sie von von hier aus ihr Chinageschäft betreiben,
Straße trieb, der Protest gegen die pro- dem geplanten Auslieferungsgesetz hörte, würden sich davonmachen. »Ich glaube
chinesische »Nationale Erziehung« 2012 habe sie gedacht: »Das kann ich nicht zu- niemals, dass China das tun wird. Obwohl
oder die Regenschirmbewegung 2014 – lassen.« Die Stadt dürfe nicht so werden ich darauf hoffe. Laam caau. Bislang sind
»ich war bei allem dabei.« Er sagt: »In einer wie China. Also ging sie am 9. Juni auf es immer nur wir, die verletzt werden. Sie
idealen Welt hätten wir in Hongkong eine den ersten Millionenmarsch. kriegen den Schmerz nie zurück.«
echte Demokratie wie in Schweden. Aber Auf die Frage, ob sie keine Angst habe,
das ist nur ein Traum.« alles zu verlieren, ihre Gesundheit, ihre
Die Unabhängigkeit Hongkongs von Zukunft, antwortet K, ja, diese Angst habe
China erscheint Fisher nicht als realisti- sie. »Wir kämpfen ja nicht, weil wir Hoff-
sches Ziel, die Wirtschaft der Stadt sei zu nung hätten. Aber weil wir kämpfen, fin-
eng mit dem Festland verwoben. Er glaubt det die Hoffnung vielleicht zu uns.«
nicht einmal, dass die Protestbewegung In den gut fünf Monaten, die sie nun re-
alle ihre Forderungen durchbekommen bellieren, haben die Frontliner eine eigene
kann, vor allem nicht die nach freien Wah- Kultur geschaffen, eigene Codes. Wenn sie
len des Parlaments und des Regierungs- sich vermummen, machen sie einen
chefs. Ihm würde fürs Erste genügen, wenn »schwarzen Fels«. Ziegelsteine, ein übli-
eine unabhängige Instanz die Polizeigewalt ches Wurfgeschoss, nennen sie Lego. Grün
der vergangenen Monate untersuchen wür- uniformierte Polizisten: Hunde. Schwarz
GEORG FAHRION / DER SPIEGEL

de und die Justiz die Anklagen gegen De- uniformierte Polizisten: Dinosaurier. Zivil-
monstranten fallen ließe. »Die andere Seite polizisten: Geister. Die Sprache einer Bru-
muss die Kosten spüren. Das ist der Grund, derschaft von Eingeweihten.
warum wir kämpfen«, sagt Fisher. In der Hongkonger Innenstadt sitzen an
Er kann sich nicht mehr genau erinnern, einem Novemberabend drei junge Leute
wann er zum ersten Mal einen Molotow- in einem Restaurant zusammen: ein Front-
cocktail warf, nur daran, dass er sich ge- liner und zwei Aktivisten der Civil Human
fühlt habe wie im Film. Inzwischen sei Ge- Aktivisten K, Fisher Rights Front, die einige der größten Pro-
walt für ihn »so normal, wie ein Mobil- »Wie können wir zurückschlagen?« testmärsche organisiert hat. Sie kommen

86 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


JIRAPORN KUHAKAN / REUTERS
Von Protestierenden errichtete Barrikaden: Sie haben Territorien besetzt und gehalten

von einem Treffen mit einer schwedischen Ks grünes Top und Fishers Poloshirt ver- chenbruch eines Frontliners, den er behan-
Parlamentariergruppe, das sie deprimiert schwinden unter schwarzen Hoodies, sie delt hat. Seither leide er an einer posttrau-
hat. »Die Schweden sagten uns, wir sollen ziehen sich Masken übers Gesicht. matischen Belastungsstörung. Der Mann
aufhören, Gewalt anzuwenden«, erzählt Trauergäste singen Gospel. Die beiden beginnt hemmungslos zu weinen. »Ga
Mo, einer der beiden Organisatoren. gleiten durch die Menge. Einmal stoppt yao!«, ruft die Menge – lass dich nicht un-
Internationaler Zuspruch, vor allem aus Fisher im Vorübergehen eine Frau, die terkriegen. K scrollt durch ihr Handy, fin-
den USA und Europa, ist der Bewegung einen weinroten Rucksack trägt. Nicht det schnell, was sie sucht. Es ist ein Foto
wichtig. Seit Wochen reisen Aktivisten um dass die Polizei sie an der auffälligen Farbe der Verletzung, es zirkuliert auf Telegram.
die Welt. Die zunehmende Gewaltbereit- identifiziere – ob sie einen schwarzen Sie hält ihr Smartphone hoch, eine klaf-
schaft der radikalen Demonstranten macht Überzieher wolle? Er hat zehn davon mit- fende Wunde ist zu sehen. »Bo Sau!«, for-
dieses Werben schwieriger. gebracht. Die Frau lehnt ab, sie lacht. dert die Menge, Rache! Der Abend gerät
»Ich glaube, wir müssen unsere Bot- Zwischen anderen Schwarzgekleideten zu einer Mischung aus Trauerarbeit und
schaft ändern«, sagt Mo. »Wir können uns nehmen Fisher und K auf dem Rasen ritualisiertem Hochschaukeln.
nicht immer nur als Opfer darstellen.« Sei- Platz. Ein Aktivist reicht eine Plastikscha- »Diese Veranstaltung ist bedeutungslos
ne Kollegin, die sich Kan nennt, sagt: »Wir le herüber, kalte Schweineschnitzel. »Bes- für uns«, sagt Fisher. »Hier können wir
sind inzwischen zu sehr auf unseren Zorn ser jetzt was essen«, sagt jemand. »Später nichts tun.« Sie würden sich jetzt nach
und unsere Trauer konzentriert – und zu ist dafür keine Zeit mehr.« Vorn, wo die Tseung Kwan O aufmachen, zum Park-
wenig auf das, was jetzt als Nächstes kom- Redner stehen, spricht der Studentenfüh- haus, in dem Alex Chow stürzte. »Wir ha-
men muss.« Sie rede oft mit Aktivisten in rer Joshua Wong. »Wie das Volk Israel ben die Nachricht erhalten, dass Polizisten
Chile, in Indonesien, selbst im Irak. »Wenn beim Auszug aus Ägypten müssen auch dorthin fahren – um genau zu sein, eine
ich mir ansehe, wie weit dort die Gewalt wir womöglich 40 Jahre lang wandern«, Menge Polizisten«, sagt K. »Wollen wir
inzwischen geht, komme ich ins Grübeln.« hallt seine Stimme durch den Park. mal schauen, was die vorhaben.« Sie zieht
Ein Ereignis hat die Protestbewegung »Doch eines Tages wollen wir unsere Mas- sich die Maske über ihr Gesicht. Dann ver-
aufgewühlt wie kein anderes: der Tod des ken abnehmen und einander ins Gesicht schwinden die beiden in die Nacht.
Studenten Alex Chow, der Anfang Novem- sehen.« Fisher und K hören kaum zu, sie Georg Fahrion, Bernhard Zand
ber am Rande einer Demonstration in sind mit ihren Handys beschäftigt. Er
einem Parkhaus abgestürzt war. möge Wong, sagt Fisher, man könne ja
K und Fisher besuchen eine Gedenk- unterschiedliche Wege gehen und das- Video
In der Kampfzone
veranstaltung für Chow im Tamar Park, selbe Ziel anstreben.
direkt neben dem Legislativrat. Krawall Die beiden horchen auf, als ein Erst- spiegel.de/sp472019hongkong
ist hier nicht zu erwarten. Dennoch strei- helfer das Mikrofon übernimmt. Unter oder in der App DER SPIEGEL
fen die beiden Frontliner ihre Kluft über, Schluchzen berichtet er vom offenen Kno-

87
Ausland

Pariser Solo
Diplomatie Frankreichs Präsident Macron treibt seine außenpolitischen Pläne voran. Er will Europa
als Weltmacht etablieren. Dafür nimmt er auch Spannungen mit Deutschland in Kauf.

W
ie ein Showmaster steht Em- ein Entwurf vorab an die Kanzlerin, von Ende doch etwas bewegt und irgend-
manuel Macron auf der Büh- der neuen sicherheitspolitischen Diagnose jemand die Scherben aufliest. Macron, der
ne in der ehemaligen Schlacht- erfuhr sie nichts. Eliteschüler, der Streber, ist auch ein Spie-
hofhalle von Paris und dreht »Man muss sich immer fragen, wie Ver- ler. Und ein Mann mit Überzeugungen.
sich zu allen Seiten des Publikums, ein Mi- trauen entsteht«, sagt ein deutscher Diplo- Schon 2017 hat er gefordert, Europa
krofon in der rechten Hand, die linke lässig mat, »so auf jeden Fall nicht.« müsse aufwachen. Seit Langem wartet er
in der Hosentasche. Im kreisrunden Audi- Dabei wird die Kritik Macrons an der auf adäquate Antworten aus Berlin auf
torium sitzen der Uno-Generalsekretär An- Verteidigungsfähigkeit der Allianz in der seine vielen Vorschläge zur Reform der
tónio Guterres, die zukünftige EU-Kom- Bundesregierung durchaus geteilt. Aber EU. Vergangene Woche wurde der Weck-
missionspräsidentin Ursula von der Leyen, den Beistandsartikel der Nato, die Lebens- ruf dann zum Großalarm. Was auch daran
der deutsche Außenminister Heiko Maas, versicherung des Bündnisses, öffentlich liegt, dass der französische Präsident da-
der Präsident der Demokratischen Repu- zur Disposition zu stellen – so etwas war von überzeugt ist, dass nur noch wenig
blik Kongo und andere Spitzenpolitiker. man bislang nur von US-Präsident Donald Zeit bleibt, um Europa zu retten.
Es ist Dienstagmorgen, Macron eröffnet Trump gewohnt. Im Auswärtigen Amt kann man Ma-
das Pariser Friedensforum. Die zweitägige Außenminister Heiko Maas sorgt sich, crons Ungeduld noch am ehesten verste-
Veranstaltung soll internationale Akteure dass die aktuelle Diskussion über die Nato hen, schließlich, so sieht man es dort, habe
zusammenbringen. Sie ist eine Erfindung Europa spalten könnte, weil vor allem die die Kanzlerin auf seine europapolitischen
der französischen Regierung – ein ehrgei- Osteuropäer sich von Macron übergangen Vorschläge nie angemessen geantwortet.
ziges, ein typisches Macron-Projekt. fühlen. »Noch dazu gehen natürlich alle Aber dass der Mann im Élysée die Deut-
22 Minuten lang spricht Macron über davon aus, dass seine Äußerungen mit uns schen nun mit Alleingängen brüskiert,
Hegemonie und Kolonialismus, über den abgestimmt waren, was nicht der Fall ist.« empfindet man als ziemlich uneuropäisch.
Ersten Weltkrieg und den Mauerfall. Zum Der anstehende Jubiläumsgipfel zum 70- »Ich finde es legitim, solche Diskussio-
Schluss zitiert er die verstorbene ungari- jährigen Bestehen der Nato, der Anfang nen anzustoßen«, sagt Maas, »auch wenn
sche Philosophin Ágnes Heller, die gesagt Dezember in London stattfinden wird, man über die Wortwahl streiten kann.
habe, unsere Zeit brauche mehr denn je müsse nun gut vorbereitet werden. Aber wir müssen im deutsch-französi-
ein gewisses Heldentum, um Antworten schen Verhältnis Einigkeit über strategi-
zu geben auf die Gegenwart. Feige wegzu- sche Ansätze erzielen, damit kein nachhal-
schauen, in alten Gewohnheiten zu ver- »Macron hat mit tiger Schaden entsteht.«
harren und nicht zu handeln, so fährt Ma- 95 Prozent dessen, was Aus dem Umfeld von Angela Merkel
cron fort, sei keine Option für alle, die ein heißt es, man sei es leid, immer als jene
Mandat des Volkes erhalten hätten. er sagt, recht. Aber die Seite dargestellt zu werden, die zögere,
Die Anleihe bei der ungarischen Intel- Nato steht nicht infrage.« während Macron die tollen Ideen habe:
lektuellen lässt sich auch so verstehen: »Wir haben uns an vielen Stellen erheblich
Ich, Emmanuel Macron, habe in meinem bewegt, und dann lesen wir, dass die deut-
viel kritisierten Interview mit dem »Eco- Auch in Brüssel ist das Verständnis für sche Haltung zur Eurozone nicht tragbar
nomist« nichts anderes gemacht, als un- die Aussagen Macrons gering. Das liegt sei«, sagt ein Regierungsberater. »Na, vie-
sere krisenhafte Gegenwart neu zu bewer- nicht so sehr an seiner Analyse, die in der len Dank.«
ten und meine Schlüsse daraus zu ziehen. EU-Hauptstadt viele nachvollziehen kön- Und so gibt es zurzeit ein Paradox in
Und dazu gehört auch, die Funktions- nen. »Emmanuel Macron hat mit 95 Pro- den deutsch-französischen Beziehungen:
fähigkeit der Nato anzuzweifeln und die zent dessen, was er sagt, recht«, sagt der Einerseits haben beide Länder in den ver-
Bereitschaft der Deutschen, an einem wirk- luxemburgische Außenminister Jean As- gangenen zweieinhalb Jahren bei etlichen
lich starken, souveränen Europa mitzu- selborn. »Aber die Nato als Militärbündnis Themen mehr erreicht als zuvor. Schon im
arbeiten. steht nicht infrage.« Sommer 2017 einigten sie sich auf die Ent-
Selten hat ein Interview für so viel Auf- Macron hat keine Angst vor Tabus. Der wicklung eines gemeinsamen Kampfjets
ruhr in Europa gesorgt wie jenes mit dem Weg, der ihn im Mai 2017 in den Élysée und schlugen einen europäischen Vertei-
»Economist«, das am Donnerstag der ver- brachte, verlief gegen alle Regeln der Fünf- digungsfond vor. In den kommenden fünf
gangenen Woche erschien und in dem der ten Republik. Zum ersten Mal seit 1958 Jahren soll der Europäische Stabilitäts-
französische Präsident der Nato den Hirn- wählten die Franzosen einen Mann zum mechanismus mit mehr als 55 Milliarden
tod bescheinigte, den Beistandsartikel fünf Präsidenten, der keiner etablierten Partei Euro gefüllt sein. Finanzminister Olaf
infrage stellte und eine apokalyptisch an- angehörte. Macron hatte Erfolg, gerade Scholz stellte gerade seine Pläne für eine
mutende Vision Europas offenbarte. weil er sich nicht den vorhandenen Struk- EU-weite Einlagensicherung vor.
Angeblich, so hört man in Paris, war turen anpasste. Er siegte trotzdem. Das Andererseits gelingt es Berlin und Paris
das französische Außenministerium erst bleibt seine politische Schlüsselerfahrung. nicht, die gemeinsamen Projekte als Erfol-
48 Stunden zuvor von den Äußerungen Und es erklärt auch, warum er jetzt ge zu verkaufen.
Macrons informiert worden. In Berlin war ohne Abstimmung mit den deutschen Part- Einerseits genießt Macron noch immer
man vollkommen ahnungslos. Von der nern Europa ordentlich durcheinander- viel Sympathie bei den Deutschen. Seine
Sorbonne-Rede ging im Herbst 2017 noch rappelt – in der Hoffnung, dass sich am Entschlossenheit, Energie und Furchtlosig-

88
FELIX ZAHN / PHOTOTHEK.NET / IMAGO
Europapolitiker Macron: Feige wegschauen und in alten Gewohnheiten verharren ist keine Option

keit beeindruckt Politiker in Berlin nach kommissarin Cecilia Malmström ein Ver- von erfahren, berichten Insider. Wenn sich
wie vor. handlungsmandat erteilen wollte, um dro- Mitarbeiter des Kanzleramts im Élysée er-
Andererseits hat die deutsche Regie- hende Zölle auf Autoimporte aus Europa kundigen, warum sie nicht informiert wür-
rung nie den Mut aufgebracht, sich mit ei- abzuwenden, zierten sich die Franzosen den, erhalten sie mitunter Antworten, die
ner großen Geste zu Macrons europapoli- lange. Sie wollten kurz vor der Europawahl sie bisher nur aus Washington kannten:
tischen Forderungen zu bekennen. Und unbedingt den Eindruck vermeiden, dass Man habe nur begrenzt Einfluss auf den
nun, nach mehr als zwei Jahren des War- es bei den Gesprächen auch um Agrar- Präsidenten.
tens, führen die zahlreichen Alleingänge exporte gehen könnte und französische Im August bahnte Macron ohne jede
Macrons dazu, dass selbst in Zurückhal- Bauern am Ende die Leidtragenden wären. Konsultation mit den Verbündeten einen
tung geübte deutsche Diplomaten die Con- Frankreichs Diplomaten geben in Brüs- neuen Umgang mit Russland an. Wenige
tenance verlieren. 2019, so sehen sie es, sel offen zu, dass Berlin und Paris immer Tage vor dem Treffen der G-7-Staaten in
sei ein Jahr gewesen, in dem Macron viel öfter uneins seien. Berliner Beamte hinge- Biarritz, an dem Russland seit der Anne-
verhindert und sich mit seinen Anliegen gen betonen, dass die Frontlinie mittler- xion der Krim nicht mehr teilnehmen darf,
isoliert habe. weile zwischen Paris und dem Rest der EU lud er den russischen Präsidenten Wladi-
Die deutsch-französische Verstimmung verlaufe. Gut beobachten ließ sich das mir Putin für Gespräche nach Südfrank-
begann Anfang Februar, als sich Frank- beim Brexit. In den vergangenen Monaten reich ein.
reich im Streit um den Bau der Pipeline scheiterte Macron mehrfach mit seiner For- Nicht mit Russland zu sprechen wäre
Nord Stream 2 ohne Vorwarnung auf die derung, den Briten keinen oder nur einen ein großer Fehler, hatte Macron kurz zuvor
Seiten der Pipelinegegner schlug. Paris knappen Aufschub zu gewähren. Bei die- erklärt. Russland liege in Europa, und man
werde die neue Gasrichtlinie unterstützen, sem Thema hatten die Franzosen zuletzt könne und dürfe es nicht ignorieren. Er
teilte das französische Außenministerium kaum noch Verbündete. glaube an die Kraft der Geografie und der
mit. Deutsche Verhandler waren über- Ähnlich einsam wurde es um Macron, europäischen Geschichte. Schon damals
rascht – mit Frankreichs Stimmen hätte als er beim EU-Gipfel Mitte Oktober mit war kaum zu überhören, dass Macron laut
die Richtlinie auf einmal eine Mehrheit seinem Veto den Start von Beitrittsver- über ein neues Sicherheitskonzept für
und die EU-Kommission die Chance, dem handlungen mit Nordmazedonien verhin- Europa nachdachte.
umstrittenen Pipelineprojekt neue Hürden derte. Der scheidende Kommissionschef Ein starkes Europa ist für ihn auch eines,
in den Weg zu stellen. Nur in letzter Mi- Jean-Claude Juncker sprach von einem das selbstbewusst den Dialog mit den gro-
nute gelang ein Kompromiss. »schweren historischen Fehler«, der Nord- ßen und mittelgroßen Mächten dieser Welt
Das Misstrauen zwischen Deutschen mazedoniens Stabilität gefährden könne. sucht. Je mehr wir dafür tun, dass Russ-
und Franzosen wuchs, als es Ende Februar Auch Kanzlerin Merkel bemerkte spitz, land eine Kraft innerhalb Europas wird,
um die Frage ging, wie sich die EU im Han- die EU müsse »verlässlich bleiben«. desto besser, so Macron damals. Kurz nach
delsstreit mit Donald Trump positionieren Erst einen Tag vor dem Gipfel der EU- dem Gipfel schickte Macron Außenminis-
solle. Während Berlin der EU-Handels- Staats- und Regierungschefs habe man da- ter Jean-Yves Le Drian und Verteidigungs-

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 89


Ausland

KÖNNEN
ZAHLEN
LEBEN
RETTEN
?

VALDA KALNINA / EPA-EFE / REX


Nato-Übung in Lettland im Februar: Die Osteuropäer fühlen sich von Macron übergangen

ministerin Florence Parly nach Moskau. ten Tag in Peking feierlich die Verträge
Nach Jahren der Funkstille redeten die bei- zwischen der Europäischen Union und
den mit ihren Amtskollegen über eine China unterzeichnet wurden, die verschie-
mögliche französisch-russische Sicherheits- dene europäische Lebensmittel vor Fäl-
kooperation. Sowohl im Kanzler- als auch schungen schützen sollen, stand in der
im Außenamt erfuhr man von den Gesprä- Großen Halle des Volkes die europäische
chen aus der Zeitung. Selbst in Paris be- neben der chinesischen Flagge. Auch das
klagen Beobachter mittlerweile die man- ist eher ungewöhnlich bei einem bilatera-
gelnde diplomatische Begleitung der zahl- len Staatsbesuch.
reichen außenpolitischen Aktivitäten des Es ist für Macron kein Widerspruch, im
Präsidenten. Namen seiner Europapolitik auch die Nato
Es gibt viele, die die sehr aktive Außen- einem Stresstest zu unterziehen. Europa
politik des französischen Präsidenten mit kann nicht souverän und stark sein ohne
innenpolitischen Motiven erklären. Ma- eine zuverlässige und eigenständige Sicher-
224 Seiten mit Abbildungen, gebunden cron brauche sichtbare Erfolge, die an- heitspolitik, so sieht er es wohl.
€ 20,00 ( D ) · Auch als E-Book erhältlich stehenden Kommunalwahlen im März Die französische Staatssekretärin für
könnten der Regierung eine Niederlage Europa, Amélie de Montchalin, hat in
bescheren, da die Regierungspartei in den vergangenen Tagen viele Gespräche
kleinen Orten und auf dem Land kaum geführt – um alarmierte Osteuropäer zu
JA, verankert ist. Die angekündigten Sozial-
proteste gegen Ende des Jahres – der Ge-
beruhigen und die Einlassungen ihres
Präsidenten zu erklären. »Das Timing
Zahlen können Leben retten – neralstreik der Eisenbahngesellschaft des Interviews war kein zufälliges«, sagt
oder uns dumm, krank und SNCF und der Pariser Verkehrsbetriebe sie. »Die neue EU-Kommission wird
am 5. Dezember sowie der zu erwartende demnächst ihre Arbeit aufnehmen, in gut
unglücklich machen. Wie Zahlen
Widerstand gegen die große Rentenreform zwei Wochen steht der Nato-Gipfel in
unseren Alltag erobert haben und der Regierung – haben das Potenzial, Ma- London an. Wir befinden uns in einem
warum sie solche Macht auf uns cron zusätzlich unter Druck setzen. Moment, an dem diese Fragen gestellt wer-
Letztendlich aber betreibt Macron wohl den müssen.«
ausüben, das zeigt Daten- einfach das, was er von Anfang angekün- Es sieht so aus, als wolle Emmanuel
korrespondentin Sanne Blauw digt hat und nach wie vor für richtig hält: Macron jetzt, in dieser »beispiellosen Zeit
eine aktive, selbstbewusste Europapolitik, der Krise unserer Demokratien«, wie er
anhand ebenso unterhaltsamer wie die den alten Kontinent als neuen geo- sagt, einfach nicht mehr warten. Nicht auf
eindrucksvoller Beispiele. politischen Player positionieren möchte. Deutschland, nicht auf all jene, die gerade
Dazu gehört seine Reise nach China vor vor allem mit sich selbst beschäftigt sind –
Und sie gibt hilfreiche Tipps,
knapp zwei Wochen, auf die er demons- Spanien, Großbritannien, Italien.
wie wir uns die Deutungshoheit trativ deutsche Unternehmer, die deutsche Ein guter Teamplayer zu sein gehörte
über unsere zahlenbasierte Bildungsministerin Anja Karliczek und ei- noch nie zu seinen Prioritäten. Vielleicht
nen EU-Kommissar mitnahm. Die Bezie- hat er ja auch nur zu viel Victor Hugo ge-
Welt zurückerobern. hungen zu China sollen von nun an laut lesen: »Ceux qui vivent sont ceux qui
Macron vor allem »sinoeuropäische« sein. luttent«, schrieb der. »Es sind die Leben-
Und auch wenn er auf der Importmesse den, die kämpfen.«
von Shanghai für französische Produkte Christiane Hoffmann, Peter Müller,
warb, so nahmen die Chinesen ihren Gast Britta Sandberg, Christoph Schult
als Gesandten Europas wahr. Als am letz-

www.dva.de 90 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


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Ausland

Es reicht!
Proteste Südamerika erlebte zwei Jahrzehnte relativer Stabilität. Nun erheben sich gleich
in mehreren Staaten Bürger gegen ihre Regierung. Zufall? Keineswegs.

W
enige Tage bevor der ehema- der Kontinent von einem weltweiten Roh- Die Folge ist Realitätsblindheit. Der chi-
lige bolivianische Präsident stoffboom profitierte. In Ländern wie Boli- lenische Präsident Sebastián Piñera, der
Evo Morales nach Mexiko ins vien, Brasilien, Ecuador oder Venezuela Milliarden im Kreditkartengeschäft ver-
Exil flüchtete, stürmte eine finanzierten linke Regierungen mit den Ein- dient hat, bezeichnete sein Land unmittel-
Gruppe aufgebrachter Bürger das Rathaus nahmen aus den Exporten umfangreiche bar vor Ausbruch der Proteste noch als
einer kleinen Stadt im Landesinneren Boli- Sozialprogramme. Die Armut ging zurück, »wahre Oase einer stabilen Demokratie«.
viens. Die Männer verschafften sich Zugang Millionen Menschen stiegen auf in eine Diese zunehmende Ungleichheit, der
zum Büro der Bürgermeisterin Patricia neue Mittelschicht. Die Teilhabe an der Eindruck vieler Menschen, dass der Wohl-
Arce, die Morales’ Partei angehört, und Globalisierung schuf nicht nur neues Selbst- stand nicht gerecht verteilt wird, spiegelt
schnitten ihr die Haare ab. Dann besprüh- bewusstsein. Sie weckte auch Erwartungen, sich in einer Studie des Umfrageinstituts
ten sie die Frau mit roter Farbe, ehe sie das die sich heute, nach dem Abebben des Latinobarómetro. 79 Prozent der Bürger
Rathaus anzündeten und Arce unter wüs- Booms, in Abstiegsängste umkehren. lateinamerikanischer Staaten erklärten
ten Beschimpfungen barfuß durch den Ort Angesichts nun wieder steigender Ar- 2018, dass ihre Regierungen vor allem
trieben, als wäre sie eine Kriegsgefangene. mutsraten erkennt die brasilianische Wirt- im Interesse weniger mächtiger Gruppen
Es sind schreckliche, schwer erträgliche schaftswissenschaftlerin Monica de Bolle handelten.
Bilder – und sie sind vielleicht das ein- ein länderübergreifendes »Gefühl der Frus- Es sind 18 Prozent mehr als noch vor
drücklichste Symbol dafür, dass gerade et- tration«. Die Staaten haben es versäumt, zehn Jahren, und es bedeutet, dass eine
was ganz grundsätzlich aus den Fugen ge- große Mehrheit mittlerweile daran zwei-
raten ist, nicht nur in Bolivien, sondern felt, dass die Demokratie noch in der Lage
fast auf dem gesamten südamerikanischen ist, eines ihrer wichtigsten Versprechen
Kontinent. einzulösen: gleiche Chancen für alle.
In Bolivien trugen die Menschen ihre Dieser Prozess der Entfremdung zwi-
Wut über eine vermutlich manipulierte schen dem Volk und seinen gewählten
Präsidentschaftswahl auf die Straße. Bei- Repräsentanten geht einher mit einem dra-
nahe zeitgleich führte in Chile eine Er- matischen Ansehensverlust der staatlichen
höhung der Metrofahrpreise zu landeswei- Institutionen. Gerade einmal 13 Prozent
ten Aufständen. der Lateinamerikaner haben Vertrauen
In Ecuador warfen Demonstranten Mo- in die Parteien, die oft nur ein Vehikel
lotowcocktails auf Regierungsgebäude, sind, um korrupten Politikern Zugriff auf
nachdem der Präsident erklärt hatte, unter öffentliche Geldquellen zu verschaffen.
anderem die Subvention des Benzinpreises Nur noch jeder Vierte vertraut einer Justiz,
zu streichen. Und in Argentinien ist es wohl die diese Verbrechen in aller Regel nicht
PEDRO PARDO / AFP

nur deshalb ruhig geblieben, weil dort im bestraft.


Oktober die Präsidentschaftswahl war. Der Missbrauch und die Manipulation
Jedes Land ist ein Fall für sich, mit einer der Institutionen sind dabei keine Frage
eigenen Geschichte, mit eigenen Proble- der politischen Ideologie.
men und Protagonisten, aber trotzdem ha- Boliviens Ex-Präsident Morales Als Evo Morales 2016 das bolivianische
ben diese Aufstände etwas gemeinsam: Ende eines Zyklus Volk in einem Referendum dazu befragte,
Eine Wut bricht sich Bahn auf korrupte, ob er entgegen der Verfassung ein viertes
von der Wirklichkeit entkoppelte Eliten. Mal als Präsidentschaftskandidat antreten
Eine Wut auf Politiker, die die Spielregeln ein Netz zu knüpfen, das die Verwund- dürfe, verweigerte ihm eine Mehrheit sei-
und Institutionen der Demokratie konse- baren in Krisenzeiten auffängt; so bleibt nen Wunsch. Morales besorgte sich die Er-
quent missachten, wenn es dem Erhalt der der soziale Fortschritt labil. laubnis schließlich durch ein willfähriges
eigenen Macht dient. Eine Wut über so- Wie prekär die Lage ist, zeigt sich nicht Gericht, das eine erneute Kandidatur als
ziale Ungleichheit, die viele der Gesell- zuletzt daran, dass die in Chile angekün- Menschenrecht beurteilte, das über der
schaften zerreißt. digte Erhöhung der Metrofahrpreise um Verfassung stehe. Die Rechte konterte, in-
Es kommt so viel zusammen, dass die drei Cent viele Bürger tatsächlich in exis- dem sie Morales mithilfe des Militärs vor
Menschen nicht mehr nur zu ihren Handys tenzielle Not gestürzt hätte. Ablauf seiner rechtmäßigen Amtszeit zum
greifen, um ihrem Frust in den sozialen Gleichzeitig führt eine kleine, immer Rücktritt zwang, was das Land endgültig
Medien Luft zu machen – sondern zu Stei- wohlhabender werdende Oberschicht in ins Chaos stürzte.
nen und Molotowcocktails und auf die den Metropolen ein abgeschottetes Luxus- In Nicaragua ließ Daniel Ortega die Ver-
Straße gehen. leben. Es sind Leute, die ihre Häuser durch fassung so umschreiben, dass er als Prä-
Es reicht! So geht es nicht weiter! Das private Sicherheitsdienste schützen lassen. sident unbegrenzt wiedergewählt werden
ist die Botschaft. Ihre Kinder schicken sie auf private Schu- durfte. In Venezuela berief Nicolás Ma-
Die Proteste markieren das Ende eines len oder Universitäten. Wenn sie krank duro eine nur aus seinen Leuten bestehen-
Zyklus. Hinter Südamerika liegen zwei werden, lassen sie sich in privaten Kran- de verfassungsgebende Versammlung ein
Jahrzehnte relativer Stabilität, in denen kenhäusern behandeln. und erklärte sie zum neuen Parlament. Die

92
71
Prozent der Befragten
Kontinent in der Krise sind unzufrieden mit der Demokratie
Umfrage unter Lateinamerikanern 2018, in ihrem Land. 2009: 51 Prozent
Angaben in Prozent

16
Prozent der Befragten
sind zufrieden mit der Wirtschaft
Vertrauen … in ihrem Land. 2009: 29 Prozent
… in die Regierung VENEZUELA
GUYANA FRANZÖSISCH-
GUYANA
Chile 38 KOLUMBIEN SURINAM
Bolivien 33
Politische Ausrichtung
Ecuador 25 ECUADOR südamerikanischer
Argentinien 22 Regierungen
Ø Lateinamerika 22 PERU Q extrem links
Brasilien 7
BRASILIEN Q gemäßigt links
Q gemäßigt rechts
Q extrem rechts
BOLIVIEN
… in die Streitkräfte … in das Parlament
Ecuador 61 PARAGUAY Bolivien 28
Brasilien 58 Argentinien 26
Chile 53 Ecuador 25
Argentinien 48 Ø Lateinamerika 21
Ø Lateinamerika 44 Chile 17
URUGUAY
Bolivien 34 ARGENTINIEN Brasilien 12

CHILE

… in die Polizei … in die Justiz


Chile 48 Brasilien 33
Brasilien 47 Chile 26
Ecuador 46 Argentinien 24
Argentinien 38 Ø Lateinamerika 24
Ø Lateinamerika 35 Quelle: Latinobarómetro;
Bolivien 23
Bolivien 23 1000 bis 1200 Befragte je Land Ecuador 23

Demokratie, so wirkt es, ist oft nicht mehr sen seine Glaubwürdigkeit verloren hat. die Wut der Bürger mit gezielten Fake-
als eine Fassade, die so lange aufrechter- Bolsonaro, ein Hauptmann der Reserve, News- oder Hasskampagnen aufgreifen
halten wird, wie sie die gewünschten Er- der 27 Jahre lang als Hinterbänkler im Par- und weiter anfachen. Die Mobilisierungs-
gebnisse liefert. lament saß, verbindet die verschiedenen kraft, die sie auf diese Art gewonnen ha-
Die Menschen verstehen das, auch Diskurse: den Bezug auf Gott, den Ruf ben, ist enorm.
wenn ihnen viele Staatsmedien etwas an- nach einer wachsenden Bedeutung des Mi- Das Wichtigste aber fehlt diesen neuen
deres erzählen. Sie wenden sich ab. Es ist litärs, das in den Augen nicht nur vieler Populisten: eine Vorstellung davon, wie
kein Zufall, dass in diesen Zeiten des Brasilianer ein Garant für Disziplin und sie ihr fragiles, auf Ausbeutung von Bo-
Zorns die Kirchen großen Zulauf haben, Ordnung ist, sowie die offene Verachtung denschätzen basierendes Wirtschafts-
vor allem die evangelikalen mit ihren ein- für eine Demokratie, die die Hoffnungen modell reformieren könnten, um unabhän-
fachen Botschaften. Es ist kein Zufall, der Bürger nicht erfüllen konnte. giger zu werden von den Schwankungen
dass überall Soldaten aus ihren Kasernen Auch in Bolivien bringt sich nun ein der Weltmarktpreise. Stattdessen wirken
ausrücken. Es sind alte, lateinamerikani- Mann in Stellung, der bei öffentlichen Auf- sie oft wie kleine Brüder Donald Trumps.
sche Reflexe, genauso wie die Sehnsucht tritten oft mit einer Bibel winkt: Luis Fer- All dies lässt wenig Gutes ahnen für die
nach einem starken Mann, der das Vater- nando Camacho, der seit Wochen Morales’ Zukunft. Diese Proteste sind kein südame-
land rettet. Rücktritt forderte, ist ein scharfzüngiger rikanischer Frühling. Was man sehen wird,
In Ländern, deren gesellschaftliche Mit- Anwalt aus dem wirtschaftsstarken Osten wenn sich der Tränengasnebel lichtet, ist
te zerrieben wird von einer zunehmenden des Landes. Seine Basis ist ein Zusammen- Chaos.
Polarisierung, schlägt das Pendel dabei schluss rechter Bürgerkomitees, die er nun Die Gräben, die durch die Gesellschaf-
wieder häufiger weit nach rechts aus. am liebsten mit dem Militär in eine soge- ten verlaufen, werden tiefer sein. Es sieht
Die Caudillos dieser Tage sind Männer nannte Regierungsjunta führen will. so aus, als hätte die große Gegenwarts-
wie der brasilianische Hassprediger Jair Camacho und Bolsonaro sind ein neues krise der Demokratie jetzt auch Latein-
Bolsonaro, der sich als saubere Alternative Phänomen. Ihre Aufstiege verdanken sie amerika erreicht.
zu einem politischen Establishment insze- den sozialen Medien. Sie dirigieren pro- Marian Blasberg, Jens Glüsing
niert, das in endlosen Korruptionsprozes- fessionelle, digital arbeitende Milizen, die

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 93


Ausland

Die Tuk-Tuk-Revolte
eines Verschwundenen. Schon im Som-
mer 2018 gab es Wochen des Aufruhrs in
Basra, weil das Leitungswasser so ver-
seucht war, dass Tausende in den Kran-
kenhäusern landeten.
Irak Eine Armee von dreirädrigen Taxis bildet das »Was haben uns die Regierungen gege-
Rückgrat der Proteste von Bagdad. Sie unterstützen die Demonstranten ben?«, fragt ein junger Arzt, der aus
mit Nachschub und transportieren Verletzte ab. Angst seinen Namen nicht nennen mag.
Die Antwort gibt er gleich selbst: »Trie-
fende Religiosität und Hass auf alle, die

M orddrohungen kommen norma-


lerweise per Telefon, aber Abu
Tiba konnten sie nicht anrufen.
Sein Telefon war ja schon verloren gegan-
opfer meldete die irakische Menschen-
rechtskommission vergangene Woche.
Amtliche Zahlen gibt es nicht. Ärzte er-
zählen, das Gesundheitsministerium habe
nicht schiitische Muslime sind. Sie führen
sich auf, als wären sie Gottes Auserwählte,
um uns auszupressen. Wir wollen das
nicht mehr! Und wir wollen nicht mehr
gen, als Tage zuvor auf ihn geschossen wur- alle staatlichen Krankenhäuser angewie- von Iran wie eine Kolonie behandelt wer-
de, während er gerade einen Schwerver- sen, keine Daten herauszugeben. Fast täg- den! Wir wollen ein vereintes Land für
letzten aus der Kampfzone bergen wollte. lich sterben Protestierende, in Bagdad, in alle Iraker, egal ob Sunniten, Schiiten,
Also bekam er ganz altmodisch einen Zet- Kerbela, Basra, Nasirija. Christen.«
tel unter der Tür durchgeschoben: dass sie Aber die Menschen gehen nicht. In Bag- Seit dem Sturz des Diktators Saddam
ihn töten würden, wenn er weitermache. dad kommen jeden Nachmittag Zehntau- Hussein, eines Sunniten, im Jahr 2003
Abu Tiba, der wuchtige, melancholische sende zum zentralen Tahrir-Platz, dessen wird das Land von der schiitischen Bevöl-
Adressat der Drohung, schiebt die täto- gesamte Umgebung zu einer Zeltstadt der kerungsmehrheit dominiert – und steht
wierten Schultern hoch: »Sollen sie doch.« Aufbegehrenden geworden ist. Vorn, an politisch und militärisch unter dem Ein-
Der 34-jährige Vater von drei Kindern ist den Betonbarrikaden, stehen die Furcht- fluss der benachbarten schiitischen Repu-
Teil der ungewöhnlichsten Gruppierung losen und trotzen den Tränengasgranaten. blik Iran.
in den Massenprotesten, die seit mehr als Am Abend singt die Menge »Zehn sterben, In gewisser Weise symbolisieren die vor
sechs Wochen Bagdad und weite Teile des hundert sterben, wir machen weiter für vier, fünf Jahren erstmals aus Indien im-
Irak erschüttern. Er ist Tuk-Tuk-Fahrer, die Heimat!« Ein älterer Mann steht seit portierten Tuk-Tuks das langsame Absin-
einer von Tausenden in Bagdads Armen- Stunden auf einer Kiste, keine 70 Meter ken des Irak zum Drittweltland, in dem
vierteln, die mit ihren dreirädrigen moto- vor den Sicherheitskräften, und schwenkt sich nur noch die Reichen klimatisierte Au-
risierten Rikschas Menschen durch die eine große irakische Flagge. tos leisten können. Das Volk fährt Tuk-Tuk.
Millionenstadt kutschieren. Und jetzt sind die Armentaxis zu den
Das jedenfalls taten sie, bis Anfang Ok- »Rittern der Revolution« geworden, wie
tober der Sturm der Wut losbrach. Bis ein Graffito am Tahrir-Platz sie preist –
Hunderttausende erst in Bagdad, dann in über einem Tuk-Tuk mit Flügeln. Selbst die
Dutzenden Städten auf die Straße gingen Zeitung der Platzbesetzer heißt »Tuk-Tuk«.
gegen die schamlose Gier ihrer Mächtigen. Auf mehreren Quadratkilometern ist
Sie protestieren dagegen, in einem verrot- hier in Wochen etwas entstanden, was die
tenden Staat zu leben, dessen Regierung irakischen Regierungen für das Land über
Milliarden einnimmt im Ölexport, wäh- Jahre nicht schaffen konnten: ein hoch or-
ERIN TRIEB / DER SPIEGEL

rend die Masse in Armut lebt. ganisiertes Gemeinwesen, in dem sich


Es ist eine Bewegung ohne Anführer, Komitees um Strom, Trinkwasser, Essen,
die rasend schnell einen zuvor undenk- Toiletten kümmern. Ordner schaffen mit
baren Zusammenhalt geschaffen hat. Wo Seilen Gassen für die Evakuierung der
junge Männer und Frauen gemeinsam de- Verletzten. In einem leer stehenden Hoch-
monstrieren, Studenten, Arbeitslose, Be- Regierungsgegner Tiba haus, aus dem Ende Oktober die Scharf-
amte, Soldaten in Zivil. Ebenso viele Müt- Bewegung ohne Anführer schützen vertrieben wurden, sind Unter-
ter, Arme, Stammesführer in vollem Ornat, künfte, eine Bibliothek, eine Moschee
furchtlose Krankenschwestern neben voll entstanden.
verschleierten jungen Frauen mit gelbem »Nein«, sagt er in einer ruhigen Minute, Wenn Tuk-Tuks die motorisierten Ein-
Bauarbeiterhelm und Gasmaske. »ich habe mein Leben lang Angst gehabt. heiten der irakischen Oktoberrevolution
Und mittendrin: die Tuk-Tuk-Fahrer. In Aber das ist kein Leben mehr«, er habe sind, wie ihre Aktivisten sie nennen, ist
Schwärmen sind sie unterwegs auf den keine Angst mehr: »Sollen sie schießen.« Abu Tiba ihre Sturmspitze. Sein Gefährt
Plätzen, Parks und Brücken, die von den Egal welcher Premier in den vergange- ist bis auf die Beifahrerseite rundum mit
Protestierenden besetzt gehalten werden, nen anderthalb Jahrzehnten in Bagdad Blechen vom Schrotthändler verkleidet.
bringen Verletzte von den vordersten regiert hat: Der Staat wurde dem fort- Wo die Windschutzscheibe herausgeschos-
Linien zu den Notfallpunkten der Ärzte- schreitenden Verfall preisgegeben. Für sen wurde, hat er das Rippengitter eines
teams, schaffen Wasser, Betonblöcke für jede Unterschrift in der labyrinthischen Kühlschranks und Maschendraht überei-
die Barrikaden nach vorn. Bürokratie muss gezahlt werden. Kranken- nander montiert, um Tränengasgranaten
Schmal, spurtstark und extrem wendig, häuser sind ohne Medikamente, Uniabsol- abzuhalten.
rasen die Tuk-Tuks mal zu viert neben- venten ohne Jobs, Invaliden ohne jede Jede Nacht ist er unterwegs, knattert im-
einander, mal in einer irrwitzigen Schlan- Versorgung. Angehörige von Festgenom- mer wieder nach vorn in die lärmende Fins-
ge. Im Dutzend jagen sie dann hinterei- menen, die seit Jahren ohne Gerichtsver- ternis der Zusammenstöße, von denen aus
nander durch enge Gassen, evakuieren fahren einsitzen, müssen für jedes Medi- der Ferne nur das grüne Flackern der La-
blitzschnell Plätze, sobald die gefürchte- kament, jedes Kleidungsstück zahlen. serpointer der Demonstranten zu sehen ist.
ten Antiaufstandseinheiten mit scharfer »Das ist keine Haft, das ist ein Ge- Dass er eine Morddrohung bekommen
Munition in die Menge schießen. 319 Todes- schäftsmodell«, empört sich die Mutter hat, wundert ihn nicht: Er war jahrelang

94 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


ERIN TRIEB / DER SPIEGEL
Einsatz gegen Demonstranten im Zentrum Bagdads: Tränengas, das aus dem Kopf strömt

Kämpfer eines von Iran kontrollierten Es gibt Videos von Sterbenden, es sind Weil sie in dieser Wirklichkeit ihre
Milizkonglomerats. Als »Volksmobilisie- apokalyptische Sequenzen. Sie zeigen, wie Macht und Milliardeneinnahmen retten
rungseinheiten« begann es 2014, in der es aussieht, wenn aus nächster Nähe eine wollen, traten am Freitag vergangener Wo-
Panik vor dem Eroberungszug des »Isla- der kompakten Metallkartuschen in einen che die Spitzenpolitiker und einer der
mischen Staates«, eine fatale Zwitterexis- Schädel eindringt und das Tränengas aus wichtigstens schiitischen Geistlichen an.
tenz: einerseits bezahlt und legitimiert dem Kopf strömt. 31 Menschen starben Und zwar beim Königsmacher irakischer
vom irakischen Staat, aber kontrolliert aus nach Zählungen mehrerer Krankenhaus- Regierungen: Qassem Soleimani, Chef der
Teheran. ärzte in weniger als zwei Wochen durch iranischen Quds-Einheit und Herr über die
Es sind genau jene Milizen, deren Män- diese Gaspatronen. Milizen im Irak. Er wollte alle auf seine
ner maskiert und ohne jedes Abzeichen Das Gewaltmonopol wird den Herrschen- Linie einschwören: Den Protesten müsse
seit Anfang Oktober Tod und Schrecken den keiner nehmen. Aber einen anderen um jeden Preis ein Ende gemacht werden.
unter den Demonstranten verbreiten und Kampf verlieren sie gerade und begreifen es Bei dem Treffen habe sich allein Haider
in die Menge schießen. »Ich hatte genug nicht: den Kampf um die Deutungshoheit al-Abadi, der vor einem Jahr abgelöste Ex-
davon«, sagt Abu Tiba, er habe die Seiten der Symbole. Menschen werden festgenom- Premier, klar dagegen ausgesprochen.
gewechselt. men, weil sie eine irakische Flagge tragen. Doch die Frage wird sein, ob die brutale
Auch nach sechs Wochen hat die Regie- Die religiösen Mythen, die Leidensge- Unterdrückung noch funktioniert. Oder
rung gegen die Demonstranten nicht mehr schichte der schiitischen Imame im Kampf ob die Proteste dann in gewaltsamen Wi-
aufzubieten als Verleumdung und Gewalt. gegen die Tyrannei vor etwa 1400 Jahren, derstand umschlagen.
Am Anfang der Proteste ließ Premier Adil alles wird aufgesogen, neu gedeutet von Abu Tiba, der furchtlose Tuk-Tuk-
Abd al-Mahdi das Internet im ganzen den Protestlern. Fahrer, gibt der Vernunft wenig Chancen.
Land lahmlegen. Dann behauptete er, Selbst Premier Abd al-Mahdis Behaup- Für ihn ist die drängendere Frage des Mo-
dass auf Demonstranten nie geschossen tung, die jugendlichen Demonstranten ments ohnehin, wovon er die Kranken-
worden sei, obwohl mehr als 100 Tote widmeten sich nur dem beliebten Online- hausrechnung seiner zweijährigen Tochter
das Gegenteil belegten. Schließlich ver- Shooterspiel »PlayerUnknown’s Battle- bezahlen soll: »Ich habe doch noch nicht
sprach die Regierung, keine »tödlichen grounds«, ziehen die Jungen auf ihre einmal die letzten drei Raten für mein
Waffen« einzusetzen. Nur dass die Ein- Weise ins Lächerliche: Sie laufen in den Tuk-Tuk abbezahlt, 750 000 Dinar«, um-
satzkräfte seither oft 40-Millimeter-Gas- Fantasiekostümen ihrer virtuellen Krieger gerechnet etwa 570 Euro. Ein ratloses
patronen verschießen, die um ein Vielfa- durch die Tränengasschwaden, in knöchel- Lächeln, ein kurzes Schnauben, dann knat-
ches schwerer sind als die üblichen Kali- langen Graskostümen in Bagdad, als selbst tert er zurück zu den Barrikaden.
ber. Und die Schützen zielen auf Köpfe erklärte »Zombies«, und treten aus dem Christoph Reuter
und Brustkörbe anstatt in die Luft. Spiel in die Wirklichkeit.

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45,50 45,50 45,50 45,50

1978 1982 1986 1990 1994 1998 2002 2006 2010 2014 2018 aktuelles Trikot

Bis zu 150 Euro müssen Fans der Nationalmannschaft für das ne Beflockung fast 90 Euro. Seit erstmals DFB-Trikots des
in dieser Woche vorgestellte Trikot bezahlen. Zumindest wenn Ausrüsters Adidas verkauft wurden, haben sich die Preise
sie den hochwertigsten Stoff auswählen, den auch die Spieler für die Leibchen verdoppelt. Bemerkenswert: Inflations-
auf dem Feld tragen, und das Hemd mit einem Namen beflocken bereinigt waren die Trikots 1978 sogar teurer als heutzutage,
lassen. In einer etwas schlechteren Qualität kostet das Shirt oh- während die Hemden von 1998 ein Schnäppchen waren.

Magische Momente von der Arbeit auf dem Bauernhof heim-


kam. Deshalb musste ich nach Äthiopien
»Ich habe auf Schotter und Gras trainiert« zurück und habe dort drei Monate lang
zweimal täglich mit einer Gruppe von
Der Äthiopier Girma Bekele Gebre, 26, über den Marathon seines Lebens Läufern im Hochland auf Schotter und
Gras trainiert. Ich glaube, das Höhentrai-
SPIEGEL: Beim New- ten, mussten Sie von einem Betreuer ning hat mir geholfen, so gut zu sein.
York-City-Marathon gestützt werden. SPIEGEL: Vor dem Marathon waren Sie
gehen jedes Jahr Gebre: Ich fühlte mich sehr schwach und kaum bekannt. Die Eliteläufer tragen ihre
50 000 Läufer an habe mich übergeben. Das kann aber Namen und Sponsorenlogos auf dem
den Start. Sie wurden immer mal vorkommen. Bei der Sieger- Laufshirt, bei Ihnen stand dort nur Ihre
gerade völlig über- ehrung war ich erschöpft, aber glücklich. Startnummer 443.
raschend Dritter – obwohl SPIEGEL: Wie haben Sie sich auf das Ren- Gebre: Bisher habe ich keinen Manager,
Sie nicht einmal in der Spitzengruppe nen vorbereitet? wurde aber inzwischen von einigen
starteten. Gebre: Eigentlich wollte ich in New York kontaktiert. Mein Traum ist es, irgend-
Gebre: Ja. Weil meine bisherige Best- trainieren. Doch dann starb einer meiner wann einen Vertrag mit einem großen
zeit nicht ausreichte, musste ich an Brüder im Juni unerwartet, nachdem er Sportartikelhersteller zu bekommen.
einem anderen Startpunkt beginnen. SPIEGEL: Es gibt derzeit äthiopische
Als die Strecken zusammengeführt und kenianische Marathonläufer,
wurden, wollte ich unbedingt den die schneller sind als Sie. Wie viel
Anschluss an die Eliteläufer halten. Potenzial steckt noch in Ihnen?
SPIEGEL: Hätten Sie gedacht, dass Sie Gebre: Der Sport ist mein ganzes
dieses Tempo bis zum Schluss laufen Leben, und das war ja erst mein vierter
können? Marathon. Ich glaube sehr an mich und
Gebre: Zwischenzeitlich war ich sogar möchte meine Zeit weiter verbessern,
ganz vorne und wurde vom Publikum um bei wichtigen Rennen wie in Bos-
angefeuert, das war ein schönes ton oder in Tokio erfolgreich zu sein.
TIMOTHY A. CLARY / AFP

Gefühl, eine ganz neue Situation für SPIEGEL: Sie haben für Ihre Leistung
mich. Leider wurde ich nach 30 Kilo- in New York rund 60 000 Dollar
metern etwas müde und musste die bekommen. Was machen Sie mit
beiden Kenianer ziehen lassen. dem Geld?
SPIEGEL: Als Sie nach 2:08:38 Stun- Gebre: Ich möchte damit meiner Fa-
den das Ziel im Central Park erreich- Gebre in New York am 3. November milie helfen. MAS

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 97


GIAN MATTIA D'ALBERTO / LAPRESSE / AP
Sportler bei ISL-Wettbewerb in Budapest Ende Oktober: Die Stimmung gleicht der auf einer Klassenfahrt

Die Freischwimmer
Athleten Das IOC und andere Verbände verdienen Milliarden mit Profisportlern, halten diese
jedoch seit Jahrzehnten klein. Eine Gruppe von Weltklasseschwimmern wehrt sich
dagegen und tritt in einer neuen Liga an. Ist dies das Ende der greisen und korrupten Funktionäre?

A
m Beckenrand einer texanischen Handballspieler nach einem Tor. Die Stim- ten Show und Sport verbinden, damit die
Schwimmhalle steht ein Disc- mung gleicht der auf einer Klassenfahrt. Menschen sich stärker dafür begeistern.
jockey und spielt Lieder von David Auch zwei deutsche Leistungssportler Zu oft steigen die Leistungsschwimmer vor
Guetta. Es ist ohrenbetäubend sind zu dem Schwimmevent angereist: leeren Rängen ins Wasser.
laut, es ist heiß, Scheinwerfer tauchen Reva Foos, 26, und Marco Koch, 29, beide Zudem wollen die Athleten mit ihrem
die Highschool-Halle an diesem Oktober- aus dem hessischen Langen. Die zwei sind Sport endlich mehr Geld verdienen. Auch
tag in Blau und Magenta. Die Zuschauer ein Paar, sie ist Staffel-Europameisterin, deshalb möchten sie sich vom Weltverband
feiern auf den Rängen, während unten er ehemaliger Weltmeister und Welt- Fina emanzipieren, mithilfe einer Organi-
die internationale Schwimmelite durch rekordhalter über 200 Meter Brust. Sie sation, die sich als Gegenentwurf versteht:
das Wasser gleitet, Olympiasieger, Welt- tragen die schwarzen Kapuzenjacken ihres der International Swimming League, kurz
rekordhalter. Teams, der »New York Breakers«. Als sie ISL, organisiert und finanziert von einem
Schwimmer sind von Natur aus Einzel- entdecken, dass Zuschauer Pappgesichter Milliardär aus der Ukraine.
kämpfer, doch an diesem Tag treten sie in von ihnen hochhalten, machen sie davon Kurz nach dem letzten Rennen steht
Teams gegeneinander an, nationenüber- lachend Handyfotos. Reva Foos neben ihrem Freund im Foyer
greifend. Sie nennen sich »Iron« oder Foos und Koch zählen zu den rund der Halle. Sie ist mit 1,68 Meter eher klein
»London Roar«, präsentieren ihre Mann- hundert Spitzenschwimmern, die hier in für eine Schwimmerin, auch ihre Schultern
schaftsaufstellung in einstudierten Choreo- Lewisville, einer Stadt nördlich von Dallas, sind eher schmal. Foos lächelt, im Gesicht
grafien und silbrigen Anzügen. Nach den die Zukunft ihrer Sportart neu gestalten hat sie noch den Abdruck ihrer Schwimm-
Rennen klatschen sich die Athleten ab wie wollen. Ihre Wettbewerbe, finden sie, soll- brille. »Hier ging es heute wirklich um die

98 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Sport

Athleten«, sagt sie. »Falls die Leute von direktor Cornel Marculescu, 78, für Unmut, seits wissen wir auch nicht, was davon
der Fina das im Fernsehen gesehen haben, als ihr Verband dem Chinesen Sun Yang stimmt«, sagt Schwimmer Koch. »Wir sehen
sollten sie sich eine Scheibe davon ab- bei der WM eine Starterlaubnis erteilte, in erster Linie gerade, was er alles an Posi-
schneiden, wie man so was aufzieht.« obwohl er eine Dopingprobe mit einem tivem mit der ISL auf die Beine stellt.«
Foos, Bundeskaderathletin, liegt mit Hammer hatte zerschlagen lassen. Sun ge- Hryhoryschyn begeistert sich für den
dem Weltverband über Kreuz, wie so viele wann zweimal Gold, in 200- und 400-Me- Schwimmsport, seitdem sein Sohn damit
Topschwimmer. Drei von ihnen, die Welt- ter-Freistil. Als seine Konkurrenten protes- angefangen hat. Er wolle »Schwimmer als
stars Katinka Hosszú, Michael Andrew tierten, wurden sie von der Fina verwarnt. Marken etablieren«, sagt Hryhoryschyn.
und Tom Shields, klagen derzeit in den Marco Koch macht das noch immer fas- Dafür denkt er nicht mehr in National-
USA gegen die Fina, werfen ihr Kartell- sungslos: »Es ist nicht mehr nachvollzieh- mannschaften, sondern in Klubs und Wett-
missbrauch vor, etwa weil es den Schwim- bar, man fühlt sich nicht ernst genommen.« kämpfen, über das Jahr verteilt.
mern verboten war, an verbandsfremden Die neue Schwimmliga dagegen prokla- Der Oligarch unterstützt die Schwim-
Wettbewerben teilzunehmen. Sie fühlen miert eine Null-Toleranz-Politik in Doping- mer in ihrem Aufbegehren gegen die Fina,
sich unterdrückt von greisen Funktionären, fragen. »Es ist cool, dass wir an der Ent- die sich lange gegen sein Projekt wehrte.
die alles entscheiden. wicklung von so was teilhaben können«, Auch seine ISL führt gegen den Verband
Und es rumort nicht nur bei den sagt Koch, der sich einst die olympischen einen Rechtsstreit wegen Kartellmiss-
Schwimmern. Weltweit organisieren sich Ringe auf den Bizeps tätowieren ließ. Er brauchs. »Die Verbände und uns trennen
derzeit Profisportler neu, fordern Mit- ist seit Jahren einer der besten deutschen Welten«, sagt Hryhoryschyn und kritisiert
bestimmung ein, Respekt, Fairness. Keine Schwimmer, doch auf der Straße wird er die olympische Bewegung. »Das IOC hat
Selbstverständlichkeiten in der Sportwelt. selten erkannt. Nach dem Event in Lewis- sich eine Festung gebaut, um die eigenen
Viele Athleten haben die Bürokratie-Gi- ville warten vor der Halle Kinder auf die Interessen zu schützen, doch ein großer
gantomanie, Korruption und Intransparenz Schwimmer. Sie bilden ein Spalier, machen Teil der Verteidigungsanlage wirkt wie
des Internationalen Olympischen Komitees Selfies mit ihren Stars. Propaganda. Die Sportler sollen an die
(IOC) und anderer Verbände satt. Sie haben Der Wettbewerb in Texas ist Teil einer olympischen Werte glauben, aber wel-
es satt, dass mit ihren Bildern und ihrer Veranstaltungsreihe; London und Las Ve- chem Zweck dienen diese Werte?«
Leistung Geld verdient wird und davon oft- gas folgen. Finanziert wird sie von dem Mit Aussagen wie diesen gewinnt er die
mals kaum etwas bei ihnen ankommt. ukrainischen Oligarchen Kostjantyn Hry- Athleten, vor allem aber lockt er sie mit
Es ist eine Generation von Sportlern, horyschyn. Der 54-Jährige machte unter seinem Geld. Fünf Millionen Dollar beträgt
die ihre Stimme erhebt und Rechte einfor- anderem mit dem Handel von Metall ein das Preisgeld für die erste ISL-Saison, die
dert. Zu den eindrücklichen Beispielen geschätztes Milliardenvermögen. Ihm wer- Teilnehmer kassieren eine Antrittsprämie,
zählt die US-Fußballnationalmannschaft den zweifelhafte Deals nachgesagt: So soll sogar ein Pensionsplan wird angeboten.
der Frauen. Seit ihrem Sieg bei der WM Hryhoryschyn der Ukraine in der Amts- Die Schwimmerin Foos finanziert sich
kämpfen die Spielerinnen an allen Fronten zeit des Präsidenten Petro Poroschenko derzeit über die Fördergelder dreier Sport-
um Unterstützung dafür, ihre Prämien auf überteuerte Transformatoren verkauft ha- stiftungen; es reicht für Miete und Essen,
das Niveau der Herren anzuheben. ben. Zudem wurde in Russland gegen viel mehr ist nicht drin. Sie studierte auf
In Australien sind die Nationalspielerin- Hryhoryschyn ein Verfahren wegen Steu- Lehramt, nach den Olympischen Spielen
nen schon einen Schritt weiter. Nach erschulden eingeleitet, 2018 belegte ihn in Tokio will sie ihre Karriere zugunsten
langem Ringen partizipieren sie künftig in Moskau mit Sanktionen. eines Referendariats beenden.
gleichem Maße von den Einnahmen ihres Weg von korrupten Funktionären, hin zu Wie Foos geht es vielen Sportlern, die
Verbands wie ihre männlichen Kollegen. einem ukrainischen Oligarchen? »Wir ver- Deutschland international vertreten. Wer
Der zweifache Dreisprung-Olympia- schließen nicht die Augen davor, anderer- als Eisschnellläufer, Ringer oder Schwim-
sieger Christian Taylor rief vergangene mer keine Stelle in den Sportfördergruppen
Woche eine Athletenvertretung ins Leben. von Bundeswehr, Polizei oder Zoll erhält,
Zuvor hatte der Leichtathletik-Weltver- ist meist auf die Deutsche Sporthilfe ange-
band IAAF zum Entsetzen vieler Sportler wiesen. Deren Grundförderung für Top-
bekannt gegeben, dass es künftig keine athleten wurde zwar in diesem Jahr deut-
200-Meter-Läufe und Diskuswürfe mehr lich angehoben, von 300 auf 800 Euro pro
im Finale der Diamond League geben wer- Monat. Doch auch das ist nur ein schmales
de. Sie ist eines der prominentesten Aus- Zubrot für Sportler, die bei Olympischen
hängeschilder der Leichtathletik. Spielen um Medaillen kämpfen sollen.
Über Jahrzehnte gab es strenge Werbe- Zumal die Preisgelder bei Wettkämpfen
regeln für deutsche Sportler bei den Olym- überschaubar sind. Konfrontiert mit dem
pischen Spielen. Athleten konnten sogar ISL-Projekt, hob die Fina 2018 die Prämien
ausgeschlossen werden, wenn sie dort für für einen WM-Titel auf der 25-Meter-Bahn
ihre Sponsoren warben. an, auf 10 000 Dollar. Viele sehen darin
Erst in diesem Jahr, auch auf Druck des ein Indiz, dass der Verband nur so viel aus-
Vereins Athleten Deutschland, der vom schüttet, wie unbedingt nötig ist, um die
Bundesinnenministerium unterstützt wird, Sportler ruhig zu halten. »Manchmal fühlt
MARKUS HINTZEN / DER SPIEGEL

wurden die Restriktionen gelockert. Ge- man sich schon veralbert«, sagt Foos.
schmiedet hatten diese Funktionäre, die Investor Hryhoryschyn soll bislang noch
sich durch Korruption, fragwürdige Tur- nichts mit der ISL verdienen. Er finanziert
niervergaben und ihren laschen Umgang das ISL-Budget für die Premierensaison
mit Doping eigentlich längst ins Abseits nach eigenen Angaben »fast allein«, be-
manövriert haben – ohne dass es bislang ziffert es auf »knapp 25 Millionen Dollar«,
Konsequenzen hatte. 20 Prozent davon gehen an die Sportler.
Zuletzt sorgten der Fina-Präsident Julio Paar Koch, Foos Der Verein Athleten Deutschland for-
César Maglione, 84, und der General- Das Geld reicht für Miete und Essen dert, 25 Prozent der Einnahmen aus den

99
Sport

Olympischen Spielen direkt an die Sport-


ler auszuschütten, die daran teilgenom-
men haben – von 2013 bis 2016 wären dies
rund 1,4 Milliarden Dollar gewesen.
Gegen den Dämon
Den Athleten geht es jedoch nicht nur
ums Geld. Sie wollen in wichtige Entschei- Doping Der russische Sportfunktionär Jurij Ganus will das
dungen eingebunden werden und mitbe- systematische Doping in seinem Land beenden, wird deshalb
stimmen dürfen. verleumdet und bedroht. Zugleich misstrauen ihm Mitstreiter
Dadurch ließen sich Eklats wie bei der
Leichtathletik-WM in Katar vermeiden. im Ausland. Über einen Mann, der an zwei Fronten kämpft.
Dort hatte der Weltverband IAAF Ka-
meras eingesetzt, die von unten filmten,
wie die Sprinterinnen in ihrer knappen
Arbeitsbekleidung in die Startblöcke
stiegen. »War an der Entwicklung dieser
Kamera eine Frau beteiligt?«, fragte die
deutsche 100-Meter-Läuferin Gina Lü-
ckenkemper nach ihrem Vorlauf und gab
die Antwort gleich selbst: »Ich glaube
nicht.«
Überhaupt, die absurde Entscheidung
für Katar als Austragungsort der WM –
auch sie wäre wohl anders ausgefallen, hät-
ten die aktiven Sportler mitreden dürfen.
Doch dafür braucht es einen kulturellen
Wandel.
Ein solcher könnte sich nun in den USA
vollziehen. Dort haben sich im Basketball
und Baseball über Jahrzehnte starke Ge-
werkschaften entwickelt, die Profis wer-
den mit bis zu 50 Prozent an den Einnah-
men beteiligt.
Anders sieht es im College- und Univer-
sitätssport aus. Der zuständige Dachver-
band NCAA deklarierte im jüngsten Fi-
nanzbericht Einnahmen in Höhe von einer
Milliarde Dollar. Die studentischen Sport-
ler sahen davon: nichts.
Nun schaltet sich die Politik ein. Der
Gouverneur von Kalifornien unterzeich-
nete im September ein Gesetz, das es ein-
geschriebenen Athleten ab 2023 gestatten
soll, ihre Bild- und Namensrechte selbst
zu vermarkten. Damit würden sie zwar
weiterhin kein Gehalt beziehen, hätten
aber erstmals die Chance, eigenständig
Werbeverträge abzuschließen.
Der Geschäftsführer des Vereins Athle-
ten Deutschlands, Johannes Herber, 36,
begrüßt die Initiative. Er selbst spielte einst
Basketball an der West Virginia University,
musste sogar ablehnen, wenn ihm Restau-
rants das Essen spendieren wollten. Ein
echtes Einkommen erspielte er sich erst
nach der Uni, als Profi.
Einer seiner Teamkollegen aus den
USA, damals der Star der Mannschaft,
lebte Jahre später wieder dort, wo er auf-
gewachsen war – in einer Wohnwagen-
YURIY CHICHKOV / DER SPIEGEL

siedlung. Hätte er im College mit seinem


Sport Geld verdienen dürfen, wäre es
vielleicht anders gekommen. »Mit seiner
Leistung hat sich eine ganze Industrie
die Taschen vollgemacht«, sagt Herber,
»und er hat nichts davon gehabt.«
Thilo Neumann
Agentur-Chef Ganus: »Die müssen weg«

100
D
er Mann, der Russlands Sportler
sauber sehen will, steht in einem
kleinen Büro im Nordwesten
Moskaus. An einer Wand hängt
ein Plakat, es zeigt ein großes schwarzes
Schiff, die »Rusada«. Mühsam bricht sie
durch dickes Eis, macht den Weg frei für
eine Schar Leichtathleten, Fußballer und
Eishockeyspieler, die ihr auf blauem Was-
ser und unter blauem Himmel folgen.
Jurij Ganus steht vor dem Bild, zeigt

BARBARA WALTON / PICTURE ALLIANCE / DPA


auf das Eis: »Das ist das seit Jahrzehnten
geduldete Dopingsystem in Russland, das
wir durchbrechen müssen.« Er blickt
auf die schwarzen Wolken, die das Schiff
umgeben. »Das ist der Druck, der uns
gemacht wird.« Ganus deutet auf die
Kommandobrücke, in die leuchtende Blit-
ze einschlagen. »Ich bin der Kapitän.«
Für den Chef der russischen Anti-Do-
ping-Agentur Rusada sind Bilder oft kraft-
voller als Worte. Das Motiv des Eisbre- Russische Athleten bei der Olympia-Eröffnungsfeier in Sotschi 2014: 33 Medaillen
chers hat sich der ehemalige Seemann
ausgedacht, von einem Künstler malen las-
sen. Er verschenkt es auf Kalendern. »Für gen: Er scheut es nicht, sich mit den Mäch- machtstatus, das Gefühl des Überlegen-
den sauberen Sport« steht darauf. tigen anzulegen. seins, in Medaillen maß und jedes Mittel
Es ist ein trüber Vormittag im Novem- Dass ein Vertreter einer russischen Orga- recht schien.
ber. Der 55-Jährige bittet an einen Holz- nisation öffentlich das System angreift, ist Auf einem anderen Bild, das er hat ma-
tisch. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, ein bemerkenswerter Vorgang. Es kann ge- len lassen, wird der russische Beamte als
dazu ein weißes Hemd mit Manschetten- fährlich werden, in Russland die Wahrheit großer Dämon mit gelben Augen darge-
knöpfen. zu sagen, vor allem bei Themen, die eng mit stellt, behängt mit Auszeichnungen. »Ihn
Ganus weiß, dass sein Land in den kom- der Politik verwoben sind, so wie der Sport. gilt es kleinzukriegen«, sagt Ganus.
menden Wochen wieder massiv in den Im Olympischen Komitee in Moskau ist Vor zwei Jahren hat er den Chefposten
Schlagzeilen sein wird. Wegen manipulier- man genervt von Ganus’ öffentlichen At- bei der Rusada übernommen. Nach den
ter Daten, dem jüngsten Skandal in der tacken. »Das Beste wäre, er wäre weg«, Dopingskandalen in Sotschi hatte die
endlosen Dopinghistorie Russlands. Ga- sagt einer, der lieber anonym bleiben will Wada den Neuaufbau der russischen Agen-
nus selbst hatte ihn öffentlich gemacht. und es noch freundlich formuliert. tur gefordert und unterstützt. Ganus setzte
Noch bis in den Januar dieses Jahres sol- All das hat Ganus vorsichtiger werden sich gegen 700 Mitbewerber durch. Sein
len Tausende Testwerte russischer Athle- lassen. Auf die Bitte, ihn in Russland bei Monatsgehalt: rund 3000 Euro.
ten nachträglich verändert worden sein. der Arbeit zu begleiten, antwortete Ganus, Ganus stammt aus einer Kleinstadt in
Darunter auch Informationen über Sport- dazu sei er gern bereit, aber er wolle seine der Südostukraine. Seine Mutter war Ab-
ler, die 2014 in Sotschi dabei waren. Mitarbeiter nicht mit reinziehen. Weil er teilungsleiterin in einer Fabrik, der Vater
Die Manipulationen sollen in der Zeit glaubt, dass er abgehört werde, besitzt er Schmied. Mit Sport hatte Jurij Ganus nie
erfolgt sein, als die Welt-Anti-Doping- mehrere Telefone, kommuniziert über ver- etwas zu tun. Als Kind spielte er mal Hand-
Agentur (Wada) noch mit Russland um die schlüsselnde Apps. ball, nicht besonders erfolgreich, sagt er.
Übergabe ebenjener Daten rang. Letztlich An seiner »Mission«, wie er seine Ar- Mit 18 zieht es Ganus nach Sankt Pe-
waren Russlands Mühen vergebens, denn beit nennt, hält er dennoch fest. Ganus tersburg, an die Ostsee. »Ich wollte die
die IT-Experten der Wada entdeckten die will einen sauberen Sport in Russland eta- Welt entdecken.« Er wird Ingenieur, fünf
Manipulationen. blieren, den Athleten dadurch die Chance Jahre ist er fortan auf den Meeren unter-
An diesem Sonntag wird das Compliance eröffnen, für saubere Leistungen geehrt wegs, besonders Europa fasziniert ihn.
Review Committee der Wada den Kollegen und respektiert zu werden. »Der Job auf dem Meer ist fordernd, er
vom Exekutivkomitee empfehlen, ob und Auch schafft es niemand, an Ganus’ festigt den Charakter«, sagt Ganus. Vor al-
wie Russland nun wieder sanktioniert wer- Überzeugungen zu rütteln: Noch immer be- lem bei Sturm und Unwetter. Bei schwar-
den könnte. Eine finale Entscheidung wird stimme eine alte Garde aus Beamten, Funk- zen Wolken und Blitzen.
für Anfang Dezember erwartet. Kommt es tionären und Athleten, die mit schmutzigen Zurück in Sankt Petersburg, studiert Ga-
zu einer erneuten Suspendierung Russlands, Methoden arbeiteten, große Teile des nus Jura und Wirtschaft, promoviert über
dürfte der Fall auch den Weltsportgerichts- Sports in Russland, beklagt Ganus in sei- insolvente Unternehmen. »Krisen waren
hof Cas beschäftigen. nem Moskauer Büro. Es gebe zwar integre immer mein Thema«, sagt er.
Ganus spricht von einem »Abgrund« Amtsträger, Trainer und Sportler, doch die Ganus arbeitet für den deutschen Heiz-
für den russischen Sport. Es gebe keine hätten kaum etwas zu melden. technikhersteller Viessmann, für russische
Manipulationen von Daten, wie von Ga- Ganus spielt mit dem Zuckerpäckchen Unternehmen wie die Nord-West-Marine
nus behauptet, erklärte hingegen der rus- neben seinem Kaffee, seine Stimme wird und den Werftkonzern Sewmasch. Auch
sische Sportminister Pawel Kolobkow vor nun energisch. »Die alten Funktionäre in da hat er mit Beamten zu tun, U-Boote
heimischen Journalisten. Allenfalls tech- Ministerien und Sportverbänden müssen sind von strategischer Bedeutung, es geht
nische Probleme. »Das ist Blödsinn«, sagt weg, sonst ändert sich nie etwas.« Ihnen um viel Geld.
Ganus. Der Minister lebe in einer Welt der gehe es nur ums Gewinnen, wie damals Für den Rusada-Job habe er sich bewor-
Illusion. Die Worte des Rusada-Chefs zei- zu Sowjetzeiten, als die UdSSR ihren Welt- ben, weil er es als »sehr ungerecht« em-

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Sport

pfand, dass bei den Sommerspielen in Rio bat er deshalb in einer Videoansprache im Er sei ein Trinker, habe Geldprobleme,
de Janeiro 2016 alle russischen paralym- Internet Putin um Unterstützung. Danach verbreiten seine Kritiker. Als er mit dem
pischen Athleten gesperrt wurden, russi- erhielt Ganus wütende Anrufe, er solle das Gerücht konfrontiert wird, er leide unter
sche olympische Athleten aber unter Auf- Video löschen. Von wem? Ganus antwor- Schizophrenie, sagt er: »Uff, das ist neu,
lagen teilnehmen konnten. »Paralympi- tet ausweichend, aber es wird klar, dass es stimmt auch nicht.« Und fügt dann nach
sche Sportler sind Vorbilder«, sagt Ganus. hohe Beamte gewesen sein müssen. einer Pause hinzu: Dass er so diskreditiert
»Sie mussten oft um ihr Leben kämpfen, Es war in der Zeit, als den Wada-Exper- werde, zeige ihm nur, »dass ich auf dem
dennoch an sich glauben, Widerstands- ten wochenlang der Zugang zu der meh- richtigen Weg bin«.
kraft beweisen.« Umso mehr gelte es, sol- rere Terabyte großen Datenbank im Anti- Ganus’ Sohn German macht sich große
che Athleten zu unterstützen. Doping-Labor des Kronzeugen Rodtschen- Sorgen um seinen Vater. Der 27-Jährige
Sport und Politik sind in Russland eng kow verwehrt wurde. Dabei war es eine lebt südlich von Sankt Petersburg in einer
verbunden. Sportliche Erfolge stiften Iden- der Bedingungen, unter der die Rusada Kleinstadt. Das Verhältnis zwischen ihnen
tität und Stolz, was wichtig ist in einem nach dreijähriger Sperre kurz zuvor wie- sei eng, sagt German Ganus, sie telefonier-
Land, das nach dem Zerfall der Sowjet- der zugelassen worden war. Entgegen der ten regelmäßig. In Jurij Ganus’ Büro gibt
union immer noch seinen Weg sucht. Absprache mit Moskau hatten dann je- es ein gerahmtes Foto, es zeigt, wie der
Präsident Wladimir Putin ist selbst be- doch die russischen Ermittlungsbehörden, Vater seinen Sohn umarmt.
geisterter Sportler, war früher Judo-Stadt- die das Labor bis heute kontrollieren, den Dieser verfolgt jeden Tag im Internet,
meister von Leningrad, dem heutigen Zutritt zunächst untersagt. wie groß die Widerstände gegen seinen
Sankt Petersburg. Er richtete die Fußball- Durch die Manipulation der Daten sieht Vater sind. Er erinnert sich an seinen
WM 2018 aus, holte die Olympischen Win- Ganus Russlands Teilnahme an Olympia Schreck, als sein Vater ihm erzählte, dass
terspiele 2014 nach Sotschi. Russland ge- 2020 in Tokio und 2022 in Peking ge- er den Rusada-Posten übernehme. Ger-
wann unter Putins Aufsicht 33 Medaillen, man kennt die Geschichten über zwei ehe-
mehr als jede andere Nation, wie die malige leitende Mitarbeiter der Agentur,
Staatsmedien immer wieder betonten. mögliche Zeugen. Sie starben angeblich
Was nach einer Erfolgsgeschichte klingt, an Herzversagen. Beide.
fußt in Wahrheit auf einem gigantischen Ganus ist die Angst seines Sohnes be-
Betrug, in den neben dem Sportministe- kannt. »Er weiß, dass ich meine Arbeit bis
rium sogar der Geheimdienst FSB invol- zum Ende mache.« Holt er sonst oft weit
viert gewesen sein soll. aus, belässt er es jetzt bei diesem Satz.
Kronzeuge ist Grigorji Rodtschenkow, Es gibt nur wenige Amtsträger in Mos-
Ex-Leiter des Moskauer Dopingkontroll- kau, die bereit sind, sich öffentlich über
labors. Er behauptet, er habe mithilfe des MIKHAIL METZEL / ITAR-TASS / IMAGO den Rusada-Chef zu äußern. Dimitrij
FSB belastete Urinproben russischer Schljachtin, Präsident des Leichtathletik-
Sportler in Sotschi ausgetauscht. Rodt- verbands, der seit 2015 wegen systemati-
schenkow steht mittlerweile unter dem schen Dopings international suspendiert
Schutz amerikanischer Behörden. ist, drückt es so aus: Es gebe Ganus’ Weg,
Auch in der russischen Leichtathletik Doping zu bekämpfen, und seinen. »Ich
war über Jahre hinweg systematisch ge- finde es nicht richtig, alles laut rauszu-
dopt worden. Bei den Olympischen Win- schreien, was ich mache.«
terspielen 2018 und bei der Leichtathletik- Der 52-Jährige ist Sportminister in der
WM in diesem Jahr durften russische Präsident Putin 2017 in Sotschi* Region Samara, war selbst Leichtathlet.
Sportler deshalb nur unter neutraler Sportliche Erfolge stiften Identität Angesprochen auf Trainer, die mit Doping
Flagge an den Start gehen. Keine russische arbeiten sollen, behauptet er mehrfach,
Fahne war zu sehen, keine russische fährdet. Um sich Gehör zu verschaffen, die Verträge mache nicht er, sondern eine
Hymne zu hören. schreibt er offene Briefe, setzt sich in Talk- dem Sportministerium unterstellte Behör-
Ganus spielt noch immer mit dem Zu- shows, wenn er denn mal von russischen de. Tage später ergänzt Schljachtins Spre-
ckerpäckchen in seinem Moskauer Büro. Staatssendern eingeladen wird. Er spricht cherin, dass dieser die Vereinbarungen am
Fast alle 60 Mitarbeiter habe er in seiner in ausländischen Medien über Doping in Ende aber bestätige.
Agentur ausgetauscht, berichtet er. Die üb- der russischen Leichtathletik. Im Septem- Laut Schljachtin brauche es Zeit, die
rigen, zwei an der Zahl, seien von der ber fordert er in der französischen Sport- Kultur zu verändern. Trunkenheit am
Wada geprüft worden. Inzwischen arbeitet zeitung »L’Équipe« den Rücktritt der ge- Steuer habe man in Russland ja auch nicht
die Rusada vor allem mit internationalen samten Führung des Athletikverbands. in ein bis zwei Jahren eingedämmt.
Laboren zusammen, auch in Deutschland, In Russland kommt das nicht gut an. Ganus spürt nicht nur kalten Gegen-
Österreich und der Schweiz. »Unethisch, unprofessionell und unpatrio- wind an der Heimatfront. Auch in der
Die Rusada war lange quasi eine Filiale tisch« sei Ganus’ Verhalten, kommentiert Wada und in internationalen Sportverbän-
des russischen Sportministeriums, heute ein Fußballtrainer. den denkt manch einer, er sei eine Art
erhält sie ihren Jahresetat in Höhe von Auf seinem Handy erhalte er Nachrich- Doppelagent. Zu groß ist das Misstrauen
etwa 7,8 Millionen Euro direkt aus dem ten, in denen er als »Landesverräter« be- gegenüber Russland und seinen Funktio-
Finanzministerium. »Wir sind unabhängig, schimpft wird, erzählt Ganus. Wenn je- nären. Ganus stilisiere sich zum Helden,
keine Serviceinstitution des Staates mehr, mand anderer Meinung sei in Russland, der es mit allen aufnehme, heißt es. Er kri-
wir dienen ihm nicht«, betont Ganus den- werfe man ihm sofort vor, kein Patriot zu tisiere zwar die Zustände in seinem Land,
noch. Die Botschaft ist ihm wichtig. In sei- sein. »Sind etwa die Menschen, die mit aber die Einstellung zu Doping habe sich
nem Büro hängt kein Bild des Präsidenten ihren Entscheidungen unseren Sport ver- kaum verändert.
Putin, wie sonst in Behörden üblich. nichten, Patrioten? Das sind die Verräter«, Mitte Oktober in einem Tagungshotel
Seit Beginn seiner Amtszeit versucht sagt er laut, seine Stirn legt sich in Falten. in Colorado Springs. Auf der Konferenz
Ganus einen Termin im Kreml zu bekom- »Play the Game« diskutieren Funktionäre,
men. Vergebens. Vor knapp einem Jahr * Bei einem Gala-Eishockeyspiel. Wissenschaftler und Journalisten aus der

102 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Programm
ganzen Welt über Ethik im Sport. Der Rus-
se, der sich gegen das eigene System auf-
lehnt, ist eine kleine Attraktion. In Ganus’
Vortrag soll es eigentlich um Koopera-
tionen von Anti-Doping-Agenturen bei
internationalen Ermittlungen gehen. Doch
er spricht vor allem über Russland. Eine
»Schattenmacht« sei am Werk, die auch
die Manipulationen der Daten verantwor-
te. »Es ist tragisch«, betont Ganus.
Seine Redezeit ist auf zehn Minuten be-
grenzt. Mehrmals bittet ihn der Modera-
tor, zum Ende zu kommen. Doch Ganus
klickt weiter durch seine Folien. »Please,
please«, sagt er und äußert noch einen Ge-
danken, eine Zahl, ein entlastendes Indiz.

SPIEGEL TV
Travis Tygart, 48, Chef der amerikani-
schen Anti-Doping-Agentur, sitzt wäh-
rend des Vortrags neben Ganus auf der Demonstranten in Tripolis
Bühne. Dessen Auftritt folge einer Stra-
tegie, sagt Tygart: »Es ist im Interesse
der Rusada, sich von den Manipulationen SPIEGEL GESCHICHTE SPIEGEL TV
zu distanzieren.« Um sagen zu können: SAMSTAG, 16. 11., 22.35 – 23.20 UHR, SKY MONTAG, 18. 11., 23.25 – 0.00 UHR, RTL
»Wie könnt ihr uns bestrafen, wenn wir
doch gar keinen Zugriff auf die Daten- Despoten: Kim Jong Il – Chaos, Gewalt und Hoffnung
bank hatten?« Dynastie des Teufels SPIEGEL-TV-Reporter Claas Meyer-
Richard McLaren, 74, hat einen anderen Von Kindesbeinen an hat sein Leben Heuer war zwei Wochen lang im
Eindruck von dem Russen. Der kanadische nur ein Ziel: die Erhaltung der Macht Bürgerkriegsland Libyen unterwegs.
Jurist hatte 2016 zwei Berichte über das seiner Familie. Mit dem Tod des Er besuchte die Gangsterstadt Bani
russische Systemdoping verfasst, das Aus- Vaters, Kim Il Sung, ist 1994 Kim Jong Walid, war an der Front und sprach
maß des Betrugs aufgezeigt. Seine Stimme Ils Zeit gekommen. 17 Jahre lang mit Flüchtlingen über ihre Hoffnung
hat Gewicht. »Ich halte seine Aussagen für herrscht er über die Volksrepublik auf ein besseres Leben in Europa.
glaubwürdig«, sagt McLaren über Ganus, Nordkorea. Der »liebe Führer«
»er will und kann ein Mittler des Wandels schwelgt im Luxus, während sein
sein. Wir als internationale Gemeinschaft Volk bittere Not leidet. Seine
sollten ihn dabei unterstützen.« Machtgier, Ruhmsucht und sadis- SPIEGEL TV WISSEN
Zurück in Moskau, sagt Ganus: »Es tische Grausamkeit sind immens. FREITAG, 22. 11., 21.00 – 22.30 UHR, SKY
steht niemand hinter mir.« und bei allen führenden Kabelnetzbetreibern
In seinem Umfeld ist die Reaktion auf
die Frage, ob Ganus im Auftrag der Füh-
rung unterwegs sein könne, immer gleich MONTAG, 18. 11., 21.45 – 22.15 UHR, ZDF
– verblüffter Blick und erstauntes Lachen.
»Nie im Leben. Da kennen sie Jurij aber Tatort Kinderzimmer
schlecht«, sagt sein Ex-Geschäftspartner Mehr als 4100 Kinder wurden 2018
Michail Danilow. In den Neunzigern ver- schwer misshandelt – alle fünf
kauften sie gemeinsam für finnische Elek- Tage ist eines an den Folgen gestor-
trounternehmen westliche Steckdosen. ben. Die ZDF-Dokumentation »Tatort
»Niemals«, sagt auch Sportberater An- Kinderzimmer« analysiert, wie
drej Mitkow, er war lange im Sportminis- man Kinder besser schützen kann.
terium tätig. »Etwas verrückt« sei Ganus
mit all seinen Bildern, aber im guten Sinne.
SPIEGEL TV

Es brauche Leute vom Schlag eines Ganus,


um endlich mit dem Doping im russischen
Spitzensport aufzuräumen. Zu viele wür-
den aus Angst schweigen. Rasentrecker-Team
Schweigen ist für Ganus keine Option.
In seinem Moskauer Büro gibt er sich wei- Auto Motor Party
terhin kämpferisch. »Diejenigen, die mir SPIEGEL TV WISSEN spürt in der
drohen, wissen nicht, wie sehr sie mich neuen Serie »Auto Motor Party«
damit anspornen.« Zudem gebe es mittler- die Motorsport-Hotspots der
weile Funktionäre, die sich vertraulich an Bundesrepublik auf. Auf den Events
ihn wenden, Sportler, die sich bedanken. mit Hubraumklasse begegnen
SPIEGEL TV

Ob er wisse, worauf er sich eingelassen wir außergewöhnlichen Maschinen


hat? »Ja«, sagt Jurij Ganus mit festem Blick. und Turbo-Enthusiasten mit
Alexander Chernyshev, Christina Hebel, Rechtsmedizinerin Kathrin Yen Leidenschaft.
Thilo Neumann

103
Wissenschaft+Technik
Essen bedeutet für Tomlinson: Scham, Scheitern, Selbsthass – der Kampf gegen seinen Körper ist hart. ‣ S. 110

DANIEL LÓPEZ / TEIDELAB / EPA-EFE / REX


Ein Spannungsfeld von bemerkenswerter Ausdauer entlud sich in dieser stürmischen Nacht Ende Oktober
über den Kanarischen Inseln. Mehr als 2000 Blitze erleuchteten den Himmel, allerdings nicht alle im selben
Moment, wie dieses Foto vermuten lassen könnte. Es handelt sich um eine Montage von 200 Einzelbildern,
die in der Nähe des Vulkans Teide auf Teneriffa aufgenommen wurden – ein spektakuläres Lichtspiel.

Gesundheit die stellvertretende FDP-Bun- Fußnote

2 Millionen
Schwule Spender? desvorsitzende Katja Suding.
Das Spendeverbot wird damit
 Bis November 2017 durften begründet, dass die Wahrschein-
homosexuelle Männer kein lichkeit, sich mit HIV oder dem
Blut spenden; seitdem ist es Hepatitis-C-Virus anzustecken,
DOC-STOCK

Schwulen und transsexuellen bei sexuellen Risikogruppen Menschen leiden in Deutschland an


Menschen erlaubt, wenn sie ein größer sei. Entscheidend dafür, Diabetes und wissen noch nichts davon,
Jahr lang keinen Geschlechtsver- heißt es jetzt in dem FDP-An- schätzt die Deutsche Diabetes Gesell-
kehr mit einem Mann hatten. Die FDP- trag, sei jedoch nicht die »sexuelle oder schaft. Anfangs sind die Symptome
Bundestagsfraktion hält das für diskrimi- geschlechtliche Identität eines Menschen«, bei Diabetes Typ 2 nicht offensichtlich,
nierend und will Anfang der Woche sondern das Risikoverhalten, etwa durch oft macht sich erst später der erhöhte
einen Antrag in den Bundestag einbrin- ungeschützten Verkehr mit häufig wech- Blutzuckerspiegel bemerkbar. Die
gen, der vorsieht, den Bann aufzuheben. selnden Partnern. All dies, Prostitution, Fachgesellschaft empfiehlt deshalb,
»Wir dürfen es uns nicht leisten, spenden- viele Sexpartner, wird jetzt schon bei Patienten ab 50 Jahren bei einem Kran-
bereite Menschen pauschal wegen ihrer Spendern überprüft, allerdings mit einer kenhausaufenthalt routinemäßig auf
geschlechtlichen oder sexuellen Identität notorisch unzuverlässigen Methode: dem die Stoffwechselstörung hin zu unter-
von der Blutspende auszuschließen«, sagt Fragebogen. KRY suchen.

104 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Energie alles allein leisten, wenn kein Wind weht SPIEGEL: Und welche Speicher eignen
»Wir speichern Strom und keine Sonne scheint?
Thess: So ist es. Ein verlässliches Strom-
sich? Könnten etwa Millionen Elektro-
autos an ihrer Ladestation als Strompuffer
in Salzschmelze« netz braucht die sogenannten regelbaren funktionieren?
Energiequellen. Das sind im Moment Thess: Das könnte die Flexibilität des
Der Physiker André Thess, Kohle-, Gas-, Wasser- und noch für kurze Energiesystems durchaus erhöhen, aller-
55, ist Direktor des Zeit die Atomkraftwerke. Der volatile dings zu einem enormen Preis. Die Batte-
Instituts für Technische Ökostrom wird erst dazuzählen, wenn er rie eines durchschnittlichen Elektroautos
Thermodynamik am im großen Stil gespeichert werden kann. verliert bei einem Ladezyklus etwa fünf
Deutschen Zentrum für Eine Energiewende ohne Speicher ist Euro an Wert. Ich möchte den Autobesit-
Luft- und Raumfahrt so unmöglich, wie es die industrielle zer sehen, der bereit ist, der Netzstabilität
(DLR) in Stuttgart. Revolution ohne Dampfmaschine gewe- solche Opfer zu bringen. Und Sie können
Er befasst sich mit neuen Methoden der sen wäre. mit solchen Lösungen nur Flauten von
Energiespeicherung. SPIEGEL: Könnten klug geplante und einer bis zwei Stunden überbrücken.
effektive Trassen helfen, mehr Elastizität SPIEGEL: Was reicht weiter?
SPIEGEL: Herr Thess, in der Bundes- ins Netz zu bringen? Thess: Im DLR beschäftigt sich mein
republik stammt inzwischen mehr Thess: In gewissen Grenzen ist das hilf- Institut intensiv mit sogenannten Carnot-
als ein Drittel des Stroms aus reich. Aber wer die Energiewende ganz Batterien, einer sehr günstigen Technik,
regenerativen Quellen. Eine Erfolgs- vollziehen will, kommt um die Speicher aus Strom Wärme zu produzieren, diese in
geschichte? nicht herum. einem Medium wie Salzschmelze mit bis
Thess: Zweifellos. Das größ- zu 550 Grad zu speichern
te Problem besteht derzeit und bei Bedarf über Turbi-
aber darin, dass wir im Netz nen wieder Strom daraus zu
keine nennenswerten Spei- machen. Mit solchen Metho-
cherkapazitäten haben und den lassen sich auf wirt-
dass der Ökostrom aus schaftlich sinnvolle Weise bis
Sonne und Wind nicht konti- zu zwei Tage überbrücken.
nuierlich fließt. Der konven- SPIEGEL: Und wenn die
tionelle Kraftwerkspark Flaute länger dauert?
läuft dauerhaft – vergleich- Thess: Für solche Zeitspan-
bar mit der Dampfmaschine nen kommen aus heutiger
in einer Fabrikhalle der frü- Sicht nur synthetisch erzeug-
hen industriellen Revolution: te Brennstoffe infrage, etwa
Ihre Leistung musste nur Wasserstoff oder regenera-
dem schwankenden Energie- tiv hergestellte Kohlenwas-

JENS BÜTTNER / DPA


bedarf zwischen Tag- und serstoffe. Das ist noch eine
Nachtschicht angepasst relativ teure Methode, aber
werden. die einzige, die so große
SPIEGEL: Und heute müssen Energien auf ausreichend
die klassischen Kraftwerke Windpark in Mecklenburg-Vorpommern kleinem Raum bindet. CW

Kommentar

Lob der Langsamkeit


Die Niederländer führen Tempo 100 auf der Autobahn ein – und es gibt nur Gewinner.

Für Autofahrer in den Niederlanden beginnt im Jahr 2020 eine Klimagas Kohlendioxid. Die Reichweite von E-Autos steigt. Die
neue Zeitrechnung. Von da an gilt ein niedrigeres, aus deutscher Lärmbelastung für Anwohner sinkt. Der Stresslevel auf der
Sicht geradezu unfassbar niedriges, die Menschenwürde verlet- Straße nimmt ab. Trotzdem werden viele Fahrer früher zu Hause
zendes Tempolimit auf den Autobahnen. Statt wie bisher mit bis sein, denn der Verkehrsfluss wird sich spürbar verbessern. Lang-
zu 130 Kilometer pro Stunde dürfen die Niederländer tagsüber samere Autos brauchen weniger Sicherheitsabstand, es passen
nur noch mit 100 Stundenkilometern unterwegs sein. mehr von ihnen auf die vollen Straßen. Das einheitlichere Tem-
Mit einem Schlag verwandelt sich unser Nachbarland in eine po führt zudem dazu, dass weniger Überholvorgänge und
Teststrecke. Forscher erwarten folgende Konsequenzen: Zu Beginn Bremsmanöver nötig sind – und das wiederum reduziert die
könnte es mehr Unfälle geben, weil sich gelangweilte Autofahrer Zahl der nervtötenden Phantomstaus.
vermehrt nebenbei mit ihren Handys beschäftigen. Aber nach Alle fahren langsamer. Alle profitieren. Aber natürlich sind
der Anfangsphase, in der die Polizei das Tempolimit hart durch- nicht alle zufrieden. Auch in den Niederlanden wollen manche
setzen muss, könnten sich wahre Wunder ereignen. Fahrer auf der Straße vor allem ihre Freiheit ausleben. Diese
Es wird weniger Zusammenstöße und weniger Tote und Ver- Leute hat die Regierung in Den Haag jetzt auf eine Weise
letzte geben. Die Fahrer werden Geld sparen, weil ihre Autos düpiert, die in Deutschland nicht vorstellbar ist. Aber allzu
weniger Treibstoff verfeuern. Den Auspuffen entweichen weni- wütend sollten die Schnellfahrer nicht sein: Ihnen bleibt ja
ger gesundheitsschädliches Stickstoffdioxid und weniger vom immer noch die deutsche Autobahn. Marco Evers

105
Technik

Zurück in die Zukunft


Computer Die fortschreitende Digitalisierung verbraucht immer mehr Energie, sie wird
zu einer Belastung fürs Klima. Ein exzentrischer Informatiker im Hintertaunus
hortet altertümliche Rechenmaschinen – und sieht in ihnen die Lösung des Problems.

G
leich hinter Bernd Ulmanns Ein- Ulmann begeistert sich speziell für Ana- ker«, sagt Ulmann. »Das ist genau die Art,
gangstür steht ein Gammaspektro- logrechner. Sie arbeiten nicht, wie ihre wie ich denke.«
meter, groß wie ein Garderoben- digitalen Artgenossen, vorgefertigte Pro- Die große Zeit dieser Maschinen be-
schrank. Der Hausherr könnte gramme ab. Wer mit ihnen etwas anstel- gann nach dem Zweiten Weltkrieg; bis in
damit, wenn er wollte, radioaktive Abfälle len will, stöpselt einfach die eingebauten die Achtziger berechneten sie die Stoß-
analysieren. »Wer besäße nicht gern so Rechenbausteine – je nach Aufgabe – mit dämpfer von Autos, den Ablauf chemi-
ein Gerät?«, fragt Ulmann. »Ich habe zwei Kabeln zusammen. »Lego für Mathemati- scher Reaktionen oder die Fluglage von
Wochen Urlaub genommen, um es wieder
in Gang zu setzen.«
Das Gammaspektrometer ziert die Die-
le eines Einfamilienhauses in Bad Schwal-
bach-Hettenhain, einem entlegenen Ört-
chen in den Hügeln des Hintertaunus.
Ulmann, 49, ist hier aufgewachsen, ein
paar Schritte die Straße hinab; er will auch
nicht mehr weg. »Ich bin ein echtes Land-
ei«, verkündet er fröhlich.
Bernd Ulmann ist zudem ein geborener
Tüftler, und er hat eine große Idee. Mit
etwas Glück könnte seine Innovation um
die Welt gehen, vielleicht sogar eine neue
Industrie begründen.
Sie beruht auf Ulmanns Leidenschaft
für ausgediente Rechner. Überall im Haus,
sogar im Schlafzimmer und im Bad, stehen
gewichtige Kästen, aus denen bunte Kabel
quellen; Kolonnen von Schaltern und
Drehreglern warten auf Eingaben. An die
70 eiserne Veteranen hat Ulmann um sich
versammelt.
Er kann nicht Nein sagen. »Es bricht
mir das Herz, wenn so eine Maschine
verschrottet wird«, bekennt Ulmann. »Ich
gebe allen ein Heim.«
Seine Mitbewohner holt er sich von
Firmen oder Museen, die sie loswerden
wollen. Selbst ein kolossaler Rechen-
schrank der amerikanischen Firma EAI,
ein Pacer 700, Gesamtgewicht zweiein-
halb Tonnen, fand Unterschlupf. Für ihn
erweiterte Ulmann sein Haus um einen
Anbau. Ein Kran hievte den Rechner
vom Lieferwagen über die Hecke. »In den
Siebzigern half diese großartige Maschine,
die europäische Trägerrakete ›Ariane 1‹
zu entwickeln«, schwärmt ihr neuer Be-
sitzer, als wäre das Grund genug für den
Aufwand.
Im Hauptberuf ist Ulmann Informatik-
professor an einer privaten Hochschule in
Frankfurt. Ganz oben in seinem Leben
aber rangieren die geliebten Ungetüme –
»und dann kommt lange nichts«, sagt er.
»Mit Ausnahme meiner Frau natürlich, Erfinder Ulmann
die sich da nicht einreihen muss.«

106 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Raketen. Dann aber mussten sie fast über- Informatiker auf seine kühne Idee: Er Exzentriker aus dem Hintertaunus kennt
all dem modernen Digitalcomputer wei- will die analoge Rechentechnik so weit er schon länger. Fachleute haben ihm be-
chen. Er war vielseitiger und sprach auch schrumpfen, dass sie auf einen modernen stätigt, dass aus Ulmanns Plänen etwas
Anwender an, die am Kabelgestöpsel kei- Chip passt. So ein Bauteil könnte in werden könnte.
nen Gefallen fanden. jedem Computer den Verbrauch senken; Laguna will nun etliche Millionen Euro
Doch jetzt tut sich unverhofft ein neues im Smartphone würden die Akkus länger in das Projekt investieren. »Der Aufsichts-
Leben für die analoge Technik auf – die halten. rat muss noch zustimmen«, sagt er, »dann
Zeit der Museumsstücke ist womöglich Ulmann tüftelt bereits am Konzept. kann es losgehen.«
noch nicht vorbei. Denn da nun alle Welt Wenn es gelingt, hätte er seine geliebten Die Wiederkehr des Analogrechnens
immerzu Videos streamt und Datenmas- Analogrechner in die Zukunft gerettet: In käme, historisch gesehen, in letzter Minu-
sen in die Cloud auslagert, rechnen Exper- den winzigen Chips könnte zumindest ihr te. Die meisten Experten, die mit den aus-
ten mit einem stark ansteigenden Energie- mathematisches Substrat noch eine Weile gedienten Apparaten umgehen konnten,
verbrauch im digitalen Sektor. fortleben. sind inzwischen tot. Der einzige Mittler
Ulmanns Maschinen sind dagegen über- Einen Förderer hat der Mann schon ge- zwischen Vergangenheit und Zukunft ist
aus genügsam. Für manche Aufgaben kom- wonnen: den Leiter der neuen »Agentur Bernd Ulmann – und sein Leben lief schon
men sie im Vergleich mit einem Hunderts- für Sprunginnovation«, Rafael Laguna de früh auf diesen Angelpunkt hinaus.
tel oder gar einem Tausendstel der Energie la Vera. Im Auftrag der Bundesregierung »Mit sechs Jahren bekam ich meinen ers-
aus – und sie werden obendrein schneller sucht der Softwareunternehmer im ganzen ten Lötkolben«, sagt er. Damals schleppte
damit fertig. Dieser Vorzug brachte den Land nach umstürzlerischen Ideen. Den er vom nahen Schrottplatz unentwegt
kaputte Apparate nach Hause, um sie zu
reparieren. Als Teenager stieß er auf die
Analogrechner – und schloss sie sogleich
in sein Heimholungswerk ein. Die Eltern
sahen mit Sorge, wie sich ihr Haus mit
schrankgroßen Apparaten füllte, die der
Sohn diversen Unternehmen abgeschwatzt
hatte. »Am Ende«, sagt er, »musste ich
ausziehen.«
Nun lebt Ulmann mit seinen Maschi-
nen, wie er es immer wollte. »Sehen Sie
hier«, sagt er, »das ist ein nationales Kul-
turerbe.« Er deutet auf das Modell RA 1
der längst dahingeschiedenen Firma Tele-
funken; es ist der erste Analogrechner,
den sie nach dem Zweiten Weltkrieg ent-
wickelt hat. Ulmann besitzt den hand-
gelöteten Prototypen.
Um die Ecke steht, vom gleichen Her-
steller, das Modell RA 770. »Dieser Rech-
ner hat mal in Berlin den Leitstand eines
Atomreaktors simuliert«, erzählt Ulmann.
»Das Personal wurde daran geschult.« Mit
Schaltern konnten die Ausbilder Fehler-
szenarien abrufen, zum Beispiel den Aus-
fall einer Kühlmittelpumpe.
Sein Wohnhaus gilt als weltweit größtes
Museum für Analogrechner. Und der Haus-
herr begnügt sich nicht damit, seine Ma-
schinen würdig zu verwahren. »Die meis-
ten sind einschaltbereit«, sagt Ulmann.
Das bedeutet in der Regel strapaziöse
Vorarbeit. Manche Exponate kamen in
schauerlichem Zustand an: die Elektronik
defekt, die Kabelstränge von
Energiehunger Nagetieren abgefressen. Die
Anteil digitaler Technik Wiedererweckung des Modells
am weltweiten Energie- RA 770 begann damit, dass Ul-
verbrauch mann tagelang Sedimente von
Mäusekot aus den Innereien
Quelle: The
5,2% kratzte.
Shift Project
Ersatzteile sind meist schwer
zu beschaffen. Wo bekommt
2,7% man heute 250 verschollene
Elektronenröhren her? Passen-
Prognose* de Trafos, die es nicht mehr
2017 2025 zu kaufen gibt, muss Ulmann
* mittlere Annahmen für weiteres eigens wickeln lassen. Dann
Wachstum und gesteigerte
Energieeffizienz
Fotos: Tim Wegner für den SPIEGEL 107
Technik

folgen nicht selten Monate des Lötens und Das geht, weil der Chip in einem ge-
der Fehlersuche, Urlaube inbegriffen. wöhnlichen Digitalcomputer steckt. Er
»Meine Frau und ich«, sagt Ulmann, »wir hilft dort nur mit, quasi als analoger Assis-
hassen Verreisen, das trifft sich ausgezeich- tent. Bei allen Aufgaben, die er unschlag-
net.« Als er mit dem Restaurieren mal bar schnell und sparsam bewältigen kann,
nicht mehr hinterherkam, genehmigte er springt er automatisch ein. Der Nutzer
sich ein ganzjähriges Sabbatical: »Es wur- bekommt davon nichts mit.
de eines meiner besten Jahre.« Die Spracherkennung wäre für Ulmann
Ulmanns Frau Rikka, eine studierte In- so ein Fall, wie geschaffen für den Ana-
formatikerin, lebt zwei Häuser weiter. Sie logchip – und überhaupt vieles, was mit
hält die Zumutungen des Alltags vom Gat- künstlicher Intelligenz zu tun hat. In der
ten fern: kochen, waschen, Finanzen. »Ich KI-Forschung stellt sich das Problem des
weiß nicht einmal meine Kontonummer«, wachsenden Energiehungers besonders
sagt er. »Meine Frau macht das alles gern. drastisch. Das Training der neuronalen
Wir leben in idealer Symbiose.« Netze erfordert gewaltige Datenmengen
Ulmann hat die Frohnatur eines Glücks- und millionenfaches Durchspielen. Auch
kinds, dem sich alles fügt – so wie in die danach gehen die Systeme ziemlich ver-
Maschine, die er gerettet hat, am Ende wie- schwenderisch um mit dem Strom.
der das elektrische Leben zurückkehrt: Der niederländische KI-Forscher Max
Der Strom fährt in die kalten Schaltkreise, Welling warnt schon vor dem Grenzfall,
und das eben noch erloschene Objekt be- an dem sich der Einsatz nicht mehr lohnt:
ginnt, traulich zu summen. Was nützt es, die Leute im Internet mit
Es ist die analoge Art des Rechnens, die smarten Kaufvorschlägen zu umgarnen,
den Sammler bezaubert. Der digitale Com- wenn deren Errechnen mehr kostet, als
puter ist ihm fremd. Der will mit Program- mit aller Verführungskunst zu gewinnen
men gefüttert werden, die er durchgeht, ist? Welling glaubt, dass es an der Zeit sei
Schrittchen für Schrittchen. Der Analog- umzudenken: Künftig müsse Intelligenz
rechner dagegen braucht keine einzige Zei- pro Joule als Maß der Effizienz gelten.
le Code. Er besteht aus Rechenbausteinen, Analogchips sind hier deutlich im Vor-
die der Anwender mit Kabeln sinnreich teil. Auch in ihrer Arbeitsweise kommen
verbindet. Mit Drehreglern stellt er die sie den Neuronen näher als die digitale
gewünschten Werte ein. Konkurrenz. Das europäische »Human
Auf diese Weise könnte zum Beispiel Brain Project« entwickelte deshalb ein
eine Schaltung entstehen, deren Elektro- spezielles Modul für seine aufwendige
nik sich genauso verhält wie der Stoß- Analogrechner in Ulmann-Museum Hirnsimulation.
dämpfer eines Autos. Sie erlaubt es dann, Viel Intelligenz pro Joule Auch anderswo wird schon an analoger
dessen Verhalten auf rumpeligen Straßen Hardware gearbeitet. Unter dem Schlag-
zu simulieren. etwa war dann jeweils abzulesen, wie der wort »Neuromorphic Computing« ist ein
Analogrechner funktionieren wie Mo- Pegel stieg oder fiel. kleiner Forschungszweig entstanden. Es
delle der Realität. Wer die passenden Früher gab es auch Analogrechner, die geht da vor allem um schnelle, sparsame
Gleichungen zusammenstöpselt, kann mit Zahnradgetrieben oder Druckluft funk- Schaltkreise für die KI. Einen Allzweck-
damit alles Mögliche nachbilden: die Aus- tionierten. Mit der Zeit aber setzten sich chip, wie Ulmann ihn bauen will, gibt es
schläge von Aktienkursen auf dem Fi- die elektronischen Schaltelemente durch. noch nicht.
nanzmarkt, das Wachstum von Bakterien- Ein Vorzug war allen Gattungen gemein- Der Erfinder wartet jetzt auf den Be-
kulturen oder die Biegungen eines Schilf- sam: Die Nutzer konnten beim Herum- scheid von der Agentur für Sprunginnova-
rohrs im Wind. spielen mit den Reglern sofort sehen, wie tion. Dort stehen für die ersten drei Jahre
Analogrechner sind ideal für alles, was sich verschiedene Rechenwerte auswirk- 150 Millionen Euro bereit; danach soll der
sich stetig verändert. Sie stehen darin der ten – die Maschinen luden zum Experi- Etat aufgestockt werden. Mit dem Geld
Natur nahe, die auch keine Abfolgen se- mentieren ein. will ihr Leiter Laguna »jedes Jahr drei bis
parater Einzelschritte kennt, sondern Die analoge Technik hat aber auch fünf Projekte anschieben«. Ulmann steht
Übergänge, Wandel, Wachstum. »Unsere Nachteile. So sind solche Rechner Spezia- auf seiner Liste ganz vorn.
Welt ist analog«, sagt Ulmann. listen für bestimmte Gleichungen; man Es gibt viel zu tun. Neben dem Chip
Besonders schön zeigt sich das analoge kann mit ihnen weder Texte bearbeiten selbst braucht es noch die Software, die
Prinzip in einem Automaten, der im Lon- noch Videos gucken. Außerdem wuchsen ihn steuert – alles nicht einfach. »Das Un-
doner Science Museum steht. Er rechnet die Apparate mit ihren Aufgaben: Für ternehmen kann auch scheitern«, sagt La-
anstelle von elektrischem Strom mit Was- komplexe Anwendungen benötigte man guna. Aber mit einem gewissen Risiko
ser. Der Ökonom Bill Phillips hatte ihn saalfüllende Schrankwände mit zahllosen müsse die Agentur leben. Wenn es nach
1949 einer staunenden Fachwelt präsen- Schaltmodulen. ihm geht, wird als Erstes eine gemeinsame
tiert. Sein Geschöpf, genannt Moniac, »Die Zeiten dieser Rechner sind unwi- Tochterfirma gegründet.
spielte den Wirtschaftskreislauf eines Lan- derruflich vorbei«, räumt Ulmann ein. Sei- Ulmann weiß, dass ihm der Erfolg kei-
des nach: Gefärbtes Wasser wurde durch nem analogen Chip jedoch traut er eine neswegs garantiert ist. Im Kopf hat er
ein System durchsichtiger Tanks und Röh- große Zukunft zu. Das winzige Bauteil soll einen Plan, der halbwegs funktionieren
ren gepumpt. Über Ventile und Schalt- alle Module eines Riesenrechners enthal- sollte. »Aber das alles im Detail um-
hebel ließen sich hie und da die Geldflüsse ten – aber die Mühsal des Verkabelns ent- zusetzen ist grausam schwer«, sagt er mit
regeln. So konnten Forscher probeweise fällt. Stattdessen lassen sich die Module dem seligen Lächeln eines Mannes, der
die Steuern erhöhen oder die Wechselkur- auf dem Chip je nach Bedarf per Software sich genau darauf freut. Manfred Dworschak
se ändern – und am Tank der Spareinlagen zusammenschalten.

108 DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019


Meine Enkel werden mal über
hundert. Da sollte Liebeskummer
ihr einziges Herzproblem sein.
Alexander entwirft mit Computeralgorithmen Wirkstoffe für Medikamente.

# voranbringen
Wissenschaft

»Das bringt mich um«


Ernährung Der US-Reporter Tommy Tomlinson wog lange mehr als 200 Kilogramm.
Seit Jahrzehnten ringt er mit seinem Gewicht, es gibt kaum
eine Diät, die er nicht schon ausprobiert hätte. Warum es so schwer ist abzunehmen.

E
s gebe ihn, den einen mensch- in seinem Leben froh. Nur nicht über sein von Diäten und Fressräuschen*. Von Haut-
lichen Makel, die Schwäche, die Gewicht. lappen, die von seinen Armen baumeln
man vor niemandem verstecken Er sagt, er könne sich an keinen Tag er- und wie seine Unterschenkel die Farbe
könne, sagt Tommy Tomlinson: innern, an dem er sich in seinem Körper von Rost angenommen haben, weil die
»Fett sein«. Ein Spielsüchtiger könne durch wohlgefühlt hätte. Er weiß, dass es viele Muskeln in seinen Beinen nicht stark ge-
die Straßen schlendern, ein Liedchen pfei- Menschen gibt, die mit ein paar Kilo mehr nug sind, das Blut wieder gen Herz zu
fen. Keiner wisse um sein Laster. Auch ein auf der Waage zufrieden sind und die da- pumpen. Und die Klappen seiner Venen
Alkoholiker könne seine Sucht verbergen; für kämpfen, dass die Gesellschaft endlich zu schwach, um es am Zurückfließen zu
niemand müsse erfahren, wie er sein Zit- akzeptiert, dass nicht jeder Modelmaße hindern.
tern betäubt. besitzen muss. Aber bei ihm, erzählt er, Er schreibt von seiner Angst, in der
»Aber wenn du fett bist«, sagt Tomlin- sei es nie nur um ein paar Kilo mehr ge- U-Bahn zu stürzen und jemanden zu
son, »dann sieht dir das jeder an. Dann gangen. Sondern um so viele, dass er erdrücken, und dass er vor jedem Restau-
weiß jeder, was dein Problem ist. Dein Angst hat, daran zu sterben. rantbesuch googelt, ob die Stühle stabil
Scheitern.« Tomlinson ist ein schwerer Mann in genug sind.
Tomlinson wartet in einer französischen einem Land, in dem mehr als ein Drittel Es gibt kaum eine Diät, die Tomlinson
Bäckerei am Stadtrand von Charlotte, der Männer und Frauen krankhaft fettlei- nicht schon ausprobiert hätte. Einige klin-
North Carolina. Er trägt ein blau gestreif- big ist. So dick, dass sie darüber Gefahr gen wie schöne Urlaubsziele: »South
tes Hemd und dunkle Jeans. In der Aus- laufen, Diabetes und Herzkrankheiten zu Beach« oder »Mittelmeer«. Mal aß er we-
lage vor ihm liegen buttrige Eclairs, Maca- bekommen. nig Fett oder Kohlenhydrate. Mal viel
rons aus zartem Mandelteig. Das extreme Übergewicht – die Eiweiß, Früchte oder Ballaststoffe. Es gab
Wenn Tomlinson in der Öffentlichkeit Adipositas – greift in allen Industrielän- Zeiten, da mied Tomlinson Eier, weil sie
isst, versucht er, sich zurückzunehmen, auf dern um sich. In Deutschland sind 18 Pro- als schädlich galten. Dann wieder aß er
keinen Fall Gier erkennen zu lassen. Weil zent der Bevölkerung fettleibig, Männer viel davon – weil man sie zum Abnehmen
er Angst davor hat, was die Leute denken, wie Frauen gleichermaßen. Allein zwi- empfahl.
wenn sie ihn in einem Café, Restaurant schen 1999 und 2017 nahm der Anteil Alle paar Jahre wird ihm eine neue Diät,
oder Fast-Food-Laden sehen. Was, glaubt adipöser Männer und Frauen um 40 Pro- ein neues Heilsversprechen vorgesetzt.
er, denken sie? »Iss nicht so viel. Beweg zent zu. Für Tomlinson enden diese Versprechen
dich mehr«, sagt Tomlinson. Gleich ist es Die Fettleibigkeit kostet Leben. Mehr aber meist mit Junkfood und Seelenqual.
an ihm, dem Mann hinterm Tresen seine als 90 Millionen Menschen werden nach Den Kampf gegen seinen Körper kämpft
Bestellung aufzugeben. Schätzung der Organisation für wirtschaft- er schon ewig.
Tomlinson ist 55 Jahre alt, er wiegt 163 liche Zusammenarbeit und Entwicklung Warum ist es so schwer abzunehmen?
Kilogramm. Dass er das weiß, ist schon in den nächsten drei Jahrzehnten daran Ist die Industrie schuld, die das Essen mit
eine Art Erfolg. Vor ein paar Jahren, als sterben. Ihre Lebenserwartung sinkt dabei Fett, Zucker, Salz oder Ersatzstoffen spickt
der Zeiger der Waage über die 180 schnell- im Schnitt um fast drei Jahre. Tomlinsons und damit so unwiderstehlich macht, dass
te und nicht mehr weiterkam, hat er auf- Sorgen sind berechtigt: Wer krankhaft dick man kaum mitbekommt, wie viele Kalo-
gehört, sich daraufzustellen. Sein letzter ist, sieht einem früheren Ende entgegen. rien man verschlingt? Oder ist, wer dick
Stand damals: 209 Kilogramm – nur Ärzte Tomlinson hat ein Buch über sein Leben ist, einfach selbst schuld?
und Krankhäuser haben solche Waagen. mit den Pfunden geschrieben. In »The Tommy Tomlinson ist so oft an sich

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Das war in einer Zeit, in der er manch- Elephant in the Room« berichtet er selbst gescheitert, dass er sich mehr als ein-
mal, wenn seine Frau nicht zu Hause mal fragte: Warum kann ich nicht aufhö-
war, morgens, mittags und abends losfuhr, ren zu essen? Was stimmt nicht mit mir?
um Fast Food zu holen. Er hat dann Bur- Nach vier Jahrzehnten voller Nieder-
ger oder Sandwiches in der Küche ver- lagen ist er nun endlich dabei, den Kampf
schlungen und die Verpackungen so tief zu gewinnen. Er hat in den vergangenen
im Müll versteckt, dass seine Frau sie nicht Jahren rund 50 Kilogramm abgenommen.
finden konnte. Er hat sich danach wie ein Wer ihn anschaut, sieht immer noch
Verbrecher gefühlt. Wie ein Junkie. einen dicken Mann. Trotzdem ist Tomlin-
Tomlinson lebt in einem Haus am Stadt- son stolz. Er schafft es, sein Gewicht lang-
rand von Charlotte und ist seit vielen Jah- sam zu senken. Was hat sich nach all den
ren glücklich verheiratet. In seinem Vor- Jahren für ihn geändert?
garten stehen eine Futterstelle für Vögel Quelle: RKI In der Bäckerei ist Tomlinson jetzt an
und ein kleiner, hölzerner Verschlag, in der Reihe. Er bestellt einen Muffin und
dem seine Frau und er mit den Nachbarn Prozent der erwachsenen Deutschen
Bücher tauschen. Seinen Job, im Radio
über die Kultur der Südstaaten zu berich- sind stark übergewichtig * Tommy Tomlinson: »The Elephant in the Room. One
Fat Man’s Quest to Get Smaller in a Growing America«.
ten, liebt er. Tomlinson ist über fast alles (adipös, Body-Mass-Index ab 30). Simon & Schuster; 244 Seiten.

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ELI WARREN / DER SPIEGEL
Autor Tomlinson: »Das Fleisch, die Soße, der perfekte Bissen!«

Kaffee. Dann trägt er beides zu einem klei- Kinder, die ihn hänselten, »Fatty, Fatty!« In zahlreichen Studien hat der Forscher
nen Tisch. Zu seinem ersten Diabetologen hat ihn die erkundet, wie sich der Leib wehrt, wenn
Tomlinson ist im Bundesstaat Georgia Mutter mit zwölf geschleppt. man ihm Kalorien entzieht. Und wie die
aufgewachsen, als Sohn einfacher Arbeiter. Heute traut er sich nicht, auf weite Rei- Qualität unseres Essens das Gewicht be-
Er erzählt von einer glücklichen Kindheit. sen zu gehen oder in einem Vergnügungs- einflussen kann.
»Wir waren nicht reich«, sagt Tomlinson, park Karussell zu fahren. Er bucht nie 2004 strahlte der amerikanische Sender
»aber wenn wir am Tisch saßen, waren wir spontan einen Flug, weil er Sorge hat, sei- NBC erstmals die Sendung »Biggest Lo-
es eben doch.« Er erinnert sich an frittierte ne Sitznachbarn zu verärgern. Er hat des- ser« aus. Ein gutes Dutzend adipöser
Hühnerschenkel, Schweinekoteletts, Mais- wegen schon Geschichten verpasst, über Kandidaten wird über Wochen und vor
brot mit Butter, gefüllte Eier. Die leckere, die er als Reporter gern berichtet hätte. laufender Kamera animiert, möglichst
gehaltvolle Küche der Südstaaten. Sein Gewicht, sagt er, sei »mit dem Leben, viele Kilo zu verlieren. Es wird viel ge-
»Essen«, sagt Tomlinson, »ist eine der das ich gern führen würde, nicht mehr ver- rannt, geschnauft, gewogen und geweint.
großen Freuden des Lebens.« Für ihn be- einbar«. Essen bedeutet für Tomlinson des- Eine Radikalkur – was passiert da physio-
deutet es Liebe, Geborgenheit, Gemein- halb auch: Scham, Scheitern, Selbsthass – logisch?
schaft. Das Essen hat ihm aber auch viel der Kampf gegen seinen Körper ist hart. Hall lud 14 der Kandidaten 2009 in sein
im Leben verwehrt: Er hat nie gelernt, Rad Der Ernährungswissenschaftler Kevin Labor nach Maryland. Er untersuchte sie
zu fahren oder zu schwimmen, wurde im Hall forscht an den National Institutes of vor und nach der Show. Den Gewinner,
Sportunterricht immer als Letzter ins Health im US-Bundesstaat Maryland, er Danny Cahill aus Oklahoma zum Beispiel,
Team gewählt. gilt als einer der führenden Experten auf der mit 195 Kilo gestartet war und in sie-
Da gab es die Tante, die ihm bei jedem seinem Gebiet. Hall beschäftigt sich mit ben Monaten 108 Kilogramm verlor.
Besuch zurief: »Du bist ja immer noch der Frage, wie Nahrungsmittel und Diäten Sechs Jahre später bat Hall seine Pro-
nicht dünner geworden!« Da waren die unseren Körper beeinflussen. banden wieder nach Maryland. Von den

DER SPIEGEL Nr. 47 / 16. 11. 2019 111


Dazu nahm Hall 20 Probanden vier Wo-
chen lang in seine Klinik auf und ließ sie
dort ausschließlich von ihm und seinem
Team zubereitete Mahlzeiten essen. So
konnte Hall jeden Krümel Nahrung kon-
trollieren, den sie zu sich nahmen.
Zwei Wochen servierte sein Team den
Probanden Essen, das aus stark verarbeite-
ten Lebensmitteln bestand – Fast Food in
allen möglichen Varianten. Wiederum zwei
Wochen lang gab es frisch zubereitete Kost.
Der Clou: Beide Varianten wurden auf
die Anzahl von Kalorien und den Gehalt
von Salz, Fett, Zucker und Ballaststoffen
angeglichen. »So, dass man hinterher nicht
sagen kann: Es war das viele Fett oder der
Zucker in den verarbeiteten Lebens-
mitteln«, erklärt Hall.
Die Probanden durften so viel essen, wie
sie wollten. Und, danach gefragt, gaben sie
an: Es schmeckten ihnen beide Varianten

CHRIS HASTON / NBCU / GETTY IMAGES


tatsächlich gleich gut. Niemand aß weniger
von dem selbst gekochten Essen, weil er
es nicht mochte.
In den zwei Wochen der Fertigmahl-
zeiten nahmen die Probanden im Schnitt
ein Kilogramm zu. Mit dem frischen Essen
nahmen sie dagegen ein Kilo ab. Und das,
obwohl es die gleichen Mengen an Fett
Szene aus US-TV-Show »Biggest Loser« 2009: Fünf Kandidaten wogen später sogar mehr oder Zucker enthielt. Woher kam der Un-
terschied?
Zum einen wurde von den Industrie-
14 Kandidaten hatten die meisten wieder 2016 sah Hall in einer Studie, dass Pro- produkten schlicht mehr gegessen, im
stark zugenommen – bei Cahill waren es banden, die abnahmen, ein stärkeres Be- Schnitt 500 Kilokalorien mehr am Tag.
mehr als 45 Kilogramm. Fünf Kandidaten dürfnis hatten zu essen. Pro Kilogramm, Außerdem wurden die Fertigmahlzeiten
wogen genauso viel oder sogar mehr als das sie verloren, waren es im Schnitt rund auch deutlich schneller verspeist.
zuvor. hundert Kilokalorien, die sie täglich mehr »Stark verarbeitete Lebensmittel sind
Bei allen zeigte sich: Nachdem sie so zu sich nahmen als vorher. weicher, besser zu kauen und herunterzu-
viel Gewicht verloren hatten, verlangsam- Ein langsamerer Stoffwechsel und grö- schlucken«, sagt Hall. »Wenn wir essen,
te sich ihr Stoffwechsel, ihr Grundumsatz ßerer Hunger: Beides sind schon beinahe dauert es ungefähr 20 Minuten, bis der
war gesunken. Der bezeichnet die Menge unüberwindbare Gegner. Aber es gibt Darm Hormone freisetzt, die dem Gehirn
an Kalorien, die der Körper verbraucht, noch das Essen selbst. Was daran macht mitteilen, dass wir satt werden.« Der Ap-
um den Organismus am Laufen zu halten. dick? Das Fett? Der Zucker? Wie stark es petit wird dann kleiner.
So verbrennt ein 50-jähriger Mann, der von der Industrie verarbeitet wurde? Vermutlich aßen die Probanden so
1,80 Meter groß ist, 90 Kilogramm wiegt Kevin Hall wollte dieser letzten Frage schnell, dass sich das Gefühl, satt zu sein,
und kaum Sport treibt, am Tag etwa 1800 nachgehen. Er konzipierte eine Studie, zwar einstellte, aber erst, nachdem sie
Kilokalorien. die weltweit erstmals unter kontrol- schon wesentlich mehr Kalorien zu sich
Bekommt der Körper durch schnelles lierten Bedingungen den Effekt messen genommen hatten, als dafür nötig gewesen
Abnehmen das Signal, dass er Energie sollte, den der Grad der Verarbeitung wäre. Hall will diese Effekte nun in weite-

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verliert, schaltet er auf Sparflamme und von Lebensmitteln auf das Körpergewicht ren Studien untersuchen.
verlangsamt den Stoffwechsel. So stellt er hat. Im Café in Charlotte berichtet Tomlinson
sicher, dass die wichtigsten Körperfunktio- von seinem Lieblings-Fast-Food. Er strahlt,
nen aufrechterhalten werden. als er von der Freude erzählt, in einen
Wer sein neues Gewicht halten oder