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Anton Pannekoek – Der neue Blanquismus (1920)

Wenn die materiellen Verhältnisse zu einer Revolution treiben, aber die Massen noch
passiv und nicht zur Revolution geneigt sind, dann entstehen die Lehren, die das Ziel
auf anderem Wege als dem der politischen Revolution des Proletariats erreichen
wollen. So in Frankreich vor 1870, wo die beiden Richtungen, die entgegengesetzter
Weise die ersten Keime einer künftigen Bewegung zu einer Theorie ausarbeiteten, an
die Namen Proudhon und Blanqui anknüpften. Auf Proudhon, den kleinbürgerlichen
Kritiker des Großkapitals, beriefen sich diejenigen Teile der emporkommenden
Arbeiterbewegung, die in friedlichem Aufbau des Genossenschaftswesens den
Kapitalismus untergraben wollten; sie fühlten instinktiv, dass die Macht der neuen
Klasse in irgendeinem wirtschaftlichen Aufbau neuer Fundamente liegen müsse,
nicht in äußerlichen politischen Putschen. Auf Blanqui, den unerschrockenen
revolutionären Verschwörer, beriefen sich diejenigen Teile des Proletariats, die
fühlten, dass Eroberung der politischen Gewalt nötig sei; und wenn die ganze Klasse
noch gleich gültig ist, müsse das durch eine entschlossene Minorität geschehen, die
durch ihre Einsicht und Aktivität die Masse mitreißen und durch strenge
Zentralisation die Macht in den Händen behalten könnte. Beide Richtungen
wurzelten in der Tradition früherer Bewegungen und waren deshalb kleinbürgerlich,
weil sie noch keine Ahnung der breiten Kraft des entfalteten proletarischen
Klassenkampfes hatten, der in der marxistischen Lehre seinen Ausdruck fand.

Es ist nur allzu begreiflich, dass ähnliche Lehren auch jetzt wieder auftreten,
selbstverständlich in viel höherer, entwickelterer Gestalt, auf der Grundlage alles
dessen, was als marxistische Lehre des Klassenkampfes seitdem zum Gemeingut aller
proletarischen Kämpfer geworden ist, also als verschiedene Schattierungen dieser
Lehre. Die Überzeugung, dass das Proletariat sich wirtschaftliche Macht aufbauen
muss durch Beherrschung des Produktionsprozesses, durch Betriebsräte, und dass
darauf alle Gewaltpolitik der Noskeleute abprallen muss, kann zu einem
Neuproudhonismus führen, wenn man glaubt, dieses Mittel genüge, um durch seine
eigene Wunderkraft die Gesellschaft ohne weitere revolutionäre Kämpfe des
Proletariats in die kommunistische Ordnung überzuführen. Und andererseits tritt
eine neublanquistische Tendenz hervor in der Auffassung, eine revolutionäre
Minorität könne die politische Gewalt erobern und in der Hand behalten, und dies sei
die Eroberung der Herrschaft durch das Proletariat. Diese Tendenz tritt hervor in
Struthahns Schrift über die Diktatur der Arbeiterklasse und der kommunistischen
Partei.

Er redet dort von der Diktatur der Arbeiterklasse: »Was bedeutet das? Nun vorerst,
dass sie die Interessen der Arbeiterklasse an die erste Stelle setzt und sich nur von
ihnen leiten lässt. Zweitens, dass sie nur durch Arbeiterorganisationen durchgeführt
werden kann.« Mit anderen Worten: »Diktatur der Arbeiterklasse« bedeutet nicht
die Diktatur der Arbeiterklasse, sondern etwas anderes. Sie ist nicht die Diktatur der
Klasse, sondern die Diktatur bestimmter Gruppen, und sie nennt sich proletarische
Diktatur, weil sie von einer Arbeiterorganisation ausgeübt wird (auch die SPD ist eine
Arbeiterorganisation) und die Arbeiterinteressen an die erste Stelle setzt (das
behaupten ja viele Sozialverräter von sich). Was hier vertreten wird, ist die Diktatur
der Kommunistischen Partei, die Diktatur der entschlossenen revolutionären
Minorität. Allerdings werden dann viele Restriktionen gemacht; die vielfach
vortrefflichen Ausführungen über die Rolle der Kommunistischen Partei in der
Revolution zeigen, dass hier ein kluger Politiker am Worte ist, der nicht blindlings
drauflos putschen will und aus der russischen Revolution gelernt hat. Aber um so
mehr muss sein theoretisches Prinzip hervorgehoben werden. Und in weiterer
Konsequenz dieser Lehre ist es wieder nicht die ganze Kommunistische Partei,
sondern ihre Zentrale, die diese Diktatur ausübt, zuerst innerhalb der Partei selbst,
wo sie aus eigener Machtvollkommenheit Personen ausschließt und eine Opposition
mit schäbigen Mitteln hinauswirft. Auch in dem, was Struthahn darüber sagt, liegt an
sich viel Wertvolles; aber die stolzen Worte über die Zentralisierung der
revolutionären Kraft in den Händen altbewährter Vorkämpfer würden mehr
Eindruck machen, wenn man nicht wüsste, dass sie zur Verteidigung einer kleinen
opportunistischen Politik der Mogelei mit den Unabhängigen und der Sehnsucht
nach der Parlamentstribüne dienen solle.

Die Berufung auf Russland, wo die kommunistische Regierung nicht einfach


zurücktrat, als große Arbeitermassen sich mutlos von ihr abwandten, sondern straff
ihre Diktatur ausübte und die Revolution mit aller Macht verteidigte, passt hier nicht.
Es galt da nicht die Eroberung der Gewalt; die Würfel waren gefallen, die
proletarische Diktatur verfügte über alle Machtmittel und konnte sie nicht aus der
Hand geben. Das wirkliche russische Beispiel findet man in den Tagen vor November
1917. Dort hatte die Kommunistische Partei nie erklärt oder geglaubt, sie solle die
Macht ergreifen und ihre Diktatur sei die Diktatur der arbeitenden Massen. Sie
erklärte immer, die Sowjets, die Vertreter der Massen, sollten die Macht ergreifen; sie
selbst stellte das Programm auf, kämpfte dafür, und als schließlich die Mehrheit der
Sowjets die Richtigkeit dieses Programms erkannte, nahm sie die Herrschaft in die
Hände, wobei von selbst die Kommunisten ihre ausführenden Organe, die KP die
machtvolle Stütze war, auf deren Schultern die ganze Arbeit lastete.

Wir sind keine Fanatiker der Demokratie, wir haben keinen abergläubischen Respekt
vor Mehrheitsbeschlüssen und huldigen nicht dem Glauben, alles was sie mache, sei
gut und müsse geschehen. Entscheidend ist die Tat, machtvoll ist die Aktivität über
die massenhafte Trägheit. Wo die Macht als Faktor auftritt wollen wir sie benutzen
und verwenden. Wenn wir trotzdem die Lehre der revolutionären Minorität
entschieden ablehnen, so aus dem Grunde, dass sie nur zu Scheinmacht, zu
Scheinsiegen und damit zu schlimmen Niederlagen führen muss. Sie wäre anwendbar
in einem Lande, wo die Masse ihrer Art nach gleichgültig ist, z. B. eine Bauernmasse
ist, die nichts sieht als ihr Dorf und der Landespolitik teilnahmslos gegenübersteht;
da könnte eine aktive proletarische Minorität der Bevölkerung die Staatsmacht
erobern. Wenn aber in Russland diese Taktik nie versucht oder empfohlen wurde,
muss es um so mehr Wunder nehmen, wenn sie für westeuropäische Länder
empfohlen wird, wo die Verhältnisse soviel anders liegen.

Mit Recht wird so oft hervorgehoben, dass die Revolution in Westeuropa viel
langsamer und schwieriger gehen wird, weil die Bourgeoisie so viel mächtiger ist als
in Russland. Aber worin besteht diese Macht? In der Verfügung über den
Staatsapparat? Sie war schon einmal verloren. In der Anzahl? Ihr steht eine enorme
Arbeiterzahl gegenüber. In der Kommandogewalt über die Produktion? In der
Geldmacht? In Deutschland bedeuten diese kaum noch viel. Die Wurzeln der
Kapitalmacht liegen viel tiefer. Sie liegen in der Herrschaft der bürgerlichen Kultur
über das ganze Volk, auch über das Proletariat. Während einer jahrhundertelange
bürgerlichen Periode hat das bürgerliche Geistesleben die ganze Gesellschaft
durchtränkt, eine geistige Organisation und Disziplin geschaffen, die durch Tausende
von Kanälen in die Massen dringt und sie beherrscht. Durch einen langen zähen
Kampf muss dies allmählich aus dem Proletariat ausetrieben werden. Zuerst die
liberale und christliche Ideologie, die durch sozialdemokratische Aufklärung
bekämpft wurde. Aber gerade die Sozialdemokratie zeigt, wie tief und verschlungen
die geistige Beherrschung der Massen durch das Kapital ist: Sie schien die Massen
geistig zu befreien und auf eine neue proletarische Weltanschauung zu vereinigen,
und nun zeigt sich, dass diese selbstgeschaffene Organisation zu einem Teil der
bürgerlichen Weit geworden ist und die Revolution der Massen verhindert. So sind
die Widerstände, die das Proletariat der alten bürgerlichen Länder in sich selbst
überwinden muss, unendlich viel größer als in den neuen Ländern Osteuropas, wo
jede bürgerliche Kultur fehlte und eine kommunistische Tradition die Revolution
begünstigte. Tief liegt in den Massen der Respekt für die bürgerliche Rechtsordnung,
sichtbar in der Furcht vor dem Geschrei des Terrorismus, in dem Glauben an alle
Lügen, in der Zaghaftigkeit der eigenen Maßnahmen. Tief steckt in ihnen die
bürgerliche Ethik, die sich durch schöne Redensarten verwirren, durch Heuchelei
irreführen, durch schlauen Betrug überlisten lässt. Tief steckt ihnen der alte
bürgerliche Individualismus im Blute, der heute glaubt, mit einem Ansturm alles
gewinnen zu können und morgen vor der Größe der Aufgabe zurückschreckt.

Das bedeutet nicht, dass der Sieg hier nicht möglich ist: Das Proletariat hat auch
gewaltige Hilfsquellen, die zu entwickeln sind; die Umwälzung wird hier viel riesiger
sein. Es bedeutet auch nicht, dass eine revolutionäre Machtergreifung auf eine ferne
Zukunft aufgeschoben werden muss: Die Verhältnisse können die Massen zwingen,
auf einmal sowieso die Macht in die Hände zu nehmen, trotz aller geistigen
Hemmnisse, die dann erst nachher im weiteren Kampfprozess überwunden werden.
Aber es bedeutet, dass die Revolution durch eine entschlossene Minorität nicht
möglich ist. Denn es macht alles, was nicht aktiv für die Revolution ist, zu einer
feindlichen Macht in den Händen der Bourgeoisie.

In diesem gesellschaftlichen Milieu steht die revolutionäre Partei nicht inmitten einer
Masse, die gleichgültig zuschaut – das scheint nur so; alles was sich scheinbar
teilnahmslos zur kommunistischen Propaganda verhält, ist durch die Macht der
bürgerlich-kapitalistischen Ideologie fähig, sofort zu einem Werkzeug der
Konterrevolution zu werden. Während ein Teil des Proletariats, auf den man
rechnete, bei entscheidenden Kämpfen, durch die alte Ideologie lahmgelegt, passiv,
schwankend gemacht wird, werden die rückständigeren Teile, deren Passivität man
erwartet, zu einer aktiven Hilfstruppe der Bourgeoisie. Die Geschichte der
Münchener Räterepublik ist reich an Beispielen für alle diese verschiedenen
Tendenzen.

Für die kapitalistischen Länder mit einer geistig mächtigen Bourgeoisie, namentlich
solche mit einer alten bürgerlichen Kultur, ist daher jede Abweichung in der Richtung
einer blanquistischen Taktik unmöglich und verwerflich. Die Lehre von der
revolutionären Minorität, von der kommunistischen Parteidiktatur bedeutet hier eine
Unterschätzung der Macht des Feindes, eine Unterschätzung der notwendigen
Propagandaarbeit, die zu den schwersten Rückschlägen führen muss. Die Revolution
kann nur aus den Massen kommen, nur von den Massen durchgeführt werden. Sollte
die Kommunistische Partei diese einfache Wahrheit vergessen und mit den
ungenügenden Kräften einer revolutionären Minorität tun wollen, was nur die Klasse
tun kann, so wäre eine Niederlage die Folge, die unter den schwersten Opfern die
Weltrevolution auf lange Zeit zurückwerfen würde.

Der Kommunist, Bremen, 1920, no. 27.