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Dieser Artikel wurde ursprünglich in Lacan Quotidien in der Ausgabe vom 26.

Jänner 2014
veröffentlicht (Nr. 371, S. 1-6).

Rassismus 2.0
Éric Laurent

Die aktuellen Diskussionen über das Verbot von Dieudonné’s Show produzieren ein sehr zeitgemäßes
Echo dessen, was Lacan im Zusammenhang mit der Funktion der Psychoanalyse in der Zivilisation
vorhersagte1. Die Schlussworte des Seminars XIX im Juni 1972 waren auf das ausgerichtet, was noch
vor uns liegt. Lacan zufolge stand der Austritt aus der patriarchalischen Zivilisation der vergangenen
Zeiten nun außer Zweifel. In der Zeit nach 1968 wurde vom Ende der väterlichen Macht und vom
Beginn einer neuen Gesellschaft von Brüdern gesprochen, begleitet vom unbekümmerten
Hedonismus einer neuen Religion des Körpers. Lacan spielte den Spielverderber und verdeutlichte
eine Konsequenz, die vorher nicht bemerkt worden war:

Wenn wir zurückkommen zur Wurzel unseres Körpers, wenn wir den Wert des Wortes
Bruder neu ermessen, […] sollte man wissen, dass das, was sich hier erhebt, dessen
letztendliche Konsequenz wir erst beobachten werden – und was seine Wurzel im Körper
hat, in der Brüderlichkeit des Körpers – Rassismus ist.2

Die Verherrlichung des Körpers hat sehr unterschiedliche Konsequenzen, die vom narzisstischen
Hedonismus herrühren, und von dem manche glaubten, sie können diese „Religion des Körpers“
beschränken. Diese Konsequenzen lassen andere Formen von Religion neben den säkularen
Religionen vorausahnen, dir, wie Raymond Aron es formulierte, diese Zeit heimsuchten und die, wie
Aron dachte, als „Opium der Intellektuellen“ gehandelt wurden.3

Während Lacan den Anstieg von Rassismus vorhersagte, was er von 1967 bis in die Siebziger immer
wieder betonte, war die vorherrschende Atmosphäre eher eine der Freude angesichts der
Zusammenfassung von Nationen in größere Verbände, die von „gemeinsamen Märkten“ autorisiert
werden würden. Zu dieser Zeit war man Europa mehr zugeneigt als heute. Lacan akzentuierte diese
unerwartete Konsequenz mit einer Präzision, die damals ziemlich überraschte. Jacques-Alain Miller
befragte Lacan in „Television“ (1973) und war dabei ein Resonanzboden für diese Überraschung,

1
Miller, J.-A., ‘Lacan’s Prophecies’, translated by A. R. Price in Hurly-Burly Issue 6, November 2011,
pp. 217-20.

2
Lacan, J., Le séminaire, livre XIX, …ou pire, Seuil, Paris, 2011, p. 235.
3
Cf. Aron, R., The Opium of the Intellectuals, translated by T. Kilmartin, Transaction Publishers, New
Brunswick, 2001.
1
indem er die Wichtigkeit seiner These hervorhob: „Was gibt Ihnen die Zuversicht, einen Anstieg an
Rassismus vorherzusagen? Und warum zum Teufel müssen Sie darüber sprechen?“ Lacan
antwortete:

Weil es mir nicht lustig vorkommt und es trotzdem wahr ist.

Durch das Entgleisen unserer Jouissance ist nur der Andere in der Lage, seine Position zu
markieren, aber nur insofern als wir von diesem Anderen getrennt sind. Daher gewisse
Fantasien – unerhört angesichts dieses Schmelztiegels.4

Die Logik, die Lacan entwickelt, ist folgende: Wir wissen nichts über die Jouissance, die uns unsere
Orientierung geben könnte. Wir wissen nur, wie man die Jouissance anderer zurückweist. Mit dem
Schmelztiegel kritisiert Lacan die zweifache Entwicklung zum einen des Kolonialismus und zum
anderen den Willen, jenen zu normalisieren, der vertrieben wurde, den Immigranten, im Namen all
dessen, das angeblich zu seinem eigenen „Besten“ sei.

Den Anderen bei seiner eigenen Art der Jouissance zu belassen, das wäre nur möglich,
indem man ihm nicht die eigene aufdrängt, indem man ihn nicht als unterentwickelt
betrachtet.

[…] Wie können wir hoffen, dass die leeren Formen des Humanhysterismus
[humanitairerie], die unsere Erpressungen verstecken, weiterhin wirken?5

Das ist kein Kulturschock, sondern der Schock unterschiedlicher Formen von Jouissance. Diese
vielfältige Jouissance reißt das soziale Band auseinander, dadurch die Versuchung, einen vereinenden
Gott anzurufen.

Lacan kündigt hier noch etwas anderes an: Die Rückkehr verschiedener Formen von religiösem
Fundamentalismus. „Sogar wenn Gott, auf diese Art neu erstarkt, zum Ex-sistieren kommt, lässt dies
nichts Besseres ahnen, als die Rückkehr seiner unheilvollen Vergangenheit.“ In diesen Kommentaren
zur Logik des Rassismus berücksichtigt Lacan die unterschiedlichen Formen des abgelehnten Objekts,
bestimmte Formen, die vom Antisemitismus vor dem Krieg (die zur Radikalität der Nazis führte) zum
postkolonialen Rassismus gegenüber Immigranten reichen. Der Rassismus wechselt gewissermaßen
seine Objekte wenn die sozialen Formen sich verändern. Aus Lacans Perspektive gibt es jedoch in
jeder menschlichen Gemeinschaft eine Zurückweisung einer nicht anpassungsfähigen Jouissance, die
zur hauptsächlichen Quelle möglicher Barbarei wird.

Vor „Television“ stellte Lacan die Frage des Rassismus in seinem „Entwurf des Psychoanalytiker der
Schule vom 9. Oktober 1967“ und in seiner „Ansprache zu Psychosen bei Kindern“ desselben Jahres.
Im „Entwurf…“ erwähnt er den verfolgenden Aspekt der Nazi Verbrechen:

Lassen sie mich zusammenfassend sagen, dass das, was wir aus dem kommen gesehen
haben, zu unserem Horror, die Reaktion der Vorboten in Relation zu dem repräsentiert,
was sich als Konsequenz der sich neu organisierenden sozialen Gruppen in der

4
Lacan, J., ‘Television’, translated by D. Hollier, R. Krauss, & A. Michelson, in Television/A Challenge to the
Psychoanalytic Establishment, Norton & Co., New York, p.
5
Ibid., pp. 32-3.
2
Wissenschaft entwickeln wird und insbesondere die Universalisierung, die die
Wissenschaft in sie einführt.

Unsere Zukunft als gemeinsamer Markt wird in der Balance gehalten werden durch eine
zunehmend radikale Ausweitung des Prozesses der Rassentrennung.6

In der „Ansprache zu Psychosen bei Kindern“ verdeutlicht er die Verknüpfung zwischen der Position
des Psychoanalytikers und der Bewegung der Gesellschaft: „Wir müssen wissen, was der Rest von
uns, ich meine uns Psychoanalytiker, auf die Rassentrennung, die durch eine noch nie da gewesene
Subversion auf die Tagesordnung gekommen ist, antworten wird.7

Die Logik, mit der Lacan alle menschlichen Zusammenkünfte jeglicher Form konstruiert, ist eine
Variation zu Freuds Massenpsychologie. Nach der Formulierung der zweiten Topographie im Jahr
1921, die die psychische Realität organisiert, widmete sich Freud wieder der Frage des
Triebschicksals, beginnend mit dem Schicksal der Identifizierung, welches das psychische Leben in
entscheidender Weise regelt:

Und recht im Gegensatz zur gewohnten Vorgehensweise soll unsere Untersuchung nicht
eine relativ einfache Massenbildung zum Ausgangspunkt wählen, sondern mit
hochorganisierten, dauerhaften, künstlichen Massen beginnen. Die interessantesten
Beispiele solcher Gebilde sind die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen, und die Armee.

[…]

Wir sollten in Erwägung ziehen, ob nicht die Massen mit Führern die ursprünglicheren
und vollständigeren sind, ob in den anderen Gruppen der Führer nicht durch eine Idee,
eine Abstraktion ersetzt sein kann, (wozu ja schon die religiösen Massen mit ihrem
unsichtbaren Oberhaupt den Übergang bilden), ob nicht eine gemeinsame Tendenz, ein
Wunsch, an dem eine Anzahl von Leuten Anteil nehmen kann, den nämlichen Ersatz
leistet. […] Der Hass gegen eine bestimmte Person oder Institution könnte ebenso
einigend wirken.8

Freud zufolge bilden Hass und rassistische Zurückweisung ein Band, das aber verbunden bleibt mit
dem Führer, der den Platz des Vaters einnimmt, oder genauer gesagt den Platz des Mordes am Vater.
Die endlose Dimension dieser Voraussetzung lebt in der Gruppe weiter, und die Gründung des
sozialen Bandes bleibt mit dem triebhaften Ursprung (des Prozesses) der Identifikation verbunden.
Eine stabile Gruppe beherbergt in sich dasselbe Prinzip der Unbegrenztheit, die für die ursprüngliche
Gruppe abgesondert wurde. Auf diese Weise konnte Freud sowohl das Heer als organisierte Masse

6
Lacan, J., ‘Proposition of 9 October 1967 on the Psychoanalyst of the School’, translated by R.
Grigg, in Analysis, Issue 6, 1995, p. 12.

7
Lacan, J., ‘Address on Child Psychoses’, translated by A. R. Price and B. Khiara-Foxton, in Hurly-
Burly Issue 8, October 2012, p. 271.

8
Freud, S., ‘Massenpsychologie und Ich-Analyse’, Studienausgabe Band IX

3
als auch die rohe Gewalt des Tötens, das es begleitet, beschreiben. Ein gemeinsamer Hass kann eine
Gruppe vereinen, die einer ausschließenden Identifikation mit dem Führer verbunden bleibt.

Bei der Logik des sozialen Bandes beginnt Lacan nicht mit der Identifikation mit dem Führer sondern
mit einer anfänglichen Zurückweisung auf der Ebene des Triebes. Seine Formulierung der logischen
Zeit schließt mit dem Vorschlag, dass jegliche menschliche Anpassung drei zeitliche Phasen folgt,
durch die das Subjekt und der soziale Andere artikuliert wird:

1. Ein Mensch erkennt, was kein Mensch ist;


2. Menschen erkennen sich untereinander;
3. Ich erkläre mich zum Menschen aus Furcht, von Menschen überzeugt zu werden, dass
ich keiner bin.9

Diese zeitlichen Phasen setzen nicht bei dem Wissen an, was Menschsein ist, gefolgt von dem
Prozess der Identifikation. Vielmehr setzt die Logik bei dem an, was ein Mensch nicht ist – ein
Mensch weiß, was kein Mensch ist. Das sagt nichts darüber aus, was ein Mensch ist. Zweitens,
Menschen erkennen sich untereinander aufgrund der Tatsache, dass sie selbst Menschen sind: sie
wissen nicht, was sie tun, aber sie erkennen sich in jedem anderen. Drittens, ich erkläre, ein Mensch
zu sein. Hier geht es um die ganze Frage der Bestätigung oder der Entscheidung, die mit der Funktion
des Hasses verbunden ist, der Funktion der Angst - aus Furcht, von Menschen überzeugt zu werden,
dass ich keiner bin.

Diese kollektive Logik fußt auf der Bedrohung einer ursprünglichen Zurückweisung, auf der Gefahr
einer Form von Rassismus: Ein Mensch weiß, was kein Mensch ist. Und das ist eine Frage der
Jouissance. Er, den ich ablehne, weil seine Jouissance sich von meiner unterscheidet, ist kein Mensch.

In dieser Bewegung steckt die logische Formel aller „menschlichen“ Anpassung, insofern
präzise, als sie sich als Annäherung an die Barbarei positioniert, nichtsdestotrotz liegt
darin die wesentliche Bestimmung des „Ich“… 10

Als Lacan diesen Text schrieb, war die Nazibarbarei sehr naheliegend. Es begann damit, dass mit dem
Finger auf den Juden gezeigt wurde, als jenen, dessen Jouissance nicht dieselbe wie die der Arier
war: Ein Mensch ist kein Mensch weil seine Jouissance nicht wie meine ist. Die Kehrseite dieser Logik
ist, dass man sagen kann, dass Menschen zwar nicht die Natur ihrer Jouissance kennen, trotzdem
wissen sie, was Barbarei ist. Von da an erkennen sich Menschen untereinander, wissen aber nicht
wirklich, wie. Dann, jeder einzelne, eins um eins: Ich bin in der hastigen Bewegung gefangen. Ich
erkläre, ein Mensch zu sein aus Furcht, von Menschen überzeugt zu werden, dass ich keiner bin. Da
eine Definition für das Menschsein fehlt, wird diese kollektive Logik, das „Ich, das erklärt“ und die
„Zusammensetzung mehrerer Menschen“ verbinden, und dadurch den Führer umgehen.

9
Lacan, J., Die logische Zeit und die Assertion der antizipierten Gewissheit. Ein neues Sophisma.
Übers. v. Hans-Joachim Metzger. In: Schriften III, S. 123-171

10
Ibid.

4
Diese logische Form zieht sich durch das gesamte Werk Lacans. Sie wurde später mit der Theorie des
Begehrens und der Theorie der Jouissance komplexer, aber sie funktionierte weiterhin, wie das auch
mit der Logik der Passe der Fall ist. Man muss sich der Logik der Konstitution des psychoanalytischen
Kollektivs mit derselben anti-identifikatorischen Logik annähern, oder genauer gesagt, einer Logik
einer nicht-ausschließenden Identifizierung, wie Jacques-Alain Miller sie in seiner „Turin Theorie“
nannte.11

1. Ein Psychoanalytiker weiß, wer kein Psychoanalytiker ist – das heißt absolut nicht, dass
der Psychoanalytiker weiß, was ein Psychoanalytiker ist.
2. Psychoanalytiker erkennen sich als Psychoanalytiker – darum geht es in der Erfahrung
der Passe: Ein Kartell erkennt den Kollegen als einen von ihnen an.
3. Um sich für die Passe zu präsentieren, muss das Subjekt sich festlegen, sich
entscheiden, ein Psychoanalytiker zu sein, auf die Gefahr hin, die anderen nicht davon
zu überzeugen.12

In seinem „Entwurf…“ beharrte Lacan auf der Dimension des Rassismus um zu betonen, dass jede
Ansammlung von Menschen die Gefahr einer Jouissance in sich birgt, die entgleist, ein
fundamentales Nicht-Wissen in Bezug auf die Jouissance, was dasselbe ist wie Identifizierung. Der
Psychoanalytiker ist ganz einfach jener, der das herausfinden muss, um eine Gemeinschaft jener zu
gründen, die sich Psychoanalytiker nennen.

Die bösartige Jouissance, um die es in dem Diskurs des Rassismus geht, ist das Scheitern der
Anerkennung dieser Logik. Sie ist das Fundament jegliches sozialen Bandes. Das grundlegende
Verbrechen ist nicht der Mord am Vater sondern der Wille, den zu töten, der die Jouissance
verkörpert, die ich ablehne. Aus diesem Grund muss Antirassismus immer neu erfunden werden, um
Schritt zu halten mit jeder neuen Form des Objekts von Rassismus, das seine Gestalt durch die
Neuanordnungen sozialer Gruppierungen verliert. Unsere Geschichte hat jedoch insbesondere
gezeigt, dass hinter jeder rassistischen Erscheinung der zentrale Platz des Antisemitismus gefunden
werden kann, sowohl als Vorläufer als auch als Horizont. Ich zitiere hier Bernard-Henri Lévys Analyse
einer neuen Form dessen, was auf uns zukommt:

Antisemitismus hat eine Geschichte - Über die Jahre hinweg hat sie verschiedene Formen
angenommen, aber sie entsprechen jeweils dem, was dem Zeitgeist gemäß gehört
werden wollte oder konnte. Aus Gründen, die ich hier nicht ausbreiten kann, glaube ich,
dass die einzige Form von Antisemitismus, der heute noch „funktionieren“ könnte, der
einzige, der in der Lage wäre, eine solche Anzahl von Männer und Frauen zu mobilisieren
und zu misshandeln, wie es in anderen Zeiten gemacht wurde, einer ist, der den
dreifachen Gedankenstrang verbinden kann, nämlich den des Anti-Zionismus (Juden, die
ein „tödliches Israel“ unterstützen), den des Negationsmus (skrupellose Leute, die fähig
sind, ihr eines Martyrium zu benutzen um ihre Ziele zu erreichen) und den der

11
Miller, J.-A., ‘Die Turin Theorie über das Subjekt der Schule”, eine nicht autorisierte deutsche
Übersetzung ist online auf www.lacanfeld.at

12
Laurent, É., ‘Les paradoxes de l’identification’, lesson delivered at the Clinical Section on 1
December 1993, unpublished.

5
kompetitiven Opferrolle (die Erinnerung an den Holocaust schirmt die anderen Massaker
auf dem Planeten ab). Nun ja, Dieudonné war dabei, diese drei zu verbinden.13

Die erstaunliche Antwort, die Nicolas Bedos Dieudonné gab, hat eine weitere Frage eröffnet nach
dem Status des Komödianten, der in unserer Zivilisation des massendemokratischen Individualismus
direkt auf den Bauch abzielt. Außerdem, der Bauch genügt nicht. Heutzutage benötigt man alle
Eingeweide, um sich Gehör zu verschaffen. Das bringt eine unerwartete Konsequenz mit sich: Das
Fernsehen verliert seine Weichheit als Medium, da alle zur Gewalt des Internets drängen.

Übersetzt aus dem Englischen von Sophie Steininger

13
Lévy, B.-H., ‘Pour en finir (provisoirement?) avec l’affaire Dieudonné’ in Le Point, 16 January
2014. Available online: www.lepoint.fr/editos-du-point/bernard-henri-levy/pour-en-finir-
provisoirement-avec-l-affaire-dieudonne-16-01-2014-1780757_69.php
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