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Gesundheitsökonomie – I.

Kölner Ringvorlesung (Notizen)


Stand / Letzte Aktualisierung durch Elisabeth Rieping 29.04.2007

Stichworte: AOK, Prävention, Vermeidung, finanzielle Anreize, Korruption, klinische Studien, Studienmanipulation, Neuroleptika, Techniker
Krankenkasse, Zusatzbeiträge

Gestern und vorgestern habe ich mir die 1. Kölner Ringvorlesung “Gesundheitsökonomie” angehört. Gesundheitsökonomie befasst sich mit der
„Wirtschaftlichkeit“ des Gesundheitssystems. Wie wir ja alle ahnen, wird auch im Gesundheitssystem nicht nur Gutes getan, sondern auch Geld
verdient und ausgegeben, wie in jedem Wirtschaftszweig. Und wo es ums Geld geht, ist der Teufel los.

Besonders die Vertreter der Krankenkassen kamen zu Wort und hatten ziemliches Muffensausen, weil sie Zusatzprämien erheben müssen, wenn sie
mit dem Geld nicht auskommen. Dann laufen ihnen die gesunden Mitglieder weg und die Kranken, die nur selten wechseln, aber viel kosten, bleiben
ihnen erhalten. Das ist sehr hart für die Krankenkassen, denn wenn sie Pleite gehen, sind viele Jobs weg. Die betriebsbedingte Kündigung droht und
wenn man verstehen will, was das bedeutet, muss man wissen, dass man bis vor kurzen als Sozialversicherungsfachangestellter einen Superjob mit
mehr als 12 Gehältern pro Jahr hatte und auch die Gehälter hatten es in sich.

Die schönen Tage sind vorbei. Bei den Krankenkassen wird gespart und möglicherweise auch am Personal. Mir war diese Angst in den Krankenkassen
erst gar nicht so klar.

Ein neues Machtmittel in der Hand der Krankenkassen ist, dass sie in Zukunft Verträge mit einzelnen Pharmafirmen bezüglich der
Medikamentenpreise schließen dürfen. Die Firma, die dann die billigsten Medikamente anbietet, bekommt den Zuschlag. Mir kam der böse Verdacht,
vielleicht auch die, die am besten schmiert. Denn es geht bei der Sache ja um Milliarden. Da ist schnell mal ein Milliönchen abgezweigt. Zumindest bei
der AOK hatte man sich schon Gedanken zu dem Thema gemacht und der AOK Vertreter meinte, sie gingen immer nur zu mehreren in die
Verhandlung, um diese Gefahr auszuschließen. Ansonsten schien den Krankenkassenleuten diese Möglichkeit [der Korruption] noch nicht als reale
Gefahr bewusst zu sein. Sie werden sich noch wundern.

Besonders interessant waren für mich zwei Nebenergebnisse. Eine Schwäche unseres Gesundheitssystems ist ja die Krankheitsvorbeugung, auf die es
nur wenig eingerichtet ist.

Wesentlich beliebter ist die Früherkennung, wie gerade bei Brustkrebs wieder typisch deutlich wird. Hier wird die Vorbeugung ja gar nicht gefördert,
stattdessen die lukrative Früherkennung, die ein hohes Ausmaß von Untersuchungen und Behandlungen mit sich bringt.

Gesundheitsökonomie – I. Kölner Ringvorlesuung / Notizen von Elisabeth Rieping 1


Wenn man nach Brustkrebsvorbeugung fragt, wird man oft hören, dass es diese nicht gibt, oder man wird aus die vorbeugende Brustamputation
verwiesen, um die sich wohl kaum eine Frau reißen wird.

Dass es „Brustkrebsvorbeugung“gibt oder geben könnte, ist praktisch unbekannt. Durch die Reform der Geldzuweisungen an die Krankenkassen wird
das Engagement für die Vorbeugung jetzt noch geringer werden. In Zukunft wird man nämlich für Kranke, die sich ein Rezept haben ausstellen lassen,
im nächsten Jahr wesentlich mehr Geld bekommen, als für Gesunde. Eigentlich gerecht, aber auch sehr manipulationsanfällig. Denn nicht nur die
Kasse, auch der Arzt wird deshalb sicher bald mehr für einen Menschen bekommen, der wenigstens einmal im Jahr irgendein Diabetesmittel
verschrieben bekommt oder ein Asthma- oder Allergiemittel. Bekommt ein Mensch an der Grenze zum Diabetes dagegen Beratung, wie er durch Diät
und Bewegung seinen Blutzuckerspiegel im Griff behält, klingeln ein paar 1000 Euro weniger im Beutel. Das wird man sich überlegen.

Besonders interessant war für mich aber eine Nebeninformation, über die der Chef der Technikerkrankenkasse berichtete. Die Technikerkrankenkasse
hatte sich wohl vor einiger Zeit entschlossen, die viel teureren atypischen Neuroleptika zur Behandlung von Depressionen zuzulassen, weil Studien
gezeigt hatten, dass diese teurere Behandlung dazu führte, dass die Leute schneller wieder gesund würden und die Arbeitsunfähigkeit durch die
Krankheit sinken würde.

In der Praxis war das aber nicht so. Nach den Zahlen der Technikerkrankenkasse waren gerade die Patienten, die die teureren atypischen Neuroleptika
bekamen, nach einiger Zeit schlechter dran, so dass sich ein ganz anderes Ergebnis einstellte, als die Studien nahe legten.

Text in den Internetarchiven: http://web.archive.org/web/*/http://www.erieping.de/gesundheitsoekonomie.htm

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