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Wer ist Gustavo Bueno?

Der systematischer Philosoph war auch in Deutschland nicht unbekannt

Deutsche, österreichische und schweizer Leser wurden im August mit der Nachricht
konfrontiert, der spanischer Philosoph Gustavo Bueno sei tot. Im österreichischen Der
Standard, in den Salzburger Nachrichten, in der Luzerner Zeitung, in der Bildzeitung, der
Badischen Zeitung, der Stimberg Zeitung, in der Schwäbischen usw. erfährt man, er sei zwei
Tage nach seiner Ehefrau gestorben, mit der er 60 Jahre verheiratet war. Er war „der bekannte
Vertreter des philosophischen Materialismus“, Gründer der Philosophiezeitschrift „El Basilisco“
und der philosophische Akademie „Fundación Gustavo Bueno“ und es wird erwähnt, er lehrte
in Salamanca und Oviedo. Doch wer ist Gustavo Bueno?
Der von „The Times“ als „Spain´s Top Philosopher“ bezeichnete Gustavo Bueno war 2002 in
Zusammenarbeit mit dem Instituto Cervantes und der Universität Mainz auf Vortragsreise in
Deutschland und Österreich, um die Übersetzung seines kulturphilosophischen Werkes „Der
Mythos der Kultur“ (Übers. von N. Holzenthal; Bern: Lang) vorstellten. Zwei witzige
Rezensionen waren zu lesen. Eine in der Frankfurter Rundschau von Gabriella Vitiello und die
andere in der taz von Jan Engelmann: „Gustavo Bueno und Dietrich Schwanitz erkunden die
Frontlinien im Kulturkampf – Alles, was man übersetzen muss“.
Heute würde Bueno 92 Jahre alt. Am Sonntag 7. August ist er morgens gestorben, ohne den
Tod seiner Ehefrau in der Nacht zum Samstag wirklich wahrzunehmen. Mit ihr saß er noch
wenige Tage zuvor auf der Terrasse in der Sonne, und beide lachten. Dann gingen sie.
Man könnte nun behaupten, Gustavo Bueno sei der spanische Kant. Der spanische
Philosoph bewunderte, wie er mir mehrmals beteuerte, den Philosophen von Königsberg,
dessen Kritiken er gern mit Symphonien verglich. Beide Philosophen erarbeiteten
philosophische Systeme, die etwas „Musikalisches“ haben. Ich bin versucht zu sagen, sogar das
Leben von Bueno, besonders dieses Ende, quasi synchron mit dem Tod seiner Frau, hat etwas
Symphoniehaftes an sich. Aber dieser Vergleich tritt zu kurz. Es ist schon richtig, dass Bueno
von Kant ausgeht und ohne ihn gar nicht zu dem gekommen wäre, was sich heute sein
„Philosophischer Materialismus“ nennt, aber Bueno „zerrieb“, wie er es nannte, Kants Ideen
und „rekonstruierte“ sie von seinen eigenen Koordinaten wieder, und so überwandt er in
gewissem Sinne Kant.
Ich könnte auch behaupten, Gustavo Bueno sei der spanische Hegel. Der spanische
Philosoph bewunderte den Autor der Phänomenologie des Geistes. In einem der Räume des
Hauses aus dem 16. Jh. der Familie Bueno in Rioja hängt eine Zeichnung Hegels, die ein
Kommilitone dem jungen Hegel aus Santo Domingo de la Calzada zeichnete. Viele Schüler
betonen, er sei Zeitlebens Hegelianer geblieben, andererseits steht auch er dahinter, wenn die
idealistische Dialektik Hegels von einer materialistischen Dialektik aufgehoben wird.
Insofern ist es auch nicht ganz falsch zu sagen, wie PD. Dr. V. Rühle dies bei seiner
Präsentation Buenos am Instituto Cervantes München tat, Gustavo Bueno sei ein spanischer
Marxist. Also bildlich eine Art spanischer Marx. Ja, Bueno war auch einer der besten
Interpreten der Werke Marx´, bereits unter dem Diktator Franco, mutig, in diesem Sinne mag
er als Marxist gegolten haben. Aber nicht einmal in der Epoche, als er am meisten über Marx´
Ideen redete und dozierte, gehörte er zu den marxistischen Dogmatikern. Nie hat er seinen
„Marxismus“ zu einer sekulären Religion erhoben, wie viele seiner spanischen Zeitgenossen.
Beide, Marx wie Bueno, gelten als „Materialisten”, doch der Deutsche verharrt in
hegelianischen Schemata, wenn auch umgedreht und auf die Füße gestellt, wie man so schön
sagt, währenddessen der Philosophischer Materialismus jeglichen Monismus oder Dualismus
überwindet, dank seines ontologischen Pluralismus.
Selbstverständlich ist es zu kurzatmig, wenn man sagt, Bueno sei Kantianer, Hegelianer
oder Marxist. Genauso könnten wir ihn dann als Aristoteliker bezeichnen, weil er den
griechischen Philosophen studierte oder als Platoniker... Genauso war er Suarezianer,
Molinaer, Spinozianer... Er setzte sich mit allen westlichen Philosophen auseinander, ging von
ihnen aus, wenn ihre Gedanken das Wert waren; er zerlegte, manchmal sogar zerschmetterte
er ihre philosophischen Ansätze, und er rettete, was zu retten war, und so wurde etwas von
ihnen in das eigene System eingegliedert.
Der Philosophischer Materialismus wurde auf Spanisch erarbeitet. Denn es ist schon
möglich, auf Spanisch nicht nur zu denken – wie schon José Luis Abellán in seiner Historia
crítica del pensamiento español belegt, die in Deutschland in jeder halbwegs gut
ausgestatteten Universitätsbibliothek, in Hispanistik oder in Philosophie steht – , sondern auch
systematisch zu philosophieren – wie Gustavo Bueno dies sowohl in seinem Werk als auch
theoretisch im Anuario del Instituto Cervantes 2003 belegt ... selbst wenn viele innerhalb und
außerhalb Spaniens aus purem Komplex bzw. wegen der „Leyenda Negra“ das Gegenteil
behaupten, darunter viele Spanier.
Auf Deutsch liegen momentan seine Kulturphilosophie Der Mythos der Kultur (Lang, 2002)
vor und vier Artikel in der Europäischen Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften von
Sandkühler (Meiner): „Ganzes / Teil“ und „Holismus“ im Band II; „Materie“ und
„Naturwissenschaften“ im Band III und der Aufsatz „Philosophie heute“, in Beiträge zur
Philosophie aus Spanien von Rühle (Alber, 1992). Desweiteren kann man „Bueno, Gustavo“ in
der Brockhaus Enzyklopädie, 21. Aufl. von 2006 im Band 5 nachschlagen.
Was Bueno uns hinterlässt ist der kompletteste und brauchbarste philosophische Ansatz
auf Spanisch, wenn nicht überhaupt. Es handelt sich um ein philosophisches System – nichts
postmodern Fragmentarisches, sondern, völlig unüblich, ein systematischer Ansatz – der mit
allen Disziplinen verknüpft ist. Bueno war ein weiser Mann, denn er war in einer unglaublich
großen Zahl an Wissenschaften auf dem Laufenden. Außerdem konnte er synthetisieren und
verlor nicht den Überblick. Ich habe bisher niemanden gefunden, der ihn in den Schatten stellt.
Deshalb wird man Bueno nicht gerecht, wenn man ihn als den spanischen Kant, Hegel, Marx
oder wer auch immer darstellt.
Nun müssen seine Schüler und die philosophische Welt den Verlust des Meisters und seiner
immer auf die Gegenwart bezogenen philosophischen Aussagen überwinden. Ich hatte das
große Glück, als eine der letzten direkten Schülerinnen von ihm angenommen zu werden, als
er gerade die Universität unter großen nationalen, ja internationalen Protesten verlassen
hatte. Dies war nicht sein Wunsch, sondern Gegner hatten dem bereits emeritierten Professor
geschickt und fies die Lehrerlaubnis entzogen. „The Times“ bezeichnete ihn in diesem Kontext
als „Spain´s Top Philosopher”. Meine Suche nach einem systematischen Philosophen auf
Spanisch, den schon Miguel Unamuno herbeigesehnt hatte, war genau zu dieser Zeit
erfolgreich. 1998 hatte ich die Ehre bei der Eröffnung der Fundación Gustavo Bueno im
nordspanischen Oviedo dabei zu sein. 2002 reiste ich mit dem Ehepaar Gustavo Bueno und
Carmen Sánchez durch Deutschland und Österreich, wo wir an den Institutos Cervantes und
meiner Alma Mater (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) meine Übersetzung Der Mythos
der Kultur vorstellten. Buenos Humor prägte diese Reise – aber auch der direkte und
unkomplizierte Umgang mit den Personen und Dingen. Man muss sich einmal die Szene
vorstellen, wie ein so eminenter Philosoph bei der Begrüßung des Direktors des Instituto
Cervantes in Wien, beim Anblick der Bibliothek mit Holzboden sofort meinte: „Sind Sie nicht
besorgt, dass der Boden einkracht, bei diesem Gewicht?“ Es schien, Bueno fing gleich geistig
an, das Gewicht zu überschlagen, wobei er unterbrochen wurde. „Passen Sie auf mit der
Bibliothek“, musste er dann nochmal sagen. In den letzten Jahren habe ich, wenn ich Ideen des
Philosophischen Materialismus auf Vorträgen in Österreich, Deutschland oder Thailand
eingesetzt habe, manchmal Überraschung, meist Neugier nach mehr und allgemein großen
Respekt von den Akademikern erfahren.
Der „materialistische” Philosoph ist nicht allein. Gustavo Bueno Martínez hätte nicht so
arbeiten können wie er es tat ohne seine bestimmte und liebevolle Frau, doña Carmen
Sánchez, ohne seine großartige Familie (fünf Kinder, fünf Enkelkinder, einer seiner Söhne,
Gustavo Bueno Sánchez, leitet sehr erfolgreich die Stiftung gleichen Namens, ein Enkel ist am
Max-Planck-Institut) oder ohne seine hochkarätigen Mitarbeiter, seit der Begründung des
Systems recht zahlreich. In den letzten Jahren kam noch die Unterstützung und der
Gedankenaustausch mit tausenden von Menschen aus der ganzen Welt hinzu, die sich
„philosophische Materialisten“ schimpfen und dank Internet ein Netzwerk bilden.
Was bleibt, ist ein großes (nie groß genug) niedergeschriebenes und gefilmtes Werk. Es
umfasst Ontologie, Wissenschaftstheorie („Gnoseologie“ bzw. „Theorie des
Kategorienabschlusses“), Religionsphilosophie, Politische Theorie, Medientheorie,
Kulturphilosophie, Bioethik, Moral, ja eigentlich ließ er keinen Bereich der Philosophie aus.
Man dürfe ja kein Spezialist in b-Moll sein, sagte er gern. Dann ist da dies wachsende Netzwerk
von Studenten des Philophischen Materialismus, die auch in verschiedenen
Wissenschaftsfeldern arbeiten und immer wieder die herrschende Schemata und „mapa
mundi“ mit den Kriterien des Philosophischen Materialismus überprüfen. Als Solisten, im Duo,
Trio, Quartett… oder Orchester werden weiterhin „philosophische Materialisten“ auf Buenos
Instrument spielen und es hin und wieder ein wenig stimmen. Die Philosophie Buenos hat
neben dem Musikalisch-Systematischen auch etwas heilendes, medizinisches an sich,
chirurgisch ist er selbst immer wieder an intellektuelle Krankheiten, auch speziell Spaniens,
Stichwort Separatismus zum Beispiel, aber auch Terrorismus herangegangen und war damit
sehr unangenehm, hat sich neue Feinde gemacht, hätte aber vielleicht heilen können, wenn
man mehr auf seine Argumente gehört hätte!
Neben der Fundación Gustavo Bueno in Oviedo und zahlreichen Universitäten in Spanien,
wird verstärkt auch in Spanischamerika der Philosophische Materialismus gelehrt. Genau am
Tag der Beerdigung wurde in Mexiko das Philosophischen Seminar am „Instituto Oviedo“ in
der mexikanischen Stadt León eröffnet. Es bleibt viel Arbeit, mit diesem Werkzeug Mythen und
verworrene Ideen kaputtzumachen – ein in unserer gegenwärtigen unruhigen Zeit absolut
notwendige Arbeit, um uns den enormen Problemen entgegenzustellen, die auf uns lauern.

(Dr. phil. Nicole Holzenthal, Brockhaus-Autorin, Direktorin von Cima & Holzenthal,
Präsidentin von Intersophia, Übersetzerin und Mitarbeiterin von Gustavo Bueno)