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Taktik

P
olizeibeamte und Angehörige von
Behörden mit Sicherheitsaufgaben,
das Militär sowie auch professionelle
Sicherheitsdiensleister geraten in ih-
rem Alltag immer mehr in ein urbanes
Umfeld, in dem potentielle Täter Fahr-

Vehicle
zeuge benutzen. Nachdem wir schon
den Behörden-Kurs „Car Gunfight“ von
Tactical Advantage aus der Schweiz in
Italien besucht hatten (Einsatz aus ei-
nem Fahrzeug vor, während und nach

Takedown
einem Hinterhalt) besuchten wir den
ausgebuchten Kurs „Vehicle Take-
down“ ebenfalls wieder in Italien. Die-
ser Kurs basiert auf den Erkenntnissen,
dass oftmals das Annähern an ein ver-
Der Einsatz gegen Täter in dächtigtes Fahrzeug in der taktischen
Fahrzeugen bedarf einer Ausbildung vernachlässigt wird. Für
das Vorgehen sind zudem einige wich-
umfangreichen taktischen tige Punkte zu beachten, um im Notfall
Ausbildung und Vorbereitung. schnell, sicher und richtig reagieren
zu können. Der Kurs wurde zudem in
Tactical Advantage aus der Italien abgehalten, da besonders hier
Schweiz bietet dazu die die Polizei (Polizia di Stato) und die pa-
passenden Trainings-Module ramilitärischen Carabinieri oftmals ge-
gen Mafia-ähnliche Gangs oder gegen
für Behörden an. die Camorra eingesetzt werden und
sich bei Fahrzeugkontrollen durchaus
von Sören Sünkler (Text & Fotos) eine wilde Schießerei ergeben kann.
Der Polizeialltag in Süditalien zeigt
eben, dass die Mafia, die Camorra
und N‘drangheta sowie die Sacra Co-
rona Unita hervorragend organisiert
sind und vor extremer Gewalt kaum
zurückschrecken. Oftmals geraten Po-
lizeibeamte bei vorläufig harmlosen
Oben: Der Kurs war nur für Polizei, Zoll, Militär Fahrzeugkontrollen in sehr gefährliche
und Behörden mit Sicherheitsaufgaben in Italien Situationen. Ebenso wurden die Carabi-
zugänglich, kann aber für alle Behörden europa- nieri, die auch als Militärpolizei fungie-
weit zurechtgeschnitten werden. ren sowie als Ordnungsmacht in ländli-
chen Gebieten, über Jahre hinweg auf
dem Balkan bei den Krisenmissionen
Links u. rechts: Oben: Einsatz eines Eickhorn Aviator-Messers zum Einschlagen der Sei- eingesetzt und führten Straßen- und
Einsatz der tenscheiben. Die vorderen Scheiben sind verklebt und brechen nicht. Fahrzeugkontrollen in Bosnien, Kroati-
Kurz- und Lang- en und Kosovo durch. Da es nicht an
waffen auf das Erfahrung mangelt, aber dafür an re-
Fahrzeug im gulärer Ausbildung bei den Behörden,
scharfen Schuss. sind Behördenkurse dieser Art auch in
Besonders der Italien sehr gut besucht. Inhaber und
Wirkung im Ziel Ausbilder von Tactical Advantage, And-
wurde ein be- rea Micheli, Staff Instructor verschiede-
sonderes Augen- ner renommierter Schulen in den USA
und ehemaliger Spezialist Sicherheit
merk geschenkt.
der Schweizer Armee mit Einsatzerfah-
Pistolen-, Flin-
rungen auf dem Balkan, unterrichtet
ten- und Lang-
zudem international in Deutsch, Eng-
waffenkaliber
lisch und Italienisch. Der Kurs ist somit
richten unter- speziell für Polizei und Militär konzi-
schiedliche piert und es werden auch nur solche
Schäden am Personenkreise zugelassen. Der Kurs
Fahrzeug an. fokussiert sich speziell auf den Um-
Zudem muss die gang mit gefährlichen und bewaffneten
Gefährdung von Personen, die sich in einem Fahrzeug
Drittpersonen im befinden oder damit unterwegs sind.
Auge behalten Die Teilnehmer lernen dabei, richtig auf
werden. ein verdächtiges Fahrzeug zuzugehen,
dieses zu stürmen und/oder unter Be-
schuss zu nehmen. Zudem lernen sie,
wie man jemanden mit Force-to-force

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aus einem Fahrzeug herausholt.
Kurs-Themen/-Ziele:
- Materielle und mentale Vorbereitung.
- Bewaffnete Auseinandersetzung rund
um das Auto (Force on Force-Szenari-
en, um zu lernen, wie man das Fahr-
zeug am besten als Deckung
nutzt, sowie das Kontrollieren der eige-
nen Angst. Stichwort: „Jäger oder
Gejagter“ (tief durchatmen, Waffe im-
mer in Schießposition in Richtung Geg-
ner, Kopf und Oberkörper aufrecht hal-
ten, nicht auf den Boden schauen wie
beim „Duck and Run“-Syndrom).
- Sichere Annäherung nach dem Stop-
pen eines verdächtigen Fahrzeuges.
- Einführung in die Grundtechniken ei-
nes Vehicle Assault (Zwei-Mann-, Vier
-Mann-, Fünf-Mann-Team)
- Schießen auf gefährliche und be-
waffnete Personen in einem Fahrzeug
(wichtig: Waffenwinkel, damit die
Schüsse im Auto bleiben).
- Erstürmung eines Fahrzeugs mit ge-
suchten und gefährlichen Personen.
- Gewaltsame Festnahme von Perso-
nen aus einen Fahrzeug.
Zur Ausrüstung und Bewaffnung ge-
hörten Schutz- und Einsatzwesten so-
wie Lang- und Kurzwaffen selbstver-
ständlich dazu. Nachdem der Ausbilder
alle sicherheitsrelevanten Punkte an-
gesprochen hatte, wurde der The-
menschwerpunkt vorgemacht. Danach
wurden Trockenübungen durchgeführt
und nach dem sicheren taktischen Ab-
lauf wurde die Lage im scharfen Schuss
geklärt. Dabei wurden verschiedene
Typen von Fahrzeug-Erstürmungen
durchgespielt:
1. Standard “Buy Bust”: typischer Dro-
gen-Deal mit Undercover-Polizist (ver-
deckter Ermittler), der als Lockvogel Ganze Seite: Verschiedene
dient und ins Auto steigt, um den Deal Taktiken und Techniken,
abzuwickeln und den Dealer abzulen- um ein Fahrzeug zu stür-
ken, während das Auto von anderen men und die Besatzung
Polizisten gestürmt wird. mit geschulten Sicher-
2. Hostage Rescue: geplanter Zugriff heitsgriffen festzunehmen
mit Einsatz von Präzisionsschützen oder im scharfen Schuss
und Erstürmung durch eine SEK-/MEK- zu bekämpfen, sollten die-
Einheit. se das Feuer auf einen Zu-
3. Open Air Assault: Durchführung griffstrupp der Behörden
eines schnellen Zugriffs auf ein Fahr- eröffnen. Diese Abläufe
zeug, in welchem sich gefährliche und müssen immer wieder ge-
/oder bewaffnete und gesuchte Perso- übt und eintrainiert wer-
nen befinden. den. Bei Übungen kann
Der Schwerpunkt wurde jedoch aus auch FX benutzt werden.
Zeitgründen auf den dynamischen Beim Kurs „Vehicle Take-
Open Air Assault gelegt. Der Kurs ver- down“ wird hauptsächlich
suchte somit auf die Einsatzrealität der Zugriff eines MEK o. ä.
vieler Polizisten einzugehen, ohne sich oder der Notzugriff eines
in „wilde“ hypothetische Lagen zu ver- Behörden-Teams trainiert.
stricken. Ebenso wurden keine starren Insgesamt geht es dabei
und verbindlichen Lösungen eingetrich- äußerst dynamisch und
tert, sondern der Ausbilder legte Wert taktisch auf einem hohen
darauf, diese Lagen nur Lösungsansät-
Niveau zu. Dies ist den
ze für den eigenen Alltag sein und dass
Vorerfahrungen der Teil-
diese natürlich auf die eigene Realität
nehmer angepasst.
in Bezug auf Lage, Personal, Örtlich-

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keiten und Behörde situationsbedingt
übertragen werden müssen. Folgende
Grundsätze ergaben sich während des
Kurses, der mit Hilfe der Polizei der
Stadt Lucca durchgeführt wurde:
- Intensive Voraufklärung und präzise
Lagebilderstellung.
- Überraschung und gegebenenfalls
Ablenkung (Surprise).
- Geschwindigkeit (Speed).
- Kontrollierte Gewalt während der Ak-
tion (Controll).
- In der Überzahl sein (mindestens
zwei zu eins).

Anzeigen
- Sichere Annäherung.
- Laute Kommunikation und klare Be-
fehlssprache.
- Strikte Einhaltung der Sicherheitsre-
geln im Umgang mit Waffen (Abzugs-
Finger lang am Abzug, seines Zieles
sicher sein, was hinter und daneben
steht – Kreuzfeuer („Friendly Fire“)
und Waffenwinkel beachten.
Nur ein eingespieltes Team mit langer
Erfahrung kann hier zum Erfolg führen.
Tatsächlich birgt eine solche Aktion
auch unterschiedliche Gefahren. Risi-
ken einer solchen Operationen können
sein:
- Querschläger die Dritte/Passanten
treffen könnten.
- Gefahr von Beschuss durch eigene
Leute (falscher Waffenwinkel).
- Unkontrolliertes Losfahren (Aus-
bruch) des verdächtigen Fahrzeuges
(Gefahr für sich selber und Drittperso-
nen überrollt zu werden).
- Plötzlicher Feuerüberfall durch die
Täter.
- Vorzeitige Erkennung des Zugriffs
durch die Täter und deren Abfahrt so-
wie der damit zusammengehende Ab-
bruch der Operation.
Zusammenfassend kann hier eine Viel-
zahl von möglichen Gefahrensituati-
onen auftreten, die aber durch eine
umfangreiche Vorbereitung und pro-
Oben: Verschiedene Wirkungsbilder unter- fessionelle Durchführung weitgehend
schiedlicher Munition. Frontscheiben zer- kontrolliert werden können. Umso
bersten nicht, da diese verklebt sind. Auch mehr man Zeit und Mittel hat, eine sol-
moderne Motorblöcke werden glatt durch- che Aktion vorzubereiten, umso mehr
schossen, wie ein Test vor Ort zeigte. Im wird diese von Erfolg gekrönt sein.
Grunde bietet das Fahrzeug nur „Schutz“ Oftmals handelt es sich jedoch um ad-
gegen kleinere Kaliber. hoc-Operationen, die von einem SEK
oder meistens MEK aus der Lage he-
raus improvisiert durchgeführt werden
müssen. An dieser Stelle hilft dann nur
noch die eigene Erfahrung, Glück und
eine vorherige professionelle Ausbil-
dung.
www.tacticaladvantage.ch

Oben: Die markanten Austrittstellen der getesteten


Munition (.223, .45 ACP, 6,35 mm, 7,65 mm, 7,62
mm x 39, 9 mm x 21, .38, 12“ und 00) zeigten deut-
lich deren Wirkung im Ziel.
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