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Lehrte Immanuel Kant die Überlegenheit der weißen Rasse?

Nach dem Philosophen Im-


manuel Kant (1724 - 1808)
bestehen zwar Unterschiede
des Temperaments zwischen
den Menschen, diese erklärt
er mit kulturellen, örtlichen
und klimatischen Lebensbe-
dingungen; Kant akzeptiert
aber nicht die Vorstellung,
Menschen seien wesensver-
schieden: „Die Klasse der
Weißen ist nicht als beson-
dere Art in der Menschengattung von den Schwarzen unterschieden; und es gibt gar keine
verschiedene Arten von Menschen “.1 Die „allgemeinen Menschenvernunft“ ist nach
Kant nicht im Besitz einer bestimmten Klasse oder Rasse, sondern eine Instanz, „worin ein je-
der seine Stimme hat“2. Kant verwirft expansionistische und imperialistische Bestrebungen
der Europäer.3

Kants Interesse an außereuropäischen Lebensformen und -anschauungen


Er setzt sich an vielen Stellen seines Werkes mit fremden Ländern sowie den Standpunkten
und Sichtweisen anderer Kulturen auseinander. So gehörte er „zu denen, die damit begannen,
Geographie als selbständige Disziplin zu lehren“.4 Gerade in seinen religions- und geschichts-
philosophischen Schriften bezieht er sich immer wieder auf außereuropäische Lebensanschau-
ungen und -bedingungen.5

1
Kant, Immanuel: Bestimmung des Begriffs der Menschenrasse. In: ders.: Schriften zur Anthropologie, Ge-
schichtsphilosophie, Politik und Pädagogik., hrsg. von Wilhelm Weischedel. Werkausgabe Band VI. Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1983 [11964], S. 75
2
Vgl. Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, hrsg. von Wilhelm Weischedel. 10. Auflage. Werkausgabe
Band IV. Zweiter Band. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988 [11956], B 780f.
3
Vgl. Kant, Immanuel: Die Metaphysik der Sitten, hrsg. von Wilhelm Weischedel. 10. Auflage. Werkausgabe
Band VIII. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1993 [11956], AB 90ff.
4
Vgl. Gulyga, Arsenij: Immanuel Kant. Mit einem Vorwort von Arsenij Gulyga. Aus dem Russischen übertra-
gen und mit einem Nachwort versehen von Sigrun Bielfeldt. Frankfurt: Suhrkamp, 1985 [11977], S. 39ff.
5
Exemplarisch sei auf folgende Studie verwiesen: Glasenapp, Helmut von: Kant und die Religionen des Ostens.
Mit 8 Abbildungen nach Kupferstichen aus zeitgenössischen Reisebeschreibungen. Kitzingen: Holzner, 1954.

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Allerdings können wir fragen, ob Kant dabei immer die von ihm selbst geforderte intellektuel-
len Zurückhaltung und Vorurteilslosigkeit walten lässt. In den „Vorlesungen zur Physischen
Geographie“ heißt es: „In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, er-
reicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer
größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben ein geringeres
Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völker-
6
schaften.“ Wenn diese Überlegungen Kants tatsächlich die wortgetreue Wiedergabe einer
seiner Vorlesungen über „Physische Geographie“ darstellen, so würden sie seiner eigenen
Forderung nach der Gleichheit der Menschen7 diametral entgegen stehen.

Wir sollten uns aber dafür hüten, Vorlesungsmitschriften, also auch diesen Textausschnitt, als
wortgetreue Wiedergabe von Kants Gedanken zu betrachten. Gehen wir von den einschlägig
überlieferten Originalschriften Kants aus, erscheint Kant als Kosmopolit, der ein polyzentri-
sches Weltbild vertritt.

MH

6
Kant, Immanuel: Physische Geographie (Akademie Ausgabe). Bd IX, 1923 S. 316. Die Physische Geographie
ist Teil einer höchst verzweigten und komplizierten Überlieferungsgeschichte: Autographe von Kant selbst,
Nachschriften von Studenten, u. a. von Johann Gottfried Herder, diverse Drucke – und der literarischen Quellen
der Vorlesung selber. Erst in den neueren Bänden der Akademieausgabe sind Fehler der Überlieferung zu großen
Teilen behoben.
7
Vgl. Kant, Immanuel: „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die
Praxis“. In: ders. Ebd. 1983 (Fn 1).

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