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ABRAHAM P. TEN CATE PETER JORDENS

PHONETIK DES DEUTSCHEN

EIN KONTRASTIV DEUTSCH-NIEDERLÄNDISCHES LEHRBUCH FÜR DEN HOCHSCHULUNTERRICHT

Rijksuniversiteit Groningen
Rijksuniversiteit Groningen

PHONETIK DES DEUTSCHEN

Abraham P. ten Cate Peter Jordens

Rijksuniversiteit Groningen Cluster Europese Talen

2008

Rijksuniversiteit Groningen Afdeling Duits

2008

Published by:

Afdeling Duits Rijksuniversiteit Groningen P.O Box 716 9700 AS Groningen, The Netherlands

a.p.ten.cate@rug.nl

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Vorwort

Als Leitprinzip bei der Verfassung dieses Buches galt, dass bei der Erlernung einer richtigen Aussprache des Deutschen in manchen Fällen Kenntnisse der Aussprache der niederländischen Sprechlaute erforderlich sind, dies zur Erklärung der muttersprachlich bedingten Aussprachefehler. Gerade für den Erwerb einer richtigen Aussprache der zu erlernenden Zweitsprache wäre auch eine Berücksichtigung der regionalen Unterschiede in der Aussprache des Nieder- ländischen unerlässlich. Es wird deshalb versucht den Fällen möglichst Rechnung zu tragen, in denen eine dialektal bedingte Aussprache den Grund für eine fehlerhafte Aussprache des Deutschen bilden könnte: Dass hier immer noch Ergänzungen möglich sind, ist selbstverständlich. Das Buch soll auf dieser Grundlage eine Anleitung zu einer richtigen Aussprache des Deutschen sein, wobei es allerdings im Ausspracheunterricht nur eines von vielen Hilfsmitteln darstellt: Intensive Übungen, vorzugsweise im Sprachlabor, gehören unbedingt mit zum Ausspracheunterricht. Darüber hinaus soll das Buch die Aufgabe erfüllen dem angehenden Lehrer die phonetischen Kenntnisse beizubringen, die ihm in der Schulpraxis behilflich sein sollen. Wir danken all denjenigen, die uns ihre Anmerkungen zu früheren Fassungen dieses Buchs haben zugehen lassen; allen voran unseren Studenten.

Im Januar 2008

A.P. ten Cate, Groningen P. Jordens, Amsterdam

iii

iv

Inhaltsverzeichnis

1 Bau und Funktion der Sprechorgane

1

1

Einleitung

1

2

Die Sprechwerkzeuge

1

2.1

Die Lunge

2

2.2

Der Kehlkopf

3

2.2.1

Der Aufbau des Kehlkopfs

3

2.2.2

Der Stimmton

5

2.3

Das Ansatzrohr

6

Übungsfragen

7

2 Orthographie und Aussprache

9

1 Entsprechungen zwischen Orthografie und Aussprache

9

2 Phonetische Transkriptionszeichen

11

Übungsfragen

14

3 Die Sprechlaute des Deutschen

15

1

Vokale und Konsonanten

15

2

Vokale

16

2.1

Einteilungsprinzipien

16

2.1.1

Einteilung der einfachen Vokale

16

2.1.2

Einteilung der Diphthonge

22

2.1.3

Die Halbvokale [ ], [ ] und [ ]

24

2.2

Die einzelnen Vokale

24

2.2.1

Einfache Vokale i-Laute 24, y-Laute 26, e-Laute 27, ö-Laute 28, u-Laute 30, o-Laute 31, a-Laute 32, die Vokale [ ] und [ ] 34

24

2.2.2

Diphthonge

35

2.2.3

Halbvokale

36

2.2.4

Diagramme und schematische Übersicht der Vokale

36

Übungsfragen zu den Vokalen

42

3

Konsonanten

43

3.1

Einteilungsprinzipien

43

3.2

Schema der deutschen und der niederländischen Konsonanten

47

vi

3.3 Die einzelnen Konsonanten

48

1. Die Explosivlaute [ ] und [ ] 48, [ ]-[ ] 49, [ ]-[ ] 49,

Aspiration der Tenues 51, [ ] 52;

2. Die Nasalkonsonanten [ ]-[ ]-[ ] 52;

3. Die Liquiden [ ] 54, [ / ] 55;

4. Die Reibelaute [ ]-[ ] 56, [ ]-[ ] 57, [ ]-[ ] 59, [ ]-[ ]-[ ]-[ ] 60, [ ] 63

3.4 Konsonantenverbindungen

63

3.5 Auslautverhärtung

65

3.6 Sonorität

67

Übungsfragen zu den Konsonanten

68

4 Assimilation

71

1 Einige Assimilationserscheinungen

71

2 Einteilungskriterien der Assimilationserscheinungen

76

3 Dissimilation

79

Übungsfragen

80

5 Prosodie

81

1 Silbe und Morphem

81

2 Der Wortakzent

83

3 Die Satzintonation

91

Übungsfragen

92

6 Phonologie

93

1 Sprachliche Kommunikation

93

2 Kommunikative Funktion der Sprachlaute: Phonemanalyse

94

Übungsfragen

98

7 Geografie der Aussprache (Dialektologie)

99

1 Die Einteilung der deutschen Dialekte

100

2 Sprachschichten und Soziolinguistik

104

8 Akustische Phonetik

107

1 Tonhöhe, Vokale und Konsonanten

107

2 Lautstärke

112

9 Aussprachepraxis

115

1 Silbenstruktur und Vokallänge

115

2 Schriftzeichen und lautliche Realisierung

118

3 Transkriptionsübung

123

Literaturverzeichnis (Auswahlbibliographie)

127

Sachindex

131

Lösungsvorschläge zu den Übungsfragen

137

1 Bau und Funktion der Sprechorgane

1 Einleitung

Jeder Sprecher einer Sprache verfügt über die Grammatik dieser Sprache. Eine Grammatik ist der mentale Apparat, der es einem Menschen ermöglicht eigene Gedanken zu äußern und Äußerungen anderer zu verstehen. Beim Sprechen wird Gedachtes in Laute umgesetzt, beim Verstehen wird Gehörtes in Gedachtes überführt. Man kann die Funktion der Grammatik mit anderen Worten auch so umschreiben: Die Grammatik verbindet Laut und Bedeutung. Für die Beschreibung der Beziehung zwischen Laut und Bedeutung unterscheidet die Grammatik vier Bereiche, jeder mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten:

die Semantik (inhaltliche Funktion), die Syntax (Satzbau), die Morphologie (Formenlehre) und die Lautlehre (lautliche Form).

Die Lautlehre wird unter drei Aspekten behandelt:

Die artikulatorische Phonetik befasst sich mit der Frage, mit welchen körper- lichen Mitteln die Sprechlaute produziert werden (Kapitel 1-5).

Die akustische Phonetik befasst sich mit den physikalischen Eigenschaften des Sprachsignals, also mit der konkreten Gestalt dieses Signals (Kapitel 8).

Die Phonologie befasst sich mit abstrakten Eigenschaften des Sprachlauts. Diese bieten eine Erklärung dafür, wie die Sprecher einer Sprache sich verstehen. (Kapitel 6).

In diesem Kapitel werden die Grundbegriffe der artikulatorischen Phonetik erörtert.

2 Die Sprechwerkzeuge

An der Erzeugung der Sprechlaute sind folgende Organe beteiligt: die Lunge, die Luftröhre, der Kehlkopf, der Rachen, der Mund und die Nase. Nach ihrer Funktion beim Sprechen sind diese Organe in drei Gruppen zu unterteilen, nämlich:

die Organe für die Atmung (die Lunge und die Luftröhre); Die Atmungsluft ist die Energiequelle für die Erzeugung der Sprechlaute. Beim Atmen ist dieser Luftstrom fast unhörbar, beim Sprechen wird der Luftstrom aber hörbar gemacht;

das Organ für die Stimmbildung (nämlich der Kehlkopf); und

1

2 Kapitel 1

die Organe für die Artikulation (Rachen-, Mund- und Nasenhöhle, die zusammen als ‚das Ansatzrohr‘ bezeichnet werden). Das Ansatzrohr und der Kehlkopf sind schematisch in Figur 1 dargestellt:

und der Kehlkopf sind schematisch in Figur 1 dargestellt: Figur 1: das Ansatzrohr 1. die Luftröhre

Figur 1: das Ansatzrohr

1. die Luftröhre

2. der Rachen

3. der Mund

4. die Nasenhöhle

5. der Kehlkopf

6. die Zunge

7. der Gaumen

Die Bewegung der Organe im Ansatzrohr zur Erzeugung der Sprechlaute heißt Artikulation; Zunge und Lippen sind die wichtigsten beweglichen Artikulatoren.

2.1 Die Lunge

Beim Sprechen wird der Atemstrom aus der Lunge reguliert, um den geeigneten Atemdruck zu erzeugen. Der Atemdruck wird benötigt, um im Kehlkopf den Stimmton zu bilden und im Ansatzrohr Geräusch zu erzeugen. Außerdem wird die Lautstärke durch den Atemdruck variiert. Die Lunge funktioniert ähnlich wie ein Blasebalg, denn das Ein- und Ausatmen erfolgt nicht durch selbständige Tätigkeit der Lunge, sondern durch äußere Einwirkung. Beim Einatmen heben sich die Rippen, die zusammen den Brustkorb bilden, und das Zwerchfell (Diaphragma), der untere Abschluss des Brustkorbs, senkt sich. Das Volumen der Lunge wird dadurch nach zwei Seiten hin erweitert und es wird Luft eingesogen. Die Ausatmung erfolgt durch Verkleinerung des Lungenvolumens, nämlich durch Anhebung des Zwerchfells und Senkung der Rippen. Bei Brustatmung erfolgt die Einatmung vor allem durch Hebung der Rippen, bei Bauchatmung vor allem durch Senkung des Zwerchfells.

Die Sprechorgane

3

2.2 Der Kehlkopf

Der Kehlkopf (die Larynx) oben an der Luftröhre lässt sich mit einem Ventil vergleichen, das geöffnet oder geschlossen werden kann. Beim Sprechen von stimmhaften Lauten wird der Luftstrom, der aus der Lunge kommt, im Kehlkopf in Schwingung versetzt. Dadurch entsteht der Stimmton.

2.2.1 Der Aufbau des Kehlkopfs

Der Kehlkopf ist ein aus Knorpeln aufgebauter Zylinder. Die Basis des Zylinders ist der Ringknorpel, der in den Figuren 2 und 3 durch a gekennzeichnet ist. Auf der Vorderseite des Ringknorpels steht der Schildknorpel oder Spannknorpel (b in den Figuren 2 und 3), der bei Männern als ‚Adamsapfel’ sichtbar ist. Der Schildknorpel ist beweglich und kann nach vorne kippen. Die gestrichelten Linien in Figur 2 geben die Stellung des nach vorne gekippten Schildknorpels wieder. Auf der Rückseite des Ringknorpels stehen symmetrisch zueinander die beiden ebenfalls beweglichen Stellknorpel (c in den Figuren 2 und 3).

beweglichen Stellknorpel ( c in den Figuren 2 und 3). Figur 2: Seitenansicht des Kehlkopfs Figur

Figur 2: Seitenansicht des Kehlkopfs

Figur 3: Obenansicht des Kehlkopfs

Im oberen Teil des Kehlkopfes befindet sich der Kehldeckel. Der Kehldeckel spielt beim Sprechen keine Rolle, wohl aber beim Schlucken. Die Wege für die Nahrungsaufnahme (die Speiseröhre) und Atmung (die Luftröhre) kreuzen sich, aber der Kehldeckel verschließt beim Schlucken den Kehlkopfeingang.

4 Kapitel 1

1. DIE STIMMLIPPEN

Im Kehlkopf befinden sich die Stimmlippen oder Stimmbänder, die in Figur 2 durch d gekennzeichnet sind. Es sind zwei lippenartige Muskelfalten. Jede der beiden Stimmlippen ist vorne mit dem Spannknorpel und hinten mit einem der Stellknorpel verbunden. Durch die Bewegungen des Schildknorpels und der Stellknorpel können sie gespannt oder entspannt werden; da die Stimmlippen Muskeln sind, können sie sich auch selber spannen und entspannen. Durch die Bewegungen der Stellknorpel können die Stimmlippen eine Öffnung oder einen Verschluss bilden. Die Öffnung zwischen den beiden Stimmlippen heißt Glottis oder Stimmritze.

2. DIE STELLUNGEN DER STIMMLIPPEN

In den Figuren 4 bis 6 ist der Kehlkopf im Querschnitt von oben dargestellt.

bis 6 ist der Kehlkopf im Querschnitt von oben dargestellt. Figur 4: Atemstellung Figur 5: Stimmstellung

Figur 4: Atemstellung

im Querschnitt von oben dargestellt. Figur 4: Atemstellung Figur 5: Stimmstellung Die neutrale oder Ruhelage der

Figur 5: Stimmstellung

Die neutrale oder Ruhelage der Stimmlippen erlaubt freien Durchgang des Luftstroms beim Atmen. Dies ist auch die Stellung bei der Artikulation der stimmlosen Konsonanten, z.B. [ ] und [ ]. Wenn die Glottis etwas verengt wird, entsteht der Hauchlaut [ ] (hier, daheim)

Bei der Stimmstellung (oder ‚Phonationsstel- lung‘) berühren die Stimmlippen sich leicht. Der Luftstrom aus der Lunge versetzt die Stimmlippen in eine regelmäßige Vibration und die Luft übernimmt die Vibrationsfrequenz der Stimmlippen. Die Vibration ist spürbar, wenn man beim Sprechen von stimmhaften Lauten den Schildknorpel (den ‚Adamsapfel‘) berührt. Alle Vokale (z.B. [ ]) und die stimmhaften Kon- sonanten (z.B. [ ] und [ ]) werden mit ‚Stimm- ton‘ (oder ‚Stimme‘) gesprochen.

Die Sprechorgane

5

Die Sprechorgane 5 Figur 6: Flüsterstellung 2.2.2 Der Stimmton Bei der Flüsterstellung ist nur der hintere

Figur 6: Flüsterstellung

2.2.2 Der Stimmton

Bei der Flüsterstellung ist nur der hintere Teil der Glottis bei den Stellknorpeln geöffnet. Die Stimmlippen können nicht schwingen, aber der Luftstrom verursacht ein leichtes Geräusch, das als Stimmtonersatz beim Flüstern die Bildung von Vokalen ermöglicht.

1. DIE STIMMBILDUNG

Bei der Stimmbildung (‚Phonation‘) stehen Stellung und Spannung der Stimm- lippen sowie der Atemdruck in einem solchen Verhältnis zueinander, dass die Glottis in schneller Folge abwechselnd geöffnet und wieder geschlossen wird. Jedes Mal, wenn die Glottis durch den Atemdruck geöffnet wird, wird ein Luft- pfropfen in das Ansatzrohr geschleudert. Die so entstehende Vibration der Luft ist der Stimmton. Je nach Stimmhöhe wiederholt sich das Öffnen oder Schließen der Glottis zwischen etwa 100 und etwa 1000 mal pro Sekunde, d.h., mit einer Frequenz, die zwischen etwa 100 Hertz für eine sehr tiefe Stimme und 1000 Hertz für eine sehr hohe Singstimme liegt.

Ein vergleichbarer Vorgang liegt vor, wenn man den Mund schließt und durch die nicht zu fest verschlossenen Lippen bläst: brrr.

2. DIE TONHÖHE

Die Tonhöhe wird durch die Spannung der Stimmlippen variiert: je größer die Spannung, je höher die Stimme. Größere Spannung erfolgt:

durch Dehnung der Stimmlippen. Die Dehnung wird durch das Verlagern des Schildknorpels oder der Stellknorpel bewirkt;

durch Zusammenziehen der Stimmlippen.

Die Unterschiede in der Stimmhöhe zwischen Männern und Frauen beruhen auf der unterschiedlichen Länge der Stimmlippen: Die Stimmlippen sind bei Frauen 1,7 bis 2 cm lang, bei Männern 2 bis 2,4 cm. Der Stimmwechsel (die Mutation) bei Knaben wird durch das rasche Wachsen des Kehlkopfes und der Stimmlippen in der Pubertät verursacht. Der Stimmton liegt nach der Mutation etwa eine Oktave niedriger als vorher. Bei Mädchen verläuft dieser Prozess langsamer und ist die Zunahme des Umfangs auch viel geringer.

6 Kapitel 1

2.3 Das Ansatzrohr

Rachen-, Mund- und Nasenhöhle bilden das Ansatzrohr, den Resonanzraum für den Stimmton. Oberhalb des Rachens liegen Mund- und Nasenhöhle, die durch den Gaumen (das Palatum) voneinander getrennt sind. Der hintere Teil des Gaumens heißt ‚Gaumensegel‘, ‚weicher Gaumen‘ oder ‚Velum‘. Das Gaumensegel ist beweglich: Beim Atmen hängt es herunter; es kann sich aber auch heben und so die Nasenhöhle abschließen, wodurch der Stimmton nur in Rachen- und Mundhöhle resoniert. Beim Sprechen der meisten Sprechlaute, der ‚oralen Sprechlaute‘, ist die Nasenhöhle durch das Gaumensegel abgeschlossen (Figuren 9 und 11); bei der Bildung von Nasallauten bleibt das Gaumensegel gesenkt, wodurch die Nasenhöhle als Resonanzraum funktioniert (Figur 8) oder mitfunktioniert (Figur 10). Nasallaute sind die Nasalkonsonanten [ ], [ ] und [ ] (im Wort Meinung) und die Nasalvokale, die in französischen und friesischen Wörtern vorkommen (z.B. Chanson; Fryslân).

Wörtern vorkommen (z.B. Ch a ns o n ; Fryslân ). Figur 7: [ ] (oral)

Figur 7: [ ] (oral)

(z.B. Ch a ns o n ; Fryslân ). Figur 7: [ ] (oral) Figur 8:

Figur 8: [ ] (nasal)

). Figur 7: [ ] (oral) Figur 8: [ ] (nasal) Figur 9: [ ] (oral)
). Figur 7: [ ] (oral) Figur 8: [ ] (nasal) Figur 9: [ ] (oral)

Figur 9: [ ] (oral)

Die Entfernung zwischen den Stimmbändern und den Lippen beträgt im Durch- schnitt 17 cm. Veränderungen des Ansatzrohrs haben wesentliche Veränderungen in der Lautqualität zur Folge: Wenn man die Lippen vorstülpt und rundet, wird das Ansatzrohr verlängert und kommt ein u-ähnlicher Laut zustande; wenn man die Lippen spreizt und die Mundwinkel zurückzieht, wird das Ansatzrohr verkürzt und entsteht ein i-ähnlicher Laut; wenn man den Mund möglichst weit aufmacht, hört man einen a-Laut. Die Gestalt des Ansatzrohrs wird jedoch nicht nur durch die Lippenstellung und Mundöffnung, sondern vor allem durch die Zungenstellung be- dingt. Die Zunge ist an der Bildung aller Vokale und vieler Konsonanten beteiligt. In Figur 11 auf Seite 7 werden noch einmal die verschiedenen Organe des Ansatz- rohrs schematisch dargestellt.

Figur 10: [ ] (nasaliert)

Die Sprechorgane

7

Die Sprechorgane 7 Figur 11: Einteilung des Ansatzrohrs Organbezeichnung Adjektiv 1 die Luftröhre (die Trachea)

Figur 11: Einteilung des Ansatzrohrs

Organbezeichnung

Adjektiv

1

die Luftröhre (die Trachea)

2

der Rachen (der Pharynx)

3

die Mundhöhle (Cavum oris)

oral

4

die Nasenhöhle (Cavum nasi)

nasal

5

der Kehlkopf (der Larynx) mit Stimmlippen und Glottis

laryngal, glottal

5a

der Schildknorpel (die Cartilago thyroidea)

6

die Zunge (die Lingua)

lingual

6a

die Zungenspitze (der Apex)

apikal

6b das Zungenblatt (der vordere Zungenrücken, die Korona)

koronal

6c

der Zungenrücken (das Dorsum)

dorsal

7a

der harte Gaumen (das Palatum)

palatal

7b der weiche Gaumen (das Gaumensegel, das Velum)

velar

8 die Lippen (Labia)

labial

9 die Zähne (Dentes)

dental

10 der Zahndamm (Alveolen)

alveolar

11 das Halszäpfchen (die Uvula)

uvular

12 der Kehldeckel (die Epiglottis)

13 die Speiseröhre (der Ösophagus)

14 der Gaumenknochen (das Os palatinum)

palatal

15 der Kieferknochen Unterkiefer (die Mandibula) und Oberkiefer (die Maxilla)

8 Kapitel 1

Übungsfragen

1. Aus welchen Hohlräumen setzt sich das Ansatzrohr zusammen?

2. Was ist Artikulation?

3. Was ist Stimmton und welche Laute werden stimmhaft gesprochen?

4. Aus welchen Teilen ist der Kehlkopf aufgebaut? Welche Funktion(en) haben die einzelnen Teile?

5. Wie funktionieren Brust- und Bauchatmung?

6. Wie werden Nasalkonsonanten gebildet?

2 Orthografie und Aussprache

Sprache kann auf verschiedene Weisen in Schrift umgesetzt werden. Einige Sprachen, z.B. das Altägyptische und das Chinesische, besitzen eine Schrift, in der ganze Wörter durch nur ein Schriftzeichen wiedergegeben werden. Diese Schrift heißt Wortschrift (Logografie), sie hat oft die Form einer Bilderschrift (auch piktografische Schrift genannt). In der Wortschrift braucht man für jedes Wort ein anderes Zeichen, wodurch diese Sprachen sehr viele Schriftzeichen benötigen: Das Chinesische hat eine Wortschrift mit etwa 20.000 Zeichen, von denen im täglichen Gebrauch immerhin 2.000 bis 5.000 verwendet werden. Das Niederländische und das Deutsche haben wie die meisten Sprachen eine Schrift, in der die Schriftzeichen Laute repräsentieren. Da die Anzahl der Sprach- laute 1 nicht sehr groß ist, kommt man mit verhältnismäßig wenig Schriftzeichen aus: Das Alphabet des Niederländischen umfasst 26 Zeichen, das deutsche Alphabet hat mit den extra Buchstaben »ä«, »ö«, »ü« und »ß» 30 Zeichen.

1 Entsprechungen zwischen Orthografie und Aussprache

Die Orthografie (oder ‚Rechtschreibung‘) ist eine gesellschaftliche Konvention, sie kann sogar gesetzlich festgelegt sein, wie z.B. auch die Regeln für den Straßenverkehr. Die niederländische und die deutsche Orthographie haben eine gesetzliche Basis, die englische Orthographie nicht. Konventionen, die von Millionen von Menschen gelernt und tagein tagaus befolgt werden, lassen sich nicht leicht ändern. Rechtschreibreformen führen meistens zu heftigen Polemiken und gesellschaftlichem Widerstand und werden aus diesem Grund nur selten durchgeführt. Rechtschreibungen vieler Sprachen muten deshalb veraltet, konservativ an, denn die Rechtschreibung nimmt häufig keine Rücksicht darauf, dass eine Sprache sich im Laufe der Zeit geändert haben kann. Einige Beispiele:

Das ndl. wassen entstand aus germanisch waskan und wurde früher wasschen geschrieben, also mit vier Buchstaben (»ssch«), die einen einzigen Laut wiedergeben! Jetzt werden für die Wiedergabe dieses Lauts nur noch ein oder zwei Buchstaben ein- gesetzt: was – wassen. Im Deutschen wird waschen geschrieben und mit einem „breiten Zischlaut“ gesprochen: Dieser eine Laut wird also durch drei Buchstaben (»sch«) wiedergegeben;

Vergleiche auch ndl. saksisch und typisch, bei denen das -isch-Suffix sich aus germanisch -iska entwickelte: Hier wird noch heute die Schreibung -isch beibehalten, obwohl wenig dagegen spricht die Schreibung dieser Wörter zu saksies und tiepies zu vereinfachen;

1 Siehe Kapitel 6 für die Erörterung der Begriffe ‚Sprachlaut‘ und ‚Sprechlaut‘.

9

10 Kapitel 2

Im heutigen Niederländisch werden die Wörter reizen und rijzen gleich ausgesprochen, die unterschiedliche Schreibung dieser Wörter reflektiert ihre unterschiedliche Aus- sprache in der Vergangenheit.

In der Orthografie konkurrieren zwei Prinzipien, nämlich das ‚phonologische‘ und das ‚morphologische Prinzip‘. Das Prinzip der phonologischen Rechtschreibung beinhaltet, dass es für jeden Sprachlaut ein Zeichen gibt und dass jedes Zeichen einen Sprachlaut wiedergibt. Dieses Prinzip ist in keiner Sprache konsequent durchgeführt. Konsequente Anwendung des phonologischen Prinzips hätte zur Folge, dass man verschiedene Formen eines Wortes unterschiedlich schreiben müsste. Die Wörter Kind und Mann sollten nach dem phonologischen Prinzip in ihren Ableitungen etwa folgendermaßen geschrieben werden: Kint – Kinder, kintlich – kindisch und Mann – mennlich, Menner. Man gibt so den lautlichen Unterschied zwischen den Formen dieser Wörter zwar orthografisch wieder, aber der Zusammenhang zwischen diesen Formen geht, zumindest optisch, verloren. Wenn dieser Zusammenhang orthografisch beibehalten wird, dann gilt das morphologische Prinzip. Das morphologische Prinzip beinhaltet, dass die Basisform eines Wortes in allen Deklinationsformen und Ableitungen gleich geschrieben wird. Das Deutsche wendet dieses Prinzip ziemlich konsequent an und schreibt deshalb Kind, Kinder, kindlich, kindisch, bzw. Mann, männlich, nner.

Im Niederländischen wird das phonologische Prinzip noch in einigen Fällen beibehalten, z.B. in den Formen des Substantivs schaap: schaap – schapen; die frühere Doppel- schreibung des Vokals in der letzten Form (schaapen) wurde bei einer Orthografiereform aufgegeben. Auch bei einigen Konsonanten wird der lautliche Unterschied in der Orthografie zum Ausdruck gebracht: ik reis – wij reizen; ik geef – wij geven, usw.

In mittelhochdeutschen Handschriften wurde das phonologische Prinzip vorrangig über dem morphologischen Prinzip hantiert. Der Plural des Wortes hant wurde hende geschrieben. Später führte man statt des »e« im Plural das Zeichen »ä« ein, um die morphologische Zusammengehörigkeit in der Rechtschreibung auszudrücken: Hand – Hände. Bei behände allerdings wurde diese Korrektur zunächst nicht vorgenommen, da man den Zusammenhang mit Hand nicht erkannte, man schrieb deshalb behende. Seit der letzten Orthografiereform wird auch dieses Wort mit »ä« geschrieben: behände. Wörter, in denen »e« als Zeichen für den Umlaut (also statt »ä«) auch jetzt noch vorkommt, sind Eltern neben alt, fertig neben Fahrt und der Eigenname Becker neben Bäcker.

Manchmal sind zwei Schreibungen möglich: Die Form aufwendig verbindet das Adjektiv mit dem Verb aufwenden, aufwändig mit dem Substantiv Aufwand.

Das Niederländische kennt zwar die historische Erscheinung des Umlauts, nicht aber Umlautszeichen wie »ä« und »ö«, vgl. lang–lengte, handig–behendig, stand–bestendig, bedlegerig (vgl. bettlägerig); spoor–speuren.

Auch in den folgenden Fällen wird das phonologische Prinzip durchbrochen:

a. ein Laut oder eine Lautverbindung wird oft durch verschiedene Buchstaben oder Buchstabenfolgen wiedergegeben, z.B. 2 :

– die Lautverbindung [ ] durch die Buchstaben »z« (zu), »t« (Nation) und »c« (Celle) und durch die Buchstabenfolge »tz« (setzen);

2 Die Zeichen des phonetischen Alphabets (siehe unten) werden zwischen eckigen Klammern geschrieben, z.B. [ ]; das Schriftzeichen der Schreibsprache wird mit Anführungshäkchen notiert, z.B. »z«.

Orthografie und Aussprache

11

– der Laut [ ] durch den Buchstaben »i« (Stil) und durch die Buchstabenfolgen »ih« (ihr) und »ie« (mies).

b. ein Buchstabe (bzw. eine Buchstabenfolge) repräsentiert mehrere Laute:

– Der Buchstabe »s« steht für die Laute [ ] (das); [ ] (Saal) und [ ] (stellen);

– Der Buchstabe »e« steht für die Laute [ ] (Mehl); [ ] (Bett); [ ] (Kühe);

– Die Buchstabenfolge »ch« steht für die Laute [ ] (lachen); [ ] (nicht) und [ ] (Chaos) und für die Lautverbindung [ ] (Macho).

Ähnliches kann man beim Vergleich zweier oder mehrerer Sprachen feststellen. Beispiele:

a. ein Laut wird durch mehrere Buchstaben(folgen) wiedergegeben, z.B.:

– der Laut [ ] durch »eu« (ndl. meubel), »ö« (dt. bel) und »Ø« (dänisch mØbel);

– der Laut [ ] durch »sch« (dt. Schande), »sh« (engl. shame), »ch« (franz. chambre).

b. ein Buchstabe oder eine Buchstabenfolge repräsentiert mehrere Laute:

– »z« steht für [ ] (dt. Zug) und für [ ] (ndl. zeug);

– »a« steht für [ ] (ndl. tafel) und für [ ] (engl. table).

Die Zahl der Beispiele ließe sich beliebig vergrößern, aber diese wenigen Beispiele zeigen schon deutlich, dass es eine 1:1-Entsprechung zwischen Aussprache und Orthografie nicht gibt.

2 Phonetische Transkriptionszeichen

In der Phonetik hat man sich auf ein Alphabet geeinigt, mit dem die Laute aller Sprachen einheitlich wiedergegeben werden können. Dies ist das „Internationale Phonetische Alphabet“, das gewöhnlich mit dem Akronym IPA bezeichnet wird. Das IPA ist größtenteils mit dem uns vertrauten lateinischen Alphabet identisch, aber da dieses Alphabet zu wenig Zeichen enthält, wurde es um einige Schrift- zeichen erweitert. Insgesamt umfasst das IPA gut 100 Zeichen, von denen etwa 40 für die Beschreibung deutscher und niederländischer Laute benötigt werden. Die Schriftzeichen werden außerdem um so genannte ‚diakritische Zeichen‘ ergänzt, wodurch Laute, die trotz geringer Unterschiede offensichtlich zusammengehören, einheitlich gekennzeichnet werden können; z.B. unterscheidet das diakritische Zeichen [ ] ein langes [ ] von einem kurzen [ ], usw. Das IPA 3 enthält folgende für das Deutsche und das Niederländische wichtige Zeichen:

3 In der Übersicht zeigen einige Zeichen geringfügige Abweichungen gegenüber dem IPA.

12 Kapitel 2

1. VOKALE

a. Einfache Vokale (Monophthonge)

IPA-Zeichen:

Deutsch:

Transkription:

Niederländisch 4 :

[ ]

[

[

[

[

[

[

[

[

[

[

[

[

[

[

]

]

]

]

]

]

]

]

]

]

]

]

]

Bier, riet

Ritt

r

ttern

fuhr

Mutter

leben

Bett

Möbel

öffentlich

Beginn

Boot

Glocke

Paar

Kanne

[

],

[

]

[ ] ] " $ % &

[

[

[

[

[

[

[

[

[

[

[

[

[

[

]

]

]

]

]

]

]

]

]

!

!

#

$

%

&

]

]

]

]

]

bier 5 , ried, [ ] rit

vuur 5 , fuut [ ] – voe[ ]r, moe[ ]der – leven [ ] bed meubel [ ] freu[ ]le begin put [ # " ] boot [ $ ] klok paar 5 kan

b. Zwielaute (Diphthonge)

Deutsch:

 

Niederländisch:

 

[

[

%

]

]

klein

Häuser

[

[

]

]

klein

huizen

%

 

[

$

]

rau

[

]

rauw

2. KONSONANTEN

 

IPA-Zeichen:

(Seite:)

Deutsch:

Niederländisch:

[

[

[

]

]

]

Berg

 

berg

#

Peter

Peter

'

Deich

dijk

[ ]

Tau

 

touw

[

!]

Garten

goal

[

]

Kohle

kool

[

(]

(S. 52)

be[ (]obachten

ver[ (]assen

[

]

Mensch

mens

[

]

nehmen

nemen

[

)

]

Rang, Bank

rang, bank

4 Die niederländischen Beispiele können in der Aussprache geringe Abweichungen gegenüber den deutschen aufweisen. Auf diese Unterschiede wird in Kapitel 3 eingegangen.

5 Die Langvokale [ ], [ ], [ ] und [ ] findet man im Niederländischen nur vor / *.

Orthografie und Aussprache

13

[ +] ‚Zäpfchen-R‘

(S. 55)

rot

rood

[ ] ‚Zungenspitzen-R‘ (S.

55)

rot

rood

[ ] vokalisches R 6

[

[

[

[

[

[

]

]

]

]

]

(S. 56)

(S. 60ff.)

Mutter [ ]

[ ] ,]

laden wohnen Fest reisen Eis Gendarm

laden wonen feest reizen ijs gendarme

[ - ] [ ] ‚Ichlaut‘

schön [ ] jagen Stich

(sj[ - ]ouwen) jagen –

[

.

]

(S. 60f.)

zag[ . ]en

[ ] ‚Achlaut‘

(S. 60f.)

Bach

Bach

[

/

]

hart

hard

3. DIAKRITISCHE ZEICHEN

[ ] [ ] [~]

[

] oder [˘]

Länge bei Vokalen: Saal [ & ] Halbe Länge bei Vokalen: Motto [ % $ ] (die Tilde) Nasalierung bei Vokalen in Fremdwörtern: Chanson

[

Unsilbigkeit bei Halbvokalen: Nation [ & 1 2$ ] (Das Zeichen

steht über oder unter dem Vokal.) Unsilbigkeit heißt, dass das Wort Nation zwar drei Vokale zählt, aber nur zwei Silben, denn der Halbvokal [ 2] bildet keine Silbe!

01

0

$

]

[ ] oder [ 3455Stimmtonverlust, u.a. bei [ ], [ ' ], [ !3], [ ], [ ]: Aufbau [ $ $ ]

(Das Zeichen steht über oder unter dem Konsonanten.)

[

6]

Konsonant als Silbenträger: backen [ )6], Atem [ 65]

[

1/

7]

Haupt- [ 1] und Nebenakzent [ 7] im Wort: leben [ 1 ], Hohepriester [ 7/ $ 1# ] (Das Zeichen steht vor der akzentuierten Silbe.)

[

558]

 

Unterstreichung verzeichnet Halboffenheit bei den Vokalen [ 8 ],

[

8

],

[

8

$

].

[

55]

Vokalverbindung in Diphthongen: aus [a

$ ]. Das Zeichen kann

[ 9 ]

 

auch, spiegelbildlich, unter dem Diphthong stehen. Reduktion bei Konsonanten. Wenn zwei gleiche Konsonanten aufeinander stoßen, wird ein verlängerter Konsonant realisiert:

Schifffahrt [ 9 & ], Russisch sprechen [ 9 # ].

6 Das vokalische R erscheint hier als Variante von [ + / ], obwohl es eigentlich ein Vokal ist.

14 Kapitel 2

Übungsfragen

1 Was spricht dafür, dass die Rechtschreibung staatlich reguliert wird? Was spricht dagegen?

2 Welche Vorteile haben Rechtschreibreformen. Welche Nachteile?

3 Die deutsche Orthografie wurde 1901 zum ersten Mal geregelt, erst 1996, also fast hundert Jahre später folgte die erste Reform. Welche Gründe kann es für diesen großen zeitlichen Abstand geben?

4 Weshalb ist eine Rechtschreibreform des Englischen fast undenkbar?

5 Bei manchen Buchstaben gibt es eine klare Entsprechung zu einem oder mehreren Sprechlauten, zum Beispiel bei den Buchstaben »a« (ganz, gar) und »s« (Saal, las). Einige Buchstaben sind in dieser Hinsicht weniger eindeutig, so vor allem »c« und »q«. Der Buchstabe »c« kommt in den Verbindungen »ch« (lachen, Chrom, Macho) und »sch« (schön) vor und bezeichnet für sich stehend die Laute [ ] (Café, Clausewitz, Code) und [ ] (Cincinatti, forcieren) und die Lautverbindungen [ ] (Ceylon) und [ ] (Cello), mit anderen Worten:

Es gibt keinen Laut der nur durch »c« wiedergegeben wird. Wie ist das bei dem Buchstaben »q«?

6 Im Internet findet man an verschiedenen Stellen eine komplette Übersicht von den IPA-Zeichen. Suchen Sie nach einer Adresse. Welcher Laut wird mit dem Zeichen [ : ] notiert? Welches Zeichen wird für den bilabialen Click benutzt und wie klingt dieser Laut?

7 Geben Sie Beispiele für logografische Zeichen im Deutschen.

4 Assimilation

In Kapitel 3 wurden die Sprechlaute größtenteils so behandelt, wie sie artikuliert werden, wenn man sie einzeln aussprechen würde. Normalerweise werden Sprechlaute aber nur in größeren Zusammenhängen, also in Wörtern und Sätzen gesprochen und in solchen größeren Einheiten passen Laute sich anderen Lauten häufig mehr oder weniger an. Diese Anpassungs- oder Angleichungs- erscheinungen heißen ‚Assimilation‘ oder ‚Koartikulation‘. Assimilationen kommen vor, wenn beim Sprechen die einzelnen Laute einander angeglichen werden. Durch die Angleichung werden artikulatorische Merkmale einzelner Laute entweder geändert oder nicht alle realisiert, so dass die Artikulation vereinfacht wird. Assimilation ist also eine lautliche Angleichung, die durch benachbarte Laute verursacht wird.

1 Einige Assimilationserscheinungen

Im Folgenden werden einige häufig vorkommende Assimilationen beschrieben.

1. LATERALE VERSCHLUSSLÖSUNG

In den Verbindungen [ ] und [ ] wird der Verschluss der Explosivlaute [ ] und [ ] nicht an den Alveolen, sondern an den Rändern der Zunge, also lateral (‚seitlich‘) gelöst. Der Abglitt des Explosivlauts, die Explosion, erfolgt erst bei der Haltephase des [ ]. In [ ] und [ ] unterbleiben also der Abglitt von [ ] und [ ] und der Anglitt von [ ]. Durch diese Angleichung sind die beiden Laute un- trennbar verschmolzen und deshalb ist Aspiration von [ ] nicht möglich. Beispiele: Wandlung, Adler mit [ ] ([ ], [ ]) und festlich, redlich mit [ ]. Die gepflegte Umgangssprache wird unter lautlichem Gesichtspunkt auch ‚Umgangslautung‘ genannt und so von der ‚Standardlautung‘ der Hochsprache abgegrenzt. In der Umgangslautung kann [ ] silbisch gebraucht werden: [ ]: Eifel, [ ], Gabel, Schenkel, Spiegel. Wenn dem [ ] ein [ ] oder [ ] vorangeht, entsteht laterale Verschlusslösung: Pudel [ ], Dirndl, Zettel, eitel. Niederländische Beispiele für die Verbindung [ ] sind kantlijn und landloper. Die Verbindung [ ] kommt im Niederländischen nicht vor, eventuell wird ein [ ] ein- gefügt (adelaar, wandeling), Niederländer haben deshalb die Neigung Wörter wie Wandlung und Adler mit [ ] statt [ ] zu sprechen.

71

72

Kapitel 4

2.

FAUKALE VERSCHLUSSLÖSUNG

In den Verbindungen [ ], [ ] und [ ] wird der Verschluss des Explosivlauts unter Einfluss des nachfolgenden Nasals durch das Senken des Gaumensegels faukal-nasal gelöst: Der Abglitt des ersten Konsonanten und der Anglitt des zwei- ten fallen aus. Beispiele: Ethnologie, Redner, Abmachung. Im Niederländischen findet sich diese Assimilation bei [ ] und [ ] in z.B. Etna und opmaken. Die Lautfolge [ ] kommt im Niederländischen nicht vor: Niederländer haben deshalb die Neigung Wörter wie Ordnung [ ] und Redner [ ] mit [ ] statt [ ] zu sprechen. In der Umgangslautung kann das [ ] der Endsilbe -en nach den Explosivlauten [ ], [ ], [ ] und [ ], [ ], [ ] ausfallen und das [ ] an den vorangehenden Explosiv- laut angeglichen werden, wodurch faukale Verschlusslösung entsteht. In diesen Fällen ist der Nasalkonsonant silbisch: Dies wird durch das diakritische Zeichen [ ] oder [ ] angegeben. Beispiele:

Nach den bilabialen Explosivlauten [ ] und [ ] wird -en zum bilabialen [ ] assimiliert: foppen [ ], haben [ ]. Die Form [ ] wird dialektal weiter reduziert zu [ ], vgl. auch Abend [ ].

Nach den velaren Explosivlauten [ ] und [ ] wird [ ] gesprochen: sagen [ ], locken [ ];

Nach den alveolaren Explosivlauten [ ] und [ ] bleibt [ ] folgerichtig alveolar:

leiden [ ], hüten [ ! ]. Die faukale Verschlusslösung des Explosivlauts vor -en ist typisch fürs Nieder- deutsche, in der Umgangslautung gilt sie als erlaubte Realisierung, in der Standardlautung darf sie nicht vorkommen. Im niederländischen Sprachgebiet ist diese Assimilation in Dialekten im Norden (Groningen) und im Osten (Twente) zu beobachten; in der niederländischen Standardlautung wird eher das [ ] der Endung -en weggelassen: drinken [ E ].

3. DEHNUNG DES NASALS

Wenn im Deutschen der Endung -en ein Nasal vorangeht, wird beim Ausfall des [ ] das [ ] der Endung -en an den vorangehenden Nasal angeglichen. Es entsteht dann im Wortauslaut ein gedehnter Nasalkonsonant. Beispiele: dienen [ " ], formen [ ], hängen [ # ]. Auch diese Assimilation kommt im deutschen Sprachgebiet nur im Norden vor und in den Niederlanden im Norden (Groningen) und im Osten (Twente). In der deutschen Standardlautung soll diese Nasal- dehnung unterbleiben.

4. ASSIMILATION IM SANDHI (‚BINDUNG‘)

Sandhi- oder Bindungserscheinungen sind die lautlichen Vorgänge, die bei der Verbindung von zwei Wörtern oder Morphemen auftreten können. An der Wort-

Assimilation

73

oder Morphemgrenze können allerlei lautliche Erscheinungen vorkommen, nicht nur Assimilationen. Einige Beispiele für Sandhi sind:

a. Velarisierung von [ ] zu [ ] Ein vor den velaren Konsonanten [ ] und [ ] vorkommendes [ ] kann leicht zu einem velaren [ ] assimilieren. Man nennt diese Erscheinung Velarisierung von [ ] zu [ ]. Velarisierung von [ ] zu [ ] im Sandhi kommt in der deutschen Standardlautung nur in der Silbe kon- vor [ ] und [ ] vor (Kongress, Kongruenz, konkret, Konkurs); in diesem Fall sind [ ] und [ ] in der Standard- lautung gleichermaßen zulässig (Kongress [ #$] oder [ #$]). In allen anderen Fällen, wo [ ] in Zusammensetzungen vor [ ] oder [ ] erscheint, wird im Deutschen nicht velarisiert: unglücklich, unklar, ankommen, angreifen und einkaufen sind also immer mit [ ] zu sprechen! Im Niederländischen ist Velarisierung von [ ] zu [ ] vor [ ] in allen Fällen üblich (onklaar, konkaaf, inkopen, een kaas). In der deutschen Umgangslautung wird nach den velaren Explosivlauten [ ] und [ ] -en als [ ] gesprochen: sagen [ ], locken [ ].

b. Labialisierung von [ ] zu [ ] Vor den Bilabialen [ ], [ ] und [ ] kann der alveolare Nasal [ ] zum bi- labialen Nasal [ ] assimilieren. Man nennt dies Labialisierung von [ ] zu [ ]. Im Niederländischen sind der Labialisierung kaum Beschränkungen gesetzt:

onpassend [ $ ] (vgl. [ $ ] unpassend), aanbevelen [ ], een bal [ ], inmengen [E # ], onmiddellijk [% E ]. Diese Labialisierung kommt im Deutschen in der Standardlautung nicht vor. In der Umgangslautung wird nach den bilabialen Explosivlauten [ ] und [ ] -en zum bilabialen [ ] assimiliert: foppen [ ], haben [ ].

c. Stimmtonassimilation im Sandhi Stimmlose Konsonanten werden mit größerer Energie und Spannung artikuliert als stimmhafte Konsonanten. Damit hängt auch die Aspiration der Tenues zusammen. Auf Grund dieses Unterschieds in der Artikulation werden die stimmlosen Konsonanten auch Fortes (‚Harte‘) genannt, während die entsprechenden stimmhaften Konsonanten Lenes (‚Weiche‘) genannt werden (s. Seite 46). Lenes werden durch Assimilation und beim Flüstern stimmlos realisiert, deshalb lassen sich die Explosivlaute und die Frikative in drei Gruppen einteilen: Fortes (stimmlos), stimmhafte Lenes und stimmlose Lenes. Lenes werden nur dann stimmlos realisiert, wenn ihnen ein stimmloser Laut direkt vorangeht: Man spricht dann von ‚stimmloser Bindung‘. Stimmlose Lenes werden durch das diakritische Zeichen [ ] gekennzeichnet. Umgekehrt kann aber auch eine Fortis durch eine nachfolgende stimmhafte Lenis stimm- haft (und lenis) werden: Man spricht dann von ‚stimmhafter Bindung‘. Das Deutsche hat nur die so genannte stimmlose Bindung: In Zusammen- setzungen und in Wortgruppen werden stimmhafte Lenes ([ ], [ ], [ ], [ ], [ ])

74 Kapitel 4

nach stimmlosen Konsonanten zu stimmlosen Lenes ([ ], [ ], [ &], [ ], [ ]).

Auch [ ], [ '(] und die Nasalkonsonanten [ ] und [ ] werden nach einem stimmlosen Konsonanten stimmlos realisiert. Stimmlose Bindung beeinflusst also alle stimmhaften Konsonanten. Beispiele: abbrechen [ #) ], abdrehen, Abgase, abmachen, abrupt, absondern, abwarten; fortbewegen, fortdauern, fortgehen, fortsetzen, fortwährend; wegbringen, wegdrehen, Weggang, weglegen, wegsetzen, Delinquent; aufbieten, aufdrehen, aufgabeln, aufnehmen, Aufsicht, aufwärts; ausbleiben, Ausdruck, Pressluft, Aussicht [ %$ *) ], Ausweis. Das Niederländische hat sowohl stimmhafte als stimmlose Bindung und verhält sich also beim Aufeinandertreffen von stimmhaften und stimmlosen Konsonanten anders als das Deutsche. Für den niederländischen Deutsch- studierenden tut sich dadurch eine richtige Fehlerquelle auf. Stimmlose Bindung kommt im Niederländischen vor bei den Frikativen ([ ] und [ ]), die nach stimmlosen Konsonanten ebenso wie im Deutschen stimmlos werden. Auch das [+] im Personalpronomen je und im Diminutivsuffix -je wird nach stimmlosen Konsonanten ohne Stimmton gesprochen. Beispiele: afwegen, opwaaien, handwarm, uitweg, waswater, lekwater; opzichter [ E, ], zandzak, zak zand, afzien, is ziek; wat lees je? kusje, tasje [ $+& ]. Stimmhafte Bindung kommt im Niederländischen bei den stimmhaften Explosivlauten [ ] und [ ] vor: [ ] und [ ] bewirken, dass ein vorangehender stimmloser Explosivlaut oder Frikativ (eine Fortis) zur stimmlosen oder sogar stimmhaften Lenis assimiliert wird. Stimmhafte Bindung kommt im Deutschen nicht vor. Dies zeigen die folgenden Beispielen, wo deutsche und nieder- ländische Wörter mit entsprechenden Konsonantenverbindungen kontrastierend nebeneinander geschrieben sind:

stimmlose Bindung:

altbacken [ ] Backbord [ ] Aufbruch [ ] lesbar [$ ] abdachen [ ] wegdrehen [ ] aufdrehen [ ] Ausdauer [$ ]

stimmhafte Bindung:

oudbakken [ ] bakboord [ ] afbraak [ ] leesbaar [ ] opdoen [ ] gek doen [ ] afdraaien [ ] huisdeur [ ]

Stimmlose Frikative werden im Niederländischen auch vor anderen Sprech- lauten als [ ] und [ ] stimmhaft, nämlich auch vor Vokalen, Nasalen, Liquiden und [-]: geef op, huisarts, zes uur, wijsneus, deugniet, huismus, huisraad, wandrek, afnemen, het is waar. Im Deutschen ist in vergleichbaren Fällen die stimmhafte Bindung ausgeschlossen: Haus[.]arzt, Ausn[$ ]ahme. Auch innerhalb von Wörtern und Morphemen zeigt sich dieses Phänomen beim Vergleich der Aussprache von deutscher und niederländischer Wörter,

Assimilation

75

z.B. in dem Wort Israel, ndl. [E # ], dt. [*$ ] oder [*$ # ]. Hier liegt also zwar nicht Bindung vor, aber die Assimilation ist die gleiche. Den Unterschied zwischen stimmhafter und stimmloser Bindung im Nieder- ländischen zeigen die Wortpaare:

stimmlose Bindung:

stimmhafte Bindung:

afzien

afdoen

uitzoeken

uitdoen

huiszoeking

huisdeur

Als wesentlicher Ausspracheunterschied zwischen dem Niederländischen und dem Deutschen kann festgestellt werden, dass das Niederländische sowohl stimmlose wie stimmhafte Bindung hat, während im Deutschen ausschließlich stimmlose Bindung vorkommt. Bei einer richtigen Aussprache des Deutschen sollen also folgende Wörter niemals mit stimmhafter Bindung gesprochen werden: Ausbeutung, Ausnutzung, Aufbau, Aussicht, aus dem, auf dem, Asbach, abdecken, Ausdauer, Abbild, Backbord, Aufbruch, lesbar, aufdecken, Ausdruck.

Im Westen der Niederlande (in der randstad) kommt stimmhafte Bindung oft weniger ausgeprägt vor als in dem übrigen Teil des niederländischen Sprachgebiets.

5. REDUKTION IM SANDHI

Wenn zwei Konsonanten in Zusammensetzungen oder in einer Wortgruppe aufeinander treffen, wird die Artikulation der beiden Laute vereinfacht. Da also nicht alle Merkmale der beiden Laute realisiert werden, führt dies zu einer Vereinfachung in der Artikulation. Diese Vereinfachung wird Reduktion genannt. Wir unterscheiden hier vier Fälle der Reduktion.

a. Zwei gleiche Konsonanten Beim Zusammentreffen von zwei gleichen Konsonanten wird die Hemmung nur einmal artikuliert und die Dauer verkürzt, wodurch Reduktion vorliegt. Beispiele sind: starb plötzlich [/ 0 1 $ *)], Schifffahrt [/* 0 2 ], fünf Fehler, Stück Kuchen, Rollladen [ 0 ], Nasallaut, zahm machen, mein Name [ 0 ], Krepppapier [ # 0 " 2], Schreibpapier, Misch sprache [ */0/ , ],wirr reden [ * 0 ], forttragen [ 0 ].

Wenn bei zweifachem r-Laut der erste nach Langvokalen vokalisiert wird, wird nicht redu- ziert: Fahrrad [ 2 ], vier Räder, der Rote [ 2 % ], wir reden [ " 2 ]. Auch bei den Vorsilben er-, ver- und zer- wird nicht reduziert: erröten [# 2 3 ], Verrat, zerreden. In manchen Fällen sollen einfache Explosivlaute von zwei aufeinandertreffenden Explosiv- lauten gut unterschieden werden. Es sind dabei zwei Fälle auseinanderzuhalten: Die einfachen Explosivlaute können am Wortanfang des zweiten Wortes oder aber im Wort- auslaut des ersten Wortes stehen. Vgl. dazu die zwei Wortpaare Falltür – Falttür und Nachtuhr – Nachttour. Im ersten Beispielpaar wird das [ ] in Fall(tür) länger angehalten als in Falt(tür), wo eher das [ ] verlängert wird; im zweiten Paar wird in Nachtuhr an der Morphemgrenze fester Einsatz gesprochen und wird in Nachttour das [ ] verlängert.

76

Kapitel 4

b.

Zwei Explosivlaute mit gleicher Artikulationsstelle Wenn zwei an gleicher Stelle gebildete (‚homorgane‘) Explosivlaute auf- einander treffen, werden Bildung und Sprengung des Verschlusses nur einmal realisiert. Der Verschluss kann aber länger angehalten werden als bei einfachen Explosivlauten. Beispiele für Reduktionen dieses Typs sind:

fortdrängen [ 0 # ], hast du [ $ 0 ]; schreib bitte; weggehen, Stückgut, Glück gehabt.

c.

Zwei Explosivlaute mit unterschiedlicher Artikulationsstelle Wenn zwei verschiedene Explosivlaute aufeinander treffen, fällt die Sprengung des ersten mit der Bildung des zweiten Verschlusses zusammen. Dadurch erfolgt die erste Verschlusssprengung geräuschlos. Beispiele für diesen Reduktionstypus sind: aktiv, abkriegen, obgleich, wegtun, Altpapier, haltbar, ist klar, hat Glück, Obduktion, wegdrehen, zog plötzlich, sag bitte.

d.

Totale Assimilation im Sandhi Eine noch weiter gehende Reduktion liegt vor, wenn im Sandhi Laute getilgt werden, z.B. in ndl. kunststuk (kunstuk), luchtje (luchje), lust je (lus je), nestje (nesje). Im Standarddeutschen sind solche Tilgungen nicht zulässig. Es heißt also [ $/ ] Eisschrank, nicht *[ / ], [ #$ / " ] Festspiel und nicht *[ #/ " ], [ $"2% ] Aktion und nicht *[ /% ], ein bisschen [ *$) ] und nicht ein *[ */ ], [ ] einmal und nicht *[ ]. Allerdings zeigen die Schreibungen selbständig und selbstständig, dass auch im Deutschen totale Assimilationen vorkommen.

6. METATHESIS

Metathesis oder Metathese ist eine Lautveränderung, die in der Umstellung eines Lautes oder die Vertauschung von Lauten innerhalb von Wörtern besteht. Beispiele für Metathese finden sich bei etymologisch verwandten Wörtern und Wortformen. Die Liquiden [ ] und besonders [ ] sind am meisten von der Meta- these betroffen. Beispiele für r-Metathesis: Born – Brunnen (ndl. bron); Brust – borst; Christ/Christian – kerstmis/kerstenen/Karsten/Kersten/Kirsten; Frosch – kikvors; vriezen/Forst – vorst; Furcht – vrees; Presse – pers; Ross – horse; Warze – wrat; brennen – to burn/Bernstein; dreschen – dorsen; trennen – tornen; to wrestle – worstelen; dreißig – dertig; frisch – vers; werk – gewrocht/doorwroch; bres – barst; ein Beispiel für l-Metathesis: Nadel – naald.

2 Einteilungskriterien der Assimilationserscheinungen

Assimilationserscheinungen lassen sich nach verschiedenen Kriterien einteilen:

 

Assimilation

77

1.

KONTAKT- UND FERNASSIMILATION

Kontaktassimilation liegt vor bei lautlichen Veränderungen, die durch das Zusammentreffen zweier Laute bedingt sind. Ein Beispiel für Kontakt- assimilation ist die Assimilierung von [ ] zu [ ] unter Einfluss des folgenden velaren [ ], z.B. in inkopen und Kongress. Gewöhnlich ist Assimilation immer Kontaktassimilation. Fernassimilation liegt vor, wenn eine assimilatorische Wirkung über andere Laute hinweg erfolgt. Fernassimilation kommt selten vor.

Als Fernassimilation ist die historische Erscheinung des i- oder j-Umlauts zu betrachten: In althochdeutscher Zeit setzte eine Entwicklung ein, wobei ein Vokal unter Einfluss eines folgenden i- oder j-Lauts palatalisiert wurde. Die Wirkung des i- oder j-Lauts erfolgte über dazwischenstehende Konsonanten hinweg. Vergleiche dazu im Neuhochdeutschen folgende Wortpaare: hand – behände, alt – Eltern, Frucht – Früchte, Maus – Mäuse. Bei den umgelauteten Formen kam ursprünglich ein ["] oder [+] im Flexionsmorphem vor.

2.

PROGRESSIVE, REGRESSIVE UND REZIPROKE ASSIMILATION

Bei progressiver Assimilation beeinflusst ein Laut einen folgenden Laut.

Progressive Assimilation gibt es in Wörtern wie Aufsicht [ % *)

], opzicht

[ E, ] und abdrehen [ ], in denen ein stimmhafter Konsonant unter Einfluss des vorangehenden stimmlosen Konsonanten stimmlos wird.

Bei regressiver Assimilation beeinflusst ein Laut einen vorangehenden Laut. Regressive Assimilation liegt z.B. vor in Wörtern mit stimmhafter Bindung wie afdraaien [ "4 ] und in Wörtern mit Velarisierung des [ ] wie Kongress [ #$] und konkret [ ]. Stimmlose Bindung ist immer progressiv, stimmhafte Bindung ist immer regressiv. Das Deutsche hat nur progressive, stimmlose Bindung, das Nieder- ländische hat außerdem regressive, stimmhafte Bindung.

Wenn zwei Laute einander gegenseitig beeinflussen, wird von reziproker Assimilation gesprochen. Beispiele für reziproke Assimilation sind u.a. die laterale Verschlusslösung in Handlung, festlich und die faukale Verschluss- lösung in abmachen, Ätna und Redner.

3.

TOTALE UND PARTIELLE ASSIMILATION

Bei totaler oder vollständiger Assimilation fällt ein Laut oder eine Lautfolge unter Einfluss vorangehender oder folgender Laute völlig aus. Die totale Assimilation in den Wörtern Hauptmann [ % ], Hauptbahnhof, Kunststück [ / 5 ] und Festspiel [ #/ " ] ist in der Umgangslautung akzeptabel. In Wörtern wie wäschst, zischst, am tückischsten wird die Schriftzeichenfolge »schst« als [/ ] gesprochen, das »s« der Endung -st wird also von dem [/] total assimiliert.

78 Kapitel 4

Im Niederländischen kommt totale Assimilation häufiger vor, z.B. in den Wörtern kunststof (kunstof),luchtje (luchje), restje (resje), kerststol (kerstol), sleepboot (sleeboot), opbod [ ] und lesschema [ #$, ]. Auch bei der falschen Aussprache von Häuschen, Eisschrank und Küsschen liegt eine totale, reziproke Beeinflussung vor: Die Laute [$] und [)] gleichen sich gegenseitig an, wodurch der Sprechlaut [/] entsteht: *[ 3/ ] statt [ 3$) ], *[ / ] statt [ $/ ], *[ 5/ ] statt [ 5$) ], [ $"2% ] Aktion und nicht *[ /% ], ein [ *$) ] bisschen und nicht ein *[ */ ], [ ] einmal und nicht *[ ]. Vor den Labiodentalen (u.a. [ ] und [ ]) und vor [ ], [ ], [ ], [s], [,] und [+] wird im Niederländischen [ ] häufig total reduziert, wobei der vorangehende

Vokal nasaliert wird: onfraai [%6 "4], onwijs [%6 # *$], onrustig [%6 7$ ,], onlust [%6 7$ ], onmens [%6 # $] (aber onmiddellijk [% E ]), ons [%6$], ongunstig

[%6,7 $ ,], onjuist [%6+1 !$ ]; aanvaren, eenvoud, enveloppe, invetten.

Ein besonderer Fall der totalen Assimilation liegt vor, wenn eine ganze Silbe verschwindet. Dieser Assimilationstypus, der mit dem Terminus ‚Haplologie‘ bezeichnet wird, lässt sich fast nur mit historischen Beispielen belegen, so etwa Elend (entstanden aus elilenti „außer Landes“), Kontrolle (contrerôle), Beamter (Beamteter), Viertel (das vierte Teil). Auch movierte Feminina zu Verbstämmen, die auf er enden, weisen Haplologie auf, so z.B. das Wort Wanderin: Zu erwarten wäre Wandererin als Ableitung von Wanderer. Auch in Bewunderin (Bewunderer), Einwanderin (Einwanderer), Eroberin (Eroberer), Förderin (Förderer), Plauderin (Plauderer), Ruderin (Ruderer), Wucherin (Wucherer), Zauberin (Zauberer) findet man erin statt ererin. Die Movierung zu Lehrer lautet Lehrerin, denn der Verbstamm endet nicht auf er (lehren).

Bei partieller Assimilation wird die Artikulation eines Lauts teilweise geändert durch Beeinflussung durch einen benachbarten Laut: aankomst (Velarisierung), input (Labialisierung), lesbar (stimmlose Bindung), leesbaar (stimmhafte Bindung).

4. ASSIMILATION VON ARTIKULATIONSSTELLE, ARTIKULATIONSART, STIMMTON UND DAUER

Durch vier Kriterien lassen sich die Assimilationen nach der Art der Einwirkung auf die Qualität oder Quantität eines Sprechlauts einteilen:

a. Assimilation der Artikulationsstelle liegt vor bei der Velarisierung von [ ] zu [ ] in inkopen und konkret: Die velare Artikulationsstelle des [ ] bewirkt hier die Änderung der Artikulationsstelle von [ ] von dental zu velar. Im Nieder- ländischen wird [ ] außerdem zu [ ] (bilabial) vor bilabialen Konsonanten:

aanpassen [ $ ] und aanbieden.

b. Die Artikulationsart ändert sich in Fällen, wo ein Verschluss nicht gesprengt wird (aktiv, Sackgasse) und wo die Lippenstellung geändert wird (onmogelijk [ ] [ ]).

Assimilation

79

c. Bei Assimilation des Stimmtons werden stimmlose Laute stimmhaft (im

Niederländischen: afbuigen [ 1 !8 ], zakdoek [ ], asbak [ ])

und stimmhafte Laute stimmlos (im Deutschen und im Niederländischen:

afzien [ $" ], absehen [ ], aufwärts [ % # $], opzichter [ E, ]).

d. Assimilation der Dauer kommt vor bei Reduktion homorganer Laute (unnötig, auffliegen).

Mit den unter 1-4 erarbeiteten Begriffen lassen sich Assimilationen vollständig beschreiben. Zwei Beispiele:

Das Vorkommen des Ichlauts nach palatalen Vokalen ist historisch betrachtet eine Assimilation eines velaren Achlauts an den vorangehenden palatalen Vokal: Wie im Niederländischen kam im deutschen Sprachgebiet ursprünglich nur der Achlaut vor. Die Assimilation von [,] zu [)] ist somit eine partielle, progressive Kontaktassimilation der Artikulationsstelle.

In Kapitel 3 haben wir [ ] als velaren Explosivlaut eingeordnet. Je nach der Qualität des folgenden Vokals wird [ ] aber mehr palatal oder mehr velar aus- gesprochen; [ ] wird palatal produziert in den Wörtern Kiel, kühl und Kehle, aber velar in kahl, Kohl und Kuchen. Bei diesem Sprechlaut liegt also partielle, regressive Kontaktassimilation der Artikulationsstelle vor.

3 Dissimilation

Durch Dissimilation werden gleiche oder ähnliche Laute unähnlich gemacht. Ein Beispiel dafür ist das »ch« in der Buchstabenfolge »chs« (z. B. in sechs oder in Achse). »ch« wurde ursprünglich als [)] ausgesprochen, wie das »ch« in sechzehn und sechzig. Da [)] und »s« beide Frikative sind, erfolgte eine Dissimilation, so dass »ch« jetzt als [ ] ausgesprochen wird. Ein weiteres Beispiel für Dissimilation ist die Entwicklung des mittelhochdeutschen Wortes kuning (vgl. auch ndl.