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Die Kontrastivhypothese Die Identitätshypothese

„Die Grundsprache des Lerners beeinflusst seinen Erwerb einer „Der Erwerb einer Sprache L als Zweitsprache verläuft im Prinzip isomorph
Zweitsprache in der Weise, dass in Grund- und Zweitsprache identische zum Erwerb von L als Grundsprache: in beiden Fällen aktiviert der Lerner
Elemente und Regeln leicht und fehlerfrei zu erlernen sind, unterschiedliche angeborene mentale Prozesse, die bewirken, dass die zweitsprachlichen
Elemente und Regeln dagegen Lernschwierigkeiten bereiten und zu Fehlern Regeln und Elemente in der gleichen Abfolge erworben werden wie die
führen.“ grundsprachlichen.“
aus: Bausch, Karl-Richard; Kasper, Gabriele. „Der Zweitsprachenerwerb: Möglichkeiten und aus: Bausch, Karl-Richard; Kasper, Gabriele. „Der Zweitsprachenerwerb: Möglichkeiten und
Grenzen der „großen“ Hypothesen“. In: Linguistische Berichte, vol. 64, 1979, p. 5. Grenzen der „großen“ Hypothesen“. In: Linguistische Berichte, vol. 64, 1979, p. 9.

Kontrastivhypothese, die: eine der wichtigsten Hypothesen zum Identitätshypothese, die: Gemäß der I. nach Dulay & Burt (1974) verlaufen
Zusammenhang zwischen Erst- und Zweitsprache/Fremdsprache [...]. Die K. Spracherwerbsprozesse [...] identisch – unabhängig davon, ob es sich um
steht in Zusammenhang mit dem Behaviorismus und dem Strukturalismus. den Erwerb einer Erst-, einer Zweit- oder einer Fremdsprache handelt.
Sie versucht den Lernprozess in der L2 mit der → Kontrastitivät zwischen L1 Diese starke Version der L1=L2-Hypothese ist aufgrund einer Reihe
und L2 vorherzusagen (starke Version) bzw. zu begründen (schwache methodischer Unzulänglichkeiten der ihr zugrunde liegenden empirischen
Version): Lernende übertragen ihre sprachlichen Gewohnheiten von der L1 Studien sowie aufgrund der inzwischen nachgewiesenen internen und
auf die L2. Wo Kontraste zwischen L1 und L2 gegeben sind, erwartet die K. externen Unterschiede zwischen dem Erst-, Zweit- und Fremdsprachen-
negativen → Transfer bzw. → Interferenzfehler, wo Übereinstimmungen erwerb nicht haltbar. So sind Fremdsprachenlernende kognitiv und sozial
oder Ähnlichkeiten gegeben sind, positiven Transfer, d.h. korrekten L2- weiter entwickelt, sie verfügen bereits über – mindestens – eine Sprache
Gebrauch. Kritik an der K. ergab sich aus dem Nachweis, dass Fehler auch und das damit verbundene lern- und kommunikationsstrategische Wissen.
auf Ähnlichkeiten beruhen können, Transfer nur einen kleinen Teil des Und während alle Kinder jede Erstsprache gleich gut erwerben können, ist
Spracherwerbs ausmacht und vorhergesagte Transferprozesse empirisch der Sprachlernerfolg von Fremdsprachenlernenden individuell sehr
nicht nachgewiesen werden konnten. Ausgehend von der K. entstanden in verschieden. Sie erreichen nur in den seltensten Fällen eine so hohe
den 1960er Jahren zahlreiche Sprachvergleiche zwischen Deutsch und Sprachbeherrschung wie L1-Sprecher. Da eine absolute Identität der
anderen Sprachen als Grundlage für die Entwicklung von Lehrwerken. Auch Erwerbsprozesse also ausgeschlossen ist, Langzeitstudien jedoch belegen
im Fachgebiet Deutsch als Zweitsprache wird die K. vielfach zur Erklärung konnten, das es – unabhängig vom Erwerbstyp – für eine
von Fehlerursachen und Lernproblemen herangezogen. morphosyntaktische Phänomene (z.B. die Wortstellung und die Negation)
aus: Barkowski, Hans; Krumm, Hans-Jürgen (orgs.). Fachlexikon Deutsch als Fremd- und natürliche universelle → Erwerbssequenzen gibt, kann davon ausgegangen
Zweitsprache. Tübingen: Francke, 2010, p. 169. werden, dass die Spracherwerbsprozesse in Bezug auf bestimmte
Strukturen ähnlich verlaufen und im Zweit- und Fremdsprachenerwerbs-
prozess Mechanismen aktiviert werden, die bereits im Erstsprachenerwerb
eine Rolle spielen.
aus: Barkowski, Hans; Krumm, Hans-Jürgen (orgs.). Fachlexikon Deutsch als Fremd- und
Zweitsprache. Tübingen: Francke, 2010, p. 123.