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Die Ehe als Ort gleichberechtigter Lust

Ein neuer Ansatz zur Beurteilung des Kantschen Ehekonzepts

von Thomas Heinrichs, Berlin

„Kants Definition der Ehe [...] ist das erha-


benste Produkt einer ratio, welche, unbe-
stechlich treu sich selber, in den Sachverhalt
unendlich tiefer eindringt, als gefühlvolles
Vernünfteln tut."
W. Benjamin

Die Beurteilung des Kantschen Ehevertragskonzepts aus der Metaphysik der Sit-
ten war stets „sehr unterschiedlich, und es scheint, daß die ablehnenden Stellung-
nahmen überwiegen"1. Zum Kreis der Diskutanten gehört seit den siebziger Jahren
die feministische Philosophie oder die philosophische Frauenforschung. Im Rahmen
ihrer Neulektüre philosophischer Texte wird auch Kants Ehekonzept erörtert. Ge-
genüber der früheren Diskussion ist es dadurch zu einer Verschiebung des Terrains
gekommen. Bislang dominierte die Frage nach der moralischen oder sittlichen Wert-
haftigkeit des Kantschen Ehekonzepts2, dagegen steht jetzt die Gleichstellung und
Gleichberechtigung der Geschlechter im Mittelpunkt der Debatte. Diese Fragestel-
lung eröffnet eine neue Perspektive auf Kants Ehekonzept, die es ermöglicht, den
Dilemmata der moralischen Debatte zu entkommen. Erst unter dieser neuen Per-
spektive wird die Funktion seines Ehekonzepts sichtbar: es soll hinsichtlich des Ge-
schlechtsakts einen gleichberechtigten Handlungsspielraum der Geschlechter in der
Ehe eröffnen und damit ihre Würde als Personen garantieren.
Auch in der Auseinandersetzung der feministischen Philosophie mit Kants Ehe-
konzept überwiegt der Gestus der Verurteilung häufig die differenzierte Analyse.
Seine Widersprüchlichkeiten werden zu wenig wahrgenommen, statt dessen mei-
stens das Bild einer durchgängigen Unterordnung und Benachteiligung der Frau
unterstellt. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick dieser Rezeption Kants gegeben

1
Joachim Kopper, Von dem auf dingliche Art persönlichen Recht, in: Kant-Studien 52, 1960/
61, 283-294, S. 283.
2
Beispielhaft sei hier die Dissertation Adam Horns von 1936 erwähnt, in der eine moralische
Rechtfertigung der Kantschen Ehetheorie versucht wird (sie ist neuerdings wiederaufgelegt
worden: Immanuel Kants ethisch-rechtliche Eheauffassung, Würzburg 1991).

Kant-Studien 86. Jahrg., S. 41-53


© Walter de Gruyter 1995
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42 Thomas Heinrichs

und dann im Lichte dieser neuen Fragestellung sein Ehekonzept untersucht werden.
Vorschnelle Aburteilung soll dabei vermieden und ein den historischen Bedingungen
gerecht werdendes Bild des Kantschen Ehekonzepts gezeigt werden.
Bennent hat mit ihrem Buch Galanterie und Verachtung die bislang maßgebliche
Studie zur Geschlechterphilosophie im 18. und 19. Jahrhundert vorgelegt3. Sie un-
tersucht bei Kant, inwieweit sein Frauenbild zu den „ethischen Postulaten der Auf-
klärung" 4 im Widerspruch steht. Dabei spitzt sie die Frage vor allem auf die Diskus-
sion um die Un/Vernunft der Frau zu. Sie kommt zu dem Schluß, daß Kant der Frau
die Vernunft abspricht, ist dann aber darüber irritiert, daß er „für das vermeintliche
Naturwesen Frau noch keine in ihrer originären Bedürfnisstruktur angelegte Unter-
werfungsbereitschaft konzipiert" habe5. Anstatt dies als Hinweis auf die Notwen-
digkeit einer Kritik des Vorurteils von der simplen Abwertung und Unterwerfung
der Frau zu lesen, hält sie dies Kant als einen Fehler seines Systems der Frauenun-
terdrückung vor. Erst Fichte habe es verstanden, „die Unterjochtheit der Frau so
umzuprägen, daß sie nicht mehr in Opposition zu den ethischen Idealen der Zeit
steht"6. In einer leicht veränderten Aufsatzfassung ihres Kantkapitels geht sie auf
sein Ehekonzept ein. Sie vertritt hier die These, „daß das gegenseitige Zurverfü-
gungstellen des Körpers letztlich auf ein Herrschaftsrecht des Mannes über die Frau
in ihrer gesamten Existenz hinausläuft" 7 .
Bovenschen lobt das aus der Vertragstheorie kommende Egalitätsmoment des
Kantschen Konzepts, sieht dies „aber in flagrantem Kontrast zu denjenigen Aussa-
gen Kants, in denen den Angehörigen des weiblichen Geschlechts die Qualifikation
zum Rechtssubjekt abgesprochen wird"8. Mendus glaubt, daß „by entering into
marriage the woman, unlike the man, renounces her civil independence"9. Auch in
Stopczyks Sammlung von ihr als misogyn eingeschätzter Aussagen von Philosophen
über Frauen fehlen Kants Eheparagraphen aus der Metaphysik der Sitten nicht10.
Ein positives Urteil vertritt dagegen Jauch mit der These, daß Kant mit seiner Kon-

3
Heidemarie Bennent, Galanterie und Verachtung: Eine philosophiegeschichtliche Untersu-
chung zur Stellung der Frau in Gesellschaft und Kultur, Frankfurt/M. 1985. Vgl. dazu die
Beurteilung Ursula Jauchs, Immanuel Kant zur Geschlechterdifferenz. Aufklärerische Vorur-
teilskritik und bürgerliche Geschlechtsvormundschaf t, Wien 1988, S. 36 und den Artikel von
Susanne Schunter-Kleemann, Geschlechterverhältnisse, in: H. J. Sandkühler (Hg.), Europäi-
sche Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Hamburg 1990, Bd. II, S. 317 ff., der
sich hauptsächlich auf Bennent stützt.
4
H. Bennent, Galanterie, S. 108.
5
Ibid.
6
Ibid.
7
Heidemarie Bennent-Vahle, Die Differenz ist ausgeschlossen. Aktuelle Überlegungen zur Ge-
schlechteranthropologie Kants, in: U. Konnertz (Hg.), Grenzen der Moral. Ansätze femini-
stischer Vernunftkritik, Tübingen 1991, Band 4, 31-59, S. 34.
8
Silvia Bovenschen, Die imaginierte Weiblichkeit, Frankfurt/M. 1979, S. 145.
9
Susan Mendus, Kant: An Honest but Narrow-Minded Eourgouis?, in: E. Kennedy/S. Men-
dus (Hg.), Women in Western Political Philosophy: Kant to Nietzsche, Brighton 1987,
21-43,5.33.
10
Annegret Stopczyk, Was Philosophen über Prauen denken, München 1980, S. 125.

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Kants Ehekonzept 43

zeption der Ehe den „Warencharakter insbesondere der weiblichen Sexualität"11


überwinden wolle. Wenn auch hervorzuheben ist, daß sie Kants These, die Ehe sei
ein Vertrag zum Nutzen der Frau, ernst nimmt, so sind doch im 18. Jahrhundert
die Warenverhältnisse noch nicht so weit entwickelt, daß es zu einer Kritik der
Warenform im allgemeinen und der weiblichen Sexualität im besonderen kommen
könnte. Die Problematik der Versachlichung der Personen in der Ehe ist bei Kant
noch kein Resultat der Auswirkungen der Warenform, sondern, wie wir sehen wer-
den, ein Relikt der Leibeigenschaftsproblematik.

II

Kants Ehekonzept muß im Kontext der Spannung zwischen dem universalen


Menschenrechtsdiskurs der Aufklärung und des partikularen, bürgerlichen Ge-
schlechterkonzepts mit der darin festgeschriebenen Dominanz des Mannes gesehen
werden.
Das Bürgertum tritt im 18. Jahrhundert mit dem Anspruch auf, für alle Menschen
zu reden, allgemeine Menschenrechte zu formulieren. Es bekämpft die Sterilität der
feudalen Gentilgesellschaft und fordert, mit seiner These von der formalen Gleich-
heit aller, Entfaltungsfreiräume für die Individuen ein. Dieser universale Diskurs
richtet sich aufgrund seiner geschlechtsneutralen Form grundsätzlich auch an die
Frauen und verspricht ihnen die Befreiung aus ihren starren Rollen und ihrer Unter-
ordnung unter den Mann. Die Einführung des Vertragsdenkens in die Familien- und
Ehetheorie verstärkt diesen Prozeß. Da der Vertrag von einer freiwilligen Überein-
kunft der Partner ausgeht, können auf diesem Boden sowohl die traditionelle Ar-
beitsteilung als auch die „natürliche" Vorherrschaft des Mannes in der Familie in
Frage gestellt werden. Dies geschah z. B. beim Cartesianer Poulain de la Barre
(1673). „Am Poulainschen Konzept wird deutlich, wie auf einer bestimmten Stufe
des bürgerlichen Emanzipationsprozesses theoretisch die Möglichkeit einer proega-
litären Argumentation in Bezug auf die Frau aufgehoben ist"12. In den Schriften
der Aufklärer wird häufig die Verbesserung der Lage der Frau in der bürgerlichen
Gesellschaft betont. Im „barbarischen" Zustand sei die Frau die Sklavin des Man-
nes, dagegen sie heute seine „Gehilfin" sei13. Dies ist aber nur die eine Seite, über-
wiegend treten die männlichen Bürger weiterhin als Vertreter ihrer partikularen
Interessen auf. Daraus resultiert, daß die vom Bürgertum in der Aufklärung formu-
lierten Freiheitsrechte gegen die Interessen der bürgerlichen Männer eingefordert
werden können. So wurden z. B. in der französischen Revolution von Olympe de

11
Ursula Jauch, Immanuel Kant, S. 154.
12
Inge Baxmann, Von der Egalite im Salon zur Citoyenne — Einige Aspekte der Genese des
bürgerlichen Frauenbildes, in: A. Kuhn/J. Rüsen (Hg.), Frauen in der Geschichte, Bd. III,
Düsseldorf 1983, 109-139, S. 122.
13
Isaak Iselin, Über die Geschichte der Menschheit. 2 Bände in einem Band, Hildesheim, New
York 1976, S. 209 f.

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Gouges die Menschenrechte der Frauen gegen die Interessen der Männer einge-
klagt14. Kant muß dieses Problem bewußt gewesen sein. 1793 erschien in Königs-
berg Hippeis Schrift Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber15, die unter Be-
rufung auf die universalen Emanzipationsforderungen der Aufklärung eine grund-
sätzliche Gleichstellung der Frau forderte16. Hippel lehnt die These ab, daß aus der
Differenz der Geschlechter eine intellektuelle Minderwertigkeit der Frau abzuleiter
sei17 und klagt ihre volle Mündigkeit ein18.
Kant versucht, als Antwort auf diesen Konflikt, in seinem Ehekonzept sowohl
die dominante Stellung des Mannes zu legitimieren und institutionalisieren, als auch
die Menschenwürde der Frau zu wahren. Um diese Doppelfunktion der Ehe in Kants
Geschlechterphilosophie zu erfassen, ist es notwendig, außer den Paragraphen der
Metaphysik der Sitten auch die Bemerkungen zur Ehe aus der Anthropologie heran-
zuziehen 19.

III

Beim Zusammenleben der Geschlechter handelt es sich für Kant um die Bedin-
gung zur Reproduktion der Gattung. Differente Geschlechter gibt es zum Zwecke
der „Erhaltung der Art"20. In seiner Konstruktion des Geschlechterverhältnisses

14
Ute Gerhard, Menschenrechte auch für die Frau. Der Entwurf der Olympe de Gouges, in:
Kritische Justiz, Heft 2, 1987.
15
Der Titel spielt auf die Schrift Über die bürgerliche Verbesserung der Juden an, die 1781
die gleiche Problemlage für die diskriminierte Minderheit der Juden diskutiert (Theodor
Gottlieb Hippel, Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber, Werke Bd. 6, Berlin 1828,
S. 16). Auch Kant vergleicht Frauen und Juden in Hinsicht auf ihren eingeschränkten
Rechtsstatus (Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, WA XII, 470; Ak VII, 171). Kant
wird nach der Suhrkamp Werkausgabe (WA), hrsg. von W. Weischedel, Frankfurt/M.
19824, zitiert, unter Angabe von Band und Seitenzahl; zusätzlich werden die Stellen nach
der Akademieausgabe (Ak) angegeben.
16
Vgl. hierzu auch Hippeis Schrift Über die Ehe, wo Hippel die Menschenrechte sogar als
„Männerrechte" bezeichnet (Werke Bd. 5, Berlin 1828, S. 162; zitiert nach der 4. vermehrten
Auflage von 1793, die zeitgleich mit Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber er-
scheint, und gegenüber der ersten Auflage von 1774 sehr viel frauenfreundlichere Thesen
enthält).
17
Th. G. Hippel, Verbesserung, S. 217 f.
18
Diese Schriften Hippeis werden im folgenden zur Kontrastierung von Kants Position heran-
gezogen. Auf die Übereinstimmungen zwischen Kant und Hippel wird hingegen nicht einge-
gangen. Sie sind auf eine Übernahme der in Kants Vorlesungen vorgetragenen Thesen durch
Hippel zurückzuführen (vgl. Ak XII, 360 f.).
19
Außer der von Kant ungefähr zeitgleich zur Metaphysik der Sitten (1797) herausgegebenen
Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798) soll auch die von Starke edierte Mitschrift
der Anthropologievorlesung berücksichtigt werden (Friedrich Christian Starke, Immanuel
Kant's Anweisung zur Menschen- und Weltkenntniß. Nach dessen Vorlesungen im Winter-
halbjahre von 1790-1791, Leipzig 1831).
20
WA XII, 651; Ak VII, 305.

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Kants Ehekonzept 45

geht Kant vom „Naturzustand" aus. Die Menschen sind von Natur Egoisten21, da-
her stellt sich im „Naturzustand" das Geschlechterverhältnis so dar: „Das Weib ist
da ein Haustier. Der Mann geht mit den Waffen in der Hand voraus, und das Weib
folgt ihm mit dem Gepäck seines Hausrates beladen"22. Wenn die Frau vom Mann
im „Naturzustand" wie ein „Haustier" behandelt wird, bedeutet dies, daß er ihr
Menschsein verhindert. Er nimmt auf ihre Würde als Person keine Rücksicht und
unterwirft sie — durch seine überlegene Stärke — unmittelbar der Befriedigung sei-
ner Bedürfnisse. Gegenüber diesem gewaltsamen Unterordnungsverhältnis stellt die
institutionalisierte Form der Lust-, Fortpflanzungsbeziehung, das bürgerliche, ver-
tragsrechtliche Eheverhältnis, für Kant einen Fortschritt, eine Verbesserung der Lage
der Frau dar. Der Ehevertrag ist das Mittel, diesen - für die Frau und die Mensch-
heit — unwürdigen Zustand zu beenden. Kant geht es darum, die „(an sich freilich
bloß tierische) körperliche Gemeinschaft"23 in eine „gesittete" Form zu bringen,
und in diesem Verhältnis vor allem die Menschenwürde des „Schwächeren", der
Frau, zu schützen.
Er behandelt in dem Abschnitt der Metaphysik der Sitten, der sich mit dem Ehe-
recht befaßt, das „auf dingliche Art persönliche Recht"24. Darunter fallen neben
der Beziehung Mann/Frau die Verhältnisse Eltern/Kinder und Mann/Gesinde. Kant
will hier das Problem lösen, wie Besitzrechte an Menschen mit ihrer Würde verein-
bar sind. Diese Rechtskonstruktiön soll der „Entlastung der [abhängigen] Person
gleichsam von sachenrechtlichen Zumutungen"25 dienen. Damit versucht er, den
naturrechtlichen Begriff der Hausherrschaft abzulösen „durch die Rechtsfigur des
Vertrages, die zwar Abhängigkeit begründet, aber auch dem Abhängigen noch eine
Person zu sein gestattet"26. Die Notwendigkeit dieser seltsamen Konstruktion wird
erst dann einsichtig, wenn man einen Blick auf die Gesetze der damaligen Zeit wirft.
Selbst in der reformierten Fassung des Allgemeinen Landrechts für die preussischen
Staaten von 179l27 hat die „Herrschaft" noch die Möglichkeit eines massiven Ein-
griffs in die Personensphäre ihres „Gesindes". So kann das Gesinde mit Polizeige-
walt zur Arbeit gezwungen werden (§51), es darf das Haus der „Herrschaft" ohne
deren Erlaubnis nicht verlassen (§ 74), und die „Herrschaft" besitzt ein Züchti-
gungsrecht, wogegen die Dienstboten nur bei Lebensgefahr Widerstand leisten dür-
fen (§77ff.). Hier gibt es Rechte über Personen wie sonst nur über Sachen. Und

21
Vgl. WA XII, 408; Ak VII, 128.
22
WA XII, 649; Ak VII, 304.
23
Metaphysik der Sitten, WA VIII, 558; Ak VI, 425.
24
Jauch ist in ihrer Arbeit den verstreuten Bemerkungen Kants zur Ehe in den ethischen
Vorlesungsmitschriften nachgegangen (U. Jauch, Immanuel Kant, S. 147 ff.). Es findet sich
in diesen aber, gegenüber der Metaphysik der Sitten, nichts Neues.
25
Dietrich Hilger, .Herrschaft' im rationalen Naturrecht des 17. und 18. Jahrhunderts, in:
O. Brunner/W. Conze/R. Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexi-
kon zur politischen und sozialen Sprache in Deutschland, Stuttgart 1972, Band 3, Stichwort
Herrschaft, 33-102, S. 73.
26
Ibid.
27
Im folgenden als ALfdpSt; zitiert nach der zweiten Auflage, Berlin 1794.

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solche Eingriffe in die Personensphäre sieht Kant auch für das Eltern/Kind-Verhält-
nis, hinsichtlich der „väterlichen Gewalt" und für das Eheverhältnis hinsichtlich der
sogenannten „ehelichen Pflichten"28. Daß die Ehe das Recht gibt, mit dem Ehepart-
ner geschlechtlich zu verkehren (es wird in der Ehe keine Vergewaltigung aner-
kannt), hält Kant für begründungsbedürftig.
Der Ehevertrag beendet nicht das Besitzverhältnis des Mannes an der Frau, wie
es im Naturzustand herrscht, statt dessen macht er den Mann ebenfalls zum Besitz
der Frau. Die Ehe ist ein Vertrag des Sachentauschs, das Verhältnis der Geschlechter
in der Ehe ein sachliches. Kant denkt, daß im Ehevertrag die eine Person die andere
als Eigentum erwerbe29. Eigentum an Personen ist Sklaverei. Diese Versachlichung
des Menschen ist mit seiner Würde nicht vereinbar. Sie soll dadurch aufgehoben
werden, daß der Erwerb wechselseitig stattfindet. Besitze ich nämlich denjenigen,
der mich besitzt, so besitze ich über ihn wiederum mich selbst.
Dieses Problem der Verfügungsgewalt über den Anderen verknüpft Kant mit dem
Aspekt der Lust, des Genusses. Genaugenommen erwerben im Ehevertrag die Perso-
nen einander nicht ganz, sondern nur die Geschlechtsorgane und das Geschlechts-
vermögen des anderen. Nach Kant gebraucht im Geschlechtsakt die eine Person das
Geschlechtsorgan der anderen Person — und da das Organ von der Person nicht zu
trennen ist, sie selbst — zur Gewinnung ihrer „Lust". Dies erfordere von der einen
Person ihre „Hingabe" als Sache zum Genuß durch die andere Person:
„Der natürliche Gebrauch, den ein Geschlecht von den Geschlechtsorganen des anderen
macht, ist ein Genuß, zu dem sich ein Teil dem anderen hingibt. In diesem Akt macht sich
ein Mensch selbst zur Sache, welches dem Recht der Menschheit an seiner eigenen Person
widerstreitet. Nur unter der einzigen Bedingung ist dies möglich, daß, indem die eine Person
von der anderen, gleich als Sache, erworben wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe;
denn so gewinnt sie wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit wieder her"30.
Um im Geschlechtsakt die Menschenwürde zu gewährleisten, ist der Ehevertrag,
als ein Vertrag wechselseitiger Erwerbung, unumgänglich, daher ein „durchs Gesetz
der Menschheit notwendiger Vertrag"31.
Die außerehelichen Geschlechtsverhältnisse, die Kant anführt, sind das Konkubi-
nat, die Prostitution und die Ehe linker Hand. In allen diesen drei Fällen ist der
Mann der überlegene Teil, der die Frau Jcauft4. Das Interesse aneinander und die
Beziehung zueinander ist keine gleiche. Der Mann hat ein Interesse an der Frau als
28
Metaphysik der Sitten § 63 und S 178.
29
So hat nach Kant ein verlassener Ehepartner das Recht, den anderen polizeilich zurückholen
zu lassen: er ist berechtigt, ihn „jederzeit und unweigerlich, gleich als eine Sache, in seine
Gewalt zurückzubringen" (WA VIII, 391; Ak VI, 278). Dies entspricht nicht ganz der Geset-
zeslage, Kant spitzt hier zu. Bei böswilliger Verlassung ist zwar eine Vorladung vor Gericht
möglich, es kann auch die Wiederaufnahme der Ehe gerichtlich angeordnet, nicht aber
polizeilich erzwungen werden. Bei Nichtbefolgung ist die Scheidung die Konsequenz
(ALfdpSt, § 677, S 688, S 690).
30
WA VIII, 390 f.; Ak VI, 278.
31
WA VIII, 390; Ak VI, 278. Tatsächlich gibt die Ehegesetzgebung sowohl dem Mann als
auch der Frau das Recht, den Beischlaf einzufordern (ALfdpSt, § 178).

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Kants Ehekonzept 47

Mittel zur Befriedigung seiner Lust, die Frau am Mann als Mittel zu ihrer ökonomi-
schen Erhaltung. Daher findet ein Tausch Person gegen Geld statt. Die Versachli-
chung der Person liegt damit nur auf Seiten der Frau. Diese Verhältnisse sind nicht
vertraglich regelbar, da sie gegen die Menschenwürde verstoßen. Ein solch sitten-
widriger Vertrag hat keine Gültigkeit32. Die Frau soll in diesem Konzept sexuellen
Genuß mit Würde nur in der Ehe erleben können33!
Das entspricht nicht der Realität. In länger währenden außerehelichen Beziehun-
gen konnte die Frau auch damals sexuellen Genuß mit genauso viel oder wenig
Würde haben wie in der Ehe, auch wenn diese Beziehungen durch die ökonomische
Überlegenheit und gesellschaftlich höhere Stellung des Mannes ungleich waren. Was
sie allerdings nicht hat, ist eine ökonomisch und rechtlich abgesicherte Stellung. Sie
ist auf das Wohlwollen des Mannes angewiesen.
Für Annerl „bildet die Ehe den Ort des vernunftgeleiteten Zusammenlebens von
männlichem Subjekt und nicht-subjekthafter Frau"34. Hier finden wir die feministi-
sche These von der Unvernunft und Subjektlosigkeit der Frau in der bürgerlichen
Philosophie wieder. Ihre unkritische Übernahme führt Annerl zu der Annahme, die
Ehe würde bei Kant geschlossen, weil die Frau nicht in der Lage sei, dem kategori-
schen Imperativ zu folgen. Sie nimmt Kants These von der Ehe als Vertrag zum
Nutzen der Frau nicht ernst. Nicht die Frau ist es, die nicht dem kategorischen
Imperativ folgt, sondern der Mann! Kant verlangt zwar von den Menschen die Be-
folgung der Vernunftgesetze, aber, da er davon ausgeht, daß der Mensch aus „krum-
mem Holze" geschnitzt sei, untermauert er das ethische Sollen immer durch Natur-
mechanismen und Vertragskonzepte, die die Menschen, auch wenn sie nicht wollen,
dazu bringen werden, das zu tun, was sie sollen. So dient in Kants Geschichtsphilo-
sophie der Krieg als Motor zur Humanisierung der Menschheit, auch gegen ihr
Wollen35. Das gleiche gilt für den Ehevertrag. Dem Wohlwollen des Mannes, auf
das die Frau, als die körperlich und von ihrer gesellschaftlichen Stellung her Schwä-
chere, außerhalb der Ehe angewiesen wäre, traut Kant nicht über den Weg. Der
Egoismus der Menschen könne nur über einklagbare vertragliche Verpflichtungen
reguliert werden, ansonsten werde der Stärkere sich immer auf Kosten des Schwä-
cheren durchsetzen. Diesen Thesen liegt Kants solipsistisches Individualitätskonzept
zugrunde, welches die Entfaltung des Einen immer nur auf Kosten des Anderen
denkt. Konkret: die Lust des Einen erscheint nur möglich durch die Entwürdigung
des Anderen. Der Gedanke gemeinsamer Lust ist hier ausgeschlossen.

32
Das Allgemeine Landrecht erlaubt dagegen weiterhin die Ehen „linker Hand", durch Son-
dergenehmigung des Landesherrn (ALfdpSt, S. 104f.).
33
Die Ehe ist für die Frau das einzige Mittel, „mit Ehren ihre Naturtriebe zu befriedigen"
(Fr. Ch. Starke, Immanuel Kant's, S. 70).
34
Charlotte Annerl, Das neuzeitliche Geschlechterverhältnis. Eine philosophische Analyse,
Frankfurt/M., New York 1991, S. 37 f.
35
Vgl. Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, WA XI, 42; Ak VIII,
24.

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48 Thomas Heinrichs

Dieses Konzept geht davon aus, daß der egoistische Mann sich nicht freiwillig
zum Mittel des Genusses der Frau machen wird. Es bedürfe dazu eines äußeren
Zwangs, der Ehe. Mit der Abschließung des Ehevertrags wird der Mann Eigentum
der Frau. Dadurch gewinnt sie die Möglichkeit, ihn als Mittel zu ihrem Genuß zu
benutzen.
„Das Weib wird durch die Ehe frei"36, sie kommt aus einem gesellschaftlichen
Zustand, in dem sie wie ein Haustier behandelt wird, in einen Zustand, in dem sie
Raum hat, ihre Persönlichkeit zu entfalten. Die Ehe ist in diesem Konzept ein Ver-
trag ausschließlich zum Nutzen der Frau. Die Frau gewinnt durch ihn die Garantie
ihrer Würde, ihre ökonomische Absicherung und ihren Handlungsfreiraum im
Haus. „Der Mann verliert dadurch seine Freiheit"37. Er wird nun außer Besitzer
der Frau auch Besitz der Frau. Seine Freiheit wird eingeschränkt, um die Würde der
Frau zu garantieren38. Die „Sittsamkeit"39, ein „schöner Schein" der Sittlichkeit, ist
es, welche in der kultivierten, bürgerlichen Gesellschaft den notwendigen Abstand
zwischen den Geschlechtern herstellt. Würde die Institution der Ehe aufgehoben, so
würde die Frau wieder „zu einem bloßen Mittel der Befriedigung der Neigung des
anderen Geschlechts herabsinken"40. Kant redet an anderer Stelle auch von einem
„Werkzeug des Genusses"41.
Im Intimverhältnis soll die Ehe eine Gleichberechtigung der Geschlechter herstel-
len, um ihre Würde zu garantieren. Kant benennt in der Anthropologie den regelmä-
ßigen Geschlechtsverkehr als eine Pflicht des Ehemannes: „Ein Mann aber, der sein
Geschlechtsvermögen vielleicht schon vor der Ehe lüderlich durchgebracht hat, wird
der Geck in seinem eigenen Hause sein; denn er kann diese häusliche Herrschaft
nur haben, sofern er keine billigen Ansprüche schuldig bleibt"42. Die Frau hat in
der Ehe einen billigen — d. h. berechtigten — Anspruch auf regelmäßige sexuelle
Betätigung. Der Mann muß seinen Vertragspflichten nachkommen, wenn er seine
Vertragsrechte — Vorherrschaft über die Frau — wahrnehmen will. Diese Gleichbe-
rechtigung im Intimverhältnis ist nicht ganz neu, ähnliches gibt es schon im Mittel-

36
WA XII, 656; Ak VII, 309.
37
Ibid.
38
Wenn Mendus — wie oben bereits erwähnt — meint, daß die Frau bei Kant, wenn sie
heirate „unlike the man, renounces her civil independence" (S. Mendus, Kant:, S. 33), und
sich fragt „why should she do this?" (ibid.), so übersieht sie, daß die Frau auch vor der
Ehe nicht „mündig" war, sondern unter der Vormundschaft ihres Vaters stand. Sie wechselt
nun den Vormund, gewinnt dabei ihre ökonomische Absicherung und hat in der Ehe den
Vorteil, Macht über ihren Mann zu bekommen. Daher heiratet sie, denn sie verbessert sich
innerhalb der Struktur des bürgerlichen Geschlechterverhältnisses tatsächlich in der Ehe. Sie
gewinnt einen größeren Handlungsspielraum, dagegen sie „vorhero im ehelosen Zustande
entsetzlich vom Anstände geplagt wurde" (Fr. Ch. Starke, Immanuel Kant's, S. 74).
39
WA XII, 444; Ak VII, 152.
40
WA XII, 656; Ak VII, 309.
41
WA XII, 444; Ak VII, 152.
42
WA XII, 655 f.; Ak VII, 308 f.

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Kants Ehekonzept 49

alter: ein Ehepartner konnte „nicht ohne Zustimmung des anderen das Gelübde der
Enthaltsamkeit ablegen"43.
Kant entwickelt hier ein aufgeklärtes, bürgerliches Ehekonzept. Er übernimmt
vom kirchlichen Konzept die Beschränkung erlaubter Sexualität auf die Ehe und
damit den Anspruch der Institution Kirche bzw. des Staates auf Kontrolle dieser
zwischenmenschlichen Beziehungen. Er weicht nur an einem Punkt von diesem Kon-
zept ab: in seiner Legitimierung. Während das kirchliche Konzept die sexuelle Lust
grundsätzlich ablehnt und sie nur als Mittel zur Fortpflanzung billigt, ist für Kant
die Fortpflanzung ein Nebenprodukt und die Problematik der Lust, genauer die mit
dem Genuß des einen für ihn notwendig verbundene Versachlichung des anderen,
der Hauptgrund der Notwendigkeit zur Eheschließung44.
Den Zweck, Kinder zu erzeugen, hält Kant zwar für einen „Zweck der Natur",
er werde aber „zur Rechtmäßigkeit dieser [der Ehe] seiner [des Menschen] Verbin-
dung nicht erfordert"45. Allein die Problematik der Versachlichung verlange zwin-
gend den Ehevertrag, damit die Würde der Personen im Geschlechtsakt gewahrt
bleibe. Innerhalb des Vertragsmodells ist die Wechselseitigkeit der Versachlichung
die einzige Möglichkeit zur Lösung der Entfremdungsproblematik. Daher hält Kant
den Ehevertrag für eine Bedingung der „Humanität". Für die Fortpflanzung gelte
dies nicht, da ansonsten auch der Ehevertrag mit dem Ende der Kinderzeugung im
Alter auslaufen würde.
Das aufklärerische Konzept des Ehevertrags bei Kant erkennt sowohl die Lust
des Mannes als auch die der Frau als Selbstzweck an46. Bedingung dafür ist die

43
R. Puza, Stichwort Frau, in: R. H. Bautier (Hg.), Lexikon des Mittelalters, München, Zü-
rich 1989, Band 4, 852-874, S. 856.
44
Hierin weicht Kant auch vom Allgemeinen Landrecht ab, welches Kinderzeugung und -er-
ziehung (§ 1) sowie wechselseitige Unterstützung (§ 2) als das Fundament der Ehe ansieht.
Hippel, der in der Kommission zur Vorbereitung des Allgemeinen Landrechts mitgearbeitet
hat (vgl. Allgemeine deutsche Biographie, Artikel Hippel, Theodor Gottlieb, Leipzig 1880,
Bd. 12, S. 465), hält ebenfalls die „wechselseitige Unterstützung" für den „Endzweck" der
Ehe (Th. G. Hippel, Ehe, S. 71).
45
WA VIII, 390; Ak VI, 277.
46
Das Recht der Frau auf die Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse, auf ihre Lust im
Geschlechtsakt wird in der auf Kant folgenden, bürgerlichen Philosophie zum Teil wieder
zurückgenommen. So z. B. bei Fichte: „das Weib kann überhaupt sich nicht hingeben der
Geschlechtslust, um ihren eignen Trieb zu befriedigen; und da sie sich denn doch zufolge
eines Triebes hingeben muß, kann dieser Trieb kein anderer sein, als der, den Mann zu
befriedigen. Sie wird in dieser Handlung Mittel für den Zweck eines anderen; weil sie ihr
eigner Zweck nicht sein konnte, ohne ihren Endzweck, die Würde der Vernunft, aufzuge-
ben" (J. G. Fichte, Grundlagen des Naturrechts nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre,
Hamburg 1979, S. 304). Fichte hebt damit genau das, was Kant eingeführt hat, wieder auf,
nämlich das Recht der Frau, nicht nur Mittel zu sein. Wenn die Frau im Geschlechtsakt an
ihre eigene Lust denke, sei dies ein „würdeloses" Verhalten, und für den Mann wäre es
höchst erniedrigend, der Lust der Frau zu dienen. Die Frau finde die ihr zustehende „Befrie-
digung des Herzens" (ibid., S. 305) nur in der Befriedigung der Lust des Mannes. Der
Sexualtrieb existiere bei ihr nur in der Form eines Triebes zur Liebe zum Mann. Hier wird
ein der Frau in der Aufklärung garantiertes Recht zurückgenommen.

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50 Thomas Heinrichs

Ablösung des Zwecks der Ehe vom Naturzweck der Fortpflanzung. Kant löst die
Ehe, wie in den Naturrechtstheorien der Aufklärung üblich47, aus der göttlichen
Schöpfungsordnung heraus. Sie ist ein ziviler Vertrag, allerdings ein notwendiger.
Die Sexualität muß gebunden werden durch den Vertrag, um die Menschen vor
der Gefahr der Vertierung zu bewahren. Insofern die Ehe die Würde der Personen
garantiert, ist sie Selbstzweck. Der Mann bleibt in Bezug auf das „gemeinschaftliche
Interesse des Hauswesens"48 aufgrund seiner zu diesem Zwecke vorhandenen, „na-
türlichein] Überlegenheit"49 der Herr der Frau. Seine Obergewalt wird mit seiner
überlegenen Kompetenz begründet und zugleich „durch das gemeinsame Interesse
der Eheleute gebunden"50 — auch dies findet sich bereits in den naturrechtlichen
Ehetheorien. Der Mann soll aber nicht Herr der Frau als eines Werkzeuges zu sei-
nem Genuß oder eines Mittels zur Fortpflanzung sein. Auf dieser Ebene setzt Kant
keine Überlegenheit des Mannes an und fordert daher ein gleichberechtigtes Verhält-
nis der Geschlechter, welches die Würde der Frau als Person gewährleistet.
Mit der Betonung der Sexualität in der Ehe finden wir bei Kant Teile des „Sexuali-
tätsdispositivs", das Foucault51 als typisch für die bürgerliche Gesellschaft herausge-
arbeitet hat. Auch die darauf aufbauenden neuen „Machttechniken" werden bei
Kant schon angesprochen, für die Ehe ist dies vor allem die Frage des gesunden
Nachwuchses.
Die Fortpflanzung spielt für die Eheschließung immer noch eine zentrale Rolle. In
der Ehe erwerben die Geschlechter nicht nur wechselseitig ihre Geschlechtsorgane,
sondern erhalten auch die Möglichkeit zur Fortpflanzung, d. h. für den Mann die
Möglichkeit, einen Sohn als Stammhalter und Erben zu zeugen: „Der Mann will
der alleinige Besitzer eines Frauenzimmers sein und wäre keine Eifersucht im männ-
lichen Geschlecht, so würde keine Ehe statt finden; die Sicherheit über die ächte
Abstammung der Kinder ist die erste Bedingung der Sorge für ihre Erhaltung und
davon muß der Mann völlig überzeugt sein"52.
Dies ist nun allerdings eine ganz andere Begründung der Ehe. Hier wird der
Vorteil des Mannes ersichtlich, er wird durch die Ehe Besitzer einer Frau zum
Zwecke seiner Fortpflanzung. Daher ist die vor- und außereheliche sexuelle /waktivi-
tät der Frau für den Mann von größter Bedeutung. Zwar lehnt Kant auch den
vorehelichen Geschlechtsverkehr des Mannes als ein „Laster" ab53, doch ist dieses
Laster entschuldbar und hat nicht annähernd dieselben Konsequenzen wie bei der
Frau54. Der voreheliche Geschlechtsverkehr der Frau ist unentschuldbar. Der Mann

47
H. Bennent, Galanterie, S. 46 ff.
48
WA VIII, 392; Ak VI, 279.
49
Ibid.
50
H. Bennent, Galanterie, S. 48.
51
Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit l. Der Wille zum Wissen, Frankfurt/M. 1983.
52
Fr. Chr. Starke, Immanuel Kant's, S. 75.
53
WA XII, 679; Ak VII, 325.
54
Die Differenz in den Konsequenzen besteht nicht nur in der Ökonomie sowie der Stärke
der moralischen Verurteilung, sondern auch in Hinsicht auf die Physiologie: der Mann kann

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Kants Ehekonzept 51

schließt aus ihm, auch wenn er ohne Folgen blieb, daß solche Frauen nicht treu sein
werden, von ihnen sei anzunehmen, „daß sie in der Ehe noch mehr ausschweifen"55.
Die Verantwortung der Frau für die „ächte Abstammung der Kinder" gibt dem
Mann in einer Gesellschaft, in der dieser ein hoher Wert zukommt (Vererbung von
Besitz), ein Recht auf die Kontrolle ihrer Sexualität. Dieses Recht ist eine der For-
men, in der sich die Herrschaft des Mannes manifestiert und durch die sie legitimiert
wird. In der bürgerlichen Gesellschaft entsteht nun neu die Sorge des Mannes um
die Gesundheit seiner Kinder. Die „Gesundheit" ist das „blaue Blut" des Bürger-
tums56. Daher muß er darauf achten, ob es in der Familie der Frau Fälle von Wahn-
sinn gegeben hat, denn dann kommt „einmal in dieser Ehe ein Kind zum Vorschein,
weiches in die mütterliche Familie einschlägt"57. An der einseitigen Ausrichtung
dieser Problemstellung auf die Abstammung der Frau kann man sehen, wie aus
dieser Sorge um den gesunden Nachwuchs sich eine Machttechnik zur Beherrschung
der Frau entwickelt. Ihr wird aus der Sicht des Mannes die Verantwortung für die
Gesundheit der Kinder auferlegt; dem Mann wächst damit ein Anspruch auf Kon-
trolle der Frau zu, der über den bis dato üblichen Bereich der außerehelichen Sexua-
lität hinausgeht.

VI

„Ableitbar aus der sachlichen Natur der


Ehe wäre ersichtlich nur ihre Verworfenheit
— und darauf läuft es bei Kant unversehens
hinaus."
W. Benjamin
Bei Kant findet sich kein Konzept der romantischen, leidenschaftlichen Liebe. Bei
ihm ist mit Liebe entweder „physische Liebe"58, also Geschlechtsverkehr, oder ein
leidenschaftsloses, harmonisches Miteinander — „Wohlwollen"59 — gemeint60. Die
physische Liebe definiert Kant nicht als Leidenschaft, da sie nicht beharrlich ist,
sondern mit ihrer Befriedigung endet: „Acht Tage nach der Hochzeit [erlangt der
vor Liebe Blinde] sein Gesicht wieder"61. Die Ehe ist daher die „Wahrheit" der
Liebe; Kant zitiert Lukrez: „eripitur persona, manet res".
Für die Eheschließung ist die Liebe, das Interesse am anderen Individuum, nicht
ausschlaggebend. Obwohl Kant in seiner Begründung die Ehe als einen Selbstzweck

nicht schwanger werden, d. h. sein „Fehlverhalten" kann nie so unübersehbar werden wie
das der Frau; er hat nicht das Kind an der Brust.
55
Fr. Ch. Starke, Immanuel Kant's, S. 72.
56
M. Foucault, Sexualität, 150 f.
57
WA XII, 533; Ak VII, 217.
58
WA XII, 600; Ak VII, 266.
59
WA XII, 419; Ak VII, 136.
60
WA XII, 552; Ak VII, 232.
61
WA XII, 582; Ak VII, 253.

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52 Thomas Heinrichs

beschrieben hat, erscheint sie in der Aufzählung der Kriterien für die Wahl des
Ehepartners als ein bloßes Mittel. Die entscheidenden Auswahlkriterien sind äußer-
liche Verhältnisse wie gleiche Stellung in der Gesellschaft und ökonomischer Nut-
zen62. „Der Eheschluß ist nur die juristische Formel für eine Geschäftskalkula-
tion"63. Die Schönheit der Frau soll nicht das entscheidende Auswahlkriterium für
den Mann sein. Tugend — symbolisiert durch Schönheit — ist das Einzige, was die
Frau in die Ehe einzubringen hat. Ihre soziale Stellung und ihre Mitgift sind keine
genuinen Leistungen der Frau, sondern eines anderen Mannes, ihres Vaters. Der
Freier, der auf Schönheit mehr Wert legt als auf den Nutzen, läßt sich eine „gute
Heurat"64 entgehen.
Dieses Konzept der Ehe als Vertrag wird später durch das Konzept der „Liebe"
ersetzt, so bei Hegel65. Er kritisiert zurecht, daß einseitig der Konflikt zwischen den
Geschlechtern im Vordergrund der Kantschen Ehebetrachtung steht66. Er wird
durch den Vertrag nicht gelöst, sondern nur reguliert. Letztlich kann die Einhaltung
der im Ehevertrag eingegangenen Verpflichtungen nicht — polizeilich — durchge-
setzt werden, die gesetzliche Sanktion im Falle des Vertragsbruchs ist die Schei-
dung67. Hervorzuheben aber ist, daß Kant den Konfliktcharakter des Geschlechter-
verhältnisses — er beschreibt es mit dem Ausdruck „Hauskrieg"68 — sowie eine
eingeschränkte Gleichberechtigungsproblematik — hinsichtlich der Würde im Ge-
schlechtsakt — erkannt hat. Kant scheitert aber an der Unzulänglichkeit des ihm
verfügbaren Regelungsinstrumentariums sozialer Konflikte: der Vertrag ist für Kon-
flikte in persönlichen Beziehungen kein adäquates Lösungsmittel. Hegel erkennt
diese Unzulänglichkeit des Vertragskonzepts. Es kann die Beziehung der Partner
aufeinander nur negativ, nur in der Form des Ausschlusses von Verletzungen der
Personen bestimmen. Er will nun das Mit- und nicht das Gegeneinander der Ge-
schlechter in den Vordergrund stellen. Dabei gerät ihm aber das Gleichberechti-
gungsproblem wieder aus den Augen. Anstatt die realen Grundlagen des Geschlech-
terkonflikts in der Ehe anzugehen — die starre geschlechtsspezifische Arbeits- und
Rollenverteilung sowie die Herrschaft des Mannes in der Ehe —, versucht Hegel
den Konflikt durch eine Pflicht zur Harmonie, die „Liebe", zu verdrängen. Bei un-
veränderter konflikthafter Grundlage kann aber diese Verdrängung in Form des
Liebespostulats nur die Austragungsform des Konflikts vom offenen „Hauskrieg"
zum subtilen Agieren ändern. Letztlich geht dies auf Kosten des Schwächeren in der
Beziehung, der Frau. Ihr wird die offensive Durchsetzung ihrer Interessen untersagt.
So sind beide Konzepte abzulehnen. In einer wirklich harmonischen und gleichbe-

62
WA XII, 533; Ak VII, 217.
63
Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Berlin o. J.,
Bd. II, S. 312.
64
WA XII, 413; Ak VII, 131.
65
G. W. Fr. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Frankfurt/M. 1986, S 75, $ 161.
66
Ibid., § 161, Zusatz.
67
S. o. Fußnote 29.
68
WA XII, 649; Ak VII, 304.

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Kants Ehekonzept 53

rechtigten Beziehung der Geschlechter muß sowohl deren andauernd konflikthafter


Charakter als auch die zwanghafte Harmonie überwunden werden. Diese Lösung
ist im Gedanken der Liebe bereits angelegt.
Tendenziell sprengt das Liebeskonzept das Vertragsmodell bzw. die Institution
Ehe überhaupt. Die Ehe ist immer nur eine Zweckgemeinschaft69. Der Ehevertrag,
wie Kant ihn konzipiert, als eine wechselseitige Versachlichung der Personen, macht
nur für diese Zweckgemeinschaft einen Sinn. Hier soll die gegenseitige Versachli-
chung garantieren, daß die Personen, die an sich nichts finden, die also kein Inter-
esse am anderen als Person, als Individuum haben, sich dennoch nicht entwürdigen.
Bei einer Verbindung dagegen, die nicht durch äußere Zwecke bestimmt wird,
kommt es auf den Anderen als Person an. Man will ihn in seiner Individualität.
Daher bedarf es bei ihr keiner — sowieso unzulänglichen — vertraglichen Absiche-
rung. Hierbei ist an ein wirklich gleichberechtigtes Liebeskonzept gedacht, was eben
im Sich-aufeinander-beziehen von Mann und Frau als Personen unter wechselseiti-
ger Respektierung ihrer Individualität besteht. Dem entspricht das Modell der
Zweckehe nicht, aber auch nicht das Modell der romantischen Liebe, der Liebe als
„Himmelsmacht". Auch es bleibt einseitig, weil es die materielle Basis der Entste-
hung von Liebe und die Notwendigkeit eines praktischen Lebenszusammenhanges
für die Dauerhaftigkeit der Beziehung ausklammert. Nur wo das wechselseitige In-
teresse an der Person, ähnliche Lebensweise als materielle Basis sowie die Bereit-
schaft zur gemeinsamen Bestimmung der Rollenverteilung innerhalb der Grenzen
des gesellschaftlich Möglichen zusammenkommen, kann die Entwürdigung der Per-
sonen aufgehoben werden, nur hier ist ein gleichberechtigtes Verhältnis der Ge-
schlechter möglich.

69
Auch bei Hegel soll die Liebe nicht der Anlaß, sondern nur die Folge der Ehe sein. Das
entscheidende Auswahlkriterium bleibt weiterhin der materielle Nutzen: „Vermögen,
Stand" (Philosophie des Rechts, S. 312, S 162).

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