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1. Interpretationsregeln der WVK; Interpretation von Verträgen (insb.

in mehreren Sprachen)
S. 67f VV (1. Auflage), Rz. 317 Handbuch (5. Auflage)
Aufgabe der Interpretation ist die Ermittlung jenes Sinnes, der dem Willen der Vertragsparteien
entspricht. Bis zur WVK (Wiener Vertragsrechtskonvention) gab es in der Lehre und in der
Staatenpraxis zwei grundsätzliche Auffassungen darüber, woraus sich dieser Sinn ermitteln
lässt: Die eine Ansicht („objektive“ Theorie) knüpfte an den Sinngehalt des Wortlauts an,
während die andere Ansicht („subjektive“ Theorie) an den Umständen beim Vertragsabschluss
festhielt. Die WVK konnte die daraus resultierende Kontroverse zwar nicht beseitigen - sie
konnte diese aber insoweit beenden, als dass die WVK eine pragmatisch modifizierte Form
der „objektiven“ Theorie festhält. Die Modifikation besteht darin, dass der Zusammenhang des
Textes über das übliche Wortverständnis hinaus durch Elemente der zweiten Theorie erweitert
wurde.
Die WVK trat 1980 in Kraft und regelt die Anwendung von zwischen Staaten geschlossenen
schriftlichen völkerrechtlichen Verträgen, die nach dessen Inkrafttreten abgeschlossen
wurden. Die WVK enthält mit den Art 31-33 nur wenige diesbezügliche Vorschriften.
Ausgangspunkt der Auslegung ist die gewöhnliche Bedeutung der Bestimmungen (Wort- oder
Textinterpretation) in ihrem Zusammenhang (systematische Interpretation). Die systematische
Interpretation beruht auf dem Gedanken, dass der Vertrag als Ganzer widerspruchsfrei
aufgebaut sein muss und deshalb keine Norm einer anderen Norm widersprechen kann.
Zusätzlich ist eine Rechtsnorm nach der Systematik der mit ihr im Zusammenhang stehenden
Regelungen auszulegen. Dieser Zusammenhang umfasst den gesamten Text samt Präambel,
Übereinkünfte beim Vertragsabschluss, einseitige Erklärungen sowie die Übungen bei der
Anwendung des Vertrages. Die historische Interpretation gilt nur subsidiär. Dabei werden die
vorbereitenden Dokumente und die Umstände des Vertragsabschlusses herangezogen. Der
Grund für die Subsidiarität liegt darin, dass im Falle multilateraler Verträge Parteien oftmals
erst im Nachhinein beitreten. Denen sollen keine Vertragsverhandlungen vorgehalten werden,
an denen sie selbst keine Gelegenheit hatten teilzunehmen.
Zusätzlich wird das Gebot postuliert, den Vertrag nach Treu und Glauben sowie nach Ziel und
Zweck auszulegen. Die Erfüllung (und dementsprechend auch die Auslegung) eines Vertrages
nach Treu und Glauben entspricht einem allgemeinen Rechtsgrundsatz und den Grundsätzen
der UN-Charta. Der Bezug auf Ziel und Zweck verweist auf die teleologische Interpretation.
Der Sinn des Vertrages ist danach festzusetzen, was für ein Ziel mit der Norm erreicht werden
soll. Dies darf allerdings nicht so weit gehen, dass die Vertragsbestimmungen, von Ziel und
Zweck ausgehend, frei gestaltet werden! Eine Bestimmung ist von dessen Funktion her zu
begreifen. Ziel und Zweck ergeben sich üblicherweise aus der Präambel. Das Verständnis von
Ziel und Zweck wird durch zwei damit zusammenhängende, in der Praxis angewandte,
Auslegungsgrundsätze bestätigt: effet utile (in Zweifelsfällen ist der Vertrag so auszulegen,
dass der Vertragszweck erreicht wird = Effektivität) und Lotus-Prinzip (in Zweifelsfällen dürfen
Verpflichtungen, dh Beschränkungen der staatlichen Freiheit, nicht vermutet werden).
Vor allem im Bereich des Menschenrechtsschutzes sowie bei Satzungen von IO tendiert man
eher zu einer extensiven Interpretation. So hat der IGH bspw. wiederholt die „implied powers“-
Lehre angewandt, bspw. im Bernadotte-Fall, wo er festhielt, dass die VN Wiedergutmachung
geltend machen können, obwohl eine derartige Befugnis nicht explizit in der UN-Charta
genannt wird.

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Ein besonderes Problem ergibt sich bei der Interpretation multilateraler Verträge, die in
mehreren Sprachen gleicherweise authentisch sind. Das trifft auf alle universellen Verträge zu,
die im Rahmen der VN ausgearbeitet werden. Übliche Vertragssprachen sind: Arabisch,
Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch. Zwar wird vermutet, dass die
Ausdrücke in jedem authentischen Text dieselbe Bedeutung haben. In der Praxis in das
allerdings nicht immer der Fall, weil bspw. die jur. Begriffe in den Staaten sehr verschieden
sind. Unterscheiden sich die Begriffe, so ist gem. Art 33 WVK jene Bedeutung anzunehmen,
die Ziel und Zweck am besten verwirklicht, ohne der Bedeutung in anderen Sprachen zu
widersprechen.
Eine letzte Frage bei der Auslegung stellt sich dahingehend, ob ein Begriff dynamisch/evolutiv
oder zeitgenössisch (also entsprechend seiner Bedeutung zum Zeitpunkt des
Vertragsabschlusses) zu interpretieren ist. Vor allem Menschenrechtsschutzorgane tendieren
dabei zur dynamischen/evolutiven Interpretation. Voraussetzung für eine solche Auslegung ist
allerdings, dass diese vom ursprünglichen Parteiwillen gedeckt ist, was angenommen wird,
wenn im Text Gattungsbegriffe verwendet wurden.
Sofern ein völkerrechtlicher Vertrag adoptiert wurde, müssen die völkerrechtlichen
Interpretationsregeln auch innerstaatlich angewendet werden. Adoption bedeutet, dass die
völkerrechtlichen Normen aufgrund eines „Vollzugsbefehls“ des nationalen Rechts
automatisch im innerstaatlichen Recht gelten. Für die Wirksamkeit bedarf es keiner weiteren
nationalen Umsetzungsmaßnahme.

02. Was ist das Iran-US Claims Tribunal?


Rz. 440, 1833, 2545, 1979, 2821 Handbuch
Das Iran-US Claims Tribunal (auf Deutsch: Iran-US-amerikanisches Forderungsgericht) hat
seinen Sitz in Den Haag (Niederlande) und wurde im Zuge der Bewältigung des Teheraner
Geisel-Falls geschaffen und sollte zur Lösung der im Zuge der (Iranischen) Islamischen
Revolution von 1979 entstandenen wirtschaftsrechtlichen Probleme beitragen. Das Gericht
entstand aufgrund der Vermittlung Algeriens und trat 1981 erstmals offiziell zusammen. Es hat
bereits mehrere hundert Fälle entschieden, die sich hauptsächlich mit völkerrechtswidrigen
Enteignungen im Zuge der „islamischen Revolution“ ereigneten.
Beim Iran-US Claims Tribunal handelt es sich um ein gemischtes Schiedsgericht, dh. es ist
sowohl für zwischenstaatliche als auch für gegen Staaten eingereichte Klagen von natürlichen
und juristischen Privatpersonen zuständig. Die Betroffenen können also bei diesem Gericht
direkt und unabhängig von ihrem Heimatstaat Klage einbringen. (Notiz: Auch ICSID ist ein
solch gemischtes Schiedsgericht!)
Vorgeschichte: Der Iran versuchte sich in den 1960er und 1970er Jahren von der starken
wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Öl zu lösen. Man strebte nach Technologie, Ausrüstungen,
Dienstleistungen und Beratern aus dem Ausland. Dabei legte man großen Wert auf die
Einbeziehung vor allem US-amerikanischer Unternehmen. Allerdings wuchs der Unmut in der
Bevölkerung, als Ende der 1970er Jahre die US-Bürger mehrere Projekte im Wert von
mehreren Milliarden Dollar im Iran betreuten. Dies führte letztlich zu Stärkung der Revolution
und zur Ausrufung der Islamischen Republik. Die Proteste gegen die USA erreichten ihren
Höhepunkt, als 1979 iranische Studierende die US-Botschaft stürmten und über 50
Botschaftsbedienstete als Geiseln festnahmen (Teheraner Geisel – Fall).

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Beim Teheraner Geisel - Fall geht es thematisch um die völkerrechtliche Verantwortlichkeit
und dabei insb. um die Zurechnung von Privathandeln. Der IGH sprach in zweifacher Hinsicht
eine Verantwortlichkeit des Iran aus: Zum einen verletzte er seine Verpflichtungen aus der
WDK, sowohl die Botschaft selbst als auch die Bediensteten vor Angriffen zu schützen. Zum
anderen war der Iran auch für die Geiselnahme selbst verantwortlich, obwohl diese nicht von
staatlichen Stellen durchgeführt wurde. Ausschlaggebend für die Zurechnung der – durch
Private durchgeführten – Geiselnahme war die Reaktion des Revolutionsführers im
Zusammenhang mit der Freilassung von 13 Geiseln rund 2 Wochen nach dem Sturm auf die
Botschaft. Dieser erklärte in einem öffentlichen Dekret, dass der Iran keine Genehmigung für
die Freilassung aller anderen Geiseln gibt und diese weiterhin unter Arrest stehen, bis die USA
die iranischen Forderungen erfüllen. Diese Handlung wurde dem Staat rückwirkend
zugerechnet.
03. Jugoslawien: Wie wurde der „Zerfall“ gesehen? Ident mit SFRJ?
S. 90 VV, Rz. 884ff Handbuch
Wir sind beim Thema der Staatennachfolge, welche in mehreren Varianten eintreten kann. Bei
Jugoslawien handelt es sich um einen Fall der Dismembration. Darunter versteht man den
Zerfall eines Staats in zwei oder mehrere Staaten, wobei der Vorgängerstaat zu existieren
aufhört. Zu einer Dismembration kann es freiwillig oder unfreiwillig kommen.
Zum Zerfall Jugoslawiens kam es in Folge der Jugoslawienkriege (auch Balkankriege
genannt). Während Serbien und Montenegro am Fortbestand Jugoslawiens festhielten,
schlugen die anderen vier Republiken den Weg der Trennung ein. Slowenien und Kroatien
erklärten 1991 ihre Unabhängigkeit. Bosnien-Herzegowina 1992. Mazedonien erklärte sich
ebenfalls 1991 für unabhängig, wurde aber erst 1993 in die VN aufgenommen.
Der Reststaat, bestehend aus Serbien und Montenegro, hat sich 1992 in Bundesrepublik
Jugoslawien (BRJ) umbenannt und strebte die Fortführung der rechtlichen Identität mit der
früheren Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) an. Diese
Kontinuitätsbehauptung stieß aber auf Widerstand und wurde auch von den VN abgelehnt.
Eine von der EG eigens eingesetzte Kommission (auch als Badinter-Kommission bekannt)
befasste sich mit der Klärung juristischer Fragen betreffen dem Zerfall. Nach Ansicht dieser
Kommission hörte die SFRJ zu bestehen auf. Die Bundesrepublik Jugoslawien (BRJ) sei ein
neuer Staat, der nicht als Alleinnachfolger der SFRJ angesehen werden könne. Erst mit dem
Ende des Milosevic-Regimes lenkte auch die BRJ ein und akzeptierte, ein Nachfolgestaat zu
sein. Konsequenterweise stelle die BRJ einen Aufnahmeantrag bei den VN und wurde 2000
deren Mitglied.
Trotz all den bisherigen Erläuterungen war der rechtliche Status der Bundesrepublik
Jugoslawien bis zu ihrer Aufnahme im Jahr 2000 unklar. Im Völkermord-Fall (von 1996)
schien der IGH stillschweigend die serbische Kontinuitätslehre akzeptiert zu haben, indem er
seine Zuständigkeit in diesem Verfahren bejahte. (1993 brachte Bosnien-Herzegowina eine
Klage gegen die BRJ, wegen Verletzung der Völkermordkonvention ein, weil die serbischen
Behörden nichts taten, um den Völkermord in Bosnien zu verhindern. Der IGH entschied
damals, dass die nicht-staatlichen Akteure, welche den Völkermord ausgeübt hatten, Serbien
nicht zurechenbar seien. Wohl aber verstößt Serbien gegen die Pflicht der Konvention,
Völkermord zu verhindern.)
Jedenfalls benannte sich die BRJ im Jahr 2003 in die „Staatengemeinschaft Serbien und
Montenegro“ um. Durch die Separation Montenegros von Serbien im Jahr 2006 kam es zu
einer weiteren Staatennachfolge.

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04. Welche Streitbeilegungsmechanismen gibt es im Rahmen der WTO?
05. Wie werden Streitigkeiten nach der WTO beigelegt? Gibt es da Panels?
S. 283f VV, Rz. 2251ff Handbuch
Einleitend gehört erwähnt, dass die WTO eine internationale Organisation mit Sitz in Genf ist.
Sie wurde auf Grundlage eines von 111 Staaten geschlossenen Vertrags geschaffen. Derzeit
zählt die WTO 164 Mitglieder und umfasst nahezu die gesamte Weltbevölkerung bzw. den
gesamten Welthandel. Die WTO und das mit ihr zusammenhängende WTO-Recht bestimmen
die völkerrechtlichen Aspekte des internationalen Handelsverkehrs. Hauptziel ist die
Handelsliberalisierung.
Die WTO besteht institutionell aus der Ministerkonferenz (ist das zentrale Organ), dem
Allgemeinen Rat, dem Dispute Settlement Body sowie einer Reihe sonstiger Organe und
Gremien (zB. Sekretariat). Der Allgemeine Rat handelt im Rahmen des WTO-
Streitbeilegungssystems als eigenes Streitbeilegungsgremium. Man spricht vom Dispute
Settlement Body. In dieser Rolle hat er jedoch einen anderen Vorsitzenden und eigene
Verfahrensregeln. Besonderheit der WTO: Auch separate Zollgebiete mit Vollautonomie in
ihren äußeren Wirtschaftsbeziehungen können der WTO beitreten. So sind etwa die EU, Hong
Kong, Macau und Taiwan Mitglied.
Eine Streitigkeit entsteht, wenn ein WTO-Mitglied der Ansicht ist, dass ein anderes Mitglied
seine Verpflichtungen aus dem WTO-Recht verletzt. Die WTO verfügt für solche Fälle über ein
eigenes und für alle Mitglieder (und nur für diese) verpflichtendes Streitbeilegungssystem,
welches in der Vereinbarung über Regeln und Verfahren zur Beilegung von Streitigkeiten 1994
(DSU) geregelt ist. Es läuft wie folgt ab:
1. In erster Linie sind die Mitglieder dazu aufgerufen, ihre Streitigkeiten auf dem
Verhandlungsweg beizulegen.
2. Sofern dies innerhalb von 60 Tagen zu keinem Erfolg führt oder die Verhandlungen
verweigert wurden, kann die beschwerdeführende Partei den Dispute Settlement Body
anrufen. Dieser richtet für den jeweiligen Rechtsstreit eigene
Untersuchungsausschüsse (sog. Panels) ein. Die Einrichtung eines Panels kann
grundsätzlich nur durch einen sog. „negativen Konsens“ verhindert werden, dh. dass
sämtliche Mitglieder dagegen sein müssen. Sofern sich auch nur ein Mitglied (allen
voran die beschwerdeführende Partei selbst) dem Konsens nicht anschließt, kommt
ein solches Panel zustande. In der Praxis lässt sich die Einrichtung eines Panels nicht
verhindern.
Panels bestehen üblicherweise aus 3 Experten aus unterschiedlichen Staaten und
erlassen innerhalb von 6 Monaten einen Bericht (panel report) zur Vereinbarkeit der
Tatsachenfeststellungen mit den anzuwendenden Bestimmungen des WTO-Rechts
sowie dazugehörige Empfehlungen.
3. Um rechtsverbindlich zu werden, muss der Bericht vom Streitbeilegungsgremium (=
Dispute Settlement Body) angenommen werden. Zu diesem Zweck wird der Bericht an
die Mitglieder des Dispute Settlement Body verteilt. Nach der Verteilung beginnt eine
60-tägige Annahmefrist zu laufen. Um die Annahme des Berichts zu verhindern, ist
ebenfalls ein negativer Konsens notwendig.
4. Alternativ kann jede Partei die Annahme eines Panel-Berichts durch Berufung
verhindern. Solche Berufungen werden durch 3 Mitglieder des Appellate Body, als
ständigem Berufungsgremium, innerhalb von 90 Tagen behandelt. Er kann die
Feststellungen und Schlussfolgerungen des Panels aufrechterhalten, ändern oder
aufheben. Auch der Appellate Body erlässt ein Bericht, der vom Dispute Settlement
Body angenommen werden muss. Auch hier ist für die Nichtannahme des Berichts
negativer Konsens notwendig.

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Angenommene Empfehlungen sind innerhalb eines angemessenen Zeitraums umzusetzen.
Bei Säumigkeit in der Umsetzung sind mit der beschwerdeführenden Partei für beide Seiten
akzeptable Formen der Entschädigung zu verhandeln. Sollte keine Einigung erzielt werden,
kann der Dispute Settlement Body Schutz- bzw. Gegenmaßnahmen gestatten, die vor allem
in Strafzöllen und Importverboten bestehen.
06. Welche Funktion hat der Appellate Body der WTO?
S. 283f VV, Rz. 2251ff Handbuch
Der Appellate Body ist ein ständiges Berufungsgremium im Rahmen des
Streitbeilegungssystems der WTO und hat innerhalb von 90 Tagen eine Überprüfung der
rechtlichen Aspekte des Panelberichts vorzunehmen. Das Berufungsgremium wird mit
Erhebung einer Berufung tätig. Es besteht aus 7 unabhängigen Experten aus dem Bereich
des Welthandels. Diese werden auf 4 Jahre bestellt und sie entscheiden in Dreiersenaten.
Seine Feststellungen und Empfehlungen sind in einem Bericht festzuhalten. Um
rechtsverbindlich zu werden, muss der Bericht vom Streitbeilegungsgremium (= Dispute
Settlement Body) angenommen werden. Zu diesem Zweck wird der Bericht an die Mitglieder
des Dispute Settlement Body verteilt. Nach der Verteilung beginnt eine 60-tägige Annahmefrist
zu laufen. Um die Annahme des Berichts zu verhindern, ist ein negativer Konsens notwendig.
Ein solcher liegt vor, soweit alle Mitglieder gegen den Bericht sind.
07. Wie können Staaten Mitglied der Vereinten Nationen werden?
Rz. 960ff Handbuch
Die Vereinten Nationen stellen eine Internationale Organisation mit Hauptsitz in NY dar und
umfassen mit insgesamt 193 Mitgliedstaaten nahezu die gesamte Staatengemeinschaft.
Primäres Ziel der VN ist die Erhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit.
Hinzu kommt die Förderung freundschaftlicher Beziehungen innerhalb der internationalen
Gemeinschaft.
Für eine Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein:

 der (souveräne) Staat muss die Bereitschaft zeigen, die Verpflichtung der UN-Charta
zu erfüllen und
 „friedliebend“ sein.
Diese Bedingungen sind abschließend, also taxativ. Politische Erwägungen, etwa hinsichtlich
des Regierungssystems, dürften nur insofern eine Rolle spielen, als sich diese auf die
genannten Kriterien beziehen. In der Praxis wird dies natürlich anders gehandhabt. Die
Bedingung gleichzeitiger Aufnahme anderer Staaten wurde vom IGH als jedenfalls unzulässig
erachtet.
Für eine Aufnahme bedarf es der Empfehlung des UN-Sicherheitsrats mit einem daran
anschließenden positiven Beschluss der UN-Generalversammlung mit 2/3-Mehrheit. Die
Empfehlung des UN-Sicherheitsrats ist eine condition sine qua non, dh. ohne diese kann die
UN-Generalversammlung keine Aufnahme beschließen. So scheiterte etwa die Aufnahme des
Kosovo bisher an einer Empfehlung des UN-Sicherheitsrats.
Neben der Vollmitgliedschaft besteht die Möglichkeit Beobachterstatus zu erhalten. Ein
solcher ermöglicht die Teilnahme an Sitzungen, allerdings ohne Rede- oder Stimmrecht. So
kommt bspw. der EU innerhalb der UN-Generalversammlung ein erweiterter Beobachterstatus
inkl. Rederecht zu. Aber auch NGOs können Beobachterstatus oder Konsultativfunktion
einnehmen (siehe vertiefend unter Frage 11). Für die Festlegung des Beobachterstatus
braucht es keiner Empfehlung des UN-Sicherheitsrats.

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08. Können neutrale Staaten Mitglied der VN werden? Wie wird das gerechtfertigt?
Rz. 2942ff Handbuch
Die Mitgliedschaft neutraler Staaten soll anhand dem Beispiel Österreichs erklärt werden:
Österreich wurde 1955 in den Vereinten Nationen aufgenommen und war damit der erste
neutrale Staat. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Neutralität und Mitgliedschaft ist gerade
wegen den Zwangsmaßnahmen des Sicherheitsrats bis hin zum Einsatz militärischer Gewalt
gem. Kapitel 7 der UN-Charta brisant.
Bevor allerdings auf die Rechtfertigung eingegangen wird, ein kurzer Kommentar zu
Österreichs Neutralität: Die Österreichische Neutralität war eine sowjetische Bedingung für
den Abschluss des Staatsvertrages gewesen und wurde vom Nationalrat am 26. Oktober 1955
als Bundesverfassungsgesetz beschlossen – einen Tag nachdem der letzte Besatzungssoldat
österreichisches Territorium verlassen hatte. Das Gesetz erklärt eine immerwährende
(dauernde) Neutralität. Folge ist, dass Österreich bereits im Frieden nichts tun darf, was ihm
in zukünftigen Kriegen die Einhaltung der Pflichten der gewöhnlichen Neutralität unmöglich
machen würde. Insbesondere dürfen keine militärischen Bündnisse geschlossen werden. Rein
waffentechnische Zusammenarbeit bzw. gemeinsame Rüstungsbeschaffung mit anderen
Staaten ist allerdings gestattet. Eine Pflicht zu moralisch-ideologischer Neutralität iSe
ideologischer Parteilosigkeit zu beiden Kriegsparteien besteht nicht.
Bei der Gründung der VN wurde die Ansicht vertreten, dass eine (dauernde) Neutralität mit
der UN-Charta unvereinbar sei. Ungeachtet dessen, begründete die österreichische Doktrin
die Vereinbarkeit folgendermaßen: Die Satzung der VN sieht keine automatischen Sanktionen
vor, sondern der Sicherheitsrat entscheidet im Einzelfall, ob Zwangsmaßnahmen erforderlich
und – wenn ja – welche nichtmilitärischen oder militärischen Sanktionen zu ergreifen sind.
Zwar haben alle Mitglieder den Anordnungen des SR Folge zu leisten, doch könne der SR
beschließen, einzelne Mitglieder nicht zu Zwangsmaßnahmen heranzuziehen. Außerdem sind
vier ständige Mitglieder des SR (Fra, GB, Russland, USA) – als Parteien des Staatsvertrages–
im Sinne eines estoppel gehindert, Österreich zu einem neutralitätswidrigen Verhalten
aufzufordern. Ergänzend hat die österreichische Regierung vorgebracht, dass Maßnahmen
zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens nicht als Krieg im völkerrechtlichen Sinn, sondern als
„Polizeiaktion“ im Rahmen kollektiver Sicherheit anzusehen sei.
Allerdings überzeugt die Argumentation nicht restlos. Zum einen wurde Österreich bei der
Aufnahme nicht als dauernd neutraler Sonderfall behandelt. Zum anderen hat der
Sicherheitsrat alle zur Ausführung seiner Beschlüsse „erforderlichen“ Maßnahmen zu treffen.
Wenn also bspw. die Involvierung Österreichs zur Durchführung eines SR-Beschlusses
„erforderlich“ ist, kann er davon keine Ausnahme machen. In der Praxis ist Österreich immer
den Sanktionsbeschlüssen nachgekommen.
Heutzutage wird Neutralität in erster Linie militärisch und Sicherheitspolitisch verstanden. Die
Verhängung von Wirtschaftssanktionen wird aber als mit der Neutralität vereinbar angesehen.

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09. Welche Probleme können beim Beitritt zu den VN auftreten?
Rz. 960ff Handbuch
Die Vereinten Nationen stellen eine Internationale Organisation mit Hauptsitz in NY dar und
umfassen mit insgesamt 193 Mitgliedstaaten nahezu die gesamte Staatengemeinschaft.
Primäres Ziel der VN ist die Erhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit.
Hinzu kommt die Förderung freundschaftlicher Beziehungen innerhalb der internationalen
Gemeinschaft.
Für eine Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein:

 der (souveräne) Staat muss die Bereitschaft zeigen, die Verpflichtung der UN-Charta
zu erfüllen und
 „friedliebend“ sein.
Diese Bedingungen sind abschließend, also taxativ. Politische Erwägungen, etwa hinsichtlich
des Regierungssystems, dürften nur insofern eine Rolle spielen, als sich diese auf die
genannten Kriterien beziehen. In der Praxis wird dies natürlich anders gehandhabt. Die
Bedingung gleichzeitiger Aufnahme anderer Staaten wurde vom IGH als jedenfalls unzulässig
erachtet.
Für eine Aufnahme bedarf es der Empfehlung des UN-Sicherheitsrats mit einem daran
anschließenden positiven Beschluss der UN-Generalversammlung mit 2/3-Mehrheit. Die
Empfehlung des UN-Sicherheitsrats ist eine condition sine qua non, dh. ohne diese kann die
UN-Generalversammlung keine Aufnahme beschließen. So scheiterte etwa die Aufnahme des
Kosovo bisher an einer Empfehlung des UN-Sicherheitsrats.
Beim Beitritt treten dann Probleme auf, wenn der Beitretende kein Staat ist. Gemäß der Drei-
Elemente-Lehre setzt sich ein Staat aus Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt
zusammen. Diese Definition wurde auch in der Montevideo-Konvention (1933) übernommen.
Dort wird als zusätzliches Element der Staatlichkeit auch die Fähigkeit, mit anderen Staaten
in Beziehung treten zu können, genannt. Die meisten Probleme wirft die Frage nach der
Souveränität auf, da es sich dabei um das Hauptmerkmal eines Staates handelt. Souveränität
wird als Autonomie und höchste Befehlsgewalt im Inneren verstanden. Nach außen wird sie
als Unabhängigkeit und Gleichheit der Staaten untereinander definiert.
Die Anerkennung eines neuen Staats hat zwar bloß deklaratorische Wirkung, doch ist sie
politisch bedeutsam. Verbreitete Nichtanerkennung ist Ausdruck der Missbilligung und
erschwert vor allem die Wirtschaftsbeziehungen. Die Anerkennung kann sowohl ausdrücklich
als auch konkludent erfolgen. Da die Mitgliedschaft in den VN die Staatlichkeit außer Frage
stellt, hat die Aufnahme eine hohe Präzedenzwirkung hinsichtlich der politischen
Anerkennung.
Ebenso treten Probleme auf, wenn sich die staatliche Identität eines Mitglieds verändert.
Grundsätzlich gilt, dass es im Falle der Staatennachfolge keine Rechtsnachfolge in die
Mitgliedschaften von IO gibt. Im Falle einer Sezession (Pakistan von Indien) wird das
Fortbestehen der Mitgliedschaft des ursprünglichen Staats akzeptiert. Der abgespaltene Staat
muss neu aufgenommen werden. Auch bei Dismembrationen (Tschechoslowakei) müssen die
Nachfolgestaaten neu aufgenommen werden. Im Fall einer Inkorporation (DDR in BRD)
erlischt die Mitgliedschaft des untergehenden Staats, während die des aufnehmenden Staats
weiterbesteht. Bei Fusion (wie bei Ägypten mit Syrien 1958) gingen die VN-Mitgliedschaften
der beiden untergehenden Staaten ohne neues Aufnahmeverfahren auf den neuen Staat über.
=> Begonnen hat die Frage damit, welche Probleme es beim Beitritt Österreichs gab! Es ging
um das Thema Neutralität (vgl dazu Frage 8)!

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10. Kann man aus den Vereinten Nationen austreten?
Rz. 978ff Handbuch
Eine Austrittserklärung stellt eine einseitige Willenserklärung dar, die nicht von der Annahme
anderer abhängt. Voraussetzung dafür ist, dass die betreffende Satzung die Möglichkeit eines
Austritts vorsieht. Die UN-Charta sieht allerdings keinen Austritt vor. In solchen Fällen kann
der Austritt dadurch gesichert werden, dass beim Eintritt ein entsprechender Vorbehalt
abgegeben wird, sofern die Satzung sowas erlaubt. Aber auch ohne Austrittsklausel wird eine
Austrittserklärung rechtswirksam, wenn alle übrigen Mitglieder dem Austritt zustimmen.
In der Praxis erklärte bisher lediglich ein Staat seinen Austritt, nämlich Indonesien im Jahr
1965. Grund war die Wahl Malaysias zum nicht-ständigen Mitglied des UN-Sicherheitsrats.
Allerdings nahm Indonesien im folgenden Jahr seinen Sitz in der UN-Generalversammlung
wieder ein. Der Austritt wurde in ein temporäres Ruhen der Mitgliedschaft umgedeutet.
Ein ähnliches Resultat erreicht man durch Suspendierung oder Ausschluss. Gem. UN-Charta
ist es möglich, die Ausübung der Rechte eines Staats in Folge von Maßnahmen des UN-
Sicherheitsrats zu suspendieren (etwa wegen Nichtbezahlung der Mitgliedsbeiträge) oder
diesen aufgrund beharrlicher Verletzung auszuschließen. Diese Bestimmungen wurden in der
Praxis allerdings noch nie angewandt. Der versuchte Ausschluss Südafrikas scheiterte am
dreifachen Veto.
11. Welche Möglichkeiten haben NGO´s im Rahmen der Vereinten Nationen mitzuwirken?
Rz. 1187ff Handbuch
Eine NGO (NGO steht für non-governmental organization) ist eine nichtstaatliche
Organisation, die sich als Form der organisierten Zivilgesellschaft von internationalen
Organisationen unterscheidet. Es handelt sich um private Vereinigungen, die dem nationalen
Recht des Heimatstaats unterworfen sind. Ihre Rechtsform ist idR die eines privatrechtlichen
Vereins. In Österreich ergibt sich die Rechtsstellung aus dem VereinsG. Zu den Mitgliedern
gehören Privatpersonen aber keine Staaten oder andere Internationale Organisationen.
Typische Merkmale einer internationalen NGO sind:

 Errichtung durch privatrechtlichem und nicht völkerrechtlichen Gründungsvertrag


 Mindestmaß an institutioneller Struktur
 Nicht profitorientiert
 Nicht-hoheitliche Aufgaben
 Wird grenzüberschreitend (also international) tätig.
Prominente NGOs sind: Ärzte ohne Grenzen, Greenpeace, Amnesty International, WWF.
NGOs können unter bestimmten Voraussetzungen mit völkerrechtlichen Handlungsbefugnis
ausgestattet werden. Dies ist im Einzelfall zu prüfen. Im Rahmen der Vereinten Nationen
wirken NGOs durch einen Konsultativ- bzw. Beobachterstatus mit und besitzen insoweit
partielle Völkerrechtssubjektivität. So kann gem. Art 71 UN-Charta der Wirtschafts- und
Sozialrat „geeignete Abmachungen zwecks Konsultationen“ mit NGOs treffen. Im Jahr 2012
waren über 3500 NGOs beim Wirtschafts- und Sozialrat akkreditiert, denen abgestufte
Mitwirkungsrechte zustehen. Je nach Mitwirkungsrecht werden andere Anforderungen
gestellt:

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 Voraussetzung für den „allgemeinen Konsultativstatus“ ist, dass sich die NGO mit dem
größten Teil der Tätigkeiten des Rates und seiner Nebenorgane befasst und
nachweisen kann, dass sie in der Lage ist, merklich und nachhaltig zur Erreichung der
Ziele der VN beizutragen, und mit dem wirtschaftlichen und sozialen Leben der Völker
der von ihnen vertretenen Regionen eng verbunden sind.
 Der „besondere Konsultativstatus“ ist für NGOs vorgesehen, die nur in bestimmten
Tätigkeitsbereichen des Rates eine besondere Sachkunde aufweisen.
 Den sog. „Listenstatus“ erhalten NGOs dann, wenn sie nach Auffassung des WSR
gelegentlich und auf Anfrage einen nützlichen Beitrag leisten können.
Ohne Rechtsgrundlage in der UN-Charta gewähren auch die Generalversammlung, der
Sicherheitsrat und das Sekretariat der VN den NGOs spezielle Mitwirkungsmöglichkeiten an
ihren Aktivitäten. Auch die Satzungen der meisten Spezialorganisationen der VN (UNESCO,
WHO, IWF) sehen eine Beteiligung von NGOs vor. Auch im Rahmen der WTO (= keine
Sonderorganisation, kooperiert aber eng mit den VN), des Europarates und der EU ist die
Mitwirkung von NGOs vorgesehen.
Was die Mitwirkung an der Rechtsetzung angeht, so können NGOs die Ausarbeitung von
völkerrechtlichen Verträgen anregen bzw. danach an deren drafting mitwirken. Sie können
ebenso an der Kontrolle der Durchführung völkerrechtlicher Verträge beteiligt sein (monitoring)
und dieserart an der völkerrechtlichen Rechtserzeugung teilnehmen. Beispiele für
völkerrechtliche Verträge, wo NGOs maßgeblich beteiligt waren: Übereinkommen über die
Rechte von Menschen mit Behinderung; Römisches Statut des Internationalen
Strafgerichtshofs.
Schließlich können NGOs auch an der internationalen Rechtsprechung als Parteien,
Nebenintervenienten oder als amici curiae (= Verfahrensbeteiligung mit
Äußerungsmöglichkeiten, ohne Partei zu sein) mitwirken. In Verfahren vor dem IGH steht es
ihnen offen, mit sog. Amicus-curiae-Stellungnahmen ihre Standpunkte einzubringen. Selbiges
ist vor den Streitschlichtungspanels der WTO (Dispute Settlement Bodies) sowie dem
Berufungsgremium (Appellate Body) gängige Praxis.
12. Vereinte Nationen als Nachfolger des Völkerbunds? Unterschiede + Gemeinsamkeiten!
S. 108, 122 VV, Rz. 901ff Handbuch
Der Völkerbund war die Vorläuferorganisation der Vereinten Nationen und hatte ihren Sitz in
Genf. Ähnlich den Vereinten Nationen galt die Erhaltung des Weltfriedens und der
internationalen Sicherheit sowie die Förderung der internationalen Zusammenarbeit als
dessen erklärtes Ziel.
Der Völkerbund wurde nach dem 1. Weltkrieg gegründet und nahm im Jahr 1920 seine Arbeit
auf. Sein Hauptziel war es, die Wiederholung eines Weltkriegs zu verhindern. Im Laufe der
Zeit traten 16 Staaten aus. Mit dem Austritt Deutschlands, Italiens, Japans und dem
Ausschluss der Sowjetunion 1939 (aufgrund dessen Angriff auf Finnland) verlor der
Völkerbund größtenteils seine Relevanz. Da mit dem 2. Weltkrieg auch die Zweckerfüllung
scheiterte, wurde der Völkerbund nach Ende des Kriegs im Jahr 1946 aufgelöst.
De iure gesehen sind die Vereinten Nationen (1945 gegründet) nicht Rechtsnachfolger des
Völkerbunds, auch wenn eine Reihe von dessen Aufgaben übernommen wurden. So wurden
politische Zielsetzung und auch technische sowie administrative Aufgaben übernommen. Der
Völkerbund kannte bereits ein Mandatssystem inkl. Minderheitenschutz, eine
Registrierungspflicht für Verträge und eine den VN ähnliche Organisationsstruktur. Vermögen,
Verbindlichkeiten und Personal wurden durch wechselseitige Vereinbarungen übertragen. Bei
den Vereinten Nationen handelt es sich demnach um den de facto Nachfolger des
Völkerbunds.

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Hinsichtlich den Unterschieden bleibt zu sagen, dass der Völkerbund – unter der Annahme
der grundsätzlichen Kooperationsbereitschaft – noch kein generelles Kriegs- oder
Gewaltverbot vorsah, sondern nur ein System der Streitbeilegung, welches vor Beginn eines
Krieges durchlaufen werden musste. Der Ständige Internationale Gerichtshof wurde zwar vom
Völkerbund errichtet, war aber kein Hauptorgan des Völkerbundes, sondern eine
eigenständige Organisation. Zudem galt für die Willensbildung der Grundsatz der
Einstimmigkeit.
13. Wie ist das mit dem Veto im Sicherheitsrat?
S. 129f VV, Rz. 1028 Handbuch
Der Sicherheitsrat ist neben dem Sekretariat, der Generalversammlung, dem Treuhandrat,
dem Wirtschafts- und Sozialrat und dem IGH ein Hauptorgan der Vereinten Nationen.
Der UN-Sicherheitsrat besteht aus 15 Mitgliedern. Seine Hauptfunktion ist die
Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit. Dazu kann er für
sämtliche Mitglieder bindende Beschlüsse fassen. Diese werden mit einer Mehrheit von 9
Stimmen gefasst. Zwar kommt jedem Mitglied eine Stimme zu, doch haben die 5 ständigen
Mitglieder in substantiellen Fragen ein Veto (Art 27 Abs 3 UN-Charta). Hintergedanke ist, dass
diese Staaten für die Friedenserhaltung in der Welt eine derart große Rolle spielen, dass
Beschlüsse ohne ihr Zustimmung nicht sinnvoll sind. In/Für Verfahrensfragen gibt es kein Veto.
Allerdings bildet allein schon die Vorfrage, ob es sich um eine substantielle oder
Verfahrensfrage handelt, eine substantielle Frage, womit eine Vetomöglichkeit besteht. Man
spricht deshalb auch von einem „doppelten Veto“. Um diplomatische Verspannungen zu
vermeiden kommen Fragen, bei denen ein Veto zu erwarten ist, erst gar nicht zur Abstimmung.
Diese Bestimmung wurde aber in der Praxis des UN-Sicherheitsrats durch
Völkergewohnheitsrecht geändert: Danach verhindert die Abwesenheit oder Stimmenthaltung
ständiger Mitglieder das Zustandekommen eines Beschlusses nicht. Es bedarf dann lediglich
einer Mehrheit von 9 Stimmen. Abwesenheit oder Stimmenthaltung haben daher keine
Vetowirkung, vielmehr bedarf es einer ausdrücklichen Gegenstimme (= Veto).
Die Praxis der Stimmenthaltung geht auf eine Episode des Kalten Kriegs zurück. Nachdem die
Sowjetunion aus Protest gegen die Vertretung Chinas im UN-SR durch Taiwan ab 1950 nicht
mehr an den Sitzungen des SR teilnahm, wurde nach Ausbruch des Koreakrieges die
Gelegenheit ergriffen, um in deren Abwesenheit eine Reihe von Resolutionen zur
Unterstützung Südkoreas zu verabschieden. Man wertete dabei die Abwesenheit der
Sowjetunion nicht als Veto, sondern lediglich als Stimmenthaltung.

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14. Welche Streitbeilegungsmechanismen sehen BITs vor?
15. Investitions-Streitbeilegung: Welche Möglichkeiten gibt es?
S. 290 VV, Rz. 2392ff Handbuch
Im Falle von Investitionsstreitigkeiten ist zu unterscheiden, ob die Streitbeilegung zwischen
zwei Staaten oder zwischen einem Investor und einem Staat erfolgt. In letzterem Fall stehen
mehrere Möglichkeiten offen:
1. Der Investor kann sich an die Gerichte des Gastgeberstaats wenden. Nach
traditionellem Völkerrecht müsste er vor Ergreifung internationaler
Streitbeilegungsmittel sogar den innerstaatlichen Instanzenzug ausgeschöpft haben.
Diese Option kann allerdings unattraktiv erscheinen, da innerstaatliche Gerichte nicht
immer fair, unabhängig und objektiv sind. Auch spielen Effizienz und Korruption eine
Rolle. Der Zugang zu Gerichten anderer Staaten ist beschränkt. Dabei ergeben sich
Probleme der örtlichen Zuständigkeit und auch das Problem der Staatenimmunität.
Zudem kann auch die Act-of-State-Doktrin ein Hindernis für die Verfolgung eines
Anspruchs sein.
2. Die klassische völkerrechtliche Methode besteht im diplomatischen Schutz. Dabei wird
der Heimatstaat des Investors im Rahmen des diplomatischen Schutzrechts tätig und
steht somit dem Gastgeberstaat in einer zwischenstaatlichen Streitigkeit gegenüber.
Allerdings stößt dieser Mechanismus an seine Grenzen, da es verschiedener
Voraussetzungen bedarf:
a. Zunächst müssen die innerstaatlichen Instanzenzüge ausgeschöpft werden.
b. Die Ausübung des diplomatischen Schutzrechts liegt im Ermessen des Staats,
dh. dieser kann frei entscheiden, ob er davon Gebrauch machen möchte oder
nicht. Der Investor hat somit keinen Anspruch darauf. Aber auch aus der
Perspektive des Staats ist das nachteilig, da es zu zwischenstaatlichen
Streitigkeiten führen kann und die internationalen Beziehungen belastet.
(außerdem gibt es weitere Voraussetzungen; vgl. Frage 84)
=> aus diesem Grund enthalten BITs für solche Fälle Streitbeilegungsklauseln,
welche gewöhnlich ein Schiedsgericht vorsehen.
3. Die günstigste Form der Streitbeilegung ist die Vereinbarung der internationalen
Schiedsgerichtsbarkeit zwischen dem Investor und dem Gastgeberstaat. Eine solche
Vereinbarung (auch Schiedsklausel genannt) kann in BITs also auch in Investor-Staat-
Verträgen aber auch in staatlichen Investitionsgesetzen vorgesehen werden. Der Inhalt
solcher Schiedsklauseln reicht von bloßen Verweisen ohne irgendeiner Verpflichtung,
bis hin zum Recht des Investors, ein schiedsgerichtliches Verfahren zu initiieren. Eine
einmal abgeschlossene Schiedsvereinbarung ist bindend und grundsätzlich
unwiderruflich. Grundsätzlich müsste eine Schiedsklausel eine Vielzahl technischer
Details festlegen (Zusammensetzung, Kosten, Vollstreckung, etc). Zur Vereinfachung
existieren vorgefertigte Verfahrensregeln, die in die Schiedsvereinbarung
aufgenommen werden können. Bekanntestes Beispiel dafür sind die UNCITRAL
Arbitration Rules.
Die Parteien können entweder
a. ein eigenes ad-hoc-Schiedsgericht einrichten oder
b. zur Bildung eines solchen ICSID (vgl. Frage 18) in Anspruch nehmen.
Die Kritik an ad hoc-Schiedssprüchen besteht darin, dass diese im Vergleich zu ICSID-
Schiedssprüchen durch nationale Gerichte überprüft und gegebenenfalls annulliert
werden können.
Verfahren im Rahmen von ICSID sind mittlerweile die häufigste Methode der Streitbeilegung.

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Exkurs: Auch Staaten können durch Vereinbarung ein Schiedsgericht für den konkreten
Anlassfall bilden. Hier ist insb. das Iran-US-Claims Tribunal zu nennen. Dieses wurde
anlässlich der Spannungen zwischen diesen beiden Staaten, allen voran aufgrund der
Teheraner Geiselkrise, auf Grundlage der Vermittlung Algeriens geschaffen. Es ist sowohl für
zwischenstaatliche als auch für gegen Staaten eingereichte Klagen von Privatpersonen
zuständig. Seine anhaltende Bedeutung ergibt sich vor allem daraus, dass die für das
Investitionsrecht bedeutsamen Urteile häufig von ICSID-Schiedsgerichten herangezogen
werden.
16. Was versteht man unter sog. Investitionsschutzklauseln?
17. Wie kann man Investitionsschutzverträge abschließen?
S. 286 VV, Rz. 2342, 2392ff Handbuch
Thematisch sind wir im Bereich des internationalen Investitionsschutzrechts. Das
internationale Investitionsschutzrecht widmet sich der Förderung ausländischer Investitionen
und deren Schutz gegen Beeinträchtigungen durch den Gastgeberstaat. Die wichtigsten
Rechtsquellen (neben Gewohnheitsrecht, staatliche Investitionsgesetze und Free Trade
Agreements) sind bi- und multilaterale Investitionsschutzverträge (auch
Investitionsschutzabkommen genannt). Während Letztere meist auf regionaler Ebene
abgeschlossen werden, werden bilaterale Investitionsschutzabkommen (auch BITs genannt =
bilateral investment treaties) zwischen dem Heimatstaat des Investors und dem
Gastgeberstaat abgeschlossen. BITs stellen nach wie vor die am weitesten verbreitete Form
des Investitionsschutzes dar.
BITs verbessern die Position von Investoren wesentlich. Durch die darin enthaltenen
Schutzstandards wird ein gewisses Maß an Rechtssicherheit geschaffen.
Streitbeilegungsklauseln gewähren dem Investor direkten Zugang zu internationalen
Schiedsgerichten und verbessern somit auch seine prozessuale Stellung.
In Österreich gibt es Modellabkommen, die als Verhandlungsgrundlage dienen. Darin finden
sich allgemeine Bestimmungen, insb. Definitionen relevanter Begriffe wie „Investor“ und
„Investition“. Außerdem findet sich eine wechselseitige Verpflichtung, Investitionen des jeweils
anderen Vertragspartners zu gestatten und zu fördern. Ansonsten finden sich typischerweise
Regelungen hinsichtlich:

 der Zulassung von Investitionen


 Enteignungen und Entschädigung
 Geldtransfer in und aus dem Gastgeberstaat
 Streitbeilegung zwischen den Vertragsstaaten
 Streitbeilegung zwischen dem Investor und dem Gastgeberstaat
(insb. wird die Möglichkeit der Einrichtung eines Schiedsgerichts im Rahmen des ICSID
genannt)
 „umbrella clause“.
Eine weitere bedeutsame Rechtsquelle des Investitionsschutzrechts sind sog. Investor-Staat-
Verträge, die zwischen Investor und Gastgeberstaat abgeschlossen werden. Darin sind bspw.

 Konzessionen
 Leistungsvereinbarungen
 Kooperationen mit inländischen Unternehmen
 Staatliche Privilegien und
 Zusicherungen
geregelt.

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Derartige Verträge haben allerdings keinen völkerrechtlichen Charakter und unterliegen
insofern der Rechtsordnung und den Gerichten des Gastgeberstaats. Das ist insofern
unbefriedigend, als dass sich Staaten aus innenpolitischen Gründen veranlasst sehen können,
Investor-Staat-Verträge nicht einzuhalten bzw. die Gesetzeslage nachteilig zu ändern. Ebenso
sind die jeweiligen innerstaatlichen Gerichte nicht immer fair, unabhängig und objektiv. Als
Ausweg können sog. Stabilisierungsklauseln in die Investor-Staat-Verträge aufgenommen
werden. Damit wird die bestehende Rechtslage im Verhältnis zum Investor eingefroren. Dies
ändert allerdings wenig am Grundsatzproblem, dass der Investor dem jeweiligen Staat
gewissermaßen ausgeliefert ist. Damit der Investor auf völkerrechtlicher Ebene gegen
Vertragsbrüche vorgehen kann, können diese Verträge „internationalisiert“ werden, indem sie
die Anwendung des Völkerrechts festlegen. Ergänzend werden in vielen BITs sog. „umbrella
clauses“ (= Schirmklauseln) aufgenommen, die Verstöße gegen Investor-Staat-Verträge
zusätzlich zu Verstößen gegen das BIT und somit zu Völkerrechtsverletzungen machen. Damit
wird der Rechtsschutz erhöht.

18. Was ist ICSID?


S. 291 VV, Rz. 2400ff Handbuch
ICSID (= International Centre for Settlement of Investment Disputes) ist das Internationale
Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten und wurde auf Grundlage des ICSID-
Abkommens geschaffen. ICSID wird in der Streitsache nicht selbst vermittelnd oder
schiedsgerichtlich tätig, sondern bietet einen institutionellen und verfahrensrechtlichen
Rahmen für die Streitbeilegung durch eigens eingerichtete Schiedsgerichte.
ICSID-Schiedsgerichte setzen sich aus einem Einzelschiedsrichter oder einer ungeraden
Anzahl von Schiedsrichtern zusammen und werden von den Streitparteien ernannt. Das zur
Anwendung kommende Recht wird von den Parteien vereinbart. Fehlt eine Vereinbarung,
kommen das Recht des Gastgeberstaats und die einschlägigen Regeln des Völkerrechts zur
Anwendung.
Für die Zuständigkeit von ICSID muss der Rechtsstreit

 zwischen einem ICSID-Vertragsstaat und einem Angehörigen (Einzelperson oder


Unternehmen) eines anderen Vertragsstaates bestehen, und
 sich direkt aus einer Investition ergeben.
Seit 1978 gibt es zusätzlich die Additional Facility von ICSID. Sie ermöglicht unter anderem
die Schiedsgerichtsbarkeit auch dann, wenn nur einer der beiden betroffenen Staaten, der
Gastgeberstaat oder Heimatstaat des Investors, Partei der ICSID-Konvention ist.
Die Parteien müssen die Zuständigkeit von ICSID schriftlich begründen, etwa im Rahmen
eines BIT oder in einem Investor-Staat-Vertrag. Die Unterwerfung unter die Jurisdiktion von
ICSID gilt als Verzicht auf andere Methoden der Streitbeilegung, einschließlich der staatlichen
Gerichte. Im Gegensatz zum diplomatischen Schutzrecht ist die Ausschöpfung des
innerstaatlichen Rechtswegs nur notwendig, wenn es vertraglich vorgesehen ist. Nach der
Unterwerfung darf der Heimatstaat des Investors nicht mehr das diplomatische Schutzrecht
ausüben. Die Unterwerfung kann auch nicht einseitig zurückgezogen werden.

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Die ICSID-Schiedsgerichtsbarkeit funktioniert unabhängig von der Kooperationsbereitschaft
der Parteien. So können Schiedssprüche auch in Abwesenheit und trotz fehlender Mitwirkung
einer Partei ergehen. Ein Schiedsspruch ist endgültig und verbindlich, sodass keine
Möglichkeit zur Berufung vorgesehen ist. Insb. können die innerstaatlichen Gerichte eines
Vertragsstaats den Schiedsspruch nicht überprüfen. Allerdings sieht die ICSID-Konvention ein
Annullierungsverfahren vor. In diesem können Schiedssprüche nur aus bestimmten eng
gefassten Gründen aufgehoben werden. Zuständig dafür ist ein eigens gebildeter ad-hoc
Ausschuss. Abgesehen davon sind sämtliche Vertragsstaaten dazu verpflichtet, die
Schiedssprüche anzuerkennen und zu vollstrecken.
Neben der Schiedsgerichtsbarkeit bietet ICSID auch ein Vergleichsverfahren (conciliation) an.
Dieses führt zu keiner verbindlichen Entscheidung, sondern soll eine Einigung der Parteien
erleichtern. Wird in der Praxis aber kaum in Anspruch genommen.

19. Wer sind die permanenten Mitglieder des Sicherheitsrats?


S. 129 VV
Der Sicherheitsrat ist neben dem Sekretariat, der Generalversammlung, dem Treuhandrat,
dem Wirtschafts- und Sozialrat und dem IGH ein Hauptorgan der Vereinten Nationen.
Der UN-Sicherheitsrat besteht aus 15 Mitgliedern. Fünf davon sind ständig, also dauerhaft
vertreten. Das sind gem. Art 23 UN-Charta: Frankreich, das Vereinigte Königreich von
Großbritannien und Nordirland, die USA, die Republik China sowie die Union der
Sozialistischen Sowjetrepubliken (= UdSSR). Diese werden auch als P5 (also permanent five)
oder als Vetomächte bezeichnet. Die übrigen 10 nicht-ständigen Mitglieder werden von der
UN-Generalversammlung alle 2 Jahre neu gewählt. Eine unmittelbare Wiederwahl ist nicht
möglich. Der Sicherheitsrat empfiehlt den Generalsekretär zur Wahl sowie neue
Mitgliedstaaten und wählt zusammen mit der UN-Generalversammlung die Richter des IGH.
Die UdSSR (auch Sowjetunion genannt) gab es bis 1991. Die dogmatische Einordnung des
Endes der Sowjetunion ist nicht eindeutig: Man kann zum einen entgegen der Alma-Ata-
Deklaration aufgrund der späteren Praxis von mehreren Separationen von Russland als
Teilrepublik der Sowjetunion sprechen. Damit wäre Russland mit der Sowjetunion ident.
Andererseits kann man das Ende der Sowjetunion entsprechend der Erklärung als
Dismembration verstehen, womit Russland und die übrigen Staaten neu entstandene
Nachfolgestaaten darstellen würden. Russland vertritt einen Mittelweg und sieht sich als
teilidenten „Fortführerstaat“ der UdSSR. Diese Rechtsauffassung wurde durch die
Staatengemeinschaft akzeptiert. Durch diesen Kontinuitätsanspruch führte sie die Verträge
und die Mitgliedschaft in den VN – einschließlich des Sitzes im Sicherheitsrat – fort.
Die Republik China umfasste bis 1949 das Staatsgebiet des heutigen China, einschließlich
Taiwan. Nach der Niederlage der Regierung im Chinesischen Bürgerkrieg, zog sich diese auf
die Insel Taiwan zurück. Bis heute existiert die Republik China als Völkerrechtssubjekt auf
Taiwan weiter. Auf dem chinesischen Festland etablierte sich hingegen 1949 die Volksrepublik
China. Durch Resolution der UN-Generalversammlung wurde diese als einzig rechtmäßiger
Vertreter des chinesischen Volkes anerkannt, weswegen sie 1971 den Sitz im UN-
Sicherheitsrat übernahm. Es handelte sich um einen Austausch der Volksvertretung.

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20. Worum geht es beim Konsensusverfahren?
S. 116, 129 VV
Thematisch geht es um die Willensbildung in internationalen Organisationen. Es existieren 3
Formen der Willensbildung:
1. Einstimmigkeit
2. Mehrheitsbeschluss
3. Konsens
Welche dieser Formen zur Anwendung kommt, richtet sich zumeist nach der zu
entscheidenden Angelegenheit.
Konsens bezeichnet jene Form der Beschlussfassung bei der es zu keiner formellen
Abstimmung kommt. Ein Beschluss gilt dann als angenommen, wenn keiner der anwesenden
Mitglieder formell Einspruch erhebt. Diese Methode geht auf die Praxis der VN zurück.
Zu einem solchen Konsensusverfahren kommt es bspw. im Rahmen der UN-
Generalversammlung und im Rahmen der WTO: Die UN-Generalversammlung ist ein
Plenarorgan der Vereinten Nationen. Gem. Art 18 UN-Charta hat jedes UN-Mitglied eine
Stimme. Es gilt also der Grundsatz „one state – one vote“. „Wichtige“ Beschlüsse werden mit
2/3 – Mehrheit und alle anderen mit einfacher Mehrheit gefasst. Allerdings verliert ein Mitglied
gem. Art 19 UN-Charta sein Stimmrecht, sofern die Mitgliedszahlungen für die letzten 2 Jahre
ausgeblieben sind. Da dies in der Praxis sehr häufig vorkommt (und viele Staaten betrifft), ist
man dazu übergegangen, Beschlüsse durch Konsens zu fassen. Dabei wird der Text so lange
verlesen und darüber diskutiert, bis keine weiteren Änderungsvorschläge erhoben werden.
In der WTO erfolgt die allgemeine Beschlussfassung ebenfalls durch Konsens. Wenn kein
Konsens möglich ist, wird per Mehrheitsentscheid abgestimmt, wobei jedes Mitglied eine
Stimme hat. Die EU hat hierbei so viele Stimmen wie die Summe der EU-Mitgliedsstaaten.
Somit stimmt nach Maßgabe der EU-Rechts entweder die EU als solche oder jedes Mitglied
einzeln ab.
Erwähnenswert ist auch der sog. Negative Konsens. Dieser tritt im Zusammenhang mit der
Streitbeilegung im Rahmen der WTO auf, nämlich bei den Panels (genauer erklären => siehe
Frage 4 und 5).
21. Was ist die friendly relations declaration?
Rz. 513ff, 1052, 1534 Handbuch
Die friendly relations declaration (FRD) ist eine Resolution der UN-Generalversammlung aus
dem Jahr 1970. Inhaltlich geht es um das Gewaltverbot, das Interventionsverbot, das Gebot
der friedlichen Streitbeilegung, der Pflicht zur Zusammenarbeit, der souveränen Gleichheit der
Staaten, der Verpflichtung zur gutgläubigen Erfüllung der UN-Charta.
Aufgrund ihres empfehlenden Charakter ist die Resolution per se unverbindlich.
Unverbindliche Resolutionen besitzen jedoch hohe Autorität und werden in der Praxis häufig
befolgt. Man spricht daher besonders in diesem Zusammenhang auch von „soft law“. In der
Völkerrechtslehre wird teilweise vertreten, dass soft law eine zusätzliche Völkerrechtsquelle
sei. Allerdings ist dies unzutreffend, weil die Urheber des soft law keine rechtliche Bindung
herbeiführen wollen oder können. Allerdings können unverbindliche Resolutionen (so auch die
friendly relations declaration) Ausgangspunkt für die Bildung von Völkergewohnheitsrecht sein,
insb. wenn in der Resolution eine Rechtsüberzeugung der abstimmenden Staaten
dokumentiert ist und sich die Staatenpraxis daran orientiert. Im Wege des
Völkergewohnheitsrechts ist diese Deklaration daher verbindlich!

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Bei der FRD handelt es sich um eine Art authentische Interpretation der Grundsätze der UN-
Charta:

 So wird beispielsweise der Anwendungsbereich des Art 2 Abs 4 UN-Charta, wo das


Gewaltverbot normiert ist, konkretisiert. Dementsprechend enthält sie auch eine
detailliertere Darstellung des Gewaltverbots mit einer Liste von exemplarischem
Handeln, das vom Verbot umfasst ist. So wurde etwa festgehalten, dass unter
„indirekter Gewalt“ die Entsendung und die Unterstützung paramilitärischer Streitkräfte
und bewaffneter Gruppen verstanden wird, die auf fremdem Gebiet operieren. Die Hilfe
kann durch Bewaffnung, Ausbildung, Zurverfügungstellung von Zufluchtsorten, usw.
erfolgen. Ein nennenswerter Fall zur indirekten Gewalt ist der Nicaragua-Fall.
 Aus einem der Prinzipien der Deklaration wurde abgeleitet, dass eine diskriminierte
Bevölkerungsgruppe gegenüber einer nichtrepräsentativen Regierung das
Sezessionsrecht geltend machen könne (Sezessionsrecht als „Notwehrrecht“).
Dagegen wurde aber (zu Recht) eingewendet, dass sich diese Formulierung auf den
kolonialen Kontext bezieht.

Die KSZE-Schlussakte (auch Helsinki-Schlussakte genannt) ist ein weiteres Beispiel für soft
law.

22. Was versteht man unter der präventiven Selbstverteidigung?


S. 235ff VV, Rz. 1680ff Handbuch
Wir sind beim großen Thema des Gewaltverbots. Das Gewaltverbot untersagt Staaten die
Anwendung direkter und indirekter militärischer Gewalt. Ebenso verbietet es die
Gewaltandrohung. Die UN-Charta sieht 2 Ausnahmen vom Gewaltverbot vor, nämlich:

 das Recht auf Selbstverteidigung und


 die durch den UN-Sicherheitsrat autorisierten Maßnahmen im Rahmen des Systems
der kollektiven Sicherheit.
Das Recht auf Selbstverteidigung ist durch Art 51 UN-Charta gewährleistet und ermöglicht
einem Staat sich gegen einen bewaffneten Angriff mit Gewalt zur Wehr zu setzen. Allerdings
gilt dieses Recht nicht unbegrenzt. Art 51 beinhaltet zwei wesentliche Bedingungen:

 das Vorliegen eines Angriffs mit Waffengewalt und


 die Pflicht des sich verteidigenden Staates, den UN-SR in Kenntnis zu setzen.
Darüber hinaus ist Selbstverteidigung nur zulässig, bis der Sicherheitsrat die zur
Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit notwendigen
Maßnahmen ergreift. Zusätzlich wird das Selbstverteidigungsrecht durch 3
völkergewohnheitsrechtliche Erfordernisse eingeschränkt:

 Gegenwärtigkeit (zeitliches Naheverhältnis zwischen Angriff und Verteidigung)


 Notwendigkeit (wenn keine friedlichen und hinreichend erfolgversprechenden Mittel
der Streitbeilegung zur Verfügung stehen)
 Verhältnismäßigkeit (strittig, was zueinander im Verhältnis stehen soll. Eine
Auffassung sagt: Angriffs- und Verteidigungshandlung. Sinnvoller erscheint: Verhältnis
zwischen Verteidigungshandlung und dem damit verfolgten Zweck)
Die letzten beiden Prinzipien wurden vom IGH im Nicaragua-Fall, sowie in seinem Gutachten
zur Rechtmäßigkeit der Drohung mit oder des Einsatzes von Kernwaffen bekräftigt.

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Selbstverteidigung kann Art 51 zufolge individuell oder kollektiv ausgeübt werden. Individuelle
Selbstverteidigung bezeichnet die Abwehrhandlung durch den betroffenen Staat selbst.
Kollektive Selbstverteidigung bezeichnet die Hilfe durch andere Staaten. Der angegriffene
Staat muss zustimmen. Selbstverteidigung steht nur gegen Angriffe mit Waffengewalt (auch
„bewaffnete Angriffe“ genannt) zu. Der Begriff ist weit zu verstehen, sodass beispielsweise
auch sog. Cyberangriffe erfasst werden. Als Interpretationshilfe wird oft die Resolution der UN-
Generalversammlung zur Definition der Aggression herangezogen.
Umstritten ist die Frage nach der Zulässigkeit einer präventiven Selbstverteidigung. Diese ist
nach dem Wortlaut von Art 51 UN-Charta („wenn ein Angriff mit Waffengewalt erfolgt“)
untersagt. Die teleologische Interpretation der Satzung, deren Hauptziel die Eindämmung der
Gewaltanwendung ist, bekräftigt dieses Ergebnis. Außerdem ist Art 51 als Ausnahme vom
Gewaltverbot restriktiv auszulegen.
Dagegen lässt sich einwenden, dass sich das in Art 51 erwähnte „Naturrecht“ auf das 1945
geltende Völkergewohnheitsrecht beziehe => dieses habe präventive Selbstverteidigung mit
eingeschlossen (Caroline-Zwischenfall)!
Während die Abwägung der rechtlichen Argumente eher zum Schluss führt, dass Art 51 UN-
Charta Selbstverteidigung vor dem Beginn eines tatsächlichen Angriffs verbietet, sprechen
gewichtige strategische Gründe für deren Notwendigkeit. Anderenfalls sei der Angreifer
militärisch begünstigt, denn er könne Zeitpunkt und Ort für seinen Angriff aussuchen und das
Opfer müsse diesen abwarten, bevor es sich wehren dürfe. Es erscheint daher sinnvoll,
Selbstverteidigung gegen einen unmittelbar bevorstehenden Angriff (trotz Ablehnung vieler
Staaten) als erlaubt anzusehen, sofern sich eine eindeutige Absicht des mutmaßlichen
Angreifers erkennen lässt und dieser entsprechende militärische Vorbereitungen getroffen hat.
Hingegen bleibt die Gewaltanwendung gegen einen in ferner Zukunft befürchteten Angriff
rechtswidrig.
In Conclusio lässt sich festhalten, dass der Vertragstext anders lautet als wie das Recht
tatsächlich ist. Es stellt sich daher die Frage, wie man für Rechtssicherheit sorgen kann.
Zunächst besteht die Möglichkeit der Änderung der UN-Charta, was allerdings sehr aufwendig
ist. Die Änderung der Charta erfordert eine Zweidrittelmehrheit der Mitglieder der
Generalversammlung, darunter die Zustimmung aller fünf UNO-Vetomächte. Zusätzlich
müssen 2/3 der Staaten diese Änderung ratifizieren. Alternativ ist auch eine
gewohnheitsrechtliche Änderung des Vertragstextes durch usus und opinio iuris denkbar. So
hat sich beispielsweise die Möglichkeit der Stimmenthaltung im UN-Sicherheitsrat
völkergewohnheitsrechtlich und ohne Abänderung der Charta herausgebildet. Konsequenz ist,
dass ein ständiges Mitglied ausdrücklich ein Veto abgeben muss, wenn er einen Beschluss
verhindern will, da Stimmenthaltung nichts bewirkt.
23. In welchem Kontext tritt die Hull-Formel auf? Was ist die Hull-Formel?
S. 289 VV, Rz. 1320, 2380ff Handbuch
Wir befinden uns im Bereich des internationalen Investitionsschutzrechts. Dieses Rechtsgebiet
widmet sich der Förderung ausländischer Investitionen und deren Schutz gegen
Beeinträchtigungen durch den Gastgeberstaat. Einer der 6 Kernbereiche des internationalen
Investitionsschutzrechts befasst sich mit Enteignungen.
Direkte und indirekte Enteignungen sind ausnahmsweise dann zulässig, wenn

 sie nicht willkürlich sind


 nicht diskriminierend erfolgen
 dem öffentlichen Interesse dienen
 und eine Entschädigung geleistet wird.

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Hinsichtlich der Entschädigung ist die vom US-Außenminister Hull geprägte Hull-Formel
zentral. Diese entstand im Streit um entschädigungslose mexikanische Enteignungen von
Ölfirmen im Jahre 1938. Demnach muss die Entschädigung prompt, adäquat und effektiv
geleistet werden. Im Einzelnen bedeutet „prompt“, dass eine Entschädigung ohne
Verzögerung, also Hand in Hand mit der Enteignung, geleistet werden muss. „Effektiv“
bedeutet, dass die Zahlung in einer verwertbaren (also konvertierbaren) Währung oder in
börsenfähigen Wertpapieren erfolgen muss. Konvertibilität bedeutet, dass ein Zahlungsmittel
unbeschränkt gegen ausländische oder inländische Zahlungsmittel eingetauscht werden kann.
„Adäquat“ wird meist im Sinne eines vollen Gegenwertes verstanden.
Gerade in Bezug auf die Höhe der Entschädigung war die Bedeutung des Wortes „adäquat“
häufig umstritten. Daraus resultierte quasi ein Wortstreit. Entwicklungsländer vertraten nämlich
die Auffassung, dass im Gegensatz zur Hull-Formel nur „angemessene“ Entschädigung zu
leisten ist. Thema dieser Debatte war, ob die Entschädigung voll sein muss oder auf einen Teil
beschränkt sein darf. Die Fragen des Eigentumsschutzes bedurften einer internationalen
Regelung, die auf mehreren UN-Generalversammlungen nach und nach ausgearbeitet
wurden. So sah Resolution 1803 aus dem Jahr 1962 vor, dass angemessene Entschädigung
in Übereinstimmung mit den geltenden Regeln des enteignenden Staats sowie dem
Völkerrecht zu leisten sei. Einer anderen Resolution (3171) zufolge liegt die Bestimmung der
zu leistenden Entschädigung beim enteignenden Staat, ohne dass auf deren Höhe oder das
Völkerrecht verwiesen wird. Die Erklärung über die Errichtung einer NIWO (Resolution 3201)
aus dem Jahr 1974, nennt explizit das Recht auf Verstaatlichungen aber geht nicht auf die
dafür notwendigen Voraussetzungen ein. Die daran anschließende Charta der wirtschaftlichen
Rechte und Pflichten der Staaten (Resolution 3281) spricht wiederum von angemessener
Höhe und weist deren genaue Bestimmung dem enteignenden Staat zu.
Letzten Endes kommt es nicht auf die Wortwahl, sondern auf die konkrete Berechnung des
enteigneten Vermögenswertes an. Die Entschädigung für eine Investition, welche jahrelang
nachweisbar Gewinne abgeworfen hat, kann durchaus unter Berücksichtigung erwarteter aber
nunmehr entgangener Gewinne bemessen werden. Lassen sich keine Gewinne nachweisen,
kann die Entschädigung nach dem Verkehrswert (bzw. nach dem Marktwert) oder nach dem
Wiederbeschaffungswert berechnet werden.
Heutzutage werden bi- und multilaterale Investitionsschutzabkommen und sog. Investor-Staat-
Verträge abgeschlossen, die dem Schutz und der Förderung ausländischer Investitionen
dienen. Darin finden sich üblicherweise Bestimmungen hinsichtlich Enteignungen sowie
hinsichtlich der Beilegung von Investitionsstreitigkeiten, insb. wird oftmals die Möglichkeit der
Einrichtung eines Schiedsgerichts im Rahmen des ICSID genannt. Darüber hinaus beinhalten
bspw. auch der Vertrag über die Energiecharta oder regionale Freihandelsabkommen wie
NAFTA einige Bestimmungen zum Investitionsschutz.
Die meisten modernen BITs schreiben die prompte, volle und effektive Entschädigung vor.
Dabei wird oft auf den Marktwert unmittelbar vor Bekanntwerden der Enteignung verwiesen.
Auch wenn direkte Enteignungen heute eher selten sind, kommt es nach wie vor zu indirekten
Enteignungen. Diese hindern den Investor ohne formellen Eigentumsentzug daran, seine
Tätigkeit fortzusetzen. Beispiele für indirekte Enteignung: exorbitante Besteuerung, Entzug
einer Konzession, Abschneiden der Zufuhr von Energie oder Rohstoffen, zwangsweise
Einsetzung eines Geschäftsführers. Die meisten modernen Verträge schützen aber auch vor
diesen Maßnahmen. (Notiz: Wenn es keinen völkerrechtlichen Vertrag gibt, greift man auf
Völkergewohnheitsrecht zurück).

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24. Was versteht man unter vorläufiger Anwendung völkerrechtlicher Verträge?
S. 67 VV, Rz. 278 Handbuch
Rechtsgrundlage ist Art 25 WVK. Ein Vertrag entfaltet seine völkerrechtliche Wirkung, sobald
die Bedingungen für dessen Inkrafttreten (idR wenn die Mindestanzahl ratifizierender Staaten
erreicht wurde) gegeben sind. Man spricht in diesem Fall von objektivem Inkrafttreten. Mangelt
es am objektiven Inkrafttreten, können die Parteien eines Vertrages die vorläufige Anwendung
des Vertrages oder einzelner Bestimmungen vereinbaren. Die vorläufige Anwendung kann
aber ebenso im Vertrag selbst vorgesehen sein. Sie endet, sobald ein Staat die Absicht
notifiziert, nicht Vertragspartei werden zu wollen.
Das wohl bekannteste Beispiel ist das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen aus dem Jahr
1947 (auch GATT genannt). Auch wenn das GATT keine IO begründet hat, sondern lediglich
ein völkerrechtlicher Vertrag war, entwickelten sich im Laufe der Zeit typische Merkmale einer
IO. Als de facto-Organisation wurde sie 1995 von der WTO abgelöst. Das GATT wurde 1948
durch ein eigenes Protokoll vorläufig in Kraft gesetzt, nachdem die Pläne für eine Internationale
Handelsorganisation nicht verwirklicht werden konnten. Österreich gehört diesem seit 1951
an.
Ein weiteres Beispiel ist der 2014 in Kraft getretene Vertrag über den Waffenhandel. Eine
ganze Reihe von Staaten hatten erklärt, die Bestimmungen über das Verbot des Transfers von
Waffen und Munitionen bereits vorläufig anzuwenden.
Die vorläufige Anwendbarkeit erfolgt aus unterschiedlichen Motiven: War dies früher die
unerwünscht lange Dauer von Ratifikationsprozessen, dominieren heute andere Zwecke.
Anerkannt sind etwa die Vertrauensbildung zwischen den Vertragspartnern, die Verhinderung
von Rechtslücken bei Anschlussverträgen zu auslaufenden Abkommen oder aber auch
schlicht wirtschaftliche Interessen. Einen Aspekt haben all diese Motive gemein: Vorläufige
Anwendung wird nicht als Regelfall, sondern als Ausnahme verstanden, auf die (nur) dann
zurückgegriffen werden soll, wenn ein verzögertes Inkrafttreten des Vertrages dessen
Zweckerfüllung ernsthaft gefährden würde. Typische Beispiele sind Waffenstillstandverträge,
Sicherheitsabkommen, Umweltabkommen als Reaktion auf eine ökologische Krise oder
Wirtschaftsabkommen als Reaktion auf eine ökonomische Krise. Nicht zuletzt dient die
vorläufige Anwendung aber zunehmend auch de facto der Umgehung innenpolitisch brisanter
Situationen, weil sich Staaten immer wieder scheuen, für ihr völkerrechtliches Handeln dem
nationalen Parlament Rechenschaft abzuliefern. Dadurch sollen ungewisse innerstaatliche
Ratifikationsprozesse umgangen werden, bis sich das politische Klima günstiger darstellt.
Problematisch ist die vorläufige Anwendung nur bei Verträgen, die für sich genommen
zustimmungspflichtig sind, deren vorläufige Anwendung aber ohne Beteiligung des
Parlaments erklärt wird. Auf diese Weise wird die parlamentarische Genehmigung umgangen.
In Österreich ist die vorläufige Anwendung eines vom Nationalrat zu genehmigenden
Staatsvertrags aus verfassungsrechtlichen Gründen erst ab dem Zeitpunkt der
parlamentarischen Genehmigung möglich.

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25. Woran erkennt man, ob eine Sicherheitsresolution bindend ist? Rz. 452 Handbuch
Der Sicherheitsrat ist eines der sechs Hauptorgane der VN. Seine Hauptaufgabe ist die
Erhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit. Er kann sowohl völkerrechtlich
verbindliche als auch unverbindliche Resolutionen beschließen. Seine Beschlüsse sind für alle
Mitgliedstaaten rechtlich verbindlich (Art 25 UN-Charta) und gehen jeder anderen
Verpflichtung, die sich aus anderen internationalen Abkommen ergeben, vor (Art 103 UN-
Charta). Die Empfehlungen des Sicherheitsrats sind im Vergleich dazu zwar unverbindlich,
besitzen jedoch eine hohe Autorität und werden in der Praxis häufig befolgt.
Resolutionen des Sicherheitsrats beziehen sich meist auf eine konkrete Situation. Jede
Resolution besteht aus zwei Teilen: einer Präambel und einem operativen Teil. Anhand einer
Auslegung sui generis ist zu ermitteln, ob eine bindende Wirkung beabsichtigt war. Dabei
sind

 der Wortlaut,
 die Beratungen bis zur Beschlussfassung,
 die Bestimmungen der UN-Charta (auf die sich der Sicherheitsrat beruft) und
 überhaupt alle sonstigen wesentlichen Umstände einzubeziehen.
 Ebenso sind Stellungnahmen der Staatenvertreter im Sicherheitsrat,
 nachfolgende Resolutionen zum selben Thema sowie
 die nachfolgende Übung von maßgeblichen Organen der VN sowie der Staaten
beachtlich.
Kommt man durch Interpretation zum Schluss, dass ein verbindlicher Beschluss vorliegt, ist
dieser nicht nur für die Mitglieder des Sicherheitsrats, sondern gem. Art 25 UN-Charta
überhaupt für alle Mitgliedstaaten der VN rechtlich verbindlich. Das hat der IGH im Namibia-
Rechtsgutachten festgestellt und im Kosovo-Rechtsgutachten bestätigt.
Der Wortlaut „decides“ in Resolutionen indiziert, dass eine Bindung beabsichtigt ist. Siehe
Lybien-Sanktionen (D221).

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26. Welche Art von (Steuer)-Privilegien genießen Diplomaten, Vertreter und Mitglieder IO?
S. 177ff VV, Rz 1544ff Handbuch
Diplomaten (wie auch Konsuln) genießen Immunität sowie eine Reihe von Privilegien und
Erleichterungen. Diese stehen ihnen nur im Empfangsstaat zu! Im Einzelnen:

 Diplomaten genießen absolute Immunität


 Konsuln genießen nur funktionelle Immunität
 Immobilienvermittlung hinsichtlich Missionsgebäuden
 Bewegungs- und Reisefreiheit
 Flaggen- und Wappenrecht, wonach die Mission (=Auslandsvertretung) sowie deren
Chef das Recht haben Flaggen und Wappen des Sendestaats zu führen
 Befreiung von direkten (zB Einkommensteuer, Vermögensteuer), nicht jedoch von
indirekten Steuern (zB Mehrwertsteuer)
 Befreiung von Sozialabgaben (Sozialversicherung), auch für private Hausangestellte,
die nicht Angehörige des Empfangsstaats sind
 Befreiung von persönlichen und öffentlichen Dienstleistungen (zB Mitwirkung in der
Laiengerichtsbarkeit)
 Befreiung von militärischen Auflagen
 Befreiung von Zöllen
 Drittstaaten haben Diplomaten und deren Familienangehörigen bei deren Durchreise
(etwa vom Heimatstaat zum Einsatzort oder Empfangsstaat) die gleichen
Unverletzlichkeiten zu gewähren. Dies gilt nicht für Urlaubsreisen.
Auch Vertreter und Mitglieder Internationaler Organisationen genießen Immunität sowie eine
Reihe von Privilegien und Erleichterungen. Im Gegensatz zu diplomatischen Vertretern gilt die
Immunität auch vis-a-vis deren Heimatstaat! Im Einzelnen:

 Die obersten Vertreter genießen absolute Immunität


 Die übrigen Mitarbeiter genießen funktionelle Immunität
 Des Weiteren sind Mitarbeiter Internationaler Organisationen idR für ihre Bezüge von
der Organisation von der staatlichen Besteuerung freigestellt. Etwaige sonstige
Einkünfte werden hingegen meist besteuert
 Ein- und Ausfuhrbefreiungen einschließlich Zollfreiheit
 keine Devisenbeschränkungen
 Freiheit der Ein- und Ausreise.
Die Privilegien und Immunitäten von staatlichen Vertretern bei IO ergeben sich aus den
Gründungsverträgen, Amtssitzabkommen und nationalen Vorschriften.

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27. Immunität eines Botschafters: Wie kann man ihn dennoch anklagen? Kann ein Diplomat
selbst auf seine Immunität verzichten?
28. Welche Art der Immunität vor der Zivilgerichtsbarkeit genießen Diplomaten?
S. 196ff VV, Rz 1584ff Handbuch
Ein Diplomat ist ein Regierungsbeauftragter, der seinen Staat gegenüber ausländischen
Staaten oder IO völkerrechtlich vertritt. Wesentliche Rechtsquelle hinsichtlich Diplomaten ist
die Wiener Diplomatenrechtskonvention (WDK) aus dem Jahr 1961. Da es sich dabei
größtenteils um kodifiziertes Völkergewohnheitsrecht handelt, sind die darin enthaltenen
Regeln grundsätzlich auch auf Nicht-Vertragsparteien anwendbar. Darüber hinaus sind auch
relevant:

 Übereinkommen über Spezialmissionen


 Übereinkommen über die Privilegien und Immunitäten der Vereinten Nationen
 Gründungsverträge
 Amtssitzabkommen
 Nationale Rechtsvorschriften
Gem. Art 29 WDK sind Diplomaten unverletzlich. Unverletzlichkeit schützt vor faktischem (de
facto) Zugriff, etwa durch Festnahme oder Haft. Zudem besteht eine erhöhte Schutzpflicht für
den Empfangsstaat. Die Unverletzlichkeit erstreckt sich auch auf die Privatwohnung, die
Korrespondenz und sein Eigentum. Im Vergleich dazu schützt die Immunität vor dem (de iure)
Zugriff staatlicher Behörden. Diplomaten genießen aufgrund des Status des Amtes absolute
Immunität, allerdings zeitlich beschränkt auf die Amtsausübung. Erfasst sind offizielle
Handlungen in Ausübung der Funktion als auch private Handlungen. Art. 31 WDK sieht
grundsätzlich eine Immunität von der Zivil-, Straf- und Verwaltungsgerichtsbarkeit vor.
Allerdings sieht Art 31 WDK drei Ausnahmen vor:
1. Dingliche Klagen hinsichtlich privatem, im Empfangsstaat gelegenes unbewegliches
Vermögen
2. Klagen in Nachlasssachen, in denen der Diplomat in privater Eigenschaft beteiligt ist
3. Klagen im Zusammenhang mit einem freien Beruf oder einem Gewerbe, die der
Diplomat im Empfangsstaat neben seiner amtlichen Tätigkeit ausübt.
Da die Immunität ein Recht des Entsendestaates ist, kann auch nur dieser darauf verzichten!
Ein solcher muss ausdrücklich erfolgen. Der Diplomat selbst kann nicht darauf verzichten.
Hinsichtlich der Vollstreckung (Exekution) ist ein gesonderter Verzicht notwendig
(Vollstreckungsimmunität). Nach Ablauf der Amtsperiode und der Abreise kommt Diplomaten
lediglich funktionelle Immunität hinsichtlich ihrer ehemaligen Amtshandlungen zu. Diplomaten,
die die Staatsangehörigkeit oder den dauernden Aufenthalt im Empfangsstaat haben, kommt
bereits während der Amtsperiode nur funktionelle Immunität zu. Das heißt sie haben nur
Immunität hinsichtlich Handlungen in Ausübung der organschaftlichen Funktion.

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29. Wer genießt aller Immunität von der nationalen Gerichtsbarkeit?
S. 196ff VV
Völkerrechtlich gehört differenziert, ob man von der Immunität natürlicher Personen oder von
der Immunität von Staaten und Internationalen Organisationen spricht. Immunität bewirkt ganz
allgemein den Verzicht auf die Ausübung der Rechtsdurchsetzung gegenüber Staaten,
Internationalen Organisationen oder bestimmten Personen und gilt grundsätzlich im Hinblick
auf Zivil-, Straf- und Verwaltungsgerichtsbarkeit.
In Bezug auf Staaten gilt der Grundsatz der relativen Immunität. Demnach wird Immunität nur
für hoheitliches Handeln (acta iure imperii) und hoheitliches Vermögen und nicht für
privatwirtschaftliches Handeln (acta iure gestionis) und für privatwirtschaftliches Vermögen
gewährt. Im Laufe der Zeit haben sich weitere Ausnahmen entwickelt (siehe Frage 35).
In Bezug auf natürliche Personen und Internationalen Organisationen ist die Unterscheidung
zwischen absoluter und funktioneller Immunität relevant. Absolute Immunität genießt man
aufgrund der Eigenschaft als Organ, allerdings zeitlich beschränkt auf die Amtsausübung.
Erfasst sind offizielle Handlungen in Ausübung der Funktion als auch private Handlungen.
Funktionelle Immunität hängt nur damit zusammen, dass die Person in Ausübung der
organschaftlichen Funktion gehandelt hat. Sie ist zeitlich unbeschränkt, steht aber nur für
Amtshandlungen zu.
Absolute Immunität genießen jedenfalls hochrangige Staatsorgane. Dazu gehören das
amtierende Staatsoberhaupt, der Regierungschef und der Außenminister. Nach Ablauf der
Amtsperiode kommt diesen Personen lediglich funktionelle Immunität hinsichtlich ihrer
ehemaligen Amtshandlungen zu. Sonstige Ressortminister genießen bloß funktionelle
Immunität. In diesem Zusammenhang sind der Haftbefehl-Fall und der Pinochet-Fall zu
erwähnen!
Auch Diplomaten genießen absolute Immunität. Allerdings sieht Art 31 WVK drei Ausnahmen
vor:
1. Dingliche Klagen hinsichtlich privatem, im Empfangsstaat gelegenes unbewegliches
Vermögen
2. Klagen in Nachlasssachen, in denen der Diplomat in privater Eigenschaft beteiligt ist
3. Klagen im Zusammenhang mit einem freien Beruf oder einem Gewerbe, die der
Diplomat im Empfangsstaat neben seiner amtlichen Tätigkeit ausübt.
Da die Immunität ein Recht des Entsendestaates ist, kann auch nur dieser darauf verzichten!
Ein solcher muss ausdrücklich erfolgen. Hinsichtlich der Vollstreckung (Exekution) ist ein
gesonderter Verzicht notwendig (Vollstreckungsimmunität). Nach Ablauf der Amtsperiode und
der Abreise kommt Diplomaten lediglich funktionelle Immunität hinsichtlich ihrer ehemaligen
Amtshandlungen zu. Diplomaten, die die Staatsangehörigkeit oder den dauernden Aufenthalt
im Empfangsstaat haben, kommt bereits während der Amtsperiode nur funktionelle Immunität
zu. Familienangehörige, Verwaltungspersonal und technisches Personal genießen dieselben
Unverletzlichkeiten, Privilegien und Immunitäten wie Diplomaten. Voraussetzung ist allerdings,
dass sie weder Staatsangehörige des Empfangsstaats sind, noch ihren dauernden Aufenthalt
dort haben. Dienstliches Hauspersonal genießt nur funktionelle Immunität. Privates
Hauspersonal genießt nur soweit Immunität als dies vom Empfangsstaat vorgesehen ist.

23
Konsuln, Verwaltungspersonal und technisches Personal genießen bloß funktionelle
Immunität. Die Unverletzlichkeit (=Schutz vor faktischem Zugriff) von Konsuln ist allerdings im
Vergleich zu Diplomaten erheblich eingeschränkt, da sie bei schweren strafbaren Handlungen
durchbrochen wird. Auf die Immunität kann nur von Seiten des Sendestaats verzichtet werden.
Ein solcher muss ausdrücklich und schriftlich erfolgen. Ebenso ist ein gesonderter Verzicht für
die Vollstreckung notwendig.
Absolute Immunität genießen auch die obersten Vertreter Internationaler Organisationen (etwa
der UN-Generalsekretär und seine Vertreter). Alle anderen Mitarbeiter genießen hingegen
lediglich funktionelle Immunität. (vgl. auch Frage 30)
Staatliche Vertreter und Beamte der IO genießen (im Falle der Vereinten Nationen) gem. Art
105 Abs 2 UN-Charta all jene Privilegien und Immunitäten, die erfolderlich sind, um ihre
Funktionen in Unabhängigkeit auszuüben. Die UN-Generalversammlung kann hierzu
Empfehlungen über die Regelung von Einzelheiten abgeben. Art IV des Übereinkommens
über die Privilegien und Immunitäten der Vereinten Nationen enthält eine Auflistung der
konkreten Privilegien und Immunitäten. Diese richten sich manchmal an jenen der
diplomatischen Beamten, so etwa hinsichtlich persönlicher Unverletzlichkeit sowie der
Unverletzlichkeit der Schriftstücke und des Gepäcks.
Der konkrete Umfang der ihnen zukommenden Privilegien und Immunitäten ergibt sich aus
den Gründungsverträgen, Amtssitzabkommen und nationalen Vorschriften.
Zuletzt seien auch die Richter des IGH erwähnt, die gem. Art 19 IGH-Statut „bei der Ausübung
ihres Amtes die diplomatischen Privilegien und Immunitäten genießen“. Dies entspricht einer
absoluten Immunität, die sich auf alle Handlungen (in Ausführung seiner Funktion oder Privat)
während des gesamten Zeitraums der Amtsperiode erstreckt.
30. Immunität von Richtern und Mitglieder Internationaler Organisationen!
S. 208 VV, Rz 1641ff Handbuch
Einleitend soll kurz erwähnt werden, dass die IO selbst funktionelle Immunität, die in der Praxis
allerdings als de facto absolut angesehen wird, genießt.
Bei den dort tätigen Organen kann man zwischen Mitarbeitern und staatlichen Vertretern
unterscheiden. Deren Privilegien und Immunitäten sind grundsätzlich von den
Gründungsverträgen und Amtssitzabkommen abhängig. In Bezug auf die VN ist auch das
Übereinkommen über die Privilegien und Immunitäten der Vereinten Nationen (=multilateraler
Vertrag) relevant. Ergänzend soll erwähnt werden, dass das Gebäude der IO, ebenso wie
deren Vermögen und Archive, analog den Vorschriften über diplomatische Missionsgebäude,
Unverletzlichkeit genießt.
Die Immunität von Mitarbeitern IO sollen die Funktionsfähigkeit der Organisation
gewährleisten. Die obersten Vertreter Internationaler Organisationen (wie etwa der UN-
Generalsekretär und seine Vertreter) genießen absolute Immunität. Sie genießen also die
gleiche umfassende Immunität wie Diplomaten. Ihnen wird regelmäßig sowohl für Handlungen
in Ausführung ihrer Funktion als auch für Privatakte Immunität eingeräumt. Den übrigen
Mitarbeiten kommt allerdings nur funktionelle Immunität zu. Das heißt sie haben nur Immunität
hinsichtlich Handlungen in Ausübung der organschaftlichen Funktion. Die Immunität gilt – im
Unterschied zu Diplomaten – auch gegenüber dem Heimatstaat des Mitarbeiters und dauert
auch nach Ende der Funktion fort (Mazilu-Fall).

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Es ist aber im Einzelfall zu prüfen, welche Immunität vorliegt. So postuliert beispielsweise
Artikel 19 IGH-Statut, dass die Richter des IGH „bei der Ausübung ihres Amtes die
diplomatischen Privilegien und Immunitäten genießen“. Dies entspricht einer absoluten
Immunität, die sich auf alle Handlungen (in Ausführung seiner Funktion oder Privat) während
des gesamten Zeitraums der Amtsperiode erstreckt.
Des Weiteren sind Mitarbeiter Internationaler Organisationen idR für ihre Bezüge von der
Organisation von der staatlichen Besteuerung freigestellt. Etwaige sonstige Einkünfte werden
hingegen meist besteuert. Überdies genießen Bedienstete weitere Privilegien wie Ein- und
Ausfuhrbefreiungen einschließlich Zollfreiheit, keine Devisenbeschränkungen sowie Freiheit
der Ein- und Ausreise.
Ein Verzicht auf die Immunität kann nur durch den administrativen Leiter der IO erfolgen und
muss ausdrücklich sein. Der Mitarbeiter selbst kann nicht darauf verzichten.
Staatliche Vertreter und Beamte der IO genießen (im Falle der Vereinten Nationen) gem. Art
105 Abs 2 UN-Charta all jene Privilegien und Immunitäten, die erfolderlich sind, um ihre
Funktionen in Unabhängigkeit auszuüben. Die UN-Generalversammlung kann hierzu
Empfehlungen über die Regelung von Einzelheiten abgeben. Art IV des Übereinkommens
über die Privilegien und Immunitäten der Vereinten Nationen enthält eine Auflistung der
konkreten Privilegien und Immunitäten. Diese richten sich manchmal an jenen der
diplomatischen Beamten, so etwa hinsichtlich persönlicher Unverletzlichkeit sowie der
Unverletzlichkeit der Schriftstücke und des Gepäcks.
Der konkrete Umfang der ihnen zukommenden Privilegien und Immunitäten ergibt sich aus
den Gründungsverträgen, Amtssitzabkommen und nationalen Vorschriften.
31. Rechtsquellen der Immunität von Internationalen Organisationen!
S. 180f VV, Rz 1627 Handbuch
Einleitend gehört festgehalten, dass Immunität den Verzicht auf die Ausübung der
Rechtsdurchsetzung gegenüber Staaten, Internationalen Organisationen oder bestimmten
Personen bewirkt. Das heißt nicht, dass diese von der Geltung der jeweiligen Rechtsordnung
ausgenommen sind. Es wird lediglich die Durchsetzbarkeit gehemmt und ändert nichts an der
Geltung des materiellen Rechts. Immunität ist somit eine verfahrensrechtliche und keine
materiellrechtliche Norm.
Regelungen über die Immunität Internationaler Organisationen finden sich zum einen in den
Gründungsverträgen IO. Diese Bestimmungen sind aber meist sehr allgemein. Zum anderen
werden diese generellen Regelungen meist in Amtssitzabkommen, die zwischen der IO und
dem Sitzstaat abgeschlossen werden, konkretisiert. Teilweise bestehen auch multilaterale
Abkommen, wie zB das Übereinkommen über die Privilegien und Immunitäten der Vereinten
Nationen. Vereinzelt finden sich auch bilaterale Abkommen. Regelmäßig finden sich
Bestimmungen auch in innerstaatlichen Rechtsvorschriften wie etwa im Bundesgesetz über
die Einräumung von Privilegien und Immunitäten an Internationale Organisationen.
Es gibt folgende Immunitäten und Privilegien:

 Die IO selbst genießt funktionelle Immunität. Diese wird in der Praxis allerdings als de
facto absolut angesehen. Der Grund dafür ist, dass sich der Grundsatz entwickelt hat,
wonach IO nur dann Immunität genießen sollen, wenn dies zur Erreichung der Ziele
der Organisation notwendig ist. Da allerdings IO überhaupt nur dann tätig werden
können, wenn dies vom Organisationszweck umfasst ist, betrifft die Immunität
potentiell jedes Handeln der Organisation.
 Das Gebäude der IO, deren Vermögen und Archive genießen, analog den Vorschriften
über diplomatische Missionsgebäude, Unverletzlichkeit.

25
 Die IO ist regelmäßig von Abgaben und Gebühren befreit. Befreit ist man idR von
direkten Steuern (zB Einkommensteuer, Vermögensteuer), aber nicht von indirekten
Steuern (zB Mehrwertsteuer). Allerdings wird oftmals eine Rückerstattung vereinbart.
 Der Nachrichtenverkehr unterliegt keiner Zensur oder sonstigen Beschränkungen.
 Die obersten Vertreter genießen absolute Immunität.
 Die übrigen Mitarbeiter genießen funktionelle Immunität.
 Des Weiteren sind Mitarbeiter Internationaler Organisationen idR für ihre Bezüge von
der Organisation von der staatlichen Besteuerung freigestellt. Etwaige sonstige
Einkünfte werden hingegen meist besteuert.
 Überdies genießen Bedienstete weitere Privilegien wie Ein- und Ausfuhrbefreiungen
einschließlich Zollfreiheit, keine Devisenbeschränkungen sowie Freiheit der Ein- und
Ausreise.
 Staatliche Vertreter und Beamte der IO genießen (im Falle der Vereinten Nationen)
gem. Art 105 Abs 2 UN-Charta all jene Privilegien und Immunitäten, die erfolderlich
sind, um ihre Funktionen in Unabhängigkeit auszuüben. Die UN-Generalversammlung
kann hierzu Empfehlungen über die Regelung von Einzelheiten abgeben. Art IV des
Übereinkommens über die Privilegien und Immunitäten der Vereinten Nationen enthält
eine Auflistung der konkreten Privilegien und Immunitäten. Diese richten sich
manchmal an jenen der diplomatischen Beamten, so etwa hinsichtlich persönlicher
Unverletzlichkeit sowie der Unverletzlichkeit der Schriftstücke und des Gepäcks.
Der konkrete Umfang der ihnen zukommenden Privilegien und Immunitäten ergibt sich
aus den Gründungsverträgen, Amtssitzabkommen und nationalen Vorschriften.

32. Unverletzlichkeit des Amtssitzbereichs der Vereinten Nationen!


S. 200f VV, Rz 1544ff Handbuch
Die Unverletzlichkeit des Amtssitzbereichs der VN ist im Artikel III des Amtssitzabkommens
niedergeschrieben. Entsprechend sind

 das Gebäude
 die Archive und Schriftstücke
 die amtliche Korrespondenz
 das Kuriergepäck sowie
 das Vermögen
unverletzlich. Das heißt sie sind von Durchsuchungen, Beschlagnahmungen, Enteignungen
und sonstigen Beeinträchtigungen von Behörden des Sitzstaates ausgenommen.
Unverletzlichkeit bedeutet aber nicht, dass die UNO-City nicht zu Österreich gehört. Dieser
Gedanke entstammt der veralteten Extraterritorialitätstheorie. Dieser zufolge sind Sitze von
Internationalen Organisationen unverletzlich und immun, weil sie fiktiv nicht zum Staatsgebiet
des Sitzstaats gehören. Demnach unterliegen beispielsweise Organe auch nicht den Gesetzen
des Sitzstaats. Heutzutage werden Privilegien und Immunitäten mit der Nezessitäts- oder
Funktionstheorie begründet. Demnach sind diese notwendig um Organen die unabhängige
Aufgabenerfüllung zu ermöglichen. Während es sich bei diesen Theorien um die theoretische
Herleitung von Privilegien und Immunitäten handelt, ergeben sich diese tatsächlich aus den
jeweiligen Amtssitzverträgen.
Eigentümer der UNO-City bzw. der Liegenschaft ist die Republik Österreich gemeinsam mit
der Stadt Wien. Die Liegenschaft wurde den VN gegen Bezahlung eines Mietzinses zur
Verfügung gestellt.

26
Gemäß dem Amtssitzabkommen sind die VN befugt, für ihren Amtssitzbereich geltende
Vorschriften zu erlassen, um die vollständige Wahrnehmung der Funktionen zu gewährleisten.
Innerstaatliche Gesetze, die mit solchen Vorschriften unvereinbar sind, sind für den
Amtssitzbereich der VN nicht anwendbar. Zum Betreten des Gebäudes bedarf es der
(ausdrücklichen) Zustimmung des Generaldirektors. Beim Einsatz von Polizei oder Feuerwehr
könnte man argumentieren, dass der Staat damit seine Schutzfunktion wahrnimmt.
Tatsächlich ändert dies aber rechtlich nichts daran, dass eine Verletzung der Unverletzlichkeit
durch Betreten ohne Zustimmung erfolgt. Erwähnenswert ist auch, dass im
Amtssitzabkommen festgehalten wird, dass der Amtssitzbereich nicht als Zufluchtsort für
Personen dienen darf, die die österr. Regierung an ein anderes Land ausliefern will (Stichwort:
diplomatisches Asyl).

33. Immunität Internationaler Organisationen + relevante Beispiele!


S. 188ff VV, Rz 1627ff Handbuch
Die Privilegien und Immunitäten sollen die Tätigkeit der internationalen Organisationen
erleichtern und fördern und sie vor unzulässiger Einflussnahme von Staaten schützen.
Regelungen über die Immunität Internationaler Organisationen finden sich zum einen in den
Gründungsverträgen IO. Diese Bestimmungen sind aber meist sehr allgemein. Zum anderen
werden diese generellen Regelungen meist in Amtssitzabkommen, die zwischen der IO und
dem Sitzstaat abgeschlossen werden, konkretisiert. Teilweise bestehen auch multilaterale
Abkommen, wie zB das Übereinkommen über die Privilegien und Immunitäten der Vereinten
Nationen. Vereinzelt finden sich auch bilaterale Abkommen. Regelmäßig finden sich
Bestimmungen auch in innerstaatlichen Rechtsvorschriften wie etwa im Bundesgesetz über
die Einräumung von Privilegien und Immunitäten an Internationale Organisationen.
Die IO selbst genießt funktionelle Immunität. Diese wird in der Praxis allerdings als de facto
absolut angesehen. Der Grund dafür ist, dass sich der Grundsatz entwickelt hat, wonach IO
nur dann Immunität genießen sollen, wenn dies zur Erreichung der Ziele der Organisation
notwendig ist. Da allerdings IO überhaupt nur dann tätig werden können, wenn dies vom
Organisationszweck umfasst ist, betrifft die Immunität potentiell jedes Handeln der
Organisation. In Österreich klagte die Baufirma von Richard Lugner den OPEC-Fonds vor dem
LG Wien auf Zahlung für Bautätigkeiten, die sie am Sitz der IO vorgenommen hatte. Der OGH
stellte jedoch fest, dass die IO Immunität in diesem Verfahren genieße. Er betonte, dass diese
Immunität im Rahmen der funktionellen Beschränkung grundsätzlich als absolut anzusehen
ist.
Das Gebäude der IO, deren Vermögen und Archive genießen, analog den Vorschriften über
diplomatische Missionsgebäude, Unverletzlichkeit. Die IO ist zudem von Abgaben und
Gebühren befreit. Befreit ist man idR von direkten Steuern (zB Einkommensteuer,
Vermögensteuer), aber nicht von indirekten Steuern (zB Mehrwertsteuer). Allerdings wird
oftmals eine Rückerstattung vereinbart. Auch der Nachrichtenverkehr unterliegt keiner Zensur
oder sonstigen Beschränkungen.
Genauso wie Staaten können auch IO auf ihre Immunität verzichten. Ein solcher Verzicht hat
durch das administrative Leitungsorgan zur erfolgen. Im Fall der VN ist das der
Generalsekretär. Der Verzicht kann sowohl ausdrücklich als auch konkludent durch
Verfahrenseinlassung erfolgen.

27
Besonders problematisch ist die Tatsache, dass IO regelmäßig weder über
Streitschlichtungsmechanismen verfügen, noch der Gerichtsbarkeit internationaler Gerichte
und Tribunale unterliegen. Aufgrund der umfassenden Immunität hat das für potentielle
Prozessgegner schwerwiegende Nachteile. Um dieses Spannungsverhältnis zwischen
Immunität und fehlendem Rechtsschutz zu schließen, sehen manche Regelungswerke die
Verpflichtung vor, interne Streitbeilegungssysteme einzurichten. So verpflichtet bspw. das
Übereinkommen über die Privilegien und Immunitäten der VN diese, Vorkehrungen für die
Beilegung bestimmter privatrechtlicher Streitigkeiten zu treffen. Solche
Streitbeilegungssysteme wurden aber meist nur sehr beschränkt eingerichtet oder fehlen
teilweise sogar vollkommen.
Vor diesem Hintergrund hat ein Teil der Lehre und Rechtsprechung argumentiert, dass die
Immunität von IO zu weit geht. Insbesondere wurde hinterfragt, ob die Gewährung von
Immunität an IO mit dem Recht auf ein faires Verfahren im Einklang steht. Der EGMR nahm
bereits mehrmals zur Vereinbarkeit der Gewährung weitreichender Immunität mit dem Recht
auf ein faires Verfahren (Art 6 EMRK) Stellung. Da das Recht auf ein faires Verfahren nicht
absolut gilt, kann es gewissen Beschränkungen unterwerfen werden. Zwar schränkt die
Immunität den Zugang zu einem Gericht ein, doch ist deren Gewährung unter bestimmten
Umständen gerechtfertigt. Bei der Beurteilung, ob eine solche Rechtfertigung vorliegt, bedient
man sich einer zweistufigen Prüfung. Demnach muss die Einräumung der Immunität

 einem legitimen Zweck dienen (Zweckmäßigkeit)


 und dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entsprechen (Verhältnismäßigkeit).
Richtungsweisendes Grundsatzurteil ist der Waite und Kennedy-Fall.

De facto absolute Immunität führt zu Rechtsschutzlücken, die man nach Art 6 EMRK
beleuchten und damit das Recht auf ein faires Verfahren ins Treffen führen kann. Der EGMR
verlangt deshalb, dass die Immunität einen legitimen Zweck verfolgen muss und
verhältnismäßig ist. Bei der Beurteilung der Verhältnismäßigkeit ist das Vorliegen eines
alternativen internen Streitbeilegungssystems zu prüfen.
Ein innerstaatlicher Fall hinsichtlich Immunität war jener zwischen Baumeister Lugner und der
OPEC für Sanierungsarbeiten an deren Gebäude, wobei hier der OGH der OPEC Immunität
zugesprochen hat.

28
34. Staatenimmunität und Immunität von Internationalen Organisationen! Staatenimmunität
im Vollstreckungsbereich!
vgl. Frage 38) und Frage 33)

35. Wann räumt ein Staat einem ausländischen Staat Immunität ein?
36. Wie wirken sich die Regeln der Staatenimmunität auf die österreichische Gerichtsbarkeit
aus?
S. 177ff VV, Rz 1544ff Handbuch
Einleitend gehört festgehalten, dass Immunität den Verzicht auf die Ausübung der
Rechtsdurchsetzung gegenüber Staaten, Internationalen Organisationen oder bestimmten
Personen bewirkt. Das heißt nicht, dass diese von der Geltung der jeweiligen Rechtsordnung
ausgenommen sind. Es wird lediglich die Durchsetzbarkeit gehemmt und ändert nichts an der
Geltung des materiellen Rechts. Immunität ist somit eine verfahrensrechtliche und keine
materiellrechtliche Norm.
Rechtsquellen der Staatenimmunität sind völkerrechtliche Verträge aber vor allem das
Völkergewohnheitsrecht, da noch kein universeller Vertrag in Kraft ist. Vertragliche
Regelungen finden sich im Europäischen Übereinkommen über die Staatenimmunität (=
Basler Übereinkommen) und im UN-Übereinkommen über die Staatenimmunität. Letzteres
wurde auf Grundlage eines ILC-Entwurfs abgeschlossen.
Die Staatenimmunität basiert auf dem Grundsatz der souveränen Gleichheit der Staaten.
Daraus resultiert der Grundsatz, dass sie als Gleiche keine Hoheitsmacht übereinander
ausüben dürfen (par in parem non habet imperium). Aus diesem Ansatz folgt gleichzeitig, dass
es keine Immunität geben kann vor den eigenen Gerichten eines Staats sowie vor den
internationalen Gerichten, weil gerade diese genutzt werden sollen, um Streitigkeiten
beizulegen. Somit kann die Immunität lediglich vor Gerichten fremder Staaten eine
prozessuale Schranke darstellen.
Bis zum 20. Jh. wurde die Immunität absolut verstanden, dh sie umfasste das gesamte
Staatshandeln. Damals gab es nur eine geringe Anzahl von anerkannten Ausnahmen, so etwa
der Verzicht auf die Immunität sowie Klagen im Zusammenhang mit Liegenschaften im
Gerichtsstaat. Ebenso waren Widerklagen (als eine Sonderform des impliziten Verzichts) eine
Ausnahme. Als Staaten mehr und mehr begangen (ab 20 Jh.) sich privatwirtschaftlich zu
betätigen, wurde deutlich, dass solche weitreichenden Immunitäten den Staat gegenüber
Privaten ungebührlich bevorzugt. Aus diesem Grund setzte sich der Grundsatz der relativen
Immunität durch. Demnach wird Immunität nur noch für hoheitliches Handeln (acta iure
imperii) und hoheitliches Vermögen und nicht mehr für privatwirtschaftliches Handeln (acta
iure gestionis) und für privatwirtschaftliches Vermögen gewährt. Dieser Wandel hat sich
inzwischen fest im Völkergewohnheitsrecht verankert und findet sich in zahlreichen nationalen
Gerichtsentscheidungen. Nennenswert in diesem Zusammenhang ist der Hoffmann gegen
Dralle-Fall (Sachverhalt siehe unten).
Die Abgrenzung zwischen hoheitlichem und privatwirtschaftlichem Handeln ist eines der
Zentralprobleme der Staatenimmunität. Man hat erkannt, dass es nicht sinnvoll ist auf den
Zweck der Handlung abzustellen, weil letztlich jede Form staatlichen Handelns dem Staat in
der einen oder anderen Weise dienen sollte. Daher wird heute in erster Linie auf die Natur der
Handlung abgestellt. Dabei kommt es darauf an, ob ein Privater eine gleichartige Handlung
vornehmen kann oder ob nur ein Staat auf diese Weise handeln kann. So können
beispielsweise nur Staaten enteignen, wohingegen Kauf- oder Werkverträge typischerweise
auch von Privaten abgeschlossen werden können. Nennenswert in diesem Zusammenhang
ist der Abholen von Botschaftspost-Fall (Sachverhalt siehe unten).

29
Im 20. Jh. haben sich weitere Ausnahmen von der Immunität entwickelt. So enthält Teil III des
UN-Staatenimmunitätsübereinkommen eine Liste jener Verfahren, in denen eine Berufung auf
die Immunität nicht möglich ist. Aufgezählt sind Verfahren betreffend:

 privatwirtschaftlicher Rechtsgeschäfte
 Arbeitsverträge
 Personen- und Sachschäden (auch „Deliktsausnahme“ genannt): Verfahren wegen
Schadenersatz aufgrund Körperverletzung oder Tötung einer Person sowie Entzug
oder Beschädigung von beweglichen Gegenständen sind von der Immunität
ausgenommen.
 Im Gerichtsstaat gelegenes unbewegliches Vermögen
 Geistiges und gewerbliches Eigentum
 Beteiligung an Gesellschaften oder anderen Beteiligungen
 Schiffe, die einem Staat gehören oder von ihm eingesetzt werden
 Schiedsvereinbarungen.
Hoffmann gegen Dralle-Fall: Der Fall betraf einen markenrechtlichen Disput in
Zusammenhang mit der Enteignung deutscher und österreichischer Betriebe im Jahr 1945
durch die Tschechoslowakei, wobei der Antragsgegner ein tschechoslowakischer
Staatsbetrieb war. Der OGH hatte daher zunächst zu prüfen, ob die Tschechoslowakei der
inländischen Gerichtsbarkeit unterlag und bejahte dies auf der Grundlage, dass Staaten nach
Völkergewohnheitsrecht nur mehr für acte iure imperii Immunität genießen. Als Argument
brachte der OGH vor, dass zwar einige Ländern absolute Immunität gewähren, andere aber
nur mehr für hoheitliches Handeln Schutz gewähren, sodass man keine allgemein anerkannte
Regel des Völkerrechts im Sinne der absoluten Immunität mehr ableiten kann. Dies war einer
der wenigen Fälle, wo sich ein innerstaatliches Gericht eingehend mit der Staatenpraxis und
opinio iuris auseinandersetzte.
Abholen von Botschaftspost-Fall: Der geparkte Wagen des Klägers wurde von einem
Wagen der US-Botschaft in Wien schwer beschädigt worden. Das Auto wurde von einem
Botschaftsmitarbeiter gefahren. Die USA als beklagte Partei erklärte, die Fahrt habe
hoheitlichen Zwecken gedient, nämlich dem Abholen von Post für die Botschaft. Der OGH
verwarf jedoch diese Berufung auf die Immunität und erklärte, dass ein privatrechtlicher Akt
immer dann anzunehmen sei, wenn der Staat in einer Weise tätig werde, wie es auch Private
können. Die zugrundeliegende Handlung sei nicht das Abholen der Post, sondern der Betrieb
des Autos und die Teilnahme am öffentlichen Straßenverkehr. Der Staat erscheine in
Lebensbereichen, in denen sich auch der Bürger bewegt. Auf dieser Ebene stehen sich die
Parteien gleichberechtigt gegenüber und es kann nicht von einer Über- und Unterordnung die
Rede sein.

30
37. Welche Grundsätze gelten bei der Vollstreckungsimmunität?
38. Nach welchen Kriterien sind Vermögenswerte den Staaten zur Zwangsvollstreckung
entzogen?
S. 185f VV, Rz 1570 Handbuch
Einleitend gehört festgehalten, dass Immunität den Verzicht auf die Ausübung der
Rechtsdurchsetzung gegenüber Staaten, Internationalen Organisationen oder bestimmten
Personen bewirkt.
Staaten können sowohl im Erkenntnisverfahren als auch im daran anschließenden
Vollstreckungsverfahren Immunität genießen. Diese beiden Verfahren sind jedoch getrennt
voneinander zu beurteilen. Wenn einem Staat oder einer IO im Erkenntnisverfahren keine
Immunität gewährt wird, so kann man daraus nicht schließen, dass das auch für das
Vollstreckungsverfahren gilt. Dies gilt auch für jene Fälle, wo auf die Immunität ausdrücklich
verzichtet wird, weil sich ein Verzicht im Erkenntnisverfahren nicht auch automatisch auf das
Vollstreckungsverfahren erstreckt. Auch wenn ein Kläger einen vollstreckbaren Titel erwirkt,
kann dieser nur vollstreckt werden, wenn genauso eine Ausnahme von der
Vollstreckungsimmunität vorliegt.
Da im Vergleich zum Erkenntnisverfahren die Vollstreckung in Vermögenswerte einen
schwereren und unmittelbareren Eingriff in die Souveränität darstellt, gelten restriktivere
Regelungen. Diese sind in dem UN-Staatenimmunitätsabkommen enthalten. Zunächst spielt
auch hier die Unterscheidung zwischen hoheitlich und privat eine entscheidende Rolle.
Allerdings wird nicht auf die Handlung des Staates abgestellt, sondern auf den
Vermögensgegenstand, in den vollstreckt werden soll. Es kommt also auf den
Vermögenszweck an! Dient der Vermögensgegenstand hoheitlichen Zwecken, so ist die
Zwangsvollstreckung verboten, weil er von der Immunität erfasst ist. Nach Ansicht des OGH
ist auch ein Konto, welches nur teilweise hoheitlichen Zwecken dient, bereits vom Zugriff im
Exekutionsverfahren ausgeschlossen. Art 21 des UN-Staatenimmunitätsabkommen enthält
eine Aufzählung von Vermögen, das als hoheitlich genutzt gilt. Dazu gehört: Vermögen zur
Wahrnehmung diplomatischer, konsularischer oder militärischer Aufgaben, Vermögen der
Zentralbank und Vermögen, das Bestandteil des kulturellen Erbes eines Staates ist. Der Staat
kann aber auch bei solchem Vermögen auf die Immunität verzichten.
Es gibt 3 Ausnahmen von der Vollstreckungsimmunität (Art 19):

 das Vermögen dient nicht-hoheitlichen Zwecken,


 der Staat hat der Anordnung solcher Maßnahmen ausdrücklich zugestimmt oder
 der Staat hat den Vermögensgegenstand eigens zur Befriedigung des
verfahrensgegenständlichen Anspruchs bestimmt.
Diese 3 Ausnahmen hat der IGH im Deutschland-Italien-Fall geprüft. Diesem Verfahren
gingen mehrere Schadenersatzbegehren, welche sich auf Ereignisse während des 2. WK
bezogen, voraus. Zwei Kategorien sind dabei zu unterscheiden: Zum einen die
Schadenersatzklagen vor italienischen Gerichten (insb. die Ferrini-Entscheidung) und Urteile
griechischer Gerichte (Distomo-Fall), die in Italien anerkannt und gegenüber deutschem
Eigentum in Italien vollstreckt wurden.

31
Ferrini-Entscheidung: Der Italiener Luigi Ferrini wurde 1944 von Italien nach Deutschland
deportiert und dort als Zwangsarbeiter in Munitionsfabriken eingesetzt. 1998 strebte er in
Italien eine Schadenersatzklage gegen die Bundesrepublik Deutschland an, die von den
Zivilgerichten erster und zweiter Instanz aufgrund der Staatenimmunität Deutschlands als
unzulässig abgewiesen wurde. Das oberste Gericht befand hingegen 2004, dass die Klage
zulässig sei. Dieser argumentierte damit, dass die Kriegsverbrechen der deutschen Streitkräfte
gegen ius-cogens-Normen verstoßen und diese dem Recht der Staatenimmunität aufgrund
der völkerrechtlichen Normenhierarchie übergeordnet sind. Der oberste Gerichtshof betonte,
dass die Schwere des Verbrechens zur Nichtanwendung der Immunität führe. Das
erstinstanzliche Gericht, an welches der Fall zurückverwiesen wurde, hielt den Anspruch für
verjährt. In zweiter Instanz stellte das Gericht 2011 fest, dass Deutschland Schadenersatz zu
zahlen habe.
Distomo-Fall: 1944 wurde von einer Division der deutschen SS im griechischen Dorf Distomo
ein Massaker verübt. Angehörige der Opfer begehrten von Deutschland Schadenersatz. Das
erstinstanzliche Gericht erließ ein Säumnisurteil, welches die Bundesrepublik zu
Schadenersatz verpflichtete. Zwar wurde Deutschlands Berufung vom obersten Gericht
abgewiesen, doch konnte das Urteil in Griechenland (mangels Einwilligung des
Justizministers) nicht vollstreckt werden. Nach der Ferrini-Entscheidung sahen die
Antragsteller im Jahr 2005 aber die Möglichkeit, das errungene Urteil in Italien anerkennen zu
lassen (auf Grundlage des italienischen IPR) und gegen Deutschland zu vollstrecken. 2007
wurde eine Zwangshypothek auf das deutsche Kulturinstitut Villa Vigoni eingetragen.
Infolgedessen erhob Deutschland im Jahr 2008 Klage vor dem IGH und brachte vor, Italien
habe Deutschlands Immunität missachtet (Deutschland-Italien-Fall). Der IGH verwarf das
von Italien aufgegriffene ius cogens – Argument, da es keinen (für das Argument der
Normenhierarchie notwendigen) Normenkonflikt gibt. Ebenfalls verneinte er einheitliche
Staatenpraxis bezüglich der Aberkennung der Immunität von Staaten in Zivilverfahren bei ius
cogens Verletzungen. Somit habe Italien eine Völkerrechtsverletzung begangen, indem es die
Immunität Deutschlands im Erkenntnisverfahren nicht anerkannte.
Der IGH behandelte aber auch die Fragen der Immunität im Vollstreckungsverfahren. Er prüfte
die 3 Ausnahmen und hielt fest, dass keine davon gegeben war. Die Immunität Deutschlands
wurde auch im Vollstreckungsverfahren verletzt, weil die Villa Vigoni hoheitlichen Zwecken
diente. Dadurch beging Italien eine weitere Völkerrechtsverletzung.

32
39. Charta der wirtschaftlichen Rechte und Pflichten der Staaten (1974)!
Rz 114ff, 130, 1318, 2200ff Handbuch
Die Charta der wirtschaftlichen Rechte und Pflichten der Staaten steht in Verknüpfung mit der
Neuen Internationalen Wirtschaftsordnung (NIWO).
Die Neue Internationale Wirtschaftsordnung (NIWO) bezeichnet einen Plan zur Reformierung
der internationalen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Entwicklungsländern und
Industrienationen zu Gunsten der Entwicklungsländer. Wie es dazu kam: Durch die
Entkolonialisierung nach dem 2. Weltkrieg entstanden vor allem in den 1960er und 1970er
Jahren zahlreiche neue Staaten. Sie erlangten durch Ausübung des Selbstbestimmungsrechts
zwar ihre politische Unabhängigkeit, sahen sich aber wirtschaftlich von den Industriestaaten
und den in diesen Staaten beheimateten Unternehmen abhängig. Zur Erlangung der (auch)
wirtschaftlichen Unabhängigkeit und zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung erhoben
die Entwicklungsländer („Dritte Welt“) eine Reihe von Forderungen. Dazu zählen
insbesondere:

 Anerkennung der dauernden Souveränität über Bodenschätze bzw. natürlichen


Ressourcen
 Weitgehendes Recht auf Enteignung ausländischer Investoren
 Rohstoffabkommen zur Garantie stabiler Preise
 Industrialisierung der „Dritten Welt“
 Uvm.
In den 1970er Jahren wurden diese Einzelforderungen als Neue Internationale
Wirtschaftsordnung (NIWO) zusammengefasst. Diese fand ihren formellen Ausdruck in
mehreren Resolutionen der Generalversammlung der VN, so etwa in der Deklaration über die
Errichtung einer NIWO (1974) samt dazugehörigem Aktionsprogramm. Später im selben Jahr
nahm die GV die Charta der wirtschaftlichen Rechte und Pflichten der Staaten (1974) durch
Mehrheitsbeschluss an, welche die Grundlage einer NIWO werden sollte. Allerdings wurde die
NIWO von den westlichen Staaten unter amerikanischer Führung vereitelt. Grund dafür war
nicht zuletzt der kontroverse Inhalt der Charta in Zusammenhang mit Enteignungen. Die
Charta sah nämlich vor, dass – im Gegensatz zu Hull-Formel (wonach prompte, adäquate und
effektive Entschädigung zu leisten ist) – nur eine angemessene Entschädigung zu leisten sei.
Und das auch nur dann, wenn das nationale Recht dies vorsieht. Zudem sei die konkrete Höhe
von innerstaatlichen Instanzen zu beurteilen.
Die in den Resolutionen enthaltenen Forderungen wurden nur zu einem geringen Teil
umgesetzt. Heute werden die Ideen der NIWO vielfach als überholt angesehen. Die meisten
Entwicklungsländer versuchen ihre wirtschaftliche Situation gegenwärtig durch
Handelsliberalisierung zu verbessern.

40. Selbstbestimmungsrecht der Völker!


Rz. 1518ff Handbuch
Der Begriff des Selbstbestimmungsrechts (als Instrument der Erlangung von Unabhängigkeit)
wird in vielen Bedeutungen verwendet, wobei der Unterscheidung zwischen internem und
externem Selbstbestimmungsrecht eine besondere Bedeutung zukommt.
Unter externem Selbstbestimmungsrecht versteht man zum einen das Recht eines Volkes auf
einen eigenen Staat und zum anderen die Wahrnehmung der Souveränität nach außen durch
ein als Staat verfasstes Volk. Damit ist das externe Selbstbestimmungsrecht einem
Sezessionsrecht gleichgesetzt.

33
Unter internem Selbstbestimmungsrecht versteht man das Recht des gesamten Staatsvolks,
sein politisches System frei zu wählen und in Freiheit ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Entwicklung zu gestalten. Für einzelne Volksgruppen kann dies durch Einräumung von
Autonomierechten erreicht werden (Stichwort: umfassende Partizipation).
Die Wurzeln des Selbstbestimmungskonzepts reichen bis zu den Anfängen des Völkerrechts
zurück. Prägend für die Ausformung des Selbstbestimmungskonzepts waren die
Amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die Französische Revolution. Dem US-
Präsidenten Woodrow Wilson diente das Selbstbestimmungsrecht der Völker als Leitprinzip
bei der Neuordnung der europ. Landkarte nach dem 1. Weltkrieg.
Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich das Selbstbestimmungsprinzip zu einem konkreten
Rechtsanspruch. Mit den beiden Antikolonialismus-Resolutionen der GV der VN (Res 1514
und Res 1541) wurde ein entscheidender Schritt hin zur Verrechtlichung des
Selbstbestimmungsprinzips gesetzt. Letztere Resolution hält fest, dass Selbstbestimmung zu
folgenden Ergebnissen führen kann:

 Entstehen eines souveränen unabhängigen Staats


 freier Zusammenschluss mit einem unabhängigen Staat
 freie Integration in einen unabhängigen Staat.
Darüber hinaus findet sich das Selbstbestimmungsrecht auch in den beiden UN-
Menschenrechtspakten sowie in der friendly relations declaration von 1970.
Allerdings herrscht bis heute noch Ungewissheit über den genauen Inhalt des Rechts. Auch
die Frage, wer Rechtsträger des Anspruchs sein soll, ist weiterhin umstritten. Im deutschen
Sprachraum wurde vielfach vertreten, dass das Selbstbestimmungsrecht auch Minderheiten
und Völkern im ethnischen Sinn zukommen soll. In der überwiegenden Lehre wird aber
vertreten, dass das Selbstbestimmungsrecht allein Ländern und Völkern im kolonialen Bereich
sowie Völkern und Gebieten unter militärischer Fremdherrschaft zusteht. Besonders strittig ist
die Frage, ob heute noch ein externes Selbstbestimmungsrecht existiert. Grundsätzlich gilt
dieses Recht mit Erlangen der Unabhängigkeit als konsumiert. Einige Autoren vertreten
allerdings die These, dass sich in Extremfällen jedenfalls ein Recht auf Sezession ableiten
lässt (man spricht auch von remedial secession, also ein Sezessionsrecht als Notwehrrecht).
Ein solcher Extremfall liegt vor bei schlimmster Diskriminierung, Unterdrückung und
Verfolgung sowie bei Verweigerung der Ausübung des internen Selbstbestimmungsrechts.
Kritiker dieser Position führen an, dass die Staatenpraxis immer noch fest an der territorialen
Integrität festhält.
Die Frage des remedial secession wurde zuletzt im Zusammenhang mit Kosovos
Unabhängigkeitserklärung intensiv diskutiert. Allerdings hat sich der IGH in seinem Kosovo-
Gutachten 2008 nicht näher damit auseinandergesetzt, sondern hielt abweichend fest, dass
dazu grundlegend unterschiedliche Auffassungen existieren.
Der IGH hat in der Vergangenheit wiederholt das Selbstbestimmungsrecht bestärkt, indem er
diesem im Osttimor-Fall erga-omnes-Charakter zugeschrieben hat. Ein weiterer Indikator für
einen solchen Status findet sich im Mauerbau-Gutachten von 2004. Da es sich um ein erga-
omnes-Recht handelt, versteht dies die ILC als implizite Anerkennung des ius cogens Status.

34
41. Allgemeines zur Staatennachfolge, insb. in Schulden!
S. 94f VV, Rz 836ff Handbuch
Zur Staatennachfolge kommt es bei einer Änderung der territorialen Souveränität und
Gebietshoheit. Radikale Änderungen im Regierungssystem eines Staats bewirken hingegen
keine Staatennachfolge. Aufgrund der damit einhergehenden Folgen ist im Einzelfall zu prüfen,
ob eine solche vorliegt. Im Rahmen einer Staatennachfolge ergeben sich komplexe Fragen
hinsichtlich:

 Weiterbestehen von Verträgen


 Übergang von Vermögen und Schulden
 Konzessionen
 Bestehende Staatsbürgerschaften
 Auswirkungen auf die Staatenverantwortlichkeit.
In diesem Zusammenhang bestehen zwei maßgebliche, von der ILC ausgearbeitete Verträge:

 Wiener Konvention über die Staatennachfolge in Verträge (1978) und


 Wiener Konvention über die Staatennachfolge in Staatsvermögen, -archiva und –
schulden (1983).
Während erstere 1996 in Kraft trat, fehlen bei der zweiten die für das Inkrafttreten notwendigen
15 Ratifikationen. Allerdings decken diese zwei Verträge die Probleme nur teilweise ab.
Die Staatennachfolge kann in mehreren Varianten eintreten:

 Zession: Übergang von Gebietsteilen und damit Verschiebung der Grenze zwischen
zwei fortbestehenden Staaten.
 Sezession: Abspaltung eines Gebietsteils von einem fortbestehenden Staat unter
Gründung eines neuen Staates im abgespalteten Gebietsteil gegen den Willen des
fortbestehenden Staates. Eine einvernehmliche Abspaltung wird auch Separation
genannt (zB. UdSSR).
 Dismembration: Zerfall eines Staats in zwei oder mehrere Staaten, wobei der
Vorgängerstaat zu existieren aufhört (zB. Jugoslawien, Tschechoslowakei).
 Fusion: Zusammenschluss von mind. zwei Staaten zu einem neuen Staat unter
Beendigung der Staatlichkeit der vormals eigenständigen Staaten (zB. Tansania,
Jemen).
 Inkorporation: freiwillige Eingliederung eines Staates in einen anderen,
fortbestehenden, und sich damit vergrößernden Staat unter Verlust seiner staatlichen
Existenz (zB. DDR in BRD). Der aufnehmende Staat hat grundsätzlich alle Rechte und
Pflichten des inkorporierten Staates zu übernehmen. Eine gegen den Willen des
einzugliedernden Staates gewaltsam herbeigeführte Einverleibung eines Staates in
einen anderen wird als Annexion bezeichnet und ist völkerrechtswidrig.
In der Praxis erweist sich die Zuordnung oft als schwierig.

35
Hinsichtlich dem Übergang bzw. dem Verbleib von Vermögen (Aktiva) und Schulden (Passiva)
bleibt zu sagen, dass diese Bereiche aufgrund der unübersichtlichen Rechtslage und der
Wichtigkeit der Materie häufig durch Verträge geregelt werden. Die beiden zentralen
Leitprinzipien sind Gebietsbezogenheit und Billigkeit. Bei Schulden lässt sich zwischen
mehreren Kategorien unterscheiden:

 Staatsschulden, die den gesamten Staat betreffen bzw. sich auf das gesamte
Staatsgebiet beziehen
 sog. lokale Schulden, die eine territoriale Sub-Einheit (bspw. ein Bundesstaat) mit
finanzieller Autonomie aufgenommen hat
 radizierte Schulden, also solche, die auf einem bestimmten Teil eines Staatsgebiets
lasten
 Schulden des Vorgängerstaates zur Bekämpfung der Unabhängigkeitsbestrebungen
(odious debts).
Die Wiener Konvention über die Staatennachfolge in Staatsschulden sieht bei Zession,
Sezession, Separation und Dismembration eine auf Billigkeit beruhende Aufteilung vor. Bei
einer Fusion gehen die Staatsschulden der Vorgängerstaaten auf den neu entstandenen Staat
über. Radizierte und lokale Schulden sind durch den Staat zu befriedigen, der nach der
Staatennachfolge die Kontrolle über das betroffene Gebiet ausübt. Odious debts müssen nicht
durch den Nachfolgestaat getilgt werden.
Beispiele:

 Die Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns (nach österreichischer Ansicht:


Dismembration) haben bis 1952 durch Zahlungen in eine gemeinsame Kasse
Schulden der Monarchie getilgt.
 Auch nach der „Auflösung“ der UdSSR (Dismembration) haben sich die Russische
Föderation und die anderen GUS-Staaten vertraglich auf eine Übernahme der
Schulden nach ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit im Innenverhältnis geeinigt. Im
Außenverhältnis tritt die Russische Föderation als Schuldnerin auf.
 Das Deutsche Reich bediente nach 1938 genauso wie Österreich nach 1945 eine
Schweizer Anleihe von 1925 zur Verbesserung der Hochwasserdämme am
Vorarlberger Rhein, obwohl beide grds. jede Haftung für die Schulden des
Vorgängerstaates ablehnten.
 Bei der deutschen Vereinigung (Inkorporation) schuf der Einigungsvertrag ein
spezielles Regime für die Abwicklung der Verbindlichkeiten der DDR durch die BRD.
Die DDR-Schulden wurden von einem nicht-rechtsfähigen Sondervermögen der BRD
übernommen. Für dessen Verbindlichkeiten haftete der Bund, dh. die erweiterte BRD.
Nach Ablauf dieses Sonderverwaltungsregimes 1994 übernahmen Bund und Länder
die Schulden nach einem Aufteilungsschlüssel. Die Schulden der DDR wurden also
zur Gänze von der BRD übernommen.
Exkurs: Für die Verwaltung des betroffenen Gebiets notwendige Staatsarchive gehen
jedenfalls auf den im jeweiligen Gebiet befindlichen Nachfolgestaat über. Der Verbleib
militärischer Guter wurde in der Praxis meist speziell geregelt.

36
42. Welche Art der Staatennachfolge gab es bei der Tschechoslowakei?
S. 90 VV, Rz. 888f Handbuch
Wir sind beim Thema der Staatennachfolge, welche in mehreren Varianten eintreten kann. Bei
Jugoslawien handelt es sich um einen Fall der Dismembration. Darunter versteht man den
Zerfall eines Staats in zwei oder mehrere Staaten, wobei der Vorgängerstaat zu existieren
aufhört. Zu einer Dismembration kann es freiwillig oder unfreiwillig kommen.
Tschechien und die Slowakei sind die Nachfolgestaaten der Tschechoslowakei. Sie
entstanden am 01.01.1993 auf Grundlage eines Gesetzes, das von den jeweiligen Vertretern
der beiden Teilrepubliken beschlossen wurde. Die meisten Verträge der Tschechoslowakei
wurden von den beiden Nachfolgestaaten weiter angewendet. Diese einigten sich auch über
die Übernahme des Vermögens, der Schulden und der Archive.
Österreich hielt bis Ende 1996 bezüglich der Dismembration der Tschechoslowakei an der
clean-slate-Regel (auch als tabula rasa-Prinzip bekannt) fest, akzeptierte dann aber die
Sukzession der beiden Nachfolgestaaten in die Verträge des Vorgängerstaates. Die clean-
slate-Regel besagt, dass ein neuer Staat frei von allen früheren Vertragsbindungen beginnt
oder zumindest selbst bestimmt, welche früheren Verträge aufrecht bleiben sollten (pick and
choose).
43. Wie verhalten sich die russische Föderation (Russland) und die UdSSR zueinander?
44. Staatennachfolge bei UdSSR? Wer war beim Abkommen warum nicht dabei?
S. 90 VV, Rz. 881ff Handbuch
Der Zerfallsprozess begann mit den Unabhängigkeitserklärungen der drei baltischen Staaten
Estland, Lettland und Litauen im Jahr 1990. Dabei handelt es sich um einen Fall der
Separation, weil die Unabhängigkeitserklärungen 1991 durch die damalige Sowjetunion (=
UdSSR = Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken) akzeptiert wurden. Unter Separation
versteht man die einvernehmliche Abspaltung eines Gebietsteils von einem fortbestehenden
Staat unter Gründung eines neuen Staates im abgespalteten Gebietsteil.
Die restlichen 12 Unionsrepubliken fassten daraufhin sog. „Souveränitätsbeschlüsse“. Durch
diese wollten sie nicht aus der UdSSR austreten, sondern lediglich zum Ausdruck bringen,
einen neuen Unionsvertrag ausarbeiten zu wollen. Bevor der neue Unionsvertrag
unterzeichnet wurde, kam es allerdings zu einem gescheiterten Putschversuch im August
1991. Der Augustputsch führte zur endgültigen Auflösung der Sowjetunion und zu
Unabhängigkeitserklärungen der Unionsrepubliken.
Am 08.12.1991 unterzeichneten die Russische Föderation, die Ukraine und Weißrussland das
Abkommen zur Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Der wesentliche
Beweggrund für die Bildung der GUS lag im Bestreben, einen gemeinsamen Wirtschafts- und
Sicherheitsraum zu schaffen. Diese Gemeinschaft war wohl als Staatenbund konzipiert, doch
handelte es sich tatsächlich nur um einen losen Staatenverbund. Durch das Protokoll von
Alma-Ata vom 21.12.1991 kam es zur Erweiterung der GUS um die verbliebenen 9
Unionsrepubliken. Mit der Deklaration von Alma-Ata vom selben Tag erklärten die GUS-
Staaten, dass die UdSSR zu existieren aufgehört habe. Dies deutete auf ein Ende der UdSSR
durch Dismembration hin. Gleichzeitig hatte sich aber Russland (= Russische Föderation)
niemals für unabhängig erklärt. Insofern ist die dogmatische Einordnung des Endes der
Sowjetunion nicht eindeutig: Man kann zum einen entgegen der Alma-Ata-Deklaration
aufgrund der späteren Praxis von mehreren Separationen von Russland (als Teilrepublik der
Sowjetunion) sprechen. Damit wäre Russland mit der Sowjetunion ident. Andererseits kann
man das Ende der Sowjetunion entsprechend der Erklärung als Dismembration verstehen,
womit Russland und die übrigen Staaten neu entstandene Nachfolgestaaten darstellen
würden.

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Russland vertritt einen Mittelweg und sieht sich als teilidenten „Fortführerstaat“ der UdSSR.
Diese Rechtsauffassung wurde durch die Staatengemeinschaft akzeptiert. Durch diesen
Kontinuitätsanspruch führte sie die Verträge und die Mitgliedschaft in den VN – einschließlich
des Sitzes im Sicherheitsrat – fort. Die übrigen früheren Sowjetrepubliken wurden als neue
Staaten anerkannt, übernahmen aber bestimmte Rechte und Pflichten der Sowjetunion als
dessen partielle Rechtsnachfolger.
Dogmatisch ist das Ende der UdSSR also ein Mittelding zwischen Separation und
Dismembration.
45. Staatensukzession Deutschland!
S. 91 VV, Rz. 870ff Handbuch
Wir sind beim Thema der Staatennachfolge, welche in mehreren Varianten eintreten kann. Bei
Deutschland handelt es sich um einen Fall der Inkorporation. Darunter versteht man die
freiwillige Eingliederung eines Staates in einen anderen, fortbestehenden, und sich damit
vergrößernden Staat unter Verlust seiner staatlichen Existenz.
1945 (also nach dem zweiten Weltkrieg) hatten die USA, die Sowjetunion, Großbritannien und
Frankreich Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt und die oberste Kontrolle gemeinsam
durch den Alliierten Kontrollrat ausgeübt. Dieser übte die Regierungsgewalt für Deutschland
als Ganzes aus. Man spricht dabei von einem „Koimperium“. Der deutsche Staat bestand
allerdings weiter, da die Siegermächte eine Annexionsabsicht explizit ausgeschlossen hatten.
Nachdem der Alliierte Kontrollrat ab 1948 handlungsunfähig wurde, schufen die 3 westlichen
Siegermächte 1949 in ihren Zonen die Bundesrepublik Deutschland (BRD). In der
sowjetischen Besatzungszone entstand die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Einer
Lehrmeinung zufolge bewirkte dies den Untergang des Deutschen Staates. Dagegen sprach
zum einen die Tatsache, dass die Siegermächte auf ihrer Verantwortung für „Deutschland als
Ganzes“ beharrten, und zum anderen gründete die BRD einen Alleinvertretungsanspruch für
das deutsche Volk, weil die DDR nicht als eigener Staat anerkannt wurde. Da eine
Staatsbürgerschaft der DDR nicht anerkannt wurde, galten DDR-Flüchtlinge als deutsche
Staatsangehörige.
Erst durch den 1972 zwischen der BRD und der DDR geschlossenen Grundlagenvertrag
erfolgte eine Anerkennung der DDR als Staat. Allerdings war die Reichweite dieser
Anerkennung strittig. Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Grundlagenvertrag
sprach aus, dass die BRD teilidentisch mit dem Deutschen Reich sei und dass die DDR
ebenso zu Deutschland gehöre. Aus diesem Grund wurde die DDR nicht als „fremder“ bzw.
„ausländischer“ Staate angesehen. Dies kam dadurch zum Ausdruck, dass Ostdeutsche
weiterhin als ihre Staatsbürger galten.
Nach dem Fall der Berliner Mauer kam es zwischen diesen beiden Staaten zur Errichtung der
Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion durch den Bonner Vertrag 1990. Im selben Jahr
beschloss die Volkskammer der DDR den Beitritt zur BRD mit dem 03.10.1990. Allerdings trat
die DDR nicht als Staat bei. Rechtlich gesehen konstituierten sich die ehemaligen Gebiete der
DDR vielmehr als Länder wieder und traten dann gem. Art 23 des Grundgesetzes bei.
Gleichzeitig wurde zwischen der BRD und der DDR einerseits und den 4 Siegermächten
andererseits der sog. „2+4“ – Vertrag abgeschlossen (benannt nach der Anzahl der Parteien
auf der jeweiligen Seite des Vertrages). Darin wurde das Ende der Rechte und Pflichten der
Siegermächte und die volle Souveränität des vereinten Deutschlands festgelegt.
Die Bezeichnung „Wiedervereinigung“ ist insofern ungenau, als dass es sich um keine Fusion,
sondern um einen Beitritt handelt.

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46. Was sind scheintote Staaten? Prominentes Beispiel nennen!
Rz. 890 Handbuch
Der Begriff des scheintoten Staates begegnet uns dann, wenn einem Staat für nur relativ kurze
Zeit die Souveränität wegfällt. Die Praxis hat über solche Unterbrechungen hinweggesehen,
weil die Dauer zu kurz erschien, um aus ihr normative Folgen, nämlich den Untergang des
Staates, abzuleiten. Auf diese Weise wird die Zeitspanne des Untergangs überbrückt und die
Rechtsträgerschaft mit der Annahme staatlicher Kontinuität gesichert.
Daher waren weder Österreich noch die Tschechoslowakei in der Zeit des Nationalsozialismus
(1938-1945) untergegangen, sondern nur „scheintot“.
Ein prominentes Beispiel bilden auch die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen.
Dabei wurde die 50-jährige Okkupation durch die Sowjetunion nicht anerkannt. Vielmehr ging
man davon aus, dass diese Staaten rechtlich weiter existierten, weshalb ihre Unabhängigkeit
im Jahr 1991 nicht als Entstehung neuer Staaten, sondern als Wiederherstellung der verloren
gegangenen Souveränität angesehen wurde.

47. Was versteht man unter einem sog. Erfüllungsvorbehalt?


S. 165f VV
Der Begriff des Erfüllungsvorbehalts begegnet uns bei der Durchführung völkerrechtlicher
Verträge.
Zur Erklärung dieses Begriffs muss die Thematik grob umrissen werden: Völkerrechtliche
Verträge werden im B-VG „Staatsverträge“ genannt und werden grundsätzlich vom
Bundespräsidenten abgeschlossen, weil dieser die Republik nach außen vertritt. Etwaige
zusätzliche Zustimmungserfordernisse hängen von der Art des Vertrags ab.
Gesetzesändernde, gesetzesergänzende und politische Staatsverträge sind vom
Bundespräsidenten zu ratifizieren (= endgültige Zustimmung zu einem Vertrag). Die
Ratifikation ist gem. Art 50 B-VG vom NR (und bei Bedarf auch vom BR) zu genehmigen.
Staatsverträge, die innerstaatlich durch Verordnungen vollzogen werden sollen, können
(müssen aber nicht) vom Bundespräsidenten ratifiziert werden. Er kann den Abschluss aber
auch an Bundesregierung, Bundesminister oder Landesregierung delegieren.
Es steht den Staaten frei zu entscheiden, wie sie dem Völkerrecht in der nationalen Ordnung
Geltung verschaffen. In Österreich werden Staatsverträge grundsätzlich im Bundesgesetzblatt
kundgemacht. Wenn nichts Anderes verfügt ist, werden sie mit ihrer Kundmachung
innerstaatlich geltend und wirksam. Daher wird die Kundmachung multilateraler Staatsverträge
meist bis zum Inkrafttreten aufgeschoben. Staatsverträge bleiben aber Völkerrechtsakte mit
innerstaatlicher Wirksamkeit und erhalten keinen selbständigen innerstaatlichen
Geltungsgrund. Man spricht in diesem Zusammenhang von Adoption (= Form der
Inkorporation des Völkerrechts), dh. die völkerrechtliche Norm gilt aufgrund eines
„Vollzugsbefehls“ des nationalen Rechts automatisch im innerstaatlichen Recht.
Allerdings kann bei (gem. Art 50 B-VG) genehmigungspflichtigen Staatsverträgen der
Nationalrat beschließen, dass der Staatsvertrag durch Erlassung von Gesetzen oder
Verordnungen zu erfüllen ist (= Erfüllungsvorbehalt). Solche Staatsverträge werden
zusammen mit der betreffenden Anordnung im BGBl kundgemacht. Dadurch gelten sie
innerstaatlich, sind aber nicht wirksam. Die Wirksamkeit hängt von der Umwandlung in
nationales Recht ab, dh. vom Erlass des Gesetzes oder der VO. Man spricht in diesem
Zusammenhang von spezieller Transformation.

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Die Wahl zwischen der unmittelbaren Anwendung eines Staatsvertrages oder dessen
Durchführung durch innerstaatliche Rechtsvorschriften wird von zwei Überlegungen bestimmt:

 Die erste Überlegung betrifft den self-executing-Charakter einer Vertragsbestimmung.


Sofern eine völkerrechtliche Rechtsvorschrift – gemessen am Bestimmtheitsgebot des
Art 18 B-VG – ausreichend bestimmt ist (also betreffend Normadressat und
Norminhalt), ist sie unmittelbar anwendbar. In Österreich gilt das zB. für die EMRK.
 Die zweite Überlegung bezieht sich auf die Struktur der innerstaatlichen
Rechtsordnung. Wenn ein neuer Vertrag für einen Sachbereich abgeschlossen wird,
in dem innerstaatliches Recht und/oder innerstaatlich anwendbare völkerrechtliche
Verträge schon in großer Dichte bestehen, dann bereitet die unmittelbare
Anwendbarkeit mitunter Schwierigkeiten, weil komplexe Derogationsprobleme zu
lösen sind. In einem solchen Fall ist ein Erfüllungsvorbehalt trotz self-executing-
Charakter zweckmäßig, weil er eine einheitliche Anwendungspraxis sichert und somit
der Rechtssicherheit dient.

48. Wann ist ein Vorbehalt zu einem multilateralen Vertrag zulässig?


Was passiert mit dem Inhalt eines Vertrags bei Vorbehalt?
S. 64ff VV, Rz 286 Handbuch
Vorbehalte sind im Zusammenhang mit der Zustimmung zu einem multilateralen Vertrag
abgegebene einseitige schriftliche Erklärungen, mit denen ein Staat zum Ausdruck bringt, dass
er einzelne Vertragsbestimmungen in der Anwendung auf sich ausschließen oder ändern will.
Vom Vorbehalt sind interpretative Erklärungen zu unterscheiden. Diese erklären eine von
mehreren zulässigen Textinterpretationen für die Anwendung einer Vertragsbestimmung auf
den betreffenden Staat als allein verbindlich. Solche Erklärungen sind für die Auslegung eines
Vertrags relevant. (Es handelt sich um eine Art Legaldefinition).
Die Überlegung hinter der Zulässigkeit von Vorbehalten ist, eine möglichst hohe Anzahl von
Staaten zum Vertragsabschluss zu bewegen. Gem. Art 19 WVK ist die Anbringung eines
Vorbehaltes nicht zulässig, wenn entweder

 der Vertrag ihn verbietet (bspw. erlaubt das Römische Statut keine Vorbehalte)
 der Vertrag nur bestimmte Vorbehalte zulässt und der Vorbehalt nicht dazu gehört oder
 der Vorbehalt mit Sinn und Zweck des Vertrages unvereinbar ist.
Die Wirkung von Vorbehalten hängt von den Reaktionen der übrigen Vertragsparteien ab.
Hierbei sind verschiedene Reaktionen denkbar:
1. Ausdrückliche Annahme des Vorbehalts (in Schriftform)
2. Stillschweigende Annahme durch Unterlassen eines Einspruchs binnen 12 Monaten
nach der Notifikation des Vorbehalts.
In beiden Fällen tritt der Vertrag zwischen den betreffenden Staaten mit dem um den
Vorbehalt verminderten oder veränderten Inhalt in Kraft.
3. Schriftlicher Einspruch innerhalb von 12 Monaten nach Notifikation (= Bekanntgabe)
des Vorbehaltes. Der Einspruch kann ohne Begründung erhoben werden oder mit der
Behauptung, dass der Vorbehalt gegen Ziel und Zweck des Vertrags verstoße. In
letzterem Fall spricht man manchmal auch vom qualifizierten Einspruch. Dadurch soll
die Ungültigkeit des Vorbehalts zum Ausdruck gebracht werden.

40
Im Falle eines „schlichten“ Einspruchs tritt der Vertrag mit Ausnahme der vom
Vorbehalt betroffenen Bestimmung in Kraft. Damit haben Annahme und Einspruch
oftmals dieselbe praktische Wirkung, nämlich wenn der Vorbehalt die Nichtanwendung
einer Bestimmung bezweckt.
Besonders problematisch ist die Frage, was unter einem Vorbehalt, der gegen Ziel und
Zweck des Vertrages verstößt, zu verstehen ist. Hinzu kommt, dass der Fall des
qualifizierten Einspruchs nicht in der WVK geregelt ist und insofern unklar ist, was zu
geschehen hat. Die ILC hält in ihrem Praxisleitfaden für Vorbehalte zu Verträgen fest,
dass Vorbehalte, welche dem „Daseinszweck“ des Vertrages widersprechen, in jedem
Fall dessen Ziel und Zweck zuwiderlaufen. Hierunter würden die sog. „Sharia-
Vorbehalte“ fallen. Dabei handelt es sich um generelle Vorbehalte (insb. in
Zusammenhang mit Menschenrechtsverträgen), die festhalten, dass Bestimmungen
des Vertrages nur dann anwendbar sind, sofern sie nicht der sharia, also dem
islamischen Recht, widersprechen. Problematisch ist hier die mangelnde Bestimmtheit
der Vorbehalte.
In der Theorie und Praxis bestehen widersprechende Meinungen darüber, ob ein
unzulässiger Vorbehalt die Zustimmung zum Vertrag nichtig macht ODER der
Vorbehalt selbst nichtig sei und damit eine uneingeschränkte Bindung an den Vertrag
besteht. Der ILC – Praxisleitfaden stellt grundsätzlich auf den Willen des Staats ab, ob
dessen Zustimmung auch ohne Vorbehalt weiterhin gültig sein soll. Der EGMR hat
hingegen entschieden, dass die Staaten angesichts eines ungültigen Vorbehalts an die
gesamte EMRK (also uneingeschränkt) gebunden sind.

49. Was muss passieren, damit der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen tätig wird?
S. 231 VV
Der Sicherheitsrat ist eines der sechs Hauptorgane der Vereinten Nationen. Seine
Hauptaufgabe ist die Erhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit.
Gemäß der vorläufigen Geschäftsordnung des Sicherheitsrats obliegt es dem Präsidenten,
eine Sitzung anzuberaumen, wann auch immer er es für erforderlich hält. Ebenso hat der
Präsident eine Sitzung anzuberaumen, wenn dies von einem der Mitglieder beantragt wird.
Eine Sitzung ist auch dann anzuberaumen, wenn die Aufmerksamkeit des Sicherheitsrats
gem. Art 35 oder Art 11 UN-Charta auf eine Streitigkeit oder eine Situation gelenkt wird.
Abgesehen davon finden Sitzungen in regelmäßigen Abständen (jährlich) statt.
Bei Bedrohung des Weltfriedens, Friedensbrüchen und Angriffshandlungen stehen dem UN-
Sicherheitsrat umfangreiche Kompetenzen zu. Er kann Empfehlungen abgeben aber vor allem
im Rahmen von Kapitel VII UN-Charta (= System kollektiver Sicherheit) nicht-militärische (Art
41) und militärische (Art 42) Maßnahmen beschließen.
Art 41 UN-Charta enthält eine demonstrative Aufzählung möglicher Maßnahmen, bei denen
keine Waffengewalt zur Anwendung kommt. Umfasst sind insb. die vollständige oder teilweise
Unterbrechung der wirtschaftlichen Beziehungen, der Eisenbahn-, Schiffs-, Luft-, Post- und
sonstigen Verbindungen sowie der Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Problematisch
in diesem Zusammenhang ist das Verhängen von Handelsembargos (= Verbot des
Handelsaustauschs mit einem bestimmten Land). Wie die Irak-Kuwait-Krise gezeigt hat,
können solche Sanktionen das gesamte Volk für das Fehlverhalten seiner Regierung
bestrafen. Anlass dafür war die Eroberung Kuwaits durch den Irak. Hintergrund waren
Grenzstreitigkeiten und die Beeinflussung der Ölpreise.
Aus diesem Grund ist man vermehrt zu targeted sanctions (bestehend in Reiseverboten und
Einfrieren von Konten) übergegangen. Ein bekanntes Beispiel betrifft die Kadi-Fälle.

41
Art 42 UN-Charta ermöglicht die Ergreifung militärischer Maßnahmen, wenn nicht-militärische
Schritte von Anfang an nicht ausreichend erscheinen oder sich später als ungeeignet
herausstellen. Gem. Art 43 UN-Charta ist vorgesehen, dass alle Mitgliedstaaten dem UN-SR
dafür Streitkräfte zur Verfügung zu stellen. Diese Bestimmung wurde allerdings nie umgesetzt.
Aus diesem Grund legitimiert der UN-SR die Mitgliedstaaten selbst zur Vornahme von
Gewaltanwendung, ist aber nicht verpflichtend.
50. Was ist ius cogens?
S. 39, 71, 74 VV, Rz 26, 358ff Handbuch
Es gibt im Völkerrecht zwei Rechtsfiguren, die an der qualitativen Höherwertigkeit einer Norm
anknüpfen. Es handelt sich dabei um die Konzepte von ius cogens und der Wirkung erga
omnes.
Das Konzept des ius cogens kann als Summe völkerrechtlich konkretisierter grundlegender
Werte verstanden werden, die der Gestaltungsfreiheit einzelner Völkerrechtssubjekte
entzogen sind. Die Idee von ius cogens spricht also gewissen Normen eine so hohe Bedeutung
zu, dass kein Abweichen davon erlaubt ist. Zumeist handelt es sich um Bestimmungen, denen
eine besondere moralische Qualität zukommt. Dieses Konzept hat erstmals mit Art 53 WVK
formell Eingang in das Völkerrecht gefunden. Dort wird die Verletzung von ius cogens als
Anfechtungsgrund genannt, sodass ein Vertrag ex tunc, also rückwirkend, aufzulösen ist. Nach
Art 53 WVK ist ein Vertrag nichtig, wenn er im Zeitpunkt seines Abschlusses im Widerspruch
zu einer zwingenden Norm des allgemeinen Völkerrechts steht. Die Nichtigkeit kann von jeder
Vertragspartei – nicht jedoch von irgendeinem beliebigen anderen Staat – geltend gemacht
werden. Mittlerweile wird von der Lehre angenommen, dass dieses Konzept auch über das
Vertragsrecht hinaus anwendbar ist und völkergewohnheitsrechtlich in Geltung steht.
Die Schwierigkeit hinsichtlich ius cogens – Normen ist vor allem die ungeklärte Frage nach
deren Entstehung. Nach Art 53 WVK hat eine Bestimmung dann ius cogens – Status, wenn
sie von der internationalen Staatengemeinschaft in ihrer Gesamtheit angenommen und
anerkannt wird als eine Norm, von der nicht abgewichen werden darf und die nur durch eine
spätere Norm derselben Rechtsnatur geändert werden kann. Diese Definition ist allerdings
wenig zufriedenstellend, weil sie zu stark auf praktisch unerfüllbare Kriterien und zu wenig auf
den Wertinhalt abstellt. So ist etwa die „Annahme und Anerkennung durch die
Staatengemeinschaft in ihrer Gesamtheit“, wenn darunter die Annahme und Anerkennung
durch „alle“ Staaten gemeint ist, praktisch kaum nachweisbar. Ist aber nur die „Allgemeinheit“
der Staaten (Konsens) gemeint, so unterscheidet sich dieses Verfahren nicht von dem zur
Erzeugung sonstigen universellen Völkerrechts. Allerdings fehlt die Möglichkeit, den
„zwingenden“ Charakter einer Norm förmlich auszudrücken. Er ergibt sich nämlich nur aus der
besonderen Qualität der Rechtsüberzeugung der Völkerrechtssubjekte, die wiederum auf
ihren Wertvorstellungen beruht, aber nicht Gegenstand des äußerlich erkennbaren Verhaltens
ist. Aus diesem Grund konnte sich die Wiener Vertragsrechtskonferenz nicht auf einen Katalog
des zwingenden Völkerrechts einigen. Die Übereinstimmung ging nicht über das
grundsätzliche Bestehen von ius cogens hinaus.
Die wichtigsten von der Lehre eindeutig als ius cogens identifizierte Bestimmungen sind:

 das Verbot des Völkermords


 das Sklavereiverbot
 das Folterverbot
 das Verbot der Apartheid
 das Verbot der Piraterie
 das Verbot der Anwendung von Gewalt (Aggression) sowie
 das Selbstbestimmungsrecht (zumindest von Teilen der Lehre anerkannt).

42
In Abgrenzung dazu gibt es auch die Möglichkeit der Anfechtung eines Vertrags wegen ius
cogens superveniens. Entsteht nämlich eine ius cogens Norm nach Vertragsabschluss, so
wird jede ihr widersprechende Vertragsbestimmung (bzw. der ganze Vertrag) nichtig und
erlischt. Obwohl es sich bei der Geltendmachung dieses Grundes formell um eine Anfechtung
handelt, gleichen die Rechtsfolgen jenen der Auflösung (Rechtsfolge: Vertragsparteien werden
von der Erfüllung des Vertrages befreit).

51. Welche Internationalen Organisationen können völkerrechtliche Verträge schließen?


Woher weiß man, dass sie das können?
S. 103ff VV
Internationale Organisationen sind durch Verträge oder durch sonstige völkerrechtliche
Instrumente gegründete und auf Dauer angelegte Körperschaften, die zu einer eigenen, vom
Willen ihrer Mitglieder unterscheidbaren Willensbildung fähig sind. Sie sind also Einrichtungen
mit eigenen Verwaltungs- und Willensbildungsorganen. Deren Hauptaufgabe ist die
verbesserte Zusammenarbeit von Staaten in den unterschiedlichsten Rechtsgebieten und
Themenbereichen. Dementsprechend werden sie auch als intergouvernementale
Organisationen bezeichnet.
Es gibt verschiedene Arten IO, die sich im Wesentlichen nach 3 Aspekten unterscheiden
lassen:
 nach dem Mitgliederkreis
 nach Zielsetzung und Aufgaben
 nach der Reichweite der ihnen übertragenen Kompetenzen.
So stehen IO entweder allen Staaten offen oder nur solchen, die bestimmte Eigenschaften
aufweisen, bspw. Zugehörigkeit zu einer geografischen Region, wirtschaftliche Kriterien,
kulturelle und religiöse Eigenschaften, Tätigkeitsbereich, usw. Universale IO sind die Vereinte
Nationen oder die WTO (Welthandelsorganisation). Regionale IO sind die EU, der Europarat,
die Afrikanische Union (AU), die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) oder der
Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN).
Bei IO handelt es sich um die bedeutendste Form einer Staatenverbindung. Sie sind von losen
Verbindungen, deren Völkerrechtsubjektivität strittig ist, zu unterscheiden. So ist zB. der Status
der GUS unklar. Besonders strittig ist der Status der OSZE (Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa). Die teilnehmenden Staaten verabschiedeten zwar die KSZE-
Schlussakte, doch handelte es sich dabei um keinen völkerrechtlichen Vertrag, sondern um
eine politische Absichtserklärung. Dessen Status ist vor allem deshalb unklar, weil es keinen
Gründungsvertrag gibt und die Fähigkeit einer eigenen Willensbildung nicht eindeutig ist.
Weitere Staatenverbindungen, denen es jedenfalls an Völkerrechtspersönlichkeit mangelt,
sind politische Interessensgruppen wie die G7/G8, die Gruppe der 77 sowie die Bewegung der
Blockfreien Staaten.
Bei der Rechtssubjektivität Internationaler Organisationen ist zwischen der innerstaatlichen
und der völkerrechtlichen Sphäre ist zu unterscheiden. Innerstaatliche Rechtsfähigkeit ist
notwendig, damit eine Internationale Organisation rechtsgeschäftlich tätig werden kann. Dazu
gehören auch banale Tätigkeiten wie Anschaffung von Büromaterial. Diese ist oft explizit in
Gründungsverträgen vorgesehen. Völkerrechtspersönlichkeit ist hingegen notwendig, damit
IO auf völkerrechtlicher Ebene handlungsfähig sind.

43
Bei der Beurteilung der Völkerrechtssubjektivität müssen zwei Fragen unterschieden werden:
1. Besitzt die IO überhaupt Völkerrechtspersönlichkeit?
2. Wem gegenüber besteht diese? gegenüber MG-Staaten / Nicht-MG-Staaten
Ad 1: IOs sind im Vergleich zu Staaten keine originären Völkerrechtssubjekte. Vielmehr muss
ihnen diese übertragen werden und ist daher derivativ (dh. abgeleitet). Im Unterschied zur
innerstaatlichen Rechtspersönlichkeit ist Völkerrechtspersönlichkeit nur selten in
Gründungsdokumenten vorgesehen. Das Fehlen der expliziten Übertragung heißt aber nicht,
dass keine Völkerrechtspersönlichkeit besteht. Sie kann vielmehr auch implizit übertragen
werden. Zur Feststellung der impliziten Übertragung haben sich zwei Theorien herausgebildet:
 Die Subjektive Theorie stellt auf den Willen der Gründungsmitglieder ab, ein
Völkerrechtssubjekt zu schaffen.
 Die Objektive Theorie postuliert, dass bei Vorliegen eines Organs zur eigenen
Willensbildung automatisch und unabhängig vom Willen der Gründungsmitglieder oder
der Anerkennung durch Drittstaaten Völkerrechtssubjektivität vorliegt.
Heute wird eine pragmatische Ansicht vertreten, wonach die Völkerrechtspersönlichkeit aus
den übertragenen Aufgaben und Kompetenzen abgeleitet wird. Dieser Ansatz stützt sich (wie
auch die subjektive und objektive Theorie) auf das Bernadotte-Gutachten des IGH aus dem
Jahr 1949 (S.109 VV).
Ad 2: Bei der Feststellung, wem gegenüber die Völkerrechtspersönlichkeit besteht, müssen
zwei Aspekte unterschieden werden:
 Rechtspersönlichkeit gegenüber den Mitgliedsstaaten und
 Rechtspersönlichkeit gegenüber Nicht-Mitgliedsstaaten.
Da die Mitgliedstaaten der IO implizit die Völkerrechtssubjektivität übertragen, erkennen sie
diese durch ihre Mitgliedschaft zugleich an. Schwieriger ist die Beurteilung der
Völkerrechtssubjektivität gegenüber Nicht-Mitgliedstaaten (Drittstaaten). Der wesentliche
Grund dafür liegt darin, dass Verträge grundsätzlich keine Rechte und Pflichten Dritter
begründen können. Demnach bedürfte es für die Begründung der Völkerrechtssubjektivität
gegenüber Drittstaaten der Anerkennung durch letztere. Im Unterschied zur Anerkennung von
Staaten, die nur deklarativ wirkt, würde nach dieser Ansicht die Anerkennung einer IO im
Verhältnis zu Drittstaaten konstitutiv wirken. In diesem Zusammenhang hielt der IGH im
Bernadotte-Gutachten explizit fest, dass die Völkerrechtssubjektivität der Vereinten Nationen
objektiv und somit gegenüber allen Staaten bestehe. Aus diesem Grund können die Vereinten
Nationen auch von Nicht-Mitgliedern Wiedergutmachung eines Schadens einfordern. Ob das
auch für andere IO gilt, ist nach wie vor umstritten, wird aber jedenfalls hinsichtlich
bedeutender (universaler) IO mehrheitlich bejaht.

Antwort zusammengefasst:

Die Vertragsschlussfähigkeit einer IO ergibt sich aus Art 6 WVK II, wonach sich die Fähigkeit aus den
Gründungsabkommen ergibt, also von den Mitgliedstaaten zuerkannt werden muss. Der Abschluss
mancher Verträge, wie Sitzabkommen, ist in manchen Gründungsverträgen ausdrücklich vorgesehen.
Daneben können die VN Sonderabkommen über Streitkräfte schließen.

Die Völkerrechtspersönlichkeit der IOs ist abgeleitet, also von den Staaten übertragen. Der Abschluss
von Verträgen verlangt jedoch die Handlungsfähigkeit, die den IOs von den Staaten entweder explizit
in deren Satzung eingeräumt wird oder sich daraus implizit ergibt. Dieses implizite Ergeben wird auch
anhand der implied powers-Lehre betrachtet, wonach eine IO ermächtigt ist, diejenigen Handlungen
vorzunehmen, die nötig sind, um ihre Aufgaben effektiv zu erfüllen.

44
52. Wie kann man einen Streit zwischen einer Internationalen Organisation und einem
Privaten beilegen?
siehe unten

53. IGH-Statut: Welche Rechtsquellen/Vorschriften sind anzuwenden?


S. 37f VV
Art 38 IGH-Statut regelt, welche Rechtsquellen der IGH in seiner Entscheidungsfindung
anzuwenden hat. Beim IGH (Internationales Gerichtshof) handelt es sich um das höchste
rechtsprechende Organ der Vereinten Nationen.
Darüber hinaus wird dieser Bestimmung generell die Bedeutung eines Katalogs der
Völkerrechtsquellen beigemessen. Der 1. Absatz führt als Rechtsquellen des Völkerrechts

 die völkerrechtlichen Verträge (= internationale Abkommen)


 das Völkergewohnheitsrecht sowie
 die allgemeinen Rechtsgrundsätze an.
Diese werden auch als die primären Quellen des Völkerrechts bezeichnet. Zur Ermittlung
dieser primären Rechtsquellen nennt Art 38 IGH-Statut explizit die Entscheidungen nationaler
und internationaler Gerichte sowie die Lehre als Rechtserkenntnisquelle (= Hilfsmittel).
Allerdings ist Art 38 IGH-Statut nicht taxativ. Neben den bisher genannten Quellen existieren
auch:

 einseitige Rechtsgeschäfte sowie


 Beschlüsse Internationaler Organisationen
Dass letztere Quelle nicht im Wortlaut inkludiert ist, liegt wohl in der Entstehungsgeschichte
von Art 38 IGH-Statut. Der Wortlaut geht auf das Statut des Ständigen Internationalen
Gerichtshofs, dem höchsten rechtsprechenden Organ des Völkerbunds, aus dem Jahr 1920
zurück. Damals hatten IO (= Internationale Organisationen) noch nicht dieselbe Relevanz wie
heute. Ein Teil der Lehre vertritt, dass man deren Beschlüsse zumeist ohnehin auf
Kompetenzen aus den jeweiligen Gründungsverträgen, also wiederum internationale
Abkommen, zurückführen kann.
Von besonderer Bedeutung bei der Interpretation der Völkerrechtsquellen ist die
Rechtsprechung der IGH. Dieser hat selbst in einer Reihe von Entscheidungen eine Reihe
einseitiger Rechtsgeschäfte sowie Beschlüsse IO angewandt.
Eine weitere Besonderheit besteht in der Möglichkeit, dass der IGH gem. Art 38 Abs 2 IGH-
Statut nach Billigkeit entscheidet, also ohne Bindung an den Rechtsquellenkatalog des 1.
Absatzes. Allerdings gibt es bis heute keinen Anwendungsfall, wo sich die Parteien auf eine
solche Vorgehensweise geeinigt hätten.
Obwohl die in Art 38 IGH-Statut genannten Rechtsquellen formell gleichrangig sind, entspringt
die Reihenfolge der Aufzählung dem Gedanken der Spezialität. Man spricht daher in der Praxis
von einer impliziten Normenhierarchie.

45
54. Wie kann der IGH zuständig gemacht werden? Wer kann vor dem IGH klagen?
S. 219f VV, Rz 1827ff Handbuch
Der IGH ist als Hauptorgan der Rechtsprechung der Vereinten Nationen (Artikel 92 UN-Charta)
das einzige internationale Gericht mit grundsätzlich weltweiter Zuständigkeit in sämtlichen das
Völkerrecht betreffenden zwischenstaatlichen Streitigkeiten. Oft wird er deshalb auch als
Weltgerichtshof bezeichnet. Er ist im Grunde genommen eine Fortführung (nicht aber
Rechtsnachfolger) des durch den Völkerbund geschaffenen Ständigen Internationalen
Gerichtshof.
Der IGH setzt sich aus 15 hauptamtlichen unabhängigen Richtern zusammen. Sie werden
durch die UN-GV und den UN-SR unabhängig voneinander gewählt. Eine Amtsperiode dauert
9 Jahre. IGH-Richter genießen absolute Immunität.
Voraussetzung für die Zuständigkeit des IGH ist, dass eine rechtliche Streitigkeit vorliegt,
wobei nur Staaten als Parteien auftreten können. Die Streitparteien müssen das IGH-Statut
angenommen haben. Dies trifft gem. Art 93 UN-Charta ipso facto (also automatisch) auf
sämtliche UN-Mitglieder zu. Auch Nicht-Mitglieder können jedoch das Statut annehmen.
Zusätzlich müssen sich die Parteien der Zuständigkeit (Jurisdiktion) des IGH eigens
unterwerfen. Dies geht sogar so weit, dass der IGH keine Entscheidung trifft, wenn er dabei
über die Rechte und Pflichten einer Partei urteilen muss, die sich nicht unterworfen hat (sog.
„Monetary Gold-Prinzip“). Eine Unterwerfung kann gem. Art 36 IGH-Statut auf drei Arten
erfolgen:

 für einen bereits ausgebrochenen Rechtsstreit,


 für zukünftige Streitigkeiten aus einem Vertrag oder
 allgemein für künftige Streitigkeiten durch einseitige Unterwerfungserklärung.
Die Unterwerfung für einen bereits ausgebrochenen Rechtsstreit kann nach Artikel 36 IGH-
Statut in zwei Formen geschehen: Zum einen durch eine spezielle Vereinbarung der Parteien,
auch „compromis“ genannt. Zum anderen durch konkludente Streiteinlassung, dh. durch
Teilnahme am Verfahren ohne Einrede der Unzuständigkeit (sog. forum prorogatum).
Durch eine sog. kompromissarische Klausel im Vertrag begründen die Parteien die
Zuständigkeit des IGH für alle künftigen Streitigkeiten aus dem Vertrag. Durch den Inhalt des
Vertrages ist der Streitgegenstand abgegrenzt. Manchmal kann diese Klausel selbst auch
einen eigenen Vertrag darstellen. Manche Gründungsverträge Internationaler Organisationen
enthalten bereits eine solche Klausel, sodass es keiner zusätzlichen Unterwerfungserklärung
der Mitgliedstaaten bedarf. Dies ist zB. beim EuGH der Fall!
Durch eine einseitige Erklärung unterwirft sich ein Staat der Zuständigkeit (Jurisdiktion) des
IGH zur Entscheidung sämtlicher Rechtsstreitigkeiten mit jedem anderen Staat, der die gleiche
Verpflichtung übernimmt. Die Möglichkeit einer solchen Fakultativklausel wird durch Art 36
Abs 2 IGH-Statut eingeräumt. Solche einseitigen Unterwerfungserklärungen wirken immer auf
Basis der Reziprozität.

46
55. Was ist die sog. Fakultativklausel des IGH?
Rz. 1848 ff Handbuch
Einleitend soll erwähnt werden, dass der IGH als Hauptorgan der Rechtsprechung der
Vereinten Nationen (Artikel 92 UN-Charta) das einzige internationale Gericht mit grundsätzlich
weltweiter Zuständigkeit in sämtlichen das Völkerrecht betreffenden zwischenstaatlichen
Streitigkeiten ist.
Voraussetzung für die Zuständigkeit des IGH ist, dass die Streitparteien das IGH-Statut
angenommen haben. Zusätzlich müssen sich die Parteien der Zuständigkeit (Jurisdiktion) des
IGH eigens unterwerfen. Eine Unterwerfung kann gem. Art 36 IGH-Statut auf drei Arten
erfolgen, wobei die sog. Fakultativklausel eine dieser Arten darstellt.
Durch eine einseitige Erklärung unterwirft sich ein Staat der Zuständigkeit (Jurisdiktion) des
IGH zur Entscheidung sämtlicher Rechtsstreitigkeiten mit jedem anderen Staat, der die gleiche
Verpflichtung übernimmt. Die Möglichkeit einer solchen Fakultativklausel wird durch Art 36
Abs 2 IGH-Statut eingeräumt. (Österreich hat sich 1971 einseitig unterworfen). Solche
einseitigen Unterwerfungserklärungen wirken immer auf Basis der Reziprozität.
Art 36 Abs 3 IGH-Statut erlaubt gewisse Einschränkungen bzw. Vorbehalte dieser einseitigen
Unterwerfungserklärungen. Von dieser Möglichkeit haben Staaten oft Gebrauch gemacht, um
ihre essentiellen Interessen zu schützen. So können sich Unterwerfungserklärungen lediglich
auf einen bestimmten Zeitraum oder bestimmte Rechtsbereiche beziehen. Der weiteste und
umstrittenste Vorbehalt war das „Conally-Amendment“ der USA (1946) bezüglich aller
rechtlichen Streitigkeiten, die nach Auffassung der USA in deren innerstaatliche Zuständigkeit
fallen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem „automatischen Vorbehalt“. Das
Hauptproblem besteht darin, dass sich ein Konflikt mit der Kompetenz des IGH ergibt, wonach
dieser (gem. Art 36 Abs 6 IGH-Statut) in Fällen strittiger Zuständigkeit selbst darüber urteilt.
Diese Unterwerfungserklärung ist bei schlechtgläubiger Anwendung praktisch wertlos.
Derartige automatische Vorbehalte wurden bereits auch von anderen Staaten abgegeben. Ob
ein solcher Vorbehalt mit dem Statut vereinbar ist, ist strittig. Der IGH hat sich bislang noch
nicht dazu geäußert.
Im Laufe des Verfahrens vor dem IGH im Nicaragua-Fall haben die USA ihre (beschränkte)
Unterwerfungserklärung zurückgezogen. Etwaige andere Unterwerfungen auf vertraglicher
Grundlage blieben allerdings bestehen.
56. Abgrenzung zwischen Schiedsverfahren und Verfahren vor IGH!
S. 216f VV, Rz. 1833 Handbuch
Zwischen Verfahren vor internationalen Schiedsgerichten und ständigen Gerichten gibt es
einige Unterschiede, doch sind diese eher idealtypischer Natur und verschwimmen in der
Praxis häufig.
1. Bei Schiedsgerichten haben die Streitparteien oftmals großen Einfluss auf die
Zusammensetzung und die Bestellung der Richter. Die gerichtlichen Parteien haben
hingegen keinen oder nur äußert geringen Einfluss. Allerdings wirken zB auch beim
IGH die Mitglieder der VN an der Wahl der Richter mit. Außerdem können sie sich für
ein Verfahren vor einer Kammer des IGH entscheiden, bei deren Zusammensetzung
sie in der Praxis wesentlichen Einfluss haben.
2. Schiedsgerichte werden ad hoc, Gerichte auf Dauer erreichtet.
3. Einem internationalen Schiedsgericht können die Parteien die Verfahrensordnung bzw.
die Entscheidungsgrundlage vorgeben. Dies ist allerdings bei Gerichten ebenfalls
möglich. Umgekehrt haben auch Schiedsgerichte meistens das zwischen den Parteien
geltende allgemeine Völkerrecht anzuwenden.

47
4. Das Verfahren vor einem Schiedsgericht ist zumeist einfacher, kürzer und
vertraulicher.
5. Die Kosten eines Schiedsgerichts müssen von den Streitparteien getragen werden.
Jene ständiger Gerichte werden aus dem laufenden Budget bestritten. Die
Anwaltskosten sind in beiden Verfahren von den Parteien selbst zu tragen.
Entscheidend für die Wahl zwischen den beiden Streitentscheidungsverfahren ist die
verbreitete Auffassung, vor einem Schiedsgericht das Verfahren stärker beeinflussen zu
können als vor einem ständigen Gericht.

Beispiele für Schiedsgerichte: Ständiger Schiedshof, etwaige ad-hoc Schiedsgerichte,


Schiedsgerichte im Rahmen von ICSID, Iran-US Claims Tribunal.
Beispiele für ständige Gerichte: IGH, IStGH, Internationale Seegerichtshof. Streitbeilegung
gibt es auch im Rahmen der WTO, dort allerdings keine Richter vorhanden.

57. Besteht für Einzelne die Möglichkeit eine Internationale Organisation zu klagen? Insb. die
UNO?

Vgl. Frage 33)

58. Was ist die Act-of-State-Doktrin?


Rz 896ff, 1324, 2393 Handbuch
Die Act-of-State-Doktrin ist ein innerstaatliches Rechtsprinzip und keine völkerrechtliche
Verpflichtung. Sie wurde vor allem von den Gerichten der USA entwickelt und besagt, dass
amerikanische Gerichte die Rechtmäßigkeit des hoheitlichen Handelns ausländischer Staaten
auf deren eigenem Territorium nicht überprüfen dürfen. Der Unterschied zur Staatenimmunität
besteht darin, dass die Act-of-State-Doktrin auch dann anwendbar ist, wenn der ausländische
Staat nicht selbst Beklagter ist, sondern die Rechtmäßigkeit seines Handelns nur eine
Vorfrage in einer Streitigkeit zwischen Privatpersonen ist. Häufigster Anwendungsfall ist die
völkerrechtswidrige Enteignung durch fremde Staaten. Konsequenz der Doktrin ist also, dass
die amerikanischen Gerichte Enteignungen ausländischer Regierungen selbst dann zur
Kenntnis zu nehmen haben, wenn sie gegen das Völkerrecht verstoßen.
Ein Leitfall war der Luther Sagor-Fall aus 1921. Dabei befand ein britisches Gericht die
entschädigungslose Enteignung durch die Sowjetunion als nicht überprüfbar. In ähnlicher
Weise wurde 1964 im Sabbatino-Fall die Überprüfung einer entschädigungslosen Enteignung
in Kuba durch den US Supreme Court abgelehnt.
Zur Begründung für diese „richterliche Zurückhaltung bzw. Selbstbeschränkung“ (judicial
restraint) wird auf die Gewaltenteilung verwiesen, welche die Führung der Außenpolitik,
einschließlich der Geltendmachung allfälliger Völkerrechtswidrigkeiten, dem hierzu berufenen
Außenministerium überlässt.
Die Act-of-State-Doktrin wurde in den USA allerdings mehrfach eingeschränkt:

 1966 wurde ein Gesetz erlassen, welches den US-Gerichten ausdrücklich verbietet,
ausländische Konfiskationen anzuerkennen, solange der Präsident nicht feststellt,
dass die Anwendung der Act-of-State-Doktrin den außenpolitischen Interessen der
USA entspricht.
 Eine andere Ausnahme wurde im Zusammenhang mit nationalsozialistischen
Enteignungsmaßnahmen entwickelt. Danach wird die Doktrin nicht angewandt, wenn
das Außenministerium mitgeteilt hat, dass die Regierung die Gültigkeit eines
bestimmten ausländischen Hoheitsaktes bestreitet.

48
In der Praxis ähnelt das Ergebnis der Act-of-State-Doktrin jenem des Territorialitätsprinzips
sehr, obwohl beide von unterschiedlichen theoretischen Ansatzpunkten ausgehen. Das
Territorialitätsprinzip erlaubt nämlich staatliche Hoheitsakte auf fremdem Staatsgebiet grds.
nur mit ausdrücklicher Zustimmung oder Duldung des betroffenen Staates. Hoheitsakte eines
Staates auf seinem eigenen Staatsgebiet werden grundsätzlich anerkannt.
Auch der Grundsatz der Reziprozität ist hier einschlägig.
59. Neue Internationale Wirtschaftsordnung: Worum geht es da?
Rz 114ff, 130, 1318, 2200ff Handbuch
Die Neue Internationalen Wirtschaftsordnung (NIWO) steht in Verknüpfung mit der Charta der
wirtschaftlichen Rechte und Pflichten der Staaten.
Die Neue Internationale Wirtschaftsordnung (NIWO) bezeichnet einen Plan zur Reformierung
der internationalen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Entwicklungsländern und
Industrienationen zu Gunsten der Entwicklungsländer. Wie es dazu kam: Durch die
Entkolonialisierung nach dem 2. Weltkrieg entstanden vor allem in den 1960er und 1970er
Jahren zahlreiche neue Staaten. Sie erlangten durch Ausübung des Selbstbestimmungsrechts
zwar ihre politische Unabhängigkeit, sahen sich aber wirtschaftlich von den Industriestaaten
und den in diesen Staaten beheimateten Unternehmen abhängig. Zur Erlangung der (auch)
wirtschaftlichen Unabhängigkeit und zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung erhoben
die Entwicklungsländer („Dritte Welt“) eine Reihe von Forderungen. Dazu zählen
insbesondere:

 Anerkennung der dauernden Souveränität über Bodenschätze bzw. natürlichen


Ressourcen
 Weitgehendes Recht auf Enteignung ausländischer Investoren
 Rohstoffabkommen zur Garantie stabiler Preise
 Industrialisierung der „Dritten Welt“
 Uvm.
In den 1970er Jahren wurden diese Einzelforderungen als Neue Internationale
Wirtschaftsordnung (NIWO) zusammengefasst. Diese fand ihren formellen Ausdruck in
mehreren Resolutionen der Generalversammlung der VN, so etwa in der Deklaration über die
Errichtung einer NIWO (1974) samt dazugehörigem Aktionsprogramm. Später im selben Jahr
nahm die GV die Charta der wirtschaftlichen Rechte und Pflichten der Staaten (1974) durch
Mehrheitsbeschluss an, welche die Grundlage einer NIWO werden sollte. Allerdings wurde die
NIWO von den westlichen Staaten unter amerikanischer Führung vereitelt. Grund dafür war
nicht zuletzt der kontroverse Inhalt der Charta in Zusammenhang mit Enteignungen. Die
Charta sah nämlich vor, dass – im Gegensatz zu Hull-Formel (wonach prompte, adäquate und
effektive Entschädigung zu leisten ist) – nur eine angemessene Entschädigung zu leisten sei.
Und das auch nur dann, wenn das nationale Recht dies vorsieht. Zudem sei die konkrete Höhe
von innerstaatlichen Instanzen zu beurteilen.
Die in den Resolutionen enthaltenen Forderungen wurden nur zu einem geringen Teil
umgesetzt. Heute werden die Ideen der NIWO vielfach als überholt angesehen. Die meisten
Entwicklungsländer versuchen ihre wirtschaftliche Situation gegenwärtig durch
Handelsliberalisierung zu verbessern.

49
60. Was sind die Voraussetzungen für Friedenserhaltende Maßnahmen?
61. Rechtsgrundlage der peace keeping operations (PKO 1. und 2. Generation)
S. 247ff VV, Rz. 1717ff Handbuch
Friedenserhaltende Maßnahmen (auch „Peacekeeping Operations“ genannt, kurz: PKOs) sind
grundsätzlich militärische Operationen mit dem Ziel Konflikte einzudämmen, den Frieden oder
den Waffenstillstand zu bewahren und dadurch den Konflikt zu beenden. Sie werden idR durch
ein Mandat (Resolution) des Sicherheitsrats geschaffen und folgen 3 zentralen Grundsätzen:

 Zustimmung der Hauptparteien des Konflikts


 Unparteilichkeit der truppenstellenden Staaten
 Gewaltanwendungsverbot mit Ausnahme von Fällen der Selbstverteidigung sowie der
Mandatsausübung.
Aufgrund der Notwendigkeit der Zustimmung stehen Friedenserhaltende Operationen
gewissermaßen zwischen der auf Freiwilligkeit beruhenden friedlichen Streitbeilegung nach
Kapitel VI und den Zwangsmaßnahmen nach Kapitel VII UN-Charta. Man verwendet deshalb
oftmals die Bezeichnung der Kapitel 6 ½ - Operationen. Die Truppen werden aufgrund des
hellblauen Helms mit der Aufschrift „UN“ auch als „Blauhelme“ bezeichnet. Organisatorisch
bleiben diese Einheiten ihren nationalen Streitkräften zugeordnet, allerdings unter Befehl und
Koordination der VN.
Hintergrund der PKO ist Art 43 UN-Charta. Dieser sieht vor, dass die Mitgliedstaaten dem
Sicherheitsrat militärische Ressourcen zum Zwecke der Wahrung des Weltfriedens und der
internationalen Sicherheit zur Verfügung stellen und dazu Abkommen abschließen. Seit
Entstehen der VN wurde noch kein solches Abkommen abgeschlossen, weshalb der Artikel
als totes Recht betrachtet werden kann. Dies machte andere Maßnahmen notwendig. Seit
dem Jahr 1948, als Truppen zur Überwachung des Friedens zwischen Israel und den
arabischen Staaten entsandt wurden, sind PKOs weltweit im Einsatz.
PKOs sind nicht in der UN-Charta vorgesehen. In der Praxis lässt sich die Rechtsgrundlage
aus den Funktionen der VN, der implied powers Lehre und dem Völkergewohnheitsrecht
ableiten. Während der Sicherheitsrat darüber entscheidet, ob eine PKO entsandt werden
sollte, welches Mandat sie erhält und welche Größe die Operation hat, obliegt der
Generalversammlung die Entscheidung über die Finanzierung. Allerdings kann die GV gemäß
der Uniting for Peace-Resolution auch selbst über die Entsendung von PKOs entscheiden. So
gehen etwa die ersten Aktivitäten zur Überwachung von Waffenstillständen auf Resolutionen
der GV zurück. Bislang fand dieser Mechanismus aber nur bei der UNEF I Operation 1956 iZm
der Suezkrise Anwendung.
Man unterscheidet in der Lehre zwischen PKOs erster, zweiter und dritter Generation. Im
Rahmen der PKOs erster Generation (peace-keeping-operations) wurde zumeist die
Einhaltung des Abzugs von Truppen oder die Einhaltung von Waffenstillständen beobachtet.
Die drei Grundsätze wurden in der Anfangsphase sehr streng ausgelegt, weshalb
beispielsweise die Unparteilichkeit als absolute Neutralität und Passivität verstanden wurde.
Truppen waren nur zu defensivem Waffengebrauch ermächtigt und die ständigen Mitglieder
des SR nahmen erst gar nicht an PKO teil. Beispiele: oben genannte Suezkrise.
Die zweite Generation (peace-building-operations) beinhaltete neben den „klassischen“
Zielsetzungen der ersten Generation auch politische, administrative und humanitäre Aufgaben
wie zB. die Vorbereitung von Wahlen. Dabei gerieten die 3 Prinzipien in den Hintergrund. Die
Zustimmung der Parteien hielt nicht immer an und auch die Bewahrung der Unparteilichkeit
erwies sich als schwierig. Ebenfalls blieb der Einsatz der Waffengewalt nicht auf
Selbstverteidigung beschränkt. Schließlich nahmen auch die ständigen Mitglieder der SR
nunmehr daran teil. Beispiele: Namibia, El Salvador oder Kambodscha.

50
Die dritte Generation (peace-enforcement-operations) bezeichnet bereits die Befugnis zum
Einsatz von Gewalt zum Schutz von Zivilisten und entmilitarisierten Zonen aufgrund einer
Resolution des SR. Beispiel: Somalia.
Aus der dritten Generation wurde auch eine vierte Generation abgeleitet, deren Existenz aber
umstritten ist. Ihr primäres Ziel ist der Aufbau staatlicher Strukturen, weshalb sie auch state-
building-operations genannt werden. Beispiele hierfür sind Bosnien & Herzegowina, Osttimor
und der Kosovo.
Im Hinblick auf die neuen Anwendungsfelder und Aufgabengebiete mussten die Grundsätze
neu interpretiert werden: Die Zustimmung sämtlicher Parteien wird nicht als notwendig
erachtet, zumal in derartigen Konflikten oftmals eine Vielzahl von wenig verlässlichen oder an
keiner friedlichen Lösung interessierten Akteuren involviert ist. Entscheidend ist die
Zustimmung der Regierung und allenfalls der maßgeblichen bewaffneten Gruppen. Das
Ausmaß der erlaubten Waffengewalt wurde ausgedehnt, um die Umsetzung des jeweiligen
Mandats zu gewährleisten. „Peacekeeper“ sollen vor allem nicht passiv dabei zusehen
müssen, wenn gegen Zivilisten vorgegangen wird. Zuletzt wurde Unparteilichkeit von
Neutralität und Inaktivität abgegrenzt. Eine Friedenserhaltende Operation kann und soll daher
gegen den Friedensprozess störende Parteien vorgehen.
Österreich hat sich an zahlreichen Friedenserhaltenden Operationen beteiligt. Bereits in der
Kongo-Krise 1963 wurde medizinisches Personal entsandt. Derzeit sind fast 1000 Österreicher
entsandt (die meisten in Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Libanon).

62. Vertragsabschlusskompetenz und gemischtes Abkommen!


S. 62 VV
Zentrale völkerrechtliche Kodifikation hinsichtlich der Anwendung von Verträgen ist das
Wiener Übereinkommen über das Recht der Verträge von 1969, WVK. Sie hat derzeit 116
Vertragsparteien. Die WVK regelt die Anwendung von zwischen Staaten geschlossenen
schriftlichen völkerrechtlichen Verträgen, die nach Inkrafttreten der WVK abgeschlossen
wurden. Umgangssprachlich wird sie auch WVK I genannt. Daneben existiert auch die WVK II
die sich auf Verträge zwischen Staaten und IOs oder nur zwischen IOs bezieht.
Gem. Artikel 6 WVK besitzt jeder Staat aufgrund seiner Völkerrechtssubjektivität die
Kompetenz, Verträge zu schließen. Während in Ö auch die Bundesländer als Gliedstaaten
eine solche Kompetenz innehaben (Artikel 16 (1) B-VG), würden solche Verträge grundsätzlich
nicht in den Wirkungsbereich der WVK fallen. Da allerdings im österreichischen Fall dennoch
der Bundespräsident als Organ tätig wird, ist es sinnvoller, solche Verträge als Verträge des
Völkerrechtssubjekts Österreich mit territorial beschränkter Wirkung zu interpretieren. Die
Vertragsabschlusskompetenz ist in den Artikel 7 bis 8 geregelt. Da ein Staat nicht selbst
handeln kann, muss er sich dazu seiner Organe oder anderer bevollmächtigter Personen
bedienen. Sofern weder eine Vollmacht vorliegt noch eine solche aus den Umständen
hervorgeht, kennt Artikel 7 (2) WVK bestimmte Organe, die Kraft ihres Amtes als Vertreter
ihres Staats anzusehen sind.

 Staatsoberhaupt
 Regierungschef
 Außenminister.
Eine Vollmachtsvermutung besteht für Chefs diplomatischer Missionen hinsichtlich der
Annahme von Verträgen zwischen Empfangs- und Entsendestaat. Der Mangel einer Vollmacht
kann geheilt werden. Dies geschieht durch nachträgliche Bestätigung des Vorliegens einer
Vollmacht durch einen Staat.

51
63. Wie ändert man einen völkerrechtlichen Vertrag?
S. 68f VV, Rz. 337ff Handbuch
Rechtsgrundlage für Vertragsänderungen sind Artikel 39-41 WVK. Ein Vertrag kann jederzeit
durch Übereinkunft der Vertragsparteien geändert werden. Außerdem besteht die Möglichkeit
einer zunächst faktischen, dann in Völkergewohnheitsrecht übergehenden Änderung durch die
übereinstimmende Anwendungspraxis der Vertragsparteien.
Probleme stellen sich vor allem dann, wenn bei einem multilateralen Vertrag nicht alle Parteien
dem Änderungswunsch folgen. Solche Situationen sind nach den Vorschriften des Art 30 WVK
über die Anwendung aufeinanderfolgender Verträge über denselben Gegenstand zu
behandeln. Wird eine solche Übereinkunft nur zwischen einzelnen Vertragsparteien
geschlossen, um dessen Inhalt im Verhältnis zueinander zu verändern spricht man von inter-
se-Abkommen. Solche Abkommen sind nur erlaubt, wenn

 diese Möglichkeit vom Vertrag vorgesehen oder zumindest nicht untersagt ist
 die anderen Parteien nicht bei der Erfüllung ihrer Pflichten beeinträchtigt werden
 dem Ziel und Zweck des Vertrags nicht widersprochen wird und
 die anderen Vertragsparteien von dieser Übereinkunft notifiziert werden.
Tritt ein Staat erst nach Inkrafttreten einer Änderungsübereinkunft einem Vertrag bei, so steht
gegenüber jenen Vertragsparteien, die nicht Teil der Übereinkunft sind, ausnahmsweise der
ursprüngliche Text in Geltung. Man kann jedoch etwas anderes vereinbaren.
Von der Vertragsänderung ist die Berichtigung von Textfehlern zu unterscheiden. Dies betrifft
nur jene Fälle, in denen ein falscher Text übernommen wurde oder sich verschiedensprachige
authentische Textfassungen unterscheiden. Solche Berichtigungen ersetzen den
ursprünglichen Text und gelten ab initio („von Beginn an“).

64. Allgemeines zur Beendigung von Verträgen! (Gabcikovo-Nagymaros)


S. 69ff VV, Rz. 343ff Handbuch
Verträge können durch Einigung der Parteien, durch Anfechtung, durch Kündigung sowie
durch Auflösung oder Suspendierung beendet werden.
Bei der Anfechtung wird ein Fehler im Vertragsband behauptet (Stichwort: Wurzelmangel). Ein
solcher kann durch einen Willensmangel oder durch die Verletzung von ius cogens
hervorgerufen werden. Gem. Art 69 WVK wird der Vertrag nichtig, sobald eine Anfechtung
rechtswirksam wird. Die WVK kennt 7 Anfechtungsgründe:
1. offenkundige Verletzung einer innerstaatlichen Rechtsvorschrift von grundlegender
Bedeutung (Art 46) = Nichtigkeit wirkt ex nunc
2. Irrtum (Art 48) = Nichtigkeit wirkt ex nunc
3. Betrug (Art 49) = Nichtigkeit wirkt ex nunc
4. Bestechung eines Staatenvertreters (Art 50) = Nichtigkeit wirkt ex nunc
5. Zwang gegen einen Staatenvertreter (Art 51) = Nichtigkeit wirkt ex nunc
6. Zwang gegen einen Staat durch Drohung mit oder durch Anwendung von Gewalt (Art
52) = Nichtigkeit wirkt ex nunc
7. Verletzung von ius cogens (Art 53) = Nichtigkeit wirkt ex tunc.
Achtung: Die Nichtigkeit infolge der Anfechtungsgründe 3-6 wirken für den Staat, dem die
Rechtsverletzung zuzurechnen ist, ex tunc! Konsequenz: Ihm stehen die Optionen des Art 69
Abs 2 WVK nicht mehr zu.

52
…..

65. Was bedeutet self-executing?


66. Unter welchen Voraussetzungen kann ein Vertrag unmittelbar anwendbar sein?
S. 161 + 165f VV, Rz. 315f Handbuch
„Self-executing“ bedeutet übersetzt „selbstausführend“ und bezieht sich auf die unmittelbare
Anwendbarkeit völkerrechtlicher Normen.
Davon klar zu trennen ist die Frage, ob eine völkerrechtliche Norm innerstaatlich in Geltung
steht. Diese Frage ist prüfungstechnisch immer vor der Frage der unmittelbaren
Anwendbarkeit zu beantworten. Bei der Frage der Geltung geht es darum, ob und aus
welchem Grund das Völkerrecht innerhalb der staatlichen Rechtsordnung Gültigkeit besitzt.
Es steht den Staaten frei zu entscheiden, wie sie dem Völkerrecht Geltung verschaffen. In
Österreich werden Staatsverträge grundsätzlich im Bundesgesetzblatt kundgemacht. Wenn
nichts Anderes verfügt ist, werden sie mit ihrer Kundmachung innerstaatlich geltend und
wirksam. Sie bleiben aber Völkerrechtsakte mit innerstaatlicher Wirksamkeit und erhalten
keinen selbständigen innerstaatlichen Geltungsgrund. Man spricht in diesem Zusammenhang
von Adoption (= Form der Inkorporation des Völkerrechts), dh. die völkerrechtliche Norm gilt
aufgrund eines „Vollzugsbefehls“ des nationalen Rechts automatisch im innerstaatlichen
Recht. Es bedarf in diesem Fall keiner weiteren nationalen Umsetzungsmaßnahme. Sofern
ein völkerrechtlicher Vertrag adoptiert wurde, müssen die völkerrechtlichen
Interpretationsregeln auch innerstaatlich angewendet werden.
(Das Gegenstück zur Adoption wäre die Transformation, dh. die völkerrechtliche Regelung
bedarf einer Umwandlung in nationales Recht. Nach einem Transformationsakt bestehen zwei
Normen desselben Inhalts parallel, nämlich die völkerrechtliche und die nationale Regelung.)
Sofern eine völkerrechtliche Rechtsvorschrift – gemessen am Bestimmtheitsgebot des Art 18
B-VG – ausreichend bestimmt ist (also betreffend Normadressat und Norminhalt), ist sie
unmittelbar anwendbar. In Österreich gilt das zB. für die EMRK, weshalb sich Individuen vor
österreichischen Gerichten direkt auf diese berufen können.
Im Rahmen des Abschlusses eines Vertrages kann jedoch angeordnet werden, dass die
unmittelbare Anwendbarkeit erst mit dem Erlass von speziellen Gesetzen oder
Durchführungsverordnungen eintritt. Dies wird auch Erfüllungsvorbehalt genannt.

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67. Rechtswirkungen eines IGH-Urteils!
S. 223 VV, Rz. 1856ff Handbuch
Ein Urteil ist nur für die Streitparteien verbindlich (Artikel 59 IGH-Statut). Dabei ist der IGH auf
das Vorbringen der Parteien beschränkt. Was von den Parteien nicht gefordert wurde, kann
auch nicht zugesprochen werden. Der IGH kann hier also keine eigenmächtigen
Entscheidungen treffen. Entscheidungen werden mit Stimmenmehrheit der anwesenden
Richter gefällt. Bei Stimmengleichheit entscheidet der Präsident.
Zusätzlich zur gemeinsam abgefassten Urteilsbegründung besteht für jeden Richter die
Möglichkeit, seine eigene Meinung kundzutun. Bei Richtern, die dem Urteil zugestimmt haben,
aber einen anderen Argumentationsweg gewählt haben, spricht man von einer „separate
opinion“ (Einzelmeinung). Die nähere Begründung jener Richter, die gegen den
Mehrheitsentscheid gestimmt haben, nennt man „dissenting opinion“ (abweichende Meinung).
Das Urteil ist ferner endgültig, sodass dagegen keine Rechtsmittel bestehen. Jede Partei kann
aber eine authentische Interpretation der Entscheidung beantragen. Allenfalls kann eine Partei
Revision der Entscheidung verlangen, wenn ihr nachträglich eine entscheidende Tatsache
bekannt wird, welche die Entscheidung hätte maßgeblich beeinflussen können und über die
sie vorher unverschuldet keine Kenntnis hatte.
Bei Nichterfüllung eines Urteils durch eine Partei kann sich die andere Partei gem. Art 94 Abs
2 IGH-Statut an den Sicherheitsrat wenden. Dieser kann mit Empfehlungen oder (Zwangs-)
Maßnahmen für die Durchsetzung sorgen. Die Entscheidung des SR unterliegt aber dem
Vetorecht der ständigen Mitglieder. Die Frage nach der Durchsetzung stellt sich in der Praxis
aber kaum, da die überwiegende Mehrzahl der Fälle mit Feststellungsurteilen enden, die gar
nicht exekutiert werden können.
68. Was versteht man unter radizierten Verträgen?
S. 95f VV, Rz 841ff Handbuch
Der Begriff der radizierten Verträge begegnet uns im Zusammenhang mit der
Staatennachfolge in Verträge. Ganz allgemein kann man bei der Nachfolge in Verträge
zwischen vier Kategorien unterscheiden:

 Radizierte (gebietsbezogene) Verträge


 Politische (höchstpersönliche) Verträge
 Menschenrechtliche Verträge und Verträge des humanitären Völkerrechts
 Sonstige Verträge.
Radizierte Verträge sind gebietsbezogene Verträge, die also vom Staatsgebiet abhängen.
Darunter fallen Grenzverträge und Grenzregime, also gebietsbezogene Rechte und Pflichten
(Servituten). Beispiele für Grenzregime sind Abkommen zu demilitarisierten Zonen,
Regelungen zur gemeinsamen Nutzung von grenzüberschreitenden Flüssen oder
Durchfahrtsrechte. Solche Verträge waren besonders im Hinblick der Staatennachfolge bei
der UdSSR, Jugoslawien oder der Tschechoslowakei interessant.
Nach verbreiteter Ansicht bleiben radizierte Verträge von der Staatennachfolge unberührt.
Daher galten für die im Zuge der Dekolonisation neu entstandenen Staaten gemäß dem uti
possidetis-Prinzip („wie ihr besitzt, so sollt ihr besitzen“) die alten Kolonialgrenzen weiter. Im
Grenzstreit-Fall zwischen Burkina Faso und Mali betonte der IGH, dass er eine Neuziehung
der willkürlichen Kolonialgrenzen aus Sorge vor daraus entstehenden Konflikten allgemein
ablehnt. Dieses uti possidetis-Prinzip wurde beim Zerfall Jugoslawiens auch auf die Grenzen
zwischen den einzelnen Teilrepubliken angewandt.

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Im Gabcikovo-Nagymaros-Fall hat der IGH die gewohnheitsrechtliche Verankerung des
Grundsatzes der automatischen Weitergeltung radizierter Verträge anerkannt.
Im Vergleich zu radizierten Verträgen gelten politische höchstpersönliche Verträge für die
Nachfolgestaaten nicht weiter. Menschenrechtliche Verträge und Verträge des humanitären
Völkerrechts gelten in jedem Fall weiterhin, um eine Rechtsschutzlücke zu verhindern. Bei
sonstigen Verträgen kommt es auf die Art der Staatennachfolge an (vgl. Frage 41).
69. Self-contained regime!
S. 204, 363 VV, Rz. 161, 2558 Handbuch
Self-contained regime bezeichnet ein in sich geschlossenes System. Darunter versteht man
besondere Regime, die derart umfassende und detaillierte Regelungen zur Verantwortlichkeit
enthalten, dass sie die Anwendung des Rechts der völkerrechtlichen Verantwortlichkeit
komplett ausschließen. Im Teheraner Geisel-Fall hat der IGH das Diplomatenrecht der WDK
explizit also solches bezeichnet, weil dieses eigene Rechtsfolgen für seine Verletzung
enthalte. Allerdings ist die tatsächliche Qualifizierung als self-contained regime äußerst
zweifelhaft, denn die wesentlichen Regeln und Grundsätze der Staatenverantwortlichkeit sind
unbestritten auch auf Verletzungen der WDK anwendbar. Wahrscheinlich meinte der IGH mit
dem Verweis auf das geschlossene System bloß, dass die Regeln der diplomatischen
Unverletzlichkeit und Immunität vom Geltungsbereich der Gegenmaßnahmen ausgenommen
sind. Eine Gegenmaßnahme (= Repressalie) gestattet infolge eines völkerrechtlichen
Unrechts einen Eingriff des Verletzten in einzelne – ansonsten geschützte – völkerrechtliche
Rechtsgüter des Staates, dem das Unrecht zuzurechnen ist.
Andere geschlossene Systeme sind bislang jedenfalls noch nicht bekannt. Diskutiert werden
könnte dies aber im Hinblick der EU sowie auf die WTO aufgrund dessen effektiven
Streitbeilegungssystems.
70. Bindungswille im Völkerrecht (KSZE): Wie erkennt man, ob ein zwischen 2 Staaten
vereinbartes Dokument ein Vertrag ist?
S. 63f VV, Rz. 247ff Handbuch
Damit von einem völkerrechtlichen Vertrag gesprochen werden kann, müssen gewisse
Bedingungen erfüllt sein: Zum einen muss die Zustimmung zu einem Vertrag von einem dafür
zuständigen Organ erklärt worden sein und zum anderen muss sich aus dem Inhalt der Wille
zur Herbeiführung einer Rechtsfolge ergeben. Demgegenüber kommt es auf die Form und
Bezeichnung eines internationalen Übereinkommens nicht an! Gemäß dem Grundsatz falsa
demonstratio non nocet ist es völlig irrelevant, wie ein Dokument (Vertrag, Vereinbarung,
Abkommen, Pakt, Charta, Satzung, Konvention, Protokoll) benannt wird.
Zentrale Rechtsquelle hinsichtlich der Anwendung von Verträgen ist die WVK von 1969. Sie
regelt die Anwendung von zwischen Staaten geschlossenen schriftlichen völkerrechtlichen
Verträgen, die nach Inkrafttreten der WVK abgeschlossen wurden.
Gemäß Art 6 WVK besitzt jeder Staat aufgrund seiner Völkerrechtssubjektivität die
Kompetenz, Verträge zu schließen. Da ein Staat nicht selbst handeln kann, muss er sich dazu
seiner Organe oder anderer bevollmächtigter Personen bedienen. Sofern weder eine
Vollmacht vorliegt noch eine solche aus den Umständen hervorgeht, kennt Artikel 7 (2) WVK
bestimmte Organe, die Kraft ihres Amtes als Vertreter ihres Staats anzusehen sind:

 Staatsoberhaupt
 Regierungschef
 Außenminister.

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Darüber hinaus besteht eine solche Vollmachtsvermutung auch für die Chefs diplomatischer
Missionen.
Die Entstehung eines Vertrages durchläuft mehrere Phasen. Zunächst muss der Text von den
beteiligten Staaten angenommen werden. Gemäß Artikel 11 WVK kann die Zustimmung eines
Staats, an einen Vertrag gebunden zu sein, durch Unterzeichnung (sofern der Vertrag dies als
alleiniges Kriterium vorsieht, auch „vereinfachter Vertragsabschluss“ genannt), Austausch von
Urkunden, Ratifikation, Annahme, Genehmigung oder Beitritt sowie auf jede andere
vereinbarte Art ausgedrückt werden. Üblicherweise folgt die Zustimmung allerdings einem
zweistufigen Verfahren, bestehend aus Unterzeichnung und Ratifikation. In einem solchen
Verfahren drückt die Unterschrift nur eine vorläufige Zustimmung als Abschluss der
Vertragshandlungen aus. Für die völkerrechtliche Gültigkeit dieser Zustimmung bedarf es
allerdings noch der Ratifikation. Der Begriff der Ratifikation bezeichnet die endgültige
Zustimmung zu einem Vertrag, der üblicherweise ein innerstaatliches Genehmigungs-
verfahren vorangegangen ist.
Die KSZE (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) war eine Folge von
blockübergreifenden Konferenzen der europäischen Staaten zur Zeit des Ost-West-Konflikts.
Die KSZE-Schlussakte 1975 (auch Helsinki-Schlussakte genannt) stellt keinen
völkerrechtlichen Vertrag dar, sondern enthält vielmehr politische Absichtserklärungen, aus
denen keine Rechtspflichten folgen. Damit mangelt es am erforderlichen Rechtsfolgewille. Die
Parteien trafen diese Übereinkunft im Bewusstsein, untereinander gewisse Verpflichtungen
einzugehen, doch handelt es sich dabei eher um Verpflichtungen der Moral, deren Verletzung
zwar politische Nachteile nach sich ziehen, die jedoch keine Verpflichtung des Völkerrechts
darstellen.
71. Welche 2 Facetten hat das Connally Amendment beinhaltet?
Rz 1850 Handbuch
Bei dieser Frage geht es um die Zuständigkeit (Jurisdiktion) des Internationalen Gerichtshofs.
Der IGH ist als Hauptorgan der Rechtsprechung der Vereinten Nationen (Artikel 92 UN-Charta)
das einzige internationale Gericht mit grundsätzlich weltweiter Zuständigkeit in sämtlichen das
Völkerrecht betreffenden zwischenstaatlichen Streitigkeiten.
Voraussetzung für die Zuständigkeit des IGH ist, dass eine rechtliche Streitigkeit vorliegt,
wobei nur Staaten als Parteien auftreten können. Die Streitparteien müssen das IGH-Statut
angenommen haben. Dies trifft gem. Art 93 UN-Charta ipso facto (also automatisch) auf
sämtliche UN-Mitglieder zu. Auch Nicht-Mitglieder können jedoch das Statut annehmen.
Zusätzlich müssen sich die Parteien der Zuständigkeit (Jurisdiktion) des IGH eigens
unterwerfen. Eine Unterwerfung kann gem. Art 36 IGH-Statut auf drei Arten erfolgen, wobei
die sog. Fakultativklausel eine dieser Arten darstellt.
Durch eine einseitige Erklärung unterwirft sich ein Staat der Zuständigkeit (Jurisdiktion) des
IGH zur Entscheidung sämtlicher Rechtsstreitigkeiten mit jedem anderen Staat, der die gleiche
Verpflichtung übernimmt. Die Möglichkeit einer solchen Fakultativklausel wird durch Art 36
Abs 2 IGH-Statut eingeräumt. (Österreich hat sich 1971 einseitig unterworfen). Solche
einseitigen Unterwerfungserklärungen wirken immer auf Basis der Reziprozität.
Art 36 Abs 3 IGH-Statut erlaubt gewisse Einschränkungen bzw. Vorbehalte dieser einseitigen
Unterwerfungserklärungen. Von dieser Möglichkeit haben Staaten oft Gebrauch gemacht, um
ihre essentiellen Interessen zu schützen. So können sich Unterwerfungserklärungen lediglich
auf einen bestimmten Zeitraum oder bestimmte Rechtsbereiche beziehen. Der weiteste und
umstrittenste Vorbehalt war das „Conally-Amendment“ der USA (1946) bezüglich aller
rechtlichen Streitigkeiten, die nach Auffassung der USA in deren innerstaatliche Zuständigkeit
fallen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem „automatischen Vorbehalt“.

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Das Hauptproblem besteht darin, dass sich ein Konflikt mit der Kompetenz des IGH nach Art
36 Abs 6 IGH-Statut ergibt, wonach dieser in Fällen strittiger Zuständigkeit selbst darüber
urteilt. Diese Unterwerfungserklärung ist bei schlechtgläubiger Anwendung praktisch wertlos.
Derartige automatische Vorbehalte wurden bereits auch von anderen Staaten abgegeben. Ob
ein solcher Vorbehalt mit dem Statut vereinbar ist, ist strittig. Der IGH hat sich bislang noch
nicht dazu geäußert.
Im Laufe des Verfahrens vor dem IGH im Nicaragua-Fall haben die USA ihre (beschränkte)
Unterwerfungserklärung zurückgezogen. Etwaige andere Unterwerfungen auf vertraglicher
Grundlage blieben allerdings bestehen.

72. Wie war das Handelsembargo des UN-Sicherheitsrates gegen Südafrika zu rechtfertigen?
Seit Bestehen der Vereinten Nationen sind gegen folgende Länder verbindliche Sanktionen
verhängt worden:- Rhodesien (Wirtschaftssanktionen, 1967-1980);- Südafrika
(Waffenembargo, 1977-1994);- Irak (Totalembargo seit 1990);- ehemaliges Jugoslawien
(Waffenembargo seit 1991);- Serbien/Montenegro/serbisch kontrollierter Teil Bosniens
(Totalembargo seit 1992, das seit 1994 partiell suspendiert worden ist);- Somalia
(Waffenembargo seit 1992);- Libyen (Teilembargo seit 1992);- Liberia (Waffenembargo seit
1992);- Haiti (Wirtschaftssanktionen, 1993-1994);- Angola (Waffen- und Ölembargo gegen die
UNITA seit 1993) und- Ruanda (Waffenembargo seit 1994).
Bei einem Handelsembargo handelt sich um eine Maßnahme ohne Waffengewalt im Rahmen
des Systems der kollektiven Sicherheit. Es ist das Verbot des Handelsaustauschs mit einem
bestimmten Land. Solche Maßnahmen sind allerdings problematisch. Wie die Irak-Kuwait-
Krise gezeigt hat, können solche Sanktionen das gesamte Volk für das Fehlverhalten seiner
Regierung bestrafen. Anlass dafür war die Eroberung Kuwaits durch den Irak. Hintergrund
waren Grenzstreitigkeiten und die Beeinflussung der Ölpreise.
Aus diesem Grund ist man vermehrt zu targeted sanctions gegen einzelne Gruppen oder
Einzelpersonen übergegangen. Diese bestehen in erster Linie in Reiseverboten oder dem
Einfrieren von Konten.
Südafrika wurde bereits in den sechziger Jahren Ziel von Forderungen nach Sanktionen
wegen der 1948 eingeleiteten Apartheidpolitik und wegen der damit verbundenen
Verletzungen von Grund- und Menschenrechten.
Die wirtschaftlichen Interessen der europäischen Länder und der USA waren indes Ursache
dafür, dass die Regierung in Südafrika zwar zu politischen und wirtschaftlichen Reformen
gedrängt wurde, dass aber gleichzeitig nur mit geringen Eingriffen in den Handel Druck auf sie
ausgeübt wurde. Nicht-staatliche Organisationen und Kirchen lenkten das Interesse auf die
Apartheid in Südafrika, ohne indes in der Bevölkerung oder gar bei Regierungen und
Unternehmen eine breite Zustimmung für Sanktionen zu finden.
In den siebziger Jahren änderte sich die Einstellung gegenüber Südafrika stufenweise mit der
Folge, dass die Kritik an der Apartheid auch von Regierungen geteilt wurde und sich die
Stimmen für eine Anwendung von Sanktionen mehrten. Die südafrikanische Regierung
änderte ihren Kurs jedoch nicht, zum Teil verschärfte sie ihn sogar und löste damit noch mehr
Widerspruch bei nicht-staatlichen Organisationen und Kirchen aus. Verstärkt wurde der Druck
in dem Maße, wie sich nach der Entspannung im Ost-West-Verhältnis Industrieländer dem
afrikanischen Kontinent zuwandten. Dies führte unter anderem dazu, dass vor allem die
Klagen afrikanischer Staaten (insbesondere der subsaharen) über die Apartheid vermehrt in
Europa und in den Vereinigten Staaten wahrgenommen wurden.

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Wie nicht anders zu erwarten, waren Unternehmen in Europa und den USA unterschiedlicher
Meinung über die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Südafrika. Unternehmen mit
Wirtschaftsinteressen in Südafrika warnten vor Sanktionen und hofften stattdessen darauf,
liberalen Wirtschaftskreisen in Südafrika den Rücken zu stärken und damit die Apartheid zu
überwinden. Gehofft wurde auch, dass die Anwesenheit ausländischer Unternehmen den
Wohlstand steigern und die Rassentrennung aufheben könne. Schließlich stellten die
Unternehmen in Aussicht, die Apartheid ihrerseits nicht innerhalb der Betriebe anzuwenden
und damit ein Muster für eine andere als die offizielle Politik zu liefern. Unternehmen, die mit
Lieferungen aus Südafrika konkurrierten, hielten sich in der Diskussion über den richtigen Weg
zur Überwindung der Apartheid zurück. Wenn sich auch Industrien nicht direkt für Sanktionen
aussprachen, so taten dies Gewerkschaftsführer explizit mit dem Argument, auf diese Art und
Weise Arbeitsplätze in amerikanischen Unternehmen der Stahlindustrie retten zu wollen.
73. Voraussetzungen für Chapter VII Resolution? + vergleichbare Fälle
Kapitel VII UN-Charta regelt das System der kollektiven Sicherheit. Im Rahmen dessen stehen
dem UN-Sicherheitsrat bei Bedrohung des Weltfriedens, Friedensbrüchen und
Angriffshandlungen umfangreiche Kompetenzen zu. Er kann Empfehlungen abgeben aber vor
allem nicht-militärische (Art 41) und militärische (Art 42) Maßnahmen beschließen.
Es handelt sich hierbei um die erste Ausnahme von Gewaltverbot.

74. Doppelstaatsbürgerschaft! (+ Nottebohm-Fall)


S. 82f VV, Rz 623ff Handbuch
Jeder Staat bestimmt nach seinem Recht, wer seine Staatsangehörigen sind. Dieses Recht ist
von anderen Staaten anzuerkennen, muss jedoch mit anwendbaren internationalen
Übereinkommen, völkerrechtlichem Gewohnheitsrecht und mit den allgemein anerkannten
Rechtsgrundsätzen in Einklang stehen.
Typische Erwerbstatbestände: Geburt (entweder Ort der Geburt oder Staatsangehörigkeit der
Eltern), Eheschließung, Antrag, Staatennachfolge.
Verlusttatbestände: Verzicht (sofern keine Staatenlosigkeit entsteht); freiwilliger Erwerb einer
anderen Staatangehörigkeit (insbesondere auf Antrag; arg „freiwillig“); freiwilliger Militärdienst
in der Armee eines anderen Staates; erhebliche Schädigung des Ansehens oder der
Interessen Österreichs im Rahmen eines mit einem anderen Staat bestehenden
Dienstverhältnisses. Das Europäische Übereinkommen über Staatsangehörigkeit 1997 nennt
daneben auch noch das Fehlen einer echten Beziehung (lack of a genuine link) zwischen einer
dauernd im Ausland lebenden Person und ihrem Heimatstaat.
Effektive Staatsangehörigkeit bei Doppel- und Mehrfachstaatsangehörigkeit: idF stellt sich
Frage nach Vorrangregel der in Frage kommenden Heimatstaaten (zB für Ausübung des
diplomatischen Schutzrechts); in diesem Zusammenhang (und zunächst nur in diesem!) hat
Völkerrechtspraxis (teilweise kodifiziert durch Haager Abkommen 1930 über Kollision der
Staatsangehörigkeitsgesetze) gewohnheitsrechtliche Regeln hervorgebracht, die der
effektiven Staatsangehörigkeit, dh dem engsten Naheverhältnis zwischen Person und Staat
(genuine link) Vorrang einräumen; Nottebohm-Fall (1955).
75. Enteignungen, MR-Schutz für Einzelpersonen?
siehe Frage 23)

76. Welche rechtlichen Schutzmöglichkeiten hat ein österreichisches Unternehmen, das in


Ghana enteignet wird?
siehe Frage 15)

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77. UN-Sicherheitsrat (Chapter 5, Art 23-32 SVN)
siehe Frage 13 + 19)

78. Wie stellt man fest, ob Völkergewohnheitsrecht besteht? Wie kann man opinio iuris
nachweisen?
Beim Völkergewohnheitsrecht handelt es sich um nicht-konsensuales und nicht-positives (also
nicht gesetztes) ungeschriebenes Recht. Nicht-konsensual heißt, dass es bei der Entstehung
grundsätzlich nicht auf den Willen der Völkerrechtssubjekte ankommt. Bei der Feststellung von
Völkergewohnheitsrecht handelt es sich vielmehr um eine empirische Analyse hinsichtlich dem
Vorhandensein zweier Elemente, nämlich einem objektiven Element (= Staatenpraxis) und
einem subjektiven Element (= opinio iuris). Man spricht in diesem Zusammenhanf auch von
der „Zwei-Elemente-Lehre“.
Bei der Staatenpraxis wird auf das tatsächliche Verhalten von Staaten abgestellt. Dabei zählt
jegliches Tun und Unterlassen eines Staates. Dazu gehören neben der Exekutive auch
Judikative und Legislative. Somit stellen nationale Gerichtsentscheidungen nicht nur eine
Rechtserkenntnisquelle dar, sondern bilden auch ein konstitutives Element des
Völkergewohnheitsrechts. Sowohl im Asyl-Fall als auch in den Nordseefestlandsockel-
Fällen kam der IGH zur Feststellung, dass Staatenpraxis

 konstant
 einheitlich und
 weitverbreitet
sein muss. Darüber hinaus ist die Praxis jener Staaten, die von einer gewissen Norm betroffen
sind, besonders relevant. Daneben wird auch das Erfordernis einer gewissen Dauer
angenommen, die allerdings nicht näher definiert ist.
Bei der opinio iuris wird auf die Rechtsüberzeugung von Staaten hinsichtlich der zuvor
gesetzten Praxis abgestellt. Anders formuliert: opinio iuris ist die Ansicht, dass die jeweilige
Praxis aufgrund einer rechtlichen Überzeugung oder Notwendigkeit gesetzt wurde.
Rechtsüberzeugung ohne zugehörige Praxis genügt nicht. Als opinio iuris zählen
insbesondere die von Staaten in ihren Gesetzen, ihrer Rechtsprechung und in Organen
internationaler Organisationen vorgebrachten Rechtsmeinungen.
In der Praxis kommt es häufig vor, dass sich internationale Gerichte, insbesondere der IGH
selbst, bei der Feststellung von Völkergewohnheitsrecht vor allem auf die opinio iuris berufen
ohne konkrete Staatenpraxis nachzuweisen. So stütze sich der IGH im Nicaragua-Fall vor
allem auf Resolutionen der UN-Generalversammlung als Ausdruck von opinio iuris.
Ein Teil der Lehre vertritt die Ansicht, dass Völkergewohnheitsrecht auch aus Verträgen
entstehen kann. Dabei wird bei multilateralen Verträgen von der hohen Anzahl der bei den
Verhandlungen beteiligten Staaten auf die opinio iuris geschlossen. Diesem Ansatz folgte auch
der IGH in den Nordseefestlandsockel-Fällen, sofern es sich um einen wesentlichen
normerzeugenden Vertrag handelt, der die Grundlage einer allgemeinen Regel des
Völkerrechts darstellt und die besonders betroffenen Staaten daran beteiligt sind. Als Beispiel
hierfür könnten etwa die Genfer Konventionen dienen.
Der UN-Generalversammlung obliegt es, an der fortschreitenden Entwicklung des
Völkerrechts mitzuwirken und dessen Kodifikation zu fördern Zu diesem Zweck hat sie die ILC
als Nebenorgan eingesetzt (vgl. Frage 107).
Auch IOs können Praxis setzen und deren Gründungsverträge und Bestimmungen durch
spätere Übung ergänzen oder abändern. Bsp: Stimmenthaltung im UN-Sicherheitsrat.

59
79. Monroe-Doktrin (1823)!
Die Monroe-Doktrin geht auf die Rede zur Lage der Nation (= eine jährliche Veranstaltung, bei
der der Präsident der Vereinigten Staaten eine Regierungserklärung mit seiner Einschätzung
der Verhältnisse seines Landes vorträgt) vom 2. Dezember 1823 zurück, in der US-Präsident
James Monroe vor dem Kongress die Grundzüge einer langfristigen Außenpolitik der
Vereinigten Staaten entwarf. Die Doktrin sieht vor, dass die Vereinigten Staaten von Amerika
auf jegliche politische und militärische Einmischung in Europa verzichten. Sollte aber ein
anderer Staat Kolonialansprüche haben, die auf Gebiete der westlichen Hemisphäre abzielen,
würden die Vereinigten Staaten dies als feindliche Handlung verstehen. Als westliche
Hemisphäre werden der Doppelkontinent Amerika und die umliegenden Inseln bezeichnet.
Die damals noch jungen Vereinigten Staaten hatten allen Grund, sich vor Europa in Acht zu
nehmen, denn es gab immer noch Gebietsansprüche auf amerikanischen Boden, etwa aus
Frankreich und Großbritannien. Im Unabhängigkeitskrieg war erst wenige Jahrzehnte zuvor
die Freiheit von der Bevormundung durch europäische Mächte beendet worden. Die USA
waren selbst Kolonie gewesen
Mit seiner Doktrin prägte Monroe die angloamerikanische Variante des Panamerikanismus
entscheidend. 1848 unter Präsident Polk und 1870 unter Präsident Grant wurde die Doktrin
um das Verbot des Transfers (auch früheren) kolonialen Besitzes an andere Mächte erweitert
(non-transfer), das von Secretary of State John Quincy Adams in einer Botschaft an den
damaligen russischen Zaren (Alexander I.) bereits 1823 aufgegriffen, von Monroe jedoch nicht
in den Bericht an den Kongress übernommen worden war.

80. Caroline Zwischenfall!


Die Caroline war ein Dampfschiff, welches ausschließlich Freiwillige aus den USA beherbergte
und auf dem Weg nach Kanada war, um den damaligen Aufstand gegen die britische
Kolonialherrschaft in Kanada zu unterstützen. Großbritannien zerstörte das Schiff, während es
in einem amerikanischen Hafen gelegen war und berief sich auf das Selbstverteidigungsrecht.
Der amerikanische Außenminister Ben Webster wandte ein, dass dieses Recht nur gegeben
sei, falls die Notwendigkeit zur Selbstverteidigung unmittelbar und überwältigend ist und keine
Auswahl der Mittel und keinen Moment zur Überlegung erlaubt. Diese Voraussetzungen
werden als Webster-Formel bezeichnet. Die USA begnügten sich schließlich damit, dass die
britische Regierung ihr Bedauern über den Zwischenfall ausdrückte.
Thematisch geht es ganz klar um Selbstverteidigung und darum, wann man präventiv gegen
einen bevorstehenden Angriff vorgehen kann. Das Recht auf Selbstverteidigung ist die zweite
der in der Charta genannten Ausnahmen zum Gewaltverbot. Es wird durch Art 51 UN-Charta
gewährleistet und ermöglicht einem Staat sich gegen einen bewaffneten Angriff mit Gewalt zur
Wehr zu setzen. Allerdings gilt dieses Recht nicht unbegrenzt. Art 51 beinhaltet zwei
wesentliche Bedingungen:
 das Vorliegen eines Angriffs mit Waffengewalt und
 die Pflicht des sich verteidigenden Staates, den UN-SR in Kenntnis zu setzen.
Darüber hinaus ist Selbstverteidigung nur zulässig, bis der Sicherheitsrat die zur
Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit notwendigen
Maßnahmen ergreift.
Zusätzlich wird das Selbstverteidigungsrecht durch 3 völkergewohnheitsrechtliche
Erfordernisse eingeschränkt:

60
 Gegenwärtigkeit (zeitliches Naheverhältnis zwischen Angriff und Verteidigung)
 Notwendigkeit (wenn keine friedlichen und hinreichend erfolgversprechenden Mittel
der Streitbeilegung zur Verfügung stehen)
 Verhältnismäßigkeit (strittig, was zueinander im Verhältnis stehen soll. Eine Auffassung
sagt: Angriffs- und Verteidigungshandlung. Sinnvoller erscheint: Verhältnis zwischen
Verteidigungshandlung und dem damit verfolgten Zweck)
Selbstverteidigung kann Art 51 zufolge individuell oder kollektiv ausgeübt werden. Individuelle
Selbstverteidigung bezeichnet die Abwehrhandlung durch den betroffenen Staat selbst.
Kollektive Selbstverteidigung bezeichnet die Hilfe durch andere Staaten. Der angegriffene
Staat muss zustimmen. Zur Unterstützung kann es im Rahmen eines Militärbündnisses, oder
auch anlassbezogen kommen. So nennt Artikel 5 des Nordatlantikvertrages von 1949 (NATO-
Gründungsdokument) eine Beistandspflicht, der zufolge ein Angriff auf ein oder mehrere
NATO-Mitglieder als „ein Angriff gegen sie alle angesehen wird“, wonach das
Selbstverteidigungsrecht gemeinsam ausgeübt wird. Andere Beispiele sind die
Beistandsklausel in Artikel 42 (7) EUV. Selbstverteidigung steht nur gegen Angriffe mit
Waffengewalt (auch „bewaffnete Angriffe“ genannt) zu. Der Begriff ist weit zu verstehen,
sodass beispielsweise auch sog. Cyberangriffe erfasst werden. Als Interpretationshilfe wird oft
die Resolution der UN-Generalversammlung zur Definition der Aggression herangezogen.
Der Angriff und die dabei eingesetzten Waffen können vielfältig sein, jedoch kommt es eher
auf die erzielte Wirkung an. Im Nicaragua- Fall wies der IGH auch darauf hin, dass die Gewalt
mit Waffen eine gewisse Schwelle überschreiten muss, um wirklich für die Selbstverteidigung
zu genügen. Jedoch gibt es nach der Accumulation of events-Theorie die Möglichkeit sich
trotzdem zu verteidigen, wenn es zu vielen kleinen Angriffen kommt, welche als einzelne nicht
die Intensität erreichen.
Auch die Angreifer müssen bekannt sein. Der IGH ist der Auffassung, dass es nicht nur die
regulären Truppen, sondern auch bewaffnete Gruppierungen sein können, die nicht zu den
ordentlichen Streitkräften zählen. Es kommt hier nur auf die effektive Kontrolle durch den
betreffenden Staat an. Weiters muss der Angriff auf ein notwehrfähiges Rechtsgut erfolgen,
es muss aber nicht auf dem Boden des Staates sein, wie zum Beispiel Israel auf dem
Flughafen von Kampala.
Umstritten ist die Frage nach der Zulässigkeit einer präventiven Selbstverteidigung. Diese ist
nach dem Wortlaut von Art 51 UN-Charta („wenn ein Angriff mit Waffengewalt erfolgt“)
untersagt. Die teleologische Interpretation der Satzung, deren Hauptziel die Eindämmung der
Gewaltanwendung ist, bekräftigt dieses Ergebnis. Außerdem ist Art 51 als Ausnahme vom
Gewaltverbot restriktiv auszulegen.
Dagegen lässt sich einwenden, dass sich das in Art 51 erwähnte „Naturrecht“ auf das 1945
geltende Völkergewohnheitsrecht beziehe => dieses habe präventive Selbstverteidigung mit
eingeschlossen.
Während die Abwägung der rechtlichen Argumente eher zum Schluss führt, dass Art 51 UN-
Charta Selbstverteidigung vor dem Beginn eines tatsächlichen Angriffs verbietet, sprechen
gewichtige strategische Gründe für deren Notwendigkeit. Anderenfalls sei der Angreifer
militärisch begünstigt, denn er könne Zeitpunkt und Ort für seinen Angriff aussuchen und das
Opfer müsse diesen abwarten, bevor es sich wehren dürfe. Es erscheint daher sinnvoll,
Selbstverteidigung gegen einen unmittelbar bevorstehenden Angriff (trotz Ablehnung vieler
Staaten) als erlaubt anzusehen, sofern sich eine eindeutige Absicht des mutmaßlichen
Angreifers erkennen lässt und dieser entsprechende militärische Vorbereitungen getroffen hat.
Hingegen bleibt die Gewaltanwendung gegen einen in ferner Zukunft befürchteten Angriff
rechtswidrig.

61
81. Können Sicherheitsrat-Resolutionen überprüft werden?
Rz. 1862 Handbuch
Es ist fraglich, ob und inwieweit Beschlüsse des UN-Sicherheitsrats auf ihre Rechtmäßigkeit
überprüft werden können. Der IGH hat keine ausdrückliche Kompetenz dazu, da die UN-
Charta keine diesbezügliche Bestimmung enthält. Im Namibia-Fall meinte der IGH selbst, er
besitze keine Kompetenz zur gerichtlichen Kontrolle des rechtmäßigen Handelns anderer
Organe der Vereinten Nationen. Dennoch überprüfte er in diesem Fall implizit die
Rechtmäßigkeit der betreffenden Resolutionen, zumal die Rechtmäßigkeit von einzelnen
Staaten bestritten wurde. Auch in anderen Gutachtenverfahren überprüfte der IGH implizit die
Rechtskonformität von Resolutionen anderer Hauptorgane.
Ebenso kann sich das Problem der Normenkontrolle als Vorfrage im streitigen Verfahren
stellen, wie etwa im Lockerbie-Fall zwischen Libyen und dem Vereinigten Königreich
respektive den USA. Konkret ging es um das Auslieferungsbegehren des Vereinigten
Königreichs und der USA hinsichtlich zweier lybischer Staatsangehöriger. Diese standen im
Verdacht, den Anschlag auf das über der schottischen Ortschaft Lockerbie gesprengte Boeing-
Passagierflugzeug im Jahr 1988 geplant und durchgeführt zu haben. Nachdem Libyen die
Auslieferung verweigerte, erließ der Sicherheitsrat Resolution 748 nach Kapitel VII, wonach
ohne weitere Verzögerung dem Auslieferungsbegehren nachzukommen sei. Libyen sah darin
allerdings eine Verletzung des Übereinkommens zur Bekämpfung widerrechtlicher
Handlungen gegen die Sicherheit der Zivilluftfahrt, das dem Grundsatz aut dedere aut iudicare
folgt. Gemäß diesem Grundsatz hätte Libyen zwischen der selbständigen Verfolgung der
Tatverdächtigen oder deren Auslieferung wählen können. Da die Auslieferungsverpflichtung
dem vertragsrechtlichen Rahmen des Montrealer Abkommens entgegenstand, wandte sich
Libyen an den IGH, um vorsorgliche Maßnahmen gegen den Beschluss des Sicherheitsrats
zu erwirken. Der Gerichtshof verwies allerdings auf Artikel 103 UN-Charta, wonach die
Verpflichtungen der Charta und damit Beschlüsse des Sicherheitsrats als Vertragsorgan,
Anwendungsvorrang genießen. Da der Disput außergerichtlich beigelegt wurde, kam es zu
keiner weiteren Auseinandersetzung mit dieser Frage. Ob der IGH bei der Gelegenheit einer
ähnlich gelagerten Konstellation im Hauptverfahren die Rechtmäßigkeit eines Beschlusses
des Sicherheitsrats überprüfen würde, bleibt damit offen.
82. Wie viele Unterschriften braucht man für Inkrafttreten eines Vertrages?
In der Regel legt der Vertrag selbst die notwendigen Bedingungen für dessen Inkrafttreten fest.
So wird oft eine gewisse Anzahl an unterzeichnenden Staaten verlangt. Wenn nichts
angegeben ist, tritt der Vertrag in Kraft sobald alle Vertragsparteien unterzeichnet haben.

83. Calvo Klausel!


84. Fünf Voraussetzungen für diplomatisches Schutzrecht?
S. 390 VV, Rz. 2524-2529
Wir sind hier im Bereich der völkerrechtlichen Verantwortlichkeit. Es geht um das
Einstehenmüssen von Staaten und Internationalen Organisationen für von ihnen begangene
Völkerrechtsverletzungen. Verantwortlichkeit entsteht aber auch für die Missachtung von
Normen zugunsten natürlicher oder juristischer Personen. Die Pflichten des verantwortlichen
Staats müssen jedoch für Individuen durch Staaten geltend gemacht werden. Diese Stellung
des Individuums wird im Völkerrecht auch „Mediatisierung des Individuums“ bezeichnet.
Dementsprechend gibt es für Schäden, die in der Sphäre natürlicher oder juristischer
Personen eintreten, eine besondere Form der Geltendmachung, nämlich das diplomatische
Schutzrecht. Die ILC nahm im Jahr 2006 einen Artikelentwurf zum diplomatischen Schutzrecht
an.

62
Das diplomatische Schutzrecht ist das Recht eines Staates zugunsten eigener
Staatsangehöriger die völkerrechtliche Verantwortlichkeit fremder Staaten geltend zu machen.
Allerdings stößt dieser Mechanismus an seine Grenzen, da es verschiedener
Voraussetzungen bedarf:
1. Es handelt sich um ein Recht des Staats, dh. dieser kann frei entscheiden, ob er davon
Gebrauch machen möchte oder nicht. Die betroffene Person hat somit keinen
Anspruch darauf. Weitere Konsequenz ist: Die Person kann nicht auf die Ausübung
des diplomatischen Schutzrechts verzichten, weil sie nicht über dieses Recht verfügt.
2. Die betroffene Person muss die Staatsbürgerschaft des ausübenden Staats sowohl
zum Zeitpunkt des schädigenden Ereignisses als auch zum Zeitpunkt der Ausübung
besitzen (= continuity of claims).
3. Die innerstaatlichen Rechtsmittel müssen ausgeschöpft sein (siehe Diallo-Fall).
4. Vor der Geltendmachung der Verantwortlichkeit muss der verletzte Staat dem
verantwortlichen Staat den Anspruch anzeigen bzw. notifizieren.
5. Die Geltendmachung erfolgt durch formelle Erhebung eines Anspruchs.
Sehr kontrovers ist die teilweise zusätzlich verlangte Anforderung, dass zwischen dem
ausübenden Staat und dem Staatsbürger ein besonderes Naheverhältnis (sog. genuine link)
bestehen muss. Zurückzuführen ist dieser Gedanke auf den Nottebohm-Fall: Nottebohm war
ursprünglich ein deutscher Staatsbürger aber hatte seinen Wohnsitz in Guatemala, wo er auch
geschäftlich tätig war. Unmittelbar nach dem Ausbruch des 2. Weltkriegs reiste er nach
Liechtenstein, wo er nach nur kurzem Aufenthalt die Staatsbürgerschaft erwarb. Anschließend
reiste er mit seinem Liechtensteiner Pass wieder nach Guatemala. Nach Eintritt Guatemalas
in den Krieg wurde Nottebohm dennoch als Staatsangehöriger des Feindstaats Deutschland
behandelt und inhaftiert. Sein Vermögen wurde konfisziert. Liechtensteins Versuch, zu seinen
Gunsten das diplomatische Schutzrecht auszuüben, scheiterte, weil Nottebohm in den Augen
des IGH kein besonderes Naheverhältnis zu Liechtenstein hatte.
Heutzutage hat sich jedoch die Ansicht durchgesetzt, dass das „genuine-link“-Erfordernis nicht
über die spezifische Situation in Nottebohm hinausgeht. Diese Ansicht wird auch von der ILC
vertreten. Allerdings bleibt dieses Erfordernis im Falle von Mehrfachstaatsangehörigkeit
weiterhin relevant. Aber auch diese Ansicht ist umstritten. Die neuere Ansicht fordert den
genuine link lediglich im Falle, dass ein Heimatstaat gegenüber einem anderen Heimatstaat
das diplomatische Schutzrecht ausübt.
Im Hinblick auf die Staatsangehörigkeit juristischer Personen stellt sich die Frage, nach
welchem Kriterium angeknüpft werden soll. Es gibt 3 Theorien diesbezüglich: Die Sitztheorie
stellt auf den Hauptsitz ab. Die Gründungstheorie stellt auf den Staat ab, in dem bzw. nach
dessen Recht sie gegründet wurde. Die Kontrolltheorie weist die juristische Person dem Staat
zu, aus dem die Mehrheit ihrer Eigentümer stammt. Die bekannteste Entscheidung zu dieser
Frage ist jene des IGH im Barcelona Traction-Fall zwischen Belgien und Spanien von 1970.
(siehe Frage 136)
Im Zusammenhang mit dem diplomatischen Schutzrecht wird oft auch die sog. Calvo-Klausel
erwähnt. Eine Calvo-Klausel bezeichnet eine Vertragsklausel, in der ein Privater gegenüber
einem fremden Staat bereits im Vorfeld auf die Ausübung des diplomatischen Schutzrechts
verzichtet. Nach herrschender Ansicht sind solche Klauseln unwirksam/nichtig, da ein Verzicht
eines Privaten auf das Recht des Heimatstaats unzulässig ist.
Nur ausnahmsweise können Individuen aufgrund von Verträgen selbst vor internationalen
Instanzen klagen, so bspw aufgrund bestimmten Menschenrechtskonventionen des
Europarats und der VN; BITs; ICSID-Konvention.

63
85. Bei der Ausübung des diplomatischen Schutzrechts muss der Instanzenzug ausgeschöpft
werden. Gibt es davon Ausnahmen?
S. 390 VV, Rz. 654ff, 2524ff Handbuch
Wir sind hier im Bereich der völkerrechtlichen Verantwortlichkeit. Es geht um das
Einstehenmüssen von Staaten und Internationalen Organisationen für von ihnen begangene
Völkerrechtsverletzungen. Verantwortlichkeit entsteht aber auch für die Missachtung von
Normen zugunsten natürlicher oder juristischer Personen. Die Pflichten des verantwortlichen
Staats müssen jedoch für Individuen durch Staaten geltend gemacht werden. Diese Stellung
des Individuums wird im Völkerrecht auch „Mediatisierung des Individuums“ bezeichnet.
Dementsprechend gibt es für Schäden, die in der Sphäre natürlicher oder juristischer
Personen eintreten, eine besondere Form der Geltendmachung, nämlich das diplomatische
Schutzrecht. Die ILC nahm im Jahr 2006 einen Artikelentwurf zum diplomatischen Schutzrecht
an.
Das diplomatische Schutzrecht ist das Recht eines Staates zugunsten eigener
Staatsangehöriger die völkerrechtliche Verantwortlichkeit fremder Staaten geltend zu machen.
Allerdings stößt dieser Mechanismus an seine Grenzen, da es verschiedener
Voraussetzungen bedarf. Einer dieser Voraussetzungen die das Erfordernis der Ausschöpfung
innerstaatlicher Rechtsmittel (exhaustion of local remedies).
Durch die Ausschöpfung des innerstaatlichen Rechtsweges soll dem verletzenden Staat die
Gelegenheit gegeben werden, allfällige Fehler seiner Behörden unterer Instanz im eigenen
Wirkungsbereich zu beseitigen. Dieser muss aber nicht ausgeschöpft werden, wenn

 keine effektiven Instanzen im Land vorhanden sind oder


 es zum Zeitpunkt der Schädigung keine vernünftige Nahebeziehung zwischen der
geschädigten Person und dem Staat gab oder
 der Rechtsweg nicht geeignet ist, das völkerrechtliche Unrecht zu beseitigen. Diese
Aussichtslosigkeit kann in der Rechtsordnung des verletzenden Staates selbst
begründet sein, indem zwar Rechtsbehelfe zur Verfügung stehen aber diese nicht zur
Beseitigung der Verletzung geeignet sind. Ebenso aussichtslos, wenn die ständige
Rechtsprechung keine Beseitigung erwarten lässt.
 unangemessene Verzögerung des Verfahrens oder
 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit Rechtsverweigerung zu rechnen
ist (denial of justice) oder
 der verletzende Staat auf das Erfordernis der Erschöpfung verzichtet.
In diesem Zusammenhang ist der Diallo-Fall zu nennen: Guinea übte gegenüber Kongo das
diplomatische Schutzrecht zugunsten Herrn Diallo aus. Diallo war ein guineischer
Geschäftsmann, der 32 Jahre im Kongo lebte. Guinea machte rechtswidrige Inhaftierung und
Enteignung geltend. Die Republik Kongo wandte die Unzulässigkeit der Klage ein, da weder
die betreffenden Unternehmen, wo Diallo beteiligt war, noch er selbst den innerstaatlichen
Instanzenzug im Kongo ausgeschöpft hätten. Der IGH hielt fest, dass die Notwendigkeit der
Ausschöpfung des innerstaatlichen Rechtswegs nur Rechtsmittel erfasst, auf deren
Inanspruchnahme der Beschwerdeführer ein Recht hat. Wenn deren Gewährung aber vom
Wohlwollen des Staats abhängt, müssen sie nicht ausgeschöpft werden.

64
86. Golfkrieg Irak – humanitäre Intervention!
— Golfkrieg II und III:
Golfkrieg II (ab 1990): Irak ist in Kuwait einmarschiert; UNO ordnete als Sofortmaßnahme gem
Art 40 UN-Charta irakischen Rückzug und Verhandlungen zur Streitbeilegung an; USA und
Großbritannien unterstützen Saudi-Arabien (Scheich von Kuwait war nach Saudi-Arabien
geflohen, setzte Widerstand von Saudi Arabien aus fort; mögliche Angriffe des Iraks gegen
Saudi-Arabien waren möglich); Sicherheitsrat beschloss nichtmilitärische Sanktionen
(Wirtschaftsembargo) gegen Irak und Kuwait auf Basis des Kapitel VII UN-Charta
Golfkrieg III (ab 2003): Invasion des Iraks um herrschendes Regime zu stürzen; aber:
völkerrechtswidrig, da Sicherheitsrat diesen Einsatz militärischer Gewalt nicht autorisiert hat,
Ziele der Aktion gingen weit über das vom Sicherheitsrat verlangte hinaus (kein Nachweis
einer rechtswidrigen unkooperativen Haltung des Iraks), Eingriff in politische Unabhängigkeit
eines Staats, Rückfall in überkommene Auffassungen von Legitimität von Regierungen.

Humanitäre Intervention:
Bezeichnet die Vornahme von nicht durch den UN-Sicherheitsrat autorisierten und insofern
rechtswidrigen militärischen Maßnahmen zum Schutz fundamentaler Menschenrechte. Rund
um das Recht auf humanitäre Intervention bestehen zwei unterschiedliche
Argumentationsstränge. Zum einen wird vorgebracht, dass humanitäre Interventionen nicht
gegen das Gewaltverbot verstoßen, weil der militärische Schutz von Menschenrechten den
Zielen der Vereinten Nationen nicht widerspreche, zumal die Menschenrechte zu den
Grundsätzen der UN-Charta gehören. Zum anderen wurde die Entstehung einer zusätzlichen
Ausnahme zum Gewaltverbot postuliert. Die Debatte um eine mögliche zusätzliche Ausnahme
zum Gewaltverbot wurde im Zusammenhang mit der Kosovo-Intervention 1999 und zuletzt
nach den Luftangriffen gegen Syrien 2017 und 2018 neu entfacht. Anlass für die NATO-
Luftangriffe gegen Serbien (Operation Allied Force) waren die Kämpfe und schwerwiegenden
Menschenrechtsverletzungen im damals zur Bundesrepublik Jugoslawien gehörenden
Kosovo. Letztlich wurde die Zulässigkeit der Kosovo-Intervention allerdings verneint. Im
Vorfeld der von Serbien und Montenegro beim IGH gegen die NATO-Mitgliedstaaten
angestrengten Verfahren berief sich neben dem Vereinigten Königreich lediglich Belgien auf
die humanitäre Intervention. Eine durch die schwedische Regierung eingesetzte
Expertenkommission bezeichnete die NATO-Luftangriffe dementsprechend als „illegal, aber
legitim“. Diese Episode offenbarte das Spannungsfeld zwischen Souveränität und
Menschenrechten. Eine weitere Diskussion rund um die Rechtmäßigkeit von
Gewaltanwendungen zum Schutz fundamentaler Menschenrecht drehte sich um die
Militäranschläge gegen Syrien (nachdem Staatschef al-Assad und seinen Truppen der Einsatz
von Chemiewaffen vorgeworfen wurde) im April 2017 und 2018. Hier verwies das Vereinigte
Königreich, das sich an den Angriffen 2018 (2017 agierten die USA alleine) beteiligte,
ausdrücklich auf das Konzept der humanitären Intervention. Obwohl eine Vielzahl von Staaten
die Militäranschläge begrüßten, zeigt eine genauere Betrachtung, dass es sich hier um
politische Stellungnahmen ohne rechtsändernde Wirkung handelte. Daher wird die
Rechtmäßigkeit humanitärer Interventionen von der herrschenden Meinung auch bei
vorangegangenen Giftgasangriffen nach wie vor verneint.

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87. Was ist die allgemeine Erklärung der Menschenrechte rechtlich?
S. 316 VV
Bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechts 1948 (Universal Declaration of Human
Rights, kurz UDHR) handelt es sich um eine Resolution der UN-Generalversammlung.
Sie enthält im Wesentlichen sämtliche Menschenrechte der ersten und zweiten Generation
wie sie auch in späteren (bindenden!) Menschenrechtsverträgen zu finden sind. Obwohl sie
oft als Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit Menschenrechten dient, hat sie selbst nur
Empfehlungscharakter. Von der Lehre wird aber vertreten, dass es sich inhaltlich weitgehend
um Völkergewohnheitsrecht handelt.
Zusammen mit den beiden UN-Menschenrechtspakten und deren Zusatzprotokollen wird die
UDHR informell auch als Internationale Menschenrechtscharta (International Bill of Rights)
bezeichnet.
Exkurs: Menschenrechte werden grob in drei Generationen unterteilt:
Die erste Generation umfasst die sog. politischen und bürgerlichen Rechte. Das sind vor allem
jene Menschenrechte, die in den Verfassungen des 18. und 19. Jh. als Grundrechte
aufgenommen wurden. Sie beschränken die Eingriffsmacht des Staats gegenüber dem
Individuum und werden daher auch als „Abwehrrechte“ bezeichnet. Dazu gehören das Recht
auf Leben, die Meinungs- und Religionsfreiheit. Auf völkerrechtlicher Ebene finden sich diese
im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR).
Die zweite Generation umfasst die sog. wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte. Sie
betrachten den Staat vielmehr als Leistungsgeber, weshalb sie auch als „Anspruchsrechte“
bezeichnet werden. Dazu gehören das Recht auf Arbeit, das Recht auf Bildung, das Recht auf
Gesundheit. Auf völkerrechtlicher Ebene finden sich diese im Internationalen Pakt über die
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (ICESCR).
Menschenrechte dritter Generation stehen ganzen Volksgruppen zu. Es handelt sich demnach
um kollektive Rechte. Dazu gehören das Selbstbestimmungsrecht und das Recht auf
Entwicklung.

88. Was ist die OSZE? Welche Aufgaben hat sie?


S. 105 VV
OSZE = Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Ihr Ursprung liegt in einer
Reihe von Zusammentreffen der europäischen Staaten, der Sowjetunion, der USA und
Kanadas von 1973 bis 1975. Ihre damalige Bezeichnung war „Konferenz für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE). 1975 verabschiedeten die 35 Teilnehmerstaaten die
KSZE-Schlussakte (auch als Helsinki-Schlussakte bezeichnet). Diese beinhaltet zehn
Grundsätze, darunter: souveräne Gleichheit, Unverletzlichkeit der Grenzen, territoriale
Integrität, Gebot der friedlichen Streitbeilegung, Interventionsverbot, Achtung der
Menschenrechte, Selbstbestimmungsrecht. In den darauffolgenden Jahren kam es zu
weiteren Konferenzen, die verstärkt institutionalisiert wurden, sodass die KSZE 1994 in OSZE
umbenannt wurde.
Ihre Aufgaben bestanden und bestehen in der Konfliktverhütung, Unterstützung beim Aufbau
demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen sowie der Achtung der Menschenrechte.
OSZE handelt in Form von Missionen (zB Jugoslawien, Kosovo).
Struktur: Treffen der Staat- und Regierungschefs  (Außen-)Ministerrat (beschlussfassendes
und lenkendes Gremium)  Ständiger Rat (laufende Angelegenheiten).

66
Sitz: Der Hauptsitz ist in Wien (Ständiger Rat, Sekretariat). Den Sitz hat immer ein
Außenminister der teilnehmenden Staaten, wobei der Vorsitz jährlich wechselt.
OSZE ist keine IO, genießt aber nach dem Privilegiengesetz dieselben Privilegien und
Immunitäten wie die VN in Wien. Das Privilegiengesetz ist ein innerstaatliches Gesetz, das
Internationalen Organisationen Privilegien und Immunitäten einräumt.
Die OSZE ist ein regionales Abkommen iSd Kap VIII SVN und hat Beobachterstatus in der GV
der VN. Ihr völkerrechtlicher Status ist vor allem deshalb unklar, weil es ihr an einem
Gründungsvertrag mangelt und die Fähigkeit zu einer von ihren Mitgliedern unterscheidbaren
Willensbildung nicht eindeutig ist. Zudem spricht die OSZE nicht von „Mitgliedern“, sondern
von „Teilnehmerstaaten“. Allerdings können diese, so wie Österreich das im Juni 2018 im
Rahmen eines Amtssitzabkommens ausdrücklich getan hat, sie als IO mit eigener
Rechtspersönlichkeit anerkennen. Weitere Staatenverbindungen, denen es jedenfalls an
Völkerrechtspersönlichkeit mangelt sind die politischen Interessensgruppen. Darunter fallen
die G7/G8, womit die regelmäßigen Zusammenkünfte der Staats- und Regierungschefs der
sieben (acht) führenden Industrienationen zu zentralen Problemfeldern, Außenpolitik,
Sicherheitspolitik, usw. Dazu gehören USA, Japan, Deutschland, das Vereinigte Königreich,
Frankreich, Italien, Kanada und Russland.
89. Gibt es im Völkerrecht Präjudizienrecht?
Es stellt sich die Frage inwiefern sich die Rechtsprechung der internationalen Gerichte durch
die Präjudizien anderer Gerichte inspirieren lässt oder gar von einer Bindungswirkung
ausgegangen werden kann. Grundsätzlich besteht keine Bindung im rechtstechnischen Sinn.
Allerdings bleibt zu bedenken, dass die faktische Bindung an Präjudizien auch durch die
Vorbildwirkung des Exempels begründet wird. Diese Wirkung ist umso stärker, je größer das
Prestige des Gerichts ist, das das Exempel statuiert hat. Hier hat insb. der IGH eine hohe
Position. Das heißt, dass sich im Völkerrecht zumindest potentiell eine faktische Bindung an
Präjudizien bestimmter Spruchkörper herausbilden kann.

90. Wirkung der Anerkennung von Staaten! Unterschiede: deklarative/konstitutive


Anerkennung!
S.87f VV
Im klassischen Völkerrecht galten Staaten als die einzigen Völkerrechtssubjekte. Auch in
Zeiten der Globalisierung und der steigenden Bedeutung anderer, nicht-staatlicher Akteure
sind sie nach wie vor die zentralen Akteure des Völkerrechts. Bedeutendste juristische
Definition von Staaten stützt sich gemeinhin auf den österreichisch-deutschen Juristen Georg
Jellinek. Begründer der Drei-Elemente-Lehre. Staat setzt sich zusammen aus:

 Staatsgebiet
 Staatsvolk und
 Staatsgewalt.
Diese Frage ist vor allem in politisch heiklen Fällen wie dem Kosovo, Palästina oder Taiwan
bedeutsam. Zwei Rechtsmeinungen

 deklarative Theorie
 konstitutive Theorie
Gemäß der heute herrschenden deklarativen Theorie ist die Staatlichkeit gegeben, sobald die
drei Kriterien der Staatlichkeit – also Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt – erfüllt sind.
Entscheidend ist das faktische Vorliegen eines Staats – ex factis ius oritur (das Recht ergibt
sich aus den Fakten).

67
Die Anerkennung durch andere Staaten wirkt lediglich feststellend (deklaratorisch). Der Staat
besteht unabhängig von dieser objektiv, also für alle anderen Völkerrechtssubjekte. Die unter
Hans Kelsen vertretene konstitutive Theorie sieht die Anerkennung hingegen als essentielle
Bedingung für das Vorliegen eines Staats, genauer gesagt als den Mechanismus, durch den
ein Staat rechtlich entsteht. Beide Theorien haben ihre Schwächen. Ein Mittelweg besteht
darin, die in der Montevideo-Konvention genannte „Fähigkeit in Beziehung mit anderen zu
treten“, als eigenständiges, viertes Element der Staatlichkeit anzusehen. Dann ein Staat,
wenn dieser von anderen Staaten anerkannt wird.
Islamischer Staat ein Staat? Vereinzelt bezeichneten Politiker den IS als Staat, um eine
Aberkennung der Staatsbürgerschaft von ausländischen Kämpfern zu rechtfertigen. In der
Lehre wird die Anerkennung bestritten. Zum einen fehlte das Staatsvolk, war doch die
Bevölkerung quasi in Geiselhaft. VA foreign fighters, Kämpfer aus dem Ausland. Zum anderen
wurde darauf verwiesen, dass das Staatsgebiet des IS rechtmäßig zu Syrien und dem Irak
gehörte und es zu keiner anerkannten Abspaltung gekommen war.
Anerkennung können ausdrücklich oder konkludent, vor allem durch die Aufnahme
diplomatischer Beziehungen oder den Abschluss von Verträgen, erfolgen. Ermessensfrage,
kein Rechtsanspruch auf Anerkennung.
Sonderfrage: Die US-amerikanische Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels. Der
Teilungsplan der UN-Generalversammlung von 1947 sah für Jerusalem einen Sonderstatus
vor. Stadt sollte neutrales Gebiet bleiben, weder zu Israel noch zu Palästina. Plan wurde nach
dem Krieg nie umgesetzt. Seit dem 6-Tage-Kriege 1967 kontrolliert Israel die gesamte Stadt,
1980 wurde das Grundgesetz verabschiedet, mit dem ganz Jerusalem als Teil des israelischen
Staatsgebiets und als Hauptstadt definiert wurde. UN-Sicherheitsrat hat dies mit 14-Ja-
Stimmen für null und nichtig erklärt. USA enthielt sich der Stimme. Staat wurden auch
aufgerufen Botschaften in Jerusalem zu verlegen. US-Präsident Trump ordnete Ende 2017
entgegen der Sicherheitsratsresolution von 1980 die Verlegung der US-Botschaft an.
Juristische Grundlage war ein US-Gesetz aus 1995.
91. Operation Desert Storm!
Das VII. Kapitel der SVN regelt das System kollektiver Sicherheit, in dessen Rahmen
Gewaltanwendung zulässig ist. Der SR muss jedes Mal zunächst feststellen, dass eine
Bedrohung des Friedens, ein Friedensbruch oder eine Angriffshandlung vorliegt. Der SR
entschließt sodann, gegen wen Maßnahmen ergriffen werden und welche Sanktionen zu
verhängen sind und von wem (auf diese Dispensmöglichkeit in Art 48 SVN stützen
österreichische Völkerrechtler die Vereinbarkeit mit der Neutralität) diese wann durchzuführen
sind.
Der Konflikt in Südrhodesien fiel in die Zeit des Kalten Kriegs, während der SR gewissermaßen
gelähmt war. Die Apartheid-Regime Südrhodesiens und Südafrikas waren die Ausnahmen, da
nur gegen sie nichtmilitärische und diplomatische Sanktionen ergriffen wurden.
Militärische Maßnahmen ergriff der SR erstmals 1990 mit der Operation Desert Storm gegen
die irakische Invasion im Kuwait, bei der die USA mit Unterstützung von Großbritannien,
Frankreich und Saudi-Arabien auf Seiten Kuwaits eingriffen.

68
92. Operation allied force!
Aus der Praxis der kollektiven Sicherheit:
Kosovo-Konflikt und Operation „Allied Force“: Friedensgefährdung, da Angriffe auf Kosovo-
Albaner durch jugoslawische Polizisten und Armee. Waffenembargo durch UNO-
Sicherheitsrat als Lösungsansatz. Drohung militärischer Zwangsgewalt, da sich humanitäre
Katastrophe ankündigte. Eigenmächtiges Vorgehen der NATO (damit keine Durchführung
militärischer Zwangsmaßnahmen nach Kap VII UN-Charta), das aber im Nachhinein von UNO
Sicherheitsrat akzeptiert (legitimiert) wurde.
Das System der kollektiven Sicherheit
Den Verfassern der UN-Charta war bewusst, dass das Gewaltverbot den Krieg und weniger
intensive militärische Vorfälle nicht gänzlich aus der Welt schaffen würde. Daher waren sie
bestrebt, zumindest gemeinsam über die Gewaltausübung zu entscheiden. Im Idealfall sollte
die gesamte Staatengemeinschaft gegen aggressive Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen
vorgehen. Zu diesem Zweck wurde in Kapitel VII UN-Charta das System der kollektiven
Sicherheit geschaffen. Hier stehen dem UN-Sicherheitsrat „bei Bedrohung des Friedens,
Friedensbrüchen und Angriffshandlungen“ umfangreiche Kompetenzen zu. Insbesondere
kann er in solchen Fällen militärische Maßnahmen beschließen. Dabei handelt es sich um die
erste Ausnahme vom Gewaltverbot. Zentrale Bestimmung in Kapitel VII ist Artikel 39 UN-
Charta. Der UN-Sicherheitsrat unterliegt keiner Verpflichtung, auch noch so klar erscheinende
Situationen überhaupt als Angriffshandlungen, Friedensbrüche oder Friedensbedrohungen
einzustufen. Stellt der UN-Sicherheitsrat eine Bedrohung des Friedens, einen Friedensbruch
oder eine Angriffshandlung fest, kann er im Rahmen von Kapitel VII

 Maßnahmen ohne Waffengewalt nach Artikel 41


 militärische Maßnahmen nach Artikel 42 ergreifen.
93. International Law Commission (ILC)
Auf Grundlage von Artikel 13(1)(a) UN-Charta hat die UN-Generalversammlung 1947 die International
Law Commission als Nebenorgan der Vereinten Nationen geschaffen, um die fortschreitende
Entwicklung des Völkerrechts und seine Kodifikation voranzutreiben. Sie besteht aus 34 unabhängigen,
von der UN-Generalversammlung gewählten Experten. Darunter haben sich bereits Österreicher
befunden. Seit 2017 ist nun August Reinisch Mitglied der ILC. Die ILC ist in der Kodifikation des
Völkergewohnheitsrechts aktiv und erarbeitet Vertragsentwürfe.
Sie besteht aus 34 von der Generalversammlung gewählten Experten, die nicht
weisungsgebunden sind. Die ILC stellt ein Hilfsorgan der Generalversammlung dar.
Ihre Aufgabe ist es die Generalversammlung bei der Weiterentwicklung und
Kodifikation des Völkerrechts zu helfen. Alle Entwürfe werden der
Generalversammlung zur Abstimmung vorgelegt.
Auf der einen Seite hilft sie bei der fortschreitenden Entwicklung des Völkerrechts,
indem sie Konventionsentwürfe auf Sachgebieten vorbereitet, die noch nicht geregelt
oder entwickelt sind, andererseits kodifiziert sie völkerrechtliche Normen, wo es schon
eine weite Staatenpraxis gibt.

69
94. Rechtfertigungsgründe im allg. Völkerrecht: Was ist das? Wozu? Wo stehen sie?
S. 377ff VV
Begeht ein Staat eine ihm zurechenbare völkerrechtswidrige Handlung begeht, kommt es nicht
zur Verantwortlichkeit, wenn ein Rechtswidrigkeitsausschließungsgrund vorliegt. Das Recht
der völkerrechtlichen Verantwortlichkeit kennt insgesamt sechs solcher Gründe, die in den
Artikeln 20 bis 25 ASR aufgelistet sind:
 Einwilligung (Art 20)
 Selbstverteidigung (Art 21)
 Gegenmaßnahmen (Art 22)
 Höhere Gewalt (Art 23)
 Notlage (Art 24) und
 Notstand (Art 25).

70
95a. Staatsnotstand: Was versteht man darunter? Unter welchen Voraussetzungen?
S. 379ff VV, Rz. 2469ff Handbuch
Wir sind beim großen Thema der völkerrechtlichen Verantwortlichkeit. Dabei geht es das
Einstehenmüssen von Staaten und IO für von ihnen begangene Völkerrechtsverletzungen. Da
dieses Rechtsgebiet nicht vertraglich geregelt ist, spielt das Gewohnheitsrecht eine besondere
Rolle. Die GV der VN beauftragte die ILC mit der Kodifikation des Rechts der
Staatenverantwortlichkeit. Der endgültige Text (Artikel über die Verantwortlichkeit der Staaten
für völkerrechtswidrige Handlungen, Articles on the Responsibility of States for Internationally
Wrongful Acts = ASR) wurde von der GV im Jahr 2001 ohne Gegenstimme zur Kenntnis
genommen. Die ASR wurden zwar als Vertragsentwurf verfasst, doch kam es nie zu einem
verbindlichen Vertrag. Allerdings wird der ILC-Text weitgehend als Kodifikation des
Völkergewohnheitsrechts angesehen, weshalb er oft in die Rechtsprechung nationaler und
internationaler Gerichte einfließt. Das Pendant für Internationale Organisationen lauter ARIO
(Articles on the Responsibility of International Organisations for Internationally Wrongful Acts).
Wenn ein Staat eine ihm zurechenbare völkerrechtswidrige Handlung begeht, kommt es nicht
zur Verantwortlichkeit, wenn ein Rechtswidrigkeitsausschließungsgrund vorliegt. Einen
solchen Ausschließungsgrund bildet der Notstand (auch Staatsnotstand genannt). Darauf
kann sich ein Staat stützen, wenn die ansonsten rechtswidrige Handlung

 die einzige Möglichkeit darstellt


 ein wesentliches Interesse des Staats
 vor einer schweren und unmittelbar drohenden Gefahr zu schützen und
 seinerseits kein wesentliches Interesse des verletzten Staates oder der gesamten
internationalen Gemeinschaft beeinträchtigt.
Schwierig hierbei ist die Beurteilung, ob tatsächlich eine schwere Gefährdung droht und ob
der Eingriff in völkerrechtliche Rechte anderer die einzige Möglichkeit ist, die Drohung
abzuwenden. Im Gabcikovo-Nagymaros-Fall äußerte sich der IGH grundlegend zum Begriff
der schweren und unmittelbar drohenden Gefahr. Der Fall handelt von einem 1977 vertraglich
vereinbarten Staudammprojekt zwischen Ungarn und der damaligen Tschechoslowakei.
Ungarn stellte aufgrund ökologischer Bedenken den ungarischen Teil des Projekts ein und
berief sich auf „ökologischen Staatsnotstand“. Da bilaterale Verhandlungen ergebnislos
blieben, plante die Tschechoslowakei eine andere Variante der Umsetzung, welche sie dann
auch umsetzte. Zusätzlich wandte Ungarn ein, dass insbesondere der politische
Systemwechsel im Land (vom Kommunismus zu einer parlamentarischen Demokratie) eine
grundlegende Veränderung der Umstände darstelle. Der IGH bejahte die grundsätzliche
Relevanz solcher politischen Umstände, doch sah er im gegenständlichen Fall keinen
unmittelbaren Zusammenhang zum Staudammprojekt. Des Weiteren hielt er fest, dass
Umweltbedenken ein wesentliches Interesse im Sinne des Notstandes darstellen können.
Allerdings lag weder eine schwere oder unmittelbar drohende Gefahr vor, noch war der
Vertragsbruch die einzige Möglichkeit zur Abwendung der Gefahr. Insofern konnte sich Ungarn
nicht auf den Rechtswidrigkeitsausschließungsgrund des Notstands berufen. Die Berufung auf
Notstand ist in 2 Situationen ausgeschlossen:
1. wenn die betreffende völkerrechtliche Verpflichtung diese Möglichkeit ausschließt.
Dies ist typischerweise in Menschenrechtsverträgen in Bezug auf besonders
grundlegende Rechte der Fall. Bsp: Folterverbot, Sklavereiverbot, Recht auf Leben,
keine Strafe ohne Gesetz.
2. Keine Berufung auf Notstand, wenn der Staat zur Notstandssituation selbst
beigetragen hat.
Achtung: Die Verletzung einer zwingenden Norm des allgemeinen Völkerrechts (ius cogens)
kann nie gerechtfertigt sein!

71
Der Rechtwidrigkeitsausschließungsgrund darf nicht mit den oft in BITs enthaltenen
Notstandsklauseln verwechselt werden. Solche Klauseln führen dazu, dass das BIT im
konkreten Fall gar nicht verletzt wurde, ergo kommt es mangels Verletzung des BIT
(=völkerrechtlicher Vertrag) erst gar nicht zur Prüfung des Notstands.
95b. Formen der Wiedergutmachung!
S.382 VV, Rz. 2473ff Handbuch
Wenn ein Staat völkerrechtlich verantwortlich wird, trifft ihn die Verpflichtung

 zur Beendigung der Völkerrechtsverletzung und zur Leistung angemessener Zusagen


und Garantien der Nichtwiederholung sowie
 zur Leistung voller Wiedergutmachung.
Die Verpflichtung zur Leistung voller Wiedergutmachung wurde vom Ständigen Internationalen
Gerichtshof grundlegend im Chorzow-Fall ausgesprochen. Dabei ging es um eine
Stickstofffabrik in Deutschland im Eigentum eines Deutschen Unternehmens. Im Jahr 1920
wurde per Gesetz die Enteignung sämtlichen deutschen Eigentums in den an Polen
abgetretenen Gebieten vorgesehen. Allerdings wurde 1922 ein völkerrechtlicher Vertrag mit
Deutschland abgeschlossen, das für Privateigentum eine Ausnahme davon vorsah. Dennoch
wurde das Stickstoffwerk enteignet. Der StIGh entschied, dass diese Enteignung gegen den
deutsch-polnischen Vertrag verstieß. Damit lag eine Völkerrechtsverletzung vor, welche die
Pflicht zur vollen Wiedergutmachung auslöst. Der StIGH sprach sich allerdings nicht
hinsichtlich der Höhe des Schadenersatzes aus.
Ziel der Wiedergutmachung ist die Wiederherstellung der Situation, wie sie bestanden hätte,
wenn die Verletzung nicht begangen worden wäre. Die Wiedergutmachungspflicht hat daher
eine reparative Funktion. Die Verpflichtung zur Leistung voller Wiedergutmachung besteht nur
unter zwei Voraussetzungen:

 Vorliegen eines Schadens


 Kausalität der Völkerrechtsverletzung für diesen Schaden.
Ersetzbar sind sowohl materielle als auch immaterielle Schäden. Je nach Art des Schadens
kommen unterschiedliche Formen der Wiedergutmachung zur Anwendung. Es gibt 3 Formen:

 Restitution (Art 35 ASR). Die Restitution kann entweder faktisch erfolgen (etwa durch
Rückgabe von zu Unrecht beschlagnahmten Eigentums oder die Freilassung von zu
Unrecht inhaftierten Personen) oder rechtliche Maßnahmen erfordern (etwa
Aufhebung eines völkerrechtswidrigen Rechtsakts).
 Schadenersatz (Art 36 ASR). Der Schadenersatz umfasst Wiedergutmachung in Form
von geldwerter Entschädigung und wird in der Praxis am häufigsten geltend gemacht.
Schadenersatz kann lediglich für finanziell messbaren Schaden geleistet werden.
Ersatzfähig ist daher sowohl der materielle Schaden der Staaten und der Staatsbürger
als auch der immaterielle Schaden auf Seiten der Staatsbürger, weil dieser als
finanziell messbar gilt.
 Genugtuung (Art 37 ASR). Im Rahmen der Genugtuung wird finanziell nicht messbarer
Schaden, also immaterieller Schaden von Staaten, wiedergutgemacht. Als
immaterieller Schaden wird die Kränkung oder Demütigung eines Staats verstanden.
Es geht also quasi um die Wiederherstellung der Staatenehre. Üblicherweise besteht
Genugtuung in symbolischen Akten, wie zB in einer offiziellen Entschuldigung.
Der verletzte Staat hat kein Wahlrecht zwischen diesen 3 Formen. Da Restitution aber der
vollen Wiedergutmachung am nächsten kommt, genießt sie Vorrang vor den anderen beiden.

72
96. Sanktionen bei Menschenrechtsverletzungen? (Südrhodesien und UN-Sicherheitsrat)
Im Rahmen der VN bestehen zahlreiche Instrumente zum Schutz der Menschenrechte. Zum
einen wurden Dokumente und verbindliche Verträge ausgearbeitet, die entweder dem Schutz
der Menschenrechte allgemein, dem Schutz bestimmter Kategorien von Rechten oder dem
Schutz bestimmter Personengruppen dienen. Internationale Schutzmechanismen wurden
eingerichtet.
Bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948, UDHR, handelt es sich um eine
Resolution der UN-Generalversammlung. Ist ein nicht-bindender Beschluss und hat lediglich
Empfehlungscharakter. Teil der Lehre anerkennt es als kodifiziertes Völkergewohnheitsrecht,
anderer Teil sieht darin eine Interpretation des Menschenrechtsbegriffs der UN-Charta.
Zusammen mit den UN-Menschenrechtspaketen und deren Zusatzprotokollen wird sie auch
als Internationale Menschenrechtscharta bezeichnet.

Menschenrechtsschutz im Rahmen regionaler Internationaler Organisationen:


-Europarat: 1949 gegründet. Organe sind das Ministerkomitee, die Parlamentarische
Versammlung sowie der EGMR.
Der Europarat hat zahlreiche Konventionen in diesem Zusammenhang ausgearbeitet:
-EMRK, Österreich ratifizierte sie 1958 und setzte diese in Verfassungsrang usw.
Obwohl die EMRK derzeit für die EU völkerrechtlich nicht verbindlich ist, nimmt sie schon jetzt
eine besondere Stellung im Unionsrecht ein. Zum einen ist die EMRK Inspiration für die
Grundrechte als allgemeine Rechtsgrundsätze im Unionsrecht. Zum anderen statuiert die EU-
Grundrechtecharta ausdrücklich die EMRK als Minimumstandard und legt fest.

Völkerrechtliche Gerichtsbarkeit bei typischerweise Verstößen gegen humanitäres Völkerrecht


oder verwandte Materien (zB Verbrechen gegen Menschlichkeit, Völkermord usw)
— ad-hoc-Tribunale:
-Sicherheitsrat (als Träger der UN-Hauptverantwortung für Frieden und Sicherheit) hat
gelegentlich ad-hoc-Tribunale zur gerichtlichen Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und
Vorwürfen des Völkermords eingesetzt. Einsetzung solcher Tribunale erfolgt idR durch
Resolution des Sicherheitsrats, gestützt auf Kapitel VII der UN-Charte (für alle bindend).
Entwicklung/Zweck: historisch gesehen werden Täter von Gräueltaten nicht vor Gericht
gestellt, was Anlass neuer Konflikte ist/sein kann. Bsp: Strafgerichtshöfe für Ruanda und Ex-
Jugoslawien
— Internationaler Strafgerichtshof: 1998 in Rom: Mitgliedsstaaten der UNO haben Statut für
permanenten Internationalen Strafgerichtshof (ICC) ausgearbeitet; im Juli 2002 in Kraft
getreten ⤇ seit diesem Zeitpunkt ist ICC einsatzbereit. ICC ist mit Verfolgung von Verstößen
gegen humanitäres Völkerrecht, Kriegsverbrechen, Völkermord, Verbrechen gegen die
Menschlichkeit beauftragt. ICC ist für konkretes Verfahren zuständig, wenn Person
Angehöriger einer Vertragspartei ist, oder unabhängig davon Tat auf Gebiet der Vertragspartei
begangen wurde, jedenfalls aber, wenn Sicherheitsrat unter Kapitel VII der Charta tätig wird
und ICC mit Situation befasst. ICC wird immer nur komplementär tätig, dh wenn kein Staat
nationales Strafverfahren durchführt oder zu dessen Durchführung nicht willens oder fähig ist.
Statut regelt allgemeine Grundsätze, gliedert ICC in Organe (Präsidium,
Verfahrensabteilungen mit insgesamt 18 Richtern, Anklagebehörde und Kanzlei) und regelt
dreigliedriges Verfahren (Vor-, Haupt-, Rechtsmittelverfahren). ICC verhängt Freiheitsstrafen.
Stand April 2012: 121 Staaten als Vertragsparteien des ICC-Statuts; Fernbleiben der USA, da
Genehmigungsvorbehalt (Statut nicht ratifiziert, weil sie an ihrer alleinigen Jurisdiktion über ihr
Militärpersonal unter Uniform Code of Military Justice 1950 festhalten wollen).

73
97. Wie definiert man Völkermord?
S. 345 VV
Völkermord umfasst gem. Artikel 6 Römisches Statut sämtliche Handlungen, die in der Absicht
begangen werden, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz
der teilweise zu vernichten. Dieser Artikel wurde wortwörtlich von Artikel II
Völkermordkonvention übernommen.
Die Völkermordkonvention selbst entstand als Reaktion auf den Holocaust. Dabei wurden die
Vereinten Nationen mit der Erarbeitung einer Konvention zum Verbot des Völkermords betraut.
In Artikel II werden 5 Handlungen genannt, die jede für sich Völkermord darstellen, wenn sie
mit der Absicht begangen werden, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe
als solche ganz der teilweise zu zerstören. Diese fünf Handlungen sind:
1. Tötung von Mitgliedern der Gruppe
2. Zufügen von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der
Gruppe
3. Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, deren
körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen
4. Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe
gerichtet sind
5. Zwangsweise Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.
Diese Definition diente als Vorlage für sämtliche weitere Vertragswerke und Umsetzungen als
innerstaatliche Strafbestimmungen. Der völkerstrafrechtliche Tatbestand des Völkermords
steht völkergewohnheitsrechtlich in Geltung. Darüber hinaus handelt es sich nach Lehre und
Rechtsprechung unumstritten um eine ius cogens-Norm, die Wirkung erga omnes entfaltet.
Art III der Völkermordkonvention verpflichtet dazu, neben dem Völkermord auch die
Verschwörung, den Anreiz, den Versuch und die Beteiligung am Völkermord zu bestrafen.
Um den Tatbestand des Völkermords zu erfüllen, braucht es daher sowohl die Erfüllung eines
subjektiven (Vorsatz) als auch eines objektiven Tatbestandselements (also eines der oben
genannten Handlungen). An das Vorliegen des Vorsatzes werden hohe Anforderungen
gestellt. So betonte der IGH im Völkermord-Fall die Notwendigkeit eines spezifischen
Vorsatzes (dolus specialis), der darin besteht, die Gruppe teilweise oder zur Gänze
auszulöschen. So fallen etwa gezielte Tötungen von Angehörigen einer Volksgruppe für sich
nicht unter die Völkermord-Definition. Selbst die Tötung aufgrund einer solchen Zugehörigkeit
reicht ohne spezifischen Vorsatz nicht aus.
Gemäß Artikel 5 Römisches Statut fallen folgende vier Verbrechen in die Zuständigkeit des
ICC (International Criminal Court = Internationaler Strafgerichtshof):

 Völkermord
 Verbrechen gegen die Menschlichkeit
 Kriegsverbrechen und
 Aggression.

74
98. Kann die Generalversammlung bindende Beschlüsse fassen? Wenn ja, warum?
— Zusammensetzung und Beschlussfassung: besteht aus (bis zu jeweils fünf) Vertretern aller
Mitgliedsstaaten; jeder Mitgliedsstaat hat eine Stimme; Beschlüsse entweder mit Zweidrittelmehrheit
oder mit einfacher Mehrheit von anwesenden und abstimmenden Staaten; Beschlüsse in wichtigen
Angelegenheiten mit Zweidrittelmehrheit gefasst; Mitglieder, die mehr als zwei Jahresbeiträge zum
Budget der UNO im Rückstand sind, verlieren ipso iure Stimmrecht in Generalversammlung;
Generalversammlung tritt alljährlich im Herbst zu ordentlicher Sitzung zusammen (im Bedarfsfall auch
außerordentliche Sitzungen; in Notfällen auch Dringlichkeitssitzungen); Beschlüsse der
Generalversammlung haben keine bindende Wirkung ≥ bloße Empfehlungen; Ausnahmen davon
sind organisationsinterne Rechtsakte (Beschlussfassung für Aufnahme neuer Mitglieder, Budget usw
Allgemeine Zuständigkeit: umfassend und erstreckt sich auf alle Angelegenheiten, die im sachlichen
Anwendungsbereich der Charta liegen
wesentlichste Zuständigkeiten: Frieden und Sicherheit: Debatte über Angelegenheiten der Charta,
Empfehlungen an Mitglieder/Sicherheitsrat; allgemeine Fragen des Weltfriedens und internationale
Sicherheit (Rüstungskontrolle); Friedens- und Sicherheitsfragen; Maßnahmen zur Bereinigung
friedens- und sicherheitsgefährdender Situationen; Generalversammlung darf nur dann Empfehlungen
aussprechen, wenn Sicherheitsrat in betreffender Angelegenheit nicht tätig wird oder ausdrücklich
Tätigwerden von Generalversammlung wünscht; Budget: Generalversammlung prüft und genehmigt
Budget und setzt Verteilungsschlüssel; Förderung der internationalen Zusammenarbeit:
Generalversammlung ist zuständig für Untersuchungen und Empfehlungen zur Förderung der
internationalen Zusammenarbeit, Kodifikation und Fortentwicklung des Völkerrechts ⤇ International
Law Commission (ILC) von großer Bedeutung
— subsidiäre Zuständigkeit in Sicherheitsfragen: Uniting for Peace — Generalversammlung ist trotz
Einschränkung des Art 12 zur Abgabe von konkreten Empfehlungen in Friedens- und
Sicherheitsangelegenheiten zuständig, wenn Sicherheitsrat mit Sache zwar befasst ist, aber wegen
politischen Interessenskonflikte unter seinen ständigen Mitgliedern blockiert ist und keinen Beschluss
fassen kann — idF soll Generalversammlung all jene Kompetenzen, die sonst Sicherheitsrat
zukommen, haben (Praxis begann im Korea-Konflikt 1950) — aber: umstrittene Positionen
demonstrativ in Art 18 Abs 2 UN-Charta genannt: zB Empfehlungen in Sachen des Weltfriedens und
internationalen Sicherheit, Wahl von Mitgliedern in Hauptorgane der UNO, Aufnahme neuer
Mitglieder und Budgetangelegenheiten.
— implied powers: Kompetenzen, die in bestehenden Kompetenzen notwendig enthalten sein oder
ergänzend neben diese treten müssen, damit Organisation ihre Ziele erreichen kann — zwei Varianten
der implied powers: — implied powers ieS (untergeordnete implied powers), die zur effektiven
Ausübung bestehender ausdrücklicher Kompetenzen notwendig sind — implied powers iwS
(nebengeordnete implied powers), die in Ermangelung ausdrücklicher Kompetenzen zur
Zielerreichung der Organisation notwendig sind — für UNO ist Figur der implied powers vom IGH in
UNO-Rechtsgutachten Rechtsgutachten Reparation for Injuries („Bernadotte“-Fall) ausdrücklich
anerkannt worden

75
99. Bundesländer als Völkerrechtssubjekte?
Ist Österreich ein Staat? ja, da alle drei Staatsmerkmale vorliegen
Ist Oberösterreich ein Staat? — nein, nur Gliedstaat
— in bundesstaatlich organisierten Staaten sind Kompetenzen zwischen Zentralstaat und seinen
Gliedstaaten aufgeteilt
— Gliedstaat trägt nicht alle Staatsmerkmale (da Zentralstaatsgewalt in vielen Bereichen
Gliedstaatsgewalt übergeordnet); können jedoch Elemente der Außenbeziehung im Rahmen der
verfassungsrechtlichen Kompetenzverteilung zugewiesen werden; sind immer derivative (abgeleitete)
Völkerrechtssubjekte, weil ihre Völkerrechtssubjektivität vom Zentralstaat und seiner Verfassung
abgeleitet wird
— Art 15a B-VG: Bundesländer können mit Bund Vereinbarungen ihres jeweiligen Wirkungsbereiches
abschließen (vertikale Vereinbarungen) oder untereinander in ihrem selbständigen Wirkungsbereich
(horizontale Vereinbarungen); diese Vereinbarungen sind keine echten völkerrechtlichen Verträge,
zwar teilweise durch Völkerrecht bestimmt, weil Grundsätze des formellen völkerrechtlichen
Vertragsrecht (WVK I) kraft Art 15a Abs 3 B-VG darauf anzuwenden sind; sind aber nicht im materiellen
Sinn vom Völkerrecht bestimmt, weil staatsrechtliche (und nicht völkerrechtliche Rechte und Pflichten)
zwischen Parteien schaffen
— Art 16 B-VG begründet partielle und partikuläre Völkerrechtssubjektivität der Bundesländer mit an
Österreich angrenzenden Staaten und/oder deren Gliedstaaten; Abschluss derartiger Verträge
erfordert Zustimmung der Bundesregierung und erfolgt durch Bundespräsidenten, der hier für Länder
tätig wird.
— partielle Völkerrechtssubjektivität: Bund hat nur engen Bereich der Außenbeziehungen in
Länderhand gelegt und darüber hinaus Vorbehalt von Aufsichts- und Kontrollrechten.
— für Bereiche der Landeskompetenzen (Art 10–15 B-VG)

100. Internationale Strafgerichtsbarkeit!


S. 340ff VV
Die Möglichkeit (innerstaatliche) Strafgerichtsbarkeit auszuüben ist ein Ausfluss der
Souveränität der Staaten. Dabei gibt es eine Reihe von Anknüpfungspunkten. Daraus haben
sich mehrere Prinzipien herausgebildet:

 das Territorialitätsprinzip knüpft an das Gebiet, auf dem die Tat begangen wurde
 das aktive Personalitätsprinzip knüpft an die Staatsangehörigkeit des Täters an, das
passive Personalitätsprinzip knüpft an jene des Opfers an
 das Auswirkungsprinzip knüpft an den Ort des Schadenseintritts an, weil dieser vom
Tatbegehungsort abweichen kann
 das Schutzprinzip sieht die Gerichtsbarkeit für die Verletzung bestimmter Rechtsgüter
vor
 das Universalitätsprinzip geht davon aus, dass gewisse internationale Verbrechen als
delicta iuris gentium (also als Verbrechen gegen das Völkerrecht) unabhängig jeglicher
Anknüpfungspunkte von jedem Staat verfolgt werden können. Ursprünglich geht dieses
Prinzip auf den Tatbestand der Piraterie zurück, da dieser üblicherweise auf Hoher
See, das heißt außerhalb der Hoheitsgewalt eines Staats, begangen wird. Heute
basiert dieses Prinzip auf dem Gedanken, eine mögliche Straflosigkeit bestmöglich zu
verhindern.
Eine Vielzahl von Staaten haben dieses Prinzip mittlerweile in die nationale
Strafrechtsordnung übernommen, so auch Österreich im §64 StGB.
Das Universalitätsprinzip ist allerdings auch Kritik ausgesetzt, insbesondere dort, wo
kein nationales Interesse des verfolgenden Staats gegeben ist.

76
101. Gibt es mündliche völkerrechtliche Verträge?
Einleitend gehört festgehalten, dass völkerrechtliche Verträge nach Art 38 IGH-Statut als
Internationale Abkommen bezeichnet werden. Sie können zwischen Völkerrechtssubjekten
(insb. Staaten und Internationalen Organisationen) sowohl schriftlich als auch mündlich
abgeschlossen werden und entfalten ihre rechtliche Wirkung lediglich zwischen den jeweiligen
Vertragsparteien. Art 3 WVK, welcher den Geltungsbereich abgrenzt, nimmt sogar explizit auf
„nicht schriftliche internationale Übereinkünfte“ Bezug. Somit kommt mündlichen Verträgen
sehr wohl Rechtswirksamkeit zu.
Die Bindungswirkung wird auf die Grundnorm pacta sunt servanda („Verträge müssen
eingehalten werden“) zurückgeführt. Dieser Grundsatz stellt Völkergewohnheitsrecht dar und
gilt zudem als allgemeiner Rechtsgrundsatz.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen mündlichen Verträgen und bilaterales
Völkergewohnheitsrecht. Während bei einem Vertrag stets eine Willensübereinkunft beider
Parteien notwendig ist, wird beim Völkergewohnheitsrecht nicht darauf abgestellt.

102. Was versteht man unter erga-omnes Verpflichtungen? Welche Bedeutung haben sie?
S. 39f VV, Rz 232, 482ff, 2521 Handbuch
Es gibt im Völkerrecht zwei Rechtsfiguren, die an der qualitativen Höherwertigkeit einer Norm
anknüpfen. Es handelt sich dabei um die Konzepte von ius cogens und der Wirkung erga
omnes.
Das Konzept von Rechten mit Wirkung erga omnes („gegen alle“) bezieht sich auf die Frage
der Durchsetzung einer solchen Bestimmung. Ebenso wie im innerstaatlichen Rechtsweg
bedarf es zur Geltendmachung einer Rechtsverletzung auch im Völkerrecht eines
Rechtsinteresses. Aufgrund der hohen Bedeutung gewisser Bestimmungen wird bei diesen
ein solches fingiert, auch wenn ein Staat nicht unmittelbar betroffen ist. Das heißt, dass im
Falle einer Verletzung eines Rechts mit Wirkung erga omnes nicht bloß der unmittelbar
verletzte Staat, sondern zugleich auch jeder andere Staat diese Verletzung geltend machen
kann.
Im Bereich der völkerrechtlichen Verantwortlichkeit wird darüber hinaus zwischen der
Verletzung von Rechten mit Wirkung erga omnes und erga omnes partes (Rechte „gegen alle
Parteien) unterschieden. Letztere bezeichnen Verpflichtungen, die im Rahmen eines
multilateralen Vertrages sämtlichen Parteien gegenüber geschuldet sind. Im Falle einer
völkergewohnheitsrechtlichen Verpflichtung sind diese gegenüber allen anderen Staaten der
internationalen Gemeinschaft zu erfüllen. Solche multilateralen Verpflichtungen sind dadurch
charakterisiert, dass sie zum Schutz eines „kollektiven“ Interesses ins Leben gerufen wurden
und einer ganzen Gruppe von Staaten oder Internationalen Organisationen gegenüber
geschuldet ist. Diese Gruppe kann ebenso sämtliche an einem multilateralen Vertrag
beteiligten Staaten umfassen.
Beispiele für Verträge, die multilaterale Verpflichtungen enthalten:

 Umweltschutzverträge
 Menschenrechtsverträge
 Verträge über die Wahrung der Sicherheit in einer Region (zB. Abrüstungsverträge)
 Verträge zum Schutz bestimmter Personengruppen.

77
Dieses Konzept hat der IGH im Barcelona Traction-Fall zwischen Belgien und Spanien
anerkannt. Dabei hat er einen demonstrativen Katalog von Bestimmungen vorgelegt, die der
gesamten internationalen Gemeinschaft geschuldet sind (entspricht den ius cogens-
Bestimmungen). Dieses Konzept ist aber auch außerhalb von Verträgen aufgrund des
Völkergewohnheitsrechts anwendbar.
Achtung: Alle ius cogens-Normen entfalten zugleich auch Wirkung erga omnes. Allerdings
stellen nicht alle Normen mit Wirkung erga omnes zugleich ius cogens-Normen dar!
Die Erga-omnes Verpflichtung ist besonders bei gravierenden Verletzungen des Völkerrechts
wichtig. Normalerweise beschränkt sich die Strafjurisdiktion der Länder auf Sachverhalte, die
auf ihrem Gebiet begangen wurden (Territorialprinzip), gegen bestimmte Staatsangehörige
verübt wurden( Personalitätsprinzip), gegen bestimmte Rechtsgüter gesetzt werden oder sich
auf ihrem Gebiet auswirken ( Auswirkungsprizip). Jedoch gibt es dann Tatbestände, die
strafbar sind, egal wo sie begangen wurden. Hierzu gehören die internationalen Verbrechen
im engeren Sinn. Es gehören Völkermord, Kriegsverbrechen, Piraterie, Verbrechen gegen die
Menschlichkeit und Aggression dazu. Sie alle sind im Römer Statut für den Internationalen
Gerichtshof normiert.

Kriegsverbrechen: Im Römer Statut gibt es eine Liste von 50 Kriegsverbrechen, die auf den
internationalen und nicht internationalen Konflikt anwendbar sind. Beispiele sind
Kriegsverbrechen gegen die Zivilperson (Gewalt und Misshandlung, Geiselnahme, sexuelle
Verbrechen usw.), Kriegsverbrechen gegen das Eigentum, vorsätzliche Angriffe auf Personal
von friedenserhaltenden Missionen, der Einsatz verbotener Methoden der Kriegsführung
(Angriff auf zivile Objekte) und der Einsatz verbotener Waffen (Gift zb)

Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Hier gibt es auch eine Liste, wo die Verbrechen als Teil
eines ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung aus nationalen,
politischen, ethnischen, rassischen oder religiösen Grünen sowie in Kenntnis dieses Angriffs
erfolgen, der wiederum in Verfolgung oder zur Unterstützung einer entsprechenden Politik
eines Staates erfolgen muss. Als Beispiel sollte Ausrottung, Folter und vorsätzliche Tötung
genannt werden. Folter dient aber nicht der Informationsbeschaffung.

Völkermord bedeutet, wenn eine Handlung, die in der Konvention über die Verhütung und
Bestrafung des Völkermordes normiert ist, begangen wurde, um eine nationale, ethnische,
rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören.  Tötung von
Mitgliedern der gruppe usw.

Aggression bezeichnet man als die Planung, Vorbereitung, Einleitung oder Ausführung einer
Angriffshandlung, die ihrer Art, ihrer Schwere oder ihrem Umfang nach eine offenkundige
Verletzung der Vereinten Nationen darstellt, durch eine Person, die tatsächlich in der Lage ist,
das politische oder militärische Handeln eines Staates zu kontrollieren oder zu lenken.

78
103. Geltendmachung der Rechtmäßigkeit von Nukleareinsätzen (+ Gutachten-Thematik)!

Der Internationaler Gerichtshof befasste sich mit einem Gutachten für die
Generalversammlung, welches sich mit dem Rechtmäßigkeit der Drohung und des Einsatz
von Nuklearwaffen beschäftigte. Der Internationalen Gerichtshofs stellte fest, dass es weder
im Völkergewohnheitsrecht noch im Völkervertragsrecht eine ausdrückliche Erlaubnis zur
Drohung mit oder zur Anwendung von Atomwaffen existiere, zugleich aber auch kein
umfassendes und universell gültiges Verbot. Präzisiert hat er sie dahingehend, dass ein
Einsatz von Kernwaffen generell gegen das humanitäre Völkerrecht (besonders gegen den
Grundsatz der Unterscheidung) verstoßen würde; jedoch er die Frage der Rechtmäßigkeit des
Einsatzes in einer Extremsituation der Selbstverteidigung, in der das Überleben eines Staates
unmittelbar auf dem Spiel steht erlaubt sei. Eindeutig wurde die Verpflichtung zur nuklearen
Abrüstung bestätigt. Die Entscheidung war jedoch sehr knapp, da nur 7 von 14 Richterin dafür
stimmten und es das Recht des Präsidenten brauchte.
104. Das Jugoslawien-Tribunal wurde wie eingerichtet? Wen kann es verurteilen?
S. 355 VV
Das Internationale Straftribunal für das ehemalige Jugoslawien (kurz: ICTY = International
Criminal Tribunal for the former Yugoslavia) war ein ad hoc-Strafgerichtshof und wurde 1993
durch Resolution des Sicherheitsrats errichtet. Dabei handelte es sich um ein Nebenorgan des
UN-Sicherheitsrats mit Sitz in Den Haag. Am 31.12.2017 wurde das Jugoslawientribunal
offiziell geschlossen. (161 Personen angeklagt, davon 84 verurteilt).
In die Zuständigkeit des ICTY fielen sämtliche vom Statut erfassten Verbrechen, die seit dem
01.01.1991 auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien begangen wurden. Erfasst waren:

 Schwere Verletzungen der Genfer Abkommen (von 1949)


 Verstöße gegen die Gesetze oder Gebräuche des Kriegs
 Völkermord und
 Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Die Gerichtsbarkeit umfasst ausschließlich natürliche Personen (somit weder Organisationen,
noch Regierungen). Immunitäten, Befehlsausführung durch Untergebene sowie Handeln auf
Befehl führen weder zur Entbindung von strafrechtlicher Verantwortlichkeit noch zu
Strafmilderung. Das Jugoslawientribunal stand in konkurrierender Zuständigkeit zu nationalen
Gerichten, genoss jedoch Vorrang gegenüber diesen. Er konnte Verfahren an sich ziehen als
auch an nationale Gerichte delegieren.
Das Tribunal bestand aus 16 permanenten Richtern sowie maximal 12 ad-item Richtern (ad
litem = „für das Verfahren“), die fallweise herangezogen werden. Es gab einen Berufungssenat
bestehend aus 7 Richtern, der sowohl für den ICTY als auch für den ICTR zuständig war.
Die Rechtsprechung des Jugoslawientribunals hat weit über dessen Zuständigkeitsbereich
hinaus Anerkennung gefunden und spielt insbesondere bei der Fortentwicklung des
Völkergewohnheitsrechts in Bezug auf internationales Strafrecht, humanitäres Recht und die
Zurechnung von Organen eine Rolle.
Der ICTY hat im Tadic-Verfahren 1995 ausjudiziert, dass Kriegsverbrechen nicht nur in
internationalen bewaffneten Konflikten, sondern auch in nicht-internationalen Konflikten
begangen werden können und daher auch in diesem Zusammenhang strafbar sind.
Zu IRMCT siehe Frage 105.

79
105. Wie wurde das Ruanda Tribunal eingerichtet? Für welche Verbrechen war es
zuständig?
S. 356 VV
Das Internationale Straftribunal für Ruanda (kurz: ICTR = International Criminal Tribunal for
Rwanda) war ein ad hoc-Strafgerichtshof und wurde 1994 durch Resolution des
Sicherheitsrats errichtet. Dabei handelte es sich um ein Nebenorgan des UN-Sicherheitsrats
mit Sitz in Arusha, Tansania. Am 31.12.2015 wurde das Tribunal offiziell geschlossen.
Der ICTR wurde nach Vorbild des ICTY errichtet, um die Täter des Völkermords an der
ethnischen Gruppe der Tutsis in Ruanda zur Verantwortung zu ziehen. Erfasst waren:

 Völkermord
 Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie
 Verstöße gegen Art 3 der Genfer Abkommen und gegen deren 2. Zusatzprotokoll.
Sämtliche Zuständigkeits- und Verfahrensbestimmungen orientieren sich an den
Bestimmungen des ICTY. Der Aufbau des ICTR entspricht jenem des ICTY, dh. er besteht aus
16 permanenten Richtern sowie maximal 12 ad litem-Richtern. Es gab einen Berufungssenat
bestehend aus 7 Richtern, der sowohl für den ICTY als auch für den ICTR zuständig war.
Der ICTR verurteilte erstmals ein ehemaliges Staatsoberhaupt wegen Völkermord. In einem
anderen Fall wurde die Definition des Völkermords erstmals von einem internationalen
Gerichtshof interpretiert sowie Vergewaltigung als Tathandlung des Völkermordtatbestands
akzeptiert.
2010 hat der UN-Sicherheitsrat durch Resolution den Internationalen Residualmechanismus
für die ad hoc-Straftribunale geschaffen (kurz: IRMCT). Er ist Rechtsnachfolger des
Jugoslawientribunals und des Ruanda-Tribunals und soll im Wesentlichen die Tätigkeit dieser
beiden ad hoc-Straftribunale zum Abschluss bringen. Er operierte parallel zu den beiden
Tribunalen.

106. Wie definiert man was „ius gestionis“ ist? Wie definiert man, wie ein Staat
handelt?

Acta iure gestionis – „Wirtschaftliche juristische Handlungen“ – ist ein Begriff aus dem
Völkerrecht und beschreibt wirtschaftliche Aktivitäten eines Staats, die dieser im
Ausland ausführt und für die er nicht immun vor der Jurisdiktion eines ausländischen
Staats ist, also die Privatwirtschaftsverwaltung eines Staates. Nach der Definition des
UN-Völkerrechtskommission (Interational Law Commission, ILC) handelt es sich
hierbei um „commercial activity“.

Wenn ein Staat handelt bezieht sich dies auf hoheitliches Handeln also acta iure imperii.

80
107. Was versteht man im Völkerrecht unter Kodifikation?
S. 50f VV, Rz 205ff Handbuch
Kodifikation bedeutet die systematische Erfassung und Verschriftlichung des geltenden
Völkergewohnheitsrechts. Dies erfolgt durch Festschreibung in einem multilateralen Vertrag.
Gemäß Art 13 UN-Charta ist es die Aufgabe der UN-Generalversammlung an der
fortschreitenden Entwicklung des Völkerrechts mitzuwirken und dessen Kodifikation zu
fördern. Zu diesem Zweck hat sie die ILC (International Law Commission) als Nebenorgan
eingesetzt. Diese kodifiziert in verschiedenen Bereichen das geltende Völkergewohnheitsrecht
und arbeitet an dessen Fortentwicklung. Die ILC kommt ihrem Auftrag vor allem durch die
Ausarbeitung von Konventionsentwürfen nach. Diese werden dann von der GV entweder an
Staatenkonferenzen zur abschließenden Behandlung übermittelt oder von ihr selbst
angenommen.
Neben der ILC sind auch noch andere private Organisationen mit der Kodifikation und
Rechtsentwicklung beschäftigt, so etwa die ILA (International Law Association). Die
Kodifikation bringt sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich:

Vorteile Nachteile
dynamische Entwicklung des
vereinfachte Ermittlung
Völkergewohnheitsrechts wird gehemmt
Inhalt wird präzisiert und damit außer Streit erfolgt oftmals im kleinsten gemeinsamen
gestellt Nenner
Senkt das Bedürfnis nach einem Vertragswerk
Systematisierung des Inhalts in Regeln und
und damit die Möglichkeit, Regeln neu zu
Ausnahmen
evaluieren
gemeinsames Unterfangen durch Mitwirken von
dauert oft sehr lange
Experten vieler Staaten
erlaubt teilweise fortschreitende Entwicklung
einzelner Aspekte, sofern die Kodifikation als
Gewisse Aspekte folgen Kompromissen
Gesamtpaket eines Rechtsgebiets durchgeführt
wird

Prominente Beispiele für kodifiziertes Völkergewohnheitsrecht: WDK, WVK, WKK,


Seerechtsübereinkommen, Pariser Seerechtsdeklaration, die beiden Haager Übereinkommen
und die ILC-Artikel zur Staatenverantwortlichkeit.

108. Im Jahr 2003 sind USA + andere Staaten gegen Irak vorgegangen: Mit
welchem Argument? + Thematik: Angriff und Selbstverteidigung

Man Begann den Konflikt mit dem Argument der präventiven Selbstverteidigung.
Normalerweise braucht man für das Recht der Selbstverteidigung ein Angriff des anderen
Staates, da man sonst selbst gegen das Gewaltverbot verstoße. Die USA behauptete, dass
das irakische Regime Atomwaffen besitzen würde, die irgendwann gegen die USA eingesetzt
werden würden, weswegen jetzt anzugreifen sei. Diese Art der präventiven Selbstverteidigung
steht nicht in der Satzung der VN, jedoch ist sie Staatenpraxis und wird von der Lehre
unterstützt.

81
109. Sind Serbien und Montenegro Mitglieder der Vereinten Nationen?

Ja sind sie. Serbien ist seit 2000 Mitglied der VN, da die Badinter-Kommission keine
Sezession, sondern Dismembration von Jugoslawien annahm und die BRJ deswegen
den Sitz in den VN nicht weiterführen konnte. Montenegro ist seit 2006 ein
eigenständiges Land, weil es sich von Serbien mittels Separation getrennt hatte. Im Jahr
2006 wurde Montenegro auch in die VN aufgenommen.

110. Können Bedienstete der Atomenergiebehörde vor dem Arbeitsgericht klagen?

Nein, es die Atomenergiebehörde ist eine Internationale Organisation mit Sitz in Wien.
Sie genießt durch ihr Amtssitzabkommen gewisse Immunitäten gegenüber dem Staat
Österreich. In den meisten Satzungen/Amtssitzabkommen von Internationalen
Organisationen steht zwar die Ausnahme bei dienstrechtlichen Streitigkeiten von den
ordentlichen Gerichten nicht explizit in dem Dokument, jedoch kann man dies mit der
implied powers Lehre annehmen

111. NATO-Intervention im Kosovo: Welche Rechtfertigungsgründe gab es?


(Humanitäre Intervention)

112. Was ist humanitäres Völkerrecht?

Das ist der Regelungskomplex um den Begriff ius in bello. Hier sind die vier Genfer
Konventionen sowie die 2 Zusatzprotokolle einzuordnen.

113. Der ILC hat an der Staatenverantwortlichkeit gearbeitet: Was ist das
Ergebnis?

Das Ergebnis sind die ASR und die ARIO. Der Auftrag für die Staatenverantwortlichkeit
wurde von der GV im Jahre 1956 begonnen jedoch wurden die Arbeiten hierzu erst 2001
erledigt. Die Generalversammlung nahm diese an, jedoch war dies nicht bindend.
Trotzdem werden beide Kodifikationen von Gerichten angewandt

82
114. Deutsche Wiedervereinigung: Was war das völkerrechtlich?
S. 91 VV, Rz. 870ff Handbuch
Wir sind beim Thema der Staatennachfolge, welche in mehreren Varianten eintreten kann. Bei
Jugoslawien handelt es sich um einen Fall der Inkorporation. Darunter versteht man die
freiwillige Eingliederung eines Staates in einen anderen, fortbestehenden, und sich damit
vergrößernden Staat unter Verlust seiner staatlichen Existenz.
1945 (also nach dem zweiten Weltkrieg) hatten die USA, die Sowjetunion, Großbritannien und
Frankreich Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt und die oberste Kontrolle gemeinsam
durch den Alliierten Kontrollrat ausgeübt. Dieser übte die Regierungsgewalt für Deutschland
als Ganzes aus. Man spricht dabei von einem „Koimperium“. Der deutsche Staat bestand
allerdings weiter, da die Siegermächte ihre Annexionsabsicht explizit ausgeschlossen hatten.
Nachdem der Alliierte Kontrollrat ab 1948 handlungsunfähig wurde, schufen die 3 westlichen
Siegermächte 1949 in ihren Zonen die Bundesrepublik Deutschland (BRD). In der
sowjetischen Besatzungszone entstand die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Einer
Lehrmeinung zufolge bewirkte dies den Untergang des Deutschen Staates. Dagegen sprach
zum einen die Tatsache, dass die Siegermächte auf ihrer Verantwortung für „Deutschland als
Ganzes“ beharrten, und zum anderen gründete die BRD einen Alleinvertretungsanspruch für
das deutsche Volk, weil die DDR nicht als eigener Staat anerkannt wurde. Da eine
Staatsbürgerschaft der DDR nicht anerkannt wurde, galten DDR-Flüchtlinge als deutsche
Staatsangehörige.
Erst durch den 1972 zwischen der BRD und der DDR geschlossenen Grundlagenvertrag
erfolgte eine Anerkennung der DDR als Staat. Allerdings war die Reichweite dieser
Anerkennung strittig. Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Grundlagenvertrag
sprach aus, dass die BRD teilidentisch mit dem Deutschen Reich sei und dass die DDR
ebenso zu Deutschland gehöre. Aus diesem Grund wurde die DDR nicht als „fremder“ bzw.
„ausländischer“ Staate angesehen. Dies kam dadurch zum Ausdruck, dass Ostdeutsche
weiterhin als ihre Staatsbürger galten.
Nach dem Fall der Berliner Mauer kam es zwischen diesen beiden Staaten zur Errichtung der
Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion durch den Bonner Vertrag 1990. Im selben Jahr
beschloss die Volkskammer der DDR den Beitritt zur BRD mit dem 03.10.1990. Allerdings trat
die DDR nicht als Staat bei. Rechtlich gesehen konstituierten sich die ehemaligen Gebiete der
DDR als Länder wieder und traten dann gem. Art 23 des Grundgesetzes bei.
Gleichzeitig wurde zwischen der BRD und der DDR einerseits und den 4 Siegermächten
andererseits der sog. „2+4“ – Vertrag abgeschlossen (benannt nach der Anzahl der Parteien
auf der jeweiligen Seite des Vertrages). Darin wurde das Ende der Rechte und Pflichten der
Siegermächte und die volle Souveränität des vereinten Deutschlands festgelegt.
Die Bezeichnung „Wiedervereinigung“ ist insofern ungenau, als dass es sich um keine Fusion,
sondern um einen Beitritt handelt.

83
115. Österreich-Ungarische-Monarchie: Ist Österreich mit der Monarchie ident?
S. 166 VV, Rz. 868f Handbuch
Aus völkerrechtlicher Sicht ist die Frage nach dem Verhältnis Österreichs zu Österreich-
Ungarn (= Österreichisch-Ungarische Monarchie = k.u.k. Monarchie) besonders interessant,
weil es unterschiedliche Auffassungen gab.
Nach Ansicht der damaligen österreichischen Regierung ging Österreich-Ungarn im Herbst
1918 durch Dismembration unter, wobei auf dem Gebiet der österreichischen Reichshälfte
unter anderem der neue Staat Deutschösterreich entstand (= „Diskontinuität“).
Deutschösterreich wäre nach dieser Auffassung nicht Rechtsnachfolger der Monarchie
gewesen, was wesentliche Auswirkungen auf die Verpflichtungen nach Kriegsende mit sich
gebracht hätte. Als gänzlich neuer Staat wäre Deutschösterreich demnach nie Kriegspartei
gewesen, weshalb es auch keine Kriegsschulden oder Reparationszahlungen hätte leisten
müssen.
Nach Ansicht der Siegermächte des ersten Weltkriegs (Frankreich, GB, USA und Italien)
galten hingegen Österreich und Ungarn als Fortführerstaaten der beiden Reichshälften
Österreich-Ungarns. Damit war Österreich teilidentisch mit der Monarchie und galt in
Teilkontinuität als dasselbe Völkerrechtssubjekt. Der Staatsvertrag von St. Germain vom 10.
September 1919, der zwischen den Alliierten und Österreich unterzeichnet wurde und offiziell
den Krieg beendete, behandelte Österreich als Rechtsnachfolgerin der früheren Monarchie.
Neben der Namensänderung in „Republik Österreich“ und der Festlegung der Grenzen, wurde
eine Unabhängigkeitsverpflichtung darin verankert.

116. Was versteht man unter Verwaltungstribunal?


117. Was ist die Conciliation Commission?
118. Was sagt das „estoppel“-Prinzip?
S. 42 VV, Rz. 197 Handbuch
Die Rechtsfigur des „estoppel“ ist vor allem im angelsächsischen Rechtssystem gebräuchlich.
Es ist ein Ausdruck des Verbotes des venire contra factum proprium (auf Deutsch:
Zuwiderhandeln gegen früheres Verhalten) und steht in engem Zusammenhang mit dem
völkerrechtlichen Grundsatz von Treu und Glauben. Demnach darf ein Rechtssubjekt die
Unverbindlichkeit oder gar Rechtswidrigkeit seines früheren Verhaltens nicht geltend machen,
sofern ein anderes Rechtssubjekt gutgläubig darauf vertraut hat und durch eine
Verhaltensänderung Schaden erleiden würde. Es geht also um die Frage der Gutgläubigkeit
im Zusammenhang mit zuvor gesetzter Staatenpraxis.
Im Meuse-Fall zwischen den Niederlanden und Belgien entschied etwa der Ständige
Internationale Gerichtshof, dass Staaten, die beide Parteien eines völkerrechtlichen Vertrags
sind, in Bezug auf diesen keine Handlungen des jeweils anderen Staats einwenden können,
die sie selbst in der Vergangenheit gesetzt haben. (Es ging um die Entnahme von Wasser aus
dem Fluss Maas (niederländisch) bzw. Meuse (französisch)).
Beim „estoppel“ handelt es sich um eine verfahrensrechtliche Frage/Einrede. Es wird
angenommen, dass es sich dabei um einen allgemeinen Rechtsgrundsatz handelt.
Eng mit der Rechtsfigur des „estoppel“ sowie dem Grundsatz von Treu und Glauben hängt
auch die Verschweigung („acquiescence“) zusammen. Es ist ein Ausdruck des Grundsatzes
qui tacet consentire videtur (auf Deutsch: wer schweigt, scheint zuzustimmen). Demnach wird
ein materieller Rechtsanspruch verschwiegen, sofern kein Widerspruch von Seiten der
betroffenen Partei geäußert wird, ein solcher aber zu erwarten gewesen wäre. Dies hat der
IGH im Tempel von Preah Vihear – Fall zwischen Kambodscha und Thailand bestätigt.

84
119. Was ist Dumping?

Unter Dumping versteht man den Verkauf einer Ware unter ihrem Marktwert. Man kann nach
dem Anti-Dumpingübereinkommen Gegenmaßnahmen ergreifen, wenn
1. Dumping vorliegt
2. Ein inländischer Wirtschaftszeig tatsächlich oder potenziell geschädigt wird
3. Eine Kausalbeziehung zwischen Schädigung und Dumping besteht
4. Ein ordnungsgemäßes Antidumpingverfahren durchgeführt wurde
Eine Ware ist gedumpt, wenn ihr Preis bei der Ausfuhr niedriger ist als der Preis einer
gleichartigen Ware im normalen Handelsverkehr.  man kann dagegen Antidumpingzölle
erheben, ergo die Differenz verlangen.
Weitere Abwehrmaßnahmen sind Übereinkommen über Subventionen und
Ausgleichsmaßnahmen. Das bedeutet, dass eine Regierung oder eine öff. Körperschaft einen
finanziellen Beitrag leistet, wodurch einem Unternehmen einen Vorteil erhält.
Man kann in einem Untersuchungsverfahren festgestellt wird, dass ein unvorhergesehener
und markanter Importanstieg einer Ware zu einer Schädigung eines Inlandszweiges führt,
kann man auch temporäre Beschränkungen erlassen.

120. Österreichischer Staatsvertrag: Was steht da drinnen?

Österreich wurde von den Aliierten Mächten seine Souveränität wiedergegeben, weiters wurde
ein Rechte für Minderheiten sowie das Anschlussvorbot an Deutschland normiert. In der
Präambel steht, dass Österreich gewaltsam Annektiert und einverleibt wurde, was jedoch
gegen die Okkupationstheorie spricht, welche besagt, dass Österreich nur besetzt war und nie
in das Deutsche Reich eingegliedert wurde.

121. Ausschließliche Wirtschaftszone: Was ist das?

Früher gab es viele Streitigkeiten, ob man das Meer besitzen konnte. Es gab einerseits den
Ansatz von Grotius, der besagte, dass man das Meer nicht beherrschen kann und deswegen
es in niemandes Eigentum steht und andererseits die Ansicht von John Selden, der meinte,
dass Meer könne mit einer großen Flotte beherrscht werden. Auf Basis von Entwürfen der
International Law Commission wurden 4 Genfer Seerechtsübereinkommen angenommen, wie
zum Beispiel über den Festlandsockel. Nach mehreren erfolglosen Verhandlungen ( UNCLOS
II+III) kam es zur Aushandlung des UN Seerechtsübereinkommen (SRÜ), welches 1982
verabschiedet wurde und 1994 in Kraft trat. Es unterteilte das Meer in mehrere Zonen:

 Innere Gewässer
 Das Küstenmeer
 Die Meerengen
 Die Anschlusszone
 Die ausschließliche Wirtschaftszone
 Den Festlandsockel
 Die hohe See
 Den Tiefseeboden

85
Die inneren Gewässer sind all jene Gewässer, die landwärts der Basislinie sind. Buchten
zählen auch zu den inneren Gewässern, weswegen die Basislinie quer durch die Bucht geht.
Bei zu großen Buchten ( Große Syrte Libyen) ist dies aber strittig. In diesen Gewässern
haben die Staaten uneingeschränkte Souveränität( + Luftraum und Seeboden). Staaten
müssen keine anderen Schiffe in diesem Bereich dulden, außer es handelt sich um Seenot;
weiters können sie uneingeschränkt über Fischereirechte entscheiden. Archipel Staaten
müssen es dulden, dass es ein Durchfahrts- bzw. Überflugs recht gibt, jedoch dürfen sie die
Routen festlegen. Staaten mit hoheitlichen Aufgaben genießen Immunität.
Das Küstenmeer ist jener Meeresstreifen, der seewärts der Basislinie angrenzt, jedoch beträgt
die maximale Breite 12 Seemeilen.( wird schon als Vökergewohnheitsrecht angesehen) Das
Küstenmeer, der Luftraum darüber und der Meeresboden sowie dessen Meeresgrund
unterliegen der Souveränität des Küstenstaates, jedoch muss er friedliche Durchfahrt
gewähren. Dies ist dann der Fall, wen die Durchfahrt nicht den Frieden oder die Ordnung des
Küstenstaates beeinträchtigt. Er muss hier Gefahren bekannt machen ( Minen usw.) , kann
aber auch die friedliche Durchfahrt aussetzen, wenn dies für den Schutz seiner Sicherheit
unerlässlich ist. Kriegsschiffe dürfen, wenn sie sich nicht an die Regeln halten, ausgewiesen
werden, obwohl sie eigentlich Immunität besitzen. Der Küstenstaat darf Regeln erlassen, die
zum Beispiel den Artenschutz betreffen, er darf aber kein Geld für die Durchfahrt verlangen,
außer es geht um Lotsendienste. Die Strafgerichtsbarkeit ist auf die Fälle beschränkt, die sich
auf den Küstenstaat auswirken, den Frieden stören oder wenn es zur Bekämpfung des
Handels mit Drogen dient.
Die Meerengen müssen für die zügige Transitfahrt sorgen, man darf sie nicht versperren.
Inselvorbehalte sind Einschränkungen der Transitdurchfahrt für Meerengen, die durch das
Festland und eine Insel des Staates gebildet werden.
Die Anschlusszone (24 Sm von Basislinie entfernt) ist ein Recht, durch das Staaten über das
Küstenmeer hinaus bestimmte Hoheitsakte zur Überprüfung und Sicherstellung der Einhaltung
von zoll- und steuerrechtlichen Vorschriften.
Die ausschließliche Wirtschaftszone ist ein Konzept, welches von Kenia 1972 vorgelegt wurde.
Der Sinn dahinter war auch die wirtschaftliche Nutzung des Bereiches für den Küstenstaat
außerhalb des Küstenmeeres zu erlauben. Dieser Bereich geht bis zu 200 Seemeilen. Diese
Zone unterliegt nicht der Souveränität des Küstenstaates, jedoch hat er einige Nutzungs- und
eingeschränkte Hoheitsrechte. Die souveränen Rechte sind zum Beispiel: Recht auf
Erforschung und Ausbeutung, Erhaltung und Bewirtschaftung der lebenden und nicht
lebenden natürlichen Ressourcen des Meeres. Der Küstenstaat darf die zulässige Fangmenge
festlegen, sowie die eigene Fangkapazität. Den Überschuss dürfen andere Staaten
bekommen. Er kann auch künstliche Inseln errichten und nutzen, jedoch muss er dabei immer
die anderen Staaten berücksichtigen.
Der Festlandsockel ist relativ schwierig zu Messen. Hier kann die Festlandsockelkommission
Staaten helfen, ihren Festlandsockel zu bestimmen. Eine Methode ist, dass man 200 Sm
entfernt von der Basislinie die Grenze zieht. Die seitliche Abgrenzung für öfter zu Streit
zwischen den Parteien (Nordseefestlandsockel-Fälle). Es gibt aber die Genfer
Festlandsockelkonvention 1958, die bestimmt, dass bei gegenüberliegenden Staaten die
Mittelinie als Grenzlinie dient; bzw. bei keiner Einigung nach dem Äquidistanz Prinzip
vorgegangen werden soll (Grenze wird durch die Linie gebildet, von der jeder Punkt gleich weit
von der Basislinie entfernt ist). Die meisten Gerichte ziehen aber in Fällen nach Billigkeit, da
viele Staaten die Festlandsockelkonvention nicht ratifiziert haben. Nach den Truman-Doktrin
ist der Festlandsockel bzw. deren Ausbeutung ein Recht des Küstenstaates, die hohe See
darüber ist frei, Hier haben die Staaten das Recht an der Erforschung des Sockels, sowie die
Ausbeutung der Ressourcen.

86
Die hohe See ist ein staatfreier Raum und ist alles, was nicht zu den ob genannten Zonen
zählt. Hier ist das Schiff unter ausschließlicher Hoheitsgewalt des Flaggenstaates, jedoch wird
nach SRÜ ein genuine link gefordert, der aber in der Praxis ignoriert wird. Kriegsschiffe haben
das Recht der Nacheile, wenn das andere Schiff unter Verdacht steht die Gesetze des
Flaggenstaates zu brechen. Über die Erhaltung von Fischbeständen gab es diverse Verträge
der Staaten.
Der Tiefseeboden gilt als gemeinsames Erbe der Menschheit und darf somit nicht ausgebeutet
werden.
Zur Streitbeilegung gibt es den Internationalen Seegerichtshof in Hamburg(21 Richter,
Kammer für Meeresbodenstreitigkeiten) , aber auch die Zuständigkeit des IGH. Wenn man
der SRÜ beitritt muss eine schriftliche Erklärung abgegeben werden, ob man sich dem
internationalen Seegerichtshof, dem IGH, einem int. Schiedsgericht oder ein anderes
besonders Schiedsgericht unterwirft. Wenn beide streitenden Parteien nicht derselben
Streitschlichtung zugestimmt haben, so kann man dies nur mit einem internationalen
Schiedsgericht klären. Jedoch hat man viele Wahl-, Rückwahl und Ausnahme Tatbestände.
122. Wenn der Chauffeur der UNIDO einen Unfall mit dem Auto baut, kann man die UNIDO
klagen?
Grundsätzlich muss man hier zunächst schauen, wie die Immunität von der UNIDO in ihrem
Amtssitzabkommen geregelt ist. Die UNIDO ist eine Spezialorganisation der Vereinten
Nationen, die davor ein Hilfsorgan war. Die Frage ist hier, ob auch für Spezialorgane das
Übereinkommen der VN über die Privilegien und Immunitäten der Vereinten Nationen gilt,
welche besagt, dass die VN nicht geklagt werden können.
123. Antarktisvertrag: Was steht da drinnen?
S. 269 VV
Wie wir wissen, gibt es 2 Polarregionen, nämlich die Arktis und die Antarktis.
Die Antarktis ist eine Landmasse um den Südpol, die wegen der extremen klimatischen
Bedingungen nicht bewohnt ist und kaum effektiv durch einen Staat beherrscht werden kann.
Dennoch machten zu Beginn des 20. Jh. mehrere Staaten Gebietsansprüche geltend. Diese
waren jedoch nicht kompatibel, weil sie sich teilweise überschnitten. Aus diesem Grund wurde
der Antarktisvertrag ausgearbeitet, welcher 1959 unterzeichnet wurde und 1961 in Kraft trat.
Im Rahmen dessen einigten sich die 12 Vertragsstaaten darauf, ihre Gebietsansprüche „ruhen
zu lassen“ (treffender wäre: „einzufrieren“). Der Antarktisvertrag legt insbesondere fest, dass
die Antarktis der friedlichen Nutzung vorbehalten ist. Dazu gehört vor allem die
wissenschaftliche Forschung. Die militärische Nutzung sowie die Ausbeutung der Ressourcen
ist hingegen allen Staaten untersagt.
Es gibt nur ein einziges Steuerungsgremium im antarktischen Vertragssystem, nämlich die
Konsultativtagungen, die seit 1991 jährlich stattfinden. Die Themen der Konsultativtagungen
widmen sich der Verbesserung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, der Fortentwicklung
der antarktischen Systems sowie dem Umweltschutz.
Der Antarktisvertrag unterscheidet 3 Kategorien von Vertragsparteien:

 12 ursprüngliche Signatarstaaten => gelten als Konsultativparteien


 Später beigetretenen Vertragsparteien und
 Sog. Konsultativparteien.
Bei den Konsultativtagungen sind nur die Konsultativparteien stimmberechtigt.

87
Die Arktis besteht aus Eis und wird – im Vergleich zur Antarktis – nicht zur Landmasse gezählt.
Aus diesem Grund ist dort das internationale Seerecht anwendbar. Aufgrund der weiten
Distanz zu den Anrainerstaaten, ist ein Großteil der Arktis als Hohe See bzw. Tiefseeboden
anzusehen. Das Seerechtsübereinkommen stellt für die Hohe See ein Okkupationsverbot auf.
Der Tiefseeboden stellt das gemeinsame Erbe der Menschheit dar und darf keiner nationalen
Aneignung unterliegen. Aufgrund der in der Arktis vorkommenden natürlichen Ressourcen
haben jedoch bereits mehrere Anrainerstaaten Ansprüche gestellt, die Arktis in ihren
Festlandsockel einbeziehen zu wollen. Vor dem Hintergrund des ungeklärten politischen
Status wurde im Jahr 1996 der Arktische Rat gegründet, welcher über die Sicherheit in der
Region und über den Klimaschutz berät.

124. Gibt es den Fall, dass Österreich Gebietsansprüche stellt?

Österreich hat früher Gebietsansprüche auf Südtirol gestellt. Hier wurde durch ein
Geheimabkommen Südtirol Italien zugesprochen, obwohl der Großteil der Bevölkerung
deutschsprachig war. Durch den Vertrag von St. Germain 1919 wurde es an Italien übergeben,
wobei dies gegen die 14 Punkte von Wilson widersprach. Nach dem 2WK wollte Österreich
durch eine Volksabstimmung ein Selbstbestimmungsrecht für Südtirol erreichen, erreichte
aber nur begrenzte regionale Autonomie. ( Gruber de Gasperi Abkommen 1946) Im ersten
Autonomiestatut von 1948 erstreckte Italien diese Autonomie auch auf die Provinz Trient,
weswegen die Region mehrheitlich nur aus italienischer Bevölkerung bestand. Österreich
rügte als Schutzmacht dieses Vorgehen als nicht Erfüllung des Abkommens und erhob sogar
Staatenbeschwerde gemäß Art 24 EMRK. Auf Basis von VN-Resolutionen wurde eine
Kommission aus Italienern und Südtirolern gebildet, welche Forderungen zusammenstellen
sollten. Südtirol-Paket, welche ein Gentlemen’s Agreement über die Durchführung enthielt.
Das Paket wurde erst 1992 erfüllt. Durch die Aufnahme in die EU konnte man durch den
Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit die Zusammenarbeit festigen, da es
jetzt eine Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino gab, welche eigene Rechtspersönlichkeit hat.

125. Art 38 IGH-Statut: Sind da alle Quellen drin?


S. 37f VV
Art 38 IGH-Statut regelt, welche Rechtsquellen der IGH in seiner Entscheidungsfindung
anzuwenden hat. Beim IGH (Internationales Gerichtshof) handelt es sich um das höchste
rechtsprechende Organ der Vereinten Nationen.
Darüber hinaus wird dieser Bestimmung generell die Bedeutung eines Katalogs der
Völkerrechtsquellen beigemessen. Der 1. Absatz führt als Rechtsquellen des Völkerrechts

 die völkerrechtlichen Verträge (= internationale Abkommen)


 das Völkergewohnheitsrecht sowie
 die allgemeinen Rechtsgrundsätze an.
Diese werden auch als die primären Quellen des Völkerrechts bezeichnet. Zur Ermittlung
dieser primären Rechtsquellen nennt Art 38 IGH-Statut explizit die Entscheidungen nationaler
und internationaler Gerichte sowie die Lehre als Rechtserkenntnisquelle (= Hilfsmittel).
Allerdings ist Art 38 IGH-Statut nicht taxativ. Neben den bisher genannten Quellen existieren
auch:

 einseitige Rechtsgeschäfte sowie


 Beschlüsse Internationaler Organisationen

88
Dass letztere Quelle nicht im Wortlaut inkludiert ist, liegt wohl in der Entstehungsgeschichte
von Art 38 IGH-Statut. Der Wortlaut geht auf das Statut des Ständigen Internationalen
Gerichtshofs, dem höchsten rechtsprechenden Organ des Völkerbunds, aus dem Jahr 1920
zurück. Damals hatten IO (= Internationale Organisationen) noch nicht dieselbe Relevanz wie
heute. Ein Teil der Lehre vertritt, dass man deren Beschlüsse zumeist ohnehin auf
Kompetenzen aus den jeweiligen Gründungsverträgen, also wiederum internationale
Abkommen, zurückführen kann.
Von besonderer Bedeutung bei der Interpretation der Völkerrechtsquellen ist die
Rechtsprechung der IGH. Dieser hat selbst in einer Reihe von Entscheidungen eine Reihe
einseitiger Rechtsgeschäfte sowie Beschlüsse IO angewandt.
Eine weitere Besonderheit besteht in der Möglichkeit, dass der IGH gem. Art 38 Abs 2 IGH-
Statut nach Billigkeit entscheidet, also ohne Bindung an den Rechtsquellenkatalog des 1.
Absatzes. Allerdings gibt es bis heute keinen Anwendungsfall, wo sich die Parteien auf eine
solche Vorgehensweise geeinigt hätten.
Obwohl die in Art 38 IGH-Statut genannten Rechtsquellen formell gleichrangig sind, entspringt
die Reihenfolge der Aufzählung dem Gedanken der Spezialität. Man spricht daher in der Praxis
von einer impliziten Normenhierarchie.
WICHTIG: Diplomatisches Asyl! (siehe Seite 203 im Völkerrecht Verstehen)

126. Haager Abkommen: Was regeln die? (Stichworte: Drago Porter Konvention,
ius in bello, Genfer Konvention)

Die Haager Abkommen regeln das ius ad bello, also das Recht zum Krieg. Es darf nicht
mit humanitärem Völkerrecht ( ius in bello) verwechselt werden. Sie regeln besonders
Mittel und Methoden der Kriegsführung. Teil davon ist Haager Landkriegsordnung, die
Konvention über die Neutralität im Land und Seekrieg und auch die Konvention über
den Luftkrieg, wobei diese nicht als völkerrechtlicher Vertag angenommen wurde.

127. Persona non grata: Was ist das?

Eine Persona non grata ist ein Diplomat oder ein diplomatisches Personal, das der
Empfangsstaat nicht mehr im eigenen Land duldet. Sobald eine Person eine Persona non
grata ist, muss er den Staat unverzüglich verlassen.

128. Schlagen Sie D166 auf – indigene Völker: Was versteht man darunter?

Es gibt keine Definition von indigenen Völkern in der Deklaration der VN über die
Rechte indigener Völker. Es gibt jedoch eine Definition von Martinez-Cobo.

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Indigene Völker
es gibt mehrere Generationen von Menschenrechten:

 Erste Generation: politische und bürgerliche Rechte (Abwehrrechte)


 Zweite Generation wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (Anspruchsrechte)
 Dritte Generation: diese Art von Menschenrechten steht ganzen Volksgruppen zu (kollektive
Rechte) Dazu gehören insb das Selbstbestimmungsrecht, das Recht auf Entwicklung sowie
jenes auf Nutzung natürlicher Ressourcen. Ebenso zählen Rechte indigener Völker dazu.

Die Angehörigen indigener Völker können sich auf die minderheitenschutzrechtlichen Normen
berufen. Eine verbindliche Definition der indigenen Völker gibt es im Völkerrecht nicht.

Einen großen Erfolg stellte die Annahme der Deklaration über die Rechte indigener Völker durch die
UN Generalversammlung dar. Diese erkennt Ihnen weitreichende Rechte, insbesondere Landrechte
und kulturelle Rechte zu. Völlig innovativ ist die Zuerkennung eines Rechts auf Selbstbestimmung
und Autonomie.

129. Schlagen Sie D189 auf – Art 9 Einführungsgesetz: Worum geht es da?

Hier geht es um die Unterwerfung von Personen, die eigentlich Immunität im


Zivilprozess genießen. Hier kann man herauslesen, dass eine Person doch Partei eines
Prozesses sein kann, wenn man auf die Immunität verzichtet. Immunität kann aber nur
durch den Entsendestaat aufgehoben werden. Sogar die Zustellung ist, wie man im
Zustellgesetz lesen kann, eine Verletzung der Immunität und sollte immer mit der
Vermittlung eines Bundesministers geführt. Wenn klar wird, dass es sich um eine Person
mit Immunität handelt, wird der Prozess in limine-litis unterbrochen, was auch in
höheren Instanzen erfolgen kann.

130. Schlagen Sie D43 auf – Anerkennungsschreiben Estland: Was lesen Sie da
heraus? Steht nicht in D43

131. Schlagen Sie D222 auf – Abs 4: Wie würden Sie das werten? (R2P)

Hierbei handelt es sich um die Resolution des SR bezüglich einer Flugverbotszone


gegen das lybische Regime. Normalerweise wäre dies auch nicht möglich, da im
Völkerrecht das Gewaltverbot und das Einmischungsverbot normiert sind, welche ein
Eingreifen in innerstaatliche Angelegenheiten unmöglich machen. Jedoch gibt es hier
das Instrument der Responsibility to protect, wo der SR sich selbst um den Schutz eines
Staatsvolkes kümmern kann, wenn dies der eigene Staat nicht macht. Dies geschieht
jedoch nur bei schweren und systematischen Menschenrechtsverletzungen sowie
Kriegsverbrechen gegen das eigene Staatsvolk.

90
132. Schlagen Sie D70 auf – Strafjurisdiktion

Siehe Frage 100)

133. Worum ging es beim Flughafen Linz-Hörsching-Fall?

Die Nato landete mit Flugzeugen der US-Luftwaffe zur Betankung auf dem Flughafen-
Linz Hörsching an. Die Start- und Landegebühren sowie die sonstigen nach der Tarif-
und Entgeltordnung dees Flughafens Linz für die Benützung des Flughafens
angefallenen Gebühren wurden nicht bezahlt, weswegen die Betreiberin die USA vor
dem BG Linz klagte. Dieses wies die Klage mit der Begründung zurück, dass es nicht
zuständig sei und ein hoheitlicher Akt vorliege, weswegen der Fall vor den OGH kam.
Dieser bestätigte die Entscheidung des BG und argumentierte, dass das Tanken zu einem
militärischen Einsatz gehöre und nur Staaten einen militärischen Einsatz durchführen
können, weswegen hier acta iure imperii vorlägen.

134. Worum ging es bei den Kadi-Fällen?

135. Worum ging es beim Lotus-Fall? Warum ist das immer noch aktuell?

Im Lotus- Fall hat ein französisches Schiff ein türkisches Schiff gerammt. Die
französische Besatzung wurde von der Türkei verhaftet und inhaftiert. Frankreich ging
vor den IGH und meinte, dass die Türkei kein Recht habe über die Besatzung zu urteilen,
da es keine Regel gibt, die dies bejaht. Der IGH kam zur Einsicht, dass es kein
Gewohnheitsrecht gäbe, in welchem die Länder von gefangen genommenen Kapitänen
protestiert hätten, weswegen es keine Normen gäbe, die dies verbieten. Somit war es der
Türkei erlaubt den französischen Kapitän einzusperren. Daraus stammt das Lotus-
Prinzip: Staaten dürfen alles, solange es keine Norm gibt, die etwas anderes besagt.

Lotus Fall
Nach der Kollision von einem französischen türkischen Schiff ist der französische Kapitän in der Türkei
zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Frankreich behauptete ein solches Strafverfahren sei
völkerrechtswidrig. Das Völkerrecht verleiden Staaten keine Kompetenz zum Erlass von
Strafvorschriften für außerhalb des staatlichen Hoheitsgebietes begangenen Handlungen.

Frankreich brachte vor, dass ja eigentlich das Flaggenprinzip gilt und damit die Türkei den Kapitän gar
nicht hätte festnehmen dürfen, sondern Frankreich den Kapitän bestrafen sollte.

Die Türkei hat dagegen das passive Personalitätsprinzip vorgebracht, weil 8 türkische Staatsbürger
ums Leben kamen.

91
Gerichtshof folgt der Meinung der Türkei und verneint die Meinung Frankreichs, dass es schon
Völkergewohnheitsrecht entstanden ist bzgl. des Flaggenprinzips.

Hier geht es um Jurisdiktionsprinzipien:

 Von aktivem Personalitätssprinzip spricht man, wenn ein Staat auch die Taten seine
Staatsangehörigen verfolgt, die diese im Ausland begehen.
 Vom passiven Personalitätsprinzip spricht man, wenn ein Staat Straftaten verfolgt die im
Ausland gegen seine Staatsangehörigen begangen werden.
 In Ö im StGB geregelt

Weitere exterritoriale Jurisdiktionsgrundsätze im int. Strafverfahren:

 Effektprinzip/Auswirkungsprinzip: Staat wendet heimische Strafrecht auch auf im Ausland


begangene Straftaten an, wenn sie sich im Inland auswirken.
 Schutzprinzip: besagt, dass ein Staat jegliche Straftat, die sich innerstaatlich ausfiel,
unabhängig von der Staatsangehörigkeit des Verursachers und des Verursachungsortes im
innerstaatlichen Strafrecht bestraft.
 Univeralitätsprinzip: ist ein allgemeiner Grundsatz im Völkerrecht, nach dem ein Staat
innerstaatliche Rechtsfolgen für Tatbestände anordnen kann, die von Ausländern im Ausland
erfüllt wurden.

Der ständige Internationale Gerichtshof hielt fest, dass ein Verhalten lediglich dann völkerrechtlich
verboten ist, wenn eine entsprechende Bestimmung in Kraft steht -> Lotus-Prinzip.

136. Worum ging es beim Barcelona-Traction-Fall?

Es ging hier um die in Kanada gegründete Firma Barcelona Traction, light& Power Company
Ltd 1911, welche eine Aktiengesellschaft war und auch ihren Geschäftssitz in Kanada hatte.
Das Kapital war jedoch in der Hand von belgischen Staatsbürgern. Sie hatte einige
Tochterfirmen in Spanien, die 1948 in Konkurs gingen. Die Firmen wurden aufgelöst und das
Vermögen nahm Spanien an sich. Belgien wollte deswegen das diplomatische Schutzrecht
zugunsten der belgischen Aktionäre ausüben. Der IGH wies aber die Klage ab, und
begründete dies damit, dass sich die Maßnahmen gegen die kanadische Firma gerichtet hätte
und nicht gegen die einzelnen belgischen Aktionäre und Belgien deswegen nicht berechtigt
sei. Hier vertrat er also die Sitztheorie.

137. Was war der Abhol von Botschaftsspost-Fall? Warum wird es immer noch so
diskutiert?

Hier kam es zu einem Schaden durch ein Auto der USA, welches die Post der US Botschaft
abholen sollte und einen Verkehrsunfall verursacht hatte. Die USA meinten, dass die Fahrt
einem hoheitlichen Zweck gedient habe. Jedoch meinte der OGH, dass ein privatrechtliches
Handeln immer dann anzunehmen sei, wenn der Staat in einer Weise tätig werde, wie es auch
Private können. Er meinte, dass man nur auf den Akt und nicht auf das Motiv schauen müsse.
Somit gab er dem Kläger Recht.

92
138. Teheraner-Geisel-Fall!

Während der islamischen Revolution stürmten Studenten die US-Botschaft und nahmen das
Botschaftspersonal als Geiseln genommen. Die Studenten verlangten die Auslieferung des
Schahs in den Iran. Das Personal wurde 444 Tage als Geisel gehalten. Die iranische
Regierung duldete die Besetzung und ergriff auch keine Maßnahmen zum Schutz der
Botschaft und Befreiung der Geiseln. Weiters zeigte sich der Iran nicht verhandlungsbereit.
Somit klagte die USA den Iran auf Beendigung der Botschaftsbesetzung, Freilassung der
Geisel sowie den Ersatz des ihr durch die Verletzung des Völkerrechts seitens des Irans
erwachsenen Schadens. Der Iran bestritt die Zuständigkeit des IGH. Der IGH stellte 1980 in
seinem Urteil fest, dass der Iran gegen mehrere internationale Verpflichtungen sowie
Völkergewohnheitsrecht verstoßen habe., weil er die Regeln der Diplomatie verletzt habe,
indem er tatenlos zusah und nichts gegen die Stürmung tat. Weiters war die Billigung des
Zustandes der Besetzung auch ein Verstoß gegen die Normen der diplomatie, weswegen er
auch die Schäden der Besetzung tragen müsse.

139. Worum ging es im Bernadotte-Fall?

Der VN- Vermittler Graf Bernadotte wurde in Palästina 1948 ermordet. Die VN ersuchten daher
den IGH um ein Rechtsgutachten mit der Frage, ob die VN die Kompetenz haben
internationale Ansprüche gegen die Regierung eines Staates geltend zu machen, der nach
Völkerrecht für den Tod(Verletzung) bei dessen Erfüllung seiner Dienstpflicht verantwortlich
ist hinsichtlich des den VN entstandenen Schaden und hinsichtlich des dem betreffenden
Beamten daraus entstandenen Schaden. Der IGH musste davor prüfen, ob die VN überhaupt
internationale Rechtspersönlichkeit besitzen und somit als Völkerrechtssubjekt auftreten
können. Der IGH bejahte dies mit der Begründung, dass die Gründerstaaten eine Organisation
wollten, die fähig ist, unabhängig zu bestehen und zu handeln. Die VN besitzen auch
gegenüber Drittstaaten Rechtspersönlichkeit, weil so viele Staaten Mitglieder der VN sind und
der Organisation eine große Bedeutung zukommt. Der IGH bejahte auch die Frage, ob die
VN Schadenersatz fordern können damit, dass dies zwar nicht explizit in der Satzung stehen
würde, jedoch diese Kompetenz notwendig war, um die Aufgaben zu erfüllen ( Implied
Powers). Man argumentierte, dass den Organen der VN genügend Schutz zukommen müsse,
um ihre Aufgaben zu erfüllen. Man schloss also eine Analogie der funktionellen Immunität von
Staatsorgangen.

140. Worum ging es im Nottebohm-Fall?

Der gebürtige Deutsche Friedrich Nottebohm verlegte 1905 seinen Wohnsitz nach Guatemala.
Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs versuchte er sein Vermögen zu schützen, indem er im
Oktober 1939 die Staatsangehörigkeit des neutralen Liechtenstein annahm, gegen
Einbürgerungsgebühr und unter Beachtung der gesetzlichen Formvorschriften mit Ausnahme
des Aufenthaltserfordernisses von drei Jahren. Als Bürger der Gemeinde Mauren kehrte er
1940 nach Guatemala zurück. Als Guatemala 1941 in den Krieg gegen Deutschland eintrat,
beschlagnahmte es sein Vermögen als Feindvermögen. 1951 erhob Liechtenstein wegen der
Konfiszierung liechtensteinischen Privatvermögens Klage gegen Guatemala vor dem
Internationalen Gerichtshof (IGH). Mit elf gegen drei Stimmen verweigerte der IGH 1955
Liechtenstein das Recht auf diplomatischen Schutz für Nottebohm, weil die Verleihung der
Staatsangehörigkeit ohne besonderen Bezug Nottebohms zu Liechtenstein in Form eines
Aufenthalts von einer gewissen Dauer erfolgt sei, also ohne effektive Staatsangehörigkeit und
ohne echte Bindung zu Liechtenstein.

93
141. Nordsee-Festland-Sockel-Fälle!
Es ging um die seitliche Grenze des Festlandsockels zwischen den Niederlanden/Dänemark
und Deutschland. Die Niederlande und Dänemark waren Parteien des Genfer Abkommens
über den Festlandsockel , welches besagte, dass wenn sich die Parteien nicht auf eine
vertraglich festgehaltene Bestimmung ihres Festlandsockels einigen konnten, das
Äquidistanz-Prinzip gelten würde. Deutschland hatte jedoch das Genfer Abkommen über den
Festlandsockel zwar unterzeichnet, jedoch nicht ratifiziert. Daraufhin ging man vor den IGH,
da die Niederlande und Dänemark behaupteten, dass der Inhalt des Vertrages bereits
Völkergewohnheitsrecht wurde. Der IGH kam zur Erkenntnis , dass Völkervertragsrecht sehr
wohl für Dritte Völkergewohnheitsrecht werden kann, jedoch hierfür weder die notwendige Zeit
verstrichen war, noch Deutschland einen Rechtsfolgewillen gezeigt hatte. Zu der Grenze
meinte der IGH, dass die Grenzziehung durch Vereinbarung erfolgen solle, die nach Billigkeit
erfolgen müsse. ( allgemeine Gestalt der Küste usw. ). Der Festlandsockel ist insofern noch
wichtig, da ihn die zugehörigen Küstenstaaten eigens wissenschaftlich Nutzen und ausbeuten
können.

142. Ferrini-Fall: Worum ging es da?


Hier ging es um die Festnahme des Italieners Luigi Ferrini am 4. Aug. 1944, seine
Zwangsdeportation aus Arezzo und die bis April 1945 andauernde Zwangsarbeit in
Deutschland. Der italienische Gerichtshof bezog sich im Rahmen des Urteils auf das Bestehen
einer völkergewohnheitsrechtlichen Ausnahme vom Grundsatz der Staatenimmunität bei
schweren Menschenrechtsverletzungen und betonte hierbei den Primat der grundlegen-den
Werte der Freiheit und der Würde des Menschen. Somit wurde Deutschland die Immunität
abgesprochen. Deutschland und Italien gingen mit dem Fall vor den IGH ( Deutschland-Italien-
Fall

143. Worum ging es beim Waite und Kennedy Fall?


Die Beschwerdeführer sind britische Staatsangehörige, die in der Bundesrepublik Deutsch-
land leben. Sie sind Systemprogrammierer und waren beim britischen Unternehmen CDP
beschäftigt. 1977 wurden sie der ESA von ihrem Arbeitgeber für Arbeiten am European Space
Operations Centre zur Verfügung gestellt, welches die ESA in Darmstadt betreibt. Die ESA mit
ihrem Hauptsitz in Paris wurde im Jahr 1995 durch den ESA-Vertrag vom 30. Mai 1975
errichtet und löste die Vorgängerorganisationen ESRO und ELDO ab.
Im Jahre 1990 wurden die Beschwerdeführer von der CDP informiert, dass ihre Verträge nicht
erneuert würden. Daraufhin verklagten sie die ESA vor dem Arbeitsgericht Darmstadt auf
Feststellung, dass sie den Status von Arbeitnehmern der ESA erlangt hätten. Sie trugen vor,
dass sie gemäß dem deutschen Arbeitnehmerüberlassungsgesetz den Status von
Arbeitnehmern der ESA erlangt und daher die Beendigung der Vertragsverhältnisse mit der
CDP keine Auswirkungen auf ihre Dienstverhältnisse mit der ESA hätten. Die ESA wandte
demgegenüber ihre Immunität als internationale Organisation gem. Art. XV (2) ESA-
Konvention und ihrer Anlage I, Art. VI (l)(a) ein. Das Arbeitsgericht wies die Klagen gem. § 20
Abs. 2 GVG als unzulässig ab. In der Begründung wurde angeführt, dass die ESA eine
unabhängige, internationale Organisation sei, welche aufgrund eines internationalen
Abkommens gegründet worden und der darin auch wirksam gerichtliche Immunität eingeräumt
worden sei. Sowohl die Berufung vor dem Landesarbeitsgericht als auch die Revision vor dem
Bundes-arbeitsgericht blieben erfolglos. Die Gerichte konnten insbesondere auch keine
Verletzung des Art. 19 VI GG feststellen, da die ESA keine deutsche öffentliche Gewalt ausübe
und ihr Handeln auch nicht dem Staat zuzurechnen sei. Außerdem hätten den Klägern andere,
innerorganisatorische Möglichkeiten der Rechtsverfolgung zur Verfügung gestanden. Am 11.

94
Mai 1994 lehnte das Bundesverfassungsgericht die Annahme der von den Beschwerdeführern
erhobenen Verfassungsbeschwerde mangels Erfolgsaussichten ab.

144. Gabcikovo-Fall! WVK anwendbar?

Hier ging es darum, dass Ungarn mit der ehemaligen Tschechoslowakei einen Vertrag über
die Errichtung eines Staudammes im Gebiet der heutigen Slowakei abgeschlossen hatte im
Jahre 1977. Die Parteien verpflichteten sich die Umweltschutzmaßnahmen einzuhalten,
jedoch gab es viel Kritik an dem gemeinsamen Projekt aus Ungarn, weswegen diese die
Arbeiten suspendierten. Die Verhandlungen zur Lösung des Problems waren ergebnislos. Die
Tschechoslowakei begann mit dem Bau eines eigenen Kraftwerks auf ihrem Gebiet und 1992
im Mai kündigte Ungarn den Vertrag Mittels Verbalnote auf, im Oktober wurde das Kraftwerk
auf der slowakischen Seite in Betrieb genommen. Der IGH entschied, dass die Suspendierung
von Ungarn nicht gültig war, da es nicht als Sicher anzusehen war, dass die Umwelt zu
Schaden kommt. Der neue Staudamm wurde nach dem IGH völkerrechtswidrig in Betrieb
genommen, da mit den Bauarbeiten schon vor Vertragsauflösung begonnen wurde und somit
dem Telos des Vertrages zuwiderlief. Der IGH meinte zu der Kündigung durch Ungarn gemäß
Artikel 61 WVK, dass dies hier nicht zutreffe, da der Vertragsgegenstand nicht zerstört wurde
und die Inbetriebnahme des neuen Staudamms erst nach Kündigung geschah. Ungarn
argumentierte weiters, dass die Slowakei kein Vertragspartner mehr sei, da der Vertrag mit
der Tschechoslowakei ausgehandelt wurde. Der IGH berief sich auf den Artikel 12 der Wiener
Vertragskonvention über Staatennachfolge, dass eine Staatennachfolge radizierte Verträge
nicht betreffe und die Slowakei somit Partner blieb.

145. Ost-Grönland-Fall!

Dieser Fall wurde vor dem StIGH 1933 entschieden und betraf einen Streit zwischen
Norwegen und Dänemark. Hier ging es darum, dass beide Parteien behaupteten, das Gebiet
Ostgrönland Teil des jeweiligen Staatsgebietes sei. Dänemark behauptete dies damit, dass
die norwegische Besitzergreifung 1931 eine Verletzung der dänischen Souveränität darstelle,
da dieser Landstrich dänisches Hoheitsgebiet sei. Norwegen warf hingegen ein, dass es sich
um terra nullius handle, da Dänemark keine Gebietshoheit besitze, weil eine effektive
Ausübung der Herrschaftsgewalt niemals stattgefunden hat. Der IGH entschied sich
zugunsten Dänemarks mit der Begründung, dass das Gebiet so unerreichbar sei, um ständige
Hoheitsgewalt auszuüben, weswegen die von Dänemark genüge.( Je nach Beschaffenheit
des betreffenden Gebietes, braucht man eine intensivere oder wenig intensivere
souveräntitätsbegründende Herrschaftsausübung. Andererseits hat ein norwegischer
Gesandter dem Gebietserwerb 1919 zugestimmt, obwohl er dafür nicht ermächtigt war. Dies
war dem StGH egal, da so eine einseitige Erklärung unabhängig von den innerstaatlichen
Kompetenzen des Organs zu beurteilen sei.

146. Russische Entschädigungen-Fall!

Russland verlangte Verzugszinsen von der Türkei, da diese die Entschädigungszahlungen


1877 zu spät gezahlt hätten. Beide brachten den Fall vor den Ständigen Schiedshof. Dieser
stellte fest, dass Verzugszinsen rechtmäßig im Völkerrecht bei Schadenersatz wegen der
Nichterfüllung einer vertraglichen Pflicht seien. Die Einrede von der Türkei, dass sie aufgrund
von höherer Gewalt nicht zahlen konnten verwarf das Gericht diese Einrede, weil sie meinten,
dass die Türkei davor 350 Millionen Franken tilgen konnten und somit 6 Millionen relativ gering
seien. Diese seien demnach nicht unmöglich zu tilgen, weswegen keine höhere Gewalt
vorlege. Jedoch hat Russland in der mahnenden Note die Verzugszinsen nicht ausdrücklich
erwähnt, weswegen dies als Verzicht zu werten sei.

95
147. Chorzow-Fall!

Die Stickstoffwerke haben im Jahr 1914 in Chorzow ein Stickstoffwerk errichtet, welches 1916
vom Deutschen Reich verstaatlich wurde. Dieses Gebiet wurde jedoch an Polen 1919
abgetreten, wobei ein Abkommen den Minderheitenschutz, die wirtschaftliche Kontinuität und
die Zuständigkeit des StIGH für zwischenstaatliche Streitigkeiten und die Zuständigkeit und
das Verfahren des Schiedsgerichtes für Oberschlesien regelt. Hier war vorgesehen, dass auch
Private eine Klage bei besagtem Schiedsgericht einreichen konnten. Die Werke wurden an ein
deutsches Unternehmen 1919 übertragen. 1920 erließ Polen ein Liquidationsgesetz, dass
dem polnischen Fiskus all das Eigentum in den abgetretenem Gebiet überlassen solle und
Transaktionen für nichtig erklärte, welche dieses Eigentum vom Staat an Private übertrug und
nach dem November 1918 stattfanden. Der Staat Polen ließ sich als Eigentümerin im
Grundbuch eintragen und die private deutsche Firma reichte eine Klage beim Schiedsgericht
1922 ein. Deutschland war der Meinung, dass Polen das Abkommen verletzt habe, weil diese
den ursprünglichen Eigentümern die Enteignung nicht kundgetan hatten , um ihnen die Zeit zu
geben sich zum Schiedsgericht zu wenden. 1925 wurde bei dem StIGH von Deutschland die
Klage eingebracht. Der IStGH bejahte die Zuständigkeit, da Deutschland ihn angerufen habe,
um den Vertrag auszulegen und er darüber entscheiden konnte. Er entschied, dass
Liquidationsgesetz im Widerspruch zum Abkommen zwischen Polen und dem Deutschen
Reich stehe. Die Einrede von Polen, dass Rechtsmissbrauch vorliege, lies er nicht gelten, weil
dies zwar ein allgemeiner Rechtsgrundsatz sei, jedoch dieser in dem Fall nicht zutreffen würde.
Weiters wurde Polen verpflichtet Schadenersatz an Deutschland wegen Vertragsverletzung
zu zahlen.

148. Hoffmann gegen Dralle-Fall!

Die österreichische Firma Hoffmann war seit 1899 mit der Generalvertretung der Firma Dralle
Hamburg für Österreich inne. Hoffmann wurde das Recht gewährt das eingetragene
Warenverzeichnis von Hoffmann in Österreich zu nutzen. Eine Zweigstelle der Firma Dralle
wurde in Böhmen aufgemacht. Dieses Unternehmen wurde als reichsdeutsches Eigentum im
Jahr 1945 enteignet und von dem tschechoslowakischem Staat weitergeführt. Die
tschechoslowakische Firma verbot der Firma Hoffmann alle Dralle Erzeugnisse zu verkaufen.
Daraufhin beantragte die Firma Hoffmann eine einstweilige Verfügung gegen dieses Verbot,
bestimmte Wort- und Bildmarken der Firma Dralle in Österreich zu nutzen. Der OGH stellte im
Vorverfahren fest, dass es sich bei dem Angeklagten nicht um die tschechoslowakische Firma
handle, sondern um den Staat selbst. Er prüfte, ob ein Staat überhaupt vor dem Gericht eines
anderen Staates stehen konnte. ER kam zum Ergebnis, dass es keine absolute Immunität
ausländischer Staaten für jedes Verhalten gebe. Wenn ein Staat iure gestionis in Österreich
abschließt, so ist dieser in diesen Fällen nicht immun. Er meinte, dass die
Enteignungsmaßnahmen als Kriegsmaßnahmen keine extraterritorriale Wirkung hätten,
weswegen man der Firma Hoffmann das Führen des Warenverzeichnisses nicht untersagen
könne.

149. Deutschland-Italien-Fall!

Nach dem Ferrini-Fall vor dem Gerichtshof von Italien, wollte Italien deutsches Eigentum
exekutieren. Deutschland und Italien brachten den Fall vor den IGH, damit dieser entscheiden
könne. Er kam zum Ergebnis, dass selbst Kriegsverbrechen einen Staat nicht die Immunität
verlieren lassen würden.

96
ILO – international labour organisation
I ist eine Spezialorganisation der Vereinten Nationen. Folgte der Prämisse, dass der Weltfrieden nur
auf Grundlage sozialer Gerechtigkeit möglich sei. Sie ist aufgrund ihrer Bemühungen im Bereich des
Diskriminierungsschutzes und der Schaffung von Chancengleichheit auch für ausländische
Arbeitskräfte, Minderheiten und indigene Völker bedeutsam.

Eine Sonderrolle nimmt das administrative Tribunal der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)
ein. Dieses wurde von 60 internationalen Organisationen für zuständig erklärt.

persona non grata


Der Empfangsstaat kann gem. Art 9 WDK einen Diplomaten jederzeit zur persona non grata
("unerwünschten Person") erklären; eine solche Erklärung kann bereits erfolgen, bevor diejenige
Person überhaupt im Empfangsstaat eingetroffen ist. Unterlässt der Sendestaat dennoch die
Abberufung oder wird die Tätigkeit der betreffenden Person sonst nicht beendet, kann sich der
Empfangsstaat weigern, diese weiterhin als Mitglied der Mission anzuerkennen. Damit verbunden
entfallen sämtliche Privilegien und Immunitäten des Diplomaten. Der Empfangsstaat kann die
Erklärung, dass ihm eine Person nicht genehm ist, auch hinsichtlich anderen Personals der Mission
abgeben.

Tadic Fall
Der ICTY hielt fest, dass „was unmenschlich und daher in internationalen Konflikten verboten ist,
auch Bürgerkriegen nur als unmenschlich und unzulässig gelten kann“. Kriegsverbrechen können
nicht nur in internationalen bewaffneten, sondern auch in nicht internationalen Konflikten
begangen werden und sind in diesem Zusammenhang strafbar. Daher sind die Regeln des
humanitären Völkerrechts für bewaffnete Konflikte – sofern es sinnvoll erscheint – auch auf nicht
internationale bewaffnete Konflikte anzuwenden. Wichtige Ausnahme: Bestimmungen zu
Kriegsgefangenen.

Nicht internationale bewaffnete Konflikte verlangen ein Mindestmaß an Organisation der


beteiligten Parteien sowie in gewisses Ausmaß an Intensität. Im Bereich des humanitären
Völkerrechts sind die Regeln für solche Konflikte im allen vier Genfer Konventionen gemeinsamen
Art. 3 geregelt.

Hier geht es insbesondere um die völkerrechtliche Verantwortlichkeit im Rahmen der Zurechnung


aufgrund wirksamer Kontrolle. Internationalisierter Konflikt: ein Staat unterstützt eine
nichtstaatliche Gruppe und mit dieser Unterstützung geht Kontrolle des Staates über die
nichtstaatliche Gruppe einher. Das notwendige Ausmaß an Kontrolle ist die allgemeine Kontrolle. Für
diese reicht es aus, wenn der Staat zusätzlich zur Unterstützung in der allgemeinen Planung,
Organisation und Koordinierung der Operationen beteiligt ist, ohne jede Einzelaktion zu
kontrollieren. Im Gegensatz zum Tadic Fall geht der IGH im Nicaragua Fall und im Völkermord Fall von
wirksamer Kontrolle aus. Diese verlangt eine genaue Kontrolle des Verlaufs der einzelnen Einsätze.

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Frustrationsverbot WVK
Art. 18 WVK

Eine vor Inkrafttreten eines Vertrages abgegebene Zustimmungserklärung ist für den betreffenden
Staat völkerrechtlich verbindlich, aber noch nicht wirksam. Der Staat darf keine Handlungen
vornehmen, die Ziel und Zweck des Vertrages vereiteln würden (Frustrationsverbot).

Gibt ein Staat seine Zustimmungserklärung nach dem objektiven Inkrafttreten des Vertrages ab, so
tritt dieser für ihn erst mit deren Wirksamwerden in Kraft. Auch zwischen Unterzeichnung und
Ratifikation gilt das Frustrationsverbot. Diese Verpflichtung erlischt, wenn der Staat klar zu erkennen
gibt, dass er nicht Vertragspartei werden will.

Alien Tort Claims Act


Eine Besonderheit des amerikanischen Rechts ist das Alien Tort Statute von 1789, das
Schadenersatzklagen von Ausländern vor US-Gerichten wegen Menschenrechtsverletzungen
außerhalb der USA ermöglicht. -> wurde jüngst vom Supreme Court auf das Territorium der USA
beschränkt.

Mütter von Srebrenica Fall


2007 klagte Stiftung Mütter von Srebrenica die Vereinten Nationen sowie die Niederlande vor
niederländischen Gerichten auf grund deren Versäumnis, Personen in den Schutzzonen vor dem
Massaker von Srebrenica im Jahr 1995 zu schützen.

Es ergingen mehrere Gerichtsentscheidungen:

 Verfahren gegen die Vereinten Nationen


o der oberste Gerichtshof der Niederlande entschied, dass die niederländischen
Gerichte aufgrund der Immunität der Vereinten Nationen keine Gerichtsbarkeit über
diese ausüben können
o der EGMR entschied, dass die Gewährung von Immunität an die Vereinten Nationen
durch die niederländischen Gerichte keine Verletzung von Art. 6 EMRK darstellt
 Verfahren gegen die Niederlande
o das niederländische erstinstanzliche Gericht rechnete die
Menschenrechtsverletzungen auf Grundlage von Art. 7 ARIO den Niederlanden zu.

Welche Klagen sind möglich?

 Staatenverantwortlichkeit vor dem IGH


 Individuen vor dem ICTY
o ICC ist wegen dem Rückwirkungsverbot nicht zuständig (Inkrafttreten erst ab 2002!)

Bodensee
Seen werden meist real geteilt. -> Streitfall Schweiz/Deutschland/ Österreich -> Bodensee: Schweiz
und Dt gehen davon aus, dass der See realgeteilt ist; Österreich geht von der Halden-Theorie aus, die
den flacheren Teil vor dem Ufer jedes Staates dessen Hoheit unterstellt und nur die tieferen Seeteile
als Gemeinschaftsgut auffasst. (Analogie zum Festalandsockel im Meer -> siehe ausschließliche
Wirtschaftszone).

98
Palmas Fall
Hier geht es um den originären Gebietserwerb durch Okkupation staatenloser Gebiete (terra nullius).

Die bloße Namensgebung und Entdeckung begründen noch keine territoriale Souveränität. Es muss
innerhalb eines gewissen Zeitraums ein gewisses Ausmaß effektiver Herrschaft etabliert werden.
Dabei variiert die geforderte Effektivität allerdings nach der Lage, der dichte der Besiedlung, usw.
(festgestellt im Palmas Fall).

Rechtsgrundlage der österreichischen Neutralität


Hängt zwar eng mit dem Staatsvertrag von Wien-Belvedere zusammen, ist aber nicht in diesem
verankert. Sie geht vielmehr historisch (nicht rechtlich) auf das am 15. April 1955 unterzeichnete
Moskauer Memorandum zurück, das einen Meilenstein in den Verhandlungen um den Staatsvertrag
darstellte. -> Abzug der Truppen der Besatzungsmächte, wenn Österreich immerwährende
Neutralität erklärt.

Das Memorandum ist nach hL kein völkerrechtlicher Vertrag, sondern eine Verwendungszusage der
Regierungsdelegation und enthält demnach lediglich Zugeständnisse hinsichtlich zukünftigen
politischen Verhaltens.

Österreich entsprach dem Memorandum durch den Erlass eines speziellen Gesetzes, das die
rechtliche Grundlage der österreichischen Neutralitätsverpflichtung bildet. Am 26. Oktober 1955
beschloss der Nationalrat das Bundesverfassungsgesetz über die Neutralität Österreichs.

Ab November 1955 wurde dieses Gesetz etwa 70 Staaten mit der Bitte um Anerkennung notifiziert.
Die meisten Staaten sendeten Antwortnoten, in denen sie die österreichische Neutralität
anerkannten. -> Rechtswirkung nach Außen.

Eine verbreitete Interpretation sieht die Notifikation Österreichs als einseitiges Rechtsgeschäft des
Versprechens, das durch Annahme oder Kenntnisnahme anderer Staaten völkerrechtlich verbindlich
wurde.

Obwohl die Neutralität Österreichs eine staatsrechtliche wie völkerrechtliche Grundlage hat, beruht
sie auf keinem völkerrechtlichen Vertrag, weil sie nicht im Staatsvertrag von Wien-Belvedere
verankert ist.

Inhalt der Neutralitätsverpflichtung:

Der konkrete Inhalt/ Umfang hat zu den verschiedensten Interpretationen geführt. Franz Cede, der
ehemalige Leiter des Völkerrechtsbüros im Außenministerium, hat die beiden entgegengesetzten
Positionen mit der "Korsett-Doktrin" und der "Frank-Sinatra-Doktrin" umschrieben: Erstere geht von
einer strengen Notifizierungspflicht Österreichs gegenüber der Staatengemeinschaft aus, hinsichtlich
allem, was potenziell den Inhalt der Neutralitätsverpflichtung ändert. Zweites folgt dem "I do it my
way-Grundsatz", also einem Auslegungsmonopol Österreichs.

Während der Beitritt zu einem Militärbündnis wie der NATO klar ausgeschlossen ist, wurde die
Vereinbarkeit des EU-Beitritts mit der Neutralität intensiv diskutiert. -> Einwände betrafen vor allem
die wirtschaftliche Integration.

Die Diskussion lebte im Rahmen der österreichischen Beteiligung an der GASP, vor allem an den sog.
Petersberger-Aufgaben (humanitäre Aufgaben und Rettungseinsätze) wieder auf.

Seit dem Vertrag von Lissabon enthält der Vertrag über die EU in Artikel 42 (7) zudem eine
sogenannte Beistandsklausel, welche die EU-MS dazu verpflichtet, sich im Falle eines bewaffneten

99
Angriffs gegenseitig zu unterstützen. Um den Bedenken neutraler oder paktfreier Staaten (Irland,
Schweden, Finnland und Ö) Rechnung zu tragen, wurde die sogenannte Irische Formel beigefügt,
nach der die Beistandspflicht "den besonderen Charakter der Sicherheits- und Verteidigungspolitik
bestimmter MS" unberührt lässt.

Im Hinblick auf die, insbesondere nach der Wende 1989 sowie dem EU-Beitritt Österreichs,
geänderte Situation, hat sich in der Zwischenzeit eine von Cede als "Avocado-Doktrin" bezeichnete
Reduktion "auf den harten Kern" der Neutralität durchgesetzt.

Kernbestand der Verpflichtungen sind daher:

 Selbst weder Krieg zu beginnen noch sich an einem zu beteiligen


 Keinen militärischen Bündnissen beizutreten
 Die Errichtung militärischer Stützpunkte anderer Staaten auf österr. Gebiet nicht
zuzulassen
 Die militärische Verteidigung des Landes zu sichern, um die Neutralität verteidigen zu
können sowie
 Im Falle eines Krieges zwischen anderen Staaten das "Haager Neutralitätsrecht"
einzuhalten, dh keine Kriegsparteien zu unterstützen, Verbote im Hinblick auf
Kriegsmaterial auf alle Kriegsparteien gleich anzuwenden (Gleichbehandlung) und
militärische Handlungen auf österr. Gebiet zu verhindern.

Neutralität wird in erster Linie militärisch und sicherheitspolitisch verstanden. Was von einem
neutralen Staat nicht verlangt wird ist eine "Gesinnungsneutralität" -> Ö muss nicht ideologisch
neutral sein. Ebenso ist die Verhängung von Wirtschaftssanktionen grds mit der Neutralität
vereinbar.

Meistbegünstigtenprinzip
Das Meistbegünstigungsprinzip fällt in das Internationale Wirtschaftsrecht und gehört zum Prinzip
der Nicht-Diskriminierung wie der Grundsatz der Inländergleichbehandlung.

Das Meistbegünstigungsprinzip ("most favoured nation treatment") findet sich für Waren
insbesondere in Art I (1) GATT und für Dienstleistungen in Art II (1) GATS.

Es handelt sich um eine der zentralen Verpflichtungen des internationalen Handelsrechts. Ihr zufolge
ist jede Begünstigung, die einem WTO-Mitglied oder einem Nicht-Mitglied in Bezug auf eine
bestimmte Ware oder eine bestimmte Dienstleistung zukommen lässt, auch allen anderen WTO-MS
zu gewähren.

Damit wird die bestmögliche Behandlung für alle MS gewährleistet, Diskriminierung zwischen den
einzelnen Handelspartnern ist untersagt. Hintergrund ist die durch den britischen Ökonomen David
Ricardo formulierte Theorie des komparativen Kostenvorteils: Staaten sollen jene Waren und
Dienstleistungen exportieren, die sie billiger und effizienter anbieten als andere und umgekehrt jene
Waren und Dienstleistungen importieren, die andere Staaten billiger und effizienter zur Verfügung
stellen.

Es bestehen jedoch bedeutsame Ausnahmen zum Meistbegünstigtenprinzip: So sind insbesondere


die unzähligen Zollunionen und Freihandelszonen von der Meistbegünstigungsklausel nicht umfasst.
Solche Mitglieder können sich gegenseitig Vorteile einräumen, die gegenüber Außenstehenden nicht
gelten.

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Der Grundsatz der Inländergleichbehandlung nach Art III GATT verpflichtet WTO-Mitglieder bereits
auf ihrem jeweiligen Markt befindliche ausländische Waren nicht schlechter zu behandeln als
gleichartige Produkte und Dienstleistungen inländischer Herkunft.

Bei Dienstleistungen gilt dieser Grundsatz nur insoweit, wie sich das jeweilige WTO-Mitglied zur
Freigabe gewisser Bereiche verpflichtet hat.

TRIPS
Anders als GATT und GATS zielt das TRIPS nicht die Liberalisierung des Handels, sondern dient dem
Schutz des geistigen Eigentums im Rahmen des Welthandels. Der Schutz dient als Anreiz für
Investitionen. Geistiges Eigentum wird sehr umfassend verstanden (auch Geschäftsgeheimnisse).
Geschütz ist das geistige Eigentum von Schutzrechtsinhabern aus WTO Mitgliedstaaten, der Schutz
richtet sich nach dem Recht des Eintragungstaates. Die Mitgliedstaaten verpflichten sich zu meist
Begünstigung und Inländerbehandlung. Das Abkommen legt Mindeststandards fest.

Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte


Bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 (UDHR) handelt es sich um eine Resolution
der UN-Generalversammlung.

Sie enthält alle Menschenrechte der ersten und zweiten Generation wie sie auch in späteren
(bindenden) Menschenrechtsverträgen zu finden sind. Obwohl sie als Ausgangspunkt für die
Beschäftigung mit Menschenrechten dient, hat sie selbst als nicht-bindender Beschluss einer IO nur
Empfehlungscharakter. Von der Lehre wird aber vertreten, dass es sich dabei um
Völkergewohnheitsrecht handelt.

Zusammen mit den beiden UN-Menschenrechtspakten und deren Zusatzprotokollen wird die UDHR
auch als Internationale Menschenrechtscharta (International Bill of Human Rights) bezeichnet.

UNIDO
Selten kommt es vor, dass sich eine internationale Organisation von einer anderen internationalen
Organisation abspaltet. Ein Beispiel hierfür ist die Abspaltung der United Nations Industrial
Development Organisation von den Vereinten Nationen. Sie war ursprünglich durch die
Generalversammlung als Hilfsorgan eingesetzt worden, wurde später aber durch Beschluss der
Generalversammlung in eine Spezialorganisation umgewandelt. Diese Neugründung wurde rechtlich
erst wirksam, als genügend Staaten im neuen Statut beigetreten waren

Annexion der Krim


Ein aktuelles Beispiel für eine höchst strittige und allgemein abgelehnte Intervention auf Einladung ist
das von Russland im Zuge der Krimkrise vom Februar 2014 gezeigte Schreiben des damals bereits
durch das Parlament abgesetzten Präsidenten Janukowytsch.

Eine amtierende Regierung kann von einem oder mehreren Staaten die Entsendung von Streitkräften
erbitten, bzw dazu zustimmen, um bspw einen Aufsand oder Bürgerkrieg unter Kontrolle zu bringen.
Aufgrund der Zustimmung der Regierung – analog zur Einwilligung des Verletzten im Strafrecht –
werden die Souveränität und das Gewaltverbot dadurch nicht verletzt.

Im Idealfall stellt eine Resolution des SR klar, ob eine Einladung vorliegt oder nicht.

101
Besteht ein Recht auf Sezession?

Es existiert ein internes Selbstbestimmungsrecht innerhalb bestehender Staaten. Dies kann für
einzelne Volksgruppen etwa durch die Einräumung von Autonomierechten oder eine föderale
Verfassung geschehen.

Im Osttimor Fall hielt der IGH fest, dass das Selbstbestimmungsrecht ein erga omnes Recht ist und
bezeichnete es als eines der wesentlichen Prinzipien des Völkerrechts (ILC: ius cogens).

Strittig ist, ob auch ein externes Selbstbestimmungsrecht besteht, also das Recht eines Volkes auf
einen eigenen Staat. Grundsätzlich gilt das Selbstbestimmungsrecht mit Erlangen der Unabhängigkeit
als konsumiert. Innerhalb bestehender Staaten und repräsentierte oder unterdrückte Völker haben
insofern kein Recht auf einen eigenen Staat. Einige Autoren vertreten jedoch die These, dass in
Extremfällen ein Recht auf Sezession besteht (remedial secession), wenn ein weiteres
Zusammenleben aufgrund schwerwiegender Menschenrechtsverstöße oder wegen systematischer
Verweigerung der Ausübung des internen Selbstbestimmungsrechts unzumutbar erscheint. Kritiker
führen an, dass die Staatenpraxis jedoch an der Wahrung der territorialen Integrität festhält.

Globalabkommen (lump-sum agreements)


Nach völkerrechtlichem Unrecht größeren Ausmaßes (zB Verstaatlichungen in den sozialistischen
Staaten nach dem 2. WK) wurde der Schadenersatz aus politischen Gründen zumeist global
(pauschal) in Abkommen zwischen dem verletzenden Staat und dem jeweiligen Heimatstaat
vereinbart. Die Heimatstaaten übernahmen es, die Zahlungen auf ihre Staatsangehörige aufzuteilen,
ohne dazu aus dem Völkerrecht verpflichtet zu sein; die Aufteilung wurde den Heimatstaaten sowohl
vom ILC als auch vom IGH empfohlen.

Die UN-Menschenrechtspakte - Menschenrechtsausschuss


Aufgrund der ideologischen Spaltung während des Kalten Krieges existiert nicht eine, sondern zwei
unterschiedliche Menschenrechtspakte, nämlich der Internationale Pakt über bürgerliche und
politische Rechte 1966 (ICCPR) und der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und
kulturelle Rechte 1966 (ICESCR). Dabei handelt es sich im Gegensatz zur UDHR um bindende
völkerrechtliche Verträge.

Der ICCPR sieht als Schutzmechanismus die Berichterstattung durch die Mitgliedstaaten an den
Menschenrechtsausschuss (Human Rights Committee) sowie die Möglichkeit der
Staatenbeschwerde an diesen vor. -> Vertragsorgan, das aus 18 Menschenrechtsexpterten besteht.

Im Falle des ICESCR nimmt der vom Wirtschafts- und Sozialrat errichtete Ausschuss über
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte Staatenberichte entgegen.

Beide Ausschüsse äußern sich auf die Berichte der Staaten in Form von Abschlussbeobachtungen
(concluding observations) und erlassen allgemeine interpretative Erklärungen zu den Pakten (general
comments).

Das Fakultativprotokoll zum ICCPR 1996 sieht die Möglichkeit einer Individualbeschwerde vor. Seit
2008 steht auch ein entsprechendes Fakultativprotokoll zum ICESCR zur Unterzeichnung offen.

Eine Individualbeschwerde ist nur zulässig, wenn dieselbe Sache nicht bereits vor einer anderen
internationalen Untersuchungs- oder Ausgleichsinstanz geprüft wird und die Person bereits alle zur
Verfügung stehenden innerstaatlichen Möglichkeiten ausgeschöpft hat (exhaustion of domestic
remedies). -> gilt auch, wenn das nationale Verfahren unangemessen lange dauert!

102
Der ICCPR hat 168 Vertragsparteien, das Fakultativprotokoll 115 und der ICESCR 163; dessen
Fakultativprotokoll hat nur 19 Parteien. (auch von Ö nie unterzeichnet!)

Soering Fall
Eine Auslieferung kann aufgrund bestehender bilateraler Auslieferungsverträge, aufgrund des
Europarechtes oder unilateraler Entscheidungen hinsichtlich auslieferungsfähiger Delikte erfolgen. -
> zB nicht zulässig, wenn Art 3 EMRK verletzt wäre, was zB auch durch die Gefahr des Vollzugs der
Todesstrafe gegeben sein kann, wie die Entwicklung der Rechtsprechung des EGMR von Soering,
über Öcalan bis Al-Sadoon and Mufdhi aus dem Jahr 2010 zeigt. Eine völkerrechtliche Verpflichtung
aut dedere aut judicare kann bestehen, wenn eine Pflicht zur Verfolgung aufgrund des
Universalitätsprinzips (VR-Verträge verpflichten Staaten, gewisse Taten auch im innerstaatlichen
Strafrecht strafbar zu machen), etwa wegen Folter oder Völkermord, besteht.

Soering Fall:

Nach einem 1985 im US-Bundesstaat Virginia begangenen Mord an zwei Personen flüchtete der
deutsche Staatsbürger Soering nach GB, wo er wegen Scheckbetrugs verhaftet wurde.

1988 ordnete der britische Innenminister aufgrund des Auslieferungsabkommens 1870 zwischen den
USA und GB die Auslieferung Soerings an die USA an, wo ihm die Verhängung der Todesstrafe drohte.

Der Gerichtshof entschied 1989, dass die Durchführung der Auslieferungsentscheidung des Ministers
Soering in seinen Rechten aus Art 3 EMRK verletzen würde. Nicht die Vollstreckung der Todesstrafe
selbst, sondern die dieser vorangehende Behandlung in der Todeszelle, insbesondere die Haftdauer
und die Haftbedingungen ("Todeszellensyndrom"), sei als Verstoß gegen das Folgerverbot des Art 3
EMRK zu werten.

Mit dieser Entscheidung wurde bestätigt, dass Art 3 auch auf Auslieferungsfolgen anwendbar ist, die
außerhalb der Herrschaftsgewalt eines Vertragsstaates eintreten.

Weiters stellte der Gerichtshof fest, dass sich aus Art. 3 EMRK kein Verbot der Todesstrafe ableiten
lässt.
Richter De Meyer vertrat in seiner dissenting opinion die Ansicht, dass aufgrund der gegenwärtigen
Rechtsauffassung in Europa niemand ausgeliefert werden darf, wenn dem Betroffenen die
Verhängung der Todesstrafe im ersuchenden Land droht.

Die Durchführung der Entscheidung des Ministers würde also eine Verletzung des Art. 3 bewirken.

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