Sie sind auf Seite 1von 5

Kunst Q1 LK, SCH, 25.

November 2019

Bildanalyse
Capricho Nr. 23 „Aquellos Polvos“

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Aquellos_polvos.jpg
ÜBERARBEITUNG 2.0 DER HAUSAUFGABE

Beschreibung
Die hochformatige Aquatintaradierung von Francisco de Goya
(1746-1828) aus der Reihe der „Capriccios“ in der Größe 215 x 143 mm
zeigt einen auf einer Empore sitzenden Angeklagten. Vor ihm stehen zwei
Männer, einer verlost das Urteil des Angeklagten. Die Druckplatte wurde
Ende des 18 Jahrhunderts zwischen 1793 und 1799 in Spanien hergestellt
und hängt heute unter anderem im Kunstmuseum Moritzburg Halle
(Saale).
Im Vordergrund des Bildes sitz ein hell gekleideter Mensch auf einer
ebenso hellen Empore. Er trägt ein weißes Kleid. Sein Oberkörper ist
leicht nach vorne gebeugt. Die Haare der Figur sind gelockt und
ungekämmt. Auf ihrem Kopf ist eine spitz nach oben zulaufende
Bußermütze positioniert. Der Blick des Angeklagten ist gesenkt und seine
Augenlider geschlossen. Seine Gesichtszüge sind entspannt und seine
Hände mit einem Seil verbunden. Er hat sie gefaltet vor seinem
Oberkörper. Zudem sitzt die Figur zu 90 Grad nach rechts abgewendet
vom Betrachter und steht somit im Profil.
Im rechten Mittelgrund ist ein Podest positioniert auf dem zwei Männer
stehen. Der Hintee Mann ist kaum zu erkennen. Der vordere Mann trägt
dunkle Kleidung und liest vermutlich aus einem Gesetzbuch vor.
Vermutlich liest er gerade die Anklage oder das Urteil vor. Sein Blick ist zu
Angeklagten gerichtet, jedoch sein Kopf ins Buch gesenkt.
Im Hintergrund des Bildes und um die Empore herum steht eine
Menschenmenge. Die meisten von ihnen schauen in verschiedene
Richtungen. Auffällig erscheint ein Mann in Kutte unten rechts im Bild. Er
versucht vergeblich Blickkontakt mit dem Angeklagten herzustellen. Die
beschriebenen Raumebenen lassen einen imaginären Raum zu, welcher
betretbar ist.
Kompositionsanalyse
Der Betrachterstandpunkt ist frontal zum Angeklagten ausgerichtet.
Demnach weist das Bild eine seitliche Perspektive auf. Zudem befindet
sich der Betrachter durch eine Nahsicht direkt am Geschehen. Dies
untermauert ebenso die vom Künstler angewandte
Ausschnitthaftigkeit.
Der Angeklagte steht im Bildzentrum. Die Figur nimmt ungefähr die
Hälfte der Bildfläche ein und ist somit bildfüllend ins Format eingesetzt.
Die Mittelsenkrechte des Bildes verläuft durch den Hut, die Hände und
die Oberschenkel der Figur. Durch diese zentrale Positionierung der
Hände, bekommen diese eine starke Gewichtung im Bild. Die
Mittelwaagerechte verläuft durch den Körper der Figur und die obere
Kante des Podests, auf dem die beiden Männer stehen. Die gedachte
Linie deutet eine gestalterische Beziehung der beiden Positionen
(linke-vorne und rechts-hinten) im Bild an. Als Gesamtform beschreibt der
Körper des Angeklagten ein Kompositionsdreieck. Die Bedeutung der
beiden Symmetrieachsen sind essenziell für die Bildwirkung. Sie
suggerieren eine ausgewogene Komposition. Des weiteren sind zwei
Diagonalen in der Radierung vorzufinden. Die obere Diagonale verläuft
durch die spitzige Bußermütze, das Gesicht und den Oberkörper des
Mannes. Die untere Diagonale verläuft von der Kante des Podests bis zur
oberen Diagonale. Somit schneiden sie sich im unteren Rücken des
Angeklagten. Dies suggeriert Instabilität und fehlende Standhaftigkeit des
Angeklagten. Der Oberkörper ist geknickt, was durch den spitzen Hut und
dem gesenkten Blick nochmals stärker zum Ausdruck gebracht wird. Er
wirkt dadurch angreifbar und labil. Der Angriff von Außen wird durch die
Blicke des Passanten und des Klägers deutlich. Beide schauen ihm deutlich
und durchdringlich in die Augen.
Die beiden bedeutungsdifferente Bildzonen werden durch einen
Quantitätskontrast kompositorisch unterschieden. Der im Bildzentrum
sitzende Mann nimmt den größten Teil der Bildfläche ein, während die
anderen Figuren hingegen wenig Bildfläche einnehmen.( vgl. Skizze1)
Als raumschaffende Mittel verwendet Goya nicht nur Vorder-Mittel-
Hintergrund, sondern bringt darüber hinaus Verkleinerungen nach Hinten
und eine Plastizität der Hell-Dunkel Abstufungen Mit ein. Dies
suggeriert einen weit erscheinenden Tiefenraum.
Auch wird ein Helligkeits- und Qualitätskontrast in den Figuren
deutlich. (vgl. Skizze2), wodurch ihre Bedeutsamkeit im Bild zum
Vorschein gebracht wird. So sind die einzelnen Figuren in der
Menschenmasse nicht klar definierbar, wo hingegen beispielsweise der
Kläger einen deutlichen Gesichtsausdruck hat. Dennoch sind die
dargestellten nicht wirklichkeitsnah, jedoch ausdruckshaft in Szene gesetzt.
Interpretation
Die Darstellungsweise und Komposition der Radierung weisen deutlich
auf ein satirisches und gesellschaftskritisches Werk. In dem mir
vorliegenden Capricho wird ein Inquisitionstribunal dargestellt. „Aquellos
polvos“ ist der Anfang des spanischen Sprichworts Aquellos polvos traen estos
lodos ( Aus diesem Staub entsteht dieser Schlamm), was meint, dass aus
einer kleinen Missetat eine schwerwiegende Strafe folgen wird. Bei der
angeklagten Figur handelt es sich um eine Frau, die wegen Prostitution
verschuldet ist. Dies lässt sich aus der Doppeldeutigkeit des Begriffs polvos
ableiten. Eine zweite Deutung ist nämlich der Geschlechtsakt. Der Passant
im unteren rechten Bildteil trägt eine Kutte, die eine Zugehörigkeit zum
Klerus der Figur suggeriert. Dieser repräsentiert die gesamte Institution
der Kirche und ist als Schaulustiger zu sehen. Er interessiert sich, im
Gegensatz zu der restlichen Bevölkerung, für die Inquisitionstribunale und
ist ein Teil und somit auch Mitverantwortlicher der Anklage. Des weiteren
trägt der Kläger ordentliche Kleidung und ist somit der höheren
Gesellschaftsschicht zuzuordnen. Durch diese beiden Bildelemente, welche
gegenüber der Angeklagten stehen, übt Goya Kritik am Klerus und Adel
aus. Goya selbst propagiert nicht die Taten und die Gesetzgebung dieser
Machthaber, sondern stellt sich vielmehr auf die Seite der Angeklagten.
Dies lässt vermuten, warum Goya das Werk als Nahsicht zeichnete. Der
Betrachter soll Empathie gegenüber der „Opfer“ empfinden. Dies
unterstützten die von Goya angewandten Diagonalen im Bild. Sie
verdeutlichen die unstabile und zerbrechliche Haltung der zentrierten
Figur. Die Gefühlsebene des Angeklagten ist durch den Quantitätskontrast
der Figuren im Bild zu erahnen. Ein Einzelner gegen Viele. Das Gefühl
von Einsamkeit und Verspottung der Anderen macht sich in ihr breit. Dies
sind alltägliche Erfahrung die während der Inquisition von Einheimischen
und somit auch der Zielgruppe dieser Serie gemacht wurden. Außerdem
stellt der Künstler die Menschenmasse zum größten Teil desinteressiert am
Geschehen dar, was eine überspitze Darstellung ist, die verdeutlichen soll,
dass eine Verurteilung und Demütigung im öffentlichen Ausmass alltäglich
zu Lebzeiten Goyas war. Sie ist selbstverständlich, dass sogar keine
Empathie auf Seiten der Bevölkerung zu sehen ist. Um die Blickrichtung
des Betrachters zu lenken verwendet der Künstler einen starken
Helligkeitskontrast. Die zentrierte Figur ist fast in vollkommender weissen
Erscheinung zu betrachten, während der Hintergrund durch die
Aquatintaradierung in dunklen Mittelstufen radiert ist. Dadurch
intensiviert er den Kontrast und bringt räumliche Ebenen, sowie eine
Echtheit und Natürlichkeit ins Werk. Durch das helle hervorheben der
Figur wird der erste Blick des Betrachters auf die Angeklagte gelenkt. Dies
wird durch die starre Blickrichtung des Mönchs und des Klägers auf die
Angeklagte akzentuiert. Dem Betrachter wird auf anhieb bewusst, wer die
Hauptfigur des Bildes ist. Er setzt sich somit als erstes mit der leidenden
Figur auseinander, bevor dieser das Geschehen und ihre Bußtaten erkennt.
Der Betrachter begreift, dass Menschen immer wieder Fehler machen und
fragt sich zugleich, ob eine Hinrichtung wirklich nötig sei. Er wird dadurch
auf die Kritik Goyas in diesem Werk aufmerksam gemacht und setzt sich
mit dieser auseinander.
Goya war zu seiner Zeit Hofmaler am spanischen Hof und ein gefragter
Künstler. Trotz seiner hohen Stellung in der Gesellschaft und der privaten
Beziehungen zum spanischen Hof, vertrat Goya nicht die selben
politischen Ansichten, wie sein Arbeitgeber. Er selbst setzte sich nicht aktiv
gegen die Monarchen, machte jedoch Andeutungen in Gemälden der
Adligen.
1992 erkrankte Francesco de Goya stark und wurde gehörlos. Fortan
beschäftigte er sich nicht mehr nur noch mit Aufträgen, sondern vielmehr
mit den politischen Umständen. Zu dieser Zeit entstanden die berühmten
Caprichos, weshalb dieses Werk nach seiner Erkrankung einzuordnen ist.
Seine gesamte Reihe ist als Provokation und Satire zu verstehen. Er greift
in seinen Bildern vielmehr allgemeine Probleme auf.
Skizze 1 (Hell-Dunkel Verteilung) Skizze 2 (Kompositionsskizze)