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Kunst LK

Bildanalyse Goya
Desastres 36 - „Tampoco“

Bildanalyse Goya 1
Anna Leticia Merdzan Kunst LK

Bildanalyse Goya 2
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Bildbeschreibung

Die Radierung in Aquatinta „Tampoco“ (dt.: Hier auch nicht) von Francisco de Goya,
entstanden zwischen 1810 und 1814, ist die 36. Grafik der Bilderreihe „Los Desastres de la
Guerra“ (dt.: Die Schrecken des Krieges) und zeigt einen uniformierten Soldaten, der auf einen
gehängten Mann schaut. Das Bild ist 15.3 × 20.4 cm groß und im Museum of Fine Arts in Houston,
USA ausgestellt.
Im Bildzentrum ist ein gehängter Mann zu sehen. Er trägt ein helles Gewand, welches ihm circa
bis zu den Knien reicht und eine heruntergelassene Hose. Durch seinen zu Boden gerichteten Kopf
und seinem hängenden Arm sieht der Mann leblos aus. Er hängt an einem Baumstamm, der in den
Boden gerammt ist und oben eine Abzweigung hat, an der eine Kordel befestigt ist mit der der Mann
erhängt wurde. Hinter dem gehängten Mann ist ein Haufen Gestrüpp gezeichnet. Links dahinter
kann man noch die Umrisse zwei weiterer Baumstämme mit jeweils einem Erhängten erkennen. Auf
der anderen Seite sitzt ein uniformierter Soldat an einen viereckigen Stein gelehnt, welcher seinen
Kopf entspannt auf seinem Arm abstürzt und den toten, gehängten Mann mit einem hämischen
Grinsen anschaut. Der Hintergrund ist neutral und leer gehalten, bis auf Licht, welches von der
linken Seite von einer bildexternen Quelle scheint.

Kompostitionsanalyse

(Im Folgenden werde ich die formalen Aspekte des Bildes analysieren.)
Zunächst liegt der Fokus des Betrachters auf dem erhängten Mann, da dieser durch seine Kleidung
am hellsten von allen Bildelementen dargestellt ist. Die Helligkeit wird außerdem durch das dunkle
Gestrüpp hinter dem erhängten Mann, in Form eines Hell-Dunkel-Kontrasts, verstärkt.
Außerdem ist die Position des erhängten Mannes zentral. Die Mittelsenkrechte des Bildes
verläuft durch die Kordel mit der der Mann erhängt ist und somit auch durch den Mann selbst
hindurch.
Ein weiterer zu erkennender Kontrast ist der Formkontrast, welcher sich zwischen dem in der
unteren rechten Ecke platzierten rechteckigem Stein, dessen Kanten parallel zu den Bildrändern
verlaufen, und den zwei gedachten, liegenden Dreiecken besteht. Diese bilden sich durch den
Baumstamm und das Gestrüpp, aber auch durch die zwei weiteren erhängten Menschen und einer
Diagonale von der Baumstamm-Spitze zu dem Kopf des Soldaten, bilden, entsteht. In diesem
Formkontrast kann allerdings auch ein stehendes Dreieck mit einbezogen werden, welcher der Soldat
in seiner Haltung, mit dem ein die Hüfte eingestürzten Arm, bildet.

Bildanalyse Goya 3
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Durch den gemütlich sitzenden, fast liegenden, Soldaten entsteht außerdem eine Art
Richtungskontrast, da man durch alle anderen Personen, selbst wenn diese tot sind, Vertikale ziehen
kann und durch den Soldaten eine Diagonale.
Durch die eben erwähnten, im Hintergrund zu erkennenden erhängten Menschen wird eine
Tiefe geschaffen, obwohl der Hintergrund schlicht und leer ist. Dies wird außerdem durch die gröbere
Paralellschraffur verstärkt, die die Figuren blasser bzw. weiter weg erscheinen lässt. Dadurch entsteht
ein Qualitätskontrast, da die Hauptpersonen im Gegensatz zu den Personen im Hintergrund, sehr
detailliert dargestellt sind, um diese hervorzuheben. Dazu kommen die dunkleren bzw. helleren
Flächen im Hintergrund, die die Tiefe ebenfalls verstärken. Zum Beispiel ist das Dreieck in der oberen
linken Ecke dunkler dargestellt als der Rest der Hintergrunds und darunter kann man einen von links,
aus einer bildexternen Quelle, kommenden Lichtkegel erkennen, der durch die Qualität der Aquatinta
entsteht. Die Aquatinta wird benutzt um dem Bild eine gewisse Tiefe zu verleihen und eine düstere
Atmosphäre zu schaffen.

Interpretation
Durch die eben erwähnten liegenden Dreiecke wird eine gewisse Stabilität bzw. Ruhe im Bild
vermittelt, die durch den toten, reglosen Mann im Bildzentrum sowie denen im Hintergrund verstärkt
wird. Trotz der so vermittelten Ruhe wirkt das Bild durch den Soldaten unruhig, da er im Gegensatz
zu den anderen Figuren im Bild lebt und außerdem eine ganz andere Haltung einnimmt, durch die
ein stehendes Dreieck gebildet wird, welches Unruhe suggeriert.
Diese Unruhe widerspricht sich allerdings mit der tatsächlichen Haltung des Soldaten, welcher,
durch sein gemütliches Sitzen, eine gewisse Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Dies könnte man auf
die politische bzw. soziale Situation Spaniens zu Beginn des 19. Jahrhunderts beziehen. Durch die
„anti-aufklärerische“ Haltung der Monarchie, die hier von dem Soldaten repräsentiert wird, wird
Unruhe im Land bzw. unter der Bevölkerung ausgelöst, trotzdem „ruht“ diese und unterdrückt die
liberale Bewegung um weiterhin die Macht zu behalten.
Durch das hämische Grinsen des Soldaten und der heruntergelassenen Hose des Toten wird
dieser ins Lächerliche gezogen und ist so auch ein bisschen traurig anzusehen, da er nicht den
angemessenen Respekt bekommt, den ein jeder Mensch verdient. Dies suggeriert wie die Regierung
bzw. die Monarchie mit den Menschen der damaligen Zeit umgegangen ist. Außerdem lässt sich
vermuten, dass der erhängte Mensch eher ein Mensch der Unterklasse war und so zu den Armen
gehörte, da er ein einfaches Hemd und Hose trägt. So wird übermittelt, dass die Armen in der
damalig Zeit als wertlos angesehen wurden.
Der Titel des Bildes „Tampoco“, auf Deutsch: „Hier auch nicht“ verstärkt meine Deutung
nochmal. Nämlich bekommt der Mensch nichtmal nach seinem Tod den nötigen Respekt, der schon
das ganze Leben nicht gegeben ist, also wird hier „Auch kein Respekt“ gezeigt.

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Die Grafik ist somit also gesellschaftskritisch oder auch als Kritik an der politischen Situation zu
verstehen, da die Darstellung satirisch zeigt, wie sich die Regierung bzw. der Soldat ein Vergnügen
daraus macht, die Unterschicht wertlos zu behandeln und nichts zu tun, was sich das Volk, oder die
immer größer werdende liberale Bewegung, von der Regierung wünscht und und so unterdrückt wird.
Somit kritisiert er das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich in seinem Land.
Dieses Ungleichgewicht wird in der Grafik selbst mit dem Richtungskontrast dargestellt, welcher
durch die vertikal hängenden Leichen und dem diagonal sitzenden Soldaten entsteht. Die ungleichen
Richtungen bzw. Bildlinien stehen für die verschiedenen Haltungen. Einmal für die liberale des Volkes
(das hier als Leichen dargestellt wird) und der konservativen der Regierung bzw. Monarchie.
Es lässt sich vermuten, dass die Leichen den Großteil des Spanischen Volkes repräsentieren
sollen, da dieses nichts tut um sich gegen die unterdrückende und ignorante Herrschaft der
Monarchie zu wehren. Auf der anderen Seite ist das Volk so auch garnicht in der Lage dazu, da jeder
der sich wehrt mit schwerwiegenden Folgen rechnen muss, was nochmals veranschaulicht, warum
Leichen zur Repräsentation gewählt wurden.
Die Folge „Los Desastres de la Guerra“ ist zwischen 1810 und 1814, und somit nach seinem
Gehörschwund, entstanden. Goya war zu der Zeit sehr in sich gekehrt, da es ihm schwer fiel mit
seinem Umfeld zu kommunizieren und so drückte er seine Gefühle durch seine Kunst aus. Die Reihe
zeigt „Die Schrecken des Krieges“ und ist somit zwar schon alleine wegen des Themas sehr düster,
wird aber noch durch eine eigene Krankheit verstärkt.
Alles in allem kann man sagen, dass das Bild eine ruhige aber auch bedrückende Atmosphäre
übermittelt, durch den Tod, der hier als Hauptthema vorzufinden ist. Durch den grinsenden Soldaten
wird allerdings noch eine Art Satire bzw. Sarkasmus übermittelt.

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