Sie sind auf Seite 1von 9

OLDENBOURG Soziologische Revue 2017; 40(2): 169–176

Symposium

Lyrische Weltsoziologie
Symposiumsbeitrag zu: Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbezie-
hung. Berlin: Suhrkamp 2016, 815 S., gb., 34,95 €  

Besprochen von Prof. Dr. Sina Farzin: Universität Hamburg,


E ˗ Mail: sina.farzin@wiso.uni-hamburg.de

DOI 10.1515/srsr-2017-0025

Schlüsselwörter: lyrical sociology, Romantik, Ironie

Auf 800 Seiten schreibt Hartmut Rosa in Resonanz über das In-der-Welt sein und
zu ihr in Beziehung stehen unter modernen Bedingungen. Das Buch, so bemüht
sich der von Verlagsseite beigesteuerte Klappentext sofort um eine überschießen-
de Erwartungshaltung seitens der Leserin, sei nicht weniger als das „Gründungs-
dokument einer Soziologie des guten Lebens“. Rosa selbst bezeichnet sein Projekt
als Soziologie der Weltbeziehung, die er im vierten Kapitel in die Tradition der
kritischen Theorie einordnet. Theoretisch mag diese enge Verbindung einer auf
die individuelle Lebensführung abzielenden Orientierung am „guten Leben“ (die
nicht frei von hedonistischen Untertönen ist) und einer kritisch-gesellschaftstheo-
retischen Perspektive vor allem unter Vertreterinnen der Kritischen Theorie (mit
großem K) ein gewisses Unbehagen auslösen. Empirisch kennen wir die Ineinan-
derfaltung von Kapitalismuskritik und Eigenwohlmaximierung als Gegenwarts-
signum, seit ATTAC und andere Akteure des globalisierungskritischen Spektrums
ab der Jahrtausendwende die dem Revolutionsdichter Wladimir Majakowskis
zugeschriebene Sentenz „Her mit dem schönen Leben!“ erfolgreich zum mobili-
sierenden Protest-Slogan ausriefen.1
Damit passt Resonanz in die Zeit, wovon auch die zahlreichen Rezensionen in
den deutschsprachigen Feuilletons und Fachzeitschriften zeugen. Vor dem Hin-
tergrund dieser gut dokumentierten Besprechungslage wird mein Text weder eine
minutiöse Rekonstruktion des Argumentes noch eine theoriegeschichtliche Ein-
ordnung des Buches versuchen. Dazu ist vieles gesagt und geschrieben worden.
Einsatzpunkt des Folgenden ist vielmehr ein zunächst unklarer, ambivalenter

1 Vgl. Misik, Robert: Her mit dem schönen Leben. taz, 2.4.2005.
170 Sina Farzin OLDENBOURG

Leseeindruck: Einerseits bereitet die Lektüre des Buches Freude, es ist klar und
schön geschrieben, verbindet unterschiedlichste Niveaus von Abstraktion und
Anschaulichkeit mühelos auch dank der Assoziations- und Sprachfreude des
Autors. Es gibt also Momente einer vielzitierten „Lust am Text“, die dann aber
immer wieder in Orientierungslosigkeit umschlagen. Was liest man da eigentlich?
Eine Anthropologie des modernen Menschen? Einen sozial- und gesellschafts-
theoretischen Grundlagentext? Eine kritische Gegenwartsdiagnose? Den Text
durchzieht trotz seiner Anschaulichkeit und Ausführlichkeit eine Vagheit, die
bereits von verschiedenen Rezensenten kritisiert wurde.2
Die folgenden Überlegungen nehmen ihren Ausgang von diesem Befund,
ohne die üblichen Erklärungs- und Kritikschablonen mangelnder systematischer
Kohärenz und argumentativer Stringenz in den Mittelpunkt zu stellen. Der Ziel-
punkt meiner Überlegungen ist ein genaueres Verständnis für das ästhetische
Programm, das Resonanz zugrunde liegt und das sich sowohl im Aufbau des
Textes als auch im Rückgriff auf die entscheidenden Quellen manifestiert. Denn
es ist das kompositorische Prinzip des Textes selbst sowie die darin eingelagerte
Form des Weltbezuges, die zu den geschilderten „Lektüreblockaden“ beitragen.
Hartmut Rosa hat mit Resonanz, so lautet die These, eine „lyrische Soziolo-
gie“ vorgelegt. Diese Form ermöglicht oder privilegiert, wie alle Formen, bestimm-
te Arten der Erkenntnis oder Wissensgenerierung und behindert andere. Was
meine ich nun mit „lyrisch“ und warum denke ich, dass Hartmut Rosa ein
lyrischer Soziologe ist? Das Adjektiv des „lyrischen“ ist nicht pejorativ gemeint
(auch wenn Wissenschaftlerinnen das vielleicht reflexartig so verstehen wollen).
Das Konzept einer lyrischen Soziologie entwickelt der Soziologie Andrew Abbott
2007 in einem Text unter dem Titel „Against Narrative. Towards a lyrical sociolo-
gy“. Abbott fokussiert hier soziologische Formen der Wissensgenerierung, die er
als lyrisch qualifiziert. Lyrische Soziologie ist für Abbott ein soziologischer Er-
kenntnismodus, der nicht auf der Bereitstellung einer Erzählung, einer geregelten
Abfolge von Ereignissen oder Kausalitäten aufruht, sondern die dichte und wider-
holte Beschreibung eines einzelnen Momentes, eines einzelnen Bildes in den
Mittelpunkt stellt.
„Our general guide must always be the aim to imagine a kind of sociology –
really a kind of social science – that is in some profound sense not narrative. This
does not mean that it cannot contain narrative elements [...]. But it means that its
ultimate, framing structure should not be the telling of a story – recounting,

2 Vgl. bspw. Thomä, Dieter: Soziologie mit der Stimmgabel. DIE ZEIT Nr. 26/2016, 16. Juni 2016
oder Bisky, Jens: Mehr Resonanz wagen. Süddeutsche Zeitung, 28.07.2016.
OLDENBOURG Lyrische Weltsoziologie 171

explaining, comprehending – but rather the use of a single image to communicate


a mood, an emotional sense of social reality“ (Abbott, 2007: 73).
Die zentrale Stellung von einzelnen Bildern und wiederkehrenden Momenten
zeichnet laut Abbott eine „lyrische“ soziologische Haltung aus, die zum aus-
schlaggebenden stilistischen Prinzip wird. Personifizierungen, Metaphern, bild-
liche Sprache sind Kennzeichen dieser Art des Soziologisierens, die laut Abbott
vor allem (aber nicht nur) in bestimmten ethnographischen Studien zu finden ist.
„The lyricist will use more figurative language and more personification“ (Abbott,
2007: 76).
Rosa verfährt nun in Resonanz in zweifacher Weise als lyrischer Soziologe:
Einerseits – eng an Abbotts Vorstellung entlang – auf der Ebene des Aufbaus
des eigenen Argumentes. Andererseits – über Abbott hinausgehend – durch die
verwendeten Quellen, in denen sich ein geradezu projektiver Bezug auf lyrische
Formen ästhetischer Kommunikation widerspiegelt. Beide Punkte gilt es zu
erläutern:
Resonanz als ‚lyrical Sociology‘: Abbotts Idee einer soziologischen Perspekti-
ve, die ihre Kraft aus dem wiederholten Aufrufen eines bestimmten Bildes oder
Momentes menschlicher Erfahrung zieht, findet sich als strukturierendes Prinzip
auch in Hartmut Rosas Buch. Das Bild, um das Resonanz kreist und das in immer
neuen empirischen, theoretischen, kursorischen, anekdotischen und künstleri-
schen Variationen aufgerufen wird, ist der Moment einer ‚sprechenden‘ Begeg-
nung zwischen Subjekt und Welt.
Resonanz beschreibt „[...] einen Modus des In-der-Welt-Seins, das heißt eine
spezifische Art und Weise des In-Beziehung-Tretens zwischen Subjekt und Welt
[...]. Als Kernmoment lässt sich dabei die Idee isolieren, dass sich beide Entitäten
der Beziehung in einem schwingungsfähigen Medium (oder Resonanzraum)
wechselseitig so berühren, dass sie als aufeinander antwortend, zugleich aber
auch mit eigener Stimme sprechend, also als ‚zurück-tönend‘ begriffen werden
können“ (285).
Dieses Bild eines in der Welt befindlichen Subjekts, das zu dieser in dialogi-
scher Beziehung ist, wird dann in unendlichen Variationen immer wieder vor-
geführt: als gelingendes In-Beziehung-Sein in Momenten des Austauschs und der
nicht-instrumentellen Bezogenheit, als scheiterndes In-Beziehung-Sein in Mo-
menten der Entfremdung oder des Weltverstummens. Schon der Einstieg in das
Buch führt verschiedene Manifestationen des Weltverhältnisses entlang der
Schwestern Hannah und Anna und der Brüder Adrian und Dorian vor, die in
diversen Alltagssituationen geschildert werden (im Fitnessstudio, auf der Arbeit,
am Frühstückstisch). Und auch im weiteren Verlauf des Buches werden durch-
gängig immer wieder Momente scheiternder oder gelingender Resonanz anekdo-
tisch oder illustrierend aufgerufen. Sie umfassen die ganze Bandbreite mensch-
172 Sina Farzin OLDENBOURG

licher Erfahrungen, über Sport, Tanz, Musik, persönliche Beziehungen, Natur-


erlebnisse, Kindheitserinnerungen, „[...] der Moment am Lagerfeuer, der erstrah-
lende Weihnachtsbaum, der gleißende Sandstrand und die Wellen am Meer, oder
auch einfach der murmelnde Bach hinter dem Haus [...]“ (198). Die Erfahrung von
Wetterphänomenen wie der „müde graue Dezemberhimmel“ (261) kann ebenso
Resonanz erzeugen wie die Erfahrung eines Lehrers, „seinen Schülern etwas zu
sagen zu haben und von diesen auch gehört werden zu wollen“ (413).
Im Mittelpunkt dieser hier nur kurz anzitierten Liste von Beispielen, die sich
bei einem genaueren Durchgang des Buches schier endlos um alltägliche und
exzeptionelle Resonanzerfahrungen erweitern ließe, stehen weniger die Prozesse,
an deren Endpunkten sich scheiternde oder gelingende Bezugnahmen beobach-
ten lassen, sondern die möglichst vielfältige Beschreibung und Erfassung der
Momente selbst. Es geht nicht um eine systematische Beschreibung aller zu einem
historischen Moment der Moderne möglichen Resonanzkonstellationen (egal ob
scheiternd oder gelingend). Vielmehr wird durch das Umkreisen des Bildes eines
auf die Welt bezogenen Subjekts eine Art Gravitationspunkt der Argumentation
geschaffen, von dem aus Welt-/Subjektverhältnisse im Sinne gelingender oder
scheiternder Resonanz in verschiedenen Dimensionen (vertikal, horizontal, dia-
gonal) erkundet werden. Zugleich wird dieses Bild zum Suchraster, das es erlaubt,
in einem teilweise etwas atemlosen Durchgang durch die Kultur- und Geistes-
geschichte der Moderne nach ähnlichen Miniaturen zu suchen. Aus den Groß-
theorien der Moderne werden dann verwandte Bilder herauspräpariert, ohne dass
die dahinterliegenden theoretischen Einbettungskontexte minutiös mit-rekon-
struiert werden müssten. Es geht darum, in den Prozessen der Industrialisierung,
der Bürokratisierung oder der Verstädterung, der Entfremdung oder der Indivi-
dualisierung jene Momente zu identifizieren und zu isolieren, die sich im hier
skizzierten Sinne zu einem Resonanzbild verdichten lassen. So wird etwa Webers
Konzept der innerweltlichen Askese zum Ausdruck eines Kampfes gegen „Reso-
nanzverlockungen“ und Lukács Bild des modernen Subjektes, das zum „ein-
flusslosen Zuschauer“ des eigenen Daseins wird, zum Ausdruck einer Form der
Weltbeziehung der Resonanzlosigkeit (vgl. 547). Es ist die lyrische Form der
Argumentation, die es ermöglicht, unterschiedlichste theoretische Entwürfe und
Konzepte der Moderne so in einem Bild zu verdichten, das fast alle sozialen
Dynamiken als Ausdruck des epochalen Signums der Steigerung von Resonanz-
sensibilisierung und Resonanzkatastrophe lesbar macht (vgl. 540ff.).
Resonanz als Soziologie des Lyrischen: Neben diesem Verfahren der wieder-
holten Anrufung eines Bildes in allen möglichen Variationen schreibt Rosa aber
auch in einem zweiten, konkreteren Sinne als lyrischer Soziologe. Denn die
typische moderne Steigerungsdynamik von krisenhafter Resonanzerfahrung und
steigender Resonanzsensibilität, die Rosa diagnostiziert, scheint (gerade wenn es
OLDENBOURG Lyrische Weltsoziologie 173

um gelingende Resonanz geht) eher in der Kunst registriert und thematisiert


worden zu sein als in der Sozialwissenschaft. Und hier sind es vor allem nicht-
narrative, lyrische Formen ästhetischer Erfahrungen, die Rosa heranzieht, um das
Gelingen oder Scheitern von Resonanz zu beschreiben.
„Ästhetische Resonanz wird [...] zu einem Experimentierfeld für die Anver-
wandlung unterschiedlicher Muster der Weltbeziehung. Ihren reinsten, das heißt
nicht durch spezifische Inhalte verzerrten oder beeinflussten Ausdruck finden
diese Muster in der Instrumentalmusik sowie in lyrischen Formen, die keine Tätig-
keit oder Interaktion schildern, sondern existentielle Beziehungen zwischen Ich
und Welt verhandeln“ (483).
Während also die sozialtheoretische Tradition, die Rosa zitiert, vor allem die
resonanzverhindernden Dimensionen moderner Vergesellschaftung thematisiert,
findet sich in der Kunst gerade in lyrischen Formaten der soziale Ort der Erzeu-
gung und Einübung von Resonanzsensibilität. Die typisch ästhetisch-lyrische
Verdichtung von Momenten, Stimmungen, Atmosphären wird zur adäquaten
Beschreibungsform und gleichzeitig zum Instrument der Einübung von gelingen-
den Resonanzmomenten. Dementsprechend sind die Bilder gelingender Reso-
nanz, die Rosa zitiert, häufig Momente ästhetischer Erfahrung. Dabei trennt Rosa
(im deutschsprachigen Milieu sozialkritischer Theoriedebatten auch 2016 leider
immer noch bemerkenswert) erfreulicherweise an keiner Stelle zwischen kanoni-
sierter und institutionalisierter Kultur-Kultur und Pop-Kultur. Liedzeilen von
Reinhard Mey (164) und Belinda Carlisle (140) werden fröhlich neben Verse von
Rainer Maria Rilke (141) oder Friedrich Schiller (223f.) gestellt.
Eine besondere Bedeutung kommt bei aller, auch popkulturell bezeugter,
Gegenwärtigkeit für Rosa jedoch der Romantik als künstlerischer Epoche zu, in
der sich für ihn in Reaktion auf die Moderne erstmals Resonanzsensibilität und
Resonanzhoffnung in einer über den Bereich der Kunst hinaus zielenden Form
verwirklichen.
„Das ,Modell Romantik‘ wurde auf diese Weise stilprägend für die Resonanz-
hoffnungen und Resonanzsehnsüchte und zugleich die Ängste vor dem Reso-
nanzverlust im modernen Konzept der Liebe und der Freundschaft; in der Auf-
fassung einer weltbeziehungsstiftenden lebenspraktischen Bedeutung von Kunst,
Musik und Ästhetik [...]. Die Moderne träumt von einer Weltbeziehung, die durch
und durch resonant ist, in der Körper und Psyche, Geist und Natur, individuelle
und kollektive Geschichte, Individuum und Gesellschaft ihre Spaltungen über-
winden [...] und in lebendige Antwortbeziehungen treten“ (601).
In diesem Sinne wird die Romantik als Nukleus der modernen, autonomen
Kunst zum Stichwortgeber einer Praxis der Resonanzsensibilisierung, in der die
moderne Resonanzsehnsucht ihren Ausdruck findet. Diese Anerkennung von
Literatur, Musik und Kunst als eigenständige Wissensformen, die es soziologisch
174 Sina Farzin OLDENBOURG

mit Gewinn einzubeziehen gilt, ist die zweite Säule der lyrischen Soziologie in
Resonanz.
Was ermöglicht nun das beschriebene Format einer „lyrical sociology“? Für
Abbott liegt die Qualität dessen, was er „lyrical sociology“ nennt, gerade nicht in
der erschöpfenden Erklärungskraft gegenüber den geschilderten Phänomenen,
sondern in der emphatischen Verbindung zu einem konkreten Moment mensch-
licher Erfahrung. Diese „[...] moral recognition of the common humanity we share
with those we read about [...]“ wird die Grundlage eines sympathisierenden Nach-
vollzugs anderer Erfahrungswelten und ihrer Verbindung zur eigenen subjektiven
Welterfahrung (Abbott, 2007: 95). Dass ein solches lyrisches Erkenntnisprogramm
nicht nur eine verspätete Aneignung der Soziologie aus inzwischen überholten
ästhetischen Programmatiken ist, sondern ein aktuelles Bedürfnis nach emotional
geprägten, identifikatorischen Sinnangeboten trifft, zeigt nicht zuletzt der Blick in
aktuelle ästhetische Diskurse. So verhandelt die Zeitschrift Texte zur Kunst im
September 2016 unter der Überschrift „Poesie“ Beiträge zur Wiederkehr der Figur
des artist-poet und stellt fest: „Auch in Theorie, Protest – und der digitalen Sphäre
insgesamt – lässt sich ein Trend zu einer Sprache des Affekts und der persönli-
chen Erfahrung beobachten. Dahinter, so unsere Hypothese, steht ein zunehmen-
des Bedürfnis, politische Fragen von einem Standpunkt individueller Unmittel-
barkeit aus zu adressieren. Wie kommt es dazu? Warum gilt poetische
Subjektivität (ehedem eine marginale und ein wenig peinliche Identität) heute als
gangbarer Weg zu gesellschaftlicher Anerkennung und Erfolg?“ (Busta / Dyes,
2016: 4). Die Antworten auf diese Fragen können hier nicht gegeben werden, ihr
Auftauchen in aktuellen (kunst)theoretischen Debatten zeigt aber an, dass Rosas
‚lyrical sociology‘ selbst wiederum auf einen aktuellen Resonanzraum trifft, in
dem subjektiv empfundener Unmittelbarkeit als Erfahrungs- und Erkenntnisform
wieder verstärkte Aufmerksamkeit zukommt.
In diesem Sinne ermöglicht es Resonanz der Leserin, eine Vielzahl alltägli-
cher oder auch außeralltäglicher Momente des Gelingens oder Scheiterns sub-
jektiver Weltbezüge nachzuempfinden und mit der eigenen Situiertheit in der
Welt in Bezug zu setzen. Und genau diese identifikatorischen Anschlussoptionen
machen Resonanz vermutlich zu der erfolgreichen Art öffentlicher Soziologie, die
es ist. Die Vielzahl der Beispiele gelingender oder scheiternder Resonanz, die über
Mobbingerfahrungen, den Umgang mit Haustieren (insbesondere Katzen), Liebes-
beziehungen bis hin zu Naturerlebnissen reichen, dürften jeder Leserin mehr als
einmal Assoziationen an eigenes Erlebtes und Widerfahrenes erlauben. Aus-
geblendet oder zumindest im Hintergrund bleiben dann aber all jene prozess- und
strukturhaften Einflussgrößen auf die konkreten Resonanzbilder, die jenseits der
gesellschaftstheoretisch skizzierten Grundstellung der Moderne als Resonanz-
katastrophe und Resonanzsensibilisierung die jeweiligen Schilderungen prägen.
OLDENBOURG Lyrische Weltsoziologie 175

Das trifft, wie Rosa selbst im Nachwort einräumt, zum Beispiel auf die situativ
wirksamen Machtstrukturen zu: Ist eine glückende Resonanzbeziehung, die, mir
vielleicht noch nicht einmal bewusst, auf starken Machtasymmetrien aufruht,
dann überhaupt geglückt, oder gelingt eine mit der Natur verbindende Resonanz-
erfahrung im Urlaub auch dann noch, wenn sie durch ausbeuterische Arbeits-
verhältnisse in der Tourismusindustrie des Reiselandes überhaupt erst finanzier-
bar für mich wurde? Gilt das geglückte Resonanzempfinden im Angesicht des
spektakulären Sonnenuntergangs über dem blauen Meer dann noch? Und wer
entscheidet das? Ich weiß nicht, ob man sich in der Tradition der kritischen
Theorie verorten kann, ohne solche Fragen zu beantworten.
Man erhält, trotz der Anschaulichkeit und Beispielsdichte, wenige Informa-
tionen darüber, nach welchen Kriterien die zahlreichen Bilder des Gelingens und
Scheiterns von Resonanzerfahrungen den jeweiligen Kategorien zuzuordnen sind.
Das ist vielleicht der Preis jedes normativen Sprechens, das sich als Kritik ver-
steht. Und vielleicht hätte auch hier das ,Modell Romantik‘ weitergeholfen. Denn
trotz der durchgängig spürbaren Bewunderung für die in der Romantik etablierten
Weltzugänge des modernen Subjektes, bleibt die Rezeption dieser Epoche merk-
würdig verkürzt. Der Traum der umfassenden, resonanten Weltbeziehung, den
Rosa beispielsweise dem 116. Athanäums-Fragment Friedrich Schlegels entnimmt
(600), wurde nur möglich, weil die Romantiker genau (und erstmals) wussten,
dass sie eben nur von einem spezifischen Standpunkt aus schreiben, nämlich dem
einer autonomen Kunst, die um diese Autonomie weiß. Die Erhebung des Frag-
mentarischen, das sein eigenes, kontingentes Gemacht-Sein ausstellt, zur präfe-
rierten Ausdrucksform und mehr noch die Entwicklung der romantischen Ironie
zeugen von dieser Reflektion. Erst auf deren Grundlage wurden die späteren,
avantgardistischen, alle Lebensbereiche von der Kunst aus zu reorganisieren
trachtenden Universalpoetiken denkbar. Insbesondere die Ironie Schlegels als
Haltung zur Welt, die immer mitführt, dass alle Handlungen und Gedanken auch
anders möglich seien, führt ein distanzierendes Moment in das ästhetische Modell
der Romantik ein. Von hier aus entwickelt die Romantik zunächst ein Kunstver-
ständnis, das gerade die Beschränktheit künstlerischer Erfahrung ausstellt und
einfordert. „Ironisch ist Kunst, wenn sie zeigt, daß sie weiß, daß sie Kunst ist –
und niemals Welt oder Wirklichkeit“ (Plumpe, 1993: 162).
Diese Leerstelle in Rosas Romantikrezeption ist wirklich bedauerlich. Zu
gerne wüsste die Leserin, wie das entschiedene Plädoyer für eine ironisch-dis-
tanzierende Haltung der Frühromantiker den lyrischen Soziologen Rosa heraus-
gefordert hätte, zumindest die Möglichkeitsbedingungen der eigenen normativen
Haltung deutlicher offenzulegen. Und ebenso stellt sich die Frage, ob ein soziolo-
gisches Anknüpfen an die romantischen Universalpoetiken 2016 nicht denselben
(Selbst)Überforderungen der modernen Kunst auf den Leim geht, wie es die künst-
176 Sina Farzin OLDENBOURG

lerischen Avantgarden des 19. und 20. Jahrhunderts taten, die alle nach einer
Reorganisation der Lebenspraxis vom Feld der Kunst aus strebten und scheiter-
ten. Aber wenn man im Schlagwortverzeichnis nach Ironie sucht, findet man als
letzten Eintrag Iron Maiden, dann beginnt schon das „J“.

Literatur
Abbott, A. Against Narrative: A Preface to Lyrical Sociology. Sociological Theory 2007, 25, 67–99.
Busta, C.; Dyes, A. Vorwort. Texte zur Kunst 2016, 26, 4–6.
Plumpe, G. Ästhetische Kommunikation der Moderne. Band 1; Westdeutscher Verlag: Opladen,
1993.
Reproduced with permission of
copyright owner. Further
reproduction prohibited without
permission.