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2018 Deutscharbeit zu „Homo faber“ Mattia Mantovani, 4bG

Homo aeternus
„Ich redete über meine Uhr, [...], und über die Zeit ganz allgemein; über Uhren, die
imstande wären, die Zeit rückwärts laufen zu lassen –“ (155)

Walter Faber ist ein Mann der Wissenschaft oder zumindest sieht er sich als solchen. So hat er
auch grosses Interesse an den Naturwissenschaften, vor allem an den Ingenieurswissenschaften.
Doch ein Phänomen scheint einen besonderen Platz in seinem Herzen einzunehmen: der
maxwellsche Dämon. Dieser wird insgesamt vier Mal erwähnt (33, 74, 194, 197). Auf die Be-
deutung der einzelnen Stellen wird später eingegangen, aber es ist mit Sicherheit festzustellen,
dass die Wahl genau dieses Phänomens kein Zufall ist. Man kann nämlich davon ausgehen,
dass Max Frisch sich mit dem Thema auskannte: Unter anderem, weil er an der ETH Zürich
studiert hatte und seine Interessen bestimmt nicht auf Literatur beschränkt waren.1

Der maxwellsche Dämon ist ein Gedankenexperiment, aufgestellt von James Clerk Maxwell.
Zuerst nur in Briefen, später in seinem Buch Theorie of Heat beschreibt Maxwell die Idee wie
folgt:

„But if we conceive a being whose faculties are so sharpened that he can follow
every molecule in its course, such a being, whose attributes are still essentially finite
as our own, would be able to do what is at present impossible to us. For we have
seen that the molecules in a vessel full of air at uniform temperature are moving
with velocities by no means uniform, though the mean velocity of any great number
of them, arbitrarily selected is almost exactly uniform. Now let us suppose that such
a vessel is divided into two portions, A and B, by a division in which there is a small
hole, and that a being, who can see the individual molecules, opens and closes this
hole, so as to allow only the swifter molecules to pass from A to B, and only the
slower ones to pass from B to A. He will thus, without expenditure of work, raise
the temperature of B and lower the temperature of A, in contradiction to the second
law of thermodynamics.“2

Es geht hier also keineswegs um ein übernatürliches Wesen; Maxwells Dämon passt in
den Rahmen der klassischen Physik. Der Dämon ist nicht anders als ein Mensch, nur dass
seine Sinne um einiges schärfer sind. Somit kann er die einzelnen Moleküle innerhalb des
Gefässes, ein geschlossenes System, analysieren und ihre Geschwindigkeit bestimmen.
Ist ein Molekül schnell unterwegs, so öffnet der Dämon die Klappe in der Zwischenwand

1 Seite „Max Frisch“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 5. Oktober 2017, 19:35
URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Max_Frisch&oldid=169712179 (Abgerufen: 18. Januar
2018, 17:42)
2 Maxwell, James Clerk, Theory of Heat, Longmans, Green, and Co., 1902, S. 338

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und lässt es hindurchflitzen. Ist es hingegen langsam, so schliesst er die Klappe. Es ist
wichtig anzumerken, dass der Dämon hierbei bei idealen Bedingungen, die zwar in der
Realität unmöglich zu erreichen sind, keinerlei Arbeit verrichtet und daher keine Energie
benötigt. Das Resultat ist dann, dass die Moleküle sortiert werden: Alle schnellen Teil-
chen befinden sich in der einen Hälfte, die langsamen in der anderen. Und da schnelle
Moleküle energiereicher sind und Wärme nichts anderes als die Bewegung von Teilchen
ist, wird die eine Hälfte warm, die andere kalt sein. Das Problem ist, dass somit gegen die
ersten zwei Hauptsätze der Thermodynamik verstossen wird. Der erste Satz der Thermo-
dynamik besagt, dass „die Energie eines abgeschlossenen Systems konstant ist.“3 Auf
den ersten Blick mag dies zwar auf den maxwellschen Dämon zutreffend scheinen, doch
durch die entstandene Temperaturdifferenz könnte man zum Beispiel eine Wärmekraft-
maschine antreiben. Man hätte somit ein Perpetuum Mobile erschaffen. Nun zum zweiten
Satz: Dieser sagt aus, dass „in einem geschlossenen adiabaten System die Entropie nicht
geringer werden [kann].“4 Entropie ist eine Masseinheit für Chaos; Moleküle werden im-
mer einen ungeordneten Zustand anstreben. So vermischen sich zum Beispiel die schnel-
len und die langsamen Teilchen zweier Flüssigkeiten mit verschiedenen Temperaturen.
Oder auch Salz, welches sich in Wasser löst, ist ein Beispiel für Entropie. Und das grund-
legende Prinzip: Entropie ist irreversibel. Doch beim maxwellschen Dämon wird die Ent-
ropie offensichtlich verringert. Daher kann ein solcher Dämon nicht existieren.5

Der Begriff „Maxwell's demon“ wurde als erstes von Sir William Thomson, besser be-
kannt unter dem Namen Lord Kelvin, verwendet, als dieser das Gedankenexperiment
kommentierte. Doch er meinte damit nicht die bösartige Bedeutung des Wortes, sondern
die ursprüngliche:
„The word "demon," which originally in Greek meant a supernatural being, has never
been properly used as signifying a real or ideal personification of malignity.“6 In der Tat

3 Seite „Erster Hauptsatz der Thermodynamik“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand:
27. Dezember 2017, 15:46 URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Erster_Hauptsatz_der_Ther-
modynamik&oldid=172325669 (Abgerufen: 18. Januar 2018, 18:45)
4 Seite „Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungs-

stand: 27. Dezember 2017, 15:46. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Zweiter_Haupt-


satz_der_Thermodynamik&oldid=172325670 (Abgerufen: 18. Januar 2018, 19:00)
5 Vgl. Seite „Maxwellscher Dämon“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 16. April

2017, 00:38 URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Maxwellscher_D%C3%A4mon&ol-


did=164639134 (Ab-gerufen: 18. Januar 2018, 19:09)
Und: Seite „Entropie“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 17. Januar 2018, 19:02
URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Entropie&oldid=173034202 (Abgerufen: 18. Januar
2018, 19:12)
6 Sir Thomson, William, Proceedings of the Royal Institution vol. 7, 1879, S. 113

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hatte die altgriechische Bedeutung keineswegs die heutigen negativen Konnotationen,


sondern hiess nur „Geist“, also eine nicht-reale Gestalt. So ist der Dämon eher ein Geist,
denn er ist nicht auf die Realität zu beziehen.7

Walter Faber behauptet mehrfach, er glaube nicht an Geister oder Mythen. Doch beim
Dämon scheint es so, als ob bei ihm doch die Hoffnung besteht, dass der Dämon Realität
sein könnte. Dies zeigt sich darin, dass Faber seine Dissertation über das Phänomen nie
abgeschlossen hat. Peter Horn schreibt dazu:

„Da nun aber der maxwellsche Dämon ein in Wirklichkeit undurchführbares Ge-
dankenexperiment ist, da Maxwell ja gerade beweist, dass die Entropie und damit
die Zeit unumkehrbar ist, könnte man daraus schließen, dass Walter Faber - in sei-
nem Versuch, dieses Gesetz zu überwinden - ein „schlechter” Ingenieur und Wis-
senschaftler ist, weil er die Implikation dieses Satzes nie begriffen hat. Die Tatsa-
che, dass er seine Dissertation nie abgeschlossen hat, wäre dann der Unwille gewe-
sen, sich mit diesem grundlegenden physikalischen Gesetz abzufinden.“8

Fabers Denken ist also nicht so logisch, wie er selbst meint. Es ist ein Konflikt zwischen
Selbstbildnis und Realität: Er biegt die Wahrheit, bis sie für ihn angenehm ist. So sieht er
im maxwellschen Dämon die Möglichkeit, die Zeit rückwärts laufen zu lassen und dem
Tod entkommen zu können. Die Physik ist für ihn ein Werkzeug, um seine eigenen Fan-
tasien zu verwirklichen. Dabei ignoriert er einfach, dass es sich nur um ein Gedankenex-
periment handelt. Somit ist sein Verhalten überhaupt nicht jenes eines Wissenschaftlers.

„Die Problematik Walter Fabers liegt nicht darin, dass er als Naturwissenschaftler
sich mit solchen Spekulationen befasst, sondern dass er diese Spekulationen als
Mittel gebraucht, seinem Begehren eine quasi-rationale Basis, seinen Ängsten
quasi-rationale Beruhigungen zu verschaffen. […] Faber denkt also, vor allem
wenn es sich um sein persönliches Leben handelt, keineswegs als Wissenschaftler
und Ingenieur, er benutzt, sein Wissen nur dazu, seinem Verhalten eine pseudo-
rationale Legitimation zu geben.“9

Der Widerwille, den Walter Faber gegen die Wahrheit über den maxwellschen Dämon
aufbringt, ist ein Kernstück des Werkes. Denn an dem Dämon lassen sich alle Fehler
Fabers aufzeigen, die schliesslich zu seiner Todsünde geführt haben. So ist auch Fabers
Kampf gegen den Zufall eine Analogie zum Kampf des Dämons gegen die Entropie.
Denn Entropie bedeutet Chaos, und was ist Chaos als die Anhäufung von Zufällen?

7 Vgl. Seite „Dämon“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 3. Januar 2018, 04:23
URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=D%C3%A4mon&oldid=172529684 (Abgerufen: 18. Ja-
nuar 2018, 20:08)
8 Horn, Peter, Der Maxwellsche Dämon und die Entropie zur Liebe, S. 2
9 Horn, Peter, Der Maxwellsche Dämon und die Entropie zur Liebe, S. 3/4

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Walter Faber gibt sich als ein logisch denkender Mensch (es wurde jedoch gezeigt, dass
dies nicht immer der Fall ist) und daher sträubt sich Faber gegen die Idee des Zufalls und
des Chaos. Er ist ein Mann der Ordnung und Struktur. Die Entropie ist das Gegenteil,
man könnte sagen, sie sei sein Antagonist. Also ist es nur verständlich, dass Faber den
maxwellschen Dämon wahrhaben will, eine Möglichkeit, die Entropie zu besiegen.

Hand in Hand mit seinem Hass gegen das Chaos kommt seine Liebe für die Berechen-
barkeit: „Der Roboter erkennt genauer als der Mensch, er weiß mehr von der Zukunft als
wir, denn er errechnet sie, er spekuliert nicht und träumt nicht, sondern wird von seinen
eigenen Ergebnissen gesteuert (feed back) und kann sich nicht irren; der Roboter braucht
keine Ahnungen –“ (75) Faber ist also der Meinung, alles könne errechnet werden, so-
lange man die anfänglichen Informationen hat. Diese Theorie verdrängt natürlich die Idee
des Zufalls; es kann immer nur ein Resultat geben und somit kein Zufall. Diese Idee ist
nichts Neues für die Physik, ganz im Gegenteil, wie Peter Horn meint:

„Der klassische Determinismus ging von der Vorstellung einer zwar praktisch un-
erreichbaren, aber theoretisch vorstellbaren vollständigen Kenntnis des Systems der
Welt aus. Würde man alle Variablen kennen, die den Zustand des Universums zu
einem Zeitpunkt t determinieren, könnte man seinen Zustand zu jedem Zeitpunkt
t[1] berechnen. Diese Fiktion beruht nicht nur auf der Vorstellung, dass ein System
wie das Universum von einer regelhaften Struktur ist und dass seine Entwicklung
eine normale beständige Funktion dieser Struktur ist, was angesichts der Erkennt-
nisse der Quantenmechanik und der Atomphysik höchst zweifelhaft geworden
ist.“10

Doch auch hier ist klar, dass eine vollständige Kenntnis des Universums unerreichbar ist.
Faber ist also immer noch im Wunschdenken verhaftet, womit er seine eigenen Ängste
zu beruhigen versucht.

Ein weiterer Aspekt des maxwellschen Dämons hat einen direkten Bezug zu Walter
Faber: die Irreversibilität. Einer der Gründe, weshalb das Gedankenexperiment nicht um-
gesetzt werden kann, ist, dass die Entropie nicht reversibel ist. Somit ist das Verringern
der Entropie eines geschlossenen Systems eigentlich dasselbe Problem wie die Umkeh-
rung der Zeit. Faber sieht in dem Dämon ein Weg, dem natürlichen Lauf der Dinge zu
trotzen. Offensichtlich wird sein Verlangen, die Zeit anzuhalten oder gar in die andere
Richtung laufen zu lassen, in seinen Handlungen und Aussagen; Sabeth ist für ihn eine

10 Horn, Peter, Der Maxwellsche Dämon und die Entropie zur Liebe, S. 3
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19.01.2018 Deutscharbeit zu „Homo faber“ Mattia Mantovani, 4bG

junge Hanna, ein Fluchtversuch vor dem Altern, ein Fluchtversuch vor dem Tod. Hanna
meint dazu,

„[…] dass wir Techniker [gemeint Faber] versuchen, ohne den Tod zu leben. Wört-
lich: Du behandelst das Leben nicht als Gestalt, sondern als bloße Addition, daher
kein Verhältnis zur Zeit, weil kein Verhältnis zum Tod… Mein Irrtum mit Sabeth:
Repetition, ich habe mich so verhalten, als gebe es kein Alter, daher widernatürlich.
Wir können nicht das Alter aufheben, indem wir weiter addieren, indem wir unsere
Kinder heiraten.“ (170)

Auch schon das allererste Zitat dieser Arbeit zeigt, wie Faber wahrlich in existentieller
Unruhe ist. Er kann seine eigene Vergänglichkeit nicht ausstehen und weigert sich zu
glauben, dass auch er irgendwann sterben muss. Also benutzt er eine eigene Form von
Pseudo-Wissenschaft, um der Realität zu entkommen. Er macht sich vor, dass der Dämon
real sei, und dass die Entropie und damit auch die Zeit nicht irreversibel seien.

Wie schon erwähnt, könnte der maxwellsche Dämon zu einem Perpetuum Mobile umge-
wandelt werden. Die Eigenschaft einer solchen Maschine ist, dass sie keinen Energiever-
lust hat oder sogar Energie produziert. Natürlich ist keine dieser beiden Eigenschaften
möglich, aber in Gedankenexperimenten scheinen sie zu funktionieren. Da also der max-
wellsche Dämon ein Perpetuum Mobile wäre, würde dies bedeuten, könnte er in Wirk-
lichkeit umgesetzt werden, dass diese Maschine ewig funktionieren könnte. In anderen
Worten, die Maschine wäre „unsterblich“. Es wird oft gesagt, das Perpetuum Mobile sei
der Heilige Gral der Ingenieurswissenschaft. Es ist also nur allzu passend, dass Walter
Faber genau das wahrhaben will. Die Suche nach dem Dämon ist eigentlich die Suche
nach dem ewigen Leben. Wieder benutzt Faber die Pseudo-Wissenschaft, um eine eigent-
lich naive Einbildung zu begründen. Faber, auch wenn er es vielleicht nicht zugeben mag,
hat grundsätzlich dasselbe alberne Verlangen wie die Menschen vor tausenden von Jah-
ren, nur unter einem anderen Namen. Dieser Versuch, dem Tod zu entkommen, steht in
einem direkten Bezug zur Wissenschaft hinter dem maxwellschen Dämon und der Entro-
pie. Denn eine der Folgen der Entropie ist der sogenannte Wärmetod des Universums.
Wie schon mehrmals erwähnt, kann die totale Entropie im Universum nicht verringert
werden. Das bedeutet, dass die Entropie immer weiter steigen wird: Genauso wie ein
Eiswürfel in einem Glas Wasser, wo der Eiswürfel wärmer und das Wasser kälter wird,
bis es im Gleichgewicht ist und das gesamte Glas nur noch eine Temperatur hat, wird
irgendwann das gesamte Universum dieselbe Temperatur haben. An diesem Punkt wird
die Entropie ein Maximum erreicht haben. Das Universum erleidet den Wärmetod, der

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19.01.2018 Deutscharbeit zu „Homo faber“ Mattia Mantovani, 4bG

übrigens überhaupt nicht warm ist, sondern nahe beim Nullpunkt. Die Sterne leuchten
nicht mehr, Materie verfällt langsam zu Strahlen, diese verfallen ihrerseits und übrig
bleibt Leere. Die Entropie hat ihr Ziel erreicht. Der maxwellsche Dämon würde, indem
er die Entropie verringert, ein Ausweg vom Wärmetod bieten. Walter Faber sieht darin
das ewige Leben.11

Bei Max Frisch sind Zufälle selten. So sind auch die Textstellen, in denen der Dämon
erwähnt wird, nicht zufällig gewählt. Es handelt sich um zentrale Punkte des Buches,
welche die Quintessenz des Werkes einfangen. So wird der Dämon zum ersten Mal im
Zusammenhang mit der Heirat und Hanna erwähnt:

„Ich hätte Hanna gar nicht heiraten können, ich war damals, 1933 bis 1935, Assis-
tent an der Eidgenössischen Technischen Hochschule, Zürich, arbeitete an meiner
Dissertation (Über die Bedeutung des sogenannten Maxwell'schen Dämons) und
verdiente dreihundert Franken im Monat, eine Heirat kam damals nicht in Frage,
wirtschaftlich betrachtet, abgesehen von allem anderen. Hanna hat mir auch nie ei-
nen Vorwurf gemacht, dass es damals nicht zur Heirat kam. Ich war bereit dazu. Im
Grunde war es Hanna selbst, die damals nicht heiraten wollte.“ (33)

Der Konflikt zwischen Hanna und Faber, bei dem es eigentlich vordergründig um ihr
gemeinsames Kind geht und nicht um die Heirat, ist der erste Schritt, der die ganze Tra-
gödie einleitet. Wäre dieser Disput nicht gewesen, so hätte Faber sine Tochter kennenge-
lernt. Dieser Punkt ist der Anfang des Endes. Das zweite Mal, wo der Dämon im Text
vorkommt, ist, als Faber auf dem Schiff mit Sabeth über Technologie und Wissenschaft
spricht:

„[…] bis sie mich zum Plaudern brachte - über Navigation, Radar, Erdkrümmung,
Elektrizität, Entropie, wovon sie noch nie gehört hat. Sie war alles andere als dumm.
Nicht viele Leute, denen ich den sogenannten Maxwell'schen Dämon erläuterte,
begreifen so flink wie dieses junge Mädchen, das ich Sabeth nannte, weil Elisabeth,
fand ich, ein unmöglicher Name ist.“ (74)

Und zwar kann man annehmen, dass es ungefähr um diese Stelle herum gewesen sein
muss, dass sich Faber in Sabeth verliebt hat. Ein weiterer Schritt in Richtung Sabeths
Tod. Die nächste Erwähnung erfolgt bei seinem Treffen mit Professor O. im Café Odéon:
„Professor O. lachte. Er findet es schade, dass ich damals meine Dissertation (über den

11Vgl. Seite „Wärmetod (Physik)“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 31. Dezember
2016, 15:58 URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=W%C3%A4rmetod_(Physik)&ol-
did=161136134 (Abgerufen: 18. Januar 2018, 22:30)
Und: Seite „Three Ways to Destroy the Universe“. In: Youtube. Hochgeladen: 3. Februar 2014
URL: https://www.youtube.com/watch?v=4_aOIA-vyBo (Abgerufen: 18. Januar 2018, 22:36)
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sog. Maxwell'schen Dämon) nicht gemacht habe –“ (194) Es ist eine offensichtliche Pro-
lepse, die Fabers Tod andeutet und damit die Haupthandlung abschliesst. Doch obschon
das gesamte Geschehen auf diese drei Punkte reduziert werden kann, wird der maxwell-
sche Dämon noch ein viertes Mal aufgebracht, an einer Stelle, die vielleicht nicht wichtig
scheint, aber einen der monumentalsten Punkte des Buches darstellt: Der letzte Flug. Kurz
vor der Landung beschreibt Faber seine irrationalen Gedanken, wie sich die Piste plötz-
lich in Wüste verwandeln soll:

„Es ist nicht einzusehen, wieso ein solches Fahrgestell, bestehend aus zwei Pneu-Paa-
ren mit Federung im Rohrgestell und mit Schmieröl auf dem blanken Metall, wie es sich
gehört, sich plötzlich wie ein Dämon benehmen soll, wenn es den Boden berührt, wie
ein Dämon, der die Piste plötzlich in Wüste verwandelt - Spintisiererei, die ich natürlich
selber nicht ernstnahm; ich bin in meinem Leben noch keinem Dämon begegnet, ausge-
nommen der sog. Maxwell'sche Dämon, der bekanntlich keiner ist.“ (197)

Die Passage im Flugzeug ist der emotionale Höhepunkt der Geschichte, gefüllt mit
Trauer, Schuldgefühlen, Nostalgie und Reue. Doch noch interessanter ist Faber selbst: Er
hat sein Weltbild aufgegeben. Er versteckt sich nicht mehr hinter der Wissenschaft, er
lässt seinen Gefühlen freien Lauf und er sieht sich selbst so, wie er ist. Dieser Tiefpunkt
in Fabers Leben lässt ihn wachsen. Dadurch, dass seine Welt zerstört wurde, wird Homo
faber zum Menschen. Homo.

Obwohl schon viel über den maxwellschen Dämon gesagt wurde, ist eine Frage noch
nicht aufgetaucht, und zwar eine Frage höchster Wichtigkeit: Wie wird das Paradox ge-
löst? Weshalb kann der Dämon nicht existieren? Damit kommen wir zu einem neuen
Thema: Der Entropie der Information. Denn damit der Dämon die Geschwindigkeit der
Teilchen wissen kann, müsste er diese Information speichern. Das Speichern ist kein
Problem; die Entropie wird nicht erhöht, das Paradox bleibt. Doch die Informationstheo-
rie besagt, dass beim Löschen von Information die Entropie erhöht wird, da das Löschen
thermodynamisch irreversibel ist. Und da der Dämon einen begrenzten Speicherplatz ha-
ben muss, wird er irgendwann Information löschen müssen. Das ist zwar eine grobe Ver-
einfachung, aber das Grundprinzip stimmt. 12 Interessant ist, dass der Dämon daran schei-
tert, dass er an der Vergangenheit festhängt, und genau das wird auch Walter Faber zum
Verhängnis.

12Vgl. Seite „Maxwellscher Dämon“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 16. April
2017, 00:38 URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Maxwellscher_D%C3%A4mon&ol-
did=164639134 (Ab-gerufen: 18. Januar 2018, 23:28)
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Es passt also alles zusammen: Die Entropie ist die Zeit, die Faber umzukehren versucht,
wie der Dämon versucht, die Entropie umzukehren; doch beide scheitern daran, dass sie
in der Vergangenheit hängen bleiben. Der Wärmetod ist auch Fabers Tod und weder der
Dämon noch Faber können dessen Ankunft aufhalten. Und Faber selbst ist der Dämon,
ein Paradox in sich selbst. Doch das Paradox wird aufgelöst und der Dämon wird zum
Menschen.

Homo finitus.