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Arbeitstitel:

Into the open – out of space: Altered Perception in/of 4661m2

Hinein ins Offene – hinaus ins Geschlossene: Zur veränderten


Wahrnehmung in/auf 4661m2

Johannes Binotto

Abstract:
Der Essay von Johannes Binotto analysiert die Arbeit 4661m2 als
brisante Intervention in den gesellschaftlichen Raum und versucht die
Arbeit in einen grösseren kunsthistorischen und kulturphilosophischen
Zusammenhang zu setzen. Dabei geht es vor allem darum, zu zeigen, wie
diese Arbeit mit Räumlichkeit und Wahrnehmung experimentiert.

Nicht nur, dass im Gefängnis die Insassen die Aussenwelt nicht mehr
wahrhenhmen können, umgekehrt nimmt auch die Gesellschaft die
Gefangenen meistens nicht wahr: Das Gefängnis ist seit jeher ein
Bereich, der geographisch abseit liegt und aus der alltäglichen
Wahrnehmung ausgeklammert ist und von dem die Bürger am liebsten
nichts sehen und wissen wollen. Die Arbeit 4661m2 ist darum so
interessant, weil es gerade diesen normalerweise verdrängten Nicht-Ort
des Gefängnisses (man denke hier an den Begriff des „anderen Raums“
bei Michel Foucault) zum Schauplatz einer künstlerischen Intervention
macht.
Mit den Arbeiten der Künstler kommt gleichsam ein Stück Aussenwelt ins
Gefängnis hinein, während umgekehrt für die Gefägnisinsassen die
Arbeiten eine Blick hinaus darstellen. In diesem Zusammenhang ist es
ganz besonders interessant, wieviele der Malereien mit trompe-l‘oeil-
Effekten arbeiten, mit Illusionen also, man könne in die Bilder hinein-
(und das hiesse auch durch die Mauer hindurch-) gehen. (Verweis auf die
lange Tradition des trompe-l‘oeil seit dem Barock).
Daran hängen sich diverse Fragen an: Fungieren diese optischen
Täuschungen als Überwindung der Enge des Gefängnisses oder betonen
sie diese Enge vielleicht gerade? (Verweis auf das Verhältnis zwischen
Optik und Subjektivität in der Psychoanalyse). Inwiefern übersetzen die
optischen Täuschungen die merkwürdige, per se schon gestörte
Wahrnehmung, die in den Aussen-Aufenthaltsräumen des Gefängnisses
Lenzburg herrschen (man hört zwar die unmittelbare Umgebung, kann
sie aber nicht sehen) in ihre Bilder?
Interessant ist auch sich zu überlegen, wie 4661m2 die Frage nach Kunst
im öffentlichen Raum neu stellt. Dieses Kunstwerk findet gerade nicht im
offenen, sondern im geschlossenen Raum statt. In einem Raum noch
dazu, der dem interessierten Betrachter gerade nicht zugänglich ist.
(Darum greift auch die Klassifizierung dieser Bilder als StreetArt nicht
recht. Gerade jedermann zugängliche StreetArt ist dies nicht.)
Was bedeutet es also, dass wir in diesem Buch Bilder von Kunstwerken
sehen, die wir mit eigenen Augen nicht sehen können und von denen wir
nicht wüssten, wenn nicht dieses Buch uns darüber informieren würde?
Kehren diese Bilder, die nur die Gefangenen sehen können, also nicht
sozusagen das vertraute Muster um und machen nun uns zu den
Ausgeschlossenen? Wir sind vom Betrachten dieser Bilder
ausgeschlossen, während die Gefangenen Zugang haben – auch das ist
wieder eine Verkehrung, ein trompe-l‘oeil-Effekt, wie er auf diesen
Bildern unentwegt vorkommt.