Sie sind auf Seite 1von 5

Jesaja, Kapitel 6, Verse 1 – 13 So Trinitatis 2017

Liebe Gemeinde! Der Predigttext der uns heute zum Dreifaltigkeits-Sonntag aufgegeben
ist, gehört zu den eindrücklichsten Passagen nicht nur des Jesajabuchs sondern des
ganzen Ersten Testaments das wir als das sog. Alte Testament bezeichnen.
Was macht diesen Text, den wir gleich hören werden, so eindrücklich?
Da ist zunächst einmal seine Bildhaftigkeit und Dramatik des Geschehens! Wir spüren,
dass diese Bilder und Schilderungen etwas aussagen wollen das sich doch jeder Aussage
entzieht. Eindrücklich ist auch das Erschrecken, die Verstörung die der Auftrag Gottes an
Jesaja auslöst. Man kann in dem Text selbst und seiner Entstehungs- bzw. Überliefe-
rungsgeschichte bemerken, wie die Überlieferung versucht hat, der Unerbittlichkeit der
Prognose dennoch einen Raum, wenigstens einen Spalt, für Hoffnung offen zu halten.
Hören wir jetzt also die Geschichte der Beauftragung des Propheten Jesaja durch Gott:
61 Im Todesjahr des Königs Ussijahu sah ich den Herrn auf einem Thron sitzen, hoch und
2
erhaben, und der Saum seines Gewandes füllte den Tempel. Über ihm standen Serafim;
sechs Flügel hatte ein jeder, mit zweien hielt ein jeder sein Angesicht bedeckt, mit zweien hielt
3
ein jeder seine Füsse bedeckt, und mit zweien hielt ein jeder sich in der Luft. Und unablässig
rief der eine dem anderen zu und sprach:
Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen!
Die Fülle der ganzen Erde ist seine Herrlichkeit.
4
Und von der Stimme dessen, der rief, erzitterten die Türzapfen in den Schwellen, und das
5
Haus füllte sich mit Rauch. Da sprach ich: Wehe mir, ich bin verloren! Denn ich bin ein
Mensch mit unreinen Lippen, und ich wohne in einem Volk mit unreinen Lippen, und meine
6
Augen haben den HERRN der Heerscharen gesehen! Da flog einer der Serafim zu mir, eine
7
glühende Kohle in seiner Hand, die er mit einer Dochtschere vom Altar genommen hatte. Und
die liess er meinen Mund berühren, und er sprach: Sieh, hat das deine Lippen berührt, so
8
verschwindet deine Schuld, und deine Sünde wird gesühnt. Und ich hörte die Stimme des
Herrn sagen: Wen werde ich senden? Und wer von uns wird gehen? Da sprach ich: Hier bin
9
ich, sende mich! Und er sprach: Geh, und sprich zu diesem Volk: Hören sollt ihr, immerzu
hören, begreifen aber sollt ihr nicht! Und sehen sollt ihr, immerzu sehen, verstehen aber sollt ihr
10
nicht! Mach das Herz dieses Volks träge, mach seine Ohren schwer, und verklebe seine
Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört und damit sein
11
Herz nicht begreift und damit es nicht umkehrt und sich Heilung verschafft. Da sprach ich:
Herr, bis wann? Und er sprach: Bis die Städte verödet sind und niemand mehr in ihnen wohnt
12
und die Häuser menschenleer sind und der Boden völlig verwüstet wird. Und der HERR wird
13
die Menschen weit fortführen, und die Einsamkeit wird gross sein im Herzen des Landes. Und
ist noch ein Zehntel darin, so soll es noch einmal kahl gefressen werden, wie es bei der
Terebinthe und wie es bei der Eiche ist, von denen beim Fällen etwas stehen bleibt. Ein heiliger
Same ist, was von ihm stehen bleibt.
NZB
Liebe Gemeinde; immer wenn Menschen versuchen, Aussagen über Gott als den Jensei-
tigen, ganz Anderen, als den Ewigen in aller Ewigkeit zu machen, so steht ihnen nichts
anderes zur Verfügung als ihr Eingebundensein in ihrer jeweiligen Sprache, Kultur und
Epoche. Wir Menschen, begabt oder weniger begabt, können uns daran abarbeiten etwas
von der Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes – die in unserem Text (V 3) ja so bedeutungsvoll
ist – verständlich und „wahr“ zum Ausdruck zu bringen, davon dichten oder erzählen,
malen oder musizieren. Es reicht einfach nicht! So sehr wir uns auch bemühen. Der
grosse Theologe Karl Barth hat dieses Paradox, diesen Widerspruch auf den Punkt
gebracht: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können
als solche nicht von Gott reden.“ (1922; 2009, S. 296)
Ja, so wie Jesaja den Hofstaat Gottes erlebte, ihn sich vorstellte, entsprach ziemlich
genau den Bildern die sich die altorientalischen Kulturen des 8. Jahrhunderts v. Chr. Ihre
Götter und auch den Chef-Gott vorstellten. Gottesvorstellungen spiegeln meistens auch
Vieles von dem was bei den Menschen Macht, Ehre und Potenz hat. Ihre Herrscher und
1
Regierenden also. Und die Kaiser, Könige, Fürsten (Männer sind da krass übervertreten!),
aber auch so manches kleine „Herrgöttli“ in einer Firma oder einer Behörde inszenieren
sich und ihre Funktionen gerne „religiös“, „himmlisch“.
Die Gotteswahrnehmung des Propheten im Tempel: im wahrsten Sinne überwältigend!
Aber für uns „Heutige“ – und das auch nicht erst seit gestern – sind das wohl eindrückliche
aber auch völlig fremde Bilder. So können und wollen wir uns Gott und das Göttliche nicht
vorstellen! Was sollen wir damit machen? Sollen wir sie entsorgen in die Museen, in die
Geschichtsbücher? Dort kann man sie als Spuren ferner Welten studieren. Oder sollen wir
die Zeugnisse solcher Gotteserfahrungen wie die in dem Beauftragungsbericht an die
Religionswissenschaft delegieren? Die sollen dann, evtl. unterstützt durch die Psycho-
logie, die Herkunft und Bedeutung dieser Erlebniswelten analysieren?
Liebe Brüder und Schwestern, bevor wir, wohin auch immer, diese Erlebnisbilder entsor-
gen oder fundamentalistisch daran uns festklammern: „genauso ist es gewesen und
genauso ist es auch wahr“ möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf ein kleines Detail lenken.
Im Vers 1 unseres Textes wird gesagt, dass „der Saum seines Gewandes den ganzen
Tempel erfüllte“. Ein Saum befindet sich immer am Rand, an den Rändern eines textilen
Gewebes. In dem Bericht des Jesaja ist es der „unterste Rand“, der zum Boden (der Reali-
tät?) reichte. Von Gott dem Herrn „sah“ Jesaja nur den Rand, den Saum. Also nicht das
ganze Kleid, noch weniger hatte der Prophet ein Gesamtbild. Es ist immer riskant von
einem Ausschnitt, von einem Teil aus sich ein Gesamtbild zu machen.
Das erinnert mich an eine Geschichte die Sie wahrscheinlich auch kennen. Auch sie eine
alte Geschichte und orientalisch. In vielen religiösen Traditionen ist sie überliefert, im
Jainismus, Buddhismus, Islam (Sufismus). Offenbar kommt in dieser Geschichte eine tiefe
menschliche Erfahrung zum Ausdruck. Resümierend geht es um folgendes:
Ein König wollte sechs blinden Mönchen erfahrbar machen was ein Elefant sei. Er liess einen
Elefanten kommen, platzierte die sechs Mönche um dieses Tier und forderte sie auf, zu
erkunden was ein Elefant ist. Der Mönch der das Bein des Elefanten berührte sagte: ein Elefant
ist eine Säule. Unsinn! rief da der Mönch der die Stosszähne betastet hat: ein Elefant ist eine
Art Pflug. Alles Quatsch! rief der Mönch der das Ohr des Tieres untersucht hat: ein Elefant ist
eine grosse Muschel. Und so stritten die blinden Mönche und wurden immer wütender
aufeinander; jeder davon überzeugt, dass er doch gesichert, erfahrungsorientiert weiss was ein
Elefant ist.
Buddha, der in der Geschichte diese Szene beobachtete, sagte: „Daran nun eben hängen sie,
die Pilger oder Geistlichen; da disputieren, streiten sie, als Menschen, die nur Teile sehen“.
(nach Pali Kanon, Udānā, VI, 4-6)
Der „Saum des Gewandes“ den Jesaja sah, ist „nur“ eine Randerscheinung. Der „Saum …
erfüllte den ganzen Tempel“, das ist sehr viel, mehr ist jetzt und dort vielleicht gar nicht
möglich zu „sehen“, zu erkennen. Aber es ist doch auch eine etwas zu schmale Basis, um
Gott umfassend zu erfassen, wie wir es in unserem Denken, Glauben und Handeln so oft
tun. Und dann erst noch „abschliessend“! Pars pro toto – das Teil für das Ganze nehmen –
ist oft und im wahrsten Sinne kurzsichtig!
Der Kern der Erzählung von der Beauftragung Jesajas, seiner „missio“ ist aber ganz offen-
sichtlich dieser verstörende Auftrag Gottes in den Versen 9 + 10, die ich jetzt nochmals
lese.
Die missio ist eine missio impossibile. Auch uns heutige Leser, Leserin erschreckt dieser
Auftrag. Ist der Inhalt dieses Auftrages nicht eher eine Verfluchung? Aus der Psychologie
wissen wir, dass die Erfahrung der Vergeblichkeit zu den demotivierendsten Erfahrungen
gehört. Wenn wir dieses Text genau lesen oder hören, geht es ja nicht bloss um die (oft
häufige) Möglichkeit des Nicht-Verstehens, des Nicht-Begreifens, des Missverständnisses
dessen was der Prophet predigt.

2
Sondern: Jesaja soll durch seine Predigt – so sagt es der Text – die Herzen träge machen
(wörtlich: verfettten), die Ohren schwer, die Augen verkleben. Die Predigt soll nicht nur
vergeblich sein, sondern sie soll die Hörenden noch mehr verstricken in ihre Sackgassen,
in ihren Holzwegen, in ihre auch religiösen Überzeugungen.
Liebe Brüder und Schwestern, das konfrontiert uns mit einem Sachverhalt, einem men-
schenmöglichen Zustand den die Bibel auf Deutsch Verstockung nennt. Wenn Menschen
verstockt sind, in bildlicher Sprache verfettete Herzen, schwere Ohren und verklebte
Augen haben, dann funktioniert der Verstand, die Wahrnehmung, die Verarbeitung von
Informationen überhaupt nicht mehr oder ganz falsch. Nochmals: die Verstockung ereignet
sich (leider) nicht bloss, sondern die Predigt des Jesaja soll die Verstockung bewirken.
Das Thema der Verstockung zu erläutern sprengt jeden zeitlichen und inhaltlichen Predigt-
rahmen. Damit sich auseinander zu setzen wäre ein Thema für zwei Abende vom Typus
„Bibel im Gespräch“. (Und jeder Prediger, jede Predigerin sollte sich gelegentlich auch
etwas beunruhigt halten, ob seine/ihre Predigt bei aller „guten Absicht“ und vielleicht sogar
inhaltlicher Richtigkeit, nicht auch eher Verstockung bewirkt).
Das Thema der Verstockung des Volkes Israel in unserer Erzählung möchte ich etwas
umkreisen mit dem Begriff Verstrickung. Als Menschen sind wir in unsere Geschichten
verstrickt (W. Schapp). Das zeigt unsere Biographie. Wir können in ihr Muster erkennen.
Manches möchten wir vielleicht auch lernen, es anders, besser zu machen und stellen
dann fest, dass dies gar nicht so einfach geht. Oft braucht es lange Zeit, einige vielleicht
auch schmerzliche Erfahrungen, möglicherweise brauchen wir dazu auch Unterstützung
von anderen Menschen. Es ist tatsächlich so, dass wir immer auch geprägt sind. Das Wort
Charakter leitet sich von einem griechischen Wort ab, das einritzen bedeutet. So sind wir
im „Guten“ wie „Bösen“ in Geschichten verstrickt.
Es gibt jedoch ein Ausmass, eine Häufigkeit der Verstrickung in der jeder Versuch, sich
aus der Verstrickung zu lösen nur noch tiefer in die Verstrickungen hinein führen. Ein zwar
ärgerliches aber harmloses Beispiel ist das was die Elektrotechniker „Kabelsalat“ nennen
oder wenn wir Knoten und Knäuel von Schnüren, Seilen, Wolle aufdröseln wollen. Oft
geben wir es einfach auf. Und es gibt Verstrickungen die sehr nah an das herankommen
was unser Text verfettete Herzen, schwere Ohren, verklebte Augen nennt.
Da kann beobachtet werden in Beziehungs- bzw. Trennungsgeschichten. In mühseligen
Verhandlungen über die notwendigen Abmachungen und Regeln bei dem sog. gemein-
samen Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder geschiedener Eltern. Dafür gibt es einen
sprichwörtlich gewordenen Ausdruck: „Rosenkrieg“. Der hat rein gar nichts mit Blumen,
Rosen, zu tun. Es ist der Titel eines amerikanischen Filmes von 1989 in dem eine lang-
wierige und bitterböse Trennungsgeschichte eines Paares gezeigt wird. Schlussendlich
endet es tödlich, die Streitenden werden von einem Kronleuchter erschlagen, die Frau
stösst noch die Hand des Mannes zurück der im Sterben nach ihr greift. Der Film war ein
Riesenerfolg; die Drastik, das Groteske und Übertriebene der Darstellung im Film erlaubt
eine gewisse Distanzierung von dem vernichtend streitenden Paar. Aber das Ange-
sprochensein von den Ablaufmustern dieser Auseinandersetzung war doch sehr stark.
Es müssen nicht Ehegeschichten sein. Obere und oberste Instanzen von Gerichten
müssen sich oft jahrelang mit Nachbarschaftskonflikten befassen, in denen es ursprüng-
lich „nur“ um eine Hecke, einen Baumüberhang, ein Hundegebell oder was auch immer
ging.
Auch in der Psychotherapie kenne wir ein Phänomen das wir „Negative therapeutische
Reaktion“ nennen. Das heisst, dass sich der Zustand bzw. die Befindlichkeit des/der
Patient/in nicht nur nicht verbessert, sondern verschlechtert. Das stellt hohe Anfor-
derungen an die Person des/der Therapeuten/In, sich nun nicht selber zu verstricken, z.B.
durch einen „therapeutischen Ehrgeiz“. Überhaupt haben die sog. „helfenden Berufe“ eine

3
deutliche Gefährdung, sich langsam aber stetig in „heil-lose“ Geschichten selber zu ver-
stricken.
Ein Kennzeichen von Verstrickung ist, dass das eigene Verstrickt Sein nicht erkannt, nicht
einmal für möglich gehalten wird und: verstrickt sind immer nur die Anderen!
Holen wir also einmal diese alte Geschichte mit ihrem kultur- und zeitgebundenen Kolorit,
diese Geschichte die aber auch von einem jederzeit möglichen Zustand menschlich-
gesellschaftlicher Verhältnisse erzählt, in unsere eigene Zeit und Geschichte hinein.
Vielleicht nicht nur unsere biographischen Geschichten, denen wir uns im Nachdenken, in
der Seelsorge oder in einer Therapie zuwenden. Sondern unsere gesellschaftlichen Zu-
stände in denen wir leben und die wir am Leben erhalten. Schon damals – damals ganz
besonders – war die Beauftragung des Propheten Jesaja öffentliche Theologie. Von den
drei ganz grossen Themen des Buches Jesaja ist eines das Thema „Glaube und Politik“.
Die Sendung des Propheten und seiner Botschaft hatte einen politisch-militärisch kon-
kreten Hintergrund: der sog. syrisch-ephraimitische Krieg.
Also lassen Sie uns fragen: wo zeigen sich unsere Verstrickungen die bis zur Grenze der
Verstockung gehen?
Ich gebe nur Stichworte für unser Nachdenken damit wir vielleicht doch zu einem besse-
ren Verstehen und Handeln zu kommen:
- Klimawandel und die zunehmende Bedrohung des Lebens auf unserem Planeten. Es
geht ja nicht nur um das Ab- und Aussterben von Spezies, sondern dieses bedeutet
auch Unterbrechung von Ketten: wer-von-was-lebt. Man könnte Teile unseres Predigt-
textes auch ökologisch lesen und verstehen, insbesondere das Trishagion, das Dreimal
Heilig, in dem von der Heiligkeit Gottes die Rede ist und davon, dass „die Fülle der
ganzen Erde Seine Herrlichkeit sei“. Wir vernichten nicht nur Teile der Schöpfung,
sondern in dem wir durch unseren sog. ökologischen Fussabdruck, in dem Anthro-
pozän, die Fülle der ganzen Erde schmälern, vernichten, schmälern wir die „Herrlichkeit
Gottes“. Das wird uns aber nicht gelingen. Traditionale Kulturen formulieren ihre
Weisheit öfters als eine „Kettenreaktion“. Z.B.: Zuerst sterben die Bienen, dann die
Pflanzen, dann die Wälder und dann der Mensch“. Albert Einstein soll etwas Ähnliches
gesagt haben. Es muss aber nicht so kommen. Es könnte auch der Mensch, die
Menschheit zuerst aussterbe und die „Fülle“ der Natur kann wieder aufatmen. Ob poe-
tisch oder sog. wissenschaftlich formuliert: wir hören, sehen also wissen die Zusam-
menhänge und kennen die Prognosen. Aber wir sind verstrickt – oder doch schon
verstockt?
- Wachsende lebenswirtschaftliche Ungleichheiten zwischen Nord – Süd; Zentrum und
Peripherie. Da gibt es die Privilegierten, die Reichen (zu denen wir im Weltverhältnis
auch gehören – aber nicht alle von „Wir“); es gibt die Eliten und es gibt die Verlierer, die
Abgehängten. Unter diesen finden wir Resignierte, „Abgelöschte“, Wütende und Anfäl-
lige für extremistische Bewegungen. Woher nehmen wir das Recht uns darüber zu
empören ohne wirkungsvoll etwas getan zu haben, damit diese wachsenden
Ungleichheiten wieder ausgeglichener, lebensfreundlicher werden?
- Kann man den auch religiös, „fromm“ aufgeladenen Konflikt zwischen dem israelischen
Staat und dem palästinensischem Volk (und seinen Institutionen) anders verstehen als
eine lange, schmerzliche Verstrickung die schon längst und auf beiden Seiten verstockt
ist? Sollen die Fragen um Lebensrecht, Lebensgrundlagen, Gerechtigkeit und Sicher-
heit durch einen Weltkrieg entschieden werden? wie immer ein solcher Krieg auch aus-
gehen würde, das worum es ging wird dann gegenstandslos sein. Es würde dort und in
einem weiten Umkreis nichts lebensfähiges mehr übrig bleiben.
- Und die Verstrickungen, vielleicht sogar Verstockungen der Kirchen? Haben wir als
Christengemeinden (Kirche) ein glaubwürdiges Zeugnis oder verstricken uns unsere
4
Marketing-Strategien in und mit dem „Mainstream“ einer „Zivilreligion“? es ist erfreulich
dass der ökumenische Kommunikationsstil, v.a. zwischen den Grosskirchen zivilisierter
geworden ist. In den wirklich strittigen Fragen sind sich die Kirchen kaum näher
gekommen. Eindeutig näher gekommen ist sich die Basis. Konkret in Projekten und vor
Ort gibt es Ökumene (zwar auch diese nicht garantiert – aber immerhin) – sie bewegt
sich aber in einer Grauzone von „noch erlaubt“ – „eigentlich verboten“; sie ist bearg-
wöhnt von ihrer Hierarchie.
Die Tonalität der Beauftragung des Propheten Jesaja (und übrigens einiger seiner Kolle-
gen und Schüler) ist so zugespitzt, so Entweder – Oder wie die kurzen Skizzen der Felder
in denen wir schon seit geraumer Zeit heillos verstrickt sind. Als der Prophet Jesaja auf die
göttlichen Fragen: wen senden? – wer wird gehen? antwortete, wusste er ja noch nicht
was genau sein Auftrag, seine Botschaft, „Message“ sein wird. Wenn der Prophet den
genauen Inhalt seines Auftrages vorher gekannt hätte, hätte er ihn dann auch angenom-
men? Oder hätte er, und jetzt formuliere ich anachronistisch, eine sog. Grundlagen-Irrtum
gelten gemacht? Wenn ein Vertragspartner sich tatsächlich in einem Grundlagen-Irrtum
befindet, kann er ohne Schadenshaftung von dem Vertrag zurück treten. Jesaja kommen-
tiert seinen Auftrag nicht. Seine Antwort auf die göttlichen Fragen bestand in einem kurzen
Satz: hineni (heb.): hier bin ich. Diese Antwort in einem kurzen Satz findet sich in der
hebräischen Bibel an prominenten Stellen. Meistens geht es um ein hochdramatisches
Projekt mit offenem Ausgang. Hineni: hier bin ich, ganz, hier und jetzt. Es braucht offenbar
diese konzentrierte Bereitschaft (eben nicht unsere übliche „Zerstreuung“ in das Viele) um
eine solche Beauftragung anzunehmen.
Dieses Jahr ist der kanadisch-jüdische Dichter und Sänger Leonard Cohen gestorben.
Kurz vor seinem Tod veröffentlichte er sein letztes Album unter dem Titel „You want it
darker“. Das ist auch der Titel des ersten Songs aus dem Album. Die Stimmungslage in
diesem Song und auch den übrigen Liedern ist düster und bedrohlich und verwendet
biblische Redewendungen die Cohen gut kannte, denn er betrachtete sich selber als einen
gläubigen Juden. Der Refrain dieses ersten Songs lautet: hineni. Von Cohen selbst und
dem Kantor und eines Synagogenchors verstärkt. „Hineni“: I‘am ready my Lord“.
Jesaja weiss um die Aussichtslosigkeit seines Auftrages und des Schicksals seines ver-
strickten, verstockten Volkes. Da wird nichts schön geredet, nicht abgeschwächt, aber es
ist auch kein Fatalismus. Es gibt, wie zaghaft, fast scheu am Schluss des göttlichen
Auftrages eine Schimmer von Hoffnung, einen Spalt für das Licht einer Veränderung:
vielleicht ist „gar-nichts-mehr-da“ – aber ein heiliger Same.
Ein Kommentator/Interpret der Lieder des späten Leonard Cohen bemerkte einmal bei
manchen der religiösen Themen und Texten von Cohen wüsse man gar nicht so recht,
redet Cohen nun eigentlich zu Gott oder zu einer Frau die er liebt? „You want it darker“ –
ein schwerer düsterer Text. Die Beauftragungsgeschichte des Propheten Jesaja eine
mission impossible.
Die Antwort: „hineni, hier bin ich; I‘am ready my Lord“.
Liebe Brüder und Schwestern, wenn unser Sprechen zu und mit Gott so wird wie wir auch
sprechen würden zu einem Menschen den wir lieben – dann beginnt der Same zu spries-
sen. Und angefangen hat es damit, dass ein Mensch sagte: hineni: hier bin ich, I‘am ready
my Lord

Amen

Claus D. Eck, 11. Juni 2017