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Freie Universität zu Berlin

Die One Road, One Belt Strategie-


Inwiefern ist die One Belt, One Road-Initiative eine chinesische
Herausforderung der amerikanischen Hegemonie?

Jose David
Matrikelnummer: 4287205
E-Mail-Adresse: ninojose129@gmail.com

Adresse:
Kopernikusstraße 23
10245 Berlin

Studiengang und Institut:


Politikwissenschaften
Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
Monobachelor PoWi

Dozent:
Prof. Dr. Sandschneider
Fachsemester:
8
Kurs:
Theorien der Geopolitik
Abgabedatum: 07.10.2018
Abstract

Der folgende Text soll die Frage erläutern, ob die OBOR-Initiative Chinas im Zusammenhang der
internationalen Politik als eine Herausforderung der amerikanischen Vormachtstellung gedeutet
werden kann. Die Initiative wird kurz beschrieben, dann wird der Text auf die Hegemonialtheorie
von Gilpin zurückgreifen, um herauszufinden, ob die OBOR-Initiative die USA als Hegemon
herausfordert, indem diese als Versuch eines Systemic Change zugunsten Chinas gedeutet werden
kann. Hierbei soll die Theorie mit dem empirischen Sachverhalt subsumiert werden. Diverse
Ansichten von Politikwissenschaftler werden auch hinzugezogen, um die Argumentation zu
entfalten und um ein fundierteres Resümee abliefern zu können.
1. Einleitung

2. Die One Road One Belt Initiative

3. Analyse aus der Perspektive von Gilpins Hegemonialtheorie

3.1 Grundbegriffe
3.1.1 Staat
3.1.2 Internationales System
3.2 Wandel im internationalen System
3.2.1 Systems Change
3.2.2 Interaction Change
3.2.3 Systemic Change
4. Resümee

5. Quellenverzeichnis
1. Einleitung
In der Geschichte des Peloponnesischen Krieges schrieb Thukydides, dass das, was den Krieg
zwischen Athen und Sparta unvermeidlich machte, der schnelle Wachstum der Macht Athens und
die Angst, die dies in Sparta verursachte, war (Miller/Rosecrance et al. 2014: 77).
In Analogie zu Thukydides Falle kann man auch weitere analysieren Gefahren, die entstehen, wenn
eine neu wachsende Macht eine bereits herrschende Macht herausfordert. So wie Athen Sparta in
der Antike herausgefordert hat, so hat später, im 20. Jahrhundert, Deutschland Großbritannien
herausgefordert. Die meisten dieser Herausforderungen endeten für beide Parteien nicht gut. In elf
von 15 Fällen in den letzten fünf Jahrhunderten resultierte die Herausforderung in einem Krieg. In
den Fällen, wo ein Krieg vermieden werde konnte, mussten beide Seiten schwierige und
schmerzhafte Anpassungsprozesse durchlaufen (Miller/Rosecrance et al. 2014: 73).
Dieser Text fängt mit der Analyse des Thukydides an, weil sie das Problem, das in diesem Text
behandeln werden soll, direkt auf dem Punkt bringt. Chinas ist ohne Zweifel eine schnell
aufsteigende Nation. Die USA ist als Hegemon anerkannt. „A hegemon is a country that is so
powerful that it dominates all the other states. In other words, no other state has the military
wherewithal to put up a serious fight against it. In essence, a hegemon is the only great power in the
system.“ (Mearsheimer 2010: 7) Sehr viele Politikwissenschaftler sprechen daher davon, dass China
die nächste Hegemonialmacht sein wird, wenn seine Wirtschaft weiterhin so wächst. Die Frage ist
nur, welches Verhältnis es dann mit dem USA und der Welt eingehen wird? Werden wir erneut in
eine bipolare Welt leben, wie während des Kalten Krieges, oder wird China die USA als Hegemon
ablösen? Wird diese Ablösung friedlich erfolgen oder steuern wir auf einen erneuten Krieg zu?
Stellt die OBOR-Initiative bereits eine Herausforderung der amerikanischen Hegemonie bzw.
Vorrangstellung dar?
Um zu verstehen, ob China die US-amerikanische Hegemonie herausfordert, ist es sinnvoll, auf eine
abstrakte Theorie zurückzugreifen, die in der Lage ist, die Komplexität des Sachverhalts zu
reduzieren und somit eine aufklärende Leistung zu erbringen (siehe dazu Esser 1993: 119). Die
Theorie, die in diesem Fall gewählt wird ist, ist die Hegemonialtheorie von Gilpin, welche er in
seinem Buch War and Change in World Politcs darstellt.
In seiner Hegemonialtheorie versucht Gilpin den internationalen Wandel zu erfassen. Diese Arbeit
stellt sich die Frage,, ob mit der OBOR-Initiative ein Wandel im internationalen System zugunsten
Chinas angestrebt wird, der zum Nachteil der Vereinigten Staaten von Amerika ist, was einer
Herausforderung der amerikanischen Hegemonialstellung darstellen würde.
Um Gilpins Konzept des internationalen Systems und seinen Wandel zu verstehen, wird der Text
wichtige Grundbegriffe seiner Theorie im weiteren Verlauf erklären. Im Hauptteil wird die Theorie
mit dem empirischen Beispiel subsumiert, um die in diesem Text gestellte wissenschaftliche
Fragestellung zu beantworten. Damit die in diesem Text gestellte Frage diskutiert werden kann, ist
es sinnvoll, kurz auf die Entwicklung Chinas einzugehen, die derzeit viele Politikwissenschaftler
dazu bewegt, sich mit dem Land an sich sowie im Zusammenhang der Internationalen Beziehungen
zu beschäftigen.
China macht derzeit eine rasante Entwicklung durch: Innerhalb von zehn Jahren hat sich das Land
vom Nettoexporteur zum weltweit drittgrößten Importeur entwickelt (Wacker et al 2006: 9). Süd-
und Ostasien werden schätzungsweise im Jahr 2030 mehr Erdöl importieren als die USA und
Kanada zusammen (World Energy Outlook 2004: 82). China ist die drittgrößte Handelsmacht, nach
den USA und Deutschland. In der Neuzeit ist es stets so gewesen, dass Nationen, zunächst
Handelsmächte wurden, bevor sie auch politisch eine relevante Rolle spielen konnten (Wacker et al
2006: 14). Die USA betreiben ein strenges Technologieexportkontrollsystem gegenüber China.
Diese Strategie wird politisch als eine Form des Containments (Eindämmungsstrategie) gegenüber
China betrachtet (Wacker et al 2006: 18f). Das lässt den Schluss zu, dass die USA sich der
Bedrohung durch China durchaus bewusst sind. Trotzdem ist China im militärischen
Hochtechnologiebereich noch nicht in der Lage Waffensysteme für das eigene Militär aufzubauen,
und ist daher in diesem Bereich noch von Importen abhängig. Russland und die Ukraine sind dabei
die wichtigsten Lieferanten. Die Unabhängigkeit ist allerdings nur noch eine Frage der Zeit, weil
China sich bemüht, in diesem Bereich unabhängig zu sein (Wacker et al 2006: 21f).
Die USA sind zurzeit militärisch noch überlegen, so hat China beispielweise nur 29 Zerstörer,
während die USA über 65 verfügt. Die USA haben zudem 38,822 bewaffnete Kampffahrzeuge,
während China nur 9,000 besitzt. China mag zwar in einigen Bereichen, wie verfügbare Soldaten
(2,693,000), mehr Kapazitäten als die USA (2,083,100) haben, aber wenn es um Angriffsstärke und
Technologie geht, sind die USA noch in fast allen Bereichen überlegen. Beispielsweise besitzt die
USA 20 Flugzeugträger, während China nur einen einzigen besitzt.
Die aktuelle technische Überlegenheit erkennt man auch am Verteidigungsetat. Die USA haben
einen Verteidigungsetat von 647 Milliarden, während der von China nur 151 Milliarden US Dollar
beträgt (Globalfirepower: 2018). Diese militärische Unterlegenheit scheint aber in Anbetracht der
Tatsache, dass sich das Land, wie oben erwähnt, sehr schnell wirtschaftlich entwickelt, nur
temporär zu sein.,.
In der klassischen Geopolitik folgt aus wirtschaftlicher Macht auch militärische Macht. Der
chinesische Ressourcenhunger ist zurzeit so groß, dass das Land gezwungen ist, auch Verträge mit
Staaten zu schließen, deren demokratische Verfasstheit, Rechtsstaatlichkeit oder
Menschenrechtslage zweifelhaft sind, etwa der Sudan, Nigeria oder andere afrikanische Staaten
(Wacker et al 2006).
Somit sehen wir in China einen Staat, der wie zu Zeiten des Thukydides Athen, rasant an Macht
gewinnt und damit den derzeitigen Hegemon USA dadurch beunruhigt.

2.Die OBOR-Initiative OBOR-Initiative


Während sich der chinesische Präsident Xi Jinping im Jahr 2013 in Kasachstan und Indonesien auf-
hielt, verkündete er den Bau der sogenannten Neuen Seidenstraße, die seither als “One Belt” be-
zeichnet wurde. Ebenso veröffentlichte er den Plan einer neuen maritimen Handelsroute, die unter
den Namen „One Road“ bekannt ist.
Die maritime Straße soll eine Verbindung der Seewege von Südostasien zum Mittleren Osten schaf-
fen. Die Landroute hingegen soll den Westen Chinas mit Zentralasien und Europa verbinden. Bei-
des zusammen ist die sogenannte One Belt, One Road-Initiative (OBOR-Initiative). Diese Neue
Seidenstraße soll China mit Südostasien, Südasien, Eurasien, Afrika und Brasilien verbinden. Da-
durch sollen Handelsbeziehungen, Transport, Tourismus, Erziehung und mehr Kooperation zwi-
schen den Regionen gefordert werden (Mitrovic 2016: 76).
Die One Belt, One Road-Initiative sieht sechs Wirtschaftskorridore vor: den Bangladesh-China-In-
dia-Myanmar Corridor (BCIM), den China-Indochina Peninsula Corridor (ICP), den China-Mongo-
lia-Russia Economic Corridor (CMR), den China-Central-West Asia Economic Corridor (CAWA),
den China-Pakistan Economic Corridor (CP) sowie die New Eurasian Land Bridge (NELB) (Siehe
Abb. 1).
Chinas Regierung hat mit den jeweiligen Ländern im Bereich Handel, Investitionen, Finanzen, In-
frastruktur und Transport und sogar Währungspolitik Kooperationsvereinbarungen getroffen. Eben-
so soll der Mensch-zu-Mensch Austausch zwischen den Bevölkerungsgruppen gestärkt werden. Es
würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen, darauf detailliert einzugehen.
Konkret sollen Brücken, Flughäfen, Gaspipelines, optische Fasernetzwerke, Gaspipelines, Autobah-
nen etc. gebaut werden, die die Wirtschaft in den betroffenen Ländern ankurbeln und die Kooperati-
on zwischen ihnen verbessern sollen. (Anon 2017 : 1-2).
Geostrategisch gesehen umfasst das betroffene Gebiet das, was Mackinger im 20. Jahrhundert als
Heartland beschrieben hat. Allerdings ist diesmal China der Hauptakteuer und nicht Russland. Die
USA sind dabei überhaupt nicht involviert (Anon 2017 : 1).
Mackinder stellte zudem die These auf, dass, wer das Heartland kontrolliert, auch die Welt be-
herrscht: „Who rules East europe commands the Heartland; who rules the Heartland commands the
World Island; who rules the World Island commands the World“ (Mackinder 1919: 150).
Der Begriff der Geostrategie stammt ursprünglich aus der klassischen Geopolitik. Der Begriff be-
schreibt eine Ansammlung von Techniken, wie man den Raum, die Lage sowie das eigene Militär
so einsetzen kann, dass die eigenen Ziele erreicht werden kann. (Brill 1994: 301f) Das ist die enge
Definition. Die weite Definition wird unter anderem in der Kriegsursachenforschung verwendet
(siehe Reimer 2006: 164).
Es sieht so aus, als sei China geopolitisch auf dem Weg dahin, sehr viel Einfluss im Heartland aus-
üben zu können. Da China die mächtigste Nation im Territorium ist, besitzt es auch das Potenzial,
diese Einflusssphäre zu dominieren – so wie die USA die westliche Einflusssphäre dominieren. So
sieht es auch Hu, der meint, dass die OBOR-Initiative ein geostrategisches Vorhaben mit der Ab-
sicht ist, China mit den betroffenen Ländern politisch stärker zu verbinden, was automatisch auch
mehr chinesischen Einfluss in diese Sphäre bedeutet. Für Indien zum Beispiel stellt die OBOR-Initi-
ative sowohl eine große wirtschaftliche Chance alsauch ein neues Sicherheitsproblem dar, da China
durch die neuen Handelsrouten auch in der Lage wäre, seine militärische Macht auszuweiten (Hu
2017: 108). Auf Indien wird hier allerdings nicht näher eingegangen.
Abb. 1 Die Wirtschaftskorridore der OBOR-Initiative

Es gibt diverse Gründe, die die OBOR-Initiative motivieren: die chinesische Wirtschaft nahm ab,
Defizite im chinesischen Entwicklungsmodel wurden sichtbar, das amerikanische Rebalancing in
Asien und die schlechter werdenden Beziehungen zu den Nachbarländern zeigten Auswirkungen.
Rebalancing ist eine Strategie, um Nationen durch andere mächtige Nachbarn in der Region im
Zaun zu halten. Durch den chinesischen Machtzuwachs in den internationalen Beziehungen wuchs
auch die Angst und die Unsicherheit in den benachbarten Regionen. Daher war es wichtig für Chi-
na, bessere Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Zudem ist China sehr abhängig von globalen Märk-
ten und vom Handel mit anderen Staaten. Die zunehmende Abhängigkeit von importierter Energie
und der Bedarf an offenen maritimen Handelsrouten zählen ebenso zu den Motiven dazu.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist eine bestehende Überkapazität in der Warenproduktion, die durch
die gesunkene globale Nachfrage entstanden ist. China braucht also dringend neue Absatzmärkte,
um seine Überkapazitäten abzubauen. Die OBOR-Initiative wurde also durch eine Summe aus in-
ternen und externen Notwendigkeiten begünstigt (Hu 2017: 109).
Die Finanzierung der OBOR-Initiative erfolgt durch die Asian Infrasturce Investment Bank (AIIB)
und durch einen Fond, welcher von der chinesischen Regierung eingerichtet worden ist, den Silk
Road Fund (Hu 2017: 111).
Das chinesische Engagement in anderen Territorien ist allerdings nichts Neues. China engagierte
sich schon in den 60er Jahren mit der Unterstützung der panarabischen Bewegungen im Mittleren
Osten und beim Befreiungskampf Algeriens gegen Frankreich. Seit den 80er Jahren liefert das Land
Waffen an Saudi-Arabien, Irak sowie Iran und erhält dafür oft dringend benötigte Ressourcen wie
Erdöl und Erdgas (Wacker et al 2006: 29ff.).
Neu ist allerdings, was mit der OBOR-Initiative angestrebt wird. Die OBOR-Initiative strebt nach
einer multipolaren Welt, nach wirtschaftlicher Globalisierung, kulturelle Vielfalt und besseren IT-
Anwendungen. Sie ist dazu entworfen worden, um das „Free Trade Regime“ und die offene Welt-
wirtschaft im Sinne einer offenen, regionalen Kooperation zu fördern. Wirtschaftsfaktoren sollen
geregelt und frei fließen, es soll eine hocheffiziente Allokation von Ressourcen stattfinden und
Märkte sollen besser integriert werden. Gleichzeitig soll durch die OBOR-Initiative bei den einbe-
zogenen Ländern der Anreiz gesetzt werden, bessere Handels-Policies zu erlassen und vertiefte re-
gionale Kooperationen auf einem höheren Niveau einzugehen. Dadurch soll eine ausgeglichene, in-
klusive regionale Wirtschaftskooperation entstehen, von der alle beteiligten Länder profitieren
(Swaine 2015: 4).
Die OBOR-Initiative involviert circa 60 Länder mit einer Bevölkerung von vier Milliarden Men-
schen. Die Märkte dieser Länder machen ungefähr ein Drittel des globalen Bruttoprodukts aus (Fer-
dinand 2016: 950). Offiziell soll die OBOR-Initiative dazu dienen, den westlichen Teil Chinas, wel-
cher im Vergleich zu den östlichen Teilen des Landes wirtschaftlich noch sehr unterentwickelt ist,
ein größeres Wachstum zu ermöglichen. So entsprach im Jahr 2013 das Pro-Kopf-Einkommen in
den westlichen Provinzen Gansu, Guizhou, Qinghai und Xinjiang nur etwa einem Drittel des Ein-
kommens in den östlichen Staaten Guangdong, Fujian und Zhejiang (Ferdinand 2016: 951). Neu ist
auch die Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten hauptsächlich für staatseigene Unternehmen,
die zuvor im ganzen Land Infrastrukturprojekte durchgeführt haben. Dies liegt darin begründet,
dass die chinesische Wirtschaft nun mehr auf Konsum setzt als Investitionen in Bereich der Infra-
struktur zu tätigen (Ferdinand 2016: 951).
Im Folgenden wird auf die Hegemonialtheorie von Gilpin eingegangen, um klären zu können, ob
die OBOR-Initiative das internationale System zugunsten Chinas und zulasten der USA verändert.

3. Analyse aus der Perspektive von Gilpins Hegemonialtheorie

Im Folgenden wird die OBOR-Initiative in einen Zusammenhang mit der in dem Buch War and
Change in World Politics vorgestellten Theorie des internationalen System gebracht werden, um zu
bestimmen, ob die OBOR-Initiative tatsächlich eine Herausforderung für die amerikanische
Hegemonie darstellt oder nicht.

3.1 Grundbegriffe

Vorab sollten allerdings noch einige wichtige Grundbegriffe geklärt werden, damit die Hypothesen
von Gilpin nachvollzogen werden können.

3.1.1 Staat

Gilpin sieht den Staat als eine Organisation, die den im Austausch mit Einnahmen Bürgern Schutz
und Wohlfahrt gewährt. Dabei ist der Staat der wichtigste Mechanismus, der es den Bürger erlaubt,
diese öffentlichen Güter (Sicherheit und Wohlfahrt) in Anspruch zu nehmen. Der Staat allein kann
Probleme wie das Trittbrettfahren bzw. die Tragik der Allmende lösen. Die Tragik der Allmende ist
ein Beispiel für Probleme in der Gesellschaft, wo alle einen Nutzen aus etwas ziehen, sich aber
keiner in der Verantwortung sieht, in das Genutzte zu investieren, damit es der Gesellschaft erhalten
bleibt.

Der Staat hat in seinem Territorium (Staatsgebiet) das Monopol der Staatsgewalt und kann von
jedem, der sich in seinem Staatsgebiet aufhält, Gehorsam verlangen. Die Autorität des Staates ist
höher als die Autorität jeder anderen Gruppierung innerhalb des Staates. Dafür verteidigt der Staat
seine Staatsbürger vor Eingriffen anderer Staaten oder von Individuen anderer Staaten. Somit ist der
Staat im internationalen System der primäre Akteur und genießt noch dazu die Souveränität über
seiner inneren Angelegenheiten.

Da es auf internationaler Ebene keine Exekutive wie etwa eine internationale Polizei gibt, muss der
Staat auch selbst für den eigenen Schutz sorgen und gegebenenfalls andere Staaten als potenzielle
Bedrohungen ansehen.

Wichtig ist, dass für Gilpin Staaten keine Interessen besitzen. Interessen haben ausschließlich die
Individuen und Gruppen innerhalb der Staaten. Diese Interessen können dann durch entsprechende
Organisation zu Außenpolitik gerinnen.
Staaten streben jedoch nach Gilpin nicht, wie in der klassischen Theorie angenommen wird, nur
nach Macht oder, wie die moderne Theorie annimmt, nur nach Wohlfahrt, sondern nach einem
akzeptablen Maß von beidem.

Macht wird hier als, „Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen
Wiederstreben durchzusetzen“, gesehen (Weber 1980: 28). Dabei hängt das gesuchte Maß zwischen
Sicherheit und Wohlfahrt von den Einnahmen und Kosten ab, die diese mit sich bringen. Das Maß,
welches ein Staat dabei wählt, hängt auch von der Gesellschaft und vom internationalen Umfeld des
Staates ab. Ein mächtiger und reicher Staat verlangt dabei einen größeren Anteil an Sicherheit und
Wohlfahrt, als ein weniger reicher und mächtiger Staat. In der Regel folgt aus der Veränderung der
Ziele betreffend Sicherheit und Wohlfahrtauch eine veränderte Außenpolitik dieses Staates.

Staaten streben erstens danach, über möglichst große Territorien zu herrschen, was vor allem auf
die Zeit vor der industriellen Revolution zutrifft. Zweitens streben sie danach, ihren Einfluss auf
andere Staaten zu erhöhen, unter anderem durch die Schaffung von exklusiven Einflusssphären.
Drittens ist es laut Gilpin vor allem in der Moderne für Staaten wichtig geworden, Einfluss auf die
globale Ökonomie zu nehmen, wenn schon die Herrschaft über diese nicht möglich ist. Daher sind
die Handelsbedingungen, der Fluss von Ressourcen und die Organisation des internationalen
Finanzsystems vorrangige Interessen der Staaten geworden (Gilpin 1981: 15-25). Auf den Begriff
der Herrschaft wird nicht näher eingehen, weil das für die Bearbeitung der Fragestellung nicht
weiter relevant ist.

China als Staat ist von internen wirtschaftlichen Notwendigkeiten (wie dem Zugang zu größeren
Absatzmärkten für die eigenen Überkapazitäten) dazu gezwungen worden, die OBOR-Initiative zu
voranzutreiben. Da China die größte Macht in Südostasien ist, benötigt das Land auch einen sehr
großen Absatzmarkt, um die eigene Wohlfahrtsgewinne zu erhöhen. Es ist zwar unwahrscheinlich,
dass China nach der Herrschaft über die Gebiete strebt, die Teil der OBOR-Initiative sind Da aber
die USA als globaler Hegemon nicht an der OBOR-Initiative beteiligt sind, lässt sich schließen,
dass China nach einer exklusiven Einflusssphäre strebt.

Da die chinesischen Überkapazitäten durch eine schwache Weltwirtschaft entstanden sind und der
Bau der OBOR unter anderem eine Reaktion darauf ist, kann man die Initiative auch als einen
Versuch deuten, Einfluss auf die Weltwirtschaft auszuüben. Schließlich soll dadurch auch die
Nachfrage für chinesische Produkte erhöht werden. Die chinesische Herrschaft über die
Weltwirtschaft ist mit Amerika als Hegemon allerdings noch ausgeschlossen. China verhält sich
also wie ein typischer Staat nach Gilpin.
3.1.2 Internationales System

Der Begriff des internationalen System, welchen Gilpin benutzt, wurde von Robert Mundell und
Alexander Swoboda entwickelt: „A system is an aggreation of diverse entities united by regular
interaction according to a form of control“ (Mundell und Swoboda 1969: 343). Das internationale
System besteht also aus verschiedenen Instanzen („Entities“) und wird durch regelmäßige
Interaktion und eine Form der Kontrolle zusammengehalten. Diese Instanzen können Prozesse,
Strukturen, Akteure oder deren Attribute sein. Die hier relevanten Akteure sind die Staaten.

Die Interaktion der verschiedenen Instanzen miteinander kann sporadisch oder durch eine starke
gegenseitige Abhängigkeit gekennzeichnet sein. Schließlich kann die Kontrolle des Systems aus
informellen Regeln oder aus gefestigten Institutionen bestehen.

Es bleibt wichtig zu erwähnen, dass auch Gilpin von der Anarchie des internationalen Systems
ausgeht, weil im internationalen System keine formelle Regierung existiert. Mit Kontrolle ist also
vielmehr eine relative Kontrolle gemeint. Vor allem mächtige Staaten sind in der Lage, die Prozesse
und Interaktionen mit anderen Staaten zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Wichtige Formen der Kontrolle waren in der Geschichte das Imperium, die Hegemonie, das
bipolare System und die „Balance of Power“ zwischen den Mächten. Die mächtigen Staaten
organisieren und halten das politisch-wirtschaftliche Netzwerk sowie andere Beziehungen mittels
ihrer Macht aufrecht. Das gilt insbesondere für ihre jeweiligen Einflusssphären (Gilpin 1981: 25-
30).

Die in diesem Fall relevanten Akteure sind primär die Staaten, die die Entitäten des internationalen
Systems bilden. Diese stehen in kontinuierlicher Interaktion miteinander, wie der ESCAP-Report
berichtet (Anon 2017). Die Form der Kontrolle, die ausgeübt wird, ist dagegen etwas komplizierter:
China verfolgt in seiner Außenpolitik nicht die klassischen Strategien, Hegemonie, Isolationismus,
Balancing oder Bandwagoning.

Das Streben nach Hegemonie würde die Modernisierungsziele der Volksrepublik stören, und China
hat noch nicht die nötige Stärke, um als Hegemon aufzutreten. Isolationismus kommt nicht in
Frage, weil China vom Export seiner Produkte abhängig ist. Eine Allianz gegen die USA zum
Beispiel mit Europa käme nicht in Frage. Andere formelle Bündnisse würden den
Bewegungsspielraum Chinas nur noch verkleinern, und Bandwagoning wird, wenn überhaupt, nur
in der WTO oder punktuell angewendet (Wacker et al 2006: 64). Daraus lässt sich schlussfolgern,
dass das internationale System noch immer von den USA kontrolliert wird, da es auch heutzutage
noch der einzige Hegemon ist. Fraglich bleibt aber noch, inwiefern die USA durch die OBOR-
Initiative in Eurasien Kontrolle an China verlieren.

Neben der Macht spielt die „Hierachy of prestige“ eine wichtige Rolle beim Ausüben von
Regierungsgewalt im internationalen System. Der Begriff des Prestiges übernimmt Gilpin von
Dahrendorf, der es als die Wahrscheinlichkeit definiert, dass ein Befehl mit einem bestimmten
Inhalt bei einer bestimmten Gruppe von Personen Gehorsam findet (Dahrendorf 1959: 166). Die
weniger starken Staaten folgen dem mächtigeren Staat wegen seines Ansehens, weil sie seine
Legitimität anerkennen und einen Nutzen aus der Ordnung ziehen, die er gewährleistet. Dominante
Staaten bieten in der Regel Sicherheit und Zugang zu wirtschaftlichen Gütern, die den schwächeren
Staaten nützlich sind, was ihnen wiederum die Entscheidung erleichtert, der dominanteren Macht zu
folgen. Das Ansehen der dominanten Staaten beruht dabei auf ihrer wirtschaftlichen und
militärischen Macht.

Solange eine dominante Macht mit anerkanntem Ansehen existiert und im internationalen System
Klarheit über dieses Ansehen herrscht, treten Phasen auf, die meistens durch Frieden
gekennzeichnet ist. (Gilpin 1981: 30-31)

In der OBOR-Initiative ist der Staat mit dem höchsten Ansehen China. Wie bereits in der Einleitung
gezeigt, macht China derzeit eine rasante wirtschaftliche Entwicklung durch und kann daher schon
jetzt mit einigen mächtigen Staaten wirtschaftlich mithalten.

China will voraussichtlich 4-6 Trillionen Dollar für die OBOR-Initiative ausgeben. Diese Gelder
sollen den teilnehmenden Regionen zugutekommen. Durch die Nutzung der betreffenden Regionen
als Absatzmärkte und die engere Kooperation wird außerdem ein militärisches Eingreifen Chinas
unwahrscheinlicher, womit auch die Sicherheit der jeweiligen Regionen erhöht wird.

Gilpin geht allerdings davon aus, dass das höchste Ansehen eigentlich dem Hegemonen zusteht.
Wie also ist es zu verstehen, dass der eigentliche globale Hegemon in dieser Initiative gar nicht
vertreten ist?

Es ist offensichtlich, dass im Rahmen der OBOR-Initiative China das Land ist, nach dessen
Ansehen sich die einbezogenen Länder richten, denn schließlich finanziert China die Initiative. So
sieht es auch Kang: Die Südostasiatischen Staaten profitieren mehr vom chinesischen Wachstum als
sie Angst haben vor Chinas wachsender Macht. Sie betreiben weder Bandwagoning noch Balancing
mit oder gegen China. Vielmehr wählen sie den Mittelweg und entscheiden sich für die Anpassung
bzw. Akkommodation mit China. Sie sehen ein starkes China als Garanten für Stabilität und als
Abschreckung gegen andere Mächte, die sich dort in diesem geographischen Raum ausbreiten
wollen.
Das scheint im Gegensatz zu einigen Theorien der IB zu stehen, die davon ausgehen, dass das
Wachstum einer großen Macht sich immer destabilisierend auswirkt (Kang 2010: 4). In der
Abwesenheit der USA scheint China also im Rahmen der OBOR-Initiative bereits als Macht zu
agieren, an deren Ansehen sich die Nachbarländer orientieren. Die OBOR-Initiative soll außerdem
die Wirtschaft Chinas ankurbeln, was zu noch mehr Ansehen und damit auch zu mehr politischen
Einfluss in der Region führen wird. Dieser Zuwachs an Ansehen Chinas geht zu Lasten des
Hegemons USA.

3.2 Wandel im internationalen System

Um herauszufinden, ob China seine Machtposition gegenüber den USA verändert, muss zuerst
analysiert werden, ob sich das internationale System durch die OBOR-Initiative verändert. Dafür
muss die Veränderung im internationalen System erfasst werden. Laut Gilpin sind System Change,
Systemic Change und Interaction Change die üblichen Veränderungen im internationalen System
(Gilpin 1981: 39-44).

3.2.1 System Change

System Change ist eine Veränderung der Natur der jeweiligen Akteure oder der Instanzen, die das
internationale System ausmachen. System Change erfordert die Veränderung der Art und Weise des
internationalen Systems an sich, der Kern muss sich verändern. Der Charakter der Entitäten, die das
internationale System ausmachen, muss sich dabei grundsätzlich wandeln (Gilpin 1981: 41).

Durch die OBOR-Initiative wird sich das internationale System jedoch nicht in seinem Kern
wandeln. Ein solcher Wandel wäre vielmehr eine völlig neue Form der Organisation des
internationalen System, zum Beispiel von der kapitalistischen Wirtschaftsweise zu einer
kommunistischen, oder wenn China demokratisch und die USA kommunistisch werden würde. Es
ist vielmehr zu erwarten, dass der Kern des internationalen Systems gleich bleibt, aber sich die
Machtpole und die Einflusssphären wandeln. Daher wird diese Arbeit nicht detaillierter auf System
Change eingehen.

3.2.2 Interaction Change

Interaction Change ist eine neue Art der politischen, wirtschaftlichen sowie
weitergehendenInteraktionen zwischen den Instanzen des internationalen Systems. Dabei wird die
Machtverteilung im System nicht berührt, es handelt sich vielmehr um neue Rechte und Regeln im
internationalen System. Diese sind aber oft ein Indiz dafür, dass Staaten oder Akteure eine
grundlegende Änderung des internationalen System anstreben, daher können sie eine gewisse
Vorhersagekraft enthalten (Gilpin 1981: 43-44).

Für die Hegemonialtheorie von Gilpin ist die Analyse des Interaction Change aber weniger relevant,
weil dieser, laut Gilpin, bereits von Keohane und Nye ausführlich untersucht worden ist (Keohane
und Nye 1977). Daher wird der Interaction Change in dieser Arbeit nicht tiefgehender behandelt.

3.2.3 Systemic Change

Zentral für die vorliegende Arbeit ist der Systemic Change. Dies ist der Wandel der Form der
Kontrolle oder Governance im internationalen System. Dabei handelt es sich um Veränderungen
innerhalb des Systems und nicht um Veränderungen des Systems an sich. Diese Veränderungen
haben eine Änderung der Machtverteilung, des Ansehens, der Rechte und Regeln innerhalb des
internationalen Systems zur Folge. Dabei liegt der Fokus beim Systemic Change auf dem Aufstieg
und Fall dominanter Staaten im internationalen System, die dieses System beherrschen. (Gilpin
1981: 42-43).

Wie bereits in der Einleitung erörtert wurde, ist China eine aufsteigende Macht, die wirtschaftlich
und militärisch zu den dominaten Nationen in Südostasien gehört. Ändern sich also die
Machtverteilung, das Ansehen, die Rechte und Regeln im internationalen System durch die OBOR-
Initiative zugunsten von China?

Die USA verfolgen den chinesischen Machtzuwachs mit Sorge. Im Disput um das Südchinesische
Meer (siehe Abb. 2), versuchten sie, andere Staaten miteinzubinden, um China dazu zu zwingen,
seine politische Position und Strategie im Südchinesischen Meer zu überdenken. Allerdings
versuchte China von 2010 bis 2011 diese sogenannte „Constrainment“-Strategie der Obama-
Administration zu umgehen, indem unter anderem die wirtschaftliche Abhängigkeit der betroffenen
Ländern von China erhöht wurde(Castro 2013: 332-332). Constrainment, „This term refers to the
collective action of states that coalesce to pressure China to moderate its stance on certain
issues“(Castro 2013: 332-332).

Durch die OBOR-Initiative wird zweifelsohne die wirtschaftliche Abhängigkeit der OBOR-Länder
von China weiterhin zunehmen. Nicht nur, weil China der Hauptinvestor ist, sondern auch, weil
durch die engere Kooperation miteinander auch die Möglichkeiten Chinas zunehmen, auf diese
Ländern politischen Einfluss auszuüben.

Die direkte Konfrontation mit den USA wird zwar von China vermieden. Gleichzeitig sind die
südostasiatischen Ländern jetzt schon so von China abhängig, dass selbst unter dem Druck der
Amerikaner keine Nation bereit war, mit den USA zu koalieren, um die weitere Expansion Chinas
im Südchinesischen Meer zu verhindern. Die US-amerikanische Constrainment-Strategie von Juli
2010 ist daher gescheitert (Castro 2013: 332-332).

Die USA haben also bereits jetzt massiv an Einfluss im südostasiatischen Raum verloren und China
hat als mächtiges Mitglied des ASEAN an Einfluss dazugewonnen. Die Machtverteilung und das
Ansehen Chinas im südostasiatischen Raum steigt also kontinuierlich– nicht zuletzt auch deswegen,
weil Chinas Wirtschaft weiterhin wächst und die Regierung fortwährend in das Militär investiert.
Abb.2 Konflikte im Südchinesischen See um die Spratly-Inseln

Aufgrund des Scheiterns der Constrainment-Strategie entschloss sich die Obama-Regierung, sich
umzuorientieren und die sogenannte „Pivot to Asia“-Strategie anzuwenden. Diese Strategie sah vor,
US-amerikanisches Militär (Marine und Luftstreitkräfte) in die asiatisch-pazifische Region zu
entsenden (Castro 2013: 345). China reagierte sofort konfrontativ auf dieses Militärmanöver.

Castro nennt einige Worst-Case-Szenarien, die zukünftig eintreten könnten, falls die Pivot to Asia-
Strategie scheitern sollte: Erstens, eine asiatische Balance of Power, in der die asiatischen
Großmächten (große und kleinere) in ständigem Wettbewerb zueinander stehen und möglicherweise
problematische Allianzen bilden. In der Folge dieser Konkurrenz könnte eine Spannung und ein
Aggressionspotenzial entstehen, das der Situation des Kalten Krieg gleichen könnte. Zweitens, eine
Region, die von einem Konglomerat aus Großmächten dominiert wird. Drittens, ein Krieg zwischen
einer asiatischen Supermacht und den USA (Castro 2013: 345).

Auch Castro scheint also davon auszugehen, dass sich die Macht in Südostasien zugunsten einer
asiatischen Macht verschieben könnte. Zurzeit sieht es so aus, als könnte dies nur China sein. Wie
der ESCAP-Bericht (Anon 2017) zeigt, entstehen innerhalb des internationalen Systems zwischen
China und den OBOR-Staaten ebenfalls neue Regeln und Rechte . Die USA sind in diese
Entwicklungen nicht involviert, also ist auch hier davon auszugehen, dass China an Macht
gewinnen wird. Wie der Disput im Südchinesischem Meer bereits gezeigt hat, hat China
wirtschaftliche Mittel, um die OBOR-Staaten dazu zu bringen, gegen US-amerikanische Vorhaben
zu stimmen. Dies bedeutet zugleich einen Machtverlust für die USA.

Da China ferner die direkte militärische Konfrontation mit den USA vermeidet, kann die OBOR-
Initiative auch als eine geostrategische Methode gesehen werden, um an Macht und Einfluss zu
kommen – jenseits des Einsatzes von Militär und einzig durch Erweiterung seiner geographischen
Einflusssphäre (siehe dazu auch Lee 2017: 307).

Gegen diese Strategie hilft auch eine amerikanische Militarisierung des asiatisch-pazifischen Raums
sehr wenig. Nur eine direkte wirtschaftliche Konfrontation mit China hätte Erfolgsaussichten. Dafür
müssten die USA aber auch bereit sein, sich vom Konditionalismus abzukehren und den
betreffenden Ländern Unterstützung bei Maßnahmen zur wirtschaftlichen Entwicklung anzubieten,
die mit dem chinesischen Angeboten mithalten können. Geostrategisch gesehen wird China
aufgrund seiner räumlichen Nähe dennoch einen Vorteil behalten, aber nur, solange der Kampf nicht
mit militärischen Mitteln geführt wird.

Laut dem ehemaligen US-Sicherheitsberater Tom Donilon versuchen die USA bereits jetzt, auf die
Wirtschaft in Südostasien Einfluss zu nehmen, unter anderem indem Allianzen gestärkt werden,
Partnerschaften mit aufsteigenden Nationen gefördert werden und indem versucht wird, eine
regionale Wirtschaftsarchitektur durchzusetzen. Gleichzeitig verstärken die USA die strategische
Kooperation mit Ländern wie Vietnam, Myanmar, Singapur, Thailand, Indonesien, Indien und
Japan, um der Macht Chinas ein Gegenwicht entgegenzusetzen (Lee 2017: 308-310). Die folgende
Abbildung (Abb. 3) zeigt wichtige Maßnahmen, Initiativen und Vereinbarungen, die die USA
getroffen haben, um China zu begegnen (Balancing). Die OBOR-Initiative ist einer der Gründe,
wieso die USA ihre Balancing-Strategie durchführen (Lee 2017: 310).

Abb. 3 Amerikanisches Rebalancing im Südchinesischem Meer


Bemerkenswert an Abbildung 3 ist, dass die USA geostrategisch alles versuchen, um zu verhindern,
dass China sich weiter im Südchinesischen Meer ausbreitet. Daher schließen sie
Kooperationsvereinbarungen mit Nationen, die geographisch diesen Seeweg blockieren könnten.
Mahan Alfred Thayer war der Auffassung, dass eine Nation nur zu einer bedeutenden Macht wird,
wenn diese die See kontrolliert. Für Mahan ist das Meer die Quelle der Macht (Khiabani 2013: 20).
Geopolitisch lässt sich ablesen, dass die USA verhindern wollen, dass sich die Macht Chinas durch
die Eroberung des Südchinesischen Meers weiter vergrößert. Das wäre eine geopolitische Erklärung
dafür, wieso sich die USA im Inselkonflikt des Südchinesischen Meers engagieren und andere
lokale Mächte in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht stärken. Das ist nach Mearsheimer auch
das typische Verhalten, das einen Hegemon kennzeichnet:
„States that achieve regional hegemony have a further aim: they seek to prevent great powers
in other geographical regions from duplicating their feat. A regional hegemon, in other words,
does not want peer competitors [...] because they fear that a rival great power that dominates
its own region will be an especially powerful foe that is essentially free to roam around the
globe and cause trouble in their backyard. Regional hegemons prefer that there be at least two
great powers located together in other regions, because their proximity will force them to
concentrate their attention on each other rather than the distant hegemon. Furthermore, if a
potential hegemon emerges among them, the other great powers in that region might be able
to contain it by themselves, allowing the distant hegemon to remain safely on the sidelines“
(Mearsheimer 2010: 8).

Der eingeschränkte Rahmen dieser Arbeit erlaubt es nicht, genauer auf die in Abbildung 3
dargestellten getroffenen Vereinbarungen einzugehen, aber es ist offensichtlich, dass sich dabei die
Regeln und Rechte, die Machtverteilung und das Ansehen innerhalb des internationalen Systems
ändern. Die USA scheinen dabei im Südchinesischen Meer zunächst eine erfolgreiche Balancing-
Strategie durchzuführen. Das würde erklären, wieso China mit der OBOR-Initiative versucht, sich
über Land Richtung Eurasien auszudehnen.
Es findet also ein Systemic Change statt. Die zu beantwortende Frage bleibt allerdings noch offen,
nämlich ob dieser Systemic Change aufgrund der OBOR-Initiative stattfindet, was als
Herausforderung der amerikanischen Hegemonie gedeutet werden könnte.
Lee zufolge ist die OBOR-Initiative der chinesische Ausweg aus der amerikanischen Umzingelung
der Chinesen (Lee 2017: 317-318). Demnach ist die OBOR-Initiative auch eine geopolitisch
motivierte Strategie, die darauf gerichtet ist, den USA zu trotzen. Also kann sie durchaus als
Herausforderung der amerikanischen Hegemonie gedeutet werden.
Ferner fordert China unter seinem Präsidenten Xi Jinping von den USA die Anerkennung als
Regionalmacht und eine gleichrangige Behandlung in globalen Fragen. Die USA dagegen
versuchen zu verhindern, dass eine regionale Hegemonie entsteht, die die durch die USA in
Ostasien geformte Ordnung in Frage stellt. Daher erhöhen sie die in der Region aufgewendeten
militärischen und ökonomischen Mittel. So soll die globale Dominanz der USA aufrechterhalten
werden (Lee 2017: 318). Es finden also massive Veränderungen innerhalb des internationalen
Systems statt und die OBOR-Initiative wird, wenn sie erfolgreich umgesetzt wird, ebenfalls eine
enorme Verschiebung von Ansehen, Macht, Regeln und Rechten in den betroffenen Ländern
bewirken. Derzeit findet demnach der chinesische Versuch statt, einen Systemic Change
hervorzurufen, und die USA reagieren darauf mit einer Balancing-Strategie und durch die
Verschiebung von Militär in die entsprechende Region. China versucht aufzusteigen und die USA
versuchen, dies zu verhindern. Durch die OBOR-Initiative findet schon heute ein Systemic Change
statt, der zulasten der USA geht. Dieser Systemic Change kann in Zusammenhang der Geopolitik
nur als Herausforderung der amerikanischen Hegemonie gedeutet werden, weil die OBOR-Initiative
nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geopolitisch motiviert ist, wie oben gezeigt worden ist. Die
Reaktionen der USA darauf sind ein Zeichen dafür, dass die USA es selbst genauso sehen.

4. Resümee
Solange das Ansehen der dominanten Staaten im internationalen System aufrechterhalten bleibt,
besteht laut Gilpin ein Zustand des Friedens und des Gleichgewichts (Gilpin 1981: 30-31). Die
Frage, die sich daran anschließt, lautet, ob China sich mit der amerikanischen Hegemonialstellung
zufriedengibt. Mearsheimer äußert sich zu dieser Frage sehr vorsichtig. Sinngemäß meint er:

Es ist ungewiss, wie sich China in der Zukunft genau verhalten wird, weil es sehr schwer ist, die
Absichten von Herrschern zu deuten, vor allem auch die zukünftiger Eliten, von denen niemand
weiß, wer oder wie sie sein werden (Mearsheimer 2010: 3).
Es ist zudem noch ungewiss, ob China eine Status Quo- oder eine revisionistische Macht sein wird.
Eine Status Quo-Macht würde sich mit den internationalen Verhältnissen zufriedengeben, während
eine revisionistische Macht alles dafür tun würde um aufzusteigen oder um den Hegemonen
herauszufordern. Wenn China nur defensive militärische Kräfte aufbauen würde, wäre das Land
sehr wahrscheinlich nur eine Status Quo-Nation, denn mit defensiven Kräften allein kann das Land
kaum aggressiv auftreten. Problematisch dabei ist allerdings, dass die Unterscheidung zwischen
offensiven und defensiven Waffen nicht leichtfällt. Oft können defensive Mittel auch für Angriffe
verwendet werden (Mearsheimer 2010: 3-4).
Die Tatsache, dass China in militärischer Hinsicht eine Strategie der Machtprojektion verfolgt, also
die eigenen Streitkräfte in einem möglichst weiten Raum einsetzen und eine Kriegsmarine aufbauen
will, die sowohl im Indischen Ozean als auch im Arabischen Meer patrouillieren soll, spricht dafür,
dass es die USA militärisch herausfordern will. Allerdings muss man auch in Rechnung stellen, dass
China die eigenen Handelsrouten selbst verteidigen und sich wahrscheinlich nur von der
amerikanischen Abhängigkeit befreien will (Mearsheimer 2010: 4).
Mit der OBOR-Initiative hat China aber auf jeden Fall gezeigt, dass es in der Lage ist, auf
amerikanisches Balancing mit Counterbalancing zu antworten. Wie oben gezeigt, gibt sich das Land
nicht damit zufrieden, von Ländern, die unter US-amerikanischem Einfluss stehen, umzingelt zu
sein, und sucht nach neuen Möglichkeiten, das eigene Ansehen zu erhöhen. Unter der Führung von
Xi Jinping scheint China also die Tendenz dazu zu zeigen, ein revisionistischer Staat zu sein. Doch
wie Mearsheimer argumentiert, ist es sehr schwierig, Voraussagen über die Zukunft zu treffen.

Als Antwort auf die Fragestellung dieser Arbeit kann festgestellt werden, dass China die Hegemonie
der USA mit der OBOR-Initiative in der Tat geopolitisch herausfordert. Ob diese Herausforderung
friedlich oder militärisch beantwortet werden wird, darüber lässt sich höchstens spekulieren.

Durch die Pivot to Asia-Strategie und die damit verbundene Verlagerung von Streitkräften hat die
Regierung von Obama die Bereitschaft für eine militärische Antwort bereits demonstriert.

Im geopolitischen Zusammenhang ist davon auszugehen, dass der aktuelle Wirtschaftskrieg


zwischen den USA und China nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch motiviert ist. In
diesem Krieg werden Importzölle seitens der USA auf einige chinesische Produkte erhoben und
China regiert, indem das Land ebenfalls Zölle auf bestimmte Produkte aus den USA erhebt.

In China wird der Handelskrieg als politisch motiviert betrachtet, als eine Maßnahme, um das
chinesische Wachstum zu hemmen (Richter 2018). Aus der Recherche, die dieser Arbeit zugrunde
liegt, ergibt sich, dass der Handelskrieg auf jeden Fall auch politisch motiviert ist.
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Abbildung : The Geopolitics of the US Rebalancing. Background map from: Perry-Castañeda


Map Collection – UT Library Online, University of Texas Libraries - The University of Texas
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Abbildung 1: ESCAP Report


Abbildung : 2 Territorial Disputes in the South China Sea. Sources: New York Times. Abrufbar
unter: <http://www.nytimes. com/interactive/2015/07/30/world/asia/what-china-has-been-
building-in-the-south-china-sea.html?_r=0>