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INTELLIGENZ

Eine kurze Zusammenfassung der Ideen, die darüber kursieren was Intelligenz sei, wird uns
helfen, bestimmte Ähnlichkeiten unter den vielen Konzepten zu erkennen, die sich dieser
Intelligenz nähern, die wir zu definieren versuchen.

Im Allgemeinen versteht man darunter die Fähigkeit, sich an neue Situationen


anzupassen. Dabei verwendet man Wissen, das aus vorherigen Anpassungsprozessen
gewonnen wurde. So ist Intelligenz die Fähigkeit zu lernen und die Anwendung von
Gelerntem.

Diese allgemein akzeptierte Definition ergab sich aus einer Vielzahl von Analysen und
nicht weniger Experimenten, durch die man versucht hat, diese gewisse „mentale Schärfe“
zu entziffern, die uns ermöglicht, im richtigen Moment auf die beste Weise zu reagieren. Viel
wurde diskutiert um diese doppelte Fähigkeit der Intelligenz zusammenzufassen: zu lernen,
zu assimilieren und das Gelernte anzuwenden. Wenn wir die am häufigsten verwendeten
Begriffe nehmen müssten, so sprächen wir von einer theoretischen und einer praktischen
Intelligenz.

Schon Bergson machte darauf aufmerksam, dass die Intelligenz praktisch und
nützlich sein soll, aber trotzdem früher oder später in reiner Spekulation und Betrachtung
endet. Sie möchte ihr Wissen anwenden, verirrt sich aber in Analyse der Materie, während
ihr die Essenz der Dinge entgeht. Trotzdem erkennt Bergson, dass die Intelligenz über sich
hinauswachsen und Intuitionsfunken erwecken kann, die in der Tiefe des Bewusstseins
schlummern.

Wenn wir nun Bergson beiseite lassen und andere moderne Autoren studieren,
werden wir bemerken, dass bald als Reaktion auf den Positivismus des zwanzigsten
Jahrhunderts das Bedürfnis entsteht, die Intelligenz als etwas Höheres zu erkennen, von
anderer Beschaffenheit als jene „mentale Schärfe“, die auch die Tiere entwickeln können.
Genau genommen handeln die Studien der Positivisten größtenteils über die Eventualität
tierischer Intelligenz, bis zu dem Punkt, sie nicht mehr als exklusiv Menschliche Fähigkeit zu
sehen.

Aber man muss in Betracht ziehen, dass der Mensch Fähigkeiten hat, die bei Tieren
nicht beobachtet werden. Die Intelligenz ist nicht eine von vielen menschlichen Anlagen,
sondern die Anlage par excelence, die alle anderen auszugleichen versucht.

Wolf ruft uns in Erinnerung, dass das Wort Intelligenz von „intelegere“- ernten
zwischen- stammt, und Konzepte so wie Unterscheidungsvermögen, Relation und Selektion
von Werten umfasst. Sprichwörtlich könnten wir sagen: die Spreu vom Weizen zu trennen.

Julio Payot weiß, dass gelehrt sein nichts mit Intelligenz zu tun hat: “Wahre Intelligenz
ist das klare Verständnis der Realität (mit Genauigkeit erkennen was ist, und was nicht ist,
die kleinen von den großen Dingen zu trennen) und die Erkenntnis, dass ihr wahrer Wert in
der Tat liegt.“ „Der klare Blick der Intelligenz setzt die Ruhe der Passion und die Freiheit des
Geistes voraus.“

Mit diesen Anmerkungen, und unter Wiederaufnahme des Konzeptes der Intuition,
welches Bergson erwähnt, zusammen mit der Fähigkeit zu selektieren, die Wolf und Payot
beschreiben, können wir nun wagen, unser eigenes Urteil über Intelligenz zu bilden.

Betonen wir, dass Intelligenz nicht „mentale Schärfe“ ist. Im Gegenteil, sie ist die
Fähigkeit Überflüssiges von Transzendentem zu trennen, und der Entschluss, gemäß des
profundesten Teiles der Natur zu leben. Die Spreu vom Weizen zu trennen heißt uns zu
trennen von dem, was wir nicht sind. Es geht dabei um Unterscheidungsvermögen, jene
wundervolle Eigenschaft, die in Sanskrit „Viveka“ heißt und durch den Vogel Kalahamsa
symbolisiert ist, jenen mythischen Vogel der die Milch vom Wasser trennt, wenn sie sich
vermischt haben.

Erinnern wir uns auch, dass der Sitz des Unterscheidungsvermögens das intuitive
Element ist und darum hat die wahre Intelligenz sehr viel mit Intuition zu tun, der Möglichkeit
zu wissen, ohne zu überlegen.

„Intelligenz ist ein Verstehen ohne Gedanken, ein Handeln ohne Impuls, so wie man
verstehen und handeln muss, um später zu SEIN“

Die Intelligenz ist eine der höchsten Eigenschaften des Menschen, ein Teil der
unsterblichen Dreifaltigkeit- so ist es verständlich, dass es schwierig ist, Intelligenz in ihrer
reinsten Form zu haben. Die mentale Schärfe dient dazu, diesen Mangel auszugleichen.

Intelligenz ist nicht gleich Intellekt, denn der Intellekt arbeitet mit den Gedanken.
Intelligenz ist auch nicht gleich Verstand, denn der Verstand verbindet die Gedanken. Aber
der Verstand (mit seinem Werkzeug Gedanke) sucht sich die Mittel, um über den Intellekt die
Intelligenz zu erwerben. Die Intelligenz kann also von Intellekt und Verstand gebrauch
machen, ohne eines der beiden zu sein. Trotzdem führt nicht jedes Verständnis automatisch
zu Intelligenz.

Weil uns an Evolution fehlt leben wir in der Phase des Verstandes und nicht der
Intelligenz. Wir haben erkannt, dass die Vernunft, geschickt gelenkt, die Intelligenz erreichen
kann. Aber nicht alle Vernunft führt zur Intelligenz. Leider entfernt uns der Verstand der
heutzutage vorherrscht mehr von unserem Ziel, als uns ihm näher zu bringen. Die Intelligenz
ist einfach- das Denken ist komplex. Die Intelligenz ist zeitlos (Tochter des Uranus) und der
Verstand ist temporär(Sohn des Kronos).

Welche sind die Arten von Verstand, die uns beherrschen? Erstens leben wir in einer
Welt der Meinungen, welche aber nicht mehr sind, als ein Zwischenstadium zwischen
Wissen und Nichtwissen. Zitieren wir einmal mehr Platon, der von der Gefährlichkeit des
Halbwissens spricht. Zwar nicht mehr totales Unwissen, aber noch lange keine Weisheit,
schmückt die Meinung ihre Mittelmäßigkeit mit durchdachten, aber falschen Argumenten.
Der Vorteil der Vernunft-Meinung ist, dass sie Mode macht, und der Mensch der nicht
innerlich gearbeitet hat, dem es an Intelligenz fehlt, passt sich der Mode an, anstatt die
Essenz zu suchen. Also meint er, glaubt, dass er überlegt und entfernt sich von der
Intelligenz.

Ein weiterer Umstand gegen Intelligenz ist die Logophobie. Worte haben ihre
Bedeutung verloren. Die Musen der Literatur und der Rhetorik liegen im gegenwärtigen
Moment auf dem Totenbett- die Worte sind Werkzeuge ohne Seele und es ist egal ob sie für
Wahrheit oder Lüge verwendet werden, ob sie Schönheit oder Abscheu reflektieren. Worte
werden für alles und von allen benützt. Wir werden überflutet von Büchern, Illustrierten,
Zeitungen, Panflets, Flugblättern; von Schildern und Plakaten. All das sind Worte, so viele,
dass sie ihren Sinn verloren haben. Ein deutliches und schmerzhaftes Beispiel für uns ist die
Notwendigkeit, immer und immer wieder die Konzepte zu erklären, die wir vor unseren
Zuhörern benützen: was ist Philosophie? was ist Magie? was ist Tugend? was ist
Psychologie?… Man muss sie erklären, denn die Worte wurden ihrer Bedeutung beraubt. Sie
werden mit der gleichen Oberflächlichkeit dahingesagt und geschrieben.

Der Verstand unserer Welt belohnt „vernünftige“ Dinge, jene die abstrus, komplex und
unverständlich sind, jedoch „wichtig“ klingen. Ein Philosoph darf sich nicht schlicht
ausdrücken. Ein Poet darf keine einfachen und schönen Dinge sagen, ein Künstler nicht
malen oder formen was er sieht, und ein Musiker soll Töne nicht harmonisieren. Alles muss
einen komplexen und „intellektuellen“ Eindruck erwecken, ein unförmiger Fluss an Worten,
Tönen, Farben und Formen.

Solange der niedere Geist, an die Emotionen gebunden, das Ich mit scheinbarer
Vernunft anführt, solange werden wir der Intelligenz nicht näher kommen.

Der Geist überschwemmt uns mit seinen „vernünftigen Lügen“. Er schlägt uns Dinge
vor, von denen wir wissen, dass wir sie nicht tun werden. Er injiziert uns Träume, um uns
zufrieden zu stellen, aber lässt nicht zu, dass wir sie verwirklichen. Wir verschieben immer
auf morgen, was wir heute schon erledigen können… denn wir wissen, dass wir es auch
morgen nicht tun werden. Aber zwischen morgen und morgen, durch die Wiederholung
derselben Lügen, haben wir zumindest die Illusion von Aktion. Wir lügen auch, wenn wir uns
selbst beurteilen, immer bestärkt durch den vernünftigen Geist: manchmal glauben wir mehr
zu sein als alles um uns herum und manchmal glauben wir weniger zu sein als ein Wurm.
Aber wir haben nicht die Intelligenz, uns kennen zu lernen.

Die Emotionen belügen uns nicht weniger. Sie nötigen uns, vor anderen gut
dazustehen, aus zahlreichen „Gründen“. Sie verpflichten uns „Freunde“ zu haben, weil es
„vernünftig“ ist, auf strategische Hilfe zu zählen. Aber die Emotionen belügen uns und
zwingen uns zu lügen, und einmal mehr erschwert sich für uns der Weg zur Intelligenz.

Um nun diese Übel zu beseitigen, die wir gerade erkannt haben, schlagen wir nun
einige Schritte vor, die die Annäherung an die Intelligenz leichter machen.

a) Die „Ent-subjektivierung“. Das bedeutet aufzuhören, die Welt ständig von unserem
Standpunkt aus zu sehen. Nicht alles, was geschieht bezieht sich auf uns, noch dreht sich
die Welt nur um uns. Es stimmt zwar, dass der Antropozentrismus eine Eigenschaft des
menschlichen Wesens ist, aber wie alles, das im Extrem ausgeübt wird, schadet er. Wir
müssen objektiv in uns hineinschauen, unsere Emotionen, Gedanken usw. nach und nach
analysieren, bis wir an uns arbeiten, als handle es sich bei uns selbst um ein Element der
äußeren Welt.

b) Kampf gegen negative Gefühle. Leider sind diese Art Gefühle diejenigen, die die
meiste Zeit in unserem Leben einnehmen. Einige Beispiele werden uns aufzeigen, wie
negativ ihr Einfluss auf uns ist. Etwa die schlechte Laune, die sich nicht erklären lässt, die
einfach so kommt und ebenso wieder geht, dabei aber Streit und Unverständnis nach sich
zieht. Warum müssen wir zulassen, dass sich diese schlechte Laune in uns niederschlägt?
Ein weiters Beispiel ist die ständige Kritik an anderen Menschen. So wie die exzessive
Subjektivierung als negativ aufgezeigt wurde, genauso ist es auch die ständige Suche nach
dem Splitter im Auge des anderen, alles schlecht zu machen, was von anderen kommt, egal
was es ist.

Diese negativen Gefühle bringen unsere Persönlichkeit durcheinander und färben sie
mit ihren dunklen Tönen. Sie sind ein „Stöpsel“ gegen höhere Energien, die wir empfangen
sollen, unter die auch die Intelligenz fällt. Das Licht der Intelligenz kann nicht durch das
Labyrinth einer emotionell negativen Persönlichkeit erstrahlen, diese färbt sie dunkel. Es
bedarf geduldiger Reinigungs- und Wartungsarbeit, so wie die eines fleißigen Gärtners um
den Weg der Entscheidungsfähigkeit zu ebnen.

c) Kontrolle der Vorstellungskraft. Auch wenn dieses Thema gesondert erklärt werden
soll, merken wir an, welche unkontrollierte Macht die Vorstellungskraft ausübt, insbesondere
wenn sie sich des Geistes bemächtigt. Sie unterbindet ihm jegliche Möglichkeit, sich objektiv
auf die Realität zu konzentrieren. Und es geht doch genau darum, so objektiv wie möglich
zu sein, in Bezug auf uns genauso wie auf andere, um den Pfad zur Intelligenz von Schutt zu
befreien.
d) Wenn wir die drei vorhergehenden Schritte in nur einem zusammenfassen
könnten, so wäre dieser die Kontrolle, Ordnung, die Organisation die in unserem Inneren
notwendig ist, damit die Energien nicht verloren gehen. Um sinnvoll zu sein, muss die
Kontrolle von oben nach unten wirken und soll jeden einzelnen Körper unserer Konstitution
nach seinen eigenen Gesetzen und Charakteristika ordnen. Verknotete Energien
vermeidend, inneres Chaos unterdrückend, immer das Höhere über das Niedere stellend-
kurz: das Verhalten und die Gedanken des tierischen Ichs kontrollierend wird sich der Kanal
öffnen, durch den die Intelligenz nun fließen kann. Dann haben wir gelernt, zu unterscheiden.

Auf der Ebene der Intelligenz, hoch über der Welt der Vernunft, verstummen die
Stimmen des Geistes, Diskussionen und Meinungen werden abgeschwächt, und aus dieser
unfassbaren Leere der Gedanken entsteht das wahre Wissen.

Um ein altes tibetanisches Sprichwort zu zitieren: „die Intelligenz ist die leere Fülle,
durch die man alle Dinge kennt, solange man nicht an diese Dinge denkt.“